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authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-02-08 07:53:34 -0800
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--- /dev/null
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~
+ +antiqua gedruckter Text+
+
+
+
+
+ Im Kampf um die Ideale
+
+ Ein Gegenwartsroman
+
+
+
+
+ Im Kampf um die Ideale
+
+ Die Geschichte eines Suchenden
+
+
+ Ein
+ Gegenwartsroman
+ von
+
+ Georg Bonne
+
+
+ Gekürzte
+ Volksausgabe
+ 17.-19. Tausend
+
+ [Illustration]
+
+ München 1917
+ Verlag von Ernst Reinhardt
+
+
+
+
+ Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß
+sie frei werden.«
+
+Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein
+Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in
+seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege
+des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes
+eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner
+Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.
+
+Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben
+in den Schneeregionen, wie er gebeten, -- um der Sonne recht nahe zu
+sein. --
+
+Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei
+schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen
+Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine
+wunderbare, schier übermenschliche Kraft. --
+
+So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken,
+wie er es gewünscht!
+
+
+
+
+ Die Geschichte eines Suchenden.
+
+
+Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der
+Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.
+
+Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf,
+hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken
+Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die
+Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze
+und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven
+zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich
+genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun
+doch unterliegen?
+
+Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und
+Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und
+Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen
+Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze
+Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern
+und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu
+betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese
+ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon,
+daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.
+
+Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen
+Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen
+schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine
+große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die
+Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer
+da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die
+Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.
+
+Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie
+droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind
+von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen,
+gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und
+Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt
+sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und
+alle wollten Hilfe, -- der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener
+Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten
+Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte,
+und was ich wußte.
+
+Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich
+erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand
+am Horizonte stehen und wachsen, -- wie die riesengroße Verkörperung
+meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes
+deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu
+helfen.
+
+Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch
+sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im
+Kampf. -- Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe
+des Elends.
+
+Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen
+Füßen. -- Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als
+Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als
+ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, -- leer an Liebe. Ja,
+das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte,
+zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen
+auf, -- die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und
+Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott --, schenke
+uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde
+wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte
+trägt.
+
+Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß
+ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde
+und die Lieblosigkeit, -- hoffnungslos.
+
+Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
+
+Da ging ich in die Heide, um, -- wie einst der Riese Antäus im Kampfe
+mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue
+Kraft gewann, -- im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu
+sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.
+
+Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes,
+die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing
+noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen
+tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres
+Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus.
+Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, -- eine Zeit, so
+recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche
+schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der
+kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen
+und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im
+Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die
+Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu
+lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.
+
+Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich
+da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn
+die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank,
+und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am
+waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt
+getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe,
+dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben
+hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und
+Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen
+mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen
+und die Tauben füttern, ich sah, -- nein, ich durfte nicht sehen, sonst
+erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt,
+wenn sie eine Heimat haben, -- das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe
+mehr, das Heimweh meisterte ich schon.
+
+Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst
+aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr
+fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten
+Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann
+strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo
+Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie
+eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo
+tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte
+jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden
+von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein
+Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres.
+Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte
+ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das
+Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, --
+das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, -- die störten mich nicht,
+die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus
+all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich,
+das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen,
+von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen,
+von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank
+und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem
+andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten,
+krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des
+großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.
+
+Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das
+Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter
+Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln
+reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem
+guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem
+Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den
+Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und
+Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs
+deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram
+weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.
+
+ * * * * *
+
+Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die
+Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit
+Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte.
+Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu
+hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben
+verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne
+diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien,
+die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!
+
+Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und
+Licht, -- ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, -- das rettete
+mich -- aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich,
+es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen
+fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo
+kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und
+mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, -- dann
+war ich alle meine Qualen los.
+
+Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein
+überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden
+Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben
+durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den
+Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich.
+»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege,
+immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst
+angelangt zu sein.« -- Da wachte ich auf.
+
+An einem der nächsten Abende, -- ich war wiederum völlig verzagt, --
+wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende
+Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe
+lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene
+Riesentempel eines unbekannten Gottes.
+
+Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite
+schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst
+und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als
+käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin
+die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch
+nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein
+Atemzug in dir ist.« -- Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne
+unter.
+
+Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus
+wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach
+Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem
+Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem
+Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm
+nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg
+weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches
+Schwarz.
+
+Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf:
+Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und
+dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es
+dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du
+wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem
+Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht
+gehen!
+
+So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um
+hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum
+Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.
+
+Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend
+arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe
+hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel
+lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen
+durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd
+der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten.
+Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen
+am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.
+
+Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden.
+Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere
+Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes
+und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen
+Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei
+kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches
+»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die
+Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich
+trat in meine Kabine, und seltsam, -- als ich dies kleine Raumgeviert
+betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so
+groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast
+die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute,
+es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht
+gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in
+den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte
+die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.
+
+Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab
+und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe,
+daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem
+Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.
+
+Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer
+gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit
+grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den
+seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte.
+Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur
+christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und
+Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt
+und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit.
+Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen
+zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit
+und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der
+ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen
+sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit
+den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das
+goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit,
+veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, -- aber Liebe,
+-- Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter
+ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das
+Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige
+denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie
+taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und
+Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie
+den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen,
+hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber
+ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten
+sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere
+als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den
+Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. -- --
+
+Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen
+Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie
+ein Herold aus alter, großer Zeit. --
+
+Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter
+uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den
+verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten,
+jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins
+und Hannovers.
+
+Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob
+es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser
+Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues
+seliges Gefühl -- Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich
+aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als
+wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt
+hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern
+anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles
+Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und
+groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war,
+als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.
+
+Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf
+die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das
+Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum
+tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie,
+deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren
+Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.
+
+Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller
+Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer
+Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und
+wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der
+Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter
+Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo
+du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere,
+alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer
+das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, -- so grüß' ich
+dich, leb' wohl, fahr' wohl! --
+
+Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald
+tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er
+uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem
+Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns
+weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel
+gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg
+durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf
+die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.
+
+Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und
+donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es
+sich hindurch, dem Morgen entgegen.
+
+Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines
+Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich
+lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht
+sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich.
+Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war,
+als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der
+Mutter gewiegt.
+
+Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den
+hellen Tag.
+
+Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit
+rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und
+jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:
+
+ Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee!
+ Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder
+ In wildflutendem Wogenschwalle
+ Für ewige Zeiten grausig begrubst;
+ Und Kirchen und Dörfer
+ Und abertausend freie Friesen, --
+ Sie schlummern ewig in deinem Schoß!
+ Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn
+ Der rollenden Brandung am ragenden Riff.
+ Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen
+ Der alten Riesen Grabgesteine,
+ Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit,
+ Heraus aus den Dünen:
+ Und donnernd poltert die steile Küste
+ Hinab ins Meer!
+ Und ewig nagst du!
+ Wie lang wird's dauern,
+ Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer!
+ Zerstörerin du! --
+ Doch Wunder, o Wunder,
+ Du Schöpferin du!
+ Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe
+ Mit rastloser Hand, --
+ Das spülest du an mit lieblicher Woge
+ Als blühende Fluren
+ Am anderen Strand,
+ Und schaffst dort grünende Felder und Weiden,
+ Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt!
+ Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte,
+ Dankt dir von Herzen
+ Für dein Geschenk!
+ Und wie du Länder nagend zerstörst
+ Und Länder schufst mit der nämlichen Wog',
+ So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- --
+ Nun mußt du Tausende retten dafür,
+ Und Heilung spenden
+ Dem, der im Wogenpralle des Lebens
+ Die Kräfte verlor!
+ Wer zu zagen beginnt,
+ Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein:
+ Der eile zu dir!
+ Mit brausender Woge
+ Und tosendem Sturm,
+ Mit linde wärmendem Sonnenschein,
+ Mit kühlender Flut
+ Und Heideduft,
+ Mit Möwenflug und Dünenruh',
+ Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht
+ Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh,
+ Und selig gestärkt und himmlisch erquickt
+ Ruft er aus überquellender Seele dir zu:
+ Hab dank, du Nordsee,
+ Du urgewaltiges Wunder! -- --
+
+Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder
+schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles
+dehnte und reckte sich in mir.
+
+Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug,
+zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit
+wundervoller Kraft.
+
+Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang
+dabei:
+
+ Scheltet mir nicht mein Heimatland!
+ Ist es auch neblig und kalt,
+ Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft,
+ Rauscht doch gar lieblich der Wald!
+
+ Scheltet mir nicht mein Heimatland!
+ Sind doch die Menschen gar treu!
+ Sittsam die Mädchen mit blauem Aug',
+ Ach, und die Männer so frei!
+
+ Höret mich, alle im schönen Süd'!
+ Scheltet mir nicht mein Heimatland,
+ Lieben würdet ihr's heiß, wie ich,
+ Wär's euch nur besser bekannt!
+
+Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, -- du
+Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!
+
+Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der
+Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.
+
+An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke
+schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es
+unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische
+Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.
+
+Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und
+da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz
+ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und
+Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine
+große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit
+Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu
+handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da
+er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren,
+schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und
+legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der
+starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.
+
+Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in
+jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in
+nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im
+Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu
+scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich
+ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.
+
+Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter
+Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn
+kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden
+Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich
+sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen
+Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft
+mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten
+zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet,
+unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich
+daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all
+die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres
+Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle
+diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und
+wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie
+keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das
+alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn
+nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus
+ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende
+bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen
+lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich
+entladen wollte?
+
+Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar
+Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu
+stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden,
+das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in
+der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?
+
+Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der
+anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem
+Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in
+Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben
+die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es
+so bleibt bis an der Welt Ende.
+
+Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster
+klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber.
+Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen
+Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum
+Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.
+
+Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in
+jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und
+seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte
+Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst
+Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles,
+was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen
+wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles
+gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie
+fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die
+Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und
+unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! --
+
+Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als
+wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen.
+Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu
+all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen
+von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen
+Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die
+Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im
+Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer
+Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe,
+anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere
+da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten
+Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige
+Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte
+Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer
+der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger
+auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und
+bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und
+Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus
+das hochmütige und herztötende +odi profanum vulgus et arceo+ des
+Horaz.
+
+Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von
+Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und
+die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen,
+sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten
+sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große
+Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu
+lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen
+Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden
+Keime zu entfalten, -- sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk
+-- odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich
+schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat,
+und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen,
+denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße,
+glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt.
+-- Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu
+dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich,
+deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig,
+den brennen sie nur, -- aber die Weinhändler sorgen dafür, daß
+das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten
+wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie
+Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen
+sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr
+Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend
+der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und
+gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.
+
+Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den
+Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das
+Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem
+Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in
+seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege
+mit seinem Kumpanen Komment trinkt.
+
+Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier
+ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein
+berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen
+Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal
+im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft
+haben.
+
+Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer
+wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand
+da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie
+dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten
+Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und
+siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den
+Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte,
+wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige
+Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der
+Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der
+Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch
+nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes
+und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so
+todunglücklich.
+
+Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen
+will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr
+als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne
+Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen
+Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was
+es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es
+sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm
+mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein -- dann bist du ein Vater!
+Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du
+doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen,
+was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal
+könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest,
+Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, --
+Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« -- --
+
+ * * * * *
+
+Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte
+Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren.
+Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin.
+Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen
+und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast
+alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft
+in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, -- Gott Lob und Dank.
+
+Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch
+wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den
+Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem
+Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide
+des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll
+Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden,
+schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des
+Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.
+
+Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen
+zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen
+kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß
+hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt
+der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob
+der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt
+hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am
+Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck
+der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe,
+die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und
+Belgier? -- Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen
+nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der
+Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt
+haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint
+-- die Stadt Rubens' und van Dycks.
+
+Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu
+Museum, von Kirche zu Kirche.
+
+Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen
+gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist
+tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier
+zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, -- daß sie selbst den Tod
+überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi,
+von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie
+die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände
+beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie
+selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle
+Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu
+stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu
+erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen.
+Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande
+gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen,
+Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder
+die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit
+eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das
+Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr
+Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst,
+und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt
+und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen
+entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß
+das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.
+
+Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von
+Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, -- kunstvoll geschnitzte
+Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar
+kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.
+
+Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein
+Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches
+hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel
+der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen
+Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein
+Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.
+
+Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande
+anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben
+nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer,
+unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden
+konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!
+
+Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den
+finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war
+es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher
+Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz,
+tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des
+Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, -- und wie
+sie quollen, -- Entsetzen --, da nahmen sie Gesichter an von heute
+noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und
+Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den
+rechten Glauben hatten -- nur eins fehlte ihnen: die Liebe!
+
+Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden
+der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien
+es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher
+der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.
+
+Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges
+Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das
+Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand
+und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz
+Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.
+
+Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam
+darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen
+Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil
+deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein
+gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und +navigare necesse
+est, vivere non necesse+. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ei, so
+baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und
+scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum
+laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?
+
+Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere
+Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit
+schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht
+mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das +odi
+profanum+, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die
+Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes,
+heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest
+dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk
+aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen,
+die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir
+beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die
+sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir
+jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk
+ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser
+Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte
+billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und
+vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und
+sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann
+jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen
+und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben
+und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für
+die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es
+zugrunde geht. --
+
+ * * * * *
+
+Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und
+schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der
+Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber.
+Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen
+Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten
+im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum
+Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches
+Glockengeläute.
+
+Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles
+drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide
+fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend
+entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.
+
+Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord
+beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer
+und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues
+Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der
+Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig
+stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und
+teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch
+nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich
+spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er
+regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das +odi profanum+ steht
+auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die
+Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend
+und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen
+oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.
+
+Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie
+weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es
+erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich
+ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend
+und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen
+Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um
+die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs
+Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.
+
+Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der
+Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und
+hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.
+
+Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit
+mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine
+Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein
+trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg.
+So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller,
+aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein
+breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht
+hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen
+Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft,
+nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem
+gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die
+Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus
+Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit
+herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm
+gebräunten Gesichtern. -- Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg
+her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische
+Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet
+hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte,
+läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner
+Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in
+den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen
+um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu
+erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner
+von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes
+Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch
+zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen
+dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte,
+nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater
+gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das
+Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der
+arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf
+den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und
+meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.
+
+In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere.
+Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer
+Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in
+seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam
+ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich
+hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß
+er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast
+finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der
+Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen
+Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem,
+müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.
+
+Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren
+unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond,
+schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel
+findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen,
+die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele
+erkennen lassen.
+
+Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau,
+fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit
+gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen
+Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein
+Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.
+
+Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer,
+ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen
+Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In
+seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit
+seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte.
+Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas
+Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug
+geraten war, -- so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man
+sich schon im Dezember sehnt.
+
+Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer
+Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn
+und edlen, energischen Zügen.
+
+Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte,
+Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott
+weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord,
+wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter
+zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er
+gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war,
+reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den
+dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz
+da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon
+genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.
+
+Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein
+Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick
+ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine
+fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in
+Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden
+bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer
+Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.
+
+Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den
+Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt,
+so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste
+Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn
+ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an
+Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun
+drei, -- das war ein bißchen viel.
+
+Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten.
+Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende
+Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in
+den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen
+nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer
+kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.
+
+In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber
+war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen
+des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen
+Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem
+Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden
+Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch
+der Pall-Mall-Gazette als +Commis voyageur+ im Hermelin unter dem
+Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.
+
+Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena
+entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes
+und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und
+Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit
+Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir;
+-- an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, --
+mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt
+ähnlich sehen, -- Österreich buhlt augenscheinlich um Englands
+Freundschaft, -- Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie
+eine Schar Krähen, -- und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig
+kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. -- Und unser Heer,
+unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir
+wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer
+Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem
+Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen
+beiden Krankheiten?
+
+Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt,
+ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der
+Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose,
+damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter
+der Tat.«
+
+Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! -- Freilich ist es verführerisch,
+diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch
+den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer
+ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und
+Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen
+zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.
+
+Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere
+neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts
+tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb
+ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt
+nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht
+her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller
+Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die
+Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel
+zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will
+diese Sitte nicht stützen helfen.«
+
+Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder
+drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor,
+erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und
+wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte
+tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst
+manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet
+ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und
+doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst
+des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser
+Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten
+herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe
+wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen
+angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil
+seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um
+die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und
+Gefängnissen unterzubringen.«
+
+Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die
+vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.«
+»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.«
+»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch
+herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.«
+»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der
+Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle
+diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler
+und Whiskyreisenden« -- bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des
+Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir
+nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen
+wäre -- »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer
+und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte
+der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem
+er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen
+von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts!
+Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« -- »Nun,« erwiderte
+ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen
+selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine
+Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon
+seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und
+Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten
+Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? -- Aber noch
+mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften
+führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der
+Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen
+erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben
+Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun
+würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere
+beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der
+jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris,
+und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel,
+schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch
+zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der
+Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen
+Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei
+Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß
+die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen
+werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere
+Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus
+allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger,
+übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern
+unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs
+Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten
+Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit
+des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber
+einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut
+werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber
+über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie
+durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust,
+in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und
+da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil
+ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die
+meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten
+werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung
+........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande
+und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein,
+»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja
+die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich
+ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande
+und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen,
+wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter
+wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte
+wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht
+gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und
+Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische
+Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur
+fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?«
+»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation
+der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch
+dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände
+zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige
+Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom
+Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird
+die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und
+hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise
+vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der
+Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter
+und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des
+Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.«
+»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und
+einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte
+ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand
+verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.«
+Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.
+
+»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem
+Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen
+Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes
+von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so
+tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein,
+dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden,
+von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm
+der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere
+Unstrut, -- die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn
+unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in
+ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge
+hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte
+der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und
+Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer
+war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten,
+einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte
+ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In
+einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak
+vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind
+die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst
+löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz,
+mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch
+nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das
+Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der
+Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch
+das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand
+entlangstrichen.
+
+Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in
+deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.
+
+»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist
+über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben
+oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst
+zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer
+deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit
+allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des
+Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer
+Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig
+hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und
+redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er
+ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, -- aber die
+Tat, -- die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht
+dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn
+eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich
+einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie,
+Kollege, daß ich Sie unterbrach.«
+
+Ich fuhr fort.
+
+»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier
+überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren
+Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in
+ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das
+Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen
+Teil verschwunden.
+
+Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein
+furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen
+Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft
+brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es
+gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser
+des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die
+Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in
+Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst
+nur mit Wein und Bier zu löschen« -- hier bebte meine Stimme vor Zorn,
+so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen -- »und sich dabei
+das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung
+unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu
+lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute,
+einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte
+nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des
+Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.
+
+»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen
+Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen
+werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei
+den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch
+herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.«
+»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir
+verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch
+ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins
+Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen
+Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich
+gehe aber noch viel weiter.«
+
+In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas
+an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie
+es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war
+von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand.
+Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber -- unser Ostpreuße,
+sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die
+Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach
+der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend
+und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die
+Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes,
+wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend
+jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König
+Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen.
+Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken
+übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes
+Rhododendronbeet.
+
+Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große
+Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte
+es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen,
+hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes -- kein Stern am Himmel.
+
+Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war,
+nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel
+ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem
+braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit
+sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir
+war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht
+seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken,
+welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches
+Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von
+Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche
+schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.
+
+Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser
+Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst
+verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß
+er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.
+
+Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft,
+das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war
+immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes,
+die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir
+wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was
+dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um
+zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir
+weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und
+durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in
+meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.
+
+Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie
+war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten
+Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben
+eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf
+in vorderster Reihe mit stand? -- Wie es kam, ich weiß es selbst
+nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich
+vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer
+sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob
+sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was
+wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.
+
+Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem,
+vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und
+gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt
+es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.
+
+Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es
+für euch und eure Mitmenschen.
+
+In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser
+Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.
+
+In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure
+Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.
+
+Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper
+untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet
+das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig
+bleibe.«
+
+Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.
+
+Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt,
+die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der
+Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten.
+Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in
+mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem
+wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es
+gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten,
+wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des
+letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.
+
+Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von
+Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst
+und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir
+Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. --
+Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, -- wo sind sie geblieben?
+Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt
+auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,
+der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als
+Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als
+Schafhirte in den Prärien Amerikas.
+
+Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die
+entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe
+zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil
+der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit
+gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch
+strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie
+noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der
+Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen
+zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche
+Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den
+Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von
+Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das
+eintränken!« -- Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß
+wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem
+jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser
+geschossen hatte.
+
+Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem
+Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist,
+und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die
+Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.
+
+Aber halt -- ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten
+über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der
+Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn
+eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und
+dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und
+diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, -- und daher die Wut
+und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem
+edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem
+Schülerleseverein, -- das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie
+ich dazu gekommen war? --
+
+Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren
+aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres
+Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört
+ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das
+mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden
+Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel
+verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge
+gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger
+in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die
+Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte
+die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn
+verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern
+ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund
+hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt,
+wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen
+hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und
+Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie
+das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die
+räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich
+die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt
+die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen
+Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel,
+die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen
+schirmender Kraft.
+
+Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters
+auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz,
+das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der
+Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr.
+Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die
+engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um
+in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu
+entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen
+sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder
+waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und
+wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem
+Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend
+lindern kann.«
+
+Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen
+einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus
+drehten sie mir den ersten Strick.
+
+Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für
+das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten
+Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem
+höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ
+das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine
+Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, --
+Kameraden!« die Klasse.
+
+Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir,
+meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen
+Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den
+irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich
+aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen,
+und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur
+Fahrt durchs Leben zu entfalten.
+
+Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum
+akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben
+entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang
+zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. --
+
+Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte
+geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang
+hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie
+Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit
+und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig
+und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen
+unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie
+schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im
+Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut
+war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der
+Sünde hinabzerrten.
+
+Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen
+und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, -- andere, die den
+Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder,
+die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser
+daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den
+Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die
+Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem
+Volke zu verkaufen.
+
+Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist,
+»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren
+Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch
+einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die
+Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie
+selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist
+die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um
+Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank,
+ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort
+der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um
+Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den
+unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie
+daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, -- körperliches und
+geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die
+Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.
+
+Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend
+überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn
+krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen
+wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren,
+die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.
+
+An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen
+Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende
+Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die
+Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in
+alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie,
+in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem
+Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und
+Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und
+ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten,
+ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und
+damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein
+Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten
+zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie
+aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und
+nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie
+sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!
+
+Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle,
+suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden
+nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der
+Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die
+Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.
+
+Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über
+die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch
+keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand
+rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige
+Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und
+Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten
+Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug
+morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige
+Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte
+tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die
+kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die
+Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft
+und Sonne gebräunten Ihrigen.
+
+Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und
+mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen
+locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes
+hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen,
+sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und
+vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert
+und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann
+zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die
+»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit
+den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der
+staatserhaltenden Elemente.
+
+Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen
+Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen
+Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.
+
+Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer
+geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden
+Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen
+Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen
+geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome
+die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren
+Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der
+Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten.
+Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große
+Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten.
+Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben
+Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in
+die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten,
+-- was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate
+der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos
+durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger
+dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.
+
+Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger
+nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr
+vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein,
+daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen
+nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören
+sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch
+auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die
+Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster
+Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.
+
+Da sind Hunderte von Paaren -- und gerade unter den Reichen und
+Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen
+Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner
+ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und
+idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen
+konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen
+Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne,
+der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche
+Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause
+sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen
+gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als
+sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.
+
+Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich
+tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen
+hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das
+Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt
+bedeuten.
+
+Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend
+so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf,
+daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle
+Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und
+vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen
+Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und
+wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's,
+als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
+
+Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen?
+oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?
+
+Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit
+wieder ein:
+
+ Mir träumte bang, -- ein wundersamer Traum!
+ Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt
+ Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n:
+ Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück
+ In dieser Welt verborgen sei, --
+ Ob aller Sonnenglanz des Glücks
+ Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang;
+ So voll von Sonne schien unser Herz!
+ Und unser Flügel trug uns in ein Dorf.
+ Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß,
+ In dessen Wellen sich das Mondlicht barg.
+ An seiner Ufer Rand in einer Laube still,
+ Von jungem Frühlingsgrün verdeckt,
+ Saß, küssend sich, ein junges Paar.
+ Die Nachtigall sang zaubrisch hell
+ Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend.
+ Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. --
+ Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß
+ Der Braut im Herzen, -- und das Glück entwich. --
+ Da stiegen wir selband in einen Kahn,
+ Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste
+ Und leise auf des Stromes Wellen trieb.
+ Wir saßen eng und traulich angeschmiegt;
+ Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, --
+ Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm.
+ Und an den Ufern trieb der Kahn entlang.
+ Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. --
+ In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast
+ Stolz an Palast. -- Der Reichtum thronte hier,
+ Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. --
+ Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein!
+ Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn.
+ Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer
+ Der großen Stadt. Leis stieß er auf.
+ Wir stiegen aus und wandelten zu zweit,
+ Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick,
+ Von unserm Zauberfittich treu gedeckt,
+ Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel
+ Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang
+ Schien lauter Glückeszeuge. -- Doch
+ Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick
+ Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück.
+ Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk,
+ Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück.
+ Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, --
+ Ein trüber Nebel überm Häusermeer. --
+ Nur dort ein Fenster hell, als ob
+ Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt.
+ Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag:
+ Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht'
+ Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt.
+ Und doch im Angesicht ein sanfter Zug
+ Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein.
+ Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt,
+ War treu bemüht in warmer Mutterlieb':
+ Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch,
+ Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', --
+ Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück,
+ Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. --
+ Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl;
+ Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen;
+ Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen;
+ Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns.
+ Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn
+ Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück.
+ Die Menschen nennen auch die Sünde mich; --
+ Doch meine Maske ziert der Totenkopf.
+ Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm.
+ Mich schüttelte der kalte Fieberfrost.
+ Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort.
+ Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau
+ Sich zentnerschwer die Reue an uns an.
+ Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz
+ Schien in das Fenster, und an meiner Brust
+ Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, --
+ Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück,
+ Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt:
+ Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt,
+ Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht,
+ Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor
+ Und reine Kunst, die uns das Leben schönt,
+ Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt,
+ Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal:
+ Das ist das Glück! -- -- --
+
+Das Glück hatte ich in reichstem Maße, -- für mich. Aber die anderen?
+mein Volk?
+
+Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine
+Seele.
+
+Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen
+klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu
+mir. Da wurde mir leichter.
+
+Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte,
+spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie
+die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen
+wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem
+kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband
+eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und
+Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe
+der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis,
+Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen
+Rosenblätter und Zypressenzweige, -- das Ganze eine kleine Welt für
+sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise
+gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es
+und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß,
+was dich drückt.« So hatte sie gesagt.
+
+Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand:
+mein Erstlingswerk, das gedruckt war.
+
+Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten
+hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die
+Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der
+deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und
+inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger
+Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen
+hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und
+die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von
+Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir
+die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden
+veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns
+jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten
+empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter,
+flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum
+im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen
+Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir,
+als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an
+Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder
+herausrisse und zerträte.
+
+Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem
+dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die
+deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede
+nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange
+des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden
+müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im
+Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die
+deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus
+dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist
+Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über
+den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne
+dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit
+deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch
+mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen
+gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und
+germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!
+
+Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch
+die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da
+oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller
+Wald- und Bergeinsamkeit --, noch stand kein Denkmal da oben, noch
+kein Wirtshaus, -- da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu
+kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.
+
+Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt
+zum Kyffhäuser --, von dem ich eben herkam, -- um dort die erste
+große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz
+Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was
+bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich
+mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens
+und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging
+über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
+
+Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den
+Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen
+Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen
+Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen
+sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an
+einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz
+genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden
+Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
+
+Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen,
+schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus
+Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
+
+Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von
+Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. -- Überall traf ich Freunde und
+überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen
+Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der
+Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und
+Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt
+und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen
+Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das
+Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu
+achten und zu lieben!
+
+Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
+
+Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich
+reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
+
+Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen
+Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er
+schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm
+zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste
+Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
+
+Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen.
+Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung
+allein konnte zum Siege führen, -- die wissenschaftliche Erkenntnis
+mußte helfen.
+
+Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu
+predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht
+krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie
+sahen in allen Ständen die Männer sterben, -- fünfzig Familienväter
+starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche
+und Arme, -- und die andern tranken weiter.
+
+Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem
+der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus
+logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden.
+Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer
+für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht
+begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging
+ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und
+klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter,
+schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine
+Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der
+Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende
+Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
+
+Und doch -- wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten
+Form der Geselligkeit zu brechen.
+
+Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der
+Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim
+gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir
+gewesen, und doch --, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend
+einer dieser Gesellschaften entstanden? -- Wie mancher Bocksbeutel
+mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise
+geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken
+über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir
+wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das
+alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer,
+mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig
+sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit
+versprechen müssen, -- dieser einzig guten und klugen Mutter, -- meine
+halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem
+schweren Beruf. --
+
+Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich
+allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des
+Schiffes.
+
+In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da
+waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich
+bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten
+Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus
+jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte
+mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und
+während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im
+Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß
+Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und
+genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit
+des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
+
+ * * * * *
+
+So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der
+Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch
+das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch
+her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es
+erst recht nicht, -- was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe
+kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und
+als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das
+habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie
+wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.«
+»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem
+nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps,
+wie Sie Ihren Wein.« -- Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte
+ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel
+doch gern helfen.
+
+ * * * * *
+
+Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein,
+lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden
+Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane,
+gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf;
+stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten
+protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den
+Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit
+seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, -- hat er doch
+überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen --, lacht er
+mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein
+klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« --
+
+Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu
+machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle
+diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche
+ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es
+gibt.
+
+Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
+
+ * * * * *
+
+Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der
+Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein,
+auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen
+Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen
+Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher?
+Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre
+schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn
+daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin
+ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache
+alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser
+Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die
+Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen
+Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen
+rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles
+Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine
+und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange
+alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch
+dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar!
+Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in
+ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen
+einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu
+tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr
+das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt
+sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene
+Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum
+auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft
+machen kann auf eigener Scholle, -- heraus aus dem Dunst der Städte, --
+wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische --: so muß es anders
+werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige
+zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die
+unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit
+für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte
+erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung,
+der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren
+Entladungen, -- ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie
+in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an
+Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts
+verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck
+stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen
+Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck
+überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen
+Gesetzen wirken?
+
+ * * * * *
+
+Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann
+das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche
+ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse
+ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir
+nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt
+und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen
+Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte:
+diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die
+Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist
+Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts,
+der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen
+Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das
+ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
+
+ * * * * *
+
+So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier
+Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib
+von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen
+das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte
+Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die
+Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun?
+Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht
+auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen
+Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses
+Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
+
+ * * * * *
+
+Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte
+er für eine Frau, -- fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt
+sie da, -- mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, -- vier
+Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen
+behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das
+Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen
+blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost
+mit in den Sarg legen, -- Nabelvereiterung. Natürlich, -- mit rostiger
+Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
+
+ * * * * *
+
+Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei
+mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie
+unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß
+ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
+
+Halt, -- Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung
+nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und
+doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die
+alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
+
+ * * * * *
+
+Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens
+bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament
+zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder
+andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum
+Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein
+wenig Ausschau halten können; -- aber nur einzelnen Auserwählten
+gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die
+Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der
+Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit
+blicken können.
+
+ * * * * *
+
+Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch
+betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und
+arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein
+netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und
+erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer
+in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben.
+Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe
+sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, -- natürlich von den
+Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande!
+Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine
+verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich
+heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, -- und
+schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und
+bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der
+Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht
+der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter
+den Hammer.
+
+Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen
+Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß,
+sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß
+ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden
+am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt
+ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der
+Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich
+in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat,
+nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum
+Krugwirt hinüber.
+
+Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen
+Hutrand.
+
+ * * * * *
+
+Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem
+Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom
+Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr
+Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof.
+Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts
+dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine
+Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen
+Zettel, das habe er gelesen --, freilich hätte ich schon vorher auf
+ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel
+schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es
+ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr
+mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie
+erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie
+und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern
+graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht,
+warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
+
+ * * * * *
+
+Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das
+widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod.
+Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners,
+dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt
+es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich
+geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe
+mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich
+nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der
+Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei,
+hätten sie ihn gesucht. -- Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am
+Dachsparren erhängt aufgefunden.
+
+Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches
+kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen
+Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod.
+Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden?
+Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn
+ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und
+ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der
+Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt
+die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist,
+es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser
+durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen
+Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese
+Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin
+und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben
+kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an
+sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen
+noch wägen können!
+
+Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
+
+ * * * * *
+
+Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht,
+den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der
+Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, -- er würde ohne
+Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. -- Auf den Knien hat
+er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle
+ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient.
+Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre
+er es, -- und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die
+Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige
+war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige
+Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein
+lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« -- Da
+hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan,
+bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und
+was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht
+erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig -- Liebe.
+
+Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich
+rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare
+Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die
+stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder
+tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen,
+das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen
+wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die
+Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht
+zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den
+Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel
+den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus
+ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der
+wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr.
+Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging,
+um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen
+Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu
+lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe,
+und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich
+bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist
+die Liebe!
+
+ * * * * *
+
+Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus
+der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig
+aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er
+sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung
+interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den
+Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem
+Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als
+Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den
+Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im
+voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei
+dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei
+dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber
+sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche
+sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe,
+daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich
+beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück
+käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet
+getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm
+an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
+
+Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei.
+Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft
+verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der
+Liebe zu spüren.
+
+Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem
+Geiste!
+
+ * * * * *
+
+Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt.
+»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?«
+»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über
+mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl
+sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will
+nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und
+kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«
+
+Halt, -- nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue
+Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der
+mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will,
+sehe ich leibhaftig vor mir! -- Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier,
+Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten
+Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter
+Tischlermeister neben mir steht, -- mir ist, als stände ich auf hohem
+Berge.
+
+Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird
+es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und
+dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem
+Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, -- nein, ganze Völker!
+Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten
+im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und
+immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht,
+betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und
+Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen
+nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer
+vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und
+verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um
+den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms,
+lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie
+verschlingt.
+
+Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert,
+flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend
+wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die
+Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.
+
+»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«, weckt
+mich mein Tischler aus meinen Sinnen. -- »Ich komme sofort mit.«
+
+Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der
+Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben.
+Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und
+sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich
+weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der
+Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das
+Gesicht.
+
+»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen
+Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort
+zur Apotheke gehen.« -- »Er wird nicht gehen.« -- »Sagen Sie es ihm in
+dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«
+
+ * * * * *
+
+Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke
+gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte
+in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger,
+und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende,
+rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.
+
+Der Frau geht's heute besser.
+
+Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was
+ausgefressen hat.
+
+Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm
+mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« -- Da blickte er mich an, als ob
+er etwas fragen wollte.
+
+Ich sah ihn zum ersten Male.
+
+Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
+
+»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch
+werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?«
+Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte
+heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« -- »Wie die in
+Hamburg? Nein, niemals! -- Zum Gespött der Leute werden? -- Ja, wenn
+ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, -- dann ja.« -- »Ich gehe mit,
+morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«
+
+ * * * * *
+
+Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte
+Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre,
+hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom
+Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so
+spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei
+vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom
+Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat
+aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen
+aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt
+haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.
+
+ * * * * *
+
+Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den
+Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende
+Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm
+heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's
+durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm
+gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache
+ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so
+etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und
+ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert
+an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen
+Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden
+mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich
+anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, -- ja
+das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« -- Da überläuft
+es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso
+nichts mehr, -- hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon
+abgeschworen, -- nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges,
+hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer
+Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute
+abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher
+werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre
+Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der
+wird gut. Die Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht
+nur am Leben bleibt, sondern, -- vielleicht, -- noch ein tüchtiger
+Mensch wird. Ich aber weiß es, -- denn der Augenblick war zu heilig, --
+der kann nicht trügen.
+
+ * * * * *
+
+Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und
+dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen
+Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen
+packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren,
+Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und
+abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen
+wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.
+
+Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe
+heißt, und was sie wirken kann.
+
+ * * * * *
+
+Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch
+dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau
+nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die
+Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis
+er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und
+sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun,
+was ich könnte, -- ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten.
+Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür
+sorgen, daß er die Konzession erhielte.
+
+Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den
+Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die
+Konzession ist ihm sicher.
+
+ * * * * *
+
+Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein
+Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt;
+insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe
+aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des Stein
+lobend hervorgehoben. -- Womit hat derselbe denn diese betätigt?
+Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend
+eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur
+existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder
+Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest
+habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine
+Schlingen ziehen.
+
+ * * * * *
+
+Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In
+der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken
+wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul,
+um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter
+der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn
+bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage
+eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen
+Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land
+hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so
+gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt
+sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht
+hatte, war ich der beste Doktor!
+
+Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen?
+Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren
+vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen
+Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen
+Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt?
+Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, --
+er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu
+Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten!
+Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet
+sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr
+Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, -- nein, besser
+schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben
+der Bürger in den Städten kennen, -- und dann wagt noch zu behaupten,
+daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob
+es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten sagen, wenn wir
+so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein
+würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus
+Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen
+Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr
+konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.
+
+Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, -- nein, ich brauche euch nicht
+anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen
+Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an,
+daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes -- 3000 Millionen
+Mark! -- nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern
+und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum
+Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum
+Brennereibesitzer. -- Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem
+ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? -- Tod und Hölle, ist unserer
+Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?
+
+ * * * * *
+
+Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt
+bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er
+Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom
+Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche
+Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er
+entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht
+so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht
+dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die
+Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem
+säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. -- -- »Will sehen,
+was ich tun kann.«
+
+ * * * * *
+
+Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen
+für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so
+feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon
+gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern
+retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.
+
+ * * * * *
+
+Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den
+»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, -- als ich es las, tauchten
+zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in
+meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen
+das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie
+er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu
+machen, -- ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, -- ja, lieber
+wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen
+Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem
+Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den
+Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die
+Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur
+seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie
+Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk
+mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm
+nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er
+kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot
+auf dem Lande.
+
+Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.
+
+Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof!
+Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das
+Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die
+Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie
+eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.
+
+Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit -- der
+Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß;
+Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, -- Sozialisten
+seien sie alle, Landes- und Hochverräter, -- ausgerottet werden müßten
+sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten
+wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des
+Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! -- Solche Leute rühmten
+sich öffentlich seiner Gunst.
+
+Freilich waren es Sozialisten, -- aber er wollte sie ja gewinnen,
+gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und
+glücklich zu machen!
+
+Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und
+die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus
+dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus
+mooriger Tiefe, empordrangen; -- kaum daß er ihr leises Murmeln je
+hörte --; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen
+Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch,
+hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; --
+anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches
+Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode
+des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance -- in der Allianz
+der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich
+vertreten! -- Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall
+Glanz und Licht verbreiten helfen! -- So begann die Zeit der Reisen
+und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und
+weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen
+Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so
+wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, -- und du, und du, mein Kaiser,
+warst mit schuld daran!
+
+ * * * * *
+
+Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends
+vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet.
+Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt
+verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben
+wieder.
+
+ * * * * *
+
+Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei
+mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu
+mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder
+zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen
+gewonnen.
+
+ * * * * *
+
+Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den
+Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere
+ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden gehörte, und
+frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus
+dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.
+
+Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.
+
+ * * * * *
+
+Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend
+und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht
+denken, daß er trinkt.
+
+ * * * * *
+
+Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen
+Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie
+so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den
+Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht
+weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch
+seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und
+nun, -- vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, -- niemals habe er sie
+früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des
+Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen,
+und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum
+Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer
+hätte anschreiben lassen.
+
+Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister
+auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine
+gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe,
+-- da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur
+Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen
+Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.
+
+ * * * * *
+
+Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei
+mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu
+ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei
+einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, -- die ganze
+Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, -- die über ihren Brotkorb und
+ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt
+ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not
+tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie,
+ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste
+Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht
+durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot
+ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen
+darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu
+rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei
+sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.
+
+Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? -- Laßt sie doch
+endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen
+abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die
+katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei,
+die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei,
+die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die
+Handwerkerpartei -- dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere
+Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich
+selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen
+wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit
+können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände
+die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und
+das Ganze könnte gesunden.
+
+ * * * * *
+
+Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für
+Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves
+und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen,
+-- »alter Herrenabend« -- die Lampe hat geschwelt -- ist erstickt.
+Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um
+ihn -- es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die
+Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein
+Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist
+zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.
+
+ * * * * *
+
+Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen
+ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen
+neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, -- und kaum 20 Mark ist er
+wert.
+
+Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue
+Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute
+Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die
+Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch,
+wie mit dem Alkoholrausch -- er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr
+eigenes Joch noch merken.
+
+Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug
+tragen werden.
+
+ * * * * *
+
+Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel
+Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum
+Donnerwetter, -- ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich
+mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne
+unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen
+der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere
+Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende
+Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark
+jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren
+Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen
+Deutsche gesund und glücklich zu halten! --
+
+ * * * * *
+
+Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den
+Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben
+dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen
+aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten
+Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was
+sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach
+Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben
+sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren
+Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren Boden
+nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan,
+sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren
+Besitzern schulden.
+
+ * * * * *
+
+Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus,
+oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine
+verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim
+errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es
+ist ein Skandal, -- vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied
+zwischen Geldwucher und Bodenwucher?
+
+ * * * * *
+
+Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem
+Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden
+Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!
+
+Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch,
+trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser
+in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel
+auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine
+Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von
+Juden abstammt, -- fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene
+Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und
+Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in
+diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage
+darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater
+und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt
+haben. -- Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie
+sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen
+Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau.
+Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag
+hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber
+nur so, wie sie's macht, ist's möglich.
+
+Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da
+für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,
+die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß
+Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was
+sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch
+besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den
+Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene
+Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im
+Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es
+im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer,
+weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt
+das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang
+eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein
+Betriebskapital in Händen behalten, -- da nützt denn freilich kein
+Fleiß und keine Umsicht! -- Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht
+warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder
+zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien,
+und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen
+akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er
+versteht, -- wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei
+Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich
+Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in
+der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern,
+bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und
+schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der
+kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen
+muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in
+den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn.
+Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom
+Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden
+können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben
+zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und
+da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören,
+wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die
+Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!
+
+Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das
+Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch
+in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich
+kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!
+
+ * * * * *
+
+Dann kam eine schwere Zeit. -- Da lagen die Blätter, die davon
+berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr
+unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen
+Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, -- ich mußte ja
+leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes
+willen!
+
+Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein
+Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir
+gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so
+viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, -- ich bleibe am
+Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir
+gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie
+Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den
+Körper. -- Ich genas.
+
+Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden
+abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die
+Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf
+meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten
+bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, -- die Wahrheit
+und die Liebe siegten.
+
+Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!
+
+Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen
+vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend,
+Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme
+und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des
+Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren,
+Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen
+Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar
+vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt,
+Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt
+hatten.
+
+Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan,
+viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er
+aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei
+seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher
+kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt
+von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am
+Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins
+zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so
+einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall
+wurde er entlarvt.
+
+Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken
+gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu
+Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt.
+Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im
+Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.
+
+Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein.
+Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich
+die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der
+Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten
+Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, -- sah das ungläubige Aufhorchen,
+das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir
+wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten
+die Gedanken.
+
+Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer
+knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen
+werden.
+
+Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch
+bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in
+unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien
+zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich
+werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen
+Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die
+Schullasten tragen sollte! -- Als ob in den Mietskasernen der
+Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die
+Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. -- Als ob
+die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach
+Eau de Cologne röchen! -- Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr
+riskant, -- er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen.
+Das Genossenschaftsgesetz -- na, und dann ... Der Sechste war der
+Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten
+wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, -- nee, Deibel. --
+
+Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, -- dann würde ich das Werk
+allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der
+andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann
+wollten sie auch nicht zurückbleiben.
+
+Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts
+für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.
+
+Die Baugenossenschaft wurde gegründet.
+
+Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier
+ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die
+Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, -- der Landpreis blieb als
+Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit
+rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und
+die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, --
+Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!
+
+Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, --
+Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines.
+Das war ja der reine Landesverrat, -- diesen Feinden von Thron und
+Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern!
+Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten
+sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand
+und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um
+aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im
+Kampf, so müde er auch machte.
+
+Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht
+weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den
+Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, --
+das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.
+
+Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender
+Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem
+Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand
+in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr
+Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, -- was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl
+warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.«
+»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern,
+die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu
+verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen
+hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei
+Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen
+verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen,
+Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können,
+braucht's Zeit und -- Liebe.«
+
+Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch
+hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, -- Sie haben den Kredit, den Sie
+brauchen.«
+
+ * * * * *
+
+Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte
+unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster
+Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, -- natürlich unter
+verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen
+Zahl der zuhörenden Kollegen, -- was erwidert mir in der Diskussion
+der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die
+Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen
+unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen:
+»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, -- ihm sei
+es immer vortrefflich bekommen, -- und dann solle man doch einmal an
+unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, -- der habe einen
+tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« --
+
+Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir
+unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken,
+-- eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des
+Korpsstudententums, -- aber selbst diesen urgermanischen Recken habe
+das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt
+hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben
+lang, -- er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres
+Volkes arg genug gegrollt, -- und was er, der Gewaltige, wenn er stets
+nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er
+so schon getan hat, -- von uns Epigonen soll's keiner sagen!« --
+
+Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für
+mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen.
+Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner
+gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!
+
+ * * * * *
+
+Da -- ein neues Blatt!
+
+Kaiserparade! -- Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den
+Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs
+Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren
+zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen.
+Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung
+kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da
+postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging
+ständig durchs Gedränge, -- vor der Uniform bahnten sie willig eine
+Gasse, -- und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur
+Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, -- in
+weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse
+beruhigt, -- kein Unfall kam vor, -- jeder stand auf seinem Platz; die
+Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an
+die Neuzukommenden, -- in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich
+unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht,
+-- wie das Samenkorn zur Ernte wird, -- wie sich das Geistige in
+Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, -- wie nichts verloren geht,
+was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort,
+wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.
+
+ * * * * *
+
+Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren
+geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und
+jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«,
+die er mit seinem Volke hatte.
+
+Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky,
+jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land
+trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will
+seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und
+vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in
+deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine
+Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« -- Aber hier mit ruhiger
+Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln
+das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er
+die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; --
+Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?
+
+Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er
+den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die
+Zunahme des Deutschtums -- glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren
+die Züge des Erzbischofs, -- auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung
+im Bürgertum, -- die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte
+Genossene. -- Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein
+Glas aus. Wie war man patriotisch!
+
+Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und
+Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der
+allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und
+Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, -- die Herren vom
+Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den
+Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, -- dann schlürften alle
+ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem
+Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre
+Polster.
+
+Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein
+paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und
+schied endlich, -- eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber
+verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.
+
+Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden
+Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken
+zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid!
+Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in
+innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter
+des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den
+Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter
+des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin
+noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den
+Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz
+führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen
+von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit
+lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein
+nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche
+tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes
+geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich
+ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches
+Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes
+Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß
+ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen
+Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte
+Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht
+liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, --
+was? -- das Lied ist ja gar nicht von Luther, -- hat Luther selbst
+doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie
+denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen
+entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit
+durchschauen könnten? Es nützte nichts.
+
+Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren
+nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause
+gehen wir nicht«, -- bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.
+
+Wo der Patriotismus wohl heute endigt? -- --
+
+ * * * * *
+
+Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der
+Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen
+und geträumt.
+
+Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine
+Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen
+Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen,
+Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und
+unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch
+her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte
+kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei
+andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und
+die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte,
+stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte
+es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer
+wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen
+unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht
+hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende
+des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben
+Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit
+den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, -- und je mehr sie
+tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja,
+schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach
+unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen
+sie über den Trunk die trockene Rinde.
+
+Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses
+und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, --
+die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten
+von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause
+kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise
+mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der
+ausschied, waren drei frische Trinker da.
+
+Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein
+General, -- zwei verglaste Augen, -- ein Toter sank unter den Tisch,
+-- bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, -- dort
+einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, -- --
+die Opfer des Gelages, des Trunkes! -- Einer nach dem anderen sank
+unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, -- schnell schloß sich wieder
+die Reihe der Zechenden und Schmausenden.
+
+Aber allmählich, -- der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte,
+-- eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, -- ein
+durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, -- da hob
+der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch
+und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde
+erblickt, die unter dem Tische verwesten.
+
+Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf
+den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen
+funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir
+dies?« -- Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.
+
+Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig
+eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden
+heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das
+taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand
+auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen
+geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde
+der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten
+überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend
+an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.
+
+Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem
+Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; -- um viele Jahre
+reifer schien er plötzlich geworden; -- dann aber, festen Schrittes,
+das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im
+Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach,
+hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur
+ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die
+Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.
+
+Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer
+entfacht, -- sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, --
+und erlosch -- und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen,
+auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.
+
+Da wachte ich auf.
+
+ * * * * *
+
+In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen
+für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch
+ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen!
+Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem
+die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst
+eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die
+Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es
+mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann
+ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will
+nicht weiter.
+
+Ja, -- was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, -- eine
+Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und
+sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner
+Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!«
+Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann
+losten die anderen. -- Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am
+Wald.
+
+Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es.
+Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell
+lachte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn's nicht so bitter ernst wäre, -- zum Lachen wäre es! Heute mittag
+zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater.
+Wirklich dramatisch war es.
+
+Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden
+Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht
+halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht
+mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben
+bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des
+durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das
+hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren
+geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen
+Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe
+zufügten, wohl nicht wettmachen. -- Hamburgs Welthandel, -- und den
+nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im
+Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die
+Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
+
+Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im
+ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen
+des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz +ad
+oculus+ demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit
+ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den
+Unrat aus der Elbe wieder heraus.
+
+Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht
+vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
+
+Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen
+»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe
+rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in
+dankenswerter Weise -- dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf
+Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe
+infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich
+an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein.
+Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es
+auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich
+geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
+
+Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach
+dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite.
+Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch
+den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht
+stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen
+Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und
+Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und
+wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
+
+Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand.
+Das tat wohl.
+
+Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten
+Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram
+demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! -- Herr
+Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee
+und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, --
+verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene
+große Pettenkofer das Elbewasser genannt, -- und der mußte es doch
+wissen! -- und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist,
+-- es bleibt, was es ist! -- Daß sich aber alle die Tausende reicher
+Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich
+gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen
+und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht
+kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf
+gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen
+zu müssen. -- Pfui Deubel aber, -- begreifen kann ich es doch nicht.
+Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
+
+ * * * * *
+
+In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison
+syphilitisch.
+
+Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere
+hergeht?
+
+Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch,
+8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen
+Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen
+und pharisäerhafter Entrüstung.
+
+Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer
+Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das
+Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
+
+Mein Kaiser, -- ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl,
+kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat
+voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden
+deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende
+tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare
+Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und
+Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem
+ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, -- aber die Philister am
+Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte
+werden dir fluchen.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben,
+anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen
+Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den
+Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der
+Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden
+nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige,
+Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es
+wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit
+kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das
+fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem
+zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit
+der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? -- Weil der
+Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es
+habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter,
+die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen,
+um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen
+Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute
+tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen,
+von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf
+den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer
+pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren
+mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, --
+worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch
+wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit
+der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas
+von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden
+mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem
+ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine
+Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann,
+wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn
+er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die
+Bücher wiederbringen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird
+Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« -- Es ist zu fidel: seit
+Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in
+Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen
+Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, --
+jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins
+Seebad reist, -- nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht
+oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung
+telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern
+machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer
+damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und
+achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett
+und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein
+der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, -- also ins Meer. Aber siehe
+da, -- alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es,
+schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen
+vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott
+zu tragen.
+
+Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
+
+ * * * * *
+
+Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein
+schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden
+und gelagert hatte, -- auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den
+Dampfkesseln, -- kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen
+war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine
+Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft.
+Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein
+tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen
+Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein
+bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens
+einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in
+der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu
+Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, -- sie
+konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle
+bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber
+es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was
+weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht
+mehr vom Hause fort, -- der Jüngste bedarf der Mutter, -- und dann
+die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, -- wenn er
+noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei
+im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich
+versprach zu tun, was möglich sei.
+
+Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte
+er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe,
+in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in
+solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von
+den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's
+merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich
+vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen.
+Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und
+Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die
+Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem
+Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien
+massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst
+Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe
+das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann
+mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die
+Herren reich gemacht, -- dann aber sei der karge Lohn, den die Herren
+dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten
+verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie
+die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den
+Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die
+anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und
+erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung
+unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur
+Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders
+gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum
+ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte,
+habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun!
+Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um
+die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher
+angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und
+das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde
+der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es
+sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben
+nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei,
+-- die hätte er zu gern. »Ja, aber, -- wenn er so zufrieden sei, warum
+er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's
+mir glauben,« -- und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, -- das lügt er
+nicht, -- »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen
+Deut besser, als ich's jetzt hab' -- aber ich denke an die anderen,
+da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren
+Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht
+herauskommen aus ihrem Elend, -- ein Hundsfott wär ich, wenn ich die
+vergessen wollt'.«
+
+Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur
+Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre
+ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
+
+ * * * * *
+
+Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer
+noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues,
+Bestimmtes geworden sei, -- und ist doch nichts von alledem, sondern
+er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund
+ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist
+bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib
+Christi« sprach, -- da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber
+Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische
+Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese
+Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen,
+die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien
+zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines
+menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
+
+Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur
+der Kirche entfremdet ist, -- aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit
+Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, -- das ganze Volk,
+arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht
+mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der
+Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt,
+wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die
+eins sei mit euren Dogmen, und -- vergißt sein oberstes Gebot, wie die
+meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen!
+Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
+
+ * * * * *
+
+Nein, so etwas, -- wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte
+Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der
+Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit
+seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, -- er wolle den Genossen
+nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, -- meinen reichen
+Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich
+nur hohe Zinsen damit verschaffen, -- bringt mir der heute in der
+Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll,
+ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei
+Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
+
+Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben
+sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen.
+Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, -- ich könne es als
+Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht
+beleidigen, -- denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich
+es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. -- Und was ist es? Trines
+herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
+
+O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps,
+und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich
+wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
+
+ * * * * *
+
+Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts
+gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen
+Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir
+uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten
+Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. -- Sitzt da der dicke
+Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft,
+streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa
+aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! -- nein, aus
+reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der
+»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße
+und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden,
+nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht
+halten, oder er müßte, -- schrecklich auszudenken --, sein Lokal den
+Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf
+es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der
+Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder
+den Schlagfluß kriegen.«
+
+Herr Kanzleirat, -- ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch
+mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
+
+ * * * * *
+
+Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem
+Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, -- den Rippenfellerguß habe ich
+ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen,
+das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn
+Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie
+verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll
+brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel
+Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für
+ihren Kanarienvogel, -- der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber
+nun schenke ich ihr von meinem Geld.« -- Du wonniges Kind, wie du
+deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, -- in all deiner Not
+denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem
+Kinderherzen! -- Vielleicht da am meisten.
+
+ * * * * *
+
+Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse
+»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert
+haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins
+Theater führen lassen.
+
+Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der
+Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer
+befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
+
+Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen
+haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie
+sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation?
+Verflachend, herunterziehend -- oder hinaufführend.
+
+ * * * * *
+
+Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur
+Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal,
+nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
+
+Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem
+Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause
+nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, -- als ob der
+Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall
+des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! -- Oh, ich weiß es wohl, ihr
+wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen
+Heim haben, -- diese Landesverräter verdienen das nicht.
+
+Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller
+eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast
+die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und
+Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann
+das Pack hausen.
+
+Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß,
+euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern,
+ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die
+Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und
+eure Gerechtigkeit, -- daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten
+Pharisäer!
+
+Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre,
+oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern
+Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht
+Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen
+und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut
+vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder
+immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das
+dritte, -- Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur
+irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch
+ingrimmiger in der Tasche als jene.
+
+ * * * * *
+
+Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen
+ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und
+zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen.
+Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein
+paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere
+auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck«
+wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders
+kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner
+von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
+
+Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und
+gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber
+sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
+
+ * * * * *
+
+Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine
+geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der
+Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß
+endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat,
+den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, -- denn hier ein armer Fischer,
+-- und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß
+verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!
+
+Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist
+doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen
+Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit
+heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist
+mehr darin. Beschwerden beim Landrat -- fruchtlos. Der Landrat ist
+gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß
+-- fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der
+Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur
+Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun
+seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders
+zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag
+schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch
+größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden
+geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm
+geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt
+einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er
+mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
+
+Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse
+verpestet, -- kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es
+ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig
+Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie
+nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
+
+ * * * * *
+
+Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten
+stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen
+Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der
+Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es
+nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft
+und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine
+Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur
+ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt
+beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser.
+Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den
+anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr
+Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein
+steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin
+ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen
+Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser
+geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und
+Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen.
+Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
+
+Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich
+auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei
+Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir
+ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien
+Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede
+und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der
+eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em
+gornich mehr lieden.«
+
+Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu
+wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen
+alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft,
+die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr
+treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben
+und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der
+Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die
+Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
+
+ * * * * *
+
+Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im
+Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh
+krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890
+86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und
+eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen.
+Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und
+verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische
+Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen
+seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter
+an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
+
+ * * * * *
+
+Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine
+Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer
+Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des
+Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz
+empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes
+anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen
+lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
+
+ * * * * *
+
+Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild.
+Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes
+Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm
+hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig
+verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte
+das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels
+brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel
+die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich
+vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen
+Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von
+hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme.
+»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der
+Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz
+ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln
+und Disteln, -- das ist der Alltag, -- die drei Balken, die das Kreuz
+zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht.
+Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist
+der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler
+hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm
+hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib
+vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum
+Land der Sonne zu tragen.
+
+ * * * * *
+
+Herrgott, -- ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was
+ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur
+Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land
+noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur
+Stadt kommen könnten, -- und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete
+zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von
+Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und
+immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und
+zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt
+Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene
+Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf
+die Dauer!
+
+ * * * * *
+
+Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser
+menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von
+uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
+
+Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen
+Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor
+Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon
+haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich,
+als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler
+von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich
+hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
+
+Monisten? »Monos?« »Nur Eins« -- das ist's, was mich abhielt: Ihr seht
+nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die
+Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein,
+wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, -- aber
+ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen,
+als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die
+ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
+Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt
+die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der
+Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten;
+nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze
+»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt,
+die wir Weisheit nennen, -- was wollt ihr mit der Summe all dieser
+Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
+
+Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu
+verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da,
+-- ist »Er!« --
+
+Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne
+nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren
+Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
+
+Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer
+der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß
+er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen
+Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt
+als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum
+hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus
+sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
+
+Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu
+lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu
+menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
+
+Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer
+feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
+
+»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn
+verehre, -- aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten.
+Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das
+schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich,
+stündlich, -- und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht,
+da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, -- das kann ich
+nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
+
+Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau,
+die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr
+Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren
+kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis
+hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für
+ihre Männer haben.
+
+Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis
+dieser Jüdin packt, -- ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen
+Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen
+Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt
+haben? --
+
+Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem
+Gottesgarten aussteige, -- 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist
+vorbei --, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven
+Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint,
+und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo,
+Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« -- Da erzählt er mir, während
+wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der
+Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?«
+-- Zwei Ordensbrüder, -- ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es
+und eifrig an der Rettungsarbeit, -- hätten den Antrag gestellt, aus
+unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme,
+zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der
+Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln
+der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen
+Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus.
+-- So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden
+hören.
+
+Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit
+dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so
+behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn
+so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit
+der Französischen Revolution!
+
+»Wann ist die nächste Sitzung?« -- »In vierzehn Tagen.« -- Da muß ich
+hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die
+Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
+
+ * * * * *
+
+Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine
+Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. -- Warum
+nicht in Form des Gebetes?
+
+Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen
+außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten:
+Herr, hilf mir --, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen
+Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den
+»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei
+sein.
+
+Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen
+Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen
+das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn
+diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen
+Menschenbildnis zurechtmodelliert.
+
+Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, -- der in der Welt ist
+als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist,
+unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, -- eins mit ihr und
+doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu
+eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten;
+die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten
+und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst
+in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein
+feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
+
+Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich
+in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, -- Einer
+hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei
+Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne,
+Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie
+sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist,
+und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus,
+nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der
+Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten,
+Pfaffen und ihrer Knechte.
+
+Aber dieses: »Herr, hilf uns!« -- Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns
+beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist,
+der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das
+Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und
+doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht
+ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei
+in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue
+lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich
+neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. -- -- So
+wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
+
+Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr,
+hilf uns!
+
+ * * * * *
+
+Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das
+für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine
+kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend,
+er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was
+ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr
+zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe
+immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer
+mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir
+hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die
+ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren
+heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«,
+zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr
+schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen
+und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar
+so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine
+ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung
+abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole
+des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht
+leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge
+erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, -- ihn genossen haben.
+Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so
+muß das zur Katastrophe führen, -- früher oder später.
+
+ * * * * *
+
+Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. -- Jahrelang
+habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal
+untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und
+Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes,
+stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine
+lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen
+Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog
+drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int
+Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten
+wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« -- Mit solchen
+Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er
+eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen
+und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der
+Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen
+bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, -- nun leitete er mit seinen
+zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen
+Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum,
+wo er am wenigsten am Platze war.
+
+Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe
+gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher
+befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den
+Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine
+ging, -- es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie
+schon längst zu den Toten gerechnet.
+
+Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft
+machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen,
+meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« --
+
+An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da
+sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten,
+seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen,
+die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im
+Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt,
+bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe
+herumschlich.«
+
+Oh, -- aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja
+doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im
+Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front
+gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der
+Trunksucht verwandt würde, -- das sei keine Sache des Reiches, das sei
+»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und
+bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden
+Elemente« schelten laßt, -- als ob man unser Volk wie Museumspräparate
+in Spiritus konservieren könnte!
+
+Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen
+abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der
+Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus
+Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen.
+Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
+
+ * * * * *
+
+Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, -- das muß
+ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen
+sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein
+hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur
+aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den
+Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie
+begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit
+Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft
+haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur
+deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese
+verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten
+und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und
+gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich
+hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und
+das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß
+sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht
+mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig
+Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender
+Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
+
+Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die
+nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über
+uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und
+Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb
+und verfettet waren.
+
+Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur
+eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, -- oder vielmehr --
+auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich
+zu werden, -- ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften,
+daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für
+alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst
+klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den
+Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl,
+-- so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
+
+ * * * * *
+
+Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten
+Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu.
+Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen
+Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat,
+weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches
+Gewerbe.
+
+Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den
+Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme
+ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und
+albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der
+Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und
+Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese
+Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen
+zu Vampyren stempeln zu wollen.
+
+Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt
+habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus.
+Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten,
+dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise
+die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem
+Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können,
+erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst
+kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim
+Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich
+auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
+
+Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum
+ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich
+gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter
+seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um
+die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und
+Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche
+hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt
+sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit
+Entziehung der Konzession bedroht.
+
+Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie
+ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr
+Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung
+wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist
+wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten
+Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist
+die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen
+Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem
+Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in
+Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind
+sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
+
+Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des
+Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie
+von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten
+Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte
+Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
+
+Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist
+nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben
+selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und
+gewidmet haben, -- ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern,
+-- ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein.
+Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen
+des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt
+Wärme, und Wärme ist Liebe.
+
+Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer
+Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures
+Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit
+und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im
+Kampfe der Geister!
+
+ * * * * *
+
+So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen,
+auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn
+Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger,
+laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, -- er könne den Jungen nicht
+mehr zahm halten, -- der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch
+die fünfte Frau gefreit.
+
+Die Mutter hat gefleht, -- sie sollten den Jungen konfirmieren, damit
+er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie,
+als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei.
+Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles
+umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule
+gehen.«
+
+Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit
+des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, -- hat nach Amerika
+wollen, -- fort, nur fort!
+
+Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, -- alles Denken
+hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
+
+Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat
+er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das
+Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, -- der
+hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir
+gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
+
+Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die
+Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in
+Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich
+langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat.
+Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten
+Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man
+Verbrecher, -- +im maximam Dei gloriam et scholae+.
+
+ * * * * *
+
+Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in
+unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit
+in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß
+es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer
+Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen
+unseren Mitmenschen gegenüber, -- sei es, und das ist das Wichtigste
+für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir
+in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden
+und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein,
+noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! -- -- -- Nur die
+Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt
+und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir
+nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das
+einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben
+und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
+
+Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden
+für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute
+befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet,
+und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun
+jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was
+ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder
+auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde
+arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte
+pflücken wollen.
+
+Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die
+Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist
+doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur
+Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen
+Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die
+Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und
+verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle
+ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie
+versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und
+schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und
+dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen
+über die Abnahme der Geburten! -- Verdammt noch mal, -- schließt doch
+diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt
+unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle
+Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und
+Fortschritt zum Guten!
+
+ * * * * *
+
+Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich
+habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche
+Fragen angestellten, -- aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein
+Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht.
+Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht
+sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und
+anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen
+widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht,
+-- denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling,
+-- sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder -- mit etwas
+viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, -- und dann schweigt der unbequeme
+Schlingel Gewissen, -- und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es,
+wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und
+Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln,
+wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten,
+-- so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren
+so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien,
+den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren
+brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind,
+noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und
+nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten
+nicht begehen oder auch nur gutheißen!
+
+Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. --
+
+Halt, -- ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder
+Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden
+oder gar sterben.
+
+ * * * * *
+
+Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es
+schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der
+einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus
+ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch
+ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so
+viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber,
+wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den
+einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will,
+nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter
+Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. -- Und grauenhaft! Seit
+dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just
+an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um
+ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, -- will nicht heilen, kann
+nicht heilen. --
+
+Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn.
+Ich glaub' nicht daran.
+
+Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig
+werden.
+
+Herrgott im Himmel, -- gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es
+nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! --
+
+ * * * * *
+
+Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht
+gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie
+sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an
+Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung
+und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet
+damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel
+geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben
+versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen
+lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen.
+Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein
+Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend
+kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die
+gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren
+Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem
+Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß
+es, ich habe sie nicht gehaßt. -- Warum, mein Gott, hast du sie denn
+sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben?
+Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders
+gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!
+
+ * * * * *
+
+Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen
+Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk,
+für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen
+wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite
+diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der
+modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese
+aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert
+und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große
+Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres
+Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren
+sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten
+werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends
+mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international«
+erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie.
+Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein
+freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol
+müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird
+von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen
+und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten.
+Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder
+die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und
+nimmer vorwärts!
+
+ * * * * *
+
+Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen,
+ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth
+mache ihn ihr abspenstig.
+
+Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in
+ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.
+
+Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und
+frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« -- »Und ob, --
+ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später
+nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«
+
+»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der
+anderen ins Garn jagen!« --
+
+Oh, über euch törichten Weiber!
+
+Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und
+das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und
+euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!
+
+»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um
+seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, --
+sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen
+Strick folgt.«
+
+Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht,
+begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand.
+Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines
+Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende
+hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine
+Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück
+für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe
+ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen
+in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten
+Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der
+kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.
+
+Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg,
+der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines
+schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte,
+welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine
+Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er
+nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen
+Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach
+der anderen, -- und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der
+Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit,
+wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und
+zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen
+die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der
+Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen
+und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich
+und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke
+herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese
+Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit
+den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre
+Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen
+und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt
+haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein
+Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen
+das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn
+langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und
+für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen
+macht es, -- auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv
+fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das
+von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so
+fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen
+bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu
+betäuben! -- Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!
+
+ * * * * *
+
+Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem
+Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu
+den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird
+er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals
+sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an
+einer solchen Stelle stehen, wie er!
+
+ * * * * *
+
+Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir
+sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und
+Verleumdungen.
+
+Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze
+Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker
+zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf
+gewaschen, daß es dampfte.
+
+Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es
+sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan,
+-- aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen,
+damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!
+
+Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige
+Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob
+er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein
+Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht
+haben.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in
+denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten,
+zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker
+zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte
+Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, --
+freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß
+ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte,
+damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen.
+Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis
+es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? -- Aber einen Teil
+wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden
+mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! --
+
+ * * * * *
+
+Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.
+
+Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir
+wie ein Kind, -- der große starke Mann, -- um den Hals und schluchzt:
+»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb
+gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, -- mit dieser
+meiner Hand.«
+
+Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.
+
+Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, -- da hat's ihn
+übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, -- angefleht hat er
+sie, -- aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.
+
+Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit
+gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.
+
+Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann
+fahre ich auf Praxis.
+
+ * * * * *
+
+Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um
+Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«
+
+Ich denke zunächst an den Heidbauern.
+
+Gott sei Dank, -- der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.
+
+Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein
+rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt,
+und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich
+streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins
+Zimmer.
+
+Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, -- tot,
+-- der Kopf in einer großen Blutlache.
+
+Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der
+Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um
+sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die
+halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.
+
+Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand
+zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.
+
+Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings
+auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf
+von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.
+
+Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel
+auseinandergesprengt. --
+
+Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst
+sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut.
+Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen.
+Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn
+angezeigt.
+
+Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter
+schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie
+schössen.
+
+Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich
+den Fasan nur gut schmecken lassen.
+
+Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's
+verbeten, ein-, zwei-, dreimal -- sie konnt's nicht lassen.
+
+Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.
+
+Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen
+seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.
+
+Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über
+den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.
+
+Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte
+Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in
+das Nichts.
+
+Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.
+
+Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. -- Gleich darauf zwei Schüsse.
+Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und
+alles um einen Fasan.«
+
+Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel
+für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.
+
+Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß
+hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie
+Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.
+
+Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in
+meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! -- --
+
+Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann
+erst werden! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den
+Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste
+war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter
+nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant.
+Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt
+nur selten an der Tafel gezeigt hatte.
+
+Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren
+Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der
+die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor,
+Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als
+suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,«
+erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von
+England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« -- »Der
+Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern
+Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall
+Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch,
+dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer,
+dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert
+wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,«
+erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in
+der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren
+englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in
+der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine
+kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser
+Persönlichkeit bereichern wird.
+
+Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot,
+wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für
+unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem
+Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück
+einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß
+ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah,
+wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte
+bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich
+nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter
+den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner
+Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze
+niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General
+erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte,
+wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl,
+zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener
+einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete,
+der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es
+sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten
+handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als
+mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen
+der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach
+seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden
+zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen
+der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß
+an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich
+sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was
+ist's?« -- Er erwiderte: »Der Herr war General E.« -- »Ich habe ihn
+erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor
+Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein
+fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit,
+dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir
+alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre,
+und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur
+einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, -- dann
+erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme,
+daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General
+E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In
+vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir
+eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit
+vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß
+ich nicht mehr, -- ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von
+unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der
+Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete.
+-- Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen
+Offiziers, eine solche Schmach! -- Aber ich war schön und jung, von
+tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware
+für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt
+mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich
+ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag
+Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, -- dieser
+Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der
+blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich
+an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in
+Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?«
+Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den
+Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.
+
+Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und
+starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen
+Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein
+scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen
+Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge
+zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus
+der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die
+Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel
+nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren,
+war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken;
+die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese
+Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren,
+mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe
+des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation
+und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen
+die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine
+Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen
+Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen
+Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt
+wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie
+glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika
+die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren,
+natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten
+Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem
+Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie
+der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde
+vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich
+mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder
+ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem
+Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um
+welchen Preis! -- Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel
+Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich
+schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen
+Königreiche. -- Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses
+Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie,
+daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man
+die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle
+Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen
+Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun
+sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse
+beherrschen.
+
+Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet,
+als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück
+sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen
+England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen
+Tonarten gepriesen wurde?
+
+Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie
+bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas
+Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des
+einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo
+dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter
+der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen
+Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein
+wird!«
+
+Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte,
+rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, -- ihr
+rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der
+uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im
+Herbstnebel untergeht.
+
+In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an
+meinen Kaiser. --
+
+Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die
+Zukunft unseres Volkes schreiten. --
+
+In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen
+Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner
+Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen
+fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn
+lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich
+will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen
+Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle,
+koste es, was es koste, ich muß an Land.« -- »Aber Ihr Billett?«
+-- »Ist mir einerlei! -- Ich will an Land, ich will wieder nach
+Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine
+kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs
+Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn
+verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder
+heimkehren würde, -- alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner
+Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen
+Sie mich nicht lebendig durch, -- ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.
+
+Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der
+Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als
+einziger Bruder von drei Schwestern, -- so hatte er niemals gelernt,
+die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.
+
+Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens,
+auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die
+notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte
+zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und
+damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe
+dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr
+erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den
+Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen
+Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.
+
+Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem
+seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer
+Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und
+dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig
+verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten
+vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen
+keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche
+gedeihen könne.
+
+Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach:
+stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen
+zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er
+seine willensschwache Rasse nicht vererbt.
+
+ * * * * *
+
+Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die
+freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die
+anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen
+mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen
+felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem
+Gischt emporpeitschte.
+
+Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem
+Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die
+Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, -- auf ein Haar
+beide Beine brechend, -- begleitet von dem schallenden Hohngelächter
+unserer Matrosen.
+
+Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem
+man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit
+mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose
+mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen
+eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und
+einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt
+gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das
+mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener
+Galerie erinnerte.
+
+Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse,
+der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt
+den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des
+Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie
+bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich
+hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.
+
+Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene
+Meer!
+
+Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren,
+hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge
+hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des
+Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.
+
+»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus
+Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu
+sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt
+nichts, -- lauter Selterswasser und Apollinaris, -- sind Sie denn alle
+krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage.
+Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der
+verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt
+mit der verdrehten Wassertrinkerei.« -- »Werde meinem Schwager in
+Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied
+der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf
+Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte
+Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von
+Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.«
+Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das
+sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter
+Weise durch.
+
+Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte
+das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir
+erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie
+auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem
+schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer
+ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein
+Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der
+gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner
+Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden
+Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung
+vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter
+entwickeln soll.« -- »Kaiser, -- großartiger Mann,« schnarrte der
+Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche
+an einer Tafel gespeist, -- kolossal gebildet, von allem unterrichtet,
+-- steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal
+in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es
+ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich
+dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt,
+kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt
+ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen,
+Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden,
+sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von
+Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler,
+»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« -- »Lassen Sie
+uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen
+Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus
+Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern
+birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter
+dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen,
+welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine
+Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele
+hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die
+entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende
+von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer
+vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen
+zugezogen haben?« -- »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte
+der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« -- »Ich
+sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und
+werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der
+Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das
+furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt
+besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten
+unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so
+weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die
+untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße
+und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange
+nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, -- wir
+müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen
+Sie mir noch eine Münchener!« -- »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief
+der Weinhändler.
+
+Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes
+aschfahl, -- das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel
+zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte
+Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand
+zur Kajüte hinaus aufs Deck.
+
+Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf
+den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein
+Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit
+und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte
+meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf
+Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte.
+Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik
+gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl,
+als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine
+ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.
+
+Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die
+Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende
+junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen
+deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher
+Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen
+Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O,
+könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm
+und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung
+unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die
+Seelen der jungen Generationen gelegt wird.
+
+Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner
+Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet
+haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen
+Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall,
+Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände
+an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu
+verleihen, in den Schneesturm hinaus:
+
+ Heda, Herr Kultusminister!
+ Jetzt hab' ich dich! -- --
+ Merkst du's,
+ Wie die schwingenden Wellen
+ Meines Geistes dich treffen? --
+ Gegen den Nordoststurm an,
+ Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht,
+ Schießen sie zu dir hinüber
+ Übers Meer
+ Und treffen dich und packen dich, -- --
+ Du willst Minister sein
+ Über das Unterrichtswesen?
+ Ja, schläfst du denn,
+ Oder bist du tot?
+ Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland!
+ Schau doch, wie sie's dort machen! -- --
+ Du tust deine Pflicht nicht!
+ Du siehst nichts und hörst nichts!
+ Tausendmal schon habe ich dir zugerufen,
+ Daß unsere Kinder blaß und elend sind! --
+ Tausendmal habe ich dir schon zugerufen,
+ Daß du nur Lernmaschinen erziehst!
+ Keine Charaktere bildest,
+ Sondern Mollusken!
+ Aber keine Männer
+ Mit Knochen, mit Rückgrat! --
+ Weichlinge, die nachher
+ Den Verführungen im Leben nicht standhalten! --
+ Du bist schuld,
+ Denn du hast dafür zu sorgen,
+ Daß die Schule Charaktere bildet! -- --
+ Hörst du denn nichts?
+ Siehst du denn nichts?
+ Ein Viertel unserer männlichen Jugend
+ Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten!
+ Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen!
+ Durch deine Hand sind sie gegangen!
+ Du hast nicht acht gegeben! -- --
+ Herr Minister!
+ Du hast es geschehen lassen,
+ Daß die teuflischen Gifte
+ So viele krank und elend
+ Und zu Verbrechern gemacht haben! -- -- --
+ Ha, ich weiß, warum du schweigst!
+ Du selbst trinkst gern Sekt
+ Und Weißwein,
+ Aber nur mäßig!
+ -- Natürlich! -- --
+ Aber ich zerre dich,
+ Und die Wellen meines Geistes
+ Sollen dich einengen und klemmen,
+ Wie die brandende See!
+ Und die Wahrheit soll dich pressen,
+ Wie eiserne Klammern!
+ Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein!
+ Und darum lässest du's geschehen,
+ Daß die andern sich
+ In Bier und Branntwein berauschen! -- --
+ Ein Wort von dir,
+ Und der Kaiser würde
+ Mit dem Beispiel vorangehen,
+ Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen,
+ Und die Brauer und Brenner
+ Würden dir fluchen,
+ Aber die Mütter dich segnen! -- --
+ Und warum lässest du
+ Die Kinder verderben?
+ Warum kannst du nicht einsehen,
+ Wo die Quellen des Übels,
+ Der Krankheiten,
+ Des Elends
+ Entspringen? -- --
+ Du verschleuderst deine Kraft
+ In Kleinigkeiten,
+ In Quengeleien und Disziplinarverfahren! --
+ Doch nun ergreife die Axt
+ Und leg' Hand
+ An die Wurzel des Übels,
+ Wenn du Herr sein willst
+ Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! -- --
+ Nun wohl, die Quelle alles
+ Übels und Unheils
+ Ist Unterdrückung der Freiheit,
+ Die Mollusken erzieht
+ Statt Männer! -- --
+ Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung,
+ Daß sie Einsicht bekommen,
+ Was gesund ist und gut,
+ Daß sie gefeit werden
+ Gegen die Sünde,
+ Die sie krank und elend macht! --
+ Dulde nicht,
+ Daß unsrer jungen Mannschaft
+ Durch diese Kreuzspinnen
+ Von Wirten und Brennern und Brauern
+ Das Mark
+ Ausgesogen wird!
+ Und vor allem:
+ Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen,
+ Warme, lebendige Liebe,
+ Und noch einmal Liebe! -- --
+ Du bist schuld an all dem Elend!
+ Hast du denn Liebe?
+ Nein, du bist träge und stumpf
+ Den Zeichen der Zeit gegenüber! --
+ Aber ich will dich rütteln,
+ Und dich in die Wellen hineinziehen!
+ Du mußt sie spüren, -- -- --
+ Gib acht!
+ Die Brandung wird so stark werden,
+ Daß sie dich zerschmettert,
+ Wenn du nicht auf mich hörst! -- -- --
+
+Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er
+donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die
+schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten.
+Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller
+Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich
+ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes
+Vaterland.
+
+Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die
+Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein
+triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang,
+hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne
+Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war,
+sang mit:
+
+ Über die Matten, über die Sande
+ Streichet die Möwe hin zum Meer;
+ Über die Heiden, durch die Lande
+ Irr' ich wandernd hin und her.
+
+ Nach dem Lieb mein unter den Linden,
+ Wie sie ruht an meiner Brust,
+ Nach den meeresfrischen Winden
+ Geht mein Sehnen, meine Lust.
+
+ Über die Heiden, durch die Lande
+ Zieh' ich mit dem Wanderstab;
+ Ach, der Heimat süße Bande
+ Halten fest mich bis zum Grab.
+
+Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm,
+mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir
+vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens
+hindurchführt.
+
+Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.
+
+Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und
+süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir
+im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden
+Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste,
+wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide
+streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir
+blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche
+in die Luft.
+
+Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder
+angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer,
+langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, --
+meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen -- oft genug hatte
+ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische
+Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten.
+So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die
+Jugendzeit doppelt heimisch.
+
+Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das
+mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber
+eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter
+und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein
+Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe
+geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes
+Distelblatt, -- Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen
+und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses
+Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte
+Hoffen.
+
+Und da kam die Zeit der Trennung, -- ich mußte hinaus in die Fremde,
+die Kräfte wollten wachsen, -- ich mußte die Welt sehen, hinaus,
+hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder
+zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie
+stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute
+der Heimat schätzen!
+
+Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die
+Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen
+Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch
+nicht in der Stadt -- dahin paßte der freie Falke nicht, -- da hätte
+er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen,
+weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da
+fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig
+und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und
+Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, -- dahinein führte
+er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste
+Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam
+ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.
+
+War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!
+
+Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern
+der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein
+geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von
+deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen
+Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen
+umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten
+landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes.
+Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; -- doch
+halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten,
+der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen --
+Einzelhäuser für Arbeiter --, damit sie sich leicht aussuchen können,
+was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.
+
+In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten
+her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen
+zu heißen, -- halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und
+Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar,
+als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei
+aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine
+Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht
+sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren
+Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen
+Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an
+die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten
+Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, -- Emma, deine
+Rosen müssen noch Wasser haben, -- Rudolf und Ernst, wird das neue
+Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«
+
+Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken
+kunstfertig gefügt, -- die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden
+zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht
+hatte.
+
+Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser
+tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem
+Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste
+zum Gesang, -- alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit
+und Leben.
+
+Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter,
+Kinder, -- das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie
+hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.
+
+Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen;
+froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag
+Sonnenschein.
+
+Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: -- »Hast
+Arbeit?« -- »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« -- »Bin fremd
+hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte
+drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der
+Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der
+Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in
+der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen
+dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen
+nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie
+irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind,
+während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.
+
+Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern
+und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr
+Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig
+auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten
+waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger
+wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen
+mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den
+Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf,
+raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das
+nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu
+schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand
+ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele
+warme Bruderhände wachsen, -- wir können sie brauchen! Über der Tür
+meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung:
+»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's -- was die Seele des
+Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!
+
+Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen
+Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und
+Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, -- überall, überall das
+nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen,
+ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen,
+sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber,
+daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des
+Menschempfindens, die über uns gekommen ist!
+
+Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit
+Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief,
+als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen
+hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses
+und der Erbitterung wurde.
+
+Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können,
+wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk
+geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall
+oder Alter oder Verlust des Ernährers, -- keine Arbeiterversicherung
+mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen,
+Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die
+alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was
+wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit
+geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen,
+daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell
+zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder
+Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen,
+daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden
+aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und
+verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.
+
+Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in
+das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der
+Erbitterung daraus trank.
+
+Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges
+Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.
+
+Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich
+ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das
+Gerüst den Ernährer geraubt hatte.
+
+Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem
+Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.
+
+Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich
+sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und
+ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den
+Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und
+der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es
+mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der
+anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht
+ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre
+Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und
+Zweck des Lebens geworden.
+
+Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das
+Stampfen der Maschinen.
+
+In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art,
+aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen
+Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten
+diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an
+unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus
+unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller
+Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet,
+und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir
+die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.
+
+Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich
+mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein
+Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner.
+Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, -- sie
+verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk,
+ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber
+zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, --
+er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn
+seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens
+hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind
+wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen
+Volkes.
+
+Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die
+Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam
+die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden
+aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit
+ihr.
+
+Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf
+dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die
+Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer
+wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu
+Gott!
+
+Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus
+und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und
+erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.
+
+Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten
+wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können,
+-- Wellenkreise auszusenden, -- Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer
+neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt
+haben würde.
+
+Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von
+Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und
+erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall,
+zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch
+Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen
+gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir
+wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.
+
+Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich
+durchstreifte.
+
+Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die
+Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen
+Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen
+den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die
+Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.
+
+Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers
+stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die
+sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe
+zieht in mich ein.
+
+ Sieh, ich ziehe meine Kreise,
+ Und ich leb' in meiner Weise,
+ Ruf' und banne meine Geister,
+ Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.
+
+ Schicke sie in ferne Lande,
+ Laß sie knüpfen neue Bande,
+ Laß sie alte fester binden,
+ Laß sie neue Pfade finden!
+
+ Und so leb' ich, wirkend, strebend,
+ Mich an's End' der Dinge hebend,
+ Bis der Weltenherr der Geister
+ Mich auch ruft, mein Obermeister.
+
+Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo
+ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich
+wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.
+
+Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn
+es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er
+von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und
+drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht
+wissend wohin, erzitternd stand.
+
+Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in
+den Masten und brüllte um den Schornstein.
+
+Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch
+rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff!
+Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, -- wie Kinder,
+die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend
+einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den
+Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken.
+Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya
+verschollen.
+
+Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und
+spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm
+hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von
+ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim
+denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und
+bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm
+pfeift.
+
+Betrunken war keiner. Im Gegenteil, -- sie spielten sehr emsig. Ich
+wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, -- es
+wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben --: »Majestät wirklich
+famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach
+dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte
+und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ -- wirklich famoser Mensch, ganz
+genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden
+Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.
+
+Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein
+Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie
+aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht
+standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will,
+noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich
+konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat
+spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht.
+Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen
+Posten.
+
+Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen
+auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte
+ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an
+die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.
+
+Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte,
+schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, -- ich verstand ihn,
+-- er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst
+vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. -- Durch Sturm und Gischt
+arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in
+der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das
+Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt
+zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde
+Ozean, da, -- oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, -- was
+nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was
+unser gut versorgtes Rettungsboot, -- wenn der eine nicht wollte! Und
+dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, -- gerade
+so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen,
+meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte,
+wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, -- groß,
+unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen
+war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften
+redete, -- als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas
+wissen könne, -- aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen,
+da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, -- und der Knabe,
+der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes,
+seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung
+dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem
+Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand
+erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen
+konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten
+Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien
+gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten
+auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich
+fühlte Gott, -- das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm
+wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine
+Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts
+Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen
+Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor
+ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie
+du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das
+macht unser Leben aus!« -- --
+
+Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des
+Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese
+himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer
+dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne
+sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer
+großen Stille. Und dann war er da, -- ich wußte es, fühlte es, ich
+hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, -- in diesem Gefühl, ein
+Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, --
+darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen
+gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große
+Harmonie sich ständig wiederholen, -- alles, was an uns und in uns
+lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, --
+Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, -- wie jede
+Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die
+ihm möglich ist, -- das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du
+Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die
+Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.
+
+Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen
+hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte
+ich ihn wieder ganz deutlich, -- befreiend, stärkend, wunderbar
+stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, -- nun laß das Schiff
+bersten und das Meer sich auftun, -- daß ich dich gefühlt habe,
+Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. --
+
+Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner
+Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte
+es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag
+der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt
+annehmen, -- das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig
+vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach
+Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst,
+noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und
+ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen
+Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche
+Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung
+unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen
+können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, --
+es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. --
+
+Ja, ja, so ist's, -- in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere
+Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große
+Wellenringe zieht, gute oder schlechte. -- Oh, Gott im Himmel, gib, daß
+nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! -- --
+
+Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich
+hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken,
+wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen
+noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines
+anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von
+Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen
+ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen
+wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja,
+wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht
+habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!
+
+Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.
+
+Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was
+hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir
+Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt
+gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und
+wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter
+wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen
+kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich
+nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben
+wollen in Werken der Liebe, -- und wie oft hatte ich ihn vergessen!
+Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des
+Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten,
+-- was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? --
+Doch still, was war das, -- heute war ja daheim Gustavs erstes großes
+Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der
+herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft
+zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu
+neuem Leben. Und nun? --
+
+Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? -- Deutlich hörte ich
+weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner
+geliebten Orgel, -- und deutlich vernahm ich von einer weichen,
+seelenvollen Altstimme das Lied:
+
+ Herr, du kennest meine Sünden,
+ All mein Leben ist dir Licht,
+ Woll'st dich doch nicht von mir wenden,
+ Herr, verlaß mich Sünder nicht!
+
+ Wohl, ich kannte die Gebote,
+ Die du uns gegeben hast.
+ Ja, ich hab' sie übertreten,
+ Hätte sie vergessen fast.
+
+ Doch nun kam ich zur Besinnung,
+ Sehne mich nach deiner Ruh.
+ Herr, nun hilf mir wieder werden,
+ Wie dein Ebenbild, wie du!
+
+ Reich mir deine starken Hände,
+ Ziehe mich zu dir empor!
+ Laß mich ruhn in deinem Geiste,
+ Leihe gnädig mir dein Ohr!
+
+ Klar liegt vor mir meine Sünde,
+ Und mir ist so sterbensbang,
+ Vater unser, laß mich hören
+ Deiner sanften Stimme Klang.
+
+ Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen,
+ Jede Strafe ist mir recht,
+ Will gern büßen meine Sünden,
+ Nur erhöre deinen Knecht.
+
+ Nimm von mir die Last der Sünden,
+ Hebe mich in deine Ruh'!
+ Herr, nun hilf mir wieder werden
+ Wie dein Ebenbild, wie du!
+
+Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein
+Herz. Es hilft nichts, -- wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein
+und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte
+und Liebe.
+
+Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt:
+ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber
+die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und
+bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und
+Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr
+gegeben, als ich durfte. -- Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns
+gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, -- ich hatte nicht von
+ihm gelernt, -- so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen
+und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine
+Strafe.
+
+Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim
+Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte,
+drang es wie Trost in meine Seele:
+
+ Lern zu leiden, ohne zu klagen,
+ Erst im Dulden erweist sich der Mann!
+ Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen:
+ Gott ist allmächtig! Denke daran!
+
+ Lern zu leiden, ohne zu klagen!
+ Niemand trägt schwerer als er nur kann.
+ Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, --
+ Gott ist Alliebe! Denke daran!
+
+ Lern zu leiden, ohne zu klagen,
+ Sieh nicht dein Leid als das schwerste an!
+ Sieh als Prüfung an deine Plagen, --
+ Gott ist allweise! Denke daran!
+
+Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:
+
+ Wenn ich gestorben bin,
+ Sollt ihr nicht trauern!
+ Frei aus den Mauern
+ Schwingt sich mein Geist
+
+ Wenn ich gestorben bin,
+ Sollt ihr euch freuen:
+ Mögt ihr euch scheuen,
+ Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.
+
+ Wenn ich gestorben bin,
+ Fort mit den Tränen!
+ Schwächliches Sehnen, --
+ Bin ja bei euch!
+
+ Wenn ich gestorben bin,
+ Führt mich der Meister
+ Schaffender Geister
+ In sein großes, himmlisches Reich!
+
+Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe
+erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie
+ein Abschiedsgruß an die Menschen.
+
+ Aus der Fülle meines Seins
+ Wollt' ich euch beschenken,
+ Drückt' den einen dies und eins,
+ Wollte keinen kränken.
+
+ Habe Sonnenschein gesät,
+ Nicht um selbst zu ernten, --
+ Samen, den kein Wind verweht,
+ Zeiten, den entfernten!
+
+ Vom Unendlichen geborgt,
+ Mögen sie's erwerben:
+ Hab' für Enkel treu gesorgt,
+ Will nun ruhig sterben!
+
+Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein
+wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.
+
+Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir,
+ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug
+die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich
+sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen,
+triumphierend und singend:
+
+ Den Starken und Klugen gehört das Recht,
+ Den Feigen und Schwachen die Nacht;
+ Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,
+ Sich selbst erhalten, die Macht.
+
+ Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt,
+ Und der Sturm seine Schwingen bricht,
+ Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt,
+ Ich fürchte die Brandung nicht!
+
+ Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt
+ Manch fruchtbaren Acker Land;
+ Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt
+ Mit unermüdlicher Hand.
+
+ So entstand einst der Deich!
+ Und bezwungen das Meer!
+ Und gebrochen der Wogen Schlacht!
+ Doch heute noch gilt, ist's lange auch her:
+ Dem Starken gehöret die Macht!
+
+Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, -- was war das? Ich rieb mir
+die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, -- ich war wach,
+wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das
+alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die
+Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören,
+wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der
+Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich
+aus dem Bette, die Tür aufgerissen, -- wahrhaftig, lachend und singend
+wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der
+furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber
+alle Not und Gefahr! -- -- --
+
+Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie
+von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der
+Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von
+uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige
+leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, -- war es
+Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es
+schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde,
+laue Lüfte umwehten uns, -- den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen
+die Heizung abgestellt, -- wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf
+kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob
+auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm
+dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und
+Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter
+Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich
+der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab
+und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr
+Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben,
+wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre
+Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre
+Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden,
+-- haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu
+stellen, wie es ihnen paßt?
+
+Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft.
+Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu
+regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer
+Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und
+Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; -- kam dann die
+Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere
+jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere.
+Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur
+Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte,
+und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn
+sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück
+zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was
+verbrochen hätten; -- du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch
+nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, -- ich stelle die
+Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen
+sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die
+ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und
+Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie
+ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt
+auch nicht frieren!
+
+ * * * * *
+
+Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! -- Fast hätte ich
+die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele
+wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den
+Röhren, -- aber was war das? Die Seele war nicht tot, -- strahlende,
+wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender
+Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die
+Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend!
+Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne,
+keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte
+sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und
+wärme und helle, da tut es not!
+
+Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid,
+verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so
+selbstsüchtig, -- strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr
+Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!
+
+Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein
+Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte
+Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der
+erste Offizier kam und reichte mir die Hand --: »Nun sehen wir unsere
+Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts
+Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest
+zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie
+und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann
+tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch
+gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist
+das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«
+
+Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in
+Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am
+Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei
+Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die
+Locken streichend:
+
+ +Enfant de mon amour,
+ Bienfait par Dieu,
+ Tu es ma vie,
+ La fleur de mes yeux!+
+
+ +Enfant de mon amour,
+ Fille de mon coeur,
+ Tu es mon âme,
+ Tu es mon bonheur!+
+
+Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr
+Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt
+französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich
+wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich
+betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist
+vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben
+gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun
+will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen.
+Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle
+kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle.
+Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns
+und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte
+ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle
+ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder
+so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen
+Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude
+und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als
+ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen
+Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf,
+das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst
+die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen
+mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr
+Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als
+ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin
+zurechtzufinden.
+
+Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein,
+keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei?
+Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath
+in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95
+Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank
+durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur
+bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen
+kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann
+das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen,
+wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein
+Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau
+als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und
+Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die
+Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und
+unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu
+gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,«
+eiferte die junge Mutter, -- »ich bin ja freilich katholisch, aber das
+ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor
+Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der
+Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten
+zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die
+Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von
+Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn
+diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen
+das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?«
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die
+Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt
+deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den
+Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was
+für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?«
+»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine
+Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann
+bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf.
+Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel
+denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz
+Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften
+wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien
+ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil
+ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin
+Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen
+Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.«
+»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum
+Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein
+Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst
+der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem
+Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber
+schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die
+Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen
+Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt
+hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der
+Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des
+Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.
+
+Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war
+bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert.
+Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der
+Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife,
+augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand
+darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem
+langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung
+dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den
+die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während
+des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das
+Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine
+Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten
+hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in
+seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er
+ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und
+was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften
+könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm
+hinüber, daß ihm ganz warm werde.
+
+Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was
+wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen
+auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes,
+spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an
+dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue
+der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen,
+sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige
+Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen
+ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir
+sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft
+und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser
+zarten, geistigen Dinge, -- eben durch unser vieles Genießen. Und hier
+ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht
+kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt,
+allen Tand des Lebens von sich getan hat, -- er genießt mit stiller
+Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten
+ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues
+Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, -- ich wollte, ich könnte
+unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind
+diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die,
+ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht
+nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille
+Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch,
+wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich
+euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme,
+eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser
+Zeit verdrängen helft.
+
+ * * * * *
+
+Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr
+erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland,
+die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit
+dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den
+überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die
+Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer
+werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines,
+leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am
+Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken,
+allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch
+ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen
+wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht
+und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?
+
+Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein
+blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen
+sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya
+angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den
+Schicksalsstürmen des Lebens.
+
+Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir
+erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner
+Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen.
+Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr
+Lieblingslied sang.
+
+Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden
+freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien
+ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.
+
+Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom
+internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden
+Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas
+Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu
+wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen
+einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem
+Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns
+zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit,
+von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen.
+Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten,
+der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage.
+Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in
+seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. -- Wissen Sie, was
+der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir
+Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für
+die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten?
+-- Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks
+größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der
+Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten
+geantwortet hätte? -- Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck
+vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War
+entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, -- sehr
+guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen
+Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, -- meinetwegen
+könnte es zehn Bismärcke geben; -- äh, muß selbst über meinen Schnack
+lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der
+Seeluft, macht so witzig, -- haben aber vollständig recht. Großartig,
+was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die
+Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die
+Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis
+in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben.
+Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche
+patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen,
+-- genialer Streich, -- wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe
+Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete
+Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun.
+Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr.
+Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe
+von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt.
+Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der
+Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit
+den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen,
+Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen,
+Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. -- alles bringt Geld in unsere
+Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht
+im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen
+Festen, -- wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf
+dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen
+Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines
+Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.
+
+Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der
+Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie
+sank.
+
+ * * * * *
+
+In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten
+von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die
+den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den
+schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.
+
+Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das
+Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.
+
+Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige
+Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.
+
+Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen
+Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die
+Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken
+sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend
+bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben.
+Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer
+von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln
+schnell und sicher die Wogen durchschneiden.
+
+Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser
+Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land
+her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant
+auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden
+Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem
+Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er
+nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk
+und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur
+Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar,
+saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das
+gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem
+Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend,
+jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah,
+jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder
+reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser
+Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih
+und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die
+Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und
+meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere
+beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen
+die Leute. Es stimmt. -- Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll
+Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die
+braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn -- in
+die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.
+
+Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um
+diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem
+Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern
+angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden
+sich die Paare jubelnd zusammen.
+
+Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch
+unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste
+fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und
+meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe,
+tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie
+wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten
+lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich
+verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land
+gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für
+die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker
+wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber
+was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das
+wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.
+
+War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so
+groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt
+werden, selbst und die Seinen, -- nicht mehr. Aber was darauf wuchs,
+ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte
+Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur
+nicht die ewige, entsetzliche Angst, -- um Gotteswillen, wovon soll
+es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend
+ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde
+der Menschheit verloren gegangen, -- als ob kein Platz mehr für die
+Menschen auf der Erde sei! -- --
+
+ * * * * *
+
+Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des
+Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama,
+-- die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da,
+leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder
+sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder
+scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen
+hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen
+Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut
+zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt
+neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst
+hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl
+das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte
+reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!
+
+Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:
+
+ Ich möchte die Sonne sein,
+ Die alle Seelen auf Erden wärmt,
+ Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, --
+ Die Sonne möchte ich sein!
+
+ Ich möchte die Sonne sein. --
+ Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond!
+ Doch, die Wärme spendend am Himmel thront,
+ Die Sonne möchte ich sein!
+
+ Ich möchte die Sonne sein,
+ Die die Welt erfüllet mit Liebesglut,
+ Zum Leben erweckend, was licht und gut, --
+ Die Sonne möchte ich sein!
+
+In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den
+Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die
+dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des
+Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben,
+von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier
+die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß
+setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die
+Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter
+Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum
+Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist
+nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei
+verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor
+Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land
+der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge
+dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier
+fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte
+frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks
+treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis
+den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter
+liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so
+daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber
+hier? -- Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser
+auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien
+als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher
+Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend,
+sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.
+
+Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in
+Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich
+nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese
+aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie
+haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande,
+das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten,
+herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden
+hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter
+führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß
+der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich
+befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer
+reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein
+Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden.
+Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer
+Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft
+neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen,
+Schulen, -- aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden
+sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle
+diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre
+Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund.
+So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese
+Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos
+erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, -- und die Masse muß ihnen
+fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder
+und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu
+Fürsten des Geldes, -- und die Menge darbt.
+
+Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft
+anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen
+Luxus fördern.
+
+Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker,
+die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige
+Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.
+
+Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß
+hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort
+unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.
+
+Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben
+entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich
+tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den
+Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt
+haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist
+erloschen. Die Liebe ist tot.« --
+
+Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der
+Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor,
+unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele.
+Und doch, -- war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere
+einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt
+hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?
+
+Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein
+Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade
+zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche,
+Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und
+Feind.
+
+Nein, und tausendmal nein, -- die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den
+Leuchtturm hier gesetzt, -- Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und
+Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.
+
+Schweigend reichte er mir die Hand. -- Nach einer Weile sagte er kurz:
+»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus,
+diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den
+Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« -- --
+
+Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten
+eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel,
+deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen
+erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit
+kleinen Städten. -- Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das
+Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.
+
+»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das
+Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein
+französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt
+fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle
+möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.«
+-- »Und was ist das Wichtigste?« -- »Das Beste und Köstlichste! Sein
+Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und
+der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche
+Gebrauch des Besitzes.« -- »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?«
+-- »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere
+auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das
+ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte
+Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte
+Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und
+Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit
+wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu
+brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor
+dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des
+Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir
+unser Ziel erreicht haben!«
+
+Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen
+geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten,
+mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen
+Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der
+Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und
+wird dabei immer reicher, -- und wie wenig Liebe verschenken die
+Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie
+herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde
+wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu
+schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen!
+--
+
+Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick.
+Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete
+Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und
+oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer
+Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit
+hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles
+überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender,
+goldener Kuppel.
+
+So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal
+seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend
+und doch fast unerreichbar.
+
+Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor
+das liebliche Bild -- wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor
+das Ideal drängen --; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie
+Märchenzauber. Doch nun, was ist das, -- von neuem taucht es empor,
+näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen
+Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster.
+Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen
+sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau,
+wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge,
+das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige
+Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis
+zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz
+und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen,
+machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte
+es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns
+gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner
+gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.
+
+Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren
+Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.
+
+Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig
+beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler
+Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen
+melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.
+
+Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des
+Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die
+Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama
+seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu
+erschließen. -- --
+
+Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht
+von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.
+
+»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? -- »Der
+König muß abdanken.« -- »Warum?« -- »Weil er sein Land ruiniert, wie
+seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch
+seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe
+zu seinem Volke und seinem Lande.« -- »Und wenn er nicht abdankt?« --
+»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger,
+daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst,
+der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«
+
+»Das sind ja nette Grundsätze, -- Sie sind ja der reine Anarchist,«
+ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter
+uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen
+Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um
+Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch,
+die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen.
+Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn
+ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«
+
+Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen
+Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser
+französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines
+beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose,
+ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen
+Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn
+sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren
+seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile
+langsam wieder hochzugehen.
+
+Vor uns lag die Stadt.
+
+Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog
+sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von
+denen die Königspaläste herabschauten.
+
+Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu
+Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen.
+Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr
+von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer
+aufs neue fesselndes Bild.
+
+Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte
+an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns
+und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat,
+in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte
+mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit.
+Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe
+hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten
+Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen
+Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht.
+Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie
+Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf
+der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem
+Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an
+der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell
+als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot,
+das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen
+hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.
+
+Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf
+Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand
+verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer
+aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und
+abführten.
+
+Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die
+Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in
+Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen
+Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war
+inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.
+
+Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger
+Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der
+erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei
+Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und
+die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. --
+
+ * * * * *
+
+Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in
+unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit
+Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank
+machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir
+selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg
+mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne,
+wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen
+Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert
+Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da
+schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase,
+loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«,
+»feiner alter Portwein«. -- Feiner alter Esel, -- Hamburger Sprit
+trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, -- wir selbst haben ihn
+mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du,
+der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine
+Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!
+
+Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit
+bedarf! --
+
+Vor uns lag die Stadt, -- darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen
+des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte
+maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite
+Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte
+sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem
+Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt
+in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen!
+Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser
+des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre
+Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.
+
+Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben
+Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was
+so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern
+oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten
+Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen
+mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und
+wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten
+und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher
+schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der
+Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der
+Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der
+Straßen vornehm, behaglich.
+
+ * * * * *
+
+In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß
+wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie
+wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.
+
+Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit;
+Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und
+droben, -- Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen
+emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte,
+lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und
+eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde
+wiederfindet.
+
+Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem
+Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu
+sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen
+Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt,
+um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem
+Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken,
+Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler
+Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser
+verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen
+plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu
+mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten
+sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen
+Willens.
+
+Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller
+Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; -- die Liebe fehlt
+doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde
+Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im
+Viergespann durchs Land kutschiert.
+
+Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der
+Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt,
+Handel und Ansehen gesunken.
+
+Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal
+dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum
+Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde
+hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!
+
+Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche
+Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht
+sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die
+Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und
+der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt,
+es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß,
+dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel
+die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde
+die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses
+Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht
+der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von
+Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des
+Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und
+Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun
+im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, -- ist's nicht dieser
+ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?
+
+Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der
+hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum,
+mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so
+machtvoll und eindringlich wirken.
+
+Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu
+einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir
+müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer
+Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie,
+wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst
+zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit
+so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie
+unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht,
+immer höher und höher hinauf zur Vollendung.
+
+Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das
+Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens
+verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst
+Liebe sein, -- denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.
+
+Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie
+geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder
+mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die
+Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr
+vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte
+der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die
+Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem
+Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, --
+hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! -- Das sagte der Stein in
+tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns
+als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. --
+
+Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um
+leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.
+
+Seltsam, -- wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt
+ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe
+ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und
+seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts,
+himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten
+zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre
+Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich
+zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie
+in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden
+auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die
+Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft
+in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele
+plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch
+im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den
+herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in
+Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die
+stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen
+Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu
+Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben
+bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.
+
+Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. -- Ich sitze am
+Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die
+der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach
+oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling
+sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung
+bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen
+aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal
+gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit
+noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine
+der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie
+soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber
+immer wieder aufwärts führt zur Höhe.
+
+Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die
+Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.
+Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so
+klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen,
+sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer
+nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in
+seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des
+Kreises und des Dreiecks.
+
+Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen:
+werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von
+Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das
+du dir gesetzt, -- du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht,
+groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr
+erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die
+ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben!
+Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie
+einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast
+keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es
+noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein
+schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, --
+nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt!
+Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!
+
+Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, -- wollen
+Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen
+verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein
+in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal
+wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden
+Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, -- und
+kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das
+ist's, -- der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem
+Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses
+stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre
+stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.
+
+Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, -- fort
+mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung,
+-- baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure
+Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum,
+Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre
+Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! --
+
+»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich
+die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.
+
+Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und
+die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren,
+wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf
+der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er
+aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche
+Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner
+Mitreisenden für sich nutzbar machen.
+
+Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische
+Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte
+er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem
+Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele
+mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in
+ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des
+Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt,
+-- bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und
+dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster
+so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben
+verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.
+
+Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und
+wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das
+sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen
+Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich
+durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind
+die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese
+gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler
+die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der
+Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem
+Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber
+sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die
+dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden
+des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten,
+die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir
+anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen,
+der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt,
+das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal
+doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien,
+wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der
+Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um
+schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« --
+
+Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte
+keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines
+Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte
+keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er
+hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.
+
+Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den
+sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es,
+das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen
+Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte.
+--
+
+Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen,
+bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel
+an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land
+hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und
+Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende
+Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.
+
+»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln
+eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer
+bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus,
+offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich
+amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich
+zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten
+der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer
+Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen
+Ritterdienst.
+
+Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde
+von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich
+entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien
+einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm
+empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller
+Hoffnung schied sie von den Ihren!
+
+Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um
+dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers
+zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und
+starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie
+er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen
+Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.
+
+Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und
+teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre
+Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den
+Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder
+schliefen auf Deck in der lauen Luft.
+
+Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir
+hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von
+Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in
+warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der
+Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen
+Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da
+ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm
+ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in
+unsere Stimmung.«
+
+Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender
+Stimme im Volksliedton ihr Lied:
+
+ Auf hohem Berge ein König thront
+ Mitten im grünen Wald.
+ Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ Des Königs Volk im Tale wohnt
+ Weitab vom grünen Wald.
+ Viel Krankheit gab's und Elend und Tod
+ Weitab vom grünen Wald.
+
+ Der König täglich zu Tale schritt
+ Wohl durch den grünen Wald.
+ Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit
+ Wohl durch den grünen Wald.
+
+ Er sorgte sich um des Volkes Troß
+ Weitab vom grünen Wald.
+ Und linderte Elend und Krankheit und Not
+ Weitab vom grünen Wald.
+
+ Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück
+ Wohl durch den grünen Wald.
+ Da saß am Wege ein Bettelkind
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein
+ Mitten im grünen Wald,
+ Laß mich deine Magd im Walde sein,
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ Die Welt ist gar so laut und hart
+ Weitab vom grünen Wald,
+ Sie versteht nicht meines Herzens Art
+ Weitab vom grünen Wald.
+
+ Ich will dir dichten manch Märlein fein
+ Mitten im grünen Wald.«
+ Da nahm der König sie bei der Hand
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ Und wiederum schritt der König zu Tal
+ Wohl durch den grünen Wald.
+ Da trat zu ihm eine schlanke Maid
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ »Die Welt verstehet nicht mein Lied
+ Weitab vom grünen Wald.
+ Sie ist so elend, krank und laut
+ Weitab vom grünen Wald.«
+
+ Ihr Leid des Königs Herz umzieht
+ Mitten im grünen Wald,
+ Daß er auch ihr ein Hüttchen baut
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ Und wiederum ein drittes Mal
+ Mitten im grünen Wald,
+ Der König ging zum Volk im Tal
+ Wohl durch den grünen Wald.
+
+ Ein Weib im weichen Moose saß
+ Mitten im grünen Wald,
+ Mit Tränen in einem Buche las
+ Mitten im grünen Wald.
+
+ »Wer bist du,« fragt der König sie,
+ »Mitten im grünen Wald?
+ Was führt dich her vom grauen Tal
+ Hinauf zum grünen Wald?«
+
+ Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl
+ Wohl durch den grünen Wald.
+ »Die Welt, sie hat verstoßen mich,
+ Weitab vom grünen Wald.
+
+ Die Weisheit bin ich, sie hassen mich,
+ Weitab vom grünen Wald.
+ Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir
+ In deinen grünen Wald.
+
+ Und schenkst du mir ein Plätzchen hier
+ Mitten im grünen Wald,
+ Ich helf dir, König, bei deinem Tun
+ Mitten im grünen Wald.«
+
+ Da baute der König ein Hüttlein ihr
+ Mitten im grünen Wald.
+ Und Zauber schritt mit ihm fortan
+ Wohl durch den grünen Wald.
+
+ Der Weisheit Rat, des Liedes Klang
+ Mitten im grünen Wald,
+ Der Dichtung Zauber schritt mit ihm
+ Zu Tal vom grünen Wald.
+
+ Und war er müd' vom Werk im Tal
+ Weitab vom grünen Wald,
+ Wohl neue Kraft mit einemmal
+ Spürt' er im grünen Wald.
+
+ Das stolze Schloß verfiel zur Stund
+ Mitten im grünen Wald.
+ Der König wirkte froh gesund
+ Zu Tal vom grünen Wald. -- -- --
+
+Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach,
+-- ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede
+ausging, hatte mich ganz umsponnen.
+
+Da riefen die anderen laut durcheinander, -- der Zauber verflog: ich
+war nicht mehr im grünen Wald -- --
+
+Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.
+
+In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im
+Ozean, -- fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?
+
+Noch eine Wendung nach Osten -- und vor uns in blauem Zauberduft lag
+Madeira.
+
+Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den
+Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich
+die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem
+Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!
+
+ * * * * *
+
+Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.
+
+Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig
+aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün
+der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis
+bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt.
+Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem
+Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen.
+Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin:
+hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes
+Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, -- dann beginnt die Region des
+Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende
+Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in
+zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich
+allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend
+die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu
+umfassen scheinen.
+
+So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis
+der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den
+Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische
+Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen
+lauter Lärm.
+
+Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser
+Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den
+Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel
+abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen
+vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen
+Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend
+in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu
+zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen
+Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser
+schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher
+Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig
+kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten,
+Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar
+glich.
+
+Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren,
+ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat.
+Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert
+von einem Zechgelage von gestern. --
+
+Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der
+vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art
+offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in
+einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue
+Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche,
+noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder
+streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins
+Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark?
+Sie mußten wirken, -- nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der
+Kraft!
+
+Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch
+zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.
+
+Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten,
+zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau-
+und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern
+rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen
+Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen -- ein Garten
+Eden.
+
+Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich
+mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle
+ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne
+gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der
+Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie
+wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen
+Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres
+Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren
+Körper.
+
+Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr,
+-- sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an,
+-- ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, -- da
+beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun
+raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt
+er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende
+Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein
+leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich
+ihre Augen in die des Gatten senken. --
+
+Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir
+so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr,
+die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit
+Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! -- --
+
+Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein
+Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir
+meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen.
+Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen
+zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge
+zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich
+waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das
+Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht
+der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts,
+immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich
+ein neues, liebliches Tal, -- auf der Insel des seligen Lebens das
+Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher
+gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten
+Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen
+aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem
+Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.
+
+Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein
+märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit,
+umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen
+den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei
+weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang
+vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das
+Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan.
+Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den
+Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den
+Pfad. Steiler führt er bergan.
+
+Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können,
+eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.
+
+Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.
+
+Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen
+bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der
+Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei
+meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.
+
+Jetzt weiter dem Gipfel zu.
+
+Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort
+hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß;
+kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die
+Wolkenschichten, die Nebelschleier, -- zu meinen Füßen der Wald, --
+noch eine Steigung, -- endlich, endlich am Ziel.
+
+Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und
+Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit
+seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen
+das ewig blauende, reine Meer -- da fällt mir ein, wie ich vor Jahren
+hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von
+Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt,
+und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und
+Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre
+Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite
+schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem
+Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, -- hinüber in
+das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und
+Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich
+klein, -- mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war:
+die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend
+zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen,
+Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel
+von Osten nach Westen reichten, -- Schwingen und Hände, die vom Süden
+bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.
+
+Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer
+in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten
+und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und
+da ein Größerer, -- und dort, alle überragend und beherrschend, wie
+der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen,
+stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich.
+Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der
+Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.
+
+Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich
+war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus
+ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier
+heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele
+gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt --
+was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst
+von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur
+Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster
+Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch
+menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen
+schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in
+Elend und Tränen und Gram.
+
+Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der
+Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im
+Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, -- ich mußte es
+ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was
+mich schier erdrückte, -- und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier,
+von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als
+ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, -- mir war's, als ob der
+Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so
+daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See
+der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land.
+Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:
+
+ »Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
+
+Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther
+und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
+Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um
+dein Volk, um die Menschheit!
+
+Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an
+Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, -- dir ebenbürtig
+als Freier, Starker! So mußt du mich hören!
+
+Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen
+und Millionen kennen dich nicht, -- wie du sie nicht kennst! Wen
+kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar
+Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich
+nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen
+kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst
+du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich
+freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?
+
+Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du
+sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos!
+Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit
+ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen?
+Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und
+schaust selbst nach?
+
+Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder
+im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein
+Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es
+ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.
+
+Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen
+Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine
+Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze
+bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!
+
+Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt!
+Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und
+schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich
+zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du
+ihnen befohlen!
+
+Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden,
+die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? -- Nein?
+-- Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von
+Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst,
+und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in
+den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. -- --
+
+Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der
+Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du
+wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir
+alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach
+verkommt! -- --
+
+Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in
+der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren,
+die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die
+Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, -- sie stinken, wie Kloaken!
+-- --
+
+Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung!
+Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber
+deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus
+war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein
+Volk nicht.
+
+Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur
+Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.
+
+Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie
+haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber
+hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie
+über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen,
+die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!
+
+Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt
+es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und
+du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst,
+so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei
+Purpurmäntel übereinander anziehst!
+
+Lern dein Volk kennen!
+
+Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine
+Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!
+
+Deine Demut sei deine Größe!
+
+Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.
+
+Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt
+in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!
+
+Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das
+Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht
+unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus!
+Härte und Hochmut erzeugen Haß!
+
+Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen
+Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen,
+wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine
+Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich
+zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem
+Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens!
+Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« -- --
+
+War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen,
+der rauschte? -- Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen?
+War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der
+Heimat brach? -- Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die
+Luft. -- Er mußte mich gehört haben, -- tausendfach rollte das Echo
+durch die Luft dahin, -- ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab
+sie weiter, millionenfach sie verstärkend. --
+
+»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und
+Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue
+um dich, die in Sorgen um dich sind. -- Deine Schmeichler und Höflinge
+zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! -- Ich aber stehe inmitten
+eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht
+lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! -- Oh, lern es
+kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die
+Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch
+deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt!
+Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« -- --
+
+Wunderlich, -- noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als
+ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die
+leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern
+trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so
+voll von neuen Hoffnungen und Kraft, -- ich fühlte es, ich war genesen!
+
+Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel
+zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun
+noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu
+meinem Volk zurückzukehren!
+
+Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!
+
+So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich
+wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel
+gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der
+Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich
+ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.
+
+Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor.
+Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, -- der Deich mit
+seiner Jasminlaube, -- die Heide mit ihren wilden Rosen, -- in Träumen
+schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu
+einer Heiligen betete.
+
+Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen
+Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes
+Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd
+ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen
+uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum
+zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, -- ich mußte
+sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da
+hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.
+
+Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!
+
+Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.
+
+Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel
+erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich
+nicht zu übermannen.
+
+Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein
+blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim,
+-- und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein
+Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich
+mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte
+sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.
+
+Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und
+war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme.
+Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und
+sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.
+
+Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm.
+Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das
+Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und
+vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme
+aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.
+
+Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den
+Menschen so ganz allein?
+
+Nein, und tausendmal nein, -- ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch
+Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter
+und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und
+undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich,
+ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.
+
+Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang
+seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum
+letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse
+ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:
+
+ O Urleid du, von Menschheit Anbeginn,
+ Du Urquell aller Schmerzen!
+ O Scheiden, bittres Meiden du,
+ Du Tod für alle Herzen!
+
+ Hätt' nimmer ich das Glück verspürt
+ Vom glutenheißen Lieben, --
+ Zwar wär ich tot, doch glücklich wär'
+ Im Tode ich geblieben.
+
+ Doch da ich selig nun erkannt,
+ Dieses heiße Lieben und Leben,
+ So will ich getrost bis an mein End'
+ In des Urleids Schmerzen erbeben!
+
+Ja, -- ich fühlte es mit, -- hier verarbeitete ein starker Mensch
+seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein
+Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes
+großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.
+
+Es ist schon so, -- wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung
+mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue
+Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.
+
+Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde
+trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich
+nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen
+Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in
+eine Quelle neuen Glücks?
+
+Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah
+erschrocken blickte er auf.
+
+Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und
+muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge
+auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick
+sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen
+kein Fremder mehr sei.
+
+Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte
+ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem
+Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung
+seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.
+
+Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich
+aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes
+Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz
+verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit
+ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den
+Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun?
+Hör zu!«
+
+Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als
+ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes
+Lied in den Abend hinaus:
+
+ Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du,
+ Du grausames Schicksal, härter als Stahl:
+ Das ist mein Wille, vom Leben gestählt,
+ Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.
+
+ Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt,
+ Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz.
+ Ich aber trug mein schweigendes Leid,
+ Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!
+
+ Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft!
+ Wie eisengepanzert ward mir die Brust!
+ Nicht einmal sahst du am Boden mich:
+ Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!
+
+ Und bürdest du mir das Schwerste auf,
+ Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab',
+ Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein:
+ Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!
+
+Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein
+Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele
+entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!
+
+Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird
+uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie
+der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige
+Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu
+Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz
+besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die
+Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.
+
+Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.
+
+Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz
+hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen.
+Und nun? -- In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles,
+was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.
+
+Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm
+von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne,
+in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan:
+neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.
+
+Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« -- »Und das Häuschen?« -- »Mag's
+ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«
+
+Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem
+Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über
+dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt
+zu.
+
+Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für
+eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein
+Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier
+berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite
+rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten
+wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser
+zauberhaften Natur.
+
+Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das
+Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der
+sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen,
+als ich mit dem neuen Passagier ankam.
+
+Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder
+mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich
+ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde,
+zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf
+von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand,
+drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie
+er murmelte: »Verzeihung, -- eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt,
+-- Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah,
+wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.
+
+Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich
+aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing,
+wo sie auch ging und stand.
+
+Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir
+dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit
+seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue
+Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, --
+die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel
+des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten,
+-- sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie
+nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben
+das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch
+durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem
+Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen
+Ozeans.
+
+Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer
+deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen
+der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine
+Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der
+hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.
+
+Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres.
+Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die
+Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf
+dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten,
+machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der
+Hoffnung.
+
+Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch
+blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf
+Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen
+unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es
+ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu
+können.
+
+Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit
+verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine
+heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.
+
+»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem
+Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld
+mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.
+
+In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen
+prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem
+Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.
+
+In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein
+wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, -- ein Ruck,
+und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend
+verduftete der Held aus Ofen-Pest.
+
+Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und
+wie es im Leben geht -- ein an sich keineswegs welterschütterndes
+Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler
+sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise
+zusammenzuschließen.
+
+Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere
+auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns
+mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll
+empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.
+
+So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen
+sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und
+sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide,
+ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder
+nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie
+immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist
+der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie
+die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die
+sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.
+
+Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im
+steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich
+lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der
+großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.
+
+Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede
+Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend
+zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und
+Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!
+
+So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen
+anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen
+und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu
+erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische,
+nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene
+Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und
+mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam
+zugrunde gehen.
+
+Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis
+beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller
+Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir
+sämtlich die Frage bejahten.
+
+Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, -- was ist die Seele? Ich
+sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.
+
+»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und
+nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu
+ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch
+während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen
+und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt,
+und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.
+
+Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und
+etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und
+nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele
+des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.
+
+Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und
+Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges,
+Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was
+es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt
+ausmacht, und den wir nie ergründen können.
+
+Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner
+Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, -- die sollten
+keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.
+
+›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört,
+nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das
+Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?
+
+Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt!
+Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um
+der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes
+Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit
+ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; -- und all diese
+Geschöpfe sollen seelenlos sein?
+
+Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem
+wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen
+können.
+
+Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, -- -- wie das
+von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch
+so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend,
+zusammenfließen.
+
+Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie
+keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.
+
+Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl
+nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages,
+vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine
+Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit
+Liebe auf den Stein -- mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie
+ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu
+sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht
+so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.
+
+Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt,
+erkennen!«
+
+Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.
+
+Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen,
+schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen
+fröhlich neben dem Schiffe hin.
+
+Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit
+angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand
+und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich
+bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen
+wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen
+Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft
+zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir
+uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.
+
+ * * * * *
+
+Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag,
+sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf
+meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser
+erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf
+dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung
+aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte
+Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.
+
+Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer
+Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen,
+auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und
+Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß
+es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer
+bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen
+und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen
+Schiffskost.
+
+Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere
+wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe
+wir nie ergründen können.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es,
+als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns
+alte Bekannte.
+
+»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte
+plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar
+weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh,
+-- ich habe eine Idee: -- wir setzen uns hier zusammen in die Sonne,
+und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von
+daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und
+da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt
+werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen,
+aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder
+auseinander, -- nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber
+durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die
+Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden
+so reicher, weiser, klüger -- und vielleicht,« fügte sie schelmisch
+lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die
+Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig,
+desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile.
+Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben
+einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns
+hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu
+mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in
+meinem Madeirastuhl.
+
+»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war
+immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.
+
+Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon
+von ihm wußte.
+
+»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der
+schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in
+ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken,
+jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele
+noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid.
+Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre
+Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine
+Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, -- oh, mein Gott,
+wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht
+weich zu werden.
+
+»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin?
+»Doch,« -- fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die
+frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und
+die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den
+letzten Jahren erreicht.«
+
+Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen,
+die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.
+
+»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine
+Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.
+
+Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll
+Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich
+ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte
+und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater
+war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun
+wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war
+in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky
+verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als
+Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.
+
+Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren
+anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein
+elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von
+Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der
+Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen
+liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die
+gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem
+Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt:
+Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden
+Schenktischen.
+
+An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine
+Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen
+Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf
+mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.
+
+Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich
+habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das
+schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der
+Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr
+die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. --
+
+Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile
+Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das
+Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag
+in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer
+an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen
+Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als
+Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart
+verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie
+eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens
+sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um
+in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das
+ihrige zu vergessen.
+
+Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.
+
+Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht
+getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles
+Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen
+Leidenszeit waren.
+
+Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht
+kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf
+die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen
+mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die
+Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich
+ist Schwäche, -- nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der
+Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine
+billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder
+die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet
+haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden,
+sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun
+Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen
+mit Ihm, -- das ist herrlich, -- das ist die Lösung, auf deren Höhe wir
+es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel -- Hölle, wo ist
+dein Sieg!
+
+Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst
+war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere
+Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam
+nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war
+es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und
+meiner Kranken wurde.
+
+Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira
+über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich
+auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die
+liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist.
+Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war
+zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod
+entrissen.« --
+
+»Und ich bin ihre Schwester!«
+
+Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend,
+abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe
+vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von
+Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er
+aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da
+habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr
+Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie
+mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in
+der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.
+
+Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: -- »Hier, nimm
+diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit
+unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das
+Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.
+Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort.
+Man sah, sie brauchte Einsamkeit.
+
+Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend,
+träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß,
+klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin.
+Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es
+bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.
+
+»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach
+sie --, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester
+gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit
+und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der
+Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«
+
+Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir
+den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich
+hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise
+offenbarte.
+
+Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.
+
+Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und
+durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.
+
+Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von
+dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an
+daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines
+Hauses war.
+
+Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der
+sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte,
+gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall
+durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken,
+daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und
+Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil
+hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die
+Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten
+drängen wollte?
+
+Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für
+den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe
+nie gekannt, -- und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und
+von sich gestoßen hat.
+
+Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des
+Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!
+
+Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den
+Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde,
+wenn die Sonne nur auf einen Augenblick -- nicht die Sonne wäre! --
+
+Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre
+Aufgabe erfüllt. --
+
+Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man
+Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie
+dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir
+waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander
+sehnenden Menschenherzen.
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer
+unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten
+einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los
+an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist
+etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer
+machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder
+einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist
+ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar
+feiern müssen.
+
+»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser
+Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre
+noch Platz genug.«
+
+»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der
+Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer,
+die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter,
+die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl
+polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide
+das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat
+aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir
+hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien
+Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu
+begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen
+auch nicht wieder los.
+
+Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren
+Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, -- nicht wahr, Schatz?«
+und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und
+zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, -- »aber wenn
+sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts
+mehr in der Welt.
+
+Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung
+mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer
+nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische
+Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe
+zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie
+unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser
+gewesen.
+
+Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster
+Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade
+dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und
+bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine
+neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel
+aus unserem Menschenleben lernen. -- Wie einst bei uns in Hannover,
+so geht's wohl überall in der Welt, -- in Elsaß und Lothringen nicht
+anders als in unseren Kolonien, -- schließlich ist die Liebe doch eine
+stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«
+
+»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker
+durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner
+hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen
+erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der
+eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll
+Liebe und Gerechtigkeit.« --
+
+Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in
+mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die
+Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden,
+-- aber seltsam, -- gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft,
+wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, --
+an denen wir merken, daß der Frühling kommt. -- Ist es das, was den
+Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«
+
+Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des
+Geistes, der nach Liebe hungert.
+
+Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, -- oh, er war
+gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der
+Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.
+
+Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener
+preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten,
+die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der
+Liebe! --
+
+Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es
+nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!
+
+Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht
+vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! -- -- --
+
+»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte
+sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft
+niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder
+gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen,
+das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe,
+und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch
+ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide
+ahnen läßt.«
+
+Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich
+verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer
+weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie
+seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.
+
+Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie
+starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im
+Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! -- --
+
+ * * * * *
+
+Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren
+Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen
+Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den
+feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen
+Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß
+den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom
+Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!
+
+Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend
+brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt
+und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das
+ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte,
+wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, -- endlich
+erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte
+die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich
+erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim.
+Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir
+ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt
+sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große
+Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«
+
+Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin:
+ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick,
+das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf
+wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus
+der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen
+am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit
+ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines
+Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal
+sehen!« -- Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der
+Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen
+Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion.
+Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der
+zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, -- während
+ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt
+die Kirche nieder, die wir alle so liebten! -- --
+
+»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« -- »In der Heimat,« erwiderte
+ich, -- »das Heidemärchen hat's mir angetan.«
+
+Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem
+Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.
+
+Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das
+Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, -- aber wie
+ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel
+hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah
+ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. -- --
+
+Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu
+erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der
+Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.
+
+Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes
+Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um
+den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.
+
+Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner
+Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze
+künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser
+künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug
+die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen
+Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel
+empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns
+alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir
+eins sind mit dem All.
+
+Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in
+Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen,
+um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur
+einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren.
+Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den
+ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die
+Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre
+Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.
+
+Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche
+geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit
+strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!
+
+ Liebe, du bist die Mutter der Kraft!
+ Liebe, du bist die Mutter der Tat!
+ Liebe, sei mit uns! -- -- --
+
+Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer
+Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom
+Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der
+kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat
+hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein
+Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich
+denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über
+die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau,
+ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im
+Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. -- --
+
+Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor
+mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten
+Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt
+und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört
+es auch mit in meinen Reisebericht, -- als ein Bindeglied im Geiste
+zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein
+Sehnen trug.
+
+ * * * * *
+
+Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den
+abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst
+hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe
+geführt. Ja -- es war offenbar -- sie gaben sich alle Mühe, die durch
+Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.
+
+Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.
+
+Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich
+flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne
+Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die
+deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten
+sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte
+sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde
+wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der
+Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.
+
+Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah
+schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten
+Gesichtern, -- und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die
+sich grämten und schämten über Grauen und Elend. -- -- -- Der Geist der
+Tat war weggespült mit Bier. -- --
+
+Es war eine schlimme Nacht. --
+
+Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich
+erwachte. -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und
+reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt.
+Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen
+und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die
+»+soupe de galienas+«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und
+die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren
+Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre
+Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen,
+rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz,
+und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls
+beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und
+die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im
+Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
+
+Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte
+an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk
+wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand
+an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah
+das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten
+Wurzelgeflechte.
+
+Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern,
+-- nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, -- nein, fröhliche,
+frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese
+feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen
+Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch
+und freudig herausleuchten. -- Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du,
+daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben
+im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit
+deiner Macht! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er
+begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr
+wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das
+Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende
+Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum
+Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer
+Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie
+eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden
+stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den
+fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
+
+Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten
+Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur
+auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das
+intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen.
+Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen,
+am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung
+hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem
+sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers
+Meer zu wandern.
+
+Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
+
+Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner
+handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus
+eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen,
+energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter.
+Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine,
+klug, kannte die halbe Welt, -- aber sie war eine Kokette, kalt und
+sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
+
+Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens
+der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel
+vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und
+seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen
+Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
+
+So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des
+Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre
+innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib
+hatte es auf mich abgesehen.
+
+Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen
+Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle
+an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich
+immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, --
+unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in
+dem zukünftigen Staate jener.
+
+Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
+
+Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser
+schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38
+Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da
+habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen,
+wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst
+nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach
+Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen.
+Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können,
+wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des
+Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so
+erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser
+Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut
+durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen;
+das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland
+schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge,
+Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden
+wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll
+nach innen und außen.
+
+Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will
+ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe
+überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem
+Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die
+meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich
+fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und
+geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei,
+so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren
+konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich
+leben, ich solle nicht die weite Reise machen, -- fast hätte sie Gluten
+in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich
+los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«
+
+Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick
+nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille
+Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten,
+der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.
+
+Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten,
+standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so
+hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde,
+fast jedes Wort.
+
+Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war
+eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine
+kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den
+Raum hinaussang:
+
+ Ich kenn' dich nicht mehr,
+ Und ich mag dich nicht mehr, --
+ Wir haben die Rollen vertauscht!
+ Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt,
+ Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt,
+ Ist meine Liebe verrauscht!
+
+ Einst warst du mir meine Märchenblum',
+ Die blaue, am Meeresstrand, --
+ Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort
+ Und weißen, toten Sand.
+
+ Einst warst du mir meine Königin,
+ Mein Lebenssonnenschein, --
+ Jetzt höre ich nur in einemfort
+ Das Sterbeglöckelein.
+
+ Jetzt möchtest du wohl,
+ Und jetzt kann ich nicht mehr,
+ Wir haben die Rollen vertauscht!
+ Ich kenn' dich nicht mehr,
+ Und ich mag dich nicht mehr, --
+ Meine Liebe, die ist verrauscht!
+
+Armer Bursche, -- welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? --
+Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles
+Bestehende.
+
+Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, -- ich hörte, wie der, der sie
+handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog
+die Feuertür des Kessels ins Schloß.
+
+Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges
+Lied von der Arbeit.
+
+Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast
+beklemmend unserer bemächtigt hatte.
+
+»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem
+Freund Rheinländer gegangen, -- und doch um vieles anders. Ich bin
+eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, --
+wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher
+Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen.
+Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst
+war kinderlos -- eine Folge jener Liebschaft.
+
+Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie
+um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann
+zu hassen, -- nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart
+hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut,
+nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen
+Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für
+beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.
+
+Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten
+nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von
+ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß
+wir uns voll und ganz verständen.
+
+Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert.
+Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und
+arbeitsfroh, -- irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«
+
+Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung
+bei diesen Worten. --
+
+Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und
+Sichmitteilen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise.
+Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am
+Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang
+es in meiner Seele.
+
+ * * * * *
+
+Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von
+einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:
+
+ Wenn meine Seele die deine sucht,
+ So schwinden Raum und Zeiten,
+ Und schreit' ich einsam durch den Wald,
+ Du wandelst an meiner Seiten!
+
+ Und wenn du noch so fern mir bist,
+ Ich kenn' dein Denken und Fühlen,
+ Und dankbar spür' ich deine Hand,
+ Die mir die Stirn' will kühlen.
+
+ Wenn meine Seele die deine sucht,
+ Und das ist immer und immer,
+ Die ganze Welt mir wonnig ruht
+ In rosigem Hoffnungsschimmer.
+
+ Wenn meine Seele die deine sucht,
+ Dann schwinden Sorg' und Kummer,
+ Du bist bei mir, und selig leg'
+ Ich mich zum letzten Schlummer.
+
+Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet.
+Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde
+Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.
+
+ * * * * *
+
+Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen
+können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat!
+Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, -- so
+konnte und durfte diese nie versiegen.
+
+Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den
+Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat,
+draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen
+der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war
+es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! -- --
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der
+Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von
+Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich
+über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke,
+saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux --
+und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen
+Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk.
+Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister.
+Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases,
+seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was
+Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die
+sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den
+Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag,
+in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für
+unsere Kultur wird.
+
+ * * * * *
+
+Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut
+werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen
+Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der
+zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten
+-- Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt -- und hatten
+sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke
+derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch
+als wundersame Lebensweckerin empfanden.
+
+So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich
+sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen
+sei.
+
+Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem
+Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der
+Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen
+mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der
+Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.
+
+Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar
+geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer
+liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch
+wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen
+Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den
+Erzählungen der Freunde.
+
+Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der
+Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden
+Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust
+zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und
+von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des
+Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich
+nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte,
+wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte
+mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die
+offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das
+Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie
+komponiert hatte.
+
+Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied
+gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut,
+das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß,
+-- viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit,
+-- aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und
+mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung
+lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete
+Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das
+Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches,
+liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und
+meinem Weibe?
+
+Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit
+unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?
+
+Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen
+Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst,
+daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn
+sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht
+sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen
+vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der
+Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten?
+Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel
+Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten
+oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen
+Unfug verursachten!
+
+Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer
+Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte
+nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um
+gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?
+
+Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in
+die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den
+Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und
+doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über
+Vorteil bringen würden?
+
+Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler
+unterstützt, wo und wie sie konnte?
+
+Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler,
+damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter
+dem Bierglas hockten, -- die Schenkwirte und Brauer, die in den
+Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die
+Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch
+das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten?
+Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen
+Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen
+Ungerechtigkeit und Härte.
+
+Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und
+tausendmal nein, -- hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue
+Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung
+einglutetest, -- ich fühle es, -- jetzt schon, -- der Kampf muß zum
+Siege führen! -- --
+
+Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper
+in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber,
+das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften,
+so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind,
+zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf
+schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten,
+aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.
+
+So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und
+Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher
+gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts
+ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses
+Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender
+als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die,
+auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend
+eine Kraftäußerung der Materie.
+
+»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis
+zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die
+Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich
+geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die
+ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des
+Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit
+desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und
+Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser
+Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem
+er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die
+ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.
+
+In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht
+zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt
+werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück
+vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich
+sind.
+
+So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin,
+die in unserem neuen Freunde, -- hier wandte er sich zu unserem
+Österreicher -- wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der
+mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun
+verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das
+auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich
+auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«
+
+Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere
+junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
+drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.
+
+So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete,
+daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast
+sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und
+verschwand.
+
+Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter
+auf, als er bei Tische nicht erschien.
+
+Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«,
+bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil
+sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an:
+»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich
+vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt
+diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?
+
+Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer
+nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es,
+als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem
+aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die
+Regierung nicht.
+
+Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da
+ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk,
+meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird.
+Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich
+macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen
+werden, -- gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich
+macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz
+und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine
+Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein
+Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft
+sieht.«
+
+Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder
+einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam
+mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er.
+»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache
+dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen
+Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist
+neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer
+Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland
+nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen
+Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung
+kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.
+
+So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht
+gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens -- in der
+Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen --, während
+in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse
+hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel
+schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann
+und Weib genügend drangsalierte.
+
+Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder
+unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte
+und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und
+Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen
+gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn
+in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie
+viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen
+dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn
+je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid
+geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« --
+
+Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor
+kurzem selbst alles erlebt hatte. --
+
+»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das
+die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von
+der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge
+Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische
+Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal,
+ins eigene Haus, -- das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!
+
+So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf
+der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes
+Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten
+kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr
+Mann und Weib, Volk und Regierung.
+
+Freilich, -- so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das
+ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, -- dazu ist durch
+unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes
+oben und unten proletarisiert.
+
+Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in
+den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen
+aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz
+bilden.
+
+Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und
+Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit
+ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die
+Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder
+jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten
+hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für
+andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb
+der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo
+sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der
+Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann,
+und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen
+breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark,
+gesund, glücklich, fröhlich, -- unüberwindbar auf jedem Gebiete.
+
+Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder
+aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung
+und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene
+Ausbildung und Bildung verlangen.«
+
+»Bruder, Freund, -- das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!«
+-- »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken
+wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen
+System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier
+ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt
+und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort
+eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein
+hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem
+Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in
+die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.
+
+Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig,
+ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine
+Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall
+schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!
+
+Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen,
+durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz
+und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn
+sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in
+dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt
+uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz
+aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen
+im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut
+werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu
+Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so
+hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«
+
+Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst
+länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn
+der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, -- hier galt eine
+Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles
+Land in eine Oase umwandeln könnte! --
+
+Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue
+Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige
+Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über
+die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner
+Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages
+entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer
+Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob
+er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht
+über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, -- sieh nur, wie mir die
+Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« -- Und ich konnte es nicht.
+Ich ließ ihn laufen -- und seine Kameraden mit. --
+
+Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! --
+
+Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland
+in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große
+Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im
+Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen,
+dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. -- Es muß so
+kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!
+
+Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute,
+Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren
+Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet,
+verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte
+bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis
+gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden
+können, -- und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes
+Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank
+sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich
+füllte, -- die er alle gelesen -- und wie gelesen hatte; hier die junge
+Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während
+sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh,
+es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu
+machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe.
+-- --
+
+Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf
+meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war
+von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er
+schrieb:
+
+ »Lieber Doktor!
+
+ Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und
+ vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.
+
+ Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue
+ es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem
+ ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und
+ so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich
+ Ihnen. -- --
+
+ Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach
+ Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut
+ bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte
+ angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.
+
+ Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in
+ Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde.
+ Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie
+ in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie
+ sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. -- Ich war der
+ Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so
+ grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling
+ dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. -- Durch
+ einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter
+ meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.
+
+ Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer
+ Verbindung -- alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel
+ dafür, -- und mein Weib -- --
+
+ Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht
+ und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe
+ bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf
+ der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur
+ darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt,
+ an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn
+ glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn
+ zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher
+ keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt
+ der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein
+ Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das
+ Weib findet, das an ihn glaubt.
+
+ Ich finde es nicht mehr.
+
+ Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann
+ und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk
+ verglichen.
+
+ Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie
+ Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo
+ die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich
+ attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider
+ Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen,
+ und andere, die überhaupt nicht tönen, -- die tot sind. Und wie es mit
+ den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer
+ Regierung und unserem Volke.
+
+ Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann,
+ schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe
+ gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und
+ die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe
+ und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und
+ verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.
+
+ Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der
+ schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit,
+ das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher
+ Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte
+ schafft.
+
+ Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so
+ geht es dem ganzen schaffenden Volke.
+
+ Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von
+ früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei
+ es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem
+ göttlichen Prometheusfunken!
+
+ Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende
+ gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß
+ Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser
+ Tausende wächst furchtbare Saat.
+
+ Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber
+ es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß
+ verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.
+
+ Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur
+ ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut
+ sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in
+ einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu
+ errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten
+ verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. -- -- --
+
+ Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit
+ einem Fürsten in der Großstadt.
+
+ Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der
+ Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die
+ Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein
+ alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, -- anders wie die Lehrer im
+ russischen Reiche zu sein pflegen.
+
+ Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte
+ er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie
+ die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen.
+ Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem
+ Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft
+ dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.
+
+-- -- Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit,
+als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde,
+ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände
+mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem
+Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu
+Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise
+dachte ich. -- Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am
+eigenen Leibe verspürt. -- Ich las weiter:
+
+ Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen.
+ Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen
+ Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet,
+ man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände.
+ ›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er
+ tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und
+ brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen
+ armen, einzigen Freund in den Tod jagte. -- Die Pulsadern hat er
+ sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd
+ auf seinem armseligen Bette, -- händeringend steht seine alte
+ Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe
+ nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ -- und sein
+ Auge bricht.
+
+ Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob
+ ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.
+
+ Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des
+ Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot -- denn
+ der Staat brauchte Geld, viel Geld -- war wild und toll in seinem
+ Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der
+ Nachwuchs, desto sinnloser.
+
+ Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer
+ Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die
+ Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr
+ saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren
+ gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz
+ vorher hingesiecht war.
+
+ Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von
+ ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten
+ mein Heim in Asche.
+
+ Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner
+ Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.
+
+ Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.
+
+ Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die
+ Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben,
+ die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke,
+ die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann
+ wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und
+ Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter
+ durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da
+ erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum
+ noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen
+ sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das
+ Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat,
+ wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom
+ Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser
+ Volk leben.
+
+ Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus
+ dessen Tiefe giftige Dünste steigen, -- Tod und Verderben!
+
+ Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, -- mein Leben ist vergiftet,
+ meine Kraft gebrochen, -- ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen,
+ -- ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, -- Gott verzeihe mir
+ meine Sünden.
+
+ Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen
+ meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe,
+ die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.
+
+ Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in
+ Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie
+ Ihrem Volke mitbringen wollen!
+
+ Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie
+ sind, und für das Sie kämpfen dürfen!
+
+ Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie
+ ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den
+ Wellenarmen des Ozeans.
+
+ Es grüßt Sie Glücklichen
+
+ Ihr
+
+ unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«
+
+Das Blatt flog zu Boden, -- ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum
+Kapitän.
+
+»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« -- wie ein Lauffeuer
+schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und
+her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden
+abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, -- --
+Menschenwerk! -- unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf
+die leise wogende Meeresfläche, -- unser Balte ruhte im Schoße der
+Unendlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!
+
+Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In
+der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum
+Grabe, -- Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, -- Hoffnung läßt
+uns den Himmel offen sehen.
+
+Mußtest du sterben, du Armer?
+
+War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch
+wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?
+
+Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen
+russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort
+geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?
+
+Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter
+sind wir! -- Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen.
+Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, -- aber
+die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der
+Volksseele, -- oh, ich weiß es genau --, ich kenne sie, -- in allen
+Schichten, -- es brodelt und drängt, -- alte Vorurteile weichen zurück.
+Überall schließen sich die Geister zusammen. --
+
+Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge,
+alles sehend, alles hörend, -- während mein Körper auf unserem kleinen
+Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.
+
+Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am
+ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? --
+
+Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe.
+Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne
+Hoffnung! -- --
+
+ * * * * *
+
+Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll
+und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht
+einstweilen Genüge getan.
+
+Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter:
+mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen,
+Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.
+
+Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.
+
+ * * * * *
+
+Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.
+
+Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren
+läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert
+Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir
+stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend
+durchschneidet!« --
+
+Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte
+sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und
+gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und
+Kastagnettengeklirr.
+
+Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder
+rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten
+paffend.
+
+Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten
+hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im
+Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.
+
+Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht
+gelingen.
+
+Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig
+weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis
+für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer
+geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens.
+Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht
+selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das
+Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?
+
+Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein
+Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier
+dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes?
+Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« --
+
+Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die
+Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf
+ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?«
+fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar
+streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne
+Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir
+erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des
+Geistigen sind.
+
+Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde
+Geschichte vertiefte.« --
+
+»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. --
+
+»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte
+fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.
+
+Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung
+des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen
+Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben
+in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der
+glücklichen, gesunden Häuslichkeit.
+
+In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine
+Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.
+
+Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn
+in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und
+Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und
+neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.
+
+Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur
+Ungeziefer waren.
+
+Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast
+wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die
+Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses
+Omen.
+
+Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste
+Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die
+führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen
+Vergessens.
+
+Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes,
+glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen
+ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat
+vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat
+suchen und schaffen.« --
+
+Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein
+verständnisinnig zu. --
+
+»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den
+Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der
+Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein
+neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« --
+
+Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. --
+
+»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der
+Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.
+
+Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« --
+
+Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen
+Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf
+dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert
+hatte. --
+
+Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für
+seine Rettung im Sturme gewesen.
+
+»Und weiter fuhr mit« -- träumte das Hexlein weiter -- »die
+Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die
+Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das
+Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen
+kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.
+
+Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher
+Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb,
+die Sonne, die Wärme zu suchen.
+
+Und zum Schluß« -- hier lachte das Hexlein schelmisch -- »ein
+schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die
+Selbstlosigkeit, und seine Freundin, -- die Romantik.«
+
+»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und
+des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich
+glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem
+Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« -- erzählte die
+Romantik nun weiter -- »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens.
+Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung
+der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene
+Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des
+Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins
+Land der Sonne, der Liebe.
+
+Was geschah? -- Ihr alle wißt es, -- der Pessimismus, unglücklich
+darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch
+fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit
+wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund
+und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«
+
+»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« -- sagte das Hexlein
+und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser
+fröhlich ergriff und herzlich küßte, -- »wir können dich herrlich
+gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«
+
+Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin
+so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer
+weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.
+
+Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt
+ihr was, -- wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie
+der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den
+Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu
+ihrem Gatten wollte.
+
+Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will
+ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden,
+die die Welt kennt, -- Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch
+die soziale Hygiene nennen, -- in ihrer Begleitung ein junges Mädchen,
+die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat,
+und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen
+Völkern! Und dann, -- und dann« -- und damit nahm sie meine Hände in
+die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen
+Augen füllten sich mit Tränen -- »dann werden Sie eines Tages in die
+Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester
+von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit,
+die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches
+Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit
+werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu
+erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser
+Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es
+uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der
+du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, -- du
+stirbst niemals!«
+
+Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren
+Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie
+herzlich umfing.
+
+Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen
+Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten
+und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und
+der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und
+andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.
+
+ * * * * *
+
+Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich
+läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen.
+Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und
+plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.
+
+Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und
+deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge
+hinein.
+
+Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der
+Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem
+Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen
+tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe
+Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt
+vor mir.
+
+Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die
+schneebedeckte Felsenwelt -- Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe,
+-- unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee,
+über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, -- allein mit Gott.
+Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt
+er der Sonne zu, -- ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum
+Höchsten, zum Ewigen flieht.
+
+Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die
+Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch
+ihre eherne Größe.
+
+Da, -- was ist das? -- Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann,
+das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will
+er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. -- »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück
+geschehen?« -- »Laßt mich, -- zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der
+Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz
+liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja
+Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«
+
+Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber
+geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun
+Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«
+
+Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, -- wir laufen.
+
+Ich sah im Geiste das Blut rinnen, -- das treibt an. Endlich am
+Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.
+
+»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs
+geschickt.« -- Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein
+abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe,
+verbunden, geschient, -- das Blut steht; -- nun einen erquickenden
+Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, -- der Sepp ist gerettet.
+Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein
+paar ätherische Tropfen, -- nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich
+gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber
+Ihnen vergelt's Gott.« --
+
+Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen,
+überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz.
+Da schlief ich ein, und schlief und schlief. --
+
+Dann kamen Leute. -- »Der ist tot. Ist erfroren.« -- Vorsichtig trugen
+sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten
+mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre
+Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten
+Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er
+da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit
+blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein
+Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in
+weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. -- -- -- Da erwachte ich.
+
+Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da
+fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte,
+als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen
+Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der
+Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung,
+nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor
+tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit
+für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie
+bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten
+für euch, heißt für mich -- leben!
+
+ * * * * *
+
+Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das
+Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der
+Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.
+
+In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der
+Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild
+der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des
+Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, -- es war eine
+Herrlichkeit ohne Ende.
+
+Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich
+dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. --
+
+ * * * * *
+
+Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken,
+die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur
+Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend
+traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean
+gefahren, -- der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, --
+und nun? Ein Aufblinken am Horizont, -- da ist er, der Leuchtturm von
+Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.
+
+So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte
+er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei,
+die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast
+andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes
+Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war,
+als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute
+in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein:
+ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein
+Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer
+die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht
+es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei
+dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und
+schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach
+diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den
+Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur
+aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese
+höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte.
+So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur
+ab.
+
+Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten
+Vaterlandes.
+
+Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die
+Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und
+wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung
+dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der,
+der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der
+inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was
+die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz
+gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht
+vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller
+Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren
+Güter der Seele, der Menschheit entstehen.
+
+Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle
+Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit
+der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der
+Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit,
+die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und
+Verfeindung aller Beteiligten.
+
+Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! -- -- -- --
+
+Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig,
+nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie
+erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.
+
+ * * * * *
+
+Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser
+Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine:
+ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große
+Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.
+
+Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser
+Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung
+jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts
+zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu
+erfüllen hat, -- ohne Reibung.
+
+Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation,
+sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen
+frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die
+Konservativen über die Erbschaftssteuer, -- sie wollen nichts missen
+vom Ererbten -- da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler
+über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung,
+die Brenner über die Branntweinsteuer, -- keiner will sich einfügen,
+keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von
+den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden
+oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu
+menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten
+zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!
+
+Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur
+vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen,
+Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die
+wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine
+unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese
+große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder
+zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so
+unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. --
+
+Kaiser, -- hierher, an die Maschine!
+
+Sieh, du bist der Kolben; -- hier das große Schwungrad ist unser
+Reichstag.
+
+Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine
+Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue
+Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein
+schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und
+nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen,
+wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; -- aber nimm das Öl der
+Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft.
+--
+
+Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich
+sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten
+Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren
+ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde
+gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie
+entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. -- --
+
+ * * * * *
+
+Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich
+leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren
+Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das
+Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich
+hörte ich sein Lied:
+
+ Ich nehm' meine große Liebe
+ Und schütte sie über dich aus:
+ Will schmücken mit ihr dein Leben,
+ Will schmücken mit ihr dein Haus.
+
+ Sei du der Glanz der Sterne,
+ Sei du mein Sonnenschein;
+ Ich will dir Blumen und Früchte
+ Bringen als Erde dein!
+
+ Sei du mein blauer Himmel,
+ Der Sommerwölkchen Heer,
+ Und schau' dich in meiner Liebe,
+ Die grundtief wie das Meer!
+
+Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam,
+wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum
+emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein
+gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.
+
+Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne
+durch die Nacht:
+
+ Ich habe keine Heimat mehr,
+ Meine Heimat ist das Grab ...
+
+Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen
+des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.
+
+Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, -- auf dieser
+Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich
+hingesummt hatte.
+
+Brasilien!
+
+Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.
+
+Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten
+Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine
+weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen,
+wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer
+berauschender der Duft.
+
+ * * * * *
+
+Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns
+gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen.
+Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten
+Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.
+
+Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer
+Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr
+versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen
+und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder
+in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz
+vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen:
+der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter
+er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe
+geworden.
+
+Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt,
+die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie
+bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, --
+der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen
+zu Ende führen könnte.
+
+Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung
+suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit
+offenen Armen willkommen.
+
+In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in
+Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die
+erste Zeit versehen -- unsere neue portugiesische Freundin stellte
+bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung -- und sollten
+dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber
+solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in
+Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig.
+Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.
+
+Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das
+Duften, das von den Wäldern herüberdrang.
+
+ * * * * *
+
+Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de
+Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz
+gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die
+Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten
+lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte
+braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht
+kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die
+brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen
+Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen.
+Glückliche Unschuld der Tropen!
+
+Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die
+Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den
+Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in
+den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen
+Dampfers meldend.
+
+Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von
+Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel
+und die wundervoll glühende Sonne.
+
+ * * * * *
+
+Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger
+und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein
+fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große
+Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein
+Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.
+
+Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde
+Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich
+solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein
+Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.
+
+Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab.
+Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell
+in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es
+vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in
+ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich
+indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um
+die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen.
+Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester
+Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir.
+Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend
+stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So --
+leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle
+mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch
+hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er
+auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt
+seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt
+von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore
+der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße,
+ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft!
+Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er
+ehrfürchtig erfaßt.
+
+Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft.
+Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken,
+unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich
+auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den
+Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und
+seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als
+pharisäisch zu richten.
+
+Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines
+Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, -- Wassertrinker
+wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem
+als mörderisch verschrienen Klima, -- noch ist er keinen Tag krank
+gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in
+seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die
+Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum
+Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade
+wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen
+Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von
+der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein
+naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.
+
+In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes
+Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre
+dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die
+Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum
+zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall
+schützend für ihre Kinder.
+
+Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine
+andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade
+und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer
+und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit
+Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk
+bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein
+großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen
+gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen
+Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin
+war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die
+wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag
+um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz
+sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.
+
+Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter
+jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur
+Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige
+Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze
+Gesellschaft von dannen.
+
+Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach
+schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den
+Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die
+Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht
+gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den
+reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht
+schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter
+für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift
+waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der
+Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, -- der von den Früchten
+entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere
+als Wohnstätte und Nahrung zugleich.
+
+Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche
+Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen
+Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die
+kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung
+und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier
+an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel
+mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter
+dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die
+Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.
+
+Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut
+mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier
+unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche
+Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in
+Friede und Liebe, -- und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und
+Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind
+nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde
+geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns
+geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in
+unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft
+und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser
+Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle,
+dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend
+meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum
+Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir
+das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und
+Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und
+Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.
+
+Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber
+verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen,
+Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die
+sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen
+vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?
+
+Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser
+allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere
+zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und
+Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, -- und wiederum nur,
+damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen,
+diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft
+wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit
+ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit,
+um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere
+seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich
+auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr
+kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und
+Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid
+ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut,
+damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt,
+unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren,
+zugrunde gehen!
+
+Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger,
+Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz,
+damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne,
+die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde
+ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen
+hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne,
+die die Erde erwärmt und erhellt! --
+
+ * * * * *
+
+Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará
+unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und
+Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser
+Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden
+Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia
+durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder
+zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von
+hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.
+
+Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte
+die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte
+Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft,
+und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu
+gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab,
+noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem
+Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes
+hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.
+
+Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser
+großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der
+Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend,
+unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder
+verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer
+entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend
+dalag, er ist nicht tot, nein, -- er lebt, -- Scharen buntbeschwingter
+Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter
+Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es,
+wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten,
+goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die
+Atmosphäre.
+
+An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit
+Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich
+tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht,
+lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde,
+weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder,
+gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald,
+Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und
+wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.
+
+ * * * * *
+
+Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in
+berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd
+in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft.
+Sternenklar ist der Himmel. --
+
+Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit,
+zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch
+an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben.
+Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf
+mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, -- von einem
+dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet
+zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.
+
+Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft
+herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, -- oder ist es mein
+Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen
+Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie
+aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.
+
+Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die
+Stimme des ersten Bootsmannes:
+
+ Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht
+ An des Himmels nächtiger Bläue.
+ Er scheint in ewig strahlender Pracht;
+ Es ist der Stern der Treue.
+
+ Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt
+ Und führt dich in Tod und Grauen,
+ Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt,
+ So wirst du das Morgenrot schauen.
+
+Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, -- es ist
+sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt
+meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid.
+Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die
+dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine
+Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, --
+haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?
+
+Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, -- kaum habe
+ich die Tür hinter mir geschlossen, -- barmherziger Gott, -- was
+ist das? -- Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse
+bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, -- einen
+blondgelockten!« -- Die Portugiesin! --
+
+»Signora!« -- Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an
+beiden Händen. -- »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken
+Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich!
+Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit
+Ihnen gehen, -- denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« -- »Ich will
+aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« --
+
+Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe
+anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken
+das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht
+verträgt der Glutenrausch nicht.
+
+Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre
+Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.
+
+Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora -- der
+sächsische Offizier geht mit Ihnen, -- er hat mir gestern heimlich
+anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark
+und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will
+ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der
+Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines
+Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß
+geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich.
+Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«
+
+Ein glühender Kuß auf meiner Hand, -- ein leises Öffnen der Tür, ein
+Rauschen, wie von einem Frauengewande, -- war es ein Traum gewesen, --
+ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? -- -- --
+
+Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu
+verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.
+
+Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und
+Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.
+
+Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten
+Nerven allmählich wieder Ruhe.
+
+Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild
+gegeneinander: die Gedanken an daheim, -- an meine Lieben. Dann aber
+wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt
+dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres
+Steuermannes noch hörte, -- das Lied von der Treue. -- --
+
+Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen
+Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes,
+männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt
+sich das schöne Weib an ihn an. -- -- --
+
+Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über
+das Meer her, -- wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, -- ich höre den
+Jubel und das Geplauder der Kinder, -- meiner Kinder! -- -- --
+
+Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel
+zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und
+schlief ein.
+
+Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, -- ich fühle
+mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und
+Guten, -- wie ein Sieger! -- Das kommt, -- mein Herz ist frei von Reue,
+weil es Herrscher blieb über die Sinne.
+
+Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch
+stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der
+Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.
+
+ * * * * *
+
+Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer
+hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in
+majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.
+
+Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in
+die frische Morgenluft hinausklingen:
+
+ Ich streue der Liebe Samen,
+ Wie Eicheln der Eichbaum streut,
+ Wie Stern' ohn' Zahl und Namen
+ Die Sonne dem Weltall beut.
+
+ Ich streue der Liebe Blüten,
+ Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl;
+ Möcht' jedes Herz behüten
+ Vor Leid und Sorg' und Qual.
+
+ O Frühling, liebewarmer,
+ Hätt' ich die Kräfte dein!
+ So aber bin ich Armer
+ Nur Staub im Sonnenschein!
+
+Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein
+portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:
+
+ +Nosso céo ten mais estrellas
+ Nossas varzeas ten mais flores,
+ Nossos bosques ten mais ares,
+ Nossa vida ten mais amores!+
+
+Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem
+letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen
+können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:
+
+ Unsere Wiesen sind so voll Blumen,
+ Und unser Himmel voll Sonnenlicht,
+ Und unsere Büsche so voll von Vöglein,
+ Und unser Leben voll glühender Liebe,
+ Wie auf der Erde kein anderes nicht!
+
+Weib, Weib, -- suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? -- --
+
+Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die
+zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:
+
+ Den Starken und Klugen gehöret das Recht
+ Und den Feigen und Schwachen die Nacht,
+ Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,
+ Sich selbst erhalten die Macht!
+
+Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus
+schwerem Schlafe erweckten. -- --
+
+ * * * * *
+
+Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der
+Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen.
+Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas.
+Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.
+
+Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an,
+daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder,
+Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und
+dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen,
+zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.
+
+Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine
+Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu
+Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel
+werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist
+doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher
+Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, -- die Seelen,
+die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht
+haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.
+
+Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die
+junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe
+hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt
+mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König
+an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal.
+Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein
+Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. --
+
+Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut
+gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird
+auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu
+beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen
+ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben,
+solange sie leben.
+
+Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer,
+durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen
+Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden
+Jungen, meinen sinnigen Mädchen.
+
+ * * * * *
+
+In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser
+des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im
+Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital
+und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, -- wie ein
+Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.
+
+Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten
+Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher
+Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen
+Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die
+Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er
+sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller
+Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der
+Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender
+Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, -- aber er ist ein bißchen dunkel
+ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu
+intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist
+nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes
+Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die
+Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks
+Versorgung für die Ehe verkaufen, -- oft genug an Männer, deren Haut
+zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die
+Haut jenes Negers.
+
+Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße,
+wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers
+unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie
+die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich
+fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. -- --
+
+Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und
+ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch
+in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier.
+Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle
+nüchtern. Und -- so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.
+
+Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch
+angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne
+hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur
+das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere,
+der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede
+war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und
+Mulatten.
+
+Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und
+Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel
+zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von
+Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das
+Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich
+es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem
+Sprecher den Beweis der Wahrheit.
+
+So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen
+des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit
+zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner
+unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. --
+
+Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen
+das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier
+oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer
+unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den
+Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in
+der Welt so oft den Rang abläuft.
+
+Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium
+einen englischen Arzt, +Dr.+ Jonas, kennen, der von der englischen
+Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller
+Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen
+Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits
+das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, --
+vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England,
+ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich
+trug, die den Tod fernhielt.
+
+Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin
+deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen
+Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien,
+um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit
+zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in
+ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem
+Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen
+Hygiene erschien.
+
+Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen.
+Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen
+Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort
+beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer
+des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen
+der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die
+auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu
+Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus
+dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu
+die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis
+und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall
+Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!
+
+An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen
+prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen
+und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten.
+Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die
+Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie
+wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.
+
+Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur
+die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!
+
+ * * * * *
+
+Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner
+Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame
+Heimreise.
+
+Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf
+meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur
+Stelle.
+
+So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, -- von der Welt, -- nein,
+nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur
+begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden
+Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen
+Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden
+Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen
+Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme,
+die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen.
+Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes
+durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln
+rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und
+Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten
+übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne
+Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen
+Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem
+Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem
+Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird
+immer berauschender.
+
+Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle
+der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein
+vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht,
+das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr
+dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses
+Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den
+Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt
+zu schaffen.
+
+Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und
+blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen
+Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt
+mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich
+mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen
+erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die
+Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er
+gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen
+dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für
+Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen.
+Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat
+übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner
+ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte,
+die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken
+ergaben.
+
+Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all
+dieses Unheil, -- einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur
+ist vollkommen, wohin wir kommen, -- wir, wir selbst sind die Träger
+alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer
+werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen
+Zeit, unserer Zeit! -- --
+
+ * * * * *
+
+Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen.
+Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie
+verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, -- mir war es,
+als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr
+wurde ich wieder ruhig und stark, -- ruhiger, stärker, ja, ich glaube,
+besser, größer, als ich je gewesen.
+
+Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte
+ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere,
+die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und
+Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte,
+neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne,
+die mich durchglühte.
+
+Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten,
+waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie
+jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich
+feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und
+vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi
+Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
+
+Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte
+ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite,
+voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins
+Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach
+der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist
+Leben, -- es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.
+
+So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar
+schöner Traum.
+
+ * * * * *
+
+Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit
+unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er
+in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und
+Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, -- für neue
+Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr
+Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut,
+pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne
+euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! -- --
+
+Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke
+helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner,
+besser, kraftvoller, als bisher!
+
+In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag.
+Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein
+paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach
+Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde
+und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich
+huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das
+Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie
+sich ihren Gimpel gefangen hatten.
+
+Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital
+gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem
+sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.
+
+An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch
+verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann
+stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der
+Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine
+Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das
+Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er
+auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab,
+die unsere Tische umgaukelten.
+
+ * * * * *
+
+Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein.
+Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom
+Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein
+dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden
+und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur
+dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er
+möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen
+Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser
+Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der
+Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung.
+Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In
+diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er
+majestätisch den Strom hinab.
+
+Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem
+Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger.
+Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her,
+hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort
+verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte
+vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend
+vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd.
+Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers
+erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem
+Witze noch hänselnd, da, -- ein Aufschrei, -- wie ein rasendes Tier
+hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu
+haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, -- ein kurzes Ringen, --
+ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des
+Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.
+
+Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr
+hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe
+aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der
+Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die
+Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.
+
+Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie
+später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der
+vollen Grausigkeit erinnern ließ.
+
+ * * * * *
+
+In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste
+Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es
+gut, -- das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte
+ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles
+geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein
+Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, -- die Revolutionäre hatten
+gründlich gearbeitet.
+
+Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil
+von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und
+Liebe selbst war! Das tut weh, -- so weh, als ob im März die Sonne
+sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich
+erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy
+von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen
+überfloß.
+
+Doch da, -- was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß
+das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste
+der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle
+uns Wärme gibt, -- ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten
+Sozialdemokraten, -- mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse,
+wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und
+deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde,
+zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem
+Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste
+Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die
+ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie
+sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch
+gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. --
+
+ * * * * *
+
+Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während
+ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am
+Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der
+Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen
+fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel
+in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen
+lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer,
+auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im
+Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf
+der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen
+sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.
+
+Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen
+stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf
+den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als
+ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht.
+Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb
+dieses Mal, betäubendes Krachen, -- Sekunden nun schwarze Nacht, nun
+in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um
+Blitz, Donner um Donner, -- ein wunderbar majestätisches Schauspiel.
+-- --
+
+Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam
+glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.
+
+Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In
+Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren
+Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer
+mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten
+sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand,
+emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht
+gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen,
+die allein Licht, Leben schafft, -- die Liebe?
+
+Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts
+gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der
+Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer
+Cholera, -- weißt du es noch, du stolzes Hamburg? -- Hunderttausende
+an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich,
+elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im
+Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt,
+hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen
+dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? -- In Nacht
+liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht
+der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und
+Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des
+Wolkenbruches.
+
+Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig
+währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.
+
+Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein
+Blitz, -- der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, -- lichter
+wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der
+Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel.
+Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles
+Erhaltende, sei uns gegrüßt!
+
+Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue,
+treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die
+Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei,
+wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit
+die Menschheit vorwärts bringen!
+
+Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel,
+wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den
+Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles
+Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit
+unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große!
+Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den
+Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht,
+gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für
+die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse,
+er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die
+Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige
+Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen
+großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod,
+wann du willst, -- ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! -- mir
+ist es einerlei, -- ich hab' gelebt! -- Ihr Wellenringe, werdet frei!
+-- -- --
+
+Ja, stampf' nur, Maschine, -- dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu
+neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur
+Heimat!
+
+ * * * * *
+
+Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie
+unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden.
+Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah,
+umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen
+saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und
+Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.
+
+Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen,
+der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie
+stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen,
+stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender
+Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von
+der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen
+Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.
+
+Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, -- ich sah den
+Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen
+Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses
+herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.
+
+Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an
+das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, -- ein
+Tücherschwenken, ein Händewinken, -- und stampfend sang die Maschine
+ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in
+der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich
+über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:
+
+ Es blüht eine blaue Blume
+ In fernem Märchenland
+ An schroffem Berggehänge
+ An stillem Meeresstrand.
+
+ Und wer die Blume findet,
+ Kehrt nimmermehr zurück, --
+ Vergessen ist die Heimat
+ Und alles vergangene Glück!
+
+ Der Blume Duft bezaubert
+ Den Wanderer Tag und Nacht.
+ Die Welt liegt ihm versunken,
+ In blauer Märchenpracht.
+
+ Ich hab' am Meeresstrande
+ Die Wunderblume gesehn,
+ Leb' wohl, du Welt, du Heimat,
+ Es ist um mich geschehn!
+
+Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben:
+andere Liebe! anderer Kampf!
+
+Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen,
+flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die
+Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk
+über den Wipfeln der Bäume, -- düster starrt von beiden Seiten der Wald
+auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, -- eine frische Brise
+weht von Osten uns entgegen, -- Seeluft, -- nur noch achtzig Seemeilen
+von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in
+farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln
+flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung.
+Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt
+lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel
+empor, -- über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem
+Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte
+ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:
+
+ +Nosso céo ten mais estrellas,
+ Nossos varzeas ten mais flores,
+ Nossas bosques ten mais vida,
+ Nossa vida ten mais amores+ -- -- --
+
+ * * * * *
+
+In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die
+schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben
+Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: -- mit reicher
+Rückfracht kehrten wir heim.
+
+Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu
+sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe
+Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt,
+er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege
+nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf
+sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen
+und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine
+Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich
+wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre
+Freude an mir erleben.«
+
+Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen
+Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame
+englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen
+Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die
+Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch
+unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr
+kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine
+internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine
+gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die
+»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.
+
+Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er
+hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem
+Beutel in die Heimat zurück.
+
+In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer
+lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat
+zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein
+einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein
+ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur
+einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, --
+und dann in ihrem Schatten sterben.
+
+Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns
+hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr
+Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren,
+um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh.
+Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir,
+daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr
+Herzensschifflein gefunden hatte.
+
+Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen
+Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen
+Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum
+Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war,
+weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden
+konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.
+
+Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend
+mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den
+blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. --
+Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, -- leb' wohl, leb' wohl!
+Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!
+
+ * * * * *
+
+Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die
+Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart
+arbeitete die Maschine.
+
+Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der
+Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt:
+ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch
+nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und
+Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht
+erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen,
+daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim
+Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.
+
+Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es,
+als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis
+erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige
+Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt
+gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der
+nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen,
+daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die
+Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute
+würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen -- unheiligen
+Rußland erwarten! --
+
+Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat
+an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak.
+Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide
+und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue
+Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein
+fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder.
+Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt
+von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und
+nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir
+ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir
+sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei
+denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch,
+mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund
+umwandeln!
+
+Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die
+Maschine ihr »Vorwärts«.
+
+Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans
+Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den
+Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser
+Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf
+die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und
+gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. -- --
+
+Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, -- ich
+gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine
+Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen
+Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie
+angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr
+geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit
+bildete, -- den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott,
+gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe,
+damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum
+ins Feuer gießen!
+
+Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer
+Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir
+gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg.
+Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die
+Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu
+unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und
+in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen,
+überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich,
+die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.
+
+Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte,
+dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet,
+rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, -- Wellenringe
+aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig
+geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und
+behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, -- so ist's. Die
+Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die,
+die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie.
+Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen
+die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen
+sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer
+Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der
+im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt,
+-- zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, -- ins Parterre, wenn sie
+einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, -- will euch
+ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch
+einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu
+geben, -- als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr
+aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt
+keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, -- und das vergeht gar schnell.
+-- --
+
+Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der
+Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.
+
+Merkwürdig, -- beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher
+Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre
+so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die
+»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und
+jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben
+umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber
+das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen
+das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all'
+dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei
+ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater
+der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.
+
+Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen
+dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und
+Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich
+verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft
+berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren
+Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen
+und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich
+sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und
+aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister
+mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken
+suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem
+Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!
+
+Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer
+Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher
+Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich -- das hätte
+vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt
+vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen
+Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für
+unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.
+
+Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der
+Kultusminister die Melodie wohl kennt?
+
+Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib
+mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz
+von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an
+unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel
+Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen
+Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:
+
+ Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände
+ das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd
+ kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei
+ schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten,
+ solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte,
+ noch Duldung genießt.
+
+ Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird
+ das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig
+ aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten
+ schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem
+ Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den
+ Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht,
+ weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen
+ Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
+
+Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube
+in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt.
+Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben,
+und vorwärts drängt unser Kiel. --
+
+Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem
+und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost
+gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und
+doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen?
+Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine
+unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! --
+
+Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt.
+Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf;
+-- Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die
+Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen
+Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier,
+in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor
+Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen
+Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd
+das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben
+zwingt, auf und nieder zu fahren.
+
+Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine
+umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und
+Feilenstriche ihr die Form gaben, -- waren sie nicht geworden, was
+sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses
+Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe,
+getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden
+von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer
+Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen
+Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese
+Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik,
+-- unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als
+Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.
+
+Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto
+mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief
+er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so
+größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen,
+unendlich, unermüdlich.«
+
+Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein
+Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe
+zu seinem Vaterlande und seinem Volke.
+
+Und das Achsenlager, in dem er ruhte, -- dieser Eiserne, der uns
+vorwärts brachte! -- ohne Reibung ruhte, -- es lag in seinem deutschen
+Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.
+
+Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den
+Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt
+Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen
+der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene
+Standbild des eisernen Kanzlers. --
+
+ * * * * *
+
+Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich
+flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von
+ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die
+nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die
+wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die
+wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte,
+schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von
+ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts,
+den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die
+nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr
+Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen.
+Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten,
+so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter
+litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch
+eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten
+sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von
+Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt
+zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung
+geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln,
+bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten
+sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das
+Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte
+sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse
+in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das
+alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande
+vermocht!
+
+Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und
+Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden
+Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren
+vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von
+ihrer +sunshine society+, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch
+die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe,
+Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke
+sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum
+jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles
+seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens,
+wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde
+Menschen, die ihr Vaterland liebten.
+
+Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der
+uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus
+höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über
+den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.
+
+Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die
+Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen
+Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt,
+zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine
+liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und
+herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes,
+Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit,
+der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des
+Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der
+Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des
+Weltfriedens.
+
+Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden
+Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und
+Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas
+ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende
+Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel,
+um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in
+den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein
+Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von
+Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten,
+unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.
+
+ * * * * *
+
+Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte,
+wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um
+gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so
+die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.
+
+Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland
+vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen
+habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern
+aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland
+allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung
+gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit
+in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von
+Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich
+in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald
+anders werden.
+
+Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen
+im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch
+Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der
+Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes
+gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar
+alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden!
+Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in
+Gärten der Hesperiden zu verwandeln.
+
+Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation
+durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie
+es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis
+Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des
+Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine
+Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der
+Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch
+aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie
+niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren
+es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.
+
+Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem
+Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und
+bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.
+
+Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten
+doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die
+könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So
+kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im
+deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese
+müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.
+
+»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen.
+»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung
+eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines
+Krankheitszustandes,« -- und hier hob sie die Stimme, -- »an dem
+wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die
+Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung
+der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort:
+›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin
+ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die
+es verdient, wie die Tropen die Moskitos.
+
+Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich.
+Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es
+war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder
+Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten
+gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem
+Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer
+dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre
+Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue
+Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht
+die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen
+hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder.
+Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen.
+Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser
+Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.
+
+Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch
+klug.
+
+Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie
+vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel,
+in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk
+oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre
+Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt
+und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist
+Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt,
+jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen.
+Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem
+sie sich von der Tafel erhob, -- »die Hygiene bietet uns Handhaben
+genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« -- Ich konnte ihre
+Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig
+Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund,
+der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde
+Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die
+Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie
+durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie
+nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.
+
+Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über
+die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den
+unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten
+des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen
+über die Wogen dahin.
+
+ * * * * *
+
+Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in
+schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer.
+Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er
+mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat
+nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen
+mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten
+wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira
+erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean,
+das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich
+ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit
+zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen
+reichen.«
+
+Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten
+in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend
+Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt,
+mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän
+atmete auf und schüttelte mir die Hand.
+
+Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.
+
+Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses
+Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser
+Geist Gott sein. -- Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es
+Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, -- so mußte Gott die Liebe
+sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott,
+an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht
+tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube,
+der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint,
+lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube
+ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde
+ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde
+ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der
+Sonne.
+
+Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat:
+der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen
+Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang;
+Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich,
+ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen
+wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur
+einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle.
+Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise
+mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen
+Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er
+tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, -- fast wie
+die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich,
+wie er leise sang.
+
+Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit
+heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr
+euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten
+die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da
+stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit
+du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender,
+»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich
+Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein
+Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für
+die Auskunft ab.
+
+»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war
+ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht
+zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich
+vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei.
+Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen,
+praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten,
+oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die
+Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land
+urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant,
+der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann,
+der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft
+und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der
+Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der
+unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der
+uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser
+Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet
+-- sie alle schaffen Werte, die --« »Und die Könige, die Gesetzgeber?«
+»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß
+sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden
+Fall ist ihre Verantwortung am größten.
+
+Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die
+Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften,
+die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser
+Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen
+zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem
+Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung
+des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen,
+-- sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere
+menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht
+mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur
+dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln,
+als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet
+dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und
+Bordellinhabern.«
+
+Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem
+Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche
+Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des
+Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender
+Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren,
+glücklicheren Zeit.
+
+Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken
+nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden
+unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich
+bin Jude, -- aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an
+der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil
+der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner
+Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich
+nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen
+diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der
+Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen
+anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem
+Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel
+an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an
+sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut.
+Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen
+krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat,
+und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil
+begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem
+rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der
+Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen
+mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen
+Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes,
+etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell
+Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie
+unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes,
+über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich
+Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.
+
+Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so
+verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses
+überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr
+gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig
+neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als
+auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird
+unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile
+von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da
+wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar
+schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«
+
+Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean,
+ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so
+klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen
+Menschheit seien.
+
+ * * * * *
+
+Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat,
+die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten
+noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt
+auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne
+von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer
+deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß
+wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes
+Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher
+meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun
+las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht
+mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige
+einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will
+endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter
+und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre
+nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden
+großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem
+patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit
+geschehen. Nun, -- meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen
+Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen
+dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft
+gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht
+hatte.
+
+Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, -- unser Schiff geht
+vorwärts, -- ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat
+auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner
+Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit
+die Kraft der Wahrheit und der Liebe.
+
+Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So
+wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.
+
+Aber das ist köstlich, -- das alte Gesetz hatte schon rund 900
+Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, -- das haben
+gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793
+Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut
+zu lachen anfing.
+
+Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich
+erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das
+Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde
+gehen.«
+
+Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die
+Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme
+berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.«
+Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer
+gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert,
+mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich
+bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil
+irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der
+Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den
+sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in
+Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für
+sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen
+soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, -- aber wer
+sorgt für alle diese anderen?
+
+Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben,
+in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat,
+wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er
+unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt
+durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden.
+Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.
+
+In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in
+die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte,
+und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer
+glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und
+seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den
+Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.
+
+Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen
+Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald
+wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu
+ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen
+an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte
+Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, -- es war kein
+Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte
+glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes
+höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual
+meiner Seele.
+
+Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen,
+wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun,
+in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.
+
+ * * * * *
+
+Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon
+wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen
+Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben
+daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut
+genug schien. Und doch, -- da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl
+Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich
+gelehrt auf der Reise, -- der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war
+in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.
+
+ * * * * *
+
+Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, -- einmal wollte
+ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den
+österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald
+gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins
+Gebirge hinein.
+
+War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder
+hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer
+das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich
+fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten
+war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt
+in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das
+Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß
+Dornröschens.
+
+Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis,
+tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes
+wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.
+
+Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor
+langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich
+geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres,
+bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen
+Sinnen, -- doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier
+kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein,
+daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und
+Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu
+müssen um jeden Preis. Ja, -- das wollte ich, sobald ich daheim war.
+
+Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den
+anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal
+im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun
+trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein
+weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen
+auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. -- -- --
+
+Da horch, -- vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem
+Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer
+Nebelpfeife, -- das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche
+sei.
+
+Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur
+Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so
+süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das
+Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge,
+ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.
+
+Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit
+tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir
+zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die
+Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als
+fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner
+Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich
+sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:
+
+ Ich reite über die Felder
+ Im hellen Sonnenschein,
+ Bin frohgemut im Herzen
+ Und bin doch so allein!
+
+ Der Wind streicht über die Heide;
+ Ich merk's an seinem Duft!
+ Mir ist's, wenn ich ihn trinke,
+ Als ob mich die Liebste ruft!
+
+ So reit' ich über die Berge
+ Und durch manch tiefes Tal,
+ Ihr Bild in meinem Herzen,
+ Bis sinkt der Sonne Strahl.
+
+ Bald sinkt die Nacht hernieder,
+ Die bringt mir der Freuden viel.
+ Ich reite unverdrossen,
+ Bis ich an meinem Ziel.
+
+Mein Ziel? -- Was war mein Ziel? -- Mein Heim stand fest begründet.
+Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder,
+meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. -- Größer noch war
+mein Ziel, -- so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke
+hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem
+Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter
+gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, -- zum Verzweifeln
+gering.
+
+Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar
+geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend
+der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn
+der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden,
+allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist,
+alles erreichen können!
+
+So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen,
+die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich
+selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.
+
+Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß
+aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.
+
+Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für
+uns alle.
+
+Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt,
+die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge
+dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen
+warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit
+neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.
+
+So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und
+dann aufs Schiff.
+
+ * * * * *
+
+Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt,
+daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen.
+Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In
+finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und
+da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg,
+gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.
+
+Da -- ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel
+einstürzen wollte, -- plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich
+soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.
+
+Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und
+an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit
+und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der
+Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf
+einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich
+zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.
+
+Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.
+
+ * * * * *
+
+In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von
+liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.
+
+Wie schnell doch die Menschen heranreifen!
+
+Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger
+Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo
+der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht!
+Recht so -- das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur
+mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den
+germanischen Schutzwall.
+
+Und mein Ältester, -- das freut mich, -- von unten auf! Willst du
+Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird
+und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und
+Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren.
+Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, -- und hilf ihm
+später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten
+auf durchzumachen hätten!
+
+Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen.
+Ja, -- wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche
+der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele,
+und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung,
+damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von
+heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe
+heute noch nicht ahnen kannst.
+
+Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, -- sah im
+Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie
+ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken
+trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie
+schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger,
+gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem
+Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt.
+Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung
+losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns
+haben konnten.
+
+Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem
+Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon
+mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse
+abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen
+musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind
+geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und
+jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben
+sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die
+Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!
+
+Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.
+
+Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen
+Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen
+Frauen, -- da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist
+alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem
+Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie
+möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, -- ein Fest im Geiste
+einer neuen, schönen Renaissance.
+
+Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer
+Seite, die ich vorhin übersehen:
+
+ »Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst
+ Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar,
+ als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest,
+ das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich
+ darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die
+ Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche
+ Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der
+ Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es
+ Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe
+ solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem
+ Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten,
+ da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im
+ Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein
+ Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat
+ aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft!
+ Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für
+ die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für
+ diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine
+ Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend
+ Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen
+ Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« -- -- --
+
+Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der
+Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen
+sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe.
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll
+durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine
+Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.
+
+Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.
+
+Herrgott -- was ist das? -- Der Kaiser hat einem englischen
+Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, -- er wolle Frieden mit
+England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals
+im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen
+Afrikaner dann besiegt wurden, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- nein,
+nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan,
+Kaiser, -- so klein, so -- -- so kannst du nicht sein.
+
+Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben
+dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, -- und du
+als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser
+Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das
+habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über
+dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen
+dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk
+führerlos ohne dich.
+
+Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst.
+Oh, das ist schön, ist groß von dir, -- nun kann ich dich wieder lieben
+wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich -- sie alle
+lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen!
+Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt
+gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren
+können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche
+Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen
+Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden,
+damit sie ihr Geschäft machen; -- sie können uns dir nicht abspenstig
+machen, -- denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser
+Kaiser, und sollst es bleiben!
+
+Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten
+Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit
+vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und
+da, -- in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über
+das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht
+sitzt, -- beim glänzenden Festmahle -- fern von deiner Hauptstadt
+-- dein Flügeladjutant tot, -- dein bester Freund, -- tot von der
+Tafel gesunken -- die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal
+umklammert hielt, -- der schöne, kraftvolle Mann! -- Armer Kaiser, --
+deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen
+hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! -- --
+
+Sei froh, Kaiser, -- es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich
+umsponnen hatten und dich blind gemacht! -- -- -- --
+
+Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, --
+als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben
+saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den
+Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden
+gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. -- --
+
+Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und
+schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft,
+blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser
+erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,«
+flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die
+Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, -- die Nordsee, unsere Elbe --« »Halt
+ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, --
+und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart
+nicht vergessen.«
+
+Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen
+von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend
+Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male
+ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« --
+»Warum?« -- »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft.
+»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch,
+auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die
+Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen?
+Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen
+englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des
+Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte
+sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die
+städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«
+
+Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als
+der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen
+dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an
+das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.
+
+»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von
+allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen,
+so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig
+im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im
+Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und
+hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte
+ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare
+Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können,
+Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger,
+als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses
+große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz
+nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in
+Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira
+spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der
+mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen
+eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines
+besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein
+paar Rippen gebrochen.
+
+Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und
+stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch
+bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben:
+Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche
+Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres
+zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee
+dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue,
+benzinduftende Staubwolken zu hüllen.
+
+Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub
+eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden
+und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose
+Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.
+
+»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird
+neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren
+einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein
+Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der
+Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu
+unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei
+solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück
+passiert!«
+
+Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein
+paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige,
+jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders
+angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger
+Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer
+genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in
+seine nordische Heimat zurückkehrte.
+
+Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem
+Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort
+ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und
+lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie
+mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh
+nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an
+der Malaria und am gelben Fieber.«
+
+»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und
+Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die
+in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und
+Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und
+Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn,
+und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren
+Früchten.«
+
+Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte:
+»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück
+gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen
+Regierungsarzt +Dr.+ Külz in Kamerun, über diese wichtigen
+Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren
+Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort
+unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort,
+der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren
+nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen
+durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll
+der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen
+eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit
+über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede
+des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen
+Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt
+hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen
+Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale
+des Reichstages gehalten:
+
+ ›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen
+ Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der
+ Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten
+ bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn
+ verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde
+ Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich
+ ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen
+ leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat
+ sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu
+ geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein
+ enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene
+ Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch
+ der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen
+ Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden.
+ (Erneute Heiterkeit.)‹«
+
+Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in
+unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum
+auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus,
+der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. -- Kaiser, mein
+Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung
+unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge
+mitteilt! -- -- Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder.
+Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet
+hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?
+
+Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen
+»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes
+Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und
+Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese
+Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden
+sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, --
+deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein
+verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne
+unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer
+Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit -- Freiheit von
+»unserer Kultur!« -- aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst
+hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht,
+durch uns dort herrscht, unterrichten will, -- da lachst du mit der
+Menge, wie ein unwissender Knabe, -- Kaiser, mein armer Kaiser, --
+wieviel mußt du noch lernen! -- -- -- -- -- --
+
+Kaiser, mein Kaiser, -- du kannst nicht gelacht haben! -- --
+
+Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil,
+das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren
+Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend
+unterrichtet worden! -- Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen
+melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für
+Manschettenknöpfe zu erfinden, -- und hat die Anmeldung zurückziehen
+müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher
+gemacht hatte. -- -- -- -- -- --
+
+Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch
+einmal von dem +Dr.+ Külz an und berichtete, wie dieser auf dem
+Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von
+Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend
+wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend,
+dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein
+lebensfroher Mensch!
+
+Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser +Dr.+ Külz war ja vor
+Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als
+Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine
+Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis
+gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel
+gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht
+rasten.
+
+So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er
+hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der
+Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis
+er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen
+aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem
+Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich
+ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und
+trug tausendfältige Frucht.
+
+Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen
+des Geistes, die nimmer aufhören!
+
+Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still
+empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den
+Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein
+junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine
+innere Erregung zu meistern.
+
+ * * * * *
+
+Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger
+Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg,
+über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien
+über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein
+vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden
+Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland
+Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit
+der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
+
+Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das
+sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis
+dessen, der die Seele der Welt ist, -- einerlei ob die Menschen
+ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! -- Ich aber gedachte der
+Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der
+Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß
+dieser Geist eins ist mit der Liebe! --
+
+Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband
+und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle
+»Brüder eines Vaters« sind. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer
+wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo
+nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen
+die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir
+die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean
+forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit,
+da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum
+vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte,
+von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem
+Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen
+wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
+
+Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und
+her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen
+Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie
+ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei
+Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen
+leuchtend überstrahlen, -- den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet
+euch untereinander!« -- und aus diesem Worte heraus, nur immer
+maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine
+Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert
+des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
+
+Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem
+unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, -- wenn
+es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
+
+Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und
+war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
+
+Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines
+Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter
+Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit
+seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als
+mancher Fürst!
+
+Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, -- und als sie
+nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für
+ihre Gemeinde!
+
+Wir haben kein Recht zu verdammen, -- aber wir haben eine große, hohe,
+heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in
+jedem Menschenkinde schlummert, -- denn dieses Fünkchen kann zur Flamme
+werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie
+ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. -- -- --
+
+Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser
+schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der
+Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die
+Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
+
+Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor
+allem!
+
+Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist
+schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
+
+Und weiter, -- dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei
+Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien
+zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere
+Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer,
+die unsere Gesetze machen helfen!
+
+Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach
+Norwegen und Schweden, -- da sitzen im schwedischen Reichstage hundert
+Enthaltsame! -- Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht!
+--
+
+Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und
+im Herrenhause, -- sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch
+immer nicht trennen! -- -- Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister
+an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht
+hinüberseht, -- gebt acht, --: dort unten aus dem handarbeitenden
+Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der
+Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure
+Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in
+Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht
+der Sklavenhalter!
+
+Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei
+Milliarden soll es euch alljährlich fronen -- -- aber es wird sich frei
+machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein
+ihm das Mark aussaugt!
+
+Freilich -- von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker
+rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares
+Kapital ausmacht, -- einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit
+dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen
+Schatz!
+
+Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein,
+euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!
+
+Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! -- -- --
+
+Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn
+ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den
+tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut
+das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid
+empfand, desto mehr litt ich mit ihr, -- mit ihnen allen. Denn sie, die
+die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.
+
+Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die
+Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen
+aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!
+
+Ja, schäume nur, Ozean, -- spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir,
+-- siehst du, -- unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all
+deinem Wüten, -- -- so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft
+der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich
+entgegenbranden! -- -- --
+
+Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige
+kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das
+menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr,
+die mich erdrücken wollte, -- sondern lauter einzelne, praktische,
+greifbare Fragen, -- wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag,
+sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede
+einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne
+durchzukämpfen, -- vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr
+Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere
+Menschen zu ziehen, -- und selbst zu werden: das ist und bleibt die
+Hauptaufgabe für unsere Kultur!
+
+Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der
+klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus
+der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu
+einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu
+unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!
+
+Und dann wird es kommen, -- diese neuen Menschen werden dann Hand
+anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens,
+-- und dann, -- und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der
+Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! --
+
+ * * * * *
+
+Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein.
+Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen
+des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, --
+immer näher, -- aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte
+sie nicht mehr auf mich aus, -- das war ein fremdes Ideal, -- mein
+Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in
+grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und
+Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von
+Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen
+Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach
+milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen
+Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und
+einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur
+Tat in sich verkörperte. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde
+drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und
+aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.
+
+Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches
+Metier!
+
+Nein, -- dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber
+warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine
+Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben,
+die euch die Wahrheit sagen? -- Armer König, -- vielleicht lebtest du
+heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen
+Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!
+
+Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken
+Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er
+hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten
+zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft,
+mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des
+heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, -- als Spott für die
+Straßenjugend von Lissabon. -- »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn
+getauft. -- Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig
+gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm
+zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen
+Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen
+hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem
+Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages
+warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier
+sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. -- Ein Exempel mußte
+statuiert werden, -- im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit
+nachdenken. -- Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten
+Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. -- Den Kopf voller
+Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der
+Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für
+die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.
+
+Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in
+dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. -- Woher sie das Geld
+nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, -- aus dem
+Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold
+gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? -- Auf dem Totenbette
+schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.
+
+So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein
+allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie
+unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus
+viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge
+nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen
+nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner
+Asche! -- -- --
+
+Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten
+alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im
+Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen.
+Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man
+sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren
+gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke
+auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, --
+hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs
+Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. -- --
+
+ * * * * *
+
+Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten.
+Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der
+Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas
+alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt
+werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er
+mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf
+das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum
+Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von
+dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich
+auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste
+angenommen.
+
+Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine
+Samaritertat dir lohnen, -- aber für einen König nur ein Stäubchen.
+Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf
+dich! Ans Werk! Ans Werk! -- --
+
+ * * * * *
+
+Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder
+-- nein, das kann nicht sein. -- Ich lese, -- an allen Straßenecken
+sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift
+angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« -- Wahnsinnige Toren! -- --
+Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen
+göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben,
+wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes,
+leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle
+diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die
+Sonne selbst, solange es Menschen gibt. --
+
+Es dunkelt. -- -- -- -- Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff.
+Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft.
+Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen
+die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen
+des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von
+der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft
+sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt
+auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen
+die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der
+Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo
+in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend,
+durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die
+finstere Nacht. -- Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, --
+die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft,
+-- hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt
+sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut.
+Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese
+Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff
+gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen
+bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem -- war es ein
+Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.
+
+Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns
+hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend
+die Hand.
+
+ * * * * *
+
+Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die
+ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu
+Hause alles wohl. Aber in der Welt? -- Seltsam. Nie habe ich die Hand
+eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und
+sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange
+Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, -- ich weiß es
+nicht. Aber wunderlich ist es.
+
+Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine
+Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand
+entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich
+verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande
+und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt --
+in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden
+strecken, -- also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar
+Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert.
+Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr,
+da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft
+hatten.
+
+Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und
+der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise
+vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten
+Verbündeten aus dem Hause Habsburg, -- Wellenringe der Liebe und
+der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt
+hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und
+Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.
+
+Kaiser, mein Kaiser, -- wir wußten, du würdest treu sein, -- das hast
+du gut gemacht, mein Kaiser, -- da warst du groß! -- Kaiser, mein
+Kaiser, -- ich grüße dich! -- -- -- -- --
+
+Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines
+Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott
+muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland
+verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, -- so straft ihn die
+Gerechtigkeit. -- --
+
+Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro,
+der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber
+sein Volk nicht kannte.
+
+Und wiederum noch einen hat's gepackt, -- den Abdul Hamid, den einst
+allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war
+sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er
+aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit
+Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren,
+besseren Kultur dämpfen -- aber die Macht des Gedankens, die Macht der
+Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich.
+Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, --
+verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!
+
+Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, -- ein verwesender
+Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein
+Leben verleiht, -- und in Rußland die Liebe fehlt. -- -- --
+
+Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner
+Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des
+russischen Volkes.
+
+Und plötzlich -- wie es kam, ich weiß es nicht -- fiel mir die
+Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns
+im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die
+Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze
+wehe!
+
+Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches
+Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von
+großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. --
+
+ * * * * *
+
+Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen
+seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen,
+dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph
+aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem
+großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn,
+der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der
+sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird,
+und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu
+schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader -- und
+viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; -- und dort
+der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort
+Castro, da -- der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und
+Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht
+geschlagen und weinte bitterlich.
+
+Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und
+küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten
+sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und
+ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.
+
+Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der
+Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm
+liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um
+seiner Reue willen noch einmal lebe.
+
+Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll,
+ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog
+und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer
+nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber
+nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen,
+so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen,
+wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.
+
+Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. --
+
+Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste
+Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo
+Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei
+zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande
+vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.
+
+ * * * * *
+
+Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte,
+Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und
+der Schriftstellerei widmen.
+
+Seltsam, -- sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand
+hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag:
+bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus
+der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen
+seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch
+die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren
+Stempel.«
+
+Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es
+fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er
+hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat
+reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein
+Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der
+Herrschaft des Dollars, -- und er wollte Antilopen und Elefanten in
+Afrika jagen? -- Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? -- --
+
+Kaiser, mein Kaiser, -- du stammst aus deinem Volke! Du gehst nicht
+nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! -- Ich
+weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im
+Geiste die Hand. -- -- -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er
+selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer
+Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die
+Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die
+Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand
+des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie
+aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles
+Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar
+der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau
+kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen
+Organismus verbunden sei.
+
+Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von
+Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die
+meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie
+gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe
+auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte,
+trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.
+
+Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so
+überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die
+Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen
+Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. --
+
+ * * * * *
+
+Vorwärts, weiter stampft der Kolben, -- mir viel zu langsam. --
+
+ * * * * *
+
+Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land
+gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach
+Afrika.
+
+Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät
+war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und
+Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen.
+Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
+
+ * * * * *
+
+Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern
+fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald
+wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr
+Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
+
+Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn
+erging!
+
+ * * * * *
+
+Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer?
+-- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen,
+befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts!
+-- -- --
+
+Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus
+Norden.
+
+Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den
+Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und
+unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der
+Maschinen zu.
+
+Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften,
+den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als
+Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über
+den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.«
+Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der
+Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn
+Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker
+gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die
+Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und
+Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie
+dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen
+lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch
+mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist
+gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen
+Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
+
+»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den
+zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den
+Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung
+aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer,
+den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum
+hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig
+Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber
+nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für
+seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps
+und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen
+Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der
+Teufel soll die ganze Bagage holen!«
+
+Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne
+Schottentür, daß der Raum dröhnte.
+
+»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar
+um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir
+eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
+
+»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir
+entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr
+laut sprachen.
+
+»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof
+meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs
+Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem
+Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde
+beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben
+fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem
+Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt.
+Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt
+und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte:
+›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und
+schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
+
+Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit
+allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr?
+Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate
+habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof
+verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und
+Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in
+meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen,
+wie es will!«
+
+»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse.
+»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer
+Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich
+an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das
+Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu
+begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport,
+-- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß
+ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da
+wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte
+mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann
+aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum,
+Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor,
+daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann
+euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute
+schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden.
+Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas
+angeht.«
+
+»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim
+Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe
+nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein
+begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen
+hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden
+Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte
+ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf
+der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei
+der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als
+sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der
+Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben
+habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann
+wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten.
+Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages
+kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren
+Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis,
+sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu
+lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
+
+Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun
+pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben
+als ein Freier.«
+
+Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die
+Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des
+Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst
+mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich
+Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte
+sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
+
+ * * * * *
+
+Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten
+mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel
+zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der
+gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet
+werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an
+der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr
+Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr
+Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr
+Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine
+rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe,
+wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! --
+
+Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe,
+in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine
+Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und
+der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe
+und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln,
+durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden
+Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine
+Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte
+und keine Menschenverachtung zerstört werde!
+
+Kultusminister! -- Tust du deine Pflicht? -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt
+und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und
+hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner
+gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch
+die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu
+praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? -- --
+
+Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches
+Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer
+und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal
+herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die
+sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der
+Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt.
+Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen
+Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung.
+Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht
+gemacht.
+
+Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen
+Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung
+von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten
+Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.
+
+Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß
+es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe
+zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.
+
+Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde
+nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen
+und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen
+Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen
+abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu
+gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.
+
+Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und
+hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie,
+ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es
+längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien
+gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen
+hineinzusetzen.«
+
+»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben
+Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte,
+Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach
+England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und
+Alkoholbekämpfung zu studieren.
+
+Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das
+Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer
+Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche
+Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu
+nehmen. Was wollen Sie mehr!«
+
+»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete
+Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der
+ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum
+Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer
+der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den
+Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der
+Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer
+Panik verspottet.«
+
+Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits
+des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war.
+Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk
+hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen
+machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine
+Vergangenheit etwas vergessen zu machen!
+
+Nein, König Eduard, -- es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über
+dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der
+Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht
+gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen
+vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine
+Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der
+Macht der Liebe!
+
+Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres
+Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe
+in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm
+sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in
+endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel
+fassen kann in seinem Mutterboden.
+
+Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch
+bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der
+Schnapsbrenner und der Bierbrauer.
+
+Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische
+Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus
+zu bringen, -- dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt,
+dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und
+gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine
+Vergangenheit!
+
+ * * * * *
+
+Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von
+Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete
+uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit
+Geisterhand vorwärts der Heimat zu.
+
+Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite
+Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins
+meiner Lieblingslieder:
+
+ Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n,
+ Schön sind des Südlands dunkle Frau'n!
+ Schöner die Heide, mein sonniges Feld,
+ Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!
+
+ Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt,
+ Lieb mir der tannenduftende Wald,
+ Freiheit ruft mir das wogende Meer --
+ Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!
+
+ Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr?
+ Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer?
+ Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus?
+ Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!
+
+Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld,
+Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, -- dann ein paar Tage
+Nordsee, -- Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«
+
+-- »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im
+Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. -- »Wie weit sind sie
+wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein
+Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre
+schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden.
+Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.
+
+Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche
+und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für
+alle, die deutsche Männer heißen wollen. -- -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des
+französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche,
+schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes
+gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich.
+Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, --
+nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur
+die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.
+
+Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst
+vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten
+Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.
+
+Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, -- das wäre
+noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die
+stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke
+und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der
+vorletzte dem letzten zur Beute fällt.
+
+Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund
+und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein
+Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft
+Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele,
+die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, -- in
+Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.
+
+Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark
+zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den
+Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen
+können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven,
+ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die
+Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende
+Masse, zu drangsalieren.
+
+ * * * * *
+
+Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein
+Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer
+war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren
+in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten
+Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl
+geworden, -- man sah es an seinen Augen, -- starkknochig, mit breiter,
+brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden.
+Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war
+es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres
+Volkes erschimmern sah.
+
+ * * * * *
+
+In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße
+einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen
+Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens,
+in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll
+Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen
+stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte
+und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der
+Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift
+in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die
+Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein
+Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen,
+als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen
+und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und
+Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von
+Reuigen, die sich im Jammer wanden.
+
+Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges
+Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis
+und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen
+den Atem auspressend, das Blut aussaugend, -- und mächtig stieg der
+Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit
+den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.
+
+Doch plötzlich -- was ist das? -- Ich höre Lieder singen, frohe, fromme
+Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie
+im Marschtritt eilt es heran, -- immer neue Scharen, -- Männer und
+Frauen. -- Siegesgesänge. -- Krachend splittern die blanken Äxte in den
+Stamm des Baumes. -- Er wankt -- er stürzt -- und im Fallen begräbt er
+unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe
+und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und
+über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen,
+freien Volkes! --
+
+Da wachte ich auf.
+
+Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch.
+Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.
+
+Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden,
+daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: -- Geht über eure
+Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure
+Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an
+den Trunk kamen, -- und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie
+schleunigst vergessen.
+
+Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie
+sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! --
+Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer
+Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende,
+eurer Sektbowlen -- und Bier- und Branntweinzechereien -- seht eure
+kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in
+der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben,
+eure Kranken klagen euch an, -- und ich rede für die, die stumm sind!
+-- Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser,
+eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes
+zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und
+Pestilenz über eure Söhne zu bringen. -- Das ganze Elend unseres
+Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit
+in tausendfacher Gestalt, -- das Elend unseres Volkes klagt euch an!
+Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden
+opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte
+und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, -- euch,
+euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende
+hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! -- --
+
+Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche
+dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen
+aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und
+Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe
+und der Tat?
+
+Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang
+der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; -- ich hatte sie
+singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem
+Geiste des Weltenmeisters, -- seit Jahren hatten sie auch mir immer
+wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht -- und wie
+Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues
+Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar,
+siegreich bis ans Ende!
+
+Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein
+zu neuen Häusern bauen -- jedes Haus ein Tempel, -- in den Städten, auf
+den Dörfern, in der Heide, am Meere!
+
+Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, -- schon
+machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange
+-- Frohsinn und Freiheit überall, -- o mein Gott, es wurde wunderschön
+im Vaterlande! -- Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen
+Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen
+Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich,
+wie ein Frühling unseres Volkes! -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten
+Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der
+Nordsee zu.
+
+Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen
+Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit
+ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht
+hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? -- Ich kann dir
+sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch
+zwanzigmal wollten, -- das englische Volk will nicht! Das englische
+Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit
+vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das
+arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem
+hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier
+und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er
+ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben
+die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen
+Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die
+jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.
+
+Merkwürdig, seltsam, -- mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr,
+daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind,
+verwandt in Gedanken und Gefühlen.
+
+An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle
+atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, -- »nebenbei
+der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, -- was wäre
+die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr
+söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen
+Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott
+kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke
+an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf
+ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?
+
+Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei
+uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die
+besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen
+die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die
+Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in
+die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, -- so geht's
+nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre
+erfunden -- das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben --: Das
+Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht,
+in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht
+der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur
+Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben
+zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« -- »Aber wie ist das
+zu machen?« fragte der Heizer. -- »Viel einfacher, als es scheint.
+Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder
+Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens
+entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich
+von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt.
+Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf
+seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder
+Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein
+Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben,
+so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung
+von Sachverständigen vergüten.« -- »Und die Hypotheken,« fragte der
+Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« -- »Die werden bei
+der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden
+Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in
+Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien
+werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, -- aber kommen wird die
+Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post
+und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt
+ihr sagen, was ihr wollt« -- und er schlug mit der Faust auf die Bank,
+daß sie krachte, -- »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten
+wir es gleich!« -- -- -- -- --
+
+Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß
+da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten,
+die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch
+nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und
+der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war,
+heilig, unantastbar, -- das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk
+wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause
+alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.
+
+Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte
+ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am
+Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut
+acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch
+das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung
+bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit
+Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns
+heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen
+Zustände zu bessern.
+
+Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht
+läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. -- -- -- --
+
+Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras
+wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden
+für das Ewige.
+
+Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein
+langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei
+Gutes mitteilen -- ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen,
+die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und
+uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die
+Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das
+hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen,
+das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.
+
+So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in
+greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir
+schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.
+
+Er schrieb:
+
+ »Lieber Freund!
+
+ Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.
+
+ Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!
+
+ Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft
+ begrüßen zu können.
+
+ Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle,
+ alle!
+
+ Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!
+
+ Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in
+ ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und
+ Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!
+
+ Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die
+ glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen
+ zu können, -- aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg.
+ Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, --
+ halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen
+ mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit
+ sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.
+
+ Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten
+ noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie
+ die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem
+ Frevel.
+
+ Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend,
+ zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen
+ unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen,
+ unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich
+ Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und
+ sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird.
+ Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von
+ den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br.
+ Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt,
+ sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.
+
+ Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches
+ melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der
+ Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben
+ schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine
+ Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind.
+ Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer.
+ Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen
+ gründen, -- eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, -- nächstens
+ beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich
+ hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die
+ Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.
+
+ Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt,
+ allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der
+ Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.
+
+ Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet,
+ damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken
+ und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der
+ Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel
+ den Schülern seines alten Gymnasiums; -- ich sage Dir, keiner von
+ uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, -- er
+ hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte
+ der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen
+ erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über,
+ wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.
+
+ Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner,
+ Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose
+ in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser
+ braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird
+ sie nicht fürchten!
+
+ Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie
+ unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen
+ Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf
+ Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.
+
+ Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß
+ nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute.
+ Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus,
+ beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke,
+ zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine
+ Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die
+ Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten,
+ einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein
+ strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem
+ Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!
+
+ Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten
+ durch das ganze Land, -- es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm
+ ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die
+ gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden
+ Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen
+ Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke
+ mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren
+ Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen
+ für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und
+ Schwestern im Lande.
+
+ Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber
+ aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen
+ Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften
+ seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und
+ mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann,
+ weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie
+ ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du
+ sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!
+
+ Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden.
+ Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch
+ ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die
+ Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit
+ allmählich anfangen nachzudenken.
+
+ Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf
+ Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und
+ unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben
+ alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen
+ wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.
+
+ Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister!
+ Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der
+ alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen
+ sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude
+ verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und
+ durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an
+ den Kunstschöpfungen unserer Großen, -- und, denk Dir, dieses alles
+ ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem
+ Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber
+ wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die
+ Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern
+ jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von
+ Herzen freuen, das weiß ich.
+
+ Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!
+
+ Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König
+ Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die
+ Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen
+ für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und
+ Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der
+ Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So
+ beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er
+ sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika
+ zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit
+ und das gelbe Fieber zusammengenommen!
+
+ Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform
+ soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige
+ Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen
+ andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man,
+ den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es
+ scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die
+ Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur
+ zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.
+
+ Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich
+ mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da
+ ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß
+ die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt
+ sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf
+ die Dauer Bestand hat.
+
+ Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die
+ Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf
+ diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in
+ diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander
+ angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes,
+ einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker
+ selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so
+ machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen
+ zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der
+ Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser
+ englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu
+ wollen.
+
+ Bruder, Du sollst es sehen, -- der Menschheitsfrühling naht! Wohl
+ jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland
+ zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!
+
+ Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir
+ schaffen!
+
+ Dein
+
+ Heinz.«
+
+Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen
+Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! -- --
+
+Kaiser, mein geliebter Kaiser, -- oh, ich wußte es ja, du bist groß und
+gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest
+du den Zeitgeist verstehen!
+
+Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so
+schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig
+längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du
+nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die
+Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen,
+dich fördern sollten! -- Doch nun weiter, unermüdlich.
+
+Weiter! -- Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher!
+Immer mehr im Geiste der Liebe!
+
+ * * * * *
+
+Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, -- diese
+Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, -- die Reichen und
+Großen folgten, -- ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und
+seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine
+Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte
+des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute
+so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn.
+Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des
+greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet
+her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
+erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte
+ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen
+Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und
+unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der
+jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie
+er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten
+zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen,
+einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins
+Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im
+Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten,
+das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit
+unserer Frauen!
+
+Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale
+von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam
+Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von
+dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! -- -- -- --
+
+Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese
+alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich
+mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du
+die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die
+Größe liebst, weil du selbst groß bist!
+
+Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von
+Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest
+drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos
+arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! -- Wir eilen heim. -- In mir
+flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, -- von Sonnenschein, von
+hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! -- --
+
+ * * * * *
+
+An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In
+Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg
+wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen
+Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten,
+Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun
+wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder,
+Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der
+englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London
+gefahren war.
+
+Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der
+englischen Großlogensitzung:
+
+»In einer großen, von den Guttemplern und anderen
+Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen
+Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der
+Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das
+Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor
+J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und
+ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen
+in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war
+aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung
+zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten
+die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders
+glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise
+gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber
+es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von
+Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
+
+ ›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von
+ Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der
+ anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der
+ ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft
+ und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu
+ versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht
+ der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen
+ Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen,
+ sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
+
+Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales,
+Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste
+überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen
+unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall
+wurde sie einstimmig angenommen.
+
+Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und
+Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche
+Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution
+versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen
+neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine
+Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des
+Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
+
+Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch
+vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und
+aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst
+mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten
+glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als
+einmal zu hören!«
+
+Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier
+Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung:
+»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt
+gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs-
+und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition.
+Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den
+Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und
+Mißverständnisse der Politik.
+
+Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar
+nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere
+Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch
+zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit
+Deutschland in Fühlung zu treten.
+
+Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie
+überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach
+dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit
+Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die
+englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern
+Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er,
+hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und
+streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen,
+die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach
+Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des
+Friedens!« -- -- -- --
+
+Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr-
+und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen
+Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit
+strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine
+Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren,
+gegen die Deutschen! Versuch es nur, -- aber hüte dich, daß der Sturm
+der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt
+dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur
+Sonne, wie das meinige! -- Ich weiß es wohl, -- es sind nicht nur deine
+eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du
+willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast,
+-- das erste Volk der Erde soll es sein! -- Wohlan, wir sind gerüstet,
+wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes
+Volk von sechzig Millionen! -- Wir aber werden euch nicht angreifen,
+-- wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in
+friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den
+Wegen der Kultur! --
+
+Ihr Könige, gebt acht! -- Die Völker werden nüchtern und werden durstig
+nach Liebe! -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck
+zusammen.
+
+Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten
+aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten
+Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der
+Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu
+eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als
+dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele
+vorangegangen sei, -- wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter
+den Nationen.
+
+Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen
+Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die
+amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits
+viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem
+heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur
+schuf.
+
+Eine einfache kleine Volksschullehrerin, -- aber mit dem Willen zur
+Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi
+Geist stammte.
+
+Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem
+Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen
+Mitglieder im schwedischen Reichstage, -- ein gut Teil davon
+Sozialisten, -- die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege
+zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine
+Kriege. -- --
+
+Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
+
+»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge,
+Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
+
+»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche
+Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch
+für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden
+zu bewahren.«
+
+»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche
+Unterricht eingeführt.«
+
+»Fortschritt überall!«
+
+»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor
+allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der
+Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder
+Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden
+der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle
+weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne
+zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen
+Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen
+gekommen seien.«
+
+Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind
+durch Tausende lebendiger Fäden!
+
+»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer
+Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und
+Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte
+herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« -- und
+wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch
+hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung
+gegeben habe, -- »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der
+Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
+
+»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden
+sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im
+Freien, im Wald und auf der Heide.« -- -- --
+
+Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu
+großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit
+meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen
+Wellenringe der Nationen.
+
+ * * * * *
+
+Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf
+meinen stillen Platz hinter der Maschine.
+
+Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und
+putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube.
+Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von
+meinen Träumen abgelenkt wurde.
+
+Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe
+bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in
+aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?«
+-- »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er
+mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und
+klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse
+der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, -- sie ist doch wichtig.
+
+Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich
+allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine
+würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet
+werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, --
+und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend
+noch so unbedeutend, -- seine Bedeutung hat für das Gedeihen des
+Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren
+und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
+
+Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
+
+Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle.
+-- -- -- Und ich, was war ich denn?
+
+Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, --
+als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große,
+graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
+
+War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese
+kleine Schraube, -- war ich überhaupt so viel?
+
+Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den
+Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor
+Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem
+Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den
+Fortschritt der Menschheit bedeutete?
+
+Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
+
+Und doch, -- und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die
+Maschine. --
+
+Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich
+lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager
+lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet
+werden. --
+
+Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner
+Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser
+Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner
+Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
+
+Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
+
+Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe,
+für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
+
+Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die
+sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie
+unaufhaltsam vorwärtstrieb. -- Und dankbar dachte ich seines neuen
+Erlasses.
+
+Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt
+ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser
+Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus
+der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den
+steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, -- allem, was die
+Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, -- gerade wie
+die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der
+Nacht.
+
+Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein
+Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne
+Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch
+immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so,
+wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich
+und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« --
+
+Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein
+Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus
+grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker
+überschattend im Geiste der Liebe. -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und
+ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und
+sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen
+Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von
+Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem
+treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte,
+Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph
+gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit
+derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als
+Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine
+Seelenruhe nie erschüttern.
+
+Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir
+je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht
+fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue
+gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem
+man gehört, -- treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören,
+-- die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht
+von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, -- aber festhalten
+heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur
+gegenseitigen Förderung.
+
+So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt
+haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer
+Völker, zum Besten der Menschheit!«
+
+Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über
+unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den
+Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in
+einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
+
+ * * * * *
+
+Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer
+der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!
+
+Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.
+
+Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst
+den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem
+Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines, noch
+ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß
+der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. -- Wunderlich, wie
+schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der
+akademischen Trinksitten! -- -- -- -- --
+
+»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen
+nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven
+würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue
+Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit
+einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. --
+Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! -- Der Vater,
+Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch
+werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen
+und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden
+geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn
+hochgerissen. -- In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege
+weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein
+gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, --
+eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung --
+Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, -- aber es sei famos, -- und
+die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als
+ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« -- -- --
+
+Ein Händedruck. -- »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« -- Der Kollege fährt
+wieder an Land.
+
+Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes
+weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. -- --
+
+Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt
+noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, -- der
+»Sonnenscheinsamen« -- der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.
+
+Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt;
+-- er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich
+antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht
+für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft,
+zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht
+für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne an
+sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch
+diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein
+einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige,
+große Aufgabe hat.
+
+In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme.
+-- --
+
+Vor mir lagen meine Lieder.
+
+
+Sonnenscheinsamen.
+
+ Sonnenscheinsamen
+ Schenktest du mir, Geliebte!
+ Sonnenscheinsamen!
+ Ich aber streut' ihn
+ Mit vollen Händen
+ In die Herzen der Menschen,
+ In reich und arm,
+ In hoch und niedrig,
+ Ohne zu fragen,
+ Ob sie ihn wollten.
+ Und die ihn nicht wollten,
+ Bedurften seiner am meisten;
+ Denn sie saßen im Dunkeln
+ Und hatten vergessen,
+ Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde.
+ Und von den Klugen und Weisen
+ Riefen die meisten:
+ Halt' ein, du Fürst, du Verschwender,
+ Weißt du nicht, was du tust?
+ All deinen Sonnenschein
+ Entnimmst du dem Herzen
+ Und streust ihn,
+ Ohne an dich zu denken,
+ Über die Erde,
+ Als ob dein Reichtum
+ Nimmer enden könnte! --
+ Toren und Narren!
+ Zürn' ihnen nicht!
+ Sie kennen dich nicht, Geliebte,
+ Noch deinen Samen.
+ Kennen nicht seine Kraft
+ Und wissen nicht,
+ Daß, je mehr ich ihn säe,
+ Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht,
+ Und um so mehr von diesem deinen Samen
+ In mich zurückfällt,
+ Wuchernd und werbend!
+
+
+Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.
+
+ Was wißt ihr von Freiheit,
+ Ihr, die ihr nimmer
+ Aus dem Gewühl der Städte entranntet,
+ Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser,
+ Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen
+ Und Fürstendienern!
+ Was wißt ihr von Freiheit!
+ Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet,
+ Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust,
+ Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! --
+
+ Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff,
+ Über mir funkelt des Südens Kreuz
+ Und das Schwert des Orion. --
+ Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut,
+ So weit das Auge reicht, kein Land,
+ Nur unbegrenztes, unendliches Meer.
+ Ich aber trinke, in langen Zügen
+ Satt mich trinkend, selige Freiheit,
+ Eins mich fühlend in meiner Seele
+ Mit dem Geiste der Welten,
+ Der über die Meere herrscht und über die Erde
+ Und alle Gestirne.
+ Und meine Seele ist bei ihm
+ Und lebt in ihm
+ Und fühlt sich eins mit ihm
+ Als Herrn der Welt! --
+ Allein der Herr der Welt
+ Ist die Liebe!
+ Ihr aber macht euch Gesetze,
+ Die der Liebe spotten und somit des Herrn!
+ Wißt ihr, was Tropensonne heißt?
+ Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden?
+ So ist die Liebe!
+ Den Tod besiegend und Leben erweckend,
+ Eis des Nordens in Dampf verwandelnd,
+ Meere kochend,
+ Daß sie entströmen
+ In heißen Wogen ihren Gestaden,
+ Weithin tragend in grünen Wellen
+ Die Sonne des Südens,
+ Daß sie an Nordlands kalten Gestaden
+ Wonnespendend
+ Wunder des Frühlings lieblich zaubern.
+ Mich durchglühte die Tropensonne
+ Und weckte mir Liebe,
+ Glühend heiß wie sie selbst,
+ Nordlandeis in Dampf zu verwandeln!
+ Und kraft dieser Liebe
+ Breche ich eure Gesetze,
+ Die euch in Fesseln halten,
+ Wie der Nordsturm die Bäche
+ In unserer Heimat in Eis verwandelt,
+ Daß sie die Fluren nicht tränken können.
+ Eure Gesetze und Sitten,
+ Euren Glauben und eure Dogmen,
+ Die euch verbieten, euch so zu lieben,
+ Wie der euch zeigte,
+ Der die Sonne in euer Leben brachte
+ In nur einem Gesetz,
+ Einem einzigen, sonnigen:
+ Liebet euch untereinander!
+ Ihr aber tötet euch untereinander
+ Kraft eurer Gesetze,
+ Und haßt euch gegenseitig
+ Und steinigt euch
+ Kraft eurer Sitten!
+ Um was?
+ Um eures Glaubens, eurer Dogmen,
+ Eurer Sitten willen!
+ Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! --
+ Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen?
+ Habt ihr der Tropen Sonne gespürt?
+ Habt ihr des Sturmes Brausen gehört
+ Auf wogendem Meer?
+ Sie lachen eurer und eurer Gesetze
+ Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe,
+ Die nie versieget,
+ An die ihr nicht tasten könnt
+ Mit euren Händen
+ Und eurem Menschenverstande
+ Und eurer Kälte, --
+ Von Wärme und Größe,
+ Die ewig frei war, und ewig es sein wird!
+ Und das Meer und die Sonne
+ Und der brausende Sturm
+ Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens,
+ Sie alle haben es mich gelehrt,
+ Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden,
+ -- Würdig euch Menschen, --
+ Und bar der Liebe!
+ Und so lache ich euer und eurer Gesetze
+ Und Sitten und toten Dogmen,
+ Und habe Mitleid mit euch
+ Und liebe euch
+ In all eurer Kleinheit
+ Und eurer Härte und Kälte,
+ Und will euch auftauen mit meiner Liebe,
+ Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut,
+ Und stürmen wie der Sturm,
+ Reinigend, stärkend,
+ Und lieben, wie die Sonne der Tropen,
+ Heiß, versengend und Leben weckend,
+ Überreich' Leben!
+ Und kraft des sonnigsten Gesetzes,
+ Das der sonnigste Mensch euch gab,
+ Liebe ich die, die ihr verachtet,
+ Liebe ich die, die ihr hasset,
+ Denn sie bedürfen der Liebe! --
+ Lieb' ich euch alle!
+ Denn ihr alle bedürft der Liebe!
+ Und auf dem starken Fittich meiner Liebe
+ Über Tod und Grauen
+ Trage ich euch empor zum Herrn der Welten,
+ Dem Geist der Liebe,
+ Mit dem ich eins mich weiß
+ Als Herrn der Welt!
+
+ * * * * *
+
+ Weißt du, wer ich bin?
+ Weißt du, wer ich bin?
+ Ein Stückchen bin ich vom Nagel
+ Am kleinen Finger der Gerechtigkeit.
+ Wehe dir, wenn du Arme drückst
+ Oder Bedrängte!
+ Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst,
+ Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose,
+ Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast!
+ Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht
+ Und Unrecht in Recht verwandelst!
+ Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl
+ Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers,
+ Und ich führe ihrer Hand den Weg,
+ Um dich zu packen!
+ Darum hüte dich! --
+
+ Weißt du, wer ich bin?
+ Weißt du, wer ich bin?
+ Ein Stäubchen bin ich im Weltenall,
+ Getragen von einem Sonnenstrahl,
+ Von einem Strahl aus jener Quelle,
+ Die ewig war und ewig sein wird!
+ Von einem Strahl aus jener Quelle,
+ Aus der seit Ewigkeiten
+ Alle Liebe und alle Wärme fließt.
+ Und wenn du im Elend bist;
+ Und wenn du einsam oder in Sorgen bist;
+ Wenn du arm oder gedrückt bist;
+ Wenn Krankheit dich quält
+ Und Schmerz
+ Und Angst vor dem Ende:
+ So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen,
+ Und kraft des Strahls, durch den ich lebe,
+ Will ich dich lieben und dich erwärmen,
+ Daß deine Sorgen und deine Schmerzen,
+ Und was dich drückt,
+ In nichts zerfließt --
+ Nimm mein Leben, -- nur komm! --
+
+ * * * * *
+
+ Merkwürdiges erleb' ich!
+ Ich sehe die Dinge, wie sie sind,
+ Und sage, was ich sehe!
+ Und andere sehen die Dinge
+ Ebenso wie ich,
+ Und sagen, sie sähen sie anders!
+ Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch,
+ Oder es ist ihnen bequemer.
+ Aber sie merken nicht,
+ Daß ihre Worte wie Nebel sind,
+ Die die Wahrheit verdunkeln,
+ Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln!
+ Und andere glauben, klug zu sein,
+ Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken,
+ Und tun,
+ Als ob sie anders wären und anderes wollten!
+ Und sehen nicht,
+ Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen!
+ Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein!
+ Aber die Wahrheit ist stark und hell,
+ Wie die Sonne,
+ Und scheint durch allen Nebel hindurch,
+ Oft nur in Strahlen,
+ Oft hellt sie ihn ganz.
+ Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln,
+ Daß man sie so leicht finden kann,
+ Wie ein Licht im Dunkeln!
+ Und je näher wir kommen,
+ Desto größer und heller scheint uns das Licht;
+ Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen,
+ Desto heller wird es in uns!
+ Sie gleicht einem Leuchtturm,
+ Der fernher über das finstere Meer
+ Unserem Schiffe den Weg zeigt
+ Zur fernen Küste! --
+ Du bist der Leuchtturm
+ Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte!
+ Einem Licht im Dunkeln gleichst du,
+ Wie du der Wahrheit gleichst,
+ So hell und klar.
+ Das kommt,
+ Ihr beide habt eine Mutter:
+ Die Sonne!
+
+ * * * * *
+
+ Den Tod fürchtest du,
+ Den Allbezwinger?
+ Ach, ich versteh' dich!
+ Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe,
+ Und dich schreckt das Gerippe
+ Und die Furcht vor dem Nichts,
+ Dem Unbekannten,
+ Großen,
+ Leeren,
+ Dem Nichts!
+ Ist es nicht so?
+ Sei ruhig und ängstige dich nicht
+ Und laß dir erzählen!
+ Ich kenne ihn!
+ Zweimal trat er an mich heran.
+ Als er zuerst mir nahte,
+ Da lag ich auf meinem Schmerzenslager,
+ Fiebernd, röchelnd,
+ Nach Atem ringend,
+ Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen.
+ Da kam er
+ Mit leisem Schritt
+ Und sanfter Hand:
+ Noch fühl' ich sie,
+ Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn,
+ Sanft, ganz sanft.
+ Und wie die Augen schwer wurden,
+ Wurde mein Herz mir leicht,
+ Oh, so leicht,
+ Als ob ich Schwingen hätte,
+ Und alle Sorgen fielen von mir ab,
+ Alle Schmerzen schwanden, --
+ So ruhig wurde es drinnen,
+ So himmlisch ruhig, --
+ Mir war's,
+ Als wüchs' ich über mich hinaus,
+ Und größer, immer größer,
+ Um in eins zu fließen
+ Mit dem Geiste der Welt. --
+ Und ich genas.
+ Und wieder trat er dann zu mir,
+ Zum zweitenmal.
+ Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob,
+ Die Wogen berghoch sich zusammentürmten,
+ Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen.
+ Da trat er wieder zu mir her,
+ Sanft, ganz sanft,
+ Und wiegte mich,
+ Wie mich die Mutter wiegte,
+ So daß ich mich als Kind noch einmal träumte,
+ Als glückersehnend Kind.
+ Und selig trank ich in Erinnerung
+ Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein.
+ Und heut noch dank' ich ihm die Stunde,
+ In der er mir dies süße Glück verlieh.
+ Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal.
+ Er komme, wann er kommt.
+ Ich weiß es, er ist sanft und mild;
+ Er löscht nicht aus,
+ Er lindert nur die Schmerzen
+ Und zaubert dir dein geistig' Aug'
+ So groß und weit,
+ Daß du dein irdisches gar gern entbehrst.
+ Sieh die Natur:
+ In weißes, weiches Laken
+ Hüllt der Schnee sie ein.
+ Du meinst, sie sei gestorben?
+ Tor, sie lebt!
+ Dort unter dem Schnee,
+ Da lebt es und webt es!
+ In starrender Rinde
+ Und rauhem Kern,
+ Da treibt es und keimt es!
+ Und kommt der Frühling
+ Mit seiner Sonne,
+ Warte nur,
+ Sing' und freu' dich!
+ Schau nur,
+ Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben
+ Der schwarzen Erde entsprießt,
+ Alles, was in ihr verborgen lag,
+ Vermodernd, verwesend,
+ In neues Leben verwandelnd,
+ Das zur Sonne drängt,
+ Weil es von der Sonne stammt!
+ Und auch du stammst aus der Sonne!
+ Auch dich decken sie einst
+ Mit weißem weichen Laken
+ Und senken dich,
+ Wie ein Samenkorn von der Wintersaat,
+ In die Erde,
+ Damit, wenn dein Frühling kommt,
+ Was von dir aus der Sonne stammt,
+ Zur Sonne emporwächst.
+ Aber gib acht!
+ Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst,
+ Trink es in dich hinein,
+ Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt.
+ Trink Sonne und Liebe,
+ Soviel du nur kannst,
+ Und strahle sie wieder von dir,
+ Erhellend, erwärmend,
+ Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist!
+ So mehre den Sonnenkern in dir,
+ Jenes wunderbare Teil in dir,
+ Das du von ihm empfingst,
+ Dem Allewigen,
+ Aus dem alle Sonne und Liebe stammt.
+ Und fürchte dich nicht vor dem Tod:
+ Denn er ist sanft
+ Und zeigt dir nur den Weg,
+ Der dich vom Nebeltal der Erde
+ Wieder dorthin führt,
+ Woher du stammst.
+ Sei froh und fürchte dich nicht!
+
+ * * * * *
+
+ Ich lag im Grase und unter Blumen,
+ Bunt und blühend, vertraulich nickend,
+ Am Busen der Erde, der Mutter aller.
+ Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann
+ Des Meilers grauer Qualm,
+ Mich mahnend an der andern Menschen Treiben.
+ Und wie es kam -- ich weiß es selber kaum:
+ Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind,
+ Und mit den Schwestern, all den Blumen,
+ Da spielte ich und neckte mich; --
+ Ihr seid doch meine Schwestern, nicht?
+ Und du? Du Mutter Erde,
+ Bist du nicht unsre Mutter?
+ Oder etwa nur, weil wir dich so nennen,
+ Nicht, weil du es bist?
+ Aber wurzelt nicht in deinem Schoße
+ Der gewaltige Eichbaum,
+ Die Blume am Wege
+ Und in des Meeres unendlicher Tiefe
+ Weit um sich greifender Algen bunte Pracht,
+ Wie in der Mutter Schoße das Kind,
+ Angeheftet mit feinen Fäden,
+ Nahrungssaugenden,
+ Wachstumspendenden? --
+ Oh, daß ich dich halten könnte,
+ Wie ich die Mutter umfing,
+ Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte.
+ Und ich? -- aber hier ruhe ich ja!
+ Wer will's mir denn wehren,
+ Wer mich reißen von deinem Busen?
+ Wurzeln wir denn nicht alle in dir?
+ Saugen wir all nicht aus deinem Boden
+ Nahrung und Kraft?
+ Sind denn nicht alle deine Geschöpfe
+ Unsre Geschwister?
+ Atmest du nicht für uns, deine Kinder,
+ Stärkende Himmelsluft ein?
+ Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen,
+ Was uns nur schadet,
+ Daß es zurzeit als himmlischer Segen
+ Umgewandelt herniederträufle,
+ Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken,
+ Wasser des Himmels begierig schlürfest?
+ Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen,
+ Dein Feuer, Deine Glut,
+ An der wir uns wärmen?
+ Und empfängt nicht das Kind
+ Vom Geiste der Mutter seinen Geist?
+ Ist es nicht ebenso dein Geist,
+ Derselbe Geist, der uns alle beseelt,
+ Der uns alle umfaßt?
+ Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists,
+ Abgesplittert und zugehörend? --
+ Weh' über die Brüder, die glauben,
+ Daß sie allein etwas sind!
+ Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall!
+ Wenn sie es könnten! --
+ Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken;
+ Aber wohl tut ihr dran,
+ Wenn ihr erschrecket und merket,
+ Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt,
+ Gleich euren Brüdern im Walde -- ob all eures Wissens!
+
+
+
+
+An meine Feinde.
+
+ Ich kenne euch, meine Feinde!
+ Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt
+ Und sie zertretet,
+ Als ob sie Gras wären!
+ Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich,
+ In euren Netzen sitzet,
+ Tagediebe,
+ In euren Spelunken,
+ Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder,
+ Von ihren Schwächen
+ Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet!
+ Euch,
+ Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet,
+ Damit sie euch zinsen!
+ Euch, die ihr in Palästen wohnt
+ Und in getäfelten Häusern,
+ Bei Braten und Wein schwelgt,
+ Zu Pferde und in Karossen dahinjagt
+ Und über die schlechten Zeiten jammert
+ Und die begehrliche Masse des Volks!
+ Ich kenne euch alle!
+ Ihr ewig Gerechten,
+ Ihr Stolzen und Harten,
+ Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge
+ Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben,
+ Dem nicht so feines Tuch, wie euch,
+ Die sehnigen Arme und Beine umkleidet.
+ Und euch, ihr Tugendhaften,
+ Die ihr so sicher euren Weg geht,
+ Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt!
+ Und euch, ihr Männer,
+ Die ihr die Kraft nicht habt,
+ Eure Frauen mit Liebe zu sättigen,
+ Geschweige denn,
+ Daß ihr die Seele eines Weibes versteht,
+ Ihr, die ihr kaum ahnt,
+ Was Seele heißt!
+ Erbärmlich Volk!
+ Otterngezücht! --
+ Durch einen Wald schritt ich
+ Und fand ein Nest von jener Sorte,
+ Die die Natur
+ Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet.
+ Zischend bäumten sie hoch
+ Und wollten mich beißen.
+ Ich aber sprang mit beiden Füßen
+ Mitten in sie hinein
+ Und zertrat die Brut.
+ Oh, könnt' ich auch euch,
+ Ihr Krämer und Wucherer,
+ Ihr Brenner und Brauer,
+ Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut
+ Und das Volk vergiftet,
+ Euch scheinheilige Pharisäer,
+ Die ihr angebt,
+ Das Christentum gepachtet zu haben,
+ Und deren Herzen
+ Das einzige Gesetz,
+ Das Gott uns gab:
+ »Liebet euch untereinander!«
+ So fremd ist,
+ Wie Erbarmen der Otter, --
+ Könnt' ich auch euch
+ Wie dieses Otterngezücht zertreten!
+ Mir träumte als Knabe,
+ Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land,
+ In blinkender Rüstung,
+ Ein Ritter des Herrn,
+ Schwingend in meiner Hand
+ Ein flammendes Schwert.
+ Krämer, die Branntwein verkauften,
+ Hatten den Krieg entfesselt;
+ Weithin verwüstet lag schon das Land.
+ Mordend und brennend zogen sie aus,
+ Lachten und logen,
+ Sie brächten Kultur.
+ Glückliche Völker sanken dahin
+ In Elend und Schmach.
+ Ich aber schwang in erhobener Linken
+ Die Fackel der Wahrheit,
+ Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild,
+ Der war die Liebe zu meinen Brüdern.
+ Todwund kamen sie an
+ Und heischten Hilfe!
+ Ich aber nahm sie unter den Schild!
+ Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert,
+ Das hieß Gerechtigkeit. --
+ Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre
+ Und mein Leben tausendfach,
+ Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten!
+ Aber solange ich atme,
+ Will ich mit euch kämpfen!
+ Zittert vor mir!
+ Denn ich bin zähe und stark,
+ Und meine Freunde sind wie Sand am Meere!
+ So fürchte ich euch nicht!
+ Ich kenne euch, meine Feinde,
+ Und danke euch,
+ Daß ihr euch so nennt!
+ Ich bin stolz auf euch!
+ Und habe Mitleid mit euch, --
+ Denn reihenweise sehe ich euch sterben
+ In der Blüte der Jahre,
+ Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet
+ Und auf die Klugheit meiner Freunde!
+ So habe ich Mitleid mit euch
+ Und eurem Ende! --
+
+ * * * * *
+
+ An meiner Seite schreitet ein Weib,
+ Ernst und still,
+ Und doch heiter und fröhlich.
+ Ich liebe sie,
+ Denn sie ist gütig gegen mich
+ Und überschüttet mich mit Reichtum.
+ Sie verleiht mir Kraft
+ Und meinem Leben Würze.
+ Nachts ruht sie an meiner Seite
+ Und sorgt, daß kein Gram
+ In mein Herz dringen kann.
+ Sie richtet meine Blicke auf den Weg,
+ Den ich zu gehen habe,
+ Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg.
+ Wenn ich müde werde,
+ So küßt sie meine Stirne
+ Und haucht mir neue Kräfte ein.
+ Meine Ohren hält sie mir zu
+ Mit weicher Hand,
+ Wenn die Spötter zischeln,
+ Und zeigt meinen Augen
+ Den Pfad,
+ Wenn die Feinde dräuen. --
+ So gehe ich geradeaus,
+ Und finde mein Ziel. --
+ Toren sagen,
+ Sie sei hart und unerbittlich.
+ Sie kennen sie nicht,
+ Weil sie sie nicht lieben,
+ Nicht lieben, wie ich,
+ Für den sie Leben ist!
+ Kaum kennen sie ihren Namen!
+ Du, meine Geliebte,
+ Meine Pflicht!
+
+ * * * * *
+
+ Du hast Furcht?
+ Fürchte dich nicht!
+ Du bist traurig?
+ Traure nicht!
+ Siehe, ich war niedergebrochen
+ Unter Furcht und Trauer,
+ Und meine Seele lag am Boden,
+ Wie mein Leib.
+ Da dachte ich an die,
+ Die meine Sonne ist,
+ Und erhob mich
+ Und genas
+ Und übte meine Kraft.
+ Schlangengleich
+ Umwanden Furcht und Trauer
+ Meine Seele
+ Und bissen nach meinem Leben.
+ Ich aber faßte sie
+ Und erwürgte sie
+ Und befreite mich aus ihren Ringen.
+ Und nun,
+ Siehe,
+ Stehe ich vor dir,
+ Stolz und frei
+ Und stark
+ Und reiche dir meine Hand
+ Und hebe dich zu mir empor.
+ Hab' Mut und hoffe,
+ So hast du Kraft!
+ Versuch' es nur!
+ Schau' nur, es geht. --
+ Schon strahlt dein Auge.
+ Glaube mir,
+ Hoffe,
+ Und folge mir!
+
+
+Einer Mutter.
+
+ Dein Einziger ist dir genommen,
+ Mutter,
+ Dein brauner Knabe?
+ Oh, ich verstehe deinen Jammer,
+ Deinen Schmerz!
+ Dein Einziger!
+ Und welch ein Junge!
+ Wie leuchteten seine braunen Augen
+ Unter den dunklen Locken!
+ Wie lachte sein roter Mund!
+ Wie straff und fest waren diese jungen Beine,
+ Wie kraftvoll die Arme!
+ Wie hob sich die Brust,
+ Wenn er deinem Gatten
+ Vom Wagen herab
+ Die Fruchtkörbe reichte
+ Und die Körbe Gemüse!
+ Ja, weine nur, Mutter,
+ Weine heiße Tränen,
+ Laß sie wie Bäche im Frühling fließen!
+ Wahrlich, er ist es wert!
+ Traure um ihn,
+ Weine und traure!
+ Aber nicht verzweifeln!
+ Wie alt ist dein Gatte?
+ Dreiundvierzig?
+ Und stark und gesund? --
+ Wie könnt' er anders! --
+ Und du?
+ Wie alt bist du? --
+ Vierzig Jahre, sagst du?
+ Ich kenne Frauen,
+ Die mit zweiundvierzig freiten,
+ Und die mehreren starken Söhnen
+ Das Leben schenkten!
+ Du schüttelst dein Haupt
+ Und seufzest?
+ Hör' zu, was ich dir sage
+ Und glaube mir:
+ Warte, bis sich nun wieder
+ Der Mond erneut.
+ Kommt der Gatte dann heim,
+ Empfang ihn wie einstens,
+ Strahlend,
+ Hoffnungsfreudig.
+ Schling' deine Arme um seinen Hals,
+ Küß ihm von seiner Stirne,
+ Von seinen Lippen,
+ Von seinen Augen seinen Gram,
+ Euren Gram. --
+ Und sitzt ihr beim Mahl,
+ Erzähl' ihm,
+ Leise, leise,
+ Daß niemand es hört,
+ Dir hätte geträumt,
+ Selig, selig,
+ Ihr wäret noch jung,
+ Ganz jung,
+ Und hättet Gott gebeten,
+ So recht von Herzen,
+ Und er hätte euch erhört
+ Und euch geschenkt
+ Einen wonnigen Buben
+ Mit dunkelen Locken
+ Und braunen Augen. --
+ Und ehe ihr zur Ruhe geht,
+ Erzähl' ihm deinen Traum
+ Noch einmal!
+ Und hoffe!
+
+
+
+
+Vergeltung.
+
+ Du hast mir weh getan,
+ Wie noch kein Mensch mir weh getan!
+ Ich habe dich lieb gehabt
+ Wie meine Seele, --
+ Und du hast mich betrogen!
+ Du hast mich verraten und verleumdet
+ Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt.
+ Ich ahnte nur, was Sünde war,
+ Wußte es aber nicht, --
+ Du hast es mich gelehrt.
+ Wenn ich nicht wäre, wie ich bin,
+ Und wenn ich nicht ich wäre,
+ Sondern wäre wie die andern,
+ So würde ich dich jetzt hassen
+ Und dich verachten,
+ Ja, dich töten!
+ Fast wäre ich gestorben deinetwegen
+ Und hätte mich verloren
+ Und alles, was mir schön und lieb ist,
+ Deinetwegen!
+ Und du, du hast mir weh getan,
+ Wie noch kein Mensch zuvor!
+ Aber ich hasse dich nicht
+ Und verachte dich nicht;
+ Denn mein Gott ist nicht dein Gott,
+ Ist nicht der Gott der Rache,
+ Sondern der Liebe!
+ Mein Gott gleicht der Sonne
+ Und nicht der Finsternis.
+ Der Sonne, die im Frühling
+ Die Blumen weckt
+ Und die Vöglein
+ Und die Herzen!
+ Der Sonne, die im Sommer
+ Die Traube reift
+ Und der Rose ihr Düften zaubert!
+ Der Sonne, die uns Leben schenkt
+ Und uns lieben lehrt
+ Und scheint über Gerechte und Ungerechte!
+ Und dieser Gott lehrte mich,
+ Auch dich,
+ Auch dich zu lieben,
+ Die ich so lieb gehabt
+ Wie meine Seele,
+ Und die mir nun so weh getan,
+ Wie noch kein Mensch zuvor!
+ Und da du in Not bist,
+ So will ich für dich sorgen
+ Und dir raten und helfen
+ Und dir Vater und Mutter sein
+ Und Sonne deines Lebens,
+ Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!
+
+ * * * * *
+
+ Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden!
+ Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten,
+ Wie könntest du die Leiden anderer empfinden?
+ Und hätten andere für dich nicht so gelitten,
+ Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen?
+ Und einsam ständest du im Leide
+ Und verlassen,
+ Und deine Tränen flössen ungesehen.
+ Oh, danke Gott für deine Schmerzen;
+ Denn sie sind das Band,
+ Das dich den anderen verbindet
+ Und dich und sie zu Menschen macht!
+ So laß aus deinem Leide Blumen wachsen,
+ Die andern Freude, Leben spenden!
+ Schau' nur den Frühling!
+ Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt
+ Und streut Blumen und Düfte
+ Über die Erde,
+ Die wunden Herzen froh zu erquicken,
+ Und hat doch selbst soeben erst
+ Den Winter überwunden.
+ Und wenn dein Herz in Stürmen steht
+ Und Wintersnacht,
+ Wisse:
+ Anderer Herzen stehen im Frühling
+ Und überschütten dich mit Blumen und Düften
+ Und Sonnenschein!
+ Und ehe du dich's versiehst,
+ Vergeht dein Winter!
+
+
+Einer Freundin.
+
+ Einen Schrein voll Kostbarkeiten
+ Sandtest du mir,
+ Wie von liebender Hand gepackt.
+ Und ich, --
+ Was soll ich Armer dir dafür schenken?
+ Siehe, mein Leben gehört den anderen,
+ Und meine Liebe einer anderen.
+ Meine Zeit gehört meinen Armen
+ Und meine Kraft meinen Kranken.
+ So nimm denn meine Freundschaft.
+ Die gleicht einem Bergsee
+ Droben zwischen den Firnen.
+ Kristallklar und hell ist sein Wasser;
+ Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel.
+ Dunkelgrün spiegeln in ihm
+ Sich schweigende Fichten,
+ Ernste, hochragende.
+ So seien die Gedanken,
+ Die in dem Spiegel unserer Freundschaft
+ Leben gewinnen,
+ Ernst, hochragend.
+ Und unsere Freundschaft sei
+ Kristallhell und klar,
+ Rein und erfrischend,
+ Wie das Wasser jenes Bergsees
+ Dort oben hoch zwischen den Firnen!
+
+ * * * * *
+
+ Herr, nun danke ich dir,
+ Daß du mich sündigen ließest!
+ Denn nun weiß ich,
+ Daß die Sünde lieblich und wonnig ist
+ Im Beginn,
+ Wie Honig schmeckt
+ Und wie Veilchen duftet, -- im Beginn!
+ Aber nachher,
+ Wenn der Duft verflogen,
+ Schmeckt sie wie Galle
+ Und beißt, wie ätzend Gift!
+ Herr, nun danke ich dir,
+ Daß du mich sündigen ließest!
+ Denn nun weiß ich,
+ Wie weh es tut,
+ Und wie es krank macht
+ Und schwach
+ Bis zum Tode!
+ Und hast mich mit deiner starken Hand
+ Noch gerade gehalten,
+ Eh' sie ganz mich verschlang
+ In Tod und Verderben!
+ Herr, nun danke ich dir,
+ Daß du mich sündigen ließest!
+ Denn nun weiß ich,
+ Wie anderen zumute ist,
+ Die niederbrechen unter der Last der Sünden,
+ Todwund,
+ Und nicht die Kraft mehr haben,
+ Aus dem Meer von Galle
+ Und ätzend Gift
+ Mit starkem Arm sich emporzurudern
+ Und nach dir zu greifen,
+ Der du Licht und Sonne bist
+ Und Wärme und Liebe,
+ Aus der ich entstamme,
+ Aus der wir alle entstammen!
+ Herr, nun danke ich dir,
+ Daß du mich sündigen ließest!
+ Denn nun weiß ich,
+ Warum du es tatest,
+ Du Allgütiger und Allweiser:
+ Du wolltest ein Werkzeug haben
+ Deiner Güte,
+ Das geschickt sei zum Helfen
+ Und zum Vergeben,
+ Zum Heilen und Reinigen
+ Und zum Emporreißen zu dir,
+ Du Sonne unseres Lebens!
+ So mußte ich den Weg finden
+ Von Anfang an!
+ Herr, ich danke dir;
+ Denn nun weiß ich,
+ Meine Sünde war nur eine Stufe
+ Aus dem Dunkeln ins Helle!
+
+ * * * * *
+
+ Nicht nach Orden und Titeln
+ Steht mein Begehr,
+ Noch nach Ruhm,
+ Oder dem schwellenden Siegesgefühl;
+ Denn wenn ich den Sieg hätte,
+ Müßt' ich ja ruhen,
+ Wär' ja der Kampf beendet.
+ Aber der Kampf ist's ja gerade,
+ Der Kampf um die Wahrheit,
+ Der das Leben erst lebenswert macht,
+ Seien der Feinde auch noch so viel!
+ Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich,
+ Noch nach weichlichen Polstern
+ Nach reichlichem Mahle.
+ Aber vielfach ist mein Begehr,
+ Was mir das Leben lebenswert macht:
+ Wohl liebe ich es,
+ Auf feurigem Roß
+ Durch die Berge zu reiten,
+ Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen,
+ Auch zu berauschen mich
+ An den Rosen im Garten
+ Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, --
+ Unter mir schläft in sanftem Nebel
+ Das liebliche Waldtal,
+ Übergossen vom silbernen Zauberschein
+ Des Mondes, --
+ Vor allem als Mann mich zu fühlen,
+ Als Freier,
+ Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen
+ Im Kreise meiner Söhne,
+ Meiner starken, gewandten,
+ Blondlockigen, mit strahlenden Augen,
+ In meinem Garten
+ Mit ihnen
+ Mit Speer oder Pfeilen
+ Um die Wette zu schießen,
+ Wie die Ahnen vor tausend Jahren,
+ Oder kunstvoll mit ihnen
+ Schnellsegelnde Schiffe zu bauen!
+ Zartes, Innigeres, das ich nicht singe,
+ Kenne ich, was mich berauscht
+ Und mich zwingt,
+ Im Gefühle der Mannesvollkraft
+ Meine Arme zu recken,
+ Gleichsam als ob Erinnerung
+ An Schöpfers Urkraft mich durchglühte.
+ Und doch schafft dieses alles
+ Nimmer des Lebens treibende Kraft.
+ Aber mannesfroh macht es,
+ Den Mächtigen trotzen,
+ Wenn sie Unrecht tun
+ Und den Schwachen bedrängen,
+ Der sich nicht selber zu helfen weiß.
+ Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen
+ Recht zu Recht bringen,
+ Der Witwen Tränen trocknen,
+ Dem Armen das Seine verschaffen,
+ Schwachen Frauen und weinenden Kindern
+ Gegen den harten Bedränger
+ Hilfe und Hort sein.
+ Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit,
+ Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen,
+ Daß er aufs neue
+ An die Sonne, an das Leben,
+ An die Liebe, die göttliche, glauben lernt.
+ Den Weisesten im Lande,
+ Vom Staate gestempelt,
+ Zeigen, daß auch sie irren,
+ Daß ihre Wege in Irrsal führen
+ Und Not,
+ Neue Wege ihnen weisend
+ Zu größerem Ziel. --
+ Das ist Mannesarbeit,
+ Frohe, beglückende,
+ Selig berauschende! --
+ Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr,
+ Noch nach Ruhm und Denkmälern!
+ Aber die Wellen meines Geistes
+ Sollen ringförmig ausstrahlen
+ Im Leben meines Volkes,
+ Als ob du einen Stein wirfst
+ In einen tiefen und klaren Bergsee --
+ Und ringförmig brechen sich die Wellen
+ Weithin,
+ Bis ans Ufer,
+ Und wenn der Stein längst versunken,
+ Immer noch kräuselt der See: --
+ Du weißt's,
+ Wovon.
+ So weiß der,
+ Der aller Seelen
+ Seele ist,
+ In dem wir alle eins sind,
+ Von wessen Stein die Wellenringe stammen,
+ Die der Menschheit Geistessee
+ Bewegten.
+ Denkmäler? Ruhm?
+ Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler!
+ Wenn ich sterbe,
+ Sollen Arme seufzen
+ Und Witwen weinen.
+ Und die Fenster der Häuser --
+ Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen --
+ Dorten am Waldesrand
+ Und am Bergesabhang
+ Und drunten im stillen Tal,
+ Die ich den Armen gebaut,
+ Sie sollen in der Abendsonne funkeln:
+ Er hat uns gebaut! --
+
+
+
+
+Wahrheit und Freiheit.
+
+ Dank, Vater, daß du mich werden ließest
+ Als Sohn meiner Heimat!
+ Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
+ Wo Freiheit rufend atmet die Luft,
+ Wo Freiheit donnernd brandet das Meer,
+ Wo Freiheit rauschend duftet der Wald,
+ Wo Meer und Land und Luft mich lehrte,
+ Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen!
+ Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit,
+ Knechte genügen sich nachzubeten,
+ Fürchtend den Kampf und seine Früchte,
+ Wunden und Wehe und winkenden Tod!
+ Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme
+ Trotz zu bieten in langer Wanderung
+ Oder durch brandender Wogen Gedränge
+ Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren,
+ Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück,
+ Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch!
+ Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert
+ In Wellenkreisen, die weiter reichen
+ Als winkender Tod!
+ Dank, Vater, daß du mich werden ließest
+ Als Sohn meiner Heimat
+ Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
+ Wo Sturm und Meer und weite Heide
+ Seit Ewigkeiten zum Leben rufen
+ Wahrheit und Freiheit!
+
+
+Meinem Volke!
+
+ Ein Lied will ich euch singen,
+ Das ihr nimmer hörtet.
+ Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht,
+ Wenn ich es singe;
+ Aber Teergeruch von Schiffstauen
+ Nehmt ihr wohl wahr,
+ Und Meerluft läßt euch freier atmen,
+ Salzige, herbe, die Brust euch dehnende.
+ Gebt acht!
+ Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung,
+ Wohl aber Wogengebraus
+ Und Sturmgeheul,
+ Knattern der Segel im Wind
+ Und das Rasseln der Ketten,
+ Wenn der Anker zu Grund fährt.
+ Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar
+ Paßt zur Begleitung.
+ Mein Lied, das ich euch singe,
+ So neu es ist,
+ Uralt ist es doch schon.
+ Vergessen nur haben es viele von euch
+ In Wohlleben und Rausch!
+ Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter,
+ Mächtig, siegesmutig.
+ Sie vererbten es euch!
+ Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen
+ Euch träge und stumpf!
+ Wenn aber einst eure Enkelkinder --
+ Was Gott mög' geben --
+ Von neuem erwachen,
+ Dann werden sie wieder,
+ Wie unsere Väter vor tausend Jahren,
+ Jubelnd das Lied singen,
+ Wie groß die Welt,
+ Wie herrlich und weit,
+ Und die Freiheit
+ Berauschend und manneswert!
+ Singen werden sie das uralte Lied,
+ Das ewig neue,
+ Zur Fahrt übers Meer.
+ Und zum Schärfen der Pflugschar.
+ Hört zu!
+ Vor tausend Jahren lebten im Norden
+ Unsere Väter.
+ Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt,
+ Schneebeladen.
+ Wie der Bergstrom im Frühling,
+ So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar.
+ Zu enge wurden die Weideplätze
+ Der rötlichen Rinder.
+ Da wanderten sie in hellen Scharen,
+ Die einen gen Westen
+ Auf rauschendem Kiel
+ Weit über des Weltmeers wogende Flut.
+ Die andern aber zogen gen Süden
+ Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. --
+ Dort hausten sie lange.
+ Da trafen sie schlaue römische Händler;
+ Die brachten ihnen,
+ Aus Eisen geschmiedet,
+ Schwerter und Speere
+ Und tauschten dafür
+ Des Urs und des Bären zottige Felle.
+ Und die Händler erzählten von einem Lande,
+ Das südwärts läge,
+ In dem die Sonne im Winter selbst
+ Wonnig schiene,
+ Goldene Äpfel in dunklem Laube,
+ Schwellende Trauben voll süßer Beeren
+ Lockend reiften.
+ Da horchten die Väter
+ Und tauschten Blicke,
+ Pläne schmiedend.
+ Doch fern sei das Land,
+ So mahnten die Händler,
+ Und beschwerlich der Weg
+ Über der Alpen schneeige Höh'n.
+ Da lachten die Helden
+ Und jubelten laut
+ Und riefen einander:
+ Wohlauf denn zum Süd!
+ Doch wiederum mahnten die Händler bang,
+ Kriegerisch sei der Römer Volk,
+ Schwertkundig und waffengewohnt
+ Untertan ihnen der Erde Rund!
+ Lachen lohnte der Warnung Wort!
+ Nicht länger hielt es die Väter mehr:
+ Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel.
+
+ So zogen sie aus,
+ In hellen Scharen,
+ Wohl über der Alpen eisigen First.
+ Jauchzend und lachend
+ Auf ihren Schilden
+ Fuhren die Helden fröhlich zu Tal.
+ Doch in dem Kampf
+ Um das sonnige Land
+ Sanken der Helden beste dahin.
+ Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's!
+ Was der Besiegten Schwerte entkam,
+ Das entnervte des Südens feuriger Wein. --
+ Zerstoben, verweht das wandernde Volk.
+ Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten,
+ An Englands Gestaden
+ Wohnsitz fanden.
+ Sie bauten Schiffe
+ Und kreuzten weiter
+ Und weithin wurde ihrer die Welt.
+ Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit,
+ Und das Meer so blau,
+ Wie Kornblumen im Felde,
+ Und so frei. --
+ Nun hört, was ich sag'!
+ Wacht auf aus dem Schlaf
+ Und schauet umher:
+ Zu eng wird's im Land,
+ In dem ihr haust
+ Seit Vätergedenken!
+ Drum Schiffe gebaut
+ Und hinaus in die Welt!
+ Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres,
+ Unendlich große.
+ Weithin aufs Meer
+ Trug der Landwind den Duft
+ Von all den Blüten,
+ Die den Urwald schmücken. --
+ Wo Wald wächst, wächst auch Korn.
+ Groß sind die Wälder
+ Und harren der Axt.
+ Schmiedet Äxte!
+ Weideplätze weiß ich,
+ Weite, unendliche, --
+ Felder für Weizen und herrliche Früchte.
+ Schmiedet Pflüge!
+ Weite Länder,
+ Die der Menschen harren.
+ Liebt euch!
+ Und Hände werden euch wachsen,
+ Das Land zu meistern.
+ Drum hinaus in die Welt!
+ Und Schiffe gebaut,
+ Schnellfahrende!
+ Schmiedet Anker und Kiel!
+ In eherne Kessel zwingt mir den Dampf!
+ So durchschneidet die Flut!
+ Und wo immer den Anker
+ Ihr rasselnd senkt,
+ Da sei die Welt,
+ Die weite, sonnige,
+ Die himmlisch freie,
+ Euer,
+ Ihr freien Söhne des Nord!
+ Wacht auf!
+
+
+Euch Königen.
+
+ Höret mein Lied!
+ Schaut um euch und schaut rückwärts,
+ Ob das, was ich singe,
+ Wahr sei und recht!
+ Ihr aber werdet sehen:
+ Es ist so!
+ Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder,
+ Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen!
+ So höret nun, ihr Könige,
+ Und merket!
+ Lernet, ihr Richter auf Erden!
+ Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet,
+ Und nehmt's euch zu Herzen,
+ Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker!
+ Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn!
+ Und die Gewalt vom Höchsten,
+ Welcher wird fragen, wie ihr handelt,
+ Und forschen, was ihr ordnet!
+ Denn ihr seid seines Reiches Amtleute;
+ Aber ihr führet euer Amt nicht fein,
+ Und haltet kein Recht!
+ Und tut nicht nach dem,
+ Was der Herr geordnet hat!
+ Er wird gar greulich und kurz über euch kommen,
+ Und es wird gar ein scharf Gericht gehen
+ Über die Herren!
+ Denn den Geringen widerfährt Gnade.
+ Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden,
+ Denn der, so aller Herr ist,
+ Wird keines Person fürchten,
+ Noch keines Mächtigen Macht scheuen!
+ Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht
+ Und sorget für beide gleich!
+ Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden!
+ Mit euch, Tyrannen, rede ich,
+ Auf daß ihr Weisheit lernet,
+ Und daß es euch nicht fehle!
+ Denn wer heilige Lehre heiliglich hält,
+ Der wird heilig gehalten!
+ Und wer dieselbige wohl lernet,
+ Der wird bestehen! --
+ So laßt euch nun meine Rede gefallen;
+ Begehret sie und laßt euch lehren!
+ Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich,
+ Und läßt sich gerne sehen vor denen,
+ Die sie lieb haben,
+ Und läßt sich finden von denen,
+ Die sie suchen!
+ Ja, sie begegnet
+ Und gibt sich selbst zu erkennen denen
+ Die sie gern haben!
+ Wer sie gern bald hätte,
+ Der bedarf nicht vieler Mühe:
+ Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten!
+ Denn nach ihr trachten,
+ Das ist die rechte Klugheit!
+ Und wer dürstet nach ihr,
+ Darf nicht lange sorgen!
+ Denn sie gehet umher und suchet,
+ Wer ihrer wert sei!
+ Und erscheint ihm gern unterwegs,
+ Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet!
+ Denn wer sich gerne läßt weisen,
+ Das ist gewißlich der Weisheit Anfang!
+ Wer sie aber achtet,
+ Der läßt sich gern weisen,
+ Wer sich gern weisen läßt,
+ Der hält ihre Gebote;
+ Wo man aber die Gebote hält,
+ Da ist ein heilig Leben gewiß!
+ Wer aber ein heilig Leben führt,
+ Der ist Gott nahe!
+ Wer nun Lust hat zur Weisheit,
+ Den macht sie zum Herrn.
+ Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk,
+ Gern Könige und Fürsten sein!
+ So haltet die Weisheit in Ehren,
+ Auf daß ihr ewiglich herrschet.
+
+
+Meiner Königin!
+
+ Um eine Handvoll Sonnenschein
+ Für meines Lebens Arbeit bat ich dich!
+ Da griffst du strahlend
+ In den blauen Himmel
+ Und warfst mir lachend
+ Eine Handvoll Sonne zu --
+ Und Wunder über Wunder!
+ In Sonne strahlte plötzlich alles Land.
+ Und sonnenübergossen stand ich da.
+ Und wohin ich ging,
+ Und wohin ich kam,
+ Zu reich und arm,
+ Zu krank und siech,
+ Sie alle faßten meine Hand
+ Und küßten sie:
+ Du Sonnenspender, hilf uns!
+ Gib uns von deiner Wärme,
+ Deinem Licht,
+ Und führ' uns!
+ Da zog ich alle an mein Herz,
+ Ob reich, ob arm,
+ Ob krank und siech,
+ Und küßte sie auf ihre Stirn
+ Und ihren Mund
+ Und heilte sie.
+ Doch keiner wußte,
+ Daß es deine Sonne war,
+ Die sie geheilt,
+ Die du vom Himmel mir herabgeholt.
+ Nur einer weiß es,
+ Der auch deine Sonne ist,
+ Und das genügt.
+ Du aber hab' Dank
+ Für deine Wärme und dein Licht,
+ Das du auf meinen Lebensweg
+ Mir warfst,
+ Und laß zum Dank
+ Für dich mich leben
+ In deiner Sonne!
+
+ * * * * *
+
+Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und
+als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte,
+da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst
+wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche
+die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die
+verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden,
+abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.
+
+Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit
+heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen
+Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft,
+neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen
+und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und
+meines Aufwärtsstrebens erbaut.
+
+Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von
+der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des
+ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir
+eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit
+Gott, -- dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der
+Liebe -- in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe
+zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur
+Menschheit! -- --
+
+Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen
+Reise nicht, -- wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.
+
+Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen
+Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel
+saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará
+aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend
+geworden.
+
+Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der
+neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun
+erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob,
+als nun der Chor einsetzte! -- So ist's im Leben, -- unser eigenes,
+inneres Leben ist die Melodie, -- die Begleitung, das ist der Lärm des
+Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend
+begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; -- dumpf
+und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das
+Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein,
+-- machtvoll, ergreifend, bestimmend, -- und doch immer wieder drängt
+die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer
+Sehnsucht, Liebe zu geben. --
+
+Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um
+unseren neuen Tempel weihen zu helfen! --
+
+Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not
+übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. --
+Dann andachtsvolle Stille, -- und -- -- -- -- --
+
+Und nun, -- was ist das? --
+
+Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar
+meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und
+lachten und küßten mich.
+
+Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter
+gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen
+Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje
+weht!« -- Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat,
+brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in
+vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die
+Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge
+mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu
+erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die
+neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich,
+groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der
+Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen
+Mannes, des Mannes der Tat.
+
+ * * * * *
+
+So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen
+durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der
+Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers
+Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch
+das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines
+Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, -- ich
+gewann neuen Überblick.
+
+Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich
+es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde
+und Gleichgesinnten bereits Legion war, -- gerade da draußen in der
+Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige
+Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.
+
+Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine
+dieses, der andere jenes Unglück erlitten -- und überwunden hatte,
+fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend
+aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert
+hatte.
+
+Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und
+bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, -- mit neuer
+Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.
+
+Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, -- die
+Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als
+bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu
+überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je
+uns klar gemacht, -- der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der
+Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und
+Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele
+und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der
+Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu
+dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere;
+der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren
+Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem
+Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort
+drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.
+
+Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser
+Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die
+Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu
+sonnenbeschienenen Höhen führt!
+
+Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie
+sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit
+die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!
+
+Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des
+Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das
+Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, -- das Weib
+ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele
+des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die
+Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden,
+schaffenden Welt.
+
+Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe:
+wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf
+unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die
+Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk
+müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere
+Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre
+Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!
+
+Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die
+Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das
+werden kann, wozu er berufen ist, -- ein Mensch! Wir bedürfen größerer
+Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer
+größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit
+und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und
+die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu
+sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir
+müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und
+Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was
+uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß
+es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das
+Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere
+Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!
+
+Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den,
+Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist
+des Alls -- Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So
+laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne
+Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben
+durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+
+Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen
+hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes
+Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber
+am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der
+junge Tag herauf.
+
+Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich
+eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige
+Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.
+
+Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben
+meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens
+ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin,
+von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, -- ein Bild des Friedens.
+
+Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte,
+-- da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen
+qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel
+zu unseren Füßen.
+
+Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir
+müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der
+Vogelperspektive zu sehen.
+
+Seltsam, -- es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun
+gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter
+den Schnee gebettet, -- ganz nahe der Sonne.
+
+Und im Frühling, -- mußte ich denken, -- wenn der Schnee kam, dann
+löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer
+nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen und Äcker
+und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.
+
+Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen
+und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das
+All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, -- nennen wir es
+seine Seele -- das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die
+ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die
+Schneewässer zu Tal führen.
+
+Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch
+werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut,
+ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder
+und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und
+Könige.
+
+Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in
+die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des
+Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste
+geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Verlag von Ernst Reinhardt in München
+
+
+ Im Kampf um die Ideale
+
+ Die Geschichte eines Suchenden
+
+ von
+
+ Georg Bonne
+
+ Vollständige Geschenkausgabe
+
+ 544 Seiten 8° -- Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
+ Gekürzte Volksausgabe 17.-- 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50
+
+ Eine Voraussage des Weltkrieges
+
+Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft
+
+ Urteile der Presse:
+
+»~Hamburger Nachrichten~« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn
+das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur
+von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es
+dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von
+deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört
+das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers
+spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat,
+Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge
+anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu
+erschließen scheint.
+
+»~Kölnische Zeitung~« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft
+pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und
+seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der
+Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem
+Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat,
+erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung,
+aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse
+und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die
+Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen
+rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen.
+
+»~Neue Hamb. Zeitung~« 17. September 1910. Seine mutigen,
+helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser
+Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine
+zweite Auflage zu wünschen, der dann -- man müßte sich schwer getäuscht
+haben, wenn es anders wäre -- weitere folgen werden.
+
++Dr.+ ~Holitscher~ schreibt in der »~Internationalen
+Monatsschrift~ zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange
+habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat
+wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt,
+neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt
+hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit
+dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie
+noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist
+Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von
+ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken.
+
+»~Hamburger Hausfrau~« 18. September 1910. Was für ein gesundes,
+starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans
+tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün,
+die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren
+Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber
+wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist
+wahr und tönend vor Liebe.
+
+Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein
+Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre
+errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen.
+Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester,
+keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird
+sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet,
+entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus,
+der uns daraus entgegenweht.
+
+»~Deutscher Guttempler~« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale«
+ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen
+Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die
+Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich
+schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen.
+Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff
+beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als
+selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von
+Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg,
+in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum
+Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich
+ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging
+mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns
+beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen.
+
+»~Tägliche Rundschau~« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch
+gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten
+Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen
+Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn -- das Evangelium. Und in
+der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft,
+sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht.
+
+Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus.
+Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an,
+es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die
+Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle
+der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des
+Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser
+in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines,
+welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden,
+gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum
+Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur
+ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen
+Güter unserer deutschen Kultur.
+
+»~Die Hilfe~« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts
+anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als
+das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen
+modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser
+zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen,
+die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen
+Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu
+einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist
+ausgezeichnet und fehlerfrei.
+
+
+
+
+ Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften
+
+ von Sanitätsrat +Dr.+ ~G. Bonne~, Kl. Flottbek.
+
+
+ 1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer,
+ Leipzig, 1881.
+
+ 2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891.
+
+ 3. Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen
+ Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896.
+
+ 4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F.
+ Leineweber, Leipzig, 1901. M. 4.--
+
+ 5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer
+ Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer,
+ Jena, 1904.
+
+ 6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst
+ deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf.
+
+ 7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands
+ Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902.
+
+ 8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands
+ Großloge. 1903. 10 Pf.
+
+ 9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das
+ reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G.
+ T., Hamburg, 1903. 25 Pf.
+
+ 10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen
+ Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T.,
+ Hamburg, 1903. 50 Pf.
+
+ 11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands
+ Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf.
+
+ 12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2.
+ Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904.
+
+ 13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911.
+ Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.
+
+ 14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende
+ Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking,
+ Hamburg, 1912.
+
+ 15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im
+ Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf.
+
+
+
+
+Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«:
+
+
+ Heimstätten für unsere Helden
+
+ Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat +Dr.+
+ ~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80.
+
+Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen
+Reichstages überreicht.
+
+
+ Mehr Nahrungsmittel!
+
+ Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie
+ zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat +Dr.+
+ ~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten. Preis brosch. M.
+ 4.--, gebunden M. 5.--
+
+
+ Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe
+
+ Dichtungen von ~Georg Bonne~. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80.
+
+
+ Lieder der Arbeit
+
+ Von ~Georg Bonne~. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf.
+
+
+ Vorwärts mit Gott!
+
+ Von ~Georg Bonne~. Lieder an mein Volk. Steif geheftet
+ Preis 50 Pf.
+
+
+ Der Tempel der Schönheit
+
+ Schauspiel in drei Aufzügen von ~Georg Bonne~. Neue, für die
+ Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50.
+
+Die Zeitschrift »~Bühne und Welt~« schreibt in der Nummer vom 1.
+Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch
+über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und
+Dramatikers nach Handlung und Charakteristik. W.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***
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+ Im Kampf Um Die Ideale | Project Gutenberg
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+/* Poetry indents */
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+
+/* Illustration classes (e-Books)*/
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p2 s2 center">Im Kampf um die Ideale</p>
+<p class="s4 center">Ein Gegenwartsroman</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<h1>Im Kampf um die Ideale</h1>
+<p class="s3 center">Die Geschichte eines Suchenden</p>
+
+<p class="p2 s4 center">Ein<br>
+Gegenwartsroman</p>
+<p class="s5a center">von</p>
+<p class="s2 center">Georg Bonne</p>
+
+<p class="p4 center">Gekürzte<br>
+Volksausgabe<br>
+17.-19. Tausend</p>
+<br>
+<figure class="figcenter padtop2 illowe7" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet">
+</figure><br>
+<br>
+<p class="p2 s5 center">München 1917<br>
+Verlag von Ernst Reinhardt</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="center">Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig</p>
+</div>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+<p class="p2">»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß
+sie frei werden.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein
+Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in
+seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege
+des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes
+eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner
+Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.</p>
+
+<p>Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben
+in den Schneeregionen, wie er gebeten, — um der Sonne recht nahe zu
+sein. —</p>
+
+<p>Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei
+schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen
+Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine
+wunderbare, schier übermenschliche Kraft. —</p>
+
+<p>So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken,
+wie er es gewünscht!</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Geschichte_eines_Suchenden">Die Geschichte eines Suchenden.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der
+Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.</p>
+
+<p>Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf,
+hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken
+Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die
+Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze
+und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven
+zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich
+genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun
+doch unterliegen?</p>
+
+<p>Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und
+Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und
+Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen
+Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze
+Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern
+und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu
+betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese
+ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon,
+daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.</p>
+
+<p>Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen
+Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen
+schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine
+große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die
+Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer
+da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die
+Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie
+droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind
+von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen,
+gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und
+Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt
+sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und
+alle wollten Hilfe, — der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener
+Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten
+Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte,
+und was ich wußte.</p>
+
+<p>Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich
+erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand
+am Horizonte stehen und wachsen, — wie die riesengroße Verkörperung
+meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes
+deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu
+helfen.</p>
+
+<p>Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch
+sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im
+Kampf. — Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe
+des Elends.</p>
+
+<p>Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen
+Füßen. — Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als
+Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als
+ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, — leer an Liebe. Ja,
+das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte,
+zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen
+auf, — die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und
+Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott —, schenke
+uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde
+wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte
+trägt.</p>
+
+<p>Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß
+ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde
+und die Lieblosigkeit, — hoffnungslos.</p>
+
+<p>Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.</p>
+
+<p>Da ging ich in die Heide, um, — wie einst der Riese Antäus im<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Kampfe
+mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue
+Kraft gewann, — im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu
+sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.</p>
+
+<p>Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes,
+die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing
+noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen
+tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres
+Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus.
+Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, — eine Zeit, so
+recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche
+schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der
+kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen
+und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im
+Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die
+Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu
+lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.</p>
+
+<p>Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich
+da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn
+die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank,
+und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am
+waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt
+getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe,
+dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben
+hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und
+Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen
+mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen
+und die Tauben füttern, ich sah, — nein, ich durfte nicht sehen, sonst
+erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt,
+wenn sie eine Heimat haben, — das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe
+mehr, das Heimweh meisterte ich schon.</p>
+
+<p>Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst
+aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr
+fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten
+Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> hatte, dann
+strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo
+Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie
+eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo
+tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte
+jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden
+von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein
+Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres.
+Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte
+ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das
+Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, —
+das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, — die störten mich nicht,
+die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus
+all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich,
+das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen,
+von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen,
+von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank
+und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem
+andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten,
+krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des
+großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.</p>
+
+<p>Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das
+Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter
+Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln
+reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem
+guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem
+Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den
+Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und
+Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs
+deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram
+weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die
+Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Weststurm mit
+Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte.
+Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu
+hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben
+verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne
+diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien,
+die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!</p>
+
+<p>Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und
+Licht, — ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, — das rettete
+mich — aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich,
+es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen
+fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo
+kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und
+mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, — dann
+war ich alle meine Qualen los.</p>
+
+<p>Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein
+überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden
+Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben
+durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den
+Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich.
+»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege,
+immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst
+angelangt zu sein.« — Da wachte ich auf.</p>
+
+<p>An einem der nächsten Abende, — ich war wiederum völlig verzagt, —
+wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende
+Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe
+lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene
+Riesentempel eines unbekannten Gottes.</p>
+
+<p>Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite
+schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst
+und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als
+käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin
+die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch
+nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein
+Atemzug in dir ist.« — Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne
+unter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus
+wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach
+Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem
+Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem
+Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm
+nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg
+weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches
+Schwarz.</p>
+
+<p>Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf:
+Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und
+dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es
+dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du
+wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem
+Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht
+gehen!</p>
+
+<p>So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um
+hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum
+Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.</p>
+
+<p>Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend
+arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe
+hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel
+lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen
+durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd
+der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten.
+Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen
+am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.</p>
+
+<p>Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden.
+Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere
+Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes
+und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen
+Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei
+kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches
+»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die
+Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich
+trat in meine Kabine, und seltsam, — als ich dies kleine Raumgeviert
+betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> war, so
+groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast
+die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute,
+es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht
+gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in
+den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte
+die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.</p>
+
+<p>Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab
+und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe,
+daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem
+Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.</p>
+
+<p>Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer
+gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit
+grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den
+seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte.
+Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur
+christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und
+Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt
+und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit.
+Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen
+zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit
+und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der
+ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen
+sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit
+den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das
+goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit,
+veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, — aber Liebe,
+— Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter
+ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das
+Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige
+denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie
+taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und
+Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie
+den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen,
+hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber
+ihre Hypothekenzinsen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten
+sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere
+als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den
+Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. — —</p>
+
+<p>Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen
+Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie
+ein Herold aus alter, großer Zeit. —</p>
+
+<p>Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter
+uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den
+verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten,
+jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins
+und Hannovers.</p>
+
+<p>Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob
+es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser
+Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues
+seliges Gefühl — Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich
+aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als
+wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt
+hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern
+anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles
+Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und
+groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war,
+als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.</p>
+
+<p>Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf
+die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das
+Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum
+tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie,
+deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren
+Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.</p>
+
+<p>Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller
+Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer
+Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und
+wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der
+Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Helgoland. Wie ein letzter
+Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo
+du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere,
+alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer
+das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, — so grüß' ich
+dich, leb' wohl, fahr' wohl! —</p>
+
+<p>Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald
+tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er
+uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem
+Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns
+weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel
+gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg
+durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf
+die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.</p>
+
+<p>Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und
+donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es
+sich hindurch, dem Morgen entgegen.</p>
+
+<p>Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines
+Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich
+lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht
+sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich.
+Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war,
+als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der
+Mutter gewiegt.</p>
+
+<p>Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den
+hellen Tag.</p>
+
+<p>Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit
+rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und
+jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee!</div>
+ <div class="verse indent0">Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder</div>
+ <div class="verse indent0">In wildflutendem Wogenschwalle</div>
+ <div class="verse indent0">Für ewige Zeiten grausig begrubst;</div>
+ <div class="verse indent0">Und Kirchen und Dörfer</div>
+ <div class="verse indent0">Und abertausend freie Friesen, --</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schlummern ewig in deinem <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>Schoß!</div>
+ <div class="verse indent0">Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn</div>
+ <div class="verse indent0">Der rollenden Brandung am ragenden Riff.</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen</div>
+ <div class="verse indent0">Der alten Riesen Grabgesteine,</div>
+ <div class="verse indent0">Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit,</div>
+ <div class="verse indent0">Heraus aus den Dünen:</div>
+ <div class="verse indent0">Und donnernd poltert die steile Küste</div>
+ <div class="verse indent0">Hinab ins Meer!</div>
+ <div class="verse indent0">Und ewig nagst du!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie lang wird's dauern,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer!</div>
+ <div class="verse indent0">Zerstörerin du! --</div>
+ <div class="verse indent0">Doch Wunder, o Wunder,</div>
+ <div class="verse indent0">Du Schöpferin du!</div>
+ <div class="verse indent0">Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe</div>
+ <div class="verse indent0">Mit rastloser Hand, --</div>
+ <div class="verse indent0">Das spülest du an mit lieblicher Woge</div>
+ <div class="verse indent0">Als blühende Fluren</div>
+ <div class="verse indent0">Am anderen Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schaffst dort grünende Felder und Weiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt!</div>
+ <div class="verse indent0">Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte,</div>
+ <div class="verse indent0">Dankt dir von Herzen</div>
+ <div class="verse indent0">Für dein Geschenk!</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie du Länder nagend zerstörst</div>
+ <div class="verse indent0">Und Länder schufst mit der nämlichen Wog',</div>
+ <div class="verse indent0">So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- --</div>
+ <div class="verse indent0">Nun mußt du Tausende retten dafür,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Heilung spenden</div>
+ <div class="verse indent0">Dem, der im Wogenpralle des Lebens</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kräfte verlor!</div>
+ <div class="verse indent0">Wer zu zagen beginnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein:</div>
+ <div class="verse indent0">Der eile zu dir!</div>
+ <div class="verse indent0">Mit brausender Woge</div>
+ <div class="verse indent0">Und tosendem<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Sturm,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit linde wärmendem Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit kühlender Flut</div>
+ <div class="verse indent0">Und Heideduft,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Möwenflug und Dünenruh',</div>
+ <div class="verse indent0">Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht</div>
+ <div class="verse indent0">Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh,</div>
+ <div class="verse indent0">Und selig gestärkt und himmlisch erquickt</div>
+ <div class="verse indent0">Ruft er aus überquellender Seele dir zu:</div>
+ <div class="verse indent0">Hab dank, du Nordsee,</div>
+ <div class="verse indent0">Du urgewaltiges Wunder! -- --</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder
+schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles
+dehnte und reckte sich in mir.</p>
+
+<p>Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug,
+zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit
+wundervoller Kraft.</p>
+
+<p>Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang
+dabei:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland!</div>
+ <div class="verse indent2">Ist es auch neblig und kalt,</div>
+ <div class="verse indent2">Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft,</div>
+ <div class="verse indent2">Rauscht doch gar lieblich der Wald!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland!</div>
+ <div class="verse indent2">Sind doch die Menschen gar treu!</div>
+ <div class="verse indent2">Sittsam die Mädchen mit blauem Aug',</div>
+ <div class="verse indent2">Ach, und die Männer so frei!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Höret mich, alle im schönen Süd'!</div>
+ <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland,</div>
+ <div class="verse indent2">Lieben würdet ihr's heiß, wie ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Wär's euch nur besser bekannt!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, — du
+Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der
+Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.</p>
+
+<p>An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke
+schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es
+unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische
+Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.</p>
+
+<p>Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und
+da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz
+ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und
+Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine
+große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit
+Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu
+handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da
+er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren,
+schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und
+legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der
+starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.</p>
+
+<p>Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in
+jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in
+nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im
+Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu
+scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich
+ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.</p>
+
+<p>Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter
+Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn
+kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden
+Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich
+sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen
+Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft
+mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten
+zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet,
+unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich
+daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all
+die Minister und Landräte, und wie sie alle<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> heißen, so schön ihres
+Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle
+diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und
+wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie
+keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das
+alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn
+nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus
+ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende
+bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen
+lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich
+entladen wollte?</p>
+
+<p>Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar
+Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu
+stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden,
+das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in
+der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?</p>
+
+<p>Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der
+anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem
+Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in
+Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben
+die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es
+so bleibt bis an der Welt Ende.</p>
+
+<p>Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster
+klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber.
+Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen
+Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum
+Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.</p>
+
+<p>Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in
+jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und
+seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte
+Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst
+Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles,
+was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen
+wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles
+gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie
+fürs Leben reicher, froher, glücklicher<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> machte. Und vielen waren die
+Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und
+unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! —</p>
+
+<p>Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als
+wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen.
+Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu
+all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen
+von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen
+Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die
+Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im
+Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer
+Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe,
+anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere
+da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten
+Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige
+Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte
+Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer
+der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger
+auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und
+bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und
+Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus
+das hochmütige und herztötende <span class="antiqua">odi profanum vulgus et arceo</span> des
+Horaz.</p>
+
+<p>Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von
+Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und
+die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen,
+sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten
+sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große
+Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu
+lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen
+Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden
+Keime zu entfalten, — sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk
+— odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich
+schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat,
+und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen,
+denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> die heiße,
+glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt.
+— Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu
+dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich,
+deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig,
+den brennen sie nur, — aber die Weinhändler sorgen dafür, daß
+das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten
+wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie
+Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen
+sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr
+Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend
+der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und
+gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.</p>
+
+<p>Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den
+Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das
+Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem
+Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in
+seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege
+mit seinem Kumpanen Komment trinkt.</p>
+
+<p>Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier
+ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein
+berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen
+Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal
+im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft
+haben.</p>
+
+<p>Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer
+wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand
+da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie
+dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten
+Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und
+siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den
+Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte,
+wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige
+Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der
+Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der
+Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch
+nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> voll falschen Stolzes
+und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so
+todunglücklich.</p>
+
+<p>Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen
+will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr
+als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne
+Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen
+Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was
+es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es
+sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm
+mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein — dann bist du ein Vater!
+Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du
+doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen,
+was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal
+könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest,
+Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, —
+Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte
+Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren.
+Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin.
+Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen
+und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast
+alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft
+in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, — Gott Lob und Dank.</p>
+
+<p>Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch
+wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den
+Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem
+Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide
+des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll
+Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden,
+schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des
+Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen
+zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen
+kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß
+hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt
+der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob
+der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt
+hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am
+Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck
+der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe,
+die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und
+Belgier? — Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen
+nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der
+Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt
+haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint
+— die Stadt Rubens' und van Dycks.</p>
+
+<p>Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu
+Museum, von Kirche zu Kirche.</p>
+
+<p>Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen
+gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist
+tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier
+zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, — daß sie selbst den Tod
+überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi,
+von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie
+die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände
+beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie
+selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle
+Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu
+stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu
+erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen.
+Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande
+gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen,
+Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder
+die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit
+eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das
+Werk zustande brachte, nach<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr
+Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst,
+und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt
+und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen
+entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß
+das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.</p>
+
+<p>Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von
+Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, — kunstvoll geschnitzte
+Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar
+kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.</p>
+
+<p>Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein
+Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches
+hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel
+der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen
+Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein
+Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.</p>
+
+<p>Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande
+anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben
+nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer,
+unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden
+konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!</p>
+
+<p>Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den
+finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war
+es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher
+Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz,
+tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des
+Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, — und wie
+sie quollen, — Entsetzen —, da nahmen sie Gesichter an von heute
+noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und
+Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den
+rechten Glauben hatten — nur eins fehlte ihnen: die Liebe!</p>
+
+<p>Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden
+der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien
+es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher
+der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges
+Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das
+Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand
+und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz
+Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.</p>
+
+<p>Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam
+darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen
+Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil
+deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein
+gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und <span class="antiqua">navigare necesse
+est, vivere non necesse</span>. — — — — — — — — — — — Ei, so
+baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und
+scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum
+laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere
+Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit
+schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht
+mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das <span class="antiqua">odi
+profanum</span>, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die
+Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes,
+heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest
+dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk
+aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen,
+die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir
+beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die
+sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir
+jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk
+ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser
+Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte
+billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und
+vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und
+sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann
+jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen
+und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> Gruben
+und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für
+die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es
+zugrunde geht. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und
+schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der
+Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber.
+Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen
+Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten
+im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum
+Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches
+Glockengeläute.</p>
+
+<p>Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles
+drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide
+fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend
+entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.</p>
+
+<p>Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord
+beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer
+und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues
+Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der
+Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig
+stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und
+teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch
+nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich
+spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er
+regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das <span class="antiqua">odi profanum</span> steht
+auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die
+Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend
+und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen
+oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.</p>
+
+<p>Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie
+weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es
+erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich
+ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> her schreiend
+und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen
+Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um
+die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs
+Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.</p>
+
+<p>Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der
+Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und
+hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.</p>
+
+<p>Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit
+mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine
+Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein
+trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg.
+So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller,
+aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein
+breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht
+hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen
+Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft,
+nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem
+gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die
+Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus
+Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit
+herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm
+gebräunten Gesichtern. — Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg
+her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische
+Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet
+hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte,
+läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner
+Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in
+den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen
+um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu
+erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner
+von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes
+Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch
+zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen
+dänischen Kapitän, der sein Segelschiff<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> in Lissabon treffen wollte,
+nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater
+gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das
+Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der
+arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf
+den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und
+meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.</p>
+
+<p>In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere.
+Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer
+Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in
+seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam
+ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich
+hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß
+er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast
+finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der
+Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen
+Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem,
+müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.</p>
+
+<p>Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren
+unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond,
+schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel
+findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen,
+die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele
+erkennen lassen.</p>
+
+<p>Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau,
+fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit
+gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen
+Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein
+Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.</p>
+
+<p>Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer,
+ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen
+Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In
+seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit
+seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte.
+Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas
+Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug
+geraten<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> war, — so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man
+sich schon im Dezember sehnt.</p>
+
+<p>Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer
+Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn
+und edlen, energischen Zügen.</p>
+
+<p>Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte,
+Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott
+weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord,
+wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter
+zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er
+gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war,
+reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den
+dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz
+da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon
+genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.</p>
+
+<p>Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein
+Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick
+ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine
+fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in
+Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden
+bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer
+Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.</p>
+
+<p>Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den
+Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt,
+so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste
+Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn
+ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an
+Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun
+drei, — das war ein bißchen viel.</p>
+
+<p>Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten.
+Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende
+Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in
+den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen
+nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> tapfer
+kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.</p>
+
+<p>In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber
+war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen
+des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen
+Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem
+Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden
+Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch
+der Pall-Mall-Gazette als <span class="antiqua">Commis voyageur</span> im Hermelin unter dem
+Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.</p>
+
+<p>Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena
+entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes
+und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und
+Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit
+Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir;
+— an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, —
+mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt
+ähnlich sehen, — Österreich buhlt augenscheinlich um Englands
+Freundschaft, — Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie
+eine Schar Krähen, — und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig
+kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. — Und unser Heer,
+unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir
+wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer
+Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem
+Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen
+beiden Krankheiten?</p>
+
+<p>Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt,
+ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der
+Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose,
+damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter
+der Tat.«</p>
+
+<p>Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! — Freilich ist es verführerisch,
+diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch
+den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer
+ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und
+Gerechtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen
+zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.</p>
+
+<p>Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere
+neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts
+tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb
+ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt
+nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht
+her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller
+Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die
+Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel
+zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will
+diese Sitte nicht stützen helfen.«</p>
+
+<p>Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder
+drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor,
+erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und
+wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte
+tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst
+manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet
+ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und
+doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst
+des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser
+Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten
+herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe
+wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen
+angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil
+seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um
+die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und
+Gefängnissen unterzubringen.«</p>
+
+<p>Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die
+vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.«
+»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.«
+»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch
+herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.«
+»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der
+Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle
+diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+und Whiskyreisenden« — bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des
+Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir
+nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen
+wäre — »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer
+und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte
+der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem
+er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen
+von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts!
+Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« — »Nun,« erwiderte
+ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen
+selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine
+Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon
+seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und
+Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten
+Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? — Aber noch
+mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften
+führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der
+Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen
+erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben
+Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun
+würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere
+beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der
+jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris,
+und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel,
+schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch
+zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der
+Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen
+Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei
+Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß
+die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen
+werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere
+Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus
+allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger,
+übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern
+unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> statt daß sie fürs
+Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten
+Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit
+des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber
+einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut
+werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber
+über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie
+durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust,
+in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und
+da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil
+ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die
+meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten
+werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung
+........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande
+und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein,
+»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja
+die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich
+ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande
+und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen,
+wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter
+wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte
+wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht
+gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und
+Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische
+Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur
+fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?«
+»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation
+der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch
+dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände
+zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige
+Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom
+Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird
+die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und
+hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise
+vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der
+Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter
+und den draußen Wohnenden<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> ermöglichen, auf schnellstem Wege des
+Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.«
+»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und
+einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte
+ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand
+verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.«
+Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.</p>
+
+<p>»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem
+Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen
+Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes
+von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so
+tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein,
+dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden,
+von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm
+der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere
+Unstrut, — die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn
+unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in
+ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge
+hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte
+der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und
+Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer
+war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten,
+einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte
+ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In
+einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak
+vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind
+die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst
+löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz,
+mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch
+nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das
+Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der
+Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch
+das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand
+entlangstrichen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in
+deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.</p>
+
+<p>»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist
+über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben
+oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst
+zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer
+deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit
+allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des
+Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer
+Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig
+hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und
+redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er
+ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, — aber die
+Tat, — die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht
+dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn
+eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich
+einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie,
+Kollege, daß ich Sie unterbrach.«</p>
+
+<p>Ich fuhr fort.</p>
+
+<p>»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier
+überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren
+Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in
+ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das
+Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen
+Teil verschwunden.</p>
+
+<p>Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein
+furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen
+Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft
+brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es
+gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser
+des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die
+Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in
+Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst
+nur mit Wein und Bier zu löschen« — hier bebte meine Stimme vor Zorn,
+so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen — »und sich dabei
+das Denken immer mehr abgewöhnt,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> der braucht sich über die Umwandlung
+unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu
+lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute,
+einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte
+nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des
+Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.</p>
+
+<p>»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen
+Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen
+werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei
+den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch
+herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.«
+»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir
+verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch
+ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins
+Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen
+Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich
+gehe aber noch viel weiter.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas
+an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie
+es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war
+von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand.
+Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber — unser Ostpreuße,
+sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die
+Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach
+der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend
+und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die
+Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes,
+wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend
+jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König
+Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen.
+Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken
+übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes
+Rhododendronbeet.</p>
+
+<p>Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große
+Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte
+es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> die Wogen,
+hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes — kein Stern am Himmel.</p>
+
+<p>Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war,
+nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel
+ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem
+braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit
+sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir
+war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht
+seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken,
+welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches
+Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von
+Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche
+schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.</p>
+
+<p>Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser
+Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst
+verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß
+er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.</p>
+
+<p>Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft,
+das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war
+immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes,
+die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir
+wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was
+dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um
+zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir
+weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und
+durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in
+meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.</p>
+
+<p>Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie
+war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten
+Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben
+eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf
+in vorderster Reihe mit stand? — Wie es kam, ich weiß es selbst
+nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich
+vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer
+sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden,<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> als ob
+sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was
+wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.</p>
+
+<p>Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem,
+vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und
+gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt
+es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.</p>
+
+<p>Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es
+für euch und eure Mitmenschen.</p>
+
+<p>In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser
+Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.</p>
+
+<p>In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure
+Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.</p>
+
+<p>Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper
+untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet
+das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig
+bleibe.«</p>
+
+<p>Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.</p>
+
+<p>Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt,
+die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der
+Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten.
+Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in
+mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem
+wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es
+gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten,
+wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des
+letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.</p>
+
+<p>Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von
+Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst
+und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir
+Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. —
+Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, — wo sind sie geblieben?
+Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt
+auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als
+Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als
+Schafhirte in den Prärien Amerikas.</p>
+
+<p>Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die
+entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe
+zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil
+der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit
+gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch
+strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie
+noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der
+Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen
+zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche
+Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den
+Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von
+Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das
+eintränken!« — Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß
+wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem
+jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser
+geschossen hatte.</p>
+
+<p>Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem
+Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist,
+und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die
+Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.</p>
+
+<p>Aber halt — ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten
+über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der
+Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn
+eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und
+dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und
+diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, — und daher die Wut
+und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem
+edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem
+Schülerleseverein, — das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie
+ich dazu gekommen war? —</p>
+
+<p>Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren
+aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> ihres
+Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört
+ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das
+mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden
+Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel
+verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge
+gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger
+in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die
+Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte
+die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn
+verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern
+ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund
+hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt,
+wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen
+hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und
+Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie
+das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die
+räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich
+die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt
+die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen
+Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel,
+die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen
+schirmender Kraft.</p>
+
+<p>Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters
+auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz,
+das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der
+Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr.
+Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die
+engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um
+in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu
+entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen
+sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder
+waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und
+wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem
+Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend
+lindern kann.«</p>
+
+<p>Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Myrmidonen
+einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus
+drehten sie mir den ersten Strick.</p>
+
+<p>Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für
+das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten
+Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem
+höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ
+das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine
+Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, —
+Kameraden!« die Klasse.</p>
+
+<p>Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir,
+meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen
+Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den
+irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich
+aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen,
+und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur
+Fahrt durchs Leben zu entfalten.</p>
+
+<p>Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum
+akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben
+entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang
+zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. —</p>
+
+<p>Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte
+geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang
+hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie
+Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit
+und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig
+und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen
+unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie
+schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im
+Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut
+war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der
+Sünde hinabzerrten.</p>
+
+<p>Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen
+und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, —<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> andere, die den
+Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder,
+die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser
+daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den
+Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die
+Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem
+Volke zu verkaufen.</p>
+
+<p>Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist,
+»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren
+Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch
+einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die
+Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie
+selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist
+die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um
+Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank,
+ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort
+der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um
+Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den
+unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie
+daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, — körperliches und
+geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die
+Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.</p>
+
+<p>Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend
+überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn
+krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen
+wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren,
+die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.</p>
+
+<p>An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen
+Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende
+Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die
+Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in
+alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie,
+in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem
+Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und
+Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und
+ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> danach strebten,
+ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und
+damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein
+Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten
+zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie
+aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und
+nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie
+sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!</p>
+
+<p>Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle,
+suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden
+nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der
+Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die
+Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.</p>
+
+<p>Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über
+die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch
+keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand
+rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige
+Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und
+Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten
+Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug
+morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige
+Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte
+tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die
+kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die
+Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft
+und Sonne gebräunten Ihrigen.</p>
+
+<p>Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und
+mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen
+locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes
+hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen,
+sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und
+vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert
+und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann
+zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die
+»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese,<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> mit
+den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der
+staatserhaltenden Elemente.</p>
+
+<p>Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen
+Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen
+Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.</p>
+
+<p>Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer
+geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden
+Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen
+Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen
+geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome
+die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren
+Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der
+Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten.
+Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große
+Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten.
+Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben
+Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in
+die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten,
+— was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate
+der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos
+durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger
+dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.</p>
+
+<p>Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger
+nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr
+vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein,
+daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen
+nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören
+sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch
+auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die
+Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster
+Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.</p>
+
+<p>Da sind Hunderte von Paaren — und gerade unter den Reichen und
+Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>
+Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner
+ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und
+idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen
+konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen
+Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne,
+der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche
+Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause
+sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen
+gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als
+sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.</p>
+
+<p>Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich
+tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen
+hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das
+Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt
+bedeuten.</p>
+
+<p>Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend
+so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf,
+daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle
+Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und
+vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen
+Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und
+wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's,
+als ob alle Kraft von mir gewichen sei.</p>
+
+<p>Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen?
+oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?</p>
+
+<p>Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit
+wieder ein:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Mir träumte bang, — ein wundersamer Traum!</div>
+ <div class="verse indent2">Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt</div>
+ <div class="verse indent2">Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n:</div>
+ <div class="verse indent2">Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück</div>
+ <div class="verse indent2">In dieser Welt verborgen sei, —</div>
+ <div class="verse indent2">Ob aller Sonnenglanz des Glücks</div>
+ <div class="verse indent2">Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang;</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+ <div class="verse indent2">So voll von Sonne schien unser Herz!</div>
+ <div class="verse indent2">Und unser Flügel trug uns in ein Dorf.</div>
+ <div class="verse indent2">Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß,</div>
+ <div class="verse indent2">In dessen Wellen sich das Mondlicht barg.</div>
+ <div class="verse indent2">An seiner Ufer Rand in einer Laube still,</div>
+ <div class="verse indent2">Von jungem Frühlingsgrün verdeckt,</div>
+ <div class="verse indent2">Saß, küssend sich, ein junges Paar.</div>
+ <div class="verse indent2">Die Nachtigall sang zaubrisch hell</div>
+ <div class="verse indent2">Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend.</div>
+ <div class="verse indent2">Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. —</div>
+ <div class="verse indent2">Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß</div>
+ <div class="verse indent2">Der Braut im Herzen, — und das Glück entwich. —</div>
+ <div class="verse indent2">Da stiegen wir selband in einen Kahn,</div>
+ <div class="verse indent2">Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste</div>
+ <div class="verse indent2">Und leise auf des Stromes Wellen trieb.</div>
+ <div class="verse indent2">Wir saßen eng und traulich angeschmiegt;</div>
+ <div class="verse indent2">Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, —</div>
+ <div class="verse indent2">Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm.</div>
+ <div class="verse indent2">Und an den Ufern trieb der Kahn entlang.</div>
+ <div class="verse indent2">Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. —</div>
+ <div class="verse indent2">In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast</div>
+ <div class="verse indent2">Stolz an Palast. — Der Reichtum thronte hier,</div>
+ <div class="verse indent2">Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. —</div>
+ <div class="verse indent2">Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein!</div>
+ <div class="verse indent2">Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn.</div>
+ <div class="verse indent2">Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer</div>
+ <div class="verse indent2">Der großen Stadt. Leis stieß er auf.</div>
+ <div class="verse indent2">Wir stiegen aus und wandelten zu zweit,</div>
+ <div class="verse indent2">Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick,</div>
+ <div class="verse indent2">Von unserm Zauberfittich treu gedeckt,</div>
+ <div class="verse indent2">Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel</div>
+ <div class="verse indent2">Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang</div>
+ <div class="verse indent2">Schien lauter Glückeszeuge. — Doch</div>
+ <div class="verse indent2">Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick</div>
+ <div class="verse indent2">Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück.</div>
+ <div class="verse indent2">Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk,</div><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+ <div class="verse indent2">Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück.</div>
+ <div class="verse indent2">Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, —</div>
+ <div class="verse indent2">Ein trüber Nebel überm Häusermeer. —</div>
+ <div class="verse indent2">Nur dort ein Fenster hell, als ob</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt.</div>
+ <div class="verse indent2">Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag:</div>
+ <div class="verse indent2">Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht'</div>
+ <div class="verse indent2">Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt.</div>
+ <div class="verse indent2">Und doch im Angesicht ein sanfter Zug</div>
+ <div class="verse indent2">Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein.</div>
+ <div class="verse indent2">Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt,</div>
+ <div class="verse indent2">War treu bemüht in warmer Mutterlieb':</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch,</div>
+ <div class="verse indent2">Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', —</div>
+ <div class="verse indent2">Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück,</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. —</div>
+ <div class="verse indent2">Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl;</div>
+ <div class="verse indent2">Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen;</div>
+ <div class="verse indent2">Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen;</div>
+ <div class="verse indent2">Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns.</div>
+ <div class="verse indent2">Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn</div>
+ <div class="verse indent2">Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück.</div>
+ <div class="verse indent2">Die Menschen nennen auch die Sünde mich; —</div>
+ <div class="verse indent2">Doch meine Maske ziert der Totenkopf.</div>
+ <div class="verse indent2">Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm.</div>
+ <div class="verse indent2">Mich schüttelte der kalte Fieberfrost.</div>
+ <div class="verse indent2">Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort.</div>
+ <div class="verse indent2">Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau</div>
+ <div class="verse indent2">Sich zentnerschwer die Reue an uns an.</div>
+ <div class="verse indent2">Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz</div>
+ <div class="verse indent2">Schien in das Fenster, und an meiner Brust</div>
+ <div class="verse indent2">Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, —</div>
+ <div class="verse indent2">Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück,</div>
+ <div class="verse indent2">Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt:</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt,</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht,</div><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+ <div class="verse indent2">Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor</div>
+ <div class="verse indent2">Und reine Kunst, die uns das Leben schönt,</div>
+ <div class="verse indent2">Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt,</div>
+ <div class="verse indent2">Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal:</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist das Glück! — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Das Glück hatte ich in reichstem Maße, — für mich. Aber die anderen?
+mein Volk?</p>
+
+<p>Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine
+Seele.</p>
+
+<p>Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen
+klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu
+mir. Da wurde mir leichter.</p>
+
+<p>Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte,
+spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie
+die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen
+wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem
+kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband
+eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und
+Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe
+der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis,
+Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen
+Rosenblätter und Zypressenzweige, — das Ganze eine kleine Welt für
+sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise
+gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es
+und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß,
+was dich drückt.« So hatte sie gesagt.</p>
+
+<p>Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand:
+mein Erstlingswerk, das gedruckt war.</p>
+
+<p>Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten
+hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die
+Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der
+deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und
+inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger
+Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> geschlossen
+hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und
+die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von
+Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir
+die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden
+veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns
+jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten
+empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter,
+flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum
+im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen
+Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir,
+als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an
+Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder
+herausrisse und zerträte.</p>
+
+<p>Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem
+dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die
+deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede
+nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange
+des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden
+müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im
+Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die
+deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus
+dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist
+Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über
+den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne
+dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit
+deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch
+mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen
+gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und
+germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!</p>
+
+<p>Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch
+die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da
+oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller
+Wald- und Bergeinsamkeit —, noch stand kein Denkmal da oben, noch
+kein Wirtshaus, — da reifte in mir der Entschluß,<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> für unser Volk zu
+kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.</p>
+
+<p>Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt
+zum Kyffhäuser —, von dem ich eben herkam, — um dort die erste
+große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz
+Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was
+bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich
+mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens
+und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging
+über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.</p>
+
+<p>Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den
+Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen
+Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen
+Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen
+sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an
+einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz
+genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden
+Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!</p>
+
+<p>Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen,
+schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus
+Jungdeutschland an Jungdeutschland«.</p>
+
+<p>Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von
+Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. — Überall traf ich Freunde und
+überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen
+Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der
+Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und
+Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt
+und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen
+Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das
+Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu
+achten und zu lieben!</p>
+
+<p>Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.</p>
+
+<p>Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich
+reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.</p>
+
+<p>Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er
+schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm
+zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste
+Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!</p>
+
+<p>Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen.
+Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung
+allein konnte zum Siege führen, — die wissenschaftliche Erkenntnis
+mußte helfen.</p>
+
+<p>Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu
+predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht
+krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie
+sahen in allen Ständen die Männer sterben, — fünfzig Familienväter
+starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche
+und Arme, — und die andern tranken weiter.</p>
+
+<p>Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem
+der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus
+logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden.
+Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer
+für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht
+begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging
+ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und
+klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter,
+schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine
+Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der
+Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende
+Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«</p>
+
+<p>Und doch — wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten
+Form der Geselligkeit zu brechen.</p>
+
+<p>Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der
+Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim
+gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir
+gewesen, und doch —, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend
+einer dieser Gesellschaften entstanden? — Wie mancher Bocksbeutel
+mit altem Steinwein war mit Kennermiene<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> im engsten Freundeskreise
+geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken
+über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir
+wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das
+alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer,
+mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig
+sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit
+versprechen müssen, — dieser einzig guten und klugen Mutter, — meine
+halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem
+schweren Beruf. —</p>
+
+<p>Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich
+allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des
+Schiffes.</p>
+
+<p>In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da
+waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich
+bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten
+Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus
+jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte
+mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und
+während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im
+Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß
+Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und
+genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit
+des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der
+Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch
+das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch
+her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es
+erst recht nicht, — was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe
+kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und
+als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das
+habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie
+wissen, Tag und<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.«
+»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem
+nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps,
+wie Sie Ihren Wein.« — Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte
+ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel
+doch gern helfen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein,
+lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden
+Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane,
+gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf;
+stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten
+protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den
+Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit
+seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, — hat er doch
+überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen —, lacht er
+mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein
+klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« —</p>
+
+<p>Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu
+machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle
+diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche
+ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es
+gibt.</p>
+
+<p>Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der
+Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein,
+auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen
+Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen
+Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher?
+Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre
+schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Lebensglück. Denn
+daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin
+ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache
+alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser
+Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die
+Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen
+Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen
+rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles
+Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine
+und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange
+alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch
+dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar!
+Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in
+ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen
+einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu
+tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr
+das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt
+sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene
+Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum
+auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft
+machen kann auf eigener Scholle, — heraus aus dem Dunst der Städte, —
+wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische —: so muß es anders
+werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige
+zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die
+unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit
+für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte
+erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung,
+der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren
+Entladungen, — ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie
+in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an
+Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts
+verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck
+stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> der Kraft niedergehaltenen
+Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck
+überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen
+Gesetzen wirken?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann
+das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche
+ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse
+ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir
+nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt
+und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen
+Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte:
+diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die
+Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist
+Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts,
+der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen
+Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das
+ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier
+Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib
+von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen
+das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte
+Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die
+Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun?
+Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht
+auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen
+Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses
+Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte
+er für eine Frau, — fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt
+sie da, — mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, —<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> vier
+Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen
+behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das
+Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen
+blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost
+mit in den Sarg legen, — Nabelvereiterung. Natürlich, — mit rostiger
+Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei
+mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie
+unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß
+ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.</p>
+
+<p>Halt, — Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung
+nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und
+doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die
+alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens
+bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament
+zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder
+andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum
+Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein
+wenig Ausschau halten können; — aber nur einzelnen Auserwählten
+gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die
+Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der
+Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit
+blicken können.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch
+betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und
+arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein
+netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und
+erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Letztes. Der reichste Bauer
+in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben.
+Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe
+sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, — natürlich von den
+Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande!
+Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine
+verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich
+heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, — und
+schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und
+bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der
+Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht
+der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter
+den Hammer.</p>
+
+<p>Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen
+Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß,
+sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß
+ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden
+am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt
+ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der
+Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich
+in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat,
+nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum
+Krugwirt hinüber.</p>
+
+<p>Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen
+Hutrand.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem
+Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom
+Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr
+Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof.
+Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts
+dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine
+Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen
+Zettel, das habe er gelesen —, freilich hätte ich schon vorher auf
+ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> auf den Zettel
+schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es
+ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr
+mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie
+erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie
+und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern
+graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht,
+warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das
+widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod.
+Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners,
+dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt
+es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich
+geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe
+mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich
+nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der
+Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei,
+hätten sie ihn gesucht. — Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am
+Dachsparren erhängt aufgefunden.</p>
+
+<p>Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches
+kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen
+Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod.
+Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden?
+Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn
+ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und
+ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der
+Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt
+die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist,
+es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser
+durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen
+Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese
+Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin
+und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben
+kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an
+sich haben<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen
+noch wägen können!</p>
+
+<p>Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht,
+den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der
+Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, — er würde ohne
+Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. — Auf den Knien hat
+er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle
+ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient.
+Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre
+er es, — und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die
+Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige
+war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige
+Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein
+lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« — Da
+hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan,
+bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und
+was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht
+erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig — Liebe.</p>
+
+<p>Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich
+rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare
+Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die
+stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder
+tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen,
+das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen
+wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die
+Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht
+zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den
+Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel
+den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus
+ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der
+wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr.
+Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> dem Christus dahinging,
+um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen
+Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu
+lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe,
+und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich
+bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist
+die Liebe!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus
+der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig
+aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er
+sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung
+interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den
+Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem
+Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als
+Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den
+Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im
+voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei
+dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei
+dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber
+sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche
+sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe,
+daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich
+beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück
+käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet
+getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm
+an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«</p>
+
+<p>Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei.
+Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft
+verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der
+Liebe zu spüren.</p>
+
+<p>Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem
+Geiste!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt.
+»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?«
+»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über
+mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl
+sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will
+nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und
+kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«</p>
+
+<p>Halt, — nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue
+Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der
+mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will,
+sehe ich leibhaftig vor mir! — Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier,
+Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten
+Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter
+Tischlermeister neben mir steht, — mir ist, als stände ich auf hohem
+Berge.</p>
+
+<p>Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird
+es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und
+dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem
+Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, — nein, ganze Völker!
+Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten
+im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und
+immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht,
+betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und
+Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen
+nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer
+vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und
+verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um
+den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms,
+lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie
+verschlingt.</p>
+
+<p>Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert,
+flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend
+wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die
+Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.</p>
+
+<p>»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«,<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> weckt
+mich mein Tischler aus meinen Sinnen. — »Ich komme sofort mit.«</p>
+
+<p>Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der
+Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben.
+Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und
+sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich
+weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der
+Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das
+Gesicht.</p>
+
+<p>»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen
+Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort
+zur Apotheke gehen.« — »Er wird nicht gehen.« — »Sagen Sie es ihm in
+dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke
+gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte
+in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger,
+und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende,
+rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.</p>
+
+<p>Der Frau geht's heute besser.</p>
+
+<p>Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was
+ausgefressen hat.</p>
+
+<p>Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm
+mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« — Da blickte er mich an, als ob
+er etwas fragen wollte.</p>
+
+<p>Ich sah ihn zum ersten Male.</p>
+
+<p>Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.</p>
+
+<p>»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch
+werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?«
+Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte
+heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« — »Wie die in
+Hamburg? Nein, niemals! — Zum Gespött der Leute werden? — Ja, wenn
+ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, — dann ja.« — »Ich gehe mit,
+morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte
+Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre,
+hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom
+Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so
+spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei
+vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom
+Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat
+aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen
+aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt
+haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den
+Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende
+Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm
+heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's
+durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm
+gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache
+ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so
+etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und
+ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert
+an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen
+Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden
+mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich
+anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, — ja
+das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« — Da überläuft
+es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso
+nichts mehr, — hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon
+abgeschworen, — nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges,
+hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer
+Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute
+abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher
+werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre
+Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der
+wird gut. Die<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht
+nur am Leben bleibt, sondern, — vielleicht, — noch ein tüchtiger
+Mensch wird. Ich aber weiß es, — denn der Augenblick war zu heilig, —
+der kann nicht trügen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und
+dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen
+Werft von Blohm &amp; Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen
+packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren,
+Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und
+abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen
+wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.</p>
+
+<p>Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe
+heißt, und was sie wirken kann.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch
+dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau
+nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die
+Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis
+er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und
+sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun,
+was ich könnte, — ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten.
+Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür
+sorgen, daß er die Konzession erhielte.</p>
+
+<p>Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den
+Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die
+Konzession ist ihm sicher.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein
+Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt;
+insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe
+aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Stein
+lobend hervorgehoben. — Womit hat derselbe denn diese betätigt?
+Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend
+eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur
+existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder
+Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest
+habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine
+Schlingen ziehen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In
+der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken
+wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul,
+um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter
+der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn
+bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage
+eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen
+Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land
+hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so
+gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt
+sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht
+hatte, war ich der beste Doktor!</p>
+
+<p>Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen?
+Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren
+vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen
+Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen
+Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt?
+Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, —
+er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu
+Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten!
+Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet
+sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr
+Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, — nein, besser
+schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben
+der Bürger in den Städten kennen, — und dann wagt noch zu behaupten,
+daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob
+es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> sagen, wenn wir
+so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein
+würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus
+Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen
+Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr
+konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.</p>
+
+<p>Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, — nein, ich brauche euch nicht
+anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen
+Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an,
+daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes — 3000 Millionen
+Mark! — nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern
+und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum
+Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum
+Brennereibesitzer. — Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem
+ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? — Tod und Hölle, ist unserer
+Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt
+bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er
+Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom
+Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche
+Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er
+entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht
+so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht
+dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die
+Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem
+säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. — — »Will sehen,
+was ich tun kann.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen
+für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so
+feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon
+gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern
+retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den
+»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, — als ich es las, tauchten
+zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in
+meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen
+das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie
+er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu
+machen, — ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, — ja, lieber
+wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen
+Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem
+Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den
+Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die
+Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur
+seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie
+Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk
+mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm
+nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er
+kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot
+auf dem Lande.</p>
+
+<p>Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.</p>
+
+<p>Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof!
+Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das
+Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die
+Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie
+eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.</p>
+
+<p>Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit — der
+Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß;
+Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, — Sozialisten
+seien sie alle, Landes- und Hochverräter, — ausgerottet werden müßten
+sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten
+wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des
+Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! — Solche Leute rühmten
+sich öffentlich seiner Gunst.</p>
+
+<p>Freilich waren es Sozialisten, — aber er wollte sie ja gewinnen,
+gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und
+glücklich zu machen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und
+die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus
+dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus
+mooriger Tiefe, empordrangen; — kaum daß er ihr leises Murmeln je
+hörte —; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen
+Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch,
+hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; —
+anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches
+Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode
+des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance — in der Allianz
+der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich
+vertreten! — Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall
+Glanz und Licht verbreiten helfen! — So begann die Zeit der Reisen
+und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und
+weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen
+Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so
+wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, — und du, und du, mein Kaiser,
+warst mit schuld daran!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends
+vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet.
+Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt
+verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben
+wieder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei
+mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu
+mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder
+zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen
+gewonnen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den
+Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere
+ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> gehörte, und
+frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus
+dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.</p>
+
+<p>Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend
+und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht
+denken, daß er trinkt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen
+Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie
+so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den
+Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht
+weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch
+seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und
+nun, — vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, — niemals habe er sie
+früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des
+Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen,
+und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum
+Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer
+hätte anschreiben lassen.</p>
+
+<p>Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister
+auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine
+gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe,
+— da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur
+Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen
+Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei
+mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu
+ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei
+einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, — die ganze
+Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, — die über ihren<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Brotkorb und
+ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt
+ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not
+tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie,
+ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste
+Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht
+durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot
+ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen
+darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu
+rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei
+sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.</p>
+
+<p>Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? — Laßt sie doch
+endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen
+abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die
+katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei,
+die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei,
+die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die
+Handwerkerpartei — dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere
+Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich
+selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen
+wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit
+können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände
+die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und
+das Ganze könnte gesunden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für
+Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves
+und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen,
+— »alter Herrenabend« — die Lampe hat geschwelt — ist erstickt.
+Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um
+ihn — es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die
+Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein
+Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist
+zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen
+ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen
+neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, — und kaum 20 Mark ist er
+wert.</p>
+
+<p>Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue
+Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute
+Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die
+Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch,
+wie mit dem Alkoholrausch — er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr
+eigenes Joch noch merken.</p>
+
+<p>Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug
+tragen werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel
+Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum
+Donnerwetter, — ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich
+mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne
+unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen
+der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere
+Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende
+Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark
+jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren
+Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen
+Deutsche gesund und glücklich zu halten! —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den
+Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben
+dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen
+aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten
+Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was
+sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach
+Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben
+sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren
+Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Boden
+nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan,
+sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren
+Besitzern schulden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus,
+oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine
+verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim
+errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es
+ist ein Skandal, — vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied
+zwischen Geldwucher und Bodenwucher?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem
+Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden
+Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!</p>
+
+<p>Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch,
+trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser
+in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel
+auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine
+Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von
+Juden abstammt, — fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene
+Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und
+Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in
+diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage
+darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater
+und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt
+haben. — Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie
+sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen
+Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau.
+Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag
+hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber
+nur so, wie sie's macht, ist's möglich.</p>
+
+<p>Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da
+für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß
+Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was
+sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch
+besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den
+Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene
+Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im
+Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es
+im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer,
+weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt
+das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang
+eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein
+Betriebskapital in Händen behalten, — da nützt denn freilich kein
+Fleiß und keine Umsicht! — Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht
+warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder
+zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien,
+und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen
+akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er
+versteht, — wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei
+Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich
+Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in
+der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern,
+bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und
+schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der
+kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen
+muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in
+den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn.
+Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom
+Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden
+können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben
+zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und
+da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören,
+wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die
+Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!</p>
+
+<p>Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das
+Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> doch
+in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich
+kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dann kam eine schwere Zeit. — Da lagen die Blätter, die davon
+berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr
+unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen
+Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, — ich mußte ja
+leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes
+willen!</p>
+
+<p>Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein
+Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir
+gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so
+viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, — ich bleibe am
+Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir
+gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie
+Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den
+Körper. — Ich genas.</p>
+
+<p>Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden
+abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die
+Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf
+meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten
+bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, — die Wahrheit
+und die Liebe siegten.</p>
+
+<p>Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!</p>
+
+<p>Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen
+vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend,
+Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme
+und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des
+Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren,
+Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen
+Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar
+vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt,
+Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt
+hatten.</p>
+
+<p>Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> getan,
+viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er
+aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei
+seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher
+kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt
+von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am
+Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins
+zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so
+einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall
+wurde er entlarvt.</p>
+
+<p>Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken
+gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu
+Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt.
+Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im
+Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.</p>
+
+<p>Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein.
+Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich
+die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der
+Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten
+Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, — sah das ungläubige Aufhorchen,
+das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir
+wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten
+die Gedanken.</p>
+
+<p>Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer
+knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen
+werden.</p>
+
+<p>Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch
+bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in
+unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien
+zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich
+werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen
+Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die
+Schullasten tragen sollte! — Als ob in den Mietskasernen der
+Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die
+Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. — Als ob<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach
+Eau de Cologne röchen! — Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr
+riskant, — er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen.
+Das Genossenschaftsgesetz — na, und dann ... Der Sechste war der
+Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten
+wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, — nee, Deibel. —</p>
+
+<p>Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, — dann würde ich das Werk
+allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der
+andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann
+wollten sie auch nicht zurückbleiben.</p>
+
+<p>Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts
+für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.</p>
+
+<p>Die Baugenossenschaft wurde gegründet.</p>
+
+<p>Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier
+ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die
+Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, — der Landpreis blieb als
+Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit
+rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und
+die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, —
+Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!</p>
+
+<p>Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, —
+Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines.
+Das war ja der reine Landesverrat, — diesen Feinden von Thron und
+Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern!
+Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten
+sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand
+und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um
+aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im
+Kampf, so müde er auch machte.</p>
+
+<p>Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht
+weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den
+Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, —
+das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
+
+<p>Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender
+Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem
+Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand
+in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr
+Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, — was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl
+warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.«
+»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern,
+die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu
+verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen
+hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei
+Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen
+verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen,
+Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können,
+braucht's Zeit und — Liebe.«</p>
+
+<p>Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch
+hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, — Sie haben den Kredit, den Sie
+brauchen.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte
+unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster
+Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, — natürlich unter
+verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen
+Zahl der zuhörenden Kollegen, — was erwidert mir in der Diskussion
+der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die
+Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen
+unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen:
+»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, — ihm sei
+es immer vortrefflich bekommen, — und dann solle man doch einmal an
+unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, — der habe einen
+tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« —</p>
+
+<p>Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir
+unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken,
+— eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> des
+Korpsstudententums, — aber selbst diesen urgermanischen Recken habe
+das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt
+hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben
+lang, — er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres
+Volkes arg genug gegrollt, — und was er, der Gewaltige, wenn er stets
+nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er
+so schon getan hat, — von uns Epigonen soll's keiner sagen!« —</p>
+
+<p>Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für
+mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen.
+Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner
+gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da — ein neues Blatt!</p>
+
+<p>Kaiserparade! — Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den
+Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs
+Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren
+zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen.
+Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung
+kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da
+postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging
+ständig durchs Gedränge, — vor der Uniform bahnten sie willig eine
+Gasse, — und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur
+Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, — in
+weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse
+beruhigt, — kein Unfall kam vor, — jeder stand auf seinem Platz; die
+Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an
+die Neuzukommenden, — in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich
+unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht,
+— wie das Samenkorn zur Ernte wird, — wie sich das Geistige in
+Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, — wie nichts verloren geht,
+was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort,
+wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren
+geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und
+jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«,
+die er mit seinem Volke hatte.</p>
+
+<p>Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky,
+jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land
+trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will
+seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und
+vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in
+deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine
+Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« — Aber hier mit ruhiger
+Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln
+das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er
+die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; —
+Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?</p>
+
+<p>Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er
+den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die
+Zunahme des Deutschtums — glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren
+die Züge des Erzbischofs, — auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung
+im Bürgertum, — die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte
+Genossene. — Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein
+Glas aus. Wie war man patriotisch!</p>
+
+<p>Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und
+Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der
+allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und
+Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, — die Herren vom
+Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den
+Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, — dann schlürften alle
+ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem
+Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre
+Polster.</p>
+
+<p>Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein
+paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und
+schied endlich, — eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber
+verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.</p>
+
+<p>Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden
+Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>
+zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid!
+Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in
+innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter
+des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den
+Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter
+des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin
+noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den
+Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz
+führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen
+von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit
+lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein
+nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche
+tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes
+geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich
+ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches
+Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes
+Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß
+ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen
+Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte
+Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht
+liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, —
+was? — das Lied ist ja gar nicht von Luther, — hat Luther selbst
+doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie
+denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen
+entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit
+durchschauen könnten? Es nützte nichts.</p>
+
+<p>Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren
+nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause
+gehen wir nicht«, — bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.</p>
+
+<p>Wo der Patriotismus wohl heute endigt? — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der
+Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen
+und geträumt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine
+Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen
+Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen,
+Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und
+unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch
+her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte
+kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei
+andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und
+die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte,
+stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte
+es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer
+wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen
+unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht
+hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende
+des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben
+Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit
+den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, — und je mehr sie
+tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja,
+schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach
+unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen
+sie über den Trunk die trockene Rinde.</p>
+
+<p>Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses
+und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, —
+die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten
+von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause
+kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise
+mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der
+ausschied, waren drei frische Trinker da.</p>
+
+<p>Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein
+General, — zwei verglaste Augen, — ein Toter sank unter den Tisch,
+— bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, — dort
+einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, — —
+die Opfer des Gelages, des Trunkes! — Einer nach dem anderen sank
+unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, — schnell schloß sich wieder
+die Reihe der Zechenden und Schmausenden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Aber allmählich, — der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte,
+— eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, — ein
+durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, — da hob
+der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch
+und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde
+erblickt, die unter dem Tische verwesten.</p>
+
+<p>Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf
+den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen
+funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir
+dies?« — Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.</p>
+
+<p>Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig
+eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden
+heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das
+taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand
+auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen
+geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde
+der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten
+überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend
+an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.</p>
+
+<p>Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem
+Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; — um viele Jahre
+reifer schien er plötzlich geworden; — dann aber, festen Schrittes,
+das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im
+Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach,
+hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur
+ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die
+Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.</p>
+
+<p>Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer
+entfacht, — sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, —
+und erlosch — und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen,
+auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.</p>
+
+<p>Da wachte ich auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen
+für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch
+ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen!
+Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem
+die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst
+eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die
+Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es
+mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann
+ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will
+nicht weiter.</p>
+
+<p>Ja, — was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, — eine
+Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und
+sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner
+Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!«
+Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann
+losten die anderen. — Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am
+Wald.</p>
+
+<p>Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es.
+Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell
+lachte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn's nicht so bitter ernst wäre, — zum Lachen wäre es! Heute mittag
+zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater.
+Wirklich dramatisch war es.</p>
+
+<p>Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden
+Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht
+halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht
+mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben
+bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des
+durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das
+hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren
+geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen
+Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe
+zufügten, wohl nicht wettmachen. — Hamburgs Welthandel, — und den
+nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> im
+Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die
+Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.</p>
+
+<p>Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im
+ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen
+des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz <span class="antiqua">ad
+oculus</span> demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit
+ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den
+Unrat aus der Elbe wieder heraus.</p>
+
+<p>Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht
+vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.</p>
+
+<p>Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen
+»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe
+rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in
+dankenswerter Weise — dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf
+Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe
+infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich
+an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein.
+Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es
+auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich
+geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.</p>
+
+<p>Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach
+dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite.
+Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch
+den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht
+stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen
+Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und
+Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und
+wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«</p>
+
+<p>Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand.
+Das tat wohl.</p>
+
+<p>Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten
+Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram
+demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! — Herr
+Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee
+und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, —
+verdünnte<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene
+große Pettenkofer das Elbewasser genannt, — und der mußte es doch
+wissen! — und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist,
+— es bleibt, was es ist! — Daß sich aber alle die Tausende reicher
+Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich
+gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen
+und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht
+kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf
+gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen
+zu müssen. — Pfui Deubel aber, — begreifen kann ich es doch nicht.
+Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison
+syphilitisch.</p>
+
+<p>Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere
+hergeht?</p>
+
+<p>Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch,
+8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen
+Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen
+und pharisäerhafter Entrüstung.</p>
+
+<p>Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer
+Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das
+Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.</p>
+
+<p>Mein Kaiser, — ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl,
+kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat
+voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden
+deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende
+tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare
+Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und
+Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem
+ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, — aber die Philister am
+Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte
+werden dir fluchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben,
+anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen
+Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den
+Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der
+Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden
+nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige,
+Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es
+wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit
+kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das
+fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem
+zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit
+der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? — Weil der
+Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es
+habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter,
+die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen,
+um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen
+Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute
+tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen,
+von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf
+den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer
+pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren
+mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, —
+worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch
+wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit
+der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas
+von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden
+mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem
+ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine
+Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann,
+wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn
+er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die
+Bücher wiederbringen wollte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird
+Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« — Es ist zu fidel:<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> seit
+Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in
+Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen
+Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, —
+jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins
+Seebad reist, — nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht
+oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung
+telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern
+machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer
+damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und
+achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett
+und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein
+der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, — also ins Meer. Aber siehe
+da, — alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es,
+schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen
+vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott
+zu tragen.</p>
+
+<p>Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein
+schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden
+und gelagert hatte, — auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den
+Dampfkesseln, — kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen
+war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine
+Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft.
+Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein
+tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen
+Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein
+bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens
+einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in
+der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu
+Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, — sie
+konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle
+bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was
+weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht
+mehr vom Hause fort, — der Jüngste bedarf der Mutter, — und dann
+die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, — wenn er
+noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei
+im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich
+versprach zu tun, was möglich sei.</p>
+
+<p>Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte
+er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe,
+in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in
+solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von
+den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's
+merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich
+vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen.
+Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und
+Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die
+Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem
+Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien
+massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst
+Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe
+das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann
+mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die
+Herren reich gemacht, — dann aber sei der karge Lohn, den die Herren
+dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten
+verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie
+die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den
+Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die
+anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und
+erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung
+unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur
+Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders
+gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum
+ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte,
+habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun!
+Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Mensch um
+die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher
+angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und
+das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde
+der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es
+sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben
+nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei,
+— die hätte er zu gern. »Ja, aber, — wenn er so zufrieden sei, warum
+er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's
+mir glauben,« — und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, — das lügt er
+nicht, — »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen
+Deut besser, als ich's jetzt hab' — aber ich denke an die anderen,
+da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren
+Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht
+herauskommen aus ihrem Elend, — ein Hundsfott wär ich, wenn ich die
+vergessen wollt'.«</p>
+
+<p>Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur
+Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre
+ich, wenn ich die vergessen wollt'!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer
+noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues,
+Bestimmtes geworden sei, — und ist doch nichts von alledem, sondern
+er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund
+ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist
+bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib
+Christi« sprach, — da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber
+Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische
+Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese
+Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen,
+die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien
+zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines
+menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?</p>
+
+<p>Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur
+der Kirche entfremdet ist, — aber wohlvermerkt das ganze Volk,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> mit
+Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, — das ganze Volk,
+arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht
+mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der
+Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt,
+wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die
+eins sei mit euren Dogmen, und — vergißt sein oberstes Gebot, wie die
+meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen!
+Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nein, so etwas, — wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte
+Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der
+Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit
+seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, — er wolle den Genossen
+nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, — meinen reichen
+Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich
+nur hohe Zinsen damit verschaffen, — bringt mir der heute in der
+Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll,
+ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei
+Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.</p>
+
+<p>Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben
+sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen.
+Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, — ich könne es als
+Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht
+beleidigen, — denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich
+es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. — Und was ist es? Trines
+herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.</p>
+
+<p>O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps,
+und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich
+wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts
+gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir
+uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten
+Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. — Sitzt da der dicke
+Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft,
+streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa
+aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! — nein, aus
+reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der
+»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße
+und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden,
+nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht
+halten, oder er müßte, — schrecklich auszudenken —, sein Lokal den
+Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf
+es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der
+Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder
+den Schlagfluß kriegen.«</p>
+
+<p>Herr Kanzleirat, — ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch
+mehr Unheil im Dorfe anstiftest!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem
+Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, — den Rippenfellerguß habe ich
+ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen,
+das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn
+Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie
+verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll
+brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel
+Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für
+ihren Kanarienvogel, — der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber
+nun schenke ich ihr von meinem Geld.« — Du wonniges Kind, wie du
+deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, — in all deiner Not
+denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem
+Kinderherzen! — Vielleicht da am meisten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse
+»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins
+Theater führen lassen.</p>
+
+<p>Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der
+Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer
+befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!</p>
+
+<p>Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen
+haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie
+sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation?
+Verflachend, herunterziehend — oder hinaufführend.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur
+Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal,
+nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.</p>
+
+<p>Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem
+Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause
+nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, — als ob der
+Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall
+des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! — Oh, ich weiß es wohl, ihr
+wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen
+Heim haben, — diese Landesverräter verdienen das nicht.</p>
+
+<p>Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller
+eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast
+die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und
+Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann
+das Pack hausen.</p>
+
+<p>Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß,
+euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern,
+ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die
+Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und
+eure Gerechtigkeit, — daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten
+Pharisäer!</p>
+
+<p>Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre,
+oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern
+Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht
+Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Keller wohnen
+und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut
+vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder
+immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das
+dritte, — Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur
+irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch
+ingrimmiger in der Tasche als jene.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen
+ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und
+zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen.
+Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein
+paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere
+auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck«
+wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders
+kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner
+von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.</p>
+
+<p>Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und
+gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber
+sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine
+geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der
+Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß
+endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat,
+den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, — denn hier ein armer Fischer,
+— und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß
+verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!</p>
+
+<p>Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist
+doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen
+Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit
+heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist
+mehr darin. Beschwerden beim Landrat — fruchtlos. Der Landrat ist
+gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß
+—<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der
+Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur
+Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun
+seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders
+zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag
+schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch
+größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden
+geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm
+geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt
+einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er
+mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!</p>
+
+<p>Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse
+verpestet, — kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es
+ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig
+Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie
+nicht mehr zum Laichen in den Fluß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten
+stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen
+Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der
+Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es
+nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft
+und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine
+Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur
+ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt
+beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser.
+Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den
+anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr
+Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein
+steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin
+ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen
+Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser
+geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und
+Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen.
+Dufte du nur und erquicke die Menschen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
+
+<p>Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich
+auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei
+Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir
+ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien
+Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede
+und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der
+eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em
+gornich mehr lieden.«</p>
+
+<p>Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu
+wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen
+alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft,
+die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr
+treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben
+und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der
+Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die
+Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im
+Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh
+krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890
+86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und
+eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen.
+Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und
+verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische
+Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen
+seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter
+an Schulter für die Wahrheit kämpfen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine
+Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer
+Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des
+Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz
+empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes
+anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Brauern gefallen
+lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild.
+Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes
+Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm
+hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig
+verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte
+das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels
+brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel
+die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich
+vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen
+Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von
+hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme.
+»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der
+Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz
+ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln
+und Disteln, — das ist der Alltag, — die drei Balken, die das Kreuz
+zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht.
+Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist
+der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler
+hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm
+hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib
+vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum
+Land der Sonne zu tragen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Herrgott, — ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was
+ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur
+Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land
+noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur
+Stadt kommen könnten, — und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete
+zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von
+Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und
+immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Leben und Vaterland und
+zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt
+Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene
+Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf
+die Dauer!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser
+menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von
+uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?</p>
+
+<p>Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen
+Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor
+Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon
+haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich,
+als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler
+von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich
+hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.</p>
+
+<p>Monisten? »Monos?« »Nur Eins« — das ist's, was mich abhielt: Ihr seht
+nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die
+Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein,
+wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, — aber
+ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen,
+als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die
+ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
+Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt
+die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der
+Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten;
+nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze
+»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt,
+die wir Weisheit nennen, — was wollt ihr mit der Summe all dieser
+Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?</p>
+
+<p>Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu
+verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da,
+— ist »Er!« —</p>
+
+<p>Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne
+nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> erreichbaren
+Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.</p>
+
+<p>Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer
+der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß
+er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen
+Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt
+als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum
+hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus
+sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.</p>
+
+<p>Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu
+lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu
+menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.</p>
+
+<p>Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer
+feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.</p>
+
+<p>»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn
+verehre, — aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten.
+Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das
+schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich,
+stündlich, — und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht,
+da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, — das kann ich
+nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«</p>
+
+<p>Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau,
+die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr
+Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren
+kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis
+hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für
+ihre Männer haben.</p>
+
+<p>Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis
+dieser Jüdin packt, — ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen
+Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen
+Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt
+haben? —</p>
+
+<p>Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem
+Gottesgarten aussteige, — 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist
+vorbei —, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint,
+und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo,
+Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« — Da erzählt er mir, während
+wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der
+Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?«
+— Zwei Ordensbrüder, — ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es
+und eifrig an der Rettungsarbeit, — hätten den Antrag gestellt, aus
+unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme,
+zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der
+Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln
+der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen
+Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus.
+— So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden
+hören.</p>
+
+<p>Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit
+dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so
+behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn
+so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit
+der Französischen Revolution!</p>
+
+<p>»Wann ist die nächste Sitzung?« — »In vierzehn Tagen.« — Da muß ich
+hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die
+Schuppen von ihren Augen fallen, und ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine
+Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. — Warum
+nicht in Form des Gebetes?</p>
+
+<p>Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen
+außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten:
+Herr, hilf mir —, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen
+Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den
+»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei
+sein.</p>
+
+<p>Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen
+Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen
+das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!«<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Denn
+diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen
+Menschenbildnis zurechtmodelliert.</p>
+
+<p>Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, — der in der Welt ist
+als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist,
+unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, — eins mit ihr und
+doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu
+eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten;
+die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten
+und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst
+in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein
+feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.</p>
+
+<p>Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich
+in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, — Einer
+hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei
+Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne,
+Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie
+sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist,
+und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus,
+nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der
+Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten,
+Pfaffen und ihrer Knechte.</p>
+
+<p>Aber dieses: »Herr, hilf uns!« — Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns
+beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist,
+der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das
+Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und
+doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht
+ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei
+in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue
+lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich
+neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. — — So
+wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«</p>
+
+<p>Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr,
+hilf uns!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das
+für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine
+kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend,
+er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was
+ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr
+zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe
+immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer
+mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir
+hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die
+ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren
+heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«,
+zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr
+schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen
+und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar
+so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine
+ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung
+abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole
+des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht
+leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge
+erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, — ihn genossen haben.
+Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so
+muß das zur Katastrophe führen, — früher oder später.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. — Jahrelang
+habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal
+untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und
+Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes,
+stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine
+lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen
+Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> 'n Grog
+drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int
+Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten
+wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« — Mit solchen
+Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er
+eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen
+und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der
+Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen
+bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, — nun leitete er mit seinen
+zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen
+Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum,
+wo er am wenigsten am Platze war.</p>
+
+<p>Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe
+gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher
+befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den
+Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine
+ging, — es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie
+schon längst zu den Toten gerechnet.</p>
+
+<p>Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft
+machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen,
+meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« —</p>
+
+<p>An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da
+sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten,
+seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen,
+die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im
+Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt,
+bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe
+herumschlich.«</p>
+
+<p>Oh, — aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja
+doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im
+Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front
+gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der
+Trunksucht verwandt würde, — das sei keine Sache des Reiches, das sei
+»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und
+bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden
+Elemente« schelten laßt, — als ob man unser Volk wie Museumspräparate
+in Spiritus konservieren könnte!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen
+abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der
+Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus
+Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen.
+Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, — das muß
+ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen
+sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein
+hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur
+aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den
+Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie
+begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit
+Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft
+haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur
+deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese
+verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten
+und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und
+gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich
+hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und
+das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß
+sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht
+mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig
+Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender
+Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.</p>
+
+<p>Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die
+nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über
+uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und
+Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb
+und verfettet waren.</p>
+
+<p>Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur
+eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, — oder vielmehr —
+auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> glücklich
+zu werden, — ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften,
+daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für
+alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst
+klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den
+Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl,
+— so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten
+Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu.
+Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen
+Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat,
+weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches
+Gewerbe.</p>
+
+<p>Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den
+Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme
+ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und
+albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der
+Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und
+Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese
+Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen
+zu Vampyren stempeln zu wollen.</p>
+
+<p>Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt
+habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus.
+Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten,
+dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise
+die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem
+Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können,
+erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst
+kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim
+Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich
+auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.</p>
+
+<p>Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum
+ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich
+gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt,<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> sofort unter
+seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um
+die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und
+Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche
+hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt
+sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit
+Entziehung der Konzession bedroht.</p>
+
+<p>Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie
+ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr
+Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung
+wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist
+wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten
+Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist
+die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen
+Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem
+Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in
+Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind
+sie in der Tat der Sauerteig der Erde.</p>
+
+<p>Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des
+Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie
+von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten
+Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte
+Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.</p>
+
+<p>Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist
+nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben
+selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und
+gewidmet haben, — ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern,
+— ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein.
+Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen
+des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt
+Wärme, und Wärme ist Liebe.</p>
+
+<p>Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer
+Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> eures
+Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit
+und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im
+Kampfe der Geister!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen,
+auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn
+Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger,
+laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, — er könne den Jungen nicht
+mehr zahm halten, — der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch
+die fünfte Frau gefreit.</p>
+
+<p>Die Mutter hat gefleht, — sie sollten den Jungen konfirmieren, damit
+er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie,
+als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei.
+Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles
+umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule
+gehen.«</p>
+
+<p>Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit
+des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, — hat nach Amerika
+wollen, — fort, nur fort!</p>
+
+<p>Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, — alles Denken
+hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.</p>
+
+<p>Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat
+er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das
+Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, — der
+hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir
+gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.</p>
+
+<p>Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die
+Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in
+Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich
+langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat.
+Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten
+Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man
+Verbrecher, — <span class="antiqua">im maximam Dei gloriam et scholae</span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in
+unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit
+in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß
+es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer
+Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen
+unseren Mitmenschen gegenüber, — sei es, und das ist das Wichtigste
+für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir
+in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden
+und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein,
+noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! — — — Nur die
+Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt
+und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir
+nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das
+einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben
+und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.</p>
+
+<p>Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden
+für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute
+befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet,
+und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun
+jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was
+ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder
+auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde
+arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte
+pflücken wollen.</p>
+
+<p>Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die
+Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist
+doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur
+Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen
+Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die
+Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und
+verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle
+ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie
+versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und
+schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und
+dabei fangen die deutschen Regierungen<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> bereits an, sich zu sorgen
+über die Abnahme der Geburten! — Verdammt noch mal, — schließt doch
+diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt
+unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle
+Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und
+Fortschritt zum Guten!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich
+habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche
+Fragen angestellten, — aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein
+Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht.
+Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht
+sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und
+anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen
+widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht,
+— denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling,
+— sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder — mit etwas
+viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, — und dann schweigt der unbequeme
+Schlingel Gewissen, — und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es,
+wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und
+Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln,
+wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten,
+— so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren
+so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien,
+den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren
+brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind,
+noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und
+nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten
+nicht begehen oder auch nur gutheißen!</p>
+
+<p>Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. —</p>
+
+<p>Halt, — ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder
+Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden
+oder gar sterben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es
+schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der
+einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus
+ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch
+ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so
+viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber,
+wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den
+einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will,
+nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter
+Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. — Und grauenhaft! Seit
+dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just
+an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um
+ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, — will nicht heilen, kann
+nicht heilen. —</p>
+
+<p>Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn.
+Ich glaub' nicht daran.</p>
+
+<p>Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig
+werden.</p>
+
+<p>Herrgott im Himmel, — gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es
+nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht
+gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie
+sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an
+Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung
+und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet
+damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel
+geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben
+versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen
+lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen.
+Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein
+Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend
+kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die
+gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem
+Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß
+es, ich habe sie nicht gehaßt. — Warum, mein Gott, hast du sie denn
+sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben?
+Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders
+gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen
+Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk,
+für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen
+wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite
+diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der
+modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese
+aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert
+und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große
+Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres
+Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren
+sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten
+werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends
+mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international«
+erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie.
+Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein
+freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol
+müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird
+von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen
+und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten.
+Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder
+die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und
+nimmer vorwärts!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen,
+ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth
+mache ihn ihr abspenstig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in
+ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.</p>
+
+<p>Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und
+frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« — »Und ob, —
+ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später
+nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«</p>
+
+<p>»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der
+anderen ins Garn jagen!« —</p>
+
+<p>Oh, über euch törichten Weiber!</p>
+
+<p>Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und
+das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und
+euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!</p>
+
+<p>»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um
+seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, —
+sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen
+Strick folgt.«</p>
+
+<p>Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht,
+begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand.
+Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines
+Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende
+hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine
+Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück
+für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe
+ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen
+in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten
+Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der
+kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.</p>
+
+<p>Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg,
+der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines
+schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte,
+welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine
+Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte.<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Als er
+nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen
+Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach
+der anderen, — und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der
+Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit,
+wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und
+zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen
+die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der
+Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen
+und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich
+und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke
+herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese
+Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit
+den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre
+Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen
+und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt
+haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein
+Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen
+das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn
+langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und
+für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen
+macht es, — auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv
+fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das
+von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so
+fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen
+bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu
+betäuben! — Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem
+Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu
+den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird
+er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals
+sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an
+einer solchen Stelle stehen, wie er!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir
+sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und
+Verleumdungen.</p>
+
+<p>Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze
+Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker
+zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf
+gewaschen, daß es dampfte.</p>
+
+<p>Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es
+sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan,
+— aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen,
+damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!</p>
+
+<p>Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige
+Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob
+er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein
+Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht
+haben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in
+denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten,
+zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker
+zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte
+Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, —
+freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß
+ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte,
+damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen.
+Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis
+es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? — Aber einen Teil
+wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden
+mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.</p>
+
+<p>Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir
+wie ein Kind, — der große starke Mann, — um den<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Hals und schluchzt:
+»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb
+gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, — mit dieser
+meiner Hand.«</p>
+
+<p>Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.</p>
+
+<p>Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, — da hat's ihn
+übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, — angefleht hat er
+sie, — aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.</p>
+
+<p>Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit
+gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.</p>
+
+<p>Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann
+fahre ich auf Praxis.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um
+Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«</p>
+
+<p>Ich denke zunächst an den Heidbauern.</p>
+
+<p>Gott sei Dank, — der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.</p>
+
+<p>Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein
+rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt,
+und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich
+streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins
+Zimmer.</p>
+
+<p>Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, — tot,
+— der Kopf in einer großen Blutlache.</p>
+
+<p>Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der
+Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um
+sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die
+halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.</p>
+
+<p>Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand
+zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.</p>
+
+<p>Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings
+auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf
+von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<p>Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel
+auseinandergesprengt. —</p>
+
+<p>Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst
+sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut.
+Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen.
+Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn
+angezeigt.</p>
+
+<p>Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter
+schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie
+schössen.</p>
+
+<p>Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich
+den Fasan nur gut schmecken lassen.</p>
+
+<p>Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's
+verbeten, ein-, zwei-, dreimal — sie konnt's nicht lassen.</p>
+
+<p>Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.</p>
+
+<p>Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen
+seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.</p>
+
+<p>Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über
+den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.</p>
+
+<p>Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte
+Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in
+das Nichts.</p>
+
+<p>Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.</p>
+
+<p>Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. — Gleich darauf zwei Schüsse.
+Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und
+alles um einen Fasan.«</p>
+
+<p>Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel
+für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.</p>
+
+<p>Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß
+hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie
+Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.</p>
+
+<p>Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> hab' in
+meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! — —</p>
+
+<p>Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann
+erst werden! — — — — — — — — — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den
+Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste
+war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter
+nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant.
+Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt
+nur selten an der Tafel gezeigt hatte.</p>
+
+<p>Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren
+Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der
+die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor,
+Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als
+suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,«
+erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von
+England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« — »Der
+Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern
+Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall
+Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch,
+dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer,
+dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert
+wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,«
+erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in
+der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren
+englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in
+der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine
+kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser
+Persönlichkeit bereichern wird.</p>
+
+<p>Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot,
+wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für
+unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem
+Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück
+einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Nachbarschaft saß
+ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah,
+wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte
+bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich
+nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter
+den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner
+Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze
+niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General
+erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte,
+wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl,
+zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener
+einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete,
+der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es
+sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten
+handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als
+mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen
+der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach
+seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden
+zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen
+der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß
+an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich
+sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was
+ist's?« — Er erwiderte: »Der Herr war General E.« — »Ich habe ihn
+erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor
+Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein
+fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit,
+dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir
+alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre,
+und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur
+einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, — dann
+erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme,
+daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General
+E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In
+vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir
+eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit
+vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> gekommen ist, weiß
+ich nicht mehr, — ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von
+unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der
+Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete.
+— Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen
+Offiziers, eine solche Schmach! — Aber ich war schön und jung, von
+tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware
+für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt
+mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich
+ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag
+Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, — dieser
+Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der
+blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich
+an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in
+Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?«
+Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den
+Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.</p>
+
+<p>Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und
+starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen
+Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein
+scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen
+Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge
+zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus
+der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die
+Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel
+nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren,
+war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken;
+die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese
+Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren,
+mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe
+des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation
+und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen
+die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine
+Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen
+Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen
+Masse<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt
+wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie
+glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika
+die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren,
+natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten
+Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem
+Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie
+der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde
+vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich
+mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder
+ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem
+Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um
+welchen Preis! — Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel
+Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich
+schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen
+Königreiche. — Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses
+Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie,
+daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man
+die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle
+Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen
+Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun
+sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse
+beherrschen.</p>
+
+<p>Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet,
+als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück
+sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen
+England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen
+Tonarten gepriesen wurde?</p>
+
+<p>Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie
+bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas
+Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des
+einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo
+dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter
+der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen
+Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein
+wird!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
+
+<p>Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte,
+rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, — ihr
+rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der
+uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im
+Herbstnebel untergeht.</p>
+
+<p>In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an
+meinen Kaiser. —</p>
+
+<p>Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die
+Zukunft unseres Volkes schreiten. —</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen
+Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner
+Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen
+fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn
+lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich
+will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen
+Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle,
+koste es, was es koste, ich muß an Land.« — »Aber Ihr Billett?«
+— »Ist mir einerlei! — Ich will an Land, ich will wieder nach
+Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine
+kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs
+Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn
+verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder
+heimkehren würde, — alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner
+Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen
+Sie mich nicht lebendig durch, — ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.</p>
+
+<p>Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der
+Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als
+einziger Bruder von drei Schwestern, — so hatte er niemals gelernt,
+die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.</p>
+
+<p>Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens,
+auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die
+notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte
+zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und
+damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe
+dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr
+erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> ist den
+Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen
+Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.</p>
+
+<p>Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem
+seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer
+Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und
+dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig
+verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten
+vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen
+keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche
+gedeihen könne.</p>
+
+<p>Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach:
+stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen
+zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er
+seine willensschwache Rasse nicht vererbt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die
+freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die
+anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen
+mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen
+felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem
+Gischt emporpeitschte.</p>
+
+<p>Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem
+Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die
+Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, — auf ein Haar
+beide Beine brechend, — begleitet von dem schallenden Hohngelächter
+unserer Matrosen.</p>
+
+<p>Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem
+man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit
+mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose
+mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen
+eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und
+einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt
+gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das
+mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener
+Galerie erinnerte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p>
+
+<p>Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse,
+der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt
+den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des
+Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie
+bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich
+hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.</p>
+
+<p>Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene
+Meer!</p>
+
+<p>Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren,
+hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge
+hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des
+Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.</p>
+
+<p>»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus
+Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu
+sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt
+nichts, — lauter Selterswasser und Apollinaris, — sind Sie denn alle
+krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage.
+Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der
+verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt
+mit der verdrehten Wassertrinkerei.« — »Werde meinem Schwager in
+Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied
+der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf
+Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte
+Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von
+Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.«
+Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das
+sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter
+Weise durch.</p>
+
+<p>Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte
+das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir
+erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie
+auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem
+schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer
+ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> ein
+Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der
+gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner
+Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden
+Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung
+vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter
+entwickeln soll.« — »Kaiser, — großartiger Mann,« schnarrte der
+Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche
+an einer Tafel gespeist, — kolossal gebildet, von allem unterrichtet,
+— steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal
+in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es
+ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich
+dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt,
+kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt
+ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen,
+Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden,
+sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von
+Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler,
+»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« — »Lassen Sie
+uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen
+Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus
+Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern
+birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter
+dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen,
+welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine
+Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele
+hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die
+entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende
+von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer
+vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen
+zugezogen haben?« — »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte
+der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« — »Ich
+sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und
+werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der
+Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das
+furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt
+besser aussieht,<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten
+unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so
+weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die
+untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße
+und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange
+nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, — wir
+müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen
+Sie mir noch eine Münchener!« — »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief
+der Weinhändler.</p>
+
+<p>Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes
+aschfahl, — das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel
+zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte
+Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand
+zur Kajüte hinaus aufs Deck.</p>
+
+<p>Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf
+den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein
+Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit
+und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte
+meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf
+Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte.
+Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik
+gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl,
+als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine
+ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.</p>
+
+<p>Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die
+Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende
+junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen
+deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher
+Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen
+Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O,
+könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm
+und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung
+unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die
+Seelen der jungen Generationen gelegt wird.</p>
+
+<p>Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Amerikaner
+Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet
+haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen
+Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall,
+Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände
+an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu
+verleihen, in den Schneesturm hinaus:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Heda, Herr Kultusminister!</div>
+ <div class="verse indent2">Jetzt hab' ich dich! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Merkst du's,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die schwingenden Wellen</div>
+ <div class="verse indent2">Meines Geistes dich treffen? —</div>
+ <div class="verse indent2">Gegen den Nordoststurm an,</div>
+ <div class="verse indent2">Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht,</div>
+ <div class="verse indent2">Schießen sie zu dir hinüber</div>
+ <div class="verse indent2">Übers Meer</div>
+ <div class="verse indent2">Und treffen dich und packen dich, — —</div>
+ <div class="verse indent2">Du willst Minister sein</div>
+ <div class="verse indent2">Über das Unterrichtswesen?</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, schläfst du denn,</div>
+ <div class="verse indent2">Oder bist du tot?</div>
+ <div class="verse indent2">Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland!</div>
+ <div class="verse indent2">Schau doch, wie sie's dort machen! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Du tust deine Pflicht nicht!</div>
+ <div class="verse indent2">Du siehst nichts und hörst nichts!</div>
+ <div class="verse indent2">Tausendmal schon habe ich dir zugerufen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß unsere Kinder blaß und elend sind! —</div>
+ <div class="verse indent2">Tausendmal habe ich dir schon zugerufen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du nur Lernmaschinen erziehst!</div>
+ <div class="verse indent2">Keine Charaktere bildest,</div>
+ <div class="verse indent2">Sondern Mollusken!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber keine Männer</div>
+ <div class="verse indent2">Mit Knochen, mit Rückgrat! —</div>
+ <div class="verse indent2">Weichlinge, die nachher</div>
+ <div class="verse indent2">Den Verführungen im Leben nicht standhalten! —</div>
+ <div class="verse indent2">Du bist schuld,</div><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span>
+ <div class="verse indent2">Denn du hast dafür zu sorgen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß die Schule Charaktere bildet! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Hörst du denn nichts?</div>
+ <div class="verse indent2">Siehst du denn nichts?</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Viertel unserer männlichen Jugend</div>
+ <div class="verse indent2">Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten!</div>
+ <div class="verse indent2">Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen!</div>
+ <div class="verse indent2">Durch deine Hand sind sie gegangen!</div>
+ <div class="verse indent2">Du hast nicht acht gegeben! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Herr Minister!</div>
+ <div class="verse indent2">Du hast es geschehen lassen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß die teuflischen Gifte</div>
+ <div class="verse indent2">So viele krank und elend</div>
+ <div class="verse indent2">Und zu Verbrechern gemacht haben! — — —</div>
+ <div class="verse indent2">Ha, ich weiß, warum du schweigst!</div>
+ <div class="verse indent2">Du selbst trinkst gern Sekt</div>
+ <div class="verse indent2">Und Weißwein,</div>
+ <div class="verse indent2">Aber nur mäßig!</div>
+ <div class="verse indent2">— Natürlich! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Aber ich zerre dich,</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Wellen meines Geistes</div>
+ <div class="verse indent2">Sollen dich einengen und klemmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die brandende See!</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Wahrheit soll dich pressen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie eiserne Klammern!</div>
+ <div class="verse indent2">Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein!</div>
+ <div class="verse indent2">Und darum lässest du's geschehen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß die andern sich</div>
+ <div class="verse indent2">In Bier und Branntwein berauschen! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Wort von dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Und der Kaiser würde</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem Beispiel vorangehen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Brauer und Brenner</div>
+ <div class="verse indent2">Würden dir fluchen,</div>
+ <div class="verse indent2">Aber die Mütter dich segnen! — —</div><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span>
+ <div class="verse indent2">Und warum lässest du</div>
+ <div class="verse indent2">Die Kinder verderben?</div>
+ <div class="verse indent2">Warum kannst du nicht einsehen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo die Quellen des Übels,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Krankheiten,</div>
+ <div class="verse indent2">Des Elends</div>
+ <div class="verse indent2">Entspringen? — —</div>
+ <div class="verse indent2">Du verschleuderst deine Kraft</div>
+ <div class="verse indent2">In Kleinigkeiten,</div>
+ <div class="verse indent2">In Quengeleien und Disziplinarverfahren! —</div>
+ <div class="verse indent2">Doch nun ergreife die Axt</div>
+ <div class="verse indent2">Und leg' Hand</div>
+ <div class="verse indent2">An die Wurzel des Übels,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn du Herr sein willst</div>
+ <div class="verse indent2">Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Nun wohl, die Quelle alles</div>
+ <div class="verse indent2">Übels und Unheils</div>
+ <div class="verse indent2">Ist Unterdrückung der Freiheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Die Mollusken erzieht</div>
+ <div class="verse indent2">Statt Männer! — —</div>
+ <div class="verse indent2">Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie Einsicht bekommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Was gesund ist und gut,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie gefeit werden</div>
+ <div class="verse indent2">Gegen die Sünde,</div>
+ <div class="verse indent2">Die sie krank und elend macht! —</div>
+ <div class="verse indent2">Dulde nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß unsrer jungen Mannschaft</div>
+ <div class="verse indent2">Durch diese Kreuzspinnen</div>
+ <div class="verse indent2">Von Wirten und Brennern und Brauern</div>
+ <div class="verse indent2">Das Mark</div>
+ <div class="verse indent2">Ausgesogen wird!</div>
+ <div class="verse indent2">Und vor allem:</div>
+ <div class="verse indent2">Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Warme, lebendige Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Und noch einmal Liebe! — —</div><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span>
+ <div class="verse indent2">Du bist schuld an all dem Elend!</div>
+ <div class="verse indent2">Hast du denn Liebe?</div>
+ <div class="verse indent2">Nein, du bist träge und stumpf</div>
+ <div class="verse indent2">Den Zeichen der Zeit gegenüber! —</div>
+ <div class="verse indent2">Aber ich will dich rütteln,</div>
+ <div class="verse indent2">Und dich in die Wellen hineinziehen!</div>
+ <div class="verse indent2">Du mußt sie spüren, — — —</div>
+ <div class="verse indent2">Gib acht!</div>
+ <div class="verse indent2">Die Brandung wird so stark werden,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie dich zerschmettert,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn du nicht auf mich hörst! — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er
+donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die
+schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten.
+Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller
+Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich
+ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes
+Vaterland.</p>
+
+<p>Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die
+Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein
+triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang,
+hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne
+Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war,
+sang mit:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Über die Matten, über die Sande</div>
+ <div class="verse indent2">Streichet die Möwe hin zum Meer;</div>
+ <div class="verse indent2">Über die Heiden, durch die Lande</div>
+ <div class="verse indent2">Irr' ich wandernd hin und her.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Nach dem Lieb mein unter den Linden,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie sie ruht an meiner Brust,</div>
+ <div class="verse indent2">Nach den meeresfrischen Winden</div>
+ <div class="verse indent2">Geht mein Sehnen, meine Lust.</div><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Über die Heiden, durch die Lande</div>
+ <div class="verse indent2">Zieh' ich mit dem Wanderstab;</div>
+ <div class="verse indent2">Ach, der Heimat süße Bande</div>
+ <div class="verse indent2">Halten fest mich bis zum Grab.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm,
+mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir
+vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens
+hindurchführt.</p>
+
+<p>Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.</p>
+
+<p>Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und
+süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir
+im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden
+Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste,
+wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide
+streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir
+blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche
+in die Luft.</p>
+
+<p>Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder
+angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer,
+langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, —
+meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen — oft genug hatte
+ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische
+Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten.
+So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die
+Jugendzeit doppelt heimisch.</p>
+
+<p>Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das
+mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber
+eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter
+und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein
+Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe
+geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes
+Distelblatt, — Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen
+und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> und Sehnen, dieses
+Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte
+Hoffen.</p>
+
+<p>Und da kam die Zeit der Trennung, — ich mußte hinaus in die Fremde,
+die Kräfte wollten wachsen, — ich mußte die Welt sehen, hinaus,
+hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder
+zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie
+stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute
+der Heimat schätzen!</p>
+
+<p>Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die
+Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen
+Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch
+nicht in der Stadt — dahin paßte der freie Falke nicht, — da hätte
+er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen,
+weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da
+fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig
+und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und
+Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, — dahinein führte
+er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste
+Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam
+ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.</p>
+
+<p>War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!</p>
+
+<p>Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern
+der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein
+geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von
+deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen
+Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen
+umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten
+landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes.
+Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; — doch
+halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten,
+der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen —
+Einzelhäuser für Arbeiter —, damit sie sich leicht aussuchen können,
+was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten
+her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen
+zu heißen, — halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und
+Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar,
+als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei
+aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine
+Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht
+sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren
+Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen
+Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an
+die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten
+Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, — Emma, deine
+Rosen müssen noch Wasser haben, — Rudolf und Ernst, wird das neue
+Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«</p>
+
+<p>Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken
+kunstfertig gefügt, — die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden
+zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht
+hatte.</p>
+
+<p>Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser
+tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem
+Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste
+zum Gesang, — alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit
+und Leben.</p>
+
+<p>Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter,
+Kinder, — das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie
+hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.</p>
+
+<p>Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen;
+froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag
+Sonnenschein.</p>
+
+<p>Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: — »Hast
+Arbeit?« — »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« — »Bin fremd
+hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte
+drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der
+Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> gedankt, daß ihm der
+Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in
+der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen
+dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen
+nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie
+irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind,
+während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.</p>
+
+<p>Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern
+und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr
+Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig
+auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten
+waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger
+wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen
+mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den
+Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf,
+raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das
+nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu
+schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand
+ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele
+warme Bruderhände wachsen, — wir können sie brauchen! Über der Tür
+meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung:
+»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's — was die Seele des
+Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!</p>
+
+<p>Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen
+Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und
+Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, — überall, überall das
+nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen,
+ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen,
+sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber,
+daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des
+Menschempfindens, die über uns gekommen ist!</p>
+
+<p>Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit
+Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief,
+als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> geworfen
+hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses
+und der Erbitterung wurde.</p>
+
+<p>Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können,
+wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk
+geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall
+oder Alter oder Verlust des Ernährers, — keine Arbeiterversicherung
+mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen,
+Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die
+alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was
+wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit
+geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen,
+daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell
+zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder
+Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen,
+daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden
+aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und
+verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.</p>
+
+<p>Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in
+das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der
+Erbitterung daraus trank.</p>
+
+<p>Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges
+Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.</p>
+
+<p>Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich
+ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das
+Gerüst den Ernährer geraubt hatte.</p>
+
+<p>Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem
+Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.</p>
+
+<p>Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich
+sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und
+ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den
+Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und
+der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es
+mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der
+anderen trug dazu bei, mich müde zu machen.<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Und doch konnte ich nicht
+ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre
+Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und
+Zweck des Lebens geworden.</p>
+
+<p>Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das
+Stampfen der Maschinen.</p>
+
+<p>In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art,
+aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen
+Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten
+diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an
+unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus
+unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller
+Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet,
+und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir
+die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.</p>
+
+<p>Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich
+mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein
+Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner.
+Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, — sie
+verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk,
+ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber
+zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, —
+er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn
+seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens
+hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind
+wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen
+Volkes.</p>
+
+<p>Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die
+Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam
+die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden
+aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit
+ihr.</p>
+
+<p>Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf
+dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> die
+Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer
+wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu
+Gott!</p>
+
+<p>Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus
+und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und
+erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.</p>
+
+<p>Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten
+wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können,
+— Wellenkreise auszusenden, — Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer
+neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt
+haben würde.</p>
+
+<p>Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von
+Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und
+erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall,
+zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch
+Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen
+gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir
+wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.</p>
+
+<p>Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich
+durchstreifte.</p>
+
+<p>Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die
+Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen
+Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen
+den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die
+Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.</p>
+
+<p>Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers
+stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die
+sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe
+zieht in mich ein.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Sieh, ich ziehe meine Kreise,</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich leb' in meiner Weise,</div>
+ <div class="verse indent2">Ruf' und banne meine Geister,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.</div><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Schicke sie in ferne Lande,</div>
+ <div class="verse indent2">Laß sie knüpfen neue Bande,</div>
+ <div class="verse indent2">Laß sie alte fester binden,</div>
+ <div class="verse indent2">Laß sie neue Pfade finden!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Und so leb' ich, wirkend, strebend,</div>
+ <div class="verse indent2">Mich an's End' der Dinge hebend,</div>
+ <div class="verse indent2">Bis der Weltenherr der Geister</div>
+ <div class="verse indent2">Mich auch ruft, mein Obermeister.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo
+ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich
+wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.</p>
+
+<p>Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn
+es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er
+von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und
+drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht
+wissend wohin, erzitternd stand.</p>
+
+<p>Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in
+den Masten und brüllte um den Schornstein.</p>
+
+<p>Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch
+rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff!
+Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, — wie Kinder,
+die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend
+einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den
+Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken.
+Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya
+verschollen.</p>
+
+<p>Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und
+spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm
+hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von
+ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim
+denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und
+bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm
+pfeift.</p>
+
+<p>Betrunken war keiner. Im Gegenteil, — sie spielten sehr emsig.<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ich
+wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, — es
+wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben —: »Majestät wirklich
+famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach
+dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte
+und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ — wirklich famoser Mensch, ganz
+genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden
+Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.</p>
+
+<p>Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein
+Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie
+aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht
+standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will,
+noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich
+konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat
+spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht.
+Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen
+Posten.</p>
+
+<p>Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen
+auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte
+ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an
+die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.</p>
+
+<p>Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte,
+schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, — ich verstand ihn,
+— er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst
+vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. — Durch Sturm und Gischt
+arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in
+der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das
+Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt
+zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde
+Ozean, da, — oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, — was
+nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was
+unser gut versorgtes Rettungsboot, — wenn der eine nicht wollte! Und
+dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, — gerade
+so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen,
+meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte,
+wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, — groß,
+unfaßbar, wie er mir in der Schule<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> in der Religionsstunde erschienen
+war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften
+redete, — als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas
+wissen könne, — aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen,
+da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, — und der Knabe,
+der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes,
+seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung
+dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem
+Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand
+erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen
+konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten
+Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien
+gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten
+auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich
+fühlte Gott, — das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm
+wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine
+Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts
+Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen
+Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor
+ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie
+du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das
+macht unser Leben aus!« — —</p>
+
+<p>Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des
+Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese
+himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer
+dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne
+sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer
+großen Stille. Und dann war er da, — ich wußte es, fühlte es, ich
+hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, — in diesem Gefühl, ein
+Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, —
+darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen
+gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große
+Harmonie sich ständig wiederholen, — alles, was an uns und in uns
+lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, —
+Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, — wie jede
+Blume, jeder Kristall, jedes Tier<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> die höchste Vollendung erstrebt, die
+ihm möglich ist, — das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du
+Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die
+Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.</p>
+
+<p>Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen
+hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte
+ich ihn wieder ganz deutlich, — befreiend, stärkend, wunderbar
+stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, — nun laß das Schiff
+bersten und das Meer sich auftun, — daß ich dich gefühlt habe,
+Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. —</p>
+
+<p>Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner
+Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte
+es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag
+der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt
+annehmen, — das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig
+vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach
+Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst,
+noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und
+ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen
+Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche
+Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung
+unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen
+können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, —
+es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. —</p>
+
+<p>Ja, ja, so ist's, — in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere
+Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große
+Wellenringe zieht, gute oder schlechte. — Oh, Gott im Himmel, gib, daß
+nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! — —</p>
+
+<p>Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich
+hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken,
+wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen
+noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines
+anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von
+Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen
+ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Stille ausbauen
+wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja,
+wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht
+habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!</p>
+
+<p>Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.</p>
+
+<p>Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was
+hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir
+Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt
+gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und
+wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter
+wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen
+kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich
+nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben
+wollen in Werken der Liebe, — und wie oft hatte ich ihn vergessen!
+Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des
+Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten,
+— was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? —
+Doch still, was war das, — heute war ja daheim Gustavs erstes großes
+Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der
+herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft
+zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu
+neuem Leben. Und nun? —</p>
+
+<p>Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? — Deutlich hörte ich
+weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner
+geliebten Orgel, — und deutlich vernahm ich von einer weichen,
+seelenvollen Altstimme das Lied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Herr, du kennest meine Sünden,</div>
+ <div class="verse indent2">All mein Leben ist dir Licht,</div>
+ <div class="verse indent2">Woll'st dich doch nicht von mir wenden,</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, verlaß mich Sünder nicht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wohl, ich kannte die Gebote,</div>
+ <div class="verse indent2">Die du uns gegeben hast.</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, ich hab' sie übertreten,</div>
+ <div class="verse indent2">Hätte sie vergessen fast.</div><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Doch nun kam ich zur Besinnung,</div>
+ <div class="verse indent2">Sehne mich nach deiner Ruh.</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, nun hilf mir wieder werden,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie dein Ebenbild, wie du!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Reich mir deine starken Hände,</div>
+ <div class="verse indent2">Ziehe mich zu dir empor!</div>
+ <div class="verse indent2">Laß mich ruhn in deinem Geiste,</div>
+ <div class="verse indent2">Leihe gnädig mir dein Ohr!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Klar liegt vor mir meine Sünde,</div>
+ <div class="verse indent2">Und mir ist so sterbensbang,</div>
+ <div class="verse indent2">Vater unser, laß mich hören</div>
+ <div class="verse indent2">Deiner sanften Stimme Klang.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen,</div>
+ <div class="verse indent2">Jede Strafe ist mir recht,</div>
+ <div class="verse indent2">Will gern büßen meine Sünden,</div>
+ <div class="verse indent2">Nur erhöre deinen Knecht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nimm von mir die Last der Sünden,</div>
+ <div class="verse indent2">Hebe mich in deine Ruh'!</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, nun hilf mir wieder werden</div>
+ <div class="verse indent2">Wie dein Ebenbild, wie du!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein
+Herz. Es hilft nichts, — wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein
+und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte
+und Liebe.</p>
+
+<p>Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt:
+ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber
+die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und
+bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und
+Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr
+gegeben, als ich durfte. — Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns
+gezeigt, Maß zu halten, harmonisch<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> zu bleiben, — ich hatte nicht von
+ihm gelernt, — so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen
+und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine
+Strafe.</p>
+
+<p>Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim
+Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte,
+drang es wie Trost in meine Seele:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen,</div>
+ <div class="verse indent2">Erst im Dulden erweist sich der Mann!</div>
+ <div class="verse indent2">Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen:</div>
+ <div class="verse indent2">Gott ist allmächtig! Denke daran!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen!</div>
+ <div class="verse indent2">Niemand trägt schwerer als er nur kann.</div>
+ <div class="verse indent2">Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, —</div>
+ <div class="verse indent2">Gott ist Alliebe! Denke daran!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen,</div>
+ <div class="verse indent2">Sieh nicht dein Leid als das schwerste an!</div>
+ <div class="verse indent2">Sieh als Prüfung an deine Plagen, —</div>
+ <div class="verse indent2">Gott ist allweise! Denke daran!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div>
+ <div class="verse indent2">Sollt ihr nicht trauern!</div>
+ <div class="verse indent2">Frei aus den Mauern</div>
+ <div class="verse indent2">Schwingt sich mein Geist</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div>
+ <div class="verse indent2">Sollt ihr euch freuen:</div>
+ <div class="verse indent2">Mögt ihr euch scheuen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div>
+ <div class="verse indent2">Fort mit den Tränen!</div>
+ <div class="verse indent2">Schwächliches Sehnen, —</div>
+ <div class="verse indent2">Bin ja bei euch!</div><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div>
+ <div class="verse indent2">Führt mich der Meister</div>
+ <div class="verse indent2">Schaffender Geister</div>
+ <div class="verse indent2">In sein großes, himmlisches Reich!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe
+erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie
+ein Abschiedsgruß an die Menschen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Aus der Fülle meines Seins</div>
+ <div class="verse indent2">Wollt' ich euch beschenken,</div>
+ <div class="verse indent2">Drückt' den einen dies und eins,</div>
+ <div class="verse indent2">Wollte keinen kränken.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Habe Sonnenschein gesät,</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht um selbst zu ernten, —</div>
+ <div class="verse indent2">Samen, den kein Wind verweht,</div>
+ <div class="verse indent2">Zeiten, den entfernten!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Vom Unendlichen geborgt,</div>
+ <div class="verse indent2">Mögen sie's erwerben:</div>
+ <div class="verse indent2">Hab' für Enkel treu gesorgt,</div>
+ <div class="verse indent2">Will nun ruhig sterben!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein
+wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.</p>
+
+<p>Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir,
+ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug
+die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich
+sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen,
+triumphierend und singend:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Den Starken und Klugen gehört das Recht,</div>
+ <div class="verse indent2">Den Feigen und Schwachen die Nacht;</div>
+ <div class="verse indent2">Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,</div>
+ <div class="verse indent2">Sich selbst erhalten, die Macht.</div><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt,</div>
+ <div class="verse indent2">Und der Sturm seine Schwingen bricht,</div>
+ <div class="verse indent2">Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich fürchte die Brandung nicht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt</div>
+ <div class="verse indent2">Manch fruchtbaren Acker Land;</div>
+ <div class="verse indent2">Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt</div>
+ <div class="verse indent2">Mit unermüdlicher Hand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">So entstand einst der Deich!</div>
+ <div class="verse indent2">Und bezwungen das Meer!</div>
+ <div class="verse indent2">Und gebrochen der Wogen Schlacht!</div>
+ <div class="verse indent2">Doch heute noch gilt, ist's lange auch her:</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Starken gehöret die Macht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, — was war das? Ich rieb mir
+die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, — ich war wach,
+wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das
+alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die
+Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören,
+wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der
+Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich
+aus dem Bette, die Tür aufgerissen, — wahrhaftig, lachend und singend
+wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der
+furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber
+alle Not und Gefahr! — — —</p>
+
+<p>Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie
+von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der
+Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von
+uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige
+leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, — war es
+Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es
+schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde,
+laue Lüfte umwehten uns, — den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen
+die Heizung abgestellt, — wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf
+kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn.<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Mir war's, als ob
+auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm
+dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und
+Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter
+Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich
+der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab
+und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr
+Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben,
+wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre
+Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre
+Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden,
+— haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu
+stellen, wie es ihnen paßt?</p>
+
+<p>Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft.
+Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu
+regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer
+Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und
+Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; — kam dann die
+Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere
+jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere.
+Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur
+Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte,
+und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn
+sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück
+zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was
+verbrochen hätten; — du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch
+nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, — ich stelle die
+Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen
+sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die
+ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und
+Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie
+ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt
+auch nicht frieren!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! — Fast hätte ich
+die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> die alte Seele
+wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den
+Röhren, — aber was war das? Die Seele war nicht tot, — strahlende,
+wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender
+Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die
+Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend!
+Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne,
+keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte
+sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und
+wärme und helle, da tut es not!</p>
+
+<p>Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid,
+verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so
+selbstsüchtig, — strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr
+Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!</p>
+
+<p>Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein
+Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte
+Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der
+erste Offizier kam und reichte mir die Hand —: »Nun sehen wir unsere
+Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts
+Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest
+zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie
+und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann
+tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch
+gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist
+das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«</p>
+
+<p>Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in
+Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am
+Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei
+Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die
+Locken streichend:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Enfant de mon amour,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Bienfait par Dieu,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es ma vie,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La fleur de mes yeux!</span></div><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Enfant de mon amour,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Fille de mon coeur,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es mon âme,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es mon bonheur!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr
+Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt
+französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich
+wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich
+betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist
+vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben
+gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun
+will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen.
+Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle
+kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle.
+Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns
+und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte
+ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle
+ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder
+so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen
+Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude
+und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als
+ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen
+Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf,
+das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst
+die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen
+mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr
+Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als
+ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin
+zurechtzufinden.</p>
+
+<p>Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein,
+keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei?
+Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath
+in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95
+Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank
+durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> es nur
+bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen
+kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann
+das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen,
+wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein
+Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau
+als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und
+Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die
+Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und
+unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu
+gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,«
+eiferte die junge Mutter, — »ich bin ja freilich katholisch, aber das
+ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor
+Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der
+Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten
+zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die
+Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von
+Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn
+diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen
+das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?«
+— —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die
+Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt
+deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den
+Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was
+für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?«
+»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine
+Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann
+bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf.
+Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel
+denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz
+Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften
+wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien
+ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil
+ihr deutsch seid. Bekommt<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin
+Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen
+Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.«
+»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum
+Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein
+Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst
+der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem
+Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber
+schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die
+Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen
+Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt
+hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der
+Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des
+Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.</p>
+
+<p>Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war
+bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert.
+Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der
+Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife,
+augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand
+darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem
+langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung
+dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den
+die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während
+des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das
+Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine
+Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten
+hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in
+seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er
+ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und
+was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften
+könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm
+hinüber, daß ihm ganz warm werde.</p>
+
+<p>Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was
+wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes,
+spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an
+dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue
+der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen,
+sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige
+Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen
+ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir
+sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft
+und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser
+zarten, geistigen Dinge, — eben durch unser vieles Genießen. Und hier
+ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht
+kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt,
+allen Tand des Lebens von sich getan hat, — er genießt mit stiller
+Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten
+ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues
+Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, — ich wollte, ich könnte
+unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind
+diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die,
+ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht
+nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille
+Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch,
+wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich
+euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme,
+eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser
+Zeit verdrängen helft.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr
+erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland,
+die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit
+dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den
+überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die
+Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer
+werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines,
+leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am
+Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Seele einzuwirken,
+allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch
+ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen
+wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht
+und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?</p>
+
+<p>Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein
+blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen
+sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya
+angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den
+Schicksalsstürmen des Lebens.</p>
+
+<p>Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir
+erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner
+Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen.
+Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr
+Lieblingslied sang.</p>
+
+<p>Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden
+freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien
+ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.</p>
+
+<p>Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom
+internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden
+Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas
+Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu
+wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen
+einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem
+Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns
+zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit,
+von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen.
+Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten,
+der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage.
+Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in
+seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. — Wissen Sie, was
+der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir
+Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für
+die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten?
+— Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks
+größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> gegen den Willen der
+Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten
+geantwortet hätte? — Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck
+vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War
+entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, — sehr
+guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen
+Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, — meinetwegen
+könnte es zehn Bismärcke geben; — äh, muß selbst über meinen Schnack
+lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der
+Seeluft, macht so witzig, — haben aber vollständig recht. Großartig,
+was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die
+Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die
+Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis
+in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben.
+Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche
+patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen,
+— genialer Streich, — wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe
+Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete
+Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun.
+Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr.
+Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe
+von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt.
+Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der
+Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit
+den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen,
+Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen,
+Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. — alles bringt Geld in unsere
+Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht
+im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen
+Festen, — wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf
+dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen
+Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines
+Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.</p>
+
+<p>Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der
+Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie
+sank.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten
+von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die
+den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den
+schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.</p>
+
+<p>Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das
+Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.</p>
+
+<p>Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige
+Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.</p>
+
+<p>Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen
+Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die
+Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken
+sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend
+bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben.
+Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer
+von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln
+schnell und sicher die Wogen durchschneiden.</p>
+
+<p>Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser
+Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land
+her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant
+auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden
+Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem
+Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er
+nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk
+und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur
+Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar,
+saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das
+gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem
+Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend,
+jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah,
+jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder
+reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser
+Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih
+und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die
+Namen auf. Dann zählt er noch<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> einmal nach, geht zum Zollsoldaten und
+meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere
+beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen
+die Leute. Es stimmt. — Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll
+Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die
+braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn — in
+die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.</p>
+
+<p>Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um
+diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem
+Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern
+angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden
+sich die Paare jubelnd zusammen.</p>
+
+<p>Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch
+unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste
+fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und
+meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe,
+tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie
+wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten
+lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich
+verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land
+gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für
+die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker
+wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber
+was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das
+wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.</p>
+
+<p>War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so
+groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt
+werden, selbst und die Seinen, — nicht mehr. Aber was darauf wuchs,
+ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte
+Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur
+nicht die ewige, entsetzliche Angst, — um Gotteswillen, wovon soll
+es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend
+ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde
+der Menschheit verloren gegangen, — als ob kein Platz mehr für die
+Menschen auf der Erde sei! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des
+Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama,
+— die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da,
+leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder
+sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder
+scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen
+hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen
+Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut
+zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt
+neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst
+hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl
+das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte
+reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!</p>
+
+<p>Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein,</div>
+ <div class="verse indent2">Die alle Seelen auf Erden wärmt,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, —</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein. —</div>
+ <div class="verse indent2">Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond!</div>
+ <div class="verse indent2">Doch, die Wärme spendend am Himmel thront,</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein,</div>
+ <div class="verse indent2">Die die Welt erfüllet mit Liebesglut,</div>
+ <div class="verse indent2">Zum Leben erweckend, was licht und gut, —</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den
+Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die
+dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des
+Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben,
+von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten?<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Hatte hier
+die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß
+setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die
+Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter
+Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum
+Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist
+nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei
+verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor
+Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land
+der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge
+dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier
+fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte
+frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks
+treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis
+den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter
+liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so
+daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber
+hier? — Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser
+auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien
+als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher
+Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend,
+sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.</p>
+
+<p>Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in
+Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich
+nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese
+aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie
+haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande,
+das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten,
+herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden
+hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter
+führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß
+der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich
+befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer
+reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein
+Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden.
+Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> in anderer
+Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft
+neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen,
+Schulen, — aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden
+sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle
+diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre
+Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund.
+So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese
+Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos
+erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, — und die Masse muß ihnen
+fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder
+und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu
+Fürsten des Geldes, — und die Menge darbt.</p>
+
+<p>Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft
+anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen
+Luxus fördern.</p>
+
+<p>Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker,
+die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige
+Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.</p>
+
+<p>Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß
+hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort
+unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.</p>
+
+<p>Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben
+entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich
+tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den
+Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt
+haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist
+erloschen. Die Liebe ist tot.« —</p>
+
+<p>Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der
+Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor,
+unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele.
+Und doch, — war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere
+einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt
+hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?</p>
+
+<p>Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein
+Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche,
+Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und
+Feind.</p>
+
+<p>Nein, und tausendmal nein, — die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den
+Leuchtturm hier gesetzt, — Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und
+Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.</p>
+
+<p>Schweigend reichte er mir die Hand. — Nach einer Weile sagte er kurz:
+»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus,
+diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den
+Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« — —</p>
+
+<p>Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten
+eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel,
+deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen
+erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit
+kleinen Städten. — Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das
+Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.</p>
+
+<p>»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das
+Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein
+französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt
+fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle
+möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.«
+— »Und was ist das Wichtigste?« — »Das Beste und Köstlichste! Sein
+Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und
+der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche
+Gebrauch des Besitzes.« — »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?«
+— »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere
+auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das
+ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte
+Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte
+Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und
+Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit
+wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu
+brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor
+dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des
+Nebenmenschen<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir
+unser Ziel erreicht haben!«</p>
+
+<p>Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen
+geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten,
+mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen
+Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der
+Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und
+wird dabei immer reicher, — und wie wenig Liebe verschenken die
+Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie
+herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde
+wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu
+schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen!
+—</p>
+
+<p>Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick.
+Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete
+Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und
+oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer
+Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit
+hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles
+überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender,
+goldener Kuppel.</p>
+
+<p>So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal
+seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend
+und doch fast unerreichbar.</p>
+
+<p>Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor
+das liebliche Bild — wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor
+das Ideal drängen —; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie
+Märchenzauber. Doch nun, was ist das, — von neuem taucht es empor,
+näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen
+Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster.
+Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen
+sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau,
+wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge,
+das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige
+Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis
+zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen,
+machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte
+es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns
+gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner
+gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.</p>
+
+<p>Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren
+Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.</p>
+
+<p>Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig
+beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler
+Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen
+melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.</p>
+
+<p>Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des
+Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die
+Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama
+seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu
+erschließen. — —</p>
+
+<p>Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht
+von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.</p>
+
+<p>»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? — »Der
+König muß abdanken.« — »Warum?« — »Weil er sein Land ruiniert, wie
+seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch
+seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe
+zu seinem Volke und seinem Lande.« — »Und wenn er nicht abdankt?« —
+»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger,
+daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst,
+der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«</p>
+
+<p>»Das sind ja nette Grundsätze, — Sie sind ja der reine Anarchist,«
+ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter
+uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen
+Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um
+Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch,
+die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen.
+Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn
+ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<p>Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen
+Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser
+französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines
+beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose,
+ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen
+Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn
+sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren
+seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile
+langsam wieder hochzugehen.</p>
+
+<p>Vor uns lag die Stadt.</p>
+
+<p>Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog
+sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von
+denen die Königspaläste herabschauten.</p>
+
+<p>Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu
+Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen.
+Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr
+von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer
+aufs neue fesselndes Bild.</p>
+
+<p>Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte
+an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns
+und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat,
+in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte
+mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit.
+Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe
+hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten
+Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen
+Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht.
+Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie
+Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf
+der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem
+Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an
+der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell
+als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot,
+das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen
+hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf
+Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand
+verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer
+aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und
+abführten.</p>
+
+<p>Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die
+Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in
+Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen
+Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war
+inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.</p>
+
+<p>Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger
+Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der
+erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei
+Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und
+die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in
+unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit
+Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank
+machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir
+selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg
+mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne,
+wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen
+Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert
+Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da
+schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase,
+loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«,
+»feiner alter Portwein«. — Feiner alter Esel, — Hamburger Sprit
+trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, — wir selbst haben ihn
+mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du,
+der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine
+Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!</p>
+
+<p>Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit
+bedarf! —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>Vor uns lag die Stadt, — darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen
+des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte
+maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite
+Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte
+sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem
+Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt
+in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen!
+Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser
+des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre
+Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.</p>
+
+<p>Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben
+Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was
+so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern
+oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten
+Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen
+mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und
+wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten
+und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher
+schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der
+Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der
+Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der
+Straßen vornehm, behaglich.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß
+wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie
+wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.</p>
+
+<p>Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit;
+Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und
+droben, — Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen
+emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte,
+lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und
+eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde
+wiederfindet.</p>
+
+<p>Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> dem
+Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu
+sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen
+Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt,
+um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem
+Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken,
+Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler
+Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser
+verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen
+plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu
+mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten
+sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen
+Willens.</p>
+
+<p>Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller
+Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; — die Liebe fehlt
+doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde
+Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im
+Viergespann durchs Land kutschiert.</p>
+
+<p>Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der
+Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt,
+Handel und Ansehen gesunken.</p>
+
+<p>Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal
+dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum
+Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde
+hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!</p>
+
+<p>Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche
+Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht
+sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die
+Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und
+der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt,
+es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß,
+dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel
+die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde
+die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses
+Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht
+der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von
+Wellenberg und Wellental, so anziehend macht?<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Der gleiche Reiz des
+Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und
+Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun
+im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, — ist's nicht dieser
+ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?</p>
+
+<p>Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der
+hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum,
+mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so
+machtvoll und eindringlich wirken.</p>
+
+<p>Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu
+einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir
+müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer
+Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie,
+wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst
+zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit
+so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie
+unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht,
+immer höher und höher hinauf zur Vollendung.</p>
+
+<p>Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das
+Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens
+verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst
+Liebe sein, — denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.</p>
+
+<p>Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie
+geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder
+mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die
+Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr
+vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte
+der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die
+Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem
+Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, —
+hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! — Das sagte der Stein in
+tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns
+als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. —</p>
+
+<p>Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um
+leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Seltsam, — wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt
+ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe
+ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und
+seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts,
+himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten
+zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre
+Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich
+zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie
+in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden
+auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die
+Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft
+in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele
+plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch
+im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den
+herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in
+Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die
+stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen
+Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu
+Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben
+bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.</p>
+
+<p>Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. — Ich sitze am
+Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die
+der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach
+oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling
+sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung
+bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen
+aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal
+gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit
+noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine
+der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie
+soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber
+immer wieder aufwärts führt zur Höhe.</p>
+
+<p>Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die
+Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so
+klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen,
+sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer
+nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in
+seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des
+Kreises und des Dreiecks.</p>
+
+<p>Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen:
+werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von
+Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das
+du dir gesetzt, — du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht,
+groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr
+erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die
+ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben!
+Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie
+einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast
+keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es
+noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein
+schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, —
+nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt!
+Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!</p>
+
+<p>Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, — wollen
+Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen
+verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein
+in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal
+wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden
+Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, — und
+kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das
+ist's, — der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem
+Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses
+stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre
+stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.</p>
+
+<p>Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, — fort
+mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung,
+— baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Liebe in eure
+Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum,
+Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre
+Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! —</p>
+
+<p>»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich
+die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.</p>
+
+<p>Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und
+die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren,
+wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf
+der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er
+aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche
+Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner
+Mitreisenden für sich nutzbar machen.</p>
+
+<p>Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische
+Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte
+er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem
+Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele
+mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in
+ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des
+Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt,
+— bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und
+dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster
+so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben
+verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.</p>
+
+<p>Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und
+wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das
+sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen
+Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich
+durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind
+die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese
+gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler
+die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der
+Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem
+Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber
+sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die
+dem Ganzen ein heiter leuchtendes<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Aussehen geben; das sind die Freuden
+des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten,
+die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir
+anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen,
+der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt,
+das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal
+doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien,
+wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der
+Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um
+schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« —</p>
+
+<p>Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte
+keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines
+Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte
+keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er
+hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.</p>
+
+<p>Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den
+sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es,
+das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen
+Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte.
+—</p>
+
+<p>Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen,
+bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel
+an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land
+hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und
+Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende
+Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.</p>
+
+<p>»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln
+eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer
+bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus,
+offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich
+amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich
+zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten
+der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer
+Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen
+Ritterdienst.</p>
+
+<p>Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> wurde
+von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich
+entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien
+einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm
+empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller
+Hoffnung schied sie von den Ihren!</p>
+
+<p>Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um
+dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers
+zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und
+starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie
+er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen
+Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.</p>
+
+<p>Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und
+teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre
+Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den
+Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder
+schliefen auf Deck in der lauen Luft.</p>
+
+<p>Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir
+hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von
+Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in
+warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der
+Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen
+Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da
+ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm
+ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in
+unsere Stimmung.«</p>
+
+<p>Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender
+Stimme im Volksliedton ihr Lied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Auf hohem Berge ein König thront</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Des Königs Volk im Tale wohnt</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Viel Krankheit gab's und Elend und Tod</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Der König täglich zu Tale schritt</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Er sorgte sich um des Volkes Troß</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Und linderte Elend und Krankheit und Not</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Da saß am Wege ein Bettelkind</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Laß mich deine Magd im Walde sein,</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die Welt ist gar so laut und hart</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie versteht nicht meines Herzens Art</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich will dir dichten manch Märlein fein</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.«</div>
+ <div class="verse indent2">Da nahm der König sie bei der Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und wiederum schritt der König zu Tal</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Da trat zu ihm eine schlanke Maid</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Die Welt verstehet nicht mein Lied</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie ist so elend, krank und laut</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.«</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ihr Leid des Königs Herz umzieht</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß er auch ihr ein Hüttchen baut</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und wiederum ein drittes Mal</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Der König ging zum Volk im Tal</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein Weib im weichen Moose saß</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Mit Tränen in einem Buche las</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Wer bist du,« fragt der König sie,</div>
+ <div class="verse indent2">»Mitten im grünen Wald?</div>
+ <div class="verse indent2">Was führt dich her vom grauen Tal</div>
+ <div class="verse indent2">Hinauf zum grünen Wald?«</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">»Die Welt, sie hat verstoßen mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die Weisheit bin ich, sie hassen mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir</div>
+ <div class="verse indent2">In deinen grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und schenkst du mir ein Plätzchen hier</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich helf dir, König, bei deinem Tun</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.«</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Da baute der König ein Hüttlein ihr</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Und Zauber schritt mit ihm fortan</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Der Weisheit Rat, des Liedes Klang</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Dichtung Zauber schritt mit ihm</div>
+ <div class="verse indent2">Zu Tal vom grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und war er müd' vom Werk im Tal</div>
+ <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl neue Kraft mit einemmal</div>
+ <div class="verse indent2">Spürt' er im grünen Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Das stolze Schloß verfiel zur Stund</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div>
+ <div class="verse indent2">Der König wirkte froh gesund</div>
+ <div class="verse indent2">Zu Tal vom grünen Wald. — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach,
+— ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede
+ausging, hatte mich ganz umsponnen.</p>
+
+<p>Da riefen die anderen laut durcheinander, — der Zauber verflog: ich
+war nicht mehr im grünen Wald — —</p>
+
+<p>Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.</p>
+
+<p>In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im
+Ozean, — fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?</p>
+
+<p>Noch eine Wendung nach Osten — und vor uns in blauem Zauberduft lag
+Madeira.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den
+Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich
+die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem
+Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.</p>
+
+<p>Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig
+aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün
+der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis
+bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt.
+Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem
+Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen.
+Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin:
+hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes
+Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, — dann beginnt die Region des
+Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende
+Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in
+zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich
+allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend
+die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu
+umfassen scheinen.</p>
+
+<p>So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis
+der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den
+Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische
+Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen
+lauter Lärm.</p>
+
+<p>Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser
+Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den
+Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel
+abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen
+vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen
+Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend
+in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu
+zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> kleinen
+Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser
+schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher
+Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig
+kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten,
+Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar
+glich.</p>
+
+<p>Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren,
+ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat.
+Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert
+von einem Zechgelage von gestern. —</p>
+
+<p>Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der
+vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art
+offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in
+einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue
+Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche,
+noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder
+streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins
+Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark?
+Sie mußten wirken, — nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der
+Kraft!</p>
+
+<p>Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch
+zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.</p>
+
+<p>Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten,
+zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau-
+und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern
+rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen
+Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen — ein Garten
+Eden.</p>
+
+<p>Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich
+mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle
+ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne
+gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der
+Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie
+wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen
+Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres
+Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren
+Körper.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr,
+— sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an,
+— ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, — da
+beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun
+raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt
+er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende
+Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein
+leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich
+ihre Augen in die des Gatten senken. —</p>
+
+<p>Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir
+so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr,
+die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit
+Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! — —</p>
+
+<p>Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein
+Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir
+meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen.
+Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen
+zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge
+zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich
+waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das
+Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht
+der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts,
+immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich
+ein neues, liebliches Tal, — auf der Insel des seligen Lebens das
+Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher
+gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten
+Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen
+aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem
+Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.</p>
+
+<p>Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein
+märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit,
+umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen
+den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei
+weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Gras. Ich sprang
+vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das
+Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan.
+Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den
+Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den
+Pfad. Steiler führt er bergan.</p>
+
+<p>Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können,
+eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.</p>
+
+<p>Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.</p>
+
+<p>Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen
+bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der
+Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei
+meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.</p>
+
+<p>Jetzt weiter dem Gipfel zu.</p>
+
+<p>Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort
+hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß;
+kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die
+Wolkenschichten, die Nebelschleier, — zu meinen Füßen der Wald, —
+noch eine Steigung, — endlich, endlich am Ziel.</p>
+
+<p>Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und
+Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit
+seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen
+das ewig blauende, reine Meer — da fällt mir ein, wie ich vor Jahren
+hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von
+Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt,
+und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und
+Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre
+Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite
+schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem
+Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, — hinüber in
+das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und
+Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich
+klein, — mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war:
+die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend
+zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen,
+Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel
+von Osten nach Westen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> reichten, — Schwingen und Hände, die vom Süden
+bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.</p>
+
+<p>Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer
+in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten
+und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und
+da ein Größerer, — und dort, alle überragend und beherrschend, wie
+der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen,
+stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich.
+Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der
+Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.</p>
+
+<p>Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich
+war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus
+ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier
+heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele
+gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt —
+was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst
+von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur
+Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster
+Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch
+menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen
+schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in
+Elend und Tränen und Gram.</p>
+
+<p>Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der
+Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im
+Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, — ich mußte es
+ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was
+mich schier erdrückte, — und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier,
+von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als
+ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, — mir war's, als ob der
+Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so
+daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See
+der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land.
+Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:</p>
+
+<p class="center">
+»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!<br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther
+und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
+Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um
+dein Volk, um die Menschheit!</p>
+
+<p>Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an
+Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, — dir ebenbürtig
+als Freier, Starker! So mußt du mich hören!</p>
+
+<p>Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen
+und Millionen kennen dich nicht, — wie du sie nicht kennst! Wen
+kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar
+Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich
+nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen
+kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst
+du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich
+freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?</p>
+
+<p>Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du
+sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos!
+Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit
+ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen?
+Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und
+schaust selbst nach?</p>
+
+<p>Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder
+im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein
+Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es
+ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.</p>
+
+<p>Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen
+Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine
+Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze
+bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!</p>
+
+<p>Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt!
+Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und
+schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich
+zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du
+ihnen befohlen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden,
+die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? — Nein?
+— Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von
+Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst,
+und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in
+den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. — —</p>
+
+<p>Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der
+Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du
+wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir
+alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach
+verkommt! — —</p>
+
+<p>Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in
+der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren,
+die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die
+Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, — sie stinken, wie Kloaken!
+— —</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung!
+Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber
+deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus
+war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein
+Volk nicht.</p>
+
+<p>Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur
+Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.</p>
+
+<p>Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie
+haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber
+hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie
+über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen,
+die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt
+es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und
+du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst,
+so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei
+Purpurmäntel übereinander anziehst!</p>
+
+<p>Lern dein Volk kennen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine
+Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!</p>
+
+<p>Deine Demut sei deine Größe!</p>
+
+<p>Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt
+in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!</p>
+
+<p>Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das
+Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht
+unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus!
+Härte und Hochmut erzeugen Haß!</p>
+
+<p>Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen
+Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen,
+wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine
+Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich
+zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem
+Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens!
+Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« — —</p>
+
+<p>War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen,
+der rauschte? — Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen?
+War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der
+Heimat brach? — Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die
+Luft. — Er mußte mich gehört haben, — tausendfach rollte das Echo
+durch die Luft dahin, — ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab
+sie weiter, millionenfach sie verstärkend. —</p>
+
+<p>»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und
+Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue
+um dich, die in Sorgen um dich sind. — Deine Schmeichler und Höflinge
+zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! — Ich aber stehe inmitten
+eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht
+lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! — Oh, lern es
+kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die
+Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch
+deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt!
+Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>Wunderlich, — noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als
+ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die
+leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern
+trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so
+voll von neuen Hoffnungen und Kraft, — ich fühlte es, ich war genesen!</p>
+
+<p>Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel
+zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun
+noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu
+meinem Volk zurückzukehren!</p>
+
+<p>Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!</p>
+
+<p>So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich
+wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel
+gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der
+Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich
+ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.</p>
+
+<p>Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor.
+Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, — der Deich mit
+seiner Jasminlaube, — die Heide mit ihren wilden Rosen, — in Träumen
+schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu
+einer Heiligen betete.</p>
+
+<p>Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen
+Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes
+Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd
+ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen
+uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum
+zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, — ich mußte
+sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da
+hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.</p>
+
+<p>Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!</p>
+
+<p>Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.</p>
+
+<p>Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel
+erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich
+nicht zu übermannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein
+blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim,
+— und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein
+Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich
+mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte
+sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.</p>
+
+<p>Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und
+war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme.
+Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und
+sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.</p>
+
+<p>Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm.
+Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das
+Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und
+vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme
+aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.</p>
+
+<p>Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den
+Menschen so ganz allein?</p>
+
+<p>Nein, und tausendmal nein, — ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch
+Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter
+und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und
+undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich,
+ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.</p>
+
+<p>Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang
+seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum
+letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse
+ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">O Urleid du, von Menschheit Anbeginn,</div>
+ <div class="verse indent2">Du Urquell aller Schmerzen!</div>
+ <div class="verse indent2">O Scheiden, bittres Meiden du,</div>
+ <div class="verse indent2">Du Tod für alle Herzen!</div><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Hätt' nimmer ich das Glück verspürt</div>
+ <div class="verse indent2">Vom glutenheißen Lieben, —</div>
+ <div class="verse indent2">Zwar wär ich tot, doch glücklich wär'</div>
+ <div class="verse indent2">Im Tode ich geblieben.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Doch da ich selig nun erkannt,</div>
+ <div class="verse indent2">Dieses heiße Lieben und Leben,</div>
+ <div class="verse indent2">So will ich getrost bis an mein End'</div>
+ <div class="verse indent2">In des Urleids Schmerzen erbeben!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ja, — ich fühlte es mit, — hier verarbeitete ein starker Mensch
+seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein
+Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes
+großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.</p>
+
+<p>Es ist schon so, — wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung
+mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue
+Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.</p>
+
+<p>Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde
+trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich
+nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen
+Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in
+eine Quelle neuen Glücks?</p>
+
+<p>Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah
+erschrocken blickte er auf.</p>
+
+<p>Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und
+muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge
+auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick
+sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen
+kein Fremder mehr sei.</p>
+
+<p>Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte
+ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem
+Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung
+seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.</p>
+
+<p>Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich
+aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz
+verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit
+ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den
+Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun?
+Hör zu!«</p>
+
+<p>Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als
+ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes
+Lied in den Abend hinaus:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du,</div>
+ <div class="verse indent2">Du grausames Schicksal, härter als Stahl:</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist mein Wille, vom Leben gestählt,</div>
+ <div class="verse indent2">Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt,</div>
+ <div class="verse indent2">Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber trug mein schweigendes Leid,</div>
+ <div class="verse indent2">Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie eisengepanzert ward mir die Brust!</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht einmal sahst du am Boden mich:</div>
+ <div class="verse indent2">Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Und bürdest du mir das Schwerste auf,</div>
+ <div class="verse indent2">Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab',</div>
+ <div class="verse indent2">Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein:</div>
+ <div class="verse indent2">Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein
+Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele
+entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!</p>
+
+<p>Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird
+uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie
+der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige
+Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> soll zu
+Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz
+besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die
+Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.</p>
+
+<p>Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.</p>
+
+<p>Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz
+hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen.
+Und nun? — In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles,
+was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.</p>
+
+<p>Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm
+von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne,
+in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan:
+neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.</p>
+
+<p>Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« — »Und das Häuschen?« — »Mag's
+ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«</p>
+
+<p>Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem
+Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über
+dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt
+zu.</p>
+
+<p>Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für
+eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein
+Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier
+berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite
+rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten
+wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser
+zauberhaften Natur.</p>
+
+<p>Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das
+Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der
+sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen,
+als ich mit dem neuen Passagier ankam.</p>
+
+<p>Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder
+mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich
+ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde,
+zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf
+von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> ergriff er ihre Hand,
+drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie
+er murmelte: »Verzeihung, — eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt,
+— Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah,
+wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.</p>
+
+<p>Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich
+aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing,
+wo sie auch ging und stand.</p>
+
+<p>Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir
+dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit
+seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue
+Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, —
+die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel
+des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten,
+— sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie
+nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben
+das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch
+durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem
+Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen
+Ozeans.</p>
+
+<p>Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer
+deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen
+der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine
+Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der
+hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.</p>
+
+<p>Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres.
+Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die
+Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf
+dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten,
+machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der
+Hoffnung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p>Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch
+blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf
+Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen
+unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es
+ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu
+können.</p>
+
+<p>Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit
+verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine
+heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem
+Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld
+mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.</p>
+
+<p>In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen
+prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem
+Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.</p>
+
+<p>In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein
+wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, — ein Ruck,
+und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend
+verduftete der Held aus Ofen-Pest.</p>
+
+<p>Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und
+wie es im Leben geht — ein an sich keineswegs welterschütterndes
+Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler
+sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise
+zusammenzuschließen.</p>
+
+<p>Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere
+auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns
+mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll
+empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.</p>
+
+<p>So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen
+sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und
+sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide,
+ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder
+nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> haben, was sie
+immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist
+der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie
+die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die
+sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.</p>
+
+<p>Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im
+steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich
+lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der
+großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.</p>
+
+<p>Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede
+Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend
+zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und
+Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!</p>
+
+<p>So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen
+anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen
+und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu
+erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische,
+nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene
+Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und
+mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam
+zugrunde gehen.</p>
+
+<p>Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis
+beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller
+Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir
+sämtlich die Frage bejahten.</p>
+
+<p>Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, — was ist die Seele? Ich
+sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.</p>
+
+<p>»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und
+nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu
+ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch
+während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen
+und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt,
+und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.</p>
+
+<p>Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> und
+etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und
+nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele
+des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.</p>
+
+<p>Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und
+Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges,
+Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was
+es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt
+ausmacht, und den wir nie ergründen können.</p>
+
+<p>Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner
+Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, — die sollten
+keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.</p>
+
+<p>›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört,
+nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das
+Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?</p>
+
+<p>Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt!
+Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um
+der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes
+Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit
+ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; — und all diese
+Geschöpfe sollen seelenlos sein?</p>
+
+<p>Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem
+wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen
+können.</p>
+
+<p>Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, — — wie das
+von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch
+so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend,
+zusammenfließen.</p>
+
+<p>Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie
+keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.</p>
+
+<p>Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl
+nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages,
+vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine
+Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit
+Liebe auf den Stein — mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie
+ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> noch zu
+sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht
+so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.</p>
+
+<p>Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt,
+erkennen!«</p>
+
+<p>Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.</p>
+
+<p>Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen,
+schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen
+fröhlich neben dem Schiffe hin.</p>
+
+<p>Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit
+angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand
+und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich
+bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen
+wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen
+Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft
+zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir
+uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag,
+sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf
+meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser
+erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf
+dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung
+aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte
+Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.</p>
+
+<p>Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer
+Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen,
+auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und
+Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß
+es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer
+bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen
+und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen
+Schiffskost.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere
+wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe
+wir nie ergründen können.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es,
+als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns
+alte Bekannte.</p>
+
+<p>»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte
+plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar
+weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh,
+— ich habe eine Idee: — wir setzen uns hier zusammen in die Sonne,
+und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von
+daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und
+da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt
+werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen,
+aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder
+auseinander, — nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber
+durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die
+Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden
+so reicher, weiser, klüger — und vielleicht,« fügte sie schelmisch
+lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die
+Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig,
+desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile.
+Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben
+einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns
+hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu
+mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in
+meinem Madeirastuhl.</p>
+
+<p>»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war
+immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.</p>
+
+<p>Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon
+von ihm wußte.</p>
+
+<p>»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der
+schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ich in
+ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken,
+jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele
+noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid.
+Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre
+Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine
+Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, — oh, mein Gott,
+wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht
+weich zu werden.</p>
+
+<p>»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin?
+»Doch,« — fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die
+frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und
+die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den
+letzten Jahren erreicht.«</p>
+
+<p>Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen,
+die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.</p>
+
+<p>»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine
+Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.</p>
+
+<p>Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll
+Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich
+ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte
+und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater
+war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun
+wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war
+in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky
+verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als
+Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.</p>
+
+<p>Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren
+anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein
+elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von
+Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der
+Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen
+liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die
+gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem
+Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> hatte er an sie gestellt:
+Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden
+Schenktischen.</p>
+
+<p>An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine
+Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen
+Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf
+mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.</p>
+
+<p>Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich
+habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das
+schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der
+Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr
+die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. —</p>
+
+<p>Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile
+Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das
+Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag
+in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer
+an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen
+Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als
+Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart
+verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie
+eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens
+sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um
+in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das
+ihrige zu vergessen.</p>
+
+<p>Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.</p>
+
+<p>Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht
+getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles
+Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen
+Leidenszeit waren.</p>
+
+<p>Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht
+kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf
+die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen
+mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die
+Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich
+ist Schwäche, — nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der
+Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod.<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Das ist eine
+billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder
+die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet
+haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden,
+sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun
+Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen
+mit Ihm, — das ist herrlich, — das ist die Lösung, auf deren Höhe wir
+es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel — Hölle, wo ist
+dein Sieg!</p>
+
+<p>Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst
+war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere
+Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam
+nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war
+es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und
+meiner Kranken wurde.</p>
+
+<p>Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira
+über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich
+auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die
+liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist.
+Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war
+zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod
+entrissen.« —</p>
+
+<p>»Und ich bin ihre Schwester!«</p>
+
+<p>Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend,
+abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe
+vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von
+Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er
+aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da
+habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr
+Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie
+mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in
+der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.</p>
+
+<p>Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: — »Hier, nimm
+diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit
+unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das
+Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort.
+Man sah, sie brauchte Einsamkeit.</p>
+
+<p>Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend,
+träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß,
+klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin.
+Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es
+bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.</p>
+
+<p>»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach
+sie —, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester
+gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit
+und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der
+Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«</p>
+
+<p>Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir
+den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich
+hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise
+offenbarte.</p>
+
+<p>Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.</p>
+
+<p>Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und
+durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.</p>
+
+<p>Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von
+dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an
+daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines
+Hauses war.</p>
+
+<p>Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der
+sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte,
+gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall
+durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken,
+daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und
+Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil
+hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die
+Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten
+drängen wollte?</p>
+
+<p>Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für
+den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Himmelsgabe
+nie gekannt, — und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und
+von sich gestoßen hat.</p>
+
+<p>Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des
+Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!</p>
+
+<p>Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den
+Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde,
+wenn die Sonne nur auf einen Augenblick — nicht die Sonne wäre! —</p>
+
+<p>Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre
+Aufgabe erfüllt. —</p>
+
+<p>Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man
+Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie
+dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir
+waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander
+sehnenden Menschenherzen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer
+unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten
+einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los
+an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist
+etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer
+machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder
+einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist
+ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar
+feiern müssen.</p>
+
+<p>»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser
+Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre
+noch Platz genug.«</p>
+
+<p>»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der
+Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer,
+die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter,
+die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl
+polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide
+das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat
+aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> wir
+hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien
+Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu
+begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen
+auch nicht wieder los.</p>
+
+<p>Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren
+Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, — nicht wahr, Schatz?«
+und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und
+zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, — »aber wenn
+sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts
+mehr in der Welt.</p>
+
+<p>Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung
+mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer
+nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische
+Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe
+zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie
+unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser
+gewesen.</p>
+
+<p>Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster
+Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade
+dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und
+bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine
+neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel
+aus unserem Menschenleben lernen. — Wie einst bei uns in Hannover,
+so geht's wohl überall in der Welt, — in Elsaß und Lothringen nicht
+anders als in unseren Kolonien, — schließlich ist die Liebe doch eine
+stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«</p>
+
+<p>»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker
+durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner
+hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen
+erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der
+eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll
+Liebe und Gerechtigkeit.« —</p>
+
+<p>Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in
+mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die
+Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> werden,
+— aber seltsam, — gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft,
+wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, —
+an denen wir merken, daß der Frühling kommt. — Ist es das, was den
+Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«</p>
+
+<p>Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des
+Geistes, der nach Liebe hungert.</p>
+
+<p>Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, — oh, er war
+gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der
+Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.</p>
+
+<p>Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener
+preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten,
+die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der
+Liebe! —</p>
+
+<p>Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es
+nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!</p>
+
+<p>Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht
+vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! — — —</p>
+
+<p>»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte
+sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft
+niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder
+gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen,
+das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe,
+und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch
+ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide
+ahnen läßt.«</p>
+
+<p>Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich
+verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer
+weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie
+seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.</p>
+
+<p>Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie
+starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im
+Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren
+Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen
+Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den
+feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen
+Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß
+den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom
+Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!</p>
+
+<p>Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend
+brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt
+und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das
+ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte,
+wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, — endlich
+erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte
+die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich
+erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim.
+Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir
+ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt
+sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große
+Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«</p>
+
+<p>Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin:
+ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick,
+das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf
+wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus
+der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen
+am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit
+ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines
+Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal
+sehen!« — Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der
+Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen
+Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion.
+Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der
+zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, — während
+ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt
+die Kirche nieder, die wir alle so liebten! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« — »In der Heimat,« erwiderte
+ich, — »das Heidemärchen hat's mir angetan.«</p>
+
+<p>Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem
+Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.</p>
+
+<p>Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das
+Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, — aber wie
+ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel
+hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah
+ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. — —</p>
+
+<p>Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu
+erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der
+Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.</p>
+
+<p>Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes
+Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um
+den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.</p>
+
+<p>Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner
+Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze
+künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser
+künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug
+die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen
+Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel
+empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns
+alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir
+eins sind mit dem All.</p>
+
+<p>Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in
+Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen,
+um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur
+einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren.
+Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den
+ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die
+Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre
+Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche
+geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit
+strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, du bist die Mutter der Kraft!</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, du bist die Mutter der Tat!</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, sei mit uns! — — —</span><br>
+</p>
+
+<p>Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer
+Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom
+Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der
+kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat
+hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein
+Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich
+denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über
+die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau,
+ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im
+Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. — —</p>
+
+<p>Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor
+mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten
+Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt
+und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört
+es auch mit in meinen Reisebericht, — als ein Bindeglied im Geiste
+zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein
+Sehnen trug.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den
+abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst
+hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe
+geführt. Ja — es war offenbar — sie gaben sich alle Mühe, die durch
+Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.</p>
+
+<p>Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.</p>
+
+<p>Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich
+flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die
+deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten
+sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte
+sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde
+wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der
+Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.</p>
+
+<p>Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah
+schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten
+Gesichtern, — und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die
+sich grämten und schämten über Grauen und Elend. — — — Der Geist der
+Tat war weggespült mit Bier. — —</p>
+
+<p>Es war eine schlimme Nacht. —</p>
+
+<p>Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich
+erwachte. — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und
+reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt.
+Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen
+und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die
+»<span class="antiqua">soupe de galienas</span>«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und
+die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren
+Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre
+Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen,
+rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz,
+und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls
+beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und
+die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im
+Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.</p>
+
+<p>Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte
+an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk
+wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand
+an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah
+das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten
+Wurzelgeflechte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern,
+— nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, — nein, fröhliche,
+frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese
+feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen
+Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch
+und freudig herausleuchten. — Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du,
+daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben
+im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit
+deiner Macht! — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er
+begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr
+wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das
+Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende
+Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum
+Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer
+Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie
+eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden
+stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den
+fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.</p>
+
+<p>Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten
+Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur
+auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das
+intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen.
+Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen,
+am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung
+hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem
+sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers
+Meer zu wandern.</p>
+
+<p>Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.</p>
+
+<p>Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner
+handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus
+eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen,
+energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Arbeiter.
+Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine,
+klug, kannte die halbe Welt, — aber sie war eine Kokette, kalt und
+sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens
+der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel
+vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und
+seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen
+Empfinden nicht genügend Rechnung trug.</p>
+
+<p>So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des
+Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre
+innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib
+hatte es auf mich abgesehen.</p>
+
+<p>Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen
+Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle
+an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich
+immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, —
+unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in
+dem zukünftigen Staate jener.</p>
+
+<p>Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.</p>
+
+<p>Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser
+schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38
+Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da
+habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen,
+wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst
+nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach
+Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen.
+Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können,
+wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des
+Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so
+erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser
+Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut
+durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen;
+das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland
+schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> entraffen, Werkzeuge,
+Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden
+wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll
+nach innen und außen.</p>
+
+<p>Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will
+ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe
+überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem
+Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die
+meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich
+fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und
+geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei,
+so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren
+konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich
+leben, ich solle nicht die weite Reise machen, — fast hätte sie Gluten
+in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich
+los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«</p>
+
+<p>Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick
+nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille
+Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten,
+der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.</p>
+
+<p>Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten,
+standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so
+hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde,
+fast jedes Wort.</p>
+
+<p>Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war
+eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine
+kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den
+Raum hinaussang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich kenn' dich nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich mag dich nicht mehr, —</div>
+ <div class="verse indent2">Wir haben die Rollen vertauscht!</div>
+ <div class="verse indent2">Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt,</div>
+ <div class="verse indent2">Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt,</div>
+ <div class="verse indent2">Ist meine Liebe verrauscht!</div><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Einst warst du mir meine Märchenblum',</div>
+ <div class="verse indent2">Die blaue, am Meeresstrand, —</div>
+ <div class="verse indent2">Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort</div>
+ <div class="verse indent2">Und weißen, toten Sand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Einst warst du mir meine Königin,</div>
+ <div class="verse indent2">Mein Lebenssonnenschein, —</div>
+ <div class="verse indent2">Jetzt höre ich nur in einemfort</div>
+ <div class="verse indent2">Das Sterbeglöckelein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Jetzt möchtest du wohl,</div>
+ <div class="verse indent2">Und jetzt kann ich nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Wir haben die Rollen vertauscht!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenn' dich nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich mag dich nicht mehr, —</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Liebe, die ist verrauscht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Armer Bursche, — welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? —
+Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles
+Bestehende.</p>
+
+<p>Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, — ich hörte, wie der, der sie
+handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog
+die Feuertür des Kessels ins Schloß.</p>
+
+<p>Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges
+Lied von der Arbeit.</p>
+
+<p>Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast
+beklemmend unserer bemächtigt hatte.</p>
+
+<p>»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem
+Freund Rheinländer gegangen, — und doch um vieles anders. Ich bin
+eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, —
+wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher
+Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen.
+Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst
+war kinderlos — eine Folge jener Liebschaft.</p>
+
+<p>Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie
+um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Mann
+zu hassen, — nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart
+hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut,
+nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen
+Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für
+beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.</p>
+
+<p>Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten
+nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von
+ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß
+wir uns voll und ganz verständen.</p>
+
+<p>Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert.
+Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und
+arbeitsfroh, — irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«</p>
+
+<p>Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung
+bei diesen Worten. —</p>
+
+<p>Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und
+Sichmitteilen. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise.
+Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am
+Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang
+es in meiner Seele.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von
+einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div>
+ <div class="verse indent2">So schwinden Raum und Zeiten,</div>
+ <div class="verse indent2">Und schreit' ich einsam durch den Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Du wandelst an meiner Seiten!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Und wenn du noch so fern mir bist,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenn' dein Denken und Fühlen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und dankbar spür' ich deine Hand,</div>
+ <div class="verse indent2">Die mir die Stirn' will kühlen.</div><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div>
+ <div class="verse indent2">Und das ist immer und immer,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ganze Welt mir wonnig ruht</div>
+ <div class="verse indent2">In rosigem Hoffnungsschimmer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div>
+ <div class="verse indent2">Dann schwinden Sorg' und Kummer,</div>
+ <div class="verse indent2">Du bist bei mir, und selig leg'</div>
+ <div class="verse indent2">Ich mich zum letzten Schlummer.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet.
+Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde
+Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen
+können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat!
+Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, — so
+konnte und durfte diese nie versiegen.</p>
+
+<p>Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den
+Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat,
+draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen
+der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war
+es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der
+Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von
+Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich
+über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke,
+saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux —
+und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen
+Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk.
+Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister.
+Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases,
+seines Portemonnaies, im<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was
+Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die
+sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den
+Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag,
+in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für
+unsere Kultur wird.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut
+werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen
+Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der
+zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten
+— Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt — und hatten
+sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke
+derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch
+als wundersame Lebensweckerin empfanden.</p>
+
+<p>So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich
+sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen
+sei.</p>
+
+<p>Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem
+Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der
+Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen
+mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der
+Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.</p>
+
+<p>Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar
+geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer
+liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch
+wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen
+Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den
+Erzählungen der Freunde.</p>
+
+<p>Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der
+Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden
+Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust
+zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und
+von allem und jedem erzählte ich, und wenn<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> ich's nicht tat, war des
+Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich
+nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte,
+wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte
+mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die
+offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das
+Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie
+komponiert hatte.</p>
+
+<p>Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied
+gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut,
+das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß,
+— viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit,
+— aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und
+mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung
+lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete
+Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das
+Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches,
+liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und
+meinem Weibe?</p>
+
+<p>Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit
+unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?</p>
+
+<p>Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen
+Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst,
+daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn
+sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht
+sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen
+vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der
+Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten?
+Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel
+Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten
+oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen
+Unfug verursachten!</p>
+
+<p>Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer
+Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte
+nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um
+gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in
+die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den
+Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und
+doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über
+Vorteil bringen würden?</p>
+
+<p>Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler
+unterstützt, wo und wie sie konnte?</p>
+
+<p>Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler,
+damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter
+dem Bierglas hockten, — die Schenkwirte und Brauer, die in den
+Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die
+Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch
+das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten?
+Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen
+Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen
+Ungerechtigkeit und Härte.</p>
+
+<p>Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und
+tausendmal nein, — hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue
+Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung
+einglutetest, — ich fühle es, — jetzt schon, — der Kampf muß zum
+Siege führen! — —</p>
+
+<p>Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper
+in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber,
+das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften,
+so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind,
+zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf
+schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten,
+aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.</p>
+
+<p>So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und
+Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher
+gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts
+ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses
+Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender
+als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die,
+auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend
+eine Kraftäußerung der Materie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p>
+
+<p>»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis
+zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die
+Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich
+geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die
+ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des
+Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit
+desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und
+Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser
+Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem
+er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die
+ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.</p>
+
+<p>In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht
+zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt
+werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück
+vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich
+sind.</p>
+
+<p>So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin,
+die in unserem neuen Freunde, — hier wandte er sich zu unserem
+Österreicher — wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der
+mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun
+verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das
+auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich
+auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«</p>
+
+<p>Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere
+junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
+drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.</p>
+
+<p>So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete,
+daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast
+sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und
+verschwand.</p>
+
+<p>Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter
+auf, als er bei Tische nicht erschien.</p>
+
+<p>Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«,
+bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil
+sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> vergolden, an:
+»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich
+vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt
+diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?</p>
+
+<p>Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer
+nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es,
+als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem
+aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die
+Regierung nicht.</p>
+
+<p>Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da
+ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk,
+meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird.
+Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich
+macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen
+werden, — gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich
+macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz
+und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine
+Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein
+Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft
+sieht.«</p>
+
+<p>Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder
+einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam
+mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er.
+»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache
+dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen
+Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist
+neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer
+Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland
+nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen
+Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung
+kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.</p>
+
+<p>So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht
+gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens — in der
+Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen —, während
+in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse
+hineingepaukt werden, von denen er nach<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Schulschluß neun Zehntel
+schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann
+und Weib genügend drangsalierte.</p>
+
+<p>Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder
+unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte
+und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und
+Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen
+gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn
+in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie
+viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen
+dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn
+je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid
+geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« —</p>
+
+<p>Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor
+kurzem selbst alles erlebt hatte. —</p>
+
+<p>»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das
+die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von
+der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge
+Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische
+Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal,
+ins eigene Haus, — das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!</p>
+
+<p>So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf
+der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes
+Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten
+kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr
+Mann und Weib, Volk und Regierung.</p>
+
+<p>Freilich, — so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das
+ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, — dazu ist durch
+unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes
+oben und unten proletarisiert.</p>
+
+<p>Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in
+den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen
+aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz
+bilden.</p>
+
+<p>Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und
+Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>
+ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die
+Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder
+jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten
+hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für
+andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb
+der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo
+sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der
+Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann,
+und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen
+breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark,
+gesund, glücklich, fröhlich, — unüberwindbar auf jedem Gebiete.</p>
+
+<p>Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder
+aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung
+und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene
+Ausbildung und Bildung verlangen.«</p>
+
+<p>»Bruder, Freund, — das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!«
+— »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken
+wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen
+System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier
+ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt
+und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort
+eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein
+hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem
+Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in
+die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.</p>
+
+<p>Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig,
+ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine
+Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall
+schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!</p>
+
+<p>Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen,
+durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz
+und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn
+sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in
+dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt
+uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> ein Reichswohnungsgesetz
+aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen
+im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut
+werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu
+Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so
+hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«</p>
+
+<p>Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst
+länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn
+der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, — hier galt eine
+Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles
+Land in eine Oase umwandeln könnte! —</p>
+
+<p>Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue
+Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige
+Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über
+die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner
+Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages
+entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer
+Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob
+er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht
+über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, — sieh nur, wie mir die
+Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« — Und ich konnte es nicht.
+Ich ließ ihn laufen — und seine Kameraden mit. —</p>
+
+<p>Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! —</p>
+
+<p>Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland
+in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große
+Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im
+Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen,
+dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. — Es muß so
+kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!</p>
+
+<p>Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute,
+Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren
+Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet,
+verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte
+bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> im Gefängnis
+gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden
+können, — und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes
+Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank
+sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich
+füllte, — die er alle gelesen — und wie gelesen hatte; hier die junge
+Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während
+sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh,
+es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu
+machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe.
+— —</p>
+
+<p>Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf
+meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war
+von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er
+schrieb:</p><br>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="center">
+»Lieber Doktor!<br>
+</p>
+
+<p>Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und
+vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.</p>
+
+<p>Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue
+es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem
+ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und
+so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich
+Ihnen. — —</p>
+
+<p>Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach
+Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut
+bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte
+angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.</p>
+
+<p>Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in
+Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde.
+Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie
+in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie
+sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. — Ich war der
+Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so
+grausam sie mich<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling
+dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. — Durch
+einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter
+meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.</p>
+
+<p>Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer
+Verbindung — alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel
+dafür, — und mein Weib — —</p>
+
+<p>Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht
+und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe
+bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf
+der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur
+darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt,
+an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn
+glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn
+zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher
+keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt
+der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein
+Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das
+Weib findet, das an ihn glaubt.</p>
+
+<p>Ich finde es nicht mehr.</p>
+
+<p>Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann
+und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk
+verglichen.</p>
+
+<p>Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie
+Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo
+die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich
+attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider
+Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen,
+und andere, die überhaupt nicht tönen, — die tot sind. Und wie es mit
+den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer
+Regierung und unserem Volke.</p>
+
+<p>Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann,
+schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> sie zum Weibe
+gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und
+die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe
+und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und
+verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.</p>
+
+<p>Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der
+schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit,
+das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher
+Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte
+schafft.</p>
+
+<p>Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so
+geht es dem ganzen schaffenden Volke.</p>
+
+<p>Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von
+früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei
+es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem
+göttlichen Prometheusfunken!</p>
+
+<p>Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende
+gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß
+Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser
+Tausende wächst furchtbare Saat.</p>
+
+<p>Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber
+es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß
+verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.</p>
+
+<p>Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur
+ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut
+sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in
+einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu
+errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten
+verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. — — —</p>
+
+<p>Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit
+einem Fürsten in der Großstadt.</p>
+
+<p>Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der
+Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die
+Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe.<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> Mein
+alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, — anders wie die Lehrer im
+russischen Reiche zu sein pflegen.</p>
+
+<p>Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte
+er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie
+die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen.
+Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem
+Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft
+dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.</p><br>
+</div>
+
+<p>— — Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit,
+als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde,
+ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände
+mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem
+Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu
+Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise
+dachte ich. — Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am
+eigenen Leibe verspürt. — Ich las weiter:</p><br>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen.
+Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen
+Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet,
+man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände.
+›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er
+tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und
+brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen
+armen, einzigen Freund in den Tod jagte. — Die Pulsadern hat er
+sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd
+auf seinem armseligen Bette, — händeringend steht seine alte
+Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe
+nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ — und sein
+Auge bricht.</p>
+
+<p>Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob
+ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.</p>
+
+<p>Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des
+Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> feilbot — denn
+der Staat brauchte Geld, viel Geld — war wild und toll in seinem
+Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der
+Nachwuchs, desto sinnloser.</p>
+
+<p>Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer
+Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die
+Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr
+saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren
+gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz
+vorher hingesiecht war.</p>
+
+<p>Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von
+ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten
+mein Heim in Asche.</p>
+
+<p>Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner
+Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.</p>
+
+<p>Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.</p>
+
+<p>Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die
+Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben,
+die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke,
+die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann
+wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und
+Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter
+durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da
+erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum
+noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen
+sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das
+Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat,
+wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom
+Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser
+Volk leben.</p>
+
+<p>Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus
+dessen Tiefe giftige Dünste steigen, — Tod und Verderben!</p>
+
+<p>Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, — mein Leben ist vergiftet,
+meine Kraft gebrochen, — ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen,
+— ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, — Gott verzeihe mir
+meine Sünden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p>Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen
+meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe,
+die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.</p>
+
+<p>Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in
+Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie
+Ihrem Volke mitbringen wollen!</p>
+
+<p>Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie
+sind, und für das Sie kämpfen dürfen!</p>
+
+<p>Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie
+ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den
+Wellenarmen des Ozeans.</p>
+</div>
+
+<p class="mright8">Es grüßt Sie Glücklichen</p>
+<p class="mright13">Ihr</p>
+<p class="right">unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«</p>
+<br>
+
+<p>Das Blatt flog zu Boden, — ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum
+Kapitän.</p>
+
+<p>»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« — wie ein Lauffeuer
+schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und
+her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden
+abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, — —
+Menschenwerk! — unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf
+die leise wogende Meeresfläche, — unser Balte ruhte im Schoße der
+Unendlichkeit.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!</p>
+
+<p>Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In
+der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum
+Grabe, — Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, — Hoffnung läßt
+uns den Himmel offen sehen.</p>
+
+<p>Mußtest du sterben, du Armer?</p>
+
+<p>War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch
+wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<p>Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen
+russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort
+geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?</p>
+
+<p>Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter
+sind wir! — Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen.
+Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, — aber
+die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der
+Volksseele, — oh, ich weiß es genau —, ich kenne sie, — in allen
+Schichten, — es brodelt und drängt, — alte Vorurteile weichen zurück.
+Überall schließen sich die Geister zusammen. —</p>
+
+<p>Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge,
+alles sehend, alles hörend, — während mein Körper auf unserem kleinen
+Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.</p>
+
+<p>Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am
+ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? —</p>
+
+<p>Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe.
+Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne
+Hoffnung! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll
+und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht
+einstweilen Genüge getan.</p>
+
+<p>Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter:
+mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen,
+Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.</p>
+
+<p>Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.</p>
+
+<p>Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren
+läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert
+Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> kündend: »wir
+stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend
+durchschneidet!« —</p>
+
+<p>Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte
+sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und
+gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und
+Kastagnettengeklirr.</p>
+
+<p>Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder
+rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten
+paffend.</p>
+
+<p>Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten
+hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im
+Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.</p>
+
+<p>Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht
+gelingen.</p>
+
+<p>Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig
+weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis
+für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer
+geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens.
+Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht
+selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das
+Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?</p>
+
+<p>Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein
+Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier
+dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes?
+Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« —</p>
+
+<p>Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die
+Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf
+ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?«
+fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar
+streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne
+Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir
+erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des
+Geistigen sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde
+Geschichte vertiefte.« —</p>
+
+<p>»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. —</p>
+
+<p>»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte
+fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.</p>
+
+<p>Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung
+des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen
+Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben
+in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der
+glücklichen, gesunden Häuslichkeit.</p>
+
+<p>In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine
+Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.</p>
+
+<p>Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn
+in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und
+Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und
+neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.</p>
+
+<p>Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur
+Ungeziefer waren.</p>
+
+<p>Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast
+wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die
+Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses
+Omen.</p>
+
+<p>Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste
+Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die
+führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen
+Vergessens.</p>
+
+<p>Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes,
+glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen
+ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat
+vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat
+suchen und schaffen.« —</p>
+
+<p>Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein
+verständnisinnig zu. —</p>
+
+<p>»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den
+Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der
+Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein
+neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. —</p>
+
+<p>»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der
+Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.</p>
+
+<p>Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« —</p>
+
+<p>Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen
+Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf
+dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert
+hatte. —</p>
+
+<p>Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für
+seine Rettung im Sturme gewesen.</p>
+
+<p>»Und weiter fuhr mit« — träumte das Hexlein weiter — »die
+Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die
+Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das
+Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen
+kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.</p>
+
+<p>Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher
+Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb,
+die Sonne, die Wärme zu suchen.</p>
+
+<p>Und zum Schluß« — hier lachte das Hexlein schelmisch — »ein
+schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die
+Selbstlosigkeit, und seine Freundin, — die Romantik.«</p>
+
+<p>»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und
+des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich
+glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem
+Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« — erzählte die
+Romantik nun weiter — »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens.
+Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung
+der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene
+Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des
+Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins
+Land der Sonne, der Liebe.</p>
+
+<p>Was geschah? — Ihr alle wißt es, — der Pessimismus, unglücklich
+darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch
+fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit
+wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund
+und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p>
+
+<p>»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« — sagte das Hexlein
+und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser
+fröhlich ergriff und herzlich küßte, — »wir können dich herrlich
+gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«</p>
+
+<p>Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin
+so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer
+weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.</p>
+
+<p>Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt
+ihr was, — wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie
+der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den
+Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu
+ihrem Gatten wollte.</p>
+
+<p>Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will
+ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden,
+die die Welt kennt, — Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch
+die soziale Hygiene nennen, — in ihrer Begleitung ein junges Mädchen,
+die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat,
+und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen
+Völkern! Und dann, — und dann« — und damit nahm sie meine Hände in
+die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen
+Augen füllten sich mit Tränen — »dann werden Sie eines Tages in die
+Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester
+von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit,
+die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches
+Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit
+werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu
+erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser
+Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es
+uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der
+du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, — du
+stirbst niemals!«</p>
+
+<p>Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren
+Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie
+herzlich umfing.</p>
+
+<p>Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten
+und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und
+der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und
+andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich
+läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen.
+Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und
+plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.</p>
+
+<p>Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und
+deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge
+hinein.</p>
+
+<p>Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der
+Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem
+Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen
+tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe
+Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt
+vor mir.</p>
+
+<p>Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die
+schneebedeckte Felsenwelt — Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe,
+— unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee,
+über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, — allein mit Gott.
+Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt
+er der Sonne zu, — ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum
+Höchsten, zum Ewigen flieht.</p>
+
+<p>Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die
+Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch
+ihre eherne Größe.</p>
+
+<p>Da, — was ist das? — Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann,
+das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will
+er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. — »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück
+geschehen?« — »Laßt mich, — zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der
+Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz
+liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.«<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> »Aber ich bin ja
+Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«</p>
+
+<p>Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber
+geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun
+Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«</p>
+
+<p>Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, — wir laufen.</p>
+
+<p>Ich sah im Geiste das Blut rinnen, — das treibt an. Endlich am
+Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.</p>
+
+<p>»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs
+geschickt.« — Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein
+abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe,
+verbunden, geschient, — das Blut steht; — nun einen erquickenden
+Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, — der Sepp ist gerettet.
+Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein
+paar ätherische Tropfen, — nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich
+gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber
+Ihnen vergelt's Gott.« —</p>
+
+<p>Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen,
+überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz.
+Da schlief ich ein, und schlief und schlief. —</p>
+
+<p>Dann kamen Leute. — »Der ist tot. Ist erfroren.« — Vorsichtig trugen
+sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten
+mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre
+Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten
+Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er
+da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit
+blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein
+Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in
+weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. — — — Da erwachte ich.</p>
+
+<p>Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da
+fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte,
+als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen
+Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der
+Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung,
+nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span>
+tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit
+für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie
+bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten
+für euch, heißt für mich — leben!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das
+Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der
+Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.</p>
+
+<p>In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der
+Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild
+der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des
+Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, — es war eine
+Herrlichkeit ohne Ende.</p>
+
+<p>Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich
+dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken,
+die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur
+Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend
+traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean
+gefahren, — der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, —
+und nun? Ein Aufblinken am Horizont, — da ist er, der Leuchtturm von
+Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.</p>
+
+<p>So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte
+er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei,
+die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast
+andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes
+Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war,
+als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute
+in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> mir ein:
+ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein
+Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer
+die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht
+es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei
+dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und
+schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach
+diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den
+Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur
+aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese
+höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte.
+So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur
+ab.</p>
+
+<p>Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten
+Vaterlandes.</p>
+
+<p>Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die
+Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und
+wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung
+dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der,
+der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der
+inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was
+die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz
+gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht
+vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller
+Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren
+Güter der Seele, der Menschheit entstehen.</p>
+
+<p>Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle
+Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit
+der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der
+Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit,
+die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und
+Verfeindung aller Beteiligten.</p>
+
+<p>Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! — — — —</p>
+
+<p>Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig,
+nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie
+erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser
+Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine:
+ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große
+Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.</p>
+
+<p>Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser
+Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung
+jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts
+zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu
+erfüllen hat, — ohne Reibung.</p>
+
+<p>Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation,
+sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen
+frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die
+Konservativen über die Erbschaftssteuer, — sie wollen nichts missen
+vom Ererbten — da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler
+über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung,
+die Brenner über die Branntweinsteuer, — keiner will sich einfügen,
+keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von
+den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden
+oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu
+menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten
+zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!</p>
+
+<p>Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur
+vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen,
+Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die
+wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine
+unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese
+große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder
+zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so
+unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. —</p>
+
+<p>Kaiser, — hierher, an die Maschine!</p>
+
+<p>Sieh, du bist der Kolben; — hier das große Schwungrad ist unser
+Reichstag.</p>
+
+<p>Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine
+Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue
+Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> warst du ein
+schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und
+nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen,
+wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; — aber nimm das Öl der
+Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft.
+—</p>
+
+<p>Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich
+sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten
+Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren
+ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde
+gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie
+entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich
+leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren
+Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das
+Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich
+hörte ich sein Lied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich nehm' meine große Liebe</div>
+ <div class="verse indent2">Und schütte sie über dich aus:</div>
+ <div class="verse indent2">Will schmücken mit ihr dein Leben,</div>
+ <div class="verse indent2">Will schmücken mit ihr dein Haus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Sei du der Glanz der Sterne,</div>
+ <div class="verse indent2">Sei du mein Sonnenschein;</div>
+ <div class="verse indent2">Ich will dir Blumen und Früchte</div>
+ <div class="verse indent2">Bringen als Erde dein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Sei du mein blauer Himmel,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Sommerwölkchen Heer,</div>
+ <div class="verse indent2">Und schau' dich in meiner Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Die grundtief wie das Meer!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam,
+wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum
+emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> ein
+gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.</p>
+
+<p>Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne
+durch die Nacht:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich habe keine Heimat mehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Heimat ist das Grab ...</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen
+des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.</p>
+
+<p>Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, — auf dieser
+Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich
+hingesummt hatte.</p>
+
+<p>Brasilien!</p>
+
+<p>Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.</p>
+
+<p>Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten
+Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine
+weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen,
+wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer
+berauschender der Duft.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns
+gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen.
+Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten
+Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.</p>
+
+<p>Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer
+Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr
+versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen
+und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder
+in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz
+vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen:
+der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter
+er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe
+geworden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt,
+die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie
+bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, —
+der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen
+zu Ende führen könnte.</p>
+
+<p>Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung
+suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit
+offenen Armen willkommen.</p>
+
+<p>In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in
+Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die
+erste Zeit versehen — unsere neue portugiesische Freundin stellte
+bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung — und sollten
+dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber
+solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in
+Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig.
+Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.</p>
+
+<p>Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das
+Duften, das von den Wäldern herüberdrang.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de
+Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz
+gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die
+Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten
+lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte
+braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht
+kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die
+brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen
+Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen.
+Glückliche Unschuld der Tropen!</p>
+
+<p>Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die
+Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den
+Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in
+den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen
+Dampfers meldend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von
+Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel
+und die wundervoll glühende Sonne.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger
+und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein
+fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große
+Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein
+Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.</p>
+
+<p>Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde
+Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich
+solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein
+Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.</p>
+
+<p>Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab.
+Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell
+in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es
+vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in
+ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich
+indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um
+die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen.
+Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester
+Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir.
+Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend
+stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So —
+leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle
+mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch
+hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er
+auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt
+seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt
+von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore
+der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße,
+ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft!
+Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er
+ehrfürchtig erfaßt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<p>Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft.
+Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken,
+unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich
+auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den
+Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und
+seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als
+pharisäisch zu richten.</p>
+
+<p>Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines
+Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, — Wassertrinker
+wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem
+als mörderisch verschrienen Klima, — noch ist er keinen Tag krank
+gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in
+seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die
+Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum
+Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade
+wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen
+Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von
+der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein
+naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.</p>
+
+<p>In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes
+Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre
+dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die
+Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum
+zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall
+schützend für ihre Kinder.</p>
+
+<p>Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine
+andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade
+und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer
+und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit
+Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk
+bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein
+großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen
+gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen
+Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin
+war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> vortrefflich gegen die
+wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag
+um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz
+sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.</p>
+
+<p>Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter
+jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur
+Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige
+Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze
+Gesellschaft von dannen.</p>
+
+<p>Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach
+schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den
+Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die
+Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht
+gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den
+reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht
+schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter
+für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift
+waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der
+Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, — der von den Früchten
+entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere
+als Wohnstätte und Nahrung zugleich.</p>
+
+<p>Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche
+Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen
+Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die
+kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung
+und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier
+an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel
+mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter
+dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die
+Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.</p>
+
+<p>Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut
+mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier
+unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche
+Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Leben in
+Friede und Liebe, — und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und
+Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind
+nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde
+geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns
+geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in
+unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft
+und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser
+Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle,
+dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend
+meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum
+Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir
+das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und
+Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und
+Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.</p>
+
+<p>Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber
+verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen,
+Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die
+sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen
+vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?</p>
+
+<p>Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser
+allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere
+zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und
+Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, — und wiederum nur,
+damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen,
+diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft
+wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit
+ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit,
+um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere
+seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich
+auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr
+kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und
+Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid
+ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut,
+damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> schwelgen könnt,
+unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren,
+zugrunde gehen!</p>
+
+<p>Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger,
+Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz,
+damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne,
+die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde
+ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen
+hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne,
+die die Erde erwärmt und erhellt! —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará
+unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und
+Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser
+Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden
+Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia
+durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder
+zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von
+hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.</p>
+
+<p>Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte
+die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte
+Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft,
+und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu
+gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab,
+noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem
+Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes
+hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.</p>
+
+<p>Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser
+großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der
+Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend,
+unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder
+verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer
+entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend
+dalag, er ist nicht tot, nein, — er lebt, — Scharen<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> buntbeschwingter
+Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter
+Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es,
+wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten,
+goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die
+Atmosphäre.</p>
+
+<p>An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit
+Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich
+tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht,
+lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde,
+weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder,
+gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald,
+Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und
+wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in
+berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd
+in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft.
+Sternenklar ist der Himmel. —</p>
+
+<p>Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit,
+zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch
+an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben.
+Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf
+mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, — von einem
+dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet
+zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.</p>
+
+<p>Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft
+herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, — oder ist es mein
+Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen
+Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie
+aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.</p>
+
+<p>Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die
+Stimme des ersten Bootsmannes:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht</div>
+ <div class="verse indent2">An des Himmels nächtiger Bläue.</div>
+ <div class="verse indent2">Er scheint in ewig strahlender Pracht;</div>
+ <div class="verse indent2">Es ist der Stern der Treue.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt</div>
+ <div class="verse indent2">Und führt dich in Tod und Grauen,</div>
+ <div class="verse indent2">Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt,</div>
+ <div class="verse indent2">So wirst du das Morgenrot schauen.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, — es ist
+sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt
+meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid.
+Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die
+dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine
+Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, —
+haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?</p>
+
+<p>Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, — kaum habe
+ich die Tür hinter mir geschlossen, — barmherziger Gott, — was
+ist das? — Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse
+bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, — einen
+blondgelockten!« — Die Portugiesin! —</p>
+
+<p>»Signora!« — Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an
+beiden Händen. — »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken
+Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich!
+Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit
+Ihnen gehen, — denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« — »Ich will
+aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« —</p>
+
+<p>Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe
+anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken
+das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht
+verträgt der Glutenrausch nicht.</p>
+
+<p>Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre
+Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
+
+<p>Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora — der
+sächsische Offizier geht mit Ihnen, — er hat mir gestern heimlich
+anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark
+und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will
+ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der
+Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines
+Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß
+geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich.
+Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«</p>
+
+<p>Ein glühender Kuß auf meiner Hand, — ein leises Öffnen der Tür, ein
+Rauschen, wie von einem Frauengewande, — war es ein Traum gewesen, —
+ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? — — —</p>
+
+<p>Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu
+verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.</p>
+
+<p>Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und
+Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.</p>
+
+<p>Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten
+Nerven allmählich wieder Ruhe.</p>
+
+<p>Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild
+gegeneinander: die Gedanken an daheim, — an meine Lieben. Dann aber
+wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt
+dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres
+Steuermannes noch hörte, — das Lied von der Treue. — —</p>
+
+<p>Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen
+Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes,
+männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt
+sich das schöne Weib an ihn an. — — —</p>
+
+<p>Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über
+das Meer her, — wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, — ich höre den
+Jubel und das Geplauder der Kinder, — meiner Kinder! — — —</p>
+
+<p>Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel
+zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und
+schlief ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
+
+<p>Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, — ich fühle
+mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und
+Guten, — wie ein Sieger! — Das kommt, — mein Herz ist frei von Reue,
+weil es Herrscher blieb über die Sinne.</p>
+
+<p>Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch
+stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der
+Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer
+hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in
+majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.</p>
+
+<p>Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in
+die frische Morgenluft hinausklingen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich streue der Liebe Samen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie Eicheln der Eichbaum streut,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie Stern' ohn' Zahl und Namen</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne dem Weltall beut.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich streue der Liebe Blüten,</div>
+ <div class="verse indent2">Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl;</div>
+ <div class="verse indent2">Möcht' jedes Herz behüten</div>
+ <div class="verse indent2">Vor Leid und Sorg' und Qual.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">O Frühling, liebewarmer,</div>
+ <div class="verse indent2">Hätt' ich die Kräfte dein!</div>
+ <div class="verse indent2">So aber bin ich Armer</div>
+ <div class="verse indent2">Nur Staub im Sonnenschein!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein
+portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nosso céo ten mais estrellas</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossas varzeas ten mais flores,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossos bosques ten mais ares,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossa vida ten mais amores!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+<p>Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem
+letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen
+können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Unsere Wiesen sind so voll Blumen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und unser Himmel voll Sonnenlicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Und unsere Büsche so voll von Vöglein,</div>
+ <div class="verse indent2">Und unser Leben voll glühender Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie auf der Erde kein anderes nicht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Weib, Weib, — suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? — —</p>
+
+<p>Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die
+zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Den Starken und Klugen gehöret das Recht</div>
+ <div class="verse indent2">Und den Feigen und Schwachen die Nacht,</div>
+ <div class="verse indent2">Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,</div>
+ <div class="verse indent2">Sich selbst erhalten die Macht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus
+schwerem Schlafe erweckten. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der
+Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen.
+Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas.
+Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.</p>
+
+<p>Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an,
+daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder,
+Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und
+dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen,
+zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.</p>
+
+<p>Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine
+Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> zu
+Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel
+werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist
+doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher
+Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, — die Seelen,
+die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht
+haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.</p>
+
+<p>Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die
+junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe
+hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt
+mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König
+an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal.
+Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein
+Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. —</p>
+
+<p>Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut
+gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird
+auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu
+beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen
+ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben,
+solange sie leben.</p>
+
+<p>Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer,
+durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen
+Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden
+Jungen, meinen sinnigen Mädchen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser
+des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im
+Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital
+und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, — wie ein
+Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.</p>
+
+<p>Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten
+Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher
+Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> jungen
+Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die
+Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er
+sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller
+Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der
+Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender
+Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, — aber er ist ein bißchen dunkel
+ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu
+intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist
+nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes
+Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die
+Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks
+Versorgung für die Ehe verkaufen, — oft genug an Männer, deren Haut
+zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die
+Haut jenes Negers.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße,
+wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers
+unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie
+die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich
+fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. — —</p>
+
+<p>Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und
+ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch
+in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier.
+Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle
+nüchtern. Und — so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.</p>
+
+<p>Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch
+angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne
+hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur
+das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere,
+der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede
+war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und
+Mulatten.</p>
+
+<p>Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und
+Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel
+zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von
+Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span>
+Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich
+es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem
+Sprecher den Beweis der Wahrheit.</p>
+
+<p>So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen
+des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit
+zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner
+unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. —</p>
+
+<p>Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen
+das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier
+oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer
+unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den
+Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in
+der Welt so oft den Rang abläuft.</p>
+
+<p>Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium
+einen englischen Arzt, <span class="antiqua">Dr.</span> Jonas, kennen, der von der englischen
+Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller
+Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen
+Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits
+das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, —
+vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England,
+ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich
+trug, die den Tod fernhielt.</p>
+
+<p>Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin
+deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen
+Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien,
+um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit
+zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in
+ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem
+Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen
+Hygiene erschien.</p>
+
+<p>Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen.
+Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen
+Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort
+beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer
+des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Ausnehmen
+der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die
+auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu
+Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus
+dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu
+die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis
+und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall
+Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!</p>
+
+<p>An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen
+prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen
+und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten.
+Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die
+Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie
+wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.</p>
+
+<p>Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur
+die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner
+Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame
+Heimreise.</p>
+
+<p>Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf
+meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur
+Stelle.</p>
+
+<p>So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, — von der Welt, — nein,
+nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur
+begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden
+Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen
+Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden
+Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen
+Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme,
+die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> ausersehen.
+Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes
+durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln
+rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und
+Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten
+übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne
+Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen
+Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem
+Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem
+Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird
+immer berauschender.</p>
+
+<p>Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle
+der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein
+vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht,
+das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr
+dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses
+Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den
+Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt
+zu schaffen.</p>
+
+<p>Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und
+blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen
+Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt
+mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich
+mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen
+erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die
+Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er
+gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen
+dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für
+Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen.
+Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat
+übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner
+ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte,
+die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken
+ergaben.</p>
+
+<p>Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all
+dieses Unheil, — einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur
+ist vollkommen, wohin wir kommen, — wir, wir selbst sind die<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Träger
+alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer
+werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen
+Zeit, unserer Zeit! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen.
+Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie
+verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, — mir war es,
+als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr
+wurde ich wieder ruhig und stark, — ruhiger, stärker, ja, ich glaube,
+besser, größer, als ich je gewesen.</p>
+
+<p>Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte
+ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere,
+die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und
+Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte,
+neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne,
+die mich durchglühte.</p>
+
+<p>Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten,
+waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie
+jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich
+feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und
+vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi
+Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.</p>
+
+<p>Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte
+ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite,
+voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins
+Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach
+der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist
+Leben, — es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.</p>
+
+<p>So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar
+schöner Traum.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit
+unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> gesehen. Er
+in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und
+Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, — für neue
+Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr
+Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut,
+pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne
+euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! — —</p>
+
+<p>Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke
+helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner,
+besser, kraftvoller, als bisher!</p>
+
+<p>In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag.
+Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein
+paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach
+Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde
+und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich
+huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das
+Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie
+sich ihren Gimpel gefangen hatten.</p>
+
+<p>Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital
+gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem
+sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.</p>
+
+<p>An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch
+verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann
+stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der
+Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine
+Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das
+Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er
+auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab,
+die unsere Tische umgaukelten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein.
+Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom
+Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein
+dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden
+und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur
+dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> zuwinken, er
+möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen
+Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser
+Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der
+Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung.
+Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In
+diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er
+majestätisch den Strom hinab.</p>
+
+<p>Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem
+Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger.
+Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her,
+hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort
+verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte
+vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend
+vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd.
+Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers
+erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem
+Witze noch hänselnd, da, — ein Aufschrei, — wie ein rasendes Tier
+hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu
+haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, — ein kurzes Ringen, —
+ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des
+Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.</p>
+
+<p>Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr
+hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe
+aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der
+Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die
+Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.</p>
+
+<p>Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie
+später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der
+vollen Grausigkeit erinnern ließ.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste
+Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es
+gut, — das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte
+ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles
+geschehen in der kurzen Zeit! Der König<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> von Portugal ermordet, sein
+Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, — die Revolutionäre hatten
+gründlich gearbeitet.</p>
+
+<p>Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil
+von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und
+Liebe selbst war! Das tut weh, — so weh, als ob im März die Sonne
+sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich
+erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy
+von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen
+überfloß.</p>
+
+<p>Doch da, — was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß
+das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste
+der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle
+uns Wärme gibt, — ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten
+Sozialdemokraten, — mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse,
+wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und
+deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde,
+zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem
+Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste
+Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die
+ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie
+sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch
+gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während
+ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am
+Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der
+Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen
+fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel
+in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen
+lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer,
+auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im
+Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf
+der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen
+sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen
+stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf
+den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als
+ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht.
+Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb
+dieses Mal, betäubendes Krachen, — Sekunden nun schwarze Nacht, nun
+in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um
+Blitz, Donner um Donner, — ein wunderbar majestätisches Schauspiel.
+— —</p>
+
+<p>Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam
+glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.</p>
+
+<p>Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In
+Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren
+Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer
+mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten
+sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand,
+emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht
+gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen,
+die allein Licht, Leben schafft, — die Liebe?</p>
+
+<p>Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts
+gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der
+Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer
+Cholera, — weißt du es noch, du stolzes Hamburg? — Hunderttausende
+an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich,
+elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im
+Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt,
+hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen
+dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? — In Nacht
+liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht
+der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und
+Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des
+Wolkenbruches.</p>
+
+<p>Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig
+währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.</p>
+
+<p>Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein
+Blitz, — der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen,<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> — lichter
+wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der
+Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel.
+Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles
+Erhaltende, sei uns gegrüßt!</p>
+
+<p>Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue,
+treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die
+Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei,
+wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit
+die Menschheit vorwärts bringen!</p>
+
+<p>Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel,
+wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den
+Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles
+Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit
+unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große!
+Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den
+Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht,
+gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für
+die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse,
+er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die
+Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige
+Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen
+großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod,
+wann du willst, — ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! — mir
+ist es einerlei, — ich hab' gelebt! — Ihr Wellenringe, werdet frei!
+— — —</p>
+
+<p>Ja, stampf' nur, Maschine, — dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu
+neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur
+Heimat!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie
+unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden.
+Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah,
+umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen
+saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> Rindvieh, zahlreichen Pferden und
+Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.</p>
+
+<p>Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen,
+der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie
+stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen,
+stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender
+Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von
+der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen
+Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.</p>
+
+<p>Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, — ich sah den
+Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen
+Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses
+herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.</p>
+
+<p>Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an
+das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, — ein
+Tücherschwenken, ein Händewinken, — und stampfend sang die Maschine
+ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in
+der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich
+über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Es blüht eine blaue Blume</div>
+ <div class="verse indent2">In fernem Märchenland</div>
+ <div class="verse indent2">An schroffem Berggehänge</div>
+ <div class="verse indent2">An stillem Meeresstrand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Und wer die Blume findet,</div>
+ <div class="verse indent2">Kehrt nimmermehr zurück, —</div>
+ <div class="verse indent2">Vergessen ist die Heimat</div>
+ <div class="verse indent2">Und alles vergangene Glück!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Der Blume Duft bezaubert</div>
+ <div class="verse indent2">Den Wanderer Tag und Nacht.</div>
+ <div class="verse indent2">Die Welt liegt ihm versunken,</div>
+ <div class="verse indent2">In blauer Märchenpracht.</div><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich hab' am Meeresstrande</div>
+ <div class="verse indent2">Die Wunderblume gesehn,</div>
+ <div class="verse indent2">Leb' wohl, du Welt, du Heimat,</div>
+ <div class="verse indent2">Es ist um mich geschehn!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben:
+andere Liebe! anderer Kampf!</p>
+
+<p>Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen,
+flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die
+Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk
+über den Wipfeln der Bäume, — düster starrt von beiden Seiten der Wald
+auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, — eine frische Brise
+weht von Osten uns entgegen, — Seeluft, — nur noch achtzig Seemeilen
+von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in
+farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln
+flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung.
+Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt
+lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel
+empor, — über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem
+Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte
+ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nosso céo ten mais estrellas,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossos varzeas ten mais flores,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossas bosques ten mais vida,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossa vida ten mais amores</span> — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die
+schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben
+Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: — mit reicher
+Rückfracht kehrten wir heim.</p>
+
+<p>Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu
+sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe
+Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> erklärt,
+er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege
+nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf
+sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen
+und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine
+Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich
+wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre
+Freude an mir erleben.«</p>
+
+<p>Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen
+Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame
+englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen
+Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die
+Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch
+unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr
+kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine
+internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine
+gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die
+»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.</p>
+
+<p>Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er
+hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem
+Beutel in die Heimat zurück.</p>
+
+<p>In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer
+lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat
+zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein
+einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein
+ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur
+einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, —
+und dann in ihrem Schatten sterben.</p>
+
+<p>Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns
+hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr
+Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren,
+um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh.
+Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir,
+daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr
+Herzensschifflein gefunden hatte.</p>
+
+<p>Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen
+Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span>
+Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum
+Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war,
+weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden
+konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.</p>
+
+<p>Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend
+mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den
+blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. —
+Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, — leb' wohl, leb' wohl!
+Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die
+Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart
+arbeitete die Maschine.</p>
+
+<p>Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der
+Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt:
+ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch
+nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und
+Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht
+erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen,
+daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim
+Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.</p>
+
+<p>Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es,
+als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis
+erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige
+Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt
+gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der
+nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen,
+daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die
+Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute
+würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen — unheiligen
+Rußland erwarten! —</p>
+
+<p>Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat
+an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Bauverein, Drazdak.
+Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide
+und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue
+Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein
+fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder.
+Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt
+von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und
+nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir
+ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir
+sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei
+denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch,
+mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund
+umwandeln!</p>
+
+<p>Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die
+Maschine ihr »Vorwärts«.</p>
+
+<p>Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans
+Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den
+Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser
+Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf
+die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und
+gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. — —</p>
+
+<p>Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, — ich
+gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine
+Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen
+Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie
+angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr
+geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit
+bildete, — den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott,
+gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe,
+damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum
+ins Feuer gießen!</p>
+
+<p>Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer
+Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir
+gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg.
+Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die
+Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> und für die Liebe zu
+unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und
+in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen,
+überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich,
+die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.</p>
+
+<p>Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte,
+dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet,
+rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, — Wellenringe
+aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig
+geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und
+behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, — so ist's. Die
+Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die,
+die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie.
+Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen
+die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen
+sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer
+Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der
+im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt,
+— zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, — ins Parterre, wenn sie
+einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, — will euch
+ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch
+einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu
+geben, — als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr
+aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt
+keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, — und das vergeht gar schnell.
+— —</p>
+
+<p>Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der
+Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.</p>
+
+<p>Merkwürdig, — beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher
+Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre
+so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die
+»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und
+jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben
+umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber
+das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> würde ihnen
+das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all'
+dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei
+ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater
+der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.</p>
+
+<p>Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen
+dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und
+Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich
+verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft
+berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren
+Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen
+und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich
+sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und
+aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister
+mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken
+suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem
+Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!</p>
+
+<p>Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer
+Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher
+Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich — das hätte
+vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt
+vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen
+Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für
+unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.</p>
+
+<p>Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der
+Kultusminister die Melodie wohl kennt?</p>
+
+<p>Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib
+mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz
+von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an
+unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel
+Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen
+Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände
+das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise,<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> wie es annähernd
+kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei
+schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten,
+solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte,
+noch Duldung genießt.</p>
+
+<p>Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird
+das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig
+aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten
+schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem
+Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den
+Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht,
+weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen
+Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.</p>
+</div>
+
+<p>Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube
+in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt.
+Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben,
+und vorwärts drängt unser Kiel. —</p>
+
+<p>Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem
+und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost
+gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und
+doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen?
+Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine
+unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! —</p>
+
+<p>Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt.
+Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf;
+— Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die
+Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen
+Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier,
+in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor
+Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen
+Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd
+das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben
+zwingt, auf und nieder zu fahren.</p>
+
+<p>Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine
+umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span>
+Feilenstriche ihr die Form gaben, — waren sie nicht geworden, was
+sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses
+Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe,
+getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden
+von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer
+Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen
+Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese
+Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik,
+— unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als
+Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.</p>
+
+<p>Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto
+mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief
+er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so
+größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen,
+unendlich, unermüdlich.«</p>
+
+<p>Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein
+Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe
+zu seinem Vaterlande und seinem Volke.</p>
+
+<p>Und das Achsenlager, in dem er ruhte, — dieser Eiserne, der uns
+vorwärts brachte! — ohne Reibung ruhte, — es lag in seinem deutschen
+Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.</p>
+
+<p>Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den
+Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt
+Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen
+der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene
+Standbild des eisernen Kanzlers. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich
+flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von
+ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die
+nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die
+wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die
+wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte,
+schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> sie von
+ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts,
+den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die
+nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr
+Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen.
+Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten,
+so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter
+litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch
+eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten
+sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von
+Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt
+zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung
+geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln,
+bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten
+sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das
+Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte
+sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse
+in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das
+alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande
+vermocht!</p>
+
+<p>Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und
+Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden
+Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren
+vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von
+ihrer <span class="antiqua">sunshine society</span>, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch
+die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe,
+Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke
+sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum
+jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles
+seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens,
+wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde
+Menschen, die ihr Vaterland liebten.</p>
+
+<p>Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der
+uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus
+höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über
+den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p>
+
+<p>Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die
+Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen
+Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt,
+zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine
+liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und
+herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes,
+Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit,
+der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des
+Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der
+Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des
+Weltfriedens.</p>
+
+<p>Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden
+Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und
+Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas
+ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende
+Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel,
+um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in
+den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein
+Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von
+Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten,
+unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte,
+wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um
+gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so
+die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.</p>
+
+<p>Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland
+vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen
+habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern
+aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland
+allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung
+gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit
+in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von
+Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Arbeiter alljährlich
+in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald
+anders werden.</p>
+
+<p>Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen
+im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch
+Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der
+Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes
+gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar
+alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden!
+Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in
+Gärten der Hesperiden zu verwandeln.</p>
+
+<p>Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation
+durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie
+es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis
+Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des
+Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine
+Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der
+Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch
+aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie
+niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren
+es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.</p>
+
+<p>Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem
+Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und
+bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.</p>
+
+<p>Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten
+doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die
+könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So
+kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im
+deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese
+müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.</p>
+
+<p>»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen.
+»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung
+eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines
+Krankheitszustandes,« — und hier hob sie die Stimme, — »an dem
+wir aber<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die
+Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung
+der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort:
+›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin
+ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die
+es verdient, wie die Tropen die Moskitos.</p>
+
+<p>Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich.
+Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es
+war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder
+Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten
+gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem
+Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer
+dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre
+Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue
+Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht
+die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen
+hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder.
+Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen.
+Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser
+Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.</p>
+
+<p>Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch
+klug.</p>
+
+<p>Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie
+vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel,
+in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk
+oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre
+Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt
+und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist
+Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt,
+jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen.
+Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem
+sie sich von der Tafel erhob, — »die Hygiene bietet uns Handhaben
+genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« — Ich konnte ihre
+Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig
+Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> mein guter Freund,
+der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde
+Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die
+Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie
+durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie
+nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.</p>
+
+<p>Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über
+die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den
+unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten
+des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen
+über die Wogen dahin.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in
+schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer.
+Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er
+mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat
+nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen
+mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten
+wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira
+erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean,
+das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich
+ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit
+zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen
+reichen.«</p>
+
+<p>Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten
+in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend
+Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt,
+mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän
+atmete auf und schüttelte mir die Hand.</p>
+
+<p>Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.</p>
+
+<p>Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses
+Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser
+Geist Gott sein. — Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es
+Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, — so mußte Gott die Liebe
+sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> an Gott,
+an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht
+tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube,
+der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint,
+lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube
+ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde
+ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde
+ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der
+Sonne.</p>
+
+<p>Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat:
+der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen
+Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang;
+Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich,
+ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen
+wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur
+einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle.
+Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise
+mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen
+Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er
+tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, — fast wie
+die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich,
+wie er leise sang.</p>
+
+<p>Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit
+heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr
+euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten
+die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da
+stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit
+du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender,
+»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich
+Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein
+Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für
+die Auskunft ab.</p>
+
+<p>»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war
+ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> nicht
+zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich
+vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei.
+Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen,
+praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten,
+oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die
+Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land
+urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant,
+der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann,
+der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft
+und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der
+Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der
+unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der
+uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser
+Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet
+— sie alle schaffen Werte, die —« »Und die Könige, die Gesetzgeber?«
+»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß
+sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden
+Fall ist ihre Verantwortung am größten.</p>
+
+<p>Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die
+Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften,
+die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser
+Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen
+zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem
+Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung
+des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen,
+— sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere
+menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht
+mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur
+dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln,
+als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet
+dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und
+Bordellinhabern.«</p>
+
+<p>Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem
+Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche
+Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des
+Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span>
+Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren,
+glücklicheren Zeit.</p>
+
+<p>Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken
+nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden
+unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich
+bin Jude, — aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an
+der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil
+der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner
+Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich
+nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen
+diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der
+Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen
+anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem
+Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel
+an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an
+sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut.
+Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen
+krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat,
+und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil
+begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem
+rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der
+Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen
+mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen
+Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes,
+etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell
+Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie
+unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes,
+über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich
+Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.</p>
+
+<p>Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so
+verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses
+überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr
+gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig
+neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als
+auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen.<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Ja, es wird
+unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile
+von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da
+wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar
+schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«</p>
+
+<p>Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean,
+ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so
+klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen
+Menschheit seien.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat,
+die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten
+noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt
+auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne
+von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer
+deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß
+wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes
+Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher
+meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun
+las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht
+mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige
+einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will
+endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter
+und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre
+nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden
+großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem
+patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit
+geschehen. Nun, — meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen
+Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen
+dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft
+gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht
+hatte.</p>
+
+<p>Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, — unser Schiff geht
+vorwärts, — ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat
+auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> eiserner
+Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit
+die Kraft der Wahrheit und der Liebe.</p>
+
+<p>Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So
+wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>Aber das ist köstlich, — das alte Gesetz hatte schon rund 900
+Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, — das haben
+gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793
+Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut
+zu lachen anfing.</p>
+
+<p>Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich
+erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das
+Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde
+gehen.«</p>
+
+<p>Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die
+Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme
+berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.«
+Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer
+gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert,
+mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich
+bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil
+irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der
+Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den
+sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in
+Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für
+sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen
+soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, — aber wer
+sorgt für alle diese anderen?</p>
+
+<p>Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben,
+in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat,
+wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er
+unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt
+durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden.
+Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> Bug in
+die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte,
+und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer
+glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und
+seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den
+Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.</p>
+
+<p>Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen
+Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald
+wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu
+ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen
+an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte
+Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, — es war kein
+Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte
+glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes
+höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual
+meiner Seele.</p>
+
+<p>Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen,
+wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun,
+in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon
+wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen
+Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben
+daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut
+genug schien. Und doch, — da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl
+Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich
+gelehrt auf der Reise, — der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war
+in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, — einmal wollte
+ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den
+österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span>
+gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins
+Gebirge hinein.</p>
+
+<p>War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder
+hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer
+das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich
+fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten
+war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt
+in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das
+Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß
+Dornröschens.</p>
+
+<p>Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis,
+tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes
+wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.</p>
+
+<p>Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor
+langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich
+geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres,
+bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen
+Sinnen, — doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier
+kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein,
+daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und
+Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu
+müssen um jeden Preis. Ja, — das wollte ich, sobald ich daheim war.</p>
+
+<p>Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den
+anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal
+im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun
+trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein
+weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen
+auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. — — —</p>
+
+<p>Da horch, — vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem
+Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer
+Nebelpfeife, — das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche
+sei.</p>
+
+<p>Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur
+Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so
+süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht.<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Das
+Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge,
+ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.</p>
+
+<p>Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit
+tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir
+zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die
+Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als
+fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner
+Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich
+sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Ich reite über die Felder</div>
+ <div class="verse indent2">Im hellen Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent2">Bin frohgemut im Herzen</div>
+ <div class="verse indent2">Und bin doch so allein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Der Wind streicht über die Heide;</div>
+ <div class="verse indent2">Ich merk's an seinem Duft!</div>
+ <div class="verse indent2">Mir ist's, wenn ich ihn trinke,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob mich die Liebste ruft!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">So reit' ich über die Berge</div>
+ <div class="verse indent2">Und durch manch tiefes Tal,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr Bild in meinem Herzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Bis sinkt der Sonne Strahl.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Bald sinkt die Nacht hernieder,</div>
+ <div class="verse indent2">Die bringt mir der Freuden viel.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich reite unverdrossen,</div>
+ <div class="verse indent2">Bis ich an meinem Ziel.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Mein Ziel? — Was war mein Ziel? — Mein Heim stand fest begründet.
+Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder,
+meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. — Größer noch war
+mein Ziel, — so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke
+hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem
+Elend. Und dabei hatte ich mich müde<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> und krank gearbeitet, und bitter
+gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, — zum Verzweifeln
+gering.</p>
+
+<p>Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar
+geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend
+der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn
+der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden,
+allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist,
+alles erreichen können!</p>
+
+<p>So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen,
+die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich
+selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.</p>
+
+<p>Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß
+aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.</p>
+
+<p>Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für
+uns alle.</p>
+
+<p>Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt,
+die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge
+dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen
+warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit
+neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.</p>
+
+<p>So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und
+dann aufs Schiff.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt,
+daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen.
+Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In
+finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und
+da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg,
+gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.</p>
+
+<p>Da — ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel
+einstürzen wollte, — plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich
+soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.</p>
+
+<p>Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und
+an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt.<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> Weit
+und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der
+Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf
+einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich
+zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.</p>
+
+<p>Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von
+liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.</p>
+
+<p>Wie schnell doch die Menschen heranreifen!</p>
+
+<p>Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger
+Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo
+der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht!
+Recht so — das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur
+mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den
+germanischen Schutzwall.</p>
+
+<p>Und mein Ältester, — das freut mich, — von unten auf! Willst du
+Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird
+und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und
+Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren.
+Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, — und hilf ihm
+später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten
+auf durchzumachen hätten!</p>
+
+<p>Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen.
+Ja, — wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche
+der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele,
+und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung,
+damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von
+heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe
+heute noch nicht ahnen kannst.</p>
+
+<p>Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, — sah im
+Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie
+ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken
+trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie
+schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> ein Kreis sonniger,
+gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem
+Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt.
+Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung
+losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns
+haben konnten.</p>
+
+<p>Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem
+Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon
+mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse
+abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen
+musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind
+geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und
+jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben
+sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die
+Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!</p>
+
+<p>Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.</p>
+
+<p>Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen
+Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen
+Frauen, — da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist
+alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem
+Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie
+möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, — ein Fest im Geiste
+einer neuen, schönen Renaissance.</p>
+
+<p>Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer
+Seite, die ich vorhin übersehen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst
+Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar,
+als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest,
+das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich
+darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die
+Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche
+Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der
+Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es
+Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe
+solcher unglücklichen Familien<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> wieder aufwachen zu sehen zu neuem
+Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten,
+da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im
+Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein
+Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat
+aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft!
+Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für
+die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für
+diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine
+Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend
+Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen
+Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« — — —</p>
+</div>
+
+<p>Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der
+Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen
+sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe.
+— —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll
+durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine
+Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.</p>
+
+<p>Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.</p>
+
+<p>Herrgott — was ist das? — Der Kaiser hat einem englischen
+Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, — er wolle Frieden mit
+England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals
+im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen
+Afrikaner dann besiegt wurden, — — — — — — — — — — — nein,
+nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan,
+Kaiser, — so klein, so — — so kannst du nicht sein.</p>
+
+<p>Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben
+dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, — und du
+als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser
+Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das
+habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es,<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> drüben über
+dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen
+dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk
+führerlos ohne dich.</p>
+
+<p>Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst.
+Oh, das ist schön, ist groß von dir, — nun kann ich dich wieder lieben
+wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich — sie alle
+lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen!
+Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt
+gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren
+können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche
+Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen
+Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden,
+damit sie ihr Geschäft machen; — sie können uns dir nicht abspenstig
+machen, — denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser
+Kaiser, und sollst es bleiben!</p>
+
+<p>Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten
+Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit
+vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und
+da, — in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über
+das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht
+sitzt, — beim glänzenden Festmahle — fern von deiner Hauptstadt
+— dein Flügeladjutant tot, — dein bester Freund, — tot von der
+Tafel gesunken — die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal
+umklammert hielt, — der schöne, kraftvolle Mann! — Armer Kaiser, —
+deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen
+hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! — —</p>
+
+<p>Sei froh, Kaiser, — es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich
+umsponnen hatten und dich blind gemacht! — — — —</p>
+
+<p>Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, —
+als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben
+saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den
+Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden
+gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. — —</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und
+schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft,
+blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser
+erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,«
+flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die
+Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, — die Nordsee, unsere Elbe —« »Halt
+ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, —
+und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart
+nicht vergessen.«</p>
+
+<p>Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen
+von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend
+Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male
+ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« —
+»Warum?« — »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft.
+»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch,
+auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die
+Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen?
+Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen
+englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des
+Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte
+sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die
+städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«</p>
+
+<p>Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als
+der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen
+dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an
+das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.</p>
+
+<p>»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von
+allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen,
+so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig
+im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im
+Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und
+hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte
+ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare
+Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können,
+Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger,
+als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> wohl dieses
+große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz
+nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in
+Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira
+spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der
+mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen
+eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines
+besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein
+paar Rippen gebrochen.</p>
+
+<p>Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und
+stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch
+bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben:
+Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche
+Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres
+zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee
+dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue,
+benzinduftende Staubwolken zu hüllen.</p>
+
+<p>Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub
+eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden
+und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose
+Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.</p>
+
+<p>»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird
+neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren
+einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein
+Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der
+Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu
+unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei
+solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück
+passiert!«</p>
+
+<p>Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein
+paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige,
+jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders
+angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger
+Senators, der, von Ostafrika kommend, den<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Seeweg durchs Mittelmeer
+genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in
+seine nordische Heimat zurückkehrte.</p>
+
+<p>Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem
+Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort
+ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und
+lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie
+mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh
+nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an
+der Malaria und am gelben Fieber.«</p>
+
+<p>»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und
+Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die
+in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und
+Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und
+Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn,
+und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren
+Früchten.«</p>
+
+<p>Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte:
+»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück
+gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen
+Regierungsarzt <span class="antiqua">Dr.</span> Külz in Kamerun, über diese wichtigen
+Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren
+Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort
+unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort,
+der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren
+nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen
+durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll
+der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen
+eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit
+über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede
+des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen
+Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt
+hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen
+Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale
+des Reichstages gehalten:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen
+Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> der
+Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten
+bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn
+verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde
+Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich
+ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen
+leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat
+sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu
+geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein
+enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene
+Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch
+der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen
+Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden.
+(Erneute Heiterkeit.)‹«</p>
+</div>
+
+<p>Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in
+unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum
+auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus,
+der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. — Kaiser, mein
+Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung
+unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge
+mitteilt! — — Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder.
+Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet
+hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?</p>
+
+<p>Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen
+»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes
+Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und
+Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese
+Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden
+sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, —
+deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein
+verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne
+unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer
+Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit — Freiheit von
+»unserer Kultur!« — aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst
+hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht,
+durch uns dort herrscht, unterrichten will, — da lachst du mit<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> der
+Menge, wie ein unwissender Knabe, — Kaiser, mein armer Kaiser, —
+wieviel mußt du noch lernen! — — — — — —</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, — du kannst nicht gelacht haben! — —</p>
+
+<p>Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil,
+das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren
+Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend
+unterrichtet worden! — Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen
+melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für
+Manschettenknöpfe zu erfinden, — und hat die Anmeldung zurückziehen
+müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher
+gemacht hatte. — — — — — —</p>
+
+<p>Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch
+einmal von dem <span class="antiqua">Dr.</span> Külz an und berichtete, wie dieser auf dem
+Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von
+Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend
+wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend,
+dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein
+lebensfroher Mensch!</p>
+
+<p>Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser <span class="antiqua">Dr.</span> Külz war ja vor
+Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als
+Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine
+Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis
+gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel
+gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht
+rasten.</p>
+
+<p>So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er
+hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der
+Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis
+er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen
+aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem
+Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich
+ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und
+trug tausendfältige Frucht.</p>
+
+<p>Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen
+des Geistes, die nimmer aufhören!</p>
+
+<p>Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span>
+empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den
+Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein
+junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine
+innere Erregung zu meistern.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger
+Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg,
+über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien
+über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein
+vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden
+Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland
+Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit
+der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.</p>
+
+<p>Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das
+sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis
+dessen, der die Seele der Welt ist, — einerlei ob die Menschen
+ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! — Ich aber gedachte der
+Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der
+Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß
+dieser Geist eins ist mit der Liebe! —</p>
+
+<p>Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband
+und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle
+»Brüder eines Vaters« sind. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer
+wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo
+nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen
+die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir
+die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean
+forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit,
+da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum
+vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte,
+von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> immer klang mir aus dem
+Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen
+wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.</p>
+
+<p>Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und
+her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen
+Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie
+ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei
+Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen
+leuchtend überstrahlen, — den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet
+euch untereinander!« — und aus diesem Worte heraus, nur immer
+maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine
+Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert
+des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!</p>
+
+<p>Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem
+unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, — wenn
+es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?</p>
+
+<p>Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und
+war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?</p>
+
+<p>Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines
+Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter
+Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit
+seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als
+mancher Fürst!</p>
+
+<p>Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, — und als sie
+nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für
+ihre Gemeinde!</p>
+
+<p>Wir haben kein Recht zu verdammen, — aber wir haben eine große, hohe,
+heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in
+jedem Menschenkinde schlummert, — denn dieses Fünkchen kann zur Flamme
+werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie
+ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. — — —</p>
+
+<p>Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser
+schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der
+Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die
+Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p>
+
+<p>Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor
+allem!</p>
+
+<p>Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist
+schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!</p>
+
+<p>Und weiter, — dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei
+Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien
+zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere
+Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer,
+die unsere Gesetze machen helfen!</p>
+
+<p>Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach
+Norwegen und Schweden, — da sitzen im schwedischen Reichstage hundert
+Enthaltsame! — Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht!
+—</p>
+
+<p>Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und
+im Herrenhause, — sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch
+immer nicht trennen! — — Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister
+an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht
+hinüberseht, — gebt acht, —: dort unten aus dem handarbeitenden
+Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der
+Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure
+Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in
+Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht
+der Sklavenhalter!</p>
+
+<p>Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei
+Milliarden soll es euch alljährlich fronen — — aber es wird sich frei
+machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein
+ihm das Mark aussaugt!</p>
+
+<p>Freilich — von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker
+rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares
+Kapital ausmacht, — einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit
+dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen
+Schatz!</p>
+
+<p>Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein,
+euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<p>Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! — — —</p>
+
+<p>Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn
+ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den
+tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut
+das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid
+empfand, desto mehr litt ich mit ihr, — mit ihnen allen. Denn sie, die
+die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.</p>
+
+<p>Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die
+Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen
+aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!</p>
+
+<p>Ja, schäume nur, Ozean, — spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir,
+— siehst du, — unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all
+deinem Wüten, — — so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft
+der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich
+entgegenbranden! — — —</p>
+
+<p>Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige
+kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das
+menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr,
+die mich erdrücken wollte, — sondern lauter einzelne, praktische,
+greifbare Fragen, — wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag,
+sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede
+einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne
+durchzukämpfen, — vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr
+Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere
+Menschen zu ziehen, — und selbst zu werden: das ist und bleibt die
+Hauptaufgabe für unsere Kultur!</p>
+
+<p>Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der
+klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus
+der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu
+einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu
+unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!</p>
+
+<p>Und dann wird es kommen, — diese neuen Menschen werden dann Hand
+anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens,
+— und dann, — und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der
+Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein.
+Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen
+des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, —
+immer näher, — aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte
+sie nicht mehr auf mich aus, — das war ein fremdes Ideal, — mein
+Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in
+grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und
+Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von
+Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen
+Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach
+milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen
+Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und
+einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur
+Tat in sich verkörperte. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde
+drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und
+aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.</p>
+
+<p>Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches
+Metier!</p>
+
+<p>Nein, — dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber
+warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine
+Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben,
+die euch die Wahrheit sagen? — Armer König, — vielleicht lebtest du
+heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen
+Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!</p>
+
+<p>Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken
+Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er
+hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten
+zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft,
+mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des
+heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, — als Spott für die
+Straßenjugend von Lissabon. — »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn
+getauft.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> — Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig
+gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm
+zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen
+Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen
+hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem
+Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages
+warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier
+sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. — Ein Exempel mußte
+statuiert werden, — im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit
+nachdenken. — Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten
+Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. — Den Kopf voller
+Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der
+Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für
+die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.</p>
+
+<p>Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in
+dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. — Woher sie das Geld
+nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, — aus dem
+Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold
+gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? — Auf dem Totenbette
+schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.</p>
+
+<p>So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein
+allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie
+unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus
+viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge
+nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen
+nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner
+Asche! — — —</p>
+
+<p>Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten
+alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im
+Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen.
+Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man
+sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren
+gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke
+auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> der Gegner, —
+hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs
+Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten.
+Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der
+Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas
+alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt
+werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er
+mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf
+das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum
+Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von
+dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich
+auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste
+angenommen.</p>
+
+<p>Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine
+Samaritertat dir lohnen, — aber für einen König nur ein Stäubchen.
+Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf
+dich! Ans Werk! Ans Werk! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder
+— nein, das kann nicht sein. — Ich lese, — an allen Straßenecken
+sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift
+angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« — Wahnsinnige Toren! — —
+Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen
+göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben,
+wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes,
+leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle
+diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die
+Sonne selbst, solange es Menschen gibt. —</p>
+
+<p>Es dunkelt. — — — — Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff.
+Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft.
+Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen
+die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen
+des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> durch, die uns von
+der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft
+sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt
+auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen
+die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der
+Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo
+in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend,
+durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die
+finstere Nacht. — Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, —
+die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft,
+— hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt
+sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut.
+Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese
+Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff
+gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen
+bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem — war es ein
+Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.</p>
+
+<p>Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns
+hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend
+die Hand.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die
+ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu
+Hause alles wohl. Aber in der Welt? — Seltsam. Nie habe ich die Hand
+eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und
+sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange
+Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, — ich weiß es
+nicht. Aber wunderlich ist es.</p>
+
+<p>Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine
+Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand
+entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich
+verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande
+und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt —
+in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> Süden
+strecken, — also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar
+Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert.
+Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr,
+da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft
+hatten.</p>
+
+<p>Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und
+der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise
+vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten
+Verbündeten aus dem Hause Habsburg, — Wellenringe der Liebe und
+der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt
+hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und
+Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, — wir wußten, du würdest treu sein, — das hast
+du gut gemacht, mein Kaiser, — da warst du groß! — Kaiser, mein
+Kaiser, — ich grüße dich! — — — — —</p>
+
+<p>Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines
+Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott
+muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland
+verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, — so straft ihn die
+Gerechtigkeit. — —</p>
+
+<p>Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro,
+der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber
+sein Volk nicht kannte.</p>
+
+<p>Und wiederum noch einen hat's gepackt, — den Abdul Hamid, den einst
+allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war
+sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er
+aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit
+Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren,
+besseren Kultur dämpfen — aber die Macht des Gedankens, die Macht der
+Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich.
+Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, —
+verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!</p>
+
+<p>Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, — ein verwesender
+Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein
+Leben verleiht, — und in Rußland die Liebe fehlt. — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
+
+<p>Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner
+Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des
+russischen Volkes.</p>
+
+<p>Und plötzlich — wie es kam, ich weiß es nicht — fiel mir die
+Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns
+im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die
+Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze
+wehe!</p>
+
+<p>Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches
+Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von
+großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen
+seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen,
+dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph
+aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem
+großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn,
+der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der
+sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird,
+und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu
+schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader — und
+viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; — und dort
+der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort
+Castro, da — der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und
+Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht
+geschlagen und weinte bitterlich.</p>
+
+<p>Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und
+küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten
+sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und
+ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.</p>
+
+<p>Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der
+Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm
+liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um
+seiner Reue willen noch einmal lebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p>
+
+<p>Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll,
+ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog
+und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer
+nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber
+nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen,
+so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen,
+wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.</p>
+
+<p>Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. —</p>
+
+<p>Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste
+Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo
+Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei
+zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande
+vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte,
+Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und
+der Schriftstellerei widmen.</p>
+
+<p>Seltsam, — sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand
+hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag:
+bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus
+der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen
+seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch
+die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren
+Stempel.«</p>
+
+<p>Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es
+fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er
+hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat
+reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein
+Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der
+Herrschaft des Dollars, — und er wollte Antilopen und Elefanten in
+Afrika jagen? — Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? — —</p>
+
+<p>Kaiser, mein Kaiser, — du stammst aus deinem Volke! Du gehst<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> nicht
+nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! — Ich
+weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im
+Geiste die Hand. — — — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er
+selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer
+Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die
+Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die
+Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand
+des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie
+aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles
+Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar
+der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau
+kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen
+Organismus verbunden sei.</p>
+
+<p>Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von
+Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die
+meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie
+gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe
+auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte,
+trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.</p>
+
+<p>Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so
+überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die
+Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen
+Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vorwärts, weiter stampft der Kolben, — mir viel zu langsam. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land
+gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach
+Afrika.</p>
+
+<p>Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät
+war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Finken und
+Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen.
+Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern
+fuhren sie mit ihren Booten an Land, — die einen, um möglichst bald
+wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, — die anderen, um in ihr
+Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.</p>
+
+<p>Spanischer König, besinne dich, — denk daran, wie es deinem Nachbarn
+erging!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer?
+— — Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen,
+befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! — Vorwärts! Vorwärts!
+— — —</p>
+
+<p>Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus
+Norden.</p>
+
+<p>Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den
+Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und
+unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der
+Maschinen zu.</p>
+
+<p>Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften,
+den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als
+Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über
+den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.«
+Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der
+Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, — wenn
+Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker
+gewesen ist, der anständigste war er doch, — dann hätten wir die
+Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und
+Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie
+dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen
+lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch
+mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> ist
+gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen
+Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«</p>
+
+<p>»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den
+zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den
+Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung
+aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer,
+den sie den Anarchisten nannten, — »denn in dem nämlichen Zeitraum
+hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, — sechzig
+Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber
+nicht dabei, — das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für
+seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps
+und Bier, — und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen
+Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der
+Teufel soll die ganze Bagage holen!«</p>
+
+<p>Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne
+Schottentür, daß der Raum dröhnte.</p>
+
+<p>»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar
+um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, — »das müßt ihr mir
+eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«</p>
+
+<p>»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir
+entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr
+laut sprachen.</p>
+
+<p>»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof
+meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs
+Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem
+Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde
+beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben
+fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem
+Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt.
+Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt
+und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte:
+›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und
+schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.</p>
+
+<p>Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit
+allzu grob, — so wie wir Bayern nun einmal sind. — Was meint<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> ihr?
+Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate
+habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof
+verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und
+Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in
+meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen,
+wie es will!«</p>
+
+<p>»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse.
+»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer
+Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich
+an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das
+Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu
+begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport,
+— mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, — hier stieß
+ich auf Widerstand und dort, — wurde hier schikaniert und da, — da
+wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte
+mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann
+aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum,
+Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. — Da graute mir davor,
+daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann
+euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute
+schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden.
+Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas
+angeht.«</p>
+
+<p>»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim
+Kragen kriegt.« — »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe
+nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein
+begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen
+hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden
+Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte
+ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf
+der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei
+der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als
+sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der
+Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben
+habe. — Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. — Dann
+wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> das Kind arbeiten.
+Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages
+kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren
+Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis,
+sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu
+lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.</p>
+
+<p>Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun
+pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben
+als ein Freier.«</p>
+
+<p>Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die
+Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des
+Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst
+mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich
+Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte
+sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten
+mich schier krank. Ja, — es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel
+zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der
+gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet
+werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an
+der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr
+Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr
+Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr
+Eltern und ihr Kinder, — wir alle, alle, — was haben wir für eine
+rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe,
+wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! —</p>
+
+<p>Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe,
+in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine
+Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und
+der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe
+und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln,
+durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden
+Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> keine
+Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte
+und keine Menschenverachtung zerstört werde!</p>
+
+<p>Kultusminister! — Tust du deine Pflicht? — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt
+und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und
+hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner
+gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch
+die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu
+praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? — —</p>
+
+<p>Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches
+Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer
+und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal
+herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die
+sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der
+Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt.
+Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen
+Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung.
+Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht
+gemacht.</p>
+
+<p>Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen
+Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung
+von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten
+Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.</p>
+
+<p>Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß
+es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe
+zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.</p>
+
+<p>Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde
+nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen
+und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen
+Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen
+abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Jugend zu
+gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.</p>
+
+<p>Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und
+hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie,
+ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es
+längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien
+gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen
+hineinzusetzen.«</p>
+
+<p>»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben
+Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte,
+Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach
+England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und
+Alkoholbekämpfung zu studieren.</p>
+
+<p>Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das
+Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer
+Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche
+Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu
+nehmen. Was wollen Sie mehr!«</p>
+
+<p>»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete
+Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der
+ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum
+Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer
+der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den
+Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der
+Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer
+Panik verspottet.«</p>
+
+<p>Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits
+des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war.
+Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk
+hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen
+machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine
+Vergangenheit etwas vergessen zu machen!</p>
+
+<p>Nein, König Eduard, — es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über
+dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der
+Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht
+gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span>
+vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine
+Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der
+Macht der Liebe!</p>
+
+<p>Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres
+Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe
+in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm
+sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in
+endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel
+fassen kann in seinem Mutterboden.</p>
+
+<p>Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch
+bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der
+Schnapsbrenner und der Bierbrauer.</p>
+
+<p>Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische
+Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus
+zu bringen, — dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt,
+dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und
+gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine
+Vergangenheit!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von
+Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete
+uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit
+Geisterhand vorwärts der Heimat zu.</p>
+
+<p>Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite
+Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins
+meiner Lieblingslieder:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n,</div>
+ <div class="verse indent0">Schön sind des Südlands dunkle Frau'n!</div>
+ <div class="verse indent0">Schöner die Heide, mein sonniges Feld,</div>
+ <div class="verse indent0">Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt,</div>
+ <div class="verse indent0">Lieb mir der tannenduftende Wald,</div>
+ <div class="verse indent0">Freiheit ruft mir das wogende Meer --</div>
+ <div class="verse indent0">Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Herz, mein Herz, was klopfst du so<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> sehr?</div>
+ <div class="verse indent0">Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer?</div>
+ <div class="verse indent0">Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus?</div>
+ <div class="verse indent0">Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld,
+Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, — dann ein paar Tage
+Nordsee, — Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«</p>
+
+<p>— »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im
+Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. — »Wie weit sind sie
+wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein
+Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre
+schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden.
+Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.</p>
+
+<p>Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche
+und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für
+alle, die deutsche Männer heißen wollen. — — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des
+französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche,
+schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes
+gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich.
+Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, —
+nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur
+die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.</p>
+
+<p>Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst
+vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten
+Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.</p>
+
+<p>Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, — das wäre
+noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die
+stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke
+und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der
+vorletzte dem letzten zur Beute fällt.</p>
+
+<p>Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine,<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> einen Mund
+und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein
+Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft
+Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele,
+die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, — in
+Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.</p>
+
+<p>Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark
+zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den
+Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen
+können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven,
+ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die
+Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende
+Masse, zu drangsalieren.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein
+Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer
+war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren
+in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten
+Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl
+geworden, — man sah es an seinen Augen, — starkknochig, mit breiter,
+brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden.
+Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war
+es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres
+Volkes erschimmern sah.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße
+einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen
+Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens,
+in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll
+Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen
+stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte
+und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der
+Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift
+in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die
+Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> immer lauter ein
+Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen,
+als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen
+und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und
+Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von
+Reuigen, die sich im Jammer wanden.</p>
+
+<p>Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges
+Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis
+und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen
+den Atem auspressend, das Blut aussaugend, — und mächtig stieg der
+Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit
+den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.</p>
+
+<p>Doch plötzlich — was ist das? — Ich höre Lieder singen, frohe, fromme
+Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie
+im Marschtritt eilt es heran, — immer neue Scharen, — Männer und
+Frauen. — Siegesgesänge. — Krachend splittern die blanken Äxte in den
+Stamm des Baumes. — Er wankt — er stürzt — und im Fallen begräbt er
+unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe
+und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und
+über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen,
+freien Volkes! —</p>
+
+<p>Da wachte ich auf.</p>
+
+<p>Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch.
+Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.</p>
+
+<p>Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden,
+daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: — Geht über eure
+Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure
+Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an
+den Trunk kamen, — und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie
+schleunigst vergessen.</p>
+
+<p>Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie
+sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! —
+Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer
+Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende,
+eurer Sektbowlen — und Bier- und Branntweinzechereien — seht eure
+kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in
+der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> Lieben,
+eure Kranken klagen euch an, — und ich rede für die, die stumm sind!
+— Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser,
+eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes
+zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und
+Pestilenz über eure Söhne zu bringen. — Das ganze Elend unseres
+Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit
+in tausendfacher Gestalt, — das Elend unseres Volkes klagt euch an!
+Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden
+opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte
+und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, — euch,
+euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende
+hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! — —</p>
+
+<p>Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche
+dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen
+aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und
+Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe
+und der Tat?</p>
+
+<p>Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang
+der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; — ich hatte sie
+singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem
+Geiste des Weltenmeisters, — seit Jahren hatten sie auch mir immer
+wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht — und wie
+Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues
+Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar,
+siegreich bis ans Ende!</p>
+
+<p>Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein
+zu neuen Häusern bauen — jedes Haus ein Tempel, — in den Städten, auf
+den Dörfern, in der Heide, am Meere!</p>
+
+<p>Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, — schon
+machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange
+— Frohsinn und Freiheit überall, — o mein Gott, es wurde wunderschön
+im Vaterlande! — Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen
+Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen
+Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich,
+wie ein Frühling unseres Volkes! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten
+Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der
+Nordsee zu.</p>
+
+<p>Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen
+Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit
+ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht
+hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? — Ich kann dir
+sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch
+zwanzigmal wollten, — das englische Volk will nicht! Das englische
+Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit
+vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das
+arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem
+hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier
+und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er
+ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben
+die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen
+Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die
+jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.</p>
+
+<p>Merkwürdig, seltsam, — mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr,
+daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind,
+verwandt in Gedanken und Gefühlen.</p>
+
+<p>An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle
+atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, — »nebenbei
+der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, — was wäre
+die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr
+söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen
+Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott
+kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke
+an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf
+ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?</p>
+
+<p>Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei
+uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die
+besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen
+die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären,<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> und wandeln die
+Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in
+die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, — so geht's
+nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre
+erfunden — das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben —: Das
+Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht,
+in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht
+der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur
+Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben
+zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« — »Aber wie ist das
+zu machen?« fragte der Heizer. — »Viel einfacher, als es scheint.
+Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder
+Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens
+entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich
+von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt.
+Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf
+seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder
+Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein
+Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben,
+so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung
+von Sachverständigen vergüten.« — »Und die Hypotheken,« fragte der
+Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« — »Die werden bei
+der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden
+Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in
+Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien
+werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, — aber kommen wird die
+Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post
+und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt
+ihr sagen, was ihr wollt« — und er schlug mit der Faust auf die Bank,
+daß sie krachte, — »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten
+wir es gleich!« — — — — —</p>
+
+<p>Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß
+da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten,
+die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch
+nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und
+der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes,<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> des Volkes war,
+heilig, unantastbar, — das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk
+wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause
+alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.</p>
+
+<p>Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte
+ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am
+Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut
+acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch
+das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung
+bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit
+Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns
+heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen
+Zustände zu bessern.</p>
+
+<p>Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht
+läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. — — — —</p>
+
+<p>Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras
+wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden
+für das Ewige.</p>
+
+<p>Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein
+langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei
+Gutes mitteilen — ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen,
+die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und
+uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die
+Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das
+hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen,
+das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.</p>
+
+<p>So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in
+greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir
+schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.</p>
+
+<p>Er schrieb:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»Lieber Freund!<br></p>
+
+<p>Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.</p>
+
+<p>Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!</p>
+
+<p>Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft
+begrüßen zu können.</p>
+
+<p>Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle,
+alle!</p>
+
+<p>Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!</p>
+
+<p>Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in
+ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und
+Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!</p>
+
+<p>Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die
+glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen
+zu können, — aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg.
+Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, —
+halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen
+mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit
+sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.</p>
+
+<p>Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten
+noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie
+die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem
+Frevel.</p>
+
+<p>Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend,
+zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen
+unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen,
+unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich
+Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und
+sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird.
+Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von
+den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br.
+Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt,
+sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.</p>
+
+<p>Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span>
+melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der
+Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben
+schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine
+Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind.
+Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer.
+Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen
+gründen, — eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, — nächstens
+beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich
+hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die
+Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.</p>
+
+<p>Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt,
+allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der
+Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.</p>
+
+<p>Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet,
+damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken
+und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der
+Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel
+den Schülern seines alten Gymnasiums; — ich sage Dir, keiner von
+uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, — er
+hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte
+der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen
+erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über,
+wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.</p>
+
+<p>Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner,
+Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose
+in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser
+braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird
+sie nicht fürchten!</p>
+
+<p>Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie
+unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen
+Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf
+Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
+
+<p>Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß
+nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute.
+Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus,
+beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke,
+zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine
+Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die
+Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten,
+einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein
+strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem
+Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!</p>
+
+<p>Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten
+durch das ganze Land, — es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm
+ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die
+gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden
+Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen
+Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke
+mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren
+Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen
+für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und
+Schwestern im Lande.</p>
+
+<p>Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber
+aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen
+Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften
+seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und
+mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann,
+weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie
+ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du
+sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!</p>
+
+<p>Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden.
+Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch
+ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die
+Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit
+allmählich anfangen nachzudenken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p>
+
+<p>Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf
+Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und
+unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben
+alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen
+wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.</p>
+
+<p>Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister!
+Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der
+alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen
+sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude
+verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und
+durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an
+den Kunstschöpfungen unserer Großen, — und, denk Dir, dieses alles
+ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem
+Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber
+wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die
+Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern
+jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von
+Herzen freuen, das weiß ich.</p>
+
+<p>Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!</p>
+
+<p>Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König
+Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die
+Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen
+für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und
+Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der
+Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So
+beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er
+sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika
+zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit
+und das gelbe Fieber zusammengenommen!</p>
+
+<p>Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform
+soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige
+Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> und gegen
+andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man,
+den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es
+scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die
+Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur
+zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.</p>
+
+<p>Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich
+mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da
+ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß
+die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt
+sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf
+die Dauer Bestand hat.</p>
+
+<p>Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die
+Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf
+diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in
+diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander
+angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes,
+einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker
+selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so
+machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen
+zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der
+Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser
+englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu
+wollen.</p>
+
+<p>Bruder, Du sollst es sehen, — der Menschheitsfrühling naht! Wohl
+jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland
+zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!</p>
+
+<p>Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir
+schaffen!</p>
+
+<p class="mright8">Dein</p>
+<p class="right">Heinz.«</p><br>
+</div>
+
+<p>Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen
+Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! — —</p>
+
+<p>Kaiser, mein geliebter Kaiser, — oh, ich wußte es ja, du bist groß und
+gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest
+du den Zeitgeist verstehen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
+
+<p>Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so
+schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig
+längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du
+nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die
+Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen,
+dich fördern sollten! — Doch nun weiter, unermüdlich.</p>
+
+<p>Weiter! — Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher!
+Immer mehr im Geiste der Liebe!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, — diese
+Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, — die Reichen und
+Großen folgten, — ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und
+seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine
+Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte
+des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute
+so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn.
+Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des
+greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet
+her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
+erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte
+ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen
+Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und
+unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der
+jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie
+er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten
+zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen,
+einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins
+Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im
+Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten,
+das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit
+unserer Frauen!</p>
+
+<p>Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale
+von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam
+Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> und Händen, nur von
+dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! — — — —</p>
+
+<p>Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese
+alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich
+mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du
+die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die
+Größe liebst, weil du selbst groß bist!</p>
+
+<p>Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von
+Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest
+drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos
+arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! — Wir eilen heim. — In mir
+flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, — von Sonnenschein, von
+hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In
+Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg
+wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen
+Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten,
+Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun
+wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder,
+Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der
+englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London
+gefahren war.</p>
+
+<p>Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der
+englischen Großlogensitzung:</p>
+
+<p>»In einer großen, von den Guttemplern und anderen
+Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen
+Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der
+Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das
+Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor
+J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und
+ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen
+in Schottland,<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> der zweite über diejenigen in England, und ich war
+aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung
+zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten
+die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders
+glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise
+gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber
+es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von
+Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von
+Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der
+anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der
+ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft
+und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu
+versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht
+der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen
+Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen,
+sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹</p>
+</div>
+
+<p>Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales,
+Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste
+überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen
+unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall
+wurde sie einstimmig angenommen.</p>
+
+<p>Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und
+Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche
+Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution
+versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen
+neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine
+Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des
+Weltfriedens in hohem Maße beitrage.</p>
+
+<p>Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch
+vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und
+aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst
+mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten
+glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als
+einmal zu hören!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p>
+
+<p>Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier
+Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung:
+»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt
+gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs-
+und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition.
+Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den
+Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und
+Mißverständnisse der Politik.</p>
+
+<p>Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar
+nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere
+Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch
+zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit
+Deutschland in Fühlung zu treten.</p>
+
+<p>Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie
+überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach
+dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit
+Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die
+englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern
+Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er,
+hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und
+streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen,
+die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach
+Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des
+Friedens!« — — — —</p>
+
+<p>Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr-
+und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen
+Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit
+strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine
+Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren,
+gegen die Deutschen! Versuch es nur, — aber hüte dich, daß der Sturm
+der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt
+dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur
+Sonne, wie das meinige! — Ich weiß es wohl, — es sind nicht nur deine
+eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du
+willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast,
+— das erste Volk der Erde<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> soll es sein! — Wohlan, wir sind gerüstet,
+wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes
+Volk von sechzig Millionen! — Wir aber werden euch nicht angreifen,
+— wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in
+friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den
+Wegen der Kultur! —</p>
+
+<p>Ihr Könige, gebt acht! — Die Völker werden nüchtern und werden durstig
+nach Liebe! — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck
+zusammen.</p>
+
+<p>Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten
+aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten
+Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der
+Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu
+eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als
+dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele
+vorangegangen sei, — wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter
+den Nationen.</p>
+
+<p>Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen
+Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die
+amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits
+viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem
+heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur
+schuf.</p>
+
+<p>Eine einfache kleine Volksschullehrerin, — aber mit dem Willen zur
+Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi
+Geist stammte.</p>
+
+<p>Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem
+Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen
+Mitglieder im schwedischen Reichstage, — ein gut Teil davon
+Sozialisten, — die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege
+zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine
+Kriege. — —</p>
+
+<p>Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.</p>
+
+<p>»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge,
+Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p>
+
+<p>»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche
+Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch
+für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden
+zu bewahren.«</p>
+
+<p>»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche
+Unterricht eingeführt.«</p>
+
+<p>»Fortschritt überall!«</p>
+
+<p>»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor
+allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der
+Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder
+Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden
+der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle
+weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne
+zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen
+Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen
+gekommen seien.«</p>
+
+<p>Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind
+durch Tausende lebendiger Fäden!</p>
+
+<p>»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer
+Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und
+Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte
+herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« — und
+wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch
+hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung
+gegeben habe, — »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der
+Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«</p>
+
+<p>»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden
+sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im
+Freien, im Wald und auf der Heide.« — — —</p>
+
+<p>Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu
+großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit
+meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen
+Wellenringe der Nationen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf
+meinen stillen Platz hinter der Maschine.</p>
+
+<p>Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und
+putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube.
+Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von
+meinen Träumen abgelenkt wurde.</p>
+
+<p>Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe
+bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in
+aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?«
+— »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er
+mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und
+klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse
+der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, — sie ist doch wichtig.</p>
+
+<p>Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich
+allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine
+würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet
+werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, —
+und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend
+noch so unbedeutend, — seine Bedeutung hat für das Gedeihen des
+Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren
+und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«</p>
+
+<p>Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.</p>
+
+<p>Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. — —
+— Und ich, was war ich denn?</p>
+
+<p>Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, —
+als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große,
+graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?</p>
+
+<p>War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese
+kleine Schraube, — war ich überhaupt so viel?</p>
+
+<p>Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den
+Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor
+Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem
+Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den
+Fortschritt der Menschheit bedeutete?</p>
+
+<p>Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p>
+
+<p>Und doch, — und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die
+Maschine. —</p>
+
+<p>Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich
+lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager
+lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet
+werden. —</p>
+
+<p>Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner
+Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser
+Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner
+Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.</p>
+
+<p>Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.</p>
+
+<p>Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe,
+für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.</p>
+
+<p>Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die
+sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie
+unaufhaltsam vorwärtstrieb. — Und dankbar dachte ich seines neuen
+Erlasses.</p>
+
+<p>Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt
+ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser
+Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus
+der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den
+steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, — allem, was die
+Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, — gerade wie
+die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der
+Nacht.</p>
+
+<p>Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein
+Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne
+Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch
+immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so,
+wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich
+und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« —</p>
+
+<p>Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein
+Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus
+grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker
+überschattend im Geiste der Liebe. — — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und
+ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und
+sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen
+Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von
+Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem
+treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte,
+Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph
+gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit
+derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als
+Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine
+Seelenruhe nie erschüttern.</p>
+
+<p>Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir
+je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht
+fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue
+gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem
+man gehört, — treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören,
+— die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht
+von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, — aber festhalten
+heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur
+gegenseitigen Förderung.</p>
+
+<p>So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt
+haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer
+Völker, zum Besten der Menschheit!«</p>
+
+<p>Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über
+unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den
+Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in
+einer Kirche der Heimat Ostern feierten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer
+der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!</p>
+
+<p>Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.</p>
+
+<p>Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst
+den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem
+Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines,<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> noch
+ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß
+der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. — Wunderlich, wie
+schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der
+akademischen Trinksitten! — — — — —</p>
+
+<p>»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen
+nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven
+würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue
+Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit
+einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. —
+Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! — Der Vater,
+Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch
+werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen
+und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden
+geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn
+hochgerissen. — In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege
+weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein
+gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, —
+eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung —
+Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, — aber es sei famos, — und
+die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als
+ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« — — —</p>
+
+<p>Ein Händedruck. — »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« — Der Kollege fährt
+wieder an Land.</p>
+
+<p>Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes
+weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. — —</p>
+
+<p>Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt
+noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, — der
+»Sonnenscheinsamen« — der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.</p>
+
+<p>Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt;
+— er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich
+antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht
+für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft,
+zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht
+für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> an
+sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch
+diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein
+einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige,
+große Aufgabe hat.</p>
+
+<p>In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme.
+— —</p>
+
+<p>Vor mir lagen meine Lieder.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="p2 s4">Sonnenscheinsamen.</p></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Sonnenscheinsamen</div>
+ <div class="verse indent2">Schenktest du mir, Geliebte!</div>
+ <div class="verse indent2">Sonnenscheinsamen!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber streut' ihn</div>
+ <div class="verse indent2">Mit vollen Händen</div>
+ <div class="verse indent2">In die Herzen der Menschen,</div>
+ <div class="verse indent2">In reich und arm,</div>
+ <div class="verse indent2">In hoch und niedrig,</div>
+ <div class="verse indent2">Ohne zu fragen,</div>
+ <div class="verse indent2">Ob sie ihn wollten.</div>
+ <div class="verse indent2">Und die ihn nicht wollten,</div>
+ <div class="verse indent2">Bedurften seiner am meisten;</div>
+ <div class="verse indent2">Denn sie saßen im Dunkeln</div>
+ <div class="verse indent2">Und hatten vergessen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde.</div>
+ <div class="verse indent2">Und von den Klugen und Weisen</div>
+ <div class="verse indent2">Riefen die meisten:</div>
+ <div class="verse indent2">Halt' ein, du Fürst, du Verschwender,</div>
+ <div class="verse indent2">Weißt du nicht, was du tust?</div>
+ <div class="verse indent2">All deinen Sonnenschein</div>
+ <div class="verse indent2">Entnimmst du dem Herzen</div>
+ <div class="verse indent2">Und streust ihn,</div>
+ <div class="verse indent2">Ohne an dich zu denken,</div>
+ <div class="verse indent2">Über die Erde,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob dein Reichtum</div><span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span>
+ <div class="verse indent2">Nimmer enden könnte! —</div>
+ <div class="verse indent2">Toren und Narren!</div>
+ <div class="verse indent2">Zürn' ihnen nicht!</div>
+ <div class="verse indent2">Sie kennen dich nicht, Geliebte,</div>
+ <div class="verse indent2">Noch deinen Samen.</div>
+ <div class="verse indent2">Kennen nicht seine Kraft</div>
+ <div class="verse indent2">Und wissen nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß, je mehr ich ihn säe,</div>
+ <div class="verse indent2">Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht,</div>
+ <div class="verse indent2">Und um so mehr von diesem deinen Samen</div>
+ <div class="verse indent2">In mich zurückfällt,</div>
+ <div class="verse indent2">Wuchernd und werbend!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb1">
+ <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.</p>
+</div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Was wißt ihr von Freiheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr, die ihr nimmer</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem Gewühl der Städte entranntet,</div>
+ <div class="verse indent2">Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser,</div>
+ <div class="verse indent2">Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen</div>
+ <div class="verse indent2">Und Fürstendienern!</div>
+ <div class="verse indent2">Was wißt ihr von Freiheit!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff,</div>
+ <div class="verse indent2">Über mir funkelt des Südens Kreuz</div>
+ <div class="verse indent2">Und das Schwert des Orion. —</div>
+ <div class="verse indent2">Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut,</div>
+ <div class="verse indent2">So weit das Auge reicht, kein Land,</div>
+ <div class="verse indent2">Nur unbegrenztes, unendliches Meer.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber trinke, in langen Zügen</div>
+ <div class="verse indent2">Satt mich trinkend, selige Freiheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Eins mich fühlend in meiner Seele</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem Geiste der Welten,</div><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span>
+ <div class="verse indent2">Der über die Meere herrscht und über die Erde</div>
+ <div class="verse indent2">Und alle Gestirne.</div>
+ <div class="verse indent2">Und meine Seele ist bei ihm</div>
+ <div class="verse indent2">Und lebt in ihm</div>
+ <div class="verse indent2">Und fühlt sich eins mit ihm</div>
+ <div class="verse indent2">Als Herrn der Welt! —</div>
+ <div class="verse indent2">Allein der Herr der Welt</div>
+ <div class="verse indent2">Ist die Liebe!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr aber macht euch Gesetze,</div>
+ <div class="verse indent2">Die der Liebe spotten und somit des Herrn!</div>
+ <div class="verse indent2">Wißt ihr, was Tropensonne heißt?</div>
+ <div class="verse indent2">Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden?</div>
+ <div class="verse indent2">So ist die Liebe!</div>
+ <div class="verse indent2">Den Tod besiegend und Leben erweckend,</div>
+ <div class="verse indent2">Eis des Nordens in Dampf verwandelnd,</div>
+ <div class="verse indent2">Meere kochend,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie entströmen</div>
+ <div class="verse indent2">In heißen Wogen ihren Gestaden,</div>
+ <div class="verse indent2">Weithin tragend in grünen Wellen</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne des Südens,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie an Nordlands kalten Gestaden</div>
+ <div class="verse indent2">Wonnespendend</div>
+ <div class="verse indent2">Wunder des Frühlings lieblich zaubern.</div>
+ <div class="verse indent2">Mich durchglühte die Tropensonne</div>
+ <div class="verse indent2">Und weckte mir Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Glühend heiß wie sie selbst,</div>
+ <div class="verse indent2">Nordlandeis in Dampf zu verwandeln!</div>
+ <div class="verse indent2">Und kraft dieser Liebe</div>
+ <div class="verse indent2">Breche ich eure Gesetze,</div>
+ <div class="verse indent2">Die euch in Fesseln halten,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie der Nordsturm die Bäche</div>
+ <div class="verse indent2">In unserer Heimat in Eis verwandelt,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie die Fluren nicht tränken können.</div>
+ <div class="verse indent2">Eure Gesetze und Sitten,</div>
+ <div class="verse indent2">Euren Glauben und eure Dogmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die euch verbieten, euch so zu lieben,</div><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span>
+ <div class="verse indent2">Wie der euch zeigte,</div>
+ <div class="verse indent2">Der die Sonne in euer Leben brachte</div>
+ <div class="verse indent2">In nur einem Gesetz,</div>
+ <div class="verse indent2">Einem einzigen, sonnigen:</div>
+ <div class="verse indent2">Liebet euch untereinander!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr aber tötet euch untereinander</div>
+ <div class="verse indent2">Kraft eurer Gesetze,</div>
+ <div class="verse indent2">Und haßt euch gegenseitig</div>
+ <div class="verse indent2">Und steinigt euch</div>
+ <div class="verse indent2">Kraft eurer Sitten!</div>
+ <div class="verse indent2">Um was?</div>
+ <div class="verse indent2">Um eures Glaubens, eurer Dogmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Eurer Sitten willen!</div>
+ <div class="verse indent2">Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! —</div>
+ <div class="verse indent2">Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen?</div>
+ <div class="verse indent2">Habt ihr der Tropen Sonne gespürt?</div>
+ <div class="verse indent2">Habt ihr des Sturmes Brausen gehört</div>
+ <div class="verse indent2">Auf wogendem Meer?</div>
+ <div class="verse indent2">Sie lachen eurer und eurer Gesetze</div>
+ <div class="verse indent2">Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe,</div>
+ <div class="verse indent2">Die nie versieget,</div>
+ <div class="verse indent2">An die ihr nicht tasten könnt</div>
+ <div class="verse indent2">Mit euren Händen</div>
+ <div class="verse indent2">Und eurem Menschenverstande</div>
+ <div class="verse indent2">Und eurer Kälte, —</div>
+ <div class="verse indent2">Von Wärme und Größe,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ewig frei war, und ewig es sein wird!</div>
+ <div class="verse indent2">Und das Meer und die Sonne</div>
+ <div class="verse indent2">Und der brausende Sturm</div>
+ <div class="verse indent2">Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie alle haben es mich gelehrt,</div>
+ <div class="verse indent2">Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden,</div>
+ <div class="verse indent2">— Würdig euch Menschen, —</div>
+ <div class="verse indent2">Und bar der Liebe!</div>
+ <div class="verse indent2">Und so lache ich euer und eurer Gesetze</div>
+ <div class="verse indent2">Und Sitten und toten Dogmen,</div><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span>
+ <div class="verse indent2">Und habe Mitleid mit euch</div>
+ <div class="verse indent2">Und liebe euch</div>
+ <div class="verse indent2">In all eurer Kleinheit</div>
+ <div class="verse indent2">Und eurer Härte und Kälte,</div>
+ <div class="verse indent2">Und will euch auftauen mit meiner Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut,</div>
+ <div class="verse indent2">Und stürmen wie der Sturm,</div>
+ <div class="verse indent2">Reinigend, stärkend,</div>
+ <div class="verse indent2">Und lieben, wie die Sonne der Tropen,</div>
+ <div class="verse indent2">Heiß, versengend und Leben weckend,</div>
+ <div class="verse indent2">Überreich' Leben!</div>
+ <div class="verse indent2">Und kraft des sonnigsten Gesetzes,</div>
+ <div class="verse indent2">Das der sonnigste Mensch euch gab,</div>
+ <div class="verse indent2">Liebe ich die, die ihr verachtet,</div>
+ <div class="verse indent2">Liebe ich die, die ihr hasset,</div>
+ <div class="verse indent2">Denn sie bedürfen der Liebe! —</div>
+ <div class="verse indent2">Lieb' ich euch alle!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn ihr alle bedürft der Liebe!</div>
+ <div class="verse indent2">Und auf dem starken Fittich meiner Liebe</div>
+ <div class="verse indent2">Über Tod und Grauen</div>
+ <div class="verse indent2">Trage ich euch empor zum Herrn der Welten,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Geist der Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem ich eins mich weiß</div>
+ <div class="verse indent2">Als Herrn der Welt!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Weißt du, wer ich bin?</div>
+ <div class="verse indent2">Weißt du, wer ich bin?</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Stückchen bin ich vom Nagel</div>
+ <div class="verse indent2">Am kleinen Finger der Gerechtigkeit.</div>
+ <div class="verse indent2">Wehe dir, wenn du Arme drückst</div>
+ <div class="verse indent2">Oder Bedrängte!</div>
+ <div class="verse indent2">Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose,</div>
+ <div class="verse indent2">Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast!</div>
+ <div class="verse indent2">Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht</div>
+ <div class="verse indent2">Und Unrecht in Recht verwandelst!</div><span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span>
+ <div class="verse indent2">Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl</div>
+ <div class="verse indent2">Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers,</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich führe ihrer Hand den Weg,</div>
+ <div class="verse indent2">Um dich zu packen!</div>
+ <div class="verse indent2">Darum hüte dich! —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Weißt du, wer ich bin?</div>
+ <div class="verse indent2">Weißt du, wer ich bin?</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Stäubchen bin ich im Weltenall,</div>
+ <div class="verse indent2">Getragen von einem Sonnenstrahl,</div>
+ <div class="verse indent2">Von einem Strahl aus jener Quelle,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ewig war und ewig sein wird!</div>
+ <div class="verse indent2">Von einem Strahl aus jener Quelle,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus der seit Ewigkeiten</div>
+ <div class="verse indent2">Alle Liebe und alle Wärme fließt.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wenn du im Elend bist;</div>
+ <div class="verse indent2">Und wenn du einsam oder in Sorgen bist;</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn du arm oder gedrückt bist;</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn Krankheit dich quält</div>
+ <div class="verse indent2">Und Schmerz</div>
+ <div class="verse indent2">Und Angst vor dem Ende:</div>
+ <div class="verse indent2">So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und kraft des Strahls, durch den ich lebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Will ich dich lieben und dich erwärmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß deine Sorgen und deine Schmerzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und was dich drückt,</div>
+ <div class="verse indent2">In nichts zerfließt —</div>
+ <div class="verse indent2">Nimm mein Leben, — nur komm! —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Merkwürdiges erleb' ich!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich sehe die Dinge, wie sie sind,</div>
+ <div class="verse indent2">Und sage, was ich sehe!</div>
+ <div class="verse indent2">Und andere sehen die Dinge</div>
+ <div class="verse indent2">Ebenso wie ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Und sagen, sie sähen sie anders!</div>
+ <div class="verse indent2">Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch,</div><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span>
+ <div class="verse indent2">Oder es ist ihnen bequemer.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber sie merken nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß ihre Worte wie Nebel sind,</div>
+ <div class="verse indent2">Die die Wahrheit verdunkeln,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln!</div>
+ <div class="verse indent2">Und andere glauben, klug zu sein,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken,</div>
+ <div class="verse indent2">Und tun,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob sie anders wären und anderes wollten!</div>
+ <div class="verse indent2">Und sehen nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen!</div>
+ <div class="verse indent2">Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber die Wahrheit ist stark und hell,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die Sonne,</div>
+ <div class="verse indent2">Und scheint durch allen Nebel hindurch,</div>
+ <div class="verse indent2">Oft nur in Strahlen,</div>
+ <div class="verse indent2">Oft hellt sie ihn ganz.</div>
+ <div class="verse indent2">Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß man sie so leicht finden kann,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie ein Licht im Dunkeln!</div>
+ <div class="verse indent2">Und je näher wir kommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Desto größer und heller scheint uns das Licht;</div>
+ <div class="verse indent2">Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen,</div>
+ <div class="verse indent2">Desto heller wird es in uns!</div>
+ <div class="verse indent2">Sie gleicht einem Leuchtturm,</div>
+ <div class="verse indent2">Der fernher über das finstere Meer</div>
+ <div class="verse indent2">Unserem Schiffe den Weg zeigt</div>
+ <div class="verse indent2">Zur fernen Küste! —</div>
+ <div class="verse indent2">Du bist der Leuchtturm</div>
+ <div class="verse indent2">Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte!</div>
+ <div class="verse indent2">Einem Licht im Dunkeln gleichst du,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie du der Wahrheit gleichst,</div>
+ <div class="verse indent2">So hell und klar.</div>
+ <div class="verse indent2">Das kommt,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr beide habt eine Mutter:</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sonne!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p>
+
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+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Den Tod fürchtest du,</div>
+ <div class="verse indent2">Den Allbezwinger?</div>
+ <div class="verse indent2">Ach, ich versteh' dich!</div>
+ <div class="verse indent2">Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe,</div>
+ <div class="verse indent2">Und dich schreckt das Gerippe</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Furcht vor dem Nichts,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Unbekannten,</div>
+ <div class="verse indent2">Großen,</div>
+ <div class="verse indent2">Leeren,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Nichts!</div>
+ <div class="verse indent2">Ist es nicht so?</div>
+ <div class="verse indent2">Sei ruhig und ängstige dich nicht</div>
+ <div class="verse indent2">Und laß dir erzählen!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenne ihn!</div>
+ <div class="verse indent2">Zweimal trat er an mich heran.</div>
+ <div class="verse indent2">Als er zuerst mir nahte,</div>
+ <div class="verse indent2">Da lag ich auf meinem Schmerzenslager,</div>
+ <div class="verse indent2">Fiebernd, röchelnd,</div>
+ <div class="verse indent2">Nach Atem ringend,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen.</div>
+ <div class="verse indent2">Da kam er</div>
+ <div class="verse indent2">Mit leisem Schritt</div>
+ <div class="verse indent2">Und sanfter Hand:</div>
+ <div class="verse indent2">Noch fühl' ich sie,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn,</div>
+ <div class="verse indent2">Sanft, ganz sanft.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wie die Augen schwer wurden,</div>
+ <div class="verse indent2">Wurde mein Herz mir leicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, so leicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob ich Schwingen hätte,</div>
+ <div class="verse indent2">Und alle Sorgen fielen von mir ab,</div>
+ <div class="verse indent2">Alle Schmerzen schwanden, —</div>
+ <div class="verse indent2">So ruhig wurde es drinnen,</div>
+ <div class="verse indent2">So himmlisch ruhig, —</div>
+ <div class="verse indent2">Mir war's,</div>
+ <div class="verse indent2">Als wüchs' ich über mich hinaus,</div><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>
+ <div class="verse indent2">Und größer, immer größer,</div>
+ <div class="verse indent2">Um in eins zu fließen</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem Geiste der Welt. —</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich genas.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wieder trat er dann zu mir,</div>
+ <div class="verse indent2">Zum zweitenmal.</div>
+ <div class="verse indent2">Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob,</div>
+ <div class="verse indent2">Die Wogen berghoch sich zusammentürmten,</div>
+ <div class="verse indent2">Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen.</div>
+ <div class="verse indent2">Da trat er wieder zu mir her,</div>
+ <div class="verse indent2">Sanft, ganz sanft,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wiegte mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie mich die Mutter wiegte,</div>
+ <div class="verse indent2">So daß ich mich als Kind noch einmal träumte,</div>
+ <div class="verse indent2">Als glückersehnend Kind.</div>
+ <div class="verse indent2">Und selig trank ich in Erinnerung</div>
+ <div class="verse indent2">Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein.</div>
+ <div class="verse indent2">Und heut noch dank' ich ihm die Stunde,</div>
+ <div class="verse indent2">In der er mir dies süße Glück verlieh.</div>
+ <div class="verse indent2">Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal.</div>
+ <div class="verse indent2">Er komme, wann er kommt.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich weiß es, er ist sanft und mild;</div>
+ <div class="verse indent2">Er löscht nicht aus,</div>
+ <div class="verse indent2">Er lindert nur die Schmerzen</div>
+ <div class="verse indent2">Und zaubert dir dein geistig' Aug'</div>
+ <div class="verse indent2">So groß und weit,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du dein irdisches gar gern entbehrst.</div>
+ <div class="verse indent2">Sieh die Natur:</div>
+ <div class="verse indent2">In weißes, weiches Laken</div>
+ <div class="verse indent2">Hüllt der Schnee sie ein.</div>
+ <div class="verse indent2">Du meinst, sie sei gestorben?</div>
+ <div class="verse indent2">Tor, sie lebt!</div>
+ <div class="verse indent2">Dort unter dem Schnee,</div>
+ <div class="verse indent2">Da lebt es und webt es!</div>
+ <div class="verse indent2">In starrender Rinde</div>
+ <div class="verse indent2">Und rauhem Kern,</div><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+ <div class="verse indent2">Da treibt es und keimt es!</div>
+ <div class="verse indent2">Und kommt der Frühling</div>
+ <div class="verse indent2">Mit seiner Sonne,</div>
+ <div class="verse indent2">Warte nur,</div>
+ <div class="verse indent2">Sing' und freu' dich!</div>
+ <div class="verse indent2">Schau nur,</div>
+ <div class="verse indent2">Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben</div>
+ <div class="verse indent2">Der schwarzen Erde entsprießt,</div>
+ <div class="verse indent2">Alles, was in ihr verborgen lag,</div>
+ <div class="verse indent2">Vermodernd, verwesend,</div>
+ <div class="verse indent2">In neues Leben verwandelnd,</div>
+ <div class="verse indent2">Das zur Sonne drängt,</div>
+ <div class="verse indent2">Weil es von der Sonne stammt!</div>
+ <div class="verse indent2">Und auch du stammst aus der Sonne!</div>
+ <div class="verse indent2">Auch dich decken sie einst</div>
+ <div class="verse indent2">Mit weißem weichen Laken</div>
+ <div class="verse indent2">Und senken dich,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie ein Samenkorn von der Wintersaat,</div>
+ <div class="verse indent2">In die Erde,</div>
+ <div class="verse indent2">Damit, wenn dein Frühling kommt,</div>
+ <div class="verse indent2">Was von dir aus der Sonne stammt,</div>
+ <div class="verse indent2">Zur Sonne emporwächst.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber gib acht!</div>
+ <div class="verse indent2">Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst,</div>
+ <div class="verse indent2">Trink es in dich hinein,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt.</div>
+ <div class="verse indent2">Trink Sonne und Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Soviel du nur kannst,</div>
+ <div class="verse indent2">Und strahle sie wieder von dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Erhellend, erwärmend,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist!</div>
+ <div class="verse indent2">So mehre den Sonnenkern in dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Jenes wunderbare Teil in dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Das du von ihm empfingst,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Allewigen,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem alle Sonne und Liebe stammt.</div><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span>
+ <div class="verse indent2">Und fürchte dich nicht vor dem Tod:</div>
+ <div class="verse indent2">Denn er ist sanft</div>
+ <div class="verse indent2">Und zeigt dir nur den Weg,</div>
+ <div class="verse indent2">Der dich vom Nebeltal der Erde</div>
+ <div class="verse indent2">Wieder dorthin führt,</div>
+ <div class="verse indent2">Woher du stammst.</div>
+ <div class="verse indent2">Sei froh und fürchte dich nicht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich lag im Grase und unter Blumen,</div>
+ <div class="verse indent2">Bunt und blühend, vertraulich nickend,</div>
+ <div class="verse indent2">Am Busen der Erde, der Mutter aller.</div>
+ <div class="verse indent2">Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann</div>
+ <div class="verse indent2">Des Meilers grauer Qualm,</div>
+ <div class="verse indent2">Mich mahnend an der andern Menschen Treiben.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wie es kam — ich weiß es selber kaum:</div>
+ <div class="verse indent2">Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind,</div>
+ <div class="verse indent2">Und mit den Schwestern, all den Blumen,</div>
+ <div class="verse indent2">Da spielte ich und neckte mich; —</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr seid doch meine Schwestern, nicht?</div>
+ <div class="verse indent2">Und du? Du Mutter Erde,</div>
+ <div class="verse indent2">Bist du nicht unsre Mutter?</div>
+ <div class="verse indent2">Oder etwa nur, weil wir dich so nennen,</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht, weil du es bist?</div>
+ <div class="verse indent2">Aber wurzelt nicht in deinem Schoße</div>
+ <div class="verse indent2">Der gewaltige Eichbaum,</div>
+ <div class="verse indent2">Die Blume am Wege</div>
+ <div class="verse indent2">Und in des Meeres unendlicher Tiefe</div>
+ <div class="verse indent2">Weit um sich greifender Algen bunte Pracht,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie in der Mutter Schoße das Kind,</div>
+ <div class="verse indent2">Angeheftet mit feinen Fäden,</div>
+ <div class="verse indent2">Nahrungssaugenden,</div>
+ <div class="verse indent2">Wachstumspendenden? —</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, daß ich dich halten könnte,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie ich die Mutter umfing,</div>
+ <div class="verse indent2">Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte.</div><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span>
+ <div class="verse indent2">Und ich? — aber hier ruhe ich ja!</div>
+ <div class="verse indent2">Wer will's mir denn wehren,</div>
+ <div class="verse indent2">Wer mich reißen von deinem Busen?</div>
+ <div class="verse indent2">Wurzeln wir denn nicht alle in dir?</div>
+ <div class="verse indent2">Saugen wir all nicht aus deinem Boden</div>
+ <div class="verse indent2">Nahrung und Kraft?</div>
+ <div class="verse indent2">Sind denn nicht alle deine Geschöpfe</div>
+ <div class="verse indent2">Unsre Geschwister?</div>
+ <div class="verse indent2">Atmest du nicht für uns, deine Kinder,</div>
+ <div class="verse indent2">Stärkende Himmelsluft ein?</div>
+ <div class="verse indent2">Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen,</div>
+ <div class="verse indent2">Was uns nur schadet,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß es zurzeit als himmlischer Segen</div>
+ <div class="verse indent2">Umgewandelt herniederträufle,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken,</div>
+ <div class="verse indent2">Wasser des Himmels begierig schlürfest?</div>
+ <div class="verse indent2">Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen,</div>
+ <div class="verse indent2">Dein Feuer, Deine Glut,</div>
+ <div class="verse indent2">An der wir uns wärmen?</div>
+ <div class="verse indent2">Und empfängt nicht das Kind</div>
+ <div class="verse indent2">Vom Geiste der Mutter seinen Geist?</div>
+ <div class="verse indent2">Ist es nicht ebenso dein Geist,</div>
+ <div class="verse indent2">Derselbe Geist, der uns alle beseelt,</div>
+ <div class="verse indent2">Der uns alle umfaßt?</div>
+ <div class="verse indent2">Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists,</div>
+ <div class="verse indent2">Abgesplittert und zugehörend? —</div>
+ <div class="verse indent2">Weh' über die Brüder, die glauben,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß sie allein etwas sind!</div>
+ <div class="verse indent2">Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall!</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn sie es könnten! —</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken;</div>
+ <div class="verse indent2">Aber wohl tut ihr dran,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn ihr erschrecket und merket,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt,</div>
+ <div class="verse indent2">Gleich euren Brüdern im Walde — ob all eures Wissens!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">An meine Feinde.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich kenne euch, meine Feinde!</div>
+ <div class="verse indent2">Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt</div>
+ <div class="verse indent2">Und sie zertretet,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob sie Gras wären!</div>
+ <div class="verse indent2">Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich,</div>
+ <div class="verse indent2">In euren Netzen sitzet,</div>
+ <div class="verse indent2">Tagediebe,</div>
+ <div class="verse indent2">In euren Spelunken,</div>
+ <div class="verse indent2">Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder,</div>
+ <div class="verse indent2">Von ihren Schwächen</div>
+ <div class="verse indent2">Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet!</div>
+ <div class="verse indent2">Euch,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet,</div>
+ <div class="verse indent2">Damit sie euch zinsen!</div>
+ <div class="verse indent2">Euch, die ihr in Palästen wohnt</div>
+ <div class="verse indent2">Und in getäfelten Häusern,</div>
+ <div class="verse indent2">Bei Braten und Wein schwelgt,</div>
+ <div class="verse indent2">Zu Pferde und in Karossen dahinjagt</div>
+ <div class="verse indent2">Und über die schlechten Zeiten jammert</div>
+ <div class="verse indent2">Und die begehrliche Masse des Volks!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenne euch alle!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr ewig Gerechten,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr Stolzen und Harten,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge</div>
+ <div class="verse indent2">Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem nicht so feines Tuch, wie euch,</div>
+ <div class="verse indent2">Die sehnigen Arme und Beine umkleidet.</div>
+ <div class="verse indent2">Und euch, ihr Tugendhaften,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr so sicher euren Weg geht,</div>
+ <div class="verse indent2">Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt!</div>
+ <div class="verse indent2">Und euch, ihr Männer,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr die Kraft nicht habt,</div>
+ <div class="verse indent2">Eure Frauen mit Liebe zu sättigen,</div>
+ <div class="verse indent2">Geschweige denn,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß ihr die Seele eines Weibes versteht,</div><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span>
+ <div class="verse indent2">Ihr, die ihr kaum ahnt,</div>
+ <div class="verse indent2">Was Seele heißt!</div>
+ <div class="verse indent2">Erbärmlich Volk!</div>
+ <div class="verse indent2">Otterngezücht! —</div>
+ <div class="verse indent2">Durch einen Wald schritt ich</div>
+ <div class="verse indent2">Und fand ein Nest von jener Sorte,</div>
+ <div class="verse indent2">Die die Natur</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet.</div>
+ <div class="verse indent2">Zischend bäumten sie hoch</div>
+ <div class="verse indent2">Und wollten mich beißen.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber sprang mit beiden Füßen</div>
+ <div class="verse indent2">Mitten in sie hinein</div>
+ <div class="verse indent2">Und zertrat die Brut.</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, könnt' ich auch euch,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr Krämer und Wucherer,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr Brenner und Brauer,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut</div>
+ <div class="verse indent2">Und das Volk vergiftet,</div>
+ <div class="verse indent2">Euch scheinheilige Pharisäer,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ihr angebt,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Christentum gepachtet zu haben,</div>
+ <div class="verse indent2">Und deren Herzen</div>
+ <div class="verse indent2">Das einzige Gesetz,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Gott uns gab:</div>
+ <div class="verse indent2">»Liebet euch untereinander!«</div>
+ <div class="verse indent2">So fremd ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie Erbarmen der Otter, —</div>
+ <div class="verse indent2">Könnt' ich auch euch</div>
+ <div class="verse indent2">Wie dieses Otterngezücht zertreten!</div>
+ <div class="verse indent4">Mir träumte als Knabe,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land,</div>
+ <div class="verse indent2">In blinkender Rüstung,</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Ritter des Herrn,</div>
+ <div class="verse indent2">Schwingend in meiner Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Ein flammendes Schwert.</div>
+ <div class="verse indent2">Krämer, die Branntwein verkauften,</div><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span>
+ <div class="verse indent2">Hatten den Krieg entfesselt;</div>
+ <div class="verse indent2">Weithin verwüstet lag schon das Land.</div>
+ <div class="verse indent2">Mordend und brennend zogen sie aus,</div>
+ <div class="verse indent2">Lachten und logen,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie brächten Kultur.</div>
+ <div class="verse indent2">Glückliche Völker sanken dahin</div>
+ <div class="verse indent2">In Elend und Schmach.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber schwang in erhobener Linken</div>
+ <div class="verse indent2">Die Fackel der Wahrheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild,</div>
+ <div class="verse indent2">Der war die Liebe zu meinen Brüdern.</div>
+ <div class="verse indent2">Todwund kamen sie an</div>
+ <div class="verse indent2">Und heischten Hilfe!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber nahm sie unter den Schild!</div>
+ <div class="verse indent2">Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert,</div>
+ <div class="verse indent2">Das hieß Gerechtigkeit. —</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre</div>
+ <div class="verse indent2">Und mein Leben tausendfach,</div>
+ <div class="verse indent2">Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber solange ich atme,</div>
+ <div class="verse indent2">Will ich mit euch kämpfen!</div>
+ <div class="verse indent2">Zittert vor mir!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn ich bin zähe und stark,</div>
+ <div class="verse indent2">Und meine Freunde sind wie Sand am Meere!</div>
+ <div class="verse indent2">So fürchte ich euch nicht!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenne euch, meine Feinde,</div>
+ <div class="verse indent2">Und danke euch,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß ihr euch so nennt!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich bin stolz auf euch!</div>
+ <div class="verse indent2">Und habe Mitleid mit euch, —</div>
+ <div class="verse indent2">Denn reihenweise sehe ich euch sterben</div>
+ <div class="verse indent2">In der Blüte der Jahre,</div>
+ <div class="verse indent2">Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet</div>
+ <div class="verse indent2">Und auf die Klugheit meiner Freunde!</div>
+ <div class="verse indent2">So habe ich Mitleid mit euch</div>
+ <div class="verse indent2">Und eurem Ende! —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb5">
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+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">An meiner Seite schreitet ein Weib,</div>
+ <div class="verse indent2">Ernst und still,</div>
+ <div class="verse indent2">Und doch heiter und fröhlich.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich liebe sie,</div>
+ <div class="verse indent2">Denn sie ist gütig gegen mich</div>
+ <div class="verse indent2">Und überschüttet mich mit Reichtum.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie verleiht mir Kraft</div>
+ <div class="verse indent2">Und meinem Leben Würze.</div>
+ <div class="verse indent2">Nachts ruht sie an meiner Seite</div>
+ <div class="verse indent2">Und sorgt, daß kein Gram</div>
+ <div class="verse indent2">In mein Herz dringen kann.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie richtet meine Blicke auf den Weg,</div>
+ <div class="verse indent2">Den ich zu gehen habe,</div>
+ <div class="verse indent2">Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg.</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn ich müde werde,</div>
+ <div class="verse indent2">So küßt sie meine Stirne</div>
+ <div class="verse indent2">Und haucht mir neue Kräfte ein.</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Ohren hält sie mir zu</div>
+ <div class="verse indent2">Mit weicher Hand,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn die Spötter zischeln,</div>
+ <div class="verse indent2">Und zeigt meinen Augen</div>
+ <div class="verse indent2">Den Pfad,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn die Feinde dräuen. —</div>
+ <div class="verse indent2">So gehe ich geradeaus,</div>
+ <div class="verse indent2">Und finde mein Ziel. —</div>
+ <div class="verse indent2">Toren sagen,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie sei hart und unerbittlich.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie kennen sie nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Weil sie sie nicht lieben,</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht lieben, wie ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Für den sie Leben ist!</div>
+ <div class="verse indent2">Kaum kennen sie ihren Namen!</div>
+ <div class="verse indent2">Du, meine Geliebte,</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Pflicht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Du hast Furcht?</div>
+ <div class="verse indent2">Fürchte dich nicht!</div>
+ <div class="verse indent2">Du bist traurig?</div>
+ <div class="verse indent2">Traure nicht!</div>
+ <div class="verse indent2">Siehe, ich war niedergebrochen</div>
+ <div class="verse indent2">Unter Furcht und Trauer,</div>
+ <div class="verse indent2">Und meine Seele lag am Boden,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie mein Leib.</div>
+ <div class="verse indent2">Da dachte ich an die,</div>
+ <div class="verse indent2">Die meine Sonne ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Und erhob mich</div>
+ <div class="verse indent2">Und genas</div>
+ <div class="verse indent2">Und übte meine Kraft.</div>
+ <div class="verse indent2">Schlangengleich</div>
+ <div class="verse indent2">Umwanden Furcht und Trauer</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Seele</div>
+ <div class="verse indent2">Und bissen nach meinem Leben.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich aber faßte sie</div>
+ <div class="verse indent2">Und erwürgte sie</div>
+ <div class="verse indent2">Und befreite mich aus ihren Ringen.</div>
+ <div class="verse indent2">Und nun,</div>
+ <div class="verse indent2">Siehe,</div>
+ <div class="verse indent2">Stehe ich vor dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Stolz und frei</div>
+ <div class="verse indent2">Und stark</div>
+ <div class="verse indent2">Und reiche dir meine Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Und hebe dich zu mir empor.</div>
+ <div class="verse indent2">Hab' Mut und hoffe,</div>
+ <div class="verse indent2">So hast du Kraft!</div>
+ <div class="verse indent2">Versuch' es nur!</div>
+ <div class="verse indent2">Schau' nur, es geht. —</div>
+ <div class="verse indent2">Schon strahlt dein Auge.</div>
+ <div class="verse indent2">Glaube mir,</div>
+ <div class="verse indent2">Hoffe,</div>
+ <div class="verse indent2">Und folge mir!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Einer Mutter.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Dein Einziger ist dir genommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Mutter,</div>
+ <div class="verse indent2">Dein brauner Knabe?</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, ich verstehe deinen Jammer,</div>
+ <div class="verse indent2">Deinen Schmerz!</div>
+ <div class="verse indent2">Dein Einziger!</div>
+ <div class="verse indent2">Und welch ein Junge!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie leuchteten seine braunen Augen</div>
+ <div class="verse indent2">Unter den dunklen Locken!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie lachte sein roter Mund!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie straff und fest waren diese jungen Beine,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie kraftvoll die Arme!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie hob sich die Brust,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn er deinem Gatten</div>
+ <div class="verse indent2">Vom Wagen herab</div>
+ <div class="verse indent2">Die Fruchtkörbe reichte</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Körbe Gemüse!</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, weine nur, Mutter,</div>
+ <div class="verse indent2">Weine heiße Tränen,</div>
+ <div class="verse indent2">Laß sie wie Bäche im Frühling fließen!</div>
+ <div class="verse indent2">Wahrlich, er ist es wert!</div>
+ <div class="verse indent2">Traure um ihn,</div>
+ <div class="verse indent2">Weine und traure!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber nicht verzweifeln!</div>
+ <div class="verse indent2">Wie alt ist dein Gatte?</div>
+ <div class="verse indent2">Dreiundvierzig?</div>
+ <div class="verse indent2">Und stark und gesund? —</div>
+ <div class="verse indent2">Wie könnt' er anders! —</div>
+ <div class="verse indent2">Und du?</div>
+ <div class="verse indent2">Wie alt bist du? —</div>
+ <div class="verse indent2">Vierzig Jahre, sagst du?</div>
+ <div class="verse indent2">Ich kenne Frauen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die mit zweiundvierzig freiten,</div>
+ <div class="verse indent2">Und die mehreren starken Söhnen</div><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span>
+ <div class="verse indent2">Das Leben schenkten!</div>
+ <div class="verse indent2">Du schüttelst dein Haupt</div>
+ <div class="verse indent2">Und seufzest?</div>
+ <div class="verse indent2">Hör' zu, was ich dir sage</div>
+ <div class="verse indent2">Und glaube mir:</div>
+ <div class="verse indent2">Warte, bis sich nun wieder</div>
+ <div class="verse indent2">Der Mond erneut.</div>
+ <div class="verse indent2">Kommt der Gatte dann heim,</div>
+ <div class="verse indent2">Empfang ihn wie einstens,</div>
+ <div class="verse indent2">Strahlend,</div>
+ <div class="verse indent2">Hoffnungsfreudig.</div>
+ <div class="verse indent2">Schling' deine Arme um seinen Hals,</div>
+ <div class="verse indent2">Küß ihm von seiner Stirne,</div>
+ <div class="verse indent2">Von seinen Lippen,</div>
+ <div class="verse indent2">Von seinen Augen seinen Gram,</div>
+ <div class="verse indent2">Euren Gram. —</div>
+ <div class="verse indent2">Und sitzt ihr beim Mahl,</div>
+ <div class="verse indent2">Erzähl' ihm,</div>
+ <div class="verse indent2">Leise, leise,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß niemand es hört,</div>
+ <div class="verse indent2">Dir hätte geträumt,</div>
+ <div class="verse indent2">Selig, selig,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr wäret noch jung,</div>
+ <div class="verse indent2">Ganz jung,</div>
+ <div class="verse indent2">Und hättet Gott gebeten,</div>
+ <div class="verse indent2">So recht von Herzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und er hätte euch erhört</div>
+ <div class="verse indent2">Und euch geschenkt</div>
+ <div class="verse indent2">Einen wonnigen Buben</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dunkelen Locken</div>
+ <div class="verse indent2">Und braunen Augen. —</div>
+ <div class="verse indent2">Und ehe ihr zur Ruhe geht,</div>
+ <div class="verse indent2">Erzähl' ihm deinen Traum</div>
+ <div class="verse indent2">Noch einmal!</div>
+ <div class="verse indent2">Und hoffe!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Vergeltung.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Du hast mir weh getan,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch mir weh getan!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich habe dich lieb gehabt</div>
+ <div class="verse indent2">Wie meine Seele, —</div>
+ <div class="verse indent2">Und du hast mich betrogen!</div>
+ <div class="verse indent2">Du hast mich verraten und verleumdet</div>
+ <div class="verse indent2">Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich ahnte nur, was Sünde war,</div>
+ <div class="verse indent2">Wußte es aber nicht, —</div>
+ <div class="verse indent2">Du hast es mich gelehrt.</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn ich nicht wäre, wie ich bin,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wenn ich nicht ich wäre,</div>
+ <div class="verse indent2">Sondern wäre wie die andern,</div>
+ <div class="verse indent2">So würde ich dich jetzt hassen</div>
+ <div class="verse indent2">Und dich verachten,</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, dich töten!</div>
+ <div class="verse indent2">Fast wäre ich gestorben deinetwegen</div>
+ <div class="verse indent2">Und hätte mich verloren</div>
+ <div class="verse indent2">Und alles, was mir schön und lieb ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Deinetwegen!</div>
+ <div class="verse indent2">Und du, du hast mir weh getan,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch zuvor!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber ich hasse dich nicht</div>
+ <div class="verse indent2">Und verachte dich nicht;</div>
+ <div class="verse indent2">Denn mein Gott ist nicht dein Gott,</div>
+ <div class="verse indent2">Ist nicht der Gott der Rache,</div>
+ <div class="verse indent2">Sondern der Liebe!</div>
+ <div class="verse indent2">Mein Gott gleicht der Sonne</div>
+ <div class="verse indent2">Und nicht der Finsternis.</div>
+ <div class="verse indent2">Der Sonne, die im Frühling</div>
+ <div class="verse indent2">Die Blumen weckt</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Vöglein</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Herzen!</div>
+ <div class="verse indent2">Der Sonne, die im Sommer</div><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span>
+ <div class="verse indent2">Die Traube reift</div>
+ <div class="verse indent2">Und der Rose ihr Düften zaubert!</div>
+ <div class="verse indent2">Der Sonne, die uns Leben schenkt</div>
+ <div class="verse indent2">Und uns lieben lehrt</div>
+ <div class="verse indent2">Und scheint über Gerechte und Ungerechte!</div>
+ <div class="verse indent2">Und dieser Gott lehrte mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Auch dich,</div>
+ <div class="verse indent2">Auch dich zu lieben,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ich so lieb gehabt</div>
+ <div class="verse indent2">Wie meine Seele,</div>
+ <div class="verse indent2">Und die mir nun so weh getan,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch zuvor!</div>
+ <div class="verse indent2">Und da du in Not bist,</div>
+ <div class="verse indent2">So will ich für dich sorgen</div>
+ <div class="verse indent2">Und dir raten und helfen</div>
+ <div class="verse indent2">Und dir Vater und Mutter sein</div>
+ <div class="verse indent2">Und Sonne deines Lebens,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!</div>
+ </div>
+</div>
+</div><figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb9">
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+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie könntest du die Leiden anderer empfinden?</div>
+ <div class="verse indent2">Und hätten andere für dich nicht so gelitten,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen?</div>
+ <div class="verse indent2">Und einsam ständest du im Leide</div>
+ <div class="verse indent2">Und verlassen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und deine Tränen flössen ungesehen.</div>
+ <div class="verse indent2">Oh, danke Gott für deine Schmerzen;</div>
+ <div class="verse indent2">Denn sie sind das Band,</div>
+ <div class="verse indent2">Das dich den anderen verbindet</div>
+ <div class="verse indent2">Und dich und sie zu Menschen macht!</div>
+ <div class="verse indent2">So laß aus deinem Leide Blumen wachsen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die andern Freude, Leben spenden!</div>
+ <div class="verse indent2">Schau' nur den Frühling!</div>
+ <div class="verse indent2">Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt</div><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span>
+ <div class="verse indent2">Und streut Blumen und Düfte</div>
+ <div class="verse indent2">Über die Erde,</div>
+ <div class="verse indent2">Die wunden Herzen froh zu erquicken,</div>
+ <div class="verse indent2">Und hat doch selbst soeben erst</div>
+ <div class="verse indent2">Den Winter überwunden.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wenn dein Herz in Stürmen steht</div>
+ <div class="verse indent2">Und Wintersnacht,</div>
+ <div class="verse indent2">Wisse:</div>
+ <div class="verse indent2">Anderer Herzen stehen im Frühling</div>
+ <div class="verse indent2">Und überschütten dich mit Blumen und Düften</div>
+ <div class="verse indent2">Und Sonnenschein!</div>
+ <div class="verse indent2">Und ehe du dich's versiehst,</div>
+ <div class="verse indent2">Vergeht dein Winter!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
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+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Einer Freundin.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Einen Schrein voll Kostbarkeiten</div>
+ <div class="verse indent2">Sandtest du mir,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie von liebender Hand gepackt.</div>
+ <div class="verse indent2">Und ich, —</div>
+ <div class="verse indent2">Was soll ich Armer dir dafür schenken?</div>
+ <div class="verse indent2">Siehe, mein Leben gehört den anderen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und meine Liebe einer anderen.</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Zeit gehört meinen Armen</div>
+ <div class="verse indent2">Und meine Kraft meinen Kranken.</div>
+ <div class="verse indent2">So nimm denn meine Freundschaft.</div>
+ <div class="verse indent2">Die gleicht einem Bergsee</div>
+ <div class="verse indent2">Droben zwischen den Firnen.</div>
+ <div class="verse indent2">Kristallklar und hell ist sein Wasser;</div>
+ <div class="verse indent2">Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel.</div>
+ <div class="verse indent2">Dunkelgrün spiegeln in ihm</div>
+ <div class="verse indent2">Sich schweigende Fichten,</div>
+ <div class="verse indent2">Ernste, hochragende.</div>
+ <div class="verse indent2">So seien die Gedanken,</div>
+ <div class="verse indent2">Die in dem Spiegel unserer Freundschaft</div><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span>
+ <div class="verse indent2">Leben gewinnen,</div>
+ <div class="verse indent2">Ernst, hochragend.</div>
+ <div class="verse indent2">Und unsere Freundschaft sei</div>
+ <div class="verse indent2">Kristallhell und klar,</div>
+ <div class="verse indent2">Rein und erfrischend,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie das Wasser jenes Bergsees</div>
+ <div class="verse indent2">Dort oben hoch zwischen den Firnen!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
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+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß die Sünde lieblich und wonnig ist</div>
+ <div class="verse indent2">Im Beginn,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie Honig schmeckt</div>
+ <div class="verse indent2">Und wie Veilchen duftet, — im Beginn!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber nachher,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn der Duft verflogen,</div>
+ <div class="verse indent2">Schmeckt sie wie Galle</div>
+ <div class="verse indent2">Und beißt, wie ätzend Gift!</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie weh es tut,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wie es krank macht</div>
+ <div class="verse indent2">Und schwach</div>
+ <div class="verse indent2">Bis zum Tode!</div>
+ <div class="verse indent2">Und hast mich mit deiner starken Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Noch gerade gehalten,</div>
+ <div class="verse indent2">Eh' sie ganz mich verschlang</div>
+ <div class="verse indent2">In Tod und Verderben!</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie anderen zumute ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Die niederbrechen unter der Last der Sünden,</div><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span>
+ <div class="verse indent2">Todwund,</div>
+ <div class="verse indent2">Und nicht die Kraft mehr haben,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem Meer von Galle</div>
+ <div class="verse indent2">Und ätzend Gift</div>
+ <div class="verse indent2">Mit starkem Arm sich emporzurudern</div>
+ <div class="verse indent2">Und nach dir zu greifen,</div>
+ <div class="verse indent2">Der du Licht und Sonne bist</div>
+ <div class="verse indent2">Und Wärme und Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus der ich entstamme,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus der wir alle entstammen!</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Warum du es tatest,</div>
+ <div class="verse indent2">Du Allgütiger und Allweiser:</div>
+ <div class="verse indent2">Du wolltest ein Werkzeug haben</div>
+ <div class="verse indent2">Deiner Güte,</div>
+ <div class="verse indent2">Das geschickt sei zum Helfen</div>
+ <div class="verse indent2">Und zum Vergeben,</div>
+ <div class="verse indent2">Zum Heilen und Reinigen</div>
+ <div class="verse indent2">Und zum Emporreißen zu dir,</div>
+ <div class="verse indent2">Du Sonne unseres Lebens!</div>
+ <div class="verse indent2">So mußte ich den Weg finden</div>
+ <div class="verse indent2">Von Anfang an!</div>
+ <div class="verse indent2">Herr, ich danke dir;</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Sünde war nur eine Stufe</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem Dunkeln ins Helle!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
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+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nicht nach Orden und Titeln</div>
+ <div class="verse indent2">Steht mein Begehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Noch nach Ruhm,</div>
+ <div class="verse indent2">Oder dem schwellenden Siegesgefühl;</div>
+ <div class="verse indent2">Denn wenn ich den Sieg hätte,</div><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span>
+ <div class="verse indent2">Müßt' ich ja ruhen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wär' ja der Kampf beendet.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber der Kampf ist's ja gerade,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Kampf um die Wahrheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Der das Leben erst lebenswert macht,</div>
+ <div class="verse indent2">Seien der Feinde auch noch so viel!</div>
+ <div class="verse indent2">Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Noch nach weichlichen Polstern</div>
+ <div class="verse indent2">Nach reichlichem Mahle.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber vielfach ist mein Begehr,</div>
+ <div class="verse indent2">Was mir das Leben lebenswert macht:</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl liebe ich es,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf feurigem Roß</div>
+ <div class="verse indent2">Durch die Berge zu reiten,</div>
+ <div class="verse indent2">Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen,</div>
+ <div class="verse indent2">Auch zu berauschen mich</div>
+ <div class="verse indent2">An den Rosen im Garten</div>
+ <div class="verse indent2">Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, —</div>
+ <div class="verse indent2">Unter mir schläft in sanftem Nebel</div>
+ <div class="verse indent2">Das liebliche Waldtal,</div>
+ <div class="verse indent2">Übergossen vom silbernen Zauberschein</div>
+ <div class="verse indent2">Des Mondes, —</div>
+ <div class="verse indent2">Vor allem als Mann mich zu fühlen,</div>
+ <div class="verse indent2">Als Freier,</div>
+ <div class="verse indent2">Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen</div>
+ <div class="verse indent2">Im Kreise meiner Söhne,</div>
+ <div class="verse indent2">Meiner starken, gewandten,</div>
+ <div class="verse indent2">Blondlockigen, mit strahlenden Augen,</div>
+ <div class="verse indent2">In meinem Garten</div>
+ <div class="verse indent2">Mit ihnen</div>
+ <div class="verse indent2">Mit Speer oder Pfeilen</div>
+ <div class="verse indent2">Um die Wette zu schießen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie die Ahnen vor tausend Jahren,</div>
+ <div class="verse indent2">Oder kunstvoll mit ihnen</div>
+ <div class="verse indent2">Schnellsegelnde Schiffe zu bauen!</div>
+ <div class="verse indent2">Zartes, Innigeres, das ich nicht singe,</div><span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span>
+ <div class="verse indent2">Kenne ich, was mich berauscht</div>
+ <div class="verse indent2">Und mich zwingt,</div>
+ <div class="verse indent2">Im Gefühle der Mannesvollkraft</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Arme zu recken,</div>
+ <div class="verse indent2">Gleichsam als ob Erinnerung</div>
+ <div class="verse indent2">An Schöpfers Urkraft mich durchglühte.</div>
+ <div class="verse indent2">Und doch schafft dieses alles</div>
+ <div class="verse indent2">Nimmer des Lebens treibende Kraft.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber mannesfroh macht es,</div>
+ <div class="verse indent2">Den Mächtigen trotzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn sie Unrecht tun</div>
+ <div class="verse indent2">Und den Schwachen bedrängen,</div>
+ <div class="verse indent2">Der sich nicht selber zu helfen weiß.</div>
+ <div class="verse indent2">Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen</div>
+ <div class="verse indent2">Recht zu Recht bringen,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Witwen Tränen trocknen,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Armen das Seine verschaffen,</div>
+ <div class="verse indent2">Schwachen Frauen und weinenden Kindern</div>
+ <div class="verse indent2">Gegen den harten Bedränger</div>
+ <div class="verse indent2">Hilfe und Hort sein.</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß er aufs neue</div>
+ <div class="verse indent2">An die Sonne, an das Leben,</div>
+ <div class="verse indent2">An die Liebe, die göttliche, glauben lernt.</div>
+ <div class="verse indent2">Den Weisesten im Lande,</div>
+ <div class="verse indent2">Vom Staate gestempelt,</div>
+ <div class="verse indent2">Zeigen, daß auch sie irren,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß ihre Wege in Irrsal führen</div>
+ <div class="verse indent2">Und Not,</div>
+ <div class="verse indent2">Neue Wege ihnen weisend</div>
+ <div class="verse indent2">Zu größerem Ziel. —</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist Mannesarbeit,</div>
+ <div class="verse indent2">Frohe, beglückende,</div>
+ <div class="verse indent2">Selig berauschende! —</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr,</div><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span>
+ <div class="verse indent2">Noch nach Ruhm und Denkmälern!</div>
+ <div class="verse indent2">Aber die Wellen meines Geistes</div>
+ <div class="verse indent2">Sollen ringförmig ausstrahlen</div>
+ <div class="verse indent2">Im Leben meines Volkes,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ob du einen Stein wirfst</div>
+ <div class="verse indent2">In einen tiefen und klaren Bergsee —</div>
+ <div class="verse indent2">Und ringförmig brechen sich die Wellen</div>
+ <div class="verse indent2">Weithin,</div>
+ <div class="verse indent2">Bis ans Ufer,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wenn der Stein längst versunken,</div>
+ <div class="verse indent2">Immer noch kräuselt der See: —</div>
+ <div class="verse indent2">Du weißt's,</div>
+ <div class="verse indent2">Wovon.</div>
+ <div class="verse indent2">So weiß der,</div>
+ <div class="verse indent2">Der aller Seelen</div>
+ <div class="verse indent2">Seele ist,</div>
+ <div class="verse indent2">In dem wir alle eins sind,</div>
+ <div class="verse indent2">Von wessen Stein die Wellenringe stammen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die der Menschheit Geistessee</div>
+ <div class="verse indent2">Bewegten.</div>
+ <div class="verse indent2">Denkmäler? Ruhm?</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler!</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn ich sterbe,</div>
+ <div class="verse indent2">Sollen Arme seufzen</div>
+ <div class="verse indent2">Und Witwen weinen.</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Fenster der Häuser —</div>
+ <div class="verse indent2">Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen —</div>
+ <div class="verse indent2">Dorten am Waldesrand</div>
+ <div class="verse indent2">Und am Bergesabhang</div>
+ <div class="verse indent2">Und drunten im stillen Tal,</div>
+ <div class="verse indent2">Die ich den Armen gebaut,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie sollen in der Abendsonne funkeln:</div>
+ <div class="verse indent2">Er hat uns gebaut! —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+ <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Wahrheit und Freiheit.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Dank, Vater, daß du mich werden ließest</div>
+ <div class="verse indent2">Als Sohn meiner Heimat!</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Kind des Sturms und des freien Landes,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Freiheit rufend atmet die Luft,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Freiheit donnernd brandet das Meer,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Freiheit rauschend duftet der Wald,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Meer und Land und Luft mich lehrte,</div>
+ <div class="verse indent2">Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Knechte genügen sich nachzubeten,</div>
+ <div class="verse indent2">Fürchtend den Kampf und seine Früchte,</div>
+ <div class="verse indent2">Wunden und Wehe und winkenden Tod!</div>
+ <div class="verse indent2">Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme</div>
+ <div class="verse indent2">Trotz zu bieten in langer Wanderung</div>
+ <div class="verse indent2">Oder durch brandender Wogen Gedränge</div>
+ <div class="verse indent2">Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück,</div>
+ <div class="verse indent2">Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch!</div>
+ <div class="verse indent2">Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert</div>
+ <div class="verse indent2">In Wellenkreisen, die weiter reichen</div>
+ <div class="verse indent2">Als winkender Tod!</div>
+ <div class="verse indent2">Dank, Vater, daß du mich werden ließest</div>
+ <div class="verse indent2">Als Sohn meiner Heimat</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Kind des Sturms und des freien Landes,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Sturm und Meer und weite Heide</div>
+ <div class="verse indent2">Seit Ewigkeiten zum Leben rufen</div>
+ <div class="verse indent2">Wahrheit und Freiheit!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
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+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Meinem Volke!</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein Lied will ich euch singen,</div>
+ <div class="verse indent2">Das ihr nimmer hörtet.</div>
+ <div class="verse indent2">Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn ich es singe;</div><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span>
+ <div class="verse indent2">Aber Teergeruch von Schiffstauen</div>
+ <div class="verse indent2">Nehmt ihr wohl wahr,</div>
+ <div class="verse indent2">Und Meerluft läßt euch freier atmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Salzige, herbe, die Brust euch dehnende.</div>
+ <div class="verse indent2">Gebt acht!</div>
+ <div class="verse indent2">Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung,</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl aber Wogengebraus</div>
+ <div class="verse indent2">Und Sturmgeheul,</div>
+ <div class="verse indent2">Knattern der Segel im Wind</div>
+ <div class="verse indent2">Und das Rasseln der Ketten,</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn der Anker zu Grund fährt.</div>
+ <div class="verse indent2">Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar</div>
+ <div class="verse indent2">Paßt zur Begleitung.</div>
+ <div class="verse indent2">Mein Lied, das ich euch singe,</div>
+ <div class="verse indent2">So neu es ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Uralt ist es doch schon.</div>
+ <div class="verse indent2">Vergessen nur haben es viele von euch</div>
+ <div class="verse indent2">In Wohlleben und Rausch!</div>
+ <div class="verse indent2">Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter,</div>
+ <div class="verse indent2">Mächtig, siegesmutig.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie vererbten es euch!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen</div>
+ <div class="verse indent2">Euch träge und stumpf!</div>
+ <div class="verse indent2">Wenn aber einst eure Enkelkinder —</div>
+ <div class="verse indent2">Was Gott mög' geben —</div>
+ <div class="verse indent2">Von neuem erwachen,</div>
+ <div class="verse indent2">Dann werden sie wieder,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie unsere Väter vor tausend Jahren,</div>
+ <div class="verse indent2">Jubelnd das Lied singen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie groß die Welt,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie herrlich und weit,</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Freiheit</div>
+ <div class="verse indent2">Berauschend und manneswert!</div>
+ <div class="verse indent2">Singen werden sie das uralte Lied,</div>
+ <div class="verse indent2">Das ewig neue,</div>
+ <div class="verse indent2">Zur Fahrt übers Meer.</div><span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span>
+ <div class="verse indent2">Und zum Schärfen der Pflugschar.</div>
+ <div class="verse indent2">Hört zu!</div>
+ <div class="verse indent2">Vor tausend Jahren lebten im Norden</div>
+ <div class="verse indent2">Unsere Väter.</div>
+ <div class="verse indent2">Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt,</div>
+ <div class="verse indent2">Schneebeladen.</div>
+ <div class="verse indent2">Wie der Bergstrom im Frühling,</div>
+ <div class="verse indent2">So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar.</div>
+ <div class="verse indent2">Zu enge wurden die Weideplätze</div>
+ <div class="verse indent2">Der rötlichen Rinder.</div>
+ <div class="verse indent2">Da wanderten sie in hellen Scharen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die einen gen Westen</div>
+ <div class="verse indent2">Auf rauschendem Kiel</div>
+ <div class="verse indent2">Weit über des Weltmeers wogende Flut.</div>
+ <div class="verse indent2">Die andern aber zogen gen Süden</div>
+ <div class="verse indent2">Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. —</div>
+ <div class="verse indent2">Dort hausten sie lange.</div>
+ <div class="verse indent2">Da trafen sie schlaue römische Händler;</div>
+ <div class="verse indent2">Die brachten ihnen,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus Eisen geschmiedet,</div>
+ <div class="verse indent2">Schwerter und Speere</div>
+ <div class="verse indent2">Und tauschten dafür</div>
+ <div class="verse indent2">Des Urs und des Bären zottige Felle.</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Händler erzählten von einem Lande,</div>
+ <div class="verse indent2">Das südwärts läge,</div>
+ <div class="verse indent2">In dem die Sonne im Winter selbst</div>
+ <div class="verse indent2">Wonnig schiene,</div>
+ <div class="verse indent2">Goldene Äpfel in dunklem Laube,</div>
+ <div class="verse indent2">Schwellende Trauben voll süßer Beeren</div>
+ <div class="verse indent2">Lockend reiften.</div>
+ <div class="verse indent2">Da horchten die Väter</div>
+ <div class="verse indent2">Und tauschten Blicke,</div>
+ <div class="verse indent2">Pläne schmiedend.</div>
+ <div class="verse indent2">Doch fern sei das Land,</div>
+ <div class="verse indent2">So mahnten die Händler,</div>
+ <div class="verse indent2">Und beschwerlich der Weg</div><span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span>
+ <div class="verse indent2">Über der Alpen schneeige Höh'n.</div>
+ <div class="verse indent2">Da lachten die Helden</div>
+ <div class="verse indent2">Und jubelten laut</div>
+ <div class="verse indent2">Und riefen einander:</div>
+ <div class="verse indent2">Wohlauf denn zum Süd!</div>
+ <div class="verse indent2">Doch wiederum mahnten die Händler bang,</div>
+ <div class="verse indent2">Kriegerisch sei der Römer Volk,</div>
+ <div class="verse indent2">Schwertkundig und waffengewohnt</div>
+ <div class="verse indent2">Untertan ihnen der Erde Rund!</div>
+ <div class="verse indent2">Lachen lohnte der Warnung Wort!</div>
+ <div class="verse indent2">Nicht länger hielt es die Väter mehr:</div>
+ <div class="verse indent2">Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">So zogen sie aus,</div>
+ <div class="verse indent2">In hellen Scharen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wohl über der Alpen eisigen First.</div>
+ <div class="verse indent2">Jauchzend und lachend</div>
+ <div class="verse indent2">Auf ihren Schilden</div>
+ <div class="verse indent2">Fuhren die Helden fröhlich zu Tal.</div>
+ <div class="verse indent2">Doch in dem Kampf</div>
+ <div class="verse indent2">Um das sonnige Land</div>
+ <div class="verse indent2">Sanken der Helden beste dahin.</div>
+ <div class="verse indent2">Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's!</div>
+ <div class="verse indent2">Was der Besiegten Schwerte entkam,</div>
+ <div class="verse indent2">Das entnervte des Südens feuriger Wein. —</div>
+ <div class="verse indent2">Zerstoben, verweht das wandernde Volk.</div>
+ <div class="verse indent2">Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten,</div>
+ <div class="verse indent2">An Englands Gestaden</div>
+ <div class="verse indent2">Wohnsitz fanden.</div>
+ <div class="verse indent2">Sie bauten Schiffe</div>
+ <div class="verse indent2">Und kreuzten weiter</div>
+ <div class="verse indent2">Und weithin wurde ihrer die Welt.</div>
+ <div class="verse indent2">Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit,</div>
+ <div class="verse indent2">Und das Meer so blau,</div>
+ <div class="verse indent2">Wie Kornblumen im Felde,</div>
+ <div class="verse indent2">Und so frei. —</div><span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span>
+ <div class="verse indent2">Nun hört, was ich sag'!</div>
+ <div class="verse indent2">Wacht auf aus dem Schlaf</div>
+ <div class="verse indent2">Und schauet umher:</div>
+ <div class="verse indent2">Zu eng wird's im Land,</div>
+ <div class="verse indent2">In dem ihr haust</div>
+ <div class="verse indent2">Seit Vätergedenken!</div>
+ <div class="verse indent2">Drum Schiffe gebaut</div>
+ <div class="verse indent2">Und hinaus in die Welt!</div>
+ <div class="verse indent2">Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres,</div>
+ <div class="verse indent2">Unendlich große.</div>
+ <div class="verse indent2">Weithin aufs Meer</div>
+ <div class="verse indent2">Trug der Landwind den Duft</div>
+ <div class="verse indent2">Von all den Blüten,</div>
+ <div class="verse indent2">Die den Urwald schmücken. —</div>
+ <div class="verse indent2">Wo Wald wächst, wächst auch Korn.</div>
+ <div class="verse indent2">Groß sind die Wälder</div>
+ <div class="verse indent2">Und harren der Axt.</div>
+ <div class="verse indent2">Schmiedet Äxte!</div>
+ <div class="verse indent2">Weideplätze weiß ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Weite, unendliche, —</div>
+ <div class="verse indent2">Felder für Weizen und herrliche Früchte.</div>
+ <div class="verse indent2">Schmiedet Pflüge!</div>
+ <div class="verse indent2">Weite Länder,</div>
+ <div class="verse indent2">Die der Menschen harren.</div>
+ <div class="verse indent2">Liebt euch!</div>
+ <div class="verse indent2">Und Hände werden euch wachsen,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Land zu meistern.</div>
+ <div class="verse indent2">Drum hinaus in die Welt!</div>
+ <div class="verse indent2">Und Schiffe gebaut,</div>
+ <div class="verse indent2">Schnellfahrende!</div>
+ <div class="verse indent2">Schmiedet Anker und Kiel!</div>
+ <div class="verse indent2">In eherne Kessel zwingt mir den Dampf!</div>
+ <div class="verse indent2">So durchschneidet die Flut!</div>
+ <div class="verse indent2">Und wo immer den Anker</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr rasselnd senkt,</div>
+ <div class="verse indent2">Da sei die Welt,</div><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span>
+ <div class="verse indent2">Die weite, sonnige,</div>
+ <div class="verse indent2">Die himmlisch freie,</div>
+ <div class="verse indent2">Euer,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr freien Söhne des Nord!</div>
+ <div class="verse indent2">Wacht auf!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb15">
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+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Euch Königen.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Höret mein Lied!</div>
+ <div class="verse indent2">Schaut um euch und schaut rückwärts,</div>
+ <div class="verse indent2">Ob das, was ich singe,</div>
+ <div class="verse indent2">Wahr sei und recht!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr aber werdet sehen:</div>
+ <div class="verse indent2">Es ist so!</div>
+ <div class="verse indent2">Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder,</div>
+ <div class="verse indent2">Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen!</div>
+ <div class="verse indent2">So höret nun, ihr Könige,</div>
+ <div class="verse indent2">Und merket!</div>
+ <div class="verse indent2">Lernet, ihr Richter auf Erden!</div>
+ <div class="verse indent2">Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet,</div>
+ <div class="verse indent2">Und nehmt's euch zu Herzen,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn!</div>
+ <div class="verse indent2">Und die Gewalt vom Höchsten,</div>
+ <div class="verse indent2">Welcher wird fragen, wie ihr handelt,</div>
+ <div class="verse indent2">Und forschen, was ihr ordnet!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn ihr seid seines Reiches Amtleute;</div>
+ <div class="verse indent2">Aber ihr führet euer Amt nicht fein,</div>
+ <div class="verse indent2">Und haltet kein Recht!</div>
+ <div class="verse indent2">Und tut nicht nach dem,</div>
+ <div class="verse indent2">Was der Herr geordnet hat!</div>
+ <div class="verse indent2">Er wird gar greulich und kurz über euch kommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und es wird gar ein scharf Gericht gehen</div>
+ <div class="verse indent2">Über die Herren!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn den Geringen widerfährt Gnade.</div>
+ <div class="verse indent2">Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden,</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span></p>
+ <div class="verse indent2">Denn der, so aller Herr ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Wird keines Person fürchten,</div>
+ <div class="verse indent2">Noch keines Mächtigen Macht scheuen!</div>
+ <div class="verse indent2">Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht</div>
+ <div class="verse indent2">Und sorget für beide gleich!</div>
+ <div class="verse indent2">Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden!</div>
+ <div class="verse indent2">Mit euch, Tyrannen, rede ich,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf daß ihr Weisheit lernet,</div>
+ <div class="verse indent2">Und daß es euch nicht fehle!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn wer heilige Lehre heiliglich hält,</div>
+ <div class="verse indent2">Der wird heilig gehalten!</div>
+ <div class="verse indent2">Und wer dieselbige wohl lernet,</div>
+ <div class="verse indent2">Der wird bestehen! —</div>
+ <div class="verse indent2">So laßt euch nun meine Rede gefallen;</div>
+ <div class="verse indent2">Begehret sie und laßt euch lehren!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich,</div>
+ <div class="verse indent2">Und läßt sich gerne sehen vor denen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die sie lieb haben,</div>
+ <div class="verse indent2">Und läßt sich finden von denen,</div>
+ <div class="verse indent2">Die sie suchen!</div>
+ <div class="verse indent2">Ja, sie begegnet</div>
+ <div class="verse indent2">Und gibt sich selbst zu erkennen denen</div>
+ <div class="verse indent2">Die sie gern haben!</div>
+ <div class="verse indent2">Wer sie gern bald hätte,</div>
+ <div class="verse indent2">Der bedarf nicht vieler Mühe:</div>
+ <div class="verse indent2">Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn nach ihr trachten,</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist die rechte Klugheit!</div>
+ <div class="verse indent2">Und wer dürstet nach ihr,</div>
+ <div class="verse indent2">Darf nicht lange sorgen!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn sie gehet umher und suchet,</div>
+ <div class="verse indent2">Wer ihrer wert sei!</div>
+ <div class="verse indent2">Und erscheint ihm gern unterwegs,</div>
+ <div class="verse indent2">Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet!</div>
+ <div class="verse indent2">Denn wer sich gerne läßt weisen,</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist gewißlich der Weisheit Anfang!</div><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span>
+ <div class="verse indent2">Wer sie aber achtet,</div>
+ <div class="verse indent2">Der läßt sich gern weisen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wer sich gern weisen läßt,</div>
+ <div class="verse indent2">Der hält ihre Gebote;</div>
+ <div class="verse indent2">Wo man aber die Gebote hält,</div>
+ <div class="verse indent2">Da ist ein heilig Leben gewiß!</div>
+ <div class="verse indent2">Wer aber ein heilig Leben führt,</div>
+ <div class="verse indent2">Der ist Gott nahe!</div>
+ <div class="verse indent2">Wer nun Lust hat zur Weisheit,</div>
+ <div class="verse indent2">Den macht sie zum Herrn.</div>
+ <div class="verse indent2">Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk,</div>
+ <div class="verse indent2">Gern Könige und Fürsten sein!</div>
+ <div class="verse indent2">So haltet die Weisheit in Ehren,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf daß ihr ewiglich herrschet.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb16">
+ <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6"><p class="s4">Meiner Königin!</p>
+</div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Um eine Handvoll Sonnenschein</div>
+ <div class="verse indent2">Für meines Lebens Arbeit bat ich dich!</div>
+ <div class="verse indent2">Da griffst du strahlend</div>
+ <div class="verse indent2">In den blauen Himmel</div>
+ <div class="verse indent2">Und warfst mir lachend</div>
+ <div class="verse indent2">Eine Handvoll Sonne zu —</div>
+ <div class="verse indent2">Und Wunder über Wunder!</div>
+ <div class="verse indent2">In Sonne strahlte plötzlich alles Land.</div>
+ <div class="verse indent2">Und sonnenübergossen stand ich da.</div>
+ <div class="verse indent2">Und wohin ich ging,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wohin ich kam,</div>
+ <div class="verse indent2">Zu reich und arm,</div>
+ <div class="verse indent2">Zu krank und siech,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie alle faßten meine Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Und küßten sie:</div>
+ <div class="verse indent2">Du Sonnenspender, hilf uns!</div>
+ <div class="verse indent2">Gib uns von deiner Wärme,</div>
+ <div class="verse indent2">Deinem Licht,</div><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span>
+ <div class="verse indent2">Und führ' uns!</div>
+ <div class="verse indent2">Da zog ich alle an mein Herz,</div>
+ <div class="verse indent2">Ob reich, ob arm,</div>
+ <div class="verse indent2">Ob krank und siech,</div>
+ <div class="verse indent2">Und küßte sie auf ihre Stirn</div>
+ <div class="verse indent2">Und ihren Mund</div>
+ <div class="verse indent2">Und heilte sie.</div>
+ <div class="verse indent2">Doch keiner wußte,</div>
+ <div class="verse indent2">Daß es deine Sonne war,</div>
+ <div class="verse indent2">Die sie geheilt,</div>
+ <div class="verse indent2">Die du vom Himmel mir herabgeholt.</div>
+ <div class="verse indent2">Nur einer weiß es,</div>
+ <div class="verse indent2">Der auch deine Sonne ist,</div>
+ <div class="verse indent2">Und das genügt.</div>
+ <div class="verse indent2">Du aber hab' Dank</div>
+ <div class="verse indent2">Für deine Wärme und dein Licht,</div>
+ <div class="verse indent2">Das du auf meinen Lebensweg</div>
+ <div class="verse indent2">Mir warfst,</div>
+ <div class="verse indent2">Und laß zum Dank</div>
+ <div class="verse indent2">Für dich mich leben</div>
+ <div class="verse indent2">In deiner Sonne!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb17">
+ <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p>Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und
+als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte,
+da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst
+wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche
+die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die
+verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden,
+abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.</p>
+
+<p>Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit
+heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen
+Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft,
+neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span>
+und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und
+meines Aufwärtsstrebens erbaut.</p>
+
+<p>Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von
+der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des
+ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir
+eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit
+Gott, — dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der
+Liebe — in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe
+zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur
+Menschheit! — —</p>
+
+<p>Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen
+Reise nicht, — wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.</p>
+
+<p>Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen
+Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel
+saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará
+aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend
+geworden.</p>
+
+<p>Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der
+neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun
+erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob,
+als nun der Chor einsetzte! — So ist's im Leben, — unser eigenes,
+inneres Leben ist die Melodie, — die Begleitung, das ist der Lärm des
+Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend
+begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; — dumpf
+und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das
+Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein,
+— machtvoll, ergreifend, bestimmend, — und doch immer wieder drängt
+die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer
+Sehnsucht, Liebe zu geben. —</p>
+
+<p>Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um
+unseren neuen Tempel weihen zu helfen! —</p>
+
+<p>Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not
+übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. —
+Dann andachtsvolle Stille, — und — — — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p>
+
+<p>Und nun, — was ist das? —</p>
+
+<p>Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar
+meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und
+lachten und küßten mich.</p>
+
+<p>Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter
+gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen
+Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje
+weht!« — Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat,
+brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in
+vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die
+Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge
+mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu
+erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die
+neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich,
+groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der
+Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen
+Mannes, des Mannes der Tat.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen
+durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der
+Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers
+Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch
+das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines
+Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, — ich
+gewann neuen Überblick.</p>
+
+<p>Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich
+es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde
+und Gleichgesinnten bereits Legion war, — gerade da draußen in der
+Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige
+Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.</p>
+
+<p>Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine
+dieses, der andere jenes Unglück erlitten — und überwunden hatte,
+fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend
+aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p>
+
+<p>Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und
+bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, — mit neuer
+Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.</p>
+
+<p>Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, — die
+Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als
+bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu
+überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je
+uns klar gemacht, — der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der
+Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und
+Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele
+und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der
+Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu
+dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere;
+der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren
+Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem
+Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort
+drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.</p>
+
+<p>Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser
+Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die
+Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu
+sonnenbeschienenen Höhen führt!</p>
+
+<p>Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie
+sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit
+die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!</p>
+
+<p>Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des
+Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das
+Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, — das Weib
+ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele
+des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die
+Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden,
+schaffenden Welt.</p>
+
+<p>Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe:
+wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf
+unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span>
+Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk
+müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere
+Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre
+Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!</p>
+
+<p>Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die
+Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das
+werden kann, wozu er berufen ist, — ein Mensch! Wir bedürfen größerer
+Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer
+größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit
+und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und
+die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu
+sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir
+müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und
+Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was
+uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß
+es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das
+Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere
+Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!</p>
+
+<p>Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den,
+Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist
+des Alls — Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So
+laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne
+Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben
+durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+
+<p>Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen
+hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes
+Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber
+am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der
+junge Tag herauf.</p>
+
+<p>Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich
+eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige
+Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.</p>
+
+<p>Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben
+meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens
+ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin,
+von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, — ein Bild des Friedens.</p>
+
+<p>Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte,
+— da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen
+qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel
+zu unseren Füßen.</p>
+
+<p>Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir
+müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der
+Vogelperspektive zu sehen.</p>
+
+<p>Seltsam, — es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun
+gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter
+den Schnee gebettet, — ganz nahe der Sonne.</p>
+
+<p>Und im Frühling, — mußte ich denken, — wenn der Schnee kam, dann
+löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer
+nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> und Äcker
+und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.</p>
+
+<p>Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen
+und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das
+All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, — nennen wir es
+seine Seele — das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die
+ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die
+Schneewässer zu Tal führen.</p>
+
+<p>Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch
+werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut,
+ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder
+und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und
+Könige.</p>
+
+<p>Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in
+die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des
+Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste
+geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 s3 center">Verlag von Ernst Reinhardt in München</p>
+
+<hr class="double">
+<p class="s2 center">Im Kampf um die Ideale</p>
+<p class="s3 center">Die Geschichte eines Suchenden<br>
+<span class="s5 center">von</span><br>
+<span class="s3 center">Georg Bonne</span></p>
+
+<p class="s4 center">Vollständige Geschenkausgabe</p>
+
+<p class="center">544 Seiten 8° — Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—<br>
+Gekürzte Volksausgabe 17.— 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50</p>
+
+<p class="center">Eine Voraussage des Weltkrieges<br>
+Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft</p>
+
+<hr class="double">
+</div>
+
+<div class="adv">
+<p class="s3 center">Urteile der Presse:</p>
+<p>»<em class="gesperrt">Hamburger Nachrichten</em>« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn
+das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur
+von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es
+dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von
+deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört
+das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers
+spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat,
+Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge
+anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu
+erschließen scheint.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Kölnische Zeitung</em>« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft
+pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und
+seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der
+Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem
+Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat,
+erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung,
+aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse
+und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die
+Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen
+rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Neue Hamb. Zeitung</em>« 17. September 1910. Seine mutigen,
+helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser
+Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine
+zweite Auflage zu wünschen, der dann — man müßte sich schwer getäuscht
+haben, wenn es anders wäre — weitere folgen werden.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Holitscher</em> schreibt in der »<em class="gesperrt">Internationalen
+Monatsschrift</em> zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange
+habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat
+wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt,
+neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt
+hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit
+dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie
+noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist
+Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von
+ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Hamburger Hausfrau</em>« 18. September 1910. Was für ein gesundes,
+starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans
+tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün,
+die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren
+Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber
+wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist
+wahr und tönend vor Liebe.</p>
+
+<p>Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein
+Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre
+errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen.
+Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester,
+keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird
+sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet,
+entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus,
+der uns daraus entgegenweht.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Deutscher Guttempler</em>« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale«
+ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen
+Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die
+Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich
+schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen.
+Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff
+beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als
+selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von
+Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg,
+in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum
+Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich
+ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging
+mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns
+beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Tägliche Rundschau</em>« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch
+gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten
+Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen
+Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn — das Evangelium. Und in
+der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft,
+sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht.</p>
+
+<p>Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus.
+Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an,
+es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die
+Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle
+der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des
+Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser
+in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines,
+welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden,
+gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum
+Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur
+ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen
+Güter unserer deutschen Kultur.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Die Hilfe</em>« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts
+anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als
+das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen
+modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser
+zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen,
+die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen
+Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu
+einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist
+ausgezeichnet und fehlerfrei.</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="adv">
+<p class="s3 center">Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften<br>
+<span class="s5a center">von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">G. Bonne</em>, Kl. Flottbek.</span></p>
+
+
+<div class="blockquot">
+<div class="hang2">
+
+<p>&nbsp;&nbsp;&#8201;1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer,
+Leipzig, 1881.</p>
+
+<p>&nbsp;&nbsp;&#8201;2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891.</p>
+
+<p>&nbsp;&#8201;3.Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen
+Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896.</p>
+
+<p>&nbsp;&nbsp;4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F.
+Leineweber,<br> Leipzig, 1901. M. 4.—</p>
+
+<p>&nbsp;5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer
+Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer,
+Jena, 1904.</p>
+
+<p>&nbsp;6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst
+deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf.</p>
+&nbsp;
+<p>&nbsp;7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands
+Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902.</p>
+
+<p>&nbsp;8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands
+Großloge. 1903. 10 Pf.</p>
+
+<p>&nbsp;9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das
+reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G.
+T., Hamburg, 1903. 25 Pf.</p>
+
+<p>10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen
+Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T.,
+Hamburg, 1903. 50 Pf.</p>
+
+<p>11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands
+Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf.</p>
+
+<p>12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2.
+Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904.</p>
+
+<p>13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911.
+Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.</p>
+
+<p>14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende
+Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking,
+Hamburg, 1912.</p>
+
+<p>15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im
+Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf.</p>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="adv">
+<p class="p4 s3 center">Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«:</p>
+
+<p class="s3 p2 center">Heimstätten für unsere Helden</p>
+<p class="p0 s5">Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span>
+<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80.</p>
+<p>Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen Reichstages überreicht.</p>
+
+<p class="s3 center">Mehr Nahrungsmittel!</p>
+<p class="p0 s5">Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie
+zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span>
+<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten.<br> Preis brosch. M.
+4.—, gebunden M. 5.—</p>
+
+<p class="s3 center">Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe</p>
+<p class="p0 s5">Dichtungen von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80.</p>
+
+<p class="s3 center">Lieder der Arbeit</p>
+<p class="p0 s5">Von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf.</p>
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+<p class="s3 center">Vorwärts mit Gott!</p>
+<p class="p0 s5">Von<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. Lieder an mein Volk. Steif geheftet Preis 50 Pf.</p>
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+<p class="s3 center">Der Tempel der Schönheit</p>
+<p class="p0 s5">Schauspiel in drei Aufzügen von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. Neue, für die
+Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50.</p>
+
+<p class="s5">Die Zeitschrift »<em class="gesperrt">Bühne und Welt</em>« schreibt in der Nummer vom 1.
+Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch
+über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und
+Dramatikers nach Handlung und Charakteristik.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;W.</p>
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+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***</div>
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+</html>
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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