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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/77887-0.txt b/77887-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ca5826d --- /dev/null +++ b/77887-0.txt @@ -0,0 +1,14577 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 *** + + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + +antiqua gedruckter Text+ + + + + + Im Kampf um die Ideale + + Ein Gegenwartsroman + + + + + Im Kampf um die Ideale + + Die Geschichte eines Suchenden + + + Ein + Gegenwartsroman + von + + Georg Bonne + + + Gekürzte + Volksausgabe + 17.-19. Tausend + + [Illustration] + + München 1917 + Verlag von Ernst Reinhardt + + + + + Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig + + + + +»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß +sie frei werden.« + +Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein +Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in +seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege +des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes +eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner +Liebestätigkeit spreute weit über die Lande. + +Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben +in den Schneeregionen, wie er gebeten, -- um der Sonne recht nahe zu +sein. -- + +Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei +schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen +Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine +wunderbare, schier übermenschliche Kraft. -- + +So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken, +wie er es gewünscht! + + + + + Die Geschichte eines Suchenden. + + +Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der +Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit. + +Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf, +hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken +Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die +Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze +und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven +zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich +genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun +doch unterliegen? + +Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und +Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und +Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen +Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze +Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern +und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu +betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese +ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon, +daß ich mich doppelt elend und müde fühlte. + +Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen +Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen +schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine +große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die +Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer +da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die +Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit. + +Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie +droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind +von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen, +gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und +Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt +sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und +alle wollten Hilfe, -- der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener +Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten +Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte, +und was ich wußte. + +Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich +erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand +am Horizonte stehen und wachsen, -- wie die riesengroße Verkörperung +meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes +deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu +helfen. + +Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch +sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im +Kampf. -- Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe +des Elends. + +Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen +Füßen. -- Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als +Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als +ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, -- leer an Liebe. Ja, +das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte, +zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen +auf, -- die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und +Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott --, schenke +uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde +wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte +trägt. + +Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß +ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde +und die Lieblosigkeit, -- hoffnungslos. + +Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei. + +Da ging ich in die Heide, um, -- wie einst der Riese Antäus im Kampfe +mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue +Kraft gewann, -- im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu +sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben. + +Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes, +die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing +noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen +tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres +Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus. +Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, -- eine Zeit, so +recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche +schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der +kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen +und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im +Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die +Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu +lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling. + +Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich +da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn +die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank, +und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am +waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt +getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe, +dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben +hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und +Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen +mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen +und die Tauben füttern, ich sah, -- nein, ich durfte nicht sehen, sonst +erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt, +wenn sie eine Heimat haben, -- das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe +mehr, das Heimweh meisterte ich schon. + +Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst +aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr +fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten +Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann +strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo +Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie +eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo +tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte +jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden +von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein +Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres. +Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte +ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das +Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, -- +das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, -- die störten mich nicht, +die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus +all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich, +das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen, +von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen, +von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank +und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem +andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten, +krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des +großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen. + +Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das +Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter +Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln +reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem +guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem +Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den +Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und +Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs +deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram +weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe. + + * * * * * + +Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die +Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit +Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte. +Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu +hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben +verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne +diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien, +die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben! + +Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und +Licht, -- ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, -- das rettete +mich -- aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich, +es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen +fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo +kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und +mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, -- dann +war ich alle meine Qualen los. + +Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein +überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden +Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben +durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den +Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich. +»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege, +immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst +angelangt zu sein.« -- Da wachte ich auf. + +An einem der nächsten Abende, -- ich war wiederum völlig verzagt, -- +wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende +Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe +lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene +Riesentempel eines unbekannten Gottes. + +Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite +schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst +und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als +käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin +die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch +nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein +Atemzug in dir ist.« -- Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne +unter. + +Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus +wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach +Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem +Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem +Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm +nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg +weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches +Schwarz. + +Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf: +Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und +dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es +dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du +wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem +Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht +gehen! + +So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um +hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum +Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen. + +Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend +arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe +hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel +lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen +durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd +der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten. +Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen +am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff. + +Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden. +Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere +Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes +und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen +Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei +kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches +»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die +Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich +trat in meine Kabine, und seltsam, -- als ich dies kleine Raumgeviert +betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so +groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast +die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute, +es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht +gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in +den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte +die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war. + +Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab +und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe, +daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem +Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck. + +Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer +gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit +grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den +seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte. +Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur +christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und +Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt +und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit. +Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen +zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit +und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der +ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen +sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit +den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das +goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit, +veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, -- aber Liebe, +-- Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter +ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das +Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige +denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie +taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und +Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie +den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen, +hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber +ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten +sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere +als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den +Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. -- -- + +Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen +Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie +ein Herold aus alter, großer Zeit. -- + +Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter +uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den +verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten, +jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins +und Hannovers. + +Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob +es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser +Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues +seliges Gefühl -- Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich +aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als +wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt +hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern +anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles +Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und +groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war, +als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre. + +Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf +die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das +Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum +tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie, +deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren +Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete. + +Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller +Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer +Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und +wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der +Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter +Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo +du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere, +alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer +das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, -- so grüß' ich +dich, leb' wohl, fahr' wohl! -- + +Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald +tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er +uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem +Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns +weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel +gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg +durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf +die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen. + +Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und +donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es +sich hindurch, dem Morgen entgegen. + +Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines +Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich +lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht +sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich. +Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war, +als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der +Mutter gewiegt. + +Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den +hellen Tag. + +Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit +rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und +jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram: + + Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee! + Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder + In wildflutendem Wogenschwalle + Für ewige Zeiten grausig begrubst; + Und Kirchen und Dörfer + Und abertausend freie Friesen, -- + Sie schlummern ewig in deinem Schoß! + Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn + Der rollenden Brandung am ragenden Riff. + Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen + Der alten Riesen Grabgesteine, + Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit, + Heraus aus den Dünen: + Und donnernd poltert die steile Küste + Hinab ins Meer! + Und ewig nagst du! + Wie lang wird's dauern, + Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer! + Zerstörerin du! -- + Doch Wunder, o Wunder, + Du Schöpferin du! + Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe + Mit rastloser Hand, -- + Das spülest du an mit lieblicher Woge + Als blühende Fluren + Am anderen Strand, + Und schaffst dort grünende Felder und Weiden, + Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt! + Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte, + Dankt dir von Herzen + Für dein Geschenk! + Und wie du Länder nagend zerstörst + Und Länder schufst mit der nämlichen Wog', + So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- -- + Nun mußt du Tausende retten dafür, + Und Heilung spenden + Dem, der im Wogenpralle des Lebens + Die Kräfte verlor! + Wer zu zagen beginnt, + Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein: + Der eile zu dir! + Mit brausender Woge + Und tosendem Sturm, + Mit linde wärmendem Sonnenschein, + Mit kühlender Flut + Und Heideduft, + Mit Möwenflug und Dünenruh', + Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht + Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh, + Und selig gestärkt und himmlisch erquickt + Ruft er aus überquellender Seele dir zu: + Hab dank, du Nordsee, + Du urgewaltiges Wunder! -- -- + +Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder +schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles +dehnte und reckte sich in mir. + +Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug, +zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit +wundervoller Kraft. + +Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang +dabei: + + Scheltet mir nicht mein Heimatland! + Ist es auch neblig und kalt, + Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft, + Rauscht doch gar lieblich der Wald! + + Scheltet mir nicht mein Heimatland! + Sind doch die Menschen gar treu! + Sittsam die Mädchen mit blauem Aug', + Ach, und die Männer so frei! + + Höret mich, alle im schönen Süd'! + Scheltet mir nicht mein Heimatland, + Lieben würdet ihr's heiß, wie ich, + Wär's euch nur besser bekannt! + +Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, -- du +Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens! + +Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der +Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken. + +An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke +schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es +unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische +Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen. + +Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und +da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz +ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und +Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine +große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit +Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu +handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da +er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren, +schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und +legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der +starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen. + +Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in +jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in +nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im +Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu +scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich +ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes. + +Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter +Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn +kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden +Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich +sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen +Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft +mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten +zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet, +unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich +daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all +die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres +Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle +diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und +wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie +keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das +alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn +nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus +ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende +bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen +lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich +entladen wollte? + +Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar +Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu +stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden, +das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in +der dunklen Mietswohnung dahinsiechen? + +Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der +anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem +Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in +Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben +die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es +so bleibt bis an der Welt Ende. + +Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster +klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber. +Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen +Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum +Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule. + +Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in +jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und +seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte +Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst +Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles, +was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen +wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles +gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie +fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die +Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und +unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! -- + +Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als +wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen. +Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu +all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen +von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen +Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die +Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im +Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer +Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe, +anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere +da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten +Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige +Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte +Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer +der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger +auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und +bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und +Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus +das hochmütige und herztötende +odi profanum vulgus et arceo+ des +Horaz. + +Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von +Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und +die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen, +sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten +sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große +Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu +lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen +Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden +Keime zu entfalten, -- sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk +-- odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich +schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat, +und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen, +denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße, +glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt. +-- Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu +dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich, +deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig, +den brennen sie nur, -- aber die Weinhändler sorgen dafür, daß +das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten +wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie +Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen +sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr +Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend +der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und +gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser. + +Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den +Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das +Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem +Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in +seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege +mit seinem Kumpanen Komment trinkt. + +Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier +ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein +berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen +Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal +im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft +haben. + +Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer +wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand +da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie +dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten +Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und +siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den +Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte, +wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige +Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der +Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der +Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch +nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes +und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so +todunglücklich. + +Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen +will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr +als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne +Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen +Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was +es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es +sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm +mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein -- dann bist du ein Vater! +Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du +doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen, +was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal +könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest, +Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, -- +Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« -- -- + + * * * * * + +Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte +Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren. +Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin. +Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen +und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast +alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft +in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, -- Gott Lob und Dank. + +Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch +wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den +Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem +Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide +des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll +Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden, +schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des +Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde. + +Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen +zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen +kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß +hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt +der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob +der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt +hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am +Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck +der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe, +die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und +Belgier? -- Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen +nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der +Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt +haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint +-- die Stadt Rubens' und van Dycks. + +Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu +Museum, von Kirche zu Kirche. + +Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen +gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist +tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier +zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, -- daß sie selbst den Tod +überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi, +von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie +die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände +beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie +selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle +Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu +stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu +erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen. +Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande +gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen, +Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder +die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit +eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das +Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr +Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst, +und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt +und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen +entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß +das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß. + +Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von +Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, -- kunstvoll geschnitzte +Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar +kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen. + +Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein +Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches +hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel +der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen +Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein +Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte. + +Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande +anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben +nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer, +unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden +konntest und heute noch so falsch verstanden wirst! + +Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den +finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war +es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher +Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz, +tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des +Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, -- und wie +sie quollen, -- Entsetzen --, da nahmen sie Gesichter an von heute +noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und +Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den +rechten Glauben hatten -- nur eins fehlte ihnen: die Liebe! + +Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden +der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien +es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher +der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte. + +Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges +Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das +Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand +und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz +Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie. + +Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam +darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen +Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil +deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein +gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und +navigare necesse +est, vivere non necesse+. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ei, so +baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und +scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum +laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein? + +Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere +Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit +schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht +mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das +odi +profanum+, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die +Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes, +heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest +dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk +aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen, +die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir +beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die +sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir +jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk +ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser +Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte +billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und +vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und +sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann +jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen +und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben +und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für +die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es +zugrunde geht. -- + + * * * * * + +Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und +schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der +Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber. +Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen +Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten +im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum +Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches +Glockengeläute. + +Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles +drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide +fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend +entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf. + +Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord +beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer +und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues +Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der +Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig +stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und +teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch +nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich +spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er +regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das +odi profanum+ steht +auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die +Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend +und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen +oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut. + +Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie +weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es +erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich +ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend +und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen +Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um +die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs +Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen. + +Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der +Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und +hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm. + +Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit +mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine +Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein +trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg. +So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller, +aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein +breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht +hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen +Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft, +nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem +gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die +Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus +Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit +herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm +gebräunten Gesichtern. -- Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg +her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische +Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet +hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte, +läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner +Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in +den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen +um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu +erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner +von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes +Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch +zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen +dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte, +nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater +gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das +Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der +arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf +den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und +meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt. + +In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere. +Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer +Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in +seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam +ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich +hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß +er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast +finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der +Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen +Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem, +müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen. + +Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren +unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond, +schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel +findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen, +die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele +erkennen lassen. + +Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau, +fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit +gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen +Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein +Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte. + +Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer, +ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen +Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In +seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit +seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte. +Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas +Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug +geraten war, -- so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man +sich schon im Dezember sehnt. + +Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer +Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn +und edlen, energischen Zügen. + +Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte, +Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott +weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord, +wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter +zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er +gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war, +reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den +dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz +da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon +genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah. + +Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein +Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick +ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine +fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in +Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden +bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer +Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen. + +Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den +Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt, +so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste +Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn +ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an +Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun +drei, -- das war ein bißchen viel. + +Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten. +Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende +Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in +den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen +nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer +kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch. + +In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber +war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen +des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen +Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem +Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden +Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch +der Pall-Mall-Gazette als +Commis voyageur+ im Hermelin unter dem +Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren. + +Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena +entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes +und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und +Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit +Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir; +-- an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, -- +mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt +ähnlich sehen, -- Österreich buhlt augenscheinlich um Englands +Freundschaft, -- Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie +eine Schar Krähen, -- und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig +kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. -- Und unser Heer, +unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir +wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer +Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem +Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen +beiden Krankheiten? + +Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt, +ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der +Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose, +damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter +der Tat.« + +Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! -- Freilich ist es verführerisch, +diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch +den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer +ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und +Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen +zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur. + +Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere +neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts +tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb +ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt +nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht +her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller +Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die +Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel +zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will +diese Sitte nicht stützen helfen.« + +Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder +drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor, +erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und +wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte +tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst +manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet +ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und +doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst +des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser +Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten +herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe +wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen +angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil +seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um +die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und +Gefängnissen unterzubringen.« + +Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die +vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.« +»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.« +»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch +herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.« +»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der +Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle +diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler +und Whiskyreisenden« -- bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des +Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir +nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen +wäre -- »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer +und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte +der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem +er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen +von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts! +Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« -- »Nun,« erwiderte +ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen +selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine +Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon +seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und +Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten +Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? -- Aber noch +mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften +führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der +Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen +erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben +Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun +würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere +beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der +jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris, +und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel, +schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch +zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der +Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen +Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei +Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß +die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen +werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere +Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus +allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger, +übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern +unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs +Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten +Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit +des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber +einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut +werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber +über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie +durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust, +in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und +da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil +ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die +meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten +werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung +........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande +und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein, +»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja +die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich +ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande +und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen, +wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter +wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte +wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht +gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und +Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische +Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur +fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?« +»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation +der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch +dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände +zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige +Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom +Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird +die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und +hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise +vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der +Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter +und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des +Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.« +»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und +einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte +ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand +verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.« +Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand. + +»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem +Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen +Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes +von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so +tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein, +dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden, +von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm +der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere +Unstrut, -- die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn +unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in +ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge +hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte +der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und +Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer +war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten, +einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte +ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In +einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak +vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind +die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst +löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz, +mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch +nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das +Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der +Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch +das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand +entlangstrichen. + +Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in +deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen. + +»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist +über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben +oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst +zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer +deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit +allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des +Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer +Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig +hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und +redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er +ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, -- aber die +Tat, -- die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht +dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn +eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich +einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie, +Kollege, daß ich Sie unterbrach.« + +Ich fuhr fort. + +»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier +überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren +Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in +ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das +Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen +Teil verschwunden. + +Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein +furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen +Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft +brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es +gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser +des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die +Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in +Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst +nur mit Wein und Bier zu löschen« -- hier bebte meine Stimme vor Zorn, +so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen -- »und sich dabei +das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung +unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu +lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute, +einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte +nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des +Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel. + +»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen +Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen +werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei +den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch +herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.« +»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir +verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch +ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins +Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen +Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich +gehe aber noch viel weiter.« + +In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas +an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie +es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war +von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand. +Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber -- unser Ostpreuße, +sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die +Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach +der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend +und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die +Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes, +wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend +jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König +Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen. +Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken +übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes +Rhododendronbeet. + +Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große +Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte +es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen, +hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes -- kein Stern am Himmel. + +Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war, +nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel +ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem +braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit +sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir +war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht +seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken, +welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches +Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von +Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche +schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen. + +Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser +Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst +verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß +er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde. + +Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft, +das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war +immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes, +die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir +wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was +dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um +zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir +weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und +durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in +meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte. + +Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie +war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten +Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben +eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf +in vorderster Reihe mit stand? -- Wie es kam, ich weiß es selbst +nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich +vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer +sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob +sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was +wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde. + +Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem, +vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und +gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt +es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war. + +Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es +für euch und eure Mitmenschen. + +In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser +Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen. + +In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure +Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten. + +Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper +untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet +das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig +bleibe.« + +Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt. + +Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt, +die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der +Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten. +Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in +mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem +wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es +gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten, +wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des +letzten Aktes nicht daran erinnert hätte. + +Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von +Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst +und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir +Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. -- +Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, -- wo sind sie geblieben? +Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt +auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium, +der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als +Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als +Schafhirte in den Prärien Amerikas. + +Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die +entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe +zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil +der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit +gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch +strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie +noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der +Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen +zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche +Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den +Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von +Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das +eintränken!« -- Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß +wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem +jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser +geschossen hatte. + +Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem +Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist, +und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die +Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch. + +Aber halt -- ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten +über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der +Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn +eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und +dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und +diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, -- und daher die Wut +und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem +edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem +Schülerleseverein, -- das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie +ich dazu gekommen war? -- + +Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren +aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres +Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört +ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das +mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden +Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel +verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge +gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger +in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die +Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte +die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn +verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern +ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund +hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt, +wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen +hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und +Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie +das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die +räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich +die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt +die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen +Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel, +die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen +schirmender Kraft. + +Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters +auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz, +das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der +Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr. +Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die +engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um +in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu +entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen +sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder +waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und +wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem +Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend +lindern kann.« + +Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen +einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus +drehten sie mir den ersten Strick. + +Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für +das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten +Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem +höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ +das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine +Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, -- +Kameraden!« die Klasse. + +Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir, +meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen +Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den +irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich +aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen, +und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur +Fahrt durchs Leben zu entfalten. + +Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum +akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben +entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang +zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. -- + +Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte +geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang +hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie +Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit +und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig +und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen +unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie +schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im +Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut +war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der +Sünde hinabzerrten. + +Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen +und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, -- andere, die den +Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder, +die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser +daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den +Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die +Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem +Volke zu verkaufen. + +Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist, +»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren +Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch +einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die +Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie +selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist +die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um +Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank, +ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort +der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um +Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den +unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie +daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, -- körperliches und +geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die +Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. + +Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend +überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn +krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen +wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren, +die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln. + +An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen +Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende +Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die +Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in +alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie, +in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem +Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und +Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und +ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten, +ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und +damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein +Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten +zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie +aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und +nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie +sie noch dazu vaterlandslose Gesellen! + +Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle, +suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden +nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der +Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die +Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends. + +Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über +die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch +keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand +rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige +Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und +Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten +Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug +morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige +Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte +tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die +kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die +Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft +und Sonne gebräunten Ihrigen. + +Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und +mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen +locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes +hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen, +sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und +vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert +und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann +zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die +»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit +den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der +staatserhaltenden Elemente. + +Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen +Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen +Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier. + +Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer +geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden +Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen +Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen +geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome +die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren +Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der +Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten. +Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große +Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten. +Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben +Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in +die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten, +-- was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate +der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos +durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger +dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird. + +Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger +nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr +vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein, +daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen +nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören +sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch +auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die +Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster +Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht. + +Da sind Hunderte von Paaren -- und gerade unter den Reichen und +Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen +Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner +ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und +idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen +konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen +Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne, +der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche +Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause +sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen +gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als +sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt. + +Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich +tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen +hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das +Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt +bedeuten. + +Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend +so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf, +daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle +Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und +vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen +Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und +wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's, +als ob alle Kraft von mir gewichen sei. + +Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen? +oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft? + +Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit +wieder ein: + + Mir träumte bang, -- ein wundersamer Traum! + Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt + Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n: + Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück + In dieser Welt verborgen sei, -- + Ob aller Sonnenglanz des Glücks + Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang; + So voll von Sonne schien unser Herz! + Und unser Flügel trug uns in ein Dorf. + Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß, + In dessen Wellen sich das Mondlicht barg. + An seiner Ufer Rand in einer Laube still, + Von jungem Frühlingsgrün verdeckt, + Saß, küssend sich, ein junges Paar. + Die Nachtigall sang zaubrisch hell + Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend. + Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. -- + Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß + Der Braut im Herzen, -- und das Glück entwich. -- + Da stiegen wir selband in einen Kahn, + Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste + Und leise auf des Stromes Wellen trieb. + Wir saßen eng und traulich angeschmiegt; + Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, -- + Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm. + Und an den Ufern trieb der Kahn entlang. + Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. -- + In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast + Stolz an Palast. -- Der Reichtum thronte hier, + Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. -- + Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein! + Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn. + Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer + Der großen Stadt. Leis stieß er auf. + Wir stiegen aus und wandelten zu zweit, + Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick, + Von unserm Zauberfittich treu gedeckt, + Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel + Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang + Schien lauter Glückeszeuge. -- Doch + Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick + Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück. + Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk, + Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück. + Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, -- + Ein trüber Nebel überm Häusermeer. -- + Nur dort ein Fenster hell, als ob + Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt. + Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag: + Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht' + Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt. + Und doch im Angesicht ein sanfter Zug + Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein. + Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt, + War treu bemüht in warmer Mutterlieb': + Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch, + Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', -- + Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück, + Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. -- + Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl; + Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen; + Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen; + Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns. + Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn + Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück. + Die Menschen nennen auch die Sünde mich; -- + Doch meine Maske ziert der Totenkopf. + Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm. + Mich schüttelte der kalte Fieberfrost. + Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort. + Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau + Sich zentnerschwer die Reue an uns an. + Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz + Schien in das Fenster, und an meiner Brust + Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, -- + Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück, + Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt: + Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt, + Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht, + Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor + Und reine Kunst, die uns das Leben schönt, + Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt, + Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal: + Das ist das Glück! -- -- -- + +Das Glück hatte ich in reichstem Maße, -- für mich. Aber die anderen? +mein Volk? + +Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine +Seele. + +Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen +klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu +mir. Da wurde mir leichter. + +Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte, +spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie +die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen +wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem +kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband +eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und +Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe +der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis, +Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen +Rosenblätter und Zypressenzweige, -- das Ganze eine kleine Welt für +sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise +gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es +und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß, +was dich drückt.« So hatte sie gesagt. + +Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand: +mein Erstlingswerk, das gedruckt war. + +Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten +hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die +Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der +deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und +inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger +Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen +hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und +die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von +Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir +die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden +veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns +jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten +empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter, +flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum +im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen +Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir, +als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an +Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder +herausrisse und zerträte. + +Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem +dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die +deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede +nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange +des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden +müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im +Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die +deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus +dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist +Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über +den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne +dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit +deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch +mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen +gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und +germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen! + +Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch +die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da +oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller +Wald- und Bergeinsamkeit --, noch stand kein Denkmal da oben, noch +kein Wirtshaus, -- da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu +kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe. + +Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt +zum Kyffhäuser --, von dem ich eben herkam, -- um dort die erste +große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz +Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was +bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich +mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens +und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging +über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß. + +Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den +Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen +Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen +Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen +sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an +einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz +genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden +Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel! + +Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen, +schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus +Jungdeutschland an Jungdeutschland«. + +Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von +Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. -- Überall traf ich Freunde und +überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen +Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der +Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und +Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt +und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen +Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das +Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu +achten und zu lieben! + +Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf. + +Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich +reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male. + +Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen +Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er +schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm +zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste +Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer! + +Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen. +Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung +allein konnte zum Siege führen, -- die wissenschaftliche Erkenntnis +mußte helfen. + +Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu +predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht +krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie +sahen in allen Ständen die Männer sterben, -- fünfzig Familienväter +starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche +und Arme, -- und die andern tranken weiter. + +Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem +der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus +logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden. +Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer +für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht +begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging +ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und +klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter, +schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine +Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der +Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende +Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.« + +Und doch -- wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten +Form der Geselligkeit zu brechen. + +Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der +Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim +gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir +gewesen, und doch --, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend +einer dieser Gesellschaften entstanden? -- Wie mancher Bocksbeutel +mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise +geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken +über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir +wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das +alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer, +mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig +sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit +versprechen müssen, -- dieser einzig guten und klugen Mutter, -- meine +halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem +schweren Beruf. -- + +Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich +allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des +Schiffes. + +In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da +waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich +bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten +Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus +jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte +mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und +während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im +Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß +Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und +genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit +des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten. + + * * * * * + +So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der +Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch +das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch +her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es +erst recht nicht, -- was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe +kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und +als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das +habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie +wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.« +»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem +nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps, +wie Sie Ihren Wein.« -- Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte +ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel +doch gern helfen. + + * * * * * + +Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein, +lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden +Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane, +gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf; +stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten +protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den +Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit +seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, -- hat er doch +überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen --, lacht er +mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein +klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« -- + +Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu +machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle +diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche +ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es +gibt. + +Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache? + + * * * * * + +Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der +Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein, +auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen +Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen +Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher? +Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre +schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn +daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin +ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache +alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser +Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die +Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen +Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen +rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles +Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine +und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange +alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch +dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar! +Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in +ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen +einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu +tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr +das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt +sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene +Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum +auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft +machen kann auf eigener Scholle, -- heraus aus dem Dunst der Städte, -- +wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische --: so muß es anders +werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten. + + * * * * * + +Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige +zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die +unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit +für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte +erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung, +der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren +Entladungen, -- ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie +in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an +Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts +verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck +stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen +Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck +überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen +Gesetzen wirken? + + * * * * * + +Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann +das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche +ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse +ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir +nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt +und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen +Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte: +diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die +Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist +Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts, +der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen +Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das +ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert. + + * * * * * + +So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier +Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib +von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen +das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte +Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die +Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun? +Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht +auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen +Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses +Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern! + + * * * * * + +Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte +er für eine Frau, -- fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt +sie da, -- mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, -- vier +Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen +behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das +Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen +blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost +mit in den Sarg legen, -- Nabelvereiterung. Natürlich, -- mit rostiger +Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden. + + * * * * * + +Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei +mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie +unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß +ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne. + +Halt, -- Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung +nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und +doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die +alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen. + + * * * * * + +Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens +bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament +zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder +andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum +Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein +wenig Ausschau halten können; -- aber nur einzelnen Auserwählten +gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die +Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der +Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit +blicken können. + + * * * * * + +Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch +betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und +arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein +netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und +erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer +in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben. +Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe +sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, -- natürlich von den +Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande! +Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine +verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich +heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, -- und +schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und +bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der +Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht +der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter +den Hammer. + +Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen +Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß, +sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß +ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden +am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt +ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der +Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich +in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat, +nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum +Krugwirt hinüber. + +Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen +Hutrand. + + * * * * * + +Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem +Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom +Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr +Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof. +Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts +dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine +Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen +Zettel, das habe er gelesen --, freilich hätte ich schon vorher auf +ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel +schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es +ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr +mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie +erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie +und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern +graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht, +warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder. + + * * * * * + +Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das +widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod. +Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners, +dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt +es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich +geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe +mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich +nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der +Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei, +hätten sie ihn gesucht. -- Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am +Dachsparren erhängt aufgefunden. + +Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches +kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen +Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod. +Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden? +Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn +ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und +ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der +Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt +die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist, +es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser +durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen +Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese +Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin +und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben +kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an +sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen +noch wägen können! + +Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar! + + * * * * * + +Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht, +den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der +Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, -- er würde ohne +Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. -- Auf den Knien hat +er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle +ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient. +Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre +er es, -- und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die +Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige +war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige +Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein +lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« -- Da +hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan, +bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und +was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht +erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig -- Liebe. + +Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich +rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare +Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die +stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder +tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen, +das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen +wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die +Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht +zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den +Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel +den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus +ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der +wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr. +Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging, +um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen +Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu +lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe, +und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich +bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist +die Liebe! + + * * * * * + +Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus +der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig +aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er +sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung +interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den +Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem +Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als +Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den +Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im +voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei +dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei +dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber +sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche +sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe, +daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich +beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück +käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet +getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm +an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.« + +Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei. +Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft +verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der +Liebe zu spüren. + +Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem +Geiste! + + * * * * * + +Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt. +»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?« +»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über +mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl +sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will +nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und +kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!« + +Halt, -- nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue +Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der +mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will, +sehe ich leibhaftig vor mir! -- Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier, +Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten +Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter +Tischlermeister neben mir steht, -- mir ist, als stände ich auf hohem +Berge. + +Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird +es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und +dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem +Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, -- nein, ganze Völker! +Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten +im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und +immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht, +betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und +Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen +nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer +vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und +verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um +den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms, +lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie +verschlingt. + +Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert, +flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend +wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die +Zukunft, die ich sonst nicht geahnt. + +»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«, weckt +mich mein Tischler aus meinen Sinnen. -- »Ich komme sofort mit.« + +Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der +Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben. +Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und +sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich +weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der +Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das +Gesicht. + +»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen +Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort +zur Apotheke gehen.« -- »Er wird nicht gehen.« -- »Sagen Sie es ihm in +dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.« + + * * * * * + +Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke +gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte +in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger, +und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende, +rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein. + +Der Frau geht's heute besser. + +Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was +ausgefressen hat. + +Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm +mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« -- Da blickte er mich an, als ob +er etwas fragen wollte. + +Ich sah ihn zum ersten Male. + +Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen. + +»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch +werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?« +Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte +heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« -- »Wie die in +Hamburg? Nein, niemals! -- Zum Gespött der Leute werden? -- Ja, wenn +ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, -- dann ja.« -- »Ich gehe mit, +morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.« + + * * * * * + +Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte +Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre, +hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom +Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so +spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei +vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom +Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat +aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen +aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt +haben, denn er röchelte bös und hustete Blut. + + * * * * * + +Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den +Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende +Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm +heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's +durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm +gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache +ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so +etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und +ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert +an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen +Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden +mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich +anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, -- ja +das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« -- Da überläuft +es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso +nichts mehr, -- hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon +abgeschworen, -- nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges, +hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer +Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute +abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher +werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre +Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der +wird gut. Die Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht +nur am Leben bleibt, sondern, -- vielleicht, -- noch ein tüchtiger +Mensch wird. Ich aber weiß es, -- denn der Augenblick war zu heilig, -- +der kann nicht trügen. + + * * * * * + +Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und +dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen +Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen +packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren, +Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und +abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen +wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht. + +Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe +heißt, und was sie wirken kann. + + * * * * * + +Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch +dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau +nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die +Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis +er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und +sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun, +was ich könnte, -- ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten. +Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür +sorgen, daß er die Konzession erhielte. + +Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den +Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die +Konzession ist ihm sicher. + + * * * * * + +Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein +Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt; +insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe +aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des Stein +lobend hervorgehoben. -- Womit hat derselbe denn diese betätigt? +Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend +eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur +existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder +Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest +habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine +Schlingen ziehen. + + * * * * * + +Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In +der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken +wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul, +um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter +der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn +bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage +eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen +Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land +hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so +gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt +sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht +hatte, war ich der beste Doktor! + +Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen? +Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren +vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen +Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen +Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt? +Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, -- +er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu +Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten! +Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet +sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr +Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, -- nein, besser +schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben +der Bürger in den Städten kennen, -- und dann wagt noch zu behaupten, +daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob +es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten sagen, wenn wir +so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein +würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus +Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen +Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr +konzessioniert, als ob es Kindergärten wären. + +Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, -- nein, ich brauche euch nicht +anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen +Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an, +daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes -- 3000 Millionen +Mark! -- nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern +und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum +Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum +Brennereibesitzer. -- Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem +ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? -- Tod und Hölle, ist unserer +Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert? + + * * * * * + +Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt +bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er +Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom +Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche +Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er +entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht +so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht +dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die +Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem +säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. -- -- »Will sehen, +was ich tun kann.« + + * * * * * + +Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen +für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so +feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon +gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern +retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her. + + * * * * * + +Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den +»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, -- als ich es las, tauchten +zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in +meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen +das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie +er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu +machen, -- ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, -- ja, lieber +wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen +Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem +Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den +Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die +Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur +seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie +Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk +mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm +nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er +kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot +auf dem Lande. + +Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen. + +Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof! +Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das +Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die +Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie +eine warme Welle ging der Glaube durch das Land. + +Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit -- der +Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß; +Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, -- Sozialisten +seien sie alle, Landes- und Hochverräter, -- ausgerottet werden müßten +sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten +wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des +Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! -- Solche Leute rühmten +sich öffentlich seiner Gunst. + +Freilich waren es Sozialisten, -- aber er wollte sie ja gewinnen, +gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und +glücklich zu machen! + +Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und +die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus +dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus +mooriger Tiefe, empordrangen; -- kaum daß er ihr leises Murmeln je +hörte --; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen +Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch, +hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; -- +anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches +Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode +des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance -- in der Allianz +der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich +vertreten! -- Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall +Glanz und Licht verbreiten helfen! -- So begann die Zeit der Reisen +und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und +weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen +Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so +wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, -- und du, und du, mein Kaiser, +warst mit schuld daran! + + * * * * * + +Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends +vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet. +Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt +verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben +wieder. + + * * * * * + +Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei +mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu +mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder +zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen +gewonnen. + + * * * * * + +Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den +Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere +ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden gehörte, und +frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus +dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind. + +Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig. + + * * * * * + +Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend +und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht +denken, daß er trinkt. + + * * * * * + +Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen +Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie +so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den +Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht +weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch +seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und +nun, -- vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, -- niemals habe er sie +früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des +Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen, +und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum +Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer +hätte anschreiben lassen. + +Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister +auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine +gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe, +-- da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur +Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen +Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen. + + * * * * * + +Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei +mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu +ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei +einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, -- die ganze +Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, -- die über ihren Brotkorb und +ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt +ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not +tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie, +ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste +Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht +durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot +ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen +darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu +rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei +sein, um da zupacken zu können, wo es not tut. + +Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? -- Laßt sie doch +endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen +abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die +katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei, +die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei, +die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die +Handwerkerpartei -- dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere +Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich +selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen +wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit +können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände +die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und +das Ganze könnte gesunden. + + * * * * * + +Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für +Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves +und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen, +-- »alter Herrenabend« -- die Lampe hat geschwelt -- ist erstickt. +Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um +ihn -- es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die +Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein +Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist +zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte. + + * * * * * + +Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen +ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen +neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, -- und kaum 20 Mark ist er +wert. + +Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue +Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute +Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die +Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch, +wie mit dem Alkoholrausch -- er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr +eigenes Joch noch merken. + +Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug +tragen werden. + + * * * * * + +Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel +Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum +Donnerwetter, -- ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich +mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne +unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen +der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere +Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende +Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark +jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren +Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen +Deutsche gesund und glücklich zu halten! -- + + * * * * * + +Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den +Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben +dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen +aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten +Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was +sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach +Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben +sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren +Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren Boden +nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan, +sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren +Besitzern schulden. + + * * * * * + +Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus, +oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine +verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim +errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es +ist ein Skandal, -- vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied +zwischen Geldwucher und Bodenwucher? + + * * * * * + +Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem +Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden +Schneegestöber ins warme Nest zu bringen! + +Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch, +trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser +in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel +auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine +Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von +Juden abstammt, -- fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene +Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und +Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in +diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage +darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater +und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt +haben. -- Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie +sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen +Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau. +Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag +hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber +nur so, wie sie's macht, ist's möglich. + +Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da +für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge, +die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß +Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was +sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch +besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den +Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene +Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im +Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es +im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer, +weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt +das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang +eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein +Betriebskapital in Händen behalten, -- da nützt denn freilich kein +Fleiß und keine Umsicht! -- Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht +warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder +zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien, +und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen +akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er +versteht, -- wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei +Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich +Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in +der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern, +bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und +schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der +kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen +muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in +den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn. +Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom +Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden +können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben +zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und +da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören, +wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die +Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«! + +Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das +Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch +in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich +kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte! + + * * * * * + +Dann kam eine schwere Zeit. -- Da lagen die Blätter, die davon +berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr +unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen +Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, -- ich mußte ja +leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes +willen! + +Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein +Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir +gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so +viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, -- ich bleibe am +Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir +gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie +Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den +Körper. -- Ich genas. + +Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden +abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die +Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf +meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten +bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, -- die Wahrheit +und die Liebe siegten. + +Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden! + +Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen +vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend, +Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme +und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des +Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren, +Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen +Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar +vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt, +Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt +hatten. + +Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan, +viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er +aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei +seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher +kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt +von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am +Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins +zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so +einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall +wurde er entlarvt. + +Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken +gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu +Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt. +Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im +Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde. + +Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein. +Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich +die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der +Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten +Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, -- sah das ungläubige Aufhorchen, +das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir +wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten +die Gedanken. + +Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer +knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen +werden. + +Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch +bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in +unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien +zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich +werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen +Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die +Schullasten tragen sollte! -- Als ob in den Mietskasernen der +Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die +Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. -- Als ob +die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach +Eau de Cologne röchen! -- Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr +riskant, -- er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen. +Das Genossenschaftsgesetz -- na, und dann ... Der Sechste war der +Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten +wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, -- nee, Deibel. -- + +Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, -- dann würde ich das Werk +allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der +andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann +wollten sie auch nicht zurückbleiben. + +Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts +für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund. + +Die Baugenossenschaft wurde gegründet. + +Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier +ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die +Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, -- der Landpreis blieb als +Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit +rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und +die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, -- +Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da! + +Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, -- +Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines. +Das war ja der reine Landesverrat, -- diesen Feinden von Thron und +Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern! +Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten +sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand +und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um +aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im +Kampf, so müde er auch machte. + +Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht +weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den +Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, -- +das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen. + +Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender +Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem +Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand +in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr +Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, -- was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl +warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.« +»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern, +die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu +verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen +hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei +Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen +verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen, +Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können, +braucht's Zeit und -- Liebe.« + +Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch +hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, -- Sie haben den Kredit, den Sie +brauchen.« + + * * * * * + +Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte +unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster +Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, -- natürlich unter +verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen +Zahl der zuhörenden Kollegen, -- was erwidert mir in der Diskussion +der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die +Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen +unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen: +»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, -- ihm sei +es immer vortrefflich bekommen, -- und dann solle man doch einmal an +unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, -- der habe einen +tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« -- + +Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir +unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken, +-- eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des +Korpsstudententums, -- aber selbst diesen urgermanischen Recken habe +das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt +hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben +lang, -- er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres +Volkes arg genug gegrollt, -- und was er, der Gewaltige, wenn er stets +nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er +so schon getan hat, -- von uns Epigonen soll's keiner sagen!« -- + +Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für +mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen. +Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner +gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen! + + * * * * * + +Da -- ein neues Blatt! + +Kaiserparade! -- Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den +Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs +Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren +zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen. +Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung +kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da +postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging +ständig durchs Gedränge, -- vor der Uniform bahnten sie willig eine +Gasse, -- und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur +Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, -- in +weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse +beruhigt, -- kein Unfall kam vor, -- jeder stand auf seinem Platz; die +Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an +die Neuzukommenden, -- in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich +unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht, +-- wie das Samenkorn zur Ernte wird, -- wie sich das Geistige in +Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, -- wie nichts verloren geht, +was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort, +wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur. + + * * * * * + +Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren +geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und +jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«, +die er mit seinem Volke hatte. + +Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky, +jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land +trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will +seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und +vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in +deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine +Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« -- Aber hier mit ruhiger +Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln +das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er +die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; -- +Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind? + +Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er +den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die +Zunahme des Deutschtums -- glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren +die Züge des Erzbischofs, -- auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung +im Bürgertum, -- die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte +Genossene. -- Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein +Glas aus. Wie war man patriotisch! + +Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und +Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der +allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und +Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, -- die Herren vom +Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den +Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, -- dann schlürften alle +ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem +Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre +Polster. + +Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein +paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und +schied endlich, -- eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber +verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten. + +Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden +Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken +zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid! +Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in +innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter +des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den +Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter +des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin +noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den +Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz +führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen +von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit +lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein +nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche +tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes +geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich +ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches +Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes +Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß +ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen +Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte +Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht +liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, -- +was? -- das Lied ist ja gar nicht von Luther, -- hat Luther selbst +doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie +denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen +entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit +durchschauen könnten? Es nützte nichts. + +Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren +nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause +gehen wir nicht«, -- bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«. + +Wo der Patriotismus wohl heute endigt? -- -- + + * * * * * + +Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der +Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen +und geträumt. + +Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine +Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen +Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen, +Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und +unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch +her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte +kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei +andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und +die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte, +stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte +es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer +wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen +unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht +hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende +des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben +Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit +den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, -- und je mehr sie +tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja, +schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach +unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen +sie über den Trunk die trockene Rinde. + +Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses +und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, -- +die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten +von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause +kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise +mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der +ausschied, waren drei frische Trinker da. + +Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein +General, -- zwei verglaste Augen, -- ein Toter sank unter den Tisch, +-- bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, -- dort +einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, -- -- +die Opfer des Gelages, des Trunkes! -- Einer nach dem anderen sank +unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, -- schnell schloß sich wieder +die Reihe der Zechenden und Schmausenden. + +Aber allmählich, -- der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte, +-- eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, -- ein +durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, -- da hob +der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch +und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde +erblickt, die unter dem Tische verwesten. + +Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf +den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen +funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir +dies?« -- Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte. + +Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig +eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden +heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das +taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand +auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen +geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde +der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten +überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend +an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun. + +Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem +Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; -- um viele Jahre +reifer schien er plötzlich geworden; -- dann aber, festen Schrittes, +das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im +Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach, +hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur +ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die +Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten. + +Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer +entfacht, -- sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, -- +und erlosch -- und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen, +auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen. + +Da wachte ich auf. + + * * * * * + +In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen +für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch +ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen! +Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem +die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst +eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die +Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es +mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann +ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will +nicht weiter. + +Ja, -- was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, -- eine +Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und +sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner +Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!« +Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann +losten die anderen. -- Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am +Wald. + +Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es. +Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell +lachte. + + * * * * * + +Wenn's nicht so bitter ernst wäre, -- zum Lachen wäre es! Heute mittag +zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater. +Wirklich dramatisch war es. + +Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden +Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht +halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht +mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben +bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des +durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das +hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren +geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen +Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe +zufügten, wohl nicht wettmachen. -- Hamburgs Welthandel, -- und den +nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im +Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die +Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten. + +Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im +ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen +des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz +ad +oculus+ demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit +ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den +Unrat aus der Elbe wieder heraus. + +Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht +vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt. + +Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen +»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe +rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in +dankenswerter Weise -- dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf +Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe +infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich +an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein. +Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es +auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich +geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch. + +Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach +dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite. +Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch +den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht +stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen +Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und +Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und +wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.« + +Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand. +Das tat wohl. + +Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten +Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram +demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! -- Herr +Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee +und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, -- +verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene +große Pettenkofer das Elbewasser genannt, -- und der mußte es doch +wissen! -- und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist, +-- es bleibt, was es ist! -- Daß sich aber alle die Tausende reicher +Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich +gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen +und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht +kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf +gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen +zu müssen. -- Pfui Deubel aber, -- begreifen kann ich es doch nicht. +Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe! + + * * * * * + +In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison +syphilitisch. + +Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere +hergeht? + +Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch, +8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen +Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen +und pharisäerhafter Entrüstung. + +Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer +Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das +Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt. + +Mein Kaiser, -- ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl, +kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat +voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden +deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende +tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare +Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und +Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem +ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, -- aber die Philister am +Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte +werden dir fluchen. + + * * * * * + +Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben, +anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen +Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den +Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der +Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden +nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige, +Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es +wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit +kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das +fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem +zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit +der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? -- Weil der +Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es +habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter, +die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen, +um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen +Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute +tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen, +von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf +den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer +pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren +mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, -- +worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch +wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit +der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas +von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden +mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem +ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine +Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann, +wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn +er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die +Bücher wiederbringen wollte. + + * * * * * + +Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird +Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« -- Es ist zu fidel: seit +Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in +Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen +Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, -- +jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins +Seebad reist, -- nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht +oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung +telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern +machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer +damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und +achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett +und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein +der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, -- also ins Meer. Aber siehe +da, -- alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es, +schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen +vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott +zu tragen. + +Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding! + + * * * * * + +Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein +schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden +und gelagert hatte, -- auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den +Dampfkesseln, -- kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen +war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine +Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft. +Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein +tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen +Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein +bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens +einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in +der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu +Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, -- sie +konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle +bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber +es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was +weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht +mehr vom Hause fort, -- der Jüngste bedarf der Mutter, -- und dann +die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, -- wenn er +noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei +im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich +versprach zu tun, was möglich sei. + +Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte +er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe, +in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in +solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von +den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's +merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich +vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen. +Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und +Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die +Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem +Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien +massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst +Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe +das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann +mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die +Herren reich gemacht, -- dann aber sei der karge Lohn, den die Herren +dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten +verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie +die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den +Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die +anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und +erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung +unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur +Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders +gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum +ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte, +habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun! +Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um +die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher +angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und +das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde +der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es +sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben +nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei, +-- die hätte er zu gern. »Ja, aber, -- wenn er so zufrieden sei, warum +er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's +mir glauben,« -- und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, -- das lügt er +nicht, -- »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen +Deut besser, als ich's jetzt hab' -- aber ich denke an die anderen, +da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren +Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht +herauskommen aus ihrem Elend, -- ein Hundsfott wär ich, wenn ich die +vergessen wollt'.« + +Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur +Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre +ich, wenn ich die vergessen wollt'!« + + * * * * * + +Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer +noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues, +Bestimmtes geworden sei, -- und ist doch nichts von alledem, sondern +er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund +ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist +bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib +Christi« sprach, -- da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber +Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische +Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese +Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen, +die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien +zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines +menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte? + +Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur +der Kirche entfremdet ist, -- aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit +Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, -- das ganze Volk, +arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht +mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der +Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt, +wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die +eins sei mit euren Dogmen, und -- vergißt sein oberstes Gebot, wie die +meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen! +Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug? + + * * * * * + +Nein, so etwas, -- wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte +Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der +Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit +seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, -- er wolle den Genossen +nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, -- meinen reichen +Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich +nur hohe Zinsen damit verschaffen, -- bringt mir der heute in der +Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll, +ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei +Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler. + +Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben +sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen. +Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, -- ich könne es als +Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht +beleidigen, -- denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich +es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. -- Und was ist es? Trines +herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen. + +O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps, +und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich +wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem! + + * * * * * + +Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts +gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen +Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir +uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten +Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. -- Sitzt da der dicke +Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft, +streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa +aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! -- nein, aus +reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der +»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße +und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden, +nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht +halten, oder er müßte, -- schrecklich auszudenken --, sein Lokal den +Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf +es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der +Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder +den Schlagfluß kriegen.« + +Herr Kanzleirat, -- ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch +mehr Unheil im Dorfe anstiftest! + + * * * * * + +Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem +Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, -- den Rippenfellerguß habe ich +ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen, +das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn +Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie +verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll +brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel +Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für +ihren Kanarienvogel, -- der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber +nun schenke ich ihr von meinem Geld.« -- Du wonniges Kind, wie du +deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, -- in all deiner Not +denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem +Kinderherzen! -- Vielleicht da am meisten. + + * * * * * + +Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse +»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert +haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins +Theater führen lassen. + +Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der +Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer +befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll! + +Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen +haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie +sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation? +Verflachend, herunterziehend -- oder hinaufführend. + + * * * * * + +Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur +Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal, +nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat. + +Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem +Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause +nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, -- als ob der +Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall +des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! -- Oh, ich weiß es wohl, ihr +wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen +Heim haben, -- diese Landesverräter verdienen das nicht. + +Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller +eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast +die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und +Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann +das Pack hausen. + +Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß, +euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern, +ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die +Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und +eure Gerechtigkeit, -- daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten +Pharisäer! + +Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre, +oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern +Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht +Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen +und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut +vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder +immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das +dritte, -- Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur +irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch +ingrimmiger in der Tasche als jene. + + * * * * * + +Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen +ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und +zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen. +Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein +paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere +auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck« +wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders +kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner +von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat. + +Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und +gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber +sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht! + + * * * * * + +Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine +geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der +Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß +endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat, +den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, -- denn hier ein armer Fischer, +-- und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß +verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen! + +Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist +doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen +Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit +heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist +mehr darin. Beschwerden beim Landrat -- fruchtlos. Der Landrat ist +gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß +-- fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der +Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur +Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun +seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders +zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag +schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch +größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden +geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm +geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt +einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er +mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was! + +Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse +verpestet, -- kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es +ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig +Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie +nicht mehr zum Laichen in den Fluß. + + * * * * * + +Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten +stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen +Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der +Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es +nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft +und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine +Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur +ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt +beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser. +Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den +anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr +Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein +steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin +ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen +Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser +geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und +Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen. +Dufte du nur und erquicke die Menschen.« + +Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich +auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei +Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir +ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien +Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede +und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der +eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em +gornich mehr lieden.« + +Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu +wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen +alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft, +die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr +treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben +und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der +Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die +Liebe ist das Sonnenlicht der Seele! + + * * * * * + +Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im +Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh +krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890 +86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und +eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen. +Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und +verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische +Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen +seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter +an Schulter für die Wahrheit kämpfen. + + * * * * * + +Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine +Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer +Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des +Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz +empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes +anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen +lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen. + + * * * * * + +Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild. +Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes +Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm +hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig +verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte +das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels +brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel +die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich +vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen +Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von +hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme. +»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der +Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz +ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln +und Disteln, -- das ist der Alltag, -- die drei Balken, die das Kreuz +zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht. +Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist +der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler +hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm +hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib +vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum +Land der Sonne zu tragen. + + * * * * * + +Herrgott, -- ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was +ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur +Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land +noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur +Stadt kommen könnten, -- und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete +zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von +Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und +immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und +zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt +Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene +Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf +die Dauer! + + * * * * * + +Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser +menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von +uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren? + +Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen +Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor +Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon +haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich, +als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler +von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich +hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was. + +Monisten? »Monos?« »Nur Eins« -- das ist's, was mich abhielt: Ihr seht +nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die +Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein, +wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, -- aber +ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen, +als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die +ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. +Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt +die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der +Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten; +nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze +»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt, +die wir Weisheit nennen, -- was wollt ihr mit der Summe all dieser +Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt? + +Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu +verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da, +-- ist »Er!« -- + +Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne +nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren +Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost. + +Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer +der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß +er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen +Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt +als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum +hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus +sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel. + +Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu +lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu +menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade. + +Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer +feingebildeten, strenggläubigen Jüdin. + +»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn +verehre, -- aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten. +Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das +schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich, +stündlich, -- und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht, +da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, -- das kann ich +nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.« + +Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau, +die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr +Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren +kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis +hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für +ihre Männer haben. + +Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis +dieser Jüdin packt, -- ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen +Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen +Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt +haben? -- + +Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem +Gottesgarten aussteige, -- 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist +vorbei --, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven +Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint, +und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo, +Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« -- Da erzählt er mir, während +wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der +Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?« +-- Zwei Ordensbrüder, -- ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es +und eifrig an der Rettungsarbeit, -- hätten den Antrag gestellt, aus +unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme, +zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der +Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln +der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen +Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus. +-- So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden +hören. + +Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit +dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so +behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn +so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit +der Französischen Revolution! + +»Wann ist die nächste Sitzung?« -- »In vierzehn Tagen.« -- Da muß ich +hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die +Schuppen von ihren Augen fallen, und ... + + * * * * * + +Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine +Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. -- Warum +nicht in Form des Gebetes? + +Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen +außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten: +Herr, hilf mir --, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen +Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den +»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei +sein. + +Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen +Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen +das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn +diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen +Menschenbildnis zurechtmodelliert. + +Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, -- der in der Welt ist +als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist, +unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, -- eins mit ihr und +doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu +eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten; +die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten +und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst +in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein +feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit. + +Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich +in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, -- Einer +hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei +Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne, +Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie +sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist, +und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus, +nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der +Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten, +Pfaffen und ihrer Knechte. + +Aber dieses: »Herr, hilf uns!« -- Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns +beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist, +der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das +Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und +doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht +ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei +in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue +lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich +neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. -- -- So +wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.« + +Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr, +hilf uns! + + * * * * * + +Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das +für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine +kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend, +er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was +ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr +zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe +immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer +mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir +hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die +ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren +heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«, +zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr +schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen +und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar +so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine +ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche. + + * * * * * + +Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung +abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole +des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht +leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge +erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, -- ihn genossen haben. +Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so +muß das zur Katastrophe führen, -- früher oder später. + + * * * * * + +Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. -- Jahrelang +habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal +untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und +Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes, +stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine +lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen +Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog +drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int +Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten +wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« -- Mit solchen +Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er +eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen +und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der +Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen +bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, -- nun leitete er mit seinen +zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen +Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum, +wo er am wenigsten am Platze war. + +Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe +gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher +befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den +Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine +ging, -- es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie +schon längst zu den Toten gerechnet. + +Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft +machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen, +meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« -- + +An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da +sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten, +seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen, +die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im +Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt, +bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe +herumschlich.« + +Oh, -- aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja +doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im +Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front +gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der +Trunksucht verwandt würde, -- das sei keine Sache des Reiches, das sei +»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und +bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden +Elemente« schelten laßt, -- als ob man unser Volk wie Museumspräparate +in Spiritus konservieren könnte! + +Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen +abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der +Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus +Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen. +Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen! + + * * * * * + +Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, -- das muß +ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen +sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein +hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur +aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den +Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie +begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit +Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft +haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur +deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese +verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten +und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und +gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich +hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und +das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß +sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht +mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig +Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender +Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem. + +Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die +nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über +uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und +Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb +und verfettet waren. + +Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur +eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, -- oder vielmehr -- +auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich +zu werden, -- ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften, +daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für +alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst +klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den +Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl, +-- so muß ich's allen diesen wohl selber sagen. + + * * * * * + +Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten +Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu. +Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen +Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat, +weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches +Gewerbe. + +Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den +Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme +ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und +albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der +Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und +Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese +Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen +zu Vampyren stempeln zu wollen. + +Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt +habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus. +Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten, +dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise +die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem +Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können, +erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst +kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim +Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich +auf diese Weise zu Tode getrunken hätten. + +Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum +ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich +gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter +seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um +die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und +Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche +hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt +sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit +Entziehung der Konzession bedroht. + +Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie +ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr +Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen. + + * * * * * + +Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung +wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist +wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten +Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist +die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen +Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem +Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in +Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind +sie in der Tat der Sauerteig der Erde. + +Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des +Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie +von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten +Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte +Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde. + +Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist +nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben +selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und +gewidmet haben, -- ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern, +-- ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. +Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen +des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt +Wärme, und Wärme ist Liebe. + +Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer +Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures +Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit +und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im +Kampfe der Geister! + + * * * * * + +So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen, +auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn +Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger, +laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, -- er könne den Jungen nicht +mehr zahm halten, -- der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch +die fünfte Frau gefreit. + +Die Mutter hat gefleht, -- sie sollten den Jungen konfirmieren, damit +er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie, +als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei. +Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles +umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule +gehen.« + +Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit +des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, -- hat nach Amerika +wollen, -- fort, nur fort! + +Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, -- alles Denken +hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat. + +Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat +er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das +Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, -- der +hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir +gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück. + +Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die +Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in +Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich +langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat. +Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten +Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man +Verbrecher, -- +im maximam Dei gloriam et scholae+. + + * * * * * + +Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in +unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit +in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß +es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer +Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen +unseren Mitmenschen gegenüber, -- sei es, und das ist das Wichtigste +für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir +in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden +und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein, +noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! -- -- -- Nur die +Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt +und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir +nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das +einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben +und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann. + +Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden +für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute +befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet, +und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun +jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was +ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder +auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde +arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte +pflücken wollen. + +Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die +Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist +doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur +Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen +Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die +Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und +verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle +ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie +versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und +schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und +dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen +über die Abnahme der Geburten! -- Verdammt noch mal, -- schließt doch +diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt +unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle +Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und +Fortschritt zum Guten! + + * * * * * + +Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich +habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche +Fragen angestellten, -- aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein +Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht. +Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht +sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und +anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen +widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht, +-- denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling, +-- sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder -- mit etwas +viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, -- und dann schweigt der unbequeme +Schlingel Gewissen, -- und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es, +wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und +Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln, +wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten, +-- so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren +so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien, +den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren +brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind, +noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und +nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten +nicht begehen oder auch nur gutheißen! + +Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. -- + +Halt, -- ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder +Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden +oder gar sterben. + + * * * * * + +Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es +schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der +einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus +ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch +ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so +viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber, +wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den +einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will, +nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter +Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. -- Und grauenhaft! Seit +dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just +an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um +ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, -- will nicht heilen, kann +nicht heilen. -- + +Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn. +Ich glaub' nicht daran. + +Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig +werden. + +Herrgott im Himmel, -- gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es +nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! -- + + * * * * * + +Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht +gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie +sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an +Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung +und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet +damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel +geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben +versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen +lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen. +Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein +Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend +kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die +gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren +Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem +Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß +es, ich habe sie nicht gehaßt. -- Warum, mein Gott, hast du sie denn +sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben? +Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders +gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich! + + * * * * * + +Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen +Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk, +für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen +wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite +diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der +modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese +aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert +und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große +Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres +Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren +sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten +werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends +mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international« +erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie. +Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein +freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol +müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird +von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen +und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten. +Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder +die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und +nimmer vorwärts! + + * * * * * + +Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen, +ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth +mache ihn ihr abspenstig. + +Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in +ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig. + +Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und +frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« -- »Und ob, -- +ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später +nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.« + +»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der +anderen ins Garn jagen!« -- + +Oh, über euch törichten Weiber! + +Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und +das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und +euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an! + +»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um +seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, -- +sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen +Strick folgt.« + +Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht, +begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand. +Da schiebe ich sie zur Tür hinaus. + + * * * * * + +Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines +Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende +hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine +Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück +für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe +ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen +in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten +Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der +kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat. + +Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg, +der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines +schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte, +welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine +Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er +nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen +Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach +der anderen, -- und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der +Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit, +wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und +zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen +die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der +Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen +und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich +und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke +herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese +Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit +den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre +Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen +und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt +haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein +Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen +das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn +langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und +für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen +macht es, -- auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv +fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das +von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so +fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen +bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu +betäuben! -- Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes! + + * * * * * + +Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem +Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu +den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird +er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals +sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an +einer solchen Stelle stehen, wie er! + + * * * * * + +Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir +sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und +Verleumdungen. + +Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze +Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker +zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf +gewaschen, daß es dampfte. + +Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es +sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan, +-- aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen, +damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk! + +Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige +Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob +er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein +Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht +haben. + + * * * * * + +Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in +denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten, +zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker +zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte +Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, -- +freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß +ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte, +damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen. +Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis +es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? -- Aber einen Teil +wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden +mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! -- + + * * * * * + +Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich. + +Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir +wie ein Kind, -- der große starke Mann, -- um den Hals und schluchzt: +»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb +gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, -- mit dieser +meiner Hand.« + +Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte. + +Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, -- da hat's ihn +übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, -- angefleht hat er +sie, -- aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen. + +Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit +gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte. + +Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann +fahre ich auf Praxis. + + * * * * * + +Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um +Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!« + +Ich denke zunächst an den Heidbauern. + +Gott sei Dank, -- der ist's nicht. Aber der Hansen ist's. + +Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein +rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt, +und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich +streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins +Zimmer. + +Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, -- tot, +-- der Kopf in einer großen Blutlache. + +Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der +Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um +sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die +halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch. + +Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand +zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof. + +Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings +auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf +von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr. + +Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel +auseinandergesprengt. -- + +Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst +sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut. +Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen. +Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn +angezeigt. + +Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter +schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie +schössen. + +Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich +den Fasan nur gut schmecken lassen. + +Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's +verbeten, ein-, zwei-, dreimal -- sie konnt's nicht lassen. + +Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben. + +Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen +seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen. + +Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über +den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu. + +Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte +Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in +das Nichts. + +Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben. + +Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. -- Gleich darauf zwei Schüsse. +Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und +alles um einen Fasan.« + +Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel +für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses. + +Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß +hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie +Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird. + +Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in +meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! -- -- + +Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann +erst werden! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den +Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste +war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter +nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant. +Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt +nur selten an der Tafel gezeigt hatte. + +Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren +Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der +die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor, +Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als +suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,« +erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von +England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« -- »Der +Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern +Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall +Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch, +dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer, +dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert +wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,« +erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in +der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren +englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in +der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine +kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser +Persönlichkeit bereichern wird. + +Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot, +wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für +unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem +Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück +einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß +ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah, +wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte +bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich +nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter +den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner +Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze +niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General +erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte, +wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl, +zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener +einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete, +der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es +sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten +handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als +mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen +der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach +seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden +zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen +der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß +an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich +sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was +ist's?« -- Er erwiderte: »Der Herr war General E.« -- »Ich habe ihn +erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor +Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein +fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit, +dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir +alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre, +und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur +einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, -- dann +erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme, +daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General +E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In +vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir +eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit +vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß +ich nicht mehr, -- ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von +unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der +Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete. +-- Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen +Offiziers, eine solche Schmach! -- Aber ich war schön und jung, von +tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware +für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt +mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich +ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag +Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, -- dieser +Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der +blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich +an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in +Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?« +Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den +Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit. + +Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und +starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen +Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein +scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen +Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge +zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus +der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die +Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel +nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren, +war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken; +die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese +Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren, +mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe +des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation +und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen +die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine +Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen +Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen +Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt +wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie +glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika +die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren, +natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten +Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem +Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie +der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde +vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich +mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder +ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem +Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um +welchen Preis! -- Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel +Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich +schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen +Königreiche. -- Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses +Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie, +daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man +die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle +Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen +Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun +sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse +beherrschen. + +Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet, +als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück +sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen +England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen +Tonarten gepriesen wurde? + +Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie +bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas +Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des +einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo +dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter +der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen +Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein +wird!« + +Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte, +rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, -- ihr +rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der +uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im +Herbstnebel untergeht. + +In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an +meinen Kaiser. -- + +Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die +Zukunft unseres Volkes schreiten. -- + +In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen +Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner +Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen +fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn +lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich +will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen +Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle, +koste es, was es koste, ich muß an Land.« -- »Aber Ihr Billett?« +-- »Ist mir einerlei! -- Ich will an Land, ich will wieder nach +Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine +kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs +Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn +verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder +heimkehren würde, -- alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner +Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen +Sie mich nicht lebendig durch, -- ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich. + +Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der +Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als +einziger Bruder von drei Schwestern, -- so hatte er niemals gelernt, +die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen. + +Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens, +auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die +notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte +zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und +damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe +dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr +erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den +Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen +Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat. + +Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem +seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer +Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und +dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig +verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten +vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen +keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche +gedeihen könne. + +Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach: +stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen +zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er +seine willensschwache Rasse nicht vererbt. + + * * * * * + +Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die +freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die +anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen +mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen +felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem +Gischt emporpeitschte. + +Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem +Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die +Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, -- auf ein Haar +beide Beine brechend, -- begleitet von dem schallenden Hohngelächter +unserer Matrosen. + +Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem +man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit +mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose +mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen +eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und +einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt +gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das +mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener +Galerie erinnerte. + +Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse, +der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt +den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des +Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie +bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich +hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte. + +Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene +Meer! + +Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren, +hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge +hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des +Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel. + +»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus +Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu +sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt +nichts, -- lauter Selterswasser und Apollinaris, -- sind Sie denn alle +krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage. +Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der +verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt +mit der verdrehten Wassertrinkerei.« -- »Werde meinem Schwager in +Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied +der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf +Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte +Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von +Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.« +Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das +sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter +Weise durch. + +Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte +das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir +erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie +auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem +schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer +ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein +Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der +gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner +Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden +Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung +vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter +entwickeln soll.« -- »Kaiser, -- großartiger Mann,« schnarrte der +Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche +an einer Tafel gespeist, -- kolossal gebildet, von allem unterrichtet, +-- steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal +in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es +ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich +dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt, +kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt +ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen, +Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden, +sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von +Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler, +»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« -- »Lassen Sie +uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen +Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus +Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern +birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter +dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen, +welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine +Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele +hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die +entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende +von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer +vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen +zugezogen haben?« -- »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte +der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« -- »Ich +sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und +werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der +Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das +furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt +besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten +unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so +weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die +untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße +und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange +nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, -- wir +müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen +Sie mir noch eine Münchener!« -- »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief +der Weinhändler. + +Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes +aschfahl, -- das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel +zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte +Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand +zur Kajüte hinaus aufs Deck. + +Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf +den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein +Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit +und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte +meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf +Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte. +Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik +gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, +als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine +ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen. + +Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die +Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende +junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen +deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher +Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen +Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O, +könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm +und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung +unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die +Seelen der jungen Generationen gelegt wird. + +Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner +Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet +haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen +Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall, +Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände +an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu +verleihen, in den Schneesturm hinaus: + + Heda, Herr Kultusminister! + Jetzt hab' ich dich! -- -- + Merkst du's, + Wie die schwingenden Wellen + Meines Geistes dich treffen? -- + Gegen den Nordoststurm an, + Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht, + Schießen sie zu dir hinüber + Übers Meer + Und treffen dich und packen dich, -- -- + Du willst Minister sein + Über das Unterrichtswesen? + Ja, schläfst du denn, + Oder bist du tot? + Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland! + Schau doch, wie sie's dort machen! -- -- + Du tust deine Pflicht nicht! + Du siehst nichts und hörst nichts! + Tausendmal schon habe ich dir zugerufen, + Daß unsere Kinder blaß und elend sind! -- + Tausendmal habe ich dir schon zugerufen, + Daß du nur Lernmaschinen erziehst! + Keine Charaktere bildest, + Sondern Mollusken! + Aber keine Männer + Mit Knochen, mit Rückgrat! -- + Weichlinge, die nachher + Den Verführungen im Leben nicht standhalten! -- + Du bist schuld, + Denn du hast dafür zu sorgen, + Daß die Schule Charaktere bildet! -- -- + Hörst du denn nichts? + Siehst du denn nichts? + Ein Viertel unserer männlichen Jugend + Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten! + Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen! + Durch deine Hand sind sie gegangen! + Du hast nicht acht gegeben! -- -- + Herr Minister! + Du hast es geschehen lassen, + Daß die teuflischen Gifte + So viele krank und elend + Und zu Verbrechern gemacht haben! -- -- -- + Ha, ich weiß, warum du schweigst! + Du selbst trinkst gern Sekt + Und Weißwein, + Aber nur mäßig! + -- Natürlich! -- -- + Aber ich zerre dich, + Und die Wellen meines Geistes + Sollen dich einengen und klemmen, + Wie die brandende See! + Und die Wahrheit soll dich pressen, + Wie eiserne Klammern! + Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein! + Und darum lässest du's geschehen, + Daß die andern sich + In Bier und Branntwein berauschen! -- -- + Ein Wort von dir, + Und der Kaiser würde + Mit dem Beispiel vorangehen, + Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen, + Und die Brauer und Brenner + Würden dir fluchen, + Aber die Mütter dich segnen! -- -- + Und warum lässest du + Die Kinder verderben? + Warum kannst du nicht einsehen, + Wo die Quellen des Übels, + Der Krankheiten, + Des Elends + Entspringen? -- -- + Du verschleuderst deine Kraft + In Kleinigkeiten, + In Quengeleien und Disziplinarverfahren! -- + Doch nun ergreife die Axt + Und leg' Hand + An die Wurzel des Übels, + Wenn du Herr sein willst + Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! -- -- + Nun wohl, die Quelle alles + Übels und Unheils + Ist Unterdrückung der Freiheit, + Die Mollusken erzieht + Statt Männer! -- -- + Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung, + Daß sie Einsicht bekommen, + Was gesund ist und gut, + Daß sie gefeit werden + Gegen die Sünde, + Die sie krank und elend macht! -- + Dulde nicht, + Daß unsrer jungen Mannschaft + Durch diese Kreuzspinnen + Von Wirten und Brennern und Brauern + Das Mark + Ausgesogen wird! + Und vor allem: + Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen, + Warme, lebendige Liebe, + Und noch einmal Liebe! -- -- + Du bist schuld an all dem Elend! + Hast du denn Liebe? + Nein, du bist träge und stumpf + Den Zeichen der Zeit gegenüber! -- + Aber ich will dich rütteln, + Und dich in die Wellen hineinziehen! + Du mußt sie spüren, -- -- -- + Gib acht! + Die Brandung wird so stark werden, + Daß sie dich zerschmettert, + Wenn du nicht auf mich hörst! -- -- -- + +Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er +donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die +schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten. +Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller +Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich +ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes +Vaterland. + +Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die +Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein +triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang, +hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne +Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war, +sang mit: + + Über die Matten, über die Sande + Streichet die Möwe hin zum Meer; + Über die Heiden, durch die Lande + Irr' ich wandernd hin und her. + + Nach dem Lieb mein unter den Linden, + Wie sie ruht an meiner Brust, + Nach den meeresfrischen Winden + Geht mein Sehnen, meine Lust. + + Über die Heiden, durch die Lande + Zieh' ich mit dem Wanderstab; + Ach, der Heimat süße Bande + Halten fest mich bis zum Grab. + +Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm, +mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir +vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens +hindurchführt. + +Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin. + +Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und +süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir +im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden +Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste, +wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide +streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir +blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche +in die Luft. + +Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder +angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer, +langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, -- +meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen -- oft genug hatte +ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische +Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten. +So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die +Jugendzeit doppelt heimisch. + +Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das +mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber +eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter +und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein +Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe +geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes +Distelblatt, -- Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen +und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses +Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte +Hoffen. + +Und da kam die Zeit der Trennung, -- ich mußte hinaus in die Fremde, +die Kräfte wollten wachsen, -- ich mußte die Welt sehen, hinaus, +hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder +zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie +stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute +der Heimat schätzen! + +Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die +Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen +Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch +nicht in der Stadt -- dahin paßte der freie Falke nicht, -- da hätte +er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen, +weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da +fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig +und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und +Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, -- dahinein führte +er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste +Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam +ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein. + +War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben! + +Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern +der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein +geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von +deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen +Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen +umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten +landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes. +Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; -- doch +halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten, +der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen -- +Einzelhäuser für Arbeiter --, damit sie sich leicht aussuchen können, +was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen. + +In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten +her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen +zu heißen, -- halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und +Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar, +als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei +aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine +Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht +sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren +Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen +Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an +die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten +Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, -- Emma, deine +Rosen müssen noch Wasser haben, -- Rudolf und Ernst, wird das neue +Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?« + +Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken +kunstfertig gefügt, -- die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden +zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht +hatte. + +Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser +tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem +Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste +zum Gesang, -- alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit +und Leben. + +Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter, +Kinder, -- das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie +hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders. + +Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen; +froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag +Sonnenschein. + +Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: -- »Hast +Arbeit?« -- »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« -- »Bin fremd +hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte +drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der +Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der +Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in +der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen +dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen +nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie +irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind, +während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen. + +Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern +und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr +Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig +auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten +waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger +wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen +mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den +Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf, +raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das +nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu +schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand +ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele +warme Bruderhände wachsen, -- wir können sie brauchen! Über der Tür +meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung: +»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's -- was die Seele des +Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen! + +Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen +Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und +Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, -- überall, überall das +nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen, +ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen, +sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber, +daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des +Menschempfindens, die über uns gekommen ist! + +Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit +Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief, +als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen +hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses +und der Erbitterung wurde. + +Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können, +wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk +geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall +oder Alter oder Verlust des Ernährers, -- keine Arbeiterversicherung +mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen, +Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die +alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was +wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit +geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen, +daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell +zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder +Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen, +daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden +aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und +verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht. + +Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in +das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der +Erbitterung daraus trank. + +Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges +Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden. + +Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich +ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das +Gerüst den Ernährer geraubt hatte. + +Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem +Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde. + +Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich +sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und +ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den +Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und +der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es +mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der +anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht +ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre +Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und +Zweck des Lebens geworden. + +Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das +Stampfen der Maschinen. + +In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art, +aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen +Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten +diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an +unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus +unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller +Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet, +und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir +die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen. + +Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich +mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein +Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner. +Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, -- sie +verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk, +ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber +zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, -- +er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn +seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens +hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind +wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen +Volkes. + +Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die +Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam +die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden +aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit +ihr. + +Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf +dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die +Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer +wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu +Gott! + +Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus +und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und +erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat. + +Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten +wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können, +-- Wellenkreise auszusenden, -- Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer +neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt +haben würde. + +Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von +Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und +erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall, +zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch +Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen +gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir +wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht. + +Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich +durchstreifte. + +Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die +Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen +Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen +den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die +Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise. + +Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers +stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die +sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe +zieht in mich ein. + + Sieh, ich ziehe meine Kreise, + Und ich leb' in meiner Weise, + Ruf' und banne meine Geister, + Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister. + + Schicke sie in ferne Lande, + Laß sie knüpfen neue Bande, + Laß sie alte fester binden, + Laß sie neue Pfade finden! + + Und so leb' ich, wirkend, strebend, + Mich an's End' der Dinge hebend, + Bis der Weltenherr der Geister + Mich auch ruft, mein Obermeister. + +Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo +ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich +wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert. + +Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn +es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er +von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und +drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht +wissend wohin, erzitternd stand. + +Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in +den Masten und brüllte um den Schornstein. + +Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch +rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff! +Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, -- wie Kinder, +die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend +einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den +Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken. +Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya +verschollen. + +Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und +spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm +hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von +ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim +denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und +bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm +pfeift. + +Betrunken war keiner. Im Gegenteil, -- sie spielten sehr emsig. Ich +wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, -- es +wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben --: »Majestät wirklich +famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach +dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte +und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ -- wirklich famoser Mensch, ganz +genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden +Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde. + +Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein +Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie +aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht +standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will, +noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich +konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat +spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht. +Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen +Posten. + +Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen +auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte +ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an +die Schiffswand, eine menschliche Gestalt. + +Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, +schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, -- ich verstand ihn, +-- er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst +vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. -- Durch Sturm und Gischt +arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in +der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das +Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt +zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde +Ozean, da, -- oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, -- was +nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was +unser gut versorgtes Rettungsboot, -- wenn der eine nicht wollte! Und +dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, -- gerade +so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen, +meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte, +wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, -- groß, +unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen +war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften +redete, -- als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas +wissen könne, -- aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen, +da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, -- und der Knabe, +der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes, +seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung +dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem +Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand +erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen +konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten +Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien +gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten +auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich +fühlte Gott, -- das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm +wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine +Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts +Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen +Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor +ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie +du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das +macht unser Leben aus!« -- -- + +Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des +Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese +himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer +dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne +sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer +großen Stille. Und dann war er da, -- ich wußte es, fühlte es, ich +hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, -- in diesem Gefühl, ein +Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, -- +darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen +gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große +Harmonie sich ständig wiederholen, -- alles, was an uns und in uns +lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, -- +Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, -- wie jede +Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die +ihm möglich ist, -- das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du +Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die +Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war. + +Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen +hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte +ich ihn wieder ganz deutlich, -- befreiend, stärkend, wunderbar +stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, -- nun laß das Schiff +bersten und das Meer sich auftun, -- daß ich dich gefühlt habe, +Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. -- + +Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner +Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte +es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag +der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt +annehmen, -- das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig +vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach +Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst, +noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und +ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen +Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche +Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung +unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen +können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, -- +es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. -- + +Ja, ja, so ist's, -- in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere +Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große +Wellenringe zieht, gute oder schlechte. -- Oh, Gott im Himmel, gib, daß +nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! -- -- + +Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich +hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken, +wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen +noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines +anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von +Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen +ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen +wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja, +wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht +habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben! + +Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit. + +Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was +hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir +Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt +gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und +wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter +wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen +kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich +nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben +wollen in Werken der Liebe, -- und wie oft hatte ich ihn vergessen! +Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des +Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten, +-- was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? -- +Doch still, was war das, -- heute war ja daheim Gustavs erstes großes +Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der +herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft +zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu +neuem Leben. Und nun? -- + +Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? -- Deutlich hörte ich +weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner +geliebten Orgel, -- und deutlich vernahm ich von einer weichen, +seelenvollen Altstimme das Lied: + + Herr, du kennest meine Sünden, + All mein Leben ist dir Licht, + Woll'st dich doch nicht von mir wenden, + Herr, verlaß mich Sünder nicht! + + Wohl, ich kannte die Gebote, + Die du uns gegeben hast. + Ja, ich hab' sie übertreten, + Hätte sie vergessen fast. + + Doch nun kam ich zur Besinnung, + Sehne mich nach deiner Ruh. + Herr, nun hilf mir wieder werden, + Wie dein Ebenbild, wie du! + + Reich mir deine starken Hände, + Ziehe mich zu dir empor! + Laß mich ruhn in deinem Geiste, + Leihe gnädig mir dein Ohr! + + Klar liegt vor mir meine Sünde, + Und mir ist so sterbensbang, + Vater unser, laß mich hören + Deiner sanften Stimme Klang. + + Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen, + Jede Strafe ist mir recht, + Will gern büßen meine Sünden, + Nur erhöre deinen Knecht. + + Nimm von mir die Last der Sünden, + Hebe mich in deine Ruh'! + Herr, nun hilf mir wieder werden + Wie dein Ebenbild, wie du! + +Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein +Herz. Es hilft nichts, -- wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein +und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte +und Liebe. + +Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt: +ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber +die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und +bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und +Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr +gegeben, als ich durfte. -- Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns +gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, -- ich hatte nicht von +ihm gelernt, -- so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen +und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine +Strafe. + +Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim +Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte, +drang es wie Trost in meine Seele: + + Lern zu leiden, ohne zu klagen, + Erst im Dulden erweist sich der Mann! + Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen: + Gott ist allmächtig! Denke daran! + + Lern zu leiden, ohne zu klagen! + Niemand trägt schwerer als er nur kann. + Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, -- + Gott ist Alliebe! Denke daran! + + Lern zu leiden, ohne zu klagen, + Sieh nicht dein Leid als das schwerste an! + Sieh als Prüfung an deine Plagen, -- + Gott ist allweise! Denke daran! + +Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor: + + Wenn ich gestorben bin, + Sollt ihr nicht trauern! + Frei aus den Mauern + Schwingt sich mein Geist + + Wenn ich gestorben bin, + Sollt ihr euch freuen: + Mögt ihr euch scheuen, + Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt. + + Wenn ich gestorben bin, + Fort mit den Tränen! + Schwächliches Sehnen, -- + Bin ja bei euch! + + Wenn ich gestorben bin, + Führt mich der Meister + Schaffender Geister + In sein großes, himmlisches Reich! + +Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe +erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie +ein Abschiedsgruß an die Menschen. + + Aus der Fülle meines Seins + Wollt' ich euch beschenken, + Drückt' den einen dies und eins, + Wollte keinen kränken. + + Habe Sonnenschein gesät, + Nicht um selbst zu ernten, -- + Samen, den kein Wind verweht, + Zeiten, den entfernten! + + Vom Unendlichen geborgt, + Mögen sie's erwerben: + Hab' für Enkel treu gesorgt, + Will nun ruhig sterben! + +Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein +wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen. + +Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir, +ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug +die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich +sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen, +triumphierend und singend: + + Den Starken und Klugen gehört das Recht, + Den Feigen und Schwachen die Nacht; + Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, + Sich selbst erhalten, die Macht. + + Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt, + Und der Sturm seine Schwingen bricht, + Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt, + Ich fürchte die Brandung nicht! + + Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt + Manch fruchtbaren Acker Land; + Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt + Mit unermüdlicher Hand. + + So entstand einst der Deich! + Und bezwungen das Meer! + Und gebrochen der Wogen Schlacht! + Doch heute noch gilt, ist's lange auch her: + Dem Starken gehöret die Macht! + +Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, -- was war das? Ich rieb mir +die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, -- ich war wach, +wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das +alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die +Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören, +wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der +Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich +aus dem Bette, die Tür aufgerissen, -- wahrhaftig, lachend und singend +wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der +furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber +alle Not und Gefahr! -- -- -- + +Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie +von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der +Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von +uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige +leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, -- war es +Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es +schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde, +laue Lüfte umwehten uns, -- den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen +die Heizung abgestellt, -- wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf +kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob +auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm +dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und +Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter +Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich +der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab +und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr +Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben, +wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre +Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre +Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden, +-- haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu +stellen, wie es ihnen paßt? + +Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft. +Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu +regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer +Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und +Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; -- kam dann die +Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere +jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere. +Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur +Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte, +und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn +sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück +zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was +verbrochen hätten; -- du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch +nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, -- ich stelle die +Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen +sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die +ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und +Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie +ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt +auch nicht frieren! + + * * * * * + +Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! -- Fast hätte ich +die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele +wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den +Röhren, -- aber was war das? Die Seele war nicht tot, -- strahlende, +wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender +Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die +Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend! +Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne, +keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte +sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und +wärme und helle, da tut es not! + +Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid, +verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so +selbstsüchtig, -- strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr +Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre! + +Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein +Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte +Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der +erste Offizier kam und reichte mir die Hand --: »Nun sehen wir unsere +Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts +Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest +zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie +und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann +tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch +gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist +das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!« + +Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in +Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am +Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei +Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die +Locken streichend: + + +Enfant de mon amour, + Bienfait par Dieu, + Tu es ma vie, + La fleur de mes yeux!+ + + +Enfant de mon amour, + Fille de mon coeur, + Tu es mon âme, + Tu es mon bonheur!+ + +Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr +Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt +französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich +wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich +betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist +vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben +gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun +will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen. +Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle +kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle. +Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns +und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte +ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle +ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder +so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen +Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude +und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als +ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen +Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf, +das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst +die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen +mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr +Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als +ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin +zurechtzufinden. + +Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein, +keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei? +Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath +in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95 +Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank +durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur +bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen +kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann +das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen, +wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein +Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau +als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und +Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die +Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und +unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu +gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,« +eiferte die junge Mutter, -- »ich bin ja freilich katholisch, aber das +ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor +Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der +Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten +zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die +Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von +Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn +diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen +das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?« +-- -- + + * * * * * + +Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die +Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt +deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den +Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was +für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?« +»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine +Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann +bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf. +Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel +denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz +Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften +wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien +ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil +ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin +Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen +Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.« +»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum +Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein +Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst +der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem +Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber +schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die +Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen +Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt +hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der +Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des +Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer. + +Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war +bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert. +Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der +Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife, +augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand +darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem +langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung +dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den +die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während +des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das +Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine +Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten +hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in +seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er +ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und +was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften +könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm +hinüber, daß ihm ganz warm werde. + +Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was +wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen +auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes, +spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an +dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue +der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen, +sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige +Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen +ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir +sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft +und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser +zarten, geistigen Dinge, -- eben durch unser vieles Genießen. Und hier +ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht +kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt, +allen Tand des Lebens von sich getan hat, -- er genießt mit stiller +Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten +ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues +Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, -- ich wollte, ich könnte +unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind +diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die, +ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht +nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille +Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch, +wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich +euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme, +eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser +Zeit verdrängen helft. + + * * * * * + +Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr +erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland, +die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit +dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den +überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die +Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer +werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines, +leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am +Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken, +allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch +ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen +wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht +und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte? + +Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein +blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen +sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya +angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den +Schicksalsstürmen des Lebens. + +Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir +erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner +Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen. +Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr +Lieblingslied sang. + +Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden +freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien +ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen. + +Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom +internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden +Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas +Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu +wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen +einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem +Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns +zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit, +von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen. +Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten, +der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage. +Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in +seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. -- Wissen Sie, was +der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir +Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für +die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten? +-- Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks +größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der +Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten +geantwortet hätte? -- Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck +vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War +entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, -- sehr +guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen +Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, -- meinetwegen +könnte es zehn Bismärcke geben; -- äh, muß selbst über meinen Schnack +lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der +Seeluft, macht so witzig, -- haben aber vollständig recht. Großartig, +was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die +Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die +Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis +in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben. +Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche +patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen, +-- genialer Streich, -- wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe +Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete +Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun. +Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr. +Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe +von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt. +Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der +Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit +den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen, +Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen, +Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. -- alles bringt Geld in unsere +Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht +im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen +Festen, -- wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf +dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen +Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines +Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack. + +Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der +Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie +sank. + + * * * * * + +In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten +von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die +den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den +schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen. + +Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das +Schiff ungefährdet in den Hafen bringen. + +Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige +Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat. + +Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen +Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die +Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken +sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend +bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben. +Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer +von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln +schnell und sicher die Wogen durchschneiden. + +Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser +Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land +her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant +auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden +Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem +Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er +nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk +und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur +Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar, +saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das +gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem +Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend, +jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah, +jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder +reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser +Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih +und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die +Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und +meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere +beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen +die Leute. Es stimmt. -- Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll +Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die +braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn -- in +die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten. + +Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um +diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem +Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern +angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden +sich die Paare jubelnd zusammen. + +Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch +unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste +fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und +meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe, +tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie +wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten +lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich +verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land +gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für +die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker +wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber +was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das +wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken. + +War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so +groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt +werden, selbst und die Seinen, -- nicht mehr. Aber was darauf wuchs, +ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte +Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur +nicht die ewige, entsetzliche Angst, -- um Gotteswillen, wovon soll +es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend +ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde +der Menschheit verloren gegangen, -- als ob kein Platz mehr für die +Menschen auf der Erde sei! -- -- + + * * * * * + +Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des +Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama, +-- die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da, +leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder +sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder +scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen +hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen +Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut +zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt +neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst +hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl +das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte +reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen! + +Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch: + + Ich möchte die Sonne sein, + Die alle Seelen auf Erden wärmt, + Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, -- + Die Sonne möchte ich sein! + + Ich möchte die Sonne sein. -- + Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond! + Doch, die Wärme spendend am Himmel thront, + Die Sonne möchte ich sein! + + Ich möchte die Sonne sein, + Die die Welt erfüllet mit Liebesglut, + Zum Leben erweckend, was licht und gut, -- + Die Sonne möchte ich sein! + +In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den +Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die +dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des +Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben, +von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier +die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß +setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die +Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter +Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum +Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist +nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei +verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor +Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land +der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge +dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier +fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte +frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks +treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis +den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter +liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so +daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber +hier? -- Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser +auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien +als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher +Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend, +sich und der Menschheit zum erquickenden Segen. + +Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in +Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich +nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese +aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie +haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande, +das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten, +herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden +hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter +führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß +der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich +befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer +reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein +Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden. +Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer +Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft +neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen, +Schulen, -- aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden +sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle +diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre +Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund. +So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese +Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos +erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, -- und die Masse muß ihnen +fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder +und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu +Fürsten des Geldes, -- und die Menge darbt. + +Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft +anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen +Luxus fördern. + +Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker, +die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige +Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen. + +Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß +hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort +unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren. + +Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben +entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich +tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den +Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt +haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist +erloschen. Die Liebe ist tot.« -- + +Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der +Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor, +unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele. +Und doch, -- war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere +einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt +hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg? + +Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein +Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade +zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche, +Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und +Feind. + +Nein, und tausendmal nein, -- die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den +Leuchtturm hier gesetzt, -- Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und +Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren. + +Schweigend reichte er mir die Hand. -- Nach einer Weile sagte er kurz: +»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus, +diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den +Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« -- -- + +Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten +eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel, +deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen +erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit +kleinen Städten. -- Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das +Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen. + +»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das +Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein +französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt +fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle +möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.« +-- »Und was ist das Wichtigste?« -- »Das Beste und Köstlichste! Sein +Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und +der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche +Gebrauch des Besitzes.« -- »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?« +-- »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere +auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das +ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte +Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte +Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und +Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit +wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu +brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor +dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des +Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir +unser Ziel erreicht haben!« + +Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen +geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten, +mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen +Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der +Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und +wird dabei immer reicher, -- und wie wenig Liebe verschenken die +Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie +herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde +wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu +schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen! +-- + +Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick. +Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete +Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und +oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer +Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit +hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles +überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender, +goldener Kuppel. + +So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal +seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend +und doch fast unerreichbar. + +Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor +das liebliche Bild -- wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor +das Ideal drängen --; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie +Märchenzauber. Doch nun, was ist das, -- von neuem taucht es empor, +näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen +Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster. +Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen +sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau, +wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge, +das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige +Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis +zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz +und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen, +machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte +es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns +gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner +gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins. + +Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren +Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat. + +Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig +beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler +Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen +melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen. + +Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des +Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die +Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama +seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu +erschließen. -- -- + +Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht +von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter. + +»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? -- »Der +König muß abdanken.« -- »Warum?« -- »Weil er sein Land ruiniert, wie +seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch +seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe +zu seinem Volke und seinem Lande.« -- »Und wenn er nicht abdankt?« -- +»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger, +daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst, +der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!« + +»Das sind ja nette Grundsätze, -- Sie sind ja der reine Anarchist,« +ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter +uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen +Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um +Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch, +die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen. +Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn +ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.« + +Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen +Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser +französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines +beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose, +ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen +Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn +sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren +seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile +langsam wieder hochzugehen. + +Vor uns lag die Stadt. + +Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog +sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von +denen die Königspaläste herabschauten. + +Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu +Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen. +Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr +von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer +aufs neue fesselndes Bild. + +Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte +an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns +und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat, +in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte +mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit. +Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe +hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten +Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen +Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht. +Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie +Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf +der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem +Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an +der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell +als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot, +das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen +hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai. + +Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf +Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand +verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer +aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und +abführten. + +Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die +Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in +Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen +Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war +inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht. + +Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger +Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der +erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei +Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und +die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. -- + + * * * * * + +Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in +unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit +Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank +machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir +selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg +mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne, +wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen +Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert +Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da +schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase, +loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«, +»feiner alter Portwein«. -- Feiner alter Esel, -- Hamburger Sprit +trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, -- wir selbst haben ihn +mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du, +der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine +Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann! + +Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit +bedarf! -- + +Vor uns lag die Stadt, -- darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen +des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte +maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite +Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte +sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem +Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt +in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen! +Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser +des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre +Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe. + +Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben +Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was +so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern +oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten +Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen +mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und +wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten +und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher +schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der +Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der +Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der +Straßen vornehm, behaglich. + + * * * * * + +In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß +wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie +wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf. + +Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit; +Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und +droben, -- Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen +emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte, +lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und +eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde +wiederfindet. + +Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem +Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu +sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen +Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt, +um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem +Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken, +Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler +Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser +verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen +plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu +mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten +sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen +Willens. + +Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller +Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; -- die Liebe fehlt +doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde +Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im +Viergespann durchs Land kutschiert. + +Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der +Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt, +Handel und Ansehen gesunken. + +Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal +dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum +Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde +hier erstehen, wenn hier Liebe waltete! + +Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche +Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht +sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die +Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und +der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt, +es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß, +dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel +die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde +die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses +Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht +der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von +Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des +Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und +Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun +im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, -- ist's nicht dieser +ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht? + +Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der +hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum, +mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so +machtvoll und eindringlich wirken. + +Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu +einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir +müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer +Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie, +wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst +zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit +so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie +unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht, +immer höher und höher hinauf zur Vollendung. + +Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das +Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens +verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst +Liebe sein, -- denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab. + +Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie +geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder +mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die +Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr +vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte +der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die +Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem +Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, -- +hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! -- Das sagte der Stein in +tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns +als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. -- + +Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um +leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen. + +Seltsam, -- wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt +ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe +ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und +seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts, +himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten +zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre +Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich +zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie +in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden +auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die +Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft +in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele +plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch +im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den +herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in +Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die +stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen +Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu +Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben +bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah. + +Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. -- Ich sitze am +Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die +der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach +oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling +sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung +bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen +aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal +gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit +noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine +der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie +soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber +immer wieder aufwärts führt zur Höhe. + +Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die +Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens. +Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so +klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen, +sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer +nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in +seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des +Kreises und des Dreiecks. + +Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen: +werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von +Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das +du dir gesetzt, -- du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht, +groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr +erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die +ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben! +Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie +einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast +keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es +noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein +schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, -- +nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt! +Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist! + +Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, -- wollen +Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen +verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein +in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal +wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden +Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, -- und +kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das +ist's, -- der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem +Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses +stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre +stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln. + +Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, -- fort +mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung, +-- baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure +Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum, +Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre +Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! -- + +»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich +die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien. + +Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und +die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren, +wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf +der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er +aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche +Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner +Mitreisenden für sich nutzbar machen. + +Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische +Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte +er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem +Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele +mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in +ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des +Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt, +-- bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und +dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster +so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben +verliehe, das ist die Liebe eines Weibes. + +Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und +wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das +sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen +Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich +durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind +die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese +gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler +die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der +Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem +Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber +sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die +dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden +des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten, +die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir +anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen, +der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt, +das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal +doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien, +wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der +Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um +schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« -- + +Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte +keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines +Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte +keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er +hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können. + +Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den +sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es, +das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen +Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte. +-- + +Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen, +bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel +an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land +hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und +Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende +Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand. + +»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln +eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer +bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus, +offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich +amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich +zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten +der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer +Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen +Ritterdienst. + +Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde +von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich +entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien +einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm +empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller +Hoffnung schied sie von den Ihren! + +Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um +dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers +zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und +starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie +er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen +Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang. + +Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und +teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre +Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den +Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder +schliefen auf Deck in der lauen Luft. + +Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir +hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von +Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in +warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der +Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen +Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da +ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm +ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in +unsere Stimmung.« + +Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender +Stimme im Volksliedton ihr Lied: + + Auf hohem Berge ein König thront + Mitten im grünen Wald. + Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß + Mitten im grünen Wald. + + Des Königs Volk im Tale wohnt + Weitab vom grünen Wald. + Viel Krankheit gab's und Elend und Tod + Weitab vom grünen Wald. + + Der König täglich zu Tale schritt + Wohl durch den grünen Wald. + Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit + Wohl durch den grünen Wald. + + Er sorgte sich um des Volkes Troß + Weitab vom grünen Wald. + Und linderte Elend und Krankheit und Not + Weitab vom grünen Wald. + + Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück + Wohl durch den grünen Wald. + Da saß am Wege ein Bettelkind + Mitten im grünen Wald. + + Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein + Mitten im grünen Wald, + Laß mich deine Magd im Walde sein, + Mitten im grünen Wald. + + Die Welt ist gar so laut und hart + Weitab vom grünen Wald, + Sie versteht nicht meines Herzens Art + Weitab vom grünen Wald. + + Ich will dir dichten manch Märlein fein + Mitten im grünen Wald.« + Da nahm der König sie bei der Hand + Mitten im grünen Wald. + + Und wiederum schritt der König zu Tal + Wohl durch den grünen Wald. + Da trat zu ihm eine schlanke Maid + Mitten im grünen Wald. + + »Die Welt verstehet nicht mein Lied + Weitab vom grünen Wald. + Sie ist so elend, krank und laut + Weitab vom grünen Wald.« + + Ihr Leid des Königs Herz umzieht + Mitten im grünen Wald, + Daß er auch ihr ein Hüttchen baut + Mitten im grünen Wald. + + Und wiederum ein drittes Mal + Mitten im grünen Wald, + Der König ging zum Volk im Tal + Wohl durch den grünen Wald. + + Ein Weib im weichen Moose saß + Mitten im grünen Wald, + Mit Tränen in einem Buche las + Mitten im grünen Wald. + + »Wer bist du,« fragt der König sie, + »Mitten im grünen Wald? + Was führt dich her vom grauen Tal + Hinauf zum grünen Wald?« + + Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl + Wohl durch den grünen Wald. + »Die Welt, sie hat verstoßen mich, + Weitab vom grünen Wald. + + Die Weisheit bin ich, sie hassen mich, + Weitab vom grünen Wald. + Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir + In deinen grünen Wald. + + Und schenkst du mir ein Plätzchen hier + Mitten im grünen Wald, + Ich helf dir, König, bei deinem Tun + Mitten im grünen Wald.« + + Da baute der König ein Hüttlein ihr + Mitten im grünen Wald. + Und Zauber schritt mit ihm fortan + Wohl durch den grünen Wald. + + Der Weisheit Rat, des Liedes Klang + Mitten im grünen Wald, + Der Dichtung Zauber schritt mit ihm + Zu Tal vom grünen Wald. + + Und war er müd' vom Werk im Tal + Weitab vom grünen Wald, + Wohl neue Kraft mit einemmal + Spürt' er im grünen Wald. + + Das stolze Schloß verfiel zur Stund + Mitten im grünen Wald. + Der König wirkte froh gesund + Zu Tal vom grünen Wald. -- -- -- + +Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach, +-- ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede +ausging, hatte mich ganz umsponnen. + +Da riefen die anderen laut durcheinander, -- der Zauber verflog: ich +war nicht mehr im grünen Wald -- -- + +Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft. + +In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im +Ozean, -- fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic? + +Noch eine Wendung nach Osten -- und vor uns in blauem Zauberduft lag +Madeira. + +Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den +Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich +die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem +Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt! + + * * * * * + +Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da. + +Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig +aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün +der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis +bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt. +Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem +Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen. +Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin: +hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes +Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, -- dann beginnt die Region des +Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende +Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in +zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich +allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend +die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu +umfassen scheinen. + +So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis +der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den +Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische +Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen +lauter Lärm. + +Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser +Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den +Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel +abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen +vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen +Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend +in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu +zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen +Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser +schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher +Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig +kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten, +Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar +glich. + +Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren, +ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat. +Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert +von einem Zechgelage von gestern. -- + +Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der +vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art +offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in +einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue +Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche, +noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder +streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins +Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark? +Sie mußten wirken, -- nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der +Kraft! + +Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch +zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf. + +Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten, +zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau- +und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern +rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen +Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen -- ein Garten +Eden. + +Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich +mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle +ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne +gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der +Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie +wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen +Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres +Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren +Körper. + +Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr, +-- sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an, +-- ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, -- da +beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun +raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt +er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende +Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein +leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich +ihre Augen in die des Gatten senken. -- + +Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir +so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr, +die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit +Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! -- -- + +Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein +Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir +meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen. +Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen +zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge +zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich +waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das +Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht +der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts, +immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich +ein neues, liebliches Tal, -- auf der Insel des seligen Lebens das +Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher +gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten +Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen +aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem +Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend. + +Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein +märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit, +umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen +den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei +weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang +vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das +Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan. +Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den +Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den +Pfad. Steiler führt er bergan. + +Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können, +eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen. + +Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden. + +Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen +bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der +Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei +meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen. + +Jetzt weiter dem Gipfel zu. + +Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort +hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß; +kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die +Wolkenschichten, die Nebelschleier, -- zu meinen Füßen der Wald, -- +noch eine Steigung, -- endlich, endlich am Ziel. + +Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und +Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit +seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen +das ewig blauende, reine Meer -- da fällt mir ein, wie ich vor Jahren +hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von +Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt, +und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und +Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre +Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite +schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem +Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, -- hinüber in +das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und +Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich +klein, -- mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war: +die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend +zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen, +Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel +von Osten nach Westen reichten, -- Schwingen und Hände, die vom Süden +bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich. + +Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer +in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten +und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und +da ein Größerer, -- und dort, alle überragend und beherrschend, wie +der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen, +stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich. +Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der +Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht. + +Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich +war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus +ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier +heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele +gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt -- +was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst +von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur +Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster +Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch +menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen +schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in +Elend und Tränen und Gram. + +Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der +Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im +Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, -- ich mußte es +ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was +mich schier erdrückte, -- und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier, +von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als +ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, -- mir war's, als ob der +Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so +daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See +der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land. +Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da: + + »Kaiser, mein Kaiser, gib acht! + +Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther +und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht! +Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um +dein Volk, um die Menschheit! + +Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an +Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, -- dir ebenbürtig +als Freier, Starker! So mußt du mich hören! + +Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen +und Millionen kennen dich nicht, -- wie du sie nicht kennst! Wen +kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar +Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich +nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen +kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst +du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich +freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not? + +Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du +sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos! +Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit +ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen? +Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und +schaust selbst nach? + +Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder +im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein +Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es +ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen. + +Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen +Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine +Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze +bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat! + +Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt! +Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und +schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich +zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du +ihnen befohlen! + +Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden, +die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? -- Nein? +-- Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von +Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst, +und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in +den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. -- -- + +Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der +Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du +wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir +alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach +verkommt! -- -- + +Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in +der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren, +die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die +Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, -- sie stinken, wie Kloaken! +-- -- + +Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung! +Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber +deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus +war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein +Volk nicht. + +Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur +Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß. + +Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie +haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber +hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie +über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen, +die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke! + +Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt +es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und +du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst, +so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei +Purpurmäntel übereinander anziehst! + +Lern dein Volk kennen! + +Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine +Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat! + +Deine Demut sei deine Größe! + +Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit. + +Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt +in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich! + +Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das +Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht +unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus! +Härte und Hochmut erzeugen Haß! + +Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen +Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen, +wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine +Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich +zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem +Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens! +Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« -- -- + +War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen, +der rauschte? -- Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen? +War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der +Heimat brach? -- Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die +Luft. -- Er mußte mich gehört haben, -- tausendfach rollte das Echo +durch die Luft dahin, -- ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab +sie weiter, millionenfach sie verstärkend. -- + +»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und +Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue +um dich, die in Sorgen um dich sind. -- Deine Schmeichler und Höflinge +zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! -- Ich aber stehe inmitten +eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht +lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! -- Oh, lern es +kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die +Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch +deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt! +Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« -- -- + +Wunderlich, -- noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als +ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die +leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern +trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so +voll von neuen Hoffnungen und Kraft, -- ich fühlte es, ich war genesen! + +Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel +zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun +noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu +meinem Volk zurückzukehren! + +Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben! + +So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich +wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel +gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der +Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich +ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied. + +Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor. +Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, -- der Deich mit +seiner Jasminlaube, -- die Heide mit ihren wilden Rosen, -- in Träumen +schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu +einer Heiligen betete. + +Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen +Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes +Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd +ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen +uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum +zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, -- ich mußte +sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da +hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme. + +Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben! + +Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da. + +Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel +erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich +nicht zu übermannen. + +Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein +blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim, +-- und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein +Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich +mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte +sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub. + +Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und +war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme. +Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und +sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied. + +Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm. +Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das +Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und +vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme +aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille. + +Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den +Menschen so ganz allein? + +Nein, und tausendmal nein, -- ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch +Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter +und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und +undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich, +ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit. + +Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang +seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum +letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse +ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt: + + O Urleid du, von Menschheit Anbeginn, + Du Urquell aller Schmerzen! + O Scheiden, bittres Meiden du, + Du Tod für alle Herzen! + + Hätt' nimmer ich das Glück verspürt + Vom glutenheißen Lieben, -- + Zwar wär ich tot, doch glücklich wär' + Im Tode ich geblieben. + + Doch da ich selig nun erkannt, + Dieses heiße Lieben und Leben, + So will ich getrost bis an mein End' + In des Urleids Schmerzen erbeben! + +Ja, -- ich fühlte es mit, -- hier verarbeitete ein starker Mensch +seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein +Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes +großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend. + +Es ist schon so, -- wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung +mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue +Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen. + +Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde +trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich +nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen +Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in +eine Quelle neuen Glücks? + +Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah +erschrocken blickte er auf. + +Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und +muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge +auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick +sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen +kein Fremder mehr sei. + +Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte +ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem +Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung +seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war. + +Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich +aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes +Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz +verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit +ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den +Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun? +Hör zu!« + +Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als +ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes +Lied in den Abend hinaus: + + Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du, + Du grausames Schicksal, härter als Stahl: + Das ist mein Wille, vom Leben gestählt, + Bereit zu ertragen der Schickungen Qual. + + Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt, + Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz. + Ich aber trug mein schweigendes Leid, + Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz! + + Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft! + Wie eisengepanzert ward mir die Brust! + Nicht einmal sahst du am Boden mich: + Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust! + + Und bürdest du mir das Schwerste auf, + Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab', + Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein: + Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab! + +Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein +Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele +entflammend. Das war gleicher Pulsschlag! + +Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird +uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie +der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige +Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu +Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz +besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die +Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten. + +Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim. + +Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz +hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen. +Und nun? -- In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles, +was ihn ständig an seinen Verlust erinnere. + +Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm +von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne, +in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan: +neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte. + +Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« -- »Und das Häuschen?« -- »Mag's +ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.« + +Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem +Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über +dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt +zu. + +Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für +eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein +Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier +berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite +rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten +wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser +zauberhaften Natur. + +Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das +Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der +sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen, +als ich mit dem neuen Passagier ankam. + +Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder +mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich +ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde, +zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf +von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand, +drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie +er murmelte: »Verzeihung, -- eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt, +-- Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah, +wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen. + +Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich +aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing, +wo sie auch ging und stand. + +Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir +dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit +seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue +Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, -- +die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel +des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten, +-- sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie +nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben +das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch +durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem +Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen +Ozeans. + +Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer +deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen +der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine +Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der +hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen. + +Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres. +Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling. + + * * * * * + +Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die +Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf +dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten, +machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der +Hoffnung. + +Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch +blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf +Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen +unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es +ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu +können. + +Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit +verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine +heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling. + +»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem +Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld +mit fadem Lächeln. Und damit legte er an. + +In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen +prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem +Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen. + +In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein +wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, -- ein Ruck, +und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend +verduftete der Held aus Ofen-Pest. + +Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und +wie es im Leben geht -- ein an sich keineswegs welterschütterndes +Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler +sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise +zusammenzuschließen. + +Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere +auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns +mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll +empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet. + +So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen +sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und +sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide, +ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder +nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie +immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist +der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie +die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die +sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen. + +Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im +steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich +lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der +großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft. + +Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede +Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend +zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und +Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen! + +So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen +anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen +und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu +erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische, +nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene +Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und +mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam +zugrunde gehen. + +Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis +beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller +Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir +sämtlich die Frage bejahten. + +Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, -- was ist die Seele? Ich +sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden. + +»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und +nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu +ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch +während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen +und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt, +und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme. + +Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und +etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und +nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele +des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele. + +Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und +Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges, +Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was +es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt +ausmacht, und den wir nie ergründen können. + +Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner +Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, -- die sollten +keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat. + +›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört, +nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das +Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert? + +Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt! +Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um +der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes +Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit +ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; -- und all diese +Geschöpfe sollen seelenlos sein? + +Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem +wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen +können. + +Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, -- -- wie das +von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch +so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend, +zusammenfließen. + +Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie +keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren. + +Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl +nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages, +vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine +Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit +Liebe auf den Stein -- mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie +ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu +sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht +so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr. + +Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt, +erkennen!« + +Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer. + +Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen, +schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen +fröhlich neben dem Schiffe hin. + +Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit +angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand +und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich +bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen +wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen +Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft +zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir +uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen. + + * * * * * + +Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag, +sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf +meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser +erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf +dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung +aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte +Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen. + +Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer +Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen, +auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und +Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß +es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer +bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen +und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen +Schiffskost. + +Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere +wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe +wir nie ergründen können. + + * * * * * + +Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es, +als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns +alte Bekannte. + +»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte +plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar +weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh, +-- ich habe eine Idee: -- wir setzen uns hier zusammen in die Sonne, +und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von +daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und +da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt +werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen, +aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder +auseinander, -- nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber +durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die +Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden +so reicher, weiser, klüger -- und vielleicht,« fügte sie schelmisch +lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die +Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig, +desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile. +Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben +einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns +hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu +mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in +meinem Madeirastuhl. + +»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war +immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling. + +Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon +von ihm wußte. + +»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der +schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in +ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken, +jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele +noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid. +Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre +Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine +Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, -- oh, mein Gott, +wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht +weich zu werden. + +»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin? +»Doch,« -- fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die +frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und +die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den +letzten Jahren erreicht.« + +Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen, +die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen. + +»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine +Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen. + +Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll +Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich +ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte +und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater +war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun +wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war +in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky +verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als +Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen. + +Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren +anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein +elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von +Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der +Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen +liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die +gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem +Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt: +Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden +Schenktischen. + +An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine +Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen +Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf +mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben. + +Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich +habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das +schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der +Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr +die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. -- + +Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile +Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das +Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag +in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer +an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen +Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als +Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart +verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie +eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens +sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um +in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das +ihrige zu vergessen. + +Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an. + +Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht +getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles +Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen +Leidenszeit waren. + +Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht +kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf +die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen +mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die +Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich +ist Schwäche, -- nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der +Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine +billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder +die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet +haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden, +sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun +Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen +mit Ihm, -- das ist herrlich, -- das ist die Lösung, auf deren Höhe wir +es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel -- Hölle, wo ist +dein Sieg! + +Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst +war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere +Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam +nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war +es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und +meiner Kranken wurde. + +Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira +über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich +auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die +liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist. +Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war +zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod +entrissen.« -- + +»Und ich bin ihre Schwester!« + +Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend, +abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe +vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von +Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er +aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da +habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr +Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie +mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in +der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren. + +Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: -- »Hier, nimm +diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit +unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das +Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen. +Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort. +Man sah, sie brauchte Einsamkeit. + +Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend, +träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß, +klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin. +Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es +bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden. + +»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach +sie --, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester +gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit +und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der +Gegenwart gehören und der Zukunft leben.« + +Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir +den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich +hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise +offenbarte. + +Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung. + +Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und +durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe. + +Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von +dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an +daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines +Hauses war. + +Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der +sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte, +gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall +durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken, +daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und +Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil +hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die +Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten +drängen wollte? + +Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für +den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe +nie gekannt, -- und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und +von sich gestoßen hat. + +Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des +Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt! + +Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den +Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde, +wenn die Sonne nur auf einen Augenblick -- nicht die Sonne wäre! -- + +Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre +Aufgabe erfüllt. -- + +Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man +Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie +dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir +waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander +sehnenden Menschenherzen. + + * * * * * + +Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer +unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten +einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los +an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist +etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer +machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder +einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist +ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar +feiern müssen. + +»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser +Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre +noch Platz genug.« + +»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der +Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer, +die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter, +die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl +polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide +das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat +aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir +hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien +Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu +begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen +auch nicht wieder los. + +Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren +Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, -- nicht wahr, Schatz?« +und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und +zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, -- »aber wenn +sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts +mehr in der Welt. + +Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung +mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer +nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische +Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe +zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie +unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser +gewesen. + +Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster +Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade +dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und +bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine +neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel +aus unserem Menschenleben lernen. -- Wie einst bei uns in Hannover, +so geht's wohl überall in der Welt, -- in Elsaß und Lothringen nicht +anders als in unseren Kolonien, -- schließlich ist die Liebe doch eine +stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.« + +»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker +durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner +hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen +erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der +eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll +Liebe und Gerechtigkeit.« -- + +Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in +mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die +Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden, +-- aber seltsam, -- gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft, +wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, -- +an denen wir merken, daß der Frühling kommt. -- Ist es das, was den +Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?« + +Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des +Geistes, der nach Liebe hungert. + +Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, -- oh, er war +gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der +Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande. + +Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener +preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten, +die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der +Liebe! -- + +Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es +nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben! + +Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht +vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! -- -- -- + +»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte +sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft +niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder +gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen, +das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe, +und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch +ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide +ahnen läßt.« + +Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich +verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer +weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie +seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«. + +Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie +starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im +Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! -- -- + + * * * * * + +Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren +Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen +Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den +feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen +Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß +den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom +Vorderdeck und das Schleifen der Spaten! + +Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend +brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt +und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das +ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte, +wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, -- endlich +erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte +die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich +erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim. +Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir +ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt +sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große +Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.« + +Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin: +ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick, +das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf +wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus +der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen +am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit +ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines +Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal +sehen!« -- Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der +Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen +Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion. +Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der +zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, -- während +ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt +die Kirche nieder, die wir alle so liebten! -- -- + +»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« -- »In der Heimat,« erwiderte +ich, -- »das Heidemärchen hat's mir angetan.« + +Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem +Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken. + +Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das +Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, -- aber wie +ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel +hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah +ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. -- -- + +Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu +erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der +Heimat, aber größer, schöner als je zuvor. + +Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes +Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um +den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen. + +Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner +Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze +künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser +künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug +die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen +Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel +empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns +alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir +eins sind mit dem All. + +Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in +Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen, +um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur +einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren. +Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den +ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die +Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre +Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend. + +Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche +geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit +strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe! + + Liebe, du bist die Mutter der Kraft! + Liebe, du bist die Mutter der Tat! + Liebe, sei mit uns! -- -- -- + +Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer +Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom +Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der +kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat +hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein +Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich +denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über +die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau, +ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im +Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. -- -- + +Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor +mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten +Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt +und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört +es auch mit in meinen Reisebericht, -- als ein Bindeglied im Geiste +zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein +Sehnen trug. + + * * * * * + +Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den +abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst +hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe +geführt. Ja -- es war offenbar -- sie gaben sich alle Mühe, die durch +Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen. + +Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte. + +Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich +flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne +Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die +deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten +sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte +sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde +wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der +Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat. + +Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah +schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten +Gesichtern, -- und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die +sich grämten und schämten über Grauen und Elend. -- -- -- Der Geist der +Tat war weggespült mit Bier. -- -- + +Es war eine schlimme Nacht. -- + +Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich +erwachte. -- -- -- -- + + * * * * * + +Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und +reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt. +Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen +und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die +»+soupe de galienas+«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und +die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren +Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre +Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen, +rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz, +und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls +beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und +die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im +Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild. + +Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte +an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk +wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand +an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah +das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten +Wurzelgeflechte. + +Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern, +-- nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, -- nein, fröhliche, +frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese +feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen +Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch +und freudig herausleuchten. -- Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du, +daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben +im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit +deiner Macht! -- -- -- + + * * * * * + +Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er +begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr +wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das +Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende +Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum +Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer +Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie +eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden +stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den +fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen. + +Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten +Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur +auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das +intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen. +Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen, +am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung +hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem +sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers +Meer zu wandern. + +Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen. + +Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner +handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus +eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen, +energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter. +Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine, +klug, kannte die halbe Welt, -- aber sie war eine Kokette, kalt und +sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art. + +Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens +der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel +vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und +seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen +Empfinden nicht genügend Rechnung trug. + +So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des +Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre +innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib +hatte es auf mich abgesehen. + +Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen +Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle +an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich +immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, -- +unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in +dem zukünftigen Staate jener. + +Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten. + +Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser +schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38 +Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da +habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen, +wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst +nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach +Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen. +Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können, +wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des +Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so +erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser +Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut +durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen; +das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland +schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge, +Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden +wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll +nach innen und außen. + +Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will +ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe +überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem +Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die +meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich +fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und +geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei, +so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren +konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich +leben, ich solle nicht die weite Reise machen, -- fast hätte sie Gluten +in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich +los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.« + +Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick +nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille +Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten, +der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte. + +Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten, +standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so +hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde, +fast jedes Wort. + +Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war +eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine +kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den +Raum hinaussang: + + Ich kenn' dich nicht mehr, + Und ich mag dich nicht mehr, -- + Wir haben die Rollen vertauscht! + Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt, + Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt, + Ist meine Liebe verrauscht! + + Einst warst du mir meine Märchenblum', + Die blaue, am Meeresstrand, -- + Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort + Und weißen, toten Sand. + + Einst warst du mir meine Königin, + Mein Lebenssonnenschein, -- + Jetzt höre ich nur in einemfort + Das Sterbeglöckelein. + + Jetzt möchtest du wohl, + Und jetzt kann ich nicht mehr, + Wir haben die Rollen vertauscht! + Ich kenn' dich nicht mehr, + Und ich mag dich nicht mehr, -- + Meine Liebe, die ist verrauscht! + +Armer Bursche, -- welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? -- +Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles +Bestehende. + +Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, -- ich hörte, wie der, der sie +handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog +die Feuertür des Kessels ins Schloß. + +Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges +Lied von der Arbeit. + +Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast +beklemmend unserer bemächtigt hatte. + +»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem +Freund Rheinländer gegangen, -- und doch um vieles anders. Ich bin +eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, -- +wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher +Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen. +Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst +war kinderlos -- eine Folge jener Liebschaft. + +Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie +um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann +zu hassen, -- nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart +hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut, +nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen +Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für +beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern. + +Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten +nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von +ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß +wir uns voll und ganz verständen. + +Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert. +Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und +arbeitsfroh, -- irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.« + +Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung +bei diesen Worten. -- + +Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und +Sichmitteilen. -- -- -- + + * * * * * + +Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise. +Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am +Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang +es in meiner Seele. + + * * * * * + +Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von +einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied: + + Wenn meine Seele die deine sucht, + So schwinden Raum und Zeiten, + Und schreit' ich einsam durch den Wald, + Du wandelst an meiner Seiten! + + Und wenn du noch so fern mir bist, + Ich kenn' dein Denken und Fühlen, + Und dankbar spür' ich deine Hand, + Die mir die Stirn' will kühlen. + + Wenn meine Seele die deine sucht, + Und das ist immer und immer, + Die ganze Welt mir wonnig ruht + In rosigem Hoffnungsschimmer. + + Wenn meine Seele die deine sucht, + Dann schwinden Sorg' und Kummer, + Du bist bei mir, und selig leg' + Ich mich zum letzten Schlummer. + +Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet. +Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde +Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein. + + * * * * * + +Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen +können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat! +Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, -- so +konnte und durfte diese nie versiegen. + +Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den +Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat, +draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen +der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war +es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! -- -- + + * * * * * + +Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der +Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von +Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich +über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke, +saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux -- +und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen +Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk. +Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister. +Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases, +seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was +Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die +sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den +Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag, +in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für +unsere Kultur wird. + + * * * * * + +Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut +werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen +Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der +zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten +-- Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt -- und hatten +sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke +derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch +als wundersame Lebensweckerin empfanden. + +So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich +sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen +sei. + +Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem +Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der +Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen +mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der +Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs. + +Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar +geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer +liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch +wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen +Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den +Erzählungen der Freunde. + +Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der +Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden +Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust +zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und +von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des +Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich +nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte, +wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte +mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die +offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das +Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie +komponiert hatte. + +Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied +gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut, +das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß, +-- viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit, +-- aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und +mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung +lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete +Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das +Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches, +liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und +meinem Weibe? + +Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit +unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen? + +Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen +Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst, +daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn +sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht +sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen +vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der +Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten? +Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel +Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten +oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen +Unfug verursachten! + +Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer +Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte +nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um +gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat? + +Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in +die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den +Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und +doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über +Vorteil bringen würden? + +Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler +unterstützt, wo und wie sie konnte? + +Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler, +damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter +dem Bierglas hockten, -- die Schenkwirte und Brauer, die in den +Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die +Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch +das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten? +Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen +Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen +Ungerechtigkeit und Härte. + +Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und +tausendmal nein, -- hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue +Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung +einglutetest, -- ich fühle es, -- jetzt schon, -- der Kampf muß zum +Siege führen! -- -- + +Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper +in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber, +das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften, +so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind, +zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf +schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten, +aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten. + +So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und +Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher +gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts +ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses +Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender +als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die, +auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend +eine Kraftäußerung der Materie. + +»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis +zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die +Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich +geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die +ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des +Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit +desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und +Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser +Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem +er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die +ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt. + +In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht +zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt +werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück +vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich +sind. + +So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin, +die in unserem neuen Freunde, -- hier wandte er sich zu unserem +Österreicher -- wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der +mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun +verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das +auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich +auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.« + +Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere +junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und +drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn. + +So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete, +daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast +sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und +verschwand. + +Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter +auf, als er bei Tische nicht erschien. + +Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«, +bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil +sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an: +»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich +vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt +diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke? + +Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer +nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es, +als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem +aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die +Regierung nicht. + +Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da +ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk, +meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird. +Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich +macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen +werden, -- gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich +macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz +und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine +Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein +Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft +sieht.« + +Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder +einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam +mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er. +»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache +dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen +Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist +neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer +Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland +nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen +Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung +kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu. + +So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht +gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens -- in der +Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen --, während +in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse +hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel +schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann +und Weib genügend drangsalierte. + +Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder +unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte +und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und +Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen +gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn +in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie +viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen +dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn +je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid +geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« -- + +Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor +kurzem selbst alles erlebt hatte. -- + +»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das +die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von +der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge +Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische +Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal, +ins eigene Haus, -- das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken! + +So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf +der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes +Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten +kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr +Mann und Weib, Volk und Regierung. + +Freilich, -- so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das +ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, -- dazu ist durch +unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes +oben und unten proletarisiert. + +Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in +den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen +aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz +bilden. + +Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und +Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit +ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die +Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder +jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten +hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für +andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb +der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo +sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der +Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann, +und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen +breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark, +gesund, glücklich, fröhlich, -- unüberwindbar auf jedem Gebiete. + +Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder +aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung +und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene +Ausbildung und Bildung verlangen.« + +»Bruder, Freund, -- das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!« +-- »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken +wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen +System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier +ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt +und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort +eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein +hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem +Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in +die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück. + +Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig, +ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine +Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall +schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen! + +Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen, +durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz +und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn +sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in +dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt +uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz +aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen +im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut +werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu +Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so +hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.« + +Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst +länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn +der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, -- hier galt eine +Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles +Land in eine Oase umwandeln könnte! -- + +Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue +Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige +Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über +die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner +Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages +entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer +Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob +er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht +über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, -- sieh nur, wie mir die +Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« -- Und ich konnte es nicht. +Ich ließ ihn laufen -- und seine Kameraden mit. -- + +Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! -- + +Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland +in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große +Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im +Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen, +dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. -- Es muß so +kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen! + +Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute, +Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren +Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet, +verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte +bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis +gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden +können, -- und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes +Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank +sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich +füllte, -- die er alle gelesen -- und wie gelesen hatte; hier die junge +Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während +sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh, +es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu +machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe. +-- -- + +Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf +meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war +von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er +schrieb: + + »Lieber Doktor! + + Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und + vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte. + + Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue + es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem + ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und + so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich + Ihnen. -- -- + + Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach + Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut + bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte + angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten. + + Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in + Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde. + Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie + in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie + sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. -- Ich war der + Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so + grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling + dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. -- Durch + einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter + meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war. + + Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer + Verbindung -- alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel + dafür, -- und mein Weib -- -- + + Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht + und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe + bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf + der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur + darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt, + an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn + glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn + zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher + keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt + der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein + Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das + Weib findet, das an ihn glaubt. + + Ich finde es nicht mehr. + + Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann + und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk + verglichen. + + Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie + Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo + die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich + attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider + Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen, + und andere, die überhaupt nicht tönen, -- die tot sind. Und wie es mit + den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer + Regierung und unserem Volke. + + Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann, + schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe + gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und + die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe + und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und + verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib. + + Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der + schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit, + das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher + Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte + schafft. + + Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so + geht es dem ganzen schaffenden Volke. + + Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von + früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei + es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem + göttlichen Prometheusfunken! + + Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende + gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß + Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser + Tausende wächst furchtbare Saat. + + Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber + es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß + verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln. + + Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur + ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut + sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in + einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu + errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten + verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. -- -- -- + + Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit + einem Fürsten in der Großstadt. + + Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der + Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die + Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein + alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, -- anders wie die Lehrer im + russischen Reiche zu sein pflegen. + + Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte + er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie + die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen. + Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem + Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft + dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor. + +-- -- Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit, +als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde, +ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände +mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem +Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu +Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise +dachte ich. -- Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am +eigenen Leibe verspürt. -- Ich las weiter: + + Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen. + Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen + Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet, + man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände. + ›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er + tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und + brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen + armen, einzigen Freund in den Tod jagte. -- Die Pulsadern hat er + sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd + auf seinem armseligen Bette, -- händeringend steht seine alte + Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe + nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ -- und sein + Auge bricht. + + Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob + ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen. + + Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des + Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot -- denn + der Staat brauchte Geld, viel Geld -- war wild und toll in seinem + Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der + Nachwuchs, desto sinnloser. + + Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer + Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die + Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr + saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren + gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz + vorher hingesiecht war. + + Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von + ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten + mein Heim in Asche. + + Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner + Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken. + + Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden. + + Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die + Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben, + die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke, + die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann + wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und + Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter + durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da + erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum + noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen + sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das + Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat, + wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom + Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser + Volk leben. + + Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus + dessen Tiefe giftige Dünste steigen, -- Tod und Verderben! + + Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, -- mein Leben ist vergiftet, + meine Kraft gebrochen, -- ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen, + -- ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, -- Gott verzeihe mir + meine Sünden. + + Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen + meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe, + die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind. + + Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in + Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie + Ihrem Volke mitbringen wollen! + + Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie + sind, und für das Sie kämpfen dürfen! + + Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie + ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den + Wellenarmen des Ozeans. + + Es grüßt Sie Glücklichen + + Ihr + + unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.« + +Das Blatt flog zu Boden, -- ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum +Kapitän. + +»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« -- wie ein Lauffeuer +schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und +her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden +abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, -- -- +Menschenwerk! -- unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf +die leise wogende Meeresfläche, -- unser Balte ruhte im Schoße der +Unendlichkeit. + + * * * * * + +Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst! + +Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In +der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum +Grabe, -- Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, -- Hoffnung läßt +uns den Himmel offen sehen. + +Mußtest du sterben, du Armer? + +War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch +wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme? + +Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen +russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort +geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten? + +Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter +sind wir! -- Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen. +Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, -- aber +die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der +Volksseele, -- oh, ich weiß es genau --, ich kenne sie, -- in allen +Schichten, -- es brodelt und drängt, -- alte Vorurteile weichen zurück. +Überall schließen sich die Geister zusammen. -- + +Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge, +alles sehend, alles hörend, -- während mein Körper auf unserem kleinen +Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde. + +Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am +ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? -- + +Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe. +Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne +Hoffnung! -- -- + + * * * * * + +Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll +und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht +einstweilen Genüge getan. + +Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter: +mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen, +Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt. + +Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht. + + * * * * * + +Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche. + +Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren +läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert +Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir +stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend +durchschneidet!« -- + +Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte +sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und +gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und +Kastagnettengeklirr. + +Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder +rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten +paffend. + +Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten +hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im +Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei. + +Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht +gelingen. + +Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig +weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis +für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer +geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens. +Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht +selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das +Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit? + +Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein +Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier +dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes? +Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« -- + +Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die +Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf +ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?« +fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar +streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne +Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir +erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des +Geistigen sind. + +Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde +Geschichte vertiefte.« -- + +»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. -- + +»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte +fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹. + +Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung +des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen +Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben +in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der +glücklichen, gesunden Häuslichkeit. + +In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine +Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits. + +Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn +in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und +Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und +neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne. + +Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur +Ungeziefer waren. + +Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast +wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die +Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses +Omen. + +Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste +Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die +führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen +Vergessens. + +Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes, +glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen +ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat +vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat +suchen und schaffen.« -- + +Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein +verständnisinnig zu. -- + +»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den +Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der +Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein +neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« -- + +Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. -- + +»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der +Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei. + +Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« -- + +Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen +Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf +dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert +hatte. -- + +Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für +seine Rettung im Sturme gewesen. + +»Und weiter fuhr mit« -- träumte das Hexlein weiter -- »die +Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die +Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das +Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen +kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben. + +Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher +Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb, +die Sonne, die Wärme zu suchen. + +Und zum Schluß« -- hier lachte das Hexlein schelmisch -- »ein +schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die +Selbstlosigkeit, und seine Freundin, -- die Romantik.« + +»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und +des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich +glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem +Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« -- erzählte die +Romantik nun weiter -- »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens. +Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung +der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene +Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des +Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins +Land der Sonne, der Liebe. + +Was geschah? -- Ihr alle wißt es, -- der Pessimismus, unglücklich +darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch +fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit +wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund +und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.« + +»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« -- sagte das Hexlein +und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser +fröhlich ergriff und herzlich küßte, -- »wir können dich herrlich +gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.« + +Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin +so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer +weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs. + +Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt +ihr was, -- wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie +der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den +Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu +ihrem Gatten wollte. + +Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will +ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden, +die die Welt kennt, -- Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch +die soziale Hygiene nennen, -- in ihrer Begleitung ein junges Mädchen, +die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat, +und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen +Völkern! Und dann, -- und dann« -- und damit nahm sie meine Hände in +die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen +Augen füllten sich mit Tränen -- »dann werden Sie eines Tages in die +Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester +von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit, +die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches +Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit +werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu +erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser +Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es +uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der +du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, -- du +stirbst niemals!« + +Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren +Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie +herzlich umfing. + +Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen +Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten +und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und +der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und +andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten. + + * * * * * + +Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich +läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen. +Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und +plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte. + +Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und +deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge +hinein. + +Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der +Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem +Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen +tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe +Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt +vor mir. + +Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die +schneebedeckte Felsenwelt -- Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe, +-- unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee, +über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, -- allein mit Gott. +Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt +er der Sonne zu, -- ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum +Höchsten, zum Ewigen flieht. + +Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die +Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch +ihre eherne Größe. + +Da, -- was ist das? -- Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann, +das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will +er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. -- »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück +geschehen?« -- »Laßt mich, -- zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der +Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz +liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja +Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.« + +Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber +geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun +Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.« + +Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, -- wir laufen. + +Ich sah im Geiste das Blut rinnen, -- das treibt an. Endlich am +Flüelapaß, da ist auch das Hospiz. + +»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs +geschickt.« -- Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein +abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe, +verbunden, geschient, -- das Blut steht; -- nun einen erquickenden +Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, -- der Sepp ist gerettet. +Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein +paar ätherische Tropfen, -- nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich +gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber +Ihnen vergelt's Gott.« -- + +Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen, +überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz. +Da schlief ich ein, und schlief und schlief. -- + +Dann kamen Leute. -- »Der ist tot. Ist erfroren.« -- Vorsichtig trugen +sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten +mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre +Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten +Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er +da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit +blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein +Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in +weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. -- -- -- Da erwachte ich. + +Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da +fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte, +als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen +Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der +Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung, +nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor +tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit +für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie +bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten +für euch, heißt für mich -- leben! + + * * * * * + +Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das +Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der +Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen. + +In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der +Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild +der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des +Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, -- es war eine +Herrlichkeit ohne Ende. + +Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich +dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. -- + + * * * * * + +Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken, +die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur +Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend +traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean +gefahren, -- der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, -- +und nun? Ein Aufblinken am Horizont, -- da ist er, der Leuchtturm von +Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten. + +So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte +er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. -- -- + + * * * * * + +Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei, +die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast +andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes +Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war, +als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute +in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein: +ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein +Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer +die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht +es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei +dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und +schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach +diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den +Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur +aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese +höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte. +So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur +ab. + +Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten +Vaterlandes. + +Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die +Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und +wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung +dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der, +der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der +inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was +die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz +gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht +vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller +Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren +Güter der Seele, der Menschheit entstehen. + +Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle +Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit +der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der +Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit, +die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und +Verfeindung aller Beteiligten. + +Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! -- -- -- -- + +Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig, +nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie +erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens. + + * * * * * + +Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser +Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine: +ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große +Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder. + +Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser +Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung +jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts +zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu +erfüllen hat, -- ohne Reibung. + +Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation, +sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen +frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die +Konservativen über die Erbschaftssteuer, -- sie wollen nichts missen +vom Ererbten -- da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler +über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung, +die Brenner über die Branntweinsteuer, -- keiner will sich einfügen, +keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von +den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden +oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu +menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten +zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran! + +Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur +vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen, +Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die +wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine +unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese +große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder +zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so +unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. -- + +Kaiser, -- hierher, an die Maschine! + +Sieh, du bist der Kolben; -- hier das große Schwungrad ist unser +Reichstag. + +Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine +Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue +Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein +schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und +nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen, +wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; -- aber nimm das Öl der +Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft. +-- + +Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich +sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten +Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren +ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde +gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie +entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. -- -- + + * * * * * + +Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich +leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren +Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das +Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich +hörte ich sein Lied: + + Ich nehm' meine große Liebe + Und schütte sie über dich aus: + Will schmücken mit ihr dein Leben, + Will schmücken mit ihr dein Haus. + + Sei du der Glanz der Sterne, + Sei du mein Sonnenschein; + Ich will dir Blumen und Früchte + Bringen als Erde dein! + + Sei du mein blauer Himmel, + Der Sommerwölkchen Heer, + Und schau' dich in meiner Liebe, + Die grundtief wie das Meer! + +Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam, +wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum +emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein +gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie. + +Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne +durch die Nacht: + + Ich habe keine Heimat mehr, + Meine Heimat ist das Grab ... + +Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen +des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte. + +Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, -- auf dieser +Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich +hingesummt hatte. + +Brasilien! + +Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf. + +Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten +Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine +weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen, +wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer +berauschender der Duft. + + * * * * * + +Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns +gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen. +Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten +Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen. + +Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer +Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr +versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen +und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder +in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz +vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen: +der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter +er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe +geworden. + +Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt, +die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie +bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, -- +der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen +zu Ende führen könnte. + +Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung +suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit +offenen Armen willkommen. + +In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in +Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die +erste Zeit versehen -- unsere neue portugiesische Freundin stellte +bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung -- und sollten +dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber +solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in +Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig. +Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft. + +Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das +Duften, das von den Wäldern herüberdrang. + + * * * * * + +Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de +Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz +gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die +Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten +lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte +braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht +kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die +brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen +Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen. +Glückliche Unschuld der Tropen! + +Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die +Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den +Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in +den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen +Dampfers meldend. + +Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von +Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel +und die wundervoll glühende Sonne. + + * * * * * + +Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger +und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein +fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große +Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein +Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk. + +Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde +Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich +solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein +Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache. + +Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab. +Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell +in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es +vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in +ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich +indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um +die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen. +Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester +Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir. +Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend +stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So -- +leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle +mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch +hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er +auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt +seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt +von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore +der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße, +ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft! +Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er +ehrfürchtig erfaßt. + +Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft. +Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken, +unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich +auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den +Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und +seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als +pharisäisch zu richten. + +Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines +Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, -- Wassertrinker +wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem +als mörderisch verschrienen Klima, -- noch ist er keinen Tag krank +gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in +seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die +Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum +Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade +wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen +Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von +der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein +naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht. + +In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes +Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre +dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die +Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum +zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall +schützend für ihre Kinder. + +Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine +andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade +und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer +und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit +Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk +bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein +großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen +gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen +Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin +war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die +wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag +um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz +sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden. + +Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter +jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur +Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige +Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze +Gesellschaft von dannen. + +Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach +schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den +Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die +Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht +gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den +reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht +schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter +für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift +waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der +Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, -- der von den Früchten +entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere +als Wohnstätte und Nahrung zugleich. + +Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche +Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen +Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die +kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung +und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier +an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel +mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter +dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die +Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch. + +Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut +mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier +unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche +Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in +Friede und Liebe, -- und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und +Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind +nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde +geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns +geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in +unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft +und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser +Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle, +dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend +meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum +Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir +das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und +Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und +Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los. + +Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber +verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen, +Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die +sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen +vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten? + +Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser +allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere +zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und +Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, -- und wiederum nur, +damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen, +diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft +wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit +ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit, +um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere +seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich +auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr +kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und +Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid +ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut, +damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt, +unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren, +zugrunde gehen! + +Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger, +Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz, +damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne, +die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde +ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen +hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne, +die die Erde erwärmt und erhellt! -- + + * * * * * + +Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará +unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und +Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser +Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden +Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia +durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder +zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von +hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren. + +Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte +die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte +Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft, +und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu +gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab, +noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem +Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes +hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes. + +Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser +großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der +Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend, +unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder +verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer +entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend +dalag, er ist nicht tot, nein, -- er lebt, -- Scharen buntbeschwingter +Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter +Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es, +wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten, +goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die +Atmosphäre. + +An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit +Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich +tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht, +lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde, +weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder, +gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald, +Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und +wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag. + + * * * * * + +Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in +berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd +in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft. +Sternenklar ist der Himmel. -- + +Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit, +zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch +an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben. +Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf +mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, -- von einem +dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet +zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe. + +Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft +herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, -- oder ist es mein +Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen +Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie +aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre. + +Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die +Stimme des ersten Bootsmannes: + + Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht + An des Himmels nächtiger Bläue. + Er scheint in ewig strahlender Pracht; + Es ist der Stern der Treue. + + Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt + Und führt dich in Tod und Grauen, + Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt, + So wirst du das Morgenrot schauen. + +Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, -- es ist +sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt +meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid. +Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die +dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine +Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, -- +haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen? + +Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, -- kaum habe +ich die Tür hinter mir geschlossen, -- barmherziger Gott, -- was +ist das? -- Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse +bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, -- einen +blondgelockten!« -- Die Portugiesin! -- + +»Signora!« -- Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an +beiden Händen. -- »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken +Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich! +Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit +Ihnen gehen, -- denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« -- »Ich will +aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« -- + +Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe +anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken +das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht +verträgt der Glutenrausch nicht. + +Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre +Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt. + +Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora -- der +sächsische Offizier geht mit Ihnen, -- er hat mir gestern heimlich +anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark +und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will +ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der +Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines +Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß +geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich. +Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!« + +Ein glühender Kuß auf meiner Hand, -- ein leises Öffnen der Tür, ein +Rauschen, wie von einem Frauengewande, -- war es ein Traum gewesen, -- +ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? -- -- -- + +Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu +verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft. + +Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und +Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht. + +Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten +Nerven allmählich wieder Ruhe. + +Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild +gegeneinander: die Gedanken an daheim, -- an meine Lieben. Dann aber +wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt +dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres +Steuermannes noch hörte, -- das Lied von der Treue. -- -- + +Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen +Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes, +männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt +sich das schöne Weib an ihn an. -- -- -- + +Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über +das Meer her, -- wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, -- ich höre den +Jubel und das Geplauder der Kinder, -- meiner Kinder! -- -- -- + +Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel +zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und +schlief ein. + +Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, -- ich fühle +mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und +Guten, -- wie ein Sieger! -- Das kommt, -- mein Herz ist frei von Reue, +weil es Herrscher blieb über die Sinne. + +Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch +stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der +Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder. + + * * * * * + +Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer +hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in +majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht. + +Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in +die frische Morgenluft hinausklingen: + + Ich streue der Liebe Samen, + Wie Eicheln der Eichbaum streut, + Wie Stern' ohn' Zahl und Namen + Die Sonne dem Weltall beut. + + Ich streue der Liebe Blüten, + Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl; + Möcht' jedes Herz behüten + Vor Leid und Sorg' und Qual. + + O Frühling, liebewarmer, + Hätt' ich die Kräfte dein! + So aber bin ich Armer + Nur Staub im Sonnenschein! + +Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein +portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig: + + +Nosso céo ten mais estrellas + Nossas varzeas ten mais flores, + Nossos bosques ten mais ares, + Nossa vida ten mais amores!+ + +Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem +letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen +können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt: + + Unsere Wiesen sind so voll Blumen, + Und unser Himmel voll Sonnenlicht, + Und unsere Büsche so voll von Vöglein, + Und unser Leben voll glühender Liebe, + Wie auf der Erde kein anderes nicht! + +Weib, Weib, -- suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? -- -- + +Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die +zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor: + + Den Starken und Klugen gehöret das Recht + Und den Feigen und Schwachen die Nacht, + Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht, + Sich selbst erhalten die Macht! + +Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus +schwerem Schlafe erweckten. -- -- + + * * * * * + +Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der +Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen. +Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas. +Unendlicher Wald zieht an uns vorüber. + +Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an, +daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder, +Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und +dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen, +zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes. + +Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine +Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu +Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel +werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist +doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher +Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, -- die Seelen, +die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht +haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben. + +Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die +junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe +hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt +mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König +an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal. +Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein +Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. -- + +Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut +gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird +auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu +beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen +ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben, +solange sie leben. + +Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer, +durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen +Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden +Jungen, meinen sinnigen Mädchen. + + * * * * * + +In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser +des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im +Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital +und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, -- wie ein +Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes. + +Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten +Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher +Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen +Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die +Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er +sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller +Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der +Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender +Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, -- aber er ist ein bißchen dunkel +ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu +intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist +nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes +Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die +Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks +Versorgung für die Ehe verkaufen, -- oft genug an Männer, deren Haut +zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die +Haut jenes Negers. + +Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße, +wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers +unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie +die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich +fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. -- -- + +Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und +ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch +in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier. +Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle +nüchtern. Und -- so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle. + +Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch +angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne +hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur +das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere, +der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede +war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und +Mulatten. + +Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und +Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel +zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von +Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das +Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich +es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem +Sprecher den Beweis der Wahrheit. + +So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen +des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit +zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner +unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. -- + +Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen +das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier +oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer +unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den +Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in +der Welt so oft den Rang abläuft. + +Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium +einen englischen Arzt, +Dr.+ Jonas, kennen, der von der englischen +Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller +Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen +Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits +das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, -- +vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England, +ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich +trug, die den Tod fernhielt. + +Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin +deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen +Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien, +um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit +zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in +ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem +Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen +Hygiene erschien. + +Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen. +Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen +Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort +beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer +des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen +der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die +auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu +Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus +dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu +die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis +und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall +Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben! + +An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen +prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen +und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten. +Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die +Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie +wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten. + +Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur +die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären! + + * * * * * + +Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner +Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame +Heimreise. + +Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf +meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur +Stelle. + +So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, -- von der Welt, -- nein, +nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. -- -- -- + + * * * * * + +Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur +begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden +Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen +Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden +Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen +Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme, +die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen. +Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes +durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln +rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und +Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten +übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne +Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen +Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem +Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem +Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird +immer berauschender. + +Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle +der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein +vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht, +das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr +dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses +Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den +Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt +zu schaffen. + +Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und +blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen +Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt +mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich +mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen +erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die +Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er +gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen +dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für +Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen. +Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat +übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner +ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte, +die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken +ergaben. + +Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all +dieses Unheil, -- einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur +ist vollkommen, wohin wir kommen, -- wir, wir selbst sind die Träger +alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer +werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen +Zeit, unserer Zeit! -- -- + + * * * * * + +Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen. +Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie +verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, -- mir war es, +als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr +wurde ich wieder ruhig und stark, -- ruhiger, stärker, ja, ich glaube, +besser, größer, als ich je gewesen. + +Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte +ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere, +die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und +Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte, +neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne, +die mich durchglühte. + +Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten, +waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie +jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich +feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und +vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi +Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn. + +Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte +ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite, +voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins +Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach +der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist +Leben, -- es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte. + +So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar +schöner Traum. + + * * * * * + +Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit +unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er +in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und +Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, -- für neue +Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr +Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut, +pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne +euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! -- -- + +Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke +helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner, +besser, kraftvoller, als bisher! + +In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag. +Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein +paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach +Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde +und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich +huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das +Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie +sich ihren Gimpel gefangen hatten. + +Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital +gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem +sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so. + +An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch +verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann +stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der +Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine +Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das +Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er +auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab, +die unsere Tische umgaukelten. + + * * * * * + +Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein. +Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom +Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein +dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden +und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur +dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er +möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen +Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser +Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der +Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung. +Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In +diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er +majestätisch den Strom hinab. + +Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem +Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger. +Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her, +hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort +verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte +vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend +vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd. +Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers +erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem +Witze noch hänselnd, da, -- ein Aufschrei, -- wie ein rasendes Tier +hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu +haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, -- ein kurzes Ringen, -- +ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des +Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen. + +Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr +hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe +aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der +Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die +Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten. + +Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie +später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der +vollen Grausigkeit erinnern ließ. + + * * * * * + +In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste +Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es +gut, -- das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte +ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles +geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein +Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, -- die Revolutionäre hatten +gründlich gearbeitet. + +Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil +von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und +Liebe selbst war! Das tut weh, -- so weh, als ob im März die Sonne +sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich +erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy +von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen +überfloß. + +Doch da, -- was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß +das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste +der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle +uns Wärme gibt, -- ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten +Sozialdemokraten, -- mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse, +wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und +deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde, +zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem +Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste +Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die +ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie +sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch +gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. -- + + * * * * * + +Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während +ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am +Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der +Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen +fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel +in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen +lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer, +auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im +Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf +der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen +sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht. + +Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen +stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf +den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als +ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht. +Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb +dieses Mal, betäubendes Krachen, -- Sekunden nun schwarze Nacht, nun +in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um +Blitz, Donner um Donner, -- ein wunderbar majestätisches Schauspiel. +-- -- + +Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam +glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts. + +Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In +Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren +Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer +mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten +sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand, +emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht +gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen, +die allein Licht, Leben schafft, -- die Liebe? + +Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts +gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der +Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer +Cholera, -- weißt du es noch, du stolzes Hamburg? -- Hunderttausende +an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich, +elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im +Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt, +hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen +dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? -- In Nacht +liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht +der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und +Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des +Wolkenbruches. + +Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig +währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe. + +Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein +Blitz, -- der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, -- lichter +wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der +Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel. +Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles +Erhaltende, sei uns gegrüßt! + +Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue, +treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die +Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei, +wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit +die Menschheit vorwärts bringen! + +Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel, +wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den +Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles +Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit +unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große! +Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den +Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht, +gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für +die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse, +er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die +Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige +Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen +großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod, +wann du willst, -- ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! -- mir +ist es einerlei, -- ich hab' gelebt! -- Ihr Wellenringe, werdet frei! +-- -- -- + +Ja, stampf' nur, Maschine, -- dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu +neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur +Heimat! + + * * * * * + +Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie +unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden. +Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah, +umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen +saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und +Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes. + +Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen, +der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie +stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen, +stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender +Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von +der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen +Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt. + +Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, -- ich sah den +Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen +Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses +herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend. + +Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an +das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, -- ein +Tücherschwenken, ein Händewinken, -- und stampfend sang die Maschine +ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in +der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich +über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen: + + Es blüht eine blaue Blume + In fernem Märchenland + An schroffem Berggehänge + An stillem Meeresstrand. + + Und wer die Blume findet, + Kehrt nimmermehr zurück, -- + Vergessen ist die Heimat + Und alles vergangene Glück! + + Der Blume Duft bezaubert + Den Wanderer Tag und Nacht. + Die Welt liegt ihm versunken, + In blauer Märchenpracht. + + Ich hab' am Meeresstrande + Die Wunderblume gesehn, + Leb' wohl, du Welt, du Heimat, + Es ist um mich geschehn! + +Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben: +andere Liebe! anderer Kampf! + +Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen, +flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die +Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk +über den Wipfeln der Bäume, -- düster starrt von beiden Seiten der Wald +auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, -- eine frische Brise +weht von Osten uns entgegen, -- Seeluft, -- nur noch achtzig Seemeilen +von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in +farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln +flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung. +Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt +lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel +empor, -- über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem +Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte +ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen: + + +Nosso céo ten mais estrellas, + Nossos varzeas ten mais flores, + Nossas bosques ten mais vida, + Nossa vida ten mais amores+ -- -- -- + + * * * * * + +In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die +schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben +Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: -- mit reicher +Rückfracht kehrten wir heim. + +Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu +sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe +Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt, +er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege +nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf +sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen +und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine +Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich +wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre +Freude an mir erleben.« + +Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen +Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame +englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen +Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die +Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch +unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr +kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine +internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine +gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die +»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger. + +Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er +hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem +Beutel in die Heimat zurück. + +In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer +lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat +zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein +einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein +ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur +einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, -- +und dann in ihrem Schatten sterben. + +Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns +hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr +Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren, +um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh. +Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir, +daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr +Herzensschifflein gefunden hatte. + +Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen +Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen +Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum +Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war, +weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden +konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen. + +Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend +mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den +blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. -- +Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, -- leb' wohl, leb' wohl! +Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden! + + * * * * * + +Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die +Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart +arbeitete die Maschine. + +Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der +Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt: +ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch +nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und +Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht +erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen, +daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim +Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei. + +Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es, +als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis +erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige +Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt +gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der +nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen, +daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die +Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute +würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen -- unheiligen +Rußland erwarten! -- + +Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat +an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak. +Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide +und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue +Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein +fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder. +Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt +von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und +nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir +ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir +sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei +denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch, +mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund +umwandeln! + +Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die +Maschine ihr »Vorwärts«. + +Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans +Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den +Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser +Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf +die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und +gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. -- -- + +Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, -- ich +gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine +Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen +Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie +angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr +geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit +bildete, -- den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott, +gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe, +damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum +ins Feuer gießen! + +Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer +Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir +gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg. +Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die +Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu +unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und +in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen, +überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich, +die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio. + +Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte, +dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet, +rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, -- Wellenringe +aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig +geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und +behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, -- so ist's. Die +Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die, +die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie. +Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen +die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen +sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer +Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der +im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt, +-- zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, -- ins Parterre, wenn sie +einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, -- will euch +ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch +einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu +geben, -- als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr +aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt +keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, -- und das vergeht gar schnell. +-- -- + +Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der +Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert. + +Merkwürdig, -- beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher +Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre +so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die +»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und +jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben +umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber +das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen +das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all' +dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei +ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater +der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes. + +Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen +dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und +Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich +verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft +berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren +Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen +und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich +sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und +aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister +mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken +suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem +Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein! + +Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer +Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher +Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich -- das hätte +vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt +vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen +Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für +unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich. + +Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der +Kultusminister die Melodie wohl kennt? + +Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib +mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz +von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an +unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel +Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen +Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst: + + Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände + das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd + kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei + schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, + solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, + noch Duldung genießt. + + Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird + das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig + aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten + schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem + Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den + Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, + weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen + Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt. + +Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube +in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt. +Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben, +und vorwärts drängt unser Kiel. -- + +Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem +und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost +gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und +doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen? +Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine +unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! -- + +Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt. +Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf; +-- Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die +Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen +Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier, +in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor +Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen +Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd +das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben +zwingt, auf und nieder zu fahren. + +Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine +umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und +Feilenstriche ihr die Form gaben, -- waren sie nicht geworden, was +sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses +Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe, +getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden +von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer +Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen +Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese +Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik, +-- unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als +Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen. + +Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto +mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief +er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so +größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen, +unendlich, unermüdlich.« + +Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein +Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe +zu seinem Vaterlande und seinem Volke. + +Und das Achsenlager, in dem er ruhte, -- dieser Eiserne, der uns +vorwärts brachte! -- ohne Reibung ruhte, -- es lag in seinem deutschen +Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna. + +Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den +Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt +Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen +der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene +Standbild des eisernen Kanzlers. -- + + * * * * * + +Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich +flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von +ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die +nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die +wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die +wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte, +schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von +ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts, +den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die +nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr +Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen. +Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten, +so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter +litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch +eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten +sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von +Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt +zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung +geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln, +bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten +sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das +Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte +sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse +in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das +alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande +vermocht! + +Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und +Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden +Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren +vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von +ihrer +sunshine society+, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch +die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe, +Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke +sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum +jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles +seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens, +wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde +Menschen, die ihr Vaterland liebten. + +Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der +uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus +höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über +den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust. + +Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die +Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen +Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt, +zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine +liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und +herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes, +Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit, +der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des +Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der +Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des +Weltfriedens. + +Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden +Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und +Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas +ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende +Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel, +um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in +den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein +Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von +Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten, +unvergängliche Bande des Friedens knüpfend. + + * * * * * + +Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte, +wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um +gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so +die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten. + +Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland +vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen +habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern +aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland +allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung +gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit +in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von +Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich +in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald +anders werden. + +Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen +im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch +Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der +Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes +gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar +alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden! +Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in +Gärten der Hesperiden zu verwandeln. + +Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation +durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie +es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis +Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des +Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine +Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der +Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch +aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie +niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren +es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten. + +Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem +Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und +bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke. + +Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten +doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die +könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So +kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im +deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese +müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen. + +»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen. +»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung +eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines +Krankheitszustandes,« -- und hier hob sie die Stimme, -- »an dem +wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die +Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung +der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort: +›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin +ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die +es verdient, wie die Tropen die Moskitos. + +Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich. +Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es +war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder +Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten +gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem +Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer +dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre +Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue +Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht +die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen +hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder. +Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen. +Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser +Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist. + +Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch +klug. + +Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie +vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel, +in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk +oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre +Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt +und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist +Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt, +jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen. +Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem +sie sich von der Tafel erhob, -- »die Hygiene bietet uns Handhaben +genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« -- Ich konnte ihre +Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig +Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund, +der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde +Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die +Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie +durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie +nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte. + +Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über +die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den +unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten +des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen +über die Wogen dahin. + + * * * * * + +Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in +schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer. +Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er +mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat +nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen +mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten +wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira +erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean, +das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich +ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit +zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen +reichen.« + +Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten +in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend +Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt, +mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän +atmete auf und schüttelte mir die Hand. + +Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding. + +Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses +Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser +Geist Gott sein. -- Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es +Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, -- so mußte Gott die Liebe +sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott, +an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht +tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube, +der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint, +lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube +ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde +ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde +ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der +Sonne. + +Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat: +der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen +Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat. + + * * * * * + +Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang; +Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich, +ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen +wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur +einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle. +Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise +mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen +Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er +tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, -- fast wie +die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich, +wie er leise sang. + +Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit +heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr +euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten +die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da +stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit +du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender, +»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich +Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein +Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für +die Auskunft ab. + +»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war +ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht +zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich +vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei. +Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen, +praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten, +oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die +Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land +urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant, +der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann, +der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft +und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der +Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der +unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der +uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser +Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet +-- sie alle schaffen Werte, die --« »Und die Könige, die Gesetzgeber?« +»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß +sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden +Fall ist ihre Verantwortung am größten. + +Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die +Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften, +die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser +Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen +zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem +Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung +des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen, +-- sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere +menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht +mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur +dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln, +als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet +dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und +Bordellinhabern.« + +Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem +Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche +Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des +Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender +Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren, +glücklicheren Zeit. + +Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken +nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden +unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich +bin Jude, -- aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an +der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil +der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner +Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich +nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen +diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der +Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen +anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem +Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel +an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an +sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut. +Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen +krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat, +und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil +begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem +rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der +Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen +mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen +Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes, +etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell +Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie +unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes, +über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich +Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes. + +Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so +verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses +überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr +gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig +neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als +auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird +unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile +von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da +wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar +schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.« + +Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean, +ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so +klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen +Menschheit seien. + + * * * * * + +Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat, +die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten +noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt +auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne +von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer +deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß +wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes +Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher +meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun +las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht +mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige +einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will +endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter +und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre +nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden +großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem +patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit +geschehen. Nun, -- meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen +Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen +dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft +gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht +hatte. + +Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, -- unser Schiff geht +vorwärts, -- ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat +auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner +Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit +die Kraft der Wahrheit und der Liebe. + +Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So +wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit. + +Aber das ist köstlich, -- das alte Gesetz hatte schon rund 900 +Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, -- das haben +gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793 +Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut +zu lachen anfing. + +Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich +erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das +Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde +gehen.« + +Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die +Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme +berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.« +Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer +gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert, +mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich +bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil +irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der +Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den +sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in +Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für +sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen +soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, -- aber wer +sorgt für alle diese anderen? + +Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben, +in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat, +wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er +unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt +durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden. +Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen. + +In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in +die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte, +und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer +glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und +seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den +Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm. + +Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen +Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald +wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu +ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen +an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte +Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, -- es war kein +Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte +glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes +höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual +meiner Seele. + +Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen, +wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun, +in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal. + + * * * * * + +Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon +wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen +Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben +daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut +genug schien. Und doch, -- da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl +Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich +gelehrt auf der Reise, -- der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war +in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean. + + * * * * * + +Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, -- einmal wollte +ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den +österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald +gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins +Gebirge hinein. + +War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder +hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer +das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich +fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten +war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt +in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das +Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß +Dornröschens. + +Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis, +tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes +wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder. + +Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor +langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich +geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres, +bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen +Sinnen, -- doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier +kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein, +daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und +Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu +müssen um jeden Preis. Ja, -- das wollte ich, sobald ich daheim war. + +Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den +anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal +im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun +trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein +weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen +auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. -- -- -- + +Da horch, -- vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem +Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer +Nebelpfeife, -- das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche +sei. + +Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur +Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so +süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das +Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge, +ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele. + +Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit +tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir +zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die +Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als +fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner +Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich +sang mein Lied von Anfang bis zu Ende: + + Ich reite über die Felder + Im hellen Sonnenschein, + Bin frohgemut im Herzen + Und bin doch so allein! + + Der Wind streicht über die Heide; + Ich merk's an seinem Duft! + Mir ist's, wenn ich ihn trinke, + Als ob mich die Liebste ruft! + + So reit' ich über die Berge + Und durch manch tiefes Tal, + Ihr Bild in meinem Herzen, + Bis sinkt der Sonne Strahl. + + Bald sinkt die Nacht hernieder, + Die bringt mir der Freuden viel. + Ich reite unverdrossen, + Bis ich an meinem Ziel. + +Mein Ziel? -- Was war mein Ziel? -- Mein Heim stand fest begründet. +Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder, +meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. -- Größer noch war +mein Ziel, -- so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke +hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem +Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter +gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, -- zum Verzweifeln +gering. + +Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar +geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend +der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn +der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden, +allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist, +alles erreichen können! + +So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen, +die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich +selbst erfüllen: dann mußte es anders werden. + +Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß +aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde. + +Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für +uns alle. + +Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt, +die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge +dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen +warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit +neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte. + +So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und +dann aufs Schiff. + + * * * * * + +Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt, +daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen. +Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In +finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und +da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg, +gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis. + +Da -- ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel +einstürzen wollte, -- plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich +soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen. + +Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und +an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit +und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der +Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf +einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich +zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel. + +Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen. + + * * * * * + +In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von +liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt. + +Wie schnell doch die Menschen heranreifen! + +Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger +Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo +der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht! +Recht so -- das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur +mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den +germanischen Schutzwall. + +Und mein Ältester, -- das freut mich, -- von unten auf! Willst du +Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird +und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und +Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren. +Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, -- und hilf ihm +später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten +auf durchzumachen hätten! + +Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen. +Ja, -- wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche +der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele, +und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung, +damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von +heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe +heute noch nicht ahnen kannst. + +Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, -- sah im +Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie +ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken +trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie +schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger, +gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem +Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt. +Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung +losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns +haben konnten. + +Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem +Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon +mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse +abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen +musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind +geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und +jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben +sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die +Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf! + +Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt. + +Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen +Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen +Frauen, -- da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist +alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem +Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie +möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, -- ein Fest im Geiste +einer neuen, schönen Renaissance. + +Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer +Seite, die ich vorhin übersehen: + + »Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst + Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar, + als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest, + das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich + darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die + Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche + Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der + Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es + Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe + solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem + Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten, + da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im + Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein + Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat + aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft! + Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für + die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für + diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine + Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend + Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen + Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« -- -- -- + +Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der +Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen +sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe. +-- -- + + * * * * * + +Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll +durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine +Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln. + +Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen. + +Herrgott -- was ist das? -- Der Kaiser hat einem englischen +Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, -- er wolle Frieden mit +England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals +im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen +Afrikaner dann besiegt wurden, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- nein, +nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan, +Kaiser, -- so klein, so -- -- so kannst du nicht sein. + +Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben +dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, -- und du +als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser +Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das +habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über +dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen +dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk +führerlos ohne dich. + +Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst. +Oh, das ist schön, ist groß von dir, -- nun kann ich dich wieder lieben +wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich -- sie alle +lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen! +Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt +gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren +können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche +Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen +Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden, +damit sie ihr Geschäft machen; -- sie können uns dir nicht abspenstig +machen, -- denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser +Kaiser, und sollst es bleiben! + +Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten +Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit +vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und +da, -- in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über +das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht +sitzt, -- beim glänzenden Festmahle -- fern von deiner Hauptstadt +-- dein Flügeladjutant tot, -- dein bester Freund, -- tot von der +Tafel gesunken -- die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal +umklammert hielt, -- der schöne, kraftvolle Mann! -- Armer Kaiser, -- +deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen +hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! -- -- + +Sei froh, Kaiser, -- es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich +umsponnen hatten und dich blind gemacht! -- -- -- -- + +Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, -- +als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben +saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den +Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden +gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. -- -- + +Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und +schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? -- -- + + * * * * * + +Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft, +blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser +erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,« +flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die +Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, -- die Nordsee, unsere Elbe --« »Halt +ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, -- +und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart +nicht vergessen.« + +Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen +von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend +Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male +ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« -- +»Warum?« -- »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft. +»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch, +auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die +Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen? +Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen +englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des +Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte +sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die +städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.« + +Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als +der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen +dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an +das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe. + +»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von +allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen, +so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig +im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im +Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und +hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte +ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare +Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können, +Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger, +als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses +große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz +nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in +Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. -- -- + + * * * * * + +Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira +spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der +mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen +eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines +besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein +paar Rippen gebrochen. + +Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und +stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch +bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben: +Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche +Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres +zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee +dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue, +benzinduftende Staubwolken zu hüllen. + +Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub +eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden +und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose +Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern. + +»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird +neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren +einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein +Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der +Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu +unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei +solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück +passiert!« + +Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein +paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige, +jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders +angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger +Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer +genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in +seine nordische Heimat zurückkehrte. + +Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem +Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort +ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und +lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie +mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh +nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an +der Malaria und am gelben Fieber.« + +»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und +Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die +in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und +Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und +Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn, +und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren +Früchten.« + +Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte: +»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück +gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen +Regierungsarzt +Dr.+ Külz in Kamerun, über diese wichtigen +Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren +Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort +unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort, +der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren +nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen +durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll +der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen +eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit +über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede +des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen +Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt +hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen +Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale +des Reichstages gehalten: + + ›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen + Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der + Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten + bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn + verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde + Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich + ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen + leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat + sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu + geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein + enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene + Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch + der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen + Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden. + (Erneute Heiterkeit.)‹« + +Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in +unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum +auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus, +der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. -- Kaiser, mein +Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung +unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge +mitteilt! -- -- Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder. +Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet +hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist? + +Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen +»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes +Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und +Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese +Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden +sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, -- +deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein +verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne +unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer +Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit -- Freiheit von +»unserer Kultur!« -- aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst +hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht, +durch uns dort herrscht, unterrichten will, -- da lachst du mit der +Menge, wie ein unwissender Knabe, -- Kaiser, mein armer Kaiser, -- +wieviel mußt du noch lernen! -- -- -- -- -- -- + +Kaiser, mein Kaiser, -- du kannst nicht gelacht haben! -- -- + +Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil, +das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren +Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend +unterrichtet worden! -- Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen +melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für +Manschettenknöpfe zu erfinden, -- und hat die Anmeldung zurückziehen +müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher +gemacht hatte. -- -- -- -- -- -- + +Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch +einmal von dem +Dr.+ Külz an und berichtete, wie dieser auf dem +Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von +Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend +wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend, +dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein +lebensfroher Mensch! + +Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser +Dr.+ Külz war ja vor +Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als +Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine +Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis +gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel +gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht +rasten. + +So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er +hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der +Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis +er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen +aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem +Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich +ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und +trug tausendfältige Frucht. + +Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen +des Geistes, die nimmer aufhören! + +Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still +empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den +Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein +junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine +innere Erregung zu meistern. + + * * * * * + +Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger +Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg, +über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien +über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein +vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden +Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland +Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit +der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können. + +Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das +sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis +dessen, der die Seele der Welt ist, -- einerlei ob die Menschen +ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! -- Ich aber gedachte der +Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der +Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß +dieser Geist eins ist mit der Liebe! -- + +Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband +und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle +»Brüder eines Vaters« sind. -- -- -- + + * * * * * + +Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer +wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo +nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen +die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir +die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean +forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit, +da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum +vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte, +von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem +Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen +wir lernen für unser Leben, unsere Kultur. + +Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und +her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen +Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie +ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei +Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen +leuchtend überstrahlen, -- den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet +euch untereinander!« -- und aus diesem Worte heraus, nur immer +maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine +Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert +des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes! + +Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem +unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, -- wenn +es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird? + +Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und +war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns? + +Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines +Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter +Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit +seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als +mancher Fürst! + +Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, -- und als sie +nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für +ihre Gemeinde! + +Wir haben kein Recht zu verdammen, -- aber wir haben eine große, hohe, +heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in +jedem Menschenkinde schlummert, -- denn dieses Fünkchen kann zur Flamme +werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie +ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. -- -- -- + +Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser +schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der +Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die +Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden? + +Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor +allem! + +Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist +schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben! + +Und weiter, -- dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei +Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien +zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere +Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer, +die unsere Gesetze machen helfen! + +Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach +Norwegen und Schweden, -- da sitzen im schwedischen Reichstage hundert +Enthaltsame! -- Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht! +-- + +Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und +im Herrenhause, -- sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch +immer nicht trennen! -- -- Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister +an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht +hinüberseht, -- gebt acht, --: dort unten aus dem handarbeitenden +Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der +Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure +Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in +Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht +der Sklavenhalter! + +Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei +Milliarden soll es euch alljährlich fronen -- -- aber es wird sich frei +machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein +ihm das Mark aussaugt! + +Freilich -- von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker +rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares +Kapital ausmacht, -- einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit +dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen +Schatz! + +Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein, +euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen! + +Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! -- -- -- + +Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn +ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den +tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut +das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid +empfand, desto mehr litt ich mit ihr, -- mit ihnen allen. Denn sie, die +die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten. + +Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die +Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen +aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben! + +Ja, schäume nur, Ozean, -- spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir, +-- siehst du, -- unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all +deinem Wüten, -- -- so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft +der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich +entgegenbranden! -- -- -- + +Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige +kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das +menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr, +die mich erdrücken wollte, -- sondern lauter einzelne, praktische, +greifbare Fragen, -- wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag, +sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede +einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne +durchzukämpfen, -- vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr +Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere +Menschen zu ziehen, -- und selbst zu werden: das ist und bleibt die +Hauptaufgabe für unsere Kultur! + +Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der +klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus +der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu +einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu +unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat! + +Und dann wird es kommen, -- diese neuen Menschen werden dann Hand +anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens, +-- und dann, -- und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der +Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! -- + + * * * * * + +Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein. +Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen +des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, -- +immer näher, -- aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte +sie nicht mehr auf mich aus, -- das war ein fremdes Ideal, -- mein +Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in +grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und +Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von +Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen +Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach +milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen +Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und +einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur +Tat in sich verkörperte. -- -- -- + + * * * * * + +Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde +drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und +aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag. + +Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches +Metier! + +Nein, -- dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber +warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine +Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben, +die euch die Wahrheit sagen? -- Armer König, -- vielleicht lebtest du +heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen +Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten! + +Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken +Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er +hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten +zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft, +mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des +heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, -- als Spott für die +Straßenjugend von Lissabon. -- »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn +getauft. -- Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig +gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm +zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen +Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen +hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem +Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages +warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier +sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. -- Ein Exempel mußte +statuiert werden, -- im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit +nachdenken. -- Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten +Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. -- Den Kopf voller +Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der +Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für +die er ein vortreffliches Werkzeug bildete. + +Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in +dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. -- Woher sie das Geld +nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, -- aus dem +Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold +gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? -- Auf dem Totenbette +schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut. + +So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein +allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie +unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus +viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge +nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen +nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner +Asche! -- -- -- + +Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten +alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im +Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen. +Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man +sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren +gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke +auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, -- +hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs +Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. -- -- + + * * * * * + +Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten. +Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der +Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas +alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt +werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er +mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf +das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum +Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von +dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich +auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste +angenommen. + +Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine +Samaritertat dir lohnen, -- aber für einen König nur ein Stäubchen. +Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf +dich! Ans Werk! Ans Werk! -- -- + + * * * * * + +Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder +-- nein, das kann nicht sein. -- Ich lese, -- an allen Straßenecken +sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift +angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« -- Wahnsinnige Toren! -- -- +Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen +göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben, +wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes, +leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle +diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die +Sonne selbst, solange es Menschen gibt. -- + +Es dunkelt. -- -- -- -- Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff. +Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft. +Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen +die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen +des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von +der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft +sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt +auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen +die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der +Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo +in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend, +durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die +finstere Nacht. -- Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, -- +die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft, +-- hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt +sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut. +Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese +Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff +gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen +bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem -- war es ein +Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage. + +Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns +hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend +die Hand. + + * * * * * + +Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die +ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu +Hause alles wohl. Aber in der Welt? -- Seltsam. Nie habe ich die Hand +eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und +sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange +Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, -- ich weiß es +nicht. Aber wunderlich ist es. + +Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine +Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand +entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich +verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande +und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt -- +in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden +strecken, -- also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar +Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert. +Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr, +da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft +hatten. + +Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und +der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise +vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten +Verbündeten aus dem Hause Habsburg, -- Wellenringe der Liebe und +der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt +hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und +Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten. + +Kaiser, mein Kaiser, -- wir wußten, du würdest treu sein, -- das hast +du gut gemacht, mein Kaiser, -- da warst du groß! -- Kaiser, mein +Kaiser, -- ich grüße dich! -- -- -- -- -- + +Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines +Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott +muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland +verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, -- so straft ihn die +Gerechtigkeit. -- -- + +Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro, +der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber +sein Volk nicht kannte. + +Und wiederum noch einen hat's gepackt, -- den Abdul Hamid, den einst +allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war +sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er +aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit +Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren, +besseren Kultur dämpfen -- aber die Macht des Gedankens, die Macht der +Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich. +Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, -- +verbannt, einsam muß er den Tod erwarten! + +Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, -- ein verwesender +Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein +Leben verleiht, -- und in Rußland die Liebe fehlt. -- -- -- + +Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner +Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des +russischen Volkes. + +Und plötzlich -- wie es kam, ich weiß es nicht -- fiel mir die +Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns +im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die +Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze +wehe! + +Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches +Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von +großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. -- + + * * * * * + +Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen +seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen, +dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph +aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem +großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn, +der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der +sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird, +und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu +schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader -- und +viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; -- und dort +der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort +Castro, da -- der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und +Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht +geschlagen und weinte bitterlich. + +Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und +küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten +sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und +ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten. + +Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der +Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm +liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um +seiner Reue willen noch einmal lebe. + +Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll, +ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog +und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer +nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber +nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen, +so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen, +wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde. + +Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. -- + +Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste +Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo +Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei +zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande +vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen. + + * * * * * + +Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte, +Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und +der Schriftstellerei widmen. + +Seltsam, -- sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand +hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag: +bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus +der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen +seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch +die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren +Stempel.« + +Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es +fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er +hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat +reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein +Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der +Herrschaft des Dollars, -- und er wollte Antilopen und Elefanten in +Afrika jagen? -- Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? -- -- + +Kaiser, mein Kaiser, -- du stammst aus deinem Volke! Du gehst nicht +nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! -- Ich +weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im +Geiste die Hand. -- -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er +selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer +Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die +Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die +Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand +des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie +aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles +Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar +der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau +kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen +Organismus verbunden sei. + +Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von +Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die +meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie +gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe +auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte, +trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht. + +Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so +überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die +Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen +Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. -- + + * * * * * + +Vorwärts, weiter stampft der Kolben, -- mir viel zu langsam. -- + + * * * * * + +Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land +gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach +Afrika. + +Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät +war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und +Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen. +Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden. + + * * * * * + +Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern +fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald +wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr +Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe. + +Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn +erging! + + * * * * * + +Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer? +-- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen, +befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts! +-- -- -- + +Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus +Norden. + +Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den +Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und +unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der +Maschinen zu. + +Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften, +den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als +Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über +den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.« +Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der +Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn +Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker +gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die +Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und +Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie +dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen +lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch +mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist +gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen +Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.« + +»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den +zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den +Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung +aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer, +den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum +hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig +Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber +nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für +seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps +und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen +Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der +Teufel soll die ganze Bagage holen!« + +Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne +Schottentür, daß der Raum dröhnte. + +»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar +um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir +eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?« + +»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir +entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr +laut sprachen. + +»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof +meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs +Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem +Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde +beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben +fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem +Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt. +Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt +und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte: +›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und +schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte. + +Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit +allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr? +Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate +habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof +verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und +Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in +meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen, +wie es will!« + +»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse. +»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer +Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich +an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das +Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu +begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport, +-- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß +ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da +wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte +mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann +aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum, +Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor, +daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann +euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute +schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden. +Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas +angeht.« + +»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim +Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe +nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein +begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen +hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden +Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte +ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf +der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei +der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als +sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der +Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben +habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann +wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten. +Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages +kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren +Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis, +sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu +lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. + +Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun +pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben +als ein Freier.« + +Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die +Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des +Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst +mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich +Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte +sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck. + + * * * * * + +Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten +mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel +zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der +gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet +werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an +der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr +Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr +Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr +Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine +rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe, +wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! -- + +Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe, +in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine +Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und +der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe +und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln, +durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden +Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine +Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte +und keine Menschenverachtung zerstört werde! + +Kultusminister! -- Tust du deine Pflicht? -- -- -- + + * * * * * + +Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt +und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und +hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner +gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch +die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu +praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? -- -- + +Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches +Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer +und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal +herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die +sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der +Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt. +Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen +Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung. +Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht +gemacht. + +Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen +Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung +von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten +Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt. + +Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß +es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe +zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen. + +Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde +nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen +und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen +Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen +abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu +gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen. + +Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und +hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie, +ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es +längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien +gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen +hineinzusetzen.« + +»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben +Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte, +Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach +England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und +Alkoholbekämpfung zu studieren. + +Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das +Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer +Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche +Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu +nehmen. Was wollen Sie mehr!« + +»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete +Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der +ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum +Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer +der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den +Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der +Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer +Panik verspottet.« + +Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits +des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war. +Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk +hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen +machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine +Vergangenheit etwas vergessen zu machen! + +Nein, König Eduard, -- es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über +dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der +Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht +gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen +vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine +Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der +Macht der Liebe! + +Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres +Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe +in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm +sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in +endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel +fassen kann in seinem Mutterboden. + +Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch +bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der +Schnapsbrenner und der Bierbrauer. + +Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische +Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus +zu bringen, -- dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt, +dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und +gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine +Vergangenheit! + + * * * * * + +Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von +Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete +uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit +Geisterhand vorwärts der Heimat zu. + +Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite +Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins +meiner Lieblingslieder: + + Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n, + Schön sind des Südlands dunkle Frau'n! + Schöner die Heide, mein sonniges Feld, + Schöner des Nordlands kraftvolle Welt! + + Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt, + Lieb mir der tannenduftende Wald, + Freiheit ruft mir das wogende Meer -- + Hier im Tal wird das Herz mir so schwer! + + Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr? + Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer? + Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus? + Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus! + +Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld, +Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, -- dann ein paar Tage +Nordsee, -- Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!« + +-- »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im +Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. -- »Wie weit sind sie +wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein +Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre +schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden. +Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten. + +Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche +und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für +alle, die deutsche Männer heißen wollen. -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des +französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche, +schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes +gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich. +Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, -- +nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur +die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen. + +Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst +vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten +Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten. + +Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, -- das wäre +noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die +stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke +und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der +vorletzte dem letzten zur Beute fällt. + +Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund +und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein +Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft +Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele, +die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, -- in +Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln. + +Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark +zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den +Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen +können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven, +ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die +Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende +Masse, zu drangsalieren. + + * * * * * + +Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein +Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer +war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren +in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten +Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl +geworden, -- man sah es an seinen Augen, -- starkknochig, mit breiter, +brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden. +Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war +es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres +Volkes erschimmern sah. + + * * * * * + +In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße +einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen +Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens, +in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll +Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen +stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte +und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der +Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift +in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die +Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein +Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen, +als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen +und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und +Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von +Reuigen, die sich im Jammer wanden. + +Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges +Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis +und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen +den Atem auspressend, das Blut aussaugend, -- und mächtig stieg der +Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit +den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend. + +Doch plötzlich -- was ist das? -- Ich höre Lieder singen, frohe, fromme +Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie +im Marschtritt eilt es heran, -- immer neue Scharen, -- Männer und +Frauen. -- Siegesgesänge. -- Krachend splittern die blanken Äxte in den +Stamm des Baumes. -- Er wankt -- er stürzt -- und im Fallen begräbt er +unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe +und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und +über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen, +freien Volkes! -- + +Da wachte ich auf. + +Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch. +Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen. + +Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden, +daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: -- Geht über eure +Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure +Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an +den Trunk kamen, -- und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie +schleunigst vergessen. + +Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie +sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! -- +Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer +Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende, +eurer Sektbowlen -- und Bier- und Branntweinzechereien -- seht eure +kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in +der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben, +eure Kranken klagen euch an, -- und ich rede für die, die stumm sind! +-- Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser, +eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes +zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und +Pestilenz über eure Söhne zu bringen. -- Das ganze Elend unseres +Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit +in tausendfacher Gestalt, -- das Elend unseres Volkes klagt euch an! +Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden +opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte +und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, -- euch, +euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende +hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! -- -- + +Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche +dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen +aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und +Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe +und der Tat? + +Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang +der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; -- ich hatte sie +singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem +Geiste des Weltenmeisters, -- seit Jahren hatten sie auch mir immer +wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht -- und wie +Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues +Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar, +siegreich bis ans Ende! + +Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein +zu neuen Häusern bauen -- jedes Haus ein Tempel, -- in den Städten, auf +den Dörfern, in der Heide, am Meere! + +Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, -- schon +machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange +-- Frohsinn und Freiheit überall, -- o mein Gott, es wurde wunderschön +im Vaterlande! -- Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen +Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen +Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich, +wie ein Frühling unseres Volkes! -- -- + + * * * * * + +Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten +Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der +Nordsee zu. + +Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen +Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit +ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht +hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? -- Ich kann dir +sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch +zwanzigmal wollten, -- das englische Volk will nicht! Das englische +Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit +vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das +arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem +hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier +und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er +ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben +die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen +Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die +jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte. + +Merkwürdig, seltsam, -- mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr, +daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind, +verwandt in Gedanken und Gefühlen. + +An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle +atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, -- »nebenbei +der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, -- was wäre +die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr +söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen +Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott +kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke +an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf +ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen? + +Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei +uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die +besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen +die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die +Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in +die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, -- so geht's +nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre +erfunden -- das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben --: Das +Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht, +in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht +der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur +Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben +zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« -- »Aber wie ist das +zu machen?« fragte der Heizer. -- »Viel einfacher, als es scheint. +Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder +Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens +entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich +von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt. +Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf +seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder +Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein +Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben, +so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung +von Sachverständigen vergüten.« -- »Und die Hypotheken,« fragte der +Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« -- »Die werden bei +der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden +Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in +Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien +werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, -- aber kommen wird die +Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post +und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt +ihr sagen, was ihr wollt« -- und er schlug mit der Faust auf die Bank, +daß sie krachte, -- »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten +wir es gleich!« -- -- -- -- -- + +Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß +da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten, +die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch +nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und +der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war, +heilig, unantastbar, -- das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk +wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! -- -- -- + + * * * * * + +In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause +alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe. + +Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte +ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am +Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut +acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch +das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung +bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit +Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns +heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen +Zustände zu bessern. + +Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht +läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. -- -- -- -- + +Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras +wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden +für das Ewige. + +Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein +langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei +Gutes mitteilen -- ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen, +die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und +uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die +Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das +hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen, +das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen. + +So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in +greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir +schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme. + +Er schrieb: + + »Lieber Freund! + + Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise. + + Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen! + + Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft + begrüßen zu können. + + Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle, + alle! + + Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie! + + Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in + ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und + Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte! + + Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die + glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen + zu können, -- aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg. + Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, -- + halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen + mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit + sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim. + + Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten + noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie + die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem + Frevel. + + Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend, + zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen + unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen, + unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich + Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und + sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird. + Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von + den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br. + Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt, + sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend. + + Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches + melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der + Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben + schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine + Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind. + Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer. + Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen + gründen, -- eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, -- nächstens + beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich + hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die + Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann. + + Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt, + allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der + Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren. + + Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet, + damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken + und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der + Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel + den Schülern seines alten Gymnasiums; -- ich sage Dir, keiner von + uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, -- er + hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte + der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen + erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über, + wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt. + + Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner, + Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose + in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser + braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird + sie nicht fürchten! + + Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie + unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen + Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf + Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit. + + Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß + nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute. + Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus, + beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke, + zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine + Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die + Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten, + einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein + strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem + Familienleben des kaiserlichen Hauses aus! + + Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten + durch das ganze Land, -- es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm + ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die + gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden + Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen + Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke + mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren + Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen + für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und + Schwestern im Lande. + + Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber + aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen + Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften + seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und + mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann, + weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie + ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du + sollst es sehen! Wird es noch immer mehr! + + Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden. + Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch + ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die + Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit + allmählich anfangen nachzudenken. + + Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf + Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und + unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben + alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen + wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach. + + Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister! + Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der + alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen + sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude + verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und + durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an + den Kunstschöpfungen unserer Großen, -- und, denk Dir, dieses alles + ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem + Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber + wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die + Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern + jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von + Herzen freuen, das weiß ich. + + Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da! + + Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König + Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die + Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen + für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und + Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der + Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So + beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er + sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika + zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit + und das gelbe Fieber zusammengenommen! + + Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform + soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige + Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen + andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man, + den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es + scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die + Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur + zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben. + + Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich + mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da + ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß + die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt + sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf + die Dauer Bestand hat. + + Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die + Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf + diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in + diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander + angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes, + einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker + selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so + machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen + zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der + Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser + englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu + wollen. + + Bruder, Du sollst es sehen, -- der Menschheitsfrühling naht! Wohl + jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland + zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte! + + Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir + schaffen! + + Dein + + Heinz.« + +Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen +Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! -- -- + +Kaiser, mein geliebter Kaiser, -- oh, ich wußte es ja, du bist groß und +gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest +du den Zeitgeist verstehen! + +Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so +schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig +längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du +nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die +Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen, +dich fördern sollten! -- Doch nun weiter, unermüdlich. + +Weiter! -- Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher! +Immer mehr im Geiste der Liebe! + + * * * * * + +Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, -- diese +Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, -- die Reichen und +Großen folgten, -- ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und +seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine +Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte +des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute +so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn. +Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des +greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet +her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch +erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte +ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen +Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und +unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der +jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie +er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten +zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen, +einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins +Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im +Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten, +das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit +unserer Frauen! + +Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale +von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam +Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von +dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! -- -- -- -- + +Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese +alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich +mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du +die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die +Größe liebst, weil du selbst groß bist! + +Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von +Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. -- -- -- + + * * * * * + +Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest +drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos +arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! -- Wir eilen heim. -- In mir +flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, -- von Sonnenschein, von +hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! -- -- + + * * * * * + +An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In +Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg +wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen +Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten, +Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun +wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder, +Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der +englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London +gefahren war. + +Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der +englischen Großlogensitzung: + +»In einer großen, von den Guttemplern und anderen +Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen +Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der +Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das +Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor +J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und +ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen +in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war +aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung +zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten +die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders +glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise +gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber +es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von +Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte: + + ›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von + Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der + anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der + ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft + und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu + versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht + der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen + Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen, + sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹ + +Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales, +Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste +überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen +unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall +wurde sie einstimmig angenommen. + +Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und +Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche +Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution +versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen +neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine +Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des +Weltfriedens in hohem Maße beitrage. + +Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch +vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und +aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst +mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten +glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als +einmal zu hören!« + +Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier +Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung: +»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt +gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs- +und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition. +Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den +Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und +Mißverständnisse der Politik. + +Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar +nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere +Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch +zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit +Deutschland in Fühlung zu treten. + +Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie +überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach +dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit +Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die +englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern +Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er, +hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und +streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen, +die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach +Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des +Friedens!« -- -- -- -- + +Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr- +und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen +Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit +strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine +Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren, +gegen die Deutschen! Versuch es nur, -- aber hüte dich, daß der Sturm +der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt +dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur +Sonne, wie das meinige! -- Ich weiß es wohl, -- es sind nicht nur deine +eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du +willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast, +-- das erste Volk der Erde soll es sein! -- Wohlan, wir sind gerüstet, +wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes +Volk von sechzig Millionen! -- Wir aber werden euch nicht angreifen, +-- wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in +friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den +Wegen der Kultur! -- + +Ihr Könige, gebt acht! -- Die Völker werden nüchtern und werden durstig +nach Liebe! -- -- -- -- + + * * * * * + +Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck +zusammen. + +Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten +aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten +Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der +Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu +eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als +dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele +vorangegangen sei, -- wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter +den Nationen. + +Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen +Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die +amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits +viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem +heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur +schuf. + +Eine einfache kleine Volksschullehrerin, -- aber mit dem Willen zur +Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi +Geist stammte. + +Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem +Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen +Mitglieder im schwedischen Reichstage, -- ein gut Teil davon +Sozialisten, -- die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege +zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine +Kriege. -- -- + +Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten. + +»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge, +Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.« + +»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche +Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch +für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden +zu bewahren.« + +»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche +Unterricht eingeführt.« + +»Fortschritt überall!« + +»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor +allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der +Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder +Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden +der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle +weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne +zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen +Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen +gekommen seien.« + +Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind +durch Tausende lebendiger Fäden! + +»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer +Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und +Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte +herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« -- und +wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch +hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung +gegeben habe, -- »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der +Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.« + +»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden +sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im +Freien, im Wald und auf der Heide.« -- -- -- + +Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu +großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit +meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen +Wellenringe der Nationen. + + * * * * * + +Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf +meinen stillen Platz hinter der Maschine. + +Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und +putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube. +Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von +meinen Träumen abgelenkt wurde. + +Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe +bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in +aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?« +-- »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er +mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und +klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse +der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, -- sie ist doch wichtig. + +Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich +allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine +würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet +werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, -- +und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend +noch so unbedeutend, -- seine Bedeutung hat für das Gedeihen des +Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren +und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.« + +Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck. + +Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. +-- -- -- Und ich, was war ich denn? + +Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, -- +als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große, +graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn? + +War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese +kleine Schraube, -- war ich überhaupt so viel? + +Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den +Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor +Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem +Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den +Fortschritt der Menschheit bedeutete? + +Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine! + +Und doch, -- und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die +Maschine. -- + +Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich +lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager +lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet +werden. -- + +Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner +Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser +Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner +Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein. + +Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung. + +Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe, +für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen. + +Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die +sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie +unaufhaltsam vorwärtstrieb. -- Und dankbar dachte ich seines neuen +Erlasses. + +Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt +ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser +Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus +der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den +steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, -- allem, was die +Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, -- gerade wie +die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der +Nacht. + +Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein +Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne +Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch +immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so, +wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich +und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« -- + +Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein +Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus +grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker +überschattend im Geiste der Liebe. -- -- -- -- + + * * * * * + +Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und +ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und +sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen +Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von +Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem +treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte, +Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph +gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit +derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als +Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine +Seelenruhe nie erschüttern. + +Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir +je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht +fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue +gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem +man gehört, -- treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören, +-- die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht +von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, -- aber festhalten +heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur +gegenseitigen Förderung. + +So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt +haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer +Völker, zum Besten der Menschheit!« + +Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über +unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den +Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in +einer Kirche der Heimat Ostern feierten. + + * * * * * + +Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer +der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim! + +Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe. + +Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst +den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem +Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines, noch +ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß +der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. -- Wunderlich, wie +schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der +akademischen Trinksitten! -- -- -- -- -- + +»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen +nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven +würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue +Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit +einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. -- +Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! -- Der Vater, +Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch +werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen +und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden +geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn +hochgerissen. -- In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege +weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein +gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, -- +eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung -- +Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, -- aber es sei famos, -- und +die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als +ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« -- -- -- + +Ein Händedruck. -- »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« -- Der Kollege fährt +wieder an Land. + +Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes +weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. -- -- + +Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt +noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, -- der +»Sonnenscheinsamen« -- der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne. + +Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt; +-- er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich +antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht +für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft, +zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht +für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne an +sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch +diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein +einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige, +große Aufgabe hat. + +In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme. +-- -- + +Vor mir lagen meine Lieder. + + +Sonnenscheinsamen. + + Sonnenscheinsamen + Schenktest du mir, Geliebte! + Sonnenscheinsamen! + Ich aber streut' ihn + Mit vollen Händen + In die Herzen der Menschen, + In reich und arm, + In hoch und niedrig, + Ohne zu fragen, + Ob sie ihn wollten. + Und die ihn nicht wollten, + Bedurften seiner am meisten; + Denn sie saßen im Dunkeln + Und hatten vergessen, + Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde. + Und von den Klugen und Weisen + Riefen die meisten: + Halt' ein, du Fürst, du Verschwender, + Weißt du nicht, was du tust? + All deinen Sonnenschein + Entnimmst du dem Herzen + Und streust ihn, + Ohne an dich zu denken, + Über die Erde, + Als ob dein Reichtum + Nimmer enden könnte! -- + Toren und Narren! + Zürn' ihnen nicht! + Sie kennen dich nicht, Geliebte, + Noch deinen Samen. + Kennen nicht seine Kraft + Und wissen nicht, + Daß, je mehr ich ihn säe, + Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht, + Und um so mehr von diesem deinen Samen + In mich zurückfällt, + Wuchernd und werbend! + + +Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe. + + Was wißt ihr von Freiheit, + Ihr, die ihr nimmer + Aus dem Gewühl der Städte entranntet, + Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser, + Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen + Und Fürstendienern! + Was wißt ihr von Freiheit! + Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet, + Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust, + Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! -- + + Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff, + Über mir funkelt des Südens Kreuz + Und das Schwert des Orion. -- + Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut, + So weit das Auge reicht, kein Land, + Nur unbegrenztes, unendliches Meer. + Ich aber trinke, in langen Zügen + Satt mich trinkend, selige Freiheit, + Eins mich fühlend in meiner Seele + Mit dem Geiste der Welten, + Der über die Meere herrscht und über die Erde + Und alle Gestirne. + Und meine Seele ist bei ihm + Und lebt in ihm + Und fühlt sich eins mit ihm + Als Herrn der Welt! -- + Allein der Herr der Welt + Ist die Liebe! + Ihr aber macht euch Gesetze, + Die der Liebe spotten und somit des Herrn! + Wißt ihr, was Tropensonne heißt? + Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden? + So ist die Liebe! + Den Tod besiegend und Leben erweckend, + Eis des Nordens in Dampf verwandelnd, + Meere kochend, + Daß sie entströmen + In heißen Wogen ihren Gestaden, + Weithin tragend in grünen Wellen + Die Sonne des Südens, + Daß sie an Nordlands kalten Gestaden + Wonnespendend + Wunder des Frühlings lieblich zaubern. + Mich durchglühte die Tropensonne + Und weckte mir Liebe, + Glühend heiß wie sie selbst, + Nordlandeis in Dampf zu verwandeln! + Und kraft dieser Liebe + Breche ich eure Gesetze, + Die euch in Fesseln halten, + Wie der Nordsturm die Bäche + In unserer Heimat in Eis verwandelt, + Daß sie die Fluren nicht tränken können. + Eure Gesetze und Sitten, + Euren Glauben und eure Dogmen, + Die euch verbieten, euch so zu lieben, + Wie der euch zeigte, + Der die Sonne in euer Leben brachte + In nur einem Gesetz, + Einem einzigen, sonnigen: + Liebet euch untereinander! + Ihr aber tötet euch untereinander + Kraft eurer Gesetze, + Und haßt euch gegenseitig + Und steinigt euch + Kraft eurer Sitten! + Um was? + Um eures Glaubens, eurer Dogmen, + Eurer Sitten willen! + Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! -- + Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen? + Habt ihr der Tropen Sonne gespürt? + Habt ihr des Sturmes Brausen gehört + Auf wogendem Meer? + Sie lachen eurer und eurer Gesetze + Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe, + Die nie versieget, + An die ihr nicht tasten könnt + Mit euren Händen + Und eurem Menschenverstande + Und eurer Kälte, -- + Von Wärme und Größe, + Die ewig frei war, und ewig es sein wird! + Und das Meer und die Sonne + Und der brausende Sturm + Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens, + Sie alle haben es mich gelehrt, + Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden, + -- Würdig euch Menschen, -- + Und bar der Liebe! + Und so lache ich euer und eurer Gesetze + Und Sitten und toten Dogmen, + Und habe Mitleid mit euch + Und liebe euch + In all eurer Kleinheit + Und eurer Härte und Kälte, + Und will euch auftauen mit meiner Liebe, + Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut, + Und stürmen wie der Sturm, + Reinigend, stärkend, + Und lieben, wie die Sonne der Tropen, + Heiß, versengend und Leben weckend, + Überreich' Leben! + Und kraft des sonnigsten Gesetzes, + Das der sonnigste Mensch euch gab, + Liebe ich die, die ihr verachtet, + Liebe ich die, die ihr hasset, + Denn sie bedürfen der Liebe! -- + Lieb' ich euch alle! + Denn ihr alle bedürft der Liebe! + Und auf dem starken Fittich meiner Liebe + Über Tod und Grauen + Trage ich euch empor zum Herrn der Welten, + Dem Geist der Liebe, + Mit dem ich eins mich weiß + Als Herrn der Welt! + + * * * * * + + Weißt du, wer ich bin? + Weißt du, wer ich bin? + Ein Stückchen bin ich vom Nagel + Am kleinen Finger der Gerechtigkeit. + Wehe dir, wenn du Arme drückst + Oder Bedrängte! + Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst, + Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose, + Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast! + Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht + Und Unrecht in Recht verwandelst! + Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl + Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers, + Und ich führe ihrer Hand den Weg, + Um dich zu packen! + Darum hüte dich! -- + + Weißt du, wer ich bin? + Weißt du, wer ich bin? + Ein Stäubchen bin ich im Weltenall, + Getragen von einem Sonnenstrahl, + Von einem Strahl aus jener Quelle, + Die ewig war und ewig sein wird! + Von einem Strahl aus jener Quelle, + Aus der seit Ewigkeiten + Alle Liebe und alle Wärme fließt. + Und wenn du im Elend bist; + Und wenn du einsam oder in Sorgen bist; + Wenn du arm oder gedrückt bist; + Wenn Krankheit dich quält + Und Schmerz + Und Angst vor dem Ende: + So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen, + Und kraft des Strahls, durch den ich lebe, + Will ich dich lieben und dich erwärmen, + Daß deine Sorgen und deine Schmerzen, + Und was dich drückt, + In nichts zerfließt -- + Nimm mein Leben, -- nur komm! -- + + * * * * * + + Merkwürdiges erleb' ich! + Ich sehe die Dinge, wie sie sind, + Und sage, was ich sehe! + Und andere sehen die Dinge + Ebenso wie ich, + Und sagen, sie sähen sie anders! + Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch, + Oder es ist ihnen bequemer. + Aber sie merken nicht, + Daß ihre Worte wie Nebel sind, + Die die Wahrheit verdunkeln, + Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln! + Und andere glauben, klug zu sein, + Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken, + Und tun, + Als ob sie anders wären und anderes wollten! + Und sehen nicht, + Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen! + Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein! + Aber die Wahrheit ist stark und hell, + Wie die Sonne, + Und scheint durch allen Nebel hindurch, + Oft nur in Strahlen, + Oft hellt sie ihn ganz. + Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln, + Daß man sie so leicht finden kann, + Wie ein Licht im Dunkeln! + Und je näher wir kommen, + Desto größer und heller scheint uns das Licht; + Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen, + Desto heller wird es in uns! + Sie gleicht einem Leuchtturm, + Der fernher über das finstere Meer + Unserem Schiffe den Weg zeigt + Zur fernen Küste! -- + Du bist der Leuchtturm + Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte! + Einem Licht im Dunkeln gleichst du, + Wie du der Wahrheit gleichst, + So hell und klar. + Das kommt, + Ihr beide habt eine Mutter: + Die Sonne! + + * * * * * + + Den Tod fürchtest du, + Den Allbezwinger? + Ach, ich versteh' dich! + Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe, + Und dich schreckt das Gerippe + Und die Furcht vor dem Nichts, + Dem Unbekannten, + Großen, + Leeren, + Dem Nichts! + Ist es nicht so? + Sei ruhig und ängstige dich nicht + Und laß dir erzählen! + Ich kenne ihn! + Zweimal trat er an mich heran. + Als er zuerst mir nahte, + Da lag ich auf meinem Schmerzenslager, + Fiebernd, röchelnd, + Nach Atem ringend, + Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen. + Da kam er + Mit leisem Schritt + Und sanfter Hand: + Noch fühl' ich sie, + Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn, + Sanft, ganz sanft. + Und wie die Augen schwer wurden, + Wurde mein Herz mir leicht, + Oh, so leicht, + Als ob ich Schwingen hätte, + Und alle Sorgen fielen von mir ab, + Alle Schmerzen schwanden, -- + So ruhig wurde es drinnen, + So himmlisch ruhig, -- + Mir war's, + Als wüchs' ich über mich hinaus, + Und größer, immer größer, + Um in eins zu fließen + Mit dem Geiste der Welt. -- + Und ich genas. + Und wieder trat er dann zu mir, + Zum zweitenmal. + Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob, + Die Wogen berghoch sich zusammentürmten, + Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen. + Da trat er wieder zu mir her, + Sanft, ganz sanft, + Und wiegte mich, + Wie mich die Mutter wiegte, + So daß ich mich als Kind noch einmal träumte, + Als glückersehnend Kind. + Und selig trank ich in Erinnerung + Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein. + Und heut noch dank' ich ihm die Stunde, + In der er mir dies süße Glück verlieh. + Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal. + Er komme, wann er kommt. + Ich weiß es, er ist sanft und mild; + Er löscht nicht aus, + Er lindert nur die Schmerzen + Und zaubert dir dein geistig' Aug' + So groß und weit, + Daß du dein irdisches gar gern entbehrst. + Sieh die Natur: + In weißes, weiches Laken + Hüllt der Schnee sie ein. + Du meinst, sie sei gestorben? + Tor, sie lebt! + Dort unter dem Schnee, + Da lebt es und webt es! + In starrender Rinde + Und rauhem Kern, + Da treibt es und keimt es! + Und kommt der Frühling + Mit seiner Sonne, + Warte nur, + Sing' und freu' dich! + Schau nur, + Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben + Der schwarzen Erde entsprießt, + Alles, was in ihr verborgen lag, + Vermodernd, verwesend, + In neues Leben verwandelnd, + Das zur Sonne drängt, + Weil es von der Sonne stammt! + Und auch du stammst aus der Sonne! + Auch dich decken sie einst + Mit weißem weichen Laken + Und senken dich, + Wie ein Samenkorn von der Wintersaat, + In die Erde, + Damit, wenn dein Frühling kommt, + Was von dir aus der Sonne stammt, + Zur Sonne emporwächst. + Aber gib acht! + Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst, + Trink es in dich hinein, + Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt. + Trink Sonne und Liebe, + Soviel du nur kannst, + Und strahle sie wieder von dir, + Erhellend, erwärmend, + Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist! + So mehre den Sonnenkern in dir, + Jenes wunderbare Teil in dir, + Das du von ihm empfingst, + Dem Allewigen, + Aus dem alle Sonne und Liebe stammt. + Und fürchte dich nicht vor dem Tod: + Denn er ist sanft + Und zeigt dir nur den Weg, + Der dich vom Nebeltal der Erde + Wieder dorthin führt, + Woher du stammst. + Sei froh und fürchte dich nicht! + + * * * * * + + Ich lag im Grase und unter Blumen, + Bunt und blühend, vertraulich nickend, + Am Busen der Erde, der Mutter aller. + Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann + Des Meilers grauer Qualm, + Mich mahnend an der andern Menschen Treiben. + Und wie es kam -- ich weiß es selber kaum: + Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind, + Und mit den Schwestern, all den Blumen, + Da spielte ich und neckte mich; -- + Ihr seid doch meine Schwestern, nicht? + Und du? Du Mutter Erde, + Bist du nicht unsre Mutter? + Oder etwa nur, weil wir dich so nennen, + Nicht, weil du es bist? + Aber wurzelt nicht in deinem Schoße + Der gewaltige Eichbaum, + Die Blume am Wege + Und in des Meeres unendlicher Tiefe + Weit um sich greifender Algen bunte Pracht, + Wie in der Mutter Schoße das Kind, + Angeheftet mit feinen Fäden, + Nahrungssaugenden, + Wachstumspendenden? -- + Oh, daß ich dich halten könnte, + Wie ich die Mutter umfing, + Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte. + Und ich? -- aber hier ruhe ich ja! + Wer will's mir denn wehren, + Wer mich reißen von deinem Busen? + Wurzeln wir denn nicht alle in dir? + Saugen wir all nicht aus deinem Boden + Nahrung und Kraft? + Sind denn nicht alle deine Geschöpfe + Unsre Geschwister? + Atmest du nicht für uns, deine Kinder, + Stärkende Himmelsluft ein? + Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen, + Was uns nur schadet, + Daß es zurzeit als himmlischer Segen + Umgewandelt herniederträufle, + Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken, + Wasser des Himmels begierig schlürfest? + Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen, + Dein Feuer, Deine Glut, + An der wir uns wärmen? + Und empfängt nicht das Kind + Vom Geiste der Mutter seinen Geist? + Ist es nicht ebenso dein Geist, + Derselbe Geist, der uns alle beseelt, + Der uns alle umfaßt? + Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists, + Abgesplittert und zugehörend? -- + Weh' über die Brüder, die glauben, + Daß sie allein etwas sind! + Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall! + Wenn sie es könnten! -- + Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken; + Aber wohl tut ihr dran, + Wenn ihr erschrecket und merket, + Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt, + Gleich euren Brüdern im Walde -- ob all eures Wissens! + + + + +An meine Feinde. + + Ich kenne euch, meine Feinde! + Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt + Und sie zertretet, + Als ob sie Gras wären! + Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich, + In euren Netzen sitzet, + Tagediebe, + In euren Spelunken, + Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder, + Von ihren Schwächen + Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet! + Euch, + Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet, + Damit sie euch zinsen! + Euch, die ihr in Palästen wohnt + Und in getäfelten Häusern, + Bei Braten und Wein schwelgt, + Zu Pferde und in Karossen dahinjagt + Und über die schlechten Zeiten jammert + Und die begehrliche Masse des Volks! + Ich kenne euch alle! + Ihr ewig Gerechten, + Ihr Stolzen und Harten, + Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge + Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben, + Dem nicht so feines Tuch, wie euch, + Die sehnigen Arme und Beine umkleidet. + Und euch, ihr Tugendhaften, + Die ihr so sicher euren Weg geht, + Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt! + Und euch, ihr Männer, + Die ihr die Kraft nicht habt, + Eure Frauen mit Liebe zu sättigen, + Geschweige denn, + Daß ihr die Seele eines Weibes versteht, + Ihr, die ihr kaum ahnt, + Was Seele heißt! + Erbärmlich Volk! + Otterngezücht! -- + Durch einen Wald schritt ich + Und fand ein Nest von jener Sorte, + Die die Natur + Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet. + Zischend bäumten sie hoch + Und wollten mich beißen. + Ich aber sprang mit beiden Füßen + Mitten in sie hinein + Und zertrat die Brut. + Oh, könnt' ich auch euch, + Ihr Krämer und Wucherer, + Ihr Brenner und Brauer, + Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut + Und das Volk vergiftet, + Euch scheinheilige Pharisäer, + Die ihr angebt, + Das Christentum gepachtet zu haben, + Und deren Herzen + Das einzige Gesetz, + Das Gott uns gab: + »Liebet euch untereinander!« + So fremd ist, + Wie Erbarmen der Otter, -- + Könnt' ich auch euch + Wie dieses Otterngezücht zertreten! + Mir träumte als Knabe, + Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land, + In blinkender Rüstung, + Ein Ritter des Herrn, + Schwingend in meiner Hand + Ein flammendes Schwert. + Krämer, die Branntwein verkauften, + Hatten den Krieg entfesselt; + Weithin verwüstet lag schon das Land. + Mordend und brennend zogen sie aus, + Lachten und logen, + Sie brächten Kultur. + Glückliche Völker sanken dahin + In Elend und Schmach. + Ich aber schwang in erhobener Linken + Die Fackel der Wahrheit, + Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild, + Der war die Liebe zu meinen Brüdern. + Todwund kamen sie an + Und heischten Hilfe! + Ich aber nahm sie unter den Schild! + Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert, + Das hieß Gerechtigkeit. -- + Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre + Und mein Leben tausendfach, + Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten! + Aber solange ich atme, + Will ich mit euch kämpfen! + Zittert vor mir! + Denn ich bin zähe und stark, + Und meine Freunde sind wie Sand am Meere! + So fürchte ich euch nicht! + Ich kenne euch, meine Feinde, + Und danke euch, + Daß ihr euch so nennt! + Ich bin stolz auf euch! + Und habe Mitleid mit euch, -- + Denn reihenweise sehe ich euch sterben + In der Blüte der Jahre, + Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet + Und auf die Klugheit meiner Freunde! + So habe ich Mitleid mit euch + Und eurem Ende! -- + + * * * * * + + An meiner Seite schreitet ein Weib, + Ernst und still, + Und doch heiter und fröhlich. + Ich liebe sie, + Denn sie ist gütig gegen mich + Und überschüttet mich mit Reichtum. + Sie verleiht mir Kraft + Und meinem Leben Würze. + Nachts ruht sie an meiner Seite + Und sorgt, daß kein Gram + In mein Herz dringen kann. + Sie richtet meine Blicke auf den Weg, + Den ich zu gehen habe, + Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg. + Wenn ich müde werde, + So küßt sie meine Stirne + Und haucht mir neue Kräfte ein. + Meine Ohren hält sie mir zu + Mit weicher Hand, + Wenn die Spötter zischeln, + Und zeigt meinen Augen + Den Pfad, + Wenn die Feinde dräuen. -- + So gehe ich geradeaus, + Und finde mein Ziel. -- + Toren sagen, + Sie sei hart und unerbittlich. + Sie kennen sie nicht, + Weil sie sie nicht lieben, + Nicht lieben, wie ich, + Für den sie Leben ist! + Kaum kennen sie ihren Namen! + Du, meine Geliebte, + Meine Pflicht! + + * * * * * + + Du hast Furcht? + Fürchte dich nicht! + Du bist traurig? + Traure nicht! + Siehe, ich war niedergebrochen + Unter Furcht und Trauer, + Und meine Seele lag am Boden, + Wie mein Leib. + Da dachte ich an die, + Die meine Sonne ist, + Und erhob mich + Und genas + Und übte meine Kraft. + Schlangengleich + Umwanden Furcht und Trauer + Meine Seele + Und bissen nach meinem Leben. + Ich aber faßte sie + Und erwürgte sie + Und befreite mich aus ihren Ringen. + Und nun, + Siehe, + Stehe ich vor dir, + Stolz und frei + Und stark + Und reiche dir meine Hand + Und hebe dich zu mir empor. + Hab' Mut und hoffe, + So hast du Kraft! + Versuch' es nur! + Schau' nur, es geht. -- + Schon strahlt dein Auge. + Glaube mir, + Hoffe, + Und folge mir! + + +Einer Mutter. + + Dein Einziger ist dir genommen, + Mutter, + Dein brauner Knabe? + Oh, ich verstehe deinen Jammer, + Deinen Schmerz! + Dein Einziger! + Und welch ein Junge! + Wie leuchteten seine braunen Augen + Unter den dunklen Locken! + Wie lachte sein roter Mund! + Wie straff und fest waren diese jungen Beine, + Wie kraftvoll die Arme! + Wie hob sich die Brust, + Wenn er deinem Gatten + Vom Wagen herab + Die Fruchtkörbe reichte + Und die Körbe Gemüse! + Ja, weine nur, Mutter, + Weine heiße Tränen, + Laß sie wie Bäche im Frühling fließen! + Wahrlich, er ist es wert! + Traure um ihn, + Weine und traure! + Aber nicht verzweifeln! + Wie alt ist dein Gatte? + Dreiundvierzig? + Und stark und gesund? -- + Wie könnt' er anders! -- + Und du? + Wie alt bist du? -- + Vierzig Jahre, sagst du? + Ich kenne Frauen, + Die mit zweiundvierzig freiten, + Und die mehreren starken Söhnen + Das Leben schenkten! + Du schüttelst dein Haupt + Und seufzest? + Hör' zu, was ich dir sage + Und glaube mir: + Warte, bis sich nun wieder + Der Mond erneut. + Kommt der Gatte dann heim, + Empfang ihn wie einstens, + Strahlend, + Hoffnungsfreudig. + Schling' deine Arme um seinen Hals, + Küß ihm von seiner Stirne, + Von seinen Lippen, + Von seinen Augen seinen Gram, + Euren Gram. -- + Und sitzt ihr beim Mahl, + Erzähl' ihm, + Leise, leise, + Daß niemand es hört, + Dir hätte geträumt, + Selig, selig, + Ihr wäret noch jung, + Ganz jung, + Und hättet Gott gebeten, + So recht von Herzen, + Und er hätte euch erhört + Und euch geschenkt + Einen wonnigen Buben + Mit dunkelen Locken + Und braunen Augen. -- + Und ehe ihr zur Ruhe geht, + Erzähl' ihm deinen Traum + Noch einmal! + Und hoffe! + + + + +Vergeltung. + + Du hast mir weh getan, + Wie noch kein Mensch mir weh getan! + Ich habe dich lieb gehabt + Wie meine Seele, -- + Und du hast mich betrogen! + Du hast mich verraten und verleumdet + Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt. + Ich ahnte nur, was Sünde war, + Wußte es aber nicht, -- + Du hast es mich gelehrt. + Wenn ich nicht wäre, wie ich bin, + Und wenn ich nicht ich wäre, + Sondern wäre wie die andern, + So würde ich dich jetzt hassen + Und dich verachten, + Ja, dich töten! + Fast wäre ich gestorben deinetwegen + Und hätte mich verloren + Und alles, was mir schön und lieb ist, + Deinetwegen! + Und du, du hast mir weh getan, + Wie noch kein Mensch zuvor! + Aber ich hasse dich nicht + Und verachte dich nicht; + Denn mein Gott ist nicht dein Gott, + Ist nicht der Gott der Rache, + Sondern der Liebe! + Mein Gott gleicht der Sonne + Und nicht der Finsternis. + Der Sonne, die im Frühling + Die Blumen weckt + Und die Vöglein + Und die Herzen! + Der Sonne, die im Sommer + Die Traube reift + Und der Rose ihr Düften zaubert! + Der Sonne, die uns Leben schenkt + Und uns lieben lehrt + Und scheint über Gerechte und Ungerechte! + Und dieser Gott lehrte mich, + Auch dich, + Auch dich zu lieben, + Die ich so lieb gehabt + Wie meine Seele, + Und die mir nun so weh getan, + Wie noch kein Mensch zuvor! + Und da du in Not bist, + So will ich für dich sorgen + Und dir raten und helfen + Und dir Vater und Mutter sein + Und Sonne deines Lebens, + Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt! + + * * * * * + + Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden! + Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten, + Wie könntest du die Leiden anderer empfinden? + Und hätten andere für dich nicht so gelitten, + Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen? + Und einsam ständest du im Leide + Und verlassen, + Und deine Tränen flössen ungesehen. + Oh, danke Gott für deine Schmerzen; + Denn sie sind das Band, + Das dich den anderen verbindet + Und dich und sie zu Menschen macht! + So laß aus deinem Leide Blumen wachsen, + Die andern Freude, Leben spenden! + Schau' nur den Frühling! + Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt + Und streut Blumen und Düfte + Über die Erde, + Die wunden Herzen froh zu erquicken, + Und hat doch selbst soeben erst + Den Winter überwunden. + Und wenn dein Herz in Stürmen steht + Und Wintersnacht, + Wisse: + Anderer Herzen stehen im Frühling + Und überschütten dich mit Blumen und Düften + Und Sonnenschein! + Und ehe du dich's versiehst, + Vergeht dein Winter! + + +Einer Freundin. + + Einen Schrein voll Kostbarkeiten + Sandtest du mir, + Wie von liebender Hand gepackt. + Und ich, -- + Was soll ich Armer dir dafür schenken? + Siehe, mein Leben gehört den anderen, + Und meine Liebe einer anderen. + Meine Zeit gehört meinen Armen + Und meine Kraft meinen Kranken. + So nimm denn meine Freundschaft. + Die gleicht einem Bergsee + Droben zwischen den Firnen. + Kristallklar und hell ist sein Wasser; + Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel. + Dunkelgrün spiegeln in ihm + Sich schweigende Fichten, + Ernste, hochragende. + So seien die Gedanken, + Die in dem Spiegel unserer Freundschaft + Leben gewinnen, + Ernst, hochragend. + Und unsere Freundschaft sei + Kristallhell und klar, + Rein und erfrischend, + Wie das Wasser jenes Bergsees + Dort oben hoch zwischen den Firnen! + + * * * * * + + Herr, nun danke ich dir, + Daß du mich sündigen ließest! + Denn nun weiß ich, + Daß die Sünde lieblich und wonnig ist + Im Beginn, + Wie Honig schmeckt + Und wie Veilchen duftet, -- im Beginn! + Aber nachher, + Wenn der Duft verflogen, + Schmeckt sie wie Galle + Und beißt, wie ätzend Gift! + Herr, nun danke ich dir, + Daß du mich sündigen ließest! + Denn nun weiß ich, + Wie weh es tut, + Und wie es krank macht + Und schwach + Bis zum Tode! + Und hast mich mit deiner starken Hand + Noch gerade gehalten, + Eh' sie ganz mich verschlang + In Tod und Verderben! + Herr, nun danke ich dir, + Daß du mich sündigen ließest! + Denn nun weiß ich, + Wie anderen zumute ist, + Die niederbrechen unter der Last der Sünden, + Todwund, + Und nicht die Kraft mehr haben, + Aus dem Meer von Galle + Und ätzend Gift + Mit starkem Arm sich emporzurudern + Und nach dir zu greifen, + Der du Licht und Sonne bist + Und Wärme und Liebe, + Aus der ich entstamme, + Aus der wir alle entstammen! + Herr, nun danke ich dir, + Daß du mich sündigen ließest! + Denn nun weiß ich, + Warum du es tatest, + Du Allgütiger und Allweiser: + Du wolltest ein Werkzeug haben + Deiner Güte, + Das geschickt sei zum Helfen + Und zum Vergeben, + Zum Heilen und Reinigen + Und zum Emporreißen zu dir, + Du Sonne unseres Lebens! + So mußte ich den Weg finden + Von Anfang an! + Herr, ich danke dir; + Denn nun weiß ich, + Meine Sünde war nur eine Stufe + Aus dem Dunkeln ins Helle! + + * * * * * + + Nicht nach Orden und Titeln + Steht mein Begehr, + Noch nach Ruhm, + Oder dem schwellenden Siegesgefühl; + Denn wenn ich den Sieg hätte, + Müßt' ich ja ruhen, + Wär' ja der Kampf beendet. + Aber der Kampf ist's ja gerade, + Der Kampf um die Wahrheit, + Der das Leben erst lebenswert macht, + Seien der Feinde auch noch so viel! + Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich, + Noch nach weichlichen Polstern + Nach reichlichem Mahle. + Aber vielfach ist mein Begehr, + Was mir das Leben lebenswert macht: + Wohl liebe ich es, + Auf feurigem Roß + Durch die Berge zu reiten, + Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen, + Auch zu berauschen mich + An den Rosen im Garten + Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, -- + Unter mir schläft in sanftem Nebel + Das liebliche Waldtal, + Übergossen vom silbernen Zauberschein + Des Mondes, -- + Vor allem als Mann mich zu fühlen, + Als Freier, + Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen + Im Kreise meiner Söhne, + Meiner starken, gewandten, + Blondlockigen, mit strahlenden Augen, + In meinem Garten + Mit ihnen + Mit Speer oder Pfeilen + Um die Wette zu schießen, + Wie die Ahnen vor tausend Jahren, + Oder kunstvoll mit ihnen + Schnellsegelnde Schiffe zu bauen! + Zartes, Innigeres, das ich nicht singe, + Kenne ich, was mich berauscht + Und mich zwingt, + Im Gefühle der Mannesvollkraft + Meine Arme zu recken, + Gleichsam als ob Erinnerung + An Schöpfers Urkraft mich durchglühte. + Und doch schafft dieses alles + Nimmer des Lebens treibende Kraft. + Aber mannesfroh macht es, + Den Mächtigen trotzen, + Wenn sie Unrecht tun + Und den Schwachen bedrängen, + Der sich nicht selber zu helfen weiß. + Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen + Recht zu Recht bringen, + Der Witwen Tränen trocknen, + Dem Armen das Seine verschaffen, + Schwachen Frauen und weinenden Kindern + Gegen den harten Bedränger + Hilfe und Hort sein. + Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit, + Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen, + Daß er aufs neue + An die Sonne, an das Leben, + An die Liebe, die göttliche, glauben lernt. + Den Weisesten im Lande, + Vom Staate gestempelt, + Zeigen, daß auch sie irren, + Daß ihre Wege in Irrsal führen + Und Not, + Neue Wege ihnen weisend + Zu größerem Ziel. -- + Das ist Mannesarbeit, + Frohe, beglückende, + Selig berauschende! -- + Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr, + Noch nach Ruhm und Denkmälern! + Aber die Wellen meines Geistes + Sollen ringförmig ausstrahlen + Im Leben meines Volkes, + Als ob du einen Stein wirfst + In einen tiefen und klaren Bergsee -- + Und ringförmig brechen sich die Wellen + Weithin, + Bis ans Ufer, + Und wenn der Stein längst versunken, + Immer noch kräuselt der See: -- + Du weißt's, + Wovon. + So weiß der, + Der aller Seelen + Seele ist, + In dem wir alle eins sind, + Von wessen Stein die Wellenringe stammen, + Die der Menschheit Geistessee + Bewegten. + Denkmäler? Ruhm? + Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler! + Wenn ich sterbe, + Sollen Arme seufzen + Und Witwen weinen. + Und die Fenster der Häuser -- + Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen -- + Dorten am Waldesrand + Und am Bergesabhang + Und drunten im stillen Tal, + Die ich den Armen gebaut, + Sie sollen in der Abendsonne funkeln: + Er hat uns gebaut! -- + + + + +Wahrheit und Freiheit. + + Dank, Vater, daß du mich werden ließest + Als Sohn meiner Heimat! + Ein Kind des Sturms und des freien Landes, + Wo Freiheit rufend atmet die Luft, + Wo Freiheit donnernd brandet das Meer, + Wo Freiheit rauschend duftet der Wald, + Wo Meer und Land und Luft mich lehrte, + Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen! + Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit, + Knechte genügen sich nachzubeten, + Fürchtend den Kampf und seine Früchte, + Wunden und Wehe und winkenden Tod! + Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme + Trotz zu bieten in langer Wanderung + Oder durch brandender Wogen Gedränge + Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren, + Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück, + Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch! + Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert + In Wellenkreisen, die weiter reichen + Als winkender Tod! + Dank, Vater, daß du mich werden ließest + Als Sohn meiner Heimat + Ein Kind des Sturms und des freien Landes, + Wo Sturm und Meer und weite Heide + Seit Ewigkeiten zum Leben rufen + Wahrheit und Freiheit! + + +Meinem Volke! + + Ein Lied will ich euch singen, + Das ihr nimmer hörtet. + Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht, + Wenn ich es singe; + Aber Teergeruch von Schiffstauen + Nehmt ihr wohl wahr, + Und Meerluft läßt euch freier atmen, + Salzige, herbe, die Brust euch dehnende. + Gebt acht! + Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung, + Wohl aber Wogengebraus + Und Sturmgeheul, + Knattern der Segel im Wind + Und das Rasseln der Ketten, + Wenn der Anker zu Grund fährt. + Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar + Paßt zur Begleitung. + Mein Lied, das ich euch singe, + So neu es ist, + Uralt ist es doch schon. + Vergessen nur haben es viele von euch + In Wohlleben und Rausch! + Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter, + Mächtig, siegesmutig. + Sie vererbten es euch! + Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen + Euch träge und stumpf! + Wenn aber einst eure Enkelkinder -- + Was Gott mög' geben -- + Von neuem erwachen, + Dann werden sie wieder, + Wie unsere Väter vor tausend Jahren, + Jubelnd das Lied singen, + Wie groß die Welt, + Wie herrlich und weit, + Und die Freiheit + Berauschend und manneswert! + Singen werden sie das uralte Lied, + Das ewig neue, + Zur Fahrt übers Meer. + Und zum Schärfen der Pflugschar. + Hört zu! + Vor tausend Jahren lebten im Norden + Unsere Väter. + Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt, + Schneebeladen. + Wie der Bergstrom im Frühling, + So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar. + Zu enge wurden die Weideplätze + Der rötlichen Rinder. + Da wanderten sie in hellen Scharen, + Die einen gen Westen + Auf rauschendem Kiel + Weit über des Weltmeers wogende Flut. + Die andern aber zogen gen Süden + Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. -- + Dort hausten sie lange. + Da trafen sie schlaue römische Händler; + Die brachten ihnen, + Aus Eisen geschmiedet, + Schwerter und Speere + Und tauschten dafür + Des Urs und des Bären zottige Felle. + Und die Händler erzählten von einem Lande, + Das südwärts läge, + In dem die Sonne im Winter selbst + Wonnig schiene, + Goldene Äpfel in dunklem Laube, + Schwellende Trauben voll süßer Beeren + Lockend reiften. + Da horchten die Väter + Und tauschten Blicke, + Pläne schmiedend. + Doch fern sei das Land, + So mahnten die Händler, + Und beschwerlich der Weg + Über der Alpen schneeige Höh'n. + Da lachten die Helden + Und jubelten laut + Und riefen einander: + Wohlauf denn zum Süd! + Doch wiederum mahnten die Händler bang, + Kriegerisch sei der Römer Volk, + Schwertkundig und waffengewohnt + Untertan ihnen der Erde Rund! + Lachen lohnte der Warnung Wort! + Nicht länger hielt es die Väter mehr: + Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel. + + So zogen sie aus, + In hellen Scharen, + Wohl über der Alpen eisigen First. + Jauchzend und lachend + Auf ihren Schilden + Fuhren die Helden fröhlich zu Tal. + Doch in dem Kampf + Um das sonnige Land + Sanken der Helden beste dahin. + Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's! + Was der Besiegten Schwerte entkam, + Das entnervte des Südens feuriger Wein. -- + Zerstoben, verweht das wandernde Volk. + Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten, + An Englands Gestaden + Wohnsitz fanden. + Sie bauten Schiffe + Und kreuzten weiter + Und weithin wurde ihrer die Welt. + Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit, + Und das Meer so blau, + Wie Kornblumen im Felde, + Und so frei. -- + Nun hört, was ich sag'! + Wacht auf aus dem Schlaf + Und schauet umher: + Zu eng wird's im Land, + In dem ihr haust + Seit Vätergedenken! + Drum Schiffe gebaut + Und hinaus in die Welt! + Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres, + Unendlich große. + Weithin aufs Meer + Trug der Landwind den Duft + Von all den Blüten, + Die den Urwald schmücken. -- + Wo Wald wächst, wächst auch Korn. + Groß sind die Wälder + Und harren der Axt. + Schmiedet Äxte! + Weideplätze weiß ich, + Weite, unendliche, -- + Felder für Weizen und herrliche Früchte. + Schmiedet Pflüge! + Weite Länder, + Die der Menschen harren. + Liebt euch! + Und Hände werden euch wachsen, + Das Land zu meistern. + Drum hinaus in die Welt! + Und Schiffe gebaut, + Schnellfahrende! + Schmiedet Anker und Kiel! + In eherne Kessel zwingt mir den Dampf! + So durchschneidet die Flut! + Und wo immer den Anker + Ihr rasselnd senkt, + Da sei die Welt, + Die weite, sonnige, + Die himmlisch freie, + Euer, + Ihr freien Söhne des Nord! + Wacht auf! + + +Euch Königen. + + Höret mein Lied! + Schaut um euch und schaut rückwärts, + Ob das, was ich singe, + Wahr sei und recht! + Ihr aber werdet sehen: + Es ist so! + Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder, + Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen! + So höret nun, ihr Könige, + Und merket! + Lernet, ihr Richter auf Erden! + Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet, + Und nehmt's euch zu Herzen, + Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker! + Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn! + Und die Gewalt vom Höchsten, + Welcher wird fragen, wie ihr handelt, + Und forschen, was ihr ordnet! + Denn ihr seid seines Reiches Amtleute; + Aber ihr führet euer Amt nicht fein, + Und haltet kein Recht! + Und tut nicht nach dem, + Was der Herr geordnet hat! + Er wird gar greulich und kurz über euch kommen, + Und es wird gar ein scharf Gericht gehen + Über die Herren! + Denn den Geringen widerfährt Gnade. + Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden, + Denn der, so aller Herr ist, + Wird keines Person fürchten, + Noch keines Mächtigen Macht scheuen! + Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht + Und sorget für beide gleich! + Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden! + Mit euch, Tyrannen, rede ich, + Auf daß ihr Weisheit lernet, + Und daß es euch nicht fehle! + Denn wer heilige Lehre heiliglich hält, + Der wird heilig gehalten! + Und wer dieselbige wohl lernet, + Der wird bestehen! -- + So laßt euch nun meine Rede gefallen; + Begehret sie und laßt euch lehren! + Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich, + Und läßt sich gerne sehen vor denen, + Die sie lieb haben, + Und läßt sich finden von denen, + Die sie suchen! + Ja, sie begegnet + Und gibt sich selbst zu erkennen denen + Die sie gern haben! + Wer sie gern bald hätte, + Der bedarf nicht vieler Mühe: + Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten! + Denn nach ihr trachten, + Das ist die rechte Klugheit! + Und wer dürstet nach ihr, + Darf nicht lange sorgen! + Denn sie gehet umher und suchet, + Wer ihrer wert sei! + Und erscheint ihm gern unterwegs, + Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet! + Denn wer sich gerne läßt weisen, + Das ist gewißlich der Weisheit Anfang! + Wer sie aber achtet, + Der läßt sich gern weisen, + Wer sich gern weisen läßt, + Der hält ihre Gebote; + Wo man aber die Gebote hält, + Da ist ein heilig Leben gewiß! + Wer aber ein heilig Leben führt, + Der ist Gott nahe! + Wer nun Lust hat zur Weisheit, + Den macht sie zum Herrn. + Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk, + Gern Könige und Fürsten sein! + So haltet die Weisheit in Ehren, + Auf daß ihr ewiglich herrschet. + + +Meiner Königin! + + Um eine Handvoll Sonnenschein + Für meines Lebens Arbeit bat ich dich! + Da griffst du strahlend + In den blauen Himmel + Und warfst mir lachend + Eine Handvoll Sonne zu -- + Und Wunder über Wunder! + In Sonne strahlte plötzlich alles Land. + Und sonnenübergossen stand ich da. + Und wohin ich ging, + Und wohin ich kam, + Zu reich und arm, + Zu krank und siech, + Sie alle faßten meine Hand + Und küßten sie: + Du Sonnenspender, hilf uns! + Gib uns von deiner Wärme, + Deinem Licht, + Und führ' uns! + Da zog ich alle an mein Herz, + Ob reich, ob arm, + Ob krank und siech, + Und küßte sie auf ihre Stirn + Und ihren Mund + Und heilte sie. + Doch keiner wußte, + Daß es deine Sonne war, + Die sie geheilt, + Die du vom Himmel mir herabgeholt. + Nur einer weiß es, + Der auch deine Sonne ist, + Und das genügt. + Du aber hab' Dank + Für deine Wärme und dein Licht, + Das du auf meinen Lebensweg + Mir warfst, + Und laß zum Dank + Für dich mich leben + In deiner Sonne! + + * * * * * + +Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und +als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte, +da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst +wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche +die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die +verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden, +abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben. + +Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit +heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen +Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft, +neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen +und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und +meines Aufwärtsstrebens erbaut. + +Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von +der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des +ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir +eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit +Gott, -- dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der +Liebe -- in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe +zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur +Menschheit! -- -- + +Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen +Reise nicht, -- wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist. + +Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen +Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel +saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará +aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend +geworden. + +Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der +neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun +erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob, +als nun der Chor einsetzte! -- So ist's im Leben, -- unser eigenes, +inneres Leben ist die Melodie, -- die Begleitung, das ist der Lärm des +Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend +begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; -- dumpf +und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das +Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein, +-- machtvoll, ergreifend, bestimmend, -- und doch immer wieder drängt +die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer +Sehnsucht, Liebe zu geben. -- + +Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um +unseren neuen Tempel weihen zu helfen! -- + +Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not +übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. -- +Dann andachtsvolle Stille, -- und -- -- -- -- -- + +Und nun, -- was ist das? -- + +Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar +meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und +lachten und küßten mich. + +Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter +gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen +Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje +weht!« -- Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat, +brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in +vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die +Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge +mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu +erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die +neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich, +groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der +Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen +Mannes, des Mannes der Tat. + + * * * * * + +So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen +durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der +Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers +Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch +das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines +Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, -- ich +gewann neuen Überblick. + +Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich +es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde +und Gleichgesinnten bereits Legion war, -- gerade da draußen in der +Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige +Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte. + +Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine +dieses, der andere jenes Unglück erlitten -- und überwunden hatte, +fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend +aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert +hatte. + +Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und +bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, -- mit neuer +Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben. + +Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, -- die +Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als +bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu +überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je +uns klar gemacht, -- der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der +Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und +Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele +und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der +Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu +dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere; +der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren +Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem +Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort +drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist. + +Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser +Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die +Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu +sonnenbeschienenen Höhen führt! + +Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie +sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit +die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann! + +Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des +Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das +Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, -- das Weib +ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele +des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die +Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden, +schaffenden Welt. + +Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe: +wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf +unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die +Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk +müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere +Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre +Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten! + +Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die +Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das +werden kann, wozu er berufen ist, -- ein Mensch! Wir bedürfen größerer +Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer +größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit +und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und +die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu +sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir +müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und +Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was +uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß +es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das +Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere +Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe! + +Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den, +Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist +des Alls -- Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So +laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne +Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben +durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! -- -- -- + + * * * * * + + +Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen +hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes +Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber +am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der +junge Tag herauf. + +Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich +eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige +Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung. + +Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben +meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens +ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin, +von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, -- ein Bild des Friedens. + +Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte, +-- da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen +qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel +zu unseren Füßen. + +Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir +müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der +Vogelperspektive zu sehen. + +Seltsam, -- es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun +gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter +den Schnee gebettet, -- ganz nahe der Sonne. + +Und im Frühling, -- mußte ich denken, -- wenn der Schnee kam, dann +löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer +nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen und Äcker +und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen. + +Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen +und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das +All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, -- nennen wir es +seine Seele -- das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die +ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die +Schneewässer zu Tal führen. + +Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch +werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut, +ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder +und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und +Könige. + +Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in +die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des +Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste +geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben. + + * * * * * + + + + + Verlag von Ernst Reinhardt in München + + + Im Kampf um die Ideale + + Die Geschichte eines Suchenden + + von + + Georg Bonne + + Vollständige Geschenkausgabe + + 544 Seiten 8° -- Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.-- + Gekürzte Volksausgabe 17.-- 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50 + + Eine Voraussage des Weltkrieges + +Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft + + Urteile der Presse: + +»~Hamburger Nachrichten~« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn +das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur +von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es +dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von +deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört +das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers +spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat, +Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge +anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu +erschließen scheint. + +»~Kölnische Zeitung~« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft +pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und +seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der +Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem +Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat, +erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung, +aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse +und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die +Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen +rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen. + +»~Neue Hamb. Zeitung~« 17. September 1910. Seine mutigen, +helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser +Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine +zweite Auflage zu wünschen, der dann -- man müßte sich schwer getäuscht +haben, wenn es anders wäre -- weitere folgen werden. + ++Dr.+ ~Holitscher~ schreibt in der »~Internationalen +Monatsschrift~ zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange +habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat +wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt, +neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt +hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit +dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie +noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist +Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von +ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken. + +»~Hamburger Hausfrau~« 18. September 1910. Was für ein gesundes, +starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans +tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün, +die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren +Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber +wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist +wahr und tönend vor Liebe. + +Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein +Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre +errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen. +Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester, +keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird +sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet, +entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus, +der uns daraus entgegenweht. + +»~Deutscher Guttempler~« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale« +ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen +Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die +Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich +schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen. +Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff +beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als +selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von +Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg, +in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum +Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich +ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging +mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns +beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen. + +»~Tägliche Rundschau~« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch +gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten +Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen +Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn -- das Evangelium. Und in +der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft, +sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht. + +Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus. +Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an, +es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die +Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle +der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des +Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser +in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines, +welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden, +gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum +Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur +ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen +Güter unserer deutschen Kultur. + +»~Die Hilfe~« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts +anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als +das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen +modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser +zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen, +die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen +Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu +einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist +ausgezeichnet und fehlerfrei. + + + + + Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften + + von Sanitätsrat +Dr.+ ~G. Bonne~, Kl. Flottbek. + + + 1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer, + Leipzig, 1881. + + 2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891. + + 3. Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen + Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896. + + 4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F. + Leineweber, Leipzig, 1901. M. 4.-- + + 5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer + Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer, + Jena, 1904. + + 6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst + deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf. + + 7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands + Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902. + + 8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands + Großloge. 1903. 10 Pf. + + 9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das + reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. + T., Hamburg, 1903. 25 Pf. + + 10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen + Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., + Hamburg, 1903. 50 Pf. + + 11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands + Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf. + + 12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2. + Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904. + + 13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911. + Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912. + + 14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende + Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, + Hamburg, 1912. + + 15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im + Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf. + + + + +Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«: + + + Heimstätten für unsere Helden + + Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat +Dr.+ + ~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80. + +Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen +Reichstages überreicht. + + + Mehr Nahrungsmittel! + + Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie + zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat +Dr.+ + ~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten. Preis brosch. M. + 4.--, gebunden M. 5.-- + + + Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe + + Dichtungen von ~Georg Bonne~. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80. + + + Lieder der Arbeit + + Von ~Georg Bonne~. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf. + + + Vorwärts mit Gott! + + Von ~Georg Bonne~. Lieder an mein Volk. Steif geheftet + Preis 50 Pf. + + + Der Tempel der Schönheit + + Schauspiel in drei Aufzügen von ~Georg Bonne~. Neue, für die + Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50. + +Die Zeitschrift »~Bühne und Welt~« schreibt in der Nummer vom 1. +Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch +über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und +Dramatikers nach Handlung und Charakteristik. W. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 *** diff --git a/77887-h/77887-h.htm b/77887-h/77887-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c3b8524 --- /dev/null +++ b/77887-h/77887-h.htm @@ -0,0 +1,15393 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Im Kampf Um Die Ideale | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-weight: normal; +} + + h1,h2{ + text-align: center; + clear: both; + +} + +h1 {font-size: 220%} +h2,.s2 {font-size: 180%} +.s3 {font-size: 130%} +.s4 {font-size: 110%} +.s5 {font-size: 80%} +.s5a {font-size: 70%;} + +h2 { + padding-top: 0em; + margin-bottom: 1.0em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; } + + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; +} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +hr.full { + width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; + border-style: solid; + border-color: #000; + clear: both + } + +hr.double { + width: 100%; + height: 0.15em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + border-top: 0.25em black solid; + border-bottom: 0.1em black solid; + } + +.x-ebookmaker hr.double { + height: 0.2em; + border-top: 0.12em black solid; + border-bottom: 0.05em black solid + } + + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%; +} + +.hang2 { + margin-left: 4em; + margin-right: 1em; + text-indent: -2em; +} + +div.adv { + page-break-before: always; + font-size: 0.9em; + max-width: 40em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + } + +div.adv p { + margin-top: 1em; + } + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.mright8 {text-align: right; + margin-right: 8em;} + +.mright13 {text-align: right; + margin-right: 13em;} + +.padtop2 {padding-top: 2em;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; +} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Poetry */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Poetry indents */ +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} +.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} +.poetry .indent4 {text-indent: -1em;} +.poetry .indent6 {text-indent: 0.0em;} + +/* Illustration classes */ +.illowe4 {width: 4em;} +.illowe7 {width: 7em;} + +/* Illustration classes (e-Books)*/ +.x-ebookmaker .illowe4 {width: 8%; margin: auto 46%;} +.x-ebookmaker .illowe7 {width: 14%; margin: auto 43%;} +.illowp46 {width: 46%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="p2 s2 center">Im Kampf um die Ideale</p> +<p class="s4 center">Ein Gegenwartsroman</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<h1>Im Kampf um die Ideale</h1> +<p class="s3 center">Die Geschichte eines Suchenden</p> + +<p class="p2 s4 center">Ein<br> +Gegenwartsroman</p> +<p class="s5a center">von</p> +<p class="s2 center">Georg Bonne</p> + +<p class="p4 center">Gekürzte<br> +Volksausgabe<br> +17.-19. Tausend</p> +<br> +<figure class="figcenter padtop2 illowe7" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure><br> +<br> +<p class="p2 s5 center">München 1917<br> +Verlag von Ernst Reinhardt</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="center">Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig</p> +</div> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<p class="p2">»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß +sie frei werden.«</p> + +<p>Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein +Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in +seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege +des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes +eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner +Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.</p> + +<p>Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben +in den Schneeregionen, wie er gebeten, — um der Sonne recht nahe zu +sein. —</p> + +<p>Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei +schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen +Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine +wunderbare, schier übermenschliche Kraft. —</p> + +<p>So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken, +wie er es gewünscht!</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Geschichte_eines_Suchenden">Die Geschichte eines Suchenden.</h2> +</div> + + +<p>Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der +Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.</p> + +<p>Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf, +hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken +Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die +Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze +und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven +zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich +genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun +doch unterliegen?</p> + +<p>Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und +Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und +Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen +Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze +Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern +und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu +betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese +ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon, +daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.</p> + +<p>Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen +Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen +schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine +große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die +Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer +da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die +Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie +droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind +von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen, +gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und +Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt +sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und +alle wollten Hilfe, — der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener +Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten +Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte, +und was ich wußte.</p> + +<p>Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich +erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand +am Horizonte stehen und wachsen, — wie die riesengroße Verkörperung +meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes +deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu +helfen.</p> + +<p>Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch +sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im +Kampf. — Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe +des Elends.</p> + +<p>Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen +Füßen. — Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als +Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als +ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, — leer an Liebe. Ja, +das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte, +zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen +auf, — die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und +Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott —, schenke +uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde +wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte +trägt.</p> + +<p>Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß +ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde +und die Lieblosigkeit, — hoffnungslos.</p> + +<p>Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.</p> + +<p>Da ging ich in die Heide, um, — wie einst der Riese Antäus im<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Kampfe +mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue +Kraft gewann, — im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu +sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.</p> + +<p>Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes, +die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing +noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen +tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres +Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus. +Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, — eine Zeit, so +recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche +schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der +kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen +und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im +Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die +Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu +lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.</p> + +<p>Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich +da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn +die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank, +und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am +waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt +getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe, +dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben +hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und +Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen +mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen +und die Tauben füttern, ich sah, — nein, ich durfte nicht sehen, sonst +erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt, +wenn sie eine Heimat haben, — das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe +mehr, das Heimweh meisterte ich schon.</p> + +<p>Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst +aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr +fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten +Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> hatte, dann +strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo +Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie +eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo +tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte +jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden +von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein +Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres. +Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte +ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das +Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, — +das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, — die störten mich nicht, +die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus +all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich, +das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen, +von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen, +von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank +und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem +andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten, +krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des +großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.</p> + +<p>Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das +Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter +Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln +reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem +guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem +Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den +Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und +Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs +deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram +weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die +Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Weststurm mit +Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte. +Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu +hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben +verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne +diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien, +die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!</p> + +<p>Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und +Licht, — ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, — das rettete +mich — aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich, +es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen +fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo +kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und +mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, — dann +war ich alle meine Qualen los.</p> + +<p>Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein +überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden +Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben +durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den +Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich. +»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege, +immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst +angelangt zu sein.« — Da wachte ich auf.</p> + +<p>An einem der nächsten Abende, — ich war wiederum völlig verzagt, — +wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende +Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe +lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene +Riesentempel eines unbekannten Gottes.</p> + +<p>Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite +schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst +und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als +käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin +die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch +nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein +Atemzug in dir ist.« — Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne +unter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus +wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach +Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem +Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem +Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm +nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg +weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches +Schwarz.</p> + +<p>Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf: +Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und +dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es +dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du +wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem +Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht +gehen!</p> + +<p>So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um +hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum +Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.</p> + +<p>Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend +arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe +hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel +lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen +durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd +der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten. +Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen +am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.</p> + +<p>Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden. +Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere +Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes +und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen +Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei +kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches +»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die +Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich +trat in meine Kabine, und seltsam, — als ich dies kleine Raumgeviert +betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> war, so +groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast +die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute, +es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht +gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in +den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte +die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.</p> + +<p>Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab +und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe, +daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem +Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.</p> + +<p>Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer +gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit +grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den +seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte. +Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur +christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und +Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt +und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit. +Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen +zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit +und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der +ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen +sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit +den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das +goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit, +veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, — aber Liebe, +— Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter +ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das +Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige +denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie +taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und +Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie +den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen, +hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber +ihre Hypothekenzinsen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten +sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere +als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den +Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. — —</p> + +<p>Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen +Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie +ein Herold aus alter, großer Zeit. —</p> + +<p>Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter +uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den +verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten, +jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins +und Hannovers.</p> + +<p>Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob +es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser +Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues +seliges Gefühl — Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich +aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als +wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt +hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern +anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles +Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und +groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war, +als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.</p> + +<p>Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf +die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das +Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum +tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie, +deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren +Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.</p> + +<p>Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller +Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer +Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und +wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der +Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Helgoland. Wie ein letzter +Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo +du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere, +alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer +das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, — so grüß' ich +dich, leb' wohl, fahr' wohl! —</p> + +<p>Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald +tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er +uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem +Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns +weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel +gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg +durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf +die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.</p> + +<p>Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und +donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es +sich hindurch, dem Morgen entgegen.</p> + +<p>Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines +Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich +lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht +sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich. +Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war, +als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der +Mutter gewiegt.</p> + +<p>Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den +hellen Tag.</p> + +<p>Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit +rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und +jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee!</div> + <div class="verse indent0">Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder</div> + <div class="verse indent0">In wildflutendem Wogenschwalle</div> + <div class="verse indent0">Für ewige Zeiten grausig begrubst;</div> + <div class="verse indent0">Und Kirchen und Dörfer</div> + <div class="verse indent0">Und abertausend freie Friesen, --</div> + <div class="verse indent0">Sie schlummern ewig in deinem <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>Schoß!</div> + <div class="verse indent0">Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn</div> + <div class="verse indent0">Der rollenden Brandung am ragenden Riff.</div> + <div class="verse indent0">Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen</div> + <div class="verse indent0">Der alten Riesen Grabgesteine,</div> + <div class="verse indent0">Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit,</div> + <div class="verse indent0">Heraus aus den Dünen:</div> + <div class="verse indent0">Und donnernd poltert die steile Küste</div> + <div class="verse indent0">Hinab ins Meer!</div> + <div class="verse indent0">Und ewig nagst du!</div> + <div class="verse indent0">Wie lang wird's dauern,</div> + <div class="verse indent0">Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer!</div> + <div class="verse indent0">Zerstörerin du! --</div> + <div class="verse indent0">Doch Wunder, o Wunder,</div> + <div class="verse indent0">Du Schöpferin du!</div> + <div class="verse indent0">Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe</div> + <div class="verse indent0">Mit rastloser Hand, --</div> + <div class="verse indent0">Das spülest du an mit lieblicher Woge</div> + <div class="verse indent0">Als blühende Fluren</div> + <div class="verse indent0">Am anderen Strand,</div> + <div class="verse indent0">Und schaffst dort grünende Felder und Weiden,</div> + <div class="verse indent0">Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt!</div> + <div class="verse indent0">Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte,</div> + <div class="verse indent0">Dankt dir von Herzen</div> + <div class="verse indent0">Für dein Geschenk!</div> + <div class="verse indent0">Und wie du Länder nagend zerstörst</div> + <div class="verse indent0">Und Länder schufst mit der nämlichen Wog',</div> + <div class="verse indent0">So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- --</div> + <div class="verse indent0">Nun mußt du Tausende retten dafür,</div> + <div class="verse indent0">Und Heilung spenden</div> + <div class="verse indent0">Dem, der im Wogenpralle des Lebens</div> + <div class="verse indent0">Die Kräfte verlor!</div> + <div class="verse indent0">Wer zu zagen beginnt,</div> + <div class="verse indent0">Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein:</div> + <div class="verse indent0">Der eile zu dir!</div> + <div class="verse indent0">Mit brausender Woge</div> + <div class="verse indent0">Und tosendem<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Sturm,</div> + <div class="verse indent0">Mit linde wärmendem Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent0">Mit kühlender Flut</div> + <div class="verse indent0">Und Heideduft,</div> + <div class="verse indent0">Mit Möwenflug und Dünenruh',</div> + <div class="verse indent0">Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht</div> + <div class="verse indent0">Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh,</div> + <div class="verse indent0">Und selig gestärkt und himmlisch erquickt</div> + <div class="verse indent0">Ruft er aus überquellender Seele dir zu:</div> + <div class="verse indent0">Hab dank, du Nordsee,</div> + <div class="verse indent0">Du urgewaltiges Wunder! -- --</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder +schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles +dehnte und reckte sich in mir.</p> + +<p>Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug, +zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit +wundervoller Kraft.</p> + +<p>Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang +dabei:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland!</div> + <div class="verse indent2">Ist es auch neblig und kalt,</div> + <div class="verse indent2">Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft,</div> + <div class="verse indent2">Rauscht doch gar lieblich der Wald!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland!</div> + <div class="verse indent2">Sind doch die Menschen gar treu!</div> + <div class="verse indent2">Sittsam die Mädchen mit blauem Aug',</div> + <div class="verse indent2">Ach, und die Männer so frei!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Höret mich, alle im schönen Süd'!</div> + <div class="verse indent2">Scheltet mir nicht mein Heimatland,</div> + <div class="verse indent2">Lieben würdet ihr's heiß, wie ich,</div> + <div class="verse indent2">Wär's euch nur besser bekannt!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, — du +Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der +Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.</p> + +<p>An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke +schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es +unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische +Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.</p> + +<p>Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und +da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz +ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und +Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine +große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit +Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu +handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da +er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren, +schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und +legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der +starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.</p> + +<p>Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in +jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in +nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im +Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu +scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich +ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.</p> + +<p>Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter +Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn +kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden +Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich +sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen +Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft +mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten +zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet, +unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich +daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all +die Minister und Landräte, und wie sie alle<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> heißen, so schön ihres +Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle +diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und +wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie +keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das +alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn +nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus +ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende +bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen +lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich +entladen wollte?</p> + +<p>Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar +Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu +stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden, +das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in +der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?</p> + +<p>Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der +anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem +Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in +Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben +die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es +so bleibt bis an der Welt Ende.</p> + +<p>Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster +klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber. +Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen +Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum +Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.</p> + +<p>Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in +jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und +seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte +Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst +Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles, +was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen +wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles +gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie +fürs Leben reicher, froher, glücklicher<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> machte. Und vielen waren die +Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und +unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! —</p> + +<p>Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als +wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen. +Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu +all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen +von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen +Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die +Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im +Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer +Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe, +anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere +da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten +Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige +Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte +Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer +der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger +auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und +bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und +Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus +das hochmütige und herztötende <span class="antiqua">odi profanum vulgus et arceo</span> des +Horaz.</p> + +<p>Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von +Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und +die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen, +sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten +sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große +Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu +lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen +Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden +Keime zu entfalten, — sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk +— odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich +schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat, +und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen, +denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> die heiße, +glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt. +— Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu +dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich, +deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig, +den brennen sie nur, — aber die Weinhändler sorgen dafür, daß +das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten +wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie +Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen +sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr +Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend +der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und +gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.</p> + +<p>Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den +Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das +Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem +Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in +seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege +mit seinem Kumpanen Komment trinkt.</p> + +<p>Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier +ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein +berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen +Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal +im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft +haben.</p> + +<p>Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer +wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand +da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie +dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten +Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und +siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den +Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte, +wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige +Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der +Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der +Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch +nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> voll falschen Stolzes +und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so +todunglücklich.</p> + +<p>Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen +will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr +als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne +Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen +Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was +es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es +sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm +mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein — dann bist du ein Vater! +Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du +doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen, +was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal +könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest, +Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, — +Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte +Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren. +Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin. +Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen +und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast +alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft +in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, — Gott Lob und Dank.</p> + +<p>Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch +wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den +Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem +Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide +des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll +Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden, +schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des +Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen +zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen +kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß +hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt +der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob +der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt +hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am +Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck +der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe, +die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und +Belgier? — Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen +nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der +Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt +haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint +— die Stadt Rubens' und van Dycks.</p> + +<p>Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu +Museum, von Kirche zu Kirche.</p> + +<p>Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen +gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist +tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier +zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, — daß sie selbst den Tod +überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi, +von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie +die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände +beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie +selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle +Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu +stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu +erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen. +Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande +gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen, +Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder +die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit +eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das +Werk zustande brachte, nach<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr +Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst, +und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt +und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen +entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß +das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.</p> + +<p>Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von +Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, — kunstvoll geschnitzte +Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar +kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.</p> + +<p>Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein +Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches +hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel +der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen +Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein +Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.</p> + +<p>Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande +anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben +nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer, +unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden +konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!</p> + +<p>Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den +finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war +es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher +Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz, +tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des +Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, — und wie +sie quollen, — Entsetzen —, da nahmen sie Gesichter an von heute +noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und +Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den +rechten Glauben hatten — nur eins fehlte ihnen: die Liebe!</p> + +<p>Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden +der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien +es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher +der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges +Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das +Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand +und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz +Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.</p> + +<p>Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam +darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen +Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil +deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein +gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und <span class="antiqua">navigare necesse +est, vivere non necesse</span>. — — — — — — — — — — — Ei, so +baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und +scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum +laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere +Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit +schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht +mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das <span class="antiqua">odi +profanum</span>, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die +Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes, +heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest +dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk +aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen, +die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir +beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die +sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir +jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk +ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser +Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte +billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und +vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und +sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann +jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen +und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> Gruben +und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für +die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es +zugrunde geht. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und +schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der +Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber. +Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen +Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten +im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum +Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches +Glockengeläute.</p> + +<p>Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles +drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide +fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend +entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.</p> + +<p>Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord +beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer +und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues +Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der +Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig +stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und +teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch +nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich +spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er +regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das <span class="antiqua">odi profanum</span> steht +auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die +Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend +und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen +oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.</p> + +<p>Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie +weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es +erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich +ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> her schreiend +und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen +Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um +die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs +Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.</p> + +<p>Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der +Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und +hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.</p> + +<p>Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit +mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine +Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein +trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg. +So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller, +aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein +breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht +hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen +Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft, +nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem +gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die +Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus +Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit +herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm +gebräunten Gesichtern. — Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg +her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische +Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet +hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte, +läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner +Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in +den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen +um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu +erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner +von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes +Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch +zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen +dänischen Kapitän, der sein Segelschiff<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> in Lissabon treffen wollte, +nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater +gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das +Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der +arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf +den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und +meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.</p> + +<p>In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere. +Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer +Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in +seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam +ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich +hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß +er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast +finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der +Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen +Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem, +müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.</p> + +<p>Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren +unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond, +schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel +findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen, +die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele +erkennen lassen.</p> + +<p>Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau, +fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit +gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen +Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein +Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.</p> + +<p>Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer, +ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen +Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In +seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit +seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte. +Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas +Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug +geraten<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> war, — so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man +sich schon im Dezember sehnt.</p> + +<p>Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer +Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn +und edlen, energischen Zügen.</p> + +<p>Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte, +Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott +weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord, +wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter +zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er +gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war, +reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den +dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz +da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon +genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.</p> + +<p>Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein +Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick +ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine +fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in +Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden +bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer +Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.</p> + +<p>Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den +Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt, +so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste +Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn +ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an +Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun +drei, — das war ein bißchen viel.</p> + +<p>Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten. +Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende +Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in +den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen +nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> tapfer +kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.</p> + +<p>In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber +war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen +des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen +Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem +Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden +Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch +der Pall-Mall-Gazette als <span class="antiqua">Commis voyageur</span> im Hermelin unter dem +Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.</p> + +<p>Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena +entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes +und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und +Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit +Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir; +— an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, — +mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt +ähnlich sehen, — Österreich buhlt augenscheinlich um Englands +Freundschaft, — Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie +eine Schar Krähen, — und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig +kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. — Und unser Heer, +unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir +wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer +Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem +Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen +beiden Krankheiten?</p> + +<p>Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt, +ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der +Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose, +damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter +der Tat.«</p> + +<p>Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! — Freilich ist es verführerisch, +diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch +den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer +ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und +Gerechtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen +zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.</p> + +<p>Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere +neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts +tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb +ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt +nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht +her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller +Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die +Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel +zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will +diese Sitte nicht stützen helfen.«</p> + +<p>Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder +drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor, +erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und +wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte +tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst +manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet +ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und +doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst +des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser +Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten +herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe +wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen +angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil +seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um +die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und +Gefängnissen unterzubringen.«</p> + +<p>Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die +vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.« +»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.« +»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch +herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.« +»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der +Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle +diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +und Whiskyreisenden« — bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des +Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir +nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen +wäre — »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer +und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte +der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem +er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen +von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts! +Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« — »Nun,« erwiderte +ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen +selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine +Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon +seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und +Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten +Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? — Aber noch +mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften +führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der +Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen +erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben +Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun +würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere +beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der +jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris, +und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel, +schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch +zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der +Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen +Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei +Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß +die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen +werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere +Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus +allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger, +übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern +unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> statt daß sie fürs +Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten +Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit +des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber +einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut +werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber +über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie +durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust, +in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und +da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil +ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die +meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten +werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung +........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande +und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein, +»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja +die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich +ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande +und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen, +wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter +wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte +wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht +gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und +Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische +Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur +fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?« +»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation +der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch +dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände +zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige +Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom +Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird +die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und +hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise +vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der +Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter +und den draußen Wohnenden<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> ermöglichen, auf schnellstem Wege des +Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.« +»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und +einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte +ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand +verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.« +Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.</p> + +<p>»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem +Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen +Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes +von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so +tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein, +dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden, +von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm +der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere +Unstrut, — die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn +unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in +ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge +hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte +der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und +Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer +war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten, +einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte +ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In +einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak +vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind +die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst +löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz, +mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch +nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das +Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der +Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch +das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand +entlangstrichen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in +deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.</p> + +<p>»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist +über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben +oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst +zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer +deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit +allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des +Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer +Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig +hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und +redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er +ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, — aber die +Tat, — die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht +dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn +eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich +einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie, +Kollege, daß ich Sie unterbrach.«</p> + +<p>Ich fuhr fort.</p> + +<p>»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier +überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren +Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in +ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das +Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen +Teil verschwunden.</p> + +<p>Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein +furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen +Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft +brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es +gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser +des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die +Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in +Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst +nur mit Wein und Bier zu löschen« — hier bebte meine Stimme vor Zorn, +so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen — »und sich dabei +das Denken immer mehr abgewöhnt,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> der braucht sich über die Umwandlung +unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu +lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute, +einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte +nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des +Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.</p> + +<p>»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen +Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen +werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei +den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch +herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.« +»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir +verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch +ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins +Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen +Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich +gehe aber noch viel weiter.«</p> + +<p>In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas +an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie +es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war +von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand. +Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber — unser Ostpreuße, +sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die +Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach +der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend +und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die +Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes, +wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend +jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König +Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen. +Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken +übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes +Rhododendronbeet.</p> + +<p>Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große +Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte +es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> die Wogen, +hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes — kein Stern am Himmel.</p> + +<p>Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war, +nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel +ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem +braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit +sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir +war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht +seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken, +welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches +Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von +Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche +schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.</p> + +<p>Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser +Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst +verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß +er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.</p> + +<p>Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft, +das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war +immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes, +die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir +wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was +dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um +zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir +weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und +durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in +meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.</p> + +<p>Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie +war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten +Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben +eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf +in vorderster Reihe mit stand? — Wie es kam, ich weiß es selbst +nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich +vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer +sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden,<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> als ob +sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was +wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.</p> + +<p>Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem, +vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und +gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt +es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.</p> + +<p>Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es +für euch und eure Mitmenschen.</p> + +<p>In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser +Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.</p> + +<p>In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure +Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.</p> + +<p>Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper +untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet +das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig +bleibe.«</p> + +<p>Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.</p> + +<p>Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt, +die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der +Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten. +Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in +mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem +wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es +gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten, +wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des +letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.</p> + +<p>Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von +Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst +und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir +Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. — +Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, — wo sind sie geblieben? +Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt +auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als +Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als +Schafhirte in den Prärien Amerikas.</p> + +<p>Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die +entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe +zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil +der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit +gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch +strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie +noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der +Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen +zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche +Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den +Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von +Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das +eintränken!« — Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß +wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem +jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser +geschossen hatte.</p> + +<p>Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem +Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist, +und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die +Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.</p> + +<p>Aber halt — ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten +über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der +Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn +eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und +dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und +diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, — und daher die Wut +und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem +edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem +Schülerleseverein, — das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie +ich dazu gekommen war? —</p> + +<p>Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren +aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> ihres +Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört +ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das +mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden +Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel +verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge +gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger +in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die +Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte +die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn +verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern +ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund +hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt, +wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen +hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und +Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie +das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die +räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich +die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt +die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen +Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel, +die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen +schirmender Kraft.</p> + +<p>Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters +auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz, +das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der +Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr. +Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die +engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um +in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu +entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen +sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder +waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und +wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem +Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend +lindern kann.«</p> + +<p>Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Myrmidonen +einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus +drehten sie mir den ersten Strick.</p> + +<p>Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für +das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten +Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem +höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ +das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine +Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, — +Kameraden!« die Klasse.</p> + +<p>Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir, +meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen +Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den +irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich +aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen, +und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur +Fahrt durchs Leben zu entfalten.</p> + +<p>Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum +akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben +entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang +zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. —</p> + +<p>Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte +geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang +hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie +Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit +und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig +und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen +unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie +schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im +Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut +war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der +Sünde hinabzerrten.</p> + +<p>Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen +und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, —<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> andere, die den +Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder, +die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser +daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den +Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die +Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem +Volke zu verkaufen.</p> + +<p>Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist, +»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren +Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch +einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die +Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie +selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist +die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um +Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank, +ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort +der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um +Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den +unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie +daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, — körperliches und +geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die +Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.</p> + +<p>Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend +überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn +krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen +wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren, +die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.</p> + +<p>An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen +Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende +Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die +Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in +alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie, +in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem +Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und +Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und +ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> danach strebten, +ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und +damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein +Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten +zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie +aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und +nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie +sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!</p> + +<p>Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle, +suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden +nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der +Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die +Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.</p> + +<p>Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über +die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch +keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand +rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige +Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und +Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten +Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug +morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige +Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte +tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die +kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die +Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft +und Sonne gebräunten Ihrigen.</p> + +<p>Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und +mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen +locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes +hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen, +sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und +vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert +und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann +zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die +»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese,<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> mit +den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der +staatserhaltenden Elemente.</p> + +<p>Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen +Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen +Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.</p> + +<p>Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer +geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden +Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen +Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen +geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome +die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren +Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der +Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten. +Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große +Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten. +Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben +Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in +die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten, +— was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate +der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos +durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger +dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.</p> + +<p>Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger +nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr +vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein, +daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen +nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören +sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch +auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die +Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster +Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.</p> + +<p>Da sind Hunderte von Paaren — und gerade unter den Reichen und +Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> +Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner +ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und +idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen +konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen +Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne, +der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche +Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause +sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen +gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als +sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.</p> + +<p>Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich +tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen +hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das +Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt +bedeuten.</p> + +<p>Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend +so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf, +daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle +Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und +vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen +Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und +wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's, +als ob alle Kraft von mir gewichen sei.</p> + +<p>Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen? +oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?</p> + +<p>Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit +wieder ein:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Mir träumte bang, — ein wundersamer Traum!</div> + <div class="verse indent2">Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt</div> + <div class="verse indent2">Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n:</div> + <div class="verse indent2">Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück</div> + <div class="verse indent2">In dieser Welt verborgen sei, —</div> + <div class="verse indent2">Ob aller Sonnenglanz des Glücks</div> + <div class="verse indent2">Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang;</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> + <div class="verse indent2">So voll von Sonne schien unser Herz!</div> + <div class="verse indent2">Und unser Flügel trug uns in ein Dorf.</div> + <div class="verse indent2">Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß,</div> + <div class="verse indent2">In dessen Wellen sich das Mondlicht barg.</div> + <div class="verse indent2">An seiner Ufer Rand in einer Laube still,</div> + <div class="verse indent2">Von jungem Frühlingsgrün verdeckt,</div> + <div class="verse indent2">Saß, küssend sich, ein junges Paar.</div> + <div class="verse indent2">Die Nachtigall sang zaubrisch hell</div> + <div class="verse indent2">Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend.</div> + <div class="verse indent2">Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. —</div> + <div class="verse indent2">Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß</div> + <div class="verse indent2">Der Braut im Herzen, — und das Glück entwich. —</div> + <div class="verse indent2">Da stiegen wir selband in einen Kahn,</div> + <div class="verse indent2">Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste</div> + <div class="verse indent2">Und leise auf des Stromes Wellen trieb.</div> + <div class="verse indent2">Wir saßen eng und traulich angeschmiegt;</div> + <div class="verse indent2">Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, —</div> + <div class="verse indent2">Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm.</div> + <div class="verse indent2">Und an den Ufern trieb der Kahn entlang.</div> + <div class="verse indent2">Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. —</div> + <div class="verse indent2">In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast</div> + <div class="verse indent2">Stolz an Palast. — Der Reichtum thronte hier,</div> + <div class="verse indent2">Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. —</div> + <div class="verse indent2">Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein!</div> + <div class="verse indent2">Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn.</div> + <div class="verse indent2">Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer</div> + <div class="verse indent2">Der großen Stadt. Leis stieß er auf.</div> + <div class="verse indent2">Wir stiegen aus und wandelten zu zweit,</div> + <div class="verse indent2">Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick,</div> + <div class="verse indent2">Von unserm Zauberfittich treu gedeckt,</div> + <div class="verse indent2">Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel</div> + <div class="verse indent2">Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang</div> + <div class="verse indent2">Schien lauter Glückeszeuge. — Doch</div> + <div class="verse indent2">Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick</div> + <div class="verse indent2">Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück.</div> + <div class="verse indent2">Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk,</div><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> + <div class="verse indent2">Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück.</div> + <div class="verse indent2">Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, —</div> + <div class="verse indent2">Ein trüber Nebel überm Häusermeer. —</div> + <div class="verse indent2">Nur dort ein Fenster hell, als ob</div> + <div class="verse indent2">Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt.</div> + <div class="verse indent2">Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag:</div> + <div class="verse indent2">Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht'</div> + <div class="verse indent2">Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt.</div> + <div class="verse indent2">Und doch im Angesicht ein sanfter Zug</div> + <div class="verse indent2">Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein.</div> + <div class="verse indent2">Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt,</div> + <div class="verse indent2">War treu bemüht in warmer Mutterlieb':</div> + <div class="verse indent2">Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch,</div> + <div class="verse indent2">Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', —</div> + <div class="verse indent2">Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück,</div> + <div class="verse indent2">Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. —</div> + <div class="verse indent2">Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl;</div> + <div class="verse indent2">Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen;</div> + <div class="verse indent2">Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen;</div> + <div class="verse indent2">Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns.</div> + <div class="verse indent2">Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn</div> + <div class="verse indent2">Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück.</div> + <div class="verse indent2">Die Menschen nennen auch die Sünde mich; —</div> + <div class="verse indent2">Doch meine Maske ziert der Totenkopf.</div> + <div class="verse indent2">Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm.</div> + <div class="verse indent2">Mich schüttelte der kalte Fieberfrost.</div> + <div class="verse indent2">Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort.</div> + <div class="verse indent2">Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau</div> + <div class="verse indent2">Sich zentnerschwer die Reue an uns an.</div> + <div class="verse indent2">Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz</div> + <div class="verse indent2">Schien in das Fenster, und an meiner Brust</div> + <div class="verse indent2">Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, —</div> + <div class="verse indent2">Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück,</div> + <div class="verse indent2">Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt:</div> + <div class="verse indent2">Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt,</div> + <div class="verse indent2">Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht,</div><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> + <div class="verse indent2">Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor</div> + <div class="verse indent2">Und reine Kunst, die uns das Leben schönt,</div> + <div class="verse indent2">Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt,</div> + <div class="verse indent2">Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal:</div> + <div class="verse indent2">Das ist das Glück! — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Das Glück hatte ich in reichstem Maße, — für mich. Aber die anderen? +mein Volk?</p> + +<p>Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine +Seele.</p> + +<p>Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen +klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu +mir. Da wurde mir leichter.</p> + +<p>Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte, +spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie +die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen +wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem +kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband +eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und +Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe +der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis, +Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen +Rosenblätter und Zypressenzweige, — das Ganze eine kleine Welt für +sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise +gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es +und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß, +was dich drückt.« So hatte sie gesagt.</p> + +<p>Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand: +mein Erstlingswerk, das gedruckt war.</p> + +<p>Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten +hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die +Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der +deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und +inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger +Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> geschlossen +hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und +die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von +Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir +die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden +veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns +jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten +empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter, +flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum +im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen +Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir, +als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an +Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder +herausrisse und zerträte.</p> + +<p>Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem +dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die +deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede +nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange +des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden +müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im +Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die +deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus +dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist +Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über +den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne +dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit +deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch +mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen +gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und +germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!</p> + +<p>Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch +die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da +oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller +Wald- und Bergeinsamkeit —, noch stand kein Denkmal da oben, noch +kein Wirtshaus, — da reifte in mir der Entschluß,<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> für unser Volk zu +kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.</p> + +<p>Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt +zum Kyffhäuser —, von dem ich eben herkam, — um dort die erste +große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz +Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was +bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich +mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens +und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging +über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.</p> + +<p>Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den +Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen +Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen +Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen +sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an +einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz +genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden +Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!</p> + +<p>Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen, +schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus +Jungdeutschland an Jungdeutschland«.</p> + +<p>Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von +Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. — Überall traf ich Freunde und +überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen +Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der +Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und +Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt +und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen +Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das +Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu +achten und zu lieben!</p> + +<p>Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.</p> + +<p>Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich +reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.</p> + +<p>Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> +Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er +schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm +zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste +Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!</p> + +<p>Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen. +Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung +allein konnte zum Siege führen, — die wissenschaftliche Erkenntnis +mußte helfen.</p> + +<p>Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu +predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht +krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie +sahen in allen Ständen die Männer sterben, — fünfzig Familienväter +starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche +und Arme, — und die andern tranken weiter.</p> + +<p>Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem +der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus +logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden. +Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer +für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht +begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging +ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und +klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter, +schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine +Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der +Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende +Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«</p> + +<p>Und doch — wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten +Form der Geselligkeit zu brechen.</p> + +<p>Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der +Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim +gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir +gewesen, und doch —, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend +einer dieser Gesellschaften entstanden? — Wie mancher Bocksbeutel +mit altem Steinwein war mit Kennermiene<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> im engsten Freundeskreise +geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken +über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir +wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das +alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer, +mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig +sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit +versprechen müssen, — dieser einzig guten und klugen Mutter, — meine +halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem +schweren Beruf. —</p> + +<p>Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich +allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des +Schiffes.</p> + +<p>In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da +waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich +bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten +Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus +jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte +mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und +während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im +Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß +Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und +genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit +des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der +Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch +das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch +her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es +erst recht nicht, — was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe +kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und +als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das +habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie +wissen, Tag und<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.« +»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem +nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps, +wie Sie Ihren Wein.« — Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte +ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel +doch gern helfen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein, +lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden +Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane, +gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf; +stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten +protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den +Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit +seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, — hat er doch +überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen —, lacht er +mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein +klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« —</p> + +<p>Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu +machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle +diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche +ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es +gibt.</p> + +<p>Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der +Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein, +auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen +Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen +Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher? +Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre +schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Lebensglück. Denn +daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin +ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache +alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser +Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die +Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen +Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen +rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles +Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine +und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange +alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch +dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar! +Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in +ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen +einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu +tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr +das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt +sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene +Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum +auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft +machen kann auf eigener Scholle, — heraus aus dem Dunst der Städte, — +wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische —: so muß es anders +werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige +zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die +unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit +für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte +erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung, +der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren +Entladungen, — ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie +in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an +Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts +verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck +stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> der Kraft niedergehaltenen +Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck +überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen +Gesetzen wirken?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann +das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche +ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse +ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir +nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt +und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen +Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte: +diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die +Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist +Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts, +der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen +Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das +ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier +Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib +von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen +das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte +Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die +Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun? +Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht +auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen +Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses +Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte +er für eine Frau, — fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt +sie da, — mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, —<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> vier +Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen +behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das +Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen +blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost +mit in den Sarg legen, — Nabelvereiterung. Natürlich, — mit rostiger +Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei +mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie +unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß +ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.</p> + +<p>Halt, — Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung +nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und +doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die +alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens +bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament +zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder +andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum +Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein +wenig Ausschau halten können; — aber nur einzelnen Auserwählten +gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die +Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der +Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit +blicken können.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch +betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und +arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein +netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und +erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Letztes. Der reichste Bauer +in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben. +Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe +sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, — natürlich von den +Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande! +Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine +verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich +heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, — und +schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und +bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der +Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht +der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter +den Hammer.</p> + +<p>Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen +Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß, +sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß +ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden +am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt +ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der +Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich +in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat, +nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum +Krugwirt hinüber.</p> + +<p>Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen +Hutrand.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem +Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom +Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr +Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof. +Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts +dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine +Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen +Zettel, das habe er gelesen —, freilich hätte ich schon vorher auf +ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> auf den Zettel +schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es +ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr +mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie +erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie +und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern +graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht, +warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das +widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod. +Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners, +dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt +es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich +geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe +mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich +nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der +Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei, +hätten sie ihn gesucht. — Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am +Dachsparren erhängt aufgefunden.</p> + +<p>Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches +kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen +Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod. +Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden? +Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn +ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und +ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der +Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt +die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist, +es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser +durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen +Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese +Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin +und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben +kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an +sich haben<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen +noch wägen können!</p> + +<p>Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht, +den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der +Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, — er würde ohne +Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. — Auf den Knien hat +er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle +ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient. +Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre +er es, — und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die +Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige +war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige +Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein +lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« — Da +hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan, +bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und +was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht +erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig — Liebe.</p> + +<p>Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich +rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare +Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die +stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder +tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen, +das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen +wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die +Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht +zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den +Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel +den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus +ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der +wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr. +Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> dem Christus dahinging, +um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen +Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu +lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe, +und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich +bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist +die Liebe!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus +der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig +aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er +sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung +interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den +Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem +Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als +Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den +Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im +voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei +dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei +dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber +sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche +sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe, +daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich +beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück +käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet +getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm +an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«</p> + +<p>Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei. +Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft +verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der +Liebe zu spüren.</p> + +<p>Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem +Geiste!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt. +»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?« +»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über +mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl +sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will +nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und +kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«</p> + +<p>Halt, — nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue +Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der +mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will, +sehe ich leibhaftig vor mir! — Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier, +Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten +Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter +Tischlermeister neben mir steht, — mir ist, als stände ich auf hohem +Berge.</p> + +<p>Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird +es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und +dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem +Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, — nein, ganze Völker! +Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten +im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und +immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht, +betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und +Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen +nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer +vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und +verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um +den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms, +lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie +verschlingt.</p> + +<p>Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert, +flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend +wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die +Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.</p> + +<p>»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«,<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> weckt +mich mein Tischler aus meinen Sinnen. — »Ich komme sofort mit.«</p> + +<p>Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der +Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben. +Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und +sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich +weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der +Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das +Gesicht.</p> + +<p>»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen +Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort +zur Apotheke gehen.« — »Er wird nicht gehen.« — »Sagen Sie es ihm in +dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke +gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte +in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger, +und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende, +rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.</p> + +<p>Der Frau geht's heute besser.</p> + +<p>Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was +ausgefressen hat.</p> + +<p>Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm +mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« — Da blickte er mich an, als ob +er etwas fragen wollte.</p> + +<p>Ich sah ihn zum ersten Male.</p> + +<p>Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.</p> + +<p>»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch +werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?« +Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte +heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« — »Wie die in +Hamburg? Nein, niemals! — Zum Gespött der Leute werden? — Ja, wenn +ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, — dann ja.« — »Ich gehe mit, +morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte +Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre, +hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom +Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so +spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei +vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom +Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat +aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen +aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt +haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den +Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende +Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm +heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's +durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm +gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache +ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so +etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und +ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert +an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen +Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden +mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich +anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, — ja +das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« — Da überläuft +es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso +nichts mehr, — hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon +abgeschworen, — nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges, +hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer +Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute +abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher +werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre +Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der +wird gut. Die<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht +nur am Leben bleibt, sondern, — vielleicht, — noch ein tüchtiger +Mensch wird. Ich aber weiß es, — denn der Augenblick war zu heilig, — +der kann nicht trügen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und +dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen +Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen +packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren, +Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und +abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen +wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.</p> + +<p>Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe +heißt, und was sie wirken kann.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch +dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau +nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die +Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis +er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und +sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun, +was ich könnte, — ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten. +Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür +sorgen, daß er die Konzession erhielte.</p> + +<p>Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den +Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die +Konzession ist ihm sicher.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein +Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt; +insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe +aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Stein +lobend hervorgehoben. — Womit hat derselbe denn diese betätigt? +Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend +eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur +existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder +Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest +habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine +Schlingen ziehen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In +der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken +wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul, +um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter +der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn +bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage +eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen +Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land +hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so +gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt +sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht +hatte, war ich der beste Doktor!</p> + +<p>Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen? +Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren +vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen +Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen +Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt? +Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, — +er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu +Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten! +Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet +sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr +Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, — nein, besser +schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben +der Bürger in den Städten kennen, — und dann wagt noch zu behaupten, +daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob +es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> sagen, wenn wir +so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein +würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus +Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen +Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr +konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.</p> + +<p>Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, — nein, ich brauche euch nicht +anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen +Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an, +daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes — 3000 Millionen +Mark! — nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern +und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum +Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum +Brennereibesitzer. — Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem +ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? — Tod und Hölle, ist unserer +Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt +bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er +Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom +Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche +Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er +entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht +so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht +dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die +Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem +säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. — — »Will sehen, +was ich tun kann.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen +für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so +feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon +gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern +retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den +»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, — als ich es las, tauchten +zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in +meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen +das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie +er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu +machen, — ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, — ja, lieber +wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen +Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem +Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den +Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die +Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur +seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie +Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk +mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm +nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er +kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot +auf dem Lande.</p> + +<p>Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.</p> + +<p>Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof! +Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das +Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die +Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie +eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.</p> + +<p>Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit — der +Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß; +Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, — Sozialisten +seien sie alle, Landes- und Hochverräter, — ausgerottet werden müßten +sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten +wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des +Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! — Solche Leute rühmten +sich öffentlich seiner Gunst.</p> + +<p>Freilich waren es Sozialisten, — aber er wollte sie ja gewinnen, +gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und +glücklich zu machen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und +die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus +dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus +mooriger Tiefe, empordrangen; — kaum daß er ihr leises Murmeln je +hörte —; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen +Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch, +hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; — +anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches +Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode +des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance — in der Allianz +der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich +vertreten! — Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall +Glanz und Licht verbreiten helfen! — So begann die Zeit der Reisen +und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und +weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen +Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so +wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, — und du, und du, mein Kaiser, +warst mit schuld daran!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends +vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet. +Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt +verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben +wieder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei +mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu +mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder +zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen +gewonnen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den +Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere +ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> gehörte, und +frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus +dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.</p> + +<p>Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend +und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht +denken, daß er trinkt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen +Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie +so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den +Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht +weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch +seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und +nun, — vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, — niemals habe er sie +früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des +Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen, +und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum +Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer +hätte anschreiben lassen.</p> + +<p>Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister +auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine +gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe, +— da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur +Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen +Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei +mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu +ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei +einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, — die ganze +Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, — die über ihren<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Brotkorb und +ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt +ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not +tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie, +ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste +Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht +durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot +ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen +darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu +rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei +sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.</p> + +<p>Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? — Laßt sie doch +endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen +abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die +katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei, +die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei, +die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die +Handwerkerpartei — dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere +Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich +selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen +wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit +können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände +die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und +das Ganze könnte gesunden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für +Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves +und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen, +— »alter Herrenabend« — die Lampe hat geschwelt — ist erstickt. +Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um +ihn — es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die +Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein +Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist +zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen +ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen +neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, — und kaum 20 Mark ist er +wert.</p> + +<p>Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue +Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute +Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die +Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch, +wie mit dem Alkoholrausch — er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr +eigenes Joch noch merken.</p> + +<p>Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug +tragen werden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel +Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum +Donnerwetter, — ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich +mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne +unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen +der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere +Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende +Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark +jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren +Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen +Deutsche gesund und glücklich zu halten! —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den +Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben +dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen +aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten +Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was +sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach +Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben +sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren +Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Boden +nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan, +sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren +Besitzern schulden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus, +oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine +verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim +errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es +ist ein Skandal, — vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied +zwischen Geldwucher und Bodenwucher?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem +Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden +Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!</p> + +<p>Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch, +trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser +in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel +auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine +Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von +Juden abstammt, — fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene +Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und +Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in +diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage +darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater +und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt +haben. — Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie +sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen +Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau. +Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag +hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber +nur so, wie sie's macht, ist's möglich.</p> + +<p>Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da +für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> +die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß +Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was +sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch +besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den +Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene +Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im +Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es +im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer, +weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt +das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang +eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein +Betriebskapital in Händen behalten, — da nützt denn freilich kein +Fleiß und keine Umsicht! — Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht +warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder +zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien, +und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen +akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er +versteht, — wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei +Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich +Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in +der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern, +bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und +schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der +kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen +muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in +den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn. +Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom +Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden +können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben +zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und +da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören, +wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die +Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!</p> + +<p>Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das +Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> doch +in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich +kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dann kam eine schwere Zeit. — Da lagen die Blätter, die davon +berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr +unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen +Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, — ich mußte ja +leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes +willen!</p> + +<p>Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein +Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir +gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so +viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, — ich bleibe am +Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir +gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie +Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den +Körper. — Ich genas.</p> + +<p>Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden +abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die +Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf +meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten +bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, — die Wahrheit +und die Liebe siegten.</p> + +<p>Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!</p> + +<p>Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen +vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend, +Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme +und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des +Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren, +Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen +Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar +vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt, +Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt +hatten.</p> + +<p>Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> getan, +viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er +aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei +seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher +kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt +von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am +Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins +zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so +einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall +wurde er entlarvt.</p> + +<p>Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken +gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu +Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt. +Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im +Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.</p> + +<p>Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein. +Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich +die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der +Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten +Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, — sah das ungläubige Aufhorchen, +das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir +wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten +die Gedanken.</p> + +<p>Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer +knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen +werden.</p> + +<p>Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch +bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in +unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien +zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich +werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen +Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die +Schullasten tragen sollte! — Als ob in den Mietskasernen der +Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die +Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. — Als ob<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> +die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach +Eau de Cologne röchen! — Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr +riskant, — er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen. +Das Genossenschaftsgesetz — na, und dann ... Der Sechste war der +Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten +wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, — nee, Deibel. —</p> + +<p>Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, — dann würde ich das Werk +allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der +andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann +wollten sie auch nicht zurückbleiben.</p> + +<p>Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts +für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.</p> + +<p>Die Baugenossenschaft wurde gegründet.</p> + +<p>Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier +ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die +Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, — der Landpreis blieb als +Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit +rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und +die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, — +Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!</p> + +<p>Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, — +Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines. +Das war ja der reine Landesverrat, — diesen Feinden von Thron und +Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern! +Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten +sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand +und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um +aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im +Kampf, so müde er auch machte.</p> + +<p>Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht +weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den +Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, — +das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> + +<p>Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender +Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem +Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand +in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr +Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, — was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl +warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.« +»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern, +die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu +verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen +hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei +Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen +verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen, +Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können, +braucht's Zeit und — Liebe.«</p> + +<p>Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch +hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, — Sie haben den Kredit, den Sie +brauchen.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte +unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster +Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, — natürlich unter +verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen +Zahl der zuhörenden Kollegen, — was erwidert mir in der Diskussion +der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die +Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen +unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen: +»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, — ihm sei +es immer vortrefflich bekommen, — und dann solle man doch einmal an +unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, — der habe einen +tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« —</p> + +<p>Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir +unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken, +— eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> des +Korpsstudententums, — aber selbst diesen urgermanischen Recken habe +das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt +hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben +lang, — er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres +Volkes arg genug gegrollt, — und was er, der Gewaltige, wenn er stets +nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er +so schon getan hat, — von uns Epigonen soll's keiner sagen!« —</p> + +<p>Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für +mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen. +Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner +gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da — ein neues Blatt!</p> + +<p>Kaiserparade! — Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den +Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs +Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren +zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen. +Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung +kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da +postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging +ständig durchs Gedränge, — vor der Uniform bahnten sie willig eine +Gasse, — und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur +Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, — in +weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse +beruhigt, — kein Unfall kam vor, — jeder stand auf seinem Platz; die +Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an +die Neuzukommenden, — in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich +unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht, +— wie das Samenkorn zur Ernte wird, — wie sich das Geistige in +Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, — wie nichts verloren geht, +was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort, +wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren +geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und +jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«, +die er mit seinem Volke hatte.</p> + +<p>Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky, +jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land +trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will +seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und +vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in +deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine +Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« — Aber hier mit ruhiger +Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln +das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er +die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; — +Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?</p> + +<p>Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er +den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die +Zunahme des Deutschtums — glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren +die Züge des Erzbischofs, — auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung +im Bürgertum, — die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte +Genossene. — Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein +Glas aus. Wie war man patriotisch!</p> + +<p>Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und +Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der +allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und +Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, — die Herren vom +Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den +Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, — dann schlürften alle +ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem +Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre +Polster.</p> + +<p>Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein +paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und +schied endlich, — eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber +verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.</p> + +<p>Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden +Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> +zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid! +Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in +innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter +des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den +Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter +des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin +noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den +Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz +führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen +von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit +lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein +nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche +tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes +geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich +ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches +Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes +Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß +ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen +Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte +Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht +liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, — +was? — das Lied ist ja gar nicht von Luther, — hat Luther selbst +doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie +denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen +entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit +durchschauen könnten? Es nützte nichts.</p> + +<p>Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren +nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause +gehen wir nicht«, — bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.</p> + +<p>Wo der Patriotismus wohl heute endigt? — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der +Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen +und geträumt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine +Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen +Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen, +Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und +unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch +her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte +kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei +andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und +die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte, +stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte +es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer +wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen +unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht +hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende +des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben +Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit +den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, — und je mehr sie +tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja, +schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach +unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen +sie über den Trunk die trockene Rinde.</p> + +<p>Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses +und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, — +die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten +von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause +kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise +mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der +ausschied, waren drei frische Trinker da.</p> + +<p>Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein +General, — zwei verglaste Augen, — ein Toter sank unter den Tisch, +— bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, — dort +einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, — — +die Opfer des Gelages, des Trunkes! — Einer nach dem anderen sank +unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, — schnell schloß sich wieder +die Reihe der Zechenden und Schmausenden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Aber allmählich, — der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte, +— eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, — ein +durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, — da hob +der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch +und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde +erblickt, die unter dem Tische verwesten.</p> + +<p>Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf +den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen +funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir +dies?« — Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.</p> + +<p>Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig +eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden +heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das +taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand +auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen +geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde +der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten +überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend +an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.</p> + +<p>Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem +Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; — um viele Jahre +reifer schien er plötzlich geworden; — dann aber, festen Schrittes, +das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im +Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach, +hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur +ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die +Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.</p> + +<p>Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer +entfacht, — sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, — +und erlosch — und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen, +auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.</p> + +<p>Da wachte ich auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen +für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch +ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen! +Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem +die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst +eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die +Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es +mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann +ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will +nicht weiter.</p> + +<p>Ja, — was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, — eine +Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und +sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner +Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!« +Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann +losten die anderen. — Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am +Wald.</p> + +<p>Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es. +Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell +lachte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wenn's nicht so bitter ernst wäre, — zum Lachen wäre es! Heute mittag +zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater. +Wirklich dramatisch war es.</p> + +<p>Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden +Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht +halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht +mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben +bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des +durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das +hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren +geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen +Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe +zufügten, wohl nicht wettmachen. — Hamburgs Welthandel, — und den +nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> im +Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die +Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.</p> + +<p>Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im +ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen +des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz <span class="antiqua">ad +oculus</span> demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit +ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den +Unrat aus der Elbe wieder heraus.</p> + +<p>Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht +vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.</p> + +<p>Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen +»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe +rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in +dankenswerter Weise — dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf +Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe +infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich +an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein. +Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es +auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich +geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.</p> + +<p>Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach +dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite. +Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch +den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht +stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen +Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und +Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und +wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«</p> + +<p>Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand. +Das tat wohl.</p> + +<p>Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten +Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram +demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! — Herr +Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee +und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, — +verdünnte<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene +große Pettenkofer das Elbewasser genannt, — und der mußte es doch +wissen! — und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist, +— es bleibt, was es ist! — Daß sich aber alle die Tausende reicher +Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich +gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen +und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht +kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf +gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen +zu müssen. — Pfui Deubel aber, — begreifen kann ich es doch nicht. +Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison +syphilitisch.</p> + +<p>Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere +hergeht?</p> + +<p>Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch, +8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen +Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen +und pharisäerhafter Entrüstung.</p> + +<p>Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer +Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das +Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.</p> + +<p>Mein Kaiser, — ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl, +kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat +voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden +deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende +tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare +Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und +Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem +ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, — aber die Philister am +Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte +werden dir fluchen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben, +anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen +Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den +Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der +Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden +nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige, +Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es +wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit +kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das +fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem +zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit +der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? — Weil der +Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es +habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter, +die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen, +um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen +Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute +tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen, +von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf +den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer +pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren +mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, — +worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch +wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit +der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas +von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden +mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem +ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine +Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann, +wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn +er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die +Bücher wiederbringen wollte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird +Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« — Es ist zu fidel:<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> seit +Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in +Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen +Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, — +jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins +Seebad reist, — nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht +oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung +telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern +machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer +damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und +achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett +und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein +der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, — also ins Meer. Aber siehe +da, — alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es, +schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen +vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott +zu tragen.</p> + +<p>Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein +schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden +und gelagert hatte, — auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den +Dampfkesseln, — kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen +war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine +Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft. +Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein +tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen +Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein +bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens +einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in +der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu +Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, — sie +konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle +bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> +es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was +weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht +mehr vom Hause fort, — der Jüngste bedarf der Mutter, — und dann +die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, — wenn er +noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei +im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich +versprach zu tun, was möglich sei.</p> + +<p>Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte +er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe, +in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in +solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von +den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's +merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich +vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen. +Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und +Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die +Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem +Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien +massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst +Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe +das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann +mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die +Herren reich gemacht, — dann aber sei der karge Lohn, den die Herren +dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten +verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie +die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den +Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die +anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und +erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung +unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur +Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders +gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum +ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte, +habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun! +Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Mensch um +die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher +angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und +das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde +der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es +sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben +nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei, +— die hätte er zu gern. »Ja, aber, — wenn er so zufrieden sei, warum +er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's +mir glauben,« — und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, — das lügt er +nicht, — »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen +Deut besser, als ich's jetzt hab' — aber ich denke an die anderen, +da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren +Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht +herauskommen aus ihrem Elend, — ein Hundsfott wär ich, wenn ich die +vergessen wollt'.«</p> + +<p>Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur +Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre +ich, wenn ich die vergessen wollt'!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer +noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues, +Bestimmtes geworden sei, — und ist doch nichts von alledem, sondern +er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund +ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist +bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib +Christi« sprach, — da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber +Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische +Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese +Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen, +die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien +zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines +menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?</p> + +<p>Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur +der Kirche entfremdet ist, — aber wohlvermerkt das ganze Volk,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> mit +Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, — das ganze Volk, +arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht +mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der +Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt, +wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die +eins sei mit euren Dogmen, und — vergißt sein oberstes Gebot, wie die +meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen! +Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nein, so etwas, — wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte +Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der +Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit +seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, — er wolle den Genossen +nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, — meinen reichen +Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich +nur hohe Zinsen damit verschaffen, — bringt mir der heute in der +Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll, +ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei +Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.</p> + +<p>Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben +sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen. +Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, — ich könne es als +Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht +beleidigen, — denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich +es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. — Und was ist es? Trines +herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.</p> + +<p>O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps, +und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich +wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts +gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir +uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten +Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. — Sitzt da der dicke +Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft, +streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa +aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! — nein, aus +reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der +»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße +und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden, +nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht +halten, oder er müßte, — schrecklich auszudenken —, sein Lokal den +Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf +es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der +Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder +den Schlagfluß kriegen.«</p> + +<p>Herr Kanzleirat, — ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch +mehr Unheil im Dorfe anstiftest!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem +Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, — den Rippenfellerguß habe ich +ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen, +das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn +Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie +verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll +brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel +Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für +ihren Kanarienvogel, — der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber +nun schenke ich ihr von meinem Geld.« — Du wonniges Kind, wie du +deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, — in all deiner Not +denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem +Kinderherzen! — Vielleicht da am meisten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse +»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> +haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins +Theater führen lassen.</p> + +<p>Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der +Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer +befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!</p> + +<p>Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen +haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie +sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation? +Verflachend, herunterziehend — oder hinaufführend.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur +Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal, +nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.</p> + +<p>Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem +Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause +nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, — als ob der +Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall +des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! — Oh, ich weiß es wohl, ihr +wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen +Heim haben, — diese Landesverräter verdienen das nicht.</p> + +<p>Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller +eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast +die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und +Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann +das Pack hausen.</p> + +<p>Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß, +euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern, +ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die +Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und +eure Gerechtigkeit, — daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten +Pharisäer!</p> + +<p>Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre, +oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern +Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht +Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Keller wohnen +und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut +vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder +immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das +dritte, — Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur +irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch +ingrimmiger in der Tasche als jene.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen +ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und +zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen. +Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein +paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere +auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck« +wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders +kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner +von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.</p> + +<p>Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und +gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber +sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine +geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der +Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß +endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat, +den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, — denn hier ein armer Fischer, +— und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß +verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!</p> + +<p>Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist +doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen +Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit +heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist +mehr darin. Beschwerden beim Landrat — fruchtlos. Der Landrat ist +gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß +—<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der +Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur +Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun +seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders +zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag +schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch +größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden +geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm +geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt +einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er +mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!</p> + +<p>Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse +verpestet, — kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es +ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig +Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie +nicht mehr zum Laichen in den Fluß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten +stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen +Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der +Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es +nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft +und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine +Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur +ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt +beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser. +Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den +anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr +Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein +steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin +ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen +Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser +geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und +Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen. +Dufte du nur und erquicke die Menschen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<p>Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich +auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei +Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir +ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien +Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede +und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der +eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em +gornich mehr lieden.«</p> + +<p>Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu +wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen +alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft, +die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr +treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben +und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der +Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die +Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im +Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh +krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890 +86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und +eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen. +Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und +verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische +Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen +seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter +an Schulter für die Wahrheit kämpfen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine +Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer +Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des +Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz +empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes +anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Brauern gefallen +lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild. +Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes +Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm +hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig +verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte +das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels +brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel +die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich +vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen +Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von +hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme. +»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der +Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz +ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln +und Disteln, — das ist der Alltag, — die drei Balken, die das Kreuz +zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht. +Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist +der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler +hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm +hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib +vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum +Land der Sonne zu tragen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Herrgott, — ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was +ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur +Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land +noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur +Stadt kommen könnten, — und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete +zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von +Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und +immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Leben und Vaterland und +zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt +Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene +Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf +die Dauer!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser +menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von +uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?</p> + +<p>Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen +Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor +Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon +haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich, +als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler +von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich +hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.</p> + +<p>Monisten? »Monos?« »Nur Eins« — das ist's, was mich abhielt: Ihr seht +nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die +Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein, +wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, — aber +ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen, +als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die +ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. +Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt +die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der +Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten; +nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze +»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt, +die wir Weisheit nennen, — was wollt ihr mit der Summe all dieser +Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?</p> + +<p>Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu +verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da, +— ist »Er!« —</p> + +<p>Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne +nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> erreichbaren +Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.</p> + +<p>Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer +der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß +er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen +Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt +als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum +hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus +sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.</p> + +<p>Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu +lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu +menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.</p> + +<p>Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer +feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.</p> + +<p>»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn +verehre, — aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten. +Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das +schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich, +stündlich, — und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht, +da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, — das kann ich +nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«</p> + +<p>Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau, +die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr +Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren +kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis +hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für +ihre Männer haben.</p> + +<p>Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis +dieser Jüdin packt, — ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen +Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen +Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt +haben? —</p> + +<p>Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem +Gottesgarten aussteige, — 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist +vorbei —, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> +Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint, +und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo, +Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« — Da erzählt er mir, während +wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der +Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?« +— Zwei Ordensbrüder, — ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es +und eifrig an der Rettungsarbeit, — hätten den Antrag gestellt, aus +unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme, +zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der +Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln +der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen +Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus. +— So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden +hören.</p> + +<p>Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit +dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so +behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn +so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit +der Französischen Revolution!</p> + +<p>»Wann ist die nächste Sitzung?« — »In vierzehn Tagen.« — Da muß ich +hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die +Schuppen von ihren Augen fallen, und ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine +Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. — Warum +nicht in Form des Gebetes?</p> + +<p>Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen +außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten: +Herr, hilf mir —, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen +Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den +»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei +sein.</p> + +<p>Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen +Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen +das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!«<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Denn +diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen +Menschenbildnis zurechtmodelliert.</p> + +<p>Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, — der in der Welt ist +als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist, +unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, — eins mit ihr und +doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu +eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten; +die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten +und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst +in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein +feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.</p> + +<p>Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich +in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, — Einer +hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei +Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne, +Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie +sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist, +und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus, +nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der +Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten, +Pfaffen und ihrer Knechte.</p> + +<p>Aber dieses: »Herr, hilf uns!« — Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns +beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist, +der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das +Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und +doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht +ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei +in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue +lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich +neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. — — So +wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«</p> + +<p>Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr, +hilf uns!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das +für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine +kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend, +er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was +ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr +zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe +immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer +mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir +hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die +ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren +heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«, +zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr +schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen +und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar +so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine +ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung +abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole +des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht +leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge +erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, — ihn genossen haben. +Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so +muß das zur Katastrophe führen, — früher oder später.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. — Jahrelang +habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal +untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und +Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes, +stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine +lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen +Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> 'n Grog +drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int +Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten +wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« — Mit solchen +Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er +eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen +und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der +Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen +bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, — nun leitete er mit seinen +zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen +Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum, +wo er am wenigsten am Platze war.</p> + +<p>Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe +gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher +befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den +Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine +ging, — es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie +schon längst zu den Toten gerechnet.</p> + +<p>Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft +machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen, +meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« —</p> + +<p>An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da +sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten, +seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen, +die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im +Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt, +bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe +herumschlich.«</p> + +<p>Oh, — aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja +doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im +Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front +gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der +Trunksucht verwandt würde, — das sei keine Sache des Reiches, das sei +»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und +bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden +Elemente« schelten laßt, — als ob man unser Volk wie Museumspräparate +in Spiritus konservieren könnte!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen +abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der +Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus +Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen. +Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, — das muß +ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen +sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein +hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur +aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den +Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie +begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit +Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft +haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur +deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese +verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten +und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und +gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich +hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und +das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß +sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht +mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig +Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender +Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.</p> + +<p>Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die +nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über +uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und +Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb +und verfettet waren.</p> + +<p>Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur +eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, — oder vielmehr — +auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> glücklich +zu werden, — ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften, +daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für +alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst +klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den +Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl, +— so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten +Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu. +Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen +Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat, +weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches +Gewerbe.</p> + +<p>Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den +Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme +ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und +albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der +Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und +Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese +Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen +zu Vampyren stempeln zu wollen.</p> + +<p>Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt +habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus. +Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten, +dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise +die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem +Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können, +erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst +kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim +Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich +auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.</p> + +<p>Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum +ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich +gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt,<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> sofort unter +seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um +die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und +Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche +hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt +sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit +Entziehung der Konzession bedroht.</p> + +<p>Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie +ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr +Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung +wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist +wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten +Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist +die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen +Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem +Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in +Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind +sie in der Tat der Sauerteig der Erde.</p> + +<p>Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des +Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie +von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten +Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte +Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.</p> + +<p>Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist +nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben +selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und +gewidmet haben, — ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern, +— ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. +Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen +des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt +Wärme, und Wärme ist Liebe.</p> + +<p>Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer +Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> eures +Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit +und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im +Kampfe der Geister!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen, +auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn +Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger, +laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, — er könne den Jungen nicht +mehr zahm halten, — der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch +die fünfte Frau gefreit.</p> + +<p>Die Mutter hat gefleht, — sie sollten den Jungen konfirmieren, damit +er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie, +als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei. +Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles +umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule +gehen.«</p> + +<p>Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit +des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, — hat nach Amerika +wollen, — fort, nur fort!</p> + +<p>Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, — alles Denken +hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.</p> + +<p>Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat +er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das +Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, — der +hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir +gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.</p> + +<p>Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die +Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in +Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich +langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat. +Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten +Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man +Verbrecher, — <span class="antiqua">im maximam Dei gloriam et scholae</span>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in +unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit +in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß +es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer +Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen +unseren Mitmenschen gegenüber, — sei es, und das ist das Wichtigste +für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir +in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden +und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein, +noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! — — — Nur die +Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt +und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir +nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das +einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben +und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.</p> + +<p>Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden +für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute +befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet, +und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun +jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was +ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder +auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde +arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte +pflücken wollen.</p> + +<p>Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die +Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist +doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur +Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen +Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die +Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und +verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle +ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie +versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und +schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und +dabei fangen die deutschen Regierungen<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> bereits an, sich zu sorgen +über die Abnahme der Geburten! — Verdammt noch mal, — schließt doch +diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt +unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle +Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und +Fortschritt zum Guten!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich +habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche +Fragen angestellten, — aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein +Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht. +Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht +sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und +anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen +widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht, +— denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling, +— sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder — mit etwas +viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, — und dann schweigt der unbequeme +Schlingel Gewissen, — und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es, +wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und +Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln, +wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten, +— so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren +so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien, +den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren +brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind, +noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und +nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten +nicht begehen oder auch nur gutheißen!</p> + +<p>Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. —</p> + +<p>Halt, — ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder +Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden +oder gar sterben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es +schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der +einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus +ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch +ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so +viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber, +wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den +einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will, +nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter +Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. — Und grauenhaft! Seit +dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just +an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um +ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, — will nicht heilen, kann +nicht heilen. —</p> + +<p>Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn. +Ich glaub' nicht daran.</p> + +<p>Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig +werden.</p> + +<p>Herrgott im Himmel, — gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es +nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht +gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie +sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an +Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung +und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet +damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel +geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben +versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen +lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen. +Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein +Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend +kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die +gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem +Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß +es, ich habe sie nicht gehaßt. — Warum, mein Gott, hast du sie denn +sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben? +Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders +gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen +Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk, +für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen +wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite +diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der +modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese +aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert +und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große +Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres +Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren +sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten +werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends +mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international« +erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie. +Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein +freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol +müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird +von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen +und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten. +Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder +die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und +nimmer vorwärts!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen, +ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth +mache ihn ihr abspenstig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in +ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.</p> + +<p>Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und +frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« — »Und ob, — +ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später +nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«</p> + +<p>»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der +anderen ins Garn jagen!« —</p> + +<p>Oh, über euch törichten Weiber!</p> + +<p>Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und +das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und +euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!</p> + +<p>»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um +seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, — +sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen +Strick folgt.«</p> + +<p>Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht, +begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand. +Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines +Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende +hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine +Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück +für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe +ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen +in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten +Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der +kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.</p> + +<p>Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg, +der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines +schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte, +welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine +Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte.<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Als er +nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen +Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach +der anderen, — und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der +Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit, +wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und +zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen +die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der +Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen +und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich +und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke +herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese +Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit +den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre +Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen +und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt +haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein +Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen +das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn +langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und +für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen +macht es, — auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv +fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das +von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so +fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen +bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu +betäuben! — Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem +Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu +den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird +er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals +sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an +einer solchen Stelle stehen, wie er!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir +sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und +Verleumdungen.</p> + +<p>Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze +Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker +zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf +gewaschen, daß es dampfte.</p> + +<p>Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es +sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan, +— aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen, +damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!</p> + +<p>Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige +Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob +er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein +Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht +haben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in +denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten, +zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker +zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte +Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, — +freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß +ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte, +damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen. +Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis +es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? — Aber einen Teil +wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden +mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.</p> + +<p>Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir +wie ein Kind, — der große starke Mann, — um den<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Hals und schluchzt: +»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb +gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, — mit dieser +meiner Hand.«</p> + +<p>Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.</p> + +<p>Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, — da hat's ihn +übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, — angefleht hat er +sie, — aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.</p> + +<p>Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit +gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.</p> + +<p>Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann +fahre ich auf Praxis.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um +Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«</p> + +<p>Ich denke zunächst an den Heidbauern.</p> + +<p>Gott sei Dank, — der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.</p> + +<p>Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein +rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt, +und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich +streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins +Zimmer.</p> + +<p>Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, — tot, +— der Kopf in einer großen Blutlache.</p> + +<p>Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der +Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um +sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die +halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.</p> + +<p>Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand +zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.</p> + +<p>Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings +auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf +von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<p>Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel +auseinandergesprengt. —</p> + +<p>Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst +sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut. +Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen. +Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn +angezeigt.</p> + +<p>Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter +schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie +schössen.</p> + +<p>Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich +den Fasan nur gut schmecken lassen.</p> + +<p>Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's +verbeten, ein-, zwei-, dreimal — sie konnt's nicht lassen.</p> + +<p>Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.</p> + +<p>Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen +seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.</p> + +<p>Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über +den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.</p> + +<p>Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte +Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in +das Nichts.</p> + +<p>Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.</p> + +<p>Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. — Gleich darauf zwei Schüsse. +Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und +alles um einen Fasan.«</p> + +<p>Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel +für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.</p> + +<p>Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß +hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie +Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.</p> + +<p>Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> hab' in +meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! — —</p> + +<p>Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann +erst werden! — — — — — — — — — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den +Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste +war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter +nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant. +Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt +nur selten an der Tafel gezeigt hatte.</p> + +<p>Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren +Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der +die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor, +Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als +suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,« +erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von +England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« — »Der +Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern +Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall +Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch, +dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer, +dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert +wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,« +erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in +der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren +englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in +der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine +kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser +Persönlichkeit bereichern wird.</p> + +<p>Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot, +wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für +unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem +Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück +einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Nachbarschaft saß +ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah, +wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte +bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich +nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter +den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner +Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze +niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General +erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte, +wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl, +zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener +einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete, +der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es +sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten +handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als +mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen +der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach +seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden +zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen +der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß +an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich +sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was +ist's?« — Er erwiderte: »Der Herr war General E.« — »Ich habe ihn +erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor +Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein +fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit, +dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir +alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre, +und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur +einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, — dann +erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme, +daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General +E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In +vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir +eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit +vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> gekommen ist, weiß +ich nicht mehr, — ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von +unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der +Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete. +— Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen +Offiziers, eine solche Schmach! — Aber ich war schön und jung, von +tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware +für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt +mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich +ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag +Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, — dieser +Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der +blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich +an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in +Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?« +Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den +Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.</p> + +<p>Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und +starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen +Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein +scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen +Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge +zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus +der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die +Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel +nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren, +war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken; +die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese +Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren, +mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe +des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation +und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen +die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine +Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen +Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen +Masse<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt +wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie +glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika +die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren, +natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten +Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem +Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie +der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde +vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich +mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder +ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem +Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um +welchen Preis! — Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel +Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich +schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen +Königreiche. — Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses +Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie, +daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man +die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle +Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen +Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun +sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse +beherrschen.</p> + +<p>Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet, +als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück +sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen +England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen +Tonarten gepriesen wurde?</p> + +<p>Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie +bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas +Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des +einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo +dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter +der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen +Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein +wird!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> + +<p>Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte, +rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, — ihr +rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der +uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im +Herbstnebel untergeht.</p> + +<p>In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an +meinen Kaiser. —</p> + +<p>Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die +Zukunft unseres Volkes schreiten. —</p> + +<p>In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen +Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner +Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen +fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn +lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich +will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen +Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle, +koste es, was es koste, ich muß an Land.« — »Aber Ihr Billett?« +— »Ist mir einerlei! — Ich will an Land, ich will wieder nach +Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine +kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs +Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn +verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder +heimkehren würde, — alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner +Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen +Sie mich nicht lebendig durch, — ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.</p> + +<p>Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der +Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als +einziger Bruder von drei Schwestern, — so hatte er niemals gelernt, +die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.</p> + +<p>Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens, +auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die +notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte +zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und +damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe +dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr +erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> ist den +Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen +Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.</p> + +<p>Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem +seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer +Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und +dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig +verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten +vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen +keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche +gedeihen könne.</p> + +<p>Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach: +stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen +zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er +seine willensschwache Rasse nicht vererbt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die +freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die +anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen +mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen +felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem +Gischt emporpeitschte.</p> + +<p>Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem +Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die +Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, — auf ein Haar +beide Beine brechend, — begleitet von dem schallenden Hohngelächter +unserer Matrosen.</p> + +<p>Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem +man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit +mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose +mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen +eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und +einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt +gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das +mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener +Galerie erinnerte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<p>Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse, +der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt +den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des +Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie +bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich +hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.</p> + +<p>Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene +Meer!</p> + +<p>Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren, +hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge +hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des +Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.</p> + +<p>»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus +Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu +sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt +nichts, — lauter Selterswasser und Apollinaris, — sind Sie denn alle +krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage. +Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der +verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt +mit der verdrehten Wassertrinkerei.« — »Werde meinem Schwager in +Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied +der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf +Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte +Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von +Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.« +Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das +sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter +Weise durch.</p> + +<p>Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte +das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir +erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie +auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem +schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer +ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> ein +Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der +gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner +Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden +Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung +vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter +entwickeln soll.« — »Kaiser, — großartiger Mann,« schnarrte der +Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche +an einer Tafel gespeist, — kolossal gebildet, von allem unterrichtet, +— steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal +in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es +ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich +dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt, +kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt +ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen, +Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden, +sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von +Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler, +»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« — »Lassen Sie +uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen +Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus +Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern +birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter +dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen, +welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine +Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele +hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die +entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende +von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer +vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen +zugezogen haben?« — »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte +der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« — »Ich +sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und +werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der +Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das +furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt +besser aussieht,<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten +unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so +weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die +untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße +und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange +nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, — wir +müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen +Sie mir noch eine Münchener!« — »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief +der Weinhändler.</p> + +<p>Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes +aschfahl, — das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel +zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte +Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand +zur Kajüte hinaus aufs Deck.</p> + +<p>Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf +den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein +Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit +und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte +meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf +Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte. +Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik +gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, +als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine +ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.</p> + +<p>Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die +Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende +junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen +deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher +Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen +Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O, +könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm +und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung +unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die +Seelen der jungen Generationen gelegt wird.</p> + +<p>Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Amerikaner +Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet +haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen +Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall, +Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände +an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu +verleihen, in den Schneesturm hinaus:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Heda, Herr Kultusminister!</div> + <div class="verse indent2">Jetzt hab' ich dich! — —</div> + <div class="verse indent2">Merkst du's,</div> + <div class="verse indent2">Wie die schwingenden Wellen</div> + <div class="verse indent2">Meines Geistes dich treffen? —</div> + <div class="verse indent2">Gegen den Nordoststurm an,</div> + <div class="verse indent2">Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht,</div> + <div class="verse indent2">Schießen sie zu dir hinüber</div> + <div class="verse indent2">Übers Meer</div> + <div class="verse indent2">Und treffen dich und packen dich, — —</div> + <div class="verse indent2">Du willst Minister sein</div> + <div class="verse indent2">Über das Unterrichtswesen?</div> + <div class="verse indent2">Ja, schläfst du denn,</div> + <div class="verse indent2">Oder bist du tot?</div> + <div class="verse indent2">Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland!</div> + <div class="verse indent2">Schau doch, wie sie's dort machen! — —</div> + <div class="verse indent2">Du tust deine Pflicht nicht!</div> + <div class="verse indent2">Du siehst nichts und hörst nichts!</div> + <div class="verse indent2">Tausendmal schon habe ich dir zugerufen,</div> + <div class="verse indent2">Daß unsere Kinder blaß und elend sind! —</div> + <div class="verse indent2">Tausendmal habe ich dir schon zugerufen,</div> + <div class="verse indent2">Daß du nur Lernmaschinen erziehst!</div> + <div class="verse indent2">Keine Charaktere bildest,</div> + <div class="verse indent2">Sondern Mollusken!</div> + <div class="verse indent2">Aber keine Männer</div> + <div class="verse indent2">Mit Knochen, mit Rückgrat! —</div> + <div class="verse indent2">Weichlinge, die nachher</div> + <div class="verse indent2">Den Verführungen im Leben nicht standhalten! —</div> + <div class="verse indent2">Du bist schuld,</div><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> + <div class="verse indent2">Denn du hast dafür zu sorgen,</div> + <div class="verse indent2">Daß die Schule Charaktere bildet! — —</div> + <div class="verse indent2">Hörst du denn nichts?</div> + <div class="verse indent2">Siehst du denn nichts?</div> + <div class="verse indent2">Ein Viertel unserer männlichen Jugend</div> + <div class="verse indent2">Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten!</div> + <div class="verse indent2">Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen!</div> + <div class="verse indent2">Durch deine Hand sind sie gegangen!</div> + <div class="verse indent2">Du hast nicht acht gegeben! — —</div> + <div class="verse indent2">Herr Minister!</div> + <div class="verse indent2">Du hast es geschehen lassen,</div> + <div class="verse indent2">Daß die teuflischen Gifte</div> + <div class="verse indent2">So viele krank und elend</div> + <div class="verse indent2">Und zu Verbrechern gemacht haben! — — —</div> + <div class="verse indent2">Ha, ich weiß, warum du schweigst!</div> + <div class="verse indent2">Du selbst trinkst gern Sekt</div> + <div class="verse indent2">Und Weißwein,</div> + <div class="verse indent2">Aber nur mäßig!</div> + <div class="verse indent2">— Natürlich! — —</div> + <div class="verse indent2">Aber ich zerre dich,</div> + <div class="verse indent2">Und die Wellen meines Geistes</div> + <div class="verse indent2">Sollen dich einengen und klemmen,</div> + <div class="verse indent2">Wie die brandende See!</div> + <div class="verse indent2">Und die Wahrheit soll dich pressen,</div> + <div class="verse indent2">Wie eiserne Klammern!</div> + <div class="verse indent2">Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein!</div> + <div class="verse indent2">Und darum lässest du's geschehen,</div> + <div class="verse indent2">Daß die andern sich</div> + <div class="verse indent2">In Bier und Branntwein berauschen! — —</div> + <div class="verse indent2">Ein Wort von dir,</div> + <div class="verse indent2">Und der Kaiser würde</div> + <div class="verse indent2">Mit dem Beispiel vorangehen,</div> + <div class="verse indent2">Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen,</div> + <div class="verse indent2">Und die Brauer und Brenner</div> + <div class="verse indent2">Würden dir fluchen,</div> + <div class="verse indent2">Aber die Mütter dich segnen! — —</div><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> + <div class="verse indent2">Und warum lässest du</div> + <div class="verse indent2">Die Kinder verderben?</div> + <div class="verse indent2">Warum kannst du nicht einsehen,</div> + <div class="verse indent2">Wo die Quellen des Übels,</div> + <div class="verse indent2">Der Krankheiten,</div> + <div class="verse indent2">Des Elends</div> + <div class="verse indent2">Entspringen? — —</div> + <div class="verse indent2">Du verschleuderst deine Kraft</div> + <div class="verse indent2">In Kleinigkeiten,</div> + <div class="verse indent2">In Quengeleien und Disziplinarverfahren! —</div> + <div class="verse indent2">Doch nun ergreife die Axt</div> + <div class="verse indent2">Und leg' Hand</div> + <div class="verse indent2">An die Wurzel des Übels,</div> + <div class="verse indent2">Wenn du Herr sein willst</div> + <div class="verse indent2">Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! — —</div> + <div class="verse indent2">Nun wohl, die Quelle alles</div> + <div class="verse indent2">Übels und Unheils</div> + <div class="verse indent2">Ist Unterdrückung der Freiheit,</div> + <div class="verse indent2">Die Mollusken erzieht</div> + <div class="verse indent2">Statt Männer! — —</div> + <div class="verse indent2">Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie Einsicht bekommen,</div> + <div class="verse indent2">Was gesund ist und gut,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie gefeit werden</div> + <div class="verse indent2">Gegen die Sünde,</div> + <div class="verse indent2">Die sie krank und elend macht! —</div> + <div class="verse indent2">Dulde nicht,</div> + <div class="verse indent2">Daß unsrer jungen Mannschaft</div> + <div class="verse indent2">Durch diese Kreuzspinnen</div> + <div class="verse indent2">Von Wirten und Brennern und Brauern</div> + <div class="verse indent2">Das Mark</div> + <div class="verse indent2">Ausgesogen wird!</div> + <div class="verse indent2">Und vor allem:</div> + <div class="verse indent2">Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen,</div> + <div class="verse indent2">Warme, lebendige Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Und noch einmal Liebe! — —</div><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> + <div class="verse indent2">Du bist schuld an all dem Elend!</div> + <div class="verse indent2">Hast du denn Liebe?</div> + <div class="verse indent2">Nein, du bist träge und stumpf</div> + <div class="verse indent2">Den Zeichen der Zeit gegenüber! —</div> + <div class="verse indent2">Aber ich will dich rütteln,</div> + <div class="verse indent2">Und dich in die Wellen hineinziehen!</div> + <div class="verse indent2">Du mußt sie spüren, — — —</div> + <div class="verse indent2">Gib acht!</div> + <div class="verse indent2">Die Brandung wird so stark werden,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie dich zerschmettert,</div> + <div class="verse indent2">Wenn du nicht auf mich hörst! — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er +donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die +schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten. +Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller +Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich +ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes +Vaterland.</p> + +<p>Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die +Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein +triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang, +hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne +Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war, +sang mit:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Über die Matten, über die Sande</div> + <div class="verse indent2">Streichet die Möwe hin zum Meer;</div> + <div class="verse indent2">Über die Heiden, durch die Lande</div> + <div class="verse indent2">Irr' ich wandernd hin und her.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Nach dem Lieb mein unter den Linden,</div> + <div class="verse indent2">Wie sie ruht an meiner Brust,</div> + <div class="verse indent2">Nach den meeresfrischen Winden</div> + <div class="verse indent2">Geht mein Sehnen, meine Lust.</div><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Über die Heiden, durch die Lande</div> + <div class="verse indent2">Zieh' ich mit dem Wanderstab;</div> + <div class="verse indent2">Ach, der Heimat süße Bande</div> + <div class="verse indent2">Halten fest mich bis zum Grab.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm, +mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir +vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens +hindurchführt.</p> + +<p>Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.</p> + +<p>Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und +süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir +im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden +Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste, +wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide +streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir +blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche +in die Luft.</p> + +<p>Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder +angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer, +langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, — +meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen — oft genug hatte +ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische +Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten. +So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die +Jugendzeit doppelt heimisch.</p> + +<p>Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das +mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber +eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter +und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein +Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe +geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes +Distelblatt, — Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen +und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> und Sehnen, dieses +Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte +Hoffen.</p> + +<p>Und da kam die Zeit der Trennung, — ich mußte hinaus in die Fremde, +die Kräfte wollten wachsen, — ich mußte die Welt sehen, hinaus, +hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder +zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie +stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute +der Heimat schätzen!</p> + +<p>Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die +Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen +Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch +nicht in der Stadt — dahin paßte der freie Falke nicht, — da hätte +er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen, +weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da +fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig +und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und +Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, — dahinein führte +er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste +Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam +ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.</p> + +<p>War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!</p> + +<p>Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern +der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein +geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von +deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen +Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen +umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten +landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes. +Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; — doch +halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten, +der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen — +Einzelhäuser für Arbeiter —, damit sie sich leicht aussuchen können, +was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten +her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen +zu heißen, — halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und +Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar, +als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei +aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine +Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht +sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren +Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen +Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an +die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten +Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, — Emma, deine +Rosen müssen noch Wasser haben, — Rudolf und Ernst, wird das neue +Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«</p> + +<p>Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken +kunstfertig gefügt, — die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden +zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht +hatte.</p> + +<p>Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser +tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem +Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste +zum Gesang, — alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit +und Leben.</p> + +<p>Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter, +Kinder, — das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie +hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.</p> + +<p>Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen; +froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag +Sonnenschein.</p> + +<p>Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: — »Hast +Arbeit?« — »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« — »Bin fremd +hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte +drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der +Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> gedankt, daß ihm der +Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in +der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen +dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen +nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie +irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind, +während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.</p> + +<p>Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern +und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr +Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig +auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten +waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger +wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen +mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den +Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf, +raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das +nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu +schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand +ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele +warme Bruderhände wachsen, — wir können sie brauchen! Über der Tür +meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung: +»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's — was die Seele des +Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!</p> + +<p>Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen +Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und +Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, — überall, überall das +nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen, +ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen, +sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber, +daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des +Menschempfindens, die über uns gekommen ist!</p> + +<p>Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit +Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief, +als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> geworfen +hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses +und der Erbitterung wurde.</p> + +<p>Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können, +wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk +geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall +oder Alter oder Verlust des Ernährers, — keine Arbeiterversicherung +mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen, +Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die +alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was +wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit +geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen, +daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell +zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder +Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen, +daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden +aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und +verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.</p> + +<p>Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in +das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der +Erbitterung daraus trank.</p> + +<p>Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges +Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.</p> + +<p>Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich +ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das +Gerüst den Ernährer geraubt hatte.</p> + +<p>Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem +Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.</p> + +<p>Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich +sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und +ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den +Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und +der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es +mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der +anderen trug dazu bei, mich müde zu machen.<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Und doch konnte ich nicht +ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre +Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und +Zweck des Lebens geworden.</p> + +<p>Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das +Stampfen der Maschinen.</p> + +<p>In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art, +aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen +Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten +diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an +unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus +unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller +Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet, +und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir +die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.</p> + +<p>Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich +mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein +Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner. +Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, — sie +verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk, +ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber +zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, — +er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn +seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens +hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind +wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen +Volkes.</p> + +<p>Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die +Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam +die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden +aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit +ihr.</p> + +<p>Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf +dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> die +Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer +wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu +Gott!</p> + +<p>Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus +und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und +erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.</p> + +<p>Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten +wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können, +— Wellenkreise auszusenden, — Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer +neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt +haben würde.</p> + +<p>Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von +Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und +erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall, +zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch +Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen +gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir +wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.</p> + +<p>Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich +durchstreifte.</p> + +<p>Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die +Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen +Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen +den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die +Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.</p> + +<p>Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers +stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die +sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe +zieht in mich ein.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Sieh, ich ziehe meine Kreise,</div> + <div class="verse indent2">Und ich leb' in meiner Weise,</div> + <div class="verse indent2">Ruf' und banne meine Geister,</div> + <div class="verse indent2">Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.</div><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Schicke sie in ferne Lande,</div> + <div class="verse indent2">Laß sie knüpfen neue Bande,</div> + <div class="verse indent2">Laß sie alte fester binden,</div> + <div class="verse indent2">Laß sie neue Pfade finden!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Und so leb' ich, wirkend, strebend,</div> + <div class="verse indent2">Mich an's End' der Dinge hebend,</div> + <div class="verse indent2">Bis der Weltenherr der Geister</div> + <div class="verse indent2">Mich auch ruft, mein Obermeister.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo +ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich +wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.</p> + +<p>Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn +es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er +von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und +drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht +wissend wohin, erzitternd stand.</p> + +<p>Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in +den Masten und brüllte um den Schornstein.</p> + +<p>Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch +rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff! +Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, — wie Kinder, +die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend +einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den +Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken. +Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya +verschollen.</p> + +<p>Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und +spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm +hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von +ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim +denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und +bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm +pfeift.</p> + +<p>Betrunken war keiner. Im Gegenteil, — sie spielten sehr emsig.<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ich +wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, — es +wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben —: »Majestät wirklich +famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach +dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte +und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ — wirklich famoser Mensch, ganz +genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden +Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.</p> + +<p>Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein +Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie +aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht +standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will, +noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich +konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat +spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht. +Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen +Posten.</p> + +<p>Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen +auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte +ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an +die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.</p> + +<p>Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, +schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, — ich verstand ihn, +— er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst +vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. — Durch Sturm und Gischt +arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in +der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das +Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt +zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde +Ozean, da, — oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, — was +nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was +unser gut versorgtes Rettungsboot, — wenn der eine nicht wollte! Und +dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, — gerade +so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen, +meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte, +wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, — groß, +unfaßbar, wie er mir in der Schule<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> in der Religionsstunde erschienen +war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften +redete, — als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas +wissen könne, — aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen, +da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, — und der Knabe, +der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes, +seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung +dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem +Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand +erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen +konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten +Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien +gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten +auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich +fühlte Gott, — das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm +wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine +Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts +Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen +Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor +ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie +du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das +macht unser Leben aus!« — —</p> + +<p>Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des +Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese +himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer +dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne +sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer +großen Stille. Und dann war er da, — ich wußte es, fühlte es, ich +hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, — in diesem Gefühl, ein +Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, — +darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen +gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große +Harmonie sich ständig wiederholen, — alles, was an uns und in uns +lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, — +Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, — wie jede +Blume, jeder Kristall, jedes Tier<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> die höchste Vollendung erstrebt, die +ihm möglich ist, — das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du +Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die +Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.</p> + +<p>Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen +hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte +ich ihn wieder ganz deutlich, — befreiend, stärkend, wunderbar +stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, — nun laß das Schiff +bersten und das Meer sich auftun, — daß ich dich gefühlt habe, +Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. —</p> + +<p>Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner +Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte +es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag +der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt +annehmen, — das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig +vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach +Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst, +noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und +ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen +Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche +Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung +unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen +können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, — +es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. —</p> + +<p>Ja, ja, so ist's, — in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere +Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große +Wellenringe zieht, gute oder schlechte. — Oh, Gott im Himmel, gib, daß +nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! — —</p> + +<p>Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich +hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken, +wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen +noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines +anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von +Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen +ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Stille ausbauen +wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja, +wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht +habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!</p> + +<p>Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.</p> + +<p>Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was +hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir +Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt +gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und +wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter +wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen +kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich +nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben +wollen in Werken der Liebe, — und wie oft hatte ich ihn vergessen! +Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des +Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten, +— was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? — +Doch still, was war das, — heute war ja daheim Gustavs erstes großes +Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der +herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft +zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu +neuem Leben. Und nun? —</p> + +<p>Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? — Deutlich hörte ich +weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner +geliebten Orgel, — und deutlich vernahm ich von einer weichen, +seelenvollen Altstimme das Lied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Herr, du kennest meine Sünden,</div> + <div class="verse indent2">All mein Leben ist dir Licht,</div> + <div class="verse indent2">Woll'st dich doch nicht von mir wenden,</div> + <div class="verse indent2">Herr, verlaß mich Sünder nicht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wohl, ich kannte die Gebote,</div> + <div class="verse indent2">Die du uns gegeben hast.</div> + <div class="verse indent2">Ja, ich hab' sie übertreten,</div> + <div class="verse indent2">Hätte sie vergessen fast.</div><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Doch nun kam ich zur Besinnung,</div> + <div class="verse indent2">Sehne mich nach deiner Ruh.</div> + <div class="verse indent2">Herr, nun hilf mir wieder werden,</div> + <div class="verse indent2">Wie dein Ebenbild, wie du!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Reich mir deine starken Hände,</div> + <div class="verse indent2">Ziehe mich zu dir empor!</div> + <div class="verse indent2">Laß mich ruhn in deinem Geiste,</div> + <div class="verse indent2">Leihe gnädig mir dein Ohr!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Klar liegt vor mir meine Sünde,</div> + <div class="verse indent2">Und mir ist so sterbensbang,</div> + <div class="verse indent2">Vater unser, laß mich hören</div> + <div class="verse indent2">Deiner sanften Stimme Klang.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen,</div> + <div class="verse indent2">Jede Strafe ist mir recht,</div> + <div class="verse indent2">Will gern büßen meine Sünden,</div> + <div class="verse indent2">Nur erhöre deinen Knecht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nimm von mir die Last der Sünden,</div> + <div class="verse indent2">Hebe mich in deine Ruh'!</div> + <div class="verse indent2">Herr, nun hilf mir wieder werden</div> + <div class="verse indent2">Wie dein Ebenbild, wie du!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein +Herz. Es hilft nichts, — wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein +und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte +und Liebe.</p> + +<p>Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt: +ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber +die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und +bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und +Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr +gegeben, als ich durfte. — Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns +gezeigt, Maß zu halten, harmonisch<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> zu bleiben, — ich hatte nicht von +ihm gelernt, — so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen +und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine +Strafe.</p> + +<p>Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim +Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte, +drang es wie Trost in meine Seele:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen,</div> + <div class="verse indent2">Erst im Dulden erweist sich der Mann!</div> + <div class="verse indent2">Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen:</div> + <div class="verse indent2">Gott ist allmächtig! Denke daran!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen!</div> + <div class="verse indent2">Niemand trägt schwerer als er nur kann.</div> + <div class="verse indent2">Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, —</div> + <div class="verse indent2">Gott ist Alliebe! Denke daran!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Lern zu leiden, ohne zu klagen,</div> + <div class="verse indent2">Sieh nicht dein Leid als das schwerste an!</div> + <div class="verse indent2">Sieh als Prüfung an deine Plagen, —</div> + <div class="verse indent2">Gott ist allweise! Denke daran!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div> + <div class="verse indent2">Sollt ihr nicht trauern!</div> + <div class="verse indent2">Frei aus den Mauern</div> + <div class="verse indent2">Schwingt sich mein Geist</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div> + <div class="verse indent2">Sollt ihr euch freuen:</div> + <div class="verse indent2">Mögt ihr euch scheuen,</div> + <div class="verse indent2">Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div> + <div class="verse indent2">Fort mit den Tränen!</div> + <div class="verse indent2">Schwächliches Sehnen, —</div> + <div class="verse indent2">Bin ja bei euch!</div><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wenn ich gestorben bin,</div> + <div class="verse indent2">Führt mich der Meister</div> + <div class="verse indent2">Schaffender Geister</div> + <div class="verse indent2">In sein großes, himmlisches Reich!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe +erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie +ein Abschiedsgruß an die Menschen.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Aus der Fülle meines Seins</div> + <div class="verse indent2">Wollt' ich euch beschenken,</div> + <div class="verse indent2">Drückt' den einen dies und eins,</div> + <div class="verse indent2">Wollte keinen kränken.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Habe Sonnenschein gesät,</div> + <div class="verse indent2">Nicht um selbst zu ernten, —</div> + <div class="verse indent2">Samen, den kein Wind verweht,</div> + <div class="verse indent2">Zeiten, den entfernten!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Vom Unendlichen geborgt,</div> + <div class="verse indent2">Mögen sie's erwerben:</div> + <div class="verse indent2">Hab' für Enkel treu gesorgt,</div> + <div class="verse indent2">Will nun ruhig sterben!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein +wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.</p> + +<p>Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir, +ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug +die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich +sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen, +triumphierend und singend:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Den Starken und Klugen gehört das Recht,</div> + <div class="verse indent2">Den Feigen und Schwachen die Nacht;</div> + <div class="verse indent2">Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,</div> + <div class="verse indent2">Sich selbst erhalten, die Macht.</div><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt,</div> + <div class="verse indent2">Und der Sturm seine Schwingen bricht,</div> + <div class="verse indent2">Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt,</div> + <div class="verse indent2">Ich fürchte die Brandung nicht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt</div> + <div class="verse indent2">Manch fruchtbaren Acker Land;</div> + <div class="verse indent2">Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt</div> + <div class="verse indent2">Mit unermüdlicher Hand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">So entstand einst der Deich!</div> + <div class="verse indent2">Und bezwungen das Meer!</div> + <div class="verse indent2">Und gebrochen der Wogen Schlacht!</div> + <div class="verse indent2">Doch heute noch gilt, ist's lange auch her:</div> + <div class="verse indent2">Dem Starken gehöret die Macht!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, — was war das? Ich rieb mir +die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, — ich war wach, +wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das +alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die +Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören, +wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der +Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich +aus dem Bette, die Tür aufgerissen, — wahrhaftig, lachend und singend +wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der +furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber +alle Not und Gefahr! — — —</p> + +<p>Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie +von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der +Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von +uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige +leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, — war es +Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es +schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde, +laue Lüfte umwehten uns, — den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen +die Heizung abgestellt, — wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf +kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn.<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Mir war's, als ob +auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm +dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und +Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter +Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich +der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab +und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr +Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben, +wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre +Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre +Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden, +— haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu +stellen, wie es ihnen paßt?</p> + +<p>Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft. +Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu +regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer +Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und +Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; — kam dann die +Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere +jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere. +Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur +Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte, +und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn +sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück +zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was +verbrochen hätten; — du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch +nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, — ich stelle die +Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen +sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die +ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und +Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie +ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt +auch nicht frieren!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! — Fast hätte ich +die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> die alte Seele +wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den +Röhren, — aber was war das? Die Seele war nicht tot, — strahlende, +wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender +Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die +Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend! +Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne, +keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte +sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und +wärme und helle, da tut es not!</p> + +<p>Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid, +verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so +selbstsüchtig, — strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr +Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!</p> + +<p>Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein +Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte +Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der +erste Offizier kam und reichte mir die Hand —: »Nun sehen wir unsere +Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts +Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest +zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie +und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann +tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch +gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist +das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«</p> + +<p>Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in +Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am +Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei +Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die +Locken streichend:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Enfant de mon amour,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Bienfait par Dieu,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es ma vie,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La fleur de mes yeux!</span></div><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Enfant de mon amour,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Fille de mon coeur,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es mon âme,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Tu es mon bonheur!</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr +Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt +französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich +wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich +betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist +vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben +gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun +will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen. +Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle +kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle. +Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns +und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte +ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle +ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder +so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen +Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude +und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als +ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen +Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf, +das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst +die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen +mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr +Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als +ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin +zurechtzufinden.</p> + +<p>Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein, +keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei? +Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath +in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95 +Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank +durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> es nur +bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen +kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann +das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen, +wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein +Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau +als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und +Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die +Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und +unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu +gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,« +eiferte die junge Mutter, — »ich bin ja freilich katholisch, aber das +ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor +Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der +Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten +zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die +Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von +Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn +diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen +das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?« +— —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die +Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt +deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den +Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was +für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?« +»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine +Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann +bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf. +Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel +denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz +Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften +wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien +ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil +ihr deutsch seid. Bekommt<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin +Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen +Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.« +»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum +Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein +Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst +der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem +Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber +schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die +Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen +Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt +hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der +Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des +Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.</p> + +<p>Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war +bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert. +Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der +Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife, +augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand +darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem +langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung +dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den +die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während +des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das +Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine +Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten +hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in +seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er +ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und +was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften +könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm +hinüber, daß ihm ganz warm werde.</p> + +<p>Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was +wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> +auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes, +spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an +dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue +der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen, +sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige +Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen +ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir +sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft +und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser +zarten, geistigen Dinge, — eben durch unser vieles Genießen. Und hier +ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht +kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt, +allen Tand des Lebens von sich getan hat, — er genießt mit stiller +Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten +ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues +Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, — ich wollte, ich könnte +unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind +diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die, +ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht +nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille +Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch, +wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich +euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme, +eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser +Zeit verdrängen helft.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr +erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland, +die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit +dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den +überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die +Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer +werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines, +leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am +Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Seele einzuwirken, +allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch +ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen +wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht +und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?</p> + +<p>Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein +blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen +sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya +angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den +Schicksalsstürmen des Lebens.</p> + +<p>Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir +erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner +Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen. +Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr +Lieblingslied sang.</p> + +<p>Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden +freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien +ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.</p> + +<p>Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom +internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden +Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas +Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu +wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen +einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem +Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns +zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit, +von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen. +Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten, +der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage. +Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in +seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. — Wissen Sie, was +der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir +Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für +die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten? +— Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks +größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> gegen den Willen der +Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten +geantwortet hätte? — Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck +vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War +entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, — sehr +guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen +Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, — meinetwegen +könnte es zehn Bismärcke geben; — äh, muß selbst über meinen Schnack +lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der +Seeluft, macht so witzig, — haben aber vollständig recht. Großartig, +was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die +Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die +Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis +in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben. +Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche +patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen, +— genialer Streich, — wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe +Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete +Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun. +Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr. +Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe +von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt. +Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der +Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit +den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen, +Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen, +Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. — alles bringt Geld in unsere +Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht +im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen +Festen, — wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf +dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen +Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines +Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.</p> + +<p>Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der +Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie +sank.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten +von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die +den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den +schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.</p> + +<p>Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das +Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.</p> + +<p>Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige +Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.</p> + +<p>Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen +Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die +Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken +sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend +bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben. +Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer +von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln +schnell und sicher die Wogen durchschneiden.</p> + +<p>Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser +Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land +her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant +auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden +Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem +Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er +nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk +und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur +Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar, +saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das +gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem +Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend, +jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah, +jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder +reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser +Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih +und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die +Namen auf. Dann zählt er noch<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> einmal nach, geht zum Zollsoldaten und +meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere +beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen +die Leute. Es stimmt. — Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll +Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die +braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn — in +die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.</p> + +<p>Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um +diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem +Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern +angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden +sich die Paare jubelnd zusammen.</p> + +<p>Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch +unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste +fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und +meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe, +tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie +wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten +lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich +verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land +gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für +die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker +wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber +was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das +wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.</p> + +<p>War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so +groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt +werden, selbst und die Seinen, — nicht mehr. Aber was darauf wuchs, +ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte +Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur +nicht die ewige, entsetzliche Angst, — um Gotteswillen, wovon soll +es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend +ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde +der Menschheit verloren gegangen, — als ob kein Platz mehr für die +Menschen auf der Erde sei! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des +Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama, +— die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da, +leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder +sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder +scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen +hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen +Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut +zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt +neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst +hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl +das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte +reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!</p> + +<p>Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein,</div> + <div class="verse indent2">Die alle Seelen auf Erden wärmt,</div> + <div class="verse indent2">Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, —</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein. —</div> + <div class="verse indent2">Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond!</div> + <div class="verse indent2">Doch, die Wärme spendend am Himmel thront,</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich möchte die Sonne sein,</div> + <div class="verse indent2">Die die Welt erfüllet mit Liebesglut,</div> + <div class="verse indent2">Zum Leben erweckend, was licht und gut, —</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne möchte ich sein!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den +Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die +dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des +Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben, +von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten?<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Hatte hier +die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß +setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die +Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter +Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum +Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist +nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei +verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor +Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land +der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge +dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier +fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte +frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks +treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis +den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter +liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so +daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber +hier? — Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser +auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien +als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher +Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend, +sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.</p> + +<p>Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in +Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich +nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese +aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie +haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande, +das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten, +herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden +hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter +führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß +der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich +befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer +reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein +Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden. +Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> in anderer +Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft +neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen, +Schulen, — aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden +sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle +diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre +Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund. +So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese +Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos +erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, — und die Masse muß ihnen +fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder +und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu +Fürsten des Geldes, — und die Menge darbt.</p> + +<p>Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft +anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen +Luxus fördern.</p> + +<p>Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker, +die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige +Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.</p> + +<p>Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß +hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort +unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.</p> + +<p>Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben +entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich +tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den +Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt +haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist +erloschen. Die Liebe ist tot.« —</p> + +<p>Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der +Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor, +unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele. +Und doch, — war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere +einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt +hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?</p> + +<p>Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein +Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche, +Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und +Feind.</p> + +<p>Nein, und tausendmal nein, — die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den +Leuchtturm hier gesetzt, — Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und +Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.</p> + +<p>Schweigend reichte er mir die Hand. — Nach einer Weile sagte er kurz: +»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus, +diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den +Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« — —</p> + +<p>Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten +eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel, +deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen +erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit +kleinen Städten. — Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das +Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.</p> + +<p>»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das +Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein +französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt +fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle +möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.« +— »Und was ist das Wichtigste?« — »Das Beste und Köstlichste! Sein +Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und +der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche +Gebrauch des Besitzes.« — »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?« +— »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere +auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das +ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte +Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte +Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und +Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit +wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu +brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor +dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des +Nebenmenschen<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir +unser Ziel erreicht haben!«</p> + +<p>Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen +geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten, +mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen +Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der +Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und +wird dabei immer reicher, — und wie wenig Liebe verschenken die +Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie +herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde +wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu +schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen! +—</p> + +<p>Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick. +Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete +Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und +oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer +Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit +hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles +überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender, +goldener Kuppel.</p> + +<p>So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal +seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend +und doch fast unerreichbar.</p> + +<p>Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor +das liebliche Bild — wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor +das Ideal drängen —; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie +Märchenzauber. Doch nun, was ist das, — von neuem taucht es empor, +näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen +Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster. +Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen +sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau, +wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge, +das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige +Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis +zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen, +machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte +es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns +gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner +gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.</p> + +<p>Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren +Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.</p> + +<p>Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig +beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler +Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen +melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.</p> + +<p>Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des +Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die +Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama +seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu +erschließen. — —</p> + +<p>Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht +von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.</p> + +<p>»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? — »Der +König muß abdanken.« — »Warum?« — »Weil er sein Land ruiniert, wie +seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch +seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe +zu seinem Volke und seinem Lande.« — »Und wenn er nicht abdankt?« — +»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger, +daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst, +der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«</p> + +<p>»Das sind ja nette Grundsätze, — Sie sind ja der reine Anarchist,« +ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter +uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen +Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um +Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch, +die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen. +Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn +ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> + +<p>Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen +Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser +französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines +beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose, +ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen +Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn +sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren +seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile +langsam wieder hochzugehen.</p> + +<p>Vor uns lag die Stadt.</p> + +<p>Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog +sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von +denen die Königspaläste herabschauten.</p> + +<p>Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu +Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen. +Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr +von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer +aufs neue fesselndes Bild.</p> + +<p>Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte +an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns +und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat, +in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte +mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit. +Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe +hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten +Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen +Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht. +Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie +Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf +der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem +Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an +der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell +als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot, +das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen +hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf +Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand +verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer +aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und +abführten.</p> + +<p>Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die +Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in +Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen +Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war +inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.</p> + +<p>Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger +Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der +erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei +Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und +die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in +unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit +Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank +machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir +selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg +mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne, +wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen +Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert +Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da +schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase, +loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«, +»feiner alter Portwein«. — Feiner alter Esel, — Hamburger Sprit +trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, — wir selbst haben ihn +mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du, +der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine +Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!</p> + +<p>Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit +bedarf! —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<p>Vor uns lag die Stadt, — darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen +des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte +maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite +Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte +sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem +Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt +in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen! +Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser +des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre +Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.</p> + +<p>Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben +Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was +so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern +oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten +Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen +mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und +wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten +und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher +schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der +Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der +Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der +Straßen vornehm, behaglich.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß +wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie +wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.</p> + +<p>Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit; +Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und +droben, — Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen +emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte, +lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und +eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde +wiederfindet.</p> + +<p>Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> dem +Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu +sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen +Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt, +um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem +Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken, +Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler +Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser +verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen +plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu +mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten +sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen +Willens.</p> + +<p>Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller +Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; — die Liebe fehlt +doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde +Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im +Viergespann durchs Land kutschiert.</p> + +<p>Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der +Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt, +Handel und Ansehen gesunken.</p> + +<p>Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal +dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum +Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde +hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!</p> + +<p>Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche +Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht +sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die +Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und +der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt, +es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß, +dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel +die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde +die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses +Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht +der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von +Wellenberg und Wellental, so anziehend macht?<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Der gleiche Reiz des +Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und +Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun +im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, — ist's nicht dieser +ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?</p> + +<p>Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der +hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum, +mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so +machtvoll und eindringlich wirken.</p> + +<p>Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu +einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir +müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer +Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie, +wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst +zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit +so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie +unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht, +immer höher und höher hinauf zur Vollendung.</p> + +<p>Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das +Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens +verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst +Liebe sein, — denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.</p> + +<p>Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie +geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder +mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die +Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr +vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte +der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die +Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem +Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, — +hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! — Das sagte der Stein in +tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns +als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. —</p> + +<p>Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um +leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>Seltsam, — wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt +ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe +ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und +seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts, +himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten +zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre +Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich +zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie +in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden +auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die +Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft +in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele +plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch +im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den +herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in +Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die +stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen +Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu +Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben +bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.</p> + +<p>Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. — Ich sitze am +Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die +der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach +oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling +sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung +bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen +aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal +gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit +noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine +der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie +soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber +immer wieder aufwärts führt zur Höhe.</p> + +<p>Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die +Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so +klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen, +sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer +nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in +seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des +Kreises und des Dreiecks.</p> + +<p>Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen: +werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von +Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das +du dir gesetzt, — du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht, +groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr +erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die +ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben! +Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie +einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast +keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es +noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein +schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, — +nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt! +Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!</p> + +<p>Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, — wollen +Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen +verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein +in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal +wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden +Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, — und +kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das +ist's, — der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem +Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses +stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre +stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.</p> + +<p>Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, — fort +mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung, +— baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Liebe in eure +Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum, +Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre +Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! —</p> + +<p>»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich +die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.</p> + +<p>Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und +die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren, +wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf +der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er +aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche +Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner +Mitreisenden für sich nutzbar machen.</p> + +<p>Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische +Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte +er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem +Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele +mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in +ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des +Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt, +— bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und +dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster +so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben +verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.</p> + +<p>Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und +wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das +sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen +Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich +durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind +die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese +gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler +die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der +Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem +Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber +sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die +dem Ganzen ein heiter leuchtendes<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Aussehen geben; das sind die Freuden +des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten, +die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir +anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen, +der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt, +das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal +doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien, +wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der +Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um +schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« —</p> + +<p>Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte +keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines +Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte +keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er +hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.</p> + +<p>Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den +sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es, +das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen +Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte. +—</p> + +<p>Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen, +bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel +an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land +hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und +Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende +Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.</p> + +<p>»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln +eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer +bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus, +offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich +amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich +zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten +der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer +Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen +Ritterdienst.</p> + +<p>Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> wurde +von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich +entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien +einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm +empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller +Hoffnung schied sie von den Ihren!</p> + +<p>Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um +dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers +zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und +starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie +er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen +Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.</p> + +<p>Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und +teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre +Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den +Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder +schliefen auf Deck in der lauen Luft.</p> + +<p>Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir +hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von +Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in +warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der +Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen +Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da +ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm +ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in +unsere Stimmung.«</p> + +<p>Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender +Stimme im Volksliedton ihr Lied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Auf hohem Berge ein König thront</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Des Königs Volk im Tale wohnt</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Viel Krankheit gab's und Elend und Tod</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Der König täglich zu Tale schritt</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Er sorgte sich um des Volkes Troß</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Und linderte Elend und Krankheit und Not</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Da saß am Wege ein Bettelkind</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Laß mich deine Magd im Walde sein,</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Die Welt ist gar so laut und hart</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Sie versteht nicht meines Herzens Art</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ich will dir dichten manch Märlein fein</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.«</div> + <div class="verse indent2">Da nahm der König sie bei der Hand</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und wiederum schritt der König zu Tal</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Da trat zu ihm eine schlanke Maid</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Die Welt verstehet nicht mein Lied</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Sie ist so elend, krank und laut</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.«</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ihr Leid des Königs Herz umzieht</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Daß er auch ihr ein Hüttchen baut</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und wiederum ein drittes Mal</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Der König ging zum Volk im Tal</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ein Weib im weichen Moose saß</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Mit Tränen in einem Buche las</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Wer bist du,« fragt der König sie,</div> + <div class="verse indent2">»Mitten im grünen Wald?</div> + <div class="verse indent2">Was führt dich her vom grauen Tal</div> + <div class="verse indent2">Hinauf zum grünen Wald?«</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">»Die Welt, sie hat verstoßen mich,</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Die Weisheit bin ich, sie hassen mich,</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir</div> + <div class="verse indent2">In deinen grünen Wald.</div><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und schenkst du mir ein Plätzchen hier</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Ich helf dir, König, bei deinem Tun</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.«</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Da baute der König ein Hüttlein ihr</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Und Zauber schritt mit ihm fortan</div> + <div class="verse indent2">Wohl durch den grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Der Weisheit Rat, des Liedes Klang</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Der Dichtung Zauber schritt mit ihm</div> + <div class="verse indent2">Zu Tal vom grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und war er müd' vom Werk im Tal</div> + <div class="verse indent2">Weitab vom grünen Wald,</div> + <div class="verse indent2">Wohl neue Kraft mit einemmal</div> + <div class="verse indent2">Spürt' er im grünen Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Das stolze Schloß verfiel zur Stund</div> + <div class="verse indent2">Mitten im grünen Wald.</div> + <div class="verse indent2">Der König wirkte froh gesund</div> + <div class="verse indent2">Zu Tal vom grünen Wald. — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach, +— ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede +ausging, hatte mich ganz umsponnen.</p> + +<p>Da riefen die anderen laut durcheinander, — der Zauber verflog: ich +war nicht mehr im grünen Wald — —</p> + +<p>Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.</p> + +<p>In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im +Ozean, — fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?</p> + +<p>Noch eine Wendung nach Osten — und vor uns in blauem Zauberduft lag +Madeira.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den +Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich +die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem +Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.</p> + +<p>Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig +aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün +der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis +bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt. +Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem +Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen. +Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin: +hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes +Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, — dann beginnt die Region des +Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende +Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in +zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich +allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend +die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu +umfassen scheinen.</p> + +<p>So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis +der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den +Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische +Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen +lauter Lärm.</p> + +<p>Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser +Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den +Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel +abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen +vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen +Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend +in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu +zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> kleinen +Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser +schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher +Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig +kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten, +Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar +glich.</p> + +<p>Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren, +ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat. +Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert +von einem Zechgelage von gestern. —</p> + +<p>Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der +vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art +offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in +einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue +Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche, +noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder +streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins +Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark? +Sie mußten wirken, — nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der +Kraft!</p> + +<p>Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch +zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.</p> + +<p>Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten, +zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau- +und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern +rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen +Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen — ein Garten +Eden.</p> + +<p>Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich +mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle +ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne +gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der +Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie +wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen +Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres +Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren +Körper.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr, +— sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an, +— ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, — da +beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun +raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt +er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende +Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein +leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich +ihre Augen in die des Gatten senken. —</p> + +<p>Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir +so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr, +die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit +Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! — —</p> + +<p>Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein +Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir +meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen. +Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen +zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge +zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich +waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das +Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht +der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts, +immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich +ein neues, liebliches Tal, — auf der Insel des seligen Lebens das +Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher +gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten +Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen +aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem +Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.</p> + +<p>Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein +märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit, +umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen +den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei +weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Gras. Ich sprang +vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das +Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan. +Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den +Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den +Pfad. Steiler führt er bergan.</p> + +<p>Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können, +eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.</p> + +<p>Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.</p> + +<p>Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen +bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der +Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei +meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.</p> + +<p>Jetzt weiter dem Gipfel zu.</p> + +<p>Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort +hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß; +kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die +Wolkenschichten, die Nebelschleier, — zu meinen Füßen der Wald, — +noch eine Steigung, — endlich, endlich am Ziel.</p> + +<p>Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und +Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit +seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen +das ewig blauende, reine Meer — da fällt mir ein, wie ich vor Jahren +hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von +Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt, +und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und +Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre +Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite +schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem +Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, — hinüber in +das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und +Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich +klein, — mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war: +die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend +zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen, +Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel +von Osten nach Westen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> reichten, — Schwingen und Hände, die vom Süden +bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.</p> + +<p>Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer +in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten +und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und +da ein Größerer, — und dort, alle überragend und beherrschend, wie +der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen, +stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich. +Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der +Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.</p> + +<p>Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich +war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus +ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier +heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele +gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt — +was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst +von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur +Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster +Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch +menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen +schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in +Elend und Tränen und Gram.</p> + +<p>Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der +Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im +Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, — ich mußte es +ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was +mich schier erdrückte, — und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier, +von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als +ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, — mir war's, als ob der +Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so +daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See +der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land. +Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:</p> + +<p class="center"> +»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!<br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther +und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht! +Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um +dein Volk, um die Menschheit!</p> + +<p>Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an +Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, — dir ebenbürtig +als Freier, Starker! So mußt du mich hören!</p> + +<p>Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen +und Millionen kennen dich nicht, — wie du sie nicht kennst! Wen +kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar +Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich +nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen +kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst +du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich +freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?</p> + +<p>Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du +sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos! +Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit +ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen? +Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und +schaust selbst nach?</p> + +<p>Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder +im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein +Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es +ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.</p> + +<p>Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen +Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine +Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze +bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!</p> + +<p>Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt! +Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und +schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich +zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du +ihnen befohlen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden, +die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? — Nein? +— Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von +Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst, +und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in +den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. — —</p> + +<p>Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der +Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du +wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir +alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach +verkommt! — —</p> + +<p>Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in +der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren, +die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die +Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, — sie stinken, wie Kloaken! +— —</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung! +Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber +deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus +war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein +Volk nicht.</p> + +<p>Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur +Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.</p> + +<p>Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie +haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber +hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie +über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen, +die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt +es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und +du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst, +so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei +Purpurmäntel übereinander anziehst!</p> + +<p>Lern dein Volk kennen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine +Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!</p> + +<p>Deine Demut sei deine Größe!</p> + +<p>Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt +in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!</p> + +<p>Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das +Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht +unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus! +Härte und Hochmut erzeugen Haß!</p> + +<p>Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen +Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen, +wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine +Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich +zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem +Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens! +Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« — —</p> + +<p>War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen, +der rauschte? — Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen? +War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der +Heimat brach? — Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die +Luft. — Er mußte mich gehört haben, — tausendfach rollte das Echo +durch die Luft dahin, — ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab +sie weiter, millionenfach sie verstärkend. —</p> + +<p>»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und +Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue +um dich, die in Sorgen um dich sind. — Deine Schmeichler und Höflinge +zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! — Ich aber stehe inmitten +eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht +lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! — Oh, lern es +kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die +Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch +deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt! +Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>Wunderlich, — noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als +ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die +leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern +trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so +voll von neuen Hoffnungen und Kraft, — ich fühlte es, ich war genesen!</p> + +<p>Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel +zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun +noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu +meinem Volk zurückzukehren!</p> + +<p>Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!</p> + +<p>So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich +wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel +gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der +Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich +ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.</p> + +<p>Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor. +Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, — der Deich mit +seiner Jasminlaube, — die Heide mit ihren wilden Rosen, — in Träumen +schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu +einer Heiligen betete.</p> + +<p>Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen +Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes +Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd +ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen +uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum +zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, — ich mußte +sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da +hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.</p> + +<p>Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!</p> + +<p>Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.</p> + +<p>Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel +erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich +nicht zu übermannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein +blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim, +— und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein +Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich +mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte +sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.</p> + +<p>Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und +war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme. +Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und +sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.</p> + +<p>Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm. +Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das +Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und +vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme +aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.</p> + +<p>Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den +Menschen so ganz allein?</p> + +<p>Nein, und tausendmal nein, — ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch +Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter +und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und +undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich, +ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.</p> + +<p>Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang +seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum +letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse +ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">O Urleid du, von Menschheit Anbeginn,</div> + <div class="verse indent2">Du Urquell aller Schmerzen!</div> + <div class="verse indent2">O Scheiden, bittres Meiden du,</div> + <div class="verse indent2">Du Tod für alle Herzen!</div><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Hätt' nimmer ich das Glück verspürt</div> + <div class="verse indent2">Vom glutenheißen Lieben, —</div> + <div class="verse indent2">Zwar wär ich tot, doch glücklich wär'</div> + <div class="verse indent2">Im Tode ich geblieben.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Doch da ich selig nun erkannt,</div> + <div class="verse indent2">Dieses heiße Lieben und Leben,</div> + <div class="verse indent2">So will ich getrost bis an mein End'</div> + <div class="verse indent2">In des Urleids Schmerzen erbeben!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ja, — ich fühlte es mit, — hier verarbeitete ein starker Mensch +seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein +Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes +großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.</p> + +<p>Es ist schon so, — wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung +mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue +Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.</p> + +<p>Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde +trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich +nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen +Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in +eine Quelle neuen Glücks?</p> + +<p>Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah +erschrocken blickte er auf.</p> + +<p>Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und +muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge +auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick +sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen +kein Fremder mehr sei.</p> + +<p>Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte +ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem +Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung +seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.</p> + +<p>Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich +aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> +Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz +verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit +ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den +Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun? +Hör zu!«</p> + +<p>Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als +ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes +Lied in den Abend hinaus:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du,</div> + <div class="verse indent2">Du grausames Schicksal, härter als Stahl:</div> + <div class="verse indent2">Das ist mein Wille, vom Leben gestählt,</div> + <div class="verse indent2">Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt,</div> + <div class="verse indent2">Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz.</div> + <div class="verse indent2">Ich aber trug mein schweigendes Leid,</div> + <div class="verse indent2">Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft!</div> + <div class="verse indent2">Wie eisengepanzert ward mir die Brust!</div> + <div class="verse indent2">Nicht einmal sahst du am Boden mich:</div> + <div class="verse indent2">Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Und bürdest du mir das Schwerste auf,</div> + <div class="verse indent2">Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab',</div> + <div class="verse indent2">Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein:</div> + <div class="verse indent2">Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein +Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele +entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!</p> + +<p>Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird +uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie +der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige +Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> soll zu +Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz +besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die +Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.</p> + +<p>Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.</p> + +<p>Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz +hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen. +Und nun? — In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles, +was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.</p> + +<p>Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm +von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne, +in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan: +neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.</p> + +<p>Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« — »Und das Häuschen?« — »Mag's +ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«</p> + +<p>Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem +Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über +dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt +zu.</p> + +<p>Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für +eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein +Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier +berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite +rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten +wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser +zauberhaften Natur.</p> + +<p>Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das +Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der +sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen, +als ich mit dem neuen Passagier ankam.</p> + +<p>Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder +mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich +ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde, +zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf +von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> ergriff er ihre Hand, +drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie +er murmelte: »Verzeihung, — eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt, +— Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah, +wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.</p> + +<p>Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich +aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing, +wo sie auch ging und stand.</p> + +<p>Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir +dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit +seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue +Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, — +die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel +des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten, +— sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie +nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben +das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch +durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem +Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen +Ozeans.</p> + +<p>Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer +deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen +der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine +Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der +hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.</p> + +<p>Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres. +Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die +Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf +dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten, +machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der +Hoffnung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<p>Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch +blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf +Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen +unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es +ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu +können.</p> + +<p>Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit +verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine +heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.</p> + +<p>»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem +Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld +mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.</p> + +<p>In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen +prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem +Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.</p> + +<p>In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein +wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, — ein Ruck, +und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend +verduftete der Held aus Ofen-Pest.</p> + +<p>Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und +wie es im Leben geht — ein an sich keineswegs welterschütterndes +Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler +sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise +zusammenzuschließen.</p> + +<p>Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere +auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns +mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll +empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.</p> + +<p>So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen +sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und +sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide, +ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder +nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> haben, was sie +immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist +der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie +die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die +sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.</p> + +<p>Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im +steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich +lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der +großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.</p> + +<p>Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede +Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend +zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und +Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!</p> + +<p>So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen +anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen +und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu +erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische, +nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene +Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und +mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam +zugrunde gehen.</p> + +<p>Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis +beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller +Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir +sämtlich die Frage bejahten.</p> + +<p>Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, — was ist die Seele? Ich +sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.</p> + +<p>»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und +nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu +ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch +während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen +und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt, +und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.</p> + +<p>Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> und +etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und +nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele +des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.</p> + +<p>Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und +Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges, +Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was +es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt +ausmacht, und den wir nie ergründen können.</p> + +<p>Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner +Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, — die sollten +keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.</p> + +<p>›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört, +nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das +Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?</p> + +<p>Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt! +Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um +der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes +Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit +ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; — und all diese +Geschöpfe sollen seelenlos sein?</p> + +<p>Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem +wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen +können.</p> + +<p>Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, — — wie das +von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch +so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend, +zusammenfließen.</p> + +<p>Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie +keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.</p> + +<p>Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl +nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages, +vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine +Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit +Liebe auf den Stein — mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie +ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> noch zu +sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht +so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.</p> + +<p>Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt, +erkennen!«</p> + +<p>Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.</p> + +<p>Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen, +schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen +fröhlich neben dem Schiffe hin.</p> + +<p>Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit +angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand +und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich +bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen +wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen +Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft +zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir +uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag, +sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf +meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser +erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf +dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung +aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte +Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.</p> + +<p>Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer +Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen, +auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und +Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß +es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer +bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen +und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen +Schiffskost.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> + +<p>Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere +wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe +wir nie ergründen können.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es, +als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns +alte Bekannte.</p> + +<p>»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte +plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar +weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh, +— ich habe eine Idee: — wir setzen uns hier zusammen in die Sonne, +und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von +daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und +da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt +werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen, +aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder +auseinander, — nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber +durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die +Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden +so reicher, weiser, klüger — und vielleicht,« fügte sie schelmisch +lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die +Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig, +desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile. +Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben +einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns +hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu +mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in +meinem Madeirastuhl.</p> + +<p>»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war +immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.</p> + +<p>Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon +von ihm wußte.</p> + +<p>»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der +schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ich in +ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken, +jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele +noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid. +Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre +Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine +Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, — oh, mein Gott, +wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht +weich zu werden.</p> + +<p>»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin? +»Doch,« — fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die +frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und +die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den +letzten Jahren erreicht.«</p> + +<p>Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen, +die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.</p> + +<p>»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine +Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.</p> + +<p>Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll +Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich +ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte +und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater +war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun +wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war +in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky +verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als +Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.</p> + +<p>Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren +anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein +elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von +Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der +Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen +liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die +gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem +Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> hatte er an sie gestellt: +Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden +Schenktischen.</p> + +<p>An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine +Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen +Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf +mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.</p> + +<p>Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich +habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das +schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der +Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr +die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. —</p> + +<p>Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile +Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das +Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag +in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer +an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen +Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als +Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart +verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie +eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens +sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um +in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das +ihrige zu vergessen.</p> + +<p>Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.</p> + +<p>Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht +getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles +Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen +Leidenszeit waren.</p> + +<p>Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht +kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf +die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen +mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die +Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich +ist Schwäche, — nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der +Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod.<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Das ist eine +billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder +die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet +haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden, +sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun +Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen +mit Ihm, — das ist herrlich, — das ist die Lösung, auf deren Höhe wir +es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel — Hölle, wo ist +dein Sieg!</p> + +<p>Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst +war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere +Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam +nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war +es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und +meiner Kranken wurde.</p> + +<p>Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira +über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich +auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die +liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist. +Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war +zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod +entrissen.« —</p> + +<p>»Und ich bin ihre Schwester!«</p> + +<p>Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend, +abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe +vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von +Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er +aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da +habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr +Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie +mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in +der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.</p> + +<p>Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: — »Hier, nimm +diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit +unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das +Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> +Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort. +Man sah, sie brauchte Einsamkeit.</p> + +<p>Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend, +träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß, +klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin. +Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es +bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.</p> + +<p>»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach +sie —, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester +gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit +und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der +Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«</p> + +<p>Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir +den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich +hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise +offenbarte.</p> + +<p>Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.</p> + +<p>Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und +durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.</p> + +<p>Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von +dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an +daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines +Hauses war.</p> + +<p>Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der +sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte, +gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall +durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken, +daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und +Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil +hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die +Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten +drängen wollte?</p> + +<p>Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für +den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Himmelsgabe +nie gekannt, — und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und +von sich gestoßen hat.</p> + +<p>Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des +Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!</p> + +<p>Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den +Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde, +wenn die Sonne nur auf einen Augenblick — nicht die Sonne wäre! —</p> + +<p>Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre +Aufgabe erfüllt. —</p> + +<p>Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man +Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie +dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir +waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander +sehnenden Menschenherzen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer +unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten +einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los +an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist +etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer +machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder +einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist +ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar +feiern müssen.</p> + +<p>»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser +Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre +noch Platz genug.«</p> + +<p>»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der +Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer, +die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter, +die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl +polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide +das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat +aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> wir +hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien +Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu +begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen +auch nicht wieder los.</p> + +<p>Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren +Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, — nicht wahr, Schatz?« +und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und +zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, — »aber wenn +sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts +mehr in der Welt.</p> + +<p>Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung +mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer +nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische +Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe +zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie +unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser +gewesen.</p> + +<p>Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster +Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade +dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und +bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine +neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel +aus unserem Menschenleben lernen. — Wie einst bei uns in Hannover, +so geht's wohl überall in der Welt, — in Elsaß und Lothringen nicht +anders als in unseren Kolonien, — schließlich ist die Liebe doch eine +stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«</p> + +<p>»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker +durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner +hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen +erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der +eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll +Liebe und Gerechtigkeit.« —</p> + +<p>Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in +mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die +Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> werden, +— aber seltsam, — gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft, +wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, — +an denen wir merken, daß der Frühling kommt. — Ist es das, was den +Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«</p> + +<p>Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des +Geistes, der nach Liebe hungert.</p> + +<p>Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, — oh, er war +gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der +Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.</p> + +<p>Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener +preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten, +die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der +Liebe! —</p> + +<p>Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es +nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!</p> + +<p>Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht +vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! — — —</p> + +<p>»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte +sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft +niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder +gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen, +das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe, +und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch +ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide +ahnen läßt.«</p> + +<p>Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich +verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer +weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie +seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.</p> + +<p>Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie +starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im +Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren +Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen +Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den +feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen +Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß +den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom +Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!</p> + +<p>Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend +brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt +und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das +ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte, +wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, — endlich +erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte +die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich +erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim. +Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir +ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt +sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große +Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«</p> + +<p>Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin: +ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick, +das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf +wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus +der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen +am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit +ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines +Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal +sehen!« — Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der +Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen +Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion. +Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der +zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, — während +ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt +die Kirche nieder, die wir alle so liebten! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« — »In der Heimat,« erwiderte +ich, — »das Heidemärchen hat's mir angetan.«</p> + +<p>Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem +Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.</p> + +<p>Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das +Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, — aber wie +ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel +hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah +ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. — —</p> + +<p>Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu +erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der +Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.</p> + +<p>Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes +Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um +den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.</p> + +<p>Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner +Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze +künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser +künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug +die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen +Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel +empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns +alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir +eins sind mit dem All.</p> + +<p>Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in +Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen, +um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur +einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren. +Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den +ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die +Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre +Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche +geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit +strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, du bist die Mutter der Kraft!</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, du bist die Mutter der Tat!</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, sei mit uns! — — —</span><br> +</p> + +<p>Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer +Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom +Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der +kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat +hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein +Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich +denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über +die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau, +ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im +Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. — —</p> + +<p>Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor +mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten +Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt +und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört +es auch mit in meinen Reisebericht, — als ein Bindeglied im Geiste +zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein +Sehnen trug.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den +abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst +hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe +geführt. Ja — es war offenbar — sie gaben sich alle Mühe, die durch +Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.</p> + +<p>Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.</p> + +<p>Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich +flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die +deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten +sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte +sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde +wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der +Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.</p> + +<p>Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah +schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten +Gesichtern, — und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die +sich grämten und schämten über Grauen und Elend. — — — Der Geist der +Tat war weggespült mit Bier. — —</p> + +<p>Es war eine schlimme Nacht. —</p> + +<p>Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich +erwachte. — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und +reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt. +Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen +und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die +»<span class="antiqua">soupe de galienas</span>«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und +die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren +Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre +Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen, +rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz, +und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls +beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und +die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im +Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.</p> + +<p>Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte +an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk +wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand +an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah +das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten +Wurzelgeflechte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<p>Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern, +— nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, — nein, fröhliche, +frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese +feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen +Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch +und freudig herausleuchten. — Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du, +daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben +im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit +deiner Macht! — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er +begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr +wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das +Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende +Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum +Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer +Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie +eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden +stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den +fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.</p> + +<p>Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten +Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur +auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das +intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen. +Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen, +am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung +hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem +sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers +Meer zu wandern.</p> + +<p>Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.</p> + +<p>Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner +handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus +eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen, +energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Arbeiter. +Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine, +klug, kannte die halbe Welt, — aber sie war eine Kokette, kalt und +sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens +der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel +vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und +seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen +Empfinden nicht genügend Rechnung trug.</p> + +<p>So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des +Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre +innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib +hatte es auf mich abgesehen.</p> + +<p>Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen +Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle +an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich +immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, — +unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in +dem zukünftigen Staate jener.</p> + +<p>Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.</p> + +<p>Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser +schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38 +Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da +habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen, +wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst +nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach +Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen. +Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können, +wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des +Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so +erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser +Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut +durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen; +das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland +schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> entraffen, Werkzeuge, +Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden +wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll +nach innen und außen.</p> + +<p>Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will +ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe +überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem +Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die +meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich +fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und +geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei, +so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren +konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich +leben, ich solle nicht die weite Reise machen, — fast hätte sie Gluten +in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich +los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«</p> + +<p>Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick +nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille +Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten, +der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.</p> + +<p>Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten, +standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so +hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde, +fast jedes Wort.</p> + +<p>Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war +eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine +kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den +Raum hinaussang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich kenn' dich nicht mehr,</div> + <div class="verse indent2">Und ich mag dich nicht mehr, —</div> + <div class="verse indent2">Wir haben die Rollen vertauscht!</div> + <div class="verse indent2">Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt,</div> + <div class="verse indent2">Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt,</div> + <div class="verse indent2">Ist meine Liebe verrauscht!</div><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Einst warst du mir meine Märchenblum',</div> + <div class="verse indent2">Die blaue, am Meeresstrand, —</div> + <div class="verse indent2">Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort</div> + <div class="verse indent2">Und weißen, toten Sand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Einst warst du mir meine Königin,</div> + <div class="verse indent2">Mein Lebenssonnenschein, —</div> + <div class="verse indent2">Jetzt höre ich nur in einemfort</div> + <div class="verse indent2">Das Sterbeglöckelein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Jetzt möchtest du wohl,</div> + <div class="verse indent2">Und jetzt kann ich nicht mehr,</div> + <div class="verse indent2">Wir haben die Rollen vertauscht!</div> + <div class="verse indent2">Ich kenn' dich nicht mehr,</div> + <div class="verse indent2">Und ich mag dich nicht mehr, —</div> + <div class="verse indent2">Meine Liebe, die ist verrauscht!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Armer Bursche, — welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? — +Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles +Bestehende.</p> + +<p>Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, — ich hörte, wie der, der sie +handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog +die Feuertür des Kessels ins Schloß.</p> + +<p>Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges +Lied von der Arbeit.</p> + +<p>Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast +beklemmend unserer bemächtigt hatte.</p> + +<p>»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem +Freund Rheinländer gegangen, — und doch um vieles anders. Ich bin +eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, — +wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher +Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen. +Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst +war kinderlos — eine Folge jener Liebschaft.</p> + +<p>Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie +um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Mann +zu hassen, — nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart +hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut, +nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen +Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für +beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.</p> + +<p>Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten +nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von +ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß +wir uns voll und ganz verständen.</p> + +<p>Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert. +Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und +arbeitsfroh, — irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«</p> + +<p>Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung +bei diesen Worten. —</p> + +<p>Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und +Sichmitteilen. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise. +Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am +Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang +es in meiner Seele.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von +einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div> + <div class="verse indent2">So schwinden Raum und Zeiten,</div> + <div class="verse indent2">Und schreit' ich einsam durch den Wald,</div> + <div class="verse indent2">Du wandelst an meiner Seiten!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Und wenn du noch so fern mir bist,</div> + <div class="verse indent2">Ich kenn' dein Denken und Fühlen,</div> + <div class="verse indent2">Und dankbar spür' ich deine Hand,</div> + <div class="verse indent2">Die mir die Stirn' will kühlen.</div><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div> + <div class="verse indent2">Und das ist immer und immer,</div> + <div class="verse indent2">Die ganze Welt mir wonnig ruht</div> + <div class="verse indent2">In rosigem Hoffnungsschimmer.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Wenn meine Seele die deine sucht,</div> + <div class="verse indent2">Dann schwinden Sorg' und Kummer,</div> + <div class="verse indent2">Du bist bei mir, und selig leg'</div> + <div class="verse indent2">Ich mich zum letzten Schlummer.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet. +Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde +Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen +können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat! +Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, — so +konnte und durfte diese nie versiegen.</p> + +<p>Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den +Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat, +draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen +der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war +es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der +Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von +Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich +über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke, +saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux — +und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen +Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk. +Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister. +Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases, +seines Portemonnaies, im<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was +Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die +sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den +Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag, +in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für +unsere Kultur wird.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut +werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen +Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der +zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten +— Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt — und hatten +sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke +derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch +als wundersame Lebensweckerin empfanden.</p> + +<p>So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich +sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen +sei.</p> + +<p>Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem +Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der +Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen +mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der +Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.</p> + +<p>Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar +geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer +liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch +wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen +Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den +Erzählungen der Freunde.</p> + +<p>Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der +Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden +Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust +zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und +von allem und jedem erzählte ich, und wenn<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> ich's nicht tat, war des +Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich +nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte, +wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte +mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die +offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das +Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie +komponiert hatte.</p> + +<p>Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied +gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut, +das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß, +— viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit, +— aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und +mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung +lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete +Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das +Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches, +liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und +meinem Weibe?</p> + +<p>Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit +unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?</p> + +<p>Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen +Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst, +daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn +sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht +sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen +vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der +Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten? +Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel +Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten +oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen +Unfug verursachten!</p> + +<p>Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer +Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte +nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um +gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in +die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den +Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und +doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über +Vorteil bringen würden?</p> + +<p>Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler +unterstützt, wo und wie sie konnte?</p> + +<p>Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler, +damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter +dem Bierglas hockten, — die Schenkwirte und Brauer, die in den +Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die +Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch +das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten? +Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen +Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen +Ungerechtigkeit und Härte.</p> + +<p>Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und +tausendmal nein, — hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue +Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung +einglutetest, — ich fühle es, — jetzt schon, — der Kampf muß zum +Siege führen! — —</p> + +<p>Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper +in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber, +das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften, +so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind, +zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf +schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten, +aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.</p> + +<p>So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und +Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher +gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts +ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses +Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender +als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die, +auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend +eine Kraftäußerung der Materie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p> + +<p>»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis +zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die +Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich +geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die +ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des +Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit +desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und +Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser +Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem +er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die +ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.</p> + +<p>In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht +zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt +werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück +vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich +sind.</p> + +<p>So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin, +die in unserem neuen Freunde, — hier wandte er sich zu unserem +Österreicher — wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der +mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun +verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das +auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich +auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«</p> + +<p>Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere +junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und +drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.</p> + +<p>So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete, +daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast +sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und +verschwand.</p> + +<p>Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter +auf, als er bei Tische nicht erschien.</p> + +<p>Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«, +bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil +sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> vergolden, an: +»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich +vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt +diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?</p> + +<p>Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer +nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es, +als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem +aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die +Regierung nicht.</p> + +<p>Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da +ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk, +meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird. +Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich +macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen +werden, — gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich +macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz +und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine +Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein +Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft +sieht.«</p> + +<p>Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder +einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam +mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er. +»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache +dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen +Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist +neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer +Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland +nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen +Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung +kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.</p> + +<p>So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht +gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens — in der +Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen —, während +in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse +hineingepaukt werden, von denen er nach<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Schulschluß neun Zehntel +schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann +und Weib genügend drangsalierte.</p> + +<p>Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder +unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte +und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und +Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen +gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn +in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie +viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen +dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn +je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid +geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« —</p> + +<p>Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor +kurzem selbst alles erlebt hatte. —</p> + +<p>»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das +die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von +der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge +Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische +Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal, +ins eigene Haus, — das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!</p> + +<p>So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf +der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes +Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten +kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr +Mann und Weib, Volk und Regierung.</p> + +<p>Freilich, — so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das +ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, — dazu ist durch +unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes +oben und unten proletarisiert.</p> + +<p>Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in +den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen +aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz +bilden.</p> + +<p>Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und +Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> +ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die +Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder +jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten +hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für +andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb +der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo +sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der +Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann, +und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen +breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark, +gesund, glücklich, fröhlich, — unüberwindbar auf jedem Gebiete.</p> + +<p>Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder +aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung +und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene +Ausbildung und Bildung verlangen.«</p> + +<p>»Bruder, Freund, — das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!« +— »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken +wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen +System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier +ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt +und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort +eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein +hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem +Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in +die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.</p> + +<p>Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig, +ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine +Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall +schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!</p> + +<p>Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen, +durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz +und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn +sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in +dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt +uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> ein Reichswohnungsgesetz +aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen +im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut +werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu +Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so +hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«</p> + +<p>Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst +länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn +der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, — hier galt eine +Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles +Land in eine Oase umwandeln könnte! —</p> + +<p>Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue +Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige +Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über +die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner +Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages +entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer +Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob +er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht +über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, — sieh nur, wie mir die +Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« — Und ich konnte es nicht. +Ich ließ ihn laufen — und seine Kameraden mit. —</p> + +<p>Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! —</p> + +<p>Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland +in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große +Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im +Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen, +dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. — Es muß so +kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!</p> + +<p>Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute, +Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren +Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet, +verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte +bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> im Gefängnis +gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden +können, — und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes +Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank +sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich +füllte, — die er alle gelesen — und wie gelesen hatte; hier die junge +Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während +sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh, +es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu +machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe. +— —</p> + +<p>Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf +meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war +von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er +schrieb:</p><br> + +<div class="blockquot"> +<p class="center"> +»Lieber Doktor!<br> +</p> + +<p>Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und +vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.</p> + +<p>Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue +es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem +ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und +so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich +Ihnen. — —</p> + +<p>Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach +Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut +bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte +angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.</p> + +<p>Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in +Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde. +Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie +in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie +sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. — Ich war der +Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so +grausam sie mich<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling +dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. — Durch +einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter +meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.</p> + +<p>Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer +Verbindung — alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel +dafür, — und mein Weib — —</p> + +<p>Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht +und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe +bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf +der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur +darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt, +an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn +glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn +zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher +keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt +der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein +Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das +Weib findet, das an ihn glaubt.</p> + +<p>Ich finde es nicht mehr.</p> + +<p>Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann +und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk +verglichen.</p> + +<p>Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie +Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo +die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich +attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider +Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen, +und andere, die überhaupt nicht tönen, — die tot sind. Und wie es mit +den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer +Regierung und unserem Volke.</p> + +<p>Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann, +schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> sie zum Weibe +gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und +die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe +und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und +verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.</p> + +<p>Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der +schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit, +das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher +Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte +schafft.</p> + +<p>Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so +geht es dem ganzen schaffenden Volke.</p> + +<p>Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von +früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei +es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem +göttlichen Prometheusfunken!</p> + +<p>Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende +gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß +Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser +Tausende wächst furchtbare Saat.</p> + +<p>Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber +es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß +verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.</p> + +<p>Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur +ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut +sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in +einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu +errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten +verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. — — —</p> + +<p>Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit +einem Fürsten in der Großstadt.</p> + +<p>Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der +Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die +Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe.<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> Mein +alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, — anders wie die Lehrer im +russischen Reiche zu sein pflegen.</p> + +<p>Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte +er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie +die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen. +Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem +Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft +dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.</p><br> +</div> + +<p>— — Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit, +als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde, +ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände +mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem +Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu +Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise +dachte ich. — Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am +eigenen Leibe verspürt. — Ich las weiter:</p><br> + +<div class="blockquot"> + +<p>Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen. +Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen +Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet, +man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände. +›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er +tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und +brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen +armen, einzigen Freund in den Tod jagte. — Die Pulsadern hat er +sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd +auf seinem armseligen Bette, — händeringend steht seine alte +Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe +nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ — und sein +Auge bricht.</p> + +<p>Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob +ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.</p> + +<p>Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des +Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> feilbot — denn +der Staat brauchte Geld, viel Geld — war wild und toll in seinem +Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der +Nachwuchs, desto sinnloser.</p> + +<p>Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer +Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die +Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr +saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren +gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz +vorher hingesiecht war.</p> + +<p>Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von +ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten +mein Heim in Asche.</p> + +<p>Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner +Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.</p> + +<p>Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.</p> + +<p>Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die +Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben, +die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke, +die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann +wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und +Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter +durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da +erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum +noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen +sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das +Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat, +wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom +Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser +Volk leben.</p> + +<p>Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus +dessen Tiefe giftige Dünste steigen, — Tod und Verderben!</p> + +<p>Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, — mein Leben ist vergiftet, +meine Kraft gebrochen, — ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen, +— ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, — Gott verzeihe mir +meine Sünden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<p>Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen +meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe, +die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.</p> + +<p>Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in +Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie +Ihrem Volke mitbringen wollen!</p> + +<p>Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie +sind, und für das Sie kämpfen dürfen!</p> + +<p>Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie +ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den +Wellenarmen des Ozeans.</p> +</div> + +<p class="mright8">Es grüßt Sie Glücklichen</p> +<p class="mright13">Ihr</p> +<p class="right">unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«</p> +<br> + +<p>Das Blatt flog zu Boden, — ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum +Kapitän.</p> + +<p>»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« — wie ein Lauffeuer +schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und +her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden +abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, — — +Menschenwerk! — unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf +die leise wogende Meeresfläche, — unser Balte ruhte im Schoße der +Unendlichkeit.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!</p> + +<p>Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In +der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum +Grabe, — Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, — Hoffnung läßt +uns den Himmel offen sehen.</p> + +<p>Mußtest du sterben, du Armer?</p> + +<p>War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch +wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<p>Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen +russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort +geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?</p> + +<p>Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter +sind wir! — Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen. +Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, — aber +die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der +Volksseele, — oh, ich weiß es genau —, ich kenne sie, — in allen +Schichten, — es brodelt und drängt, — alte Vorurteile weichen zurück. +Überall schließen sich die Geister zusammen. —</p> + +<p>Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge, +alles sehend, alles hörend, — während mein Körper auf unserem kleinen +Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.</p> + +<p>Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am +ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? —</p> + +<p>Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe. +Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne +Hoffnung! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll +und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht +einstweilen Genüge getan.</p> + +<p>Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter: +mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen, +Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.</p> + +<p>Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.</p> + +<p>Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren +läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert +Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> kündend: »wir +stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend +durchschneidet!« —</p> + +<p>Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte +sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und +gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und +Kastagnettengeklirr.</p> + +<p>Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder +rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten +paffend.</p> + +<p>Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten +hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im +Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.</p> + +<p>Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht +gelingen.</p> + +<p>Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig +weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis +für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer +geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens. +Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht +selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das +Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?</p> + +<p>Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein +Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier +dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes? +Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« —</p> + +<p>Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die +Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf +ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?« +fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar +streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne +Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir +erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des +Geistigen sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde +Geschichte vertiefte.« —</p> + +<p>»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. —</p> + +<p>»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte +fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.</p> + +<p>Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung +des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen +Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben +in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der +glücklichen, gesunden Häuslichkeit.</p> + +<p>In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine +Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.</p> + +<p>Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn +in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und +Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und +neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.</p> + +<p>Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur +Ungeziefer waren.</p> + +<p>Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast +wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die +Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses +Omen.</p> + +<p>Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste +Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die +führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen +Vergessens.</p> + +<p>Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes, +glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen +ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat +vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat +suchen und schaffen.« —</p> + +<p>Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein +verständnisinnig zu. —</p> + +<p>»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den +Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der +Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein +neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<p>Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. —</p> + +<p>»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der +Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.</p> + +<p>Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« —</p> + +<p>Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen +Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf +dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert +hatte. —</p> + +<p>Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für +seine Rettung im Sturme gewesen.</p> + +<p>»Und weiter fuhr mit« — träumte das Hexlein weiter — »die +Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die +Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das +Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen +kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.</p> + +<p>Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher +Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb, +die Sonne, die Wärme zu suchen.</p> + +<p>Und zum Schluß« — hier lachte das Hexlein schelmisch — »ein +schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die +Selbstlosigkeit, und seine Freundin, — die Romantik.«</p> + +<p>»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und +des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich +glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem +Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« — erzählte die +Romantik nun weiter — »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens. +Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung +der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene +Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des +Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins +Land der Sonne, der Liebe.</p> + +<p>Was geschah? — Ihr alle wißt es, — der Pessimismus, unglücklich +darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch +fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit +wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund +und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> + +<p>»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« — sagte das Hexlein +und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser +fröhlich ergriff und herzlich küßte, — »wir können dich herrlich +gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«</p> + +<p>Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin +so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer +weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.</p> + +<p>Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt +ihr was, — wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie +der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den +Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu +ihrem Gatten wollte.</p> + +<p>Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will +ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden, +die die Welt kennt, — Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch +die soziale Hygiene nennen, — in ihrer Begleitung ein junges Mädchen, +die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat, +und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen +Völkern! Und dann, — und dann« — und damit nahm sie meine Hände in +die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen +Augen füllten sich mit Tränen — »dann werden Sie eines Tages in die +Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester +von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit, +die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches +Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit +werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu +erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser +Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es +uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der +du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, — du +stirbst niemals!«</p> + +<p>Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren +Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie +herzlich umfing.</p> + +<p>Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> +Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten +und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und +der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und +andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich +läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen. +Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und +plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.</p> + +<p>Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und +deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge +hinein.</p> + +<p>Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der +Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem +Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen +tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe +Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt +vor mir.</p> + +<p>Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die +schneebedeckte Felsenwelt — Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe, +— unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee, +über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, — allein mit Gott. +Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt +er der Sonne zu, — ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum +Höchsten, zum Ewigen flieht.</p> + +<p>Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die +Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch +ihre eherne Größe.</p> + +<p>Da, — was ist das? — Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann, +das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will +er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. — »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück +geschehen?« — »Laßt mich, — zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der +Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz +liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.«<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> »Aber ich bin ja +Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«</p> + +<p>Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber +geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun +Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«</p> + +<p>Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, — wir laufen.</p> + +<p>Ich sah im Geiste das Blut rinnen, — das treibt an. Endlich am +Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.</p> + +<p>»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs +geschickt.« — Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein +abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe, +verbunden, geschient, — das Blut steht; — nun einen erquickenden +Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, — der Sepp ist gerettet. +Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein +paar ätherische Tropfen, — nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich +gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber +Ihnen vergelt's Gott.« —</p> + +<p>Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen, +überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz. +Da schlief ich ein, und schlief und schlief. —</p> + +<p>Dann kamen Leute. — »Der ist tot. Ist erfroren.« — Vorsichtig trugen +sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten +mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre +Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten +Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er +da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit +blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein +Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in +weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. — — — Da erwachte ich.</p> + +<p>Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da +fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte, +als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen +Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der +Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung, +nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> +tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit +für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie +bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten +für euch, heißt für mich — leben!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das +Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der +Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.</p> + +<p>In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der +Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild +der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des +Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, — es war eine +Herrlichkeit ohne Ende.</p> + +<p>Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich +dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken, +die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur +Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend +traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean +gefahren, — der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, — +und nun? Ein Aufblinken am Horizont, — da ist er, der Leuchtturm von +Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.</p> + +<p>So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte +er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei, +die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast +andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes +Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war, +als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute +in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> mir ein: +ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein +Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer +die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht +es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei +dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und +schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach +diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den +Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur +aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese +höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte. +So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur +ab.</p> + +<p>Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten +Vaterlandes.</p> + +<p>Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die +Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und +wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung +dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der, +der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der +inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was +die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz +gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht +vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller +Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren +Güter der Seele, der Menschheit entstehen.</p> + +<p>Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle +Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit +der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der +Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit, +die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und +Verfeindung aller Beteiligten.</p> + +<p>Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! — — — —</p> + +<p>Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig, +nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie +erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser +Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine: +ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große +Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.</p> + +<p>Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser +Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung +jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts +zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu +erfüllen hat, — ohne Reibung.</p> + +<p>Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation, +sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen +frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die +Konservativen über die Erbschaftssteuer, — sie wollen nichts missen +vom Ererbten — da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler +über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung, +die Brenner über die Branntweinsteuer, — keiner will sich einfügen, +keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von +den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden +oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu +menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten +zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!</p> + +<p>Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur +vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen, +Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die +wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine +unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese +große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder +zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so +unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. —</p> + +<p>Kaiser, — hierher, an die Maschine!</p> + +<p>Sieh, du bist der Kolben; — hier das große Schwungrad ist unser +Reichstag.</p> + +<p>Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine +Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue +Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> warst du ein +schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und +nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen, +wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; — aber nimm das Öl der +Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft. +—</p> + +<p>Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich +sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten +Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren +ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde +gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie +entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich +leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren +Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das +Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich +hörte ich sein Lied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich nehm' meine große Liebe</div> + <div class="verse indent2">Und schütte sie über dich aus:</div> + <div class="verse indent2">Will schmücken mit ihr dein Leben,</div> + <div class="verse indent2">Will schmücken mit ihr dein Haus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Sei du der Glanz der Sterne,</div> + <div class="verse indent2">Sei du mein Sonnenschein;</div> + <div class="verse indent2">Ich will dir Blumen und Früchte</div> + <div class="verse indent2">Bringen als Erde dein!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Sei du mein blauer Himmel,</div> + <div class="verse indent2">Der Sommerwölkchen Heer,</div> + <div class="verse indent2">Und schau' dich in meiner Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Die grundtief wie das Meer!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam, +wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum +emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> ein +gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.</p> + +<p>Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne +durch die Nacht:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ich habe keine Heimat mehr,</div> + <div class="verse indent2">Meine Heimat ist das Grab ...</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen +des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.</p> + +<p>Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, — auf dieser +Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich +hingesummt hatte.</p> + +<p>Brasilien!</p> + +<p>Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.</p> + +<p>Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten +Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine +weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen, +wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer +berauschender der Duft.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns +gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen. +Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten +Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.</p> + +<p>Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer +Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr +versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen +und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder +in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz +vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen: +der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter +er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe +geworden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt, +die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie +bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, — +der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen +zu Ende führen könnte.</p> + +<p>Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung +suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit +offenen Armen willkommen.</p> + +<p>In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in +Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die +erste Zeit versehen — unsere neue portugiesische Freundin stellte +bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung — und sollten +dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber +solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in +Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig. +Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.</p> + +<p>Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das +Duften, das von den Wäldern herüberdrang.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de +Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz +gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die +Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten +lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte +braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht +kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die +brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen +Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen. +Glückliche Unschuld der Tropen!</p> + +<p>Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die +Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den +Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in +den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen +Dampfers meldend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von +Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel +und die wundervoll glühende Sonne.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger +und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein +fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große +Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein +Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.</p> + +<p>Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde +Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich +solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein +Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.</p> + +<p>Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab. +Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell +in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es +vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in +ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich +indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um +die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen. +Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester +Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir. +Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend +stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So — +leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle +mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch +hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er +auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt +seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt +von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore +der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße, +ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft! +Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er +ehrfürchtig erfaßt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<p>Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft. +Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken, +unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich +auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den +Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und +seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als +pharisäisch zu richten.</p> + +<p>Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines +Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, — Wassertrinker +wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem +als mörderisch verschrienen Klima, — noch ist er keinen Tag krank +gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in +seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die +Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum +Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade +wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen +Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von +der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein +naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.</p> + +<p>In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes +Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre +dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die +Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum +zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall +schützend für ihre Kinder.</p> + +<p>Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine +andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade +und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer +und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit +Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk +bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein +großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen +gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen +Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin +war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> vortrefflich gegen die +wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag +um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz +sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.</p> + +<p>Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter +jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur +Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige +Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze +Gesellschaft von dannen.</p> + +<p>Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach +schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den +Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die +Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht +gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den +reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht +schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter +für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift +waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der +Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, — der von den Früchten +entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere +als Wohnstätte und Nahrung zugleich.</p> + +<p>Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche +Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen +Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die +kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung +und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier +an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel +mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter +dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die +Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.</p> + +<p>Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut +mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier +unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche +Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Leben in +Friede und Liebe, — und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und +Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind +nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde +geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns +geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in +unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft +und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser +Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle, +dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend +meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum +Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir +das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und +Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und +Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.</p> + +<p>Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber +verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen, +Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die +sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen +vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?</p> + +<p>Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser +allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere +zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und +Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, — und wiederum nur, +damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen, +diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft +wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit +ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit, +um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere +seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich +auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr +kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und +Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid +ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut, +damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> schwelgen könnt, +unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren, +zugrunde gehen!</p> + +<p>Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger, +Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz, +damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne, +die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde +ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen +hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne, +die die Erde erwärmt und erhellt! —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará +unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und +Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser +Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden +Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia +durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder +zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von +hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.</p> + +<p>Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte +die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte +Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft, +und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu +gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab, +noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem +Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes +hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.</p> + +<p>Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser +großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der +Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend, +unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder +verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer +entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend +dalag, er ist nicht tot, nein, — er lebt, — Scharen<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> buntbeschwingter +Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter +Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es, +wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten, +goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die +Atmosphäre.</p> + +<p>An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit +Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich +tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht, +lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde, +weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder, +gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald, +Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und +wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in +berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd +in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft. +Sternenklar ist der Himmel. —</p> + +<p>Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit, +zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch +an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben. +Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf +mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, — von einem +dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet +zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.</p> + +<p>Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft +herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, — oder ist es mein +Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen +Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie +aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.</p> + +<p>Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die +Stimme des ersten Bootsmannes:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht</div> + <div class="verse indent2">An des Himmels nächtiger Bläue.</div> + <div class="verse indent2">Er scheint in ewig strahlender Pracht;</div> + <div class="verse indent2">Es ist der Stern der Treue.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt</div> + <div class="verse indent2">Und führt dich in Tod und Grauen,</div> + <div class="verse indent2">Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt,</div> + <div class="verse indent2">So wirst du das Morgenrot schauen.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, — es ist +sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt +meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid. +Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die +dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine +Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, — +haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?</p> + +<p>Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, — kaum habe +ich die Tür hinter mir geschlossen, — barmherziger Gott, — was +ist das? — Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse +bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, — einen +blondgelockten!« — Die Portugiesin! —</p> + +<p>»Signora!« — Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an +beiden Händen. — »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken +Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich! +Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit +Ihnen gehen, — denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« — »Ich will +aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« —</p> + +<p>Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe +anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken +das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht +verträgt der Glutenrausch nicht.</p> + +<p>Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre +Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<p>Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora — der +sächsische Offizier geht mit Ihnen, — er hat mir gestern heimlich +anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark +und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will +ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der +Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines +Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß +geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich. +Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«</p> + +<p>Ein glühender Kuß auf meiner Hand, — ein leises Öffnen der Tür, ein +Rauschen, wie von einem Frauengewande, — war es ein Traum gewesen, — +ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? — — —</p> + +<p>Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu +verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.</p> + +<p>Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und +Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.</p> + +<p>Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten +Nerven allmählich wieder Ruhe.</p> + +<p>Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild +gegeneinander: die Gedanken an daheim, — an meine Lieben. Dann aber +wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt +dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres +Steuermannes noch hörte, — das Lied von der Treue. — —</p> + +<p>Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen +Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes, +männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt +sich das schöne Weib an ihn an. — — —</p> + +<p>Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über +das Meer her, — wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, — ich höre den +Jubel und das Geplauder der Kinder, — meiner Kinder! — — —</p> + +<p>Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel +zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und +schlief ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> + +<p>Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, — ich fühle +mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und +Guten, — wie ein Sieger! — Das kommt, — mein Herz ist frei von Reue, +weil es Herrscher blieb über die Sinne.</p> + +<p>Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch +stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der +Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer +hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in +majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.</p> + +<p>Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in +die frische Morgenluft hinausklingen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich streue der Liebe Samen,</div> + <div class="verse indent2">Wie Eicheln der Eichbaum streut,</div> + <div class="verse indent2">Wie Stern' ohn' Zahl und Namen</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne dem Weltall beut.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich streue der Liebe Blüten,</div> + <div class="verse indent2">Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl;</div> + <div class="verse indent2">Möcht' jedes Herz behüten</div> + <div class="verse indent2">Vor Leid und Sorg' und Qual.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">O Frühling, liebewarmer,</div> + <div class="verse indent2">Hätt' ich die Kräfte dein!</div> + <div class="verse indent2">So aber bin ich Armer</div> + <div class="verse indent2">Nur Staub im Sonnenschein!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein +portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nosso céo ten mais estrellas</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossas varzeas ten mais flores,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossos bosques ten mais ares,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossa vida ten mais amores!</span></div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> +<p>Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem +letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen +können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Unsere Wiesen sind so voll Blumen,</div> + <div class="verse indent2">Und unser Himmel voll Sonnenlicht,</div> + <div class="verse indent2">Und unsere Büsche so voll von Vöglein,</div> + <div class="verse indent2">Und unser Leben voll glühender Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Wie auf der Erde kein anderes nicht!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Weib, Weib, — suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? — —</p> + +<p>Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die +zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Den Starken und Klugen gehöret das Recht</div> + <div class="verse indent2">Und den Feigen und Schwachen die Nacht,</div> + <div class="verse indent2">Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,</div> + <div class="verse indent2">Sich selbst erhalten die Macht!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus +schwerem Schlafe erweckten. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der +Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen. +Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas. +Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.</p> + +<p>Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an, +daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder, +Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und +dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen, +zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.</p> + +<p>Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine +Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> zu +Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel +werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist +doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher +Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, — die Seelen, +die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht +haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.</p> + +<p>Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die +junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe +hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt +mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König +an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal. +Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein +Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. —</p> + +<p>Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut +gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird +auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu +beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen +ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben, +solange sie leben.</p> + +<p>Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer, +durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen +Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden +Jungen, meinen sinnigen Mädchen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser +des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im +Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital +und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, — wie ein +Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.</p> + +<p>Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten +Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher +Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> jungen +Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die +Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er +sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller +Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der +Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender +Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, — aber er ist ein bißchen dunkel +ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu +intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist +nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes +Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die +Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks +Versorgung für die Ehe verkaufen, — oft genug an Männer, deren Haut +zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die +Haut jenes Negers.</p> + +<p>Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße, +wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers +unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie +die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich +fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. — —</p> + +<p>Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und +ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch +in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier. +Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle +nüchtern. Und — so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.</p> + +<p>Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch +angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne +hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur +das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere, +der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede +war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und +Mulatten.</p> + +<p>Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und +Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel +zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von +Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> +Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich +es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem +Sprecher den Beweis der Wahrheit.</p> + +<p>So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen +des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit +zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner +unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. —</p> + +<p>Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen +das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier +oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer +unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den +Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in +der Welt so oft den Rang abläuft.</p> + +<p>Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium +einen englischen Arzt, <span class="antiqua">Dr.</span> Jonas, kennen, der von der englischen +Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller +Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen +Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits +das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, — +vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England, +ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich +trug, die den Tod fernhielt.</p> + +<p>Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin +deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen +Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien, +um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit +zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in +ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem +Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen +Hygiene erschien.</p> + +<p>Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen. +Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen +Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort +beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer +des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Ausnehmen +der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die +auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu +Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus +dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu +die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis +und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall +Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!</p> + +<p>An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen +prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen +und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten. +Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die +Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie +wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.</p> + +<p>Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur +die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner +Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame +Heimreise.</p> + +<p>Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf +meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur +Stelle.</p> + +<p>So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, — von der Welt, — nein, +nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur +begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden +Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen +Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden +Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen +Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme, +die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> ausersehen. +Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes +durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln +rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und +Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten +übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne +Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen +Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem +Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem +Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird +immer berauschender.</p> + +<p>Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle +der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein +vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht, +das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr +dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses +Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den +Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt +zu schaffen.</p> + +<p>Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und +blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen +Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt +mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich +mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen +erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die +Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er +gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen +dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für +Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen. +Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat +übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner +ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte, +die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken +ergaben.</p> + +<p>Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all +dieses Unheil, — einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur +ist vollkommen, wohin wir kommen, — wir, wir selbst sind die<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Träger +alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer +werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen +Zeit, unserer Zeit! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen. +Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie +verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, — mir war es, +als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr +wurde ich wieder ruhig und stark, — ruhiger, stärker, ja, ich glaube, +besser, größer, als ich je gewesen.</p> + +<p>Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte +ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere, +die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und +Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte, +neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne, +die mich durchglühte.</p> + +<p>Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten, +waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie +jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich +feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und +vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi +Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.</p> + +<p>Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte +ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite, +voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins +Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach +der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist +Leben, — es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.</p> + +<p>So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar +schöner Traum.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit +unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> gesehen. Er +in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und +Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, — für neue +Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr +Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut, +pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne +euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! — —</p> + +<p>Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke +helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner, +besser, kraftvoller, als bisher!</p> + +<p>In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag. +Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein +paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach +Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde +und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich +huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das +Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie +sich ihren Gimpel gefangen hatten.</p> + +<p>Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital +gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem +sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.</p> + +<p>An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch +verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann +stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der +Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine +Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das +Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er +auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab, +die unsere Tische umgaukelten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein. +Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom +Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein +dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden +und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur +dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> zuwinken, er +möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen +Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser +Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der +Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung. +Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In +diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er +majestätisch den Strom hinab.</p> + +<p>Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem +Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger. +Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her, +hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort +verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte +vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend +vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd. +Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers +erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem +Witze noch hänselnd, da, — ein Aufschrei, — wie ein rasendes Tier +hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu +haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, — ein kurzes Ringen, — +ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des +Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.</p> + +<p>Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr +hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe +aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der +Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die +Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.</p> + +<p>Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie +später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der +vollen Grausigkeit erinnern ließ.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste +Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es +gut, — das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte +ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles +geschehen in der kurzen Zeit! Der König<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> von Portugal ermordet, sein +Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, — die Revolutionäre hatten +gründlich gearbeitet.</p> + +<p>Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil +von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und +Liebe selbst war! Das tut weh, — so weh, als ob im März die Sonne +sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich +erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy +von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen +überfloß.</p> + +<p>Doch da, — was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß +das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste +der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle +uns Wärme gibt, — ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten +Sozialdemokraten, — mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse, +wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und +deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde, +zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem +Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste +Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die +ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie +sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch +gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während +ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am +Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der +Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen +fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel +in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen +lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer, +auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im +Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf +der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen +sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> + +<p>Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen +stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf +den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als +ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht. +Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb +dieses Mal, betäubendes Krachen, — Sekunden nun schwarze Nacht, nun +in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um +Blitz, Donner um Donner, — ein wunderbar majestätisches Schauspiel. +— —</p> + +<p>Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam +glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.</p> + +<p>Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In +Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren +Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer +mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten +sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand, +emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht +gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen, +die allein Licht, Leben schafft, — die Liebe?</p> + +<p>Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts +gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der +Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer +Cholera, — weißt du es noch, du stolzes Hamburg? — Hunderttausende +an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich, +elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im +Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt, +hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen +dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? — In Nacht +liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht +der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und +Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des +Wolkenbruches.</p> + +<p>Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig +währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.</p> + +<p>Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein +Blitz, — der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen,<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> — lichter +wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der +Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel. +Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles +Erhaltende, sei uns gegrüßt!</p> + +<p>Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue, +treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die +Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei, +wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit +die Menschheit vorwärts bringen!</p> + +<p>Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel, +wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den +Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles +Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit +unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große! +Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den +Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht, +gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für +die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse, +er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die +Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige +Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen +großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod, +wann du willst, — ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! — mir +ist es einerlei, — ich hab' gelebt! — Ihr Wellenringe, werdet frei! +— — —</p> + +<p>Ja, stampf' nur, Maschine, — dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu +neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur +Heimat!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie +unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden. +Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah, +umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen +saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> Rindvieh, zahlreichen Pferden und +Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.</p> + +<p>Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen, +der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie +stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen, +stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender +Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von +der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen +Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.</p> + +<p>Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, — ich sah den +Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen +Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses +herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.</p> + +<p>Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an +das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, — ein +Tücherschwenken, ein Händewinken, — und stampfend sang die Maschine +ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in +der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich +über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Es blüht eine blaue Blume</div> + <div class="verse indent2">In fernem Märchenland</div> + <div class="verse indent2">An schroffem Berggehänge</div> + <div class="verse indent2">An stillem Meeresstrand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Und wer die Blume findet,</div> + <div class="verse indent2">Kehrt nimmermehr zurück, —</div> + <div class="verse indent2">Vergessen ist die Heimat</div> + <div class="verse indent2">Und alles vergangene Glück!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Der Blume Duft bezaubert</div> + <div class="verse indent2">Den Wanderer Tag und Nacht.</div> + <div class="verse indent2">Die Welt liegt ihm versunken,</div> + <div class="verse indent2">In blauer Märchenpracht.</div><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich hab' am Meeresstrande</div> + <div class="verse indent2">Die Wunderblume gesehn,</div> + <div class="verse indent2">Leb' wohl, du Welt, du Heimat,</div> + <div class="verse indent2">Es ist um mich geschehn!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben: +andere Liebe! anderer Kampf!</p> + +<p>Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen, +flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die +Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk +über den Wipfeln der Bäume, — düster starrt von beiden Seiten der Wald +auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, — eine frische Brise +weht von Osten uns entgegen, — Seeluft, — nur noch achtzig Seemeilen +von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in +farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln +flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung. +Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt +lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel +empor, — über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem +Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte +ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nosso céo ten mais estrellas,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossos varzeas ten mais flores,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossas bosques ten mais vida,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nossa vida ten mais amores</span> — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die +schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben +Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: — mit reicher +Rückfracht kehrten wir heim.</p> + +<p>Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu +sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe +Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> erklärt, +er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege +nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf +sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen +und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine +Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich +wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre +Freude an mir erleben.«</p> + +<p>Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen +Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame +englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen +Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die +Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch +unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr +kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine +internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine +gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die +»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.</p> + +<p>Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er +hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem +Beutel in die Heimat zurück.</p> + +<p>In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer +lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat +zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein +einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein +ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur +einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, — +und dann in ihrem Schatten sterben.</p> + +<p>Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns +hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr +Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren, +um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh. +Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir, +daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr +Herzensschifflein gefunden hatte.</p> + +<p>Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen +Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> +Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum +Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war, +weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden +konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.</p> + +<p>Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend +mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den +blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. — +Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, — leb' wohl, leb' wohl! +Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die +Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart +arbeitete die Maschine.</p> + +<p>Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der +Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt: +ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch +nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und +Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht +erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen, +daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim +Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.</p> + +<p>Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es, +als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis +erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige +Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt +gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der +nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen, +daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die +Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute +würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen — unheiligen +Rußland erwarten! —</p> + +<p>Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat +an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Bauverein, Drazdak. +Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide +und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue +Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein +fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder. +Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt +von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und +nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir +ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir +sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei +denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch, +mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund +umwandeln!</p> + +<p>Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die +Maschine ihr »Vorwärts«.</p> + +<p>Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans +Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den +Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser +Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf +die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und +gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. — —</p> + +<p>Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, — ich +gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine +Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen +Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie +angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr +geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit +bildete, — den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott, +gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe, +damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum +ins Feuer gießen!</p> + +<p>Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer +Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir +gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg. +Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die +Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> und für die Liebe zu +unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und +in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen, +überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich, +die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.</p> + +<p>Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte, +dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet, +rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, — Wellenringe +aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig +geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und +behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, — so ist's. Die +Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die, +die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie. +Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen +die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen +sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer +Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der +im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt, +— zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, — ins Parterre, wenn sie +einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, — will euch +ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch +einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu +geben, — als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr +aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt +keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, — und das vergeht gar schnell. +— —</p> + +<p>Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der +Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.</p> + +<p>Merkwürdig, — beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher +Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre +so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die +»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und +jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben +umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber +das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> würde ihnen +das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all' +dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei +ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater +der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.</p> + +<p>Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen +dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und +Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich +verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft +berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren +Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen +und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich +sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und +aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister +mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken +suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem +Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!</p> + +<p>Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer +Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher +Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich — das hätte +vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt +vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen +Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für +unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.</p> + +<p>Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der +Kultusminister die Melodie wohl kennt?</p> + +<p>Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib +mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz +von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an +unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel +Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen +Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände +das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise,<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> wie es annähernd +kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei +schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, +solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, +noch Duldung genießt.</p> + +<p>Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird +das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig +aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten +schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem +Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den +Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, +weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen +Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.</p> +</div> + +<p>Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube +in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt. +Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben, +und vorwärts drängt unser Kiel. —</p> + +<p>Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem +und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost +gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und +doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen? +Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine +unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! —</p> + +<p>Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt. +Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf; +— Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die +Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen +Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier, +in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor +Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen +Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd +das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben +zwingt, auf und nieder zu fahren.</p> + +<p>Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine +umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> +Feilenstriche ihr die Form gaben, — waren sie nicht geworden, was +sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses +Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe, +getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden +von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer +Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen +Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese +Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik, +— unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als +Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.</p> + +<p>Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto +mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief +er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so +größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen, +unendlich, unermüdlich.«</p> + +<p>Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein +Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe +zu seinem Vaterlande und seinem Volke.</p> + +<p>Und das Achsenlager, in dem er ruhte, — dieser Eiserne, der uns +vorwärts brachte! — ohne Reibung ruhte, — es lag in seinem deutschen +Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.</p> + +<p>Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den +Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt +Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen +der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene +Standbild des eisernen Kanzlers. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich +flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von +ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die +nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die +wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die +wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte, +schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> sie von +ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts, +den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die +nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr +Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen. +Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten, +so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter +litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch +eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten +sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von +Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt +zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung +geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln, +bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten +sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das +Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte +sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse +in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das +alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande +vermocht!</p> + +<p>Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und +Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden +Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren +vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von +ihrer <span class="antiqua">sunshine society</span>, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch +die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe, +Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke +sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum +jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles +seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens, +wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde +Menschen, die ihr Vaterland liebten.</p> + +<p>Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der +uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus +höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über +den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p> + +<p>Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die +Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen +Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt, +zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine +liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und +herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes, +Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit, +der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des +Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der +Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des +Weltfriedens.</p> + +<p>Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden +Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und +Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas +ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende +Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel, +um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in +den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein +Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von +Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten, +unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte, +wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um +gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so +die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.</p> + +<p>Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland +vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen +habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern +aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland +allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung +gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit +in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von +Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Arbeiter alljährlich +in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald +anders werden.</p> + +<p>Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen +im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch +Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der +Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes +gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar +alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden! +Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in +Gärten der Hesperiden zu verwandeln.</p> + +<p>Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation +durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie +es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis +Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des +Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine +Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der +Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch +aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie +niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren +es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.</p> + +<p>Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem +Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und +bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.</p> + +<p>Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten +doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die +könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So +kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im +deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese +müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.</p> + +<p>»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen. +»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung +eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines +Krankheitszustandes,« — und hier hob sie die Stimme, — »an dem +wir aber<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die +Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung +der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort: +›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin +ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die +es verdient, wie die Tropen die Moskitos.</p> + +<p>Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich. +Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es +war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder +Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten +gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem +Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer +dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre +Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue +Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht +die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen +hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder. +Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen. +Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser +Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.</p> + +<p>Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch +klug.</p> + +<p>Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie +vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel, +in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk +oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre +Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt +und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist +Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt, +jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen. +Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem +sie sich von der Tafel erhob, — »die Hygiene bietet uns Handhaben +genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« — Ich konnte ihre +Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig +Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> mein guter Freund, +der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde +Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die +Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie +durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie +nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.</p> + +<p>Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über +die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den +unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten +des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen +über die Wogen dahin.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in +schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer. +Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er +mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat +nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen +mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten +wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira +erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean, +das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich +ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit +zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen +reichen.«</p> + +<p>Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten +in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend +Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt, +mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän +atmete auf und schüttelte mir die Hand.</p> + +<p>Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.</p> + +<p>Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses +Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser +Geist Gott sein. — Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es +Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, — so mußte Gott die Liebe +sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> an Gott, +an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht +tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube, +der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint, +lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube +ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde +ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde +ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der +Sonne.</p> + +<p>Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat: +der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen +Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang; +Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich, +ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen +wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur +einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle. +Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise +mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen +Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er +tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, — fast wie +die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich, +wie er leise sang.</p> + +<p>Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit +heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr +euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten +die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da +stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit +du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender, +»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich +Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein +Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für +die Auskunft ab.</p> + +<p>»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war +ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> nicht +zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich +vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei. +Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen, +praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten, +oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die +Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land +urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant, +der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann, +der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft +und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der +Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der +unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der +uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser +Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet +— sie alle schaffen Werte, die —« »Und die Könige, die Gesetzgeber?« +»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß +sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden +Fall ist ihre Verantwortung am größten.</p> + +<p>Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die +Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften, +die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser +Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen +zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem +Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung +des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen, +— sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere +menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht +mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur +dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln, +als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet +dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und +Bordellinhabern.«</p> + +<p>Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem +Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche +Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des +Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> +Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren, +glücklicheren Zeit.</p> + +<p>Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken +nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden +unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich +bin Jude, — aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an +der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil +der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner +Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich +nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen +diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der +Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen +anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem +Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel +an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an +sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut. +Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen +krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat, +und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil +begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem +rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der +Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen +mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen +Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes, +etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell +Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie +unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes, +über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich +Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.</p> + +<p>Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so +verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses +überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr +gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig +neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als +auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen.<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Ja, es wird +unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile +von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da +wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar +schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«</p> + +<p>Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean, +ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so +klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen +Menschheit seien.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat, +die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten +noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt +auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne +von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer +deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß +wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes +Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher +meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun +las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht +mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige +einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will +endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter +und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre +nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden +großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem +patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit +geschehen. Nun, — meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen +Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen +dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft +gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht +hatte.</p> + +<p>Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, — unser Schiff geht +vorwärts, — ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat +auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> eiserner +Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit +die Kraft der Wahrheit und der Liebe.</p> + +<p>Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So +wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.</p> + +<p>Aber das ist köstlich, — das alte Gesetz hatte schon rund 900 +Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, — das haben +gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793 +Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut +zu lachen anfing.</p> + +<p>Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich +erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das +Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde +gehen.«</p> + +<p>Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die +Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme +berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.« +Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer +gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert, +mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich +bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil +irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der +Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den +sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in +Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für +sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen +soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, — aber wer +sorgt für alle diese anderen?</p> + +<p>Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben, +in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat, +wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er +unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt +durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden. +Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.</p> + +<p>In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> Bug in +die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte, +und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer +glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und +seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den +Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.</p> + +<p>Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen +Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald +wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu +ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen +an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte +Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, — es war kein +Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte +glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes +höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual +meiner Seele.</p> + +<p>Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen, +wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun, +in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon +wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen +Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben +daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut +genug schien. Und doch, — da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl +Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich +gelehrt auf der Reise, — der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war +in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, — einmal wollte +ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den +österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> +gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins +Gebirge hinein.</p> + +<p>War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder +hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer +das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich +fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten +war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt +in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das +Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß +Dornröschens.</p> + +<p>Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis, +tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes +wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.</p> + +<p>Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor +langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich +geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres, +bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen +Sinnen, — doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier +kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein, +daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und +Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu +müssen um jeden Preis. Ja, — das wollte ich, sobald ich daheim war.</p> + +<p>Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den +anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal +im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun +trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein +weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen +auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. — — —</p> + +<p>Da horch, — vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem +Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer +Nebelpfeife, — das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche +sei.</p> + +<p>Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur +Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so +süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht.<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Das +Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge, +ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.</p> + +<p>Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit +tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir +zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die +Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als +fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner +Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich +sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Ich reite über die Felder</div> + <div class="verse indent2">Im hellen Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent2">Bin frohgemut im Herzen</div> + <div class="verse indent2">Und bin doch so allein!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Der Wind streicht über die Heide;</div> + <div class="verse indent2">Ich merk's an seinem Duft!</div> + <div class="verse indent2">Mir ist's, wenn ich ihn trinke,</div> + <div class="verse indent2">Als ob mich die Liebste ruft!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">So reit' ich über die Berge</div> + <div class="verse indent2">Und durch manch tiefes Tal,</div> + <div class="verse indent2">Ihr Bild in meinem Herzen,</div> + <div class="verse indent2">Bis sinkt der Sonne Strahl.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Bald sinkt die Nacht hernieder,</div> + <div class="verse indent2">Die bringt mir der Freuden viel.</div> + <div class="verse indent2">Ich reite unverdrossen,</div> + <div class="verse indent2">Bis ich an meinem Ziel.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Mein Ziel? — Was war mein Ziel? — Mein Heim stand fest begründet. +Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder, +meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. — Größer noch war +mein Ziel, — so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke +hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem +Elend. Und dabei hatte ich mich müde<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> und krank gearbeitet, und bitter +gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, — zum Verzweifeln +gering.</p> + +<p>Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar +geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend +der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn +der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden, +allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist, +alles erreichen können!</p> + +<p>So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen, +die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich +selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.</p> + +<p>Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß +aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.</p> + +<p>Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für +uns alle.</p> + +<p>Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt, +die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge +dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen +warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit +neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.</p> + +<p>So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und +dann aufs Schiff.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt, +daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen. +Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In +finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und +da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg, +gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.</p> + +<p>Da — ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel +einstürzen wollte, — plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich +soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.</p> + +<p>Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und +an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt.<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> Weit +und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der +Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf +einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich +zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.</p> + +<p>Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von +liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.</p> + +<p>Wie schnell doch die Menschen heranreifen!</p> + +<p>Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger +Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo +der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht! +Recht so — das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur +mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den +germanischen Schutzwall.</p> + +<p>Und mein Ältester, — das freut mich, — von unten auf! Willst du +Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird +und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und +Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren. +Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, — und hilf ihm +später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten +auf durchzumachen hätten!</p> + +<p>Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen. +Ja, — wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche +der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele, +und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung, +damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von +heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe +heute noch nicht ahnen kannst.</p> + +<p>Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, — sah im +Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie +ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken +trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie +schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> ein Kreis sonniger, +gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem +Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt. +Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung +losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns +haben konnten.</p> + +<p>Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem +Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon +mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse +abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen +musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind +geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und +jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben +sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die +Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!</p> + +<p>Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.</p> + +<p>Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen +Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen +Frauen, — da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist +alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem +Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie +möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, — ein Fest im Geiste +einer neuen, schönen Renaissance.</p> + +<p>Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer +Seite, die ich vorhin übersehen:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst +Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar, +als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest, +das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich +darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die +Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche +Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der +Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es +Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe +solcher unglücklichen Familien<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> wieder aufwachen zu sehen zu neuem +Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten, +da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im +Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein +Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat +aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft! +Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für +die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für +diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine +Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend +Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen +Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« — — —</p> +</div> + +<p>Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der +Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen +sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe. +— —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll +durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine +Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.</p> + +<p>Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.</p> + +<p>Herrgott — was ist das? — Der Kaiser hat einem englischen +Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, — er wolle Frieden mit +England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals +im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen +Afrikaner dann besiegt wurden, — — — — — — — — — — — nein, +nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan, +Kaiser, — so klein, so — — so kannst du nicht sein.</p> + +<p>Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben +dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, — und du +als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser +Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das +habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es,<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> drüben über +dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen +dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk +führerlos ohne dich.</p> + +<p>Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst. +Oh, das ist schön, ist groß von dir, — nun kann ich dich wieder lieben +wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich — sie alle +lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen! +Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt +gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren +können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche +Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen +Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden, +damit sie ihr Geschäft machen; — sie können uns dir nicht abspenstig +machen, — denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser +Kaiser, und sollst es bleiben!</p> + +<p>Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten +Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit +vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und +da, — in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über +das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht +sitzt, — beim glänzenden Festmahle — fern von deiner Hauptstadt +— dein Flügeladjutant tot, — dein bester Freund, — tot von der +Tafel gesunken — die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal +umklammert hielt, — der schöne, kraftvolle Mann! — Armer Kaiser, — +deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen +hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! — —</p> + +<p>Sei froh, Kaiser, — es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich +umsponnen hatten und dich blind gemacht! — — — —</p> + +<p>Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, — +als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben +saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den +Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden +gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. — —</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und +schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft, +blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser +erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,« +flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die +Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, — die Nordsee, unsere Elbe —« »Halt +ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, — +und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart +nicht vergessen.«</p> + +<p>Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen +von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend +Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male +ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« — +»Warum?« — »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft. +»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch, +auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die +Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen? +Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen +englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des +Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte +sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die +städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«</p> + +<p>Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als +der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen +dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an +das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.</p> + +<p>»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von +allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen, +so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig +im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im +Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und +hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte +ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare +Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können, +Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger, +als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> wohl dieses +große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz +nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in +Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira +spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der +mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen +eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines +besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein +paar Rippen gebrochen.</p> + +<p>Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und +stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch +bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben: +Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche +Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres +zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee +dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue, +benzinduftende Staubwolken zu hüllen.</p> + +<p>Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub +eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden +und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose +Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.</p> + +<p>»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird +neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren +einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein +Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der +Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu +unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei +solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück +passiert!«</p> + +<p>Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein +paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige, +jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders +angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger +Senators, der, von Ostafrika kommend, den<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Seeweg durchs Mittelmeer +genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in +seine nordische Heimat zurückkehrte.</p> + +<p>Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem +Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort +ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und +lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie +mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh +nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an +der Malaria und am gelben Fieber.«</p> + +<p>»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und +Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die +in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und +Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und +Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn, +und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren +Früchten.«</p> + +<p>Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte: +»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück +gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen +Regierungsarzt <span class="antiqua">Dr.</span> Külz in Kamerun, über diese wichtigen +Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren +Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort +unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort, +der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren +nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen +durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll +der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen +eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit +über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede +des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen +Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt +hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen +Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale +des Reichstages gehalten:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen +Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> der +Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten +bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn +verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde +Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich +ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen +leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat +sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu +geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein +enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene +Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch +der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen +Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden. +(Erneute Heiterkeit.)‹«</p> +</div> + +<p>Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in +unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum +auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus, +der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. — Kaiser, mein +Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung +unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge +mitteilt! — — Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder. +Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet +hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?</p> + +<p>Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen +»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes +Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und +Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese +Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden +sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, — +deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein +verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne +unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer +Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit — Freiheit von +»unserer Kultur!« — aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst +hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht, +durch uns dort herrscht, unterrichten will, — da lachst du mit<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> der +Menge, wie ein unwissender Knabe, — Kaiser, mein armer Kaiser, — +wieviel mußt du noch lernen! — — — — — —</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, — du kannst nicht gelacht haben! — —</p> + +<p>Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil, +das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren +Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend +unterrichtet worden! — Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen +melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für +Manschettenknöpfe zu erfinden, — und hat die Anmeldung zurückziehen +müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher +gemacht hatte. — — — — — —</p> + +<p>Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch +einmal von dem <span class="antiqua">Dr.</span> Külz an und berichtete, wie dieser auf dem +Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von +Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend +wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend, +dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein +lebensfroher Mensch!</p> + +<p>Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser <span class="antiqua">Dr.</span> Külz war ja vor +Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als +Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine +Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis +gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel +gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht +rasten.</p> + +<p>So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er +hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der +Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis +er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen +aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem +Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich +ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und +trug tausendfältige Frucht.</p> + +<p>Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen +des Geistes, die nimmer aufhören!</p> + +<p>Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> +empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den +Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein +junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine +innere Erregung zu meistern.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger +Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg, +über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien +über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein +vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden +Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland +Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit +der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.</p> + +<p>Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das +sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis +dessen, der die Seele der Welt ist, — einerlei ob die Menschen +ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! — Ich aber gedachte der +Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der +Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß +dieser Geist eins ist mit der Liebe! —</p> + +<p>Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband +und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle +»Brüder eines Vaters« sind. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer +wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo +nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen +die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir +die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean +forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit, +da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum +vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte, +von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> immer klang mir aus dem +Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen +wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.</p> + +<p>Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und +her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen +Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie +ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei +Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen +leuchtend überstrahlen, — den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet +euch untereinander!« — und aus diesem Worte heraus, nur immer +maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine +Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert +des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!</p> + +<p>Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem +unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, — wenn +es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?</p> + +<p>Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und +war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?</p> + +<p>Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines +Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter +Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit +seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als +mancher Fürst!</p> + +<p>Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, — und als sie +nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für +ihre Gemeinde!</p> + +<p>Wir haben kein Recht zu verdammen, — aber wir haben eine große, hohe, +heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in +jedem Menschenkinde schlummert, — denn dieses Fünkchen kann zur Flamme +werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie +ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. — — —</p> + +<p>Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser +schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der +Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die +Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p> + +<p>Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor +allem!</p> + +<p>Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist +schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!</p> + +<p>Und weiter, — dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei +Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien +zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere +Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer, +die unsere Gesetze machen helfen!</p> + +<p>Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach +Norwegen und Schweden, — da sitzen im schwedischen Reichstage hundert +Enthaltsame! — Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht! +—</p> + +<p>Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und +im Herrenhause, — sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch +immer nicht trennen! — — Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister +an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht +hinüberseht, — gebt acht, —: dort unten aus dem handarbeitenden +Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der +Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure +Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in +Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht +der Sklavenhalter!</p> + +<p>Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei +Milliarden soll es euch alljährlich fronen — — aber es wird sich frei +machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein +ihm das Mark aussaugt!</p> + +<p>Freilich — von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker +rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares +Kapital ausmacht, — einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit +dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen +Schatz!</p> + +<p>Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein, +euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<p>Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! — — —</p> + +<p>Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn +ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den +tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut +das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid +empfand, desto mehr litt ich mit ihr, — mit ihnen allen. Denn sie, die +die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.</p> + +<p>Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die +Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen +aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!</p> + +<p>Ja, schäume nur, Ozean, — spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir, +— siehst du, — unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all +deinem Wüten, — — so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft +der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich +entgegenbranden! — — —</p> + +<p>Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige +kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das +menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr, +die mich erdrücken wollte, — sondern lauter einzelne, praktische, +greifbare Fragen, — wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag, +sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede +einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne +durchzukämpfen, — vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr +Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere +Menschen zu ziehen, — und selbst zu werden: das ist und bleibt die +Hauptaufgabe für unsere Kultur!</p> + +<p>Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der +klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus +der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu +einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu +unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!</p> + +<p>Und dann wird es kommen, — diese neuen Menschen werden dann Hand +anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens, +— und dann, — und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der +Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein. +Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen +des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, — +immer näher, — aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte +sie nicht mehr auf mich aus, — das war ein fremdes Ideal, — mein +Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in +grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und +Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von +Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen +Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach +milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen +Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und +einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur +Tat in sich verkörperte. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde +drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und +aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.</p> + +<p>Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches +Metier!</p> + +<p>Nein, — dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber +warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine +Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben, +die euch die Wahrheit sagen? — Armer König, — vielleicht lebtest du +heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen +Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!</p> + +<p>Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken +Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er +hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten +zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft, +mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des +heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, — als Spott für die +Straßenjugend von Lissabon. — »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn +getauft.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> — Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig +gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm +zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen +Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen +hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem +Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages +warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier +sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. — Ein Exempel mußte +statuiert werden, — im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit +nachdenken. — Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten +Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. — Den Kopf voller +Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der +Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für +die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.</p> + +<p>Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in +dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. — Woher sie das Geld +nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, — aus dem +Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold +gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? — Auf dem Totenbette +schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.</p> + +<p>So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein +allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie +unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus +viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge +nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen +nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner +Asche! — — —</p> + +<p>Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten +alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im +Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen. +Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man +sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren +gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke +auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> der Gegner, — +hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs +Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten. +Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der +Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas +alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt +werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er +mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf +das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum +Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von +dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich +auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste +angenommen.</p> + +<p>Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine +Samaritertat dir lohnen, — aber für einen König nur ein Stäubchen. +Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf +dich! Ans Werk! Ans Werk! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder +— nein, das kann nicht sein. — Ich lese, — an allen Straßenecken +sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift +angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« — Wahnsinnige Toren! — — +Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen +göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben, +wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes, +leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle +diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die +Sonne selbst, solange es Menschen gibt. —</p> + +<p>Es dunkelt. — — — — Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff. +Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft. +Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen +die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen +des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> durch, die uns von +der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft +sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt +auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen +die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der +Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo +in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend, +durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die +finstere Nacht. — Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, — +die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft, +— hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt +sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut. +Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese +Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff +gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen +bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem — war es ein +Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.</p> + +<p>Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns +hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend +die Hand.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die +ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu +Hause alles wohl. Aber in der Welt? — Seltsam. Nie habe ich die Hand +eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und +sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange +Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, — ich weiß es +nicht. Aber wunderlich ist es.</p> + +<p>Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine +Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand +entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich +verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande +und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt — +in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> Süden +strecken, — also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar +Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert. +Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr, +da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft +hatten.</p> + +<p>Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und +der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise +vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten +Verbündeten aus dem Hause Habsburg, — Wellenringe der Liebe und +der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt +hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und +Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, — wir wußten, du würdest treu sein, — das hast +du gut gemacht, mein Kaiser, — da warst du groß! — Kaiser, mein +Kaiser, — ich grüße dich! — — — — —</p> + +<p>Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines +Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott +muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland +verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, — so straft ihn die +Gerechtigkeit. — —</p> + +<p>Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro, +der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber +sein Volk nicht kannte.</p> + +<p>Und wiederum noch einen hat's gepackt, — den Abdul Hamid, den einst +allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war +sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er +aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit +Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren, +besseren Kultur dämpfen — aber die Macht des Gedankens, die Macht der +Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich. +Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, — +verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!</p> + +<p>Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, — ein verwesender +Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein +Leben verleiht, — und in Rußland die Liebe fehlt. — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> + +<p>Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner +Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des +russischen Volkes.</p> + +<p>Und plötzlich — wie es kam, ich weiß es nicht — fiel mir die +Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns +im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die +Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze +wehe!</p> + +<p>Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches +Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von +großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen +seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen, +dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph +aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem +großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn, +der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der +sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird, +und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu +schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader — und +viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; — und dort +der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort +Castro, da — der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und +Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht +geschlagen und weinte bitterlich.</p> + +<p>Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und +küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten +sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und +ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.</p> + +<p>Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der +Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm +liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um +seiner Reue willen noch einmal lebe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> + +<p>Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll, +ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog +und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer +nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber +nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen, +so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen, +wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.</p> + +<p>Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. —</p> + +<p>Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste +Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo +Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei +zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande +vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte, +Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und +der Schriftstellerei widmen.</p> + +<p>Seltsam, — sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand +hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag: +bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus +der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen +seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch +die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren +Stempel.«</p> + +<p>Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es +fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er +hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat +reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein +Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der +Herrschaft des Dollars, — und er wollte Antilopen und Elefanten in +Afrika jagen? — Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? — —</p> + +<p>Kaiser, mein Kaiser, — du stammst aus deinem Volke! Du gehst<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> nicht +nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! — Ich +weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im +Geiste die Hand. — — — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er +selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer +Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die +Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die +Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand +des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie +aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles +Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar +der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau +kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen +Organismus verbunden sei.</p> + +<p>Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von +Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die +meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie +gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe +auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte, +trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.</p> + +<p>Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so +überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die +Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen +Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vorwärts, weiter stampft der Kolben, — mir viel zu langsam. —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land +gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach +Afrika.</p> + +<p>Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät +war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Finken und +Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen. +Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern +fuhren sie mit ihren Booten an Land, — die einen, um möglichst bald +wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, — die anderen, um in ihr +Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.</p> + +<p>Spanischer König, besinne dich, — denk daran, wie es deinem Nachbarn +erging!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer? +— — Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen, +befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! — Vorwärts! Vorwärts! +— — —</p> + +<p>Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus +Norden.</p> + +<p>Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den +Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und +unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der +Maschinen zu.</p> + +<p>Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften, +den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als +Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über +den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.« +Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der +Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, — wenn +Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker +gewesen ist, der anständigste war er doch, — dann hätten wir die +Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und +Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie +dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen +lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch +mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> ist +gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen +Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«</p> + +<p>»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den +zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den +Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung +aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer, +den sie den Anarchisten nannten, — »denn in dem nämlichen Zeitraum +hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, — sechzig +Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber +nicht dabei, — das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für +seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps +und Bier, — und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen +Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der +Teufel soll die ganze Bagage holen!«</p> + +<p>Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne +Schottentür, daß der Raum dröhnte.</p> + +<p>»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar +um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, — »das müßt ihr mir +eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«</p> + +<p>»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir +entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr +laut sprachen.</p> + +<p>»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof +meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs +Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem +Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde +beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben +fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem +Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt. +Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt +und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte: +›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und +schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.</p> + +<p>Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit +allzu grob, — so wie wir Bayern nun einmal sind. — Was meint<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> ihr? +Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate +habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof +verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und +Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in +meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen, +wie es will!«</p> + +<p>»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse. +»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer +Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich +an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das +Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu +begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport, +— mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, — hier stieß +ich auf Widerstand und dort, — wurde hier schikaniert und da, — da +wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte +mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann +aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum, +Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. — Da graute mir davor, +daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann +euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute +schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden. +Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas +angeht.«</p> + +<p>»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim +Kragen kriegt.« — »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe +nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein +begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen +hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden +Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte +ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf +der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei +der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als +sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der +Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben +habe. — Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. — Dann +wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> das Kind arbeiten. +Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages +kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren +Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis, +sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu +lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.</p> + +<p>Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun +pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben +als ein Freier.«</p> + +<p>Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die +Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des +Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst +mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich +Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte +sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten +mich schier krank. Ja, — es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel +zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der +gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet +werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an +der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr +Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr +Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr +Eltern und ihr Kinder, — wir alle, alle, — was haben wir für eine +rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe, +wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! —</p> + +<p>Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe, +in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine +Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und +der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe +und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln, +durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden +Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> keine +Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte +und keine Menschenverachtung zerstört werde!</p> + +<p>Kultusminister! — Tust du deine Pflicht? — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt +und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und +hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner +gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch +die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu +praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? — —</p> + +<p>Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches +Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer +und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal +herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die +sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der +Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt. +Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen +Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung. +Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht +gemacht.</p> + +<p>Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen +Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung +von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten +Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.</p> + +<p>Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß +es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe +zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.</p> + +<p>Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde +nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen +und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen +Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen +abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Jugend zu +gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.</p> + +<p>Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und +hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie, +ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es +längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien +gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen +hineinzusetzen.«</p> + +<p>»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben +Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte, +Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach +England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und +Alkoholbekämpfung zu studieren.</p> + +<p>Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das +Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer +Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche +Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu +nehmen. Was wollen Sie mehr!«</p> + +<p>»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete +Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der +ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum +Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer +der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den +Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der +Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer +Panik verspottet.«</p> + +<p>Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits +des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war. +Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk +hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen +machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine +Vergangenheit etwas vergessen zu machen!</p> + +<p>Nein, König Eduard, — es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über +dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der +Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht +gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> +vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine +Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der +Macht der Liebe!</p> + +<p>Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres +Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe +in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm +sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in +endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel +fassen kann in seinem Mutterboden.</p> + +<p>Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch +bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der +Schnapsbrenner und der Bierbrauer.</p> + +<p>Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische +Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus +zu bringen, — dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt, +dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und +gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine +Vergangenheit!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von +Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete +uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit +Geisterhand vorwärts der Heimat zu.</p> + +<p>Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite +Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins +meiner Lieblingslieder:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n,</div> + <div class="verse indent0">Schön sind des Südlands dunkle Frau'n!</div> + <div class="verse indent0">Schöner die Heide, mein sonniges Feld,</div> + <div class="verse indent0">Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt,</div> + <div class="verse indent0">Lieb mir der tannenduftende Wald,</div> + <div class="verse indent0">Freiheit ruft mir das wogende Meer --</div> + <div class="verse indent0">Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Herz, mein Herz, was klopfst du so<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> sehr?</div> + <div class="verse indent0">Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer?</div> + <div class="verse indent0">Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus?</div> + <div class="verse indent0">Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld, +Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, — dann ein paar Tage +Nordsee, — Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«</p> + +<p>— »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im +Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. — »Wie weit sind sie +wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein +Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre +schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden. +Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.</p> + +<p>Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche +und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für +alle, die deutsche Männer heißen wollen. — — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des +französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche, +schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes +gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich. +Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, — +nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur +die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.</p> + +<p>Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst +vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten +Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.</p> + +<p>Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, — das wäre +noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die +stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke +und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der +vorletzte dem letzten zur Beute fällt.</p> + +<p>Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine,<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> einen Mund +und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein +Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft +Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele, +die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, — in +Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.</p> + +<p>Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark +zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den +Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen +können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven, +ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die +Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende +Masse, zu drangsalieren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein +Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer +war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren +in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten +Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl +geworden, — man sah es an seinen Augen, — starkknochig, mit breiter, +brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden. +Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war +es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres +Volkes erschimmern sah.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße +einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen +Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens, +in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll +Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen +stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte +und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der +Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift +in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die +Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> immer lauter ein +Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen, +als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen +und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und +Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von +Reuigen, die sich im Jammer wanden.</p> + +<p>Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges +Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis +und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen +den Atem auspressend, das Blut aussaugend, — und mächtig stieg der +Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit +den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.</p> + +<p>Doch plötzlich — was ist das? — Ich höre Lieder singen, frohe, fromme +Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie +im Marschtritt eilt es heran, — immer neue Scharen, — Männer und +Frauen. — Siegesgesänge. — Krachend splittern die blanken Äxte in den +Stamm des Baumes. — Er wankt — er stürzt — und im Fallen begräbt er +unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe +und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und +über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen, +freien Volkes! —</p> + +<p>Da wachte ich auf.</p> + +<p>Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch. +Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.</p> + +<p>Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden, +daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: — Geht über eure +Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure +Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an +den Trunk kamen, — und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie +schleunigst vergessen.</p> + +<p>Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie +sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! — +Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer +Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende, +eurer Sektbowlen — und Bier- und Branntweinzechereien — seht eure +kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in +der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> Lieben, +eure Kranken klagen euch an, — und ich rede für die, die stumm sind! +— Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser, +eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes +zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und +Pestilenz über eure Söhne zu bringen. — Das ganze Elend unseres +Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit +in tausendfacher Gestalt, — das Elend unseres Volkes klagt euch an! +Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden +opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte +und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, — euch, +euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende +hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! — —</p> + +<p>Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche +dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen +aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und +Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe +und der Tat?</p> + +<p>Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang +der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; — ich hatte sie +singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem +Geiste des Weltenmeisters, — seit Jahren hatten sie auch mir immer +wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht — und wie +Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues +Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar, +siegreich bis ans Ende!</p> + +<p>Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein +zu neuen Häusern bauen — jedes Haus ein Tempel, — in den Städten, auf +den Dörfern, in der Heide, am Meere!</p> + +<p>Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, — schon +machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange +— Frohsinn und Freiheit überall, — o mein Gott, es wurde wunderschön +im Vaterlande! — Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen +Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen +Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich, +wie ein Frühling unseres Volkes! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten +Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der +Nordsee zu.</p> + +<p>Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen +Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit +ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht +hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? — Ich kann dir +sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch +zwanzigmal wollten, — das englische Volk will nicht! Das englische +Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit +vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das +arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem +hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier +und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er +ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben +die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen +Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die +jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.</p> + +<p>Merkwürdig, seltsam, — mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr, +daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind, +verwandt in Gedanken und Gefühlen.</p> + +<p>An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle +atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, — »nebenbei +der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, — was wäre +die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr +söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen +Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott +kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke +an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf +ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?</p> + +<p>Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei +uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die +besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen +die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären,<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> und wandeln die +Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in +die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, — so geht's +nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre +erfunden — das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben —: Das +Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht, +in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht +der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur +Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben +zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« — »Aber wie ist das +zu machen?« fragte der Heizer. — »Viel einfacher, als es scheint. +Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder +Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens +entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich +von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt. +Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf +seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder +Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein +Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben, +so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung +von Sachverständigen vergüten.« — »Und die Hypotheken,« fragte der +Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« — »Die werden bei +der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden +Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in +Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien +werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, — aber kommen wird die +Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post +und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt +ihr sagen, was ihr wollt« — und er schlug mit der Faust auf die Bank, +daß sie krachte, — »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten +wir es gleich!« — — — — —</p> + +<p>Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß +da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten, +die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch +nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und +der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes,<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> des Volkes war, +heilig, unantastbar, — das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk +wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause +alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.</p> + +<p>Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte +ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am +Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut +acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch +das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung +bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit +Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns +heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen +Zustände zu bessern.</p> + +<p>Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht +läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. — — — —</p> + +<p>Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras +wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden +für das Ewige.</p> + +<p>Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein +langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei +Gutes mitteilen — ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen, +die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und +uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die +Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das +hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen, +das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.</p> + +<p>So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in +greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir +schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.</p> + +<p>Er schrieb:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»Lieber Freund!<br></p> + +<p>Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.</p> + +<p>Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!</p> + +<p>Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft +begrüßen zu können.</p> + +<p>Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle, +alle!</p> + +<p>Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!</p> + +<p>Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in +ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und +Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!</p> + +<p>Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die +glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen +zu können, — aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg. +Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, — +halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen +mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit +sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.</p> + +<p>Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten +noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie +die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem +Frevel.</p> + +<p>Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend, +zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen +unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen, +unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich +Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und +sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird. +Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von +den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br. +Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt, +sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.</p> + +<p>Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> +melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der +Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben +schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine +Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind. +Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer. +Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen +gründen, — eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, — nächstens +beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich +hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die +Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.</p> + +<p>Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt, +allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der +Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.</p> + +<p>Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet, +damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken +und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der +Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel +den Schülern seines alten Gymnasiums; — ich sage Dir, keiner von +uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, — er +hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte +der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen +erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über, +wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.</p> + +<p>Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner, +Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose +in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser +braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird +sie nicht fürchten!</p> + +<p>Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie +unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen +Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf +Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> + +<p>Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß +nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute. +Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus, +beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke, +zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine +Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die +Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten, +einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein +strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem +Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!</p> + +<p>Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten +durch das ganze Land, — es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm +ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die +gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden +Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen +Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke +mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren +Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen +für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und +Schwestern im Lande.</p> + +<p>Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber +aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen +Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften +seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und +mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann, +weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie +ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du +sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!</p> + +<p>Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden. +Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch +ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die +Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit +allmählich anfangen nachzudenken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> + +<p>Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf +Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und +unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben +alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen +wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.</p> + +<p>Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister! +Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der +alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen +sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude +verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und +durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an +den Kunstschöpfungen unserer Großen, — und, denk Dir, dieses alles +ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem +Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber +wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die +Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern +jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von +Herzen freuen, das weiß ich.</p> + +<p>Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!</p> + +<p>Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König +Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die +Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen +für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und +Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der +Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So +beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er +sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika +zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit +und das gelbe Fieber zusammengenommen!</p> + +<p>Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform +soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige +Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> und gegen +andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man, +den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es +scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die +Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur +zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.</p> + +<p>Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich +mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da +ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß +die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt +sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf +die Dauer Bestand hat.</p> + +<p>Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die +Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf +diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in +diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander +angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes, +einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker +selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so +machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen +zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der +Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser +englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu +wollen.</p> + +<p>Bruder, Du sollst es sehen, — der Menschheitsfrühling naht! Wohl +jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland +zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!</p> + +<p>Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir +schaffen!</p> + +<p class="mright8">Dein</p> +<p class="right">Heinz.«</p><br> +</div> + +<p>Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen +Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! — —</p> + +<p>Kaiser, mein geliebter Kaiser, — oh, ich wußte es ja, du bist groß und +gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest +du den Zeitgeist verstehen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> + +<p>Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so +schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig +längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du +nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die +Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen, +dich fördern sollten! — Doch nun weiter, unermüdlich.</p> + +<p>Weiter! — Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher! +Immer mehr im Geiste der Liebe!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, — diese +Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, — die Reichen und +Großen folgten, — ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und +seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine +Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte +des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute +so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn. +Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des +greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet +her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch +erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte +ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen +Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und +unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der +jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie +er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten +zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen, +einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins +Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im +Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten, +das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit +unserer Frauen!</p> + +<p>Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale +von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam +Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> und Händen, nur von +dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! — — — —</p> + +<p>Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese +alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich +mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du +die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die +Größe liebst, weil du selbst groß bist!</p> + +<p>Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von +Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest +drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos +arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! — Wir eilen heim. — In mir +flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, — von Sonnenschein, von +hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In +Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg +wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen +Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten, +Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun +wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder, +Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der +englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London +gefahren war.</p> + +<p>Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der +englischen Großlogensitzung:</p> + +<p>»In einer großen, von den Guttemplern und anderen +Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen +Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der +Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das +Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor +J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und +ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen +in Schottland,<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> der zweite über diejenigen in England, und ich war +aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung +zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten +die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders +glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise +gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber +es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von +Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von +Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der +anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der +ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft +und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu +versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht +der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen +Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen, +sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹</p> +</div> + +<p>Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales, +Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste +überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen +unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall +wurde sie einstimmig angenommen.</p> + +<p>Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und +Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche +Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution +versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen +neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine +Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des +Weltfriedens in hohem Maße beitrage.</p> + +<p>Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch +vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und +aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst +mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten +glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als +einmal zu hören!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p> + +<p>Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier +Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung: +»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt +gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs- +und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition. +Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den +Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und +Mißverständnisse der Politik.</p> + +<p>Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar +nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere +Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch +zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit +Deutschland in Fühlung zu treten.</p> + +<p>Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie +überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach +dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit +Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die +englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern +Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er, +hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und +streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen, +die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach +Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des +Friedens!« — — — —</p> + +<p>Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr- +und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen +Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit +strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine +Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren, +gegen die Deutschen! Versuch es nur, — aber hüte dich, daß der Sturm +der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt +dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur +Sonne, wie das meinige! — Ich weiß es wohl, — es sind nicht nur deine +eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du +willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast, +— das erste Volk der Erde<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> soll es sein! — Wohlan, wir sind gerüstet, +wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes +Volk von sechzig Millionen! — Wir aber werden euch nicht angreifen, +— wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in +friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den +Wegen der Kultur! —</p> + +<p>Ihr Könige, gebt acht! — Die Völker werden nüchtern und werden durstig +nach Liebe! — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck +zusammen.</p> + +<p>Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten +aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten +Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der +Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu +eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als +dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele +vorangegangen sei, — wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter +den Nationen.</p> + +<p>Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen +Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die +amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits +viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem +heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur +schuf.</p> + +<p>Eine einfache kleine Volksschullehrerin, — aber mit dem Willen zur +Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi +Geist stammte.</p> + +<p>Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem +Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen +Mitglieder im schwedischen Reichstage, — ein gut Teil davon +Sozialisten, — die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege +zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine +Kriege. — —</p> + +<p>Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.</p> + +<p>»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge, +Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> + +<p>»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche +Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch +für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden +zu bewahren.«</p> + +<p>»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche +Unterricht eingeführt.«</p> + +<p>»Fortschritt überall!«</p> + +<p>»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor +allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der +Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder +Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden +der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle +weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne +zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen +Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen +gekommen seien.«</p> + +<p>Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind +durch Tausende lebendiger Fäden!</p> + +<p>»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer +Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und +Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte +herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« — und +wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch +hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung +gegeben habe, — »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der +Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«</p> + +<p>»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden +sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im +Freien, im Wald und auf der Heide.« — — —</p> + +<p>Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu +großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit +meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen +Wellenringe der Nationen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf +meinen stillen Platz hinter der Maschine.</p> + +<p>Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und +putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube. +Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von +meinen Träumen abgelenkt wurde.</p> + +<p>Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe +bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in +aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?« +— »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er +mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und +klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse +der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, — sie ist doch wichtig.</p> + +<p>Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich +allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine +würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet +werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, — +und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend +noch so unbedeutend, — seine Bedeutung hat für das Gedeihen des +Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren +und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«</p> + +<p>Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.</p> + +<p>Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. — — +— Und ich, was war ich denn?</p> + +<p>Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, — +als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große, +graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?</p> + +<p>War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese +kleine Schraube, — war ich überhaupt so viel?</p> + +<p>Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den +Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor +Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem +Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den +Fortschritt der Menschheit bedeutete?</p> + +<p>Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> + +<p>Und doch, — und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die +Maschine. —</p> + +<p>Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich +lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager +lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet +werden. —</p> + +<p>Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner +Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser +Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner +Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.</p> + +<p>Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.</p> + +<p>Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe, +für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.</p> + +<p>Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die +sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie +unaufhaltsam vorwärtstrieb. — Und dankbar dachte ich seines neuen +Erlasses.</p> + +<p>Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt +ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser +Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus +der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den +steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, — allem, was die +Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, — gerade wie +die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der +Nacht.</p> + +<p>Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein +Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne +Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch +immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so, +wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich +und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« —</p> + +<p>Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein +Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus +grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker +überschattend im Geiste der Liebe. — — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und +ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und +sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen +Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von +Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem +treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte, +Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph +gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit +derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als +Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine +Seelenruhe nie erschüttern.</p> + +<p>Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir +je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht +fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue +gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem +man gehört, — treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören, +— die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht +von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, — aber festhalten +heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur +gegenseitigen Förderung.</p> + +<p>So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt +haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer +Völker, zum Besten der Menschheit!«</p> + +<p>Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über +unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den +Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in +einer Kirche der Heimat Ostern feierten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer +der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!</p> + +<p>Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.</p> + +<p>Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst +den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem +Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines,<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> noch +ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß +der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. — Wunderlich, wie +schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der +akademischen Trinksitten! — — — — —</p> + +<p>»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen +nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven +würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue +Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit +einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. — +Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! — Der Vater, +Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch +werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen +und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden +geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn +hochgerissen. — In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege +weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein +gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, — +eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung — +Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, — aber es sei famos, — und +die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als +ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« — — —</p> + +<p>Ein Händedruck. — »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« — Der Kollege fährt +wieder an Land.</p> + +<p>Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes +weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. — —</p> + +<p>Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt +noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, — der +»Sonnenscheinsamen« — der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.</p> + +<p>Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt; +— er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich +antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht +für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft, +zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht +für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> an +sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch +diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein +einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige, +große Aufgabe hat.</p> + +<p>In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme. +— —</p> + +<p>Vor mir lagen meine Lieder.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="p2 s4">Sonnenscheinsamen.</p></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Sonnenscheinsamen</div> + <div class="verse indent2">Schenktest du mir, Geliebte!</div> + <div class="verse indent2">Sonnenscheinsamen!</div> + <div class="verse indent2">Ich aber streut' ihn</div> + <div class="verse indent2">Mit vollen Händen</div> + <div class="verse indent2">In die Herzen der Menschen,</div> + <div class="verse indent2">In reich und arm,</div> + <div class="verse indent2">In hoch und niedrig,</div> + <div class="verse indent2">Ohne zu fragen,</div> + <div class="verse indent2">Ob sie ihn wollten.</div> + <div class="verse indent2">Und die ihn nicht wollten,</div> + <div class="verse indent2">Bedurften seiner am meisten;</div> + <div class="verse indent2">Denn sie saßen im Dunkeln</div> + <div class="verse indent2">Und hatten vergessen,</div> + <div class="verse indent2">Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde.</div> + <div class="verse indent2">Und von den Klugen und Weisen</div> + <div class="verse indent2">Riefen die meisten:</div> + <div class="verse indent2">Halt' ein, du Fürst, du Verschwender,</div> + <div class="verse indent2">Weißt du nicht, was du tust?</div> + <div class="verse indent2">All deinen Sonnenschein</div> + <div class="verse indent2">Entnimmst du dem Herzen</div> + <div class="verse indent2">Und streust ihn,</div> + <div class="verse indent2">Ohne an dich zu denken,</div> + <div class="verse indent2">Über die Erde,</div> + <div class="verse indent2">Als ob dein Reichtum</div><span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> + <div class="verse indent2">Nimmer enden könnte! —</div> + <div class="verse indent2">Toren und Narren!</div> + <div class="verse indent2">Zürn' ihnen nicht!</div> + <div class="verse indent2">Sie kennen dich nicht, Geliebte,</div> + <div class="verse indent2">Noch deinen Samen.</div> + <div class="verse indent2">Kennen nicht seine Kraft</div> + <div class="verse indent2">Und wissen nicht,</div> + <div class="verse indent2">Daß, je mehr ich ihn säe,</div> + <div class="verse indent2">Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht,</div> + <div class="verse indent2">Und um so mehr von diesem deinen Samen</div> + <div class="verse indent2">In mich zurückfällt,</div> + <div class="verse indent2">Wuchernd und werbend!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb1"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.</p> +</div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Was wißt ihr von Freiheit,</div> + <div class="verse indent2">Ihr, die ihr nimmer</div> + <div class="verse indent2">Aus dem Gewühl der Städte entranntet,</div> + <div class="verse indent2">Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser,</div> + <div class="verse indent2">Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen</div> + <div class="verse indent2">Und Fürstendienern!</div> + <div class="verse indent2">Was wißt ihr von Freiheit!</div> + <div class="verse indent2">Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet,</div> + <div class="verse indent2">Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff,</div> + <div class="verse indent2">Über mir funkelt des Südens Kreuz</div> + <div class="verse indent2">Und das Schwert des Orion. —</div> + <div class="verse indent2">Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut,</div> + <div class="verse indent2">So weit das Auge reicht, kein Land,</div> + <div class="verse indent2">Nur unbegrenztes, unendliches Meer.</div> + <div class="verse indent2">Ich aber trinke, in langen Zügen</div> + <div class="verse indent2">Satt mich trinkend, selige Freiheit,</div> + <div class="verse indent2">Eins mich fühlend in meiner Seele</div> + <div class="verse indent2">Mit dem Geiste der Welten,</div><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> + <div class="verse indent2">Der über die Meere herrscht und über die Erde</div> + <div class="verse indent2">Und alle Gestirne.</div> + <div class="verse indent2">Und meine Seele ist bei ihm</div> + <div class="verse indent2">Und lebt in ihm</div> + <div class="verse indent2">Und fühlt sich eins mit ihm</div> + <div class="verse indent2">Als Herrn der Welt! —</div> + <div class="verse indent2">Allein der Herr der Welt</div> + <div class="verse indent2">Ist die Liebe!</div> + <div class="verse indent2">Ihr aber macht euch Gesetze,</div> + <div class="verse indent2">Die der Liebe spotten und somit des Herrn!</div> + <div class="verse indent2">Wißt ihr, was Tropensonne heißt?</div> + <div class="verse indent2">Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden?</div> + <div class="verse indent2">So ist die Liebe!</div> + <div class="verse indent2">Den Tod besiegend und Leben erweckend,</div> + <div class="verse indent2">Eis des Nordens in Dampf verwandelnd,</div> + <div class="verse indent2">Meere kochend,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie entströmen</div> + <div class="verse indent2">In heißen Wogen ihren Gestaden,</div> + <div class="verse indent2">Weithin tragend in grünen Wellen</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne des Südens,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie an Nordlands kalten Gestaden</div> + <div class="verse indent2">Wonnespendend</div> + <div class="verse indent2">Wunder des Frühlings lieblich zaubern.</div> + <div class="verse indent2">Mich durchglühte die Tropensonne</div> + <div class="verse indent2">Und weckte mir Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Glühend heiß wie sie selbst,</div> + <div class="verse indent2">Nordlandeis in Dampf zu verwandeln!</div> + <div class="verse indent2">Und kraft dieser Liebe</div> + <div class="verse indent2">Breche ich eure Gesetze,</div> + <div class="verse indent2">Die euch in Fesseln halten,</div> + <div class="verse indent2">Wie der Nordsturm die Bäche</div> + <div class="verse indent2">In unserer Heimat in Eis verwandelt,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie die Fluren nicht tränken können.</div> + <div class="verse indent2">Eure Gesetze und Sitten,</div> + <div class="verse indent2">Euren Glauben und eure Dogmen,</div> + <div class="verse indent2">Die euch verbieten, euch so zu lieben,</div><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> + <div class="verse indent2">Wie der euch zeigte,</div> + <div class="verse indent2">Der die Sonne in euer Leben brachte</div> + <div class="verse indent2">In nur einem Gesetz,</div> + <div class="verse indent2">Einem einzigen, sonnigen:</div> + <div class="verse indent2">Liebet euch untereinander!</div> + <div class="verse indent2">Ihr aber tötet euch untereinander</div> + <div class="verse indent2">Kraft eurer Gesetze,</div> + <div class="verse indent2">Und haßt euch gegenseitig</div> + <div class="verse indent2">Und steinigt euch</div> + <div class="verse indent2">Kraft eurer Sitten!</div> + <div class="verse indent2">Um was?</div> + <div class="verse indent2">Um eures Glaubens, eurer Dogmen,</div> + <div class="verse indent2">Eurer Sitten willen!</div> + <div class="verse indent2">Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! —</div> + <div class="verse indent2">Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen?</div> + <div class="verse indent2">Habt ihr der Tropen Sonne gespürt?</div> + <div class="verse indent2">Habt ihr des Sturmes Brausen gehört</div> + <div class="verse indent2">Auf wogendem Meer?</div> + <div class="verse indent2">Sie lachen eurer und eurer Gesetze</div> + <div class="verse indent2">Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe,</div> + <div class="verse indent2">Die nie versieget,</div> + <div class="verse indent2">An die ihr nicht tasten könnt</div> + <div class="verse indent2">Mit euren Händen</div> + <div class="verse indent2">Und eurem Menschenverstande</div> + <div class="verse indent2">Und eurer Kälte, —</div> + <div class="verse indent2">Von Wärme und Größe,</div> + <div class="verse indent2">Die ewig frei war, und ewig es sein wird!</div> + <div class="verse indent2">Und das Meer und die Sonne</div> + <div class="verse indent2">Und der brausende Sturm</div> + <div class="verse indent2">Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens,</div> + <div class="verse indent2">Sie alle haben es mich gelehrt,</div> + <div class="verse indent2">Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden,</div> + <div class="verse indent2">— Würdig euch Menschen, —</div> + <div class="verse indent2">Und bar der Liebe!</div> + <div class="verse indent2">Und so lache ich euer und eurer Gesetze</div> + <div class="verse indent2">Und Sitten und toten Dogmen,</div><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> + <div class="verse indent2">Und habe Mitleid mit euch</div> + <div class="verse indent2">Und liebe euch</div> + <div class="verse indent2">In all eurer Kleinheit</div> + <div class="verse indent2">Und eurer Härte und Kälte,</div> + <div class="verse indent2">Und will euch auftauen mit meiner Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut,</div> + <div class="verse indent2">Und stürmen wie der Sturm,</div> + <div class="verse indent2">Reinigend, stärkend,</div> + <div class="verse indent2">Und lieben, wie die Sonne der Tropen,</div> + <div class="verse indent2">Heiß, versengend und Leben weckend,</div> + <div class="verse indent2">Überreich' Leben!</div> + <div class="verse indent2">Und kraft des sonnigsten Gesetzes,</div> + <div class="verse indent2">Das der sonnigste Mensch euch gab,</div> + <div class="verse indent2">Liebe ich die, die ihr verachtet,</div> + <div class="verse indent2">Liebe ich die, die ihr hasset,</div> + <div class="verse indent2">Denn sie bedürfen der Liebe! —</div> + <div class="verse indent2">Lieb' ich euch alle!</div> + <div class="verse indent2">Denn ihr alle bedürft der Liebe!</div> + <div class="verse indent2">Und auf dem starken Fittich meiner Liebe</div> + <div class="verse indent2">Über Tod und Grauen</div> + <div class="verse indent2">Trage ich euch empor zum Herrn der Welten,</div> + <div class="verse indent2">Dem Geist der Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Mit dem ich eins mich weiß</div> + <div class="verse indent2">Als Herrn der Welt!</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Weißt du, wer ich bin?</div> + <div class="verse indent2">Weißt du, wer ich bin?</div> + <div class="verse indent2">Ein Stückchen bin ich vom Nagel</div> + <div class="verse indent2">Am kleinen Finger der Gerechtigkeit.</div> + <div class="verse indent2">Wehe dir, wenn du Arme drückst</div> + <div class="verse indent2">Oder Bedrängte!</div> + <div class="verse indent2">Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose,</div> + <div class="verse indent2">Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast!</div> + <div class="verse indent2">Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht</div> + <div class="verse indent2">Und Unrecht in Recht verwandelst!</div><span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> + <div class="verse indent2">Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl</div> + <div class="verse indent2">Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers,</div> + <div class="verse indent2">Und ich führe ihrer Hand den Weg,</div> + <div class="verse indent2">Um dich zu packen!</div> + <div class="verse indent2">Darum hüte dich! —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Weißt du, wer ich bin?</div> + <div class="verse indent2">Weißt du, wer ich bin?</div> + <div class="verse indent2">Ein Stäubchen bin ich im Weltenall,</div> + <div class="verse indent2">Getragen von einem Sonnenstrahl,</div> + <div class="verse indent2">Von einem Strahl aus jener Quelle,</div> + <div class="verse indent2">Die ewig war und ewig sein wird!</div> + <div class="verse indent2">Von einem Strahl aus jener Quelle,</div> + <div class="verse indent2">Aus der seit Ewigkeiten</div> + <div class="verse indent2">Alle Liebe und alle Wärme fließt.</div> + <div class="verse indent2">Und wenn du im Elend bist;</div> + <div class="verse indent2">Und wenn du einsam oder in Sorgen bist;</div> + <div class="verse indent2">Wenn du arm oder gedrückt bist;</div> + <div class="verse indent2">Wenn Krankheit dich quält</div> + <div class="verse indent2">Und Schmerz</div> + <div class="verse indent2">Und Angst vor dem Ende:</div> + <div class="verse indent2">So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen,</div> + <div class="verse indent2">Und kraft des Strahls, durch den ich lebe,</div> + <div class="verse indent2">Will ich dich lieben und dich erwärmen,</div> + <div class="verse indent2">Daß deine Sorgen und deine Schmerzen,</div> + <div class="verse indent2">Und was dich drückt,</div> + <div class="verse indent2">In nichts zerfließt —</div> + <div class="verse indent2">Nimm mein Leben, — nur komm! —</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Merkwürdiges erleb' ich!</div> + <div class="verse indent2">Ich sehe die Dinge, wie sie sind,</div> + <div class="verse indent2">Und sage, was ich sehe!</div> + <div class="verse indent2">Und andere sehen die Dinge</div> + <div class="verse indent2">Ebenso wie ich,</div> + <div class="verse indent2">Und sagen, sie sähen sie anders!</div> + <div class="verse indent2">Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch,</div><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> + <div class="verse indent2">Oder es ist ihnen bequemer.</div> + <div class="verse indent2">Aber sie merken nicht,</div> + <div class="verse indent2">Daß ihre Worte wie Nebel sind,</div> + <div class="verse indent2">Die die Wahrheit verdunkeln,</div> + <div class="verse indent2">Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln!</div> + <div class="verse indent2">Und andere glauben, klug zu sein,</div> + <div class="verse indent2">Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken,</div> + <div class="verse indent2">Und tun,</div> + <div class="verse indent2">Als ob sie anders wären und anderes wollten!</div> + <div class="verse indent2">Und sehen nicht,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen!</div> + <div class="verse indent2">Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein!</div> + <div class="verse indent2">Aber die Wahrheit ist stark und hell,</div> + <div class="verse indent2">Wie die Sonne,</div> + <div class="verse indent2">Und scheint durch allen Nebel hindurch,</div> + <div class="verse indent2">Oft nur in Strahlen,</div> + <div class="verse indent2">Oft hellt sie ihn ganz.</div> + <div class="verse indent2">Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln,</div> + <div class="verse indent2">Daß man sie so leicht finden kann,</div> + <div class="verse indent2">Wie ein Licht im Dunkeln!</div> + <div class="verse indent2">Und je näher wir kommen,</div> + <div class="verse indent2">Desto größer und heller scheint uns das Licht;</div> + <div class="verse indent2">Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen,</div> + <div class="verse indent2">Desto heller wird es in uns!</div> + <div class="verse indent2">Sie gleicht einem Leuchtturm,</div> + <div class="verse indent2">Der fernher über das finstere Meer</div> + <div class="verse indent2">Unserem Schiffe den Weg zeigt</div> + <div class="verse indent2">Zur fernen Küste! —</div> + <div class="verse indent2">Du bist der Leuchtturm</div> + <div class="verse indent2">Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte!</div> + <div class="verse indent2">Einem Licht im Dunkeln gleichst du,</div> + <div class="verse indent2">Wie du der Wahrheit gleichst,</div> + <div class="verse indent2">So hell und klar.</div> + <div class="verse indent2">Das kommt,</div> + <div class="verse indent2">Ihr beide habt eine Mutter:</div> + <div class="verse indent2">Die Sonne!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb2"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Den Tod fürchtest du,</div> + <div class="verse indent2">Den Allbezwinger?</div> + <div class="verse indent2">Ach, ich versteh' dich!</div> + <div class="verse indent2">Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe,</div> + <div class="verse indent2">Und dich schreckt das Gerippe</div> + <div class="verse indent2">Und die Furcht vor dem Nichts,</div> + <div class="verse indent2">Dem Unbekannten,</div> + <div class="verse indent2">Großen,</div> + <div class="verse indent2">Leeren,</div> + <div class="verse indent2">Dem Nichts!</div> + <div class="verse indent2">Ist es nicht so?</div> + <div class="verse indent2">Sei ruhig und ängstige dich nicht</div> + <div class="verse indent2">Und laß dir erzählen!</div> + <div class="verse indent2">Ich kenne ihn!</div> + <div class="verse indent2">Zweimal trat er an mich heran.</div> + <div class="verse indent2">Als er zuerst mir nahte,</div> + <div class="verse indent2">Da lag ich auf meinem Schmerzenslager,</div> + <div class="verse indent2">Fiebernd, röchelnd,</div> + <div class="verse indent2">Nach Atem ringend,</div> + <div class="verse indent2">Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen.</div> + <div class="verse indent2">Da kam er</div> + <div class="verse indent2">Mit leisem Schritt</div> + <div class="verse indent2">Und sanfter Hand:</div> + <div class="verse indent2">Noch fühl' ich sie,</div> + <div class="verse indent2">Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn,</div> + <div class="verse indent2">Sanft, ganz sanft.</div> + <div class="verse indent2">Und wie die Augen schwer wurden,</div> + <div class="verse indent2">Wurde mein Herz mir leicht,</div> + <div class="verse indent2">Oh, so leicht,</div> + <div class="verse indent2">Als ob ich Schwingen hätte,</div> + <div class="verse indent2">Und alle Sorgen fielen von mir ab,</div> + <div class="verse indent2">Alle Schmerzen schwanden, —</div> + <div class="verse indent2">So ruhig wurde es drinnen,</div> + <div class="verse indent2">So himmlisch ruhig, —</div> + <div class="verse indent2">Mir war's,</div> + <div class="verse indent2">Als wüchs' ich über mich hinaus,</div><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> + <div class="verse indent2">Und größer, immer größer,</div> + <div class="verse indent2">Um in eins zu fließen</div> + <div class="verse indent2">Mit dem Geiste der Welt. —</div> + <div class="verse indent2">Und ich genas.</div> + <div class="verse indent2">Und wieder trat er dann zu mir,</div> + <div class="verse indent2">Zum zweitenmal.</div> + <div class="verse indent2">Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob,</div> + <div class="verse indent2">Die Wogen berghoch sich zusammentürmten,</div> + <div class="verse indent2">Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen.</div> + <div class="verse indent2">Da trat er wieder zu mir her,</div> + <div class="verse indent2">Sanft, ganz sanft,</div> + <div class="verse indent2">Und wiegte mich,</div> + <div class="verse indent2">Wie mich die Mutter wiegte,</div> + <div class="verse indent2">So daß ich mich als Kind noch einmal träumte,</div> + <div class="verse indent2">Als glückersehnend Kind.</div> + <div class="verse indent2">Und selig trank ich in Erinnerung</div> + <div class="verse indent2">Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein.</div> + <div class="verse indent2">Und heut noch dank' ich ihm die Stunde,</div> + <div class="verse indent2">In der er mir dies süße Glück verlieh.</div> + <div class="verse indent2">Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal.</div> + <div class="verse indent2">Er komme, wann er kommt.</div> + <div class="verse indent2">Ich weiß es, er ist sanft und mild;</div> + <div class="verse indent2">Er löscht nicht aus,</div> + <div class="verse indent2">Er lindert nur die Schmerzen</div> + <div class="verse indent2">Und zaubert dir dein geistig' Aug'</div> + <div class="verse indent2">So groß und weit,</div> + <div class="verse indent2">Daß du dein irdisches gar gern entbehrst.</div> + <div class="verse indent2">Sieh die Natur:</div> + <div class="verse indent2">In weißes, weiches Laken</div> + <div class="verse indent2">Hüllt der Schnee sie ein.</div> + <div class="verse indent2">Du meinst, sie sei gestorben?</div> + <div class="verse indent2">Tor, sie lebt!</div> + <div class="verse indent2">Dort unter dem Schnee,</div> + <div class="verse indent2">Da lebt es und webt es!</div> + <div class="verse indent2">In starrender Rinde</div> + <div class="verse indent2">Und rauhem Kern,</div><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> + <div class="verse indent2">Da treibt es und keimt es!</div> + <div class="verse indent2">Und kommt der Frühling</div> + <div class="verse indent2">Mit seiner Sonne,</div> + <div class="verse indent2">Warte nur,</div> + <div class="verse indent2">Sing' und freu' dich!</div> + <div class="verse indent2">Schau nur,</div> + <div class="verse indent2">Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben</div> + <div class="verse indent2">Der schwarzen Erde entsprießt,</div> + <div class="verse indent2">Alles, was in ihr verborgen lag,</div> + <div class="verse indent2">Vermodernd, verwesend,</div> + <div class="verse indent2">In neues Leben verwandelnd,</div> + <div class="verse indent2">Das zur Sonne drängt,</div> + <div class="verse indent2">Weil es von der Sonne stammt!</div> + <div class="verse indent2">Und auch du stammst aus der Sonne!</div> + <div class="verse indent2">Auch dich decken sie einst</div> + <div class="verse indent2">Mit weißem weichen Laken</div> + <div class="verse indent2">Und senken dich,</div> + <div class="verse indent2">Wie ein Samenkorn von der Wintersaat,</div> + <div class="verse indent2">In die Erde,</div> + <div class="verse indent2">Damit, wenn dein Frühling kommt,</div> + <div class="verse indent2">Was von dir aus der Sonne stammt,</div> + <div class="verse indent2">Zur Sonne emporwächst.</div> + <div class="verse indent2">Aber gib acht!</div> + <div class="verse indent2">Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst,</div> + <div class="verse indent2">Trink es in dich hinein,</div> + <div class="verse indent2">Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt.</div> + <div class="verse indent2">Trink Sonne und Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Soviel du nur kannst,</div> + <div class="verse indent2">Und strahle sie wieder von dir,</div> + <div class="verse indent2">Erhellend, erwärmend,</div> + <div class="verse indent2">Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist!</div> + <div class="verse indent2">So mehre den Sonnenkern in dir,</div> + <div class="verse indent2">Jenes wunderbare Teil in dir,</div> + <div class="verse indent2">Das du von ihm empfingst,</div> + <div class="verse indent2">Dem Allewigen,</div> + <div class="verse indent2">Aus dem alle Sonne und Liebe stammt.</div><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> + <div class="verse indent2">Und fürchte dich nicht vor dem Tod:</div> + <div class="verse indent2">Denn er ist sanft</div> + <div class="verse indent2">Und zeigt dir nur den Weg,</div> + <div class="verse indent2">Der dich vom Nebeltal der Erde</div> + <div class="verse indent2">Wieder dorthin führt,</div> + <div class="verse indent2">Woher du stammst.</div> + <div class="verse indent2">Sei froh und fürchte dich nicht!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb3"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ich lag im Grase und unter Blumen,</div> + <div class="verse indent2">Bunt und blühend, vertraulich nickend,</div> + <div class="verse indent2">Am Busen der Erde, der Mutter aller.</div> + <div class="verse indent2">Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann</div> + <div class="verse indent2">Des Meilers grauer Qualm,</div> + <div class="verse indent2">Mich mahnend an der andern Menschen Treiben.</div> + <div class="verse indent2">Und wie es kam — ich weiß es selber kaum:</div> + <div class="verse indent2">Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind,</div> + <div class="verse indent2">Und mit den Schwestern, all den Blumen,</div> + <div class="verse indent2">Da spielte ich und neckte mich; —</div> + <div class="verse indent2">Ihr seid doch meine Schwestern, nicht?</div> + <div class="verse indent2">Und du? Du Mutter Erde,</div> + <div class="verse indent2">Bist du nicht unsre Mutter?</div> + <div class="verse indent2">Oder etwa nur, weil wir dich so nennen,</div> + <div class="verse indent2">Nicht, weil du es bist?</div> + <div class="verse indent2">Aber wurzelt nicht in deinem Schoße</div> + <div class="verse indent2">Der gewaltige Eichbaum,</div> + <div class="verse indent2">Die Blume am Wege</div> + <div class="verse indent2">Und in des Meeres unendlicher Tiefe</div> + <div class="verse indent2">Weit um sich greifender Algen bunte Pracht,</div> + <div class="verse indent2">Wie in der Mutter Schoße das Kind,</div> + <div class="verse indent2">Angeheftet mit feinen Fäden,</div> + <div class="verse indent2">Nahrungssaugenden,</div> + <div class="verse indent2">Wachstumspendenden? —</div> + <div class="verse indent2">Oh, daß ich dich halten könnte,</div> + <div class="verse indent2">Wie ich die Mutter umfing,</div> + <div class="verse indent2">Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte.</div><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> + <div class="verse indent2">Und ich? — aber hier ruhe ich ja!</div> + <div class="verse indent2">Wer will's mir denn wehren,</div> + <div class="verse indent2">Wer mich reißen von deinem Busen?</div> + <div class="verse indent2">Wurzeln wir denn nicht alle in dir?</div> + <div class="verse indent2">Saugen wir all nicht aus deinem Boden</div> + <div class="verse indent2">Nahrung und Kraft?</div> + <div class="verse indent2">Sind denn nicht alle deine Geschöpfe</div> + <div class="verse indent2">Unsre Geschwister?</div> + <div class="verse indent2">Atmest du nicht für uns, deine Kinder,</div> + <div class="verse indent2">Stärkende Himmelsluft ein?</div> + <div class="verse indent2">Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen,</div> + <div class="verse indent2">Was uns nur schadet,</div> + <div class="verse indent2">Daß es zurzeit als himmlischer Segen</div> + <div class="verse indent2">Umgewandelt herniederträufle,</div> + <div class="verse indent2">Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken,</div> + <div class="verse indent2">Wasser des Himmels begierig schlürfest?</div> + <div class="verse indent2">Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen,</div> + <div class="verse indent2">Dein Feuer, Deine Glut,</div> + <div class="verse indent2">An der wir uns wärmen?</div> + <div class="verse indent2">Und empfängt nicht das Kind</div> + <div class="verse indent2">Vom Geiste der Mutter seinen Geist?</div> + <div class="verse indent2">Ist es nicht ebenso dein Geist,</div> + <div class="verse indent2">Derselbe Geist, der uns alle beseelt,</div> + <div class="verse indent2">Der uns alle umfaßt?</div> + <div class="verse indent2">Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists,</div> + <div class="verse indent2">Abgesplittert und zugehörend? —</div> + <div class="verse indent2">Weh' über die Brüder, die glauben,</div> + <div class="verse indent2">Daß sie allein etwas sind!</div> + <div class="verse indent2">Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall!</div> + <div class="verse indent2">Wenn sie es könnten! —</div> + <div class="verse indent2">Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken;</div> + <div class="verse indent2">Aber wohl tut ihr dran,</div> + <div class="verse indent2">Wenn ihr erschrecket und merket,</div> + <div class="verse indent2">Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt,</div> + <div class="verse indent2">Gleich euren Brüdern im Walde — ob all eures Wissens!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb4"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">An meine Feinde.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ich kenne euch, meine Feinde!</div> + <div class="verse indent2">Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt</div> + <div class="verse indent2">Und sie zertretet,</div> + <div class="verse indent2">Als ob sie Gras wären!</div> + <div class="verse indent2">Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich,</div> + <div class="verse indent2">In euren Netzen sitzet,</div> + <div class="verse indent2">Tagediebe,</div> + <div class="verse indent2">In euren Spelunken,</div> + <div class="verse indent2">Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder,</div> + <div class="verse indent2">Von ihren Schwächen</div> + <div class="verse indent2">Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet!</div> + <div class="verse indent2">Euch,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet,</div> + <div class="verse indent2">Damit sie euch zinsen!</div> + <div class="verse indent2">Euch, die ihr in Palästen wohnt</div> + <div class="verse indent2">Und in getäfelten Häusern,</div> + <div class="verse indent2">Bei Braten und Wein schwelgt,</div> + <div class="verse indent2">Zu Pferde und in Karossen dahinjagt</div> + <div class="verse indent2">Und über die schlechten Zeiten jammert</div> + <div class="verse indent2">Und die begehrliche Masse des Volks!</div> + <div class="verse indent2">Ich kenne euch alle!</div> + <div class="verse indent2">Ihr ewig Gerechten,</div> + <div class="verse indent2">Ihr Stolzen und Harten,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge</div> + <div class="verse indent2">Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben,</div> + <div class="verse indent2">Dem nicht so feines Tuch, wie euch,</div> + <div class="verse indent2">Die sehnigen Arme und Beine umkleidet.</div> + <div class="verse indent2">Und euch, ihr Tugendhaften,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr so sicher euren Weg geht,</div> + <div class="verse indent2">Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt!</div> + <div class="verse indent2">Und euch, ihr Männer,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr die Kraft nicht habt,</div> + <div class="verse indent2">Eure Frauen mit Liebe zu sättigen,</div> + <div class="verse indent2">Geschweige denn,</div> + <div class="verse indent2">Daß ihr die Seele eines Weibes versteht,</div><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> + <div class="verse indent2">Ihr, die ihr kaum ahnt,</div> + <div class="verse indent2">Was Seele heißt!</div> + <div class="verse indent2">Erbärmlich Volk!</div> + <div class="verse indent2">Otterngezücht! —</div> + <div class="verse indent2">Durch einen Wald schritt ich</div> + <div class="verse indent2">Und fand ein Nest von jener Sorte,</div> + <div class="verse indent2">Die die Natur</div> + <div class="verse indent2">Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet.</div> + <div class="verse indent2">Zischend bäumten sie hoch</div> + <div class="verse indent2">Und wollten mich beißen.</div> + <div class="verse indent2">Ich aber sprang mit beiden Füßen</div> + <div class="verse indent2">Mitten in sie hinein</div> + <div class="verse indent2">Und zertrat die Brut.</div> + <div class="verse indent2">Oh, könnt' ich auch euch,</div> + <div class="verse indent2">Ihr Krämer und Wucherer,</div> + <div class="verse indent2">Ihr Brenner und Brauer,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut</div> + <div class="verse indent2">Und das Volk vergiftet,</div> + <div class="verse indent2">Euch scheinheilige Pharisäer,</div> + <div class="verse indent2">Die ihr angebt,</div> + <div class="verse indent2">Das Christentum gepachtet zu haben,</div> + <div class="verse indent2">Und deren Herzen</div> + <div class="verse indent2">Das einzige Gesetz,</div> + <div class="verse indent2">Das Gott uns gab:</div> + <div class="verse indent2">»Liebet euch untereinander!«</div> + <div class="verse indent2">So fremd ist,</div> + <div class="verse indent2">Wie Erbarmen der Otter, —</div> + <div class="verse indent2">Könnt' ich auch euch</div> + <div class="verse indent2">Wie dieses Otterngezücht zertreten!</div> + <div class="verse indent4">Mir träumte als Knabe,</div> + <div class="verse indent2">Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land,</div> + <div class="verse indent2">In blinkender Rüstung,</div> + <div class="verse indent2">Ein Ritter des Herrn,</div> + <div class="verse indent2">Schwingend in meiner Hand</div> + <div class="verse indent2">Ein flammendes Schwert.</div> + <div class="verse indent2">Krämer, die Branntwein verkauften,</div><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> + <div class="verse indent2">Hatten den Krieg entfesselt;</div> + <div class="verse indent2">Weithin verwüstet lag schon das Land.</div> + <div class="verse indent2">Mordend und brennend zogen sie aus,</div> + <div class="verse indent2">Lachten und logen,</div> + <div class="verse indent2">Sie brächten Kultur.</div> + <div class="verse indent2">Glückliche Völker sanken dahin</div> + <div class="verse indent2">In Elend und Schmach.</div> + <div class="verse indent2">Ich aber schwang in erhobener Linken</div> + <div class="verse indent2">Die Fackel der Wahrheit,</div> + <div class="verse indent2">Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild,</div> + <div class="verse indent2">Der war die Liebe zu meinen Brüdern.</div> + <div class="verse indent2">Todwund kamen sie an</div> + <div class="verse indent2">Und heischten Hilfe!</div> + <div class="verse indent2">Ich aber nahm sie unter den Schild!</div> + <div class="verse indent2">Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert,</div> + <div class="verse indent2">Das hieß Gerechtigkeit. —</div> + <div class="verse indent2">Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre</div> + <div class="verse indent2">Und mein Leben tausendfach,</div> + <div class="verse indent2">Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten!</div> + <div class="verse indent2">Aber solange ich atme,</div> + <div class="verse indent2">Will ich mit euch kämpfen!</div> + <div class="verse indent2">Zittert vor mir!</div> + <div class="verse indent2">Denn ich bin zähe und stark,</div> + <div class="verse indent2">Und meine Freunde sind wie Sand am Meere!</div> + <div class="verse indent2">So fürchte ich euch nicht!</div> + <div class="verse indent2">Ich kenne euch, meine Feinde,</div> + <div class="verse indent2">Und danke euch,</div> + <div class="verse indent2">Daß ihr euch so nennt!</div> + <div class="verse indent2">Ich bin stolz auf euch!</div> + <div class="verse indent2">Und habe Mitleid mit euch, —</div> + <div class="verse indent2">Denn reihenweise sehe ich euch sterben</div> + <div class="verse indent2">In der Blüte der Jahre,</div> + <div class="verse indent2">Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet</div> + <div class="verse indent2">Und auf die Klugheit meiner Freunde!</div> + <div class="verse indent2">So habe ich Mitleid mit euch</div> + <div class="verse indent2">Und eurem Ende! —</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb5"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">An meiner Seite schreitet ein Weib,</div> + <div class="verse indent2">Ernst und still,</div> + <div class="verse indent2">Und doch heiter und fröhlich.</div> + <div class="verse indent2">Ich liebe sie,</div> + <div class="verse indent2">Denn sie ist gütig gegen mich</div> + <div class="verse indent2">Und überschüttet mich mit Reichtum.</div> + <div class="verse indent2">Sie verleiht mir Kraft</div> + <div class="verse indent2">Und meinem Leben Würze.</div> + <div class="verse indent2">Nachts ruht sie an meiner Seite</div> + <div class="verse indent2">Und sorgt, daß kein Gram</div> + <div class="verse indent2">In mein Herz dringen kann.</div> + <div class="verse indent2">Sie richtet meine Blicke auf den Weg,</div> + <div class="verse indent2">Den ich zu gehen habe,</div> + <div class="verse indent2">Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg.</div> + <div class="verse indent2">Wenn ich müde werde,</div> + <div class="verse indent2">So küßt sie meine Stirne</div> + <div class="verse indent2">Und haucht mir neue Kräfte ein.</div> + <div class="verse indent2">Meine Ohren hält sie mir zu</div> + <div class="verse indent2">Mit weicher Hand,</div> + <div class="verse indent2">Wenn die Spötter zischeln,</div> + <div class="verse indent2">Und zeigt meinen Augen</div> + <div class="verse indent2">Den Pfad,</div> + <div class="verse indent2">Wenn die Feinde dräuen. —</div> + <div class="verse indent2">So gehe ich geradeaus,</div> + <div class="verse indent2">Und finde mein Ziel. —</div> + <div class="verse indent2">Toren sagen,</div> + <div class="verse indent2">Sie sei hart und unerbittlich.</div> + <div class="verse indent2">Sie kennen sie nicht,</div> + <div class="verse indent2">Weil sie sie nicht lieben,</div> + <div class="verse indent2">Nicht lieben, wie ich,</div> + <div class="verse indent2">Für den sie Leben ist!</div> + <div class="verse indent2">Kaum kennen sie ihren Namen!</div> + <div class="verse indent2">Du, meine Geliebte,</div> + <div class="verse indent2">Meine Pflicht!</div> + </div> +</div> +</div> + + <figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb6"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Du hast Furcht?</div> + <div class="verse indent2">Fürchte dich nicht!</div> + <div class="verse indent2">Du bist traurig?</div> + <div class="verse indent2">Traure nicht!</div> + <div class="verse indent2">Siehe, ich war niedergebrochen</div> + <div class="verse indent2">Unter Furcht und Trauer,</div> + <div class="verse indent2">Und meine Seele lag am Boden,</div> + <div class="verse indent2">Wie mein Leib.</div> + <div class="verse indent2">Da dachte ich an die,</div> + <div class="verse indent2">Die meine Sonne ist,</div> + <div class="verse indent2">Und erhob mich</div> + <div class="verse indent2">Und genas</div> + <div class="verse indent2">Und übte meine Kraft.</div> + <div class="verse indent2">Schlangengleich</div> + <div class="verse indent2">Umwanden Furcht und Trauer</div> + <div class="verse indent2">Meine Seele</div> + <div class="verse indent2">Und bissen nach meinem Leben.</div> + <div class="verse indent2">Ich aber faßte sie</div> + <div class="verse indent2">Und erwürgte sie</div> + <div class="verse indent2">Und befreite mich aus ihren Ringen.</div> + <div class="verse indent2">Und nun,</div> + <div class="verse indent2">Siehe,</div> + <div class="verse indent2">Stehe ich vor dir,</div> + <div class="verse indent2">Stolz und frei</div> + <div class="verse indent2">Und stark</div> + <div class="verse indent2">Und reiche dir meine Hand</div> + <div class="verse indent2">Und hebe dich zu mir empor.</div> + <div class="verse indent2">Hab' Mut und hoffe,</div> + <div class="verse indent2">So hast du Kraft!</div> + <div class="verse indent2">Versuch' es nur!</div> + <div class="verse indent2">Schau' nur, es geht. —</div> + <div class="verse indent2">Schon strahlt dein Auge.</div> + <div class="verse indent2">Glaube mir,</div> + <div class="verse indent2">Hoffe,</div> + <div class="verse indent2">Und folge mir!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb7"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Einer Mutter.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Dein Einziger ist dir genommen,</div> + <div class="verse indent2">Mutter,</div> + <div class="verse indent2">Dein brauner Knabe?</div> + <div class="verse indent2">Oh, ich verstehe deinen Jammer,</div> + <div class="verse indent2">Deinen Schmerz!</div> + <div class="verse indent2">Dein Einziger!</div> + <div class="verse indent2">Und welch ein Junge!</div> + <div class="verse indent2">Wie leuchteten seine braunen Augen</div> + <div class="verse indent2">Unter den dunklen Locken!</div> + <div class="verse indent2">Wie lachte sein roter Mund!</div> + <div class="verse indent2">Wie straff und fest waren diese jungen Beine,</div> + <div class="verse indent2">Wie kraftvoll die Arme!</div> + <div class="verse indent2">Wie hob sich die Brust,</div> + <div class="verse indent2">Wenn er deinem Gatten</div> + <div class="verse indent2">Vom Wagen herab</div> + <div class="verse indent2">Die Fruchtkörbe reichte</div> + <div class="verse indent2">Und die Körbe Gemüse!</div> + <div class="verse indent2">Ja, weine nur, Mutter,</div> + <div class="verse indent2">Weine heiße Tränen,</div> + <div class="verse indent2">Laß sie wie Bäche im Frühling fließen!</div> + <div class="verse indent2">Wahrlich, er ist es wert!</div> + <div class="verse indent2">Traure um ihn,</div> + <div class="verse indent2">Weine und traure!</div> + <div class="verse indent2">Aber nicht verzweifeln!</div> + <div class="verse indent2">Wie alt ist dein Gatte?</div> + <div class="verse indent2">Dreiundvierzig?</div> + <div class="verse indent2">Und stark und gesund? —</div> + <div class="verse indent2">Wie könnt' er anders! —</div> + <div class="verse indent2">Und du?</div> + <div class="verse indent2">Wie alt bist du? —</div> + <div class="verse indent2">Vierzig Jahre, sagst du?</div> + <div class="verse indent2">Ich kenne Frauen,</div> + <div class="verse indent2">Die mit zweiundvierzig freiten,</div> + <div class="verse indent2">Und die mehreren starken Söhnen</div><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> + <div class="verse indent2">Das Leben schenkten!</div> + <div class="verse indent2">Du schüttelst dein Haupt</div> + <div class="verse indent2">Und seufzest?</div> + <div class="verse indent2">Hör' zu, was ich dir sage</div> + <div class="verse indent2">Und glaube mir:</div> + <div class="verse indent2">Warte, bis sich nun wieder</div> + <div class="verse indent2">Der Mond erneut.</div> + <div class="verse indent2">Kommt der Gatte dann heim,</div> + <div class="verse indent2">Empfang ihn wie einstens,</div> + <div class="verse indent2">Strahlend,</div> + <div class="verse indent2">Hoffnungsfreudig.</div> + <div class="verse indent2">Schling' deine Arme um seinen Hals,</div> + <div class="verse indent2">Küß ihm von seiner Stirne,</div> + <div class="verse indent2">Von seinen Lippen,</div> + <div class="verse indent2">Von seinen Augen seinen Gram,</div> + <div class="verse indent2">Euren Gram. —</div> + <div class="verse indent2">Und sitzt ihr beim Mahl,</div> + <div class="verse indent2">Erzähl' ihm,</div> + <div class="verse indent2">Leise, leise,</div> + <div class="verse indent2">Daß niemand es hört,</div> + <div class="verse indent2">Dir hätte geträumt,</div> + <div class="verse indent2">Selig, selig,</div> + <div class="verse indent2">Ihr wäret noch jung,</div> + <div class="verse indent2">Ganz jung,</div> + <div class="verse indent2">Und hättet Gott gebeten,</div> + <div class="verse indent2">So recht von Herzen,</div> + <div class="verse indent2">Und er hätte euch erhört</div> + <div class="verse indent2">Und euch geschenkt</div> + <div class="verse indent2">Einen wonnigen Buben</div> + <div class="verse indent2">Mit dunkelen Locken</div> + <div class="verse indent2">Und braunen Augen. —</div> + <div class="verse indent2">Und ehe ihr zur Ruhe geht,</div> + <div class="verse indent2">Erzähl' ihm deinen Traum</div> + <div class="verse indent2">Noch einmal!</div> + <div class="verse indent2">Und hoffe!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb8"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Vergeltung.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Du hast mir weh getan,</div> + <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch mir weh getan!</div> + <div class="verse indent2">Ich habe dich lieb gehabt</div> + <div class="verse indent2">Wie meine Seele, —</div> + <div class="verse indent2">Und du hast mich betrogen!</div> + <div class="verse indent2">Du hast mich verraten und verleumdet</div> + <div class="verse indent2">Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt.</div> + <div class="verse indent2">Ich ahnte nur, was Sünde war,</div> + <div class="verse indent2">Wußte es aber nicht, —</div> + <div class="verse indent2">Du hast es mich gelehrt.</div> + <div class="verse indent2">Wenn ich nicht wäre, wie ich bin,</div> + <div class="verse indent2">Und wenn ich nicht ich wäre,</div> + <div class="verse indent2">Sondern wäre wie die andern,</div> + <div class="verse indent2">So würde ich dich jetzt hassen</div> + <div class="verse indent2">Und dich verachten,</div> + <div class="verse indent2">Ja, dich töten!</div> + <div class="verse indent2">Fast wäre ich gestorben deinetwegen</div> + <div class="verse indent2">Und hätte mich verloren</div> + <div class="verse indent2">Und alles, was mir schön und lieb ist,</div> + <div class="verse indent2">Deinetwegen!</div> + <div class="verse indent2">Und du, du hast mir weh getan,</div> + <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch zuvor!</div> + <div class="verse indent2">Aber ich hasse dich nicht</div> + <div class="verse indent2">Und verachte dich nicht;</div> + <div class="verse indent2">Denn mein Gott ist nicht dein Gott,</div> + <div class="verse indent2">Ist nicht der Gott der Rache,</div> + <div class="verse indent2">Sondern der Liebe!</div> + <div class="verse indent2">Mein Gott gleicht der Sonne</div> + <div class="verse indent2">Und nicht der Finsternis.</div> + <div class="verse indent2">Der Sonne, die im Frühling</div> + <div class="verse indent2">Die Blumen weckt</div> + <div class="verse indent2">Und die Vöglein</div> + <div class="verse indent2">Und die Herzen!</div> + <div class="verse indent2">Der Sonne, die im Sommer</div><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> + <div class="verse indent2">Die Traube reift</div> + <div class="verse indent2">Und der Rose ihr Düften zaubert!</div> + <div class="verse indent2">Der Sonne, die uns Leben schenkt</div> + <div class="verse indent2">Und uns lieben lehrt</div> + <div class="verse indent2">Und scheint über Gerechte und Ungerechte!</div> + <div class="verse indent2">Und dieser Gott lehrte mich,</div> + <div class="verse indent2">Auch dich,</div> + <div class="verse indent2">Auch dich zu lieben,</div> + <div class="verse indent2">Die ich so lieb gehabt</div> + <div class="verse indent2">Wie meine Seele,</div> + <div class="verse indent2">Und die mir nun so weh getan,</div> + <div class="verse indent2">Wie noch kein Mensch zuvor!</div> + <div class="verse indent2">Und da du in Not bist,</div> + <div class="verse indent2">So will ich für dich sorgen</div> + <div class="verse indent2">Und dir raten und helfen</div> + <div class="verse indent2">Und dir Vater und Mutter sein</div> + <div class="verse indent2">Und Sonne deines Lebens,</div> + <div class="verse indent2">Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!</div> + </div> +</div> +</div><figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb9"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden!</div> + <div class="verse indent2">Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten,</div> + <div class="verse indent2">Wie könntest du die Leiden anderer empfinden?</div> + <div class="verse indent2">Und hätten andere für dich nicht so gelitten,</div> + <div class="verse indent2">Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen?</div> + <div class="verse indent2">Und einsam ständest du im Leide</div> + <div class="verse indent2">Und verlassen,</div> + <div class="verse indent2">Und deine Tränen flössen ungesehen.</div> + <div class="verse indent2">Oh, danke Gott für deine Schmerzen;</div> + <div class="verse indent2">Denn sie sind das Band,</div> + <div class="verse indent2">Das dich den anderen verbindet</div> + <div class="verse indent2">Und dich und sie zu Menschen macht!</div> + <div class="verse indent2">So laß aus deinem Leide Blumen wachsen,</div> + <div class="verse indent2">Die andern Freude, Leben spenden!</div> + <div class="verse indent2">Schau' nur den Frühling!</div> + <div class="verse indent2">Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt</div><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> + <div class="verse indent2">Und streut Blumen und Düfte</div> + <div class="verse indent2">Über die Erde,</div> + <div class="verse indent2">Die wunden Herzen froh zu erquicken,</div> + <div class="verse indent2">Und hat doch selbst soeben erst</div> + <div class="verse indent2">Den Winter überwunden.</div> + <div class="verse indent2">Und wenn dein Herz in Stürmen steht</div> + <div class="verse indent2">Und Wintersnacht,</div> + <div class="verse indent2">Wisse:</div> + <div class="verse indent2">Anderer Herzen stehen im Frühling</div> + <div class="verse indent2">Und überschütten dich mit Blumen und Düften</div> + <div class="verse indent2">Und Sonnenschein!</div> + <div class="verse indent2">Und ehe du dich's versiehst,</div> + <div class="verse indent2">Vergeht dein Winter!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb10"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Einer Freundin.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Einen Schrein voll Kostbarkeiten</div> + <div class="verse indent2">Sandtest du mir,</div> + <div class="verse indent2">Wie von liebender Hand gepackt.</div> + <div class="verse indent2">Und ich, —</div> + <div class="verse indent2">Was soll ich Armer dir dafür schenken?</div> + <div class="verse indent2">Siehe, mein Leben gehört den anderen,</div> + <div class="verse indent2">Und meine Liebe einer anderen.</div> + <div class="verse indent2">Meine Zeit gehört meinen Armen</div> + <div class="verse indent2">Und meine Kraft meinen Kranken.</div> + <div class="verse indent2">So nimm denn meine Freundschaft.</div> + <div class="verse indent2">Die gleicht einem Bergsee</div> + <div class="verse indent2">Droben zwischen den Firnen.</div> + <div class="verse indent2">Kristallklar und hell ist sein Wasser;</div> + <div class="verse indent2">Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel.</div> + <div class="verse indent2">Dunkelgrün spiegeln in ihm</div> + <div class="verse indent2">Sich schweigende Fichten,</div> + <div class="verse indent2">Ernste, hochragende.</div> + <div class="verse indent2">So seien die Gedanken,</div> + <div class="verse indent2">Die in dem Spiegel unserer Freundschaft</div><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> + <div class="verse indent2">Leben gewinnen,</div> + <div class="verse indent2">Ernst, hochragend.</div> + <div class="verse indent2">Und unsere Freundschaft sei</div> + <div class="verse indent2">Kristallhell und klar,</div> + <div class="verse indent2">Rein und erfrischend,</div> + <div class="verse indent2">Wie das Wasser jenes Bergsees</div> + <div class="verse indent2">Dort oben hoch zwischen den Firnen!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb11"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div> + <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div> + <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Daß die Sünde lieblich und wonnig ist</div> + <div class="verse indent2">Im Beginn,</div> + <div class="verse indent2">Wie Honig schmeckt</div> + <div class="verse indent2">Und wie Veilchen duftet, — im Beginn!</div> + <div class="verse indent2">Aber nachher,</div> + <div class="verse indent2">Wenn der Duft verflogen,</div> + <div class="verse indent2">Schmeckt sie wie Galle</div> + <div class="verse indent2">Und beißt, wie ätzend Gift!</div> + <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div> + <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div> + <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Wie weh es tut,</div> + <div class="verse indent2">Und wie es krank macht</div> + <div class="verse indent2">Und schwach</div> + <div class="verse indent2">Bis zum Tode!</div> + <div class="verse indent2">Und hast mich mit deiner starken Hand</div> + <div class="verse indent2">Noch gerade gehalten,</div> + <div class="verse indent2">Eh' sie ganz mich verschlang</div> + <div class="verse indent2">In Tod und Verderben!</div> + <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div> + <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div> + <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Wie anderen zumute ist,</div> + <div class="verse indent2">Die niederbrechen unter der Last der Sünden,</div><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> + <div class="verse indent2">Todwund,</div> + <div class="verse indent2">Und nicht die Kraft mehr haben,</div> + <div class="verse indent2">Aus dem Meer von Galle</div> + <div class="verse indent2">Und ätzend Gift</div> + <div class="verse indent2">Mit starkem Arm sich emporzurudern</div> + <div class="verse indent2">Und nach dir zu greifen,</div> + <div class="verse indent2">Der du Licht und Sonne bist</div> + <div class="verse indent2">Und Wärme und Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Aus der ich entstamme,</div> + <div class="verse indent2">Aus der wir alle entstammen!</div> + <div class="verse indent2">Herr, nun danke ich dir,</div> + <div class="verse indent2">Daß du mich sündigen ließest!</div> + <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Warum du es tatest,</div> + <div class="verse indent2">Du Allgütiger und Allweiser:</div> + <div class="verse indent2">Du wolltest ein Werkzeug haben</div> + <div class="verse indent2">Deiner Güte,</div> + <div class="verse indent2">Das geschickt sei zum Helfen</div> + <div class="verse indent2">Und zum Vergeben,</div> + <div class="verse indent2">Zum Heilen und Reinigen</div> + <div class="verse indent2">Und zum Emporreißen zu dir,</div> + <div class="verse indent2">Du Sonne unseres Lebens!</div> + <div class="verse indent2">So mußte ich den Weg finden</div> + <div class="verse indent2">Von Anfang an!</div> + <div class="verse indent2">Herr, ich danke dir;</div> + <div class="verse indent2">Denn nun weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Meine Sünde war nur eine Stufe</div> + <div class="verse indent2">Aus dem Dunkeln ins Helle!</div> + </div> +</div> +</div> +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb12"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nicht nach Orden und Titeln</div> + <div class="verse indent2">Steht mein Begehr,</div> + <div class="verse indent2">Noch nach Ruhm,</div> + <div class="verse indent2">Oder dem schwellenden Siegesgefühl;</div> + <div class="verse indent2">Denn wenn ich den Sieg hätte,</div><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> + <div class="verse indent2">Müßt' ich ja ruhen,</div> + <div class="verse indent2">Wär' ja der Kampf beendet.</div> + <div class="verse indent2">Aber der Kampf ist's ja gerade,</div> + <div class="verse indent2">Der Kampf um die Wahrheit,</div> + <div class="verse indent2">Der das Leben erst lebenswert macht,</div> + <div class="verse indent2">Seien der Feinde auch noch so viel!</div> + <div class="verse indent2">Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich,</div> + <div class="verse indent2">Noch nach weichlichen Polstern</div> + <div class="verse indent2">Nach reichlichem Mahle.</div> + <div class="verse indent2">Aber vielfach ist mein Begehr,</div> + <div class="verse indent2">Was mir das Leben lebenswert macht:</div> + <div class="verse indent2">Wohl liebe ich es,</div> + <div class="verse indent2">Auf feurigem Roß</div> + <div class="verse indent2">Durch die Berge zu reiten,</div> + <div class="verse indent2">Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen,</div> + <div class="verse indent2">Auch zu berauschen mich</div> + <div class="verse indent2">An den Rosen im Garten</div> + <div class="verse indent2">Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, —</div> + <div class="verse indent2">Unter mir schläft in sanftem Nebel</div> + <div class="verse indent2">Das liebliche Waldtal,</div> + <div class="verse indent2">Übergossen vom silbernen Zauberschein</div> + <div class="verse indent2">Des Mondes, —</div> + <div class="verse indent2">Vor allem als Mann mich zu fühlen,</div> + <div class="verse indent2">Als Freier,</div> + <div class="verse indent2">Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen</div> + <div class="verse indent2">Im Kreise meiner Söhne,</div> + <div class="verse indent2">Meiner starken, gewandten,</div> + <div class="verse indent2">Blondlockigen, mit strahlenden Augen,</div> + <div class="verse indent2">In meinem Garten</div> + <div class="verse indent2">Mit ihnen</div> + <div class="verse indent2">Mit Speer oder Pfeilen</div> + <div class="verse indent2">Um die Wette zu schießen,</div> + <div class="verse indent2">Wie die Ahnen vor tausend Jahren,</div> + <div class="verse indent2">Oder kunstvoll mit ihnen</div> + <div class="verse indent2">Schnellsegelnde Schiffe zu bauen!</div> + <div class="verse indent2">Zartes, Innigeres, das ich nicht singe,</div><span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> + <div class="verse indent2">Kenne ich, was mich berauscht</div> + <div class="verse indent2">Und mich zwingt,</div> + <div class="verse indent2">Im Gefühle der Mannesvollkraft</div> + <div class="verse indent2">Meine Arme zu recken,</div> + <div class="verse indent2">Gleichsam als ob Erinnerung</div> + <div class="verse indent2">An Schöpfers Urkraft mich durchglühte.</div> + <div class="verse indent2">Und doch schafft dieses alles</div> + <div class="verse indent2">Nimmer des Lebens treibende Kraft.</div> + <div class="verse indent2">Aber mannesfroh macht es,</div> + <div class="verse indent2">Den Mächtigen trotzen,</div> + <div class="verse indent2">Wenn sie Unrecht tun</div> + <div class="verse indent2">Und den Schwachen bedrängen,</div> + <div class="verse indent2">Der sich nicht selber zu helfen weiß.</div> + <div class="verse indent2">Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen</div> + <div class="verse indent2">Recht zu Recht bringen,</div> + <div class="verse indent2">Der Witwen Tränen trocknen,</div> + <div class="verse indent2">Dem Armen das Seine verschaffen,</div> + <div class="verse indent2">Schwachen Frauen und weinenden Kindern</div> + <div class="verse indent2">Gegen den harten Bedränger</div> + <div class="verse indent2">Hilfe und Hort sein.</div> + <div class="verse indent2">Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit,</div> + <div class="verse indent2">Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen,</div> + <div class="verse indent2">Daß er aufs neue</div> + <div class="verse indent2">An die Sonne, an das Leben,</div> + <div class="verse indent2">An die Liebe, die göttliche, glauben lernt.</div> + <div class="verse indent2">Den Weisesten im Lande,</div> + <div class="verse indent2">Vom Staate gestempelt,</div> + <div class="verse indent2">Zeigen, daß auch sie irren,</div> + <div class="verse indent2">Daß ihre Wege in Irrsal führen</div> + <div class="verse indent2">Und Not,</div> + <div class="verse indent2">Neue Wege ihnen weisend</div> + <div class="verse indent2">Zu größerem Ziel. —</div> + <div class="verse indent2">Das ist Mannesarbeit,</div> + <div class="verse indent2">Frohe, beglückende,</div> + <div class="verse indent2">Selig berauschende! —</div> + <div class="verse indent2">Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr,</div><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> + <div class="verse indent2">Noch nach Ruhm und Denkmälern!</div> + <div class="verse indent2">Aber die Wellen meines Geistes</div> + <div class="verse indent2">Sollen ringförmig ausstrahlen</div> + <div class="verse indent2">Im Leben meines Volkes,</div> + <div class="verse indent2">Als ob du einen Stein wirfst</div> + <div class="verse indent2">In einen tiefen und klaren Bergsee —</div> + <div class="verse indent2">Und ringförmig brechen sich die Wellen</div> + <div class="verse indent2">Weithin,</div> + <div class="verse indent2">Bis ans Ufer,</div> + <div class="verse indent2">Und wenn der Stein längst versunken,</div> + <div class="verse indent2">Immer noch kräuselt der See: —</div> + <div class="verse indent2">Du weißt's,</div> + <div class="verse indent2">Wovon.</div> + <div class="verse indent2">So weiß der,</div> + <div class="verse indent2">Der aller Seelen</div> + <div class="verse indent2">Seele ist,</div> + <div class="verse indent2">In dem wir alle eins sind,</div> + <div class="verse indent2">Von wessen Stein die Wellenringe stammen,</div> + <div class="verse indent2">Die der Menschheit Geistessee</div> + <div class="verse indent2">Bewegten.</div> + <div class="verse indent2">Denkmäler? Ruhm?</div> + <div class="verse indent2">Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler!</div> + <div class="verse indent2">Wenn ich sterbe,</div> + <div class="verse indent2">Sollen Arme seufzen</div> + <div class="verse indent2">Und Witwen weinen.</div> + <div class="verse indent2">Und die Fenster der Häuser —</div> + <div class="verse indent2">Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen —</div> + <div class="verse indent2">Dorten am Waldesrand</div> + <div class="verse indent2">Und am Bergesabhang</div> + <div class="verse indent2">Und drunten im stillen Tal,</div> + <div class="verse indent2">Die ich den Armen gebaut,</div> + <div class="verse indent2">Sie sollen in der Abendsonne funkeln:</div> + <div class="verse indent2">Er hat uns gebaut! —</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb13"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Wahrheit und Freiheit.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Dank, Vater, daß du mich werden ließest</div> + <div class="verse indent2">Als Sohn meiner Heimat!</div> + <div class="verse indent2">Ein Kind des Sturms und des freien Landes,</div> + <div class="verse indent2">Wo Freiheit rufend atmet die Luft,</div> + <div class="verse indent2">Wo Freiheit donnernd brandet das Meer,</div> + <div class="verse indent2">Wo Freiheit rauschend duftet der Wald,</div> + <div class="verse indent2">Wo Meer und Land und Luft mich lehrte,</div> + <div class="verse indent2">Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen!</div> + <div class="verse indent2">Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit,</div> + <div class="verse indent2">Knechte genügen sich nachzubeten,</div> + <div class="verse indent2">Fürchtend den Kampf und seine Früchte,</div> + <div class="verse indent2">Wunden und Wehe und winkenden Tod!</div> + <div class="verse indent2">Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme</div> + <div class="verse indent2">Trotz zu bieten in langer Wanderung</div> + <div class="verse indent2">Oder durch brandender Wogen Gedränge</div> + <div class="verse indent2">Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren,</div> + <div class="verse indent2">Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück,</div> + <div class="verse indent2">Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch!</div> + <div class="verse indent2">Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert</div> + <div class="verse indent2">In Wellenkreisen, die weiter reichen</div> + <div class="verse indent2">Als winkender Tod!</div> + <div class="verse indent2">Dank, Vater, daß du mich werden ließest</div> + <div class="verse indent2">Als Sohn meiner Heimat</div> + <div class="verse indent2">Ein Kind des Sturms und des freien Landes,</div> + <div class="verse indent2">Wo Sturm und Meer und weite Heide</div> + <div class="verse indent2">Seit Ewigkeiten zum Leben rufen</div> + <div class="verse indent2">Wahrheit und Freiheit!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb14"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Meinem Volke!</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ein Lied will ich euch singen,</div> + <div class="verse indent2">Das ihr nimmer hörtet.</div> + <div class="verse indent2">Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht,</div> + <div class="verse indent2">Wenn ich es singe;</div><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> + <div class="verse indent2">Aber Teergeruch von Schiffstauen</div> + <div class="verse indent2">Nehmt ihr wohl wahr,</div> + <div class="verse indent2">Und Meerluft läßt euch freier atmen,</div> + <div class="verse indent2">Salzige, herbe, die Brust euch dehnende.</div> + <div class="verse indent2">Gebt acht!</div> + <div class="verse indent2">Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung,</div> + <div class="verse indent2">Wohl aber Wogengebraus</div> + <div class="verse indent2">Und Sturmgeheul,</div> + <div class="verse indent2">Knattern der Segel im Wind</div> + <div class="verse indent2">Und das Rasseln der Ketten,</div> + <div class="verse indent2">Wenn der Anker zu Grund fährt.</div> + <div class="verse indent2">Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar</div> + <div class="verse indent2">Paßt zur Begleitung.</div> + <div class="verse indent2">Mein Lied, das ich euch singe,</div> + <div class="verse indent2">So neu es ist,</div> + <div class="verse indent2">Uralt ist es doch schon.</div> + <div class="verse indent2">Vergessen nur haben es viele von euch</div> + <div class="verse indent2">In Wohlleben und Rausch!</div> + <div class="verse indent2">Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter,</div> + <div class="verse indent2">Mächtig, siegesmutig.</div> + <div class="verse indent2">Sie vererbten es euch!</div> + <div class="verse indent2">Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen</div> + <div class="verse indent2">Euch träge und stumpf!</div> + <div class="verse indent2">Wenn aber einst eure Enkelkinder —</div> + <div class="verse indent2">Was Gott mög' geben —</div> + <div class="verse indent2">Von neuem erwachen,</div> + <div class="verse indent2">Dann werden sie wieder,</div> + <div class="verse indent2">Wie unsere Väter vor tausend Jahren,</div> + <div class="verse indent2">Jubelnd das Lied singen,</div> + <div class="verse indent2">Wie groß die Welt,</div> + <div class="verse indent2">Wie herrlich und weit,</div> + <div class="verse indent2">Und die Freiheit</div> + <div class="verse indent2">Berauschend und manneswert!</div> + <div class="verse indent2">Singen werden sie das uralte Lied,</div> + <div class="verse indent2">Das ewig neue,</div> + <div class="verse indent2">Zur Fahrt übers Meer.</div><span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> + <div class="verse indent2">Und zum Schärfen der Pflugschar.</div> + <div class="verse indent2">Hört zu!</div> + <div class="verse indent2">Vor tausend Jahren lebten im Norden</div> + <div class="verse indent2">Unsere Väter.</div> + <div class="verse indent2">Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt,</div> + <div class="verse indent2">Schneebeladen.</div> + <div class="verse indent2">Wie der Bergstrom im Frühling,</div> + <div class="verse indent2">So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar.</div> + <div class="verse indent2">Zu enge wurden die Weideplätze</div> + <div class="verse indent2">Der rötlichen Rinder.</div> + <div class="verse indent2">Da wanderten sie in hellen Scharen,</div> + <div class="verse indent2">Die einen gen Westen</div> + <div class="verse indent2">Auf rauschendem Kiel</div> + <div class="verse indent2">Weit über des Weltmeers wogende Flut.</div> + <div class="verse indent2">Die andern aber zogen gen Süden</div> + <div class="verse indent2">Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. —</div> + <div class="verse indent2">Dort hausten sie lange.</div> + <div class="verse indent2">Da trafen sie schlaue römische Händler;</div> + <div class="verse indent2">Die brachten ihnen,</div> + <div class="verse indent2">Aus Eisen geschmiedet,</div> + <div class="verse indent2">Schwerter und Speere</div> + <div class="verse indent2">Und tauschten dafür</div> + <div class="verse indent2">Des Urs und des Bären zottige Felle.</div> + <div class="verse indent2">Und die Händler erzählten von einem Lande,</div> + <div class="verse indent2">Das südwärts läge,</div> + <div class="verse indent2">In dem die Sonne im Winter selbst</div> + <div class="verse indent2">Wonnig schiene,</div> + <div class="verse indent2">Goldene Äpfel in dunklem Laube,</div> + <div class="verse indent2">Schwellende Trauben voll süßer Beeren</div> + <div class="verse indent2">Lockend reiften.</div> + <div class="verse indent2">Da horchten die Väter</div> + <div class="verse indent2">Und tauschten Blicke,</div> + <div class="verse indent2">Pläne schmiedend.</div> + <div class="verse indent2">Doch fern sei das Land,</div> + <div class="verse indent2">So mahnten die Händler,</div> + <div class="verse indent2">Und beschwerlich der Weg</div><span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> + <div class="verse indent2">Über der Alpen schneeige Höh'n.</div> + <div class="verse indent2">Da lachten die Helden</div> + <div class="verse indent2">Und jubelten laut</div> + <div class="verse indent2">Und riefen einander:</div> + <div class="verse indent2">Wohlauf denn zum Süd!</div> + <div class="verse indent2">Doch wiederum mahnten die Händler bang,</div> + <div class="verse indent2">Kriegerisch sei der Römer Volk,</div> + <div class="verse indent2">Schwertkundig und waffengewohnt</div> + <div class="verse indent2">Untertan ihnen der Erde Rund!</div> + <div class="verse indent2">Lachen lohnte der Warnung Wort!</div> + <div class="verse indent2">Nicht länger hielt es die Väter mehr:</div> + <div class="verse indent2">Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">So zogen sie aus,</div> + <div class="verse indent2">In hellen Scharen,</div> + <div class="verse indent2">Wohl über der Alpen eisigen First.</div> + <div class="verse indent2">Jauchzend und lachend</div> + <div class="verse indent2">Auf ihren Schilden</div> + <div class="verse indent2">Fuhren die Helden fröhlich zu Tal.</div> + <div class="verse indent2">Doch in dem Kampf</div> + <div class="verse indent2">Um das sonnige Land</div> + <div class="verse indent2">Sanken der Helden beste dahin.</div> + <div class="verse indent2">Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's!</div> + <div class="verse indent2">Was der Besiegten Schwerte entkam,</div> + <div class="verse indent2">Das entnervte des Südens feuriger Wein. —</div> + <div class="verse indent2">Zerstoben, verweht das wandernde Volk.</div> + <div class="verse indent2">Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten,</div> + <div class="verse indent2">An Englands Gestaden</div> + <div class="verse indent2">Wohnsitz fanden.</div> + <div class="verse indent2">Sie bauten Schiffe</div> + <div class="verse indent2">Und kreuzten weiter</div> + <div class="verse indent2">Und weithin wurde ihrer die Welt.</div> + <div class="verse indent2">Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit,</div> + <div class="verse indent2">Und das Meer so blau,</div> + <div class="verse indent2">Wie Kornblumen im Felde,</div> + <div class="verse indent2">Und so frei. —</div><span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> + <div class="verse indent2">Nun hört, was ich sag'!</div> + <div class="verse indent2">Wacht auf aus dem Schlaf</div> + <div class="verse indent2">Und schauet umher:</div> + <div class="verse indent2">Zu eng wird's im Land,</div> + <div class="verse indent2">In dem ihr haust</div> + <div class="verse indent2">Seit Vätergedenken!</div> + <div class="verse indent2">Drum Schiffe gebaut</div> + <div class="verse indent2">Und hinaus in die Welt!</div> + <div class="verse indent2">Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres,</div> + <div class="verse indent2">Unendlich große.</div> + <div class="verse indent2">Weithin aufs Meer</div> + <div class="verse indent2">Trug der Landwind den Duft</div> + <div class="verse indent2">Von all den Blüten,</div> + <div class="verse indent2">Die den Urwald schmücken. —</div> + <div class="verse indent2">Wo Wald wächst, wächst auch Korn.</div> + <div class="verse indent2">Groß sind die Wälder</div> + <div class="verse indent2">Und harren der Axt.</div> + <div class="verse indent2">Schmiedet Äxte!</div> + <div class="verse indent2">Weideplätze weiß ich,</div> + <div class="verse indent2">Weite, unendliche, —</div> + <div class="verse indent2">Felder für Weizen und herrliche Früchte.</div> + <div class="verse indent2">Schmiedet Pflüge!</div> + <div class="verse indent2">Weite Länder,</div> + <div class="verse indent2">Die der Menschen harren.</div> + <div class="verse indent2">Liebt euch!</div> + <div class="verse indent2">Und Hände werden euch wachsen,</div> + <div class="verse indent2">Das Land zu meistern.</div> + <div class="verse indent2">Drum hinaus in die Welt!</div> + <div class="verse indent2">Und Schiffe gebaut,</div> + <div class="verse indent2">Schnellfahrende!</div> + <div class="verse indent2">Schmiedet Anker und Kiel!</div> + <div class="verse indent2">In eherne Kessel zwingt mir den Dampf!</div> + <div class="verse indent2">So durchschneidet die Flut!</div> + <div class="verse indent2">Und wo immer den Anker</div> + <div class="verse indent2">Ihr rasselnd senkt,</div> + <div class="verse indent2">Da sei die Welt,</div><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> + <div class="verse indent2">Die weite, sonnige,</div> + <div class="verse indent2">Die himmlisch freie,</div> + <div class="verse indent2">Euer,</div> + <div class="verse indent2">Ihr freien Söhne des Nord!</div> + <div class="verse indent2">Wacht auf!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb15"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Euch Königen.</p> + </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Höret mein Lied!</div> + <div class="verse indent2">Schaut um euch und schaut rückwärts,</div> + <div class="verse indent2">Ob das, was ich singe,</div> + <div class="verse indent2">Wahr sei und recht!</div> + <div class="verse indent2">Ihr aber werdet sehen:</div> + <div class="verse indent2">Es ist so!</div> + <div class="verse indent2">Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder,</div> + <div class="verse indent2">Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen!</div> + <div class="verse indent2">So höret nun, ihr Könige,</div> + <div class="verse indent2">Und merket!</div> + <div class="verse indent2">Lernet, ihr Richter auf Erden!</div> + <div class="verse indent2">Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet,</div> + <div class="verse indent2">Und nehmt's euch zu Herzen,</div> + <div class="verse indent2">Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker!</div> + <div class="verse indent2">Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn!</div> + <div class="verse indent2">Und die Gewalt vom Höchsten,</div> + <div class="verse indent2">Welcher wird fragen, wie ihr handelt,</div> + <div class="verse indent2">Und forschen, was ihr ordnet!</div> + <div class="verse indent2">Denn ihr seid seines Reiches Amtleute;</div> + <div class="verse indent2">Aber ihr führet euer Amt nicht fein,</div> + <div class="verse indent2">Und haltet kein Recht!</div> + <div class="verse indent2">Und tut nicht nach dem,</div> + <div class="verse indent2">Was der Herr geordnet hat!</div> + <div class="verse indent2">Er wird gar greulich und kurz über euch kommen,</div> + <div class="verse indent2">Und es wird gar ein scharf Gericht gehen</div> + <div class="verse indent2">Über die Herren!</div> + <div class="verse indent2">Denn den Geringen widerfährt Gnade.</div> + <div class="verse indent2">Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden,</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span></p> + <div class="verse indent2">Denn der, so aller Herr ist,</div> + <div class="verse indent2">Wird keines Person fürchten,</div> + <div class="verse indent2">Noch keines Mächtigen Macht scheuen!</div> + <div class="verse indent2">Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht</div> + <div class="verse indent2">Und sorget für beide gleich!</div> + <div class="verse indent2">Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden!</div> + <div class="verse indent2">Mit euch, Tyrannen, rede ich,</div> + <div class="verse indent2">Auf daß ihr Weisheit lernet,</div> + <div class="verse indent2">Und daß es euch nicht fehle!</div> + <div class="verse indent2">Denn wer heilige Lehre heiliglich hält,</div> + <div class="verse indent2">Der wird heilig gehalten!</div> + <div class="verse indent2">Und wer dieselbige wohl lernet,</div> + <div class="verse indent2">Der wird bestehen! —</div> + <div class="verse indent2">So laßt euch nun meine Rede gefallen;</div> + <div class="verse indent2">Begehret sie und laßt euch lehren!</div> + <div class="verse indent2">Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich,</div> + <div class="verse indent2">Und läßt sich gerne sehen vor denen,</div> + <div class="verse indent2">Die sie lieb haben,</div> + <div class="verse indent2">Und läßt sich finden von denen,</div> + <div class="verse indent2">Die sie suchen!</div> + <div class="verse indent2">Ja, sie begegnet</div> + <div class="verse indent2">Und gibt sich selbst zu erkennen denen</div> + <div class="verse indent2">Die sie gern haben!</div> + <div class="verse indent2">Wer sie gern bald hätte,</div> + <div class="verse indent2">Der bedarf nicht vieler Mühe:</div> + <div class="verse indent2">Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten!</div> + <div class="verse indent2">Denn nach ihr trachten,</div> + <div class="verse indent2">Das ist die rechte Klugheit!</div> + <div class="verse indent2">Und wer dürstet nach ihr,</div> + <div class="verse indent2">Darf nicht lange sorgen!</div> + <div class="verse indent2">Denn sie gehet umher und suchet,</div> + <div class="verse indent2">Wer ihrer wert sei!</div> + <div class="verse indent2">Und erscheint ihm gern unterwegs,</div> + <div class="verse indent2">Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet!</div> + <div class="verse indent2">Denn wer sich gerne läßt weisen,</div> + <div class="verse indent2">Das ist gewißlich der Weisheit Anfang!</div><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> + <div class="verse indent2">Wer sie aber achtet,</div> + <div class="verse indent2">Der läßt sich gern weisen,</div> + <div class="verse indent2">Wer sich gern weisen läßt,</div> + <div class="verse indent2">Der hält ihre Gebote;</div> + <div class="verse indent2">Wo man aber die Gebote hält,</div> + <div class="verse indent2">Da ist ein heilig Leben gewiß!</div> + <div class="verse indent2">Wer aber ein heilig Leben führt,</div> + <div class="verse indent2">Der ist Gott nahe!</div> + <div class="verse indent2">Wer nun Lust hat zur Weisheit,</div> + <div class="verse indent2">Den macht sie zum Herrn.</div> + <div class="verse indent2">Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk,</div> + <div class="verse indent2">Gern Könige und Fürsten sein!</div> + <div class="verse indent2">So haltet die Weisheit in Ehren,</div> + <div class="verse indent2">Auf daß ihr ewiglich herrschet.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb16"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6"><p class="s4">Meiner Königin!</p> +</div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Um eine Handvoll Sonnenschein</div> + <div class="verse indent2">Für meines Lebens Arbeit bat ich dich!</div> + <div class="verse indent2">Da griffst du strahlend</div> + <div class="verse indent2">In den blauen Himmel</div> + <div class="verse indent2">Und warfst mir lachend</div> + <div class="verse indent2">Eine Handvoll Sonne zu —</div> + <div class="verse indent2">Und Wunder über Wunder!</div> + <div class="verse indent2">In Sonne strahlte plötzlich alles Land.</div> + <div class="verse indent2">Und sonnenübergossen stand ich da.</div> + <div class="verse indent2">Und wohin ich ging,</div> + <div class="verse indent2">Und wohin ich kam,</div> + <div class="verse indent2">Zu reich und arm,</div> + <div class="verse indent2">Zu krank und siech,</div> + <div class="verse indent2">Sie alle faßten meine Hand</div> + <div class="verse indent2">Und küßten sie:</div> + <div class="verse indent2">Du Sonnenspender, hilf uns!</div> + <div class="verse indent2">Gib uns von deiner Wärme,</div> + <div class="verse indent2">Deinem Licht,</div><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> + <div class="verse indent2">Und führ' uns!</div> + <div class="verse indent2">Da zog ich alle an mein Herz,</div> + <div class="verse indent2">Ob reich, ob arm,</div> + <div class="verse indent2">Ob krank und siech,</div> + <div class="verse indent2">Und küßte sie auf ihre Stirn</div> + <div class="verse indent2">Und ihren Mund</div> + <div class="verse indent2">Und heilte sie.</div> + <div class="verse indent2">Doch keiner wußte,</div> + <div class="verse indent2">Daß es deine Sonne war,</div> + <div class="verse indent2">Die sie geheilt,</div> + <div class="verse indent2">Die du vom Himmel mir herabgeholt.</div> + <div class="verse indent2">Nur einer weiß es,</div> + <div class="verse indent2">Der auch deine Sonne ist,</div> + <div class="verse indent2">Und das genügt.</div> + <div class="verse indent2">Du aber hab' Dank</div> + <div class="verse indent2">Für deine Wärme und dein Licht,</div> + <div class="verse indent2">Das du auf meinen Lebensweg</div> + <div class="verse indent2">Mir warfst,</div> + <div class="verse indent2">Und laß zum Dank</div> + <div class="verse indent2">Für dich mich leben</div> + <div class="verse indent2">In deiner Sonne!</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe4" id="illu-tb17"> + <img class="w100" src="images/illu-tb1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p>Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und +als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte, +da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst +wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche +die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die +verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden, +abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.</p> + +<p>Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit +heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen +Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft, +neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> +und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und +meines Aufwärtsstrebens erbaut.</p> + +<p>Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von +der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des +ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir +eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit +Gott, — dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der +Liebe — in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe +zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur +Menschheit! — —</p> + +<p>Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen +Reise nicht, — wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.</p> + +<p>Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen +Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel +saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará +aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend +geworden.</p> + +<p>Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der +neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun +erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob, +als nun der Chor einsetzte! — So ist's im Leben, — unser eigenes, +inneres Leben ist die Melodie, — die Begleitung, das ist der Lärm des +Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend +begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; — dumpf +und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das +Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein, +— machtvoll, ergreifend, bestimmend, — und doch immer wieder drängt +die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer +Sehnsucht, Liebe zu geben. —</p> + +<p>Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um +unseren neuen Tempel weihen zu helfen! —</p> + +<p>Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not +übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. — +Dann andachtsvolle Stille, — und — — — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p> + +<p>Und nun, — was ist das? —</p> + +<p>Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar +meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und +lachten und küßten mich.</p> + +<p>Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter +gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen +Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje +weht!« — Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat, +brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in +vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die +Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge +mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu +erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die +neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich, +groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der +Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen +Mannes, des Mannes der Tat.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen +durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der +Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers +Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch +das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines +Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, — ich +gewann neuen Überblick.</p> + +<p>Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich +es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde +und Gleichgesinnten bereits Legion war, — gerade da draußen in der +Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige +Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.</p> + +<p>Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine +dieses, der andere jenes Unglück erlitten — und überwunden hatte, +fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend +aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert +hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p> + +<p>Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und +bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, — mit neuer +Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.</p> + +<p>Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, — die +Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als +bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu +überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je +uns klar gemacht, — der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der +Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und +Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele +und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der +Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu +dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere; +der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren +Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem +Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort +drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.</p> + +<p>Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser +Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die +Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu +sonnenbeschienenen Höhen führt!</p> + +<p>Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie +sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit +die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!</p> + +<p>Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des +Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das +Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, — das Weib +ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele +des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die +Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden, +schaffenden Welt.</p> + +<p>Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe: +wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf +unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> +Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk +müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere +Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre +Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!</p> + +<p>Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die +Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das +werden kann, wozu er berufen ist, — ein Mensch! Wir bedürfen größerer +Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer +größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit +und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und +die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu +sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir +müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und +Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was +uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß +es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das +Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere +Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!</p> + +<p>Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den, +Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist +des Alls — Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So +laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne +Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben +durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span></p> + +<hr class="tb"> + + +<p>Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen +hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes +Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber +am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der +junge Tag herauf.</p> + +<p>Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich +eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige +Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.</p> + +<p>Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben +meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens +ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin, +von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, — ein Bild des Friedens.</p> + +<p>Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte, +— da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen +qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel +zu unseren Füßen.</p> + +<p>Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir +müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der +Vogelperspektive zu sehen.</p> + +<p>Seltsam, — es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun +gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter +den Schnee gebettet, — ganz nahe der Sonne.</p> + +<p>Und im Frühling, — mußte ich denken, — wenn der Schnee kam, dann +löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer +nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> und Äcker +und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.</p> + +<p>Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen +und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das +All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, — nennen wir es +seine Seele — das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die +ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die +Schneewässer zu Tal führen.</p> + +<p>Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch +werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut, +ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder +und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und +Könige.</p> + +<p>Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in +die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des +Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste +geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span></p> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 s3 center">Verlag von Ernst Reinhardt in München</p> + +<hr class="double"> +<p class="s2 center">Im Kampf um die Ideale</p> +<p class="s3 center">Die Geschichte eines Suchenden<br> +<span class="s5 center">von</span><br> +<span class="s3 center">Georg Bonne</span></p> + +<p class="s4 center">Vollständige Geschenkausgabe</p> + +<p class="center">544 Seiten 8° — Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—<br> +Gekürzte Volksausgabe 17.— 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50</p> + +<p class="center">Eine Voraussage des Weltkrieges<br> +Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft</p> + +<hr class="double"> +</div> + +<div class="adv"> +<p class="s3 center">Urteile der Presse:</p> +<p>»<em class="gesperrt">Hamburger Nachrichten</em>« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn +das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur +von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es +dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von +deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört +das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers +spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat, +Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge +anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu +erschließen scheint.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Kölnische Zeitung</em>« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft +pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und +seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der +Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem +Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat, +erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung, +aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse +und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die +Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen +rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Neue Hamb. Zeitung</em>« 17. September 1910. Seine mutigen, +helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser +Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine +zweite Auflage zu wünschen, der dann — man müßte sich schwer getäuscht +haben, wenn es anders wäre — weitere folgen werden.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Holitscher</em> schreibt in der »<em class="gesperrt">Internationalen +Monatsschrift</em> zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange +habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat +wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt, +neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt +hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit +dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie +noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist +Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von +ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Hamburger Hausfrau</em>« 18. September 1910. Was für ein gesundes, +starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans +tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün, +die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren +Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber +wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist +wahr und tönend vor Liebe.</p> + +<p>Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein +Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre +errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen. +Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester, +keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird +sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet, +entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus, +der uns daraus entgegenweht.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Deutscher Guttempler</em>« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale« +ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen +Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die +Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich +schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen. +Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff +beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als +selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von +Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg, +in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum +Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich +ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging +mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns +beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Tägliche Rundschau</em>« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch +gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten +Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen +Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn — das Evangelium. Und in +der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft, +sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht.</p> + +<p>Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus. +Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an, +es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die +Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle +der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des +Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser +in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines, +welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden, +gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum +Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur +ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen +Güter unserer deutschen Kultur.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Die Hilfe</em>« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts +anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als +das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen +modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser +zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen, +die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen +Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu +einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist +ausgezeichnet und fehlerfrei.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="adv"> +<p class="s3 center">Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften<br> +<span class="s5a center">von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">G. Bonne</em>, Kl. Flottbek.</span></p> + + +<div class="blockquot"> +<div class="hang2"> + +<p>  1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer, +Leipzig, 1881.</p> + +<p>  2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891.</p> + +<p>  3.Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen +Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896.</p> + +<p> 4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F. +Leineweber,<br> Leipzig, 1901. M. 4.—</p> + +<p> 5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer +Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer, +Jena, 1904.</p> + +<p> 6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst +deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf.</p> + +<p> 7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands +Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902.</p> + +<p> 8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands +Großloge. 1903. 10 Pf.</p> + +<p> 9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das +reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. +T., Hamburg, 1903. 25 Pf.</p> + +<p>10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen +Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., +Hamburg, 1903. 50 Pf.</p> + +<p>11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands +Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf.</p> + +<p>12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2. +Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904.</p> + +<p>13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911. +Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.</p> + +<p>14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende +Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, +Hamburg, 1912.</p> + +<p>15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im +Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf.</p> +</div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<div class="adv"> +<p class="p4 s3 center">Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«:</p> + +<p class="s3 p2 center">Heimstätten für unsere Helden</p> +<p class="p0 s5">Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span> +<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80.</p> +<p>Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen Reichstages überreicht.</p> + +<p class="s3 center">Mehr Nahrungsmittel!</p> +<p class="p0 s5">Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie +zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat <span class="antiqua">Dr.</span> +<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten.<br> Preis brosch. M. +4.—, gebunden M. 5.—</p> + +<p class="s3 center">Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe</p> +<p class="p0 s5">Dichtungen von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80.</p> + +<p class="s3 center">Lieder der Arbeit</p> +<p class="p0 s5">Von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf.</p> + +<p class="s3 center">Vorwärts mit Gott!</p> +<p class="p0 s5">Von<em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. Lieder an mein Volk. Steif geheftet Preis 50 Pf.</p> + +<p class="s3 center">Der Tempel der Schönheit</p> +<p class="p0 s5">Schauspiel in drei Aufzügen von <em class="gesperrt">Georg Bonne</em>. Neue, für die +Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50.</p> + +<p class="s5">Die Zeitschrift »<em class="gesperrt">Bühne und Welt</em>« schreibt in der Nummer vom 1. +Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch +über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und +Dramatikers nach Handlung und Charakteristik. W.</p> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77887 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77887-h/images/cover.jpg b/77887-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..15f4542 --- /dev/null +++ b/77887-h/images/cover.jpg diff --git a/77887-h/images/illu-tb1.jpg b/77887-h/images/illu-tb1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5444032 --- /dev/null +++ b/77887-h/images/illu-tb1.jpg diff --git a/77887-h/images/signet.jpg b/77887-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e637316 --- /dev/null +++ b/77887-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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