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Erstere Form wird dabei im Kursivtext + eingesetzt, die letztere in Normalschrift. + + Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei der Akzentuierung, + rühren zum einen von den verschiedenen Quellen her, die der Autor + zitiert; zum anderen wird eine ganze Reihe nordischer und anderer + germanischer Sprachen zum Vergleich herangezogen, bei denen Wörter + unterschiedlich geschrieben werden. + + Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + + #################################################################### + + + + + HANDBUCH + + DER + + GERMANISCHEN MYTHOLOGIE + + VON + + WOLFGANG GOLTHER + + ORD. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK. + + LEIPZIG + + VERLAG VON S. HIRZEL + + 1895. + + + + + Das Recht der Übersetzung ist vorbehalten. + + + + +Vorwort. + + +Dieses Handbuch der germanischen Mythologie wurde auf Veranlassung +des Herrn Verlegers geschrieben. Mit Freuden folgte ich der an mich +ergangenen Aufforderung. Das Hauptgewicht meiner Arbeit beruht auf der +Darstellung der von den Quellen gebotenen Überlieferung. Es sollte mit +möglichster Klarheit erzählt werden, was wir aus verlässigen Berichten +wissen, dagegen schied ich aus, was allein auf kühne Vermutungen hin +aufgebaut werden kann. Meine Schilderung beschränkt sich aufs erste +Jahrtausend unsrer Zeitrechnung. Was vorher war, ist uns verhüllt; +kein Versuch, ins unbekannte Land vorzudringen, ist geglückt. Die +Ergebnisse, zu denen die Forschung bereits gelangt zu sein glaubte, +erwiesen sich als trügerisch. Weit wichtiger und wol auch erfolgreicher +ist es, innerhalb der Überlieferung die Entwicklungsgeschichte +aufzuspüren. Die Anordnung des Stoffes sucht diese Entwicklung zu +veranschaulichen. Die Begründung meines Verfahrens findet der Leser +in der Einleitung. Der neuesten Forschung, soweit sie mir zugänglich +war, ist überall Rechnung getragen, die wichtigsten Schriften sind +in den Anmerkungen immer genannt. Neben der Darstellung kam es mir +auch besonders darauf an, die Quellen der germanischen Mythologie und +die Belege für die vorgetragenen Ansichten so zu verzeichnen, dass +das Handbuch zum Nachschlagen taugt und auch demjenigen, der meinen +Behauptungen und Aufstellungen nicht beipflichtet, zum schnellen +Überblick dienlich ist. Da das Buch nicht ausschliesslich Fachleuten +gewidmet ist, wurden die nordischen Quellen stets verdeutscht; bei +der Edda folge ich meist Gerings Übersetzung, auf welche auch die +Verweise, wenn nicht anders vermerkt, sich beziehen. Wo jedoch der +Wortlaut im einzelnen von Belang ist, wurden die nordischen Textstellen +ausgehoben. Grimms Mythologie ist für Band 1 und 2 nach der Ausgabe +von 1844 angeführt; in der vierten Ausgabe von 1878 ist nur der 3. +Nachtragsband citiert. In den Anmerkungen sind mit Zfd. ZfdA. AfdA. die +Zeitschriften für deutsche Philologie und für deutsches Altertum, sowie +der Anzeiger für deutsches Altertum, mit Beiträgen die Beiträge zur +Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur von Paul, Braune und +Sievers gemeint. + +Möge das Buch dazu beitragen, die Vorstellungen von den altgermanischen +Göttergestalten zu klären und zu vertiefen, möge es freundliche +Aufnahme und nachsichtige Beurteilung finden. + + Rostock, Nov. 1895. + + W. Golther. + + + + +Erläuterungen. + + +ahd. = althochdeutsch. + +mhd. = mittelhochdeutsch. + +nhd. = neuhochdeutsch. +as. = altsächsisch. + +ags. = angelsächsisch. + +an. = altnordisch. + +nds. = niederdeutsch. + +mnds. = mittelniederdeutsch. + +ndl. = niederländisch. + +´ ^ über dem Vokalzeichen bedeutet Länge, also _á â é ê í î ó ô ú û_. + +_æ œ_ zu sprechen wie langes ä ö. + +_ø_ = ö. + +_ǫ_ ein Laut zwischen a und o, etwa wie engl. aw. zu sprechen. + +_þ đ_ = engl. th. + +_ȥ_ bedeutet ein weiches gelispeltes s, etwa wie im franz. s zwischen +Vokalen klingt. + +_h_ vor _r l n w_ klingt wie ein weiches ch. + +_v_ in altnordischen Wörtern ist wie nhd. _w_ zu sprechen. + + + + +Inhaltsverzeichniss. + + + =Einleitung.= + + Seite + + I. +Schriften zur germanischen Mythologie+ 1-53 + + 1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm 1 + + 2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und + J. Grimm 15 + + 3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm 22 + + 4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie 23 + + 5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende + Mythologie 26 + + 6. Die Lehre vom Dämonenglauben 30 + + 7. Die Wanderung der Mythen 35 + + 8. Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte 38 + + 9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und + gemeingermanischen 39 + + 10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie 48 + + 11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches 49 + + II. +Die Quellen der Mythologie+ 54-71 + + 1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der + Bekehrung 54 + + 2. Die Quellen der germanischen Mythologie 61 + + 3. Deutsch-englische Quellen 61 + + 4. Nordische Quellen 66 + + + =Erstes Hauptstück.= + + =Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie)= 72-191 + + 1. Der Geisterglauben und seine nächsten Ursachen 72 + + 2. Maren 75 + + 3. Seelen und ihre Erscheinungsformen 80 + + 4. Das Seelenheim 87 + + 5. Seelenkult 90 + + 6. Ahnenkult 92 + + 7. Glauben an eine Wiedergeburt 96 + + +Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen + hervorgingen.+ 98-122 + + 1. Die nordischen Fylgjur 98 + + 2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe und Berserker 100 + + 3. Schicksalsfrauen 104 + + 4. Walküren 109 + + 5. Hexen 116 + + +Elbe und Wichte+ 122-158 + + 1. Zwerge 134 + + 2. Kobolde 141 + + 3. Nixe 145 + + 4. Wald-und Feldgeister 152 + + +Riesen+ 159-191 + + 1. Die Benennungen der Riesen 161 + + 2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen 162 + + 3. Wasserriesen 172 + + 4. Wind-und Wetterriesen 180 + + 5. Berg-und Waldriesen 185 + + 6. Spuren vom Riesenkult 190 + + + =Zweites Hauptstück.= + + =Der Götterglauben= 192-500 + + Namen und Art der Götter 192 + + +Die einzelnen Götter+ 200-428 + + I. Tiuȥ 200-217 + + 1. Des Gottes Art und sein Kult 200 + + 2. Spuren von Mythen 214 + + II. Freyr 218-242 + + 1. Des Gottes Art und sein Kult 218 + + 2. Sagen 235 + + III. Der Himmelsgott als Donnerer 242-283 + + 1. Donar bei den Deutschen 242 + + 2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes 247 + + 3. Thor in der Skaldendichtung 261 + + 4. Sagen von Thor 265-283 + Thor und Thrym 266 + Thor und Hrungnir 267 + Thor und Hymir 270 + Thor und der Riesenbaumeister 273 + Thor und Geirröd 274 + Thor belebt die Böcke 276 + Thor in Utgard 276 + Thor und die Riesinnen 281 + Thor und Alwis 282 + + 5. Thor im neueren Volksglauben 283 + + IV. Wodan-Odin 283-359 + + 1. Wode und das wütende Heer 283 + + 2. Wode und Wodan 292 + + 3. Wodan bei den Deutschen 295 + + 4. Odin im Norden 303-359 + Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern 304 + Odin in nordischer Sage 309 + Walhall und die Walküren Odins 313 + Odin fordert Opfer 325 + Odin als Heldenvater 328 + Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer 336 + Odins Liebesabenteuer 336 + Odin der Gott der Weisheit 338 + Wie Odin sein Wissen gewann 345 + Odrerir 350 + Odins Verwandtschaft und Odins Namen 354 + + V. Heimdall 359 + + VI. Balder 366-386 + 1. Seine Art und Erscheinung 366 + 2. Die norwegisch-isländische Baldersage 368 + 3. Die Baldersage bei Saxo 373 + 4. Vergleichung der beiden Baldersagen 378 + 5. Ursprung der Baldersage 380 + 6. Baldrdienst 381 + 7. Balder ausserhalb des Nordens 382 + 8. Phol 384 + 9. Angebliche Baldersagen 385 + + VII. Forseti 386 + + VIII. Ullr 390 + + IX. Widar 394 + + X. Wali 395 + + XI. Hönir 397 + + XII. Bragi der Dichtergott 400 + + XIII. Requalivahanus 405 + + XIV. Loki 406-428 + 1. Lokis Wesen und Namen 406 + 2. Die Sagen von Loki 411 + 3. Loki als Verderber Baldrs 420 + 4. Die Teufelsbrut 425 + 5. Loki beim Weltende 427 + + +Die Göttinnen+ 428-500 + + I. Frija und ihr Kreis 429-453 + + 1. Frija 429 + + 2. Frigg 430 + + 3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen 434 + + 4. Freyja 437 + + 5. Freyja und Brisingamen 441 + + 6. Freyja und die Riesen 442 + + 7. Freyja als Venus vulgivaga 443 + + 8. Freyja und Odr 444 + + 9. Freyjakult 445 + + 10. Gefjon 446 + + 11. Idun 448 + + 12. Menglod 451 + + 13. Schlussbemerkungen 452 + + II. Die Erdgöttin 454-458 + + Nerthus 456 + + III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei + antiken Autoren 458-470 + + 1. Tanfana 458 + + 2. Baduhenna 459 + + 3. Die Alaisiagae 460 + + 4. Hlodyn und Hludana 461 + + 5. Isis-Nebalennia 463 + + 6. Die Mütter 468 + + 7. Dea Sandraudiga und Vercana 470 + + IV. Totengöttinnen 471-480 + + 1. Die Hel 471 + + 2. Die Ran 478 + + V. Nordisch-finnische Göttinnen 480-486 + + 1. Skadi 480 + + 2. Thorgerd Hölgabrud 482 + + VI. Die Sonnengöttin 486-488 + + VII. Angebliche Göttinnen 488-500 + + 1. Eostre und Hrede 488 + + 2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen 489 + + + =Drittes Hauptstück.= + + =Von der Weltschöpfung und vom Weltende= 501-543 + + I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen 502-509 + + II. Die nordische Schöpfungslehre 509-531 + + 1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen 511 + + 2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels 517 + + 3. Die Schöpfung der Zwerge und Menschen 525 + + 4. Der Weltbaum 527 + + III. Weltuntergang 531-543 + + + =Viertes Hauptstück.= + + =Die gottesdienstlichen Formen= 544-660 + + I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen 544-590 + + 1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung 545 + + 2. Der Götterdienst im Kriege 550 + + 3. Der Götterdienst im alltäglichen Leben 555 + + 4. Gebet und Opfer 559 + + 5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht 569 + + 6. Festliche Umzüge 578 + + 7. Ständige Jahresfeste 580 + + II. Das Tempelwesen 590-612 + + 1. Heilige Haine 590 + + 2. Tempelbauten 593 + + 3. Götterbilder 602 + + 4. Tempelfrieden 607 + + 5. Tempelgut 608 + + 6. Staats-und Privattempel 610 + + III. Das Priesterwesen 612-660 + + 1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern 612 + + 2. Germanische Benennungen des Priesters 614 + + 3. Adelige Herkunft und Tracht 617 + + 4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer 619 + + 5. Priesterinnen 620 + + 6. Die Wissenschaft der Priester 622 + + 7. Der Priester als Erforscher der Zukunft 631 + + 8. Zauberlieder 641 + + 9. Wahrsager und Zauberer 646 + + + Nachträge 660 + + + Namenverzeichniss 661-668 + + + + +EINLEITUNG. + + +I. Schriften zur germanischen Mythologie. + +1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm. + +Die Wiedererweckung der Schriften des klassischen Altertums förderte +die Geschichtschreibung in Deutschland. Die heidnische Zeit der +Germanen trat, freilich oft noch arg entstellt, nebelhaft verschwommen +und phantastisch ausgeschmückt den Forschern vor Augen. Ebenso begannen +die lateinischen Geschichtsquellen des Mittelalters auf die Chronisten +einzuwirken. Die Altertumsforscher und Historiker hatten häufig +Veranlassung, über heidnischen Götterdienst zu berichten. Es dauerte +aber geraume Zeit, bis den weitverstreuten Nachrichten Sammler und +damit die ersten Verfasser germanischer Mythologien erstanden. Die +Aufgabe ist zwar klar vorgezeichnet, aber sehr schwer zu lösen. Bis +auf +J. Grimm+ herrschte nicht einmal für die einfachsten Grundfragen +sicheres Verständniss, und noch heute schwanken die Anschauungen über +wichtige Einzelheiten. Die nächste Aufgabe besteht aber in einer +erschöpfenden Sammlung aller Quellenzeugnisse. Damit ist der Baustoff +gegeben, aus dem die Geschichte des germanischen Götterglaubens +aufzuführen ist. Schon die Sammlung und Sichtung, die Erklärung des +Einzelnen und der Anschluss ans Ganze setzen eine hochentwickelte +Geschichts-und Sprachwissenschaft voraus. So lange Kelten, Germanen, +Skythen, Slaven durcheinander geworfen werden, solange das historische +Urteil über echt und unecht, alt und jung fehlt, ist der Begriff +einer reinen unverfälschten germanischen Mythologie undenkbar. Das +völlig unzuverlässige Material verstattet keine darauf begründete, +befriedigende Darstellung. + +Des Geographen +Philip Clüver+ _Germania antiqua_, Leyden 1616, ist +eine ausführliche Altertumskunde auf Grund der Nachrichten der +klassischen Autoren, natürlich mit dem bekannten Irrtum, dass Illyrier, +Germanen, Gallier, Hispanier und Britannier einer Sprache und eines +Stammes, nämlich Kelten gewesen seien. Darin ist auch, besonders +im Anschluss an Tacitus, vom Götterglauben und Kulte der Germanen +ausführlich gehandelt. Diese Abschnitte mochten sich leicht zu eigenen +Schriften über deutsche Mythologie auswachsen. + +Die erste deutsche Mythologie ist von +Elias Schedius+[1] geschrieben +und erschien nach seinem Tode 1648 zu Amsterdam. Der Titel lautet +_de diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum, Britannorum, +Vandalorum religione_. Das Buch besteht aus einer Anhäufung von Citaten +aus den klassischen Autoren und mittelalterlichen Chronisten, wo +diese von den Göttern der nordischen Völker, von ihren Priestern und +heiligen Bräuchen, von ihrem Heroen- und Dämonenkult berichten. Trotz +des beträchtlichen Umfangs von 505 Seiten steht von echtgermanischem +Götterglauben fast nichts in dem Buche. Wir begegnen nur _Tuisco_ und +der _Irminsäule_; zu _dies Mercurii_ wird bemerkt, die Niedersachsen +und Westfalen würden dafür Wodentag sagen. Natürlich ist der Verfasser +nicht im Stande, hinter die interpretatio romana zu schauen. Umsomehr +gallische und wendische Götternamen tauchen auf. Ebenso sind die +gelehrten meist harsträubender Etymologie entstammenden Götzen der +Chronikschreiber des 16. Jahrhunderts berücksichtigt. Unter dem +Wuste unbrauchbarer undeutscher oder ungeschichtlicher Materialien +verschwinden die wenigen den klassischen Autoren entnommenen +Nachrichten vom wirklichen germanischen Glauben. Das Vorbild der +Chronisten wie des Aventinus musste den Mythologen noch mehr in +Phantastereien verleiten; Olaus Maguus, von dem Saxo eifrig benutzt +wurde, ist von Schede zu wenig herangezogen. + +Fürs 17. Jahrhundert sind noch zu nennen +Sebastian Kirchmaier+, _de +Germanorum antiquorum idolatria, ad loca quaedam Taciti_, Viteb. 1663 +und +Magn. Dan. Omeis+, _dissertatio de Germanorum veterum theologia et +religione pagana_, Altdorf 1693. + +Im Norden fand die Forschung übers Heidentum reichlichere Nahrung, +indem dort viele unmittelbare Quellen zu Gebot stehen, aus denen ohne +Weiteres ein Teil der Göttersage und des Kultes entnommen werden +kann.[2] In Dänemark und Schweden knüpfte sich die Beschäftigung mit +der heimischen Vorzeit zunächst an die _historia danica_ des Saxo +Grammaticus. Der erste Druck erschien 1514 zu Paris. Neben einer Fülle +von Sagen finden sich bei Saxo Nachrichten über Glauben und Kultus +der heidnischen Zeit. Ein schwedischer Erzbischof, +Olaus Magnus+, +entwarf zuerst in einem geographisch-kulturgeschichtlichen Werk über +die nordischen Länder und die Sitten ihrer Bewohner einen Abriss +des heidnischen Götterglaubens. Seine grosse _historia de gentibus +septentrionalibus_, Rom 1555, handelt im 3. Buch _de superstitiosa +cultura daemonum populorum aquilonarium_. Besonders Saxo, aber auch +Adam von Bremen ist benützt; so erscheinen Thor, Odhen und Frigga, und +wird der prächtige Upsalatempel geschildert. Ausserdem ist Einiges +aus dem Gebiete des Volksglaubens mitgeteilt. Was geboten wird, ist +freilich wenig, aber doch klar und einheitlich. In der mit reichlichen +Anmerkungen versehenen Saxoausgabe des Dänen +Stephanius+ vom Jahre +1644 wurde der Altertumskunde ein bequemes Hilfsmittel zurecht gelegt. + +Am wichtigsten aber ist die um 1600 neu erstandene isländische +Altertumsforschung.[3] Fast die gesamte norwegisch-isländische +Überlieferung war in isländischen Handschriften aufbewahrt. Männer, +wie +Arngrímr Jónsson+, +Björn Jónsson+, +Magnus Ólafsson+, +Brynjulfr +Sveinsson+, durch sie angeregt der Däne +Ole Worm+ widmeten sich +der Sammlung und Verarbeitung der altisländischen Quellen. In Bälde +kamen die wertvollsten Denkmäler zum Vorschein und wurden auch binnen +Kurzem im Drucke zugänglich gemacht. Die isländischen und norwegischen +Geschichtsquellen sind voll von ausführlichen und lebendigen +Beschreibungen des Heidenglaubens. Eine förmliche Mythologie hatte ++Snorri Sturluson+ in seiner _Edda_ um 1230 verfasst; eine Sammlung +von Götterliedern, die teilweise noch im 10. Jahrhundert gedichtet +worden waren, fand Bischof +Brynjulfr+ im Jahre 1643, die sogenannte +_ältere Edda_, die der Bischof fälschlich nach Snorris Edda benannte +und dem weisen _Saemund_, einem gelehrten Isländer († 1133), zuschrieb. +Damit war die Grundlage der nordischen Mythologie gegeben. 1665 +beförderte der Däne _Petrus Resenius_ die Snorra Edda zum Druck und +gab dem isländischen Urtext eine von den Isländern Magnus Ólafsson, +Stephan Ólafsson und Thormóðr Torfason herrührende lateinische, sowie +eine von Stephanius verfasste dänische Übersetzung bei. Im selben +Jahre veröffentlichte er aus der Liedersammlung die Vǫlospǫ́ und die +Hǫ́vamǫ́l, ebenfalls mit lateinischen Paraphrasen des Stephan Ólafsson +und Gudmund Andersen; 1673 wurde der Druck wiederholt. Die den Ausgaben +Resens beigefügten lateinischen Übertragungen verschafften ihnen weite +Verbreitung auch ausserhalb der nordischen Lande. Auf lange hinaus +bildeten sie die Hauptquelle für alle, die über deutsche und nordische +Mythologie schrieben. + +Des +Johannes Schefferus+ _Upsalia_ 1666 ist grösstenteils +mythologischen Inhalts. Ausführlich wird der heidnische Tempel von +Upsala beschrieben und in besonderen Abschnitten über die dort +verehrten Gottheiten Thor, Odin und Frigga gehandelt. Auch Freyr und +Njord und andere Gottheiten werden besprochen. Es ist eine fleissige +Darstellung des nordisch-germanischen Götterglaubens, namentlich sofern +er mit schwedischem Kult in Verbindung gebracht werden kann. Nun +begannen diese nordischen Arbeiten auch auf die deutschen Verfasser zu +wirken. + ++J. G. Eccard+, _historia studii etymologici linguae Germanicae_ 1711, +S. 10, verspricht dem Leser eine deutsche Mythologie (_exspectandum a +me habes librum de diis veterum Germanorum_), die aber nicht zu stande +kam. + +Die zweite deutsche oder besser germanische Mythologie schrieb +der Schleswiger +Trogillus Arnkiel+ im Jahr 1690 unter dem +Titel _Cimbrische Heydenreligion_. 1703 erschien die cimbrische +Heydenreligion unverändert, aber vermehrt mit drei Abhandlungen +über das goldene Horn von Tondern, über die Bestattungsbräuche der +cimbrischen Völker, über ihre Bekehrung. Unter Cimbern versteht +Arnkiel die Goten, Guten und Jüten, d. h. Schweden und Dänen, die +Sachsen, die Friesen, die Wenden, die er wie üblich für Nachkommen der +Wandalen nimmt. Arnkiel übertrifft an Gehalt Schedes Versuch weit. Die +nordischen Denkmäler, Resens Ausgaben, Stephanius’ Saxo, Scheffers +Upsalia, Worms monumenta Danica u. a. sind gründlich verwertet, so +dass seine „gotische“ d. h. nordische Mythologie sich schon recht +stattlich ausnimmt. Für die Sachsen beruft er sich auf eine Schrift +von +Christof Arnold+, _de diis Saxonum_; ihre „sieben Götzen“ leitet +er aus den Wochentagen als Sonne und Mond, Tuisco, Woden, Thor, Freya +und Sater (d. i. Saturnus) ab. Für die Friesen wird Hertha, die +berüchtigte Lesart für Nerthus, in Anspruch genommen. Die wendischen +Götter, hauptsächlich aus des Chronisten +Crantz+ _Wandalia_ entlehnt, +berühren uns hier nicht. Fürs germanische Priestertum sind die +Druiden und Barden maassgebend. Als Theologe geht Arnkiel sehr in die +Breite und berücksichtigt fortwährend auch das übrige Heidentum, das +gleichwie das germanische als klägliche Entartung ursprünglicher reiner +Gottesoffenbarung gefasst wird. Zudem ist er, wie fast alle Mythologen +seit Snorri und Saxo, Euhemerist: „die heyden haben die verstorbene +helden und die böse geister vergötzet und als götter angebeten.“ Aber +trotz allem ist doch vieles mit sachlichem gesundem Urteil geboten, +und zuerst die nordische Mythologie zum Aufbau der deutschen Trümmer +eingeführt. + ++J.G. Keyslers+ _antiquitales selectae septentrionales et celticae_, +Hannover 1720 bekunden wiederum einen bedeutenden Fortschritt, schon +weil allein die Absicht des wissenschaftlichen Altertumsforschers +vorherrscht. Das Buch gewährt zwar keine Gesamtdarstellung der +germanischen Mythologie, aber behandelt einzelne Abschnitte z. B. den +Walhallglauben. Die Inschriften aus der Römerzeit, welche deutsche +Götternamen enthalten, werden erörtert. So hören wir von _Hercules +Magusanus_, von _Nehalennia_, von den _Matronen_. Auch werden +Erscheinungen des Volksglaubens, Seelen, Maren, Elbe besprochen. Man +merkt, der Stoff erweitert und klärt sich; allmälig tauchen bestimmtere +Ziele auf. Sehr verständig urteilt Keysler S. 126, dass die Sage vom +Weltuntergang ebenso wie die von der Menschenschöpfung und Sinflut aus +der christlichen Lehre entlehnt sei. + +Um die Mitte des Jahrhunderts trat +M.G. Schütze+ mit mythologischen +Arbeiten hervor. Er schrieb 1743 _de cruentis germanorum gentilium +victimis humanis_, 1748 _exercitationum ad Germanium sacram gentilem +facientium sylloge_, worin von Hludana, Weleda, dem Namen Allvater, +dem Minnetrinken und dem Marenglauben die Rede ist, endlich 1750 +_Lehrbegriff der alten deutschen und nordischen Völker von dem Zustande +der Seelen nach dem Tode überhaupt und von dem Himmel und der Hölle +insbesondere_. +Siebrand Meyers+ _kurtze Erörterung des ehemaligen +Religionswesens der Teutschen_ Leipzig 1756 konnte ich nicht einsehen. + +Der Genfer +Mallet+, der eine Zeit lang in Kopenhagen lebte, verstand +es, dem Ausland den Hauptinhalt der nordischen Mythologie auf Grund +von Resens und Göranssons Ausgaben sowie Bartholins _antiquitatum +danicarum libri tres_ (1689) in übersichtlicher gefälliger Form +darzubieten. Seine _introduction à l’histoire de Danemarc_ Kopenhagen +1755 mit den _monumens de la mythologie et de la poësie des Celtes et +particulièrement des anciens Scandinaves_, ebenda 1756, verdeutscht +1765 als _Geschichte von Dänemark erster Teil_, gibt eine gefällige +Schilderung ohne Weitschweifigkeit und gelehrten Ballast. Die +nordischen Denkmäler besonders die Snorra-Edda werden einfach +übersetzt, in erklärenden Anmerkungen ist der Zusammenhang mit den +deutschen und anderen _„celtischen“_ Überlieferungen nachgewiesen. Die +_celtische Religion_, die _Glaubenslehre der Druiden_, habe sich am +reinsten in Skandinavien erhalten. Von anderen Phantastereien bleibt +Mallet fern. Treffend hält er denen, die Snorri der Erfindung der +nordischen Mythologie zeihen, die Thatsache entgegen, dass bereits +die älteren Skalden dieselbe Glaubenslehre voraussetzen. Mallets Buch +ist nicht gründlich gearbeitet, aber dafür auch nicht schwerfällig. +Keine gröberen Verstösse haften ihm an, geschickt sind die vorhandenen +Hilfsmittel benützt. Es erfüllte trefflich seinen Zweck, weitere Kreise +mit der nordgermanischen Mythologie bekannt zu machen. Die Zeit aber +war solchem Unterfangen günstig. + +1766 erschien +Gerstenbergs+ _Gedicht eines Skalden_, worin nach +dem Vorgang eines dänischen Dichters namens _Tullin_ die nordische +Mythologie ebenso zum äussern Schmuck und Aufputz verwendet wurde wie +bisher die antike. Aus dieser Anregung ging die Bardenpoesie hervor, +welche vorwiegend nordische, dann aber auch deutsche Mythologie und +keltische Bestandteile in die deutsche Dichtung einführte. Was bisher +nur auf gelehrte Kreise beschränkt geblieben war, gewann nunmehr +die Teilnahme der literarisch gebildeten Welt. Rasch verflog zwar +der eigentliche Bardengesang, aber länger hielt das einmal erregte +Interesse für nordisch-deutsche Mythologie an. 1787 erschien der erste +Band der älteren Edda zu Kopenhagen; darin standen die wichtigsten +Götterlieder, von denen bisher nur wenige durch Resen und Bartholin +zugänglich gewesen waren. Dem isländischen Texte waren lateinische +Übersetzungen und ausführliche Einleitungen und Erläuterungen, +ebenfalls lateinisch, beigefügt. Natürlich erwuchs hieraus der +Erforschung des nordischen Götterglaubens eine kräftige Förderung, die +auch in Deutschland lebendigen Widerhall fand. Man begann sehr bald, +die Edda bei uns einzubürgern.[4] Der schwäbische Schulrektor +David +Gräter+ (1768-1830) entfaltete eine rege Thätigkeit, die Ergebnisse und +Errungenschaften der nordischen Altertumskunde in Deutschland weiteren +Kreisen zu vermitteln. Populäre Handbücher der deutschen und nordischen +Mythologie, meist unselbständig, dürftig und höchst verschroben, von +ungründlicher handwerksmässiger Mache, tauchten in grösserer Anzahl auf. + +Auch im Norden nahm unter dem Einfluss dichterischer, auf die Vorzeit +gerichteter Bestrebungen die Beschäftigung mit dem Götterglauben neuen +Aufschwung. + +Im Jahre 1801 löste +Oehlenschläger+ die Preisfrage der Kopenhagener +Universität, ob die Einführung der nordischen Mythologie an Stelle +der antiken in die Dichtung der Gegenwart rätlich sei. In epischen +und dramatischen Werken brachte nachmals Oehlenschläger selbst die +Sagenwelt der Vorzeit seinem Volke wieder nahe. 1819 erschienen _die +Götter Nordens_ (verdeutscht von Legis 1829), ein Versuch, in freier +poetischer Nachbildung den Gesamtinhalt der Eddamythen als einheitliche +Dichtung zu erweisen. +N. F. S. Grundtvig+ _Nordens Mytologi_ 1808 +sucht dem Volke mit überschwänglicher Bewunderung die tiefsinnige +nordische Götterlehre in subjectiver moderner Empfindung wieder +vorzuführen. Denselben Zweck verfolgt +Hauchs+ _nordische Mythenlehre_, +Leipzig 1847. + + * * * * * + +Um die mythologische Überlieferung richtig zu verstehen, bedarf es +eingehender Quellenkritik, um den Ursprung der Mythen zu ergründen, +ihrer Auslegung. Erst spät kam die erste Frage zum Bewusstsein, heute +ist der Streit darüber heftiger denn je. Voreilig aber drängte sich +allezeit die Deutung mangelhaft verstandener Thatsachen vor. Man nahm +das Überlieferte einfach hin, wie es war, und ergoss die wunderlichsten +Erklärungen darüber. Heute fällt das Schwergewicht auf Quellenkritik, +von deren Entscheidung die Auslegung ganz und gar abhängt. + +Von schwedischen Gelehrten ging die Ansicht aus, die nordische Sagen- +und Mythenwelt sei uralt. + +In Schweden machte +Olof Rudbecks+ berüchtigtes Werk _Atlantica_, +1675-1702 in 4 Teilen erschienen, grosses Aufsehen. Sein Grundgedanke +ist, dass Schweden die Insel Atlantis, die Urheimat aller Völker, +aller Kultur und Religion sei. Die schwedischen Sagen, die nordische +Mythologie überragen an Altehrwürdigkeit weit die griechisch-römische +Überlieferung. +J. Göranson+, der 1746 die Snorra-Edda nach der +Upsalahandschrift mit schwedischer und lateinischer Übertragung +herausgab, 1750 die Völnspa als die _„patriarchalische Lehre der +uralten Atlantiskinder“_ folgen liess, wandelt mit seinem Urteil in +Rudbecks Spuren. Die Edda ist von Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert +aus alten Runen abgeschrieben, sie war aber, wie Herodot und Plato +beweisen, schon 300 Jahre vor Trojas Erbauung auf Messingtafeln +aufgezeichnet und wanderte damals nach Griechenland. Trotzdem wird +flachem Euhemerismus gehuldigt, Odin gilt als menschlicher nachmals +vergötterter König. Solch wüste Phantasterei suchte +J. Schimmelmann+ +_„isländische Edda d. i. die geheime Gotteslehre des ganzen allen +Kaltiens oder des europäischen Skytiens“_ Stettin 1777 und in der +_„Abhandlung von der alten isländischen Edda“_ Halle und Leipzig o. J. +in Deutschland zur Geltung zu bringen, doch glücklicherweise ohne +Erfolg. Für Schimmelmann ist die Edda das älteste Götterbuch, das +dem europäisch-celtischen Urvolk bei dessen erstem Auszug aus Asien +mitgegeben wurde. + +Solchem Überschwang trat die besonnene Frage nach Alter und Herkunft +der Snorra Edda, nach ihrem Verhältniss zur Liedersammlung (der +sogenannten älteren Edda), nach Alter und Herkunft der darin +enthaltenen Mythen entgegen, aber freilich mit unzureichenden +Mitteln und mit arger Verkennung der wahren Sachlage. +F. Adelung+ +in _Beckers Erholungen_ 1797, II hielt die Götterlehre der Edda für +eine blosse Erdichtung, für eine Nachbildung christlicher Ideen. +Am entschiedensten erklärte sich +Fr. Rühs+ in seiner _Geschichte +der Religion, Staatsverfassung und Kultur der alten Scandinavier_ +1801, in seiner Übersetzung der Snorra-Edda 1812, S. 120 ff., in +seiner Abhandlung _über den Ursprung der isländischen Poesie aus +der angelsächsischen_ 1813 gegen die Echtheit der Edda-Mythen. +Seine Beweise sind freilich schwach, seine Behauptungen aber finden +neuerdings mehrfach Bestätigung. Peinlich berührt die hässliche +Schimpferei gegen die Brüder Grimm in Rühs letzter Abhandlung. Aber +man muss zu seiner Rechtfertigung berücksichtigen, dass er gereizt +worden war. Rühs behauptet mit gutem Fug, die nordische Mythologie, +wie sie in der Kunstdichtung der Skalden und in der Edda vorliege, +sei nie Glaube des Volkes gewesen, nur in unbedeutenden Einzelheiten +darauf begründet. Die Meinungen des Volkes hätten den ersten Keim +hergegeben, der aufs freieste und mannigfaltigste mit christlichen, +jüdischen, griechisch-römischen Ideen weitergebildet worden sei. +Vermischung von Christlichem und Heidnischem habe schon vor der +Bekehrung stattgefunden. Weil jene Mythen von Anfang an nur zum Zwecke +der Unterhaltung als poetischer Stoff dienten, konnten sie auch nach +Annahme des Christentums noch ungeschwächt fortwirken. Oft spielten +Angelsachsen Vermittler fremder Kultureinflüsse. Gedichte, in denen +Fremdwörter wie _töflur_ d. i. Tafeln (Vol.) oder _hrimkalkr_ (Kelch) +vorkommen, können nicht uralt sein. Dem Einwurf, der ihm seinerzeit +von P. E. Müller ebenso wie neuerdings einem Bugge von Finnur Jónsson +gemacht wurde, dass schon die Skaldengedichte des 9. Jahrhunderts +die nordische Mythologie voraussetzen, stellte er den Satz entgegen, +die betreffenden Strophen seien jünger und jenen alten Skalden nur +unterschoben worden. Rühs hatte freilich keine klare Vorstellung +darüber, wie der echte nordische Volksglauben, den wir namentlich aus +den Geschichtsquellen kennen lernen, zu den Erdichtungen der Skalden +sich verhielt. Er ging zu weit, indem er alles leugnete, und gab damit +seinen Gegnern selber die Waffen zu seiner Bekämpfung. + ++J. Grimm+ wandte sich in der Leipziger Literaturzeitung 1812, Nr. +287 u. 288 scharf und heftig gegen Rühs. +P. E. Müller+ hatte 1811 in +einer besondern Schrift _„die Ächtheit der Asalehre und den Wert der +Snorronischen Edda“_ verfochten. Der Beweis der Echtheit wird in der +Hauptsache aus den Skaldengedichten und aus der dichterischen Sprache +erbracht, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert immer die Mythologie zur +Voraussetzung haben. Somit könne von einer Fälschung keine Rede sein. +Müller fasst die Angelegenheit nicht ganz richtig auf. Es wird ja +eine besondere Skaldenmythologie, gepflegt und ausgebaut zum Zwecke +der Dichtung, aber unterschieden vom eigentlichen Volksglauben, +eben behauptet. Dass die Skalden sich insgesamt dieser Mythologie +bedienen, beweist doch nichts für ihre _„Echtheit“_, insofern etwa +Volkstümlichkeit damit gesagt sein soll. Aber das Ansehen und +überlegene Wissen des dänischen und der beiden deutschen Gelehrten +schlug den ersten kritischen Zweifler nieder. Leidenschaftliche +Vorliebe verblendete schon damals gerecht abwägendes Urteil. Man +glaubte, einen Zerstörer und Schänder altheiliger Überlieferung zu +sehen, während in Wirklichkeit doch nur die Quellen aufgezeigt werden +sollen, aus denen nordische Dichter für ihre grossartigen Schöpfungen +Anregungen und Motive entnahmen. Den erhabenen Einheitsgedanken in +der nordischen Mythologie suchten Dichter und Gelehrte recht deutlich +hervorzuheben, um zu beweisen, dass nicht etwa genial veranlagte +Skalden des 10. Jahrhunderts eben das, was wir an der nordischen +Göttersage bewundern, geschaffen haben, sondern um den allgemeinen +Schluss daraus zu folgern, dass es so längst vor ihnen gewesen sei. + +Die Deutungsversuche sind _geschichtlich_, euhemeristisch, wonach +geschichtliche Vorkommnisse der Urzeit den Mythen zu Grunde liegen +sollen, _philosophisch und physikalisch_. Mit starken Einschränkungen +liegt in allen diesen Erklärungen ein Körnchen Wahrheit, doch wurden +sie einseitig übertrieben und verallgemeinert, und keine trifft den +Kern der Urreligion. + +Der _Euhemerismus_, der neben der Theologie von Anfang an die +germanische Mythologie durchzieht, wurde am stärksten in des Dänen ++Suhm+ Buch _om Odin_ 1771 vertreten. Mit nüchternem Verstande soll die +alte Überlieferung aufgefasst und ausgelegt werden; in Wirklichkeit +aber bildet sich eine Lehre auf Grund der irrtümlichen und verkehrten +Meinungen der alten Geschichtschreiber. In den angelsächsischen +Stammtafeln, bei Ari und Snorri ist die altgermanische Vorstellung +von der göttlichen Herkunft des Adels und Königtums dahin verderbt, +dass Woden-Odin, Njord, Freyr als sterbliche menschliche Vorfahren der +geschichtlichen Könige betrachtet werden. Von den Asen, den nordischen +Göttern, wird Abstammung aus Asien behauptet und von ihrer Einwanderung +aus dem Ursitz am Tanais über Sachsen nach Dänemark und Skandinavien +gefabelt. Die Einwanderung geschah unter der Führung Odins. Diese +Geschichten nimmt Suhm wörtlich, er sucht drei geschichtliche +Persönlichkeiten mit Namen Odin festzustellen. Diese hätten sich den +Namen der ursprünglichen Gottheit Odin beigelegt. Dass auf solche +Art ein Zerrbild der nordischen Göttersage entstehen muss, ist klar. +Nur die Namen und das ursprüngliche Wesen bleiben den Göttern, +alle Überlieferung im Einzelnen den Menschen, die sich ihre Namen +anmaassten. Eine seichtere und flachere Auffassung ist kaum denkbar. +Die Übereinstimmung der nordgermanischen Religion mit andern wird auf +die gemeinsame Urheimat der gesamten Menschheit in Asien zurückgeführt. +Der Glaube an einen einigen Gott liegt allen heidnischen Religionen +und mithin auch der nordischen zu Grunde, wie aus dem Namen Allvater +erwiesen wird. Hatten die früheren theologisch gesinnten Verfasser +diesen Gedanken folgerichtig aus der biblischen Geschichte entwickelt +und die heidnische Vielgötterei, den Abfall vom Monotheismus, auf den +Teufel zurückgeführt, so bricht sich allmälig eine _philosophische_ +Erklärung Bahn. Der wahre einige Gott stand als geistiges Wesen über +der Natur, aber bald wurde er als Weltseele in der Natur, in den +Naturerscheinungen, z. B. in der Sonne, im Winde, im Donner gesucht. +Hiermit melden sich die Anfänge der natursymbolischen Mythendeutung. + +Von Deutschland ging die philosophisch-physikalische Mythendeutung aus, +die wenigstens insoweit Gutes wirkte, dass sie den flachen Euhemerismus +wegfegte. Positive Ergebnisse von bleibendem Werte hat sie freilich +wenig zu verzeichnen. + ++Creutzers+ _Symbolik und Mythologie_ 1810-1812, +Görres+ +_Mythengeschichte der asiatischen Welt_ 1810, +Kannes+ _Pantheum der +Naturphilosophie_ 1811 riefen diese Richtung ins Leben. + +Den alten Religionen liegt nach Creutzer der Kern einer reineren +monotheistischen Urreligion zu Grunde, der von priesterlichen +Lehrern in der Form von Zeichen (Symbolen) und Erzählungen (Mythen) +mitgeteilt, durch die Einmischung volkstümlicher Sagen, durch die +poetisch gestaltende Kraft und durch die Empfindung der belebten +Natur zu einer polytheistischen Gliederung auswuchs, aber in den +Mysterien am reinsten erhalten war. Den Kern durch Vergleichung +aller überlieferten Mythologien ans Licht zu ziehen ist Aufgabe der +Wissenschaft. Die Urreligion entstand im Morgenland. Zugleich ist die +Aufgabe gestellt, die Mythen, die ja nur Allegorien sind, auf ihren +eigentlichen Grund zurückzuführen, und das Göttliche überall, auch in +den Naturerscheinungen zu suchen. + +Den Fachgelehrten fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen philosophischen +Sätze am mythologischen Stoffe anzuwenden. Das that in Deutschland ++Mone+ in der _Geschichte des Heidentums im nördlichen Europa_ 1822-24. +In der Einleitung bekennt er sich zur Anschauung, dass man durch +Vergleichung stammverwandter Glaubenslehren die Stammreligion, durch +Vergleichung der Stammreligionen die Religion der Menschheit und +die Art und Weise ihrer Verzweigung und Teilung in die unendliche +Vielheit der Völker lerne. Bei der Darstellung beschränkt er sich aber +mehr auf Verarbeitung der Überlieferung, die nur beiläufig ausgelegt +wird, und schildert so das nordische und deutsche, d. i. sächsische, +fränkische, gotische Heidentum je für sich allein. Viel neues Material +wird zielbewusst in grösserem Rahmen bearbeitet. Den landläufigen +mythologischen Handbüchern der damaligen Zeit ist Mone an Wissen und +Urteil weit überlegen. Bemerkenswert ist, dass Mone auch die Heldensage +ihrer mythischen Bestandteile halber in grösserem Maassstabe zur +Mythologie heranzieht. + +In Dänemark wirkte der sehr verdienstreiche Isländer +Finn Magnusen+ +in diesem Sinne. Seine vierteilige _Eddalehre_, Kopenhagen 1824-26, +handelt ausführlich vom Ursprung der nordischen Mythen, welche +„sowohl mit dem grossen Buche der Natur, als auch mit den mythischen +Systemen der Griechen, Perser, Inder und mehrerer anderer alter +Völker“ verglichen werden. Auch ihm schwebt die Urreligion und ihre +Entstehung aus Naturerscheinungen als letzter Grund aller Mythologien +vor. Ebenso ist sein _priscae veterum Borealium mythologiae lexicon_ +1827 eingerichtet. Darin ist mit erstaunlicher Vollständigkeit die +gesamte nordische Götterlehre nicht bloss der Edda, sondern auch der +übrigen altnordischen Quellen in Form eines ausführlichen Wörterbuches +geordnet. In +Nyerups+ _Wörterbuch der skandinavischen Mythologie_, +Kopenhagen 1816 hatte er eine brauchbare Vorarbeit. Finn führte auch +in den einzelnen Abhandlungen seines Wörterbuches die Vergleichung und +Auslegung der einzelnen nordischen Mythen durch. Die Deutungen sind +freilich grösstenteils verfehlt, schon weil die Sternkunde allzu sehr +hervortritt. Darnach wären die Germanen vorwiegend Sternanbeter gewesen +und hatten überaus genaue astronomische Kenntnisse sehr künstlich zu +Mythen verwandelt. Trotz den verfehlten allgemeinen mythologischen +Anschauungen bilden Mones und Finn Magnusens Schriften aber doch den +Höhepunkt der mythologischen Forschungen vor Uhland und J. Grimm. Es +war unendlich viel Thatsächliches geboten, dessen Wert noch heute +andauert und durch die verkehrten Meinungen, welche die Verfasser über +die Erklärung des fleissig zusammengetragenen Stoffes hegten, nicht +beeinträchtigt wird. + + * * * * * + +Zum Schlusse des Abschnittes möge ein kleines Verzeichniss solcher +Schriften stehen, die das Studium der deutschen Mythologie zu +popularisieren suchten. Darin kommen die allgemeinen Anschauungen, +die man bisher mit Hilfe der Forschung erreicht hatte, deutlich +zum Ausdruck. Abgesehen von einigen unverbesserlichen rückfälligen +Nachzüglern stehen die populären Mythologien nach J. Grimm auf einem +unvergleichlich höheren Standpunkt. + +Kleinere Abhandlungen verzeichnet in grösserer Anzahl +B. F. Hummel+, +_Bibliothek der deutschen Altertümer_, Nürnberg 1787, S. 201 ff., und +im Zusatzbande, Nürnberg 1791, S. 56 ff.; ferner +G. Klemm+, _Handbuch +der deutschen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 261 ff. Von besondern +Schriften seien folgende erwähnt: + ++Siebenkees+, _Von der Religion der alten Deutschen_, Altdorf 1781. + ++Ch. L. Reinhold+, _Beitrag einer Mythologie der alten deutschen +Götter_, Münster 1791. + ++F. X. Boos+, _Die Götterlehre der alten Deutschen_, Köln 1804. + ++F. J. Scheller+, _Mythologie der nordischen und andern deutschen +Völker_, Neuburg 1804; Regensburg 1816. _Kleines Handbuch der +nordischen Mythologie_, Leipzig 1816. + ++G. C. Braun+, _Die Religion der alten Deutschen_, Mainz 1819. + ++H. A. M. Bergner+, _Nordische Götterlehre aus den Quellen geschöpft +und zusammengetragen_, Leipzig 1826. + ++F. D. Gräter+, _Versuch einer Einleitung in die nordische +Altertumskunde_, Dresden 1829. + ++J. G. Bönisch+, _Die Götter Deutschlands, vorzüglich Sachsens und der +Lausitz_, Camenz 1830. + ++G. Th. Legis+, _Handbuch der altdeutschen und nordischen Götterlehre_, +Leipzig 1831; 2. Aufl. 1833. + ++G. Th. Legis+, _Alkuna, nordische und nordslawische Mythologie_, +Leipzig 1831. + ++C. E. Hachmeister+, _Nordische Mythologie nach den Quellen bearbeitet +und zusammengetragen_, Hannover 1835. + +In Gestalt eines mythologischen Wörterbuches boten den Stoff: + ++Ch. A. Vulpius+, _Handbuch der Mythologie der deutschen, verwandten, +benachbarten und nordischen Völker_, Leipzig 1826. + ++A. Tkány+, _Mythologie der alten Teutschen und Slaven in Verbindung +mit dem Wissenswürdigsten aus dem Gebiete der Sage und des +Aberglaubens_, 2. Bde., Znaim 1829. + +Von Abhandlungen über einzelne Gottheiten sind zu nennen: + ++Büsching+, _Das Bild des Gottes Tyr_, Breslau 1819. + ++C. H. Grupen+, _Abhandlung vom sächsischen Gott Irmin_ in den +_observationes rerum et antiquitatum Germ_., Halle 1763, S. 165 ff. + ++J. Grimm+, _Irmenstrasse und Irmensäule_, Wien 1815. + ++v. d. Hagen+, _Irmin, seine Säule, seine Strasse, sein Wagen_, Breslau +1817. + ++C. Niemeyer+, _Sagen betreffend Othin, dessen Geschlecht und Asentum +überhaupt. Nach den Überlieferungen Saxos des Grammatikers_, Erfurt +1821. + ++H. Leo+, _Über Othins Verehrung in Deutschland_, Erlangen 1822. + ++Joach. Wieland+, _De Thoro, principe veterum Septentrionalium idolo +diss._ Hafniae 1709. + ++J. G. S. Schwabe+, _De deo Thoro commentatio_, Jena 1767. + ++J. P. Anchersen+, _Vallis Herthae Deae_, Hafniae 1747. + ++C. K. Barth+, _Hertha und über die Religion der Weltmutter_, Augsburg +1828. + ++Sculo Thorlacius+, _De Hludana Germanorum gentilium dea_, Hafniae 1782. + +Die physikalische Auslegung der Eddamythen erreicht den Höhepunkt des +Unsinns in den Schriften von +Trautvetter+, _Der Schlüssel zur Edda_, +Berlin 1816, wo die nordische Mythologie als eine in Gleichnissen +vorgetragene Chemie erscheint, und bei +K. Henneberg+, _Hvad er Edda_, +Aalborg 1812, wo die Bilder des goldenen Horns von Tondern mit der +Baldrsage zusammengebracht und astronomisch gedeutet werden. + + * * * * * + +Wie sich vor J. Grimms grundlegendem Werke die deutsche Götterlehre +ausnahm, lernt man am besten aus der Übersicht, die G. Klemm im +_Handbuch der germanischen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 273 ff. +gewährt. Dort sind die Ergebnisse der älteren deutschen Mythologie mit +thunlichstem Ausschluss der nordischen zusammengestellt. + +Wir hören von Tuisto, Mannus, Irmin, Wodan, Freia, Fro, Thunar, Hertha, +Alces; dann aber wird, namentlich auf Caesars Gewähr, ein Sonnen- und +Monddienst behauptet, von Eostar, Ostar berichtet und herauf von den +thüringischen und hessischen Götzen Namens Krodo, Jecha, Püstrich, +Stuffo, Reto, Lahra, von den sächsisch-friesischen Hammon (zu Hamburg), +Fosete (weiblich), Nehalennia und Hludana gemeldet. Dazu gesellt +sich noch der sächsische Jodute, in Süddeutschland Lullus, Strifa, +Krutzmann, Epona. Endlich verführte die bekannte interpretatio romana, +die Gottheiten fremder Völker mit römischen Götternamen bezeichnete, +zur Meinung, römische Gottheiten wie Mars, Mercur, Hercules, Isis, +Diana, Venus seien von den Germanen angenommen und verehrt worden. +Von allen diesen merkwürdigen Gestalten, die auf Erfindungen und +Etymologien der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen, gab +es ernstgemeinte umfangreiche Abhandlungen, die bei Klemm und in +Hummels Bibliothek der deutschen Altertümer besonders im 11. Kap. +_„von den topischen Göttern“_ verzeichnet stehen. Die Zufuhr der +nordischen Mythologie hatte den Stoff nur erweitert, nicht gereinigt +und vertieft. In den Wörterbüchern von Vulpius und Tkány treibt diese +Götzenschar noch ihr ganzes Unwesen. Auch das muss erwogen werden, +um J. Grimms That zu würdigen. Er hatte nicht nur alles ganz neu +aufzubauen, sondern mit unglaublich vielem Schutte aufzuräumen. Die +bisherigen mythologischen Forschungen hatten trotz allem guten Willen +der Verfasser den Ausblick eher verbaut, den Blick getrübt. + + +2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und J. +Grimm. + +Mit bewundernswertem Scharfblick hat +Uhland+ in seinen _Vorlesungen_ +1830-1832 und in _Abhandlungen_ deutsche und nordische Mythologie +erforscht. _Der Mythus von Thor_ erschien 1836, das Übrige erst +nach seinem Tode in den _Schriften Bd. 6 über Odin_ und _Bd. 7, +S. 16-85 Umriss der nordischen Göttersage, ebda. S. 473 bis 514, +älteste Spuren der deutschen Göttersage_. Mithin konnten seine +Studien zunächst nur zum kleinen Teil auf die Entwicklung der +Mythenforschung wirken. In der Schrift über Thor ist am gründlichsten +und geistvollsten die physikalische Mythendeutung durchgeführt, und +die Entstehung der Thorssagen aus der norwegischen Naturumgebung +nachgewiesen. Die germanische Gestalt des Donnerers ist sicher der +nordischen Natur angepasst worden. Aber selbst bei Uhland zeigt sich +die natursymbolische Auslegung als verfehlt, sobald sie ins Einzelne +geht. Die Ergebnisse halten nach dieser Seite nicht stand. In der +Abhandlung über Odin finden sich vortreffliche Abschnitte, Ansätze zur +Entwicklungsgeschichte, wie wir sie bei J. Grimm vergeblich suchen. +Dahin gehört u. a. der Nachweis, dass Freyr in Schweden, Thor in +Norwegen, Odin in Dänemark und Sachsen ursprünglich verehrt wurde. +Das Verhältniss Bragis zu Odin wird ebenso einleuchtend erklärt. Man +bedauert, dass Uhland keine umfassende Darstellung der Mythologie +unternahm. Was sich in der klaren Seele dieses unvergleichlichen +Mannes gespiegelt, wurde allein schon dadurch geläutert und strahlt +uns reiner und heller entgegen, als aus der vielfach getrübten und +verderbten Überlieferung. Band 7, 382 steht eine Bemerkung, welche +gelegentlich später errungene Ergebnisse vorweg nimmt. „Es ist +allen bekanntern Naturreligionen gemein, dass in ihnen eine Menge +untergeordneter Geister lebt und webt, welche bald unsichtbar und +leise geahnt die Natur erfüllen, bald in heftigen Erscheinungen +hervortreten, dem Menschen in freundlicher oder feindlicher Gesinnung +sich nahend. Man fasst dieses Geisterwesen bei den neueren Völkern am +besten unter dem, ihrer vielen gemeinsamen Namen der Elfen zusammen. +Wenn man erwägt, wie dieses Geisterreich in übereinstimmenden +Hauptzügen bei Völkern verschiedenen Stammes und sonst auch bedeutend +verschiedener Glaubenslehre sich ausgebreitet hat, so erkennt man +in ihm das ursprünglichste und allgemeinste Element der mythischen +Naturanschauung, aus dem dann erst die eigentümlichen Göttergestalten +jeder besonderen Mythologie aufgetaucht sind. Wurden diese durch die +Herrschaft einer neuen Lehre zerstört, so trat die Auflösung in jenes +freiere Element wieder ein.“ + +So weit nur irgend möglich, schliesst sich dieses Handbuch an Uhland +an, besonders auch bei Erzählung nordischer Sagen, denen der herrliche +Mann eine wahrhaft klassische Form verlieh. + +1811 hatte +J. Grimm+ über _Irmenstrasse und Irmensäule_ geschrieben, +1813 Gedanken über _Mythus, Epos und Geschichte_. Er wandelt noch +in den Spuren von Görres und Kanne. 1812 kamen _die Märchen_, 1816 +die _deutschen Sagen_ heraus. Da kam zunächst die thatsächliche +Überlieferung in reicher, schöner Fülle zu Wort, vor ihr verstummten +Vorurteile und grundlose Lehrsätze zur Behandlung der Mythologie. +Der Romantik entwanden sich die Brüder in den gewaltigen Werken, mit +denen sie die germanische Altertumsforschung zum Range einer echten +Wissenschaft erhoben. _Die deutsche_ (d. h. germanische) _Grammatik_ +1819, 1822 u. ff., _die Rechtsaltertümer_ 1828 sind auf festen Grund +gebaut. Nach Möglichkeit ist die gesamte germanische Überlieferung aus +alter und neuer Zeit ausgeschöpft und dabei die ursprüngliche Einheit +in der späteren Vielheit und Verschiedenheit erwiesen. + +Schon 1832 schreibt J. Grimm an Lachmann, dass er etwas über deutsche +Mythologie vor habe, „diesmal aber im Gegensatz zur nordischen und +diese ausschliessend“. Nur als Hilfsmittel zur Bestätigung oder +Ergänzung deutscher Nachrichten soll die nordische Mythologie verwendet +werden. Mit denselben Mitteln, mit demselben Weit- und Tiefblick +unternahm J. Grimm _Die deutsche Mythologie_, die 1835 in erster +Auflage erschien. Schon 1844 kam eine zweite stark vermehrte aber +gleich angelegte Ausgabe in zwei Bänden, die 1854 und 1875 neu gedruckt +wurden. Der dritte Band, 1878 von +E. H. Meyer+ besorgt, bringt eine +reiche Nachlese von Belegen, die J. Grimm stetig nachsammelte und +nachtrug. Mit der deutschen Mythologie erstand eine versunkene Welt. +Mit wunderbarem Fleisse aus einer schier unermesslichen Belesenheit +ist alles zusammengetragen und sauber eingeordnet, was zur Mythologie +zu gehören schien. Unerreicht und nie zu übertreffen besteht Grimms +Werk in seiner Haupteigenschaft einer Sammlung als die Grundlage +aller späteren mythologischen Forschung. Der unvergängliche Wert +des Buches beruht namentlich darin, dass kein System den Stoff +meistert, dass die nächste und wichtigste Aufgabe in der Sammlung +und Sichtung des weit zerstreuten, nur vereinzelt und trümmerhaft +überkommenen Stoffes gesucht wird. Wol hegt auch Grimm eigene +Gedanken über die Grundfragen der Mythengeschichte, über Ursprung +der Mythen überhaupt, über Verhältniss der nordischen zur deutschen, +der germanischen zur Mythologie andrer Völker. Aus seinen Anregungen +erwuchsen die meisten der späteren Schulideen. Aber Grimm spricht +nur gelegentlich, anhangsweise seine Ansicht aus, Hauptsache bleibt +immer Eröffnung der verschütteten und versandeten Quellen. Was aus +der Sprache, zum Teil auch aus dem Recht, zu lernen war, Ureinheit +hinter den jüngeren Überlieferungen, scheint auch die Mythologie +zu bestätigen. Wenn möglich soll der altgermanische Glaube, aber +vorwiegend auf Grund deutscher Quellen bei nur vorsichtiger Benutzung +nordischer, in den Grundzügen hergestellt werden. Was die Einführung +der Sprachwissenschaft in die Mythologie bedeutet, sieht man deutlich, +wenn man die früheren tastenden Erklärungsversuche von Götternamen +betrachtet. Beispiele für solch fruchtloses geistloses Raten gewährt +Suhms Schrift _om Odin_ z. B. S. 3 ff., wo eine Blütenlese von älteren +und neueren Etymologien des Namens Odin gesammelt ist. Zwar traf auch +J. Grimm keineswegs immer das Richtige und die neueste etymologische +Forschung führt eher wieder in neue Wirren. Aber die Deutung strebt +doch zielbewusst vorwärts, kennt die einzuschlagenden Pfade und +verwirft unbrauchbare Mittel. War schon die gewöhnliche Wortforschung +vor der germanischen und indogermanischen Sprachwissenschaft nur ein +sinnloses Raten, so war die Verwilderung bei Eigennamen vollends ganz +toll gewesen. + +Besonders in der Vorrede zur ersten Ausgabe, ebenso in der zur +zweiten setzt Grimm sein Verfahren auseinander, das ohnehin schon +aus jedem einzelnen Abschnitt ersichtlich wird. Immer wird mit +sprachlichen Beweisen angehoben und damit jeder Begriff womöglich +als nordisch-deutsch, also auch urgermanisch aufgezeigt. Zweifelhaft +bleibt freilich stets, inwieweit die Entwicklung aus einem gemeinsamen +Grundbegriffe bei den verschiedenen Stämmen besondere Bahnen einschlug. +Fast völlig ausser Ansatz ist die Möglichkeit späteren Austausches +gelassen. Die Vorrede erörtert Hauptfragen, wie Verhältniss von +deutschem und nordischem Glauben, Beziehungen zu nicht germanischen +Mythologien, Verwendung der Volkssage zum Aufbau des Heidentums, Wesen +des germanischen Gottesbegriffs (Mono = Poly = Pantheismus), Deutung +der Mythen u. a. m. „Für den heidnischen Glauben hat man eine andre +Meinung gefasst (nemlich als bei der Sprache), weil seine Quelle in +Scandinavien reichlich, in Deutschland sparsam fliesst: diese sehr +begreifliche Verschiedenheit ist zu der doppelten Folgerung missbraucht +worden, um den Ursprung der nordischen Mythologie stehe es verdächtig, +und das übrige Deutschland sei götterlos gewesen. Aus dem Mangel +des einen Bruders schloss man nicht etwa, dass er sein Gut verthan, +sondern dass der reiche Bruder sein Vermögen unrecht erworben habe, +aus der Wohlhäbigkeit des Begüterten entnahm man, dass der Dürftige +gar nicht reich gewesen sein könne. Niemals hat eine falsche Kritik +ärger gefrevelt, indem sie wichtigen, unabwendbaren Zeugnissen trotzte, +und die naturgemässe Entwicklung nahverwandter Volksstämme leugnete. +Um sie aber auszurotten, habe ich wol eingesehen, dass ich nicht von +einer Darstellung der nordischen Fülle, vielmehr der deutschen Armut +ausgehend, Ähren lesen musste, keine Garben schneiden durfte. Erst +aus solchen Ähren und ihren Körnern habe ich Nahrung zu gewinnen und +Schlüsse zu ziehen gewagt; es ist dadurch aller Besonderheit, wie ich +hoffe, das Recht gewahrt worden. Denn Eigentümliches und Abweichendes +tritt hier nicht anders wie in der Sprache ein, und seiner habhaft +zu werden hat den höchsten Reiz. Grösser aber als die Abweichung +ist die Übereinkunft, und das früher bekehrte, früher gelehrte +Deutschland kann die unschätzbaren Aufschlüsse über den Zusammenhang +seiner Mythentrümmer dadurch dem reicheren Norden vergelten, dass es +ihm ältere historische Zeugen für die jüngere Niederschreibung an die +Hand liefert.“ Die Zeugnisse für die gleiche Grundlage nordischer +und deutscher Götterlehre werden S. VI ff. zusammengestellt, dabei +aber Urverwandtschaft und späterer Austausch nicht geschieden. In der +zweiten Ausgabe S. VIII heisst es: „die Lage der Dinge scheint also die +zu sein, dass bei fortschreitendem Betrieb wir der nordischen Grenze +entgegen rücken und endlich der Punkt erscheinen wird, auf dem der Wall +zu durchstechen ist und beide Mythologien zusammen rinnen können in ein +grösseres Ganzes.“ + +„Die bedeutsamen Beziehungen zum ferneren alten Morgenland“ (S. +XVI ff.), welche für sich allein schon die Meinung eines späteren +Ursprungs deutscher Mythologie abwehren müssen, werfen den Gedanken +eines urindogermanischen Götterglaubens auf, der auch im einzelnen, +namentlich wo sprachliche Gleichungen das Recht zu geben schienen wie +z. B. bei Tiuȥ-Zeus-Dyaus, hervorgehoben wird. Aber der Gedanke ist +nicht zum Dogma erhoben und beeinflusst nirgends die quellentreue +Darstellung. + +Auf die erst aus später Zeit überlieferten Volkssagen ist „überall +kein kleines Gewicht gelegt und lohnende Ausbeute aus ihnen gewonnen +worden.“ „Ihren Wert bezeichnet das Verhältniss heutiger Volksmundarten +ganz genau, in welchen sich uralter Wortstoff, den die gebildete +längst ausgeschieden hat, in Menge findet.“ Also namentlich wegen +vermeintlicher Erinnerungen an die heidnische Göttersage wird die +Volkssage herangezogen. „Soll ich in der Kürze den der Mythologie aus +der Volkssage hervorgegangnen Gewinn bezeichnen, so leuchtet ein, +dass nur aus dieser wir Auskunft über die Göttinnen Holda, Berhta +und Fricka, sowie über den unmittelbar auf Wuotan leitenden Mythus +von der wilden Jagd verdanken. Der weissen Frauen, Schwanfrauen und +bergentrückten Könige würden wir aus den geschriebenen Denkmälern +wenig habhaft geworden sein, verbreitete nicht die Volkssage ihr Licht +darüber. Selbst die Mythen von Sintflut und Weltuntergang lässt sie +noch nicht ausser Acht. Was in ihr aber vorzugsweise gehegt und mit dem +buntesten Gewirk gewoben wird, das sind die traulichen Erzählungen von +Riesen, Zwergen, Elben, Wichteln, Nixen, Schraten und Hausgeistern.“ +Die Göttergestalten sollen sich in Teufel und Hexen, der Gottesdienst +in abergläubische Bräuche verwandelt haben. Oft aber leben auch in +Legenden heidnische Erinnerungen nach. + +„Elementen, Naturerscheinungen und Gestirnen lege ich grossen Einfluss +auf mythologische Vorstellungen bei, lange keinen solchen, dass alle +und jede aus ihrer Grundlage abgeleitet werden dürften, da ausser +den physischen auch noch sittliche und andere menschliche Motive +obwalten und erst in der Durchdringung aller zusammen die Götter des +Heidentums entsprungen scheinen. Die Natur lässt uns ihre erhabene und +wohlthätige Wirksamkeit gewahren in dem leuchtenden, wärmenden Feuer, +dem reinigenden, kühlenden Wasser, der allbeweglichen, erquickenden +Luft, der nährenden, stärkenden Erde. Hier gesellt sich ein sittlicher +Eindruck zu dem natürlichen. Der Mensch hat aber auch Gottheiten nötig +für die Begriffe von Güte, Milde, Allgewalt, Sieg, Friede, Liebe, +Gerechtigkeit, die mehr aus seinem Gemüt als aus der Natur aufsteigen.“ + +In der Einleitung der ersten Auflage S. 9 heisst es: „Von der +Verwirrung, die so häufig dem Studium der nordischen und griechischen +Mythologie Eintrag gethan, ich meine die Sucht, über halbaufgedeckte +historische Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu +ergiessen, schützt mich schon die Unvollständigkeit und der lose +Zusammenhang des Rettbaren. Ich gehe darauf aus, getreu und einfach zu +sammeln, was die frühe Verwilderung der Völker selbst, dann der Hohn +und die Scheu der Christen vor dem Heidentum übrig gelassen haben, +und wünsche nichts als dass meine Arbeit für einen Anfang weiterer +Forschungen in diesem Sinne gelten könne.“ + +Ein Hauptfehler der deutschen Mythologie besteht darin, dass die +Möglichkeit, den verlorenen deutschen Götterglauben wieder zu erlangen, +stark überschätzt ist. Eine Reihe von Quellen sind für die deutsche +Mythologie verwendet, deren Berechtigung anzufechten ist. Märchen und +Sagen enthalten viel Auswärtiges und dürfen nicht in dem Umfange, wie +es hier geschieht, zum Wiederaufbau deutschen Götterglaubens verwandt +werden. Die Dichtung des 13. Jahrhunderts ist in ihrer Brauchbarkeit +überschätzt. Die Allegorien der mittelhochdeutschen Dichter, der +Wunsch und Frau Aventiure dürfen nicht mit Odins Beiname Oskr +(Wunsch) und Saga verglichen und aus gemeinschaftlicher altmythischer +Überlieferung abgeleitet werden. Vieles entstammt christlicher Sage +und geht zuletzt auf die Bibel zurück, was von Grimm als heidnische +Erinnerung erachtet wird. Allzuwenig rechnet Grimm mit jüngerem +Ursprung, mit individuellen Erfindungen der Dichter, mit Entlehnung +aus der Fremde, und trägt manches Ungehörige ins Heidentum zurück. +Obwol Myth.² S. XXX gesagt wird: „Ich leugne keinen Augenblick, dass +neben solcher geheimnissvollen Ausbreitung der Mythen (d. h. von einem +idg. Urbestand) äussere Entlehnung stattfand, ja dass sie mit Absicht +ersonnen und übertragen werden konnten, wiewol dieser letzten Art es +schwerer hält als man wähnt unter dem Volk Wurzel zu greifen. Die +römische Literatur hat von frühauf über andere europäische Länder sich +ergossen, es wird in einzelnen Fällen sogar unmöglich sein, zwischen +ihrem Einfluss und jenem inneren Wachstum der Sage den Ausschlag zu +thun. Nirgends aber ist Einwirkung von aussen weniger zu bezweifeln als +da, wo durch Zusammenstoss der christlichen Lehre mit dem Heidentum +unter den bekehrten Völkern unvermeidlich ward, der hergebrachten zu +entsagen und an deren Stelle, was der neue Glaube herbeiführte oder +ertrug, aufzunehmen oder abzuändern“ -- so wird doch viel mehr der Satz +auf S. XXI befolgt: „Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflösst, +sich abzuschliessen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu +erhalten. Der Sprache, dem Epos behagt es nur im heimischen Kreis, +nicht länger als er zwischen seinem Ufer wallt, hält der Strom seine +Farbe lauter. Aller eignen Kraft und innersten Triebe ungestörte +Ausbildung ergeht aus dieser Mitte, und unsre älteste Sprache, +Poesie und Sage sehen wir keinen andern Zug einschlagen.“ Finden +sich Einstimmungen zwischen fremder, romanischer oder christlicher +Überlieferung und deutscher Volkssage, so wird fast nie Entlehnung, +sondern Herkunft aus gemeinsamer germanisch-heidnischer Urquelle +angenommen. Aus der stattlichen, überreichen Sammlung ist daher sehr +viel zu streichen, was weder altgermanisch noch überhaupt mythisch ist. + +Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat J. Grimm allerdings mit den +angeblichen germanischen Götzen gründlich aufgeräumt, aber ganz fertig +ist er mit ihnen noch nicht geworden. Krodo und Sater (aus ags. +_Sæteresdæg_) spuken noch neben einer Göttin Zisa, die von Chronisten +im 8. und 9. Jahrhundert zu Ciesburg erfunden wurde. Eine ags. Göttin +Ricen wird vermutet. Holda, Berhta und andere sind aus der Volkssage +gefolgert und fürs deutsche Heidentum kanonisiert worden. + + +3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm. + +Die zahlreichen populären Darstellungen der deutschen und nordischen +Mythologie, die nach J. Grimm erschienen, ebenso die vielen +Einzeluntersuchungen, in denen neues Material beigebracht oder eine +bestimmte Erscheinung für sich allein behandelt wurde, kann ich +hier nicht aufzählen und charakterisieren. Einiges Hierhergehörige +verzeichnet v. Bahder, die deutsche Philologie im Grundriss, S. 234 +ff. Nur _die_ Schriften sollen genannt werden, welche neue fruchtbare +Gedanken vertraten und damit auf die Entwicklung der mythologischen +Forschung nachhaltig einwirkten. + ++Wilhelm Müllers+ _Geschichte und System der altdeutschen Religion_, +1844, von J. Grimm in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche +Kritik 1844, Nr. 91-2 ungerecht verurteilt, sucht die von Grimm +gewonnene deutsche Mythologie nach geschichtlichen Erwägungen zu +sichten und die Einzelheiten mit einander zu verbinden. Mit Recht +scheidet Müller einen grossen Teil des von J. Grimm gesammelten +Materials als unbrauchbar aus. Insbesondere Volkssage und Volksbrauch, +sofern erst die christliche Zeit davon meldet, werden nur bei +zwingenden Gründen zum Aufbau des altdeutschen Heidentums benutzt. +Kritik der Quellen betont Müller als vor allem nötig. Vorschnelle +Verallgemeinerung von örtlich und zeitlich bestimmten Nachrichten soll +nicht gelten. Freilich wird die nordische Mythologie trotzdem zuviel +zur Erklärung der deutschen Trümmer benutzt. Immerhin bleibt Müllers +Buch ein achtbarer Versuch, den geschichtlichen Maassstab an Grimms +Sammlung zu legen. + +Aus der deutschen Mythologie Grimms erhuben sich mehrere eifrig +behandelte Fragen, deren Beantwortung die Darstellung wesentlich +umgestalten musste. Zunächst blieb noch eine Zeitlang die Mehrung des +mythologischen Stoffes eine wichtige Hauptaufgabe der Mythologen. +Weniger aus den Denkmälern der Vergangenheit als vielmehr aus der +mündlichen Überlieferung der Gegenwart erstanden unzählige wertvolle +und wertlose Sammlungen von Märchen, Sagen und abergläubischen +Bräuchen.[5] Hatten doch die Brüder Grimm in ihren Sammlungen +musterhafte Vorbilder aufgestellt, denen in allen Ländern allmälig +nachgeeifert wurde. Nachdem J. Grimm den mythologischen Wert der +Volkssagen betont hatte, sammelten die deutschen Gelehrten besonders +unter diesem Gesichtspunkte. Wie verhält sich die aus dem Mittelalter +und der Gegenwart uns bekannte Volkssage zum Heidentum, enthält sie +verblasste Spuren alter Göttersage, diese Frage beschäftigte die +Forscher und wurde zunächst im Sinne Grimms entschieden. Was ist aus +der Heldensage, insofern sie geschichtliche und mythische Bestandteile +enthält, für die Mythologie zu lernen? Wie verhält sich die deutsche +Mythologie zur nordischen, wieviel gilt von letzterer für Deutschland? +Was hat der germanische Götterglaube mit dem andrer, insbesondere +indogermanischer Völker gemein, wieviel davon entstammt aus +ursprünglicher Gemeinschaft, wieviel aus etwaiger Entlehnung, wieviel +aus zufälliger gleicher Entwicklung? Wie entstanden Mythen? Die letzte +Frage hat die meisten und widersprechendsten Antworten gefunden. Da sie +aber weniger auf germanischem Gebiete zum Austrag kommt, so soll sie +auch hier mehr nur beiläufig berücksichtigt werden.[6] + + +4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie. + +Im Norden erkennen wir eine reich entfaltete Göttersage, deutlich +ausgeprägte Göttergestalten und eine grosse Menge von Volkssagen +und Bräuchen, die schon ins Heidentum zurückreichen. In Deutschland +finden wir einige Götternamen, die mit den nordischen zusammenstimmen, +aber nur ganz vereinzelte Spuren von Göttersagen, endlich dieselbe +Masse von Volkssagen. Es ist nicht denkbar, dass die Deutschen keine +_Göttersage_, nur einen _Götterkult_ besassen. Dagegen zeugen +die wenigen erhaltenen Überreste. Kann eine deutsche Göttersage +wiedererlangt werden? Auf zwiefache Art ist es versucht worden. Das +oberflächliche rohe Verfahren nimmt einfach die nordische Sage der Edda +auch für Deutschland in Anspruch. Der Beweis wird aus der Gleichheit +der deutschen und nordischen Götternamen, die ja unleugbar auf +gemeinschaftlichen Hintergrund deuten, geführt; ferner mussten Märchen +und Sagen, die aus allen deutschen Gauen in überraschender Anzahl +zu Tage gefördert wurden, herhalten. Sie galten im allgemeinen als +verblasste Mythen. Eifrig spürte man nach zufälligen Übereinstimmungen +zwischen ihnen und der nordischen Göttersage. Wurde einem Jäger von +einem Löwen die Faust abgebissen, so erinnerte man sich des nordischen +Tyr, dem der Fenriswolf die Hand abbeisst. Wurden Riesen erschlagen, +so musste es Donar gethan haben. Was rote Farbe trug, erinnerte +überhaupt an den Rotbart. Entführungssagen und gefährliche Werbungen +wurden zu Freys Werbung um Gerd gestellt. So gelang der Scheinbeweis, +dass dieselben Sagen, wie im Norden, so auch in Deutschland von den +Göttern gegolten hätten, dass der Inhalt der Edda ohne Bedenken +nach Deutschland überführt werden dürfe. In diesem Sinne wirkte +der verdienstvolle Sagensammler +J. W. Wolf+ namentlich in seinen +Schriften: _Beiträge zur deutschen Mythologie_ 1, 1852, 2, 1857 und +_Die deutsche Götterlehre_ 1852, 2. Aufl. 1874. In der _Zeitschrift für +deutsche Mythologie_, welche J. W. Wolf 1853 begründete, die Mannhardt +mit dem 3. und 4. Bande (1859) fortsetzte, fanden diese Bestrebungen +für kurze Zeit einen Mittelpunkt. So gewiss vieles aus unserem ältesten +Heidentum noch in heutiger Sage und Sitte unverändert lebt, ebenso +sicher treiben aus dem natürlichen volkstümlichen Keime fortwährend +frische Sprossen, die anders als jene beurteilt werden müssen, weil +Luft und Licht ihnen andre Beimischung gaben. Von der Wolfschen Schule +wurde aber fast die gesamte Volkssage für uralt oder wenigstens als +unmittelbarer Abkömmling des Heidentums erklärt. +Simrocks+ _Handbuch +der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen_, Bonn 1853, 6. +Aufl. 1887 hat trotz seiner unübersichtlichen verschrobenen Darstellung +dieser Richtung zu unverdientem Ruhme verholfen. Anknüpfend an J. +Grimms Bild vom Wall, der die nordische und deutsche Mythologie +trenne, erklärt Simrock den Zeitpunkt zum Durchstich erschienen: +„Wir haben den Wall durchstochen und den Guss einer allgemeinen +deutschen Mythologie unternommen“. Abgesehen von der durch Schwartz +und Mannhardt begründeten neuen Auffassung der Volkssagen waren es +namentlich auch die Untersuchungen Benfeys über das Pantschatantra +1859, die zur Vorsicht bei Benutzung der Sagen und Märchen mahnten. +Zumal die letzteren, bei denen auch manche Fälschungen mitunterliefen, +verschwanden bald aus der Mythologie und wurden der vergleichenden +Litteraturgeschichte überwiesen. + +Ein zweiter Versuch ist ebenfalls von J. Grimm ins Leben gerufen, aber +von ihm selbst nicht weiter geführt worden. Die 1812 geschriebene +Abhandlung _„Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte“_ hebt hervor, +dass in der Heldensage vielfach Mythisches und Historisches, göttliche +und menschliche Geschichte in eins gewachsen seien. Gelingt es beide +Teile zu sondern, so erwächst der Mythologie reicher Gewinn. Zuerst +hat +Lachmann+ 1829 die Nibelungensage daraufhin untersucht. Der +bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist aber +Müllenhoff+, der +diesen Gedanken in der Vorrede zu den _Schleswig-holsteinischen Sagen_ +1845, in den _Untersuchungen zur Geschichte der Nibelungensage_, ZfdA. +10, 146 ff.; 23, 185 ff., _Über Irmin und seine Brüder_, ZfdA. 23, 1 +ff., _Über die austrasische Dietrich- und Hartungensage_, ZfdA. 6, 435; +12, 346; 13, 185, _Über Skeaf und seine Nachkommen_, ZfdA. 7, 410 ff., +_Über Beowulf_, ebda. 419 ff., _Über Frija und den Halsbandmythus_, +ZfdA. 30, 217 ff. zur Anwendung brachte. Die Denkmäler der Heldensage +entstanden zum Teil noch unter der Herrschaft des Heidentums. Wirkt die +Göttersage in ihnen nach, so ist allerdings weit grössere Gewähr, von +hier aus die verlorene Göttersage wiederherzustellen, als aus einem +beliebigen späten Märchen. Doch der Ausführung dieser Gedanken stehen +unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Es ist schon schwer, aus +einer Heldensage den geschichtlichen Kern, die mythischen Bestandteile, +die Zuthaten und eigenen Erfindungen der Dichter sauber von einander zu +lösen. Die Bestimmung des in einer Heldensage etwa vorhandenen Mythus +auf seine Herkunft ist nur zu sehr vom subjectiven Urteil des Forschers +abhängig. Man unterliegt allzu stark der Verführung, den Mythus so zu +gestalten, wie man ihn braucht. Das Ergebniss, zumal wenn es noch von +der vergleichenden Mythologie beeinflusst ist wie Müllenhoffs letzter +Aufsatz von Frija und dem Halsband, kann als sichere wissenschaftliche +Thatsache nicht gelten. Die Mythologie kann mit derlei Hypothesen nicht +rechnen, ohne vollends ins Grundlose zu geraten. + + +5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende Mythologie. + +Wie man unmittelbaren mythologischen Gewinn aus den Sagen schöpfen +könne, lehren Müllenhoff, _Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig, +Holstein und Lauenburg_ 1845 S. XLIV ff. und +A. Kuhn+ und +W. +Schwartz+, _norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche_ 1848 S. XX +ff. Mit den beiden letztgenannten Gelehrten hebt ein neuer Abschnitt +der mythologischen Forschung an. Schwartz in seinen Schriften _„der +heutige Volksglaube und das alte Heidentum“_ 1849, _„Ursprung der +Mythologie“_ 1860, _„die poetischen Naturanschauungen der Griechen, +Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie“_ 1864 und 1879, +_„indogermanischer Volksglaube“_ 1885 war nach zwei Richtungen hin +thätig, er bestimmte das Verhältniss von Volkssage und Kunstmythus, er +suchte den Ursprung der Volkssage aus der Naturanschauung zu erklären. + ++Schwartz+ fand in den unter dem Volke noch lebenden Sagenmassen eine +_„niedere Mythologie“_, die einen früheren Zustand, eine embryonale +Entwicklungsform der späteren Götter- und Dämonenwelt festhalte, +möge die letztere auch in weit älteren geschichtlichen Zeugnissen +überliefert werden. Nicht also bloss Abschwächungen, Niederschläge +der in der Edda u. s. w. vorliegenden ausgebildeten Mythologie des +Heidentums, der Kunstschöpfungen der Dichter, treten uns hier entgegen, +wie +Grimm+ und +J. W. Wolf+ meinten, sondern vielmehr die Keime und +Grundlagen, aus denen die _„höhere Mythologie“_ sich entwickelte. +Wode und das wütende Heer dürfen nicht als verblasste Erinnerung +an Wodan und die Einherjer erklärt werden, sondern als der uralte +und unvergängliche Volksglaube, aus dem zur Zeit des germanischen +Heidentums Wodans Gestalt sich emporhub. Mit +Theodor Waitz+[7] +begründete Schwartz die _ethnographisch-anthropologische_ Betrachtung +von Sitte und Sage, die von +Bastian+[8], +Tylor+[9] u. A. auf Grund +eines umfangreichen Materiales weiter ausgedehnt wurde, und die +darauf ausgeht, an Thatsachen bei den verschiedensten Naturvölkern +den gleichmässigen Verlauf der ältesten Sitten-, Religions- und +Mythenbildung zu veranschaulichen. Sie führt zur Einsicht, dass fast +sämtliche Entwicklungsstufen und Lebensformen, die der geistige +Zustand der Menschheit, der Kulturvölker allmälig durchlaufen hat, in +den heutigen wilden Völkern der Erde noch lebende Vertreter zählen. Die +Beobachtung dieser wilden Völker gewährt ein Hilfsmittel, den Zustand +der civilisierten in seiner Ursprünglichkeit kennen zu lernen, viele +Überbleibsel der niederen Stufen leben in den höheren noch fort. So ist +auch der religiöse Glaube auf niederer Stufe bei den Indogermanen, ja +überhaupt bei allen Völkern ziemlich gleichartig. Er erzeugt sich auch +stets von neuem, da die Voraussetzungen, die kindliche unentwickelte +Vorstellung der Menschen und die Naturerscheinungen, immer dieselben +bleiben. Damit war eine völlige Verschiebung der Thatsachen erreicht. +Das Aufspüren alter Götter im Volksglauben wurde wesentlich beschränkt. +Nur durch zufällige und verhältnissmässig seltene Rückwirkung +konnten einzelne Züge aus der höheren in die niedere Mythologie +übergehen. Selbst die jüngste Volkssage konnte unter Umständen +dieselbe Keimbildung enthalten, aus der in Urzeiten irgend ein Mythus +sich entwickelt hatte. Weniger glücklich ist Schwartz mit seiner +Mythendeutung aus Wetter, Wind und Wolken. Allzu willkürlich wird die +Überlieferung zugestutzt, allzu einseitig und künstlich eine einzige +Entstehungsart behauptet. + ++Kuhn+ aber liess sich vom Veda leiten, in welchem eine der +urindogermanischen sehr nahe stehende Mythologie enthalten zu sein +schien, die zugleich den Satz vom physikalischen Ursprung der Mythen +aufs beste bestätigte. In zahlreichen Abhandlungen der _Zeitschrift +für vergleichende Sprachforschung_, in der _Herabkunft des Feuers +und des Göttertranks_ 1859 wurde die Lehre von der vergleichenden +Mythologie begründet. Der Vedaforscher +Max Müller+ war neben Kuhn +am Ausbau der Hypothese beteiligt (vgl. _Oxford essays_). Die +vergleichende Mythologie überträgt die Ergebnisse der vergleichenden +Sprachwissenschaft aufs Gebiet des Götterglaubens und der Göttersage. +Möglichst viele griechische und indische Götternamen wurden +zusammengestellt und aus einer gemeinsamen indogermanischen Form +abgeleitet. Damit ergab sich eine erstaunlich reiche indogermanische +Sagenwelt, eine unwahrscheinlich hoch entwickelte geistige Kultur +des Urvolkes. Die mit grosser Zuversicht auftretende vergleichende +Mythologie hat mit völliger Entsagung geendet. Die Etymologien hielten +nicht Stich und damit schon fällt die eigentliche Grundlage. Bis auf +ganz vereinzelte Gleichungen, wie Dyaus-Zeus-Tiuȥ, deren sachliche +Berechtigung selbst noch bestritten wird, sind heute die meisten +Resultate der vergleichenden Mythologie ebenso verschollen wie die +von den Symbolikern dereinst unter den Hauptreligionen aufgestellten +Ähnlichkeiten. Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft schien +die sicherste Gewähr zu bieten, aber die Hoffnung täuschte. Wenn die +Vedamythologie[10] nicht als reinster Vertreter der indogermanischen +gelten darf, wenn sie nicht die arische Theogonie ist, so kann ihr +Inhalt auch nichts für die andern indogermanischen Völker Bindendes +lehren. Die Vedamythen sind für sich allein aus ihrer eigenartigen +Umgebung heraus zu erklären. Aber Kuhn und M. Müller entnahmen aus dem +Veda eine allgemein giltige Mythendeutung. Die vedischen Mythen hängen +aufs engste mit Naturerscheinungen zusammen, ja sie scheinen geradewegs +aus der Naturanschauung hervorgegangen zu sein. Kuhn entwickelte die +eine Seite der Natursymbolik, das Gewitter; Müller die andere, die +Sonne vom Aufgang zum Niedergang. M. Müllers Sonnenlehre ist von +Müllenhoff auf Tiuȥ, Frija und die Alkîȥ angewandt worden. Im Abschnitt +über Tiuȥ ist sie auch in diesem Handbuch trotz mancher Zweifel +berücksichtigt. + +Die Entstehung der Vedamythologie bezeichnet M. Müller so, dass blosse +Namen von Naturerscheinungen meteorischer Art allmälig verdunkelt, +personificiert und vergöttert worden seien. Der Satz: „der Himmel +regnet, donnert, blitzt“, endigt schliesslich mit dem Glauben an Zeus, +an einen persönlich gedachten Gott des lichten Himmels, in dessen +Hand die Elemente liegen. Die Sprache beruht auf Vergleichungen, +auf Bildern. Allmälig tritt die Metapher dem Bewusstsein zurück, so +entsteht eine Sage, kein blosser Vergleich. „Die Sonne folgt der +Morgenröte“ entwickelt den Mythus: der Sonnengott folgt liebend der +Morgenröte; es entsteht eine Werbungssage. „Die Sonne geht unter“ += der Sonnengott altert oder stirbt. „Aus dem Schoose der Nacht +enttaucht die Sonne“ = die Nacht gebiert ein strahlendes Kind. Die +poetische Sprache gibt oft zweien mit nur einer gleichen Eigenschaft +ausgestatteten Gegenständen die Bezeichnung, die ursprünglich nur +einem derselben zukam. Sie sagt z. B. Sonnenstrahlen sind wie Zügel, +Finger, Hände, roten Kühen gleichen die roten Wolken der Abend- und +Morgenröte. Später heisst es: sie sind es wirklich, und dann entsteht +der Mythus von Ross und Reiter, von der rosenfingrigen Eos, von den +Kühen, die der Dämon des Dunkels raubt, die aber morgens wieder +ausgetrieben werden. Müller räumt der Sprache einen grossen, aber auch +gesuchten Einfluss bei Schöpfung der Mythen zu. Die Götter des Lichts, +welche das Grauen der Nacht verscheuchen, sind die Beschützer und +Freunde des Menschen. Zu dieser Glaubensidee erhub sich bereits das +indogermanische Urvolk. Bei der Mythenbildung ist auch die sogenannte +„Hypostase“ von Belang, dass aus einer Urgestalt mehrere hervorgehen +als einzelne Verkörperungen ihrer Eigenschaften und Beinamen. Der +Himmel ist der helle (Zeus), der blitzende, donnernde, welche Namen und +Eigenschaften in vielen Mythologien die Vorstellung eines besonderen +Gewittergottes neben dem Lichtgott hervorriefen. So ergeben sich +zahllose Möglichkeiten von Mythendeutungen. Zwei Grundsätze wurden +von den Vertretern der vergleichenden Mythologie als unumstösslich +erwiesene Thatsachen betrachtet: dass die Hauptgöttergestalten und eine +Anzahl von Mythen in der Urzeit und Gemeinschaft des arischen Stammes +entstanden seien, dass die Mythen aus meteorischen Erscheinungen +hervorgingen. Der Grundgedanke der vedischen und damit indogermanischen +Mythologie ist ein Kampf der Lichtgötter mit den Dämonen der +Finsterniss, zwischen Tag und Nacht, Sonne und Gewitterwolke. Wenn +auch schwer bedrängt und fast besiegt ringt sich doch das Licht +immer wieder empor. Die allgemeine Anschauung von himmlischen +Lichtgöttern mag allerdings sehr wahrscheinlich als indogermanisch +gelten. +Mannhardt+, der eine Zeit lang ein eifriger Anhänger der +vergleichenden Schule war, unternahm es, in Einzeluntersuchungen +(_germanische Mythen_ 1858) und in zusammenhängender Betrachtung (_die +Götterwelt der deutschen und nordischen Völker_ 1860) die germanische +Mythologie von diesem Standpunkte aus zu bearbeiten. Sein Buch blieb +der einzige wissenschaftlich begründete Versuch, es rief keine neue +Bewegung hervor, es bildet im Gegentheil den Abschluss der eigentlich +vergleichenden Mythologie in ihrer Anwendung auf die germanische +Überlieferung. Man erkennt klar daraus, wie viel oder wie wenig mit +dieser Methode zu erreichen war. + + +6. Die Lehre vom Dämonenglauben. + ++Wilhelm Mannhardt+[11], der aus einem einstigen Anhänger J.W. +Wolfs zur vergleichenden Schule übergetreten war, verleugnete +schliesslich auch diese und begründete eine selbständige Lehre, die +_Volksglauben und Volksbrauch_, namentlich soweit er mit dem Ackerbau +zusammenhängt, obenan stellt. Auf Grund umfassender Sammlungen, auf +Grund sorgsamer Erforschung alter und neuer Überlieferung bekennt er +sich zur Anschauung, dass Wald-, Feld- und Hausgeister der Einbildung +des Volkes zuerst lebendig wurden, dass diese Gestalten dem niedere +Volke auch stets lebendig blieben, gleichviel welche Mythen die +fortschreitende Kultur unter den höheren Kreisen zeitigte. Diese +im Kerne sich gleichbleibende Volksmythologie war der gemeinsame +Besitz der ungeteilten Indogermanen. Die Annahme einer ausgebildeten +indogermanischen Götter- und Heldensage gibt Mannhardt zuletzt fast +ganz auf. Nur einige wenige gemeinsame Götternamen und Vorstellungen +wie Dyaus-Zeus lässt er gelten. + +Die Untersuchung der Wald- und Feldkulte zeigt, dass diese einen +gemeinsamen Grundstock von Anschauungen und darauf beruhenden +Gebräuchen enthalten, der sich bei allen europäischen Völkern +findet, welch verschiedene Religions- und Göttersysteme sie auch +haben mögen. Die Dämonen des Erntefeldes, des Waldes, des Baumes, +die „Vegetationsgeister“ machen die Grundvorstellung aus in den +Glaubensüberlieferungen der alten und neuen Kulturvölker Europas. Nur +wenig ist von dem Mythenkreis der Dichter und Priester, der wie der +Glaube der Gebildeten über dem der Ungebildeten, d. h. der geistig und +gesellschaftlich Niedrigeren sich erhebt, in diese Überlieferungen +eingedrungen. Am meisten noch hat das katholische Christentum sich mit +ihnen vermischt, sie teilweise umgeformt oder verhüllt. + +Die modernen Volkssagen und Volksbräuche sind die unmittelbaren +Abkömmlinge jener urzeitlichen, wennschon auch viele spätere +Neubildungen oft erst aus der christlichen Zeit darunter begegnen. +Der Volksglaube wird zwar immer neu geboren, aber jedesmal auch +in veränderter Gestalt, den Verhältnissen angepasst. Aus dem +Volksglauben wachsen dann oft höhere Mythen hervor. So wird der +Sturmgeist Wode zum Gott der Helden und Dichter, zu Wodan. Besteht +einmal der Glaube an lichte, himmlische Götter, so mögen sie manche +Gestalt aus der Dämonenschar zu sich hinauf ziehen. Entkleidet man +einzelne Götter ihres herrlichen Aufputzes, so kommen wieder die +altbekannten Spukgestalten zum Vorschein. Im allgemeinen Gedanken +berührt sich also Mannhardt mit Schwartz, dass der Kunstmythus aus +dem Volksglauben und nicht umgekehrt dieser aus jenem hervorging. +Die Möglichkeit, dass beide unabhängig seit Alters neben einander +her liefen und nur zeitweilig auf einander einwirkten, wird nicht +erörtert. Im _Roggenwolf_ 1865 erklärt Mannhardt die Elementargeister +für Windgeister. Die Windfurchen im Korn waren die Spuren der in Tier- +und Menschengestalt hindurchlaufenden Geister. In den _Korndämonen_ +denkt er daneben an Seelengeister. Im _Baumkult der Germanen_ 1875, +in den _antiken Wald- und Feldkulten_ 1877, in den _mythologischen +Forschungen_ wird dagegen die Pflanzenseele als Ursprung mythologischer +Vorstellungen hingestellt. Aus der Beobachtung des Wachstums in der +Pflanzenwelt habe der Mensch auf Wesensgleichheit geschlossen und +einen Pflanzengeist erdacht. Die Pflanzenseele entwickelte weiterhin +den Glauben an dämonische Wesen überhaupt. Mit seiner Mythenerklärung +irrt Mannhardt sicher; diese Gedankenreihe ist viel zu künstlich +und abstract. In seinen früheren Arbeiten stand er in diesem Punkte +der Wahrheit näher. Ferner erregt die Behauptung indogermanischer +Korndämonen Bedenken, da sie sehr entwickelten Ackerbau voraussetzt, +während wir die Indogermanen als ein schweifendes Hirtenvolk zu denken +haben. + +Die vergleichende Schule zumal bei Kühn und Müller nahm die kunstvollen +Göttermythen zum Ausgang, deren Ursprung aus Wind und Wolken und +Himmelslicht abgelesen wurde. Schwartz hatte mit richtigem Gefühl +die Volkssage in den Vordergrund gestellt, blieb aber in der rein +meteorischen Auslegung befangen. Mit Mannhardt tritt immer mehr +der Volksglaube als die ursprüngliche Religion in den Mittelpunkt, +dem gegenüber zumal bei den Griechen der Götterglauben wie eine +künstlerisch stilisierte Neugestaltung desselben Grundgedankens +erscheint. +Elard Hugo Meyer+ baute diese Ansicht aus. Er nimmt +verschiedene Entwicklungsstufen der mythischen Gestalten an nach dem +Grundsatze, dass das menschliche Denkvermögen vom Einfachen bis zum +künstlerisch höher Ausgebildeten aufsteige. + +Die erste Stufe des Volksglaubens ist die Vorstellung von +Seelengeistern, von Gespenstern. Der Geisterglaube wurzelt tief und +unausrottbar im Menschen, Vorgänge im Leben, Traum, Alpdruck, Tod +wirken zusammen, um überall bei wilden und gebildeten Völkern zumal +unter dem Eindruck der Furcht den ziemlich gleichmässig gestalteten +Geisterglauben hervorzurufen. Auf der zweiten Stufe stehen die +Naturdämonen. Die Natur wird beseelt, wo Leben und Bewegung herrschen, +im Gewitter, im Wind und Wolkenzug weben vielgestaltige Dämonen. Auf +erster Stufe enttauchen also die Geister unmittelbar aus dem Innern des +Menschen, auf zweiter Stufe tritt die Phantasie mehr in Thätigkeit. +Die physikalische Erklärung kommt wieder vollauf zur Geltung, nur +mit dem Fortschritt gegenüber der früheren Verwendung, dass nicht +einfach eine Verkörperung der Elemente stattfindet, sondern eine +Übertragung des bereits bestehenden Geisterglaubens in die bewegte +Natur. Das geheimnissvolle Leben und Weben, das der Mensch in der +Natur wahrnimmt, das mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf sein +Wol und Weh hat, wird dem Walten unsichtbarer Mächte zugeschrieben. +Und solche Wesen sind ja im Seelenglauben bereits vorhanden. Besonders +Windgeister wirken überall in Wald und Feld, in Wolken und Wassern. +Die Anthropologie hat einen fördersamen Beitrag zur Einsicht in +die Entstehung mythischer Gebilde geliefert mit dem Nachweis der +Seele und der Naturbeseelung, worin die gesamte niedere Mythologie +eigentlich beschlossen ist. Ihr Ursprung ist damit auch notwendig +überall aus der Wechselwirkung zwischen menschlicher Empfindung und +der Natur erfolgt. Bei den meteorischen Auslegungen verliert sich +Meyer freilich bald in die unwahrscheinlichen Künsteleien der älteren +Schule. Nur die allgemeine Grundlage eines Volksglaubens oder einer +Sage vermag die physikalische Deutung befriedigend nachzuweisen; +sobald Einzelheiten ausgelegt werden, verlieren wir festen Boden. +Vom niederen Dämonenglauben unterscheidet Meyer einen höheren, +den die höheren Stände aus dem gewöhnlichen Volksglauben dadurch +erschufen, dass sie geistige und sittliche Motive einwoben. Wir +treffen demnach hier nicht mehr auf Vorstellungen, die mit zwingender +Notwendigkeit aus überall gegebenen Voraussetzungen gleichmässig +erwuchsen, vielmehr auf wesentlich willkürlich erzeugte individuelle, +dichterische Schöpfungen. Der höhere Dämonenglauben, der noch unter +den ungetrennten Indogermanen im wesentlichen entstand, entfaltete +die dritte Stufe: Götter-und Heroenglauben. Aus derselben Grundlage +erwuchs unter der Pflege der Priester der Göttermythus, beim Adel +und beim weltlichen Sänger der Heldenmythus. Daher erklären sich +die längst erkannten Berührungspunkte zwischen der Göttersage +und den mythischen Bestandteilen der Heldensage, nicht aus einem +Abhängigkeitsverhältniss, das die Helden zu „Hypostasen“ von Göttern +macht, sondern aus beiderseitigem gemeinsamem Hintergrund. In den +_Indogermanischen Mythen_ 1883 und 1887 wird ein stark ausgeprägter +idg. Dämonenmythus angenommen, Sagen von Donner-und Blitzwesen, +vom Sturmdämon, von Wolkenfrauen. Ebenso in der _Germanischen +Mythologie_ 1891. Der Dreiklang der Lufterscheinung, Gewölk, Wind +und Gewitter, regt die Einbildungskraft zur Schöpfung bestimmter +typischer Gestalten an, welche dann bei den einzelnen indogermanischen +Völkern weiterhin zu Göttern und Helden individualisiert werden. Wie +Müllenhoff räumt also auch Meyer der Heldensage eine wichtige Stelle +in der mythologischen Überlieferung ein. Er erkennt aber, zumal in +der germanischen Mythologie, die kaum lösbare Schwierigkeit ihrer +Verwertung an. Weder auf die eine noch auf die andre Art ist je zu +hoffen, dass Einigung darüber erzielt werde, was aus der Heldensage +als mythisch auszuscheiden, wie es mit der übrigen mythologischen +Überlieferung zu verknüpfen sei. Bedenken erregt ferner die Art, wie +Meyer die einzelnen Götter aus den höheren Dämonen ableitet. Gewiss +bestehen Berührungen zwischen Göttern und Dämonen. Namentlich Wodan +ist aus der Gespensterschar zu den Himmlischen entrückt worden. +Aber einzelne Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden. +Die höhere Mythologie steht immer über der unvertilgbaren niederen, +Wechselwirkungen nach oben und unten sind unvermeidlich, aber der +Beweis, dass die höhere Mythologie in allen Teilen gleichsam organisch +aus der niederen hervorging, ist nicht erbracht. + +Die mythologischen Deutungsversuche hefteten sich von jetzt ab +an die niedere Mythologie, da hier entschieden mehr Aussicht auf +befriedigende Lösung der Fragen besteht. +Julius Lippert+ wies in +mehreren Schriften nachdrücklich auf Seelenglauben und Seelenkult als +das eigentliche mythenerzeugende Element in allen Religionen hin; +so in seinen _Religionen der europäischen Kulturvölker_ 1881, in +_Christentum, Volksglaube und Volksbrauch_ 1882, in der _Allgemeinen +Geschichte des Priestertums_ 1883/4. Die Thatsache, dass überall +der Seelenglaube eine grosse Rolle spielt, tritt klar hervor. Aber +Lippert irrt, wenn er im Seelenglauben die einzige Grundlage der +Mythen annimmt und alle Religionen und Mythologien unmittelbar daraus +ableitet. Nur unter Missachtung historischer und philologischer +Ergebnisse, die sich dagegen auflehnen, vermag er seine Behauptung +durchzuführen. Ungleich wertvoller ist +Erwin Rohdes+ _Psyche +Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen_ 1890. Rohde erweist +das Vorhandensein des Seelenglaubens bereits in den ältesten Zeiten +des Griechentums. Selbst hinter diesen geistig und künstlerisch hoch +entwickelten Lebensformen lagert der finstere Gespensterglaube, der +einmal dem Menschen eingepflanzt und nur zeitweilig unter dem Einfluss +höherer Bildung zurückzudämmen ist. + ++Ludwig Laistner+ behandelte mit feinstem poetischem Empfinden +und gründlichster Gelehrsamkeit Vorstellungsgruppen der niederen +Mythologie. _In den Nebelsagen_ 1879 nimmt er die Naturerscheinung zu +Hilfe, der noch in einer uralten Zeit bereits einige Typen erwuchsen, +z. B. die Anschauung des Nebels als Wolf, des Sturmes als Ross. Aber +nur ein paar Typen sind alt, deren Individualisierung den einzelnen +Völkern zumal unter Einwirkung der Naturverhältnisse zufällt. Das +Vermögen, aus Nebelerscheinungen Sagen zu bilden, hielt lange an. Die +deutschen Nebelsagen sind nicht sehr alt; sie können erst entstanden +sein, als unsre Vorväter, ins Bergland einrückend, die mannigfachen +Gestalten des Nebels kennen lernten. Im _Rätsel der Sphinx_ 1889 +wird der Ursprung des Geisterglaubens an den Alptraum angeknüpft, +der Alptraum als die Grundlage und der Ausgangspunkt zahlloser +abergläubischer Vorstellungen und Sagen erwiesen. Laistner hat die +psychologische Erklärung von der Mythenentstehung sehr gefördert, +freilich auch zu einseitig angewandt. Höchst beachtenswert sind die +Etymologien, die Laistners Schriften auch dem Sprachforscher überaus +anziehend machen. Die Namen sollen von Anfang an mit den Sagen +verknüpft sein; ihre richtige Etymologie, die ursprünglich durchsichtig +und allgemein verständlich war, weist auf denselben Vorstellungskreis +des Alptraumes hin, dem Sage und Glaube entstammen. Im Verlauf der Zeit +kam der wahre Sinn abhanden. Die Forschung muss ihn wieder herstellen. +Natürlich müssen auch die Etymologien manchen sachlichen und formalen +Widerspruch hervorrufen. Aus dem Kreise der Alptraumgeister entwickeln +sich allmälig auch nach Laistner die übrigen mythologischen Gebilde. +Der Alptraum ist Keim und Kern aller Mythologie. + + +7. Die Wanderung der Mythen. + +Die Symboliker hatten aus allgemeinen Ähnlichkeiten eine Urreligion +erschlossen, welche mit der Menschheit von der Urheimat aus über den +Erdball verbreitet worden war. Die Anhänger der vergleichenden Richtung +vertraten eine ähnliche Anschauung, nur mit Beschränkung auf den +indogermanischen Stamm. Auch sie glaubten an eine ziemlich ausgebildete +indogermanische Mythologie, die mit den einzelnen Völkern wanderte und +nach der Trennung allerdings sich auch verschiedenartig entfaltete. +Kulte und Mythen aller Zeiten und Völker stehen in geheimnissvoller +Wechselwirkung, Ähnlichkeiten sind nicht zu verkennen. Wenn sie nicht +auf Zufall und gleichmässiger Entwicklung aus den überall gegebenen +Voraussetzungen der Wechselwirkung zwischen menschlichem Geiste +und Naturumgebung beruhen, wenn ebenso die urmenschliche wie die +urindogermanische Religion als ein Irrtum bezeichnet werden muss, +bleibt nur eine Erklärung: Entstehung an einer bestimmten Stelle +und Ausbreitung von dort aus. +O. Gruppe+, _Die griechischen Kulte +und Mythen in ihren Beziehungen zu den orientalischen Religionen_ I +1887 gelangt nach Verurteilung aller bisherigen Erklärungsversuche +zur Lehre vom „Adaptationismus“, von der Entlehnung und Aufnahme +der irgendwo und irgendwie gestifteten Religionsformen. Die übrige +Menschheit war anfänglich durchaus religionslos. Gruppe sagt S. 151: +„Wir glauben hinsichtlich der auch von uns zugegebenen sachlichen +Übereinstimmungen zwischen den Kulten und Mythen der einzelnen +indogermanischen Völker den Nachweis geführt zu haben, dass sie +erstens nicht in die proethnische Urzeit hinaufreichen können, weil +sie mit dem allgemeinen Kulturzustande jener Periode in unlöslichem +Widerspruch stehen, dass sie aber ferner nicht einmal in die Periode +der einzelnen Völkergruppen zurückgeführt werden dürfen, ja dass +selbst die Anfänge der ethnischen Zeit wenigstens bei den Griechen +ohne einigermaassen ausgebildete Religionsformen gewesen sein müssen. +Damit ist nun negativ erwiesen, dass der von Müller eingeschlagene +Weg, jene sachlichen Übereinstimmungen zu erklären, unrichtig war. +Es kommt nun nur noch darauf an, dass eine andre Art der Erklärung +als die Vererbungshypothese möglich ist, d. h. dass auch nach ihrer +Trennung Inder, Griechen und Germanen zu denselben Religionsformen +gelangen konnten, indem sie sich dieselben von aussen her aneigneten. +Da als die gemeinschaftliche ausserindogermanische Quelle der bei den +indogermanischen Völkern übereinstimmenden Mythen und Kulte nur Ägypten +und das grösstenteils semitische Vorder-Asien in Betracht kommt, so +handelt es sich darum, ob wol Wege denkbar sind, auf denen ursprünglich +vorderasiatische oder ägyptische Religionsformen in grossem Umfange +nach Griechenland, nach Indien und nach Mittel- und Nordeuropa +importiert wurden.“ Also die Semiten haben die übrige Menschheit +überhaupt erst mit Religion beglückt! Was Gruppe S. 180 ff. vom +Entstehen der germanischen Religion sagt, ist höchst unwahrscheinlich. +Er glaubt dem Caesar aufs Wort, dass die Germanen damals nur Sonne, +Mond und Feuer anbeteten. „Wie hat sich das schon in der Zeit geändert, +von der uns die Germania des Tacitus berichtet! Und von dort aus +wieder welcher Abstand zu dem Zustand der germanischen Mythen und +Kulte im Zeitalter der Völkerwanderung! Fast Schritt für Schritt +können wir an der Hand äusserer glaubwürdiger Zeugnisse das Eindringen +südeuropäischer Vorstellungen in Germanien verfolgen.“ + +Gruppes Anschauungen an und für sich verdienen alle Beachtung. Er macht +einen Unterschied zwischen dem Volksglauben und den priesterlichen +hieratischen Mythen samt den damit verknüpften Kulten. Von diesen, +also von der sogenannten höheren Mythologie gilt die Hypothese der +Wanderung. Wenn auch nicht im vollen Umfang, wie Gruppe es meint, und +einzig von dem Punkte aus, den er bestimmt, so hat doch die Annahme +von Entlehnung gerade auf religiösem Gebiet ungemein viel für sich. +Die Völker waren nicht so abgeschlossen, wie man gewöhnlich für den +ältesten geschichtlich überlieferten Kulturstand anzunehmen pflegt. +Auch steht fest, dass die religiösen Anschauungen der Germanen +im ersten Jahrhundert sich mannigfach veränderten und zwar durch +Anregung von aussen her. Tempelbau, Götterbilder, Altäre entstehen +unter römischem Einfluss. Wodan als Kulturgott ist auch nicht unter +gänzlich abgeschlossenen, fremden Einflüssen unzugänglichen Stämmen +aufgekommen. Die nordische Mythologie enthält fremde Bestandteile in +Menge, ihr ganzer Aufbau ist unmöglich aus bloss urgermanischem Gute zu +verstehen. Aber es wird noch weitreichender und langwieriger Studien +bedürfen, bis die Wanderungslehre sich festigt. Oft lagern auch in +der höheren Mythologie ältere und jüngere Schichten über einander; +diese zu scheiden, ihre Herkunft zu bestimmen, dünkt uns eine schier +unmögliche Aufgabe. Die sprachlichen Grenzen fallen natürlich bei der +Wanderungslehre, wieder wie zur Zeit der Symboliker muss der Mythologe +die Religion der ganzen Welt übersehen, aber nicht auf allgemeine +Ähnlichkeiten, sondern auf Einzelheiten und immer mit strengster +Quellenkritik. Das Ziel ist noch sehr ferne und wird vielleicht nie +erreicht. + +In seiner geistvollen Schrift: _Sæledyrkelse og naturdyrkelse_, 1. +Band, Kopenhagen 1890, gelangt der Däne +Vodskov+[12] zu ganz andern, +Gruppe schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen. Wir übergehen hier +die höchst anziehenden ethnographischen Abschnitte des Werkes, wo die +Lehre von der allmäligen Ausbreitung des Menschengeschlechtes über die +Erde, von der örtlichen Gebundenheit aller Kultur derjenigen von der +Wanderung der einzelnen oft sehr hoch kultivierten Völker gegenüber +gestellt wird, und weisen nur kurz auf die mythologischen Anschauungen +des Verfassers hin. Er unterscheidet drei Hauptrassen, Arier, +Mongolen, Semiten. Wie ihre ganze Anlage, so ist auch ihre Religion +grundverschieden. Die Mongolen und Semiten haben es nicht über den +Seelenkult gebracht (vgl. S. CII die Abfertigung des jüdischen Jehova, +dieses „ächten Semiten“). Der Seelenkult ist des reinen, erhabenen +Gottesbegriffes unfähig, er bleibt immer in dumpfer Beschränkung, +indem der Mensch der alleinige Maassstab des Göttlichen ist. Wol +schreitet der Seelendienst zum Ahnendienst, zur Naturbeseelung. +Die Naturgegenstände sind die Äusserungen der Seelengeister. Aber +der Begriff der Seele bleibt stets ein niedriger, erbärmlicher. +Demgegenüber schwingt sich arischer Idealismus zum Gottesbegriff auf. +Wol kennen die Indogermanen auch alle Abstufungen des Seelenglaubens, +aber neben und über ihm den Götterglauben. Die Natur ist das Göttliche +und alles Sein dem göttlichen Walten unterworfen. Gewiss ist ein +grosser Unterschied, ob geglaubt wird, in der Natur wirken Gespenster +oder lichte mächtige Götter. Die Seelenverehrung geht natürlich als +die niederere Glaubensform der Naturverehrung voraus. Ansätze zur +Vergötterung der Natur zeigen zwar auch die andern Rassen, zur vollen +Entwicklung gedieh sie nur bei den Indogermanen. Vodskov hat bis jetzt +seine Lehre nur allgemein ausgesprochen, prüfen lässt sie sich erst, +wenn sie im einzelnen am Stoffe nachgewiesen sein wird. + +So ist kein Mangel an Lehren, aber so vielseitig auch die Fragen +beleuchtet wurden, befriedigend gelöst sind sie noch nicht. Für unsern +nächsten Zweck ist aber auch die Entscheidung über Vorgänge, welche +der Überlieferung zum Teil weit vorausliegen, nicht unentbehrlich. +Wir haben es zu thun _mit dem germanischen, deutschen und nordischen +Heidentum vom Beginn der Quellenzeugnisse bis zur Bekehrung, also +etwa mit dem ersten Jahrtausend_. Es soll annähernd bestimmt werden, +welche niedere und höhere Mythologie in diesem Zeitraume vorhanden +war. Soweit auf dem Gebiete der höheren Mythologie Einwanderung und +Entlehnung fremder, antiker oder christlicher Bestandteile, also +„Adaptationismus“ damals stattfand, soll diese Thatsache thunlichst in +den Vordergrund treten. Dagegen haben wir auch mit einem Bestand von +hieratischen Kulten und Mythen zu rechnen, mit einem Grundstock höherer +Mythologie, in dessen Besitz die germanischen Stämme um Christi Geburt +sich befanden, den sie mit andern Indogermanen gemein hatten. Denn man +darf die Germanen Caesars doch nicht götterlos, nur als Anbeter von +Sonne, Mond und Feuer denken, während zur Zeit des Tacitus bereits +ein ausgedehnter Götterglaube aus dem reinen Nichts entstanden wäre. +Wie die Germanen zu ihren vorgeschichtlichen Göttern kamen, braucht +nicht entschieden zu werden. Immerhin ist es noch wahrscheinlich, +dass die Germanen mit den übrigen Indogermanen von Urzeiten her +die Vorstellungen von lichten, himmlischen, waltenden Göttern +gemein hatten, dass diese Götterbegriffe an den Naturerscheinungen +insbesondere von Licht, Sonne, Gewitter sich entfaltet hatten.[13] Die +Persönlichkeiten der Göttergestalten, die wir erblicken, gehören aber +gerade in ihren besten und schönsten Zügen den Germanen eigentümlich zu. + + +8. Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte. + +Über einzelne verschiedene Kulte in der heidnisch-germanischen Zeit +ist bei der Mangelhaftigkeit der Überlieferung wenig zu erfahren. +Doch haben einige Gelehrte besonders darauf geachtet und Ergebnisse +gewonnen, welche für die Entwicklungsgeschichte der germanischen +Religion von Wichtigkeit sind. +Müllenhoff+ suchte nachzuweisen, +dass Tiuȥ ursprünglich Hauptgott der Germanen war, jedoch in +Niederdeutschland bald vor Wodan zurückwich. +Uhland+ hatte den +Unterschied des norwegischen Thorskultes und des schwedischen +Freyskultes, endlich auch das Eindringen Odins im Norden hervorgehoben. ++Weinhold+ (_Berliner Sitzungsberichte_ 29, 611 ff.) wies nach, dass +diese verschiedenen Kulte zwischen ihren Anhängern zu Kämpfen führten, +die mit einem Vergleiche endigten. Die mit dem Ackerbau verknüpften +Bräuche wurden sorgsam gesammelt, um daraus verlorene germanische +Kultformen zu erschliessen. Solche Untersuchungen lieferten H. +Pfannenschmid, Germanische Erntefeste im heidnischen und christlichen +Kultus 1878, worin Mannhardts mythologische Anschauungen gelten, und +Ulrich Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884, worin die erschlossenen +Kultformen nicht nur auf die Wald-, Feld- und Wachstumsgeister, sondern +auch auf die Hauptgottheiten des Heidentums, deren Spuren übereifrig +aufgesucht wurden, zurückgeführt sind. + + +9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und +gemeingermanischen. + +Eine der schwierigsten Fragen betrifft das Verhältniss zwischen +deutscher und nordischer Mythologie. Voreilig wurde eine Lösung +versucht, ehe nur die einfachsten und nötigsten Vorfragen aufgeworfen, +geschweige denn erledigt waren. Derselbe Trugschluss, dieselbe +unbewusste Geschichtsfälschung, die auf ein paar Ähnlichkeiten hin +eine hochentwickelte urindogermanische oder urmenschliche Religion +ausbauten, haben lange Zeit ebenso das wirkliche Verhältniss deutschen +und nordischen Götterglaubens entstellt. Die nordische Mythologie +muss zunächst für sich allein gründlich erforscht werden, es gilt, +die älteren und jüngeren Bestandteile aus einander zu lösen, die +Entwicklung innerhalb der nordischen Mythologie selber festzustellen, +vor allem aber die Quellen auf ihr Alter, auf ihre Zuverlässigkeit +zu prüfen, ihren Inhalt mit Hilfe der nordischen Kulturgeschichte zu +untersuchen, ehe man die Überlieferung auf Treu und Glauben hinnimmt +und zu den kühnsten Kombinationen missbraucht. Im Zusammenhang mit der +nordischen Altertumskunde betrachtet muss die nordische Mythologie +richtiger beurteilt werden, als wenn frischweg nach Lust und Laune ihr +Inhalt ausgedeutet und mit fernliegenden Dingen zusammengestellt wird. + +Angeregt von Grimms Deutscher Mythologie unternahmen nordische Gelehrte +zusammenfassende Darstellungen der nordischen. +N. M. Petersen’s+ +_nordisk mythologi_ 1849 sucht den grossartigen, einheitlichen Aufbau +der Eddaüberlieferung vorzuführen; gelegentlich wird nach verschiedenen +Arten ausgelegt. In +R. Keyser’s+ _nordmændenes religionsforfatning +i hedendomen_ 1847 (vgl. auch _samlede skrifter_ 1, 249 ff.), +P. A. +Munch’s+ _nordmændenes ældste gude- og heltesagn_ 1853, +K. Maurer’s+ +_Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christentum_ 1855/6 treten +die reichlichen Nachrichten der Geschichtsquellen dem Inhalt der Edda +ergänzend zur Seite, ohne dass jedoch der grosse Unterschied vollauf +gewürdigt und richtig erklärt worden wäre. + +Schon vorher war ein beachtenswerter Versuch gemacht worden, die +Entwicklungsgeschichte im überlieferten Stoffe nachzuweisen. ++Martin Hammerich+ legte 1836 in seiner trefflichen Schrift „_om +ragnaroksmythen_“ zuerst den kritischen Maassstab an die bisher nur +bewunderte und mystisch ausgedeutete nordische Mythologie. Er hebt +den Widerspruch zwischen der lebensfreudigen Götterwelt Odins und +dem zukünftigen Friedensreiche des ungenannten Gottes, der in der +neuen Welt herrschen wird, hervor. Unmöglich könne von Anfang an +die Götterwelt dem Untergang durch Feuer geweiht gewesen sein. Es +gab eine Zeit, da die Asen ewig und unsterblich waren. Erst spät, +als der Heidenglaube sich innerlich überlebt hatte, erhub sich das +zukünftige Reich des ewigen Gottes über dem endlichen Reiche Odins. +Die „Götterdämmerung“ wird als letzte Entwicklungsstufe der Mythologie +aufgefasst, ausschliesslich den Nordleuten und den letzten Zeiten +des Heidentums zugewiesen. Der Schluss, die Götterdämmerung und das +Friedensreich aus den Strömungen des 9./10. Jahrhunderts, d. h. aus +fremden Einflüssen zu erklären, wird aber noch nicht gewagt. + +Jedoch aus der blossen Betrachtung des Inhaltes der nordischen +Mythologie waren keine festen Ergebnisse zu gewinnen, dazu bedurfte es +eingehender Prüfung der einzelnen Quellen. Die nordischen Denkmäler +erschienen in stetig sich verbessernden Ausgaben. Auf der Grundlage +guter Texte nahm die nordische Geschichte und Literaturgeschichte +einen gewaltigen Aufschwung. Für die sog. ältere Edda, die Sammlung +altnordischer Lieder sehr verschiedenartigen Ursprungs, Inhalts +und Alters bildet die Ausgabe Bugges 1867 den Beginn erneuten, +gründlicheren Studiums. Die wachsende Kenntniss der nordischen Sprache +und Verskunst ergab Anhaltspunkte zur genaueren Altersbestimmung der +überkommenen Lieder, der erweiterte und vertiefte Einblick in die +geschichtlichen Zustände zeigte den Hintergrund, auf dem die Gedichte +sich abheben. Auf ganz allgemeine Erwägungen hin wurde anfangs das +Alter der Lieder überschätzt. + +So rechnet z. B. +W. Müller+, _Altdeutsche Religion_, S. 26, den +Hauptbestandteil der Eddalieder mit Sicherheit dem 8. Jahrhundert +oder Anfang des 9. Jahrhunderts zu. Die Form und Färbung dieser +Dichtungen lässt erkennen, dass sie wegen ihrer grösseren Einfachheit +und Natürlichkeit noch vor die künstlichere Skaldendichtung des 9. +Jahrhunderts zu stellen sind. Zwar einige Heldenlieder wurden schon +früher richtig ins 10./11. Jahrhundert gesetzt. Im allgemeinen aber +galt die bereits von P. E. Müller vertretene Ansicht, dass der +Grundstock der Sammlung, insbesondere die meisten Götterlieder, ins +8. Jahrhundert fallen. Lüning in seiner Eddaausgabe 1859, S. 7 f. +erachtet die Lieder für noch älter, vor dem 8. Jahrh. entstanden. Die +dänischen Altertumsforscher erklärten die Eddalieder für urnordisch, +aber meist in Dänemark gedichtet und verlegten sie ins „mittlere“ +(450-700) oder gar ins „ältere Eisenalter“ (250-450). Gegen diese +leeren Meinungen wandte sich +E. Jessens+ vortreffliche Abhandlung über +die Eddalieder (ZfdPh. 3, 1871, 1-84), welche den Beginn der wahrhaft +kritischen Eddaforschung bildet und auch in ihren kühnen Behauptungen +(christlicher Einfluss in der Vǫlospǫ́, Unechtheit der Bragilieder) +immer mehr Bestätigung findet. Nach Jessen gehören die Götterlieder +dem norrönen Stamm, den Norwegern und Isländern, und sind im 10. Jh., +ja noch später, doch mit Verwendung älterer Bestandteile gedichtet. +Die Mythologie steht auf spätester norröner Entwicklungsstufe. Die +Geschichte der nordischen Sprachen hat dieses Ergebniss vollauf +bekräftigt. Urnordisch können die Lieder nicht sein, ihre metrische und +sprachliche Form erlaubt frühestens den Ausgang des 9. Jahrhunderts +anzunehmen. + +Die neueste, gründlichste Darstellung der altnordischen Litteratur, +_den oldnorske og oldislandske litteraturs historie_ von +Finnur +Jónsson+ Bd. 1, 1893, S. 65 ff., wo sicherlich immer lieber zu alt als +zu jung geschätzt wird, stellt 875 als äusserste Grenze fürs älteste +Eddalied, die Hǫ́vamǫ́l, auf, während die hochberühmte Vǫlospǫ́, die +Hauptquelle nordischer Mythologie, auf 935/40 angesetzt wird. Nur also +wer den Inhalt völlig von den Denkmälern trennt und den nordischen +Dichtern des 10. Jahrhunderts ein zähes Festhalten an uralter +Sagenüberlieferung beimisst, mag ein weit höheres Alter des Stoffes +behaupten, wie es Finnur Jónsson auch thut. + ++Henry Petersen+, _om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i +hedenold_ 1876 suchte die längst erkannten und namentlich von Uhland +hervorgehobenen Unterschiede des nordischen Thors-, Freys- und +Odinskultes zu erklären. Er kam auf Grund umfassender Betrachtung der +Skaldendichtung, der geschichtlichen und archäologischen Quellen zum +Schluss, dass Thor der Volks- und Landesgott der Norweger sei, während +Odin bei den Skalden und am Fürstenhofe als oberster der Götter verehrt +wurde. Die nordische Kunstdichtung folgt auch in der Göttersage wie +in der Heldensage ihrem Hange, fremden, aus Deutschland zugewanderten +Stoff dem altheimischen, also Wodan-Odin dem Thor vorzuziehen. Odin ist +von der Skaldendichtung des 9./10. Jahrhunderts nicht zu trennen, dort +ist sein Reich. Im Volke leben Thor und Freyr, die nur selten und wol +immer unter höfischem, skaldischem Einfluss Odin neben sich dulden. +Die nordische Litteraturgeschichte hatte allmählig zur Erkenntniss +geführt, dass die sogen. Eddalieder den Erzeugnissen der Skaldenpoesie +zuzurechnen seien, nicht als uralte schlichte Volksballaden gelten +dürfen. Die Skaldenkunst trägt aber in Form und Gehalt ein durchaus +eigenartiges, subjektives Gepräge. Wol schöpft sie aus dem Horte +altheimischer Sagenüberlieferung, doch manches steht und fällt +mit den Skaldengedichten und reicht nicht über sie zurück. In der +Skaldenkunst kommt keineswegs der norwegische Volksglaube unmittelbar +zu Tage, eine Mythologie, die hier ihr Dasein fristet, ist nicht der +echte, eigentümlich nordische Götterglaube. Die Eddamythologie ist in +wesentlichen Stücken als Erdichtung der Skalden zu erachten, sie ist in +ihrer Gesamtheit kein getreues unverfälschtes Abbild der mit dem Kulte +des nordischen Volkes verwachsenen Mythologie, noch weniger natürlich +ein Abbild urgermanischer Mythologie. Im Thors- und Freyskult mag man +vereinzelte urzeitliche Spuren antreffen, in der Odindichtung gelangt +man zunächst auf die unmittelbare Quelle, den deutschen Wodanglauben, +der jedoch nicht unverändert, sondern im Gegenteil mit selbständigen +Zusätzen der nordischen Skalden reichlich ausgeschmückt erscheint. +Thor und Freyr entwickelten sich wol selbständig bei Norwegern und +Schweden aus urgermanischen Göttergestalten, aus Donar und Tiuȥ. Wodan +aber wanderte als Fremdling aus Deutschland in den Norden, worauf die +Überlieferung selber hinweist. Die Skalden des 9./10. Jahrhunderts +haben zwar nicht selber Odins Gestalt sich aus Niederdeutschland und +Dänemark geholt, sondern bereits in Skandinavien vorgefunden; aber +sie haben sich seiner bemächtigt und in ihren Liedern ihn zu höchstem +Rang und Ansehen erhoben, dem Gotte, dem das Volk widerstand, zu +unumschränkter Vorherrschaft das Reich der Dichtung erschlossen. + +Ist einmal erwiesen, dass die wichtigsten Denkmäler der nordischen +Mythologie frühestens dem 9. Jahrhundert, meistens sogar erst dem 10. +angehören, so darf die von den geschichtlichen Verhältnissen notwendig +verlangte Folgerung nicht ausser Acht bleiben. Die vorhergehenden +Jahrhunderte sind die der Wikingerzeit, da die Drachenschiffe +der Nordländer anfangs zu Heerung und Beute, später zu dauernder +Niederlassung die umliegenden Lande aufsuchten[14]. Nach Russland, an +die pommersche, friesische, fränkische Küste, nach England, Irland, den +Färöern, Island (von 874) liefen die Schiffe aus. Schon im Anfang des +7. Jahrhunderts ist von einem Seezug der Dänen nach Frankreich, von +einer Landung nordischer Schiffe auf Tory Island in Irland die Rede. +Aber es währte lange, bis die Fahrten regelmässiger und zahlreicher +wurden. Um 800 hatten die Wikinger-Einfälle in England und Irland +bereits bedrohlich zugenommen, 852 wurde eine förmliche Herrschaft +in Dublin aufgerichtet. Die Berührung mit fremden, christlichen, an +Kultur hochentwickelten Völkern musste zu wechselseitigen Einwirkungen +führen. Wol erschienen die Nordleute zuerst sengend und brennend und +verschwanden schnell wieder mit der gewonnenen Beute, aber es wurde +mitunter auch mit dem fremden Volke verhandelt. Entführte Frauen, +Kinder, die solchen Raubehen entsprangen, trugen zur Vermischung +der verschiedenartigsten Elemente bei. Nach erfolgter dauernder +Niederlassung ergaben sich engste Beziehungen zwischen den Einwohnern +und den Nordleuten. Mit den Stammlanden wurde der Verkehr lebhaft +unterhalten. So kam es, dass einzelne Nordleute lange vor der Bekehrung +der Heimatlande auswärts Christen wurden. Sie lernten christlichen +Brauch kennen, sie hörten und sahen viel Neues, ihr geistiges Leben +empfing mannigfache Anregung. Wie die Deutschen nach den Berührungen +mit den Römern, nach der Wanderungszeit anders geworden waren als +zuvor, so ist auch die nordische Kultur nach der Wikingerzeit eine +neue, und aus der neuen Zeit heraus empfängt die nordische Mythologie +ihre Erklärung. Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher +Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie +erkannt, aber nicht erklärt worden. Der norwegische Altertumsforscher ++Sofus Bugge+ begründete in seinen _Studien über die Entstehung der +nordischen Götter- und Heldensagen_ 1889 eine neue sachlich und +geschichtlich durchaus gerechtfertigte Auffassung dieser Thatsachen, +fand aber mehr Widerspruch als Anerkennung. In Deutschland that sich +Müllenhoff mit groben, polternden Ausfällen gegen die historische +Erklärung hervor. Die Gegner warfen sich auf zweifelhafte Einzelheiten, +auf die freilich arg willkürlichen und anfechtbaren Etymologien, um +dadurch die ganze Lehre zu stürzen. Die Aufmerksamkeit wurde von der +Hauptsache abgelenkt. Nachdem der Streit ruhiger geworden, erheben sich +immer mehr schüchterne und kühnere Zustimmungen. Die einleuchtende +Wahrheit von Bugges Grundgedanken ist einmal nicht wegzuleugnen. +Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die +nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern +nur, wie viele und auf welche Art. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den +Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung +antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger +in England und Irland kennen lernten. Die Mythologie der nordischen +Skalden ist ein Erzeugniss der Wikingerzeit; es kann daher nicht Wunder +nehmen, wenn die vielen fremden Strömungen, denen damals die Nordleute +unterworfen waren, auch in ihren Sagen sich abspiegeln. Einen kräftigen +Stoss gegen Bugge gedachte der Isländer Finnur Jónsson im _arkiv for +nordisk filologi_ 6, 121 ff.; 9, 1 ff. zu thun. In seiner _oldnorske og +oldislandske litteraturs historie_ führt er den Gedanken weiter aus. +Jiriczek berichtete in der _Beilage zur allgemeinen Zeitung_ 1894 Nr. +79 in gedrängter Kürze darüber. Solange man den Götterliedern der Edda +ein unmöglich hohes Alter zuschrieb, solange die kulturgeschichtliche +Bedeutung der Wikingerzeit noch nicht erkannt und gewürdigt war, lag +die Annahme fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie völlig +fern. Jetzt aber fallen diese Lieder nach dem einstimmigen Urteil der +Kenner in eine Zeit, in welcher Einwirkungen aus England und Irland +sehr wahrscheinlich sind. Aber neben den Eddaliedern besitzen wir die +eigentlichen Skaldenlieder. Bragi, der älteste norwegische Skald, +dichtete vor 840, die Skalden König Haralds zum Teil vor 875. Die +unter ihrem Namen überlieferten Preislieder auf Könige und Fürsten +setzen dieselbe Mythologie voraus, der wir in der Edda begegnen. +Die Skaldengedichte sind teils unmittelbar mythischen Inhalts. Die +Skalden beschreiben Schilde, die sie zum Geschenk erhielten, auf denen +Mythen abgebildet waren, oder sie bedienen sich der höchst künstlichen +Bildersprache, deren ewige schwierige Anspielungen genauste Kenntniss +der Mythen beim Hörerkreise, also wenn auch nicht beim Volke, so doch +bei den Königsleuten, bei der höfischen Gesellschaft voraussetzen. +Nun sagt Finnur Jónsson, die Wikingerzüge seien in der ersten Hälfte +des 9. Jahrhunderts nur Sommerstreifzüge gewesen, überwintert wurde +in Irland erst 835, in England 851. Gegenseitige Einwirkungen der +Nordleute, Iren und Angelsachsen seien doch erst infolge längeren +freundlichen Verkehres möglich. Da nun in Bragis Gedichten in der +ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die nordische Mythologie vorliegt, +so kann sie nicht unter westlichen Einflüssen stehen, sondern +sie muss sich in Norwegen selber unberührt von der Wikingerzeit +entwickelt haben. Der Hypothese Bugges ist der Boden entzogen, die +Übereinstimmungen nordischer Mythen mit antiken und christlichen +Vorstellungen dürfen nicht in seinem Sinne als Entlehnungen erklärt +werden. Finnur Jónsson hat mit Recht die geschichtliche Vorfrage +beleuchtet, die vor allem beleuchtet werden muss. Das Vergleichen +der Überlieferung selber führt zu keiner sicheren Entscheidung, wenn +nicht zuvor erwiesen ist, ob fremde Einflüsse überhaupt möglich waren +oder nicht. War die nordische Mythologie, die wir aus den Eddaliedern +des 10. Jahrhunderts kennen, bereits im 9. Jahrhundert, ja schon um +800 vorhanden, geht sie ursprünglich allein aus Norwegen hervor, dann +ist allerdings englisch-irischer Einfluss weniger wahrscheinlich, +immerhin aber nicht ganz ausgeschlossen. Schon im 7./8. Jahrhundert +holten sich die Nordleute die Nibelungensage und den Wodanglauben +aus Deutschland. Beginnen auch erst am Ende des 8. Jahrhunderts +Westfahrten in grösserem Maassstabe, so sind doch einzelne Züge weit +älter. In seinem _bidrag til den ældste skaldedigtnings historie_ 1894 +widmete Bugge der Sache eingehende Untersuchung. Unter Hinweis auf +mehrere Abhandlungen Zimmers, welcher nordische Einflüsse im Irischen +aufdeckte, erklärt Bugge die Behauptung, vor 840 sei keine Einwirkung +aus dem Westen auf Norwegen möglich, für hinfällig. Schon die erste +Hälfte des 9. Jahrhunderts kann sehr wol die nordische Mythologie +der Skalden gezeitigt haben. Aber weit schwerer wiegt der Umstand, +dass die dem Skald Bragi zugeschriebenen und daher ins 9. Jahrhundert +verlegten Strophen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und +vermutlich auf den westlichen Inseln gedichtet wurden. Also wird die +nordische Mythologie durch überlieferte Denkmäler gar nicht für den +Anfang des 9. Jahrhunderts, sondern frühestens fürs Ende erwiesen. Die +Skaldendichtung entstand unter Einwirkung einer reichen Kulturströmung +aus England und Irland. Sie ist in Wirklichkeit nicht älter als die +Eddadichtung, mithin kann sie so wenig wie diese ohne Rücksicht auf +die Zustände der Wikingerzeit beurteilt werden. Finnur Jónsson sucht +die Entstehung der Eddalieder und älteren Skaldengedichte möglichst +nach Norwegen zu verlegen, weil die norwegische Urheimat weniger den +Verdacht fremder Einflüsse aufkommen lässt. Gudbrand Vigfusson hatte +den Gedanken hingeworfen, viele dieser Gedichte seien in den nordischen +Neusiedelungen auf den Inseln des Westmeeres verfasst worden. Diese +Behauptung wurde freilich stark angefochten. Jedoch dürfte sich +immerhin westlicher Ursprung und damit höchste Wahrscheinlichkeit der +Entlehnung fremder Züge für dieses oder jenes Gedicht noch nachweisen +lassen. Bugges Gründe sind sehr zahlreich, sachlich und formal. Alle +halten zwar nicht Stand, aber doch genug, um die blosse Behauptung +und den unbedingten Glauben der Gegner, dass die unter dem Namen der +ältesten Skalden laufenden Gedichte wirklich von ihnen herstammen, +stark zu erschüttern. Die Frage nach der Ächtheit der Asalehre ist +somit in ein neues Stadium gerückt, indem die Berechtigung ihrer +Aufstellung überhaupt bestritten wird. Aber auch hier wird der +Bescheid schliesslich günstig ausfallen, obschon sich noch manche +neue Anfechtung erheben wird. Der poetische Wert, die erhabene Grösse +der nordischen Mythologie erleidet nicht die geringste Einbusse mit +dem Nachweis, dass sie weder urnordisch noch urgermanisch, vielmehr +norwegisch ist, ein Erzeugniss der Wikingerzeit, erwachsen unter +fremden Einflüssen, vielfach durch antike und christliche Vorbilder +angeregt, aber erfüllt von nordischem Geist, als Ganzes eine echt +nordische Schöpfung. Die nordische Mythologie ist der krönende +Abschluss der Entwicklungsgeschichte germanischer Mythologie. + +In meinem Handbuch habe ich die Skaldengedichte, wo es nötig erschien, +neben den Eddaliedern angeführt und zwar nach dem Zeitansatz der +Litteraturgeschichten Mogks und Finnur Jónssons. Ich wagte nicht, die +neuen Ansätze Bugges für Bragi und Thjodolf aufzunehmen. Noch wäre +es verfrüht, auch muss die ganze ältere Skaldendichtung sorgfältig +daraufhin durchgearbeitet werden. Aber es sei ein für allemal hier +bemerkt, dass wir trotz den scheinbar alten Zeugnissen die Mythologie +der Skalden schwerlich auf 800, vielmehr auf etwa 900 anzusetzen haben. + + * * * * * + +Eine selbständige Weiterführung der Lehre Bugges bieten +E. H. +Meyers+ Schriften _Völuspá_ 1889 und _Die eddische Kosmogonie_ 1891. +Aus reicher Belesenheit in theologischen Schriften des Mittelalters +zählt Meyer viele ähnliche Züge der christlichen und nordischen +Mythologie auf. Mancher trifft zu, mancher ist gesucht; von neuem +tritt die Thatsache durchgreifender Übereinstimmungen zu Tage. Die +zwei Hauptfragen, die Entstehungszeit der nordischen Mythologie +und die unmittelbaren Vorlagen, aus denen die fremden Bestandteile +übernommen wurden, Fragen, über die volle Gewissheit nie zu erhoffen +ist, sucht Meyer bestimmt zu beantworten. Ein isländischer Theolog, +der Gelehrte Sämund († 1133), verfasste die Vǫlospǫ́, die inhaltlich +überhaupt kein heidnisches, sondern ein rein christliches Werk sei. +Ein beliebtes Thema jener Zeit, die Dichtung von der Weltschöpfung, +vom Sündenfall, von der Erlösung und vom jüngsten Gericht ward in die +nordische Gedankenwelt umgesetzt. Die nordischen Götternamen spielen +darin eine ähnliche Rolle, wie die antiken bei den christlichen +Dichtern des Mittelalters, die in lateinischer Sprache und mit antikem +mythologischem Aufputz Abschnitte aus der Heilsgeschichte vortrugen. +Snorri führte dann etwa hundert Jahre später Sämunds Arbeit in seiner +Edda vollends aus. Der eigentliche Inhalt der Vǫlospǫ́ gehört also gar +nicht der nordischen Mythologie an. Die isländische Litteratur- und +Kulturgeschichte, ebenso allgemeine Erwägungen sprechen entschieden +gegen diese Auffassung. Der Inhalt der Vǫlospǫ́ ist nordische +Mythologie des 10. Jhs.; wir haben es mit einer Dichtung des +ausgehenden Heidentums zu thun unbeschadet der fremden Elemente. + +Gegen Bugge ist des Schweden +V. Rydbergs+ geistvolles Buch +_„undersökningar i germanisk mythologi“_, 2 Bde. Stockholm 1886/9, +gerichtet. Zwar finden sich manche brauchbare Einfälle, aber im +Grundgedanken ist das Buch vollkommen verfehlt, indem es noch einmal +die wissenschaftlich überwundene vergleichende Mythologie in der +kühnsten Weise aufleben lässt. Die Edda wird frischweg mit dem +Veda, der Veda mit der Edda verglichen, beide auseinander ergänzt, +berichtigt, kombiniert und aus einer unmöglichen und unglaublichen +Urquelle geleitet. Wie die Edda oder der Veda samt der darin +enthaltenen Mythologie je für sich entstand, diese erste und wichtigste +Frage verschwindet völlig beim luftigen Brückenbau, den der dichterisch +hochbegabte Verfasser ohne Bedenken zwischen beiden herstellt. + + +10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie. + +Auf Grund der aufgezählten Werke wurden neuerdings zusammenfassende +Darstellungen der germanischen Mythologie im grösseren Maassstab +unternommen von +E. H. Meyer+ (_Germanische Mythologie_ 1891) und ++Mogk+ (_im Grundriss der germanischen Philologie_ 1, 982 ff.). +Wir erhalten daraus einen Überblick, wie sich die germanische +Mythologie im Lichte der heute geltenden Anschauungen ausnimmt. +Meyer teilt nach seinen Grundsätzen die mythologische Überlieferung +in Seelen- und Marenglauben, endlich in den Dämonenglauben ein, +woraus er die Götter hervorgehen lässt. Die Eddamythologie musste +er als theologische Dichtung ausschliessen. Bei den Dämonen drängt +sich noch zu sehr die meteorische Deutung hervor. Aber trotz +solchen tief eingreifenden Irrtümern ist seine Mythologie eine +hochbedeutende Leistung. Mit bewundernswertem Fleisse ist das gesamte +wissenschaftliche Material bis in die entlegensten Einzelheiten +herangezogen und verzeichnet. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube und +leistet neben der Mythologie J. Grimms, deren vierte Ausgabe mit +dem Nachtragsbande wir ja ebenfalls Meyer verdanken, dem Mythologen +die wichtigsten Dienste. Bei Mogk ist der klare, vorsichtige Aufbau +zu rühmen. Auch er beginnt mit der niederen Mythologie, sucht aber +kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältniss zwischen ihr und dem +Götterglauben herzustellen. Hauptgewicht liegt auf der Quellenkritik, +die vor übereilten Behauptungen und vorschnellen Deutungen bewahrt. +Entlehnung wird in gewissen Grenzen zugegeben. +Kauffmanns+ kleine +deutsche Mythologie (_Sammlung Göschen_ Nr. 15) 1. Auflage 1890, 2. +Auflage 1893 schliesst die niedere Mythologie völlig aus und strebt +nur eine Übersicht über das an, was die alten Quellen unmittelbar vom +Götterglauben berichten. Die germanischen Götternamen der römischen +Inschriften werden nach Gebühr berücksichtigt. Die Baldrsage erklärt +Kauffmann euhemeristisch, Sagenhelden seien zu Göttern erhoben worden. +Ein grosser Waldesgott der Germanen wird aus Namenetymologien, aus +Widar, Hönir, Wali, Mitothin, Heimdall, Requalivahanus erschlossen. +Aus jugendlicher Blödigkeit habe er sich plötzlich zu Heldenschaft, +zum erhabenen Richteramt erhoben, die verborgene Kraft bewährend, aus +dem Dunkel hervorleuchtend. +Mein eignes Büchlein+ _„Götterglaube +und Göttersagen der Germanen“_ Dresden 1894 verhält sich zu diesem +Handbuche wie ein Entwurf zur Ausführung, die aber zugleich auch vieles +zu berichtigen hat. + + +11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches. + +Hiermit erübrigt noch die Bestimmung der Ziele des gegenwärtigen +Handbuchs. Mythologie ist eigentlich nur Göttersage, ein Handbuch +der Mythologie hat demnach möglichst vollständig und übersichtlich +die Göttersage darzustellen, wobei zwei Hauptpunkte in Betracht +kommen: richtige Auslegung und wenn nötig Ergänzung der mangelhaften +Überlieferung, richtige Anordnung des also gewonnenen Stoffes, womit +Fragen über Ursprung, Alter, gegenseitiges Verhältniss verschiedener +Berichte erledigt werden. Es wird Vorführung der erhaltenen oder +erschlossenen Göttersage nach ihrer Entwicklungsgeschichte angestrebt, +aber Mythendeutung, überhaupt Hinausgreifen über die Zeit der Denkmäler +möglichst vermieden. Wir müssen uns zunächst in den Grenzen unsrer +thatsächlichen Kenntnisse zurechtfinden, ehe wir mit haltlosen +Vermutungen darüber hinausschweifen. + +„Unter Mythologie verstehen wir die Summe der Bilder und Dichtungen, +in denen ein Volk seine religiös-poetischen Anschauungen von der +es umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften, die es als +persönliche Wesen auffasste, ausgeprägt hat; wir verstehen darunter +auch die Wissenschaft, die bestrebt ist, den Gehalt, Gang und Umfang +der in diesen Dichtungen enthaltenen, inneren geistigen Entwicklung +darzulegen und deren Aufgabe daher notwendig eine historische ist.“[15] +Diese Begriffsbestimmung sieht vom niederen Volksglauben ab, sie +betrifft hauptsächlich die Helden-und Göttersage, allenfalls noch die +Naturdämonen, die wichtigen Seelengeister schliesst sie aus. Zu den +religiös-poetischen Anschauungen von der umgebenden Natur ergänzt E. +H. Meyer mit Recht die aus Vorgängen des Menschenlebens entstandenen +Vorstellungen des niederen Volksglaubens. + +Es wird überhaupt rätlich sein, die Begriffe _Mythologie und Religion, +Sage und Glauben_ aus einander zu halten.[16] Ein Handbuch der +Mythologie muss auch die Religion enthalten, denn meistens erwächst +doch die Sage aus dem Glauben. Mit dem Glauben ist der Kult unlöslich +verknüpft. Wer an Geister und Götter glaubt, wird ihnen auch mit Opfer +und Gebet dienen, um ihren Grimm zu sühnen, ihre hilfreiche Gunst zu +gewinnen. Häufige Irrtümer scheinen daraus entstanden zu sein, dass +Religion und Mythologie nicht scharf aus einander gehalten wurden. +Die Geister und Götter, an die man glaubt, können zum Teil aus dem +psychologischen Leben des Menschen und aus den Einwirkungen der Natur +erklärt werden. Aber die _Sage_, die _Mythologie_ ist bereits eine +weitere, höhere Stufe. Die Mythologie erwächst nicht unmittelbar +aus poetischer Naturanschauung, die Naturerscheinungen setzten sich +nicht unmittelbar in dichterische Bilder und Gleichnisse um, deren +Reihenfolge zu einer fortschreitenden Handlung ward. Man darf einen +Mythus, eine Sage nicht ohne weiteres in Naturvorgänge auflösen wollen. +Zwischen den letzten Ursachen und der Mythologie liegt Glaube und Kult +inmitten. Die Religion mag allenfalls als das notwendige Ergebniss +unbewussten, unwillkürlichen Denkens gelten, in der Mythologie darf +die bewusste willkürliche, individuelle und subjective Dichtung nicht +unterschätzt werden. Die Mythologie ist das geistige Erzeugniss +der Priester und Dichter, eine Poesie, die sich auf den gegebenen +religiösen Thatsachen aufbaut. Manchmal mag ein Zusammenhang zwischen +den Ursachen des Glaubens und der Mythologie unverloren sein. Im +bewusst festgehaltenen Verein mit den Ursachen der Religion kann +eine Mythologie bleiben, z. B. die des Veda. Im allgemeinen aber +entschwindet das Verständniss der letzten Ursachen des Glaubens dem +Bewusstsein sehr bald, und dann fällt die Sage der freigestaltenden +Phantasie der Dichter anheim. Demnach scheint Mythendeutung nur dann +berechtigt, wenn sie zunächst auf Feststellung des religiösen Kernes +ausgeht und diesen allenfalls unter günstigen Umständen auslegt. +Gleicher Glaube setzt somit keineswegs gleiche, höchstens ähnliche +Sage voraus. Deutsche und Nordleute haben im Grunde einen ähnlichen, +im einzelnen vielleicht gleichen Glauben besessen, aber darum ist +die nordische Mythologie nicht mit der deutschen gleich, sie muss im +Zusammenhang mit nordischer Kultur und Dichtung beurteilt werden. + +Aus dem Götterglauben erwächst die Göttersage, aus dem Volksaberglauben +die Volkssage. Hier liegen die Verhältnisse einfacher. Aus den +vielen Wendungen, die aus neuer und alter Zeit, aus Nord und Süd +vorliegen, tritt fast immer der Typus, die gemeinsame Grundlage der +überall besonders erzählten Sage, klar zu Tag, sein Zusammenhang mit +dem Volksaberglauben ist beinah überall ersichtlich. Diese Typen +und ihren abergläubischen Kern, also Volkssage und Volksglauben hat +unser Handbuch ebenfalls darzustellen, sofern ihr Vorhandensein im +Heidentum wahrscheinlich ist. Die Göttersage, die höhere Mythologie, +ist natürlich ebenso verwickelter und schwieriger als die Volkssage, +die niedere Mythologie, wie die Kunstdichtung mit andern Maassen zu +messen ist als die kunstlose Volksdichtung. In einem Fall sind die +Verhältnisse einfach und durchsichtig, im anderen entziehen sie sich +als individuelle Vorgänge der Dichterseele unsrem Blick. Dazu kommt +der Umstand, dass bereits die beiderseitigen Voraussetzungen, die +religiösen Thatsachen, im Götterglauben willkürlicher gestaltet und +höher entwickelt sind als im Volksglauben. Die Wissenschaft muss oft +Entsagung üben. Es ist besser und nützlicher, bei der Göttersage +einzuhalten, wo die Erklärung versagt, als eine Erklärung zu erzwingen. +Denn nur zu schnell verliert man Grund und Boden. Der Forschung wird +besser gedient, wenn die Lösung einer Frage nur so weit geführt wird, +als sie wahrscheinlich ist, wenn die Grenzen unseres Wissens, seis auch +nur vorläufig, nicht überschritten werden, als wenn man sich und andern +Ergebnisse vortäuscht, deren Haltlosigkeit bald genug erhellt. + +Werden Glaube und Sage in eine förmliche Lehre gebracht, so entsteht +Theologie. Nur bei Vorherrschaft des Priestertums wird eine +dogmatische Lehre, die zugleich Eigentum eines besonderen Standes +bleibt, sich entfalten. Brahmanen und Druiden haben die Religion und +Mythologie ihrer Völker zur Theologie ausgebildet, bei den Germanen +geschah dieser Schritt nicht. Eine Götterlehre brachte das Heidentum +nicht hervor. Aber in andrer Weise fand die nordische Mythologie in der +ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine systematische Bearbeitung durch +Snorri Sturluson. Zwar leiten ihn nicht theologisch-dogmatische, wol +aber gelehrte Absichten, die auf ein einheitliches System hinauslaufen, +wonach die nordische Mythologie darzustellen sei. Allzulange hat der +geschichtlichen Erkenntniss nordischen Glaubens und nordischer Sage der +Umstand geschadet, dass man Snorris Auffassung nicht vom Stoffe selber +schied. + + * * * * * + +J. Grimms Deutsche Mythologie will den Glauben der Deutschen +wiederherstellen, wobei die nordische nur als Hilfswissenschaft dient, +Simrocks Handbuch der deutschen Mythologie nimmt den Inhalt der +nordischen Quellen einfach für Deutschland herüber. Die neueren Werke +von E. H. Meyer, Mogk, Kauffmann erweitern den Begriff deutsch zu +germanisch. So will auch dieses Handbuch verstanden sein. So gut als +möglich soll auf dem Hintergrund germanischer Glaubensvorstellungen +die deutsche und nordische Mythologie gleichermaassen zu ihrem Rechte +kommen, aber mit starker Betonung beiderseitiger Selbständigkeit. Wird +das Verhältniss zwischen germanisch, deutsch und nordisch auch nur +einigermaassen richtig erfasst, so ergibt sich von selber ein Einblick +in die Entwicklungsgeschichte im ersten Jahrtausend. + + * * * * * + +Urgermanisch, aus vorgermanischer Zeit stammend, ist nur ein kleiner +Teil religiöser Vorstellungen. So der Götterbegriff, Tiuȥ und eine +Schar von Lichtgöttern (_tîwôȥ_ an. _tívar_) um ihn. Seine Beinamen +mögen sich schon frühzeitig zu besondern Gestalten entwickelt haben, +wie z. B. Donar. Ausserdem ist der allgemeine, typische Grundstock der +niederen Religion und Mythologie gemeingermanisch. Rituelle Formen, +Opferbräuche, Besprechungen u. drgl.;machten den Kultus aus. Im übrigen +aber löst sich die germanische Mythologie in eine grosse Anzahl von +örtlichen Kulten auf, die mehr oder weniger Ausbreitung und Lebensdauer +gewannen. Am kräftigsten gedieh der istväische Wodansdienst. Die +Eigenart der germanischen Stämme und Völker zeigt sich auch darin, wie +sie einigen wenigen gemeinsamen Typen besondere Gestalt und Bildung +verliehen. + +Man darf die mythologische Überlieferung nicht aus den örtlichen +und zeitlichen Verhältnissen, worin sie uns entgegentritt, loslösen +und verallgemeinern. Diesen Satz sprach Müllenhoff aus, und doch +verstiess er selber dagegen, wenn er aus den verschiedensten örtlich +und zeitlich bestimmten Mythen Schlüsse zog, die an Kühnheit denen der +vergleichenden Mythologen nicht nachstanden, nur dass sie mühsamer und +mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit gewonnen waren. Hält man wirklich +daran fest, so ergibt sich von selber eine Entwicklungsgeschichte, +die jeder Zeit und jedem Stamme das Eigentum belässt, das gemeinsame +Uralte oder Entlehnte aber nur dort hervorhebt, wo es wirklich bezeugt +ist. Anders waren Glaube und Sage zur Zeit des Tacitus, anders zur +Zeit der Bekehrung, anders im Norden als im Süden, nie waren alle +diese verschiedenen Züge in einer urdeutschen, urnordischen oder gar +urgermanischen Mythologie vereinigt. + + + + +II. Die Quellen der Mythologie. + + +1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der Bekehrung. + +Unter dem Namen Germanen versteht man seit Caesar eine Reihe von +Völkerstämmen, die seit vorgeschichtlicher Zeit, nachweisbar seit dem +Zeitalter Alexanders des Grossen, in dem norddeutschen Tieflande, +zwischen der Weichsel und dem Rhein, auf den Inseln der Ostsee und im +südlichen Skandinavien ansässig waren. Durch gemeinsame körperliche +und geistige Eigenschaften, durch Spracheinheit und durch die gleiche +Grundlage ihres politisch-wirtschaftlichen und sittlich-religiösen +Lebens heben sich die Germanen deutlich von allen andern Völkern +als eine eigentümliche Volkseinheit ab. Die Germanen zählen zum +indogermanischen Volksstamm, dessen Ursitze die heutige Wissenschaft, +sofern überhaupt noch die Lehre von der Wanderung gilt, an den +mittleren Lauf der Wolga verlegt. Die Westindogermanen breiteten +sich westwärts aus in das Mündungsgebiet des Dnjepr, Dnjestr und +der Donau, in die waldbedeckte Tiefebene, welche durchs Schwarze +Meer im Osten, den Balkan im Süden, die transsylvanischen Alpen im +Nordwesten, die Karpathen im Norden, umgrenzt ist. Die Indogermanen +waren schweifende Hirten mit niedriger Kultur und wenig entwickelten +Götterbegriffen. Die Westindogermanen wurden zu sesshaften, Ackerbau +treibenden Viehzüchtern. Aus der europäischen Urheimat gelangten die +Griechen über den Balkan, die Italer der Save, die Kelten der Donau +entlang in ihre späteren Sitze, Slaven und Germanen rückten nordöstlich +der Karpathen den Dnjepr und Dnjestr aufwärts in ihre nördlichen, +zum Teil bis heute behaupteten Länder. Die Germanen waren zur Zeit, +da die Geschichte zuerst ihrer gedenkt, im Osten von den Slaven und +Balten, im Norden Skandinaviens von den Finnen, im Westen und Süden +von den Kelten, welche bis zum 3. Jahrh. vor Chr. das deutsche +Mittelgebirge inne hatten, umgeben. Sie zerfallen in die West-, Ost- +und Nordgermanen, aus denen die spätern deutschen und englischen, die +gotischen und wandalischen, die nordischen (schwedischen, dänischen +und norwegischen) Völker hervorgingen. Zur Zeit der ersten Römerkriege +scheinen unter den Westgermanen drei grosse Kultgenossenschaften mit +gemeinsamem Heiligtum und gemeinschaftlicher Stammsage bestanden +zu haben, die Ingwaeonen an der Nordsee mit dem Nerthustempel, die +Istwaeonen am Rhein mit dem Tamfanatempel und späteren Wodankult, +die Erminonen im Binnenland mit dem Haine des allwaltenden Tiuȥ. Die +zahlreichen Stämme können hier nicht aufgezählt, ebensowenig kann ihre +spätere Entfaltung zu den grösseren Bünden der Franken und Alamannen +geschildert werden. Die Geschichte der Germanen im Westen und Süden +wird bestimmt durch das Zurückweichen der Kelten und das Vordringen +der Römer. Die Germanen breiteten sich nach Süden Rheinaufwärts und +zur Donau hin aus. Die Ostgermanen verliessen in der zweiten Hälfte +des 2. Jahrhunderts nach Chr. ihre Sitze zwischen Oder und Weichsel +und wanderten wieder südwärts zum Schwarzen Meer, wo von 214 ab ihre +Kämpfe mit Ostrom anheben. Von ihrem Heidentum ist wenig bekannt, denn +die römischen Geschichtschreiber des 1. Jahrhunderts wissen mehr von +den ihnen naheliegenden Westgermanen als von den fernen Ostgermanen. +Und als die Goten am Schwarzen Meere auftauchten, wandten sie sich bald +dem Christentum zu. Übers Heidentum der Westgermanen hören wir auch nur +vereinzelte gelegentliche Bemerkungen der antiken Geschichtschreiber, +später berichten christliche Quellen davon. Also kein unmittelbares, +unverfälschtes Zeugniss, keine selbständige zusammenhängende Mitteilung +steht zur Verfügung. Am besten sind wir immerhin vom Heidentum der +westlichen und nordwestlichen deutschen sowie der englischen Stämme +unterrichtet. Reichlich und unmittelbar fliesst die nordische, +norwegisch-isländische Überlieferung. Die Völkerwanderung, der +Untergang des römischen, der Aufgang des fränkischen Reiches bewirken +die Anordnung der deutschen Stämme, die in der Hauptsache noch heute +besteht. Um 500 rückten die Franken vom untern Rhein ins Maingebiet +und drängten die Alemannen südwärts bis zu den Vogesen und Alpen, zur +selben Zeit ergossen sich die Markomannen aus Böhmen, dem Laufe der +Donau folgend, über die Hochebene und tief in die Alpen hinein in +ihre neue Heimat, welche sie unter dem Namen Bajuwaren (Bewohner des +Landes Baja, d. i. Bojohemum, Böhmen) behaupteten. Vom Frankenreiche +gelangte das Christentum allmälig zu den übrigen Westgermanen und +wurde unter mehr oder weniger harten Kämpfen früher oder später, je +nachdem das einzelne Volk dem Frankenreiche unterworfen war oder +nicht, befestigt.[17] Das Reich der Merowinger erhub sich um 500 als +ein katholisch-christliches, wodurch der Untergang des germanischen +Heidentums in allen Reichslanden besiegelt war. In den südlichen +Ländern war ohnedem schon durch die Berührung mit Italien dem Übertritt +zum Christentum in zahlreichen Einzelfällen vorgearbeitet. Aber die +völlige Ausrottung des Heidentums ging nur sehr langsam von statten, +die niedere Mythologie ist sowieso dem Wechsel der priesterlichen und +staatlichen Religion verhältnissmässig wenig unterworfen, so dass die +altheidnischen Grundzüge, wenn schon vielfach vermehrt und verändert, +auch unter dem neuen Glauben bis zur Gegenwart sich erhielten oder sich +immer neu erzeugten. + +Die fränkische Kirche that zunächst für die Ausbreitung des +Christentums fast nichts, wesshalb die dem fränkischen Reiche +unterworfenen deutschen Stämme noch lange am Heidentum festhielten. +Erst die Wirksamkeit der ins Frankenreich eingewanderten +iroschottischen Mönche belebte die kirchlichen Verhältnisse und +erstreckte sich auch auf die Mission. So erschien der hl. Fridolin +um 530 am Oberrhein, aber um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die +Alemannen noch Heiden. Erst Kolumba und Gallus richteten von 610 ab +mehr unter ihnen aus. In Baiern überwog das Heidentum bis zum Ende des +7. Jahrhunderts. Erst der Herzog Theodo machte 696 mit der Bekehrung +Ernst, indem er den Bischof Ruprecht von Worms ins Land rief. Nur in +Friesland nahm die fränkische Kirche selber die Missionsthätigkeit +auf, wobei freilich auch Rücksichten des Handels und der Politik +mitwirkten. Wichtiger, auch für die Bekehrung der Deutschen, war die +Christianisierung der Angelsachsen, die sich von Anfang an ernstlicher +und innerlicher als bei den Franken und in unmittelbarer Abhängigkeit +von Rom vollzog. Im Auftrag Gregors I. ging 597 Augustinus nach +England. An König Edelbert von Kent fand der päpstliche Sendbote +einen treuen und verlässigen Helfer. Zwar ging das Bekehrungswerk der +angelsächsischen Königreiche nicht ohne Kämpfe von statten. Neben +dem Heidentum machten den römischen Geistlichen auch die zum Teil +andersgläubigen irischen Mönche, die auf eigene Faust bekehrten, zu +schaffen. Aber schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts war England +christlich geworden. Kaum waren die heimatlichen Verhältnisse geregelt, +so machten sich englische Sendboten zu den Friesen, Franken, Alemannen, +Baiern und Sachsen auf. Die fränkische Kirche war zu selbständig und +zu weltlich, hatte auch das Bekehrungsgeschäft zu lässig betrieben. +Die iroschottischen Mönche lehrten ketzerische Ansichten. Der Papst +aber strebte eine zielbewusste, einheitliche und gründliche Bekehrung +aller Deutschen an. Dazu bot sich die englische Geistlichkeit als +geeignetes Werkzeug dar. Winfrid-Bonifatius, der von 716 bis zu +seinem 755 erfolgten Märtyrertod unter Friesen, Franken, Hessen, +Thüringern, Sachsen, Baiern eifrig und wiederholt auftrat, brachte die +Christianisierung des fränkischen Reiches zum Abschluss auf der festen +Grundlage der römisch-katholischen Kirche. Im 8. Jahrhundert wird das +bereits stark erschütterte deutsche Heidentum vollends gebrochen. + +Am längsten bewahrten die Sachsen ihre Freiheit und ihr Heidentum. +Missionsversuche, auch der des Bonifatius, hatten nichts gefruchtet. +Karls des Grossen Sachsenkriege von 772 bis 804 fügten das Sachsenvolk +dem Reichsverbande ein. Mit strengen Gesetzen wurde die Kirchenordnung +befestigt und das Heidentum bekämpft. Um 800 waren somit die +westgermanischen Stämme dem Christentum unterworfen, das Heidentum war +als öffentlicher, staatlicher Glaube gebrochen und fristete nur noch +im Volksaberglauben ein elendes Dasein. Mit dem Untergang der freien +heidnischen Sachsen war auch die letzte Widerstandskraft der Friesen +vollends dahin. + +Unter Ludwig dem Frommen wurde die Bekehrung des Nordens in Angriff +genommen. Das Erzbistum Hamburg ward 831 errichtet und dem Anskar, dem +Apostel des Nordens, verliehen. Anskar und nach seinem 865 erfolgten +Tode Rimbert verbreiteten das Christentum nach Schleswig und Jütland, +ja sogar in einigen Küstenplätzen Schwedens. Aber im 10. Jahrhundert +ging die Bekehrung Dänemarks und Schwedens wieder stark zurück. Erst +als die Monarchie in Dänemark erstarkt war und König Svein (995-1014) +England eroberte, König Knut (1014-1035) die Herrschaft dort zu +behaupten wusste, trat ein entschiedener und dauernder Umschwung zu +Gunsten des Christentums ein. Denn ein rein christliches Reich war mit +Dänemark vereinigt worden. Schon die Staatsklugheit erforderte, das +Christentum in Dänemark zur ausschliessliehen Herrschaft zu bringen. +König Knut suchte das Ideal eines christlichen Herrschers, wie solches +die Kirche aufstellte, in sich zu verwirklichen. Die englische und die +deutsche Kirche wetteiferten mit einander, in Dänemark die Mission +vollends durchzuführen und das Heidentum auszurotten. Die Schweden +sind am Ende des 10. Jahrhunderts noch entschieden Heiden. Noch in der +ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grosse Masse des Volkes +heidnisch, nur wenige Christen waren vorhanden. Einzelne Könige waren +der neuen Lehre geneigt, wodurch der Mission Vorschub geleistet wurde. +Die Lage des Landes brachte es mit sich, dass länger als in Norwegen +und Dänemark, teilweise bis ins 13. Jahrhundert herab das Heidentum +Bestand hatte. Leider fehlen aber genaue und ausführliche Nachrichten +vom schwedischen Heidentum. + +Um so reichlicher fliessen die Quellen für Norwegen und Island. Im +9. Jahrhundert hatten sich viele Norweger in England und Irland +angesiedelt und freiwillig das Christentum angenommen. Der Übertritt +war meistens wol ein äusserlicher, um unbehindert mit der christlichen +Bevölkerung verkehren zu können. Aufgabe des Heidentums war nicht +notwendig. Viele waren Christen unter Christen, Heiden unter Heiden, +manche verleugneten überhaupt jeden religiösen Glauben, sowol den +neuen wie den alten, und verliessen sich nur noch auf sich selber. +Wenn bei solchen Leuten heidnische und christliche Vorstellungen +sich vermischen, wenn sie ihre Mythologie nur als Dichtung, nicht +als Gegenstand gläubiger Verehrung betrachten, kann das nicht Wunder +nehmen. Die Eindrücke, welche die Wikinger in der Fremde empfingen, +wirkten auch aufs Heimatland zurück, aber äusserten sich natürlich +am meisten im geistigen Leben derer, die ständig draussen blieben. +Im Jahre 872 hatte König Harald Hárfagri im Hafrsfjord gesiegt und +die Alleinherrschaft in Norwegen aufgerichtet. Viele Edle und freie +Bauern, die sich in den neuen Verhältnissen nicht zurecht finden +konnten, verliessen Norwegen und suchten auf den britischen Inseln und +auf Island, das kurz zuvor erst von Wikingern entdeckt worden war, +eine neue Heimat. Binnen kurzem erhielt Island seine Bevölkerung, +die teils aus unmittelbar hinüber gefahrenen Norwegern, teils aus +Leuten, die eine Zeit lang auf den britischen Inseln gewohnt hatten, +bestand. König Harald suchte nemlich auch die nordischen Bewohner +jener Inseln sich zu unterwerfen und wagte kriegerische Seezüge gegen +sie. Darum suchten viele auf dem fernen Island sichere Zuflucht +gegen die Übergriffe des norwegischen Königs und fanden sie auch für +Jahrhunderte. Unter den isländischen Ansiedlern waren auch einzelne +Christen, Nordleute, die in England oder Irland den Glauben gewechselt +hatten. Aber sie verschwanden bald unter der überwiegenden Masse +der Heiden. In Norwegen setzte die Bekehrung ein, welche, einmal im +Stammlande siegreich, auch die Neusiedelungen dem Kreuze beugte. Hakon +der Gute, ein Sohn Haralds, der von ca. 935-961 regierte, war in +England erzogen und getauft worden. Er war ein überzeugter Christ und +suchte sein Land zu bekehren. Aber der Erfolg blieb ihm versagt. Olaf +Tryggwason, der 993 ebenfalls in England getauft worden war, zwang +Norwegen von 995 an zum Christentum. Er bekämpfte das Heidentum mit +aller Macht, und mancher tapfere Held büsste seine Treue an den alten +Göttern mit dem Leben. Als Olaf im Jahr 1000 den Tod fand, erfolgte +alsbald ein Rückfall ins Heidentum. Aber Olaf Haraldsson (1014-1031), +nach seinem Fall heilig gesprochen, nahm die Arbeit von neuem auf +und setzte das Christentum mit rücksichtsloser Strenge durch. Die +Isländer, welche seit 981 von mehreren Sendboten heimgesucht worden +waren, entschlossen sich am Allding des Jahres 1000 zur Annahme des +Christentums als Staatsreligion. Die heidnische und christliche +Partei war nahe daran, in offenen Kampf einzutreten. Da gelang es der +Weisheit des Gesetzsprechers Thorgeir, das drohende Unheil abzuwenden, +indem er, um die Einheit des Freistaates und die Unabhängigkeit des +Volkes zu retten, lieber den Heidenglauben dran gab. Eine Trennung +hätte sicherlich Islands Selbständigkeit gefährdet, der norwegischen +Krone willkommenen Anlass gegeben, in die isländischen Verhältnisse +einzugreifen. So ging Islands Übertritt zum Christentum ohne jede +Gewaltthat vor sich, auf kühle Erwägung und kluge Entschliessung der +Führer im Volke. Das Heidentum wurde abgeschafft, aber nicht grausam +verfolgt. Erst viel später mit dem Erstarken der kirchlichen Zucht +machen sich strengere Verbote gegen heidnischen Brauch geltend. Die +nordische Mythologie, die mit der Skaldenkunst aufs innigste verknüpft +war, wurde vom Glaubenswechsel wenig berührt. Nach wie vor fand sie +Pflege. Überhaupt hat die Überlieferung der Heidenzeit durch die +Bekehrung auf Island nicht Not gelitten. Die Annahme des Christentums +hatte keine Verachtung und Feindschaft gegen die alten Sagen im +Gefolge. So konnten noch im 12./13. Jahrhundert genug heidnische Lieder +des 10. Jahrhunderts und Erzählungen aus der Heidenzeit gesammelt, +aufgeschrieben und litterarisch bearbeitet werden. + +Die Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum geschah nicht +überall nach denselben Grundsätzen. Wo sich gar noch Eroberungs- und +Unterwerfungsgelüste hinzugesellten, wie bei den Franken gegen Sachsen +und Friesen, wurde alles, was den alten Göttern und deren Dienst +angehörte, mit Feuer und Schwert ausgerottet. Besser stand es dort, +wo die Bekehrung ohne politische Zugabe nur durch die Glaubensboten +stattfand. Diese mussten sich zu milderem Vorgehen bequemen, durften +nicht allzu schroff auftreten und mussten nach einer Bekehrung von +innen heraus trachten. Das war für die Erhaltung alter Bräuche +günstiger. Die berühmte Weisung Gregors an Augustinus, den Bekehrer der +Angelsachsen, zeugt dafür, wie weit die Duldung gehen konnte. Statt +alles Alte zu vernichten und auf den Trümmern Neues zu bauen, zielt +die andre Lehre dahin, das Bestehende möglichst zu schonen und daran +anzuknüpfen. + +Von der Mitte des 4. Jahrhunderts, da die Westgoten Christen +wurden, bis gegen das Jahr 1000 währt die Bekehrungsgeschichte +der germanischen Völker. Sehr verschiedenartig gestaltet sich der +Kampf des neuen und alten Glaubens, sehr verschiedenartig aber sind +wir auch davon unterrichtet. Meist stehen uns nur mangelhafte, +feindselige Schilderungen zu Gebot, aus denen nur schwer ein +einigermaassen zusammenhängendes Bild zu gewinnen ist. Wir vernehmen +mehr von Kultbräuchen und vom Glauben als von Sagen. Eher eine +Religionsgeschichte als eine Mythologie ist daraus zu gewinnen. Umso +wertvoller sind die unvergleichlichen nordischen Denkmäler, die in +heimischer Sprache und heimischer Gesinnung abgefasst unmittelbar +das nordische Heidentum uns erstehen lassen. Aber alle Anerkennung, +alle Freude an diesem Horte erhabener Poesie darf nicht zu +ungerechtfertigter Verwendung verführen. + + +2. Die Quellen der germanischen Mythologie. + +Die Quellen germanischer Religion und Mythologie[18] bestehen aus +_mittelbaren Zeugnissen_ und aus _unmittelbarer Überlieferung_. Sie +reichen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, insofern auch aus +dem heutigen Volksglauben manches für den der heidnischen Zeit zu +lernen ist. Aber von grösster Wichtigkeit sind doch die Quellen der +heidnischen Zeit selber, nur dass wir für die Westgermanen leider +fast immer aus zweiter Hand schöpfen. Die Zeugnisse der römischen +Schriftsteller entbehren der Genauigkeit. Auch stört die oberflächliche +interpretatio romana, welche auf Äusserlichkeiten hin eine römische +Gottheit an Stelle der germanischen nennt. Der Berichterstatter +entgeht dabei kaum der Versuchung, die ihm geläufigen Vorstellungen +auf die völlig verschiedenen germanischen Verhältnisse zu übertragen. +Beobachter, die einem fremden Volke angehören, sind ausser Stand, +objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten. Was sie wissen, +hängt von allerlei äussern Zufälligkeiten ab. Ebenso schlechte +Gewährsleute aber sind die späteren christlichen Schriftsteller, die +dem Heidentum feindselig gegenüberstehen, denen alles Verständniss +abgeht und die gerne absichtlich verschweigen. Da wir aber fast allein +auf solche Zeugen angewiesen sind, denen der Geist germanischer +Religion und Mythologie durchaus fremd und unverständlich ist, die es +nicht einmal mit Angabe der Thatsachen genau nehmen, so ist unsere +Kenntniss leider sehr beschränkt und unzuverlässig. Stets muss man +auf genaue Prüfung der einzelnen Zeugen bedacht sein, um darnach die +ihren Mitteilungen zu Grunde liegenden wirklichen Thatsachen möglichst +unverfälscht heraus zu schälen. Solche Kritik ist übrigens ebenso der +unmittelbaren Überlieferung gegenüber von Nöten, besonders wenn es sich +um Verallgemeinerung handelt. + + +3. Deutsch-englische Quellen. + +Von antiken Autoren äussern sich über die germanische Religion +Caesar+ +(_Bell. gall._ 6, 21), +Plutarch+ (_Vita Caesaris_ c. 19), +Appian+ +(_Roman. hist._ 1, 4, 3), +Strabo+ (_Geographicorum_ lib. 7, 2), ++Plinius+ (in den verlorenen _Bellis Germaniae_), +Tacitus+ (_Germ._ +9, 39, 40, 43; _Ann._ I, 51; II, 12; XIII, 55, 57; _Hist._ IV, 14, 22, +61, 65, 73; V, 22 ff.), +Sueton+ (_Vitellius_ c. 14, _Domitian_ c. 16), ++Sozomenus+ (_Hist. eccl._ 6, 37), +Claudianus+ (_Consul. Stilichonis_ +1, 288; _Bell. get._ 528, 542), +Orosius+ (_Hist._ 5, 16), +Ammianus +Marcellinus+ (_Hist._ 14, 9; 25, 5, 17), +Agathias+ (2, 6; 28, 5), ++Procopius+ (_Bell. got._ 2, 4 ff.; 15, 25). + +Aus der heidnischen Zeit, da die Germanen im Verkehr mit den Römern +standen, bieten sich auch einige wenige unmittelbare Denkmäler. +Germanische Söldner im römischen Heerdienst ahmten die Sitte der +_Weihsteine mit Inschriften_ ihren römischen Kameraden nach. Sie +errichteten ihren heimischen Göttern Altäre, oft sogar mit Bildern +geschmückt. Meist wurde die interpretatio romana angewandt, aber durch +Zusatz eines germanischen Beiwortes die deutsche Gottheit bezeichnet +z. B. Mars Thingsus, Hercules Magusanus; manchmal stand der deutsche +Name allein, wobei aber die Skulptur die interpretatio romana zum +Ausdruck bringen konnte, z. B. Nehalennia (mit Isisbildern), Hludana, +Deus Requalivahanus. Die Altäre sind bis zum letzten Meisselstich +römische Arbeit, die Bilder gehören dem Gedankenkreise der römischen +Mythologie an. Man darf sie nicht auf germanische Mythen auslegen. Der +Gewinn, den uns die germanischen Weihaltäre gewähren, ist sehr gering. +Die Schlussfolgerungen sind ganz unsicher, mehr nur ein glückliches +Raten. Denn der einzige Anhaltspunkt bleibt stets das mutmaassliche +germanische Wort. Aber dessen Sinn ist allein mit Hilfe der +Etymologie zu bestimmen, und wenn auch die Etymologie mit annähernder +Sicherheit erschlossen ist, so bleiben doch immer noch viele Zweifel, +welche Bedeutung der Name oder Beiname für die Mythologie hat. So +ist allerdings im Hercules Magusanus der starke Donar unschwer +erkennbar, aber die Formel Mars Thingsus bleibt unerklärt, obschon +die Etymologie von Thingsus keine Schwierigkeit macht. Nehalennia, +Hludana, Requalivahanus lassen mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit die +widersprechendsten Auslegungen zu. + +In lateinischer Sprache von christlichen Verfassern geschriebene +Werke kommen fürs spätere Heidentum der Westgermanen in Betracht. +Obenan stehen die _Lebensbeschreibungen der Bekehrer_, worin häufig +auf das besiegte Heidentum eingegangen wird. Die _Vita Columbani_ und +die _Vita St. Galli_ wissen Einiges von den heidnischen Bräuchen der +Alemannen. Die _Vita Bonifatii_ und die _Bonifatiusbriefe_ geben über +Mitteldeutschland und Friesland Aufschluss. Von Friesland erzählen die +_Vita Liudgeri_ und die _Vita Willehadi_. Die heidnischen Zustände +der nordischen Völker berührt mehrfach die _Vita Anskarii_. Über +die Skandinavier berichtet _Adam von Bremen_. Die angelsächsische +Bekehrung schildert des Bäda _Historia ecclesiastica_. Reichhaltig, +da sie fortwährend Heidnisches bekämpfen, sind die _kirchlichen +Gesetze, Bussordnungen, Concilsbeschlüsse, Papstbriefe, Predigten, +Taufgelöbnisse_ u. drgl. Sie sind zwar oft nach einem allgemeinen +Schema entworfen und dürfen nicht in allen Einzelheiten fürs +germanische Heidentum in Anspruch genommen werden. Aber sie sind +andererseits auch häufig gerade im Hinblick auf ein bestimmtes Land +und mit Einfügung der landesüblichen Ausdrücke abgefasst. So die +_Sächsische Abschwörungsformel_, die Wodan, Donar und Saxnot nennt, +und das alte Verzeichniss sächsischen Aberglaubens (_Indiculus +superstitionum et paganiarum_), welche aus der Zeit der Sachsenmission +stammen. Hefeles _Konciliengeschichte_, Wasserschlebens _Bussordnungen +der abendländischen Kirche_, Cruels _Geschichte der deutschen Predigt_ +gewähren einen guten Überblick über das, was aus solchen Akten für die +Mythologie zu lernen ist. + +Die _Geschichtschreiber der germanischen Stämme_ kommen, wo sie von +der Urzeit berichten, häufig auf Mythen zu sprechen; so Jordanes in +der _gotischen Geschichte_, Gregor von Tours in der _fränkischen_, +Paulus Diaconus in der _langobardischen_, Bäda in der _englischen_, +Widukind in der _sächsischen_, Dietmar von Merseburg in seiner +_Chronik_ und andere mehr. Am ergiebigsten sind auch hier die +_nordischen Geschichtsquellen_. Wie die kirchlichen, so haben auch die +_weltlichen Rechtsquellen_ oft Veranlassung, heidnische Zustände zu +erwähnen. So Karls des Grossen _Capitulatio de partibus Saxoniae_ und +viele _angelsächsische Gesetze_. Viele _Orts- und Personennamen_ sind +mit mythischen Bestandteilen gebildet, z. B. mit Wodan, Donar, Fro, +Ans, Alb u. ä. zusammengesetzt, und verstatten dadurch einen Schluss +auf den Vorstellungskreis, dem sie entstammen. _Wochentagsnamen_ und +_Pflanzennamen_ gehören ebenfalls hierher. Die _ältere Sprache_, die +namentlich in den ahd. Glossen uns aufbewahrt ist, in Einzelheiten +auch die Sprache der erst in der christlichen Zeit abgefassten +epischen Gedichte, z. B. der altsächsische Heliand und die zahlreichen +angelsächsischen Stabreimgedichte, enthalten viele Ausdrücke aus +dem Heidentum. Manche Vorstellungen, z. B. die der Schicksalsfrau +Wurd, Bezeichnungen von Göttern und Geistern, viele Thatsachen des +Götterdienstes, des Priester-, Opfer- und Tempelwesens werden mit +Hilfe der Sprache als gemeingermanisch erwiesen. In den ältesten, +dem Heidentum zunächst stehenden Denkmälern halten sich viele uralte +Ausdrücke, deren echter heidnischer Begriff so gut als möglich ins +Christliche umgesetzt ist, die später grossenteils verschwanden. + +Die unmittelbare Überlieferung in deutscher Sprache ist sehr dürftig +und auch nicht vollkommen verständlich. Die _Runeninschrift auf der +Nordendorfer Spange_ ruft Wodan und Donar zu irgend einer Weihhandlung +an. Am meisten bieten immerhin die Zaubersprüche, in Deutschland die +beiden berühmten _Merseburger Sprüche_, in denen Götter und Göttinnen +genannt sind, ferner einige jüngere Sagen, in welchen heidnische und +christliche Bestandteile durch einander laufen[19]. Aus England bieten +sich mehrere ebenso wertvolle _Zauberformeln_ dar, die auf Woden, die +Erdgöttin und die Kampfjungfrauen Bezug nehmen. Die Auslegung dieser +rein heidnischen oder christlich-heidnischen Segen ist aber in vielen +Einzelheiten sehr unsicher. Lachmann, Müllenhoff, E.H. Meyer und +andere suchen die Heldensage in grösserem Umfang für die Göttersage +zu verwerten. Aber noch ist keine allseitig befriedigende Lösung der +Frage gefunden, wieviel und was die Mythologie, d. h. die Geschichte +der Göttersage und des Heidenglaubens, aus der Heldensage für sich in +Anspruch nehmen darf. + +_Volkssage und Volksaberglaube des Mittelalters und der Neuzeit_ +bilden eine wichtige Quelle für die Mythologie. Ihre Verwertung ist +aber mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Zunächst muss das +Verhältniss zwischen höherer und niederer Mythologie richtig gestellt +werden. Hierauf muss die Volksüberlieferung für sich allein auf +ihre Verwendbarkeit sorgsam geprüft werden. Vieles, was wir nur aus +Volkssagen der Gegenwart wissen, _kann_ bereits germanisch-heidnisch +gewesen sein, aber nicht alles _muss_ aus der Urzeit herstammen. Die +Volksüberlieferung ist in ständigem Flusse begriffen, Neubildungen +und Entlehnungen sind an der Tagesordnung. Unsre nächste Aufgabe +geht dahin, zu bestimmen, welche niedere Mythologie im Heidentum +neben der höheren herlief. Sofern sie mit der altheidnischen in +den Grundzügen übereinstimmt, muss die spätere Volkssage ergänzend +herangezogen werden. Um festzustellen, wieviel alt und heidnisch +ist, dient wieder an erster Stelle die Sprache, welche lehrt, ob ein +Begriff gemeingermanisch ist. Ferner ist Gewicht darauf zu legen, +eine Sage oder Vorstellung in möglichst alten Quellen nachzuweisen. +Je näher die Überlieferung der heidnischen Zeit gerückt wird, desto +grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits im Heidentum +vorhanden war. Besonders wertvoll sind die Parallelen, welche sich +aus den altnordischen Quellen in reicher Fülle ergeben. Viele Sagen +erscheinen überhaupt mit dem nordischen Götterglauben gleichzeitig. +Begegnen sie, selbst in jüngerer Fassung, in Deutschland und England +wieder, so ist die Annahme gemeinsamer Herkunft aus dem Heidentum +erlaubt, zumal wenn die Sprache den Grundbegriff als urgermanisch +erweist. Gleichheit von Märchen und eigenartigen Sagen deutet zwar auf +Wanderung und Entlehnung, aber anders ist die Übereinstimmung typischer +und abergläubischer Vorstellungen wie der Seelengeister, Maren, Elbe +und Riesen zu beurteilen. Ältere Sammlungen zur Volkskunde sind des +Gervasius von Tilbury _otia imperialia_ um 1211, des Caesarius von +Heisterbach († 1240) _dialogus miraculorum_, des Hans Vintler _Blumen +der Tugend_[20] um 1411, die _Zimmerische Chronik_ 1566, die Werke des +Prätorius im 17. Jahrhundert, die _gestriegelte Rockenphilosophie_ +1706. Die methodische Sammlung aus den älteren Aufzeichnungen und aus +der mündlichen Überlieferung der Gegenwart unternahmen die Brüder +Grimm in den _Kinder- und Hausmärchen_ 1812-14, in den _deutschen +Sagen_ 1816-18, J. Grimm im _Aberglauben_ (in der ersten Ausgabe der +Mythologie 1835; wiederholt im 3. Bande 1878 S. 401-508). An dem +in diesen Arbeiten gegebenen unübertrefflichen Muster erstand die +wissenschaftliche Sammlung und Sichtung der Volksüberlieferung, eine +Aufgabe, die jetzt von Vereinen besorgt wird[21]. + + +4. Nordische Quellen.[22] + +Der Wert der nordischen Überlieferung beruht vor allem darauf, dass +sie unmittelbar in heimischer Form geboten wird. Zwei Hauptströmungen +sind zu unterscheiden: die Nachrichten der Skalden, die teilweise dem +ausgehenden 9. und dem 10. Jahrhundert angehören, obschon sie erst am +Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert zur Niederschrift +kamen, und die Nachrichten der in Prosa verfassten Geschichtsquellen, +der _Sögur_. Aus letzteren gewinnen wir ein Bild des _Glaubens_, bei +den Skalden erfahren wir die _Sagen_. Religion und Mythologie sind aber +teilweise verschieden, die nordische Mythologie in ihrer Gesamtheit ist +nicht unmittelbar aus dem lebendigen Kult und Glauben des norwegischen +Volkes hervorgegangen. Die nordische Mythologie, die im Kreise der +Skalden, der höfischen Kunstdichter, entstand, enthält mehr fremde +Bestandteile, stellt die aus Deutschland zugewanderte Gestalt Odins +in den Mittelpunkt, während die Religion des nordischen Volkes die +altheimischen Götter nicht zurückdrängen lässt, Fremdes eher ablehnt. +Der Gegensatz des abenteuernden Wikings und des sesshaften Mannes, +des Edelings und des Bauern gelangt in der nordischen Mythologie und +Religion zum Ausdruck. + +Von den Skalden sind diejenigen am wichtigsten, welche noch dem +Heidentum angehören. Zur Kunstdichtung sind auch die sog. _Eddalieder_ +zu zählen, die allerdings einfachere Formen anwenden, aber aus dem +Anschauungskreise der Skalden nicht heraustreten, jedenfalls nicht als +blosse Volksdichtung betrachtet werden dürfen. Die Skaldengedichte sind +in doppelter Weise für die nordische Mythologie von Belang, ihrer Form +und ihres Inhalts willen. Das eigentliche Thema der Skaldengesänge +ist Fürstenlob, aber das Hauptgewicht fällt neben allerlei metrischen +Künsteleien auf die sprachliche Einkleidung. Der Skald gefällt sich in +der Umschreibung einfacher Begriffe, im Ungewöhnlichen. Synonymik ist +sehr beliebt, Odin wird lieber mit einem seiner Beinamen genannt als +mit seinem gewöhnlichen Namen. Daher sind die Skalden auf möglichst +reichhaltige Sammlung von synonymen Ausdrücken, bei den Göttern auf +vollständige Verzeichnisse aller ihrer Beinamen bedacht. Solche +Beinamen entstammen aber besondern Eigenschaften oder Handlungen der +Götter. Ferner befleissigen sich die Skalden verwickelter Bilder und +Umschreibungen, die mit Vorliebe aus der Götter- und Heldensage geholt +sind. Die Auflösung der _„kenning“_, d. h. der Umschreibung, in die zu +Grunde liegende Sagenvorstellung ist oft sehr schwierig. Jedenfalls +setzt eine solche Verwendung der Göttersage, dass jede Anspielung +sofort verstanden wird, deren genaue Kenntniss bei Dichter und Zuhörer +voraus; um 900 muss die nordische Mythologie in den Kreisen, für welche +die Skalden dichteten, mit allen ihren Feinheiten ganz geläufig gewesen +sein. Endlich haben die Skalden auch geradewegs Mythen dargestellt, +berühren sich also auch im Inhalt unmittelbar mit den sog. Eddaliedern. +Ohne diese aber und ohne Snorri wäre uns die nordische Mythologie +nur mangelhaft bekannt. Denn die dunkeln Anspielungen der Skalden +versteht nur der, welcher in der Mythologie bereits bewandert ist. Um +1240, nach andern schon am Ende des 12. Jahrhunderts, veranstaltete +ein Isländer eine _Sammlung von Götter- und Heldenliedern_[23], +worin alles Aufnahme fand, dessen er habhaft werden konnte. Gedichte +der gleichen Art sind auch sonst vereinzelt auf uns gekommen, ein +Beweis, dass im 12./13. Jahrhundert auf Island noch eine grosse Anzahl +von solchen Gedichten vorhanden war, dass jene Sammlung keineswegs +erschöpfend war. Eine Pergamenthandschrift der Sammlung entdeckte 1643 +der isländische Bischof +Brynjolf Sveinsson+; sie wird jetzt auf der +kgl. Bibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt und bildet die Hauptquelle +unsres mythologischen Wissens. Brynjolf gab einer Abschrift, die er +vom Codex nehmen liess, ohne jede Gewähr als reine Vermutung den Titel +_Edda_ und schrieb sie dem 1133 verstorbenen isländischen Gelehrten +_Saemund_ zu. Als _„Saemunds Edda“_ wurde eine Sammlung bezeichnet, +die lange nach Saemunds Tod erst zu Stande gekommen war, ein Titel +wurde ihr beigelegt, den sie nie geführt hat. Aber Brynjolfs irrige +Meinung erfreute sich lange Zeit allgemeiner Anerkennung und rief +allerlei neue Irrtümer hervor. Man machte sich Gedanken über Saemunds +Anteil, galt er doch zuweilen sogar als Verfasser. Brynjolfs Hypothese +hat nicht zum wenigsten verschuldet, dass man so lange über die +Bedeutung und die wirkliche Beschaffenheit der Sammlung im Unklaren +blieb. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr über die Ungehörigkeit +der Bezeichnung _„Saemunds Edda“_. Nur in veralteten Lehrbüchern und +in oberflächlichen populären Schriften wird sie angewandt. Von den +Liedern der Sammlung ist jedes für sich allein auf Alter und Herkunft +zu prüfen, sie bilden keinerlei Einheit. Zwar erheben sich alle +Götterlieder auf der gemeinsamen Grundlage der nordischen Mythologie, +im wesentlichen derselben, die hinter den Skaldengedichten steht. Aber +sonst zeigt sich kein engerer Zusammenhang. Nach neuester Schätzung +reicht kein Götterlied über 875 hinauf, die Mehrzahl gehört erst +dem 10. Jahrhundert, also dem letzten heidnischen an. Man kann eine +Anzahl von Odinsliedern neben Thors- und Freysliedern erkennen. Zu den +Odinsliedern zählt die Vǫlospǫ́, die den Anfang der Welt, die letzten +Schicksale der Götter, die Erneuerung der Welt enthält. Im Lied von +Baldrs Träumen erkundet Odin die Zukunft von der Seherin, die er aus +dem Todesschlafe weckt. Das Grimnirlied, das Wafthrudnirlied, die +Hǫ́vamǫ́l zeigen Odin im Besitz aller Weisheit. Die Thorslieder führen +uns den starken Gott im Kampf mit Riesen (Lied von Thrym, von Hymir), +in der Wissenswette mit dem unholden Zwerg Alwis vor. Das Harbardslied +lässt den Gegensatz des Thors- und Odinsglaubens hervortreten. Vom +Himmelsgott, wie er um die schöne Gerd werben lässt, berichtet das +Skirnirlied. In der Rigsþula erscheint der Gott unter dem Namen Rig +als Erzeuger der menschlichen Stände. In der Lokasenna tritt der +schmähsüchtige Loki mit argen Vorwürfen den Asen gegenüber, bis ihn +Thor verstummen macht. So bietet uns die Sammlung schöne und lebendige +Schildereien der Asenwelt, wir erblicken die einzelnen Göttergestalten +in voller Thätigkeit, in allen erdenklichen Beziehungen. + +Unsre Kenntniss der nordischen Mythologie beruht somit auf der +Liedersammlung, auf den Anspielungen der Skalden, welche den Inhalt +der erzählenden Götterlieder teils bestätigen, teils auch ergänzen +und erweitern. Sie wird aber noch besonders befestigt und vermehrt +durch des isländischen Staatsmannes, Geschichtschreibers und Skalden ++Snorri Sturluson+ (1178-1241) Arbeiten. Snorri schrieb um 1230 eine +_„Edda“_, d. h. Poetik. Von Snorris Werk, das diesen Titel mit Recht +führt, übertrug ihn Brynjolf irrig auf die Sammlung von Liedern, +weil zwischen beiden Werken allerdings Beziehungen bestehen, die +aber natürlich mit dem Titel gar nichts zu schaffen haben. Snorri +verfasste ein skaldisches Lehrbuch, worin er auf Grund ausgebreiteter +Kenntniss der älteren Skaldengedichte die Regeln der Skaldenkunst +erörterte. Die Mythologie ist aber dem Skalden zunächst nötig. Daher +entwirft Snorri einen leicht fasslichen, fliessend geschriebenen +Abriss der nordischen Göttersage, die der Skald beherrschen muss. +Er schöpft dabei aus denselben Liedern, die uns in der Sammlung +(in _„Saemunds Edda“_) erhalten sind, und führt zum Belege seiner +Erzählungen einzelne Strophen daraus an. Er schöpft aber auch +unmittelbar aus Skaldengedichten, deren mythische Unterlage er in +kurzen Zügen uns wiederherstellt. Endlich waren ihm manche Quellen +zugänglich, die wir nicht mehr besitzen. Snorris Edda ist also ein +nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel der mythologischen Forschung. +Aber man darf sie auch nicht überschätzen. Snorri stellt die nordische +Mythologie nach seinem eignen Ermessen, nach seiner eignen gelehrten +Auffassung dar. Wenn möglich müssen wir auf die Urquellen selber +zurückgreifen, nicht unbedingt auf Snorri uns verlassen. Schon dadurch +ergibt sich manche Berichtigung. Snorri hat einiges missverstanden, +einiges zugefügt. Er schildert die Göttersage im erhabenen Rahmen +der Weltschöpfung und des Weltbrandes, über denen der ewige Allvater +steht. Darin folgt er gewiss den Anschauungen der Skalden des 10. +Jahrhunderts, wenn er auch noch einige neue christliche Gedanken +einfügte. Nie darf ausser Acht bleiben, dass die nordische Mythologie +der Snorra Edda die systematische Bearbeitung eines isländischen +Gelehrten des 13. Jahrhunderts ist, die mit der Mythologie der +Skalden des 10. Jahrhunderts nicht in allen Stücken für gleichwertig +genommen, die unter keinen Umständen in eine germanische Mythologie +zurückgetragen werden darf. + +Neben den Skaldengedichten gewähren die _Sögur_, besonders die +Geschichtsquellen, reiche Belehrung über Religion und Mythologie. Die +Geschichte der Besiedelung Islands liegt vor in Aris _Íslendingabók_ +(verfasst um 1134) und in der _Landnámabók_. Darin ist häufig +vom Glauben und Kult der Ansiedler Islands die Rede, Thors- und +Freysdienst stehen obenan, Odin wird kaum erwähnt. Ebenso schildern +die isländischen _Familiensögur_, die im 9./10. Jahrhundert spielen, +viele heidnische Bräuche. Diese Sagen sind allerdings erst im 13. +Jahrhundert in litterarische feste Form gebracht worden, manches mag +auf Rechnung der Sagaschreiber kommen. Aber zu Grunde liegt eine alte +mündliche Überlieferung, die in gewissen Kunstformen seit dem Heidentum +jene Geschichten bewahrt hatte. Darum verdienen die Nachrichten, +welche uns die Sögur vom 10. Jahrhundert geben, in der Hauptsache +Glauben. Die _norwegische Königsgeschichte_ wurde im 13. Jahrhundert +ebenso zu schönen Prosadarstellungen verarbeitet auf Grund von alten +Skaldengedichten, die meistens als Beleg auch mitgeteilt werden, +und aus mündlicher Überlieferung. Snorris _Heimskringla_ ist das +bedeutendste Werk. Die Geschichte der heidnischen Könige, namentlich +aber die der beiden Bekehrer Olaf Tryggwason und Olaf Haraldsson gibt +genugsam Anlass, heidnischen Glauben und heidnische Sage zu schildern. +In den Königssagen, soweit sie auf Skaldenliedern beruhen, tritt auch +Odin hervor; am Königshofe ward ja von Odin gesungen und gesagt. Jedoch +im norwegischen Volke selber zeigt sich auch hier Thorsdienst als +eigentlicher Feind des Christentums. Den Thorsdienst der norwegischen +Bauern müssen die Bekehrer mit weit stärkeren Mitteln bekämpfen, +als die Odindichtung der Skalden. Die _nordischen Rechtsquellen_ +befassen sich mehrfach mit dem Heidenglauben, aber mehr mit dem +niedern Volksglauben, wie es auch die südgermanischen Gesetze thun. +Im Heidentum war mit besondern Satzungen auf den Schutz des Glaubens +Bezug genommen, in der christlichen Zeit eifern die Gesetze gegen +Überbleibsel heidnischer Bräuche. + +Endlich gibt es auch rein mythische Sagen wie z. B. die _Ynglingasaga_, +die _Volsungasaga_, worin wie in den Skaldengedichten Götter- und +Heldensage unmittelbar behandelt sind. Mit solchen mythischen +Geschichten ist auch des Dänen +Saxo Grammaticus+ um 1200 verfasste +_historia danica_ erfüllt. Saxo schreibt in 16 Büchern eine bis 1187 +reichende Geschichte Dänemarks, die 9 ersten Bücher beruhen auf Sagen, +zum Teil auf nordischer Göttersage. Saxo schreibt einen schwülstigen +Stil und hat sich der Überlieferung gegenüber manche Freiheit erlaubt. +Aber trotzdem sind seine Nachrichten für einige mythologische Dinge von +grossem Wert. Saxo schöpfte aus dänischer und norwegisch-isländischer +Sage, öfters beide mit einander vermischend[24]. Wie Snorri huldigt +auch Saxo dem Euhemerismus, die Götter sind als Menschen aufgefasst. +Soweit Saxo mit nordischer Göttersage sich beschäftigt, stützt er sich +vorwiegend auf isländisch-norwegische Quellen. Darum stimmen seine +Mitteilungen wesentlich zu denen der nordischen Skaldengedichte und +Sögur, nur selten begegnen selbständige Züge dänischer Herkunft. + +Auch aus dem späteren Mittelalter und aus der Neuzeit bietet sich +im Norden reiche Überlieferung dar. Wir haben einen grossen Schatz +nordischer Volkslieder und isländischer Reimereien, in denen die +Gestalten des Aberglaubens, Trolle, Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen und +Meerweiber ihr Wesen treiben. Die eigentliche Göttersage wird selten +und unselbständig in diesen Poesien behandelt. Zwar erscheint die +_þrymskviþa_ sowol als isländische Reimerei in den _þrymlur_, als auch +als norwegisch-dänische Volksweise _„Tord af Hafsgaard“_; Thors Fahrt +nach Utgard behandeln die _Lokarímur_. Im färöischen _Lokkatáttur_ +finden wir Odin, Hönir und Loki in ein Märchen verflochten. Aber es +handelt sich hier stets um ein künstliches litterarisch vermitteltes +Fortleben der Heidengötter. An Volkssagen, die im 19. Jahrhundert +gesammelt wurden, gewährten die nordischen Länder höchst ergiebige +Ausbeute[25]. + + + + +ERSTES HAUPTSTÜCK. + + + + +Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie). + + +1. Der Geisterglaube und seine nächsten Ursachen. + +Volksaberglaube und Volkssage verhalten sich ähnlich wie Götterglaube +und Göttersage. Aus allgemeinen weitverbreiteten Grundtypen erwachsen +örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich +bei aller Abweichung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen. Wo +Geschichten mit verwickelter Handlung und merkwürdigen Einzelheiten +an getrennten Orten auftauchen, ist Entlehnung und Wanderung mehr +wahrscheinlich als selbständige unabhängige Entstehung. Der Volksglaube +scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des menschlichen Gemütes +zu entstehen. Wol beruht auch er auf einer Anzahl überlieferter +Thatsachen, er vererbt sich mündlich in den Geschlechtern und vermehrt +sich somit allmälig ungeheuer. Aber er wird gewissermaassen mit jedem +Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der die Urbilder +entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähnlicher Art. Der +Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er formt sich immer neu. +Die Volkssage der heidnischen Germanen ist nicht unmittelbar auf uns +gelangt. Zwar die nordischen Quellen bieten auch hier sehr vieles, in +Deutschland wird manches mittelbar durch gelegentliche Anspielungen und +durch das Vorhandensein der entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen +bezeugt. Jedoch der Volksglaube der Heidenzeit lebt vielfach im +Mittelalter und in der Neuzeit fort. Wie die einfachen Gebilde der +neueren Volkssage waren nach Ausweis der nordischen Denkmäler auch +die der altheidnischen beschaffen, so dass es wol erlaubt scheint, +zur Aufhellung verschwundener Zeiten die Gegenwart heranzuziehen. +Nur muss Vorsicht walten. Eine neue Volkssage kann nur als Vertreter +einer altheidnischen gelten, wenn der typische Volksglaube, dem sie +entstammt, auch fürs Heidentum wahrscheinlich ist. Damit ist nicht +gesagt, dass sie genau so, wie sie jetzt uns vorliegt, auch damals +lautete. Der heutige Volksglaube und noch weit mehr die Sage enthalten +neben uralten Typen aber auch unzählige Neubildungen, die erst im +Mittelalter und in der Neuzeit, häufig auch aus dem Verkehr mit andern +Völkern aufkamen. Altheidnischer Glaube kann dem Christentum angepasst +worden sein, viele Bräuche sind aber auch erst vom Christentum +veranlasst. Die Hauptaufgabe, Altes und Neues aus einander los zu +lösen, hat die Volkskunde noch kaum in Angriff genommen. Der Aberglaube +und die daraus entwickelte Sage sind überaus einfach in Form und +Gehalt, ohne besondere Wartung und Pflege entspringt der Glaube den +Vorgängen im Leben des Menschen und in der Naturumgebung. Die einfachen +Grundvorstellungen können sich mitunter verwickelter gestalten, jedoch +kaum ohne Einwirkung bewusst schaffender Kunstdichtung. Wenn man +eine wolgeordnete, vollständige Sagensammlung betrachtet, so treten +besonders vier Gruppen von übermenschlichen Wesen hervor, _Maren_, +_Seelen_, _Elbe und Riesen_, wovon die beiden ersten mit dem Menschen +in unmittelbarem Verkehre stehen, während die letztgenannten in der +Natur wirken. Weil Begriff und Benennung dieser Wesen gemeingermanisch +ist, weil sie in den nordischen Sagen des Heidentums ebenso weben und +leben wie in der deutschen und nordischen Überlieferung der Gegenwart, +so ist ihre Zugehörigkeit zum Bestand des heidnischen Volksglaubens +zweifellos. Die Anthropologie lehrt, dass sie überhaupt allgemein +menschlich sind. Soweit ihr Ursprung zu erklären ist, werden wir auch +auf allgemein menschliche Anlagen, die überall gleichmässig vorhanden +sind und gleichartig wirken müssen, hingeführt. + +Der Gespensterglauben drängt sich dem Menschen durch Wahrnehmungen +auf, die er an sich selber und an seinen Mitmenschen macht. Die +subjektiven Vorgänge des Traumschlafes, die objektiven des Todes wirken +zusammen zur Vorstellung eines geisterhaften Wesens, das plötzlich +aus der Unsichtbarkeit hervortritt und auf geheimnissvolle Weise +sich fühlbar macht. Im Schlafe erscheinen die Gestalten Lebender und +Toter, sie verkehren wie im wirklichen Dasein, nur häufig freier und +ungebundener. Besonders die Erscheinung längst Verstorbener erregt +und beunruhigt das Gemüt. Im Alptraum wird dem Schlafenden aber +unmittelbar die beängstigende Macht solcher Traumgestalten fühlbar. +Das Traumbild an sich hätte schwerlich den Glauben an die Wirklichkeit +des Erschauten hervorgerufen, wol aber der Alptraum, der die +geheimnissvolle Einwirkung übermenschlicher Wesen immer von Neuem dem +Bewusstsein aufdrängte.[26] Der Alpdruck ruft die verschiedenartigsten +Vorstellungen hervor, je nachdem der Schlafende von einem Tier oder +Menschen, der mitunter bekannte Züge anzunehmen pflegt, sich gequält +wähnt. Die bange Furcht steht an der Schwelle urmenschlichen Glaubens, +Kultes und Mythus. Die Druckgeister mit ihrer merkwürdigen Vielgestalt +schienen verwandlungsfähige schädigende Wesen, die jeder verspürt +hatte, von denen jeder zu erzählen wusste, deren objektive Wirklichkeit +der kindlichen Einbildungskraft zweifellos sein musste. Die Furcht +vor dem Alp legte den Gedanken an Maassregeln zu seiner Abwehr nahe, +aus dem Glauben an seine Macht entsprangen Bräuche, die ihn schadlos +machen sollten, also ein wesentlich auf Abwehr gerichteter Kult. Die +Alpsage aber erging sich in Schilderungen besonderer Traumerlebnisse, +wie dieser oder jener den Unhold gesehen, wie er sich seiner erwehrt +hatte. Auch musste die Sage seine Herkunft zu ergründen trachten. +Denn der Traum zeigte das Gespenst ja nur, wie es plötzlich über den +Schlafenden herfiel, ohne zu erklären, woher es kam und wohin es wieder +entschwand. Zur Erklärung boten sich von selber andere Wahrnehmungen. +Der Alp trug häufig bekannte Züge lebender oder toter Mitmenschen. +Diese selber in ihrer gewöhnlichen Gestalt konnten aber nicht den +Träumenden heimsuchen, und doch war auch die Erscheinung nicht von +ihnen völlig zu trennen. Der Traum ist nicht nur leidend, indem der +Schlafende die Besuche Andrer empfängt, sondern auch thätig, indem +der Schlafende auf wunderbare Weise im Augenblick die weitesten +Entfernungen zurücklegt. War einmal durch den Alptraum die Einbildung +aufgeregt, so mochte auch der gewöhnliche Traum zum Nachdenken Anlass +geben. In sich selber trug der Mensch ein Rätsel, die Fähigkeit, +zeitweilig im Schlafe die leiblichen Fesseln abzustreifen und los und +ledig frei umher zu schweifen. Endlich schien der Tod eine gewisse +Deutung zu gewähren. Aus dem toten Leib ist der belebende Hauch, der +Atem, die Seele entwichen. Der Leib zerfällt in Staub und Asche. +Kehrt ein Verstorbener, wie er leibte und lebte, wieder, so muss +es sein Geist sein, jene entwichene Seele, die beim Tode nicht zu +Grunde ging, die fort besteht und leiblich umgehen, erscheinen kann. +Der Tod belehrt den Menschen über den Unterschied zwischen Leib und +Seele. Dem Schlummernden mag die Seele für kurze Frist entschweben, +dem Toten entfloh sie für immer. Aber ihre wunderbaren Eigenschaften +sind dieselben, sobald sie einmal den Leib verlässt. Aus ähnlichem +Gedankengang haben die Naturvölker den Begriff der Seele als eines +geisterhaften Wesens entwickelt. Überall findet sich Seelen- und +Marenglaube. Eine strenge Scheidung zwischen Seelen und Maren lässt +sich nirgends durchführen. Aus demselben Vorstellungskreise erwachsen +sind beide Erscheinungen einander sehr ähnlich, häufig unzertrennlich. +Maren sind ja eigentlich Seelen als Druckgeister, und andererseits ist +der Begriff des Seelengeistes namentlich auf den Alptraum begründet. +Der Marenglaube mag ursprünglicher und älter sein als der Seelenglaube, +bei den heidnischen Germanen sind jedenfalls beide gleichzeitig +nebeneinander reich entfaltet gewesen. + + +2. Maren. + +Die Gespenster, welche den Menschen im Alptraum heimsuchen, spielen +in der niederen Mythologie eine grosse Rolle, sie sind wahrscheinlich +wegen ihrer handgreiflichen Fühlbarkeit überhaupt die ersten +übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete. +Der Seelenglauben beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung von +quälenden Druckgeistern. Erst allmälig entstand weiterhin der Glaube +an Geister, die nicht nur den Menschen quälten und drückten. Zunächst +aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor. Die älteste +gemeingermanische Bezeichnung des Druckgeistes ist an. _mara_, dän. +_mare_, _nattemare_, holl. _nagtmerrie_, engl. _nightmare_. Im frz. +ist _cauche-mar_, die tretende _mare_, aus fränk, _mara_ gebildet. Mhd. +begegnet _mar_ und _mare_ männlich und weiblich. In Norddeutschland +ist noch heute das Wort _mar_, _mart_, _mahrte_, _nachtmare_ u. a. +üblich. Bei den Oberdeutschen ist das Wort ausgestorben; dafür werden +andere Benennungen im selben Sinn und mit denselben Sagen wie bei +der nds. _mare_ verwendet. So wird das quälende Traumgespenst als +_Alp_ bezeichnet. Der allgemeine Begriff Alp wurde verengert und auf +eine besondere Erscheinung eingeschränkt. Oder man spricht von der +drückenden _trut_, _trude_. _Truden_ sind eigentlich Hexen, zu deren +Beschäftigung das Alpdrücken aber vornehmlich gehört. Bei den Alemannen +wird der Nachtgeist auch als _schrettele_, _schrat_, _schretzlein_ +u. s. f. bezeichnet, aus dem altgermanischen Wort für Geist, Gespenst, +das im an. _skrati_, _skratti_, ahd. _scrato_, _scraz_ vorliegt. +Endlich heisst der Druckgeist im Elsass und in einem Teil der Schweiz +_doggele_, ein Deminutivum zu *_dogo_, das zum Verbum *_diuhan_, +drücken gehört (Laistner, Nebelsagen 341). Ohne Weiteres erklären sich +die Namen _druckerle_, _nachtmännle_. So zahlreich und wechselvoll +die Namen sind, die Erscheinung und Wirkung des Gespenstes bleibt +immer dieselbe. Im Heidentum hiess es aber allgemein die _mare_, +offenbar mit besonderer Hervorhebung des weiblichen Geschlechts des +Gespenstes. Ältere Marensagen sind nur wenige vorhanden, aber sie waren +von den späteren in sehr grosser Zahl bekannten kaum verschieden, +denn die stets gleichmässig wiederkehrende Ursache musste auch immer +die gleichen Wirkungen erzielen. Besonders deutlich ist hier das +Verhältniss zwischen Aberglauben und Sage, wie Laistner schön und +treffend hervorhob. Die Traumbegebenheit drängte sich dem Menschen mit +voller Leibhaftigkeit immer wieder auf, des Alps und der Mare war er +sicher, denn er spürte sie. Der Bericht vom Alptraum ruft die Alpsage +ins Leben. Da mischt sich alsbald poetische Erfindung und Ausschmückung +ein, wie um jeden religiösen Kern ein mehr oder weniger freier Mythus +anwächst. Schwierig ist auch hier, zu bestimmen, wo dem Bewusstsein der +Zusammenhang der Sage mit der zu Grunde liegenden Alptraumsituation +entschwindet. + +Nach der Ynglingasaga Kap. 13 wird der König Wanlandi von Schweden +von der Mare getötet. Sie tritt dem Schlafenden dermaassen auf die +Beine, dass sie fast zerbrachen, und drückt ihm darauf den Schädel +ein. Die Thätigkeit der Mara wird als ein Quälen (_mara kvalđi_) +oder Treten (_mara trađ_) geschildert. Ebenso ist die fränkische +_cauche-mar_ (zu _calcare_) eine tretende Mare. Der Alptraum bietet +den denkbar reichsten Stoff zu einer ganzen Dämonologie dar[27]. Der +Alp erscheint in den verschiedensten Gestalten, bald menschlich, bald +tierisch, bald als Ungeheuer, dessen Aussehen in der Wirklichkeit +nichts Entsprechendes hat. Um Mitternacht als Nachtalp, aber auch um +Mittag als Tagalp, als _daemon meridianus_, überfallen die Gespenster +den Menschen, der sich zum Schlafen nieder gelegt, quälen und ängstigen +ihn oft so arg, dass er darüber krank wird und stirbt. Durch Astlöcher, +Ritzen oder Schlüssellöcher schlüpfen die Maren in die Stuben, werfen +sich dem Schlafenden auf den Leib und drücken ihm Brust und Kehle +zusammen, dass er weder Luft bekommt noch schreien kann. Sie kriechen +dabei dem Menschen von unten herauf bis an den Hals oder sie stecken +ihm ihre Zunge in den Hals, dass er nicht mehr schreien kann. Auch +Pferde und andres Vieh werden vom Alp geplagt; sie schwitzen und +schnauben dann stark und sind ganz zerzaust; ihre Haare sind verknotet +und verfilzt, zu Weichselzöpfen gedreht. Die nds. _walriderske_ +benützt die Pferde zum Reiten. Selbst Menschen werden von den Maren +geritten, zum Teil indem sie dabei in Rossgestalt verwandelt werden. +Die Sagen von plötzlich aufhockenden Gespenstern, die den Wanderer +bis zur Erschöpfung peinigen, gehören in den Kreis des Marenglaubens. +Auch leblose Dinge, Steine und Bäume, werden gedrückt. Bei den Bäumen +zeigen zitterndes Laub und verwachsene Zweige den Alpdruck an. Der Alp +kann nur auf demselben Wege wieder hinaus, auf dem er hereingekommen +ist. Wenn man daher das Loch verstopft, durch welches er einschlüpfte, +so ist er gefangen; ebenso wenn man ihn anruft oder beim Namen nennt. +Dann erscheint er morgens in seiner wahren Gestalt, meist als nacktes +Weib, in der Gestalt des Menschen, der den Alpdruck bewirkt hatte. +Man kann den Alp oder die Mare solange gefangen halten, bis der +verstopfte Ausweg sich wieder aufthut, worauf das gespenstische Wesen +sofort verschwindet. Die deutsche Volkssage lässt die Maren aus dem +„Engelland“, d. h. aus dem Seelen- und Geisterreich stammen, sofern sie +nicht aus der nächsten Umgebung, aus der Zahl der Mitmenschen herkommen. + +Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der Art des +Alptraums begründet. Der eine fühlt und sieht den Traumgast als Tier, +als Hund oder Katze, als Wurm, als furchtbares Scheusal, der andere +als einen Menschen, der die Züge von lebenden oder toten Bekannten +annimmt, als altes Weib oder blühendes Mädchen. Wem er heute Entsetzen +einflösst, dem naht er morgen in lieblicher Erscheinung, sogar ein und +derselbe Traum kann einen Wechsel der Gestalten zeigen. Von besonderer +Bedeutung für die Sagenbildung ist die Form des Traumes, welche den Alp +als Buhlgeist, als _Incubus_ und _Succubus_, zeigt; daraus begreift +man leicht, wie die Sage dazu kam, die elbischen Wesen überhaupt als +lüstern und minnegierig darzustellen, vom geschlechtlichen Verkehr +zwischen Elben und Menschen zu erzählen. Dieses Traumerlebniss braucht +dann nur in eine höhere Auffassung gerückt zu werden, um den wüsten +Buhlteufel, der schlafende Weiber überfällt, oder die teuflische +Buhlerin, die sich im Traume mit Männern vermischt, zu Alb und Albin zu +wandeln, die in Liebessehnsucht aus ihrer fernen Heimat herabsteigen, +um mit Sterblichen einen Bund einzugehen. Hierin hat die Phantasie wol +den dankbarsten Stoff erhalten, der in reichster Fülle und in zahllosen +Umbildungen nach den verschiedensten Richtungen hin ausgesponnen +werden kann. Sage und Dichtung können sich hier zu den herrlichsten +Schöpfungen erheben, denen ihr einfacher Ursprung kaum mehr anzusehen +ist. Zeus und Semele, Lohengrin und Elsa, des Albkönigs Tochter, die +im Mondenschein mit dem zu seiner Menschenbraut verlangenden Jüngling +tanzt und ihm den Tod gibt, die weisse Jungfrau, die auf alten Burgen +oder sonst an Orten, die nicht geheuer sind, auf den menschlichen +Befreier und Geliebten harrt, die verwunschene Königstochter, die sich +in den Armen des Märchenhelden in Schreckgestalten verwandelt, aber +endlich entzaubert den Mutigen mit ihrer Hingabe beglückt, kurz jene +unzähligen Liebespaare aus Sage und Mythus, in denen das Göttliche +und Menschliche sich vereinigt, können schliesslich als Blüten +betrachtet werden, die aus jenem unscheinbaren Keim aufsprossten, als +verschiedenartige Wendungen der Albenehe. Der vom Alp Heimgesuchte +befreit sich endlich von der unheimlichen, drückenden Macht auf irgend +eine Weise, indem das Erwachen herbeigeführt und damit der Bangigkeit +des Schläfers, die sich zum höchsten Grade der Spannung gesteigert +hatte, ein Ende bereitet wird. Ebenso vielgestaltig wie der Alp +selber ist der Gegenzauber, der ihn zum Weichen bringt. Es kann ein +von aussenher kommendes Geräusch, der Weckruf eines Genossen, der +Hahnenschrei, ein greller Lichtschein, die anbrechende Morgenröte, +kurz überhaupt jedes Mittel sein, das den Menschen aufweckt. Daher +scheuen die Maren und alle Elbe meistens das Licht und den Tag und +räumen bei Dazwischenkunft eines Dritten das Feld. Die Traumgestalten, +die _Draugen_, halten der Wirklichkeit nicht Stand, alle Gespenster +verwehen gewöhnlich wie die Träume und aus denselben Ursachen. Den +Alptraum im besonderen scheucht namentlich der Aufschrei, an dem der +Geängstigte erwacht. Oft kommt es vor, dass er dabei ein Kissen oder +Bettstroh krampfhaft umklammert hält, woraus der Glaube entstand, +der Alp könne gefangen werden, verwandle sich jedoch dabei in einen +Strohhalm, eine Bettfeder oder sonst einen unscheinbaren Gegenstand. +Wird er in dieser Verwandlung gefangen gehalten, so muss er sich aber +schliesslich wieder in seiner richtigen Gestalt zeigen und mag dann +gestraft, verbannt, unschädlich gemacht werden. Aus dem bannenden +Schrei entwickelte sich die Sage, der Alp müsse beim Anruf oder +bei Namensnennung entweichen. Daher das Verbot, nach Nam und Art +zu fragen, das in der Albenehe gestellt wird, dessen Nichtachtung +den Alben verschwinden macht. Aus der Albenehe können verschiedene +Sagentypen von Buhlschaft, Ehe, Haft und Erlösung erwachsen. Auch die +Geschichten von den Wechselbälgen, den unterschobenen Albenkindern +lassen sich teilweise auf den Alptraum zurückführen. Der Alptraum der +Wöchnerinnen spiegelt oft Gefahr fürs Kind vor, sie sehen das Kindlein +von geisterhaften Wesen bedroht, die nur auf dieselbe Art wie der Alp +verscheucht werden können. Der pathologische Zustand des Alptraumes +scheint allem nach den Menschen zuerst zum Gespensterglauben gebracht +zu haben, aus der Erinnerung an den oft wiederholten Zustand erwuchs +der Aberglaube, aus diesem ging eine reiche Sagenbildung hervor. Lebten +einmal Gespenster in der Vorstellung des Menschen, so bemächtigte +sich ihrer alsbald die Phantasie, die nach weiteren Beziehungen, +insbesondere nach der Herkunft der Maren suchte. Trug der Alp Züge +lebender oder toter Bekannter, so erschien er als deren Geist, deren +Seele. War er unbekannt, so trat er doch von aussen her in die Hütte +des Schlafenden, seine Heimat musste daher auch draussen in der weiten +Natur, in Wald und Feld, in Wasser, Wind, Nebel und Wolke sein. Darum +können auch alle Geister drücken und quälen, denn sie sind ursprünglich +Maren. + + +3. Seelen und ihre Erscheinungsformen. + +Einen gemeingermanischen Ausdruck für den Begriff der seelischen +Geister im allgemeinen finden wir nicht vor. Das Wort Seele ist zwar +west- und ostgermanisch (got. _saiwala_), während die Nordleute +dafür _ǫnd_ gebrauchen. Aber damit ist zunächst nur die geistige, +belebende Kraft, die dem menschlichen Leibe inne wohnt, gemeint. +Die Seelengeister benennt der Volksglaube alter und neuer Zeit nach +ihren einzelnen Erscheinungsformen, in denen die Seele offenbar wird. +Sie äussert sich aber zunächst als Hauch und Atem, als ein luftiges +Gebilde, das völlig unsichtbar ist, oder als Rauch, Dunst, Nebel dem +Auge sich zeigt.[28] Dieser Hauch verweht beim Tode in den Wind, +entschwebt aus dem toten Körper und geht in die Luft auf. Im lat. +_anima_ (gr. ἄνεμος) hält die Sprache unmittelbar den Zusammenhang +zwischen Seele und Wind fest; die Seelen der Abgeschiedenen sind die +Winde, im Winde leben die Geister der Toten fort. Im Windesrauschen +machen sich die Seelengeister, auch wenn sie unsichtbar bleiben, +fühlbar. Die deutsche Volkssage schildert die Seele häufig als +Lufterscheinung. + +Die Seele als dunstiges Rauchgebilde kennt die Sage, die Prätorius +in der _Weltbeschreibung_ 2, 161 anführt. Die Sage belehrt auch über +die enge Verknüpfung des Seelen- und Marenglaubens.[29] Zu Hersfeld +dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden Abend, eh sie zu +Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube stillzusitzen. Den +Hausherrn nahm das Wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im +Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde nun sich beim Tisch +allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte: + + Geist thue dich entzücken + Und thue jenen Knecht drücken! + +Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus +dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in +tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen +und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging +er davon und liess sie. Des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die +er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb +lebendig. + +Eine isländische Volkssage (bei Jón Árnason 1, 356) erzählt, wie +die Seele eines schlafenden Mannes als dunkles Wölkchen entschwebt, +über die Wiesen eilt, auf einem Stabe ein Bächlein überschreitet und +endlich in einen Hügel einkehrt. Hernach nimmt das Wölkchen denselben +Weg zurück in den Körper des Schlummernden, der erwacht einen Traum +erzählt, welcher der Wanderung des Wölkchens genau entspricht. + +Beim Todesfall pflegte man Fenster, Thür oder Lucke zu öffnen, damit +die Seele ungehemmt entweichen könne. Nach allgemeinem Aberglauben +entsteht Sturm, wenn sich jemand erhängt. Das wilde Heer fährt durch +die Lüfte und erscheint in stürmischen Nächten. Zwar hat die Volkssage +der Geisterschar meistens bestimmte Gestalt verliehen, Gespenster +ziehen dahin, aber zu Grunde liegt doch der Glaube, dass im Sturme +die Seelen übers Land brausen, dass die wütenden Winde eben die dahin +rasenden Seelen seien. Dass man die Seelen in die Winde verwies, beruht +auf ihrer elementaren Gleichheit. + +Die Seelen erscheinen auch als Flämmchen, die vielnamigen Irrlichter +sind ruhelose Geister, die nach christlicher Auffassung wegen eines +ungesühnten Vergehens spuken. + + * * * * * + +Tiergestalt der Seele ist überaus häufig. Die Seelen entschweben als +Vögel, Raben, Krähen, in christlicher Zeit als weisse Tauben, sie +erscheinen als Schwäne. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge entschlüpfen dem +Munde Schlafender. Als Schlange, Wiesel, Maus kriecht die Seele aus +dem Leibe hervor. Auch Kröten und Unken gelten als Seelen und müssen +geschont werden. Schlangen wurden in manchen Bauernhöfen gehegt als +eine Art von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen und früheren +Besitzer darin offenbarten. Der richtige Dienst dieser Geschöpfe hielt +das Glück am Hause fest. Bei Vögeln und kriechenden Tieren erblicken +wir die Seele, wie sie unmittelbar entfliegt oder entschlüpft. Der +Leib des Menschen liegt indessen in todähnlichem Schlafe oder er +geht überhaupt ganz zu Grunde, wenn aus dem Holzstoss der Hexe eine +Krähe, aus dem der Heiligen eine weisse Taube entschwirrt. Zu diesem +Aberglauben von der Tierverwandlung der Seele bieten sich aus alter und +neuer Zeit zahlreiche Beispiele von Volkssagen dar. + +Die Seele, die zugleich Mare ist, zeigt des Prätorius +_Weltbeschreibung_ 1, 40; 2, 161 in Tiergestalt. In Thüringen bei +Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs +des 17. Jahrhunderts Folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in +der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den Andern weg +und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, +um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offnen +Maule heraus ein rotes Mäuslein. Die Leute sahen es meistenteils und +zeigten es sich unter einander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade +geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch +wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die Andern +verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an +ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann +wieder davon. Bald darnach kam das Mäuslein wieder, lief nach der +vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Mund gekrochen war, lief +hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden, +verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige +bereute vergebens. Im Übrigen war auf demselben Hof ein Knecht +vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden +haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.[30] + +Die Sage vom Binger Mäuseturm (nach Grimm, _Deutsche Sagen_ 1 Nr. 242) +zeigt Mäuse als Seelen verbrannter Menschen. Zu Bingen ragt mitten aus +dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr +974 ward grosse Teurung in Deutschland, so dass die Menschen aus Not +Katzen und Hunde assen und doch viele Leute Hungers starben. Da war +ein Bischof zu Mainz, der hiess Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte +nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf +der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das +Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof und er +sprach: „Lasset alle Arme und Dürftige sammeln in einer Scheune vor +der Stadt, ich will sie speisen“. Und wie sie in die Scheune gegangen +waren, schloss er die Thüre zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die +Scheune samt den armen Leuten, Jung und Alt, Mann und Weib. Als nun die +Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto: +„Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen“. Allein Gott der Herr plagte ihn +bald, dass die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm frassen, +und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu behalten +und bewahren. Da wusste er endlich keinen andern Rat, als er liess +einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu +sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen +durch den Strom heran, erklommen den Turm und frassen den Bischof +lebendig auf.[31] + + * * * * * + +Eine alte Sage dieser Art bietet Paulus Diaconus 3, 34: Der fränkische +König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war +er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und +dahin zerstreut; bloss ein einziger, sein liebster und getreuster, +blieb noch bei ihm. Da befiel den König grosse Müdigkeit; er setzte +sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoos und +schloss die Augenlieder zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, +schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief +fort bis zu einem nahe fliessenden Bach, an dessen Rand stand es still +und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen +Schoos er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und +legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein +hinüber und ging hin zum Loch eines Berges, da hinein schloff es. +Nach einigen Stunden kehrte es zurück, und lief über die nämliche +Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und +sagte zu seinem Gesellen: Ich muss dir meinen Traum erzählen und das +wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen grossen, +grossen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke +gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in +der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren. +Da erzählte der Gesell ihm alles, was er unter der Zeit des Schlafes +gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung +übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg +eine grosse Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin +verborgen war.[32] + +Wenn Tote in Tiergestalt als schwarze oder feurige Hunde, als Schweine, +als schnaubende und tobende Pferde und Stiere oder sonst irgendwie +spuken, so haben wir bereits eine Weiterbildung der ursprünglichen +Vorstellung, welche die Seele als fliegendes oder kriechendes +Tierlein aus dem Munde entweichen lässt. Der Seele wird überhaupt +jede erdenkliche Verwandlungsfähigkeit zugeschrieben. Dadurch haftet +an allen Tieren aber auch etwas Gespenstisches, Unheimliches, denn +sie können verwandelte, verzauberte Seelen sein. So erzählt die +_Ynglingasaga_ Kap. 7 von Odin: „Odin wechselte die Gestalt; da lag der +Körper wie schlafend oder tot, er aber war da Vogel oder Tier, Fisch +oder Wurm, und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Lande, in +seinen Geschäften oder in denen Anderer.“ + + * * * * * + +In den nordischen Quellen heisst der Geist, die Seele des Menschen +_hugr_. Solche _mannahugir_, Menschenseelen, erscheinen aber in eigner +Gestalt. Odins Raben Huginn und Muninn, Denkkraft und Erinnerung, +durchfliegen Tag für Tag die ganze Welt, um dem Gotte Bericht zu +erstatten von allem, was geschieht. Ursprünglich war wol Odins in +Rabengestalt verzückte Seele, sein hugr, gemeint. Die Tiergestalt der +Seele scheint im einzelnen Fall oft mit Rücksicht auf die Eigenschaften +und Stimmungen des betreffenden Menschen gewählt zu sein. Die hugir +angesehener und tapferer Männer treten in der Gestalt eines Bären, +Adlers oder Wolfes, eines starken Stieres, in romantischen Sagen als +Löwen und Leoparden auf, die Seelen listiger Leute in der Gestalt +von Füchsen, die Seelen schöner Frauen als Schwäne. Ein Isländer +träumte von Wölfen, welche ihn und sein Gefolge anfielen. „Das sind +_mannahugir_“, so wird der Traum gedeutet (_þorđar saga hređu_ 37). +Die germanische Sage berichtet von vielen Träumen, in denen das +zukünftige Schicksal sich enthüllt. Die handelnden Personen oder besser +ihre Seelen erscheinen darin gewöhnlich in Tiergestalt. Kriemhild +träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend, bevor noch +Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges Geschick, +wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare mörderisch +ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt ihm die +rechte, traurige Deutung.[33] + + * * * * * + +Die Seele geht auch in menschlicher Gestalt um, als „zweites Gesicht“ +oder als Gespenst, der Volksglaube erblickt leibliche Erscheinungen +Lebender und Toter. Die nordische Sprache bezeichnet Totenerscheinungen +als Wiedergänger (an. _aptrganga_, neuisl. _aptur-gaungur_, dän. +_gjenganger_, schwed. _återgăngare_), als Geister, die aus dem Reich +des Todes zu den Lebenden zurückkehren. Die altisländischen Sagen sind +voll von Gespenstergeschichten. Die nhd. Sprache gebraucht die Worte +Gespenst und Spuk; die gemeingermanische Bezeichnung, welche noch im +Norden fortlebt, war _draugaȥ_ (an. _draugr_, neunord. _draug_, as. +_gidrôg_, ahd. _gitroc_). Die neuisländischen Ausdrücke _uppvakníngar_ +(Aufweckungen) und _sendíngar_ (Sendungen) beziehen sich auf solche +Gespenster, die mit Zauber aufgeweckt und Andern zum Schaden zugesandt +werden. Für gewöhnlich spuken die Draugen in eigner Sache. Die Lebenden +müssen trachten, sie zur Ruhe zu bringen. + +Das Wort „Traum“ geht auf eine urgermanische Form _„draugwmós“_, +_„draumas“_ zurück.[34] Zu Grunde liegt die idg. Wurzel _dhreugh_, skr. +_druh_ schädigen, woraus ags. _bedreogan_, ahd. _triugan_, trügen sich +entwickelt haben. Weiter gehört an. _draugr_, ahd. _troc_, _gitroc_, +as. _gidrôg_ Totenerscheinung, Gespenst hierher. Die Gespenster gehen +ja in den meisten Sagen feindselig und schädigend um, so sind sie +auch mit ihrem altgermanischen Namen als böse Unholde bezeichnet. +Der Begriff „Traum“ ist aus etymologischen und sachlichen Erwägungen +von den „Draugen“ nicht zu trennen. Traum bedeutet die Thätigkeit +und Erscheinung der Draugen. Die Gestalten, welche der Träumende +erblickt, besonders sofern sie Züge Verstorbener tragen, gelten der +menschlichen Einbildungskraft als Besuche gespenstischer Wesen, +als Draugenerscheinungen, Traum ist ursprünglich Gespenstertraum. +Den Zusammenhang zwischen Seelenglauben und Traum bestätigt diese +Etymologie aufs beste. Auch die ursprüngliche Konstruktion des +Zeitwortes träumen deutet darauf hin, dass der Traum auf die +unmittelbare Thätigkeit der Gespenster, der Seelengeister zurückgeführt +wurde. Es heisst früher stets: mir träumte, nie subjektiv ich träumte, +im Altnordischen noch deutlicher „_mik dreymđi_“, z. B. _mađr hefir +mik dreymt_, ein Mann ist mir im Traum erschienen. Die Erklärung +des Wortes Traum weist somit auf die vielen wilden Völkern ganz +geläufige Vorstellung hin, dass Seelengeister von aussen kommen, um +den Schlafenden, der sie als Traumbilder sieht, heimzusuchen und zwar +häufig als quälende Druckgeister in feindseliger Absicht. + +Der Gespensterglaube entwickelt zahllose Sagen, je nachdem die +Erscheinung gedeutet wird. Die Draugen sind oft nur ohne besondern +Grund auf Schaden aus, meist aber weiss die Sage anzugeben, warum sie +umgehen. Ungesühnte Schuld, Rachsucht, Liebe rauben dem Toten die +Ruhe und nötigen ihn zur Wiederkehr. Auch übermässige Sehnsucht der +Überlebenden ruft Draugen herbei. So in der Lenorensage[35], deren +ältester germanischer Typus in der schönen nordischen Dichtung von +Helgi und Sigrun begegnet. In den Kreis der Gespenstersagen ist auch +das wilde Heer[36] hereingezogen, mit dem die verschiedenartigsten +Vorstellungen verflochten sind. Die eines gewaltsamen Todes verstarben, +Kampftote, Gerichtete, nach christlichem Glauben die Seelen +Ungetaufter, ziehen im wilden Heer. Wenn zur Nachtzeit der brausende +Sturm den Umzug der Geisterschar anzeigt, erblickt die Phantasie die +eigenen Schreckgestalten leibhaftig vor sich. Dem Heere wird gern ein +besonderer Führer gesetzt, in der Heidenzeit der Sturmdämon Wode, +in der christlichen Zeit irgend eine geschichtliche oder sagenhafte +Persönlichkeit wie Dietrich von Bern, Karl der Grosse, Karl V., König +Abel, König Waldemar. Das Heer wird auch als Jagdzug gedacht, ein +gespenstischer Jäger mit und ohne Gefolge, von kläffender Meute +umbellt, jagt durch die Lüfte dahin. Der Reiter ist eine beliebig +ausgemalte Spukgestalt, in manchen Sagen kopflos, den Kopf unterm +Arm, auf kopflosem Pferde sitzend. Aus der Erscheinung wird wie aus +allem Spuk geweissagt. Die vielen aus dem wütenden Heer entwickelten +Sagenformen alter und neuer Zeit zeigen, wie leicht aus einer +Vermischung mehrerer Vorstellungen, hier des Gespensterglaubens und +des Glaubens an Elementargeister, im Verein mit der unerschöpflichen, +wechselvollen Volkssage, welche immer neue Beziehungen zur Gegenwart +aufsucht und altüberkommene Überlieferung mit seltsamen Neubildungen +vermehrt, unzählige Geschichten entstehen können. Die grösste +Mannigfaltigkeit im Einzelnen, in der Hervorhebung bald dieser, bald +jener Grundzüge in der jeweiligen dichterischen Ausschmückung, lässt +doch immer die in allem Wechsel gleichmässig bestehenden Grundlagen +deutlich erkennen. + + +4. Das Seelenheim. + +Der Glaube an Gespenstererscheinungen führt notwendig allmälig zur +Annahme bestimmter Aufenthaltsorte der Geister. Die Erscheinungen +Lebender erklären sich dadurch, dass der Seele zeitweilige Trennung vom +Körper zugeschrieben wird. Totenerscheinungen rufen andere Meinungen +hervor. Die Seele ist entschwebt, sie lebt und webt im wehenden Winde. +Aber sie wird nicht nur in stetiger Bewegung, sondern auch in Ruhe +gedacht. Wo weilt dann die Seele? Zunächst haftet sie auch dann noch +immer am Leichnam. Wo der tote Körper begraben liegt, zeigt sich das +Gespenst am häufigsten. So weit geht die Einbildung, dass sie geradezu +den toten Leib wieder aufstehen lässt, dass das Gespenst die volle +Leiblichkeit des lebenden Menschen besitzt. Die Wiedergänger der +nordischen Sagen sind so gedacht, sie müssen gewöhnlich noch einmal +umgebracht und zu Asche verbrannt werden, dass sie nicht mehr Schaden +anrichten. In den Grabhügeln der nordischen Sagen sieht man oft die +Draugen der darin beigesetzten Kämpen sitzen. Eine besondere Heldenthat +war es, einzudringen, das Gespenst zu bestehen und ihm seine Schätze, +die im Hügel aufgespeichert waren, oder seine kostbaren Waffen zu +entreissen. Aber solche rohe Vorstellungen sind im Vergleich zu andern +selten. Der Leib verwest zu Staub, beim Verbrennen der Leichen wird +er sofort vernichtet und die Seele geht mit Flammen und Rauch in die +Lüfte. Finden trotzdem spukhafte Erscheinungen statt, so muss die +sichtbar werdende leibliche Hülle eine überirdische, geisterhafte +sein. Die bewegliche Seele ist auch nicht immer ins enge Grab gebannt. +Eine höher entwickelte Religion kennt ein Seelenreich, einen Hades, +die heidnischen Germanen glaubten an eine Schattenwelt, an die Hölle, +in der die Seelen der Abgeschiedenen weilten. Tapfere Edelinge gingen +in die Gemeinschaft der Götter ein. Auch zu Elben und Riesen, zu +den unheimlichen Geistern des Waldes und der Wildniss mochten die +Seelen sich gesellen, nachdem einmal Naturbeseelung eingetreten war. +Aber trotz allem, gleichwie im Christentum trotz Himmel und Hölle, +haften im Aberglauben noch Überbleibsel älterer Vorstellungen, wonach +den Seelen bestimmte Plätze auf Erden angewiesen sind, oft mit der +Auffassung, dass die Seelen zu Zeiten aus dem Totenlande dahin +zurückkehren. Zunächst weilt die Seele am Grabe oder am Wohnort des +Verstorbenen. Ein altbezeugter Glaube der Germanen liess die Toten in +Berge eingehen, vielleicht weil auch der Wind in Bergen ruhend und aus +ihnen hervorbrechend gedacht wurde. Die Njálssaga Kap. 139 erzählt +einen Traum, den Flosi hatte. Er sah wie ein Berg sich aufthat und +ein Mann mit einem Ziegenfell angethan, einen Eisenstab in der Hand, +herauskam. Der rief Flosis Leute bei Namen an und ging hierauf in den +Berg zurück. Diejenigen, deren Namen der Mann angerufen hatte, waren +dem Tod verfallen und kamen bald darauf im Kampfe um. Die Eyrbyggjasaga +Kap. 11 berichtet: Im Herbste fuhr Thorstein nach Hoskuldsey zum +Fischen. Es geschah eines Abends im Herbste, dass ein Schafknecht +Thorsteins nach seinem Vieh ging nördlich von Helgafell. Er sah, wie +sich der Berg im Norden öffnete; er sah im Berge drinnen grosse Feuer +und hörte von dorther grossen Lärm und Hörnerklang, und als er horchte, +ob er nicht einige Worte verstehen könnte, hörte er, dass da Thorstein +begrüsst wurde mit seinen Begleitern, und dass gesagt wurde, er solle +im Hochsitze seinem Vater gegenüber sitzen. Diese Erscheinung erzählte +der Schafknecht der Thora, der Frau des Thorstein, am Abend. Sie +sprach wenig darüber und sagte, es könne dies ein Vorzeichen grösserer +Ereignisse sein. Des folgenden Morgens kamen Leute von Hoskuldsey und +brachten die Botschaft, dass Thorstein beim Fischen ertrunken sei. +Die Njálssaga Kap. 14 berichtet von einem zauberkundigen Mann namens +Svan, der beim Fischfang umkam. Fischerleute, die zu Kallbakr waren, +meinten, den Svan in den Berg Kallbakshorn eingehen zu sehen, und er +wurde da wol begrüsst. Auf Island glaubte die Nachkommenschaft der Aud +in die Krossholar zu versterben (Landnáma 2, 16), die Verwandtschaft +des Selthorir in die Thorisbjorg (ebenda 2, 5), die Thorsnesingar +glaubten nach Helgafell entrückt zu werden (Eyrbyggja Kap. 4), +Kraku-Hreidar verstarb in das Mälifell (Landnáma 3, 7). Die deutsche +Volkssage bietet Entsprechendes in den Venus- und Hollenbergen, wohin +die Menschen gelockt werden. Zu den „Unterirdischen“ wird mancher auf +Nimmerwiederkehr entrückt. Wenn der Rattenfänger die Kinder in den bei +Hameln gelegenen Köppelberg entführt, so meint die Sage gleichfalls ein +Versterben in den Berg. In der Chronik von Ursberg (MG. 8, 261) wird +zum Jahre 1223 folgende Sage erzählt: Bei Worms sah man einige Tage +hinter einander eine grosse Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg +hervor kommen und nach einigen Stunden darin wieder verschwinden. Ein +Mann fasste sich endlich ein Herz und redete einen aus jener Heerschar +an, worauf er den Bescheid erhält, sie seien Geister gefallener Ritter +(_animae militum interfectorum_). Man erkannte auch einen vor kurzem +getöteten Grafen Emicho unter den Gespenstern. Für gewöhnlich bleiben +die Geister gefallener Kämpfer an die Walstatt gebannt, an die Gräber, +aus denen sie bei Nacht zu neuen Kämpfen sich erheben. Das älteste +Beispiel der Gespensterschlachten bietet der Hedeningenkampf, der bis +zum Weltende dauern soll. Der Seelenglaube ist hier wie so häufig +mit Zauberei verknüpft. Hilde geht allnächtlich zum Schlachtfeld und +weckt die Toten wieder auf, dass sie zu den Waffen greifen. In den +Volkssagen der Gegenwart wird oft geschildert, wie im Innern der Berge, +zumal im Schoosse alter Schlossberge, Gespenster mit den versunkenen +Schätzen hausen. Bergentrückte Kaiser, Könige und Helden begegnen auf +dem gesamten germanischen Gebiet. Im Kyffhäuser sitzt Friedrich II., +später Friedrich Barbarossa, derselbe Friedrich in einer Felsenhöhle +bei Kaiserslautern, Wedekind in einem Hügel beim westfälischen Dorfe +Mehnen, Siegfried im Bergschloss Geroldseck, Heinrich der Vogler im +Sudemerberge bei Goslar, Karl im Untersberg bei Salzburg, Holger +Danske unter dem Fels von Kronborg bei Kopenhagen, Olaf in Schweden +u. s. w. Die einzelnen geschichtlichen Gestalten sind meist spät und +auf gelehrtem Wege in die Volkssage gelangt. Wann, wie und warum +müssen Quellenuntersuchungen im einzelnen Falle feststellen. Die +Mythologie hat nur den allgemeinen Grundgedanken aller dieser Sagen +für sich in Anspruch zu nehmen, dass die Geister der Abgeschiedenen in +Bergen fortleben. Der schwedische Bergname _walhall_ lässt, wie später +ausgeführt wird, vermuten, dass ursprünglich die Totenhalle der im +Berge weilenden Heldengeister (_animae militum interfectorum_ wie im +Wormser Berge) darunter zu verstehen sei. Das wilde Heer, der Sturm, +wird im Berge ruhend gedacht. Von dort bricht dann der Geisterzug +hervor. So zieht der Rodensteiner von einer Burg zur andern und sagt +Krieg und Frieden mit seiner Erscheinung an. + +Ob Seelen auch im Gewässer weilend gedacht wurden, scheint zweifelhaft. +Zwar wird es von Mannhardt, _German. Mythen_ 95, 271 ff., behauptet, +aber wesentlich auf die Ammenrede hin, die kleinen Kinder kämen +aus Brunnen und Teichen. Ob wirklicher alter Volksglaube dahinter +steckt, ist nicht auszumachen. Dass die Seelen Ertrunkener im Wasser +festgehalten werden, versteht sich von selber. Aber in den Sagen tritt +bei den Wasserelben die elementare, keineswegs die seelische Natur +hervor. Der Grund ist wol einzusehen. Das Erdbegräbniss führte zur +Vorstellung, die Seele sei zu den Unterirdischen eingegangen. An die +Wasserelben bot sich nur selten Anknüpfung. + +Zusammenhang von Pflanzen- und Menschenseele ist in einem +weitverbreiteten Sagenzuge ersichtlich. Aus den Gräbern spriessen +Blumen, Sträucher und Bäume hervor, worin die Seelen der im Grabe +Ruhenden offenbar werden. Über den Gräbern Unschuldiger, Verkannter +leuchten Lilien, über denen Liebender verschlingen sich Rose und +Rebe. So erzählen zahllose Volkslieder und die Sage von Tristan und +Isolde[37]. + + +5. Seelenkult. + +Der Kultus, der den Seelengeistern gewidmet wird, dient zur Abwehr und +zur Pflege. Beim Tode eines Menschen wird seit Alters auf bestimmte +Bräuche geachtet, welche das Wiedergehen verhindern sollen.[38] Dem +Toten werden Mund und Augen geschlossen, damit der böse Blick nicht +schade, damit die ausgehauchte Seele nicht wieder zurückkehre. Schon +in der heidnischen Zeit des Nordens war es Sitte, den Kopf des Toten +zu verhüllen und den Leib mit einem Tuche zu bedecken. Zuvor waren +Lippen und Augen geschlossen worden und zwar von rückwärts; niemand +wagte der Leiche von vorne zu nahen, ehe diese Teile geschlossen waren. +Der Tote durfte nicht zu der Thüre hinaus, zu welcher die Lebenden +ein- und ausgingen. Man legte daher in der Wand, die hinter dem Kopfe +war, ein Stück nieder und trug ihn hier rückwärts hinaus. Oder man +grub unter dem Grunde der südlichen Wand ein Loch, durch welches der +Leichnam gezogen ward. In Deutschland wurde derselbe Brauch bei den +Leichen von Missethätern und Selbstmördern beobachtet, die nicht zur +Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand hinausgeschleppt wurden. +Das Lager des Leichnams wird vernichtet, das Stroh verbrannt, das +„_rêbrett_“ (ahd. _hrêo_, Leiche), worauf der Tote bis zum völligen +Erkalten gelegt worden war, im baierischen Wald aufs Feld oder in den +Wald gestellt. Nichts soll zurückbleiben, was das leibliche Erscheinen +des Totengespenstes hervorrufen könnte. Auch der entschwebenden Seele +wird der Ausgang möglichst erleichtert, indem beim Tode Fenster und +Thüren geöffnet wurden. Liegt ein Toter trotzdem nicht ruhig im +Grabe, so muss der Leichnam mit einem Pfahl durchbohrt, der Kopf +abgestossen oder der ganze Leib verbrannt werden. Im Norden waren +„_bautasteine_“, Stosssteine, üblich, vielleicht um den Leichnam im +Grabe festzubannen. Die sächsischen _dâdsisas_, Totenlieder, hatten +nach Kögel, _Geschichte der deutschen Litteratur_ I, 1, 52 den Zweck, +den Geist des Verstorbenen mit Zaubersang an der Rückkehr auf die +Erde zu hindern. Diesem Bannen steht das Beschwören und Aufwecken +der Gespenster gegenüber, das aber nur mit schlimmer Zauberei und +in besonderen Fällen, um die Zukunft zu erforschen, um Feinden zu +schaden, ausgeübt wurde. Dass der Mensch die Geisterwelt um Rat und +Beistand anrief, wo sein beschränkter gebundener Geist versagte, ist +begreiflich. Auf Gräbern und überall, wo Geister hausten, war dazu +der rechte Ort. Bei den heidnischen Sachsen wurde nach dem _indiculus +superstitionum_ das _sacrilegium ad sepulchra mortuorum_ verboten, +noch ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die _oblationes +quae in quibusdam locis ad sepulchra mortuorum fiunt_. Diese Opfer +und sonstigen Totenfeiern können ebenso gut dem Gedächtniss der +Abgeschiedenen wie einer Beschwörung gelten. Eine Anzahl andrer +Bräuche ist freundlicher. Da herrscht die Absicht vor, dem Toten Gutes +zu erweisen, sein Loos zu erleichtern. Aus der Anschauung, dass der +tote Leib eine weite Reise ins Totenreich anzutreten habe, entspringen +Begräbnissbräuche, die von den Urzeiten bis herab zur Neuzeit reichen. +Die ältesten Gräberfunde lehren, dass man dem Toten Waffen, Werkzeuge, +Schmucksachen, Trinkhörner mitgab, damit er sie gebrauche. Frauen, +Sklaven, Tiere folgten dem Herrn auf dem Totenweg. Namentlich wurde ein +eigener Totenschuh (an. _helskór_) mit ins Grab gegeben, damit der Tote +über Dornicht und Steinicht ungefährdet schreiten könne.[39] Wikinger +wurden in ihren Schiffen am Lande begraben oder aufs Meer hinausgeführt +und verbrannt. Vielleicht liegt der Gedanke einer Seelenüberfahrt zu +Grunde. Denn die germanische Hölle ist von der bewohnten Menschenerde +durch einen breiten Grenzstrom geschieden. Solchen Bräuchen schwebt +ein bestimmter Ort vor, an welchen die Seele feierlich verwiesen wird. +Auch den beruhigten Seelen ist zuweilen Wiederkehr an den Ort ihres +einstigen Lebens verstattet. Freundlich, ohne zu schädigen, erscheinen +die Seelen, freundlich werden sie mit Opferspenden empfangen. Das +_erfiǫl_, das Erbbier, der Leichenschmaus war ursprünglich auch zu +Ehren des Toten, den man dabei gegenwärtig glaubte, gemeint. Zu +bestimmten Zeiten, in stürmischen Nächten, im Herbst, Mittwinter und +Frühling, wenn die Winde heulen und toben, waren Totenfeste, die auch +im Christentum fortleben und im Allerseelentag geregelt erscheinen. Da +wurde den Seelen auf den Gräbern geopfert, ja sogar in den Häusern, die +ihnen für die Nacht von den Lebenden eingeräumt wurden, richtete man +ihnen ein Gastmahl zurecht. + + +6. Ahnenkult. + +Aus Seelenglauben und Seelenkult entsteht leicht ein förmlicher +Ahnenkult[40], wie der der römischen _manes divi_. In manchen +Religionen steht der Ahnenkult obenan. Die Seelen der abgeschiedenen +Ahnen wachen als Schutzgeister oder Schutzgötter über ihrer Sippe. +Im Kultus der Sippe und des Hauses mögen neben den Naturgeistern +namentlich an den Gedächtnisstagen der Toten, am „Allerseelenfest“ +auch die Ahnen besonders verehrt worden sein. Nachweisen lassen +sich aber nur einzelne wenige Erscheinungen des Ahnendienstes. Wer +die Heldensage im Sinne von E.H. Meyer erklärt, muss eigentlich für +die Urzeit auch einen bedeutungsvollen Ahnenkult annehmen. Aber die +Heldensage knüpft meistens an die geschichtlichen Gestalten an, deren +Thaten im Gedächtniss der Sänger und Dichter haften, schwerlich an +ihre Apotheose. In vereinzelten Fällen freilich scheint eine solche +wirklich erfolgt zu sein. Nach Jordanes wurden die Ahnen der gotischen +Königsgeschlechter als höhere Wesen betrachtet, ja geradezu als Götter +(_ansîz_, wie lat. _dîvi_) bezeichnet.[41] Damit vergleicht sich eine +schwedische Sage. Adam von Bremen sagt von den Schweden: sie verehren +auch vergötterte Menschen, die sie wegen ausserordentlicher Thaten mit +der Unsterblichkeit beschenken, wie sie das nach dem Leben des heiligen +Anskar (Kap. 26) mit dem Könige Erich gemacht haben.[42] Im Leben +Anskars[43] wird erzählt, dass ein Mann auftrat und König und Volk der +Schweden verkündigte, er habe einer Versammlung der Götter, die man für +die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei abgesandt, um +König und Volk folgendes anzuzeigen: „Ihr habt euch lange unsrer Gunst +erfreut, ihr habt lange Zeit unter unserem Schutze das Land eurer +Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluss inne gehabt, habt +uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und euer Dienst +war uns lieb. Jetzt aber lasset ihr die gewohnten Opfer eingehen, +bringt freiwillige, aber nur lässig dar, und erhebet -- was uns noch +mehr missfällt -- einen fremden Gott neben uns. Wollet ihr also unsere +Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen Opfer, bringet +grössere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines andern Gottes, +dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch zu und zollet +ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter, und sind wir euch +nicht genug, so nehmen wir hiemit nach einstimmigem Beschluss euren +einstigen König Erich in unsre Gemeinschaft auf, so dass er fortan +einer der Götter ist.“ Da erbauten sie dem König Erich, der unlängst +verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem Gotte Gelübde +und Opfer darzubringen. + +Die nordischen Denkmäler bieten noch einige weitere Beispiele eines +Ahnenkultes dar, welcher vom ganzen Volk der Person des Fürsten, von +der einzelnen Sippe den abgeschiedenen Familiengliedern förmlich und +feierlich geweiht wurde, und eben hierdurch vom allgemeinen Seelenkult +sich merklich unterscheidet. Von einem norwegischen Manne namens +Thorolf, Thorsteins Sohn, heisst es in der Landnáma 1, 14, er sei der +Enkel Grims gewesen, der wegen seiner Beliebtheit nach seinem Tode mit +Opfer verehrt wurde (_er blótinn vas dauđr fyrir þokkasæld_). In der +Herwararsaga Kap. 1 ehren die Männer den toten Gudmund mit Opfern und +bezeichneten ihn als ihren Gott. In der Ynglingasaga gilt Freyr als ein +sterblicher König, dem erst nach seinem Tode göttliche Ehren erwiesen +wurden. Lehrreich ist die Geschichte von König Olaf Geirstada-alf +(Flatcyjarbók 2, 6 ff.). Im Lande herrschte einmal grosse Hungersnot; +König Olaf weissagte, sie werde nicht eher endigen, als bis er selber +gestorben und in einem umhegten Hügel beigesetzt sei. Nach seinem Tode +wurde er im Hügel mit vielen Schätzen bestattet. Man opferte ihm um +Fruchtbarkeit und nannte ihn den Alb von Geirstad (_þeir blótođo Ólaf +konung til árs sér ok kǫllođo hann Geirstađa-alf_). Der verstorbene +König wird also schon mit seinem Namen unter die Landgeister versetzt, +seine Grabstätte ist sein Heiligtum. Unter diesem Gesichtspunkte +gewinnt auch der isländische Glaube vom Versterben in die Berge neue +Bedeutung. Thorolf und seine Nachkommen gingen nach Helgafell, die +Nachkommen der Aud in die Krosshólar. Diese Berge aber waren geheiligte +Opferstätten. Mithin scheinen Könige und Helden vergöttert und in +ihren Hügeln durch Opfer und Gebet verehrt worden zu sein; innerhalb +einzelner Sippen erhielt sich aber auch ein Ahnenkultus, dessen Stätte +die Familiengräber (im Schwedischen _ätthögar_ genannt) oder nahe +gelegene Berge und Hügel waren, worin die Seelen der abgeschiedenen +Sippen sich aufhielten. Elbe und Wichte, die Naturgeister, welche +ursprünglich überhaupt von den Seelengeistern abstammen, hingen früher +vielleicht noch enger mit dem Ahnenkult der einzelnen Sippen zusammen, +als es aus der Überlieferung den Anschein hat. + +Berggeister von Riesenart werden in isländischen Quellen des 13. +Jahrhunderts als Asen bezeichnet. So Barðr, der Sohn des Riesen Dumbr +und Zögling des Riesen Dofri, von dem eine eigene Sage geht, wie er in +den Tagen Haralds aus Norwegen nach Island gefahren sei. „Die Leute +meinen, dass er in den fernen Snæfell eingegangen sei, und dort eine +grosse Höhle bezogen habe; denn das war mehr seine Art, in Höhlen zu +sein als in Häusern, weil er in den Höhlen des Dofri auferzogen war; er +war auch an Wuchs und Stärke den Unholden ähnlicher als den Menschen.“ +„Er wurde darum Barðr _Snæfellsass_ genannt, weil sie dort auf dem +Gebirge an ihn glaubten und ihn für einen anzurufenden Gott (_heitguđ_) +hielten; er zeigte sich auch manchem Manne als ein sehr kräftiger +Schutzgeist (_bjargvættr_).“ In der Njálssaga Kap. 124 begegnet ein +_Svínfellsáss_, der mit Flosi Thordarson unkeuschen Umgang hatte. +Gudbrand Vigfusson (_corpus_ 1, 418) geht zu weit, wenn er diese Wesen +für Ahnengeister erklärt und schliesst, die in Bergen hausenden Toten +seien ursprünglich als Asen bezeichnet worden. Der vergötterte Ahnherr +des nahe wohnhaften Geschlechtes sei als áss im Snæfell und Svínfell +verehrt worden; Asen und Elben (wegen dem Geirstaða-alf) seien die +ältesten Benennungen der Ahnengeister. Die Beispiele stehen vereinzelt, +die Quellen sind zu wenig verlässig, um so kühne Schlüsse zu +verstatten. Richtiger urteilt Maurer (_Bekehrung_ 2, 246), wenn er eine +späte Verwirrung annimmt, welche zwischen dem Kultus der eigentlichen +Götter und der niederen Dämonen nicht mehr genau zu unterscheiden +vermochte und daher auch den Asennamen auf riesische Berggeister +anwandte. + + +7. Glauben an eine Wiedergeburt. + +Der Seelenglaube führt die Menschen zum Unsterblichkeitsglauben, zum +Glauben an die Seelenwanderung und zu ähnlichen Vorstellungen, die +freilich im niederen Volksglauben der Reinheit, Erhabenheit und Tiefe +entbehren. In der Hölle oder bei den Göttern leben die Seelen ewig +fort, im Übrigen wird über die Zeit, welche einzelnen Gespenstern +zugemessen ist, nichts Bestimmtes gesagt. Die meisten Spukgestalten +gehen nur so lange um, bis sie beruhigt, erlöst sind. In den ältesten +Zeiten, ehe man an Himmel und Hölle glaubte, dauerte das Leben der +Seelengeister, solange sie im Gedächtniss der Menschen hafteten. +Der Begriff der Ewigkeit und Unsterblichkeit setzt eine ziemlich +hohe Stufe des Denkvermögens voraus. Die Gespenster waren oft so roh +sinnlich gedacht, dass man von ihrer völligen Vernichtung zu erzählen +wusste. Nach Asinius Pollio waren die Germanen des Ariovist deshalb +so mutig und verwegen und solche Todesverächter, weil sie wieder +aufzuleben hofften (θανάτου χαταφρονηταὶ δι’ ἐλπίδα ἀναβιώσεως).[44] +Ob das Wiederaufleben für eine andere Welt, für ein Walhall, oder für +diese Welt galt, wird nicht gesagt. An eine Wiedergeburt im Sinne der +Seelenwanderung, dass die Seele eines Toten im Leibe eines neugeborenen +Kindes wieder erscheint, glaubten die Germanen.[45] So heisst es am +Ende des Liedes von Helgi dem Hjorwardsson, Helgi und Swawa seien +wiedergeboren worden; ausführlicher am Ende des zweiten Liedes von +Helgi dem Hundingstöter: „Das war in alter Zeit Glaube, dass Menschen +wiedergeboren werden könnten; jetzt aber heisst das Altweiberwahn. +Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren seien, er +hiess da Helgi Haddingjaskati und sie Kara.“ Im kurzen Sigurdliede 45 +wünscht Hogni von Brynhild: verwehrt sei ihr ewig die Wiedergeburt. +In der Gautrekssaga Kap. 7 wird Starkad ein wiedergeborener Riese +(_endrborinn jǫtunn_) genannt. In der Sturlungasaga IX, 42 wird +Thorgils von den Leuten für den wiedergeborenen Kolbeinn gehalten. +Besondere Beachtung verdient, was sich die Zeitgenossen einst von +König Olaf dem Heiligen erzählten. Vor Olafs Geburt erschien der +längst verstorbene König Olaf Geirstada-alf einem Manne im Traum +und befahl diesem, aus seinem Grabhügel Waffen und einen Gürtel zu +nehmen und letzteren der schwangeren Fürstin Asta in den Wehstunden +umzuspannen, dafür aber die Namengebung sich auszubedingen. Der Mann +that so und nannte das Kind, den künftigen Bekehrer Norwegens, nach der +Traumerscheinung Olaf. Man glaubte, Olaf Geirstada-alf sei in seinem +Namensvetter wiedergeboren. Als König Olaf auf seiner Fahrt einmal zu +dem Hügelgrabe des alten Olaf gekommen war, fragte ihn einer seiner +Mannen: Bist du hier begraben gewesen? Olaf antwortete: Nie hatte meine +Seele zwei Körper. Er leugnet auch, früher gesagt zu haben: Es war eine +Zeit, da wir hier waren und von hier wegkamen. Der christliche, heilig +gesprochene König muss natürlich den heidnischen Aberglauben, der an +seinem Ursprung haftet, von sich abzuwälzen suchen. Der Erzählung +liegt ein noch fortlebender norwegischer Aberglaube zu Grunde. Man +wählte Namen Verstorbener, um die Toten wieder aufleben zu lassen. +Wenn eine schwangere Frau von einem Verstorbenen träumt, so hält man +dafür, dass dieser nach einem Namen umgeht -- _gaaer efter navnet_ --, +dass er einen Namensvetter sucht und dass das Kind nach ihm getauft +werden muss. So erscheint dem Thorstein uxafót ein Grabhügelbewohner +im Traum, sagt ihm seinen Übertritt zum Christentum voraus und bittet +ihn, einen Sohn mit seinem, des Toten Namen zu taufen --, offenbar +um als Wiedergeborener der christlichen Seligkeit teilhaftig zu +werden. Der sterbende Asbjorn bittet, nach ihm zu taufen -- _at láta +heita eptir honum_ -- d. h. ihm durch Benützung seines Namens zur +Wiedergeburt zu verhelfen. Der sterbende Jokull schenkt seinem Mörder +das Leben und bittet ihn, zum Danke dafür einst seinen künftigen Sohn +oder einen seiner Enkel Jokull zu nennen. Die alte und neue nordische +Sage enthält viele Beispiele dieses mit der Wiedergeburt verknüpften +Namensaberglaubens. + + * * * * * + +Der Seelenglauben dauerte unter dem Christentum ungeschwächt fort, +allzu tief wurzelt die Gespensterfurcht im Herzen des Menschen. +Ruhelose Seelen, die man zur eignen Sicherheit bannen muss, die aber +trotz allem nach Ruhe verlangen, kannte schon das Heidentum. Eine +gewisse sittliche Auffassung mag auch darin bestanden haben, dass +unholde Geister namentlich aus den Seelen böser Menschen hervorgingen, +während die guten in die Gemeinschaft der Götter und guten Geister, +ins allgemeine Totenland oder sonst an einen stillen Ort gelangten. +Unter dem Christentum bildete sich aber neu die Vorstellung der „armen“ +Seele, die zur Strafe spuken muss und vom Höllenfeuer angeglüht ist. +Wie für alles Unholde ergab sich auch für die Gespenster unmittelbarer +Zusammenhang mit Hölle und Teufel. + + +Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen hervorgingen. + +1. Die nordischen Fylgjur. + +Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der _fylgja_, +_forynja_, _fyreferd_, _hamingja_, von Erscheinungen, in welchen der +Seelenglauben am deutlichsten zum Ausdruck gelangt. _fylgja_ bedeutet +Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen beiwohnendes geisterhaftes +Wesen, die Seele, welche zuweilen sichtbar wird. Die Fylgja zeigt sich +ihrem Besitzer und andern Menschen meistens vor wichtigen Ereignissen, +namentlich vor dem Tode. Sie erscheint in der vollen eignen Gestalt +ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites Gesicht, oder in beliebiger +Tiergestalt. Die Fylgja offenbart sich gerne im Traum, geistersichtige +Leute vermögen sie aber auch im Wachen zu sehen. So gleicht die +Fylgja einerseits völlig den _hugir_, den Seelen, andererseits ist +sie aber auch als _fylgjukona_, als _dís_, als ein übernatürliches +Wesen weiblichen Geschlechtes gedacht. Wie ein Schutzengel ist +sie dem einzelnen Menschen (_mannsfylgja_) oder auch einer ganzen +Sippe (_kynfylgja_, _æltarfylgja_) gesellt, manchmal sind sogar +mehrere Fylgjur einem Menschen oder einem Geschlechte beigegeben. So +vollzieht sich also die Ablösung eines selbständigen Geisterwesens +aus dem Seelenglauben, eine spätere Neubildung auf allgemeinem +Hintergrund. Die Seele wird zu einem Schutzgeiste in Frauengestalt, +zu einer Schicksalsgöttin. Manche Leute haben stärkere Fylgjur, +stärkere Schutzgeister und darum mehr Glück als andre. In den Fylgjur +verkörpern sich gewissermaassen die eignen Seelen der einzelnen +Menschen und zugleich die Seelen der abgeschiedenen Ahnen, aber als +selbständige Wesen gedacht. Zusammenhang mit dem Seelenglauben bricht +aber immer noch hervor. Von Olaf Tryggwason heisst es, seine Fylgjen +seien besonders schön und glänzend gewesen (Olafssaga des Oddr Kap. 5). +In der jüngeren Olafssaga Tryggvasonar Kap. 215 steht eine merkwürdige +Geschichte von einem Isländer namens Thidrandi. Dieser hörte einmal +in einer mondhellen Nacht an die Thüre seines Hauses anklopfen und +trat, obwol gewarnt, mit einem Schwerte bewaffnet hinaus. Da sah +er von Norden her neun Weiber in schwarzen Gewändern mit gezogenen +Schwertern in den Händen heranreiten; von Süden her kamen auch neun +Weiber geritten, alle in lichten Gewändern und auf weissen Rossen. +Thidrandi wollte wieder ins Haus zurück, wurde aber von den schwarzen +Frauen angegriffen und auf den Tod verwundet. Morgens fand man ihn, +und er erzählte alles, ehe er starb. Thorhall aber erklärte die Frauen +für die Schutzgeister des Geschlechtes (_fylgjur yđrar frænda_). Die +schwarzen Frauen (_dísir_) seien die dem Heidentum, die weissen die dem +Christentum geneigten Geister. Die heidnisch gesinnten verlangten noch +vor der Bekehrung ein Opfer und holten darum den Thidrandi zu sich. +_fylgjur_ und _dísir_ werden also einander gleichgestellt und gelten +als die aus den Seelengeistern hervorgegangenen Schutzgeister einer +Sippe. Die Scheidung in schwarze und weisse, unholde und holde dürfte +der christlichen Absicht der Erzählung zuzuschreiben sein. Ähnlich +sagt Gisli in der Gislasaga Súrssonar 41: „Ich habe zwei Traumweiber +(_draumkonur_); die eine ist gut gegen mich, die andre aber sagt mir +immer das vorher, was mir eine Verschlechterung meines Geschickes zu +sein scheint und prophezeit mir Böses.“ Die Fylgjur zeigen sich hier, +wol auch unter christlichem Einfluss, als guter und böser Engel eines +Menschen. Die Fylgjur erscheinen auch sonst als bewaffnete Frauen. Der +Skald Hallfred sah einmal ein Weib in einer Brünne über die Wogen hin +zum Schiffe schreiten. Es war seine _fylgjukona_ (Fornsögur hrsg. von +Gudbrand Vigfusson S. 114). Dem Asmund erscheinen im Traume bewaffnete +Frauen, seine Schutzgöttinnen (_spádísir_), die ihm Hilfe im Kampfe +verheissen (Fornaldarsögur 2, 483). Dem Wigaglum tritt die Schutzgöttin +(_hamingja_) des Wigfuss behelmt entgegen und bietet ihm ihre Nachfolge +an (Vigaglúmssaga Kap. 9). Den Zusammenhang der Fylgjen mit den +Seelengeistern lehren deutlich die Atlamól 27, wo die dísir zugleich +als tote Weiber (_konor dauđar_) bezeichnet sind. Glaumwor warnt den +Gunnar vor der Fahrt zu Atli durch Erzählung ihrer Träume: + + Mir schiens, als träten bei Nacht tote Frauen hier ein, + In dürftige Kleider gehüllt, die dich entführen wollten; + Es luden zu ihren Bänken die leidigen Weiber dich ein; + Die Schicksalsjungfrauen, glaub ich, haben den Schutz dir aufgesagt. + +Die Fylgjur in ihrer Eigenschaft als selbständige Schutzgeister gingen +beim herannahenden oder eingetretenen Tode eines Mannes auf einen +beliebigen Verwandten, dem sie sich antrugen, über. So übernimmt +Wigaglum die Fylgja des Wigfuss, dem Hedin bot sich die Fylgja seines +Bruders Helgi Hjorwardsson an, welcher darin ein Zeichen seines nahen +Todes sieht. Bei Gunnar und Thidrandi herrscht die Vorstellung, dass +die Fylgjur den Todgeweihten zu sich holen, d. h. seine Seele geht zu +den Toten ein. In der Njálssaga Kap. 41 erblickt Njál die Fylgja des +Thord in Gestalt eines getöteten Bockes; also vollzieht sich hiernach +an der Fylgja das Schicksal ihres Besitzers. + + +2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe, Berserker. + +Statt Fylgja begegnet auch der Ausdruck _hamingja_, im Sinne von +Schutzgeist, Glück. _Hamingja_ ist abgeleitet von _hamr_, Hülle, +Gestalt. Mit _hamr_ wird aber namentlich die Gestalt bezeichnet, in +welcher die verwandelte Seele sich zeigt. So heisst in den Atlamǫ́l 18 +der Adler, von welchem Kostbera, Hognis Frau, träumt, des Atli _hamr_, +wie ebenda 19 des Atli _hugr_. Fylgja wird also die Seele genannt, weil +sie dem Menschen, so lang er lebt, überallhin folgt, Hamingja ihrer +vielgestaltigen Verwandlungsfähigkeit halber. Bereits im nordischen +Heidentum bestand nun der Glaube, dass einzelne Leute fähig wären, +beliebig ihre Gestalt zu wechseln. Verwandlungssagen entstammen dem +Seelenglauben. Was hier unwillkürlich, im Traume oder unter besonderen +Umständen, sich ereignete, geschieht nun auch willkürlich, meist +mit Hilfe von Zauberkünsten, wodurch die Verwandlungsfähigkeit der +Seele nach Belieben benutzt werden kann. Solche Leute heissen _eigi +einhamir_, nicht eingestaltig; ihre Fähigkeit ist _at skipta hǫmum_, +die Gestalten zu tauschen, _at hamast_ sich zu häuten, die Hülle zu +wechseln. Sie sind _hamramr_ oder _hamhleypa_, gestaltenläufig, sie +sind der _hamfar_, der Fahrt in Verwandlungen mächtig. Die Annahme der +fremden Gestalt geschieht nicht nur in der Art des Seelenglaubens, +dass die Seele aus dem Leibe ausschlüpft und eine beliebige Hülle +umthut, vielmehr auch so, dass das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes +den Wechsel der Gestalt hervorbringt. So hat Freyja ein Federgewand +(_fjađrhamr_), das sie dem Loki borgt, so haben die Valkyrjen +Schwan-und Krähenhemden. Odin hat ein Adlergewand (_arnarhamr_). +Besondere Bedeutung aber haben die Wolfsgewänder, die _úlfahamir_, +deren Anlegen den Menschen zum Wolfe verwandelt. Der Werwolfsglaube[46] +ist seit Alters den westarischen Völkern, namentlich den Slaven und +Germanen vertraut. Er beruht auf den allgemeinen Vorstellungen der +vielgestaltigen Seelen, wie die Fylgjur, die Mannahugir gar oft als +Wölfe auftreten[47]. zum Teil vielleicht auch auf dem epidemischen +Wolfswahnsinn[48], der pathologischen Lykanthropie. Werwolf bedeutet +Mannwolf, λυκάνθρωπος[49]. Das Wort begegnet im ags. _werewulf_, +in Deutschland zuerst bei Burkhard von Worms (_credidisti, ut +quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod +vulgaris stultitia werwolf vocat_). Das frz. _loup-garou_ ging aus +altfränkischem _werewulf_ hervor[50]. Die nordische Sprache gebraucht +dafür _vargr_ oder _vargulf_, neunord. _varulf_. _verulfr_ begegnet +als Schwertname in der Snorra Edda 1, 565, vermutlich als deutsches +oder englisches Lehnwort. In der Vǫlsungasaga Kap. 8 wird erzählt, +wie Sigmund und Sinfjotli einmal in einem Waldhause zwei Männer mit +dicken Goldringen schlafend fanden. Die waren ins Missgeschick geraten; +denn Wolfshemden (_úlfahamir_) hingen über ihnen. Jeden zehnten Tag +vermochten sie aus den Wolfshemden zu kommen. Es waren Königssöhne. +Sigmund und Sinfjotli fuhren in die Gewänder und konnten nimmer +heraus. Es folgte ihnen dieselbe Eigenschaft wie zuvor. Sie liessen +Wolfsstimmen hören, verstunden aber beide ihre Stimmen. Sie fielen +nun wie rechte Wölfe Menschen an und zerrissen sie. Sigmund biss den +Sinfjotli fast zu Tode. Nachmals aber fuhren sie wieder zu dem Hause +und warteten, bis sie aus den Wolfsgewändern kamen, die sie dann zu +Asche verbrannten. Die Sage mag auf einem alten Missverständniss +beruhen. Warg, Wolf hiess der Geächtete in der germanischen +Rechtssprache. Warg wurde wörtlich als Wolf verstanden, und so bildete +sich die Werwolfsgeschichte. Jedenfalls aber wird der Werwolfsglaube +dadurch als altgermanisch erwiesen. Nach der neueren Volkssage +verwandeln sich Menschen, sowol Männer als Frauen, zeitweilig in Wölfe, +indem sie sich einen Gürtel, aus Wolfsleder oder Menschenhaut gemacht, +um den blossen Leib schnallen. Wird der Gürtel gelöst, so nehmen sie +wieder Menschengestalt an. Das Wolfshemd ist also zu einem Wolfsgürtel +zusammengeschrumpft. Der Werwolf fällt dann in Herden und greift auch +Menschen an. Der Zauber reicht aber nicht übers Leben hinaus. Wird ein +Werwolf verwundet oder getötet, so findet man einen wunden oder toten +Menschen. Wie alle Seelen und Maren hält er dem Namensanruf nicht +stand, der Zauber weicht sofort, und statt des Wolfes sieht man einen +nackten Menschen vor sich. Der „Böxenwolf“ in Westfalen und Hessen +hockt auf wie die Mare, d. h. er springt den Leuten auf den Rücken und +lässt sich tragen. + +Zu den Werwölfen scheinen ursprünglich die _Berserker_ der nordischen +Sagen gehört zu haben, obwol der rechte Sinn den Quellen abhanden +kam[51]. Berserker sind Menschen, die plötzliche Wutanfälle haben. +In diesem Zustande gebärden sie sich wie wilde Tiere, sie heulen, +sperren den Rachen auf und recken die Zunge heraus, stossen Schaum +aus dem Munde, knirschen mit den Zähnen und beissen in die Schilde. +Zugleich werden sie übernatürlich stark und meinen für Feuer und Eisen +unverwundbar zu sein; in ihrer Wut verschonen sie nichts, was ihnen in +den Weg kommt, nach überstandenem Anfall aber sind sie um so schwächer +und nahezu völlig kraftlos; durch Anrufen bei ihrem Namen wird der +Zustand beseitigt, wie das Beschreien auch sonst zauberische oder +übernatürliche Vorgänge und Verrichtungen stört. Von Verwandlungen +in fremde Gestalten ist zwar bei den Berserkern nicht mehr die +Rede, trotzdem heissen sie _eigi einhamr_, _hamramr_. Ihr Wutanfall +wird als ein leiblich und seelisch ganz verschiedenartiger Zustand +aufgefasst. Ursprünglich war diese tierische Wut eben mit Verwandlung +in tierische, Wolfs- oder Bärengestalt verbunden. Darauf deuten noch +einige Spuren. König Harald Hárfagr hatte in seiner Umgebung eine +Schar von Berserkern, die _úlfheđnar_, die Wolfsgewandigen, hiessen. +Ulfheðinn und Ulfhamr kommen als Mannsnamen vor. Die Überlieferung +deutet diese Bezeichnung der Berserker allerdings dahin, dass die +Kämpen Wolfspelze über den Brünnen getragen hätten. Indessen ist dies +ein Missverständniss. Einst waren Leute in _úlfahamir_, in Wolfshäuten, +also Werwölfe gemeint. Sveinbjörn Egilsson im Lexicon poeticum S. 51 +erklärt Berserkr als der Bärengewandige (aus _berr_, Bär und _serkr_, +das Gewand). _Berserkir_ und _úlfheđnar_ sind also Menschen in Bären- +und Wolfsgestalt. Daher die tierische Wut, die ihnen anhaftet. Dem +Namen Ulfheðinn entspricht der Name Bjarnheðinn. Einen solchen +„Berserkr“ im wahren Sinn führt uns die Sage von Hrolf Kraki leibhaftig +vor. Hrolf wird von seinen Feinden überfallen. Mutig tritt er mit +seinen Helden in den Kampf gegen Hjorward ein; alle seine Recken mit +Ausnahme des Bodwar Bjarki begleiten den König Hrolf. In diesem Kampfe +sahen Hjorward und seine Mannen, dass ein grosser und starker Bär dicht +vor König Hrolf herging. Hieb- und Schusswaffen glitten ohne Wirkung +an ihm ab, er stürzte Männer und Rosse nieder und zermalmte die Leute +mit Klauen und Zähnen, so dass sich klägliches Geheul in Hjorwards +Heer erhob. Hjalti, ein Recke Hrolfs und Freund Bodwars, sah sich um +und vermisste noch immer seinen Freund Bodwar. Da lief er zurück zur +Königshalle und hier sah er Bodwar ganz müssig sitzen. Hjalti schalt +den Bodwar, dass er ruhig in der Halle bleibe, während der König +Hrolf in Not sei, und bedrohte ihn. Da erhub sich Bodwar seufzend +und ging mit hinaus zum Kampfe. Alsbald verschwand der Bär. Der +Kampf aber endigte mit Hrolfs und seiner Recken Fall. In dieser Sage +kämpft also die Seele, die Fylgja oder Hamingja eines tapferen Helden +in Bärengestalt, während sein Leib in der Halle zurückbleibt. Die +Geschichte mag als Grundtypus der Berserkersagen gelten, sie erwächst +aber unmittelbar aus dem Seelenglauben. + + +3. Schicksalsfrauen. + +Die nordischen Fylgjur waren zugleich Schutzgeister, gute und böse +Engel, die den Menschen umschwebten. Von hier aus ist nur ein kleiner +Schritt zum Glauben an Schicksalsgeister, den wir bei den heidnischen +Germanen vorfinden. Überall begegnen wir den Schicksalsfrauen, die +das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode lenken. Aus ihrer +Vielheit erhebt sich auch eine einzige Schicksalsfrau, das persönlich +gewordene Verhängniss. Die ältere und jüngere Vorstellung laufen +neben einander her wie etwa auch das wilde Heer und der wilde Jäger, +der allgemeine und der besondere Begriff. Über die Fylgjen reichen +die Schicksalsfrauen zu den seelischen Geistern. Einzelne Spuren, +namentlich das Erscheinen der Frauen bei Geburt eines Kindes, weisen +auf den Kreis der Maren.[52] Namen und Thätigkeit dieser Wesen sind +hier zu erörtern. Als weise Frauen (ahd. _idisi_ an. _dísir_) wurden +sie bezeichnet.[53] In ahd. Glossen wird parca mit _scephenta_, die +Schaffende, gegeben. Vintler nennt _gâchschepfen_, die den Menschen +das Leben geben. Im Zusammenhang mit andern Ausdrücken ist ersichtlich +damit die Thätigkeit eines Schöffen, der ein Urteil schöpft, gemeint. +Im Norden ist von _urđir_ (Sigurvþarkviþa in skamma 5), in England +von _the thre weirdsisters, the weird lady of the woods_ die Rede. Im +Heliand ist das Schicksal _reganogiskapu_, Schöpfung ratender Mächte, +_metodogiskapu_, Schöpfung der messenden, zumessenden, _wurdigiskapu_, +Schöpfung der _wurd_. Im Norden heissen die Schicksalsfrauen +Nornen.[54] Durch alle germanischen Sprachen geht die Bezeichnung ++wurd+ (as. _wurd_, ahd. _wurt_, ags. _wyrd_, an. _urđr_) durch. Die +Bedeutung ist Geschick, Verhängniss, Tod. Häufig ist Wurd persönlich +gedacht und eine entsprechende Wendung gebraucht. Wurd gehört zur idg. +Wurzel _u̯ert_ (_vertere_), woraus ahd. _wirt_, _wirtel_, die Spindel. +Vielleicht ist Wurd die Spinnerin. Im Ags. heisst es: _Wyrd me þæt +gewæf_, mir wob das Wyrd. Als ein Gewebe wird das Schlachtgeschick +(_wíg spéda gewiofu_) bezeichnet. Von einem Nornenspruch (_kvidr_) und +Urteil (_dómr_) wissen nordische Dichter, von dem Worte der Urd, dem +keiner entgegnet, das unwiderruflich ist (Fjǫlsvinns mǫ́l 47). Das +Schicksal ist _urlagu_ (ahd. _urlag_, as. _orlag_, ags. _orlæg_, afr. +_orloch_, an. _ørlǫg_) d. h. Urgesetz. _ørlǫgsíma_, _ørlǫgþáttr_ sind +im Nordischen die Schicksalsfäden. In zwiefacher Weise also dachten +sich die Germanen das Schicksal, als _Urgesetz_ und als _Gewebe_. Aus +diesen beiden Vorstellungen erklären sich die überlieferten Namen der +Schicksalsfrauen. Sie wissen das uralte Recht und finden und fällen den +Wahrspruch, der dem Menschen sein Verhängniss zumisst; sie spinnen und +weben Glück und Unglück, Gutes und Böses. Das Schicksal richtet und +webt über Götter und Menschen, es ist die geheimnissvolle, hohe Macht, +der selbst die Himmlischen unterworfen sind. Damit ist der Wurd eine +bedeutungsvolle Stellung eingeräumt. Götter und Helden vermögen sie +nicht zu bezwingen noch ihr zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht +darin, wie sie der Wurd begegnen.[55] + +Wurd schickt Gutes und Böses, die Schicksalsfrauen, wo sie in Mehrzahl +auftreten, teilen sich dagegen meistens nach ihren Gaben in gute +und böse, freundliche und feindliche Gewalten. Zornige (_grimmar_), +feindselige (_ljótar_) Nornen erwähnen die nordischen Skalden; die +Gylfaginning Kap. 15 führt den Gegensatz durch: „Wenn die Nornen über +das Geschick der Menschen entscheiden (_ráđa ørlǫgom manna_), so +verteilen sie’s sehr ungleich: den einen verleihen sie ein Leben voll +Glück und Ansehen, andern dagegen wenig Freude und Ruhm; den einen +ein langes Leben, andern ein kurzes. Die guten Nornen, die von edler +Abkunft sind, schaffen ein glückliches Los. Wenn aber Menschen ins +Unglück geraten, so veranlassen es böse Nornen.“ Nach dem Reginlied +24 stehen _tálardísir_, Trugdisen, zu Seiten des auf der Fahrt +strauchelnden Kriegers; sie wünschen ihn wund zu sehen. Wo also nicht +der Glaube an die erhabene Wurd vorherrscht, wird Glück und Unglück +aus dem Walten guter und böser Geister erklärt. Den Wirkungskreis der +Nornen lassen die nordischen Quellen überblicken. Nach dem Fafnirliede +12 gibt es Nornen, hilfreich in der Not (_nauþgǫnglar_), welche den +Müttern bei Geburt der Söhne beistehen. Ebenso walten _dísir_ bei der +Geburt (Sigrdrífumǫ́l 9). Sie bestimmen für Mutter und Kind Leben oder +Tod. Im Lied von Helgi dem Hundingstöter werfen sie dem neugeborenen +Kinde den Schicksalsfaden. „Nacht wars im Hofe; Nornen kamen, die +dem Edeling das Schicksal schufen (_aldr um skópu_). Sie bestimmten +dem Fürsten, berühmt zu werden und der beste unter den Helden. Mit +Macht schlangen sie die Schicksalsfäden (_sneru ørlǫgþáttu_), während +es Burgen brach in Bralund; sie wickelten den goldenen Faden aus +einander und befestigten ihn mitten im Mondsal (d. h. im Himmel). +Sie bargen die Enden ostwärts und westwärts, wo das Land des Königs +inmitten lag; eine Schlinge, der sie ewige Dauer gebot, schwang eine +der Nornen gen Norden.“ Die Nornen weben ein Gewebe, das nach Ost und +West und gen Norden, also weit über die Lande und hinauf zum Himmel +reicht. So soll sich Helgis Heldenruhm ausbreiten. Die Vǫlospǫ́ 20 +gedenkt der drei weisen Jungfrauen, deren Sal am Stamme der Weltesche +Yggdrasil steht, sie bestimmten Satzungen (_lǫg lǫgþo_), erkoren +Leben den Menschenkindern (_líf kuro alda bǫrnom_), Schicksal der +Männer (_ørlǫg seggja_). Der Glaube an gute und böse Schicksalsfrauen +tritt in einem weitverbreiteten Märchenzug zu Tage. An die Wiege des +neugeborenen Kindes kommen mehrere weise Frauen, die es mit guten +Eigenschaften begaben, nur eine zürnt und wünscht Böses. In der +erst um 1400 entstandenen Nornagests saga Kap. 11 besitzen wir eine +nordische Wendung. Landfahrende _völvur_ oder _spákonur_, weissagende +Frauen kamen zu Nornagests Vater; das Kind lag in der Wiege, über ihm +brannten zwei Kerzen. Nachdem die zwei ersten Weiber es begabt und +ihm Glückseligkeit vor andern seines Geschlechtes versichert hatten, +erhob sich zornig die jüngste Norn (_in yngsta nornin_), die man im +Gedränge von ihrem Sitze geworfen hatte, dass sie zur Erde gefallen +war, und rief: Ich schaffe, dass das Kind nicht länger leben soll, als +die neben ihm angezündete Kerze brennt! Schnell griff die älteste Völva +nach der Kerze, löschte sie aus und gab sie der Mutter, vermahnend, sie +nicht eher wieder anzustecken, als an des Kindes letztem Lebenstag, +welches davon den Namen Nornengast empfing. Die Erzählung ist mehrfach +verdächtig. Nornen und Vǫlvur, Schicksal schaffende und Schicksal +verkündende Frauen, sind mit einander verwechselt. Die Geschichte +selber aber gleicht der griechischen Sage von Meleager. Dieser war noch +wenige Tage alt, als die drei Moiren zu dem Bette seiner Mutter traten. +Die eine verkündigte, er werde tapfer, die andre, er werde grossmütig +sein, die dritte, er werde so lange leben, als der eben jetzt auf dem +Herde liegende Brand vom Feuer nicht verzehrt sei. Seine Mutter hob +diesen Brand sorgfältig auf. Als sie aber in der Folge erfuhr, dass +Meleager ihre Brüder erschlagen habe, eilte sie im Drange der Rache +mit dem Brande nach dem Feuer und liess ihn von demselben verzehren. +Meleager starb nun schnell hinweg. Bei der auffallenden Ähnlichkeit und +späten Abfassungszeit der Nornagests saga ist gelehrte Nachahmung sehr +wahrscheinlich. Die Geschichte darf mithin fürs nordische Heidentum +nicht verwertet werden. Bei Saxo Buch VI S. 272 wird vom König Fridlev +erzählt, wie er in den Tempel der drei weisen Frauen (_nymphae_) trat, +die dort auf Stühlen sassen. Denn es war Sitte, nach der Geburt eines +Kindes die „_oracula parcarum_“ zu erkunden. Nachdem der König, um +seines Sohnes Olaf Zukunft zu befragen, feierliche Gelübde gethan +hatte, verhiessen die zwei ersten dem Kinde Reichtum und Glück, die +dritte der Schwestern aber Geiz. Aus deutscher Volkssage bieten sich +zahlreiche übereinstimmende Geschichten dar.[56] Aber ihre Herkunft +aus germanischem Heidentum ist wenig glaubhaft, vielmehr Zusammenhang +mit antikem Parzen- und romanischem Feenglauben. Burchard von Worms +gedenkt zuerst der Parzen. Auf den Färöern heisst noch heute das erste +Gericht, das die Mutter nach der Geburt des Kindes zu sich nimmt, +_nornagreytur_[57], Nornengrütze. Vermutlich ist damit eigentlich ein +Opfer gemeint, das nach der Geburt den erwarteten Nornen angerichtet +wurde. + +Wurd wird oft gleichbedeutend mit Tod verwendet, man meinte also +das Eingreifen der Schicksalsgöttin im Tode zu erkennen. So heisst +es im Heliand: Wurd nahm ihn weg, Wurd nahte, Wurd ist vorhanden, +und im Beowulf: Wyrd nahm ihn weg, Wyrd war ihm sehr nahe. In der +Eyrbyggjasaga Kap. 52 erscheint ein _urđarmáni_, ein Mond der Urd, +ein gespenstischer Halbmond, welcher Menschensterben anzeigt. Die +neuisländische Volkssage kennt ein Ungetüm namens _urdarköttur_, Katze +der Urd, dessen Anblick Tod bringt (Jón Árnason, _Pjóđsögur_ 1, 613). + +Auf Island erhielt der Nornenglauben überhaupt besondere Ausbildung. +Nach Vǫolospǫ́ 19 erhebt sich Yggdrasil über dem Brunnen der Urd. +Die Gylfaginning Kap. 16 berichtet, dass die Nornen täglich aus dem +Brunnen die Esche begiessen, welche dadurch vor dem Vertrocknen und +Faulen bewahrt wird. Im Brunnen werden zwei weisse Schwäne gehalten, +von denen diese Vögel abstammen sollen. Zu diesem Bilde wirken die +verschiedenartigen Vorstellungen von heiligen Bäumen und Quellen, +Wald- und Wasserfrauen, Schwanmädchen zusammen. Alle diese Gestalten +finden in der höchsten der weisen Frauen, in Urd ihre Verkörperung. +Nach dem Fafnirliede 13 gibt es Nornen verschiedener Herkunft, vom +Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht. In der Vǫlospǫ́ 8 wird die Ankunft +dreier übermächtiger Mädchen aus Jotunheim erwähnt, wodurch das goldene +Zeitalter der Götter seinen Abschluss findet. Wenn damit die Nornen +gemeint sind, wird ihnen riesische Abstammung, Riesenart zugemessen. +Neben Urd nennt die Vǫlospǫ́ 20 in einer späteren Einschaltung +_Verđandi_ und _Skulđ_, was Gylfaginning Kap. 15 wiederholt. Sonst +kommen diese Namen nicht vor. Gelehrte, etymologische Spielerei und +das Bestreben, eine Norne der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft +aufzustellen, veranlassten diese Namen. _Verđandi_ ist Part. Praes. zu +_verđa_, werden, _Urđr_ ward mit dem Praet. _urđum_ desselben Zeitworts +in Zusammenhang gebracht. Bei _Skuld_ schwebt das Hilfsverbum _skula_, +sollen, mit dem das Futurum gebildet wird, vor. Diese isländische +Gelehrsamkeit ist von antiken Vorstellungen[58] beeinflusst und hat +nichts mit dem Heidentum zu schaffen. + +Gemeingermanisch sind Schicksalsfrauen und die Wurd, die ja auch +im Norden allein lebensvoll hervortritt. Schon die Dreizahl der +Schicksalsfrauen ist verdächtig, die Nornen der Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunft sind aber zweifellos den Parzen nachgeahmt. + + +4. Walküren.[59] + +Zur Zeit, da die Germanen ins Licht der Geschichte treten, vollzieht +sich ihr Schicksal im Kampfe. Sieg oder Unsieg entscheidet über das +Volk. Darum steht neben der Norn die besondere Schicksalsfrau der +Schlacht. Wie jene das Schicksal im Allgemeinen lenkt, so gebietet +diese übers Waffenglück, über Sieg oder Tod auf dem Walfeld. +Allen Germanen gemeinsam ist die Vorstellung von Kampfgöttinnen. +In Wirklichkeit kämpften oft germanische Frauen in Waffen unter +den Heeren. Daher finden wir auch zahlreiche Frauennamen auf wig, +hild, gund, hadu, mit ger, brünne, helm u. s. w. zusammengesetzt, +die das Bild der kampflich gerüsteten Frau uns vorführen. Die +Vorstellungen von Kampfgöttinnen und weiblichen Kämpferinnen mögen +mit einander aufgekommen sein, sie erwuchsen unter gegenseitiger +belebender Wechselwirkung. Die Draugen gefallener Kriegerinnen[60], +Schicksalsfrauen, Schutzgöttinnen vermischten sich zum Bilde der +Walküre. Benennungen solcher Wesen begegnen häufig in den alten +Quellen. Bei den Deutschen hiessen sie _idisi_, bei den Nordleuten +_dísir_, als hehre weise Frauen. Bei den Angelsachsen treffen wir +_sigewíf_, bei den Nordleuten _sigrmeyjar_, _sigrfljód_, also +siegspendende Frauen. Nord, _geirvíf_ und _hjálmvítr_ bezeichnen +Speerschwingerinnen und Helmträgerinnen. Auch Fylgjur und Hamingjur +zeigen sich im Waffenschmuck, vielleicht weil sie Dísir sind, und +darunter vorzugsweise Kampffrauen verstanden wurden. Das Wort +Walküre+ +gehört Nordleuten (_valkyrja_) und Angelsachsen (_wælcyrie_) allein an. +Vermutlich ist es in einer der beiden Sprachen, wol der nordischen, +geprägt und von der andern entlehnt, kaum aus dem Urgermanischen +übernommen. Die Bedeutung ist klar: _wal_ ist der Haufe Erschlagener, +dann der einzelne im Kampfe Getötete, _kyrja_ die Kieserin, Wählerin. +Die Walküren wählen die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen +(_kjósa feigđ á menn_) und verleihen Sieg (_ráđa sigri_), so schildert +Snorri ihr Amt. Sieg oder Unsieg, Leben oder Tod steht bei der +Schicksalsfrau, die dem einen furchtbar und schauerlich, dem andern +hell und freudig erscheint. + +In einem angelsächsischen Segen[61] gegen Hexenschuss wird das Treiben +walkürenhafter Frauen anschaulich beschrieben: „Laut waren sie, ja +laut, da sie über den Hügel ritten, sie waren hochgemut, als sie über +Land (d. h. durch die Lüfte) ritten. Schirme dich nun, wenn du ihre +Feindschaft bestehen willst: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen +bist! Ich stund unter dem Lindenschilde, unter dem lichten Schilde, +da die mächtigen Weiber ihr Heer ordneten und ihre sausenden Speere +entsandten. Ich will ihnen einen andern fliegenden Speer von vorne +entgegensenden: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bist!“ -- Die +Krankheit ist als ein Hexen- oder Elbengeschoss (_hægtessan, ylfa +gescot_) gedacht, die Hexen aber sind im epischen Eingang des Spruches +als Kampfjungfrauen geschildert. Laut jauchzend, wol geschart, Speere +schleudernd, reiten sie durch die Lüfte heran, der Angegriffene +deckt sich mit dem Schilde und wirft ihnen seinen Speer entgegen. +Die „mächtigen Frauen“ (_mihtigun wíf_) lassen sich also auf einen +förmlichen Kampf mit dem Gegner ein. + +Der _Merseburger Zauberspruch von den Idisi_[62] zeigt, dass auch die +Deutschen solche kampf- und siegbetreibenden Frauen kannten: „Einst +setzten sich Idisi hierher und dorthin. Die einen hefteten Hafte, +die andern hemmten das Heer, noch andre klaubten an den Fesseln: +entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!“ Dem Spruche liegt +die Anschauung zu Grunde, dass Idisi durch die Luft gezogen kamen und +sich auf dem Walfelde niederliessen, wo der Kampf zwischen zwei Heeren +bereits entbrannt war. Ein solches Feld mochte _Idisiaviso_ Idisenwiese +heissen, wie J. Grimm das von Tacitus überlieferte Idistaviso bessert. +Nun beginnen sie, in drei Haufen geschart, alsbald ihre Thätigkeit, +indem sie, wie die germanischen Frauen, in Wirklichkeit an den +Ereignissen sich beteiligen. Die erste Gruppe hinter dem befreundeten +Heere legt den gefangenen Feinden Fesseln an. Nach solcher Handlung +mögen auch die nordischen Walküren _Hlokk_ (ahd. _hlancha_, Kette) +und _Herfjotr_ (Heeresfessel) heissen. Die zweite Gruppe hemmt das +Vordringen des feindlichen Heeres, entweder dadurch, dass die Idisi +gleich den germanischen Frauen sich der gegnerischen Schlachtreihe +gerüstet und Speere schleudernd entgegenwarfen, oder dass sie durch +irgendwelche Zauberhandlung den Sturmlauf der Feinde plötzlich hemmten +und in panischen Schrecken (an. _herfjǫturr_) verkehrten. Die dritte +Gruppe endlich erscheint hinter dem Heer der Feinde, um den Gefangenen, +der sich hier befindet, zu befreien. Die Idisi nesteln an den Banden +und sprechen dazu den lösenden Zauber, der die Fesseln abspringen +macht. Solche „_leysigaldr_“ enthalten die nordischen Hǫ́vamól 148 und +der Grógaldr 10, womit bewirkt wird, dass die Bande von Händen und +Füssen fallen. Der Gefangene, auf dessen Befreiung der Spruch hinzielt, +glaubt somit an die hilfreichen Idisi, deren thätiges, unmittelbares +Eingreifen den Freunden Sieg und Freiheit, den Feinden Unsieg und +Fesselung bringt. + +Im Beowulf 697 heisst es: Der Herr verlieh ihm Glück im Kampfe, das +Gewebe des Kampfglückes (_wígspéda gewiofu_). Der Ausdruck entspringt +der Vorstellung, dass das Schicksal der Schlacht von höheren Mächten +gewoben werde. Ebenso erklären sich die nordischen Bilder Siegesgewebe +(_sigrvefr_) und Speergewebe (_darradar vefr_). Darauf gründet sich das +bekannte Lied der Njálssaga Kap. 158 (_corpus poeticum boreale_ 1, 281 +ff.), das sich auf die 1014 zwischen Brian König von Irland und seinem +Sohne Sigtrygg gelieferte Schlacht von Clontarf bezieht. Der Dichter +des Liedes malt die allgemeine Vorstellung des Schicksalsgewebes ins +einzelne aus und gefällt sich in grausigen Schildereien. Ein Mann zu +Caithnes in Schottland sah zwölf Frauen in eine Kammer reiten und +darin verschwinden. Durch ein Fenster beobachtete er, wie die Frauen +ein Gewebe aufgespannt hatten, wobei Menschenhäupter als Gewichte, +Menschendärme als Aufzug und Einschlag, Schwerter als Spule und Pfeile +als Kamm dienten. Bei ihrem Geschäfte sangen sie unter anderm: „Mit +Schwertern schlagen wir dieses Siegesgewebe. Hildr, Hjorthrimul, +Sangriðr, Svipul kamen zu weben mit gezogenen Schwertern. Schaft +wird zerkrachen, Schild zerbersten, die Axt in die Rüstung dringen. +Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres! Folgen wir dem König +(dem siegreichen Sigtrygg)! Blutige Schilde wird man sehen, da Gunnr +und Gondull dem Könige halfen. Winden wir, winden wir das Gewebe +des Speeres, das der junge König vor sich hatte! Voran wollen wir +gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsre Freunde die Waffen +kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo die Fahnen +kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, dass sein (Sigtiyggs) +Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür (_eigu valkyrjur +vals_ [var. _vígs_] _um kosti_). Die Nordleute sollen siegen und die +Iren unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich +anzusehen ziehen blutige Wolken am Himmel. Wol sangen wir dem jungen +König viele Siegeslieder. Nun reiten wir auf den Hengsten mit gezogenen +Schwertern fort von hier.“ Da rissen sie das Gewebe von oben herunter +und jede behielt, was sie festhielt. Hierauf bestiegen sie ihre +Hengste, sechs ritten südwärts, sechs nordwärts. Das Gedicht gehört +der christlichen Zeit an, daher sind verschiedene Vorstellungen mit +einander vermischt. Einerseits sind die siegspendenden, todbringenden +Schicksalsweberinnen, wie sie allen Germanen bekannt waren, gemeint. +Darum handeln diese Frauen frei und ohne Auftrag. Wie die deutschen +Idisi gedenken sie, gewaffnet dem feindlichen Heere entgegen zu +schreiten. Sieg und Tod ruht in ihrer Hand, sie verteilen die Loose +nach eigner Wahl auf ihre Günstlinge und deren Gegner. Andererseits +gibt der Verfasser des Liedes den Frauen die Namen, welche sonst Odins +Mädchen führen. Aber mit Ausnahme dieser völlig äusserlichen Anknüpfung +herrscht die alte gemeingermanische Vorstellung, wonach die Walküren +frei, ohne Geheiss und Dienstverhältniss, walten und weben. + + * * * * * + +Saxo[63] weiss von Waldfrauen, die sich rühmen, die Entscheidung der +Kriege zu lenken, unsichtbar den Kämpfen beizuwohnen und heimlich ihren +Freunden die erbetene Hilfe zu leisten. Sie bethätigen ihre Kunst an +Hother, den sie begaben und beraten. + +Neben den Frauen, die das Schlachtgeschick weben und lenken, begegnen +solche, die es, meist im Traume, verkünden. Dem Asmund träumte, dass +Weiber mit Kriegswaffen über ihm standen und sagten: Was soll dein +Zagen? du bist bestimmt, allen andern voranzuleuchten und nun fürchtest +du dich vor elf Männern? Wir sind deine _spádísir_ und werden dir +Beistand gegen jene Männer leisten, mit denen du zu thun hast.[64] +Bevor Harald Hardráði nach England zieht, zeigt sich dem Gyrd im Traume +ein Weib, in der einen Hand ein kurzes Schwert, in der andern einen +Trog, um Blut aufzufangen, ein andres Weib auf einem Wolfe sitzend, +der einen Mannsleichnam zwischen den bluttriefenden Kiefern trägt, +erscheint dem Thord.[65] + +In der Sturlungasaga 7, 28 träumt ein Mann, er käme in ein grosses +Haus, worin zwei blutige Weiber sassen, welche ruderten. Zugleich +schien Blut zu den Fenstern herein zu regnen. Das eine Weib sang: +„Rudern wir, rudern wir, es regnet Blut, Gunnr und Gondul, vor dem +Fall der Männer. Wir werden herrschen in Raptahlid, wo die Leute uns +verehren und verfluchen.“ Das Gesicht zeigt die künftigen Unruhen +und Kämpfe auf Island an. In der Víga-Glúmssaga 21, 3 sieht Glum +ebenfalls im Traume eine Schar Frauen mit einem Trog voll Blut, das sie +übers Land giessen. Er erzählt: Ich sah eine Schar göttlicher Wesen +(_gođreiđ_) über Land reiten; Schwerter werden brechen, es naht grauer +Geere Gruss, weil die kampfgrimmen Göttinnen (_ásynjur_) -- des freuen +sich Krieger -- Blut erschlagener Männer ausgossen. + +Überall erscheinen bewaffnete, blutvergiessende Frauen, wodurch +bevorstehende Kämpfe angezeigt werden. + + * * * * * + +Die Marenart der Walküren tritt aus den Nachrichten einiger Sǫgur des +13. Jahrhunderts zu Tage. _Herfjǫtur_ ist ein Walkürenname, zugleich +aber wird damit eine dämonische Lähmung bezeichnet, von welcher +dem Tode verfallene Leute im Kampfe oder auf der Flucht plötzlich +befallen wurden.[66] In der Sverrissaga Kap. 68 heisst es: „Da wussten +sie nicht, woran es liege, dass das Schiff nicht vorangehe; einige +meinten, _herfjǫturr_ sei da über sie gekommen, und sie seien alle +todgeweiht; in Wahrheit aber war es das, dass der Anker über Bord +hing.“ In der Sturlungasaga 7, 188 wird von Thorleif erzählt, wie er +seine Feinde erblickte und schnell in die Berge davon laufen wollte. +Aber da kam _herfjǫturr_ über ihn und er musste ihnen ganz langsam +entgegen gehen, dass sie ihn erschlugen. In derselben Saga 7, 148 +befinden sich Gudmund und Svarthofdi auf der Flucht vor Illugi. Gudmund +kam nur langsam vorwärts; da fragte Svarthofdi, ob _herfjǫturr_ über +ihm sei. Er leugnete es. Illugi holte den Gudmund ein und versetzte +ihm den Todesstreich. Nach der Harðarsaga Kap. 35 kommt _herfjǫturr_ +mehrmals über den von seinen Feinden umzingelten Hord. Es gelingt +ihm zwar wiederholt, die Zauberfessel (_galdraband_, wie am Rande +_herfjǫturr_ erklärt ist) abzuschütteln, aber schliesslich wird er doch +überwältigt und erschlagen. Ohne weiteres ist der Zusammenhang dieser +„Heeresfessel“ mit dem plötzlichen Überfall der Mare ersichtlich. Hier +wie dort die bange Beklemmung, das lähmende Entsetzen, der von Dämonen +verursachte „_panische_“ Schrecken. Selten vermag der Angefallene +sich der Mare zu erwehren. Dass „Heeresfessel“ zugleich Walküre +ist, beweist, dass ihre Art zum Teil im Gespensterglauben wurzelt. +Die Idisi, welche „_heri lezidun_“, fielen vielleicht ebenso als +Heeresfessel auf die Schar der Feinde. + + * * * * * + +Jungfrauen erscheinen in Gestalt lichter Schwäne; so zeigen sich mit +Vorliebe ihre Fylgjen. Daraus entstand die Sage von den Schwanmädchen, +die ein Federgewand umthun und damit durch die Lüfte fliegen. +An Waldseen und stillen Weihern lassen sie sich nieder, um die +Schwanhemden abzulegen und in menschlicher Gestalt sich zu zeigen. Wer +das Gewand raubt, dem muss die Maid folgen. Die Walküren sind häufig +zugleich Schwanmädchen. Nicht nur helmgeschmückt, Flammen auf der +Speerspitze, in Glanz und Wetterleuchten reiten sie durch die Luft +auf Wolkenrossen, aus deren Mähnen Thau in die Thäler und Hagel auf +die Wälder fällt, davon den Menschen fruchtbares Jahr kommt, sondern +auch als weisse Schwäne fliegen sie aus. In der Vǿlundarkviþa wird +von solchen Mädchen erzählt. Von Süden her flogen Mädchen durch den +dunkeln Wald, junge Walküren[67], Kampfschicksal zu betreiben (_ørlǫg +drýgja_). Am Seestrand setzten sie sich zur Rast nieder und spannen +herrliche Linnen (d. h. sie wirkten das Schicksalsgewebe). Wölund +und seine Brüder nahmen ihnen ihre Schwanhemden (_álptarhamir_) und +machten sie zu ihren Frauen. Von einem der Mädchen wird gesagt: sie +war schwanenweiss und trug Schwangefieder (_ǫnnor var svanhvít_, +_svanfjađrar dró_). Sieben Winter blieben sie, im achten ergriff sie +Sehnsucht, im neunten trennte sie Not, die Walküren gelüstete es +zum dunkeln Walde, um Kampfschicksal zu betreiben. Saxo erzählt vom +Dänenkönig Fridlev, er habe, als er Nachts aus dem Lager gegangen, +ein seltsames Geräusch in der Luft und dann von oben das Lied dreier +Schwäne vernommen, wodurch er zu einer Heldenthat aufgefordert +wurde. Die Schwäne liessen einen Gürtel mit Runen herabfallen.[68] +Natürlich sind Walküren, Schwanmädchen gemeint, deren Schicksalswort +im Schwanensange aus den Lüften tönt. Die Walküren der Heldendichtung +erscheinen öfters als Schwäne. In der Hrómundarsaga Greipssonar +wird von dem Liebesbund zwischen Helgi und Kara berichtet. Kara in +Schwangestalt liess so kräftige Zauberweisen ertönen, dass die Feinde +sich nicht mehr zu wehren vermochten. Einmal schwebte sie im Kampfe +über Helgi. Da holte er mit seinem Schwerte so weit aus, dass er seine +Geliebte auf den Tod verwundete. Kara fiel tot herab und Helgis Glück +war dahin. Von Agnar, den sie im Kampfe gegen Odins Geheiss mit Sieg +begabte, sagt Brynhild selber, er habe die Hemden (_hamir_) von ihr und +ihren Schwestern unter die Eiche getragen (Helreiþ 7). Er raubte die +Schwanhemden von acht Walküren und zwang sie dadurch, ihm zu Diensten +zu sein. Die bereits erwähnten siegspendenden Waldfrauen (_virgines +sylvestres_) des Saxo sind vielleicht auch Schwanmädchen, die sich ja +in der Vǿlundarkviþa zum dunkeln Walde sehnen. Auf Weihern und Seen +des tiefen Waldes werden Schwanjungfrauen am liebsten sichtbar. + + * * * * * + +Wurd und die Nornen walten über dem Schicksal und schaffen es, von +den Göttern ist ihr Wirken vollkommen unabhängig. Die Idisi, die das +Schlachtgeschick betreiben, stehen ebenso unabhängig auf sich allein. +Schicksalsfrauen im allgemeinen, Schicksalsfrauen im besondern, im +Gewebe des Kampfglücks, kannte der altgermanische und grossenteils auch +noch der nordische Glauben. Daneben aber treten in den Skaldengedichten +die Walküren hervor, die sich dadurch von den gemeingermanischen +Kampfgöttinnen unterscheiden, dass sie auf Odins Geheiss zur Schlacht +reiten und in Walhall beim Gelage Dienst thun. Ihre Abhängigkeit von +Odin, den sie auf der Walstatt vertreten, ist ein sehr wesentliches +Merkmal. Da ausserhalb des Nordens keine Spur davon auftaucht, +liegt der Schluss nahe, die Walküren als Odins Mädchen gehören der +Skaldendichtung ausschliesslich an, während daneben noch oft auch im +Norden ihre ursprüngliche Selbständigkeit hervorbricht. + + +5. Hexen. + +Im Got. und Ahd. begegnet das Wort _unhulþô_, _unholda_ d. h. +Unholdin.[69] Die got. Bibel bedient sich des Ausdrucks zur +Umschreibung von δαιμόνιον, während die ahd. Denkmäler damit diabolus +übersetzen. Im Mhd. bedeutet _unholde_ Teufelin, Hexe, Zauberin. Dem +germanischen Glauben war somit die Unholdin, ein böser Geist weiblichen +Geschlechtes, geläufig. Erst allmälig bildete sich unter dem Einfluss +des Teufels die männliche Form daneben. Die Unholdin ist eigentlich die +Feindselige, Böse, vom Adj. unhold, feindlich, gebildet. Ob unter der +Unholdin ein gespenstisches oder menschliches Weib gemeint ist, lässt +sich nicht ersehen. Das Wort Hexe[70], welches erst im Gefolge der +Hexenprocesse im 16./17. Jahrhundert weiter ins Volk drang, begegnet +in der ahd. Sprache in zwiefacher Form: _hagaȥussa_, _hegeȥisse, ags. +hægtesse_, mndl. _hagetisse_, _haghedisse_ und _haȥusa_, _haȥus_. +Den Sinn zeigen die Glossen _furia_, _striga_, _eumenis_, _erynnis_ +an. Die Etymologie hat zunächst von der kürzeren Form auszugehen. +_Haȥusa_ ist alte Participialbildung zum Verbum ahd. _haȥȥên_, got. +_hatan_, und bedeutet also die Hassende, Feindselige. _Hagaȥusa_ und +die verwandten Wörter scheinen verderbt aus einer Zusammensetzung, die +ahd. *_haga-hazusa_ lauten würde, die feindselige Waldfrau. Der wilde +Wald ist der Wohnort böser Geister. _Holzmuoja, holsrûna_ bezeichnen +ebenso das Waldweib. Mithin sind _unholda_ und _haȥusa_ einander +gleichbedeutend, während _hagaȥusa_ noch den unheimlichen Wald beifügt. +In der Kaiserchronik wird Crescentia gescholten + + 12201 _du soltest pillîcher dâ ze holz varen, + danne di mægede hie bewarn; + du bist ain unholde_. + +Also im Holze hausen die Unholdinnen, die Hexen, die Waldweiber. In +den Kreis der Marenvorstellungen weisen die mhd. Wörter _trute_, +_trut_[71], und das an. _trollkona_, Trollweib. Mit _troll_[72] +bezeichnet die nordische Sprache im allgemeinen die unholden Geister. +Endlich finden wir bereits im nordischen Heidentum _kveldriđur_, +Abendreiterinnen, _myrkriđur_, Dunkelreiterinnen, also nachtfahrende +Zauberweiber. In der Eyrbyggja saga Kap. 16 ist die _kveldriđa_ wie die +nds. _walriderske_ völlig Mare; es wird ihr Schuld gegeben, dass sie +Menschen reite und dadurch beschädige. _Túnriđur_, Zaunreiterinnen, +heissen die übers eingezäunte Gehege reitenden Hexen. Im Mhd. werden +_nahtvarn_, _nahtvrouwen_, d. h. nachtfahrende Frauen genannt, den +nordischen _kveld_- und _myrkriđur_ entsprechend. Die Ausdrücke +_flagđ_, _skass_, _skessa_ d. h. Unhold, werden im Norden ebenso +auf Riesinnen wie auf alle andern unholden Weiber angewandt. Dem +germanischen Heidentum sind also Hexen wol bekannt, nachtfahrende +gespenstische Weiber, die auf Schaden aus sind, die zu den unholden +Geistern des schauerlichen wilden Waldes gehören. Sie berühren sich in +ihrer Thätigkeit mit den Maren, den Urgespenstern, die gleichwie die +Seelen überall auftauchen. Unter Unholdinnen waren die Seelen lebender +oder verstorbener Zauberweiber verstanden. Wie die Hexen im deutschen +Volksglauben in Tiergestalt, als Katzen, Hunde, Hasen, Ratten, Mäuse, +als Kröten, als Eulen und Elstern u. s. w. erscheinen, so heisst auch +auf Island die Zauberin _hamhleypa_, die in andrer Gestalt Laufende, +die Verwandlungsfähige. Das Wesen der Unholdinnen beruht aber in +ihrer feindseligen Bosheit, in ihrem Hang, Übles zu thun und Schaden +anzurichten. Sie fallen darin mit den _seiđkonur_ zusammen, den +Zauberinnen, welche ihre Kunst zum Schaden anderer üben und darum schon +im Heidentum verachtet, gehasst, ja sogar mitunter verfolgt wurden. In +den Hexengeschichten und Sagen wird namentlich nach drei Seiten hin +ihre verderbliche Thätigkeit geschildert, dass sie zur Nacht ausfahren, +dass sie Wetter zaubern und Felder verderben, dass sie Menschen und +Tiere mit Siechtum behexen. Bei Orientalen, Griechen und Römern +herrscht ein ganz ähnlicher Glaube an _Empusen, Lamien_ und _Strigen_. +Es entsteht die Streitfrage, ob der in Deutschland seit der Bekehrung +herrschende Hexenwahn germanisch oder römisch sei, im letzteren Falle +eingeführt durch die Römer in Gallien und Germanien und später durch +die Geistlichen. J. Grimm leitete das Hexenwesen vornehmlich aus +germanischer Urzeit, Soldan dagegen völlig aus der Fremde. Die Wahrheit +wird in der Mitte liegen. Auf gemeinsamer Grundlage, auf dem Maren- und +Seelenglauben erwachsen, müssen Hexengeschichten überall ähnliche Züge +aufweisen. Im 13. Jahrhundert treten ganz neue Motive hinzu, die starke +Entwicklung des Teufelsglaubens. Menschen fielen von Gott ab und gingen +einen Bund mit dem Teufel ein. Teufelsbündler und Ketzer, Zauberer und +Giftmischer wurden allmälig gerichtlich verfolgt; während früher in +der geistlichen Gesetzgebung alles Zauberwerk für blossen sträflichen +Aberglauben erklärt worden war, betrachtete man es jetzt als wirkliche +Thatsache. Im 15. Jahrhundert wurden in Deutschland zuerst Hexen +verbrannt. Durch die Bulle _„summis desiderantes“_, die Papst Innocenz +VIII. am 5. December 1484 erliess, auf deren Grund Jacob Sprenger 1489 +den berüchtigten Hexenhammer, _malleus maleficarum_, abfasste, wurden +die Hexenprocesse mächtig angeschürt. Im 15., 16., 17. Jahrhundert +loderten zahllose Scheiterhaufen, erst im Anfang des 18. Jahrhunderts +nahm das Unheil ab. Die Hexerei war nunmehr zum Teufelsbund und +Teufelsdienst gemacht. Die Hexe schwor Gott und Christum ab, sie +ergab sich dem Teufel mit Leib und Seele, betete ihn an als Gott und +Herrn, lebte mit ihm in buhlerischer Verbindung, aber ohne Freude und +Frucht. Die Hexe muss Schaden und Unheil stiften, weil ihr der Teufel +gebietet. Sie bedient sich allerlei Mittel hierzu: gebrauter Tränke, +Pulver, Kräuter, Salben. Mit der Hexensalbe bestreicht sie sich, sowie +den Besen und die Gabel zur nächtlichen Fahrt durch die Lüfte. Auch +durch Spruch und Fluch, durch den Blick selbst kann sie schaden. Bei +den grossen Versammlungen, die an bestimmten Tagen auf den besondern +überall vorkommenden Hexenbergen, auf Wiesen und unter alten Bäumen +stattfanden, geht es zu wie bei den Ketzerversammlungen. Alles zielt +auf Verhöhnung und Schändung der christlichen Ritualien. Zuerst wird +die Teufelsmesse gehalten, dann folgt ein Mahl, dann Tanz und wildeste +Unzucht.[73] Dass dieser von der Kirche behauptete und verfolgte +Hexenwahn, der wesentlich als Teufelsbund gerichtet ward, nicht ohne +weiteres ans germanische Heidentum angeknüpft werden kann, ist klar. +Aber ebenso gewiss sind volkstümliche Bestandteile drin enthalten. Die +Hexenrichter suchten den Teufelsbund nachzuweisen und zu brandmarken, +dem Volke schwebten die feindseligen Unholdinnen vor. So tritt im +Aberglauben die teuflische Zugabe auch meistens zurück, die Hexe +erscheint in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Wie die Namen so +werden auch die Haupteigenschaften dieser Hexengestalt dem germanischen +Heidentum zuzuweisen sein. Von besonderem Wert sind die älteren +nordischen Zeugnisse, weil in ihnen wahrscheinlich unverfälschte und +ursprüngliche Überlieferung vorliegt; in den Hǫ́vomǫ́l 154 ist ein +Zauberspruch gegen _túnriđur_ erwähnt: + + Einen zehnten kenn ich, wenn Zauberweiber + Im Fluge durchfahren die Luft: + + Bewirken kann ichs, dass sie wenden den Pfad + Nach Hause, der Hüllen beraubt, + Nach Hause, verstörten Verstands. + +Im Lied von Helgi dem Hjorwardsson kommt sein Bruder Hedin einsam +aus dem Walde heim, da begegnet ihm ein Trollweib, auf einem Wolfe +reitend, der mit Schlangen gezäumt war. In ähnlichem Aufzuge erscheint +die Riesin Hyrrokin bei Baldrs Begräbniss. In der SE 1, 258 heisst +Thor Bezwinger nachtfahrender Unholdinnen, _konor kveldrunnar_. Ein +solcher Hexenritt wurde als _gandreiđ_ bezeichnet. _Gandar_ sind +Zauberwesen, Gespenster. So heisst in der Njála Kap. 126 _gandreiđ_ die +Erscheinung eines gespenstischen Reiters, welche künftige Ereignisse +anzeigt. In der Fóstbræðrasaga Kap. 9 wird die Seele der schlafenden +Thordis entzückt zum _gandreiđ_, zum _„renna gǫndom“_, Rennen unter +den Geistern, _gandreiđ_ ist gleichbedeutend mit _hamfǫr_, gemeint +sind Zauberfahrten in verwandelter Gestalt, Ausfahrten der von den +leiblichen Banden gelösten Seelen. In den nordischen Sagen verlautet +nichts Genaueres vom Zweck und Ziel des Hexenrittes, nichts von Besen +und Salbe. Aber die allgemeine Vorstellung vom nächtlichen Ausritt +feindseliger Unholdinnen, die ebenso dem Hexenritt der deutschen +Sagen zu Grunde liegt, darf als nordisch-heidnisch und wol auch als +germanisch gelten. Wettermachen ist eine Lieblingsbeschäftigung +nordischer Zauberinnen; die Sagen sind voll von künstlich aufgeregten +Stürmen. _Gerningaveđr_, Zauberwetter begegnet in vielen Geschichten, +meist sind auch die Urheberinnen, die Wetterhexen, dabei genannt. +Krankheiten führt der Volksglaube auf die Einwirkung böser Geister +zurück. Der Mensch oder das Tier ist von dem Unhold besessen +oder von seinem Geschoss getroffen. Bereits im Angelsächsischen +wird der Hexenschuss erwähnt[74], also wurde schon lange vor den +Gerichtsverhandlungen des 15. Jahrhunderts den nachtfahrenden +Unholdinnen die Fähigkeit des Behexens zugeschrieben. + +Im älteren isländischen Kristenrecht Kap. 16 heisst es: Wenn jemand +sich mit Verhexung (_fordæđuskap_) abgibt, so steht Waldgang darauf; +das sind Verhexungen, wenn jemand durch seine Worte oder Zauberei +Leuten oder Vieh Krankheit oder Tod bereitet. In den norwegischen +Borgarþingslǫg 1, 16 heisst es: Das ist die übelste Hexe (_fordæđa +værst_), die Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt. Wenn Hexenwerk +(_fordæđuskapr_) gefunden wird in den Betten oder Polstern der +Leute, Haar oder Krötenfüsse, Menschennägel oder sonst Dinge, welche +geeignet scheinen zur Zauberei, so soll man drei Weibern Schuld geben +zu gleichem Recht, bei denen Wahrscheinlichkeit vorzuliegen scheint. +Zur Eisenprobe hat sie dafür zu treten. Wird sie durchs Eisen rein, +so ist sie der Sache unschuldig; wird sie durchs Eisen unrein, so +heisst sie der Sache überführt, Vermögen und Frieden verwirkt, und +fünftägigen Frieden vom Eisen weg, zu schlagen und zu töten jedem, +der sie ergreifen kann. Wenn einem Weibe Trollenschaft (_trylska_) +nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu haben das Zeugniss +von sechs Weibern, dass sie nicht trollenmässig (_trylsk_) ist. Der +Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht wird. Wenn sie das aber +nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der Gegend mit ihrem Vermögen; +nicht waltet sie dessen selbst, dass sie ein Unhold ist (d. h. sie ist +von Natur Troll). Von der Trollkona sagen die Eiðsifjaþingslǫg 1, +46: Wenn das einer Frau vorgeworfen wird, dass sie einen Mann reite +oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen überwiesen wird, da ist sie +bussfällig um drei Mark. Die norwegischen und isländischen Rechte des +12. Jahrhunderts denken sich also die Hexen als schädliche Zauberweiber +und Maren, welche um des angerichteten Schadens willen strafbar sind. +So mag sie schon das Heidentum verfolgt haben. Vom Vorwurf der Ketzerei +und des Teufelsbundes ist keine Spur vorhanden. + + * * * * * + +Zwei nordische Sagen aus dem 14. Jahrhundert unterliegen dem Verdacht, +nicht altheidnischen, sondern gewöhnlichen mittelalterlichen +Hexenglauben, wie er um 1300 bereits bestand, darzubieten, wenn schon +in besonderer Einkleidung. Thorsteinn lag im Ried verborgen und hörte +einen Knaben in den Hügel rufen: Mutter, reiche mir Stecken und +Handschuhe, ich will zum Geisterritt (_gandreiđ_); es ist Festzeit +unten in der Welt! Da wurde aus dem Hügel alsbald der Stecken gereicht, +der Knabe bestieg ihn, zog die Handschuhe an und ritt, wie die Kinder +pflegen. Thorstein nahte sich dem Hügel und rief dieselben Worte; +sogleich kamen Stecken und Handschuhe heraus, Thorstein stieg auf +den Stecken und ritt dem Knaben nach. Sie gelangten zu einem Fluss, +stürzten sich hinein und fuhren zu einer Felsenburg, wo viele Leute +an Tafeln sassen und alle Wein tranken aus Silberbechern, König und +Königin waren auf einem goldenen Thron. Thorstein, den sein Stock +unsichtbar gemacht hatte, erkühnte sich, einen kostbaren Ring und +ein Tuch zu ergreifen, verlor aber darüber den Stock, wurde von +allen erblickt und verfolgt. Glücklicherweise kam sein unsichtbarer +Reisegefährte auf dem andern Stock, den nun Thorstein mit bestieg, und +so entrannen beide.[75] Wir haben die Sage vom belauschten Hexenmahl, +die neben anderen zahlreichen Beispielen auch im Simplicissimus 2, 17 +vorkommt. Die nordische Darstellung hat das Teuflische verschleiert, +ist aber darin kaum ursprünglich. In einem zweiten Bericht tritt +die unholde Seite mehr hervor. Ketil erwachte nachts von heftigem +Geräusch im Walde, lief heraus und sah eine Zauberin (_tröllkona_) +mit fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie +nicht aufhalten, sie müsse zum Trollending; dahin komme Skelking, der +Geister König, aus Dumbshaf, Ofóti aus Ofótansfird, Thorgerd Hölgatröll +und andre mächtige Geister von Norden her.[76] Ofóti, ohne Fuss, +erinnert an den Pferdefüssigen. J. Grimm, Myth. 996 gesteht zu, die +nächtliche Unholdenversammlung sei nicht recht im Geiste des nordischen +Heidenglaubens. + + + + +Elbe und Wichte.[77] + + +Die ganze Natur ist von einem Heer geisterhafter Wesen erfüllt, +welche, wie manche Spuren darthun, ursprünglich den Maren und Seelen +entstammen, allmälig jedoch zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit +sich entwickeln. Der Zusammenhang mit den Gespenstern ist lose, die +Art dieser Wesen wird mehr durch die Naturumgebung bestimmt, in +welche sie versetzt gedacht sind. Wir erkennen zwei Hauptgruppen, ++Elbe+ und +Riesen+, welche mehr durch ihr Maass als durch ihre Art +verschieden sind. Beide scheinen aus der bewegten und beseelten Natur +hervorgewachsen zu sein, in beiden werden wahrnehmbare Naturkräfte +persönlich, in den Elben aber die sanften, still wirkenden, in den +Riesen die Elementargewalten. Ihre Beziehungen zum Menschen bilden +den Hauptinhalt der von ihnen umlaufenden Sagen. Die Seelen lebten im +Winde fort, sie hausten in der Erde, in Hügeln und Steinen, in Feld +und Flur, im Walde und in Gewässern. Überall dort treffen wir auch +elbische und riesische Wesen. Die Elbe können zunächst unmittelbar aus +den Seelen abgeleitet werden, wie aus ein paar Beispielen ersichtlich. +Thorolf aus Norwegen nannte die von ihm in West-Island in Besitz +genommene Landzunge Thorsnes. Auf dem Vorgebirge stund ein Berg, an +den hatte Thorolf so grossen Glauben, dass niemand ungewaschen dahin +schauen sollte, und nichts sollte man auf dem Berge töten, weder +Vieh noch Menschen. Den Berg nannte er Heiligenberg (_Helgafell_), +und meinte, dass er dahin fahren werde, wenn er sterbe, und ebenso +alle seine Freunde. Auf der Spitze des Vorgebirges war eine grosse +Friedensstätte, deren Boden in keiner Weise beschmutzt werden durfte, +weder mit Blut noch auch sollte man dorthin „_alfrek_“ gehen. _Alfrek_ +heisst Elbenvertreibung. Menschenkot ist damit gemeint. Es handelt sich +also um einen Berg, in den Seelen versterben, aus dem man _alfar_ nicht +vertreiben soll. Mithin sind die Abgeschiedenen und die Elbe eins[78]. +Ebenso ist der Name _Geirstađa alfr_, Alb von Geirstadt, nur aus dem +Umstande erklärlich, dass die Toten im Erdhügel _alfar_ genannt oder +zu den _alfar_ gezählt wurden. König Olaf von Vestfold wurde, wie der +Olafs þáttr Geirstaða Alfs und andre Quellen berichten, nach seinem +Tode zu Geirstaðir in den Hügel gesetzt und Alb von Geirstadt genannt. +Die Leute opferten dem toten König um gutes Jahr. Die Toten sind +Hügelbewohner (_haugbúar_), die Elbe wohnen in Hügeln. Die Kormakssaga +Kap. 22 erwähnt einen solchen Hügel, in dem Alfar hausen (_hóll er +alfar búa í_). Mit Stierblut wird ihnen Opfer (_alfablót_) dargebracht. +Man möchte daraus schliessen, dass ursprünglich die Seelengeister, +namentlich die in Bergen und Hügeln eingegangenen, Elbe genannt und +erst später unter Elben besondere Geister verstanden wurden. Aber +die Anwendung des Albnamens auf Seelen kann freilich auch nordische +Sonderentwicklung sein und auf späterer Übertragung beruhen. Beim +Kobold und Schiffsgeist ist seelischer Ursprung deutlich bezeugt. Der +Kobold erscheint öfters in Gestalt eines kleinen ermordeten Kindes +(Deutsche Sagen Nr. 72 u. 76), der Klabautermann ist ebenso die Seele +eines Kindes (Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 141). Nachdem +einmal aber die Geister vom seelischen Untergrunde sich losgelöst +hatten, geschah ihre weitere Ausgestaltung durch die schöpferische +Einbildungskraft, welche in Naturerscheinungen Äusserungen der +Geister zu erkennen wähnte. Wo Bewegung, da ist Leben. Wind und Wolke +drängt sich dem Beschauer zunächst auf, aus Wind und Nebel entstanden +zahlreiche Sagen und Meinungen über das Thun und Treiben der Elbe und +Riesen. Die Windfurchen im wogenden Kornfeld, das Waldesrauschen, das +Wogen des Wassers, die Streifen auf der glatten See, alle möglichen +andern ihren Ursachen nach unbekannten Naturerscheinungen, z. B. Kreise +im betauten Grase wurden als Spuren solcher Geisterwesen betrachtet. +Im tosenden Sturm, im Gewitter erblickte man riesische Gewalten. +Das Nebelspiel zumal in Bergländern befruchtete die sagenbildende +Phantasie. Der Nebel, der um Bäume spinnt, über Wassern und auf dem +Felde braut, der über die Haide sich ausdehnt, an den Bergen auf und +nieder steigt und zu Wolken sich ballt, darf als der Ursprung vieler +Sagen und abergläubischen Vorstellungen gelten[79]. Der allgemeine +dem Menschen innewohnende Gespensterglaube hat sich in den Elben +und Riesen, in den Naturgeistern örtlich und sehr verschiedenartig +befestigt und ausgebildet. Aber gemeinsame Züge gehen durch alle +Vielheit und Mannigfaltigkeit hindurch. + +Im Englischen begegnet die Form _ælf_, _ylf_, weiblich _ælfen_ die +Elbin. Wie im Norden Asen und Alfen (_æsir ok alfar_) zuweilen neben +einander genannt werden (z. B. im Grimnirliede 4, im Lied von Thrym +6, in der Lokasenna 2), so im Angelsächsischen _ése and ylfe_ (im +Spruch gegen Hexenstich ist von _ésa and ylfa gescot_ die Rede). +Ob die ags. Berg-, Wald-, Feld-, Seeelbinnen, die _munt-_, _dún-_, +_wudu-_, _feld-_, _sæælfenne_, heimischem Glauben entstammen, oder +griechischen Ausdrücken wie _Oreaden_, _Dryaden_, _Najaden_, denen sie +zur Übersetzung dienen, nachgebildet sind, bleibe dahin gestellt. Das +spätere Englisch kennt _elf_, _elfish_, das englische Wort drang im 18. +Jahrhundert durch litterarische Vermittlung ins Deutsche, welches den +Gemeinbegriff „+Alb+“ nur noch in bestimmter eingeschränkter Bedeutung +kannte. Die nordische Sprache bietet von den ältesten Zeiten bis zur +Gegenwart _alfr_, plur. _alfar_, schwed. _elf_ pl. _elfar_, dän. _elv_ +pl. _elve_. Die Elbin wird als _alfkona_, dän. _ellekona_ bezeichnet. +Im Schwedischen heissen die Elbinnen auch _elfvor_. In Deutschland +finden wir Wort und Begriff nur im Mittelalter und in der Neuzeit. Mhd. +_alp_ plur. _elbe_ und _elber_, meint das Marengespenst. Das Adjectiv +_elbisch_ bedeutet marenhaft und von Elben verwirrt. Wir werden also +etwas weiter auf die sinnberückende Macht der Elben gewiesen. So singt +auch Heinrich von Morungen von der berückend schönen Geliebten, sie +habe ihn wie die Elbin (_diu elbe_) mit ihrem Blicke bezaubert: + + _von der elbe wirt untsên vil manic man: + só bin ich von grôȥir liebe untsên + von der bestin di ie kein man liep gewan._ + +Im Mitteldeutschen wird Alf als Schimpfwort gebraucht und bedeutet +Thor, Narr. Die zahlreichen altdeutschen Eigennamen[80], die mit Alb +gebildet sind, wie _Albing_, _Albirih_, _Albgôȥ_, _Albgast_, _Albhart_, +_Albgêr_, _Albwin_, _Albhild_, _Alblint_, _Albloug_, _Albswint_ +u. ä. stellen sich den ags. wie _Älfhere_, _Älfwine_, _Älfréd_, +_Älfríc_ zur Seite und beweisen, dass man sich ursprünglich dabei +nichts Böses noch Gehässiges dachte. Wer die Elbe zu Freunden hatte +(_Albwine_), wer ihres Rates genoss (_Älfréd_), wer sie beherrschte +(_Alberich_), dem musste es glücken. Die Namen zeigen, dass man auf +ein freundliches Verhältniss zu den Elben bedacht war, dass man ihrer +Hilfe begehrte. Die Elbe waren vorwiegend gute und holde Geister. Die +ostgotischen Namen _Albi_[81] und _Albila_ scheinen Koseformen zu +einem mit Alb-ähnlich wie im Westgermanischen gebildeten Vollnamen. +Als gemeingermanisch darf mithin Wort und Begriff _alƀaȥ_ gelten, +dessen Mehrzahl teils nach den A-Stämmen (an. _alfar_), teils nach den +i-Stämmen (mhd. _elbe_) gebildet wurde[82]. + +Die Grundbedeutung des Wortes +Wicht+ ist Geschöpf, Wesen, Ding. +Ahd. und mhd. ist das Wort männlich und sächlich, der Plural zum +Neutrum lautet _wihti_ und _wihtir_. Mhd. _wihtelîn_, _wihtelmennelîn_ +bezeichnet, wie noch heute in den Mundarten Wichtlein und Wichtelmann, +Zwerge und Kobolde. Das got. _waihts_ und das nordische _vættr_ +sind weiblichen Geschlechtes. Im Nordischen ist dieser Ausdruck +in mythologischem Sinne besonders häufig. _Landvættir_ sind die +Schutzgeister des Landes, _hollar vættir_ sind holde, freundliche, +_meinvættir_ unholde, feindliche Geister, böse Wichte (mhd. _bæseȥ +wihtel_). + +Neben den uralten allgemeinen Benennungen Alb und Wicht gibt es noch +zahlreiche andere, welche ein besonderes elbisches Wesen nach seiner +Thätigkeit und Art charakterisieren (so z. B. Zwerg, Nix, Kobold). Die +einzelnen germanischen Stämme älterer und jüngerer Zeit haben viele +solche Namen für Wichte und Elbe geschaffen. Ein allgemeiner Ausdruck +für elbische Wesen war ahd. _scrat_ oder _scrato_, mhd. _schrat_, +_schrate_, dazu _schretel_, _schrättele_; daneben steht die mhd. +Form _schraȥ_, _schraz_, _schrâwaȥ_ und die Koseform _schretzel_, +_schrezlein_, aus dem Altnordischen gehört _skratti_ hierher[83]. +Die Etymologie ist völlig dunkel. Der Schrat ist ein drückender Alp, +ein verfluchter Geist, d. h. also eine arme Seele, ein Hausgeist, +ein kleiner Zwerg, ein Poltergeist, ein Waldmann, also alle Seiten +elbischer Art vereinigen sich in diesem rätselhaften Wesen. + +Die Elbe gelten meist als schön und licht, besonders die Elbinnen +sind stets von strahlender Schönheit. Die Snorra Edda unterscheidet +zwischen Lichtelben (_ljósalfar_), die in Alfheim wohnen und schöner +als die Sonne erschimmern, und Dunkelelben (_døkkalfar_), die in +Erdhöhlen hausen und pechschwarz aussehen. Die Elbe sind wolgebildet, +ebenmässig, nur gewöhnlich klein und winzig gedacht, die Erdelben, +die Zwerge aber sind oft hässlich und missgestaltet. Das ags. +Eigenschaftswort _ælfsciene_, elbschön, die nordische Wendung _fríd sem +alfkona_ bezeichnet die vollkommenste weibliche Schönheit. Im Ruodlieb +17, 27 ruft ein gefangener Zwerg seine Frau aus der Höhle herbei, +alsobald erscheint sie klein, aber ausnehmend schön, goldgeschmückt +und prächtig gekleidet (_parva, nimis pulchra, sed et auro vesteque +compta_). Das Elbenvolk war weit schöner als alle Menschen, heisst +es im Sǫgubrot (Fornaldar Sögur 1, 387). Die Wald- und Wasserminnen, +die freilich nach dem Maasse menschlicher Gestalt in den Sagen so +häufig beschrieben werden, entzücken den Beschauer zu heisser Liebe. +Lange, blonde Haare zeichnen die lichten Elbe aus. Leicht vermischen +sich widerstreitende Züge in einer und derselben Gestalt. So beim ++Alberich+ der altdeutschen Gedichte.[84] Im Ortnit 20 ff. ruht er als +kleines vierjähriges Kind von schöner Gestalt und mit ritterlichem +Gewande unter der breitästigen Linde. Der Held wähnt, das Kindlein +mühelos forttragen zu können. Zu seinem Erstaunen erfährt er die +gewaltige Kraft des Elbenkönigs, der sich als seinen Vater zu erkennen +gibt und Ortnit mit Schwert und Brünne beschenkt. Ob zwar an Gestalt +und Antlitz ein vierjähriger Knabe ist Alberich mehr denn 500 Jahre +alt. Auberon, der auf den Ruf des Wunderhornes dem Huon mit einem +grossen Heere zu Hilfe eilt, wird ebenso als klein, aber wunderschön +geschildert. Auberon, vermutlich eine Kurzform zu Auberi, Alberik, ist +aber mit dem deutschen Alberich eins. Im Nibelungenliede dagegen ist +Alberich ein alter, bärtiger Mann, ein hässlicher Zwerg. Der Kobold +Hinzelmann (Deutsche Sagen Nr. 76) mischt sich unter die spielenden +Kinder als ein vierjähriges Knäblein von schönem Angesicht mit gelben, +über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen Sammetrock +gekleidet. Andern Leuten zeigt er sich in wenig anmutiger Gestalt. +Die Gewandung der Elbe ist teils prächtig, teils auch unscheinbar, +dunkelfarbig, grau, moosfarbig, grün, ihrer jeweiligen Art und Umgebung +angepasst. Die Elbe tragen Mützen oder Kappen, durch welche sie sich +unsichtbar zu machen fähig sind. Ein Kobold heisst Hodeken, Hütchen, +nach seinem grossen Schlapphut. Wer des Albs Kopfbedeckung an sich +reisst, bringt ihn dadurch in seine Gewalt. Laurin und Euglin, die +Zwergkönige deutscher Heldensage, besitzen solche Nebelkappen; Euglin +wirft die seinige über Sigfrid und entzieht ihn dadurch den Augen des +Riesen. Alberich im Nibelungenlied führt eine solche Tarnkappe, die +Sigfrid ihm abgewinnt. Dadurch wird Alberich mit seinem ganzen Reich +dem Helden unterthan. Das Land der Lichtalfen, Alfheim, weist das +Grimnirlied 5 dem Freyr zu. Alfen und Wanen, die in Luft und Licht +wohnen, werden als zusammengehörig betrachtet. Aber die sonstige +Sagenüberlieferung versetzt die Elbe in ein ausgedehntes Reich in +Bergen, wilden und unzugänglichen Schluchten, Hügeln und Klüften, +überhaupt unter die Erde. Dort haben sie ordentliche Wohnung, oft +prächtig ausgestattet, mit Gold und Silber angefüllt. Die Wasserelbe +wohnen unter den Gewässern. Oben auf der Erde haben die Elbe +Lieblingsplätze, Wiesengründe, einsame eingeschlossene Waldgegenden, +besondere Bäume, unter denen sie gerne ausruhen, wie Alberich im Ortnit +unter der Linde. Der Wald ist ja überhaupt von Geistern aller Art, +elbischen und riesischen, bevölkert. Menschen gelangen manchmal in die +unterirdischen Wohnungen der Elbe, wo ihnen die Zeit wundersam schnell +verstreicht. Ein paar Stunden oder Tage, die das Menschenkind bei den +Elben verbracht zu haben vermeint, erweisen sich bei der Rückkehr +zur Oberwelt oft als Jahre oder Jahrzehnte. Die Elbe lieben Tanz und +Spiel. Unermüdlich bringen sie ganze Nächte mit diesem Vergnügen zu, +nur der Strahl der aufgehenden Sonne, den die Unterirdischen scheuen, +zwingt sie einzuhalten und sich zu verbergen. Man erblickt ihre Spuren, +Kreise, die sie ins tauige Gras getreten. Der Jüngling, der den Tanz +der Elbinnen im Mondschein sieht, kann die Augen nicht davon abwenden, +so verführerisch ist er. Wird er aber in den Reigen gezogen, dann +ists um ihn geschehen. Die musikalische Begabung der Elbe gipfelt im +„_albleich_“, im Albliede. Schwedisch heisst die wunderbare Weise +_elfvalek_, Elfspiel, norwegisch _huldreslaat_, Schlag des Huldrevolks, +neuisländisch _ljuflingsmál_, _ljuflingslag_, Weise und Schlag der +Lieblinge d. h. der Elbe. Besonders der Nix ist des Stückes mächtig. +Menschen können das Spiel von den Elben erlernen. Was die griechische +Sage von Orpheus und Amphion erzählt, das berichtet deutsche Sage +vom Albleich. Wenn die Weise ertönt, da horchen alle Wesen auf, +Menschen und Tiere, der Eichwald stillt sein Rauschen, der Strom +seinen Lauf. Der Gesang der Elbinnen ist ebenso unwiderstehlich als +das Spiel der Elbe. Niemand entzieht sich dem süssen sinnberückenden +Zauber solchen Getöns. Die Elbe wissen die Zukunft voraus, so gut +wie sie wissen, was in der Entfernung geschieht. Sie weissagen und +verkündigen bevorstehendes Unglück, wie die Wasserminnen dem Hagen der +Nibelungen Not ansagen. In den Alvísmǫ́l tritt der allwissende Zwerg +Alwis dem Thor gegenüber; er weiss Bescheid in allen Welten und bleibt +auf keine Frage die Antwort schuldig. Die Kunstfertigkeit der Elbe +übertrifft alles, was Menschen zu leisten im Stande sind. Die Zwerge +sind die geschicktesten Schmiede, aus deren Arbeit Kleinode und Waffen +hervorgehen. Die Schmiedekunst wird für gewöhnlich den Zwergen allein +zugeschrieben. Aber Wölund heisst _alfa ljóþi_, _alfa vísi_ d. h. +der Elbe Fürst und Beherrscher. Die Schmiedekunst wird ursprünglich +den Elben überhaupt zugehört haben und erst allmälig den Zwergen +insbesondere überwiesen worden sein. Ihre eigenen Fähigkeiten, ihr +Wissen vergaben die Elbe manchmal an besonders bevorzugte Günstlinge. +Die Elbe können jede Gestalt annehmen. Unter den Menschen erscheinen +sie meistens in menschlicher Grösse. Nixen, die ans Land steigen, +gleichen den schönsten Mädchen, sind auch wie Menschen gekleidet, +nur dass zum Zeichen ihrer Abkunft die Säume ihrer Kleider oder ein +Zipfel daran beständig nass bleiben. Der Hausgeist fliegt als weisse +Feder bei dem Auszug seines Herrn neben dem Wagen her, er entspringt +als Marder oder zeigt sich als Schlange. Sinnesart und Neigungen der +Elbe zeigen eine eigentümliche Mischung von gut und böse, List und +Aufrichtigkeit, sie vereinigen zwei entgegengesetzte Eigenschaften. +Die Elbe sind edel und hilfreich, aber auch äusserst boshaft, im +ganzen halten sie sich in zweifelhafter Mitte, worin der Grundzug +ihres Wesens beruht. Die Elbe necken, höhnen und spotten gerne, ohne +den Menschen dabei eigentlichen Schaden thun zu wollen. So erlustigt +sich ein Kobold daran, die Leute an einander zu hetzen, trägt aber +vorher alle Waffen bei Seite, damit sie sich kein Leid anthun können +(Deutsche Sagen Nr. 76). Auch Alberich im Ortnit äfft und verspottet +unsichtbar die Heiden. Dem Ortnit selber gegenüber kehrt er diese +Seite hervor. Er lockt ihm den wunderbaren Ring, womit er zum Dienst +des Helden verpflichtet ist, ab, macht sich dann unsichtbar, verlacht +ihn und spottet seiner fruchtlosen Drohungen, gibt aber schliesslich +gutwillig den Ring wieder zurück. Die Wichte in den Bergwerken necken +die Bergleute durch unschädliche Steinwürfe; sie rufen, und wenn dann +die Arbeiter herbei eilen, finden sie niemand. Auch vertragen sie das +Werkzeug, bringen es aber mit Lachen und Spotten zurück (Deutsche Sagen +Nr. 35). Die Elbe selber dulden aber keinen Scherz von Seiten der +Menschen, sie werden darüber ernstlich böse. List und Verschlagenheit +zeigt Alberich im Ortnit. Er weiss mit Klugheit alles zu erlangen, so +bringt er Ortnits Ring an sich und stiehlt die heidnischen Schiffe. +In der Þiđrekssaga Kap. 16 heisst Alfrik der grosse Dieb (_hinn mikli +stelari_); er ist der geschickteste aller Zwerge. In der Vǫlospǫ́ 11 +wird einem Zwerg der Name Althjof, Alldieb, beigelegt. Die Zwerge +stehlen gern Lebensmittel, Erbsen und Brot (Deutsche Sagen, Nr. 153, +154, 156), aber auch Kinder und Jungfrauen. In der Karlssage heisst ein +berüchtigter Dieb, der die Eier unter den Vögeln wegstiehlt, Elbegast. +Der Name deutet auf einen ursprünglichen Alb. Das Verhältniss der +Elbe zu den Menschen ist bald freundlich, bald feindlich. Die Elbe +sind ein stilles, gutes, friedliches Volk, das auf gute Nachbarschaft +hält. Die Zwerge bei der Stadt Achen entliehen Kessel und Töpfe und +allerlei Küchengeschirr bei den Einwohnern (Deutsche Sagen, Nr. 33), +die bei Quedlinburg borgten ihr eignes Zinnwerk den Leuten zu ihren +Hochzeiten aus (ebenda Nr. 36). Für empfangene Wolthaten und geleistete +Dienste erweisen sich die Elbe erkenntlich. Die Gǫngu-Hrolfssaga Kap. +15 erzählt, wie Hrolf durch einen wunderbaren Hirsch zu einem Hügel +im Walde gelockt ward; der Hügel that sich vor ihm auf, und eine +_alfkona_, eine Elbin, trat heraus, die ihm verwies, dass er ihr Tier +jage, aber zugleich erklärte, dass sie es selbst ausgesandt habe, ihn +heran zu locken. Sie bat ihn sofort, ihr an das Lager ihrer Tochter zu +folgen, die nur ein Mensch aus ihren Geburtsnöten erlösen könne; da +Hrolf ihr folgte und die verlangte Hilfe leistete, erhielt er nicht nur +jenen Hirsch, sondern überdies noch einen Ring, dem die Eigenschaft +inne wohnte, dass sein Träger bei Tag und Nacht sich nie verirren +konnte. Zugleich ward er vor einem ihm drohenden Verrate gewarnt. In +schwerer Gefahr bewährte sich später die Kraft des Ringes (ebenda Kap. +28). Die Elbe machen Geschenke, die, solange sie erhalten bleiben, +dem Eigentümer Glück bringen (Deutsche Sagen, Nr. 35, 71). Oft müssen +diese Gutthaten verschwiegen werden, man darf das Geheimniss nicht +beschreien, das an die Gabe geknüpfte Gebot des Albs nicht brechen, +sonst verliert sie ihren Segen (Deutsche Sagen, Nr. 7). Die Elbe +verlangen von den Menschen namentlich Hilfe bei Geburt ihrer eignen +Kinder. Am häufigsten bezeugt ist die Sage, wie Menschenweiber von +den Elben im Berg oder im Wasser geholt werden, um Hebammendienste zu +leisten. Dass den Elben Heilkraft gegeben war, lehrt die Kormakssaga +Kap. 22. Der Isländer Thorward war von Kormak im Zweikampf schwer +verwundet worden. Sein Befinden besserte sich nur langsam. Wie er +auf den Füssen stehen konnte, ging er zur klugen Thordis und fragte +sie, was ihm am ersten zur Besserung seiner Gesundheit dienlich wäre. +Sie sprach: Ein Hügel ist in geringer Entfernung von da, in welchem +Alfar wohnen. Den Stier, den Kormak als Opfer nach dem Zweikampf +schlachtete, sollst du dir verschaffen, und das Blut des Stieres aussen +um den Hügel streichen, und aus dem Fleische den Alfen ein Opfermahl +bereiten; damit wird es dir besser werden. Thorward befolgte den Rat +und erlangte schnelle Heilung. Der Kobold schliesst sich ans Haus und +seinen Besitzer aufs innigste an und nimmt bei den Menschen Wohnung. +Von ehelichen Verbindungen zwischen Menschen und Elben berichten +zahlreiche ältere und neuere Sagen. Die Elbe sind treu und verlangen +Treue von den Menschen, mit denen sie sich einlassen. Alberich ist +Sigfrid von dem Augenblicke an, wo er ihm Treue gelobt hat, völlig und +aufrichtig ergeben. Alberich im Ortnit bewährt sich ebenso treu und +zuverlässig in hilfreicher That. Im Ruodlieb vergleicht ein gefangener +Zwerg sein Geschlecht mit den Menschen. Die Menschen seien treulos +und darum kurzlebig, während die Zwerge, weil sie redlich seien (_non +aliter loquimur nisi sicut corde tenemus_) und einfache Speisen +essen, lang und gesund leben. Klagend rufen die Zwerge: O wie ist der +Himmel so hoch und die Untreue so gross! und verziehen sich aus der +Gegend (Deutsche Sagen Nr. 148/49). So sehr die Elbe einerseits dem +Menschen sich nähern, so weichen sie auch andrerseits vor ihm zurück. +Glockenschall nahegelegener Kirchen, Reuten der Wälder, neue Hammer- +und Pochwerke, Fluchen und Neckereien der Leute vertreiben sie. Dann +erfolgt ein grosser Auszug der Unterirdischen. Sie schliessen einen +Vertrag mit einem Fährmann ab und werden übergefahren, um niemehr zur +alten Heimat zurückzukehren. Oft nehmen sie Glück und Gedeihen mit sich +fort (vgl. Deutsche Sagen Nr. 153/55). Aus der Bekehrungszeit Islands +bietet sich eine schöne und rührende Alfensage dar. Die Kristnisaga +Kap. 2 berichtet in Kürze: „Thorwald hiess seinen Vater Kodran sich +taufen lassen, der aber zeigte wenig Lust dazu. Zu Gilja stand ein +Stein, welchen die gesamte Verwandtschaft angebetet hatte, und von +dem sie sagten, dass ihr dienstbarer Geist (_ármađr_) darin wohne. +Kodran erklärte, sich nicht taufen zu lassen, ehe er wisse, wer mehr +vermöge, der Bischof oder der Geist im Steine. Hierauf ging der Bischof +zu dem Steine und sang darüber, bis der Stein zersprang; da meinte +Kodran einzusehen, dass der Dienstgeist besiegt sei, und er liess +sich sofort taufen und sein ganzes Haus; nur sein Sohn Orm wollte den +Glauben nicht annehmen.“ Die Thorvaldssaga Kap. 3 führt die Erzählung +mehr ins Einzelne aus. Kodran rühmt von seinem Dienstgeist, er sei +ein Weissager (_spámađr_), der ihm grossen Nutzen bringe; er sage ihm +Ungeschehenes voraus, er warte das Vieh und mache ihn aufmerksam, was +er thun und lassen solle; darum habe er grosses Vertrauen auf ihn und +verehre ihn seit vielen Jahren. Als der Bischof den Stein mit geweihtem +Wasser begoss, kam der Geist in der folgenden Nacht zu Kodran, mit +traurigem Aussehen und ängstlich. Er sprach zu Kodran: Übel hast du +gethan, da du die Leute hieher einludst, die dich zu betrügen vorhaben, +indem sie versuchen, mich aus meiner Wohnstätte zu vertreiben; denn +sie gossen siedendes Wasser über meine Herberge, sodass meine Kinder +nicht geringe Qual von den brennenden Tropfen leiden, die durch die +Decke herabfallen, und obwol dergleichen mir selbst nicht viel thut, so +ist es doch immer hart, die Klagen der Kinder zu hören, wenn sie des +Brennens wegen schreien. Tags darauf setzt der Bischof die Beschwörung +fort. In der Nacht erschien der Geist dem Kodran wieder, aber nicht wie +früher mit hellem, glänzendem Antlitz und herrlichem Gewand, sondern in +einem hässlichen alten Lederkittel und mit finsterem, üblem Aussehen. +Und er sprach: Diese Leute arbeiten eifrig daran, uns beide unsrer +Güter und Vorteile zu berauben, da sie mich von meinem Erb und Eigen +vertreiben, dir aber unsre liebevolle Fürsorge und zukunftskundige +Weissagungen entziehen wollen. In der dritten Nacht wehklagt er: Dieser +schlechte Bischof hat mich um all mein Eigen gebracht, meine Herberge +hat er verdorben, mich mit siedendem Wasser begossen, mir und meiner +Familie busslos mit Brand Schaden gethan und damit mich gewaltsam weit +hinausgetrieben in die Verbannung und Wildniss. Jetzt müssen wir beide +Freundschaft und Zusammenleben brechen. Besinne dich nur, wer von jetzt +an deiner Güter getreulich warten wird, wie ich ihrer bisher gewartet +habe. Damit trennten sich der Geist und Kodran mit Zorn und keiner +Freundschaft. + +Es gibt aber auch feindselige, schädliche Elbe, deren Anblick Krankheit +und Tod bringt. Schon der blosse Anblick der Elbe kann Erblindung +verursachen. Mit Schuss und Schlag wissen sie zu schädigen. _Ylfa +gescot_, norw. _alfskud_, dän. _elveskud_ ist die Lähmung, welche ihr +Geschoss hervorruft. Die norweg. _alfkula_, Albkugel ist ein Knäul, +der im Magen des kranken Viehes gefunden wird und von den Elben +dorthinein geschossen wurde. Das berühmte dänische Lied von Herrn +Olaf, der ausreitet, seine Gäste zur Hochzeit zu entbieten, erzählt, +wie die Elbinnen ihn zum Reigen auffordern. Als er sich standhaft +weigert, da am nächsten Morgen sein Hochzeitstag aufdämmere, stösst +ihn die Elbin aufs Herz. Noch nie empfand er solchen Schlag. Er +reitet heim, aber am andern Morgen liegt er tot. Auf den bösen Blick +der Elbin spielt Heinrich von Morungen an. Elbischer Hauch bringt +Gefahr, Elbhauch (norw. _alvgust_, _elfblaest_, schwed. _elfveblåst_) +ist Gliedergeschwulst. Blödsinnige, geistesschwache Leute heissen +Elbentrötsch, ihr Sinn ist durch die Elbe verwirrt. Die verfilzten +Haare der Pferde sind Alp- oder Wichtelzöpfe. Die Krankheiten, die +nach dem Volksglauben als Würmer oder sonstige Parasiten den Leib des +Menschen in Besitz nehmen, heissen geradewegs fliegende Elbe[85]. +Angeflogene Geister bringen den Menschen in Siechtum und müssen zu +seiner Heilung wieder vertrieben werden. Schon die oberdeutsche +Bedeutung des Wortes Alp lehrt, dass die Elbe auch den Marendruck +ausüben. Die Elbe tragen nach kleinen, gesunden Kindern Verlangen und +legen an ihrer Statt Wechselbälge in die Wiege. Wer elbische Speise und +Trank berührt, verfällt dadurch den Unterirdischen. Wer in ihr Reich +gelangt, wird überhaupt gerne daselbst festgehalten oder kehrt nur +stumpfsinnig und wahnwitzig, „_elbisch_“, unter die Leute zurück. + +Die Elbe bilden ein Volk unter Königen. Darauf weist schon der Name +Alberich, König der Elbe. Im Ortnit trägt er auch Krone und beherrscht +grosse unterirdische Reiche. Im Nibelungenlied ist er ein Dienstmann +der Könige Schilbung und Nibelung. Die deutsche Heldensage weiss +von Zwergkönigen Laurin, Walberan, Goldemar. Alberich und Laurin +kommen auf kleinen Pferden angeritten. Ebenso Euglin, der Zwergkönig +im Seyfridsliede; der jagt auf kohlschwarzem Rosse durch den Tann, +angethan mit herrlichem Seidengewand, das mit Gold besetzt und mit +Zobel verbrämt ist. Auf dem Haupt schimmert eine mit Edelsteinen +geschmückte Krone. Er ist mit seinen Zwergen im Berge dem Riesen +Kuperan zinspflichtig und steht nun Seyfrid im Kampfe gegen den Unhold +mit seiner Nebelkappe bei. Er stärkt ihn mit Speise und Trank und +weissagt ihm die Zukunft. Aber auch Eugel muss erst mit Gewalt dazu +gebracht werden, dem Helden zu dienen. In den Harzsagen ist Gübich +König der Zwerge (Pröhle, Harzsagen² 105), in den Deutschen Sagen Nr. +152 ist Heiling Fürst der Zwerge. Auf Island gab es zwei Alfakönige. +Jedes Jahr musste abwechselnd einer von ihnen in Begleitung einiger +seiner Leute nach Norwegen hinüber reisen, um dem dort herrschenden +Oberkönige über den Zustand seines Reiches Bericht zu erstatten und +selbst gegen etwaige Anklagen seiner Unterthanen zu Recht zu stehen. So +erzählt Finnur Jónsson in seiner _historia ecclesiastica Islandiae_ 2, +368 f. + +Die neuere isländische, ebenso die færöische Volkssage haben überhaupt +die Auffassung der Elbe eigentümlich entfaltet. Die _álfar_[86] heissen +auch _huldufolk_, verborgenes Volk, _ljúflingar_, Lieblinge. Sie hausen +in Steinen und Erdhügeln, in Klippen und Schlüften, mitten unter den +Menschen. Ortsnamen auf Island erinnern häufig an ihr Dasein. Sie +sind durchaus menschenähnlich gedacht, auch in Bezug auf Gestalt und +Grösse. Sie führen auch dieselbe Lebensweise wie die Menschen. Sie +werden geboren und sterben, nur dass ihnen eine ungewöhnlich lange +Lebensdauer beschieden ist; sie essen und trinken und belustigen sich +gerne mit Musik und Tanz, zumal in festlichen Zeiten, wo man dann ihre +Wohnungen weithin hell beleuchtet sieht. Sie haben ihr eigenes Vieh von +ganz besonderer Güte; sie rudern in See auf Fischfang, wobei man ihren +Ruderschlag vernimmt und die Spur ihrer Kähne im Wasser sieht. Sie +haben eigene Kirchen und gottesdienstliche Bräuche, ja selbst Bischöfe. +Bei aller Ähnlichkeit bleiben indessen die álfar von den Menschen +scharf geschieden, ihr Gemeinwesen ist von dem menschlichen durchaus +getrennt. Sie selbst sind im Besitz übernatürlicher Kräfte, durch +welche sie den Menschen zu nützen, aber auch zu schaden im Stande sind. +Nur ausnahmsweise werden sie dem menschlichen Auge sichtbar. Sie sind +auf kleine Kinder aus und vertauschen sie vor der Taufe gern mit ihren +Wechselbälgen. Alfmädchen suchen Jünglinge in den Berg zu locken, auch +knüpfen álfar mit Mädchen Liebschaften an. Menschliche Hilfeleistung +verlangen die álfar namentlich bei Niederkunft ihrer Frauen. Dafür +helfen sie wiederum den Menschen, verschaffen ihnen verlaufenes Vieh, +schenken ihnen wunderkräftige Gegenstände und heilen von Siechtum. Den +álfar der neuisländischen und færöischen Volkssage ist namentlich der +Umstand eigentümlich, dass sie nie als klein geschildert werden und +keine Schmiedekunst ausüben, obwol im übrigen ihre Art derjenigen der +Bergelbe, also der Zwerge, entspricht. Auf Island ist Name und Begriff +der dvergar überhaupt verschwunden. Die altnordischen Quellen aber +gedenken der Zwerge oft, ihr Andenken haftet auf Island nur noch an +einigen Ortsnamen wie _Dvergasteinn_, _Dverghól_ u. ä. Auf den Færöern +treffen wir in Lied und Sage (_færösk anthologi_ 2, 326) die _dvörgar_ +um so häufiger neben dem sonst gleich geschilderten _huldufólk_ der +_álvar_. + + +1. Zwerge. + +Alle germanischen Mundarten bieten Wort und Begriff „+Zwerg+“ dar, +ahd. _twerg_, mhd. _getwerc_, obds. _zwerch_, mds. _querch_, ags. +_dweorh_, engl. _dwarf_, an. _dvergr_. Germanischer Ursprung des Wortes +ist zweifellos, die Etymologie aber dunkel. Laistner (AnzfdA. 13, +44) denkt an Zusammenhang mit dem starken mhd. Zeitwort „_zwergen_“ +drücken und führt somit bereits den Zwergnamen auf den Kreis der +Maren, der Druckgeister zurück; Noreen (Abriss der urgermanischen +Lautlehre S. 224) stellt die Wurzeln _dhuer_ und _dhru_ zu einander +und gewinnt damit gleiche Urbedeutung der Zwerge und Draugen. Die +Zwerge scheinen also Verbindung mit Maren und Seelen zu halten. Die +Zwerge gehören zu den Elben, wie schon die Bezeichnung des Wölund, +des Hauptvertreters zwergischer Kunst, als Alfenfürst, _alfa vísi_ +beweist. Snorri meint mit seinen Dunkelelben, mit den _dökkalfar_ +ebenso Zwerge. Ihre Eigenschaften wurzeln auch alle in der Art der +Elbe. Die Zwerge erscheinen im Volksglauben vorwiegend als die +kunstreichen Elben, als die Schmiede. Die Zwergsagen fanden ihre +Ausbildung zumeist in Gebirgsländern, wo Bergbau betrieben ward. In der +Ebene ist ihre zwergische Eigenart von der allgemeinen elbischen kaum +unterschieden, auch wird der Name „Zwerg“ selten angewandt, sie heissen +die _Unterirdischen_ und sind die Elbe, die in Hügeln wohnen. Weitere +Benennungen der echten Zwerge, die auf ihre Wohnung und Thätigkeit +zielen, sind _Bergmännlein_, _Bjergfolk_, _Bjergmand_, _Erdmännchen_, +_Erdleute_, _Erdschmiedlein_, _Bergschmiede_. Wichtel, Wichtelmännlein +heissen sie wegen ihrer kleinen, winzigen Gestalt. Die Zwerge sind fast +immer missgestaltig, dickköpfig, alt, graubärtig, höckrig, von bleicher +Gesichtsfarbe (_fǫlr um nasar_ Alvísmǫ́l 2), zuweilen enten- oder +geissfüssig, unscheinbar gekleidet. Nur die Könige tragen prächtige +Gewandung. Die Frauen der Zwerge bewahren aber die elbische Schönheit. +Die Zwerge sind so gross wie ein drei- oder vierjähriges Kind, manchmal +noch kleiner, zwei oder drei Spannen hoch, daumengross (Däumlinge). +Sie sind geschickt, klug und listig. Sie machen sich mit einer Kapuze +(_helkappe_, _nebelkappe_, _tarnkappe_, _tarnhût_, an. _hulidshjalmr_, +ags. _hæleđhelm_) unsichtbar. Gemeint ist wol ein Zaubernebel, in dem +sie selber verschwinden oder mit dem sie die andern verblenden. Das +Nebelspiel, das plötzliche Erscheinen und Vergehen kleiner Wölkchen, +wie sie besonders an Bergen zu beobachten sind, mag zur Ausbildung +solcher Vorstellungen wesentlich beigetragen haben. Im Laurin (191 +ff., 535 ff., 1174 ff.) wird eines Gürtels und eines Ringes gedacht, +wodurch der kleine Zwerg zwölf Männer Kraft gewinnt. Aus dem Laurin, +durch Vermittlung der dänischen im 15. Jahrhundert verfassten _kong +Laurins krönike_ scheint dieser Kraftgürtel auch in die færöische +Volkssage der Gegenwart (_færösk anthologi_ 1, 326) gedrungen zu sein. +Die nordische Sprache nennt das Echo _dvergmál_, Zwergenrede. Ebenso +begegnet _dvörgamál_ in den færöischen Liedern. Die Helden führen so +starke Streiche, dass Zwergrede aus Klippen und Bergen widerklingt. Die +Berggeister antworten also der rufenden Stimme oder sonstigem Hall. +Die Zwerge wohnen in hohlen Bergen, ihre Säle sind herrlich mit Gold +und Edelsteinen ausgeschmückt. Vor Laurins Berg ist eine blühende, von +Linden beschattete Aue, wo Vogelsang erschallt und friedlich allerlei +Getier spielt. Dort hinaus ziehen die Zwerge aus ihren Höhlen, um sich +am Tanz in freier Luft zu erfreuen. Aber viel schöner ists im Berge +selbst. Mit allen erdenklichen Kleinoden ist die Decke behangen, die +goldenen Bänke leuchten von Edelsteinen. Allerlei Kurzweil herrscht. +Zwei reichgekleidete Zwerge spielen auf rotgoldenen kostbaren Fiedeln, +deren Saiten süss erklingen. Die Zwerginnen sind schön und wol +geschaffen, reich in Seide gekleidet und mit Geschmeide behängt. Aber +nur Sonntagskindern, besonders auserkorenen Sterblichen eröffnet sich +ein Einblick in die unterirdische Pracht. Die Könige der Elbe sind in +den Tiroler Sagen des Mittelalters zu Beherrschern des Zwergvolkes +geworden. Die Zwerge kehren gern in menschliche Wohnungen ein. Nach +Abzug der Senner wirtschaften die Zwerge in den verlassenen Almhütten +(Wolf, Beiträge zur deutschen Myth. 2, 311). Auf der Eilenburg in +Sachsen wollte einmal das kleine Volk Hochzeit halten und zog bei Nacht +in den Sal. Der alte Graf, der erwachte, wurde von einem kleinen Herold +geziemend eingeladen, am Feste teilzunehmen (Deutsche Sagen No. 31). +Beim Grafen von Hoia erschien einst bei Nacht ein kleines Männlein +und bat, für die folgende Nacht zum Einlager der kleinen Bergmännlein +Küche und Sal geliehen zu erhalten (Deutsche Sagen No. 35). Wie allen +gespenstischen Wesen so ist auch den Zwergen Scheu vor dem Tageslichte +eigen. In den nordischen Sagen verwandeln sie sich zu Stein, sobald +ein Sonnenstrahl sie trifft. Steinverwandelte Zwerge kennt auch die +deutsche Sage (No. 32); aber die Zwerge sind aus besonderem Anlasse +versteinert worden, nicht durch die aufgehende Sonne erstarrt. Die +Thätigkeit der Zwerge besteht nun darin, dass sie die edlen Steine +und Metalle ausgraben, zu grossen Schätzen anhäufen und zu Geschmeide +aller Art verarbeiten. Sie sind Bergknappen und Schmiede zugleich. +Nach Prätorius geben die Gebrüder Grimm in den deutschen Sagen No. 37 +ein Bild solcher Wichtlein. Die Zwerge haben das Aussehen eines alten +Mannes mit einem langen Barte, sind bekleidet wie Bergleute mit einer +weissen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne, +Schlägel und Hammer. Sie thun den Bergarbeitern kein Leid, denn wenn +sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen +doch selten Schaden zu, es sei denn, dass sie mit Spotten und Fluchen +erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in +den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist. +Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es +für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen. Sie schweifen in Gruben +und Schachten herum; bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder +eine Ader, bald als fassten sie das Gegrabene in den Eimer, bald als +arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie +necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen +sie; wenn man hinkommt, ist niemand da. Am Kuttenberg in Böhmen hat +man sie oft in grosser Anzahl aus den Gruben heraus und hinein ziehen +sehen. Wenn kein Bergknappe drunten, besonders wenn gross Unglück oder +Schaden vorstand (sie klopfen dem Bergmann dreimal den Tod an), hat +man die Wichtlein hören scharren, graben, stossen, stampfen und andere +Bergarbeiten mehr vorstellen; bisweilen auch, nach gewisser Maasse, wie +die Schmiede auf dem Amboss pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern +schmieden. Eben in diesem Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen, +hämmern, picken, als ob drei oder vier Schmiede etwas stiessen. In +Idria stellen ihnen die Bergleute täglich ein Töpflein mit Speisen +an einen besondern Ort. Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten +ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machen +ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie es, so werden die Kleinen +zornig und ungnädig. Die in der Erde verborgenen Schätze, von denen +die Volkssage so gern erzählt, werden darum häufig auf die Zwerge +zurückgeführt. Ist irgendwo ein versunkener Hort, so ist meistens ein +kleines graues Männchen mit im Spiele. Der berühmteste Zwergschatz ist +der Nibelungs; auf ihm liegt die goldene Wünschelrute, die verhindert, +dass er sich vermindert. Auch nach dem Liede vom hürnen Seyfrid ruht +Nibelungs Hort von den Zwergen gehütet im Berge. Nach nordischer Sage +war der Zwerg Andwari so zauberkundig, dass er zuweilen als Fisch im +Wasser lebte. Loki fing ihn und verlangte, dass er, um sein Leben zu +lösen, alles Gold ausliefern solle, das er in seinem Stein habe. Der +Zwerg gab all sein Gold her, doch barg er in seiner Hand einen kleinen +Goldring. Das sah Loki und verlangte, dass er auch diesen Ring ihm +überantworte. Der Zwerg bat, ihm diesen Ring nicht fortzunehmen, da +er durch ihn seinen Besitz wieder vermehren könne; Loki aber sagte, +er dürfe keinen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring fort und +wandte sich zum Gehen. Da sprach der Zwerg, dass der Ring jedem, der +ihn besitze, den Tod bringen werde. So berichten die Regins mǫ́l und +die Skaldskapar mǫ́l. Elbengewirk, das in Menschenhände gerät, ist +öfters Segen und Fluch bringend. Die Zwerge verstehen sich meisterhaft +darauf, die angesammelten Schätze zu verarbeiten. Den glänzenden +Bergkrystall nennt man in Norwegen _dvergsmie_, Zwerggeschmeid. Doch +mehr als in Schmucksachen zeichnen sich die Zwerge durch Anfertigung +hochberühmter und vielbegehrter Waffenstücke aus. Sowol ihres Wissens +wie ihrer Geschicklichkeit halber taugen sie als treffliche Lehrmeister +junger Heldensöhne. Regin war geschickter als alle Menschen und seinem +Wuchse nach ein Zwerg. Er war klug, grimmig und zauberkundig. Zu +ihm kam Sigurd in Unterweisung und Lehre. Regin verfertigte ihm das +Schwert Gram. In der Thidreks saga Kap. 57 heisst der ausgezeichnete +Schmied Mimir. Zu ihm kommt auch Welent in die Lehre, dass er Eisen +zu schmieden lerne. Später aber brachte ihn sein Vater Wadi zu zwei +Zwergen, die in einem Berge in Westfalen wohnten. Diese Zwerge +verfertigten besser, als irgendwo sonst Menschen es konnten, aus Eisen +allerhand Waffen, Schwerter, Brünnen und Helme; aus Gold und Silber +machten sie allerhand Kleinode. Darum sind auch die besten Waffen in +deutscher Heldensage Zwergenarbeit. Wird aber die Arbeit erzwungen, so +legen die Zwerge ihren Fluch darauf. So erzählt die Herwararsaga vom +Schwerte Tyrfing. König Sigrlami hatte einst zwei kunstfertige Zwerge +ausserhalb ihrer Steinbehausung überrascht. Er nahm sie gefangen und +bedrohte sie am Leben. Zur Lösung schufen sie das Siegschwert Tyrfing, +legten aber den Fluch darauf, dass drei Neidingswerke damit verübt +werden mussten. In der SE. führt Hagen, Hildes Vater, das Schwert +Dainsleif, das Zwerge schmiedeten und das eines Menschen Tod sein muss, +so oft es aus der Scheide gezogen ist, das nie im Hiebe Halt macht und +dessen Verwundungen nimmer heilen. In der märchenhaften Egils saga ok +Asmundar Kap. 11 beschenkt der einhändige Egill, der schwer an seiner +Wunde leidet, ein ihm begegnendes Zwergenkind. Zum Dank heilt ihm +dessen Vater die Wunde und schmiedet ihm überdies ein Schwert, das an +den Ellenbogen befestigt sich ebenso gut regieren lässt, als wenn Egill +seine Hand noch hätte. In der nordischen Göttersage gehen Odins Speer +und goldener Ring, Thors Hammer, Freys Schiff und goldborstiger Eber, +Sifs Goldhaar aus der Esse der Zwerge hervor. Die Weisheit der Zwerge +deutet die nordische Sage mit dem Namen Alwis an, ferner dadurch, dass +der Dichtermet ursprünglich im Besitze zweier Zwerge, des Fjalar und +Galar sich befindet. Die Beziehungen zwischen Menschen und Zwergen sind +die bei allen Elben üblichen. Die Zwerge verlangen menschliche Hilfe +bei schwerer Geburt ihrer Frauen. Sie erweisen sich aber auch dankbar +dafür. Die Zwerge unterschieben Wechselbälge (ahd. _wihselinga_, +nord. _bytingar_, _skiftingar_, _umskiptingar_) und rauben dafür +menschliche Kinder. Um den Wechselbalg zu erkennen und seinen Umtausch +zu bewirken, bedarf es besonderer Bräuche. Man thut irgend etwas +Ungewöhnliches, braut Bier in Eierschalen oder siedet Wasser darin. +Dann erhebt der Wechselbalg verwundert sein Sprüchlein: Nun bin ich so +alt wie der Wald und hab so was nicht gesehen! Oft genügt schon das +Geständniss seiner Herkunft zum Verschwinden, oft muss man ihn aber +auch misshandeln, peitschen oder sich anstellen, als ob man ihn in +den siedenden Kessel werfen wolle. Dann bringen die Zwerge das rechte +Kind zurück. Die Zwerge sind erpicht auf schöne Mädchen. Die Alvísmǫ́l +beruhen auf solcher Sage. Alwis der weise Zwerg will die Tochter des +Thor als Braut heimholen, wird aber solange hingehalten, bis das +Tageslicht ihn versteint. Der Laurin 735 ff. schildert eine Entführung. +Künhild lustwandelt vor der Burg zu Steier zu einer Linde auf grüner +Aue. Plötzlich verschwindet sie den Augen ihres Gefolges. Laurin war +herangeritten, hatte sie in seine Nebelkappe gehüllt und führte sie +unsichtbar hinweg in seine Tiroler Berge. Aber zur geplanten Heirat +kommt es nicht, die Berner Helden befreien die Maid aus der Gewalt des +bitterlich klagenden Zwergkönigs. Dietrich von Bern fand auf seinen +Fahrten einmal einen Berg, der von wilden Zwergen bewohnt war. Die +hatten ein schönes Mädchen bei sich. Es war eine Königstochter, welche +der Zwergkönig Goldemar geraubt hatte. Dietrich gewann sie dem Zwerge +mit grosser Mühe ab und nahm sie selber sich zur Frau. Im schwedischen +Volkslied holt der Bergkönig die Jungfrau in sein unterirdisches Reich, +sie bleibt acht Jahre bei ihm und gebiert ihm Kinder. + +Über den Ursprung der Zwerge berichtet die Vǫlospǫ́ 9/10, die Götter +hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut +und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller +Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins Geheiss machten die +Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche +Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle +ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus +Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von +den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob +die „Menschenbilder“ (_mannlíkon_) Zwerge oder rechte Menschen sind, +ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10 +lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten +menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber +erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d. h. aus Wasser und Stein, +überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen. +Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber: +„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der +Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der +Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt, +aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist +keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen +Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott +geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum +Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden +Tiere und zuletzt die Recken, d. h. die Menschen, um den Zwergen gegen +die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist +nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen +und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe +wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln +in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar +schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den +Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn +als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat +Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.[87] + + +2. Kobolde.[88] + +Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten. +Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich +hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute +verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends +gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber +am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als +Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name +solcher Hausgeister war +Kobold+. Das Wort begegnet zwar nur im +Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht +ist frz. _gobelin_ daher zu leiten, zweifellos hängt ags. _cofgodas +lares_ und _cofgodu penates_ damit zusammen. Kobold ist eigentlich +_kobwalt_, der des Kobens waltet; ags. _cofa_, an. _kofi_, mhd. _kobe_ +ist Hütte, Verschlag. Mithin ist Kobold eine treffende Benennung +des Hausgeistes.[89] Neben dieser allgemeinen, nur in Deutschland +nachweislichen Bezeichnung führt der Hausgeist noch eine Menge anderer +Namen, die seinem Thun und Treiben entstammen. Er wird geradewegs mit +kosenden Eigennamen gerufen wie Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen), +Wolterken, Robin u. s. w. oder man heisst ihn nach Merkmalen seiner +Tracht Hütchen, Hopfenhütel, Stiefel. Endlich wird er als polternder +Rumpelgeist mit Namen wie Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart, +Nisse (dänisch, zum Verbum _nisse_, sich geschäftig machen) oder als +Schrecker mit Namen wie Butzemann, Busemann[90], Puck, Tattermann, +Popanz belegt. An die Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister +mahnt das Märchen vom gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und +Ekerken (Eichhörnchen). + +In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen. +Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein +Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem +weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus +Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange[91], Katze zeigt sich der +Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in +Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und +verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold +ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den +Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim +einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut +Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen, +giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das +Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins +Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold +zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre +Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der +Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein +Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.[92] Vergisst sie +das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder +thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich +im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das Essen +umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt +auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde. +Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann +aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem +Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und +verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann +klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als +ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie +erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des +Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und +Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet +sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den +Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke +zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von +der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit +der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde +gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber +gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter +in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern +überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden +zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er +dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust +und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte +und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas +Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber +spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum +einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so +Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre +1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen +gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde +zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er +gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe, +sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied +freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein +Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen +Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr +der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast +wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein +Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den +Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der +Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich +will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich +selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn +der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig +ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist +die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden, +weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die +Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu +verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem +letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol +versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich +der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem +Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr +von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er +verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem +Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um +dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte +ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem +Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit +den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn +wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig +ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon +Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom +Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele +darbieten. + +Was der Kobold fürs Haus, das ist der +Klabautermann+ fürs Schiff. Er +ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff +reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im +Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur, +wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein +Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt +er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet, +ist vielleicht aus _kabout_(d. i. _kabolt_,_ kobolt_) entstellt, +etwa aus einer niederdeutschen Koseform _kobolterken_, die auch zur +Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben konnte.[93] + +Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister +so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann. +In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man +glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem +bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken +hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem +sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht +worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im +Hause Ermordeten.“[94] Der Klabautermann aber ist die Seele eines +toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und +zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als +Klabautermann aufs Schiff.[95] + + +3. Nixe. + +Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und +See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in +menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden. +Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen +Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern +hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem +Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften +Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es +auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare +Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als +Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen und Bächen, herrschen +mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen. + +Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.[96] Das Wort +findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf +riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen +wie _waȥȥerholde_, _merminne_, _mermeit_, _merwîp_, _merwunder_, +_wassermann_, _wasserjungfer_, _seejungfer_, _seeweibel,_ im +Nordischen heissen die Wasserwesen _haffrú_, _sækona_, _havmand_, +_strömkarl_, _vattenelfvor_, _quernknurrer_, _Grim_ und _fossegrim_. +Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd. _muome_, nds. _watermöme_) +vertraulich angeredet oder mit Eigennamen wie Wasserlisse[97] belegt. +Von den Wasserelben erfahren wir mehr aus der jüngeren Volkssage +denn aus der alten Überlieferung, welche uns dagegen riesische Wesen +vorführt. Doch ist anzunehmen, dass die Wasserelbe früher in der +Heidenzeit kaum anders vorgestellt wurden als in der Volkssage der +Gegenwart. Der Wassermann wird meist ältlich und langbärtig gedacht. +Er trägt einen grünen Hut, und wenn er bleckt, sieht man seine grünen +Zähne. Seine Zwerggestalt wird selten hervorgehoben, die Sage schildert +ihn gewöhnlich in menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt +er zwischen den Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den +Blättern und lässt sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die +Nixen sind von blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre +goldenen Haare kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne +Gründe und Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage[98] +Genaueres. Dass ihr Leib in einen fischartigen Schwanz ausläuft, wie +von der isländischen _haffrú_, dem _meyfiskur_ d. h. Mädchenfisch +erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss +die unverfälschte Sage nichts davon[99]. Unten im Wasser haben die +Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit Zimmern, +Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist der _nök_, +der _strömkarl_ oder _fossegrim_, der in rauschenden, brausenden +Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der Fossegrim lockt an stillen, +dunkeln Abenden die Menschen durch seine Musik an und lehrt Geige oder +Saitenspiel den, der ihm Donnerstag abends mit abgewandtem Haupt ein +weisses Böcklein opfert und in einen nordwärts strömenden Wasserfall +wirft. Ist das Opfer mager, so bringt es der Lehrling nicht weiter als +zum Stimmen der Geige, ist es aber fett, so greift der Fossegrim über +des Spielmanns rechte Hand und führt sie so lange hin und her, bis das +Blut aus allen Fingerspitzen springt; dann ist der Lehrling in seiner +Kunst vollendet und kann spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser +in ihrem Fall still stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist +die Sage vom Neck, die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am +Strom, der Neck sass und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu: +Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da +fing der Neck bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in +die Tiefe. Als die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater, +der ein Priester war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr +habt euch an dem Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt +ihm die Erlösung zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am +Ufer, trauerte und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck, +unser Vater hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck +froh seine Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“ +Auch die Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder +klagende Töne hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die +Wassergeister sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie +fordern Opfer an Menschenleben. Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben +gewaltsam in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen +erscheinen darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst. +Bezeugt sind die gewöhnlichen Typen[100]. So bieten die Deutschen +Sagen Nr. 68 den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr. +31, 58, 65, 69, 305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche +der Nixenfrau in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich +darin, dass der Nix seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute +ersichtlich wird, und dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid +anthun möchte. Der Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher +Gestalt und Kleidung, um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach +kam er einst zum Tanz unter die Linde auf den Markt als schöner, +wolgekleideter Jüngling. Er grüsste die ganze Versammlung höflich und +bot jedem Anwesenden die Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war +und bei der Berührung jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog +eine leichtfertige Magd zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig +bis zur Laibach, wo er mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch +öfters ans Land auf den Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz +und andern Lustbarkeiten. Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und +nur an ihren stets nassen Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden +von Liebe zu ihnen ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber +sie müssen immer zur bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie +länger da zu behalten, wird irgend eine List angewandt. Erschrocken +eilen die Verspäteten zu ihrem heimischen Gewässer und verschwinden +darin. Da steigt Blut auf und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft +wurde. Von vielen Gewässern geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein +jährliches Opfer, das sie auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht +der Nix oder die Nixe den Schwimmer hinunter. Die Leichen der also +Ertränkten, wenn sie gefunden werden, weisen blutunterlaufene Mäler +auf, wo der Wassergeist zugriff. Der Bräutigam eines schönen Fräuleins +war in die Elbe gefallen und drei Tage nicht aufgefunden worden. Ein +Schwarzkünstler erklärt, er sei in der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe +zwingen wolle. Da sich der Jüngling weigerte, fand man bald darauf +seinen Leichnam voll blauer Flecke. Ein Bauer, der in die Behausung des +Wassermanns kam, sah eine Stube voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung +bodenwärts. Es waren die Seelen der Ertrunkenen, die also aufgehoben +wurden, um nicht entwischen zu können. Das Opfer an die Wasserelbe +bezeugt Prokop _bell. goth._ 2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539 +die gefangenen gotischen Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die +Zukunft zu erforschen. Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die +Zukunft voraus. So verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die +Flusswirbel _(ῥεῖθρα ποταμῶν)_ und nach Plutarchs _Lebensbeschreibung +Caesars_ Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen. +Wasserelbinnen (_wîsiu wîp_, _merwîp_) verkünden Hagen die künftige +Not der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang +unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen +Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser +diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche +unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von +einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner, +Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister +lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der +den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten als +Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister, die +teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische Sage +von den „_Draugen_“. Die Draugen sind die Erscheinungen Ertrunkener +und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer Tod und +Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung wendet die +heutige isländische Volkssage[101] den Seelenglauben auf Wassergeister +an. Die Seehunde gelten als _Faraos líđar_, Dienstleute des Königs +Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken; sie leben als ein eignes +Volk auf dem Grunde des Meeres und haben eigentlich menschliche +Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das darüber liegende +Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht aber dürfen sie ihre +Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt steigen sie dann ans Land +und spielen, singen und tanzen fröhlich wie andre Menschen; wer ihnen +die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre Gestalt +zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So gewann einst ein Bauer ein +wunderschönes Mädchen zum Weib. Die Haut verwahrte er in einer Kiste. +Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die Kiste zu öffnen und das +Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und kehrte zu ihrem Volke +zurück. + +Unter den nordischen Wasserelben ist das isländische _marmennill_ noch +hervorzuheben. Das Marmennill, das Meermännlein, ist ein weissagender +Seezwerg, von dem auf Island eine altbezeugte Sage umläuft. In der +Landnáma II, 5 wird erzählt: „Grim ruderte im Herbste mit seinen +Hausleuten zum Fischen, der Knabe Thorir aber lag vorn im Schiffe +und war in einem Seehundssacke und am Halse zugezogen. Grim fing ein +Meermännlein, und als es heraufkam, fragte Grim: Was weissagst du +uns über unser Schicksal, oder wo sollen wir wohnen auf Island? Das +Männlein antwortete: Euch brauche ich nicht zu weissagen, sondern +dem Knaben, der in dem Seehundssacke liegt; er soll da wohnen und +Land nehmen, wo eure Stute unter dem Gepäck sich niederlegt. Weiter +bekamen sie kein Wort von ihm.“ In der Halfssaga Kap. 7 wird erzählt: +„Den Herbst ruderten Vater und Sohn zum Fischen und sie fingen ein +Meermännlein, welches sie dem König Hjorleif brachten. Der König +übergab es einer Magd am Hofe und hiess es wol pflegen. Niemand bekam +ein Wort von ihm. Die Lichtträger zankten sich einmal und löschten das +Licht aus. Währenddem schüttete Hilde ein Horn über das Kleid der Aesa, +der König schlug sie mit seiner Hand, Aesa aber sagte, der Hund sei +schuld, der auf dem Boden lag. Da schlug der König den Hund. Da lachte +das Meermännlein. Der König fragte, warum er lache. Es antwortete: Weil +du dich dumm angestellt hast, denn diese werden dir das Leben retten. +Der König fragte ihn um mehr, erhielt aber keine Antwort. Da sagte der +König, er wolle das Männlein ans Meer bringen, wenn es ihm sage, was +er zu wissen brauche. Das Männlein sprach, indem es zur See fuhr: Ich +sehe leuchten weit im Süden im Meer, es will der dänische König die +Tochter rächen, er hat draussen eine Unzahl Schiffe, er entbietet den +Hjorleif zum Zweikampf; hüte dich als ein Kluger, wenn du willst; ich +will zurück zur See. Und als sie mit ihm dahin ruderten, wo sie ihn +heraufgezogen hatten, da sprach er: Einen Spruch kann ich sprechen den +Söhnen der Halogaländer, keinen guten, wenn ihr ihn hören wollt. Hier +fährt von Süden her des Svord Tochter, mit Blut begossen, von Dänemark. +Auf dem Haupte hat sie den Helm aufgebunden, das harte Heerzeichen +Hedins. Wenig wird den Burschen hier auf der Fahrt der Hildr zu warten +sein. Brechen wird der Schild, der runde. Ich wandte mein Auge hieher +übers Land zu den Zäunen der Leute. Jeder Mann soll Rüstung und Speer +haben, der grosse Erzsturm hebt an. Übel, mein ich, ergeht es, alle +haben das Jahr teuer erkauft, wenn das Frühjahr kommt. Da liess ihn +König Hjorleif über Bord. Da ergriff ihn ein Mann bei der Hand und +fragte: Was ist dem Manne das Beste? Das Meermännlein antwortete: +Kalt Wasser den Augen, mürb Fleisch den Zähnen, Leinwand dem Körper. +Lasst mich zurück in die See. Kein Mensch zieht mich jemals wieder vom +Meeresboden herauf auf ein Schiff.“ Die neuisländische Sage[102] aber +lautet so: Ein Bauer zog beim Fischen einst einen Seezwerg herauf, der +sich als Meermännchen zu erkennen gab; er hatte einen grossen Kopf und +lange Arme, vom Leibe abwärts aber glich er einem Seehunde. Er wollte +auf die neugierigen Fragen des Bauern keine Auskunft geben, deshalb +nahm ihn dieser trotz allem Sträuben mit sich ans Land. Hier kam die +Frau des Bauern, ein junges lustiges Weib, an den Strand und empfing +ihren Mann mit Küssen und Liebkosungen. Darüber freute sich der Bauer +und sagte ihr viel Schönes, seinen Hund aber schlug er, als dieser ihn +gleichfalls bewillkommnete. Das Meermännchen lachte, als es dies sah. +Der Bauer fragte, warum es lache. Das Meermännchen erwiderte: Über die +Dummheit. Als der Bauer vom Strande nach Hause ging, strauchelte er und +fiel über einen kleinen Erdhügel. Da fluchte er fürchterlich über die +kleine Unebenheit, und dass sie jemals geschaffen sei und auf seinem +Lande sei. Da lachte das Meermännchen, welches vom Bauern gegen seinen +Willen mitgeschleppt worden war, und sagte: Unklug ist der Bauer. Drei +Nächte behielt der Bauer das Meermännchen bei sich. Da kamen einige +Kaufmannsgehilfen und hielten ihre Waren feil. Der Bauer hatte noch +nie so starkbesohlte und dicke schwarze Schuhe bekommen können, wie er +gern haben wollte. Diese Kaufleute aber behaupteten, die allerbesten +zu haben; der Bauer hatte unter hundert Paaren die Auswahl, allein er +meinte, sie seien alle zu dünn und würden gleich reissen. Da lachte das +Meermännchen und sagte: Mancher irrt sich, der sich für weise hält. +Weder mit Güte noch mit Gewalt bekam der Bauer mehr Belehrungen aus dem +Meermännchen heraus, als hier erzählt ist; nur unter der Bedingung, +dass der Bauer es wieder an dieselbe Stelle in der See hinausfahren +wollte, wo er es heraufgezogen hatte, und es dort auf seinem Ruderblatt +hocken liess, wollte es alle seine Fragen beantworten, aber sonst auf +keinen Fall. Nach drei Nächten willfahrte ihm der Bauer. Als nun das +Meermännchen auf dem Ruderblatt sass, fragte es der Bauer, welche +Ausrüstung die Fischer haben müssten, um beim Fange Glück zu haben. Das +Meermännchen antwortete: Von gekautem und geknetetem Eisen soll man +Angeln schmieden. Die Angelschmiede soll stehen, wo man das Brausen +von Wasser und See hören kann, und die Angelschnur soll aus grauem +Ochsenleder und einem Zaum aus roher Pferdehaut gemacht sein. Als +Köder soll man Vogelgekröse und Flunderfleisch nehmen, mitten am Haken +Menschenfleisch, und wenn du dann nicht viel fischst, kann dein Leben +nicht mehr lange währen. Verkehrt gebogen muss die Angel des Fischers +sein. Da fragte der Bauer, über welche Dummheiten das Meermännchen +gelacht habe, als er seiner Frau geschmeichelt und den Hund geschlagen +habe. Das Meermännchen antwortete: Über deine Dummheit, Bauer; denn +der Hund liebt dich, wie sein Leben, die Frau aber wünscht deinen +Tod und ist dir untreu. Der Erdhügel, den du verfluchtest, ist dein +Schatzhügel, denn grosser Reichtum liegt darunter; deshalb warst du +unklug, Bauer, und deshalb lachte ich über dich. Die schwarzen Schuhe +aber werden dein Leben lang halten, denn dir sind nur noch wenige Tage +vergönnt; drei Tage werden sie wol halten. Damit stürzte sich das +Meermännchen vom Ruderblatt ins Wasser und sie trennten sich. Aber +alles, was das Meermännchen gesagt hatte, bewährte sich später. + + +4. Wald- und Feldgeister.[103] + +Über das Fortleben der Seelen in Pflanzen wurde bereits berichtet. +Aus solcher Beseelung folgt, dass der Wald besonders als +Aufenthalt zahlreicher Geister galt. Die Etymologie des Wortes +Hexe (Waldunholdin) wies auf den Wald. Aber auch sonst finden +wir überall in Deutschland und Skandinavien, wo Wälder aufragen, +Sagen von _Waldleuten_, _Wildleuten_, _Holzleuten_, _Moosleuten_. +Nur in der norddeutschen Tiefebene gehen auch diese Gestalten im +allgemeinen Begriff der Unterirdischen auf. In Oberdeutschland wird +von den _saligen Fräulein_, den _wilden Leuten_, _Waldfänken_ und +_Schrätlein_ erzählt, in Mitteldeutschland von den _Holz_-, _Moos_-, +_Buschfräulein_, im Norden vom _skougmann_, _skogsrå_, von der +_skogsfru_ und _skogssnufa_. In Schleswig ist von der _Hollunderfrau +(Frau Elhorn),_ in Schoonen ebenso von der _Hillefroa_ die Rede, in +Schweden von der _Askafroa_ (Eschenfrau) und _Löfviska_ (Laubfrau); +da sind also Bäume persönlich gedacht. Die Vorstellung von der +Baumseele hat sich nach verschiedenen Seiten hin entfaltet. So +lebt die Seele im Baume als ihrem Leibe, den sie nicht verlassen +kann. Der Baum ist wie ein menschlicher Körper gedacht, er blutet, +wenn er verwundet wird. Wie der Leib so ist der Baum die Hülle der +Seele, die einerseits fest daran gebunden, andererseits aber auch +als ungebunden frei erscheint. Der Baumgeist tritt aus der Pflanze +heraus, entschwebt dem Baume, der dann weniger als Körper, vielmehr +als Wohnsitz eines geisterhaften Wesens gilt. Im Rauschen des Windes, +in den wundersamen Lauten, welche die Stille des Waldes durchhallen, +in spukhaften tierischen und menschlichen Gestalten macht sich der +Baumgeist bemerklich. Der Wald ist erfüllt von einer ungezählten Schar +gespenstischer Wesen, die bald elbisch, bald riesisch, je nach den +örtlichen Verhältnissen, nach den elementaren Zuständen erscheinen. Im +hochstämmigen, sturmbewegten, schaurigen Bergwald werden mehr Riesen +hausen, im lichten, freundlichen, sonn- und mondbeglänzten Hain treiben +Elbe ihr Wesen. Wie die Natur sich dem Menschen gibt, so bildet er +seine Sagen. Die wilden Leute, die Moos- und Holzleute, die Waldmänner +und Waldfrauen erinnern oft in ihrer Gestalt an ihren Ursprung. Sie +haben behaarten Körper, altes, runzliges Gesicht und sind ganz in Moos +gehüllt. Langes flatterndes Haar, grosse herabhängende Brüste eignen +den Elbinnen, welche seltener die anmutige Seite hervorkehren. Die +Waldelbe sind aufs engste mit den Windelben verknüpft. Der Sturmwind, +der wilde Jäger, hat es besonders auf die Moosweiblein abgesehen. +Braust er durch den Wald, so jagt er die Holzfräulein. Manchem Jäger +oder Holzhauer sind die schutzflehenden Weiblein schon begegnet; +und es war alter Brauch, die Baumstümpfe mit Kreuzen zu bezeichnen, +damit die verfolgten Elbinnen darauf Rast und Schutz vor dem wilden +Jäger fänden. Den Waldgeistern wird grosser Einfluss auf Sendung von +Seuchen und auf deren Heilung beigemessen. In Gestalt von Würmern, +Schmetterlingen oder Ungeziefer kriechen die schädigenden Elbe aus den +Bäumen heraus und in den Körper der Menschen hinein. Um sie wieder +los zu werden, verwünscht man sie in den tiefen Wald, ins Gehölz, in +den Baum oder Busch zurück. Sympathetische Kuren suchen die Seuchen +in den Baum zurückzubannen, darein zu verpflöcken. Die Waldgeister +wissen aber auch Heilgeheimnisse, welche sie zuweilen den Menschen +mitteilen. Zur Pestzeit laufen Holzfräulein aus dem Wald und empfehlen +bestimmte Kräuter, deren Genuss vor der Pest schützt. Wildmännlein +können mit List gefangen werden, indem man sie berauscht, dann geben +sie verborgene Kunde, ähnlich wie das Meermännlein. Auf diese Art +erfuhr ein Tiroler, was gegen die Pest nütze. Wate hat nach der Gudrun +529 von einem _wilden wîbe_ die Heilkunst erlernt. Im Eckenlied 174 +ff. gräbt das von Fasolt gejagte wilde Fräulein eine Wurzel und +bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Ross, wovon Weh und +Müdigkeit schwinden. Ein Wichtlein rühmt sich einem Bauern gegenüber, +es hätte ihm für Menschen und Vieh heilsame Kräuter zeigen können. Die +Waldgeister sind ihrer elbischen Art gemäss auf kleine Kinder aus, +welche sie stehlen. Sie streben ferner Verbindung mit den Menschen an. +Der Waldmann ist auf Weiber lüstern und stellt ihnen nach. Burkhard +von Worms weiss von Waldfrauen (_agrestes feminae, quas silvaticas +vocant_), die nach Belieben sichtbar und unsichtbar sind und sich mit +ihren Liebhabern ergötzen. Die rauhe Else wie die _skogssnufa_ naht +sich dem am nächtigen Feuer liegenden Wolfdietrich und begehrt nach +seiner Minne. Nach einer badischen Sage verliebt sich ein Jäger in +ein schönes wildes Weib, das in einer Höhle wohnt, und erlangt ein +Kind von ihr. Eine wilde Frau aus dem Unterberg, die ungemein schönes +und langes Haar hatte, nahm einen Bauern, der sich in sie verliebte, +zu sich in die Lagerstätte (Deutsche Sagen No. 50). Die Waldgeister +zeigen sich den Menschen gern dienstbar und gehen sogar allmälig in +Hausgeister über. Sie helfen zur Erntezeit den Arbeitsleuten, sie +verdingen sich dem Bauern für ständig, besorgen das Vieh im Stall und +bringen dem ganzen Hauswesen Glück und Gedeihen. Mit der Dienstleistung +der wilden Leute ist meist die Geschichte vom Todansagen verknüpft. In +vielen Wendungen ist sie bezeugt. Ein Hausgenosse hört auf dem Heimweg +oder sonst irgendwo eine Stimme, welche ihn auffordert, einem ihm +bisher unbekannten Wesen den Tod eines andern anzusagen. Wie er daheim +verwundert das Erlebniss berichtet und die ihm aufgetragenen Namen +ausspricht, da verschwindet mit lautem Wehruf der Knecht oder die Magd, +welche bis dahin unbekannter Herkunft beim Hausherrn in Dienst standen. +Die Wildleute riefen dadurch ihren Genossen, welcher sich zu den +Menschen verdingt hatte, in ihre Gemeinschaft zurück. Denn der Alb muss +weichen, sobald sein Name genannt worden ist. Die Waldgeister haben +die Waldtiere in Hut und Pflege, so gehören die Gemsen in Tirol den +wilden Leuten, die schwedische skogsfru ist Herrin der Jagdtiere und +der Jagd. Sie fordert eine Spende vom Jäger. Tiergestalt wird bei den +Waldgeistern verhältnissmässig selten erwähnt. Die Holzfrauen sitzen +zuweilen als Eulen auf den Bäumen; die seligen Fräulein auf hoher +Alpspitze beschützen in Geiergestalt die Gemsen. Die Tiroler Fanggen +erscheinen als Wildkatzen. Die dänische und schwedische Waldfrau trägt +Tierfelle und Kuhschwanz, also halbtierische Gestalt. + +Der Zusammenhang der Waldleute mit Seelen und Maren ist deutlich +ausgesprochen. Der Baumgeist wird in manchen Sagen aus der Seele eines +Menschen, welcher darunter begraben liegt, abgeleitet. Die Seele des +Verstorbenen geht in den Baum über und erfüllt ihn gleichsam mit +menschlichem Leben, so dass Blut in seinem Geäder umläuft und beim +Anhieb herausfliesst. Aus dem Munde eines im Kampfe gefallenen Königs +erwächst eine hohe Eiche. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt, +haust die Seele des Erschlagenen bei Tage im nahen Baum, bei Nacht +schweift sie in einem gewissen Bannkreis um den Blutbaum umher. In +einem Waldschlosse bei Nürnberg wurden drei Jungfern verflucht und vom +Blitze getötet; ihre Seelen fuhren in drei grosse Bäume. Ein Jäger +hatte sich an einer Eiche erhängt. Der Herr, der seine Leiche fand, +befahl, den Baum zu fällen. Aber Blut quoll unter den Axthieben hervor +und rote Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm +und Leichnam. Seitdem pirscht der Tote mit seinen Hunden gespenstisch +im Walde umher. So lässt sich die Seele überhaupt in Tier- oder +Menschengestalt ausserhalb des Baumes in dessen Nähe sehen. Der Baum +gilt ferner als Lebensbaum, als Sitz des Schutzgeistes eines Menschen, +gleichsam als sein Doppelgänger in der Pflanzenwelt. So lange der Baum +grünt und blüht, gedeiht der Mensch, wenn der Baum verdorrt oder +stürzt, geht der Mensch zu Grunde. Fortreisende verknüpfen oft ihr +Leben mit einem in der Heimat eingepflanzten Baume. Wie der einzelne +einen Schicksals- und Geburtsbaum hat, so auch die ganze Sippe. Die +Dorflinde, der schwedische _vårdträd_ mag damit zusammenhängen. Der +Hausbaum ist auch Sitz des Hausgeistes, des Ahnherrn, der seine +Nachkommen beschützt. In allen diesen Vorstellungen spielen Baumseelen +und Menschenseelen in einander, aus dem einen Aberglauben fliesst der +andre, der Baumgeist und Waldgeist tritt von dem Augenblicke ins Leben, +wo das Bewusstsein vom seelischen Ursprunge entschwindet. + +Aus dem Kreise des Marenglaubens stammen die Züge, dass die wilden +Leute in Südtirol gelegentlich dem Wandrer auch aufhocken und sich +dabei so furchtbar schwer machen, dass mancher der Last erlag oder +doch krank wurde, ferner dass ein Moosweibchen einen Bauer anfällt und +dergestalt drückt, dass er, obgleich stark von Natur, krank und elend +wurde. + +Wie Bäume und Wälder von Geistern beseelt waren, so auch Getreide und +Felder. Korngeister[104] spielen in Bräuchen und Sagen der Bauern +eine grosse Rolle. Meistens erscheinen sie in Tiergestalt; als Hasen, +Hirsche, Rehe, Schweine, Ziegen und Böcke, Katzen, Hunde, Wölfe +hausen sie im Kornfeld, als Mann, Frau oder Kind schreiten sie durchs +Gefild. Das nämliche Wesen, das im Wachstum des Waldes wirksam ist, +zeigt sich auch im Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese +regsam. Mit den Bäumen wächst die Gestalt des Waldgeistes gerne +ins Riesenhafte, im Felde überragt der Alb selten das gewöhnliche +menschliche oder tierische Maass. Die Namen sind ohne Weiteres klar: +Roggenwolf, Getreidewolf, Kornhund, Roggenhund, Heupudel, Kornkatze, +Haferbock, Roggensau und Kornmutter, Kornfrau, Kornmume, Roggenmume, +Hafermann, Getreidemann, der Alte, das Kornkind, das Ährenkind. Die +Kornweiber gelten auch als Kinderscheuchen. Die Feldgeister verleugnen +ihren Ursprung aus den Windelben (und im Winde leben die Seelen fort) +nicht. Wenn der Wind das Getreide wogen macht, dann wird gesagt: die +Kornmutter geht über das Getreide, die Wölfe laufen im Getreide, +die wilden Schweine laufen drauf, die Wetterkatzen sind drinn. Die +gespenstischen Wesen erblickte der Mensch in Gestalt von Tieren, die +ihm oft genug im Ackerfeld begegneten. Die Pflanze galt gleich wie der +Baum als der Leib des Geistes, dann aber auch nur als sein Wohnsitz, +den er beliebig verlassen konnte. So entsteigen nach dem Alexanderlied, +das freilich hier nicht germanischen Glauben abspiegelt, den Blumen +wunderliebliche Elbinnen, die nur so lange am Leben bleiben, als +ihre Blume blüht, mit deren Abwelken aber dahinsterben. In einem +überall nachweislichen Erntebrauch tritt der Glaube an Feldgeister +am deutlichsten zu Tage. Beim Schneiden oder Mähen des Ackerstückes +flüchtete der Geist immer tiefer ins Getreide, er suchte den Schnittern +zu entrinnen. Mit den letzten Halmen in der letzten Garbe wurde er +gefangen. Damit verband sich nun allerhand Aberglaube. Entweder wurde +er mit dem Abschneiden der letzten Ähren getötet oder beim Ausdreschen +erschlagen, oder er wurde feierlich und ehrenvoll heimgeführt und +zwar in Gestalt einer Getreidepuppe. Aus Wald- und Feldgeistern +erhuben sich dann überhaupt Vegetationsgeister, die in Frühlings-, +Sommer- und Herbstfesten eine bedeutsame Rolle spielen, worüber in +Mannhardts Studien ausführlich berichtet wird. Von den Feldgeistern +wird gelegentlich die Wechselbalgsage erzählt; so sucht die märkische +Roggenmutter einer arbeitenden Bäuerin ihr Kind auf dem offnen Felde zu +entwenden und dafür das eigne unterzuschieben (Deutsche Sagen Nr. 90). +Die Feldgeister hängen mit Seelen und Maren zusammen. Sie überfallen +in der Mittagszeit, wenn die Feldarbeiter ruhen, Männer und Frauen mit +Alpdruck und machen sie krank.[105] Manchmal hält man die Korngeister +für die Seelen Verstorbener, die auf der Gemeindemark umgehen müssen. +War es doch alter Glaube, dass die Seelen in Pflanzen weiterleben, +daran schloss sich unschwer die weitere Folgerung, dass sie darum +keineswegs unlöslich an die Pflanze gebunden seien, vielmehr frei +umherschweifen könnten. + +Die Feldgeister gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren +Tritten gedeiht die Frucht. Aber sie verkehren ihren Segen auch in +Schaden. Besonders in der Gestalt des _Bilwis_[106] verkörpert die +Volkssage solche böse Geister. Ursprung und Sinn des Namens, der in +mhd. Zeit auftritt und viel verderbt in nhd. Zeit noch fortlebt, der +im Nds. _belwit_ lautet, sind nicht erklärt. Seiner Art nach ist +der Bilwis ein plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes, +Getreide zerschneidendes Gespenst, das in weiblicher und männlicher +Gestalt auftritt. Er vereinigt in sich Elben- und Hexenart; Hexe und +Bilwis werden in späterer Zeit geradewegs gleichbedeutend gebraucht. +Der Bilwis wohnt im „_pilbispavm_“, wo er Opfer empfängt; er steht +mithin zu den Waldgeistern. Er verfilzt die Haare, Hans Sachs +gebraucht _verbilbitzen_ im Sinn von Haar verwirren. Dem Bilwis ist +auch das verderbliche lähmende Elbengeschoss eigentümlich, mit dem +er die Menschen siech macht. Als Mar erscheint er, wenn „_für dy +pilbis_“ empfohlen wird, den Kindern beschriebene Zettel mit den +Worten „_procul recedant somnia et noxia phantasmata_“ an den Hals +zu hängen. Der Bilwis ist endlich der Geist eines bösen Menschen, +der dem Nachbar schaden will, also seelisch. Die Bilwissagen haften +vornehmlich im östlichen Deutschland, in Baiern, Franken, Vogtland +und Schlesien, weshalb auch slavischer Ursprung des Wortes vermutet +wurde. Am schlimmsten bethätigt sich das Gespenst im Bilwisschnitt +oder Bockschnitt, im Durchschnitt des Getreidefeldes. Man findet oft +fussbreite, niedergelegte Streifen im Korn, ein Schaden, der als das +Werk des bösen Geistes bezeichnet wird. Auf einem Bocke reitet der +Bilwis durchs Feld, oder der Bilwisschnitter geht Mitternachts, an +den Fuss eine Sichel gebunden und Zauberformeln murmelnd, durch den +reifenden Acker. Aus dem Teil des Feldes, den er durchritten oder +durchschritten hatte, fliegen alle Körner dem Bilwis zu, und dem +rechten Eigentümer bleiben die leeren Hülsen. Dem Zauber zu begegnen, +gibt es Mittel. So wie die Bilwissagen uns vorliegen, sind sie +schwerlich alt. Aber sie lehren, dass man an saatverderbende wie an +saatfördernde Elbe glaubte. Dem Bauer musste vor allem daran gelegen +sein, mit den Feldgeistern sich gut zu stellen. + + + + +Die Riesen.[107] + + +Riesen und Elbe sind weniger der Art als dem Maasse nach verschieden. +Während diese vorwiegend die still und unsichtbar wirkenden +Naturgeister sind, verkörpern die Riesen die rohen, ungezähmten +Elementargewalten, das Ungeheure und Ungestüme, Finstre und Feindselige +in der Natur. Bei den Riesen tritt der Zusammenhang mit Maren und +Seelen mehr zurück, indem sie Gestalt und Wesen fast völlig aus dem +Element, dem sie entspringen, zugeteilt erhalten. Wie die entfesselten +Naturgewalten Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten, so +sind die Riesen auch meistens feindselig und bösartig. Sie trachten +nach Umsturz und Zerstörung, sie bedrohen die Weltordnung und sind die +geschworenen Feinde der Götter und Menschen, welche die Erde wohnlich +und wirtlich zu machen und zu erhalten bedacht sind. Gegen solche +Kulturbestrebungen kehren sich hauptsächlich die Angriffe der Riesen. +Sie sind die Dämone des kalten und nächtigen Winters, des ewigen +Eises, des unwirtbaren Felsgebirges, des Sturmwinds, des verheerenden +Gewitters, des wilden Meeres. Das älteste Geschlecht sind die Riesen. +Indem sie nach nordischer Auffassung aus dem Chaos unmittelbar +erwachsen, stellen sie die Naturmächte dar, welche vom Geiste noch +nicht bewältigt sind. Sie sind daher voll unbändiger Kraft, wild und +roh wie die Brandung des Meeres, das Geheul des Sturmes und die Wüste +des Felsgebirges. Die Üppigkeit der Natur hat noch keine Beschränkung +gefunden; darum sind ihre Leiber über alles Maass an Kraft, Grösse +und Zahl der Glieder ausgestattet. Zuweilen ist aber ein Unterschied +zwischen Riesen und Elben nur schwer anzugeben, indem dieselbe +Naturkraft bald harmlos, bald gewaltsam sich äussert. Die Sage deutet +dies dadurch an, dass der Zwerg zum Riesen aufwächst oder der Riese +zum Zwerg einschrumpft. In einem Schweizer Dorf, dass durch Bergsturz +verschüttet wurde, kehrte am Vorabend des Unglücks ein wandernder Zwerg +bei Sturm und Regen ein und bat um Herberge. Er wurde von den Meisten +mit Hohn abgewiesen, nur ein altes, armes, frommes Ehepaar am Ende +des Dorfes gewährte dem wegmüden, regentriefenden Wanderer gastliche +Aufnahme. Noch in der Nacht nahm er Abschied, um zur Fluh hinauf zu +steigen. Bei Tagesanbruch wütete Unwetter, ein gewaltiger Fels löste +sich vom Bergjoch los und rollte mit Bäumen, Steinen und Erde zum Dorfe +hinab, Menschen und Vieh unter den Trümmern der Hütten und Ställe +begrabend. Nur das Hüttchen der beiden Alten ward verschont. Mitten +im Sturme sahen sie ein grosses Erdstück nahen, oben darauf hüpfte +lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen +Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der +Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein schwoll immer +grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und zerfloss in +Luft.[108] In der Nähe von Schleswig sah ein Schäfer plötzlich einen +Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer grösser und grösser +ward, bis er endlich als ein Riese auf der Erde stand; bald aber ward +er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde hinein. Im +wilden Mieminger-Alpsee in Tirol wohnt eine Wassernixe. Bisweilen lässt +sie sich blicken und schwebt wie ein Nebel über dem kleinen See, wächst +hoch auf und macht sich wieder klein. Solche Sagen bilden sich wol +aus der wechselnden Nebelsäule, die als gespenstische Gestalt gefasst +wird. Saxo im Buch 1, S. 36 berichtet von der Riesin Harthgrepa (an. +Hardgreip), der hart Zugreifenden. Sie konnte sich in jede Gestalt und +Grösse verwandeln, bald war sie himmelhoch, bald klein und niedrig. +Die Waldfrauen der Tiroler Sage, welche vom wilden Jäger gehetzt +werden, erscheinen in doppelter Gestalt, bald elbisch, bald riesisch, +so besonders die sog. Fanggen in Südtirol. Aus Hreidmars Geschlecht +stammen Fafnir, der Riesenwurm, und Regin, der ein Zwerg von Wuchs war. +Trotzdem heisst Regin im Fafnirliede 38 _enn hrímkaldr jǫtonn_, der +eiskalte Riese, was im Hinblick auf die eben erörterten Vermischungen +riesischen und elbischen Wesens nicht so unmöglich klingt und +keineswegs notwendig nach _Fǫ́fnismǫ́l_ 34 geändert zu werden braucht. +Jedoch sind solche Mischungen verhältnissmässig selten, Elbe und Riesen +sind in den alten Quellen meistens nach Gebühr verschieden gestaltet +und verschieden geartet. + + +1. Die Benennungen der Riesen. + +Die gewöhnlichen Bezeichnungen der Riesen sind folgende. An. _jǫtonn_ +(lappisch _jetanas_), ags. _eoten_, as. _etan_ (aus Ortsnamen wie +_Etanasfeld_, _Etenesleba_ erschlossen) weisen auf urgerm. _etanaȥ,_ +vermutlich zu _etan_, essen, gehörig, also _edax_, gefrässig.[109] +Im Neunds. weist J. Grimm das Femininum _eteninne_, Riesin nach. +An. _þurs_ (finn. _tursas_) ist vielleicht aus älterem _þuris_ +hervorgegangen. Im Abecedarium Nordmannicum (Müllenhoff-Scherer, +Denkmäler No. V) wird die Rune þ mit _thuris_ bezeichnet, und auf +dieselbe Urform weisen ahd. _duris_, _thuris_, mhd. _dürs_, _türs_, +alem. _dürsch_. In Eigennamen wie _Thurismuth_, _Turisind_ begegnet +das Wort auch bei Goten und Langobarden. Aus älterem _þuris_ ist auch +ags. _þyrs_ entwickelt. Mhd. ist ausserdem die schwache Form _türse_, +vielleicht auch schon ahd. _turso_ vorhanden; dazu steht der Ortsname +_Tursinriut_, Tirschenreut. Über die Formen des Wortes im Neunordischen +und Neudeutschen (z. B. nds. _dros_ mit Metathesis aus _durs_) sind +die Mundartwörterbücher nachzulesen. Die germanische Grundform darf +mithin als _þurisaȥ_ angesetzt werden, und diese scheint aus dem +adj. _þuraȥ_[110], skrt. _turas_, stark, kraftvoll abzustammen. Der +_þurs_ ist also der Starke. Auf skrt. _vṛšan_, stark, kräftig, weist +der nur im Deutschen belegte Ausdruck „Riese“ (ahd. _risi_ und _riso_ +aus _wrisi_, wie as. _wrisil_ und _wrisilîc_ lehren) hin. Im An., wo +das Wort namentlich in der Zusammensetzung _bergrisi_ vorkommt, ist +es vermutlich aus dem Nds. entlehnt. Im Mhd. findet sich _hiune_, +mds. _hûne_ für Riese, im Neuniederdeutschen _hüne_[111] ist das Wort +bewahrt. Ein entsprechendes älteres *_hunio_ ist nicht nachweislich, +wol aber wahrscheinlich. Viele altgermanische Eigennamen enthalten +den Stamm wie z. B. _Hûn_, _Hûnila_, _Hûnarîx_, _Hûnirîx_, _Hûnimund, +Hûnolt_ u. s. w. Mit dem Volksnamen der Hunnen (ahd. _Hûni_, mhd. +_Hiune_) fand frühzeitige Vermischung statt, schwerlich aber ist das +germanische Wort dorther zu leiten. Schon längst ist auf an. _húnn_, +Bär hingewiesen, ein Wort, das in der Form _hûnoȥ_ als gemeingermanisch +anzusetzen ist. _Hû-na_ entstammt einer Wurzel, welche mit anderer +Ableitungssilbe im Aind. und Apers. als _çû-ra_, im Griech. als κῦρος +κύριος wiederkehrt. Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit. +_Hûnaȥ_ ist also wie _þurisaȥ_ und _wriso_ der Starke, Kräftige. +Das Ags. gewährt noch _ent_, plur. _entas_ für Riesen, einmal als +Übersetzung von _gigas_. In den baierischen Mundarten erscheint ein +verstärkendes Präfix _enz_- mit dem Begriff von ungeheuer, gewaltig, +und dazu das adj. _enzerisch_ (Schmeller, Bayer. Wb. 1², 117). +Vielleicht gehört auch der _Enzensberg_, _Enzinsperig_ als Riesenberg +hierher. Aber sicher ist hds. _enz_ neben ags. _ent_ keineswegs. Die +neunordischen Sprachen gebrauchten die allgemeine Bezeichnung der +Unholde, _troll_, mhd. _trol_, _trolle_, die ursprünglich dem Kreise +der Marenvorstellungen zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig +wurde im Ags. und Ahd. _gigant_ entlehnt und sogar in ungelehrten +Werken z. B. im Beowulf neben den heimischen Benennungen angewandt. + + +2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen. + +Eine grosse, menschliches Maass weit überragende Gestalt wird allen +Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und +unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die +zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den +älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs, +so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann, +der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden +goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt +gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesinnen sind sogar ausnehmend schön, +so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten. +Skadi des Thjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in +Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere. +Erfahrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken +das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher +Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue. +_Barnteitr_, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes in die Urzeit +hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit. _Hundvíss_, +vielwissend, _fjǫlkunnigr_, vielkundig werden sie genannt. Wafthrudnir, +von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt, ist _enn alsvinne jǫtonn_, +der allweise Riese, dem Örgelmir und Bergelmir wird das Beiwort _enn +fróþe_, der Kluge gegeben. Fenja und Menja sind _framvísar_, Zukunft +wissend. _Trolltryggr_, treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche +Redensart, welche auf die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist. +Übermütig, hochgemut (_stórúþegr_) ist Hrungnir, ebenso heisst ein +deutscher Riese in der Virginal 890 _Hôhermuot_. _Þrúþmóþegr_, +thatkräftig, _harþmóþegr_, rauh, _ámáttegr_, übermächtig werden Riesen +genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen +aber in grossen Zorn, _jǫtonmóþr_. Deutsche Gedichte und Volkssagen +schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so +schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus +Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen +mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother +wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im +Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme +sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde, +Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem +wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein +uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen +zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen +stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen +Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain +(dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden hässliche, +abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die +Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige. +Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus +(Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der +ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen so +gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kahlkopf. Die Nase war von +ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren Namen +trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige, Jarnnef +der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt und +Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um Wange +und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus, wie +die Namen Þistilbarð (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel) lehren. +Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien aus Stein +gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie Stígandi, +Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden Griff der +breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf Riesenstärke, +die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad, Hardwerk, Fjolwerk, +Storwerk. Neben dem Gattungsnamen _etanaȥ_ weist auch der besondere +Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die wölfische Gefrässigkeit. +So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem Gebahren unerfreulich, +schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie deutsche Überlieferung +hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die Ungestalt einzelner +Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt das Skirnirlied 31, +eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im Hymirlied 35 bricht +die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen hervor, Hymirs Mutter +hat gar neunhundert Köpfe. _Drîhouptige tursen_, siebenköpfige Riesen +erwähnen auch deutsche Märchen. Die Zahl der Arme, Hände, Elbogen +werden verdoppelt und verdreifacht (J. Grimm, Myth. 360). Kaum aus +unverfälschter germanischer Sage, vielmehr aus fremden orientalischen +Einwirkungen mögen solche Vorstellungen entstanden sein. In den +hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch böse Gesinnung. An Stelle +der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen ist _dumbr_ und _stumi_, +stumm und dumm, im Deutschen _tumbo_ eine Bezeichnung der Riesen. Der +dumme Riese und sein christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird +nicht allein durch Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit +überwunden. + +Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie +verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes +Riesenland (Rother 767), im Norden _jǫtonheimr_. Die Norweger verlegten +Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche unzugängliche +Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótúnagard, Bezirk der Steingehege. +Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher (_þursa dróttenn_) +Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen mit andern Unholden wol +auch in _Utgard_ unter dem Beherrscher Utgardloki wohnhaft gedacht. + +In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben, +in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke, +wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der +Weltordnung feindlich gegenüber. + + „Denn die Elemente hassen + das Gebild der Menschenhand.“ + +Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz +bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in +wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung +beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene +Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung +wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den +Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen +sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke +der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung. +Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen, +mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden, +im Meer und auf dem Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten +Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger +im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen +den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren +von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen +Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige +Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen +bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen +die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten +zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie +daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren +ihrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt. + +Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen +und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel[112] zuzuschreiben, +wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der +Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg +auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc) +genannt.[113] Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder +Bauwerk von Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle +als _enta geweorc_ bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern die Erdhalle +stützen. Riesenwege (_jǫtna vegar_, _entiscen wec_, _trollaskeiđ_) +sind wol alte gepflasterte Heerstrassen, welche die Germanen ebenso +wie die römischen Steinbauten bewunderten und deren Ursprung der +Volksglaube allmälig auf übermenschliche Wesen zurückführte. Aus dieser +Vorstellung erwuchs die Sage vom Riesenbaumeister, welche in der Edda +und in zahlreichen nordischen und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein +Riese, ein Unhold, der Teufel, erbietet sich, gegen Lohn einen Bau bis +zu einer bestimmten Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des +Hausherrn oder eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List +gelingt es, die Arbeit im letzten Augenblick so aufzuhalten, dass zur +gesetzten Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um +seinen Lohn betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll +sogar eine Kirche bauen.[114] + +An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel, +Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die +örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen +Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine +Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren +von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses +über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen. +Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und +Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse +Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen +kann, wie sie dahin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den +Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die +gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock +nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine +aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur +ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen, +meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist oft feindselig gegen +Menschenwerk, besonders gegen Kirchen gerichtet, verfehlt aber sein +Ziel. Sümpfe und Pfützen sind aus dem Blute entstanden, das aus der +Wunde eines Riesen hervorströmte, wie in der nordischen Schöpfungssage +Ymirs Blut die ganze Welt ertränkt und das Meer erfüllt. + +Das riesische Übermaass schildern ziemlich ähnlich die nordische Sage +und ein deutsches Kindermärchen. Skrymir, der sich auf der Fahrt +nach Utgard zu Thor gesellt, wird vom Hammer des Gottes mehrmals im +Schlafe getroffen. Das erste Mal fragt Skrymir, ob ein Blatt Laub auf +ihn herabgefallen sei, das andre Mal, ob ihm eine Eichel ins Gesicht +fiel, das dritte Mal meint er, Vogelmist falle von den Zweigen auf +sein Haupt herab. Thor aber hatte immer mit voller Kraft zugeschlagen. +Im Märchen (bei den Brüdern Grimm Nr. 90) werden Mühlsteine auf den +Riesen im Brunnen hinabgeworfen, und er ruft: „Jagt die Hühner weg, +die da oben im Sande kratzen und mir Körner in die Augen schmeissen!“ +Wie der Riese heraussteigt, sagt er: „Seht einmal, ich habe doch ein +schönes Halsband um“, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals +trug. Weit verbreitet ist auch die Sage vom Riesenspielzeug, wie eine +Riesentochter den pflügenden Ackermann aufnimmt und in ihrer Schürze +dem Vater heimträgt. + +Ganz besonders reich an Riesensagen ist Tirol, wo auch im Mittelalter +die Riesenkämpfe Dietrichs von Bern und seiner Gesellen sich abspielen. +Weinhold (Riesen S. 305) stellt die wesentlichen Züge zusammen: „Da +fährt der Bauer mit allem Zeug in einen gestrüppvollen Hohlweg, und +das ist zum Unglück das Nasenloch des Riesen, der ihn samt Ochsen und +Wagen in die weite Welt hinausniest; da wird von dem Brüllen eines +Riesen in seiner Höhle der ganze Glunkezer Berg morsch und stürzt jetzt +ein, weshalb die andern wilden Männer sich lieber ruhig verhalten; da +ist der Riese so hoch, dass der Bauer, der ihm dient, auf eine Tanne +steigen muss, wenn er ihm was zurufen will; da treffen wir auch noch +alte gute Eigenschaften der ungeheuren Gesellen. Weichherzig weinen +sie über verunglückte Tiere, schützen die Waldvögel und das Alpenvieh, +sagen das Wetter voraus und lehren die Bauern manches Nützliche; denn +sie sahen den Urwald schon neun Mal fällen und wachsen und erfuhren +deshalb so mancherlei. Der und jener Wilde sperrt sich auch ein seliges +Fräulein in den Singkäfig, statt es zu zerreissen, wie ihre Sitte +sonst ist. Auch suchen sich einige den Menschen zu nähern. Mancher +Riese kehrte über den Winter in Bauernhöfen ein und erwies sich im +Sommer darauf für die Herberge dankbar, indem er den Hof vor wilden +Wassern und Bergfällen schirmte. Riesentöchter spannen Liebschaften mit +starken Bauern an und, wenn diese nicht beim ersten Kuss an gebrochenen +Rippen verschieden, heirateten sie sich und wurden die Stammeltern der +Unholde und der Starken, welche an vielen Orten bis in die jüngste +Zeit fortlebten. So bewegt sich die Vorstellung von den Riesen im +Volke noch heute auf denselben Wegen, die ihr im ältesten Heidentume +gebaut wurden.“ Die Riesenart, wie sie in der neuisländischen Sage sich +äussert, schildert Maurer (isl. Volkssagen S. 38 ff.) also: „An Wuchs +und leiblicher Stärke die Menschen weit überragend, sind die Tröll wild +und unbändig, dumm, gefrässig und blutdürstig; andererseits aber sind +sie daneben doch auch wieder geheimen Wissens und Könnens voll, dabei +gutmütig, ehrlich, und zumal treu wie Gold. Gegen Beleidigungen sind +sie sehr empfindlich und suchen solche schwer zu rächen; andererseits +aber erweisen sie sich auch dankbar für empfangene Wolthaten, und +erzeigen sich auch wol ohne solche Veranlassung den Menschen hilfreich. +Als Menschenfresser werden sie oft genug geschildert; andererseits aber +sind auch wieder Liebschaften zwischen Riesen und Menschenweibern, +oder umgekehrt zwischen Menschenmännern und Riesinnen nicht selten. +Wenn auch in mancher Hinsicht verunstaltet, werden die Tröll doch +immer wesentlich menschlich gestaltet gedacht; aber sie erscheinen +gewissermaassen als ein älteres Geschlecht von Menschen, sie sind zumal +dem Christentum feindlich und suchen dessen Fortgang auf jede Weise +zu hemmen. Sie wohnen auf felsigen Gebirgen und in Berghöhlen; leben +von der Jagd, dem Fischfange und allenfalls von der Viehzucht; als +wesentlich nächtliche Geschöpfe vermögen sie das Tageslicht nicht zu +ertragen, und springen in Stein, sowie sie von der Sonne beschienen +werden.“ In vielen Sagen, aber auch in manchen sprichwörtlichen +Redensarten begegnen die erwähnten Eigenschaften der Riesen. Die +Ausdrücke, welche Riesinnen bezeichnen, wie _skessa_, _flagđ_ +u. dgl. werden in tadelndem Sinne von Weibern gebraucht, die durch +unordentliche Haltung, heftige Bewegungen, maasslose Heftigkeit Anstoss +geben. Will man bezeichnen, dass einer stier und dumm verwundert eine +Sache anstarre, so braucht man wol den Ausdruck: etwas anglotzen wie +der Riese das Himmelreich, das ihm, dem Christenfeinde, natürlich +völlig verschlossen und fremd ist. Wiederum spricht man in lobendem +Sinne von _tröllatryggđ_, Riesentreue, oder sagt von einem Manne: _hann +er mestr tryggđatröll_, er ist der vollständigste Treuriese; es gilt +auch das Sprichwort: _tröll eru í tryggđum bezt_, die Riesen sind am +besten, soweit Friedensverträge in Frage stehen, _tröll gánga trauđt á +griđ sín_, die Riesen brechen nicht leicht ihr Friedensgelöbniss. + +Riesische Wesen in Tiergestalt sind nicht selten. Dahin gehören der +Midgardswurm, der Adler Hräswelg, von dessen Schwingen die Winde +ausgehen, der Wolf Fenrir, die Sonnen- und Mondwölfe. Riesennamen +wie Kǫtt (Kater), Hyndla und Mella (Hündin), Trana (Kranich), Kráka +(Krähe) weisen aufs Tierreich. Die Sage meldet auch von Verwandlungen: +so erscheint Thjazi als Riesenadler, Fafnir nimmt Wurmsgestalt an +und liegt auf dem Hort, im hürnen Seyfrid 22 wird der Drache zu +einem Menschen, zunächst für einen Tag, nach fünf Jahren soll er für +immer menschliche Gestalt gewinnen. Die Verwandlungsfähigkeit der +Riesen ist aber im allgemeinen seltener als die der Elbe und wol von +dorther entlehnt. Dem ungeschlachten Riesen steht die geschmeidige +Beweglichkeit des Albs nicht wol an. Wie die Elemente zu Riesen wurden, +lehrt eine ziemlich junge norwegische Sage, worin die gewöhnlichen +Bezeichnungen, welche die Sprache für die Naturerscheinungen +besitzt, persönlich genommen und in Verwandtschaftsverhältniss zu +einander gesetzt sind. Auf ähnliche Weise dürften auch die älteren +Riesengestalten entstanden sein. Als die ältesten Bewohner Norwegens +gelten die Riesen, Forniots Geschlecht. Des Stammvaters Namen und Art +ist noch nicht sicher aufgeklärt[115], über seine Nachkommenschaft[116] +aber kann kein Zweifel aufkommen, ihr Wesen ist durchsichtig. Von +Forniot stammen die Söhne Hler, Logi und Kari; der erste, auch Aegir +genannt, waltete über das Meer, der zweite über die feurige Lohe, +der dritte über die Winde. Logi bedeutet Lohe, Kari Wind. Von Kari +entspringen Jokul (Gletscher), von diesem Snær (Schnee), dessen Kinder +waren Thorri (Januarmonat), Fonn (Schneehaufe), Drifa (Schneetrift), +Mjoll (feiner glänzender Schnee). Nach anderem Bericht ist Frosti +(der Frost) des Snær Vater. Kalt weht es aus diesem Zweige des +Riesengeschlechtes von dem norwegischen Hochgebirge herunter. Über +die untersten Ansätze der Mythenbildung, die Personificierung blosser +Begriffe, geht eine Sage vom König Snær oder Snio hinaus, welche +Uhland (Schriften 6, 23) so auslegt: „Wenn bei Saxo der Dänenkönig +Snio seinen vermummten Boten nach einer schönen Königin in Schweden +ausschickt, wenn der Bote ihr leise, leise zusingt: Snio liebt dich, +und sie ebenso, kaum hörbar, entgegenflüstert: Ich lieb ihn wieder, +und wenn sie dann die verstohlene Zusammenkunft auf den Anfang des +Winters bestimmt; wenn nach der Saga von Sturlaug dieser norwegische +Jarl und nachmalige König in Schweden seinen Pflegbruder Frosti nach +der schönen, lichtgelockten Mjoll, der Tochter des Finnenkönigs Snær, +aussendet und Frosti die mit ihm Entfliehende unter dem Gürtel fassen +muss, worauf sie rasch im Winde hinfahren; oder wenn nach dänischen +Chroniken Snio ein Hirte des Riesen Lä (Hler) auf Läsö ist, so erahnt +man wol noch bald das leise Gesäusel der niederfallenden Flocken, bald +den stürmischen Flug des glänzenden Schneegestöbers, bald den dichten +Trieb der Schneewolkenherde vom Meere her, dem Gebiete des Hlers, in +seltsame Märchenbilder verwandelt.“ Von Logi, der mit dem Namenshelden +der norwegischen Landschaft Halogaland als Halogi zusammengeworfen +wird, erfahren wir noch, dass seine Frau Glod, die Glut, hiess; seine +Töchter waren Eysa und Eimyrja, Glutasche. Von Hlers Sippe, seinen +Wellentöchtern wird unten Näheres zu berichten sein. So waltet also das +Riesengeschlecht in Luft, Feuer und Wasser. Besonders der Wind, der von +den Gletschern herunter weht und Schnee daher treibt und aufhäuft, ist +ihr Element. + +Die Volkssage schreibt den Riesen hohes Alter zu. Noch im späten +Mittelalter gelten Zwerge und Riesen für älter als die Menschen. Die +nordische Mythologie versetzt die Riesen in das uranfängliche Chaos, +aus dem sich der Urriese Ymir (auch Örgelmir oder Brimir genannt) +als erstes leibliches Gebilde erhebt. Somit sind die Riesen auch +älter als die Götter, und die nordische Sage führt diese Thatsache +folgerichtig dahin aus, dass von den Riesen vor allen tiefste Weisheit +über urweltliche Zustände und Ereignisse zu erholen ist. Ymir, der aus +der Mischung der Elemente unmittelbar erwuchs, ist der Ahnherr aller +Riesen. Selbst die Götter sind den Riesen verschwägert. Bur nahm eine +Riesin, Bestla des Bolthorn Tochter, zur Frau. Mimir scheint ihr Bruder +und Bolthorns Sohn gewesen zu sein. Von Bur und Bestla entstammten aber +Odin, Wili und We. Jedoch die ganze Schöpfungssage und das Verhältniss +der Götter und Riesen steht unter fremden Einflüssen, wie später +ausgeführt wird. + +Wie die Elbe so haben auch die Riesen zuweilen etwas Scheues, +Heidnisches an sich, sie gebärden sich wie ein bedrängter Volksstamm, +der im Begriff steht, die alte Heimat den neuen mächtigen Ankömmlingen +zu überlassen. In der Sage vom Riesenspielzeug betrachtet die +Riesentochter die Menschen als kleine Erdwürmer, der alte Riese +aber weiss, dass sein eignes starkes Geschlecht den unscheinbaren +Geschöpfen unterliegen muss. Dem Christentum sind die Riesen feind, +sie schleudern Felsen gegen Kirchen. Aber sie müssen weichen. Als der +heilige Gallus in stiller Nacht die Netze zum Fischen auswarf, vernahm +er die Zwiesprache zwischen einem Bergriesen und einem Wasserriesen, +die darüber Klage führten, dass der neue Glaube ihre Macht breche, +dass sie selber aber ihren Feinden, den Gottesmännern, welche sich mit +dem Gebet schützten, nicht an könnten. Da bekreuzigte sich Gallus und +bannte sie aus der Gegend[117]. So feindselig die Riesen aber auch im +allgemeinen dem neuen Glauben entgegen stehen, so macht sich doch auch +wie bei den Elben zuweilen die Sehnsucht bemerkbar, seiner Segnungen +teilhaftig zu werden. In der Sage von Þorstein uxafót Kap. 6 richtet +ein Erdriese (jarðbúi), der ihn in einem Kampfe unterstützt hatte, die +Worte an Thorstein: „Du wirst auch einen Glaubenswechsel mitmachen, +und dieser Glaube ist viel besser für die, die ihn annehmen können. +Aber die müssen zurückbleiben, die nicht hiezu geschaffen sind, und so +sind wie ich; denn ich und meine Brüder waren Erdriesen. Nun schiene +mir aber viel daran zu liegen, dass du meinen Namen unter die Taufe +brächtest, wenn es dir beschieden wäre, einen Sohn zu bekommen.“ Ebenso +verlangt der Riese Armann, der dem Hallward im Traume erschien, „wenn +es dir möglich wird, sollst du meinen Namen unter die Taufe und unter +das Christentum bringen“[118]. + + +3. Wasserriesen. + +In die Welt der riesischen Meerungeheuer eröffnet das ags. Gedicht +Beowulf einen Einblick. Schon in früher Jugend erwarb sich Beowulf +Ruhm bei seinem mehrtägigen Wettschwimmen mit Breca. Mit dem Schwerte +musste er sich der Angriffe der Meerfische (_hronfixas_, _merefixas_) +erwehren, die ihn auf den Grund zu ziehen trachteten. In den Wogen +erschlug er neun Nixe (_niceras nigene_). Dadurch ist er vorbereitet +auf seine grösste Heldenthat, den Kampf mit Grendel und seiner Mutter. +In die Halle Heorot, welche der Dänenkönig Hrodgar erbaut hatte, drang +allnächtlich Grendel, ein Unhold, der die Insassen mordete und den Saal +verödete, bis Beowulf der Geatenheld übers Meer den Dänen zu Hilfe +eilte, mit Grendel kämpfte, ihn auf den Tod verwundete, endlich in +seine Behausung auf dem Meeresgrund drang, dort Grendels Mutter tötete +und dem Unhold selber das Haupt abschlug. Die schwierigen Fragen, die +mit dem Beowulfmythus und Gedicht[119] zusammenhängen, berühren uns +hier nicht, wir entnehmen daraus nur, was die Angelsachsen und wol +überhaupt die Seegermanen unter Wasserdämonen sich vorstellten. Mit +Grendel d. h. Schlange ist ein Dämon der zerstörenden Gewässer gemeint, +sei es der Sturmfluten an der Nordseeküste, sei es der fieberbringenden +Sümpfe, die infolge der Überflutungen sich bildeten. Einseitig fasste +Müllenhoff Grendel als Sturmflut, Uhland und Laistner erklärten ihn als +Verkörperung der Seuchen und Plagen einer versumpften und verpesteten +Meerbucht, die geräuschlos zur Nachtzeit im Nebel aufsteigen und den +Menschen beschleichen. Kögel findet mit Recht beide Plagen, Sturmflut +und Sumpffieber in Grendel verleiblicht. Grendel ist nach den Worten +des Gedichtes der kundbare Grenzgänger, der Moore, Sumpf und Strand +(_móras, fen and fæsten_) inne hat. Immer wieder wird die neblige +moorige Heimat hervorgehoben (_héold mistige móras_). Vom Moor unter +den Nebelklippen (_of móre under misthleoþum_) kommt Grendel zum +Metsal geschritten, er watet in Wolken gehüllt daher (_wód under +wolcnum_). Wie ein Nebelstreif zieht sich also der Unhold unhörbar +leise aus dem Moor zur Halle hin, worin die Helden schlafen. Er wird +als Riese (_eoten_) bezeichnet, sein Haupt ist furchtbar, seine +Hand läuft in stahlharte Krallen aus, sein Blut schmelzt Schwerter. +Grendels wölfische Mutter (_brimwylf, grundwyrgen_), die mit ihm in der +grausigen Meerflut (_wæteregesan_) haust, folgt des Sohnes Spuren und +sucht ihn zu rächen. Höchst anschaulich wird die Wohnstätte der Unholde +geschildert. Sie haben inne verstecktes Land, windige Landzungen, +fürchterliche Moorpfade, wo der breite Strom unter dunkle Landstreifen, +unter der Erde sich verliert. Jäh fällt das steinige Land, von düstrem +Walde, von wurzelfesten Bäumen bestanden, die überhängen, plötzlich in +mooriges, sumpfiges Meer ab. Da mag man nächtliches Wunder schauen, +Feuer in der Flut. Noch niemand hat den unheimlichen Grund erforscht. +Der von Hunden gehetzte, geweihstolze Hirsch lässt eher am Ufer das +Leben, als dass er in den schaurigen Wald flüchtet. Nicht geheuer ist +der Ort, dunkles Wogengemisch steigt zu den Wolken, wenn der Wind leide +Unwetter zusammentreibt, bis dass die Luft düstert, die Himmel weinen. +Auf den abstürzenden Klippen lagert allerlei Gewürm, wunderliche +Seedrachen und Nixe, welche dem Schiffer oft gefährlich werden. Beowulf +steigt kühn in die greuliche Flut und gelangt zum Grunde, wo ihn die +Wölfin (Grendels Mutter) packt. Vor ihren Griffen und den scharfen +Zähnen der Seetiere beschützt ihn seine Brünne. Das Meerweib trägt ihn +in ihre Behausung, welche bedacht ist und dem Wasser keinen Zutritt +verstattet. Mit blinkendem Glanze leuchtet drinn ein Feuer. + +Aus den Wasserriesen erhebt sich freundlicher gestaltet der Beherrscher +des Meeres, _Aegir_, der Wassermann.[120] Von Natur zwar riesisch, +kann er doch mit den Asen in Gastfreundschaft kommen. Er ist, wie die +Einleitung der sog. Bragarœður berichtet, in Asgard beim Gastmahle der +Götter zugegen und empfängt von Bragi reiche Belehrung. Die Götter +aber besuchen wiederum den Aegir in seiner Heimstätte, wo er ihnen in +einem gewaltigen Kessel Bier braut und ein Mahl zurüstet. Daher heisst +er beim Skald Egill im Lied auf seinen ertrunkenen Sohn geradewegs +Bierbrauer der Lichtgötter (_ǫlsmiþr allra tíva_). Der meilentiefe +Braukessel ist aber ursprünglich in der Gewalt des Hymir und muss erst +durch Thor herbeigeschafft werden. Aegir scheint das der Schifffahrt +offene Meer zu verkörpern. Sein Verkehr mit den Asen und das Beiwort +„_barnteitr_“, fröhlich wie ein Kind, kennzeichnen den Riesen als +gutartig und umgänglich, wol im Gegensatz zu Hymir. Freilich nimmt +das Gelage bei Aegir ein schlimmes Ende, weil Loki die Friedensstätte +durch Todschlag entweiht und die anwesenden Götter lästert. Auch hatte +sich Aegir nur durch des streitbaren Thor Befehl dazu verstanden, +das Gelage zuzurüsten, und sann auf Rache an den Asen. Er hatte +im Stillen gehofft, die Fahrt zu Hymir werde dem Thor verderblich +sein. Aegir hatte zwei Diener, Fimafeng und Eldir. Statt des Feuers +diente helles Gold zur Beleuchtung; das Bier trug sich selber auf. Im +Grunde des Meeres sind alle die Schätze gehäuft, welche die gierige +Flut verschlang. Im Leuchten des windstillen Meeres aber mochte man +den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Aegirs friedliches, +freundliches Wesen wird durch sein raubgieriges Weib, die Ran, +ergänzt. Freund und Feind ist dem Schiffer die See, beide Seiten kommen +in Aegir und Ran zum Ausdruck. + +In der SE. 1, 206 wird Hlésey, die dänische Insel Läsö im Kattegat, +als Heimat des Aegir bezeichnet. Hlér gilt als andrer Name Aegirs. +Die Wogen heissen ebenso Töchter des Aegir wie des Hlér (SE. 2, 180). +Vermutlich kannten die Dänen und West-Norweger den Meerriesen unter +diesem Namen, dessen Etymologie nicht sicher zu bestimmen ist.[121] + +Ein weiterer Name dieses Meerriesen ist _Gymir_[122], wie im +Eingang der Lokasenna ausgesprochen wird und aus den skaldischen +Umschreibungen, in denen der Name allein vorkommt, deutlich erhellt. +Das Meer heisst Gymirs Wohnung (_Gymis flet_), die Brandung ist sein +Lied (_Gymis ljóþ_), die Ran sein zukunftkundiges Weib (_Gymis vǫlva_). +Ob Gymir, Gerds Vater, der aus dem Skirnirlied bekannte Riese, derselbe +ist, muss unentschieden bleiben. Weinhold fasste die Gerd als Meernixe, +welche den Fluten entsteigend im stillen Hain am Gestade mit dem Gotte +Freyr sich vermählt. + +Dem Aegir steht _Hymir_[123], der Dämmrer, gegenüber. Er verkündigt +sich als Frost- und Eisriesen, als Beherrscher des lichtlosen, +nebligen, fahlgrauen nördlichen Eismeeres. Seine Art entspricht seiner +Heimat. Genaueres über ihn hören wir nur aus dem Hymirliede, wie Thor +und Tyr sich aufmachen, den Kessel zu Aegirs Gelage ihm zu entführen. +Der Erzählung gesellten sich Züge vom Märchen des Besuches beim wilden, +unholden Menschenfresser. Hier beachten wir nur die Schilderung seines +Wesens. Im Osten der stürmischen Wogen am Himmelsrande haust der weise +Hymir, der einen meilentiefen Kessel (d. h. das Meer im Verschluss +winterlicher Eisdecke) besitzt. Bei ihm sind seine neunhundertköpfige +Urahne und seine brauenweisse Geliebte, die Mutter Tyrs. Der hässliche, +rauhe Hymir kommt spät vom Waidwerk heim, Eiszapfen klirren, sein +Bart ist gefroren. Vor des Riesen Blick zerbirst Balken und Pfeiler, +dass acht Kessel vom Standbrett herunterkollern. Am andern Tag rudern +sie zur eisig kalten Fischerfahrt hinaus. Zwei Walfische zieht der +Riese auf einmal an der Angel heraus. Er verlangt von Thor Arbeit und +Stärkeproben. Einen Glaskelch soll Thor zerbrechen, aber leichter +zerschlägt er die Pfeiler, bis endlich an Hymirs hartem Schädel der +Kelch zerschellt. Nun darf Thor den Braukessel forttragen. Hymirs +Töchter (_Hymes meyjar_) werden in der Lokasenna 34 erwähnt, ohne dass +ihre Bedeutung völlig klar würde. Wenn Aegirs und Hlers Töchter die +Wogen bezeichnen, wird es wol auch mit Hymirs ähnliche Bewandtniss +haben. Man denkt an die Gletscherbäche, die aus den Eisbergen ins Meer +sich ergiessen. + +Von einzelnen Meer- oder Wasserriesen lassen sich noch folgende +hervorheben. In der Gudrun tritt der alte _Wate_ hervor, in der +Wielandssage der Riese _Vadi_, der Vater des kunstreichen Schmiedes, +bei den Angelsachsen finden wir _Wada_, der die Hælsinge beherrschte. +Zu Grunde liegt diesen Berichten eine Sage der Seegermanen vom Riesen +_Wado_, dem Sohne einer Meerminne.[124] Ein riesenmässiger Greis mit +ellenbreitem Barte, unbändigen Grimmes voll, mit fürchterlicher Stimme +begabt, bei deren Klange das Land erbebte, das Meer aufbrauste und +die Mauern einzustürzen drohten, wanderte am Meeresstrande auf und ab +und trug wol auch zuweilen auf seinen Schultern Menschen über Sunde +hinweg. Der regelmässige Wechsel von Ebbe und Flut war die Wirkung +dieses watenden Riesen, dessen rasendem Zorne nichts widerstand. In +den norwegischen Aluwasserfällen hauste der wilde _Starkad_, ein +vielkundiger Riese (_hundvíss jǫtunn_).[125] Der hatte acht Hände +und schlug mit vier Schwertern auf einmal. Von ihm wird erzählt, +wie er mit Hergrim, einem Halbtroll, der bald bei Riesen, bald bei +Menschen weilte, um den Besitz eines Weibes kämpfte. Im Namen Hergrim +klingt wol der Fossegrim an, die Sage meldet also vom Streit zweier +Stromriesen. Nachmals raubte Starkad die Alfhild, die Tochter König +Alfs aus Alfheim, also eine Elbin. Der Vater rief Thor um Hilfe an, +Thor aber erschlug den Jotun. Der Wasserriese zeigt sich hier als +Liebhaber, wie auch andre Sagen solche Züge hervorheben. Natürlich +ist Thor sein Erbfeind. Das Lied von Helgi dem Hjorwardsson 12 ff. +führt uns eine unholde Meerriesin namens +Hrimgerd+ vor. Helgi hatte +im Hatafjord den Beherrscher der Bucht, den Riesen Hati getötet. +Nachts lagen die Schiffe im Fjord, Atli hatte Wache. Da sprach ihn +Hatis Tochter Hrimgerd, die in Stutengestalt den Wogen entstieg, an, +und es erhub sich ein Scheltgespräch. Hrimgerd verlangt zur Sühne des +erschlagenen Hati, der viele Weiber aus der Umgegend geraubt hatte, +eine Nacht bei Helgi zu schlafen. Also Vater und Tochter sind erpicht +auf Liebesverkehr mit Menschen. Helgi fertigt die Lüsterne derb ab, +der zottige Thurs Lodin passe besser für sie. Hrimgerds Mutter war +vor den Schiffen Helgis an der Mündung der Bucht gelegen und hatte +sie zu verderben gesucht, aber vergeblich. Dagegen ertränkte Hrimgerd +Hlodwards Söhne, Verbündete Helgis. Auch seine Schiffe wollte sie +vernichten, aber Swawa, die Walküre, die lichte Maid wandte das +Verderben. Schliesslich überrascht die Sonne das Riesenweib, das zu +Stein verwandelt am Fjord stehen bleibt. + +Über +Ran+, Aegirs Weib, wird unter den germanischen Todesgöttinnen +näheres zu berichten sein. Hier gedenken wir noch solcher Gestalten, +welche in riesischem oder tierischem Leib, als Unhold oder Ungetüm +die verderblichen Seiten des Meeres verkörpern. Von Aegir und Ran +stammen neun Töchter, deren Namen die SE. aufzählt. Die Bedeutung +ist durchsichtig, gemeint sind die Wogen (Udr, Bara, Kolga, Bylgja), +die Brandung, das stürmische Unwetter, die blutgierige (Blóðughadda) +Meerriesin. Der Seesturm erschien wie ein Kampf mit diesen Ungeheuern. +Die neun Mütter Heimdalls, die im Hyndlalied 38 aufgezählt sind, +weisen ebenso auf Eigenschaften der als Riesinnen persönlich +gewordenen Meereswogen. Zu Hrimgerd stellt sich die Meerriesin +(_margýgr_), die in alter und neuer Sage begegnet. Aus dem Meere und +aus grossen Landseen erhebt sich der Wassergeist oft in Rossgestalt +(isl. _nykur_, _vatnahestur_). Der auf dem Wasser sich ballende +Nebel gab wol Anlass zu Sagen, die von aufsteigenden Riesengestalten +berichten. Als _skrimsl_, Ungetüm im allgemeinen, bezeichnen die +Isländer Wassergeister von fabelhafter Gestalt.[126] Das Meer wurde +mit Vorliebe in Tiergestalt verkörpert, wofür die nordischen Quellen +Belege erbringen. Die grosse Seeschlange des Schifferglaubens begegnet +im _midgardsorm_ oder _jǫrmungandr_[127], d. h. der Weltschlange oder +dem grossen Ungetüm, welche Thor bekämpft, und die später Lokis Sippe, +der Teufelsbrut zugezählt wurde. Die Midgardschlange liegt im tiefen +Meer, das alle Länder umgiebt, und ist so gross, dass sie sich mitten +im Meer wie dieses selbst ebenfalls um alle Länder schlingt und sich +in den Schwanz beisst. Im Riesenzorne (_í jǫtonmóþe_) wälzt sie sich +durch die Wogen. Seinem Namen nach (_fen_, Meer), gehört auch der Wolf +Fenrir[128] zu den Wasserriesen. Jedoch sind in seiner Gestalt die +verschiedenartigsten Vorstellungen mit einander vereinigt, und gerade +der Meerriese tritt am wenigsten hervor. Fenrirs Fesselung, wobei Tyr +seinen Arm verlor, entspricht der des Teufels, der gefesselte Wolf ist +nur ein andres Bild des gefesselten Loki. Von Fenrir entstammen die +Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen, im Wafthrudnirlied 47 frisst +Fenrir selber die Sonne auf. Ob damit die im Meer versinkende, im +Nebel verschwindende Sonne angedeutet ist, ob der Mythus aus dieser +Naturerscheinung erwuchs, muss dahin gestellt bleiben. + +Der gewaltige Giftwurm, dessen Flügelgestalt und Name _Drache_[129] +dem antiken Fabeltier nachgebildet sind, erscheint in der Volkssage +unter dem Eindruck von Naturbegebnissen. Aus Wasser, Nebel, Wolke, +Meteorfeuer lässt die Phantasie diese Drachen hervorgehen. Das Weltmeer +als Schlange wurde eben genannt, Grendel ist vielleicht ursprünglich +auch eine Wasserschlange. Die Drachen liegen auf Gold und schädigen +bei ihrer Ausfahrt Land und Leute. Vornehmste Aufgabe der Helden ist +Bekämpfung dieser Ungetüme, Erlösung von der Landplage, Hebung des +Hortes. Die Volkssage denkt bei den riesigen Würmern an Verwüstung +durch die See, im Binnenlande an plötzlichen Wassersturz anschwellender +Ströme oder Bäche. Schützt Kraft und Einsicht endlich das Land gegen +solche Gefahren, so ist ein grosser Schatz, das Gedeihen der ganzen +Gegend, damit erkämpft. Neben den Meeresdrachen ragen besonders die +des Hochgebirgs hervor, mit denen Dietrich von Bern wie auch mit allen +andern Riesen der Bergwelt viel zu schaffen hat. Wo der Bach vom hohen +Fels herbricht, da springt der grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen, +fort und fort auf den Gegner los und sucht ihn zu verschlingen; bei +eines Brunnen Flusse vor dem Gebirge, das sich hoch in die Lüfte +zieht, schiessen grosse Würmer her und hin und trachten, die Helden +zu verbrennen; bei der Herankunft eines solchen, der Ross und Mann zu +verschlingen droht, wird ein Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag, +davon das ganze Gebirge ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme +gleichbedeutend mit den siedenden donnernden Wasserstürzen selbst. In +den deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 217 heisst es: Das Alpenvolk +in der Schweiz hat noch viel Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, +die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in +die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über +die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reisst, pflegt es in einem +tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: es ist ein Drach ausgefahren. + + * * * * * + +Von den Wasserriesen reicht einer in uralte gemeingermanische +Sagenüberlieferung zurück, während die andern erst später bei den +einzelnen Völkern erdichtet wurden. In der nordischen Sage spielt er +eine wichtige Rolle, es ist der weise _Mimir_[130], aus dessen Quell +Odin Weisheit schöpft. Sein Verhältniss zu Odin wird später erörtert, +hier ist die gemeingermanische Grundvorstellung dieser Riesengestalt zu +erforschen. Die urgermanische Namensform lautete _Mimiaz_ oder _Mimiô_, +d. h. der Sinnende. Verwandt scheint das ags. Adj. _mimor_, eingedenk, +und das Verbum _mimerien_, das auch nds. _mimeren_, grübeln begegnet. +In Deutschland haftet der Name an Ortsnamen wie _Mimigerdaford_ +(Münster), _Mimidun_ (Minden), _Mimileba_ (am Harz und Memleben an +der Unstrut). Das Flüsschen _Mimling_ im Odenwald bezeichnet sich als +Abkömmling des _Mimo_ oder _Mimilo_. Zum Mimirquell stellt sich der +schwedische _Mimes sjö_, _Mimes å_, Mimis Fluss und See. Die deutsche +Heldensage (Biterolf 124 ff.) gedenkt eines klugen Schmiedemeisters, +der zwanzig Meilen hinter Toledo sass, Mime der Alte genannt. Der +schuf die besten Schwerter, die auf der Welt zu finden waren. Wielands +Schwert _Miming_, das Witege führte, war Mime zu Ehren so geheissen. +In der Thidrekssaga ist Mimir der Lehrmeister und Erzieher Sigfrids. +Saxo erwähnt noch einen Waldgeist namens Miming (_Mimingo silvarum +satyro_), der wunderbares Geschmeide, Schwert und Armring besitzt. +Mimir in den nordischen Quellen ist Riese, in der Heldensage aber +erscheint er als Zwerg und kunstreicher Alb. Elbische und riesische +Wesen gehen ja häufig in einander über. Tiefe Weisheit ist überall mit +diesem Wesen verknüpft. Seine Behausung ist Wald und Wildniss, Gewässer +sind nach ihm benannt. Im Norden ist er von der Quelle unzertrennlich, +Beherrscher der Gewässer ist Mimir wol von Anfang an. Seen, Flüsse, +Wälder und Bäume, die mit seinem Namen in Verbindung stehen, belehren, +dass wir keinen Meerriesen, sondern +den Herrn der Binnengewässer+ +vor uns haben. Damit treten wir der Urgestalt des _Mimiaz_ näher. +Die Germanen dachten sich darunter einen urweisen Wasserriesen, der +im geheimnissvollen Dunkel tiefer Haine an murmelnden Quellen oder +zauberisch wallenden Bergseen zu Hause war. Seine Söhne, die Flüsse, +strömten zu den Menschen. Wer ihrem Ursprung nachging, bis in die +Nacht des Urwalds zum geheiligten Baume, aus dessen Wurzeln der Quell +hervorsprudelte, wo „Mimir sein Haupt barg“, vorzudringen vermochte, +der stand am Urquell alles Wissens. Der alte, erfahrene, kunstreiche +Wald- und Brunnengeist beriet selbst Odin, er war Lehrer und Meister +der besten Helden und stattete sie mit köstlichem Rüstzeug aus. + + +4. Wind- und Wetterriesen. + +Aus Wind und Wetter gingen Riesen hervor. Der brausende Sturm gab zu +verschiedenen mythischen Gebilden Anlass. Im Winde zogen die Seelen, +das wütende Heer, im Sturm erschien der wilde Jäger, der Wode. Kaum +ist eine Sage der Gegenwart häufiger und vielfältiger bezeugt als +diese[131]. Unter Wodan wird noch mehr davon zu berichten sein, hier +sollen nur einige Gestalten herausgehoben werden, in denen der +Sturm +als Riese+ verkörpert wird. In der Schweiz heisst die wilde Jagd das +_Dürstengejeg_. Das Volk hört den _Dürst_ in den Sommernächten am Jura +jagen und die Hunde mit seinem Hoho anfrischen; Unvorsichtige, die +ihm nicht aus dem Wege weichen, überrumpelt er. Wenn die Alemannen +den _thurs_ umreiten hören, so die Dänen den _jotun_. Auf der Insel +Möen jagt der _Grönjette_, der bärtige Riese, jede Nacht zu Pferde, +eine Meute Hunde um sich herum. Er jagt nach der Meerfrau, die er +schliesslich einholt und quer vor sich übers Pferd wirft. Im Süden und +Norden sieht also die Sage gleichmässig im wilden Jäger einen riesigen +Reiter und nennt ihn noch nach seinen alten Namen. Die allgemeinen +Bezeichnungen des Riesengespenstes als Nachtjäger, Helljäger, die +vielen geschichtlichen Personen, die damit verknüpft wurden, berühren +uns in dieser Mythologie nicht weiter, wo nur auf den _Riesenjäger_ und +auf den _Wode_ Gewicht fällt. Jedoch ältere Sagen aus dem Mittelalter, +die auf derselben Vorstellung beruhen, verdienen Beachtung. In einem +Wettersegen des 11. Jahrhunderts wird _Mermeu_t, der übers Wetter +gesetzt ist, ein Riese (_daemon et satanas_) beschworen, keinen Hagel +übers Feld zu bringen.[132] In einem späteren Segen steht: _„Ich peut +dir Fasolt, dass du das wetter verfirst mir und meinen nachpauren ân +schaden“._ Dieser _Fasolt_ ist also ein Wetterherr. Im Eckenlied wird +Näheres von ihm erzählt, und er zeigt sich deutlich als Sturmriese, +als wilder Jäger. Fasolt, dessen Leib Riesenlänge hat, der langes +Frauenhaar trägt, dem wilde Lande unterthan sind, kommt daher geritten +mit lautem Horneston, von Hunden umgeben. Er jagt eine schöne Jungfrau, +die in Dietrichs Schutz flüchtet. Im Kampfe mit Dietrich bricht Fasolt +starke Baumzweige ab, mit denen er auf seinen Gegner losschlägt. +Der Sturmriese fällt Bäume, räumt den Wald aus und lässt ihn laut +erschallen, wie die Riesennamen der Virginal Vellenwalt, Rûmenwalt, +Schelledenwalt andeuten. Das spätmhd. Gedicht vom _Wunderer_ schildert +einen ähnlichen wilden Unhold, der mit Hunden die Jungfrau Sälde +hetzt und sie fressen will, aber vom Berner im Kampf erschlagen +wird. Überall tritt uns das Bild des Sturmriesen vor Augen, dem +die Windsbraut oder ein elbisches Weib voranfegt. Wenn nach den +Skáldskaparmál Kap. 1 Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir wettet, +er habe gewiss kein ebenso treffliches Ross, Hrungnir aber zornig +seinen Gullfaxi besteigt und dem Odin nachjagt, wenn die Rosse durch +Luft und Meer über die Spitzen der Hügel hinfliegen, so erschauen wir +ein Wettrennen zwischen dem _Sturmgott_ und seinem riesischen Urbild, +dem _Sturmriesen_. Der Windriese nimmt aber auch tierische Gestalt an. +Als Adler rauscht er durch die Lüfte. So heisst es im Wafthrudnirlied +37: + + Der Riese Hraeswelg sitzt am Rande des Himmels + In des edlen Aars Gestalt; + Regt er die Schwingen, so rauscht, wie man sagt, + Der Wind dahin durch die Welt. + +Darum erscheinen Riesen überhaupt gern in Adlergewand. Thjazi, der +Sturmriese des nordischen Hochgebirges, sitzt in Adlergestalt im +Gezweig der Eiche und verhindert mit seinem Flügelschlage, dass die +unter dem Baum gelagerten Götter das Fleisch am Feuer gar sieden. Der +Sturm rauscht in den Baumzweigen, das ist die Stimme des Adlerriesen, +welche die Götter vernehmen, der Wind verweht das Kochfeuer und +verhindert so den Sud, bis ihm Anteil an der Speise zugesagt wird. Auch +nach späterem Volksglauben will der Wind Opfer haben und gefüttert +sein. Hernach entführt Thjazi in Adlergestalt die Idun aus Asgard, in +Adlergestalt verfolgt er Loki, welcher Idun zurückholt, und versengt +sein Gefieder im Feuer, das die Asen entfacht, worauf er erschlagen +wird. Thrymheim, die Welt des Getöses (_þrymr_, Lärm, Getöse), wo +die Stürme sausen und brausen, wol nur ein anderer Name des „_weiten +Windheims_“, wie die Vǫlospǫ́ den Himmel als die Heimat der Winde +bezeichnet, ist des Thjazi Wohnsitz. Dem mit dem Dichtermet im Leibe +in Adlergestalt entfliegenden Odin setzt Suttung gleichfallls in +Adlergestalt nach. Wie der Sturmgott mit dem Sturmriesen Hrungnir um +die Wette ritt, so fliegt er hier als Adler mit ihm um die Wette. +Derselbe Gedanke ist bildlich nur anders gewendet. + +Die Skalden bezeichnen, vielleicht teilweise aus volkstümlicher +Anschauung schöpfend, den Wind wie ein persönliches Wesen, als den +Brecher (_brjótr_), Schädiger (_skađi_), Fäller (_bani_) des Waldes. +Auch als Hund und Wolf (_hundr_, _vargr_) des Waldes erscheint +der Wind. Bereits bei den Elben war auf die Tiere hinzuweisen, auf +den Roggenwolf und Roggenhund, die beim Winde durchs Korn laufen. +Korngeister in menschlicher und tierischer Gestalt gibt es in Menge. +Elbe und Riesen gehen aber in diesen „Korndämonen“ so unmerklich in +einander über, dass ebenso dieser Abschnitt wie der vorige ihrer zu +gedenken hat. + +Riesen des tosenden Gewitters, Gegenbilder Thors, wie die Windriesen +Odin gegenüber stehen, treten in Hrungnir, Geirröd und vielleicht +auch in Thrym hervor. Hrungnir ist mit Thrym gleichbedeutend, der +Lärmer[133], und wol alle gehören nach Thrymheim, das dem Thjazi als +Heimstätte zugewiesen ist. Die Gegnerschaft Thors und Thryms ergibt +sich aus dem Gedichte, das schildert, wie Thrym den Hammer des Gottes +entwendet. Gott und Riese streiten um die Herrschaft über das Gewitter. +Im offnen Kampfe erblicken wir Thor mit Hrungnir und Geirröd. Hrungnir +und Mokkurkalfi (Nebelwade), der Stein-, Lehm- und Nebelriese, der +umnebelte, aus Lehmgrund aufragende Fels im Geröllfelde, werden +besiegt, wenn krachend Gewitter im Gebirge sich verfangen. Es ist das +Unwetter des nackten Felsgebirges, das mit Geröllsturz herniederbraust, +vom Gewitter gerüttelt und gelöst. Leicht vermischt sich die +Vorstellung vom Wetterriesen mit der des Bergriesen, da Wind und Wetter +aus den Bergen hervorbrechen. Der Kampf zwischen Thor und Geirröd +spielt sich in Geirröds Halle ab. Die ganze Halle entlang waren grosse +Feuer entzündet; als Thor vor Geirröd trat, fasste dieser mit einer +Zange ein glühendes Eisenstück und warf es nach Thor. Thor aber fing +das glühende Eisen mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in die +Luft. Da sprang Geirröd hinter eine Säule, um sich zu schützen, Thor +jedoch schwang das Eisenstück hoch in die Luft und schmetterte es durch +die Säule. Es durchschlug auch den Geirröd und die Wand der Halle und +fuhr ausserhalb tief in die Erde hinein. Das Geschoss ist das Bild des +Blitzes. Blitze zucken gegen einander, wo zwei Gewitter auf einander +stossen. Der Gewittergott überwindet den Gewitterriesen. Aber nur in +diesem Wettkampfe zeigt sich Geirröd als Gewitterriese, im übrigen ist +die Sage reich mit allerlei anderen Zügen ausgestattet. + +Noch sind einige Namen zu erwähnen, die aber nicht über die mythische +Keimbildung blosser Personificierung gediehen, wenigstens sind keine +Sagen davon bekannt. Unter den Riesennamen der SE. finden wir einen +_Vindr_; in einer norwegischen Wendung der Sage vom Riesenbaumeister, +der dem hl. Olaf eine Kirche baut, führt der Unhold den Namen _Vind +och Veder_, oder _Bläster_. In Deutschland ist von der _Windin_, +der _windes brût_ oder _windgelle (venti concubina)_ die Rede, +der Wirbelwind ist als ein durch die Luft fahrendes, vom Sturm +umbuhltes Riesenweib gedacht. _Vindsvatr_ (Windkühl) oder _Vindljóni_ +(Windmensch) heisst im Norden des _Vętr_ (Winter) Vater. Die Eltern +Lokis, _Fárbauti_, den gefährlich Schlagenden, d. h. den Sturmwind, +und _Nál_, d. h. Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, d. h. Laubinsel +deutet Bugge, Studien 80 als ein dichterisches Bild, das den Ursprung +des Feuerriesen Loki erklären soll: der Sturm schlägt und entfacht +Feuerflammen aus dem Gehölz. In der Virginal 732 tritt ein Riese +Velsenstôȥ auf: + + _sîn stimm rekt als ein orgel dôȥ, + sô man sî sêre stimet; + dâ von berc unde tal erschal._ + +Gemeint ist der im Hochgebirg heulende, tosende Sturm. Glockebôȥ +(ebenda 864 ff.), der Glockenschläger, ist der Sturmwind, der die +Glocken in Schwingung versetzt, und zu ihm steht Klingelbolt (870 +ff.). Vielleicht kommt in diesen Namen auch der Hass der Riesen gegen +Glockenschall zum Ausdruck. + +Von _Kári_ d. h. der windbewegten Luft[134] stammen Eis und Schnee, +_Vindsvatr_ ist des Winters Vater. Die winterlichen Mächte sind mithin +die Kinder der Winterstürme, die Winterriesen dürfen den Windriesen +zugezählt werden. Die nordischen Gedichte nennen uns _hrímþursar_, +Reifriesen[135]; mit _hrím_ sind mehrere Riesennamen zusammengesetzt +wie Hrimnir, Hrimgrimnir, Hrimgerd. Ymir-Örgelmir ist der Ahnherr der +Reifriesen, er ging aus den chaotischen Eis- und Reifmassen hervor, die +winterliche Kälte wird in diesen Riesengestalten persönlich. + + +5. Berg- und Waldriesen. + +Die Volkssage vergleicht Berge mit Riesenleibern oder sie bevölkert +die Bergwelt mit Riesen. Im Norden heissen die Jotunen Berg-, +Fels-, Stein-, Lavabauern oder Höhlenbewohner.[136] Das unwirtliche +Hochgebirge und die Klippen sind die Heimat des Riesenvolkes, von dort +her machen sie ihre verderblichen Einfälle in das von Menschen bebaute +Land; wer in die wilde Einöde wandert, begibt sich ins Gebiet und in +die Macht der furchtbaren Unholde. Ein schöner stattlicher Bergkönig +Norwegens, von dem die Kjalnesinga saga Kap. Nr. 12/4 berichtet, ist +_Dofri_, der Gebieter des Dovregebirges, der drinnen in prächtigen +Räumen mit vielem Volke wohnt; der Eingang lag unter einem Gipfel in +einem Felsen. Er war nicht unfreundlich. Mit seiner schönen Tochter +Frid lebte Bui, der Sohn des Königs Harald Harfagri von Jul bis +Sommersanfang in Liebe zusammen. Ihrem Sohne Jokull war die Bergriesin +Gnípa (d. h. Berggipfel) weniger hold gesinnt. + +Bergbewohnende Riesen sind die 12 Riesen im Nibelungenlied, die +Schilbung und Nibelung dienen, und im Hürnen Seyfrid der Riese +_Kuperan_, welcher den Schlüssel zum Drachenstein in Bewahrung hat. +_Hyndla_, die Höhlenbewohnerin, ist eine Riesin, die auf dem Wolfe, +dem Reittier der Unholdinnen, ausreitet. Sie heisst als Riesin _brúþr +jǫtons_ (51) und _íviþja_ (49), d. h. Waldriesin. Einem Riesenweibe +(_gýgr_), die im Steine wohnt, begegnen wir im Lied von Brynhilds +Todesfahrt. Die Unholdin sucht den Weg zu sperren, wird aber von +Brynhild zum Weichen gebracht. Die Riesentochter _Gunlod_, die aber +schön und anmutig ist, weilt als Hüterin des kostbaren Metes im Berge. + +Seltsame, menschenähnliche, einsam aufragende Felsen riefen Sagen von +versteinerten Riesen[137] hervor, die ebenso im Norden wie im Süden +begegnen. Die Riesen sind entweder, wie auch andere Nachtunholde, vom +Sonnenstrahl getroffen oder wegen irgend welcher Unthat verflucht zu +Stein gewandelt. Die Riesin Hrimgerd im Lied von Helgi Hjorwardsson +wird vom Sonnenstrahl versteinert, der hl. Olaf verfluchte Trolle, die +dem Christentum feindlich waren, in Klippen. In der deutschen Sage wird +meist ein allgemein sittlicher Grund solcher Versteinerungen angegeben, +grosser Übermut oder gottlose Grausamkeit. So in der Sage vom +_Watzmann_.[138] Der war ein alter Riesenkönig, der für seine blutige +Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen, gewaltigen Bergstock +verwünscht ward. Bei einer unmenschlich grausamen That des Wüterichs, +der als wilder Jäger geschildert ist, endete Gottes Langmut. Ein +dumpfes Brausen erhob sich, ein Donnern in den Höhen, ein Heulen in den +Klüften, und des Königs eigne Hunde würgten ihn, sein Weib und seine +sieben Kinder, dass ihr Blut zu Thal strömte. Ihre Leiber aber wuchsen +versteinernd zu Bergen. So steht noch der eisumstarrte König Watzmann, +neben ihm der kleinere Zinken, sein Weib, um ihn die sieben Kinder, +tief unten die weiten Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der +Grausamen floss. Gewitter, Bergsturz, Überschwemmung wirken oft in den +Bergriesensagen zusammen, wie ja auch Hrungnir Gewitter- und Bergriese +in einer Person ist. Wegen Übermuts ist die Riesenkönigin _Frau Hütt_ +bei Innsbruck verzaubert. Ebenso im Sinthale in Tirol der Riese +_Serles_, der wegen seines Wütens samt seinem Weib und seinem Berater +zu den drei Felszacken versteinert ist, die über der Brennerstrasse +aufsteigen. + +Die Vorrede zum Heldenbuch nennt eine Riesin namens _Runse_, Eckes +Vaterschwester.[139] Runse ist abgeleitet aus _runs_, etwas das rinnt, +worin etwas rinnt, also sowol Erguss, Fluss, als Rinnsal. Die Runse ist +eine Riesin des Tiroler Hochgebirges, ein wildes wüstes Waldweib von +schreckhaftem Aussehen; doch sind ihre Wirkungen noch schrecklicher, +jene Schlammgüsse nämlich, die bei heftigem Regen aus den Hochgebirgen +niederstürzen und Erde, Bäume, Hütten und Felsen fortreissend über +Abhänge und Thäler die grausigsten Verwüstungen schütten. Solche +Runsen hausen in den Tiroler und Schweizer Alpen leider viele. Auch +die norwegischen Gebirge scheinen solche böse Riesinnen zu kennen, +denn _Leirwor_, die Schlammige, Lehmige, mag niemand anders als eine +nordische Runse sein. Neben dem Steinriesen Hrungnir steht der +Lehmriese (_leirbrímir_) Mokkurkalfi, den Thjalfi zu Fall bringt. Auf +Felssturz und Lehmrutsch, in dunkle Nebelwolke gehüllt, mag die Sage +anspielen. + +Im Mühlenlied der Snorra Edda, im Grottasǫngr, treten zwei Riesinnen +namens _Fenja_ und _Menja_ hervor. König Frodi hatte die Mädchen in +Schweden gekauft und führte sie nach Dänemark heim, wo sie Magddienste +verrichten mussten. Sie allein waren stark genug, die Mühle Grotti +zu treiben.[140] Grotti aber war eine Wunschmühle, Frodi befahl den +Mägden, rastlos Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Aber die erzürnten +Riesinnen mahlten Unfrieden, dass Frodi von seinen Feinden überfallen +und getötet ward. Daran ist in der prosaischen Einleitung eine zweite +Sage angehängt. Der Seekönig Mysing nimmt die Mühle und die Mägde an +sich und befiehlt, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis das Schiff sank. +Seitdem ist dort ein Strudel, wo die See durch das Loch des Mühlsteines +fiel. Seitdem ist auch das Meer salzig. Sagen von Wunschmühlen, die +durch unrechten Gebrauch ihren Segen in Unheil verkehren, sind auch +sonst vorhanden. Ebenso Geschichten, warum das Meer Strudel bildet und +salzig schmeckt. Die Riesinnen gedenken ihrer Abstammung von Hrungnir, +Thjazi und andern Bergriesen. Neun Winter lang wuchsen sie unter der +Erde auf, mächtige Thaten vollführten sie und verrückten selbst Berge. +Steine wälzten sie übers Gehege der Riesen, dass die Erde erbebte; +grosse Blöcke schleuderten sie zu den Menschen. Im Lande der Schweden +aber übten sie Walkürenthaten, der harte Speer ziemte ihren Händen +besser als die Mahlstange. Die Übertragung der Walkürenschaft auf +Riesinnen konnte wol erst verhältnissmässig spät geschehen und ist +schwerlich ein alter, echter Zug.[141] Im übrigen gebärden sich Fenja +und Menja durchaus als Bergriesinnen, die Felsblöcke herabstürzen und +Bergrutsch verursachen. Auf die Etymologie des Namens Fenja (zu fen, +Meer) gestützt deutete Uhland die Mädchen als Wasserriesinnen, als +Aegirs Töchter, als Meereswogen und Bergströme. Die Auslegung ist +allzu künstlich und widerspricht der thatsächlichen Schilderung von +der Art der beiden Riesentöchter. Die Mühle und die Mahlmägde stehen +überhaupt schwerlich in altem ursprünglichem mythischem Zusammenhang. + +Besondere +Waldriesen+ sind nur in geringer Anzahl vorhanden und +meistens ihrem Wesen nach eher zu den Windriesen zu stellen. Vielleicht +mag der germanische Urwald dichter von Riesen bevölkert gewesen +sein als die heutigen Wälder, in denen elbische Waldgeister vor den +riesischen vorherrschen. Das Hyndlalied 34 erwähnt einen _Widolf_ +als Ahnherrn der _vǫlor_, der Weissagerinnen, ohne weiteres von ihm +zu sagen. _Vitolfus_ bei Saxo ist ein in der Heilkunst erfahrener, +durch Nebel trügender Waldeinsiedler. Der Riese _Widolt_ im König +Rother, ein furchtbarer Kämpfer, der mit der Stahlstange zuschlägt +und für gewöhnlich in Ketten gefesselt ist, kommt Widolf im Namen +nahe. Gemeint ist wol ein Waldriese (an. _viđr_, ahd. _witu_, Gehölz), +ein wilder Mann[142], dessen fürchterliche Erscheinung der deutschen +Sage wol bekannt ist. Er ist ein gewaltiger Riese, von weitem gleicht +er einer Fichte, die ganz mit Moos überkleidet ist. Wenn er auf dem +Wege eines Stockes benötigt, so reisst er den nächsten Baumstamm +aus. Manchmal stürmt er im brausenden Winde einher und verfolgt wie +der wilde Jäger elbische Waldfrauen. Der Riesenname _Welderich_, +Beherrscher der Wälder, der im gedruckten Heldenbuche vorkommt, +entstammt demselben Vorstellungskreise. Waldriesinnen sind wol mit den +nordischen _íviþjur_ gemeint. Auch _járnviþja_ ist so zu erklären. +_Járnviþr_ bedeutet Eisenwald, wie auch in Deutschland Wälder von hohem +Alter und unvergänglicher Dauer genannt sind. _Járnviþja_ ist die +Bewohnerin eines solchen Waldes, die Urwaldriesin. In Südtirol sind +die Waldfrauen von ungeheurer Gestalt, am ganzen Körper behaart und +beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund von einem Ohr zum andern +gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart und reicht rauh +und struppig über den Rücken. Joppen von Baumrinden und Schürzen von +Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung. + +Sie leben in Gesellschaft in Wäldern zusammen und sind an den +heimischen Wald gebunden. Wird er geschlagen, so schwinden sie. Wie +die Namen erweisen, sind sie eigentlich persönlich gewordene Bäume: +Hochrinta (hohe Rinde), Stutzforche (Stutzföhre), Rohrinta (rauhe +Rinde) sind sie benannt. Auf Tiergestalt zielt der Name Stutzemutze +(Stutzkatze). Im ganzen aber gebärden sich die Waldriesinnen genau so +wie die Waldelbinnen, nur in ihrer äusseren Erscheinung, nicht in ihrer +Art sind sie verschieden. + + * * * * * + +Es bleiben noch einige Riesen übrig, welche in die eben besprochenen +Hauptklassen sich nicht einfügen. Sie sind späte Allegorieen, welche +keine lebendigen Sagen hervorgebracht haben. _Feuerriesen_ erscheinen +in Fornjots Geschlecht, in Logis Sprösslingen. Logi, die Lohe, treffen +wir nur ein einziges Mal bei Thors Fahrt zu Utgardloki. Loki erbietet +sich, mit einem der Utgardleute um die Wette zu essen. Da tritt Logi +dem Loki gegenüber. Ein grosser Trog, mit Fleisch gefüllt, ward +herbeigebracht und auf den Fussboden der Halle gesetzt. Loki war am +einen Ende, Logi am andern. Jeder von beiden ass nun, so rasch er +konnte, in der Mitte des Troges kamen sie zusammen. Da hatte Loki +alles Fleisch verzehrt bis auf die Knochen, Logi aber hatte ausser dem +Fleisch auch die Knochen mitsamt dem Troge verschlungen und hatte also +die Wette gewonnen. Diese schwankartige Erzählung soll das fressende +Feuer, dessen Gier nichts verschont, andeuten. Die Riesennamen _Eldr_ +(Feuer), _Herkir_ (zu _harka_, Feuer), _Brandingi_ (Sohn des Brandes), +_Hripstod_ (zu _hripuđr_, Feuer?), _Hyrja_ (zu _hyrr_, Feuer) zeigen +Versuche zur Personificierung des Elementes. Die Riesin _Hyrrokin_, die +auf einem schlangengezäumten Wolfe heranreitet und das Leichenschiff +Baldrs mit einem Stosse in die See treibt, nachdem die Götter sich +vergeblich damit abgemüht hatten, ist der feurige Wirbelwind.[143] +Endlich ist _Surt_ zu nennen.[144] Surts Lohe (_Surta loge_) ist der +Weltbrand, in dem dereinst alles endigen wird. Von Mittag her kommt +Surt gefahren mit Feuer, von seinem Schwerte geht Glanz aus: vor +ihm und hinter ihm ist brennendes Feuer. Auf Island sind Erdbrände +vulkanischen Ursprungs gefährliche Ereignisse, welche dem Wirken der +Riesen zugeschrieben werden. So erzählt die Landnáma 2 Kap. 5: „Thorir +war da alt und blödsichtig geworden, als er spät am Abend hinausging, +und er sah, dass ein Mann von aussen her nach Kaldaros hereinruderte in +einem Eisennachen, gross und bösartig. Der ging hinauf zu dem Hofe, der +Hrip hiess, und grub da beim Stadelthore. In der Nacht aber schlug ein +Erdfeuer dort auf und da brannte Borgarhraun; dort stand der Hof, wo +jetzt der Lavahaufen ist.“ + + * * * * * + +Der Streit zwischen Sommer und Winter[145] ist von alters her +allegorisiert worden. In Frühlingsfeiern treten die beiden Gegner +persönlich auf und streiten um den Vorrang, den der Sommer schliesslich +siegreich behauptet. Aber die persönlich vorgestellten Träger der +sommerlichen und winterlichen Macht und Abzeichen lassen sich nicht +in den lebendigen Glauben und Kult des germanischen Heidentums +zurückführen, obschon Ansätze in den nordischen Quellen vorhanden sind. +_Swasud_ (der Milde) und _Windswal_ (der Windkalte) sind zwei Riesen, +deren Söhne nach dem Wafthrudnirlied 27 _Vetr_ (Winter) und _Sumar_ +heissen. Nach Gylfaginning Kap. 19 ist _Wasad_ (Kummerbringer zu an. +_vás_, Mühe, Kummer) Vetrs Ahne, Windswals Vater. „Diese Sippe war rauh +und kaltherzig, der Winter hat ihre Art geerbt.“ + +Der Stammbaum der _Nólt_ (Nacht), deren Sprössling _Dagr_ (Tag) ist, +geht auf Riesen zurück. Das Nähere darüber wird unten im Abschnitt über +die Weltschöpfung mitgeteilt. + + +6. Spuren vom Riesenkult. + +Ein _Riesenkult_ ist nur schwach bezeugt. In einigen Beschwörungen +werden Riesen angerufen zu Fluch und Segen. Die Zauberin Busla ruft +Trolle, Bergriesen und Hrimthursen herbei, dass sie dem König Hring +Schaden thun (Bósasaga Kap. 5). Im deutschen Wettersegen werden +Mermeut und Fasolt beschworen, das Unwetter abzuwenden. Im Skirnirlied +35 wird Gerd verwünscht, dem Riesen Hrimgrimnir im Totenland bei den +Hrimthursen anheimzufallen, wofern sie nicht Freys Werbung sich füge. +Um fliessendes Blut zu stillen, lautet ein altdeutscher Segen[146]: + + _tumbo saȥ in berke mit tumbemo kinde enarme. + tumb hieȥ ter berch, tumb hieȥ taȥ kint: + ter heilego Tumbo versegene tiusa uunda._ + +Mit Tumbo (ahd. mhd. _tump_, got. _dumbs_, an. _dumbr_) ist ein +stummer, gefühlloser Steinriese gemeint, der nun auch die Wunde +gefühllos, schmerzlos machen soll. Der starre, stumme Riese sitzt +auf einem Berge mit einem Kinde im Arme. Vielleicht liegt eine +Versteinerungssage zu Grunde, eine seltsame Felsbildung, die einem +riesigen Manne mit einem Kinde im Arme glich. Beachtung verdient auch +die nordische Barðarsaga Dumbssonar, worin der Riesenkönig _Dumbr_ +in Norwegen ein _bjargvættr_, ein Schutzgeist genannt wird. Sein +Sohn Bard, welchen Mjöll gebar und Dofri erzog, der also aus den +Schneewehen des norwegischen Hochgebirges herstammt, ging auf Island in +den Snæfellsgletscher ein. Die Leute hielten ihn für einen _heitguđ_ +(einen mit Gelübden anzurufenden Gott) und einen kräftigen Schutzgeist +(_bjargvættr_). Dumbr vergleicht sich im Namen dem Tumbo, aber sonst +zeigen sich keinerlei Ähnlichkeiten. Unter den Riesennamen zählt die +SE. 1, 471 und 551 auch Dumbr auf. + + + + +ZWEITES HAUPTSTÜCK. + +Der Götterglaube. + + +Namen und Art der Götter. + +Zum Gottesbegriff kann nur ein höher veranlagtes, geistig +fortgeschrittenes Volk gelangen. Zweifellos sind die religiösen +Grundlagen oft dieselben wie beim Geisterglauben, ein Zusammenhang +zwischen Gott und Naturgeist ist nicht abzuleugnen. Der Machtbereich +des letzteren erscheint beim Gotte nur vermehrt und erweitert, die +Eigenschaften mehrerer Dämonen sind manchmal vereinigt auf ein höheres +Wesen übertragen, ohne dass die Elbe und Riesen deshalb aufhörten, +die vielmehr im Gefolge des Gottes oder auch als seine Feinde weiter +leben. Gerade aber diese Anschauung setzt einen höheren Gedankenflug +voraus, der Gottesbegriff bedeutet den Sieg des Geistes über den +rohen Stoff. Der Naturdämon lebt ganz _in_ seinem Element; ist er +mit übermenschlicher Fähigkeit begabt, so ist er doch beschränkt +wie sein Wirkungskreis. Selbst seine äussere Erscheinung ist durch +seinen Ursprung bestimmt. Der Gott aber thront _über_ den Elementen +als ordnender, richtender Herrscher. Seine Gestalt ist die des +edlen Heldenkönigs, blühend in Schönheit und Kraft oder Ehrfurcht +erweckend durch Weisheit und reiche Erfahrung. Die Göttin erscheint +als hehre und anmutige königliche Frau. Der Gott, wie er in der +Vorstellung der Völker lebt, vereinigt alles Vollkommene in einer +glänzenden, mächtigen, geisterfüllten Persönlichkeit. Er ist das +Ideal der sterblichen Helden und Fürsten. Der Gottesdienst gewinnt +ungleich höhere Bedeutung: Seelen und Elbe empfangen Opfer, weil sie +ins alltägliche, gewöhnliche Leben, in die Wirtschaft hemmend und +fördernd eingreifen, die Götter aber lenken die Geschicke des gesamten +Volkes, Staat und Recht ist von ihnen gesetzt und wird von ihnen +geschützt, sie verkörpern die sittliche Macht. Die Indogermanen waren +bereits zum Gottesbegriff gelangt, und eine gemeinsame Grundlage, so +verschieden die spätere Entwicklung bei den einzelnen Völkern sich auch +vollzog, liegt überall vor. Es war ein Glaube an das Walten lichter +Götter (indisch _dêvas_), an deren Spitze der Beherrscher des hellen +Tageshimmels stand. Die natürlichen Feinde des Lichtes sind die Mächte +der Finsterniss, in deren Schutze die Unholde ihr Wesen treiben. Nicht +immer blieb der Himmelsgott in seiner führenden Stellung. Zwar Zeus +hat sie behauptet, aber der indische Dyâus räumte bald andern den +Platz, schon die ältesten Urkunden zeigen ihn zurückgedrängt. Ebenso +geschah es bei den Germanen. Schon hieraus sieht man, wie sehr der +Götterstaat dem Wechsel unterliegt. Die allgemeinen Grundtypen des +Seelen- und Elbenglaubens sind allerdings gemeingermanisch, schon +bei den Riesen aber beginnen die besonderen Gebilde, bedingt durch +die Naturverhältnisse, in denen die verschiednen Stämme lebten. Noch +viel stärker aber sind die Unterschiede im Götterglauben, in dem fast +jeder Stamm eigene Wege wandelte. Nur Weniges, aus der vorgermanischen +Urzeit ererbt, gehört allen Germanen gemeinsam und darf daher in +die vorgeschichtliche Periode vor Beginn der bestimmten Nachrichten +zurückverlegt werden. Drei Göttergestalten sind allein mit Sicherheit +zum Urbestand des germanischen Himmels zu rechnen: der des Donners +mächtige Himmelsgott (Jupiter tonans) in die zwei Gestalten des _Tiuȥ_ +und _Ponaraȥ_ gespalten und seine Gattin _Frijô_, die Liebliche. Alles +Andere scheint Sonderbildung der einzelnen Stämme und Kultverbände +zu sein. Die folgenreichste Neuerung im Glauben unsrer Väter, das +allmälige Aufkommen des _Wôđanaȥ_, sein Sieg über _Tiuȥ_ vollzieht sich +im Gesichtskreis unsrer Beobachtungen. Eine runde, feste Götterzahl +ist weder für die Urzeit noch für später nachweisbar. Der Grundzug +des germanischen Götterglaubens ist kriegerisch. Das Schicksal des +Volkes entscheidet die Schlacht. Daher ist die Göttersage von Kämpfen +erfüllt, um Sieg wird die Gottheit angerufen. Siegesglück ist die +höchste Spende, die der Gott verleiht. Im Heldenzeitalter treten die +germanischen Stämme in die Geschichte, von Heldengeist ist ihre älteste +Dichtung erfüllt, dasselbe Gepräge trägt Götterglaube und Göttersage. +Nur selten in abgelegenen Ländern wird der hohe himmlische Herrscher +ebenso eifrig als Herr des Friedens wie als Herr des Sieges gepriesen +und angerufen. + + * * * * * + +Die gemeingermanische Bezeichnung der Gottheit lautet got. _guþ_ +pl. _guda_, as. ags. ahd. _gođ_, _got_, an. _gođ_, _guđ_. Die +urgermanische Grundform ist als _guđam_, pl. _guđô_ anzusetzen[147]. +Aus dem Gotischen und Nordischen ergibt sich, dass die Form des Wortes +ursprünglich neutral war und wol meist in der Mehrzahl vorkam. Erst +im Christentum gewann der allgemeine Begriff bestimmte Bedeutung und +wurde als Masculinum gebraucht. Dem germanischen Heidentum lag im Worte +„Gott“ der Begriff „Gottheit, göttliches Wesen“. Die Etymologie führt +auf eine indogermanische Participialbildung _ghutóm_ zur Wurzel _gheu_, +_ghu_, welche im Sanskrit und Avestischen namentlich im sakralen Sinne +verwendet wird und das Anrufen der Götter bezeichnet. _Ghutom_ ist +das mit Opfer und Gebet angerufene Wesen, erweist mithin uralten, vom +höheren Gottesbegriff untrennbaren Gottesdienst. Ein Femininum zu Gott +konnte sich erst spät einstellen, nachdem das ursprüngliche, sächliche +Geschlecht verblasste und dafür das männliche aufkam. Darum entbehren +wir auch einer gemeingermanischen Femininbildung. Im Westgermanischen +entstand zu Gott später Göttin (ags. _gyden_, ahd. _gutin_, mhd. +_gutinne_, _gotinne_, _götinne_), im Nordischen _gyđja_, womit sowol +die Priesterin wie die Göttin bezeichnet wird. + +Durch alle germanischen Sprachen geht ein zweites Wort, dessen +vollen Gehalt die nordische Mythologie erschliesst. Nach Jordanes +Kap. 13 führten die Goten ihren Adel, durch dessen Glück sie siegten +(_quorum quasi fortuna vincebant_) auf Halbgötter (_semideos id +est ansis_) zurück. Die gotische Form im Nom. pl. wäre _ansîȥ_, +der Sing. müsste _ans_ lauten. Diese _ansîȥ_ waren siegspendende +Götter. Die hochdeutschen Stämme haben das Wort in Eigennamen wie +_Anso_, _Anshelm_, _Anshilt_ und ähnlichen bewahrt, die Sachsen und +Angelsachsen in _Oswald_, _Oslaf_, _Osdäg_ u. s. w. Im Ahd. lautet +also das Wort _ans_, im As. Ags. _ôs_, wozu der bewahrte ags. Plural +_êse_ (im Fries. _ees_) stimmt. Auch im Deutschen deklinierte das Wort +in der Mehrzahl nach den i-Stämmen. Im Altnordischen ist _áss_ aus +älterem _ǫ́ss_, _*ǫ́sur_, _*ansuȥ_ hervorgegangen, der Sing, stand +zu den u-Stämmen[148], im Plur. tritt aber auch hier der i-Stamm zu +Tage, _æsir_ aus _*ansîȥ_. Die ursprüngliche Bedeutung ist nicht zu +erschliessen, weil das Wort mit Sicherheit nicht ins Indogermanische +zurückgeführt werden kann. Zur männlichen Form bildete die nordische +Sprache die weibliche _ásynja_. Durch besondere Verhältnisse gewann +der Begriff der Ansen im nordischen Götterglauben nachmals beschränkte +Bedeutung, insofern eine besondere Götterschaar als _æsir_ einer andern +(den _vanir_) gegenüber stand. + +Aus indogermanischer Wurzel stammt die an. Bezeichnung _tívar_[149], +die Lichten, von der jedoch sonst keine Spur vorhanden ist. Aus +derselben Wurzel scheint aber der Göttername _Tiuȥ_; (an. _Týr_, ahd. +_Zio_) geleitet zu sein. + +Als eine ratende und richtende Versammlung heissen die Götter _regin_ +und _metod_. _Regin_ ist im Nordischen und Sächsischen bezeugt. Das +Wort ist aber gemeingermanisch, _ragin_ im Gotischen bedeutet Rat. Die +nordische und wol auch die sächsische Sprache verwenden _regin_ im +Sinne der ratenden Götter nur im Plural. In den Hǫ́konarmǫ́l 18 wird +der Ausdruck noch verdeutlicht: _rǫ́þ ǫll ok regen_, alle ratenden +Mächte. In der Vǫlospǫ́ 6, 9, 23 gehen alle _regin_, die hochheiligen +Götter zu den Ratstühlen (_rökstólar_, _dómstólar_) und holten Rat. +Wir sehen die _regin_ in ihrer Eigenschaft als Ratsversammlung +niedersitzen. Der Begriff wird noch gesteigert als _ginnregin_ die +grossen Götter, und _uppregin_, die oberen, himmlischen Götter. Im +Götterrat wird das Schicksal bestimmt, welches noch im Heliand 2593 und +3348 _regano giskapu_, der Ratenden Schöpfung ist. Im Altsächsischen +und Angelsächsischen wird für Schicksal auch _metodo giskapu_ (Hel. +2190, 4827) und _meotodsceaft_, _metodsceaft_ (Beow. 1077, 1180, +2815) gesagt.[150] _Metod_ wird ags. und as. auch vom Christengott, +ursprünglich wol von der Gottheit überhaupt gebraucht. Dasselbe Wort, +aber in verschiedener Bedeutung begegnet auch im Nordischen (_mjǫtudr_ +stm. Verhängniss, Tod) und Gotischen (_mitaþs_ stf. Maass). _Metod_ +ist der „Messer“, der einem etwas zumisst, der Richter. Auf denselben +Gedankenkreis leiten _regin_ und _metod_, die Götter sind Rater und +Richter, das Schicksal ist das von ihnen gefundene und gefällte, +festgesetzte und vollzogene Urteil. + +Über die _vanir_, die Glänzenden oder die Seegötter, wie in der +nordischen Mythologie eine besondere Götterschaar heisst, wird im +Abschnitt Freys berichtet. Merkwürdig ist die in nordischen Quellen +übliche Bezeichnung _hǫpt ok bǫnd_, Hafte und Bande, für die Götter. +Mit Haften und Banden (ahd. _haptbandun_) können nur Fesseln gemeint +sein. Warum aber sind die Götter Fesseln? Vielleicht weil sie allen +Übermut, der die sittliche und natürliche Weltordnung bedroht, sei +es von Seiten der Menschen oder Riesen, in Fesseln schlagen und +niederhalten. Aus Ehrfurcht vor dem Allwalter betraten die Semnonen den +heiligen Hain nur gefesselt (_vinculo ligati_). Derselbe Gedanke mag +den Namen der „fesselnden“ Götter hervorgerufen haben, der die Semnonen +zur freiwilligen Fesselung vor dem Gotte veranlasste. Würde die +Fessel, die dem Übermut von höheren Mächten angelegt ist, gesprengt, +so müssten alle Bande sich lösen, die Welt geht aus den Fugen. Der +Teufel ist gefesselt, kommt er los, so geht die Welt unter. So sind +die zwingenden, hemmenden Fesseln zugleich die haltenden Bande und +Hafte der bestehenden Weltordnung, das Gesetz, das sie erhält. Neben +dem Neutrum _vé_, Heiligtum, steht im Nordischen das schwache Adj. +_vé_, gen. _véa_, der Heilige, wie etwa ahd. der _wîho_, sanctus, neben +_wîh_, templum. Im Singular begegnet _vé_ nur als Eigenname, Odins +Bruder heisst der Heilige (Lokas. 26), im Hymirlied 40 steht aber der +Plural _véar_, die heiligen Götter. Diese Bezeichnung ist schwerlich +altheidnisch. + + * * * * * + +An Gestalt und Aussehen gleichen die Götter den Menschen. Eine ideale +Menschengestalt schwebt dem Gottesbegriffe vor. Daher mag es vorkommen, +dass wol gestalte und reich gekleidete Männer vom erstaunten Volk +geradezu für Asen angesehen werden. So heisst es in der Landnáma 3 Kap. +10 von den Söhnen des Hjalti: wie sie zum Ding kamen, waren sie so wol +angethan, dass die Leute meinten, die Asen seien gekommen; und in der +Vǫlsungasaga Kap. 26 meint einer von den Leuten des Gjuki, da er den +Sigurd anreiten sieht, einer der Götter fahre daher. Die schöne lichte +Farbe wird bei Heimdall, Baldr und bei der Idun, der weissarmigen +(Lokasenna 17) hervorgehoben, Sif Thors Frau trägt herrliches Goldhaar, +im Übrigen aber erhalten wir keine besondern Einzelschilderungen. Unter +den Göttern sind ältere und jüngere gedacht. Odin ist ein älterer, +bärtiger Mann, doch keineswegs gebrechlich, greisenhaft, vielmehr +stattlich und ehrfurchtgebietend im Waffenschmuck, wie ein bejahrter, +vielerfahrener, aber noch rüstiger und waffenfähiger Volkskönig, Thor +ist eine blühende Mannesgestalt mit rotem Bart, Baldr ein strahlender, +jugendschöner Held. Nach der Geburt wachsen die Göttersöhne oft +wunderschnell zu grosser Kraft hervor, eine Nacht alt macht sich +Wali Odins Sohn zur Rache Baldrs auf, drei Nächte alt befreit Magni +Thors Sohn den Vater von der ungeheuren Last des über ihn gestürzten +Hrungnir. Es finden sich Spuren, dass die Götter besondere Nahrung +genossen. Zwar halten sie Biergelage und Thor isst gierig Lachse +und Ochsenbraten, die wandernden Asen sieden Ochsenfleisch. Aber +andererseits bedarf Odin keiner Kost, mit seinem Teil von Eberfleisch, +das den Einherjern in Walhall vorgesetzt wird, füttert er seine Wölfe, +er selber lebt allein von Wein. Idun verwahrt Äpfel, durch deren +Genuss die alternden Götter sich verjüngen. Odrerir, der begeisternde +Dichtertrank, ist vielleicht ursprünglich ein Verjüngungstrank, der das +Altern verhindert.[151] + +Es liegt im lebenskräftigen Götterglauben begründet, dass der Gott +ein höheres, längeres Leben führt als der Mensch. Unsterblichkeit +und Ewigkeit im Vergleich zum kurzlebigen Menschen gebührt dem Gott. +Tiefere Denker mögen allmälig auch das Göttliche als endlich erkennen. +So sind die griechischen Götter ewig, aber neben dieser vorherrschenden +Betrachtung taucht auch der Gedanke an ihren Untergang auf. Über die +Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der germanischen Götter wissen wir +nichts; denn die nordischen Verhältnisse dürfen nicht verallgemeinert +werden. In der nordischen Göttersage freilich sind fast alle Götter dem +Waltode geweiht, zuerst wird Baldr getötet, am Weltende aber erwartet +die Walhallgötter der Schlachttod. Da der Untergang der nordischen +Götter mit dem Weltuntergang zusammenhängt, letzterer aber ungermanisch +ist, dürfen wol auch die germanischen Götter wie die griechischen und +indogermanischen ewig gedacht werden. + +Die germanischen Götter erscheinen reitend oder gehend, nur Thor +fährt auf seinem mit zwei Böcken bespannten Wagen. Darum werden +Namen verschiedener Götterpferde aufgezählt. Selbst göttliche Frauen +bedienen sich, den Walküren gleich, der Rosse. Bei den Menschen aber +werden Gottheiten feierlich im Wagen umhergeführt, wie die Nerthus +und Freyr in Schweden. Altertümlicher ist gewiss das Wagengespann; +die berittenen Götter entstammen wiederum deutlich der germanischen +Heldenzeit, die Kämpfe werden zu Fuss oder zu Ross, nur äusserst +selten und schwerlich auf echt heimischer Sage begründet zu Wagen wie +z. B. in der Brawallaschlacht ausgefochten. Wenn die Götter ausreiten +oder ausfahren, so erbebt die Erde. Aus den Mähnen und vom Gebiss +der Götterrosse träufelt befruchtender Thau aufs Gefilde herab. Die +Götter reiten und fahren durch die Lüfte und auf dem Wasser, wie auf +dem Lande. Wenn sich die Götter, meist in unscheinbarer Gestalt, +unter die Menschen mischten, so erschienen und verschwanden sie +plötzlich. Fürs Verschwinden gebraucht die nordische Sprache das Wort +_hverfan_, _Óþinn hvarf þá_, Odin verschwand da, heisst es am Schlusse +des Grimnirliedes. Vermutlich galt überhaupt das gemeingermanische +Zeitwort _hweru̯an_ hiefür. Die Verwandlungsfähigkeit haben die +Götter mit allen überirdischen Wesen gemeinsam, jedoch machen sie +verhältnissmässig selten und dann mehr in zauberischer Weise davon +Gebrauch. Die Götter werden im allgemeinen als heiter, wolgemut +(_teitr_, _glađr_) und mild (_blíđr_, _sváss_, _hollr_) geschildert. +Sie sind dem Menschen gnädig gesinnt. Dem Thor lacht vor Freude das +Herz in der Brust (_hló hugr í brjósti_), aber sein Zorn bricht oft +auch furchtbar hervor. Wenn er unwillig zürnt, lässt er die Brauen +über die Augen sinken, macht finstere Brauen und schüttelt den Bart. +Für Odin ist neben aller Heldenschaft doch auch Tücke und Hinterlist +Freund und Feind gegenüber bezeichnend. Das Leben der Götter verläuft +wie das der Menschen. Sie befragen das Loos, führen Kriege, halten +festliche Gelage, üben sich in den Waffen, halten Gericht, ergötzen +sich am Brettspiel und lassen sich in Liebeshändel ein. Verzehrende +Sehnsucht erfasst Freys Gemüt; Odin ist in allen Liebesränken wol +erfahren. Die Götter haben auch Gefolgsleute und Diener. Skirnir ist +Freys Schuhknecht, Fulla der Frigg Kammermagd. Über die Macht der +Götter treffen wir abweichende Anschauungen. Sie sind die Lenker des +Schicksals, das ja _metodo_ und _regano giskapu_ ist, andererseits +ist aber auch das Schicksal unabhängig und selbständig gedacht +(_wurdgiskapu_). In der nordischen Sage sind die Götter dem Verhängniss +unterworfen. Die germanischen Götter und Wurd verhalten sich wol +ähnlich zu einander wie die griechischen und die Moira. Das Schicksal +gilt bald als Willensäusserung der Götter, bald steht es selbständig +neben, ja über den Göttern. _Regnator omnium_, Allwalter, war der +Semnonengott, die Bezeichnung lässt unumschränkte Allmacht vermuten. +Die den Göttern zugemessene Macht sehen wir so geteilt, dass einer an +der Spitze der übrigen steht, denen besondere Ämter und Verrichtungen +zugewiesen sind. Die Rangverhältnisse der Götter waren aber keineswegs +gleichmässig geordnet, gerade hier treten bedeutende Unterschiede im +Laufe der Jahrhunderte und bei den einzelnen Völkerschaften hervor, +indem der Vorrang unter den Göttern wechselte, bald bei Tiuȥ, bald +bei Wodan, bald bei Freyr, bald bei Thor stand. Mithin ist auch die +Anzahl der germanischen Götter keine fest bestimmte, sondern eine ewig +wechselvolle. Für die älteste Zeit erkennen wir drei Hauptgötter, deren +Verehrung bei den meisten Stämmen sehr wahrscheinlich ist. Wieviele +Götter aber die einzelnen Stämme daneben verehrten, lässt sich nicht +feststellen. Die Zwölfzahl der Götter spielt weder im deutschen, noch +im nordischen Glauben eine Rolle. Zuerst gedenkt ihrer das Hyndlalied +30: + + Elf noch lebten vom Asenstamme, + Als Baldrs Leiche auf den Brandstoss sank. + +Die Stelle steht in dem Abschnitt, der als kurze Woluspa (Vǫlospǫ́ +en skamma) bezeichnet wird und wol erst der zweiten Hälfte des +12. Jahrhunderts zugehört.[152] Die Zwölfzahl entstammt gelehrter +Nachahmung des antiken Götterkreises. Sie wird von Snorri Sturluson +in der Ynglingasaga Kap. 2 u. 7 und in der Gylfaginning Kap. 20 (SE. +1, 82) wiederholt, ist aber so wenig begründet, dass die Anzahl der +wirklich bezeugten Asen damit gar nicht übereinstimmt. Wir haben es +sicher mit einem späten gelehrten Versuche des 12./13. Jahrhunderts zu +thun, der keine weitere Beachtung verdient. + +Die Wohnstätte der Götter ist im lichten Himmel oder auf hohen Bergen +gedacht, die in den Himmel hinein ragen und weite Überschau gewähren. +_Ásgarđr_, _gođheimr_ (Götterheim), _heilakt land_ (heiliges Land), +_ragna sjǫt_ (Göttersitz), _hodd gođa_ (Götterbezirk) lauten die +Bezeichnungen bei den nordischen Dichtern. Auf den Himmel weisen +unmittelbar die Namen _uppheimr_, _upplǫnd_, wie in mhd. Gedichten der +Himmel _oberland_ heisst, wo die _uppregin_ hausen. _Tiuȥ_ und die +_tívar_ gehören schon des Namens halber in den Himmel. Wodan, Odin und +Freyr schauen vom himmlischen Hochsitz aus auf die Welt herab. Von den +Namen der Götterwohnungen, welche das Grimnirlied aufzählt, bezeichnen +einige den weiten glänzenden Himmel (_Breidablik_, _Glitnir_, +_Bilskirnir_). Auf himmelhoch ragendes Gebirg deutet Heimdalls Wohnsitz +_Himinbjorg_. Die Götterberge brauchen nicht immer als Kultstätten, +sie können auch als Wohnsitz gedacht sein. Nach der SE. liegt Asgard +inmitten der Erde, wol als hochragender Götterberg, dessen Gipfel durch +die Wolkendecke in ewig heitere Klarheit ragt. Auch der Göttersitz +Olymp ist Berg und Himmelsraum zugleich. + + + + +Die einzelnen Götter. + + +I. Tiuȥ. + +1. Des Gottes Art und sein Kult. + +Der idg. _Diēus_, der Gott des strahlenden Himmels und Tages, wurde +auch bei den Germanen verehrt. In den ältesten Zeiten, von denen die +Geschichtsquellen spärliche Kunde gewähren, war +Tiuȥ+ noch Erster +der Götter.[153] Die Mythen vom indogermanischen Himmelsgotte lassen +noch deutlich die Naturerscheinung als Hintergrund der Sagenbildung +erkennen. Mit Friede und Fruchtbarkeit segnet der Himmel die Erde. +Einige Sagen und der Kult, den die Schweden noch lange Zeit dem Gotte +widmeten, zeigen auch den germanischen Gott in seiner natürlichen +Wirksamkeit. Sofern er nicht davon losgelöst wurde, darf sein Wesen +auch aus der zu Grunde liegenden Vorstellung gedeutet werden. Daneben +entwickelte sich aber eine völlig neue Seite seiner Thätigkeit, +welche bei den meisten Stämmen fast einzig überwog. Nachdem Kampf und +Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten Lebensaufgabe der Germanen +geworden war, wandelte sich die leuchtende, in erhabener Ruhe über +den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende Gestalt des idg. +Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Denn sein eigen Ebenbild in +höchster Vollkommenheit malt sich ein Volk in seinem Gotte aus. Der +Gott steht in Beziehung zur Hauptbeschäftigung seines Volkes, er lenkt +das Schicksal, das Los der Schlachten. Tiuȥ, wurde zum Kriegsgott. +In dieser Eigenschaft lernten ihn die Römer kennen, welche ihn als +_Mars_ umschrieben. Bei den Tencterern[154] ist er der vornehmste +der Götter. Auch die Rheinländer, die im ersten Jahrhundert n. Chr. +bereits dem Wodan sich zuwandten, brachten doch auch dem Tiuȥ besondere +Tiere, wahrscheinlich Pferde zum Opfer.[155] Am feierlichsten wurde +dem allwaltenden herrschenden Gott, dem alles gehorcht, bei den +Semnonen[156], dem ältesten und edelsten Stamme des Suebenvolkes +gedient. Ein Hain von uralten heiligen Schauern durchweht war ihm +geweiht. Nur mit Fesseln durfte man den Wald betreten, wer fiel, durfte +nicht aufstehen, sondern musste sich hinauswälzen. Der schrecklichen, +strafenden und rächenden Gewalt des Gottes, der Herr über Leib und +Leben ist, dessen heilige Rechte niemand verletzen darf, geschieht mit +diesem Brauch, durch welchen jeder wie ein Opfer hilflos in des Gottes +Hand sich stellt, volle Genugthuung. Es ist ein Bundesheiligtum, das +zu bestimmter Zeit von den einzelnen verbündeten Stämmen beschickt +wird, um dem Gotte ein feierliches Menschenopfer darzubringen. Der +Glaube verlegt den Ursprung des Volkes dorthin. Die Semnonen und durch +sie auch ihre Stammverwandten betrachteten sich demnach offenbar +als Abkömmlinge des Allwaltenden. Im Kriege, den Hermunduren und +Chatten[157] um den Besitz der heiligen Salzquellen führten, opferten +die Sieger dem Tiuȥ und Wodan alle Männer und Pferde des feindlichen +Heeres. Bei den Norwegern galt im 6. Jahrhundert das Menschenopfer +als Höchstes; den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem Tiuȥ, den +sie damals noch für den vornehmsten der Götter hielten[158]. Auch +die Goten weihten dem Tiuȥ, dem Lenker der Schlachten, der blutige +Opfer forderte, das Leben der Gefangenen, dem Gotte gehörten die +ersten Beutestücke, an den Baumstämmen seines Haines wurden die +eroberten Waffen aufgehängt.[159] Abzeichen des Kriegsgottes war das +Schwert, bei dem die Quaden wie beim Gotte selber Eide schwuren.[160] +Vielleicht ist die Sage vom Marsschwert, worin Attila das Zeichen der +Weltherrschaft sah, gotischen Ursprungs.[161] Denn gotische Lieder +erzählten von Attila, als wäre er ein germanischer Heerkönig gewesen. +Man würde begreifen, dass des Tiuȥ Schwert dem Menschen, der es als +des Gottes erkorener Liebling führte, steten Sieg und gewaltige Macht +verlieh. Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern +und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der +Schwerttanz bis ins späte Mittelalter herab erhalten. Die Tänzer +führten kunstreiche Fechterschläge aus, ahmten den Schwertkampf nach +und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfache Figuren. +Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit.[162] Die Beziehung des Tiuȥ +zum Schwert lässt vermuten, dass dieses Heldenspiel ihm zu Ehren +geschah. Die weissen Rosse, die auf Staatskosten in Hainen gehegt, nur +zum Dienste der Gottheit, nie zu dem der Menschen gebraucht werden, +aus deren Wiehern Priester und König oder Fürst weissagen, waren wol +Eigentum des Himmelsgottes.[163] Wenigstens haben die im Norden aus +Tiuȥ abgezweigten Götter Freyr, Baldr, Heimdall besondere Rosse. +Wahrscheinlich gehörten schon dem Tiuȥ Schwert, Goldhelm und Ross, er +war gerüstet wie ein Königsheld. Dem Hufe des göttlichen Rosses war +vielleicht einst die Wunderkraft zu eigen, Quellen zu öffnen, ein Zug, +der in vielen späteren Sagen und Legenden vorkommt.[164] + +Dass die Friesen dem Tiuȥ dienten, wird durch einen inschriftlichen +Fund, aus dem man aber nicht zu viel herauslesen darf, bestätigt.[165] +Der unter Severus Alexander am Hadrianswall in Britannien stehende +friesische Keil (_cuneus Frisiorum_) war aus germanischen Söldnern +gebildet, die vorwiegend aus den friesischen Ländern stammten. +Leute aus Twenthe setzten dem _Mars Thingsus_ einen Weihstein. Die +germanische Form des Beiwortes ist etwa _þingsaȥ_ und stellt sich +natürlich als Ableitung zu _þing_. Die Grundbedeutung des Wortes +ist Versammlung, besonders Gerichtsversammlung, ferner Ort und Zeit +derselben. Unter Thingleuten sind aber auch die Angehörigen eines +Verbandes verstanden; _þingmanna liđ_, der Thingleute Schar, heissen +die von den anglischen und dänischen Königen in England im 11. +Jahrhundert zur Landesverteidigung gehaltenen Mietstruppen. Soll mit +dem Beiwort Tiuȥ in seiner Eigenschaft als Gott der Gerichtsversammlung +bezeichnet werden, „als Befehlshaber und Praesident des in Heer und +Thing versammelten Volkes“ (Scherer)? Römische Truppenteile weihten +ihren Schutzgöttern Inschriften, den _genii legionis_, _cohortis_, +_alae_, _vexillariorum_. Diesen Brauch ahmten die Tuihanten offenbar +nach und setzten dem Mars ihrer Truppe einen Stein. Der Mars ihres +Verbandes war aber nicht der römische Gott, sondern der ihres Volkes. +Den heimischen Glauben behielten die Germanen in römischen Diensten +bei. Der Mars, _der die friesische Truppe beschützt_, -- nichts +anderes will das Beiwort besagen -- ist damit deutlich vom römischen +unterschieden und nach der üblichen interpretatio romana wol als der +germanische Tiuȥ zu betrachten. In der Heimat und in der Fremde, an +der Dingstätte und im Lager wurde der waltende Tiuȥ von den Friesen +angerufen. + +Am Ende des 8. Jahrhunderts taucht die Benennung _Cyuuari-Suâpa_ +auf.[166] Als _Ziuleute_ sollen sich die Schwaben, die Abkömmlinge +der Semnonen, bezeichnet haben. Ihr Hauptsitz Augsburg hiess auch +_Ciesburc_, Burg des Ziu. Die Möglichkeit ist nicht abzuleugnen, dass +dasjenige Volk, dem einst das erminonische Heiligtum gehörte, das vor +den übrigen dem Himmelsgott als dem Vater des Stammes zunächst stand, +am längsten seinem Dienste treu blieb und in der neuen Heimat einen +Ziutempel unterhielt. Neuerdings wird aber die Echtheit der Nachricht +angefochten. Im karolingischen Zeitalter entstand eine fabelhafte +Chronik von Augsburg. Die Stadt ist eine Gründung der Schwaben, die +lang vor den Römern da gesessen haben sollen. Das Römerheer, die +_legio Martia_, erlitt eine schwere Niederlage bei Augsburg. Ziesburg +scheint in Anlehnung an Eresburg ersonnen: während Karl die Eresburg +bezwang, brach sich die römische Macht an der Ziesburg. Dem Augsburger +war für _dies Martis_ der schwäbische Ziestag und der bairische Ertag +geläufig, so mochte er sich das Verhältniss _Ertag_, _Eresburg_: +_Ziestag_, _Ziesburg_ ausdenken. Als Bewohner der von der legio Martis +belagerten Stadt ergaben sich dem gelehrten Chronisten _Marticolae +Ziuuari_. Vielleicht ist dieser Ausdruck jedoch überhaupt gar nicht +über die Wessobrunner Handschrift hinausgelangt, wo er aus „Recyuuari“ +Riesser, Bewohner des Riess, verschrieben zu sein scheint. Mindestens +ist der „hieratische“ Namen der Schwaben und der ihrer „Ziuburg“ mit +Vorsicht aufzunehmen, weil er vielleicht nur durch Schreiberirrtum und +gelehrte Fabelei im Ausgang des 8. Jahrhunderts zu Stande kam und mit +der Heidenzeit und dem echten Götterglauben der einst dem Tiuȥkult +zugethanen Semnonen-Sueben nichts mehr zu schaffen hat. + +Tacitus erzählt von der göttlichen Abstammung der drei Hauptstämme +der Germanen[167]. _Tuisto_, der Sohn der Erde hat wol den Himmel +zum Vater. Da Himmel und Erde an ihm Teil haben, da er ihr beider +Wesen in sich vereint, heisst er der Doppelte, Zwiefältige, +vielleicht aber auch Zwitter[168], wenn etwa Mannus von ihm allein +entsprang. _Mannus_ ist der Urmensch, Erzeuger der Menschheit. In +dieser Genealogie bezeichnet aber Mannus den Gott als Menschen. Der +Grundgedanke scheint zu sein, ein Gott in Menschengestalt zeugte die +Stammväter, nach deren Namen die Völker heissen. Wie erklären sich +die Namen dieser drei Stammeshelden _Ingvio_, _Istvio_, _Irmino_[169]? +Wenn Völker oder Geschlechter nach einem ihrer berühmten Ahnen den +Namen empfangen, dann ist dieser Ahne ein vergötterter Mensch, ein +Halbgott, niemals ein rein göttliches Wesen. Steht auch einer der +hohen himmlischen Götter, etwa Tiuȥ, Donar oder Wodan, an der Spitze, +so knüpft doch die Benennung nicht an den Gott selber an, vielmehr +an einen Nachkommen. Ein Halbgott, ein Heros vermittelt zwischen dem +Gott und den Sterblichen. Müllenhoff meint (Schmidts Zeitschrift 8, +222), „entweder ward dem Gott eigens ein Name beigelegt, der nur ein +nahes Verhältniss zu dem Volke oder Geschlecht ausdrückt, oder das +Volk oder Geschlecht bezog auf sich einen schon vorhandenen, im Wesen +des Gottes begründeten Beinamen“. Andächtige Stimmung, religiöser +Brauch soll die meisten der altgermanischen Völkernamen geschaffen +haben. Geistvoll weiss Müllenhoff diese „hieratischen Kultnamen“ +auszulegen. Doch unumstösslich feste Beweise sind nicht erbracht. +Laistner schlug einen andern Weg zur germanischen Namendeutung +ein und gelangte zu einer bestimmten, aus treffender Beobachtung +geschöpften Gesamtansicht über ihren Ursprung. Das Volk in Verband +und Versammlung, in Sippeverhältniss und Heerordnung, nach Seelenzahl +und Ausbreitung, also einfache natürliche Zustände sind Quellen der +Namen. Ohne jede Herleitung im einzelnen zu billigen, möchte ich +Laistners Erklärungsweise der gezwungenen Müllenhoffs vorziehen. An +sprachlicher Begründung steht sie hinter letzterer nicht zurück, aber +sie ist insofern ungefährlicher, als sie nicht gleich auf unsichere +Voraussetzung hin die germanische Mythologie mit allerlei weit- und +tiefgreifenden Vermutungen bereichert. Im gegebenen Fall fragt es sich +also, nannten sich diese drei Hauptvölker nach den Beinamen eines +Gottes, und so erklärt Müllenhoff, oder haben sie aus ihren eigenen +Benennungen drei Helden gemacht, und diese als des Gottes Söhne, +vielleicht auch manchmal als des Gottes Beinamen (z. B. _Saxnôt_ als +Sachsengott) ausgegeben, heisst das Volk nach dem Gott oder der Gott +nach dem Volk? Mit Laistner und andern entscheiden wir uns für letztere +Ansicht, welche auch der J. Grimms wieder näher kommt. Müllenhoff +glaubte die zu Grunde liegenden Namen des Gottes als _ingvaȥ_ der +Ankömmling, _ermnaȥ_ der Erhabene, _istvaȥ_ der Verehrungswürdige +(nach Scherer der Gott des Herdfeuers, nach Hoffory der Flammende) +erklären zu dürfen. Die Ingvaeonen, Erminonen, Istvaeonen seien +Kultgenossenschaften, Völker, die gemeinschaftlich einen Gott unter +diesen Namen anbeteten und sich gemeinsamer Abkunft von ihm rühmten. In +Ingvaȥ und Ermnaȥ erkannte er den Tiuȥ, in Istvaȥ den Wodan, während +Hoffory auch diesen auf Tiuȥ bezog. Nach Laistner sind die Ingvaeonen +die Einheimischen, die Erminonen das Grossvolk, die Istvaeonen die +Echten, Vollbürtigen. Welcher Deutung man auch beipflichte, die +Hauptfrage bleibt sich gleich, was für Götter sind mit den Stammvätern +gemeint. Leicht ist die Entscheidung für die erstgenannten. Die +Ingvaeonen wohnten auf der deutschen Halbinsel zwischen Ost- und +Nordsee, ihr gemeinsamer Kult galt der Nerthus, deren Heiligtum auf +einer Insel der Nordsee sich erhob. Die Angeln und Sachsen gehören +zu den Ingvaeonen. „Ing war zuerst bei den Ostdänen den Menschen +erschienen; später zog er ostwärts über die Wogen; sein Wagen rollte +ihm nach.“[170] Mit Ing, dem Begründer ihres Volkes, fuhren die Angeln +aus ihrer alten schleswigschen Urheimat nach Britannien. Ingwine, +Freunde des Ing heissen die Ostdänen (Béowulf 1045, 1320). Ing war ihr +erster König, an ihn knüpften die Genealogien ihrer Herrscher an. Bei +den norwegischen Skalden heissen die Könige der Schweden _Ynglingar_, +Nachkommen des Yngvi; der Gott Freyr wird auch Yngvi oder Yngvifreyr +genannt. Freyr ist aber sicher der Himmelsgott Tiuȥ. Freyr und Nerthus +gehören zusammen als die Hauptgötter der Ingvaeonen. Sollte auch die +nordische Zusammenstellung von Yngvi und Freyr erst später erfolgt +sein, so dachten doch jedenfalls die Ingvaeonen ihren Ingvo oder +Ingvio als Sohn des herrschenden höchsten Gottes, und der kann zur +Entstehungszeit der Sage nur Tiuȥ gewesen sein, noch nicht Wodan. Man +erkennt mit Hilfe dieser Zeugnisse den eigentlichen Sinn der Genealogie +des Tacitus. In Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen gepriesen, die +Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen Ursprungs. +Tiuȥ in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio war sein Sohn und +erster König, das Königtum ist vom höchsten Gotte eingesetzt. Auf +denselben Mythus geht die schöne später ausgebildete anglische Sage von +Skéaf[171] zurück, nur ist sie auf den Stamm der Angeln beschränkt, +wie ja auch die Ostdänen den Ing für sich allein in Anspruch nehmen. +Den Anfang des Königtums und der Kultur knüpften sie an die wundersame +Ankunft eines geheimnissvollen Fremdlings. In steuerlosem Schiff, auf +einer Garbe schlafend, kam ein hilfloses Kind ans Land geschwommen. +Von den Bewohnern wurde es wie ein Wunder aufgenommen und sorgfältig +erzogen. Sie legten ihm den Namen _Skéaf_ bei, nach dem Getreidebündel +(angl. _skéaf_, nds. _skôf_, ahd. _scoup_, mhd. _schoup_), auf dem er +geschlafen hatte. Skéaf wurde zum König der Angeln erwählt und wuchs +an Macht und Ehren. Als er aber aus dem Leben schied, da trugen die +Männer ihn wieder zum brandenden Ufer, wie er gebeten. Dort lag sein +Schiff zur Ausfahrt bereit, und wieder trieb der tote Held hinaus auf +die Wogen. Niemand weiss, woher er kam, wohin er entschwand. Aber eine +edle Königssippe stammte von ihm ab. Es war der Himmelsherrscher selber +gewesen, der in Menschengestalt zu seinem Volke herabstieg und ihm die +Segnungen gesicherten Ansiedelns und Wohnens, den Ackerbau und das +Leben und Besitz schirmende Königtum verlieh. Der Himmelsgott an der +Spitze von Stammtafeln, als Begründer menschlicher Einrichtungen wird +uns auch sonst begegnen, im nordischen Freyr und Heimdall. + +Mit Irmino ist ebenfalls Tiuȥ gemeint. Denn für diese Völker ist in +ältester Zeit der Himmelsgott der Höchste, so im uralten Semnonenwald, +so bei den nach dem Süden gewanderten Stämmen der Schwaben, Marcomannen +und Quaden. Bei den Hermunduren steht allerdings bereits Wodan neben +Tiuȥ. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der +Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der _irminsûl_. _Hirmen +... Mars dicitur_, _Irmino ist Tiu_, sagt Widukind.[172] In Westfalen +auf dem _Eresberg_ war ein Heiligtum, ein Hain und ebenfalls eine +solche Irmensûl, welche Karl der Grosse 772 zerstörte. _Er_ ist Tiu +unter anderem Namen und die Irmensûl muss also auf den Himmelsgott +bezogen werden. Irmineswagen heisst freilich nach später Überlieferung +(Leibnitz ser. 1, 9) das Sternbild. + +Schwieriger ist es, über den Stammvater der Istvaeonen ins Reine zu +kommen. Während Ingvaeonen und Erminonen sicher auf Tiuȥ ihr Geschlecht +zurückführen, während Namen mit Ingvio und Irmino zusammengesetzt noch +lange fortleben, ist Istvio verschollen. Unter den Istvaeonen sind +die Bewohner der Rheinlande gemeint. Da bei ihnen Wodan aufkam, liegt +es nahe, Abstammung von Wodan ihnen zuzuschreiben. Aber die Erwägung +hält kaum Stand. Die Lieder, in welchen die Völker gemeinsamer Abkunft +sich rühmen, reichen in graues Altertum. Die gemeinschaftlichen +Namen scheinen in der Römerzeit bereits in Auflösung begriffen, neue +Bundesgenossenschaften erstehen. Der Wodandienst, dem freilich in der +Römerzeit die Istvaeonen anhängen, ist für die den Liedern zu Grunde +liegenden Verhältnisse nicht notwendig vorauszusetzen, damals war er +vielleicht noch gar nicht vorhanden. Die drei Stammväter als Brüder +gedacht ordnen sich einer Einheit unter, die Westgermanen, obwol unter +sich in verschiedene Gruppen eingeteilt, fühlten wol dereinst ihre +Zusammengehörigkeit, wenigstens geht ein solcher Gedanke durch das +Gedicht, dem jene Sage entstammt, hindurch. Wenn zwei der einander +gleichgestellten Brüder auf den Himmelsgott weisen, wird auch der +Dritte keinem andern zuzuteilen sein. Tiuȥ, aus dem Himmel unter die +Menschen herabsteigend, ward der Vater der westgermanischen Hauptvölker. + +„Die einzelnen Völkerschaften eines Stammes, wie eine grosse Familie +und Blutsverwandtschaft sich betrachtend, vereinigten sich jährlich +zu einer gemeinsamen Feier und erneuerten ihre Gemeinschaft bei einem +blutigen Opfer; den Gott sahen sie für ihren Vater und den Gründer +ihres Geschlechtes an, die Göttin für ihre Mutter, beide, da jener des +Himmels waltete, diese die Erde segnete, für ihre Ernährer, Herrscher +und Beschützer.“[173] Das Bundesheiligtum der Ingvaeonen war die +Nerthusinsel, das der Erminonen der Semnonenwald. Bei den Istvaeonen +waren vermutlich die Marser Pfleger des Heiligtums der Göttin Tanfana, +das Germanicus 14 n. Chr. zerstörte, wodurch auch Volk und Name der +Marser vernichtet wurden. + +Der nordische Tyr[174] nennt sich den Sohn des Hymir, der ostwärts +über den stürmischen Wogen am Himmelsrande wohnt. Der Tag steigt im +Osten aus den Gewässern hervor. Loki rühmt sich, mit Tyrs Weib gebuhlt +zu haben; sonst wird nirgends mehr seine Gattin genannt. Die jüngere +Auffassung ordnet ihn als Sohn dem Odin unter. Snorre berichtet: „Tyr +ist überaus kühn und mutig, und hat die Hauptentscheidung über den +Sieg in den Schlachten. Daher ist es gut, wenn tapfere Männer ihn +anrufen. Eine gebräuchliche Redensart ist es, von jemand, der andere +an Mut übertrifft, zu sagen, er sei kühn wie Tyr. Damals hat er einen +Beweis seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit gegeben, als die Asen +den Fenriswolf dazu bringen wollten, sich die Fessel Gleipnir anlegen +zu lassen. Der Wolf wollte ihnen nicht glauben, dass sie ihn wieder +lösen würden, und so mussten sie ihm als Pfand die Hand Tyrs in den +Rachen legen. Als nun die Asen ihn wirklich nicht befreien wollten, +biss er ihm die Hand ab an jener Stelle, die seitdem Wolfsglied (das +Handgelenk) heisst, und der Gott besitzt nun nur eine Hand. Er ist +auch so weise, dass man von einem besonders klugen Manne zu sagen +pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten, +dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu +stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander +gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert +ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird +durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab. + +Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch +deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuȥ zu Tage, im 6. Jahrh. +galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern, +damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt. +Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden +wurde er Freyr genannt. + + * * * * * + +Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9. +Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten +und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle, aber +kühne Vermutung Zimmers[175] schliessen. Die irische Sprache bezeichnet +das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem Worte _dîberc_ +(gespr. _dîwerc_). Aus dem irischen Wortschatz ist _dîberc_ nicht +zu erklären. Da viele nordische Wörter zur Zeit der Heerfahrten ins +Irische übergingen, kann auch _dîberc_ aus dem Nordischen entlehnt +sein. _Týverk_, Werke des Tyr, Werke des Kriegsgottes, nannten die +heidnischen Wikinger ihre Thaten, und die Iren machten daraus _dîberc_, +deren Wirkung sie ja genugsam verspürten und fürchteten. Bei den +Norwegern, die im 9. Jahrh. in Irland heerten, herrschte somit noch +Tyrsdienst vor, der später vor Thors und Freys Dienste zurücktrat. + + * * * * * + +Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513 +die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in +Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim +eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen +Worte „_Teer yebus, ye Teer ye Odin_.“ Sie sind zu deuten „_Týr hæb +us, ye Týr ye Odin_!“ Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin einen +alten northumbrisehen Kampfruf vermuten, welcher in der späteren +Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in +englischer Namensform angerufen.[176] + + * * * * * + +Alle Germanen haben den _dies Martis_ nach Tiuȥ benannt, nur die Baiern +haben eine andere Bezeichnung: _Ertag_, woran noch die heutige Mundart +festhält.[177] Spätere Formen sind _Eri-_, _Erch_-, _Erichtag_. J. +Grimm vermutet, dass in diesem Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes +verborgen sei. Bedenklich ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie +Wodans-Donars-Ziestag steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg +herangezogen werden. Merkwürdig sind einige Runennamen, ᛏ ist im Ags. +_tír_ Ruhm (ahd. _zêri_, _ziere_), im Nordischen aber Týr nach dem +Gotte benannt. Die Rune ᛠ mit dem Lautwert ea heisst im Ags. _ear_ und +_tir_, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend _aer_ und +_ziu_ für die Rune. Darf man daran die etwas kühne Vermutung knüpfen, +die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen des Himmelsgottes Er +und Ziu durch das ags. _ear_ und _tír_, nord. _Týr_ erinnert? Mogk +schliesst, _Er_, _Ear_ war ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen +und Baiern, Ertag ist gleich Ziestag. Das Wort soll dem indischen +_arya_ verwandt sein, das im Sinne von freundlich im Rigveda den +Göttern beigelegt wird. + + * * * * * + +In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die +Götternamen „_Thuner ende Wôden ende Saxnôte_“, denen der Täufling +entsagen soll. _Saxnôt_[178] ist jedenfalls einer der drei germanischen +Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich gestellt wird. +In der ostsächsischen Stammtafel begegnet _Saxnéat_ als Wodens Sohn. +Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des Festlands und in +Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter, wie auch im Norden +Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu unter den Sachsen. +Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist das Kurzschwert, +das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem schwertfrohen +Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname _Saxon_ erscheint wie +eine Kurzform zum vollen _Saxnôtas_. Schwertgenossen wie die ags. +_Sweordweras_ nannten sich die Stammesangehörigen, und den Tiu stellten +sie an die Spitze ihres Bundes, indem sie den Schwertgott auch als +ihren Schwertgenoss bezeichneten.[179] Der Gott nahm auch hier den +Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu ursprünglich Saxnôt +hiess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in Waffen so sich nannte, +versteht man leicht. + + +2. Spuren von Mythen. + +Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die _Dioskuren_, die +ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig +reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und +griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali +weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit +einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst +einer Gottheit geweiht, deren Namen _Alkîȥ_ lautet, deren Wesen den +Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in +der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.[180] + +Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuȥsagen +erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuȥ bereits +stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene +Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich +und Weib, die Frija besitzt Wodan-Odin. Nur mit oft gewagten und +unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung +von den altgermanischen Tiuȥmythen, welche mit den indogermanischen +vermutlich auf gleicher Stufe standen. + +Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen +ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott. +Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl +beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der +Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches +Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen +werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und +poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken +wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen +auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die _Açvins_ +(d. h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die _Ushas_ (Ἠώς), +die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte, _Sûryâ_, die Sonnengöttin, +mit der Morgenröte auch öfters eins gedacht; nach Zwielicht und +aufleuchtender Röte tritt der volle strahlende Tag, der hehre _Dyâus_ +selber hervor, dem alle untergeordnet sind. Die Erscheinungen +beim anbrechenden Tage setzt die Einbildungskraft des Dichters in +mehrfache Beziehungen zu einander. Alle möglichen Sagen können daraus +entspringen. Am Abend wiederholt sich das Ereigniss. Da schwinden die +holden, freundlichen Lichtgötter dahin vor den unholden, feindseligen +und verhassten Mächten der Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn +wir sie wieder ihrem ersten und echten Gemahl, dem Tiuȥ zurückgeben, +gründen sich offenbar auf den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuȥ, und +den Alkîȥ hiebei eine thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier +Erwähnung finden. Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um +die Gestalt des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum +rechten Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem +sie Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später. + +Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija geht zurück +auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ. +Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den +reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des +Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die +Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûryâ (Helios) +oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier +oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem +Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber +ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sûryâ angenommen: +des Sonnengottes holde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit +auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen +Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei +Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen +zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus +entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung +bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen +zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber +auch der Tag- und Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte +gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein +und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine +volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen +Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer +dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen, +entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen +sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der +Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe. +Auf der schmuckfrohen Himmels- und Sonnengöttin, im Norden Frigg und +Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich +der Vorwurf der Buhlerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu +gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die +unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem +Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher +Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig +Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem „_Irmintiu_“ gehört +haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild und +ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico +und Frîdila, in denen die Zeussöhne, die Dioskuren stecken sollen, +wird den Mythus ergeben: Die schatzreichen +Harlunge+ führen die +Sonnenjungfrau ihrem Vater „Irmintiu“ zu. Sie werden beschuldigt, +selber nach der Braut getrachtet zu haben. Darum lässt der Himmelsgott +sie ergreifen und aufhängen. Ihren Reichtum, das Harlungengold, +nimmt er an sich. Dieser von Müllenhoff und Roediger geistvoll aus +der Heldensage erschlossene Göttermythus entbehrt völliger und +überzeugender Begründung, ebenso die weiteren daran geknüpften +Folgerungen, auf deren Vorführung wir verzichten. + +Ein anderer von Müllenhoff auf ähnliche kühne Weise aufgebauter Mythus +zeigt die Dioskuren als ein Brüderpaar, die +Hartunge+; Hartnît, der +ältere erstreitet gegen ein riesisches, winterliches Geschlecht, die +Isunge, ein schönes göttliches Weib. In seiner goldglänzenden Rüstung +verfällt er später einem Drachen, der ihn verschlingt. Der jüngere +Hartung, Harthere erschlägt dann den Drachen, legt die Rüstung und +Waffen Hartnîts an, bändigt und besteigt sein Ross, und wird darauf von +der trauernden Wittwe an des Bruders Statt als Gemahl angenommen. Auch +sonst noch sollen die lichtspendenden, streitbaren, rossebändigenden +Jünglinge in Brüderparen der Heldensage wiederkehren. + +Wenn der nordische Tyr es mit dem Wolfe zu thun hat und am Ende der +Tage mit dem Höllenhunde kämpft, mag vielleicht eine alte mythische +Vorstellung hierin nachklingen. Mit einem Wolf, dem Ungeheuer der +Finsterniss, kämpfen die Açvins und der griechische Sonnengott Apollo, +der ja sogar den Beinamen Wolfstöter (λυκοκτόνος) führt. + +Über Vermutungen gelangt der Versuch, germanische Tiuzsagen wieder +herzustellen, nicht hinaus. Sehr gewagt scheint es, Sagenzüge, die +längst alle Beziehung und allen Zusammenhang verloren, wieder an den +Himmelsgott anzuknüpfen. Denn keine Gewähr ist vorhanden, dass diese +Stoffe einst wirklich, nicht nur in unserer Einbildung, zu Tiuz und den +Alkîȥ gehört haben. Nur eine einzige Sage, wie der Himmelsgott sein +Weib errang, hat sich in lebendiger Darstellung erhalten, doch auch in +bestimmter Beziehung zum schwedischen Freyr. Unter seinem Namen soll +sie mitgeteilt werden. + + + + +II. Freyr. + + +1. Des Gottes Art und sein Kult. + + +Auf einer Insel der Nordsee, in heiligem Hain erhub sich das +Stammesheiligtum der Ingvaeonen. Dort befand sich ein mit Teppichen +verhängter Wagen, dem nur der Priester nahen durfte. Zu gewisser Zeit +wurde die Gottheit _Nerþus_ auf einem mit Kühen bespannten Wagen unter +dem Geleit des Priesters umhergeführt. Wohin der Umzug kam, überall +herrschte Friede und Festesfreude. Bei der Rückkehr ins Heiligtum +wurde die Gottheit im See gebadet; die dienenden Knechte wurden +ertränkt, damit kein frevles Auge das Geheimniss erschaue.[181] Was +hier von einer Göttin _Nerþus_ erzählt wird, stimmt auffallend zu +dem, was nordische Quellen von Njord und seinem Sohn Freyr[182], die +in Schweden verehrt wurden, berichten. An ihren Namen knüpft die +goldene Friedenszeit, das glückliche Zeitalter des Nordens, hier wie +dort wird die Friede spendende Gottheit auf einem Wagen unter dem +Volk umhergeführt. _Njǫrþr_, aus *_nerþuȥ_ entstanden, ist lautlich +gleich _Nerthus_, wie die besten Tacitushandschriften bieten. Nur ist +im Norden ein Gott, bei Tacitus eine Göttin mit dem Namen belegt. Die +urgermanischen u-Stämme lauten im Fem. und Masc. gleich, also ist jede +der beiden Verwendungen sprachlich möglich. Das gemeingermanische +Wort _nertu_, ‚guter Wille‘, wurde als Eigenschaftsbenennung auf +Personen übertragen, _nerþuȥ_ meint die wolthätige, holde Gottheit und +kann ebenso einem Gott wie einer Göttin zuerteilt werden.[183] Bei +Tacitus ist wol von der vielnamigen und vielgestaltigen Hauptgöttin +der Germanen, von der mütterlichen Erde die Rede, die dem Himmelsgott +als Gattin und Schwester gesellt war. Zieht die holde Göttin durch +die Fluren, so geleitet sie als Vertreter des Gottes der Priester; +wenn der Gott umfährt, steht ihm die Priesterin zur Seite, wie bei +Freyr in Schweden. Beiwörter der Gottheit wandelten sich im Norden +zu Eigennamen. Njord und Freyr, einst der holde (_nerþuȥ_) und der +herrschende oder der frohe (_fraujaȥ_) Himmelsgott, sind als Vater und +Sohn gedacht, aber im Grunde ihres Wesens einander völlig gleich. Mit +seiner Schwester erzeugt Njord den Freyr. + +Mit Freyr und Njord[184] hat es im nordischen Götterkreis besondere +Bewandtniss. Einstimmig nennen alle Zeugnisse Schweden als die Heimat +des Freysdienstes. Von dort wurde er frühzeitig nach Norwegen, nach +Drontheim verpflanzt, jedenfalls vor dem 9. Jahrhundert, denn die +Norweger fahren von 876 ab unter Thors und Freys Schutz nach Island. + +In den Liedern und in Snorris Edda heissen Njord, Freyr und Freyja +Wanen, _vanir_[185] im Gegensatz zu den Asen. Die Wanen sind ein +glänzendes, lichtes Geschlecht[186], die mit Jahressegen, Frieden +und Reichtum zu schaffen haben, in Wesen und Benennung von den +kriegerischen Asen unterschieden. Auch Herkunft und Heimat trennt Wanen +und Asen, obwol sie sich später in der Vorstellung nordischer Dichtung +vereinigten. In die Urzeit verlegt die Sage einen Krieg zwischen Asen +und Wanen. + + Vǫl. 21. Ich weiss als ersten der Weltenkriege, + als Gullweig sie mit Geeren stiessen + und sie in Hawis Halle verbrannten, + dreimal verbrannten die dreimal geborne, + oft und häufig, doch immer noch lebt sie. + + Vǫl. 22. Heid hiess man sie, wo ins Haus sie kam, + die sinnvolle Zaub’rin mit dem Sehergeist; + hirnverrückende Hexenkunst trieb sie, + leidiger Weiber Lust war sie stets. + + Vǫl. 23. Da gingen zu Sitze die Götter alle, + die heiligen Herrscher, und hielten Rat: + ob Zins die Asen zahlen sollten + oder alle Götter die Opfer geniessen. + + Vǫl. 24. Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer + -- das auch geschah im ersten Weltkrieg -- + da brach der Wall in der Burg der Asen, + die streitbaren Wanen zerstampften das Feld. + +In Gullweig, der Goldigen, darf man vielleicht eine Wanin, die Freyja +vermuten. Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den +Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, der +Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte +des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als +Raubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den die milden Götter der +Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und +Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges, Krieger, Bauer und +Kaufmann, Asen und Wanen geraten an einander. Siegreich behaupteten +die Wanen das Feld. Nun berieten die Asen über den Frieden, ob sie den +von den Wanen geforderten Zins erlegen oder ob sie ihnen ihr zweites +Verlangen zugestehen sollten, gleichberechtigt mit den Asen Opfer zu +empfangen. Und so wurde beschlossen. Denn wirklich erscheinen die Wanen +im Kreise der Asen und stehen ihnen an Ehren nicht nach. Ergänzend +berichtet die Ynglingasaga Kap 4: Odin fuhr mit einem Heer gegen die +Wanen, die aber verteidigten ihr Land und waren mehrmals siegreich. +Nachdem beide Teile in längerem Kriege einander Schaden angethan +hatten, kam es zur Versöhnung, Friede wurde geschlossen, Geiseln wurden +gestellt. Die Wanen gaben ihre besten Leute, den reichen Njord und +seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen den Hoenir, einen stattlichen und +schönen Mann, doch beschränkten Sinnes, weshalb ihn der weise Mimir als +Beirat begleitete. Den Njord und Freyr setzte Odin zu Opferpriestern +ein. Freyja Njords Tochter war Priesterin, sie übte zuerst unter +den Asen Zauberei (_seiđ_), wie sie bei den Wanen üblich war. Nach +Wanenbrauch, der bei den Asen verboten war, hatte Njord seine Schwester +zur Frau. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den kriegerischen, +geistesmächtigen Asen, die im Besitz höherer sittlicher Anschauung sich +befinden, und den vielfach noch im Naturzustand verharrenden Wanen +tritt auch hier zu Tage. Freyja als Zaubrerin fällt offenbar mit der +zauberkundigen Hexe Gullweig zusammen. Den Asen ist ihr Wesen neu und +fremdartig. Nur weiss Snorri nichts von vorhergehender Gewaltthat in +Odins Halle, welche nach der Vǫlospǫ́ den Krieg verursacht hatte. + +Yngl. Kap. 5 erzählt, Odin zog von Saxland nordwärts zur See und +nimmt sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland (_Odinsvé_, +_Odense_ in Fünen). In Schweden herrscht König Gylfi. Odin sandte +Gefjon zu ihm, um Ackerland zu fordern. Sie pflügt ein Stück Land +heraus und zieht es ins Meer. Es ist die Insel Selund; in Schweden +bildete sich an Stelle des Landstückes der Mälarsee, dessen Buchten +gerade so liegen als die Landzungen auf Selund. Odin aber, von der +Trefflichkeit des schwedischen Ackerlandes unterrichtet, fährt selbst +nach Schweden. Da Gylfi keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen sich +zutraut, verträgt er sich mit ihnen. Odin und die Seinigen messen sich +mit Gylfi in mancherlei List und Blendwerk[187], die Asen sind aber +stets die Mächtigern. Am See im alten Sigtún lässt sich Odin nieder, +richtet daselbst eine grosse Opferstätte nach Gewohnheit der Asen ein +und weist auch seinen Genossen Wohnsitze an. Freyr herrscht in Uppsala. + +Die Sagen vom Wanenkrieg und von der Einwanderung der Asen +nach Schweden haben unter sich Ähnlichkeit; trotz mancherlei +unverständlichen Einzelheiten, trotz der jungen Fassung der +Ynglingasaga darf ein gemeinsamer alter Kern erschlossen werden. Beide +Berichte sind den Asen feindlich und erkennen nur widerstrebend ihre +Macht an. Hier kämpfen die Schwedengötter, Freyr und Njord, die Wanen +gegen die Asen, dort der Schwedenkönig. Es kommt zum Vergleich, wonach +die angefahrenen Asen im Lande Opferstätten erhalten, aber sie müssen +dagegen zur Anerkennung der Landesgötter sich bequemen. Asen und Wanen, +Odin und Freyr herrschen zusammen. Ein geschichtlicher Vorgang scheint +zu Grunde zu liegen, ein uralter Kultkrieg zwischen den Anhängern +eines festgewurzelten altheiligen Glaubens und den Vertretern einer +neuen aus der Fremde stammenden Religion. Der Gegensatz zwischen +Freyr und Odin, dem Himmelsherrn und dem Sturmgott, jener gewaltige +Umschwung, dem der germanische Götterglaube in den ersten Jahrhunderten +unterworfen ist, kommt auch hier freilich unter wesentlich anderen +Umständen zum Ausdruck. Der norwegische Volksgott ist der Himmelsgott +in seiner Eigenschaft als Donnerer, Thor; in Schweden muss frühzeitig +der ingvaeische Freyr, der Begründer und Stifter des Königtums festen +Fuss gefasst haben, wahrscheinlich durch die Handelsbeziehungen der +Schweden zu den ingvaeonischen Völkerschaften. Von Schweden griff er +nach Norwegen hinüber. Das Zusammentreffen des Gottesdienstes der +Schweden und Norweger rief keine Fehde hervor. Wenigstens sind keine +Spuren gewaltsamer Ausbreitung des Freysdienstes vorhanden. Als aber +der deutsche Wodansglaube über Dänemark nach Skandinavien vordrang, +was jedenfalls vor 800 geschah, da traf er in Schweden eine starke +nationale Gegenströmung. Die schwedischen Könige, die Söhne Freys, +wollten anfangs nichts von Odin wissen. Es mag bis zu Kämpfen zwischen +den Anhängern des Alten und des Neuen gekommen sein, woraus die Sage +einen Krieg zwischen Asen und Wanen machte. Ein Ausgleich gewährte den +Asen im Schwedenland Opfer und Tempel, aber Freyr verschwand nicht vor +Odin, er trat ihm gleichberechtigt zur Seite. + + * * * * * + +Die nordischen Denkmäler, sowol die Edda und ihr Liederkreis als auch +die Geschichtsquellen geben ein lebendiges und anschauliches Bild +von Njord und Freyr, den die jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 173 +als _blótguđ Svía_, Opfergott der Schweden bezeichnet, von dem viele +Sagen in Umlauf wären. Man muss nur die euhemeristische Auffassung +Snorris und Saxos, denen die Götter zauberkundige Könige sind, oder die +christliche Färbung einzelner Darstellungen in Abzug bringen. + +Dass Freyr der herrschende Himmelsgott ist, zeigt noch seine Benennung +Götterfürst, _folkvalde goþa_ (Skirn. 3) an. + + Freyr[188] ist der erste von allen Helden, + Die die Burg der Asen birgt; + Keines Mannes Frau und kein Mädchen kränkt er, + Und macht die Gefesselten frei. + +Freyr ist der trefflichste unter den Göttern. Er waltet über Regen und +Sonnenschein und über den Pflanzenwuchs der Erde. Gut ist es, ihn +um Fruchtbarkeit und Frieden anzuflehen, denn er vermag den Menschen +Frieden und Wolstand zu gewähren. Alfheim, Elbenheim ist sein Wohnsitz. +Denn auch die Elbe wirken in den Naturkräften, die das Wachstum +befördern. Neben der mild-friedlichen Thätigkeit des Himmelsgottes, +die seinem uranfänglichen Wesen entspricht, steht aber auch die +kriegerische. Freyr besitzt ein Schwert, das in des Furchtlosen Hand +von selber in Schwung gerät, und ein Ross, das mutig die wabernde +Lohe durcheilt. Er ist der beste aller kühnen Reiter (_baztr allra +baldriþa_). Bei der Werbung um Gerd gibt er Ross und Schwert hin, darum +steht er seiner guten Waffe beraubt im letzten Kampf und erliegt vor +dem Feuerriesen Surt. Zu Baldrs Leichenbrand fährt er auf einem Wagen, +den der goldborstige Eber zieht. Der Wagen gebührt dem Himmelsgott +von Alters her, doch ein goldborstiger Eber wurde ihm erst später +durch ein Missverständniss beigelegt. Der Zwerg Sindri schmiedete die +besten Kleinode, Odins Speer, Thors Hammer, das Schiff Skidbladnir, den +Ring Draupnir, Sifs Goldhaar, endlich Freys Eber, von dem er sagte, +dass er bei Tag und bei Nacht schneller als ein Pferd durch Luft und +Wasser zu laufen vermöge, und niemals werde die Nacht so finster +sein, dass nicht dort, wo der Eber sich befinde, genügende Helle sich +verbreite -- so leuchte es von seinen Borsten. Schon im 10. Jahrh. +berichtet das Skaldengedicht Húsdrápa, dass Freyr auf goldborstigem +Eber ritt. Aber wie kommen Zwerge dazu, neben Waffen und Schmucksachen +ein lebendiges Geschöpf zu schmieden? Unter den beliebten Tierbildern +auf Helmen stehen Adler und Eber obenan. Die Angelsachsen trugen +goldene Eberhelme. Im Norden begegnen _Hildisvín_ und _Hildigǫtr_, +Kriegseber, als Helmnamen. Zweifellos gebührte dem Himmelsgott ein +goldener Eberhelm und der war ein Zwergengeschmeide. Später wurde der +allgoldene _Hildigǫltr_ wörtlich genommen, und so bildete sich die Sage +vom Eber[189]. Unter goldenem Eberhelm, mit dem Wunderschwert bewehrt +reitet Freyr sein mutiges Ross, und so dachten sich wol einst alle +Germanen den Himmelsgott. + +Skidbladnir (mit hölzernen Rudern?) ist der Schiffe bestes. Stets hat +es günstigen Fahrwind nach der Richtung, in der man reisen will, sobald +das Segel aufgehisst wird. Alle Götter finden darin Platz, aber man +kann es auch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Die Wanen, +insbesondere Njord haben auch mit der Schifffahrt zu thun; darum ist +dem Gott ein Wunderschiff, das in seinen Eigenschaften an Märchendinge +erinnert, beigelegt. Die mythische Deutung will darin die Seglerin der +Lüfte, die Wolke sehen, die in nichts zusammenschwinden kann. + +Njords[190] Wesen deckt sich mit Freyr. Er wohnt zu Noatun +(Schiffsstätte, Hafen) und lenkt dort des Windes Lauf und beruhigt +Meer, Sturm und Feuer. Ihn soll man bei Seefahrt und Jagd anrufen. So +reich und begütert ist er, dass er jedem Land und fahrende Habe geben +kann, wenn er will, und darum soll man ihn deswegen anrufen. Mit seiner +Schwester zeugte er Freyr und Freyja. Ein isländisches Sprichwort war: +reich wie Njord.[191] + +Was die Geschichtsquellen über Njord und Freyr berichten, deckt sich +vollkommen mit den Angaben der Edda. Die Ynglingasaga Kap. 11 sagt +von Njord, zu seinen Zeiten sei so guter Friede und fruchtbares Jahr +gewesen, dass die Schweden meinten, Njord gebiete über Fruchtbarkeit +und Reichtum der Menschen. + +Der Ynglingasaga (Kap. 12) ist Freyr ein milder, reicher Herrscher, +unter dem Friede und Fruchtbarkeit blühen. Zu Uppsala[192] war sein +Hauptsitz. Zu seinen Zeiten war Frodis Friede, und gutes Jahr in allen +Landen: die Schweden schrieben es dem Freyr zu. Freyr hiess mit anderem +Namen Yngvi; Yngvi blieb lange ein Ehrenname in seinem Geschlecht, +seine Nachkommen hiessen Ynglinger. Als Freyr erkrankte, da liess man +nur wenige Leute zu ihm. Ein grosser Hügel mit einer Thüre und drei +Fenstern wurde erbaut. Dort hinein schafften sie den toten Freyr und +sagten den Schweden, er sei noch am Leben. So gings drei Jahre. Reiche +Schätze wurden geopfert, Friede und Fruchtbarkeit dauerte fort. Als +das Volk seinen Tod endlich erfuhr, wollten sie seinen Leichnam nicht +verbrennen; sie glaubten, die gute Zeit werde anhalten, so lange Freyr +in Schweden wäre. Da nannten sie Freyr den Gott der Welt und opferten +ihm alle Zeit um Frieden und Fruchtbarkeit. + +Tapfere Fürsten heissen Sprösslinge Freys, wie sie auch Tyrs Nachkommen +genannt werden.[193] + +In den Tagen Haralds Harfagri kam Hrafnkell nach Island.[194] Er nahm +Land in Besitz, opferte und errichtete einen Tempel. Hrafnkell verehrte +keinen Gott mehr als Freyr, und weihte ihm die Hälfte seiner besten +Habe zu eigen. Darum erhielt er auch den Beinamen _Freysgodi_, Priester +des Freyr. Unter seinen Besitztümern erschien ihm ein grauer Hengst mit +schwarzen Streifen am Rücken am meisten wert. Er nannte ihn _Freyfaxi_, +und schenkte auch ihn zur Hälfte seinem Freunde Freyr. Diesen Hengst +liebte er sehr und gelobte, den zu töten, der gegen seinen Willen +ihn reite. Einar Thorbjorns Sohn, der als Hirte bei Hrafnkell sich +verdingt, erhält die strenge Weisung, das Verbot nicht zu brechen. +Wie er trotzdem einmal, um verlaufene Schafe zu suchen, den Hengst +besteigt, läuft dieser zu Hrafnkell und zeigt ihm das Geschehene mit +lautem Wiehern an. Am andern Tag reitet Hrafnkell zu Einar hinaus, +stellt ihn zu Rede und schlägt ihn seinem Gelübde gemäss zu tod. Daraus +entstand eine grosse Fehde zwischen Hrafnkell und den Verwandten +Einars, die mit Hrafnkells Vertreibung von Haus und Hof endigt. Seine +Feinde liessen den Hengst und die andern Rosse vorführen. Sie schienen +ihnen tüchtig und gut zur Arbeit, am besten aber Freyfaxi, der so +viel Unheil verursacht hatte. Damit er aber nicht noch mehr Todschlag +verschulde, soll ihn der, dem er gehört (Freyr), zu sich nehmen. Sie +führten ihn daher auf eine steile Klippe, verhüllten seinen Kopf, +banden einen schweren Stein um seinen Hals und stürzten ihn in den +unten vorbeifliessenden Strom. Zur Erinnerung wurde der Ort Klippe des +Freyfaxi genannt. Drüber erhob sich der von Hrafnkell erbaute Tempel. +Nachdem sie die Götterbilder ihres Schmuckes beraubt hatten, legten sie +Feuer ans Heiligtum und verbrannten alles zusammen. Wie Hrafnkell dies +erfuhr, entsagte er allem Opfer und Götterglauben. + +Freyfaxi scheint selber dämonischer Art, wie er auch seinen Reiter +bei Hrafnkell anzeigt. Auch sonst kommen Pferde mit Namen Faxi vor, +die abergläubische Verehrung genossen. Man wird an Tacitus Kap. 10 +erinnert, die heiligen Rosse seien Mitwisser der Gottheit. + +Zu Freyr stehen auch noch andere in besonders naher Freundschaft.[195] +Es wird ein Thorðr Freysgodi erwähnt; ein ganzes Geschlecht trägt den +Namen _Freysgyđlingar_. Der Isländer Thorgrim Freysgodi pflegte im +Herbst dem Freyr Opfer und Gasterei zu halten. Als er meuchlerisch +ermordet wurde, geschah es, dass ausserhalb und südwärts am Grabhügel +Thorgrims nie Schnee haftete und er nie gefror; die Leute meinten, er +sei dem Freyr um der Opfer willen so lieb gewesen, dass der Gott es +zwischen beiden nie zufrieren lassen wollte. Auch hier äussert sich +der milde Himmelsgott deutlich seinem Wesen nach in Sonnenkraft und +Thauluft. In diesem Sinn heissen irdische Helden Freys Freund, _Freys +vinr_, worauf auch der ags. Name _Fréawine_, vielleicht der ahd. +_Frôwin_[196] zielen. Aus letzteren ist der Schluss gerechtfertigt, +dass auch ausserhalb der nordischen Länder mit der Bezeichnung „Herr“, +gleichwie Gott später in christlicher Zeit, schlechthin Tiuȥ gemeint +war, nur dass dort das Beiwort nicht vollständig in den Rang eines +Eigennamens trat. + +Thorkell Hafi[197], von Vigaglumr um sein Gut zu Thverá gebracht, sucht +bei seinem Freund Freyr Hilfe. Und ehe Thorkell von Thverá wegzog, ging +er zum Tempel Freys und führte einen alten Ochsen dahin und sprach: +Freyr, der du lange mein treuer Freund gewesen bist, viele Gaben von +mir empfangen und sie wol vergütet hast, dir schenke ich nun diesen +Ochsen darum, dass Glum einst nicht minder wider seinen Willen von +Thverá wegziehen möge, als ich jetzt ziehe; lass mich ein Zeichen +sehen, ob du annimmst oder nicht. Da brüllte der Ochse und fiel tot +nieder. Thorkell glaubte, Freyr habe damit das Gelübde angenommen. Der +Gott erfüllt seine Zusage. Gegen Glum wird am Allding eine Blutklage +anhängig gemacht. Ehe er von daheim wegreitet, sieht er im Traum viele +Leute nach Thverá kommen, den Freyr aufzusuchen, der auf einem Stuhle +sass. Glum fragt die Leute, wer sie seien und erhält zur Antwort: seine +verstorbenen Anverwandten. Sie bitten Freyr, Glum möge aus Thverá nicht +vertrieben werden. Doch umsonst; Freyr antwortet kurz und zornig und +gedenkt des von Thorkell geopferten Ochsen. + +Oddr Sindri[198] muss sein Gut an Helgi Asbjarnarson abtreten. Als +sich Oddr zum Wegziehen anschickte, liess er einen Stier schlachten. +Am ersten Zugtag wurden Tische längs der Sitze aufgestellt und das +gekochte Stierfleisch vorgesetzt. Da trat Oddr hinzu und sagte: Hier +ist der Tisch zugerichtet, wie für meine teuersten Freunde; dieses +Gastmahl gebe ich ganz dem Freyr, damit er den, der an meine Stelle +kommt, mit nicht geringerem Kummer von Oddsstadir wegziehen lässt, als +ich jetzt ziehe. Hierauf zog Oddr mit allen den Seinigen ab. + +Wie einem vertrauten Freunde wird dem Gott Herzenskummer und Sorge +ausgesprochen. Kann er nicht helfen und Unheil abwehren, so soll er +doch Rache und Vergeltung üben. + +Pferd und Ochse fielen dem Freyr als Opfer. Aber auch der „Heerdeneber“ +_sonargǫltr_ (Sievers, Beiträge 16, 540 ff.), der stattlichste und +stärkste Eber, umsomehr als wegen des missverstandenen Eberhelms +Freyr selber einen Eber besass. Mit Beziehung hierauf sagt die +Hervararsaga[199] vom König Heidrek, er habe den grössten Eber Freyr +geopfert. Am Julfest wurden mit Handauflegen auf die Borsten dieses +heiligen, zum Opfer bestimmten Ebers Gelübde beschworen. Zwölf +Urteilsprecher hatte Heidrek zu seinem goldfarbigen heiligen Eber +bestellt, auf dessen Borsten in allen wichtigen Rechtssachen geschworen +werden sollte. Das Eberopfer gehörte wol nicht von Anfang an dem +Himmelsgott, das vornehmere Rossopfer hat darauf mehr Anspruch, sondern +gewann erst später auf Freyr Bezug. + +In der Geschichte König Olafs Tryggvason[200] wird ein Heiligtum des +Freyr zu Drontheim erwähnt. Im Umkreis wurden dem Gott heilige Pferde +unterhalten. Das Volk rief ihn um Frieden und Fruchtbarkeit an und +liess sich die Zukunft von ihm offenbaren. Der junge und entstellte +Bericht, wie Olaf die Drontheimer bekehrte, enthält doch einen wahren +Gedanken, es wird auf die völlige Gleichheit des drontheimischen Kultes +mit dem schwedischen hingewiesen und die Herkunft des Freysdienstes +aus Schweden behauptet. Nachdem der König im wesentlichen die +euhemeristische Erzählung der Ynglingasaga vortrug, fährt er fort, dem +Freyr seien zur Unterhaltung zwei Holzfiguren in den Grabhügel gegeben +worden. Später drangen einmal Räuber hinein, um die geopferten Schätze +zu stehlen. Von plötzlicher Furcht ergriffen wagten sie nichts ausser +den zwei hölzernen Götzen mitzunehmen. Diesen opferten nunmehr die +Schweden an Freys Stelle. Der eine Götze aber wurde nach Drontheim +gesandt, wo ihm der gleiche Dienst gewidmet wurde. + +Gunnar Helmingr[201], ein des Todschlags beschuldigter Mann, flüchtete +aus Norwegen nach Schweden. Damals wurde noch den Göttern geopfert, vor +allen dem Freyr. Das Götzenbild des Freyr redete mit den Leuten, auf +Eingebung des bösen Feindes berichtet der Sagaschreiber, und hatte ein +junges Weib zu seinem Dienst. Sie galt als des Gottes Frau und war über +Freys Heiligtum gesetzt. Gunnar flehte sie um Schutz an. Obwol der Gott +dem Fremdling nicht günstig schien, behielt ihn die Priesterin doch bei +sich. Die Zeit kam heran, da die Frau das Götzenbild auf einem Wagen +im Lande herumführen sollte, damit Freyr den Leuten fruchtbares Jahr +bringe. Die Priesterin sass beim Gott auf dem Wagen, die Dienstleute, +unter ihnen Gunnar, gingen zu Fuss voraus. Als sie einmal übers Gebirge +fuhren, erhob sich ein grosses Unwetter. Nach und nach liessen alle +bis auf Gunnar den Wagen im Stich. Gunnar führte die Zugtiere, als er +aber müde wurde, setzte er sich auf den Wagen. Die Frau sagte: Sieh +zu, sonst erhebt sich Freyr gegen dich! Gunnar versuchte noch einige +Zeit zu gehen, als er aber wieder müde ward, sprach er: So will ichs +versuchen, Freyr zu widerstehen, wenn er mich angreift. Er ringt mit +Freyr und ist nahe daran, zu unterliegen. Da gelobt er nach Norwegen +zurückzukehren, mit König Olaf sich zu versöhnen und den wahren Glauben +anzunehmen, und es glückt ihm, Freyr zu fällen. Der böse Geist lief +aus dem Götzenbild, das Gunnar in Stücke schlug. Dann ging er zum Wagen +und befahl der Frau, sie solle ihn für den Gott ausgeben, wozu sie +gern bereit war. So fuhr Gunnar als Freyr zu den Leuten. Das Wetter +hellte sich auf und sie kamen zu dem Gastgebot, das ihnen angerichtet +war. Dort waren viele von den Leuten, die zuvor dem Wagen nachgelaufen +waren. Dem Volke dünkte es viel wert, wie Freyr seine Macht zeige, dass +er in solchem Unwetter, da alle ihn verliessen, doch mit seiner Frau +zu den Höfen käme, und dass er nun unter den Leuten wandle und wie +andre Menschen trinke. So besuchten sie den Winter über die Gastereien. +Freyr redete fast allein mit seinem Weib, nur wenig mit anderen, er +wollte kein blutiges Opfer annehmen, sondern nur Gold und Silber, +schöne Gewänder und andre Kostbarkeiten. Mit der Zeit wurde Freys Weib +schwanger. Das galt für ein gutes Zeichen. Die Witterung war gut und +alles deutete auf ein fruchtbares Jahr. Weithin verbreitete sich die +Kunde, wie mächtig der Schwedengott sich zeige. Auch König Olaf vernahm +davon, ihm ahnte die Wahrheit. Er schickte Gunnars Bruder Sigurd nach +Schweden, und der erkannte alsbald, wer Freyr war. Bei Nacht und Nebel +entwich Gunnar mit seinem Weib und allen Kleinodien nach Norwegen und +liess sich dort taufen. + +Diese Erzählung ist vom christlichen Standpunkt gehässig gefärbt, sie +will den Trug des Heidentums, bei dem der Teufel die Hand im Spiel +hat, in grelles Licht setzen. Doch diese Zuthaten fallen leicht ab. +Bezeugt wird ein schwedischer Brauch: Freyr, von einer Priesterin +begleitet, wird zur Winterszeit auf einem Wagen im Lande umhergeführt. +Wohin er kommt, wird er mit festlichem Gelage aufgenommen, Opfer werden +ihm geschlachtet. Der Umzug segnet die Gaue zu Fruchtbarkeit. Ein +vollkommenes Seitenstück zu dem, was Tacitus von der ingvaeonischen +Nerþus erzählt, liegt hier vor. + +Stefnir, der für die Einführung des Christentums auf Island wirkte, +hatte sein Schiff bei Gufaros angelegt. Im Winter wurde es durch +Hochwasser beschädigt. Da lief eine Weise um, des Inhalts, dass die +Macht der Landesgötter es also gefügt. Eine zweite Wendung misst dem +herrschenden Freyr die That bei.[202] Die Landesgötter, Freyr an der +Spitze, wehren dem neuen Glauben den Zugang zu Island. + +Dem Wesen des Gottes entsprechend ist das dichterische Bild _Freys +leikr_[203], Spiel des Freyr, wol als Festesfreude, Trinkgelage und +Unterhaltung mit Frauen aufzufassen. Beim Opfer wurde Freys und Njords +Becher[204] um Fried und Fruchtbarkeit getrunken, nachdem zuerst Odins +Becher um des Königs Sieg und Macht geleert worden war. Im ältesten +isländischen Landrecht von 927 wurde der Wortlaut des feierlichen Eides +also festgesetzt: Ich schwöre einen Gesetzeseid, so wahr mir Freyr und +Njord und der allmächtige Gott (Thor) helfe![205] Unter Freys und Thors +Schutz fuhren die Norweger im Ausgang des 9. Jahrhunderts nach Island, +wo sie eine neue Heimat sich begründeten. Ingimund, ein norwegischer +Wiking, erhielt von König Harald ein kleines silbernes Bild des Freyr +zum Geschenk. Eine Volva weissagt Ingimund, er werde nach Island +ausfahren und sich dort niederlassen, wo er das wunderbarer Weise aus +seinem Beutel verschwundene Freysbild wieder finde. Im Vatnsdal auf +Island lag das Bild im Boden an der Stelle, wo die Hauptpfeiler des +Tempels eingegraben wurden.[206] So weist Freyr wie sonst Thor dem +Ansiedler seine Stätte, die alten Götter walten auch über der neuen +Heimat. Freyr hat wie sein Vater Njord auch mit der Schifffahrt zu +thun. Der Skald Hallfred gelobte dem Freyr eine Gabe, falls er Seewind +nach Schweden bekäme, dem Thor oder Odin, falls nach Island heim.[207] +Gegen den norwegischen König Eirik Blutaxt schleudert der isländische +Skald Egill den Fluch: Mögen die Götter ihm den Raub meiner Güter +vergelten! Die waltenden Mächte und Odin sollen den König vertreiben! +Freyr und Njord mögen den Volksbedrücker elend machen! Der Landesgott +(Thor) thue ihm, der heilige Rechte brach, leides![208] Wie in der +Eidformel stehen Freyr, Njord und der Landase bei einander. Alles das +lehrt, dass die Verehrung Freys und Njords tief im Volksleben wurzelte. +In den nordischen Ländern erhoben sich daher auch viele Freystempel, +viele Örtlichkeiten wurden nach dem Gotte benannt und so seinem Schutze +anempfohlen.[209] + +Im Eyjafjord auf Island war eine Örtlichkeit in Erinnerung an Schweden +Uppsalir genannt. Dort stand ein Tempel des Freyr, der so heilig +gehalten wurde, dass kein zur Verbannung oder Acht Verurteilter +daselbst weilen durfte.[210] + +Was Adam von Bremen und Saxo berichten, stimmt völlig zu den nordischen +Quellen. Frö ist Gott der Schweden, sein Hauptsitz ist Uppsala, wo +ihm Menschen und Tiere zum Opfer geschlachtet werden. Beim grossen +Jahresopfer findet Tanz und Spiel statt, überhaupt war der Freysdienst +in mancher Augen weichlich. Um Frieden und Glück wird Freyr angerufen, +auch bei Hochzeiten wurden ihm Opfer gebracht. Die schwedischen Helden +hiessen Frös Freunde und Verwandte.[211] + +Der Begründer des Ynglingerstammes heisst _Yngvefreyr_, _Ingefreyr_, +_Ingunarfreyr_[212] schon in älteren Gedichten, in der Haustlong 10, +Haleygiatal 13, Lokas. 43. Dass der Stammvater aus dem Namen des +Geschlechtes erwuchs, wie Scyld, Skjoldr an der Spitze der dänischen +Scyldingas, Skjoldungar, ist klar. Ob er Beziehungen zum Ingvo als +Stammvater der Ingvaeonen hat, kann nicht mit voller Bestimmtheit +behauptet werden, doch ist die Wahrscheinlichkeit gross. Ingwine +heissen in ags. Dichtung die Ostdänen, die in Südschweden ansässig +waren. Ihr Stammheld ist Ing genannt, ihr König _Fréa Ingwina_. +Norwegische Verfasser leiten nun allerdings die Ynglinger von den +schwedischen Königen zu Uppsala ab. Die aber hiessen Scylfingas, +Skilfingar, Stuhlkönige (ags. _scylf_, an. _skjǫlf_, Bank, Hochsitz). +Der norwegische Königsstamm, der mit Harald Harfagri zur Einherrschaft +kam, zählte sich zu den Ynglingern; die Sage berichtet den allmäligen +Zug des Geschlechtes von Uppsala bis Skiringssal im norwegischen +Vestfold. In Wirklichkeit waren die Ynglinger Ostdänen, Ingwine. +Ingunarfreyr scheint aus älterem *Ingunafreyr verderbt. _Ingunafreyr_ +entspricht genau dem _Fréa Ingwina_, Yngve, Inge dem ags. Ing. Der +Herr der Ingwine, der Ostdänen, hiess Yngwe. Inglinger sind Ingwes +Söhne. Wie die Ingvaeonen in Ingwo den Begründer ihres Volkes ehrten, +so die daraus hervorgegangenen Ingwine den Ingwe als Stammvater ihrer +Könige.[213] Dass Ingwo-Ingwe für des höchsten Himmelsgottes Sohn galt, +ist sehr wahrscheinlich. Aber erst durch Missverständniss warf der +Skald Thiodolf im Ausgang des 9. Jahrhunderts den _Ingunafreyr_, Ingwe +den Stifter der Ynglingar, mit dem Schwedengott _Freyr_ zu Uppsala +zusammen, und verlegte dadurch den Ursprung der Ynglinger nach Uppsala. +Daher erscheint Yngve als Beiname Freys bei Snorri, Yngve als Njords +Vater bei Ari, dem ersten um 1130 schreibenden isländischen Historiker. +Dass übrigens schon im _Fréa Ingwine_ der ingwaeonische Himmelsherr +anklang, ist durch diese Erklärung nicht ausgeschlossen. + + * * * * * + +Wie Thor auf seinen Fahrten oft von einem dienenden Paar Thjalfi und +Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute _Byggwir_ +(Nebenform _Beyggwir_) und sein Weib _Beyla_.[214] Beide erscheinen nur +in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter auch beschuldigt. +Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig genannt zu werden. +Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit) schwatze er. Er +habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht; als die Männer sich +schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden können. Beyla sei mit +Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese mistbesudelte Magd +sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die Dienstleute Freys wie +die Thors die friedliche Bauerschaft, die von Krieger und Edeling wie +Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im Gefolge des Gottes des +Ackerbaues würden sie recht wol passen. + + +2. Sagen. + +Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem +norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors +dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die _Rigsþula_, welche bei +Heimdall zu erwähnen ist, und die _Skírnismǫ́l_.[215] Ihre Grundlage, +die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere Zeit oder auf +eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder vorauszusetzen +ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten Mythen zu, nicht +auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt. + +Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er +im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete +Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords +Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach +dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd +ergriffen wurde. + + Inniger hat niemals seit der Urzeit Tagen + Ein Mann ein Mädchen geliebt, + Doch von Asen und Elben kein einziger will es, + Dass wir beide zusammen sind. + +Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die +Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der +Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs +Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass +ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache +mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern. +Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg +vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und +bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon +wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun +übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die +greulichsten Riesen, ans Ende der Welt, zur Hölle, an die Seite eines +unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt +Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den +gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine +Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit +Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter +Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss +gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden +Freyr heim. + + „Lang ist eine Nacht, lang sind zweie, + Wie geduld ich mich drei? + Ein Monat oft schien mir minder lang + Als des Harrens halbe Nacht.“ + +Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den +Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des +Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist +alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied +an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol +vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach +Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage +gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende +ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm +verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber _enn +skíre_, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas. 42 wird auch +noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt ausgeführt hätte: + + Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter + Und gabst dein Schwert dahin. + +Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt +Freyr den Mörder ihres Bruders (_bróþorbane_). In den nordischen +Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli Mörder +(_Belja bane_). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That, allerdings +schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes Schwert +bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli waffenlos +gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem Hirschgeweih +getötet.[216] Der Wächter im Riesenheim, der Skirnir aufzuhalten +sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den ursprünglichen +Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen, dass er erst +nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die Braut +gewann. Dabei ging das Schwert verloren. + +Auf denselben Mythus geht das Lied von _Swipdag_[217] zurück. Der +junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel +seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die +Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren +Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross +und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt +zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von +lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg, +Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald, +Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des +Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll +gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde +umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte +sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen +öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum +Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln +ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu +melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft. + + „Swipdag heiss ich, Solbjart hiess mein Vater, + Dorther ging ich auf windigem Weg.“ + „Heil dir, Wandrer! Mein Wunsch ist erfüllt; + Komm und empfange den Kuss! + Ersehnter Anblick beseligt jeden, + Der heisse Liebe hegt. + Lange sass ich auf Lyfjaberg, + Deiner harrend von Tag zu Tag; + Nun ward Gewährung dem Wunsch endlich, + Da du, Held, dich der Halle genaht. + Lang hab ich Sehnsucht nach dem Liebsten erduldet, + Wie nach meiner Minne du; + Wahr jetzt wird es, dass wonnige Tage + Uns beiden für immer blühn.“ + +Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden +Personen deutlich zum Ausdruck. _Swipdagr_ ist der rasche Tag, Menglod +die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg, +ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die +Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres +scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau +Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben +und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind +als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen, +als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr, +Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit +allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert +trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.[218] + +Auch von Njord geht eine Sage.[219] Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi +Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine +Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen +boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst +wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen. +Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in +der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte +die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem +Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der +Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass +sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu +Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er +also: + + Nicht lieb ich die Berge, nicht lange dort weilt ich, + Neun Nächte nur; + Süsser schien mir der Sang des Schwans + Als der wilden Wölfe Geheul. + +Skadi aber erwiderte: + + Mir stört den Schlaf am Strande des Meeres + Der krächzenden Vögel Gekreisch; + Am Morgen weckt mich die Möve täglich, + Die wiederkehrt vom Wald. + +Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie +läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher +heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs. + +Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der +das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des +Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die +lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.[220] +Ob der Mythus auf Njord als den Gott der Schifffahrt, aufs offene +Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen +neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland +heimischen Stürme gehalten wird? + +Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an: + + Schweige du, Njord, dich schickte man ostwärts + Zu den Göttern als Geisel fort, + Als Harntopf brauchten dich Hymirs Töchter + Und machten dir in den Mund. + +Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der +Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein, +wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden +Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer +bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen, +kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt +auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die +vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau +kennen. + + * * * * * + +König _Frodi_[221], Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten Stamm +der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen Tagen begann der +Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens. Kein Mann +that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht, ein Goldring +lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit war das Land +gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den Riesinnen Fenja +und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und ruhelos Gold, Glück +und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden, ein Seekönig brach +mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis Frieden. In düstrem, +ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den nahen Umschwung des +zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus dem Gold geht das +Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und Freyr zusammen; er +fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als menschliche Könige +auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand beglückt, schenkt +Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo erzählt von sechs +Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere Gestalten, was die +Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch die nordischen +Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei Friedensfürsten +des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi dem Friedsamen. +Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an Njords Ehe mit +Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet Saxo, er habe +einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen. Dadurch wurde +er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu bestreuen. +Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner Zeit brauchte +niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel zu verwahren. +Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der dreissig Jahre +lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der König aufhängen +liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war erlaubt, überall das +zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen Nötige zu nehmen. Als +Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen war, verheimlichte das +Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr, seinen Tod und führte +die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande umher (Freys Umfahrt!). +Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland begraben. Man erkennt im +dänischen Frodi, welcher im _milden Fruote_ mhd. Gedichte wiederkehrt, +deutlich dieselbe Gottheit wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott +Saxos Auffassung gemäss als irdischer König gedacht. Frodi ist die +schwache Form des Adj. _fróþr_, weise. Die Wanen heissen aber weise +(Vafþr. 39, Skírn. 17, 18) und Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr +wird _enn fróþe afe_, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo +von Fridlev, Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha, +Amunds von Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys +Werbung um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus +der dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt, +merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken. +Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und +dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu +sein. + +In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den +germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen +Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend +Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten +Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira +begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in +Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf, +Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält +man dazu Frôwin, Freysvinr[222] und was von Nerþus erzählt wird, so ist +der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn +und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf +den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch +durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem +Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe +Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden +aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel +Wolstand und Glück. + + +III. Der Himmelsgott als Donnerer. + +1. Donar bei den Deutschen. + +Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, _Juppiter +tonans_, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe, +die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige Steine fahren +nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner +gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius +δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch +heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die +Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst. + ++Donar+[223], der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit, welche +alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der _dies +Jovis_[224] zugeteilt worden. Die ältere interpretatio romana gibt ihn +mit _Hercules_[225], die spätere mit _Juppiter_[226] wieder. Obwol +allen Germanen gemeinsam, ist Donar doch nicht überall zu gleicher +Bedeutung gelangt. Zu schönster und reichster Entwicklung gedieh der +Donarkult bei den Norwegern, bei den Deutschen scheint Donar zuerst +hinter Tiuȥ, später hinter Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen +Donar erhalten wir nur eine dürftige, unvollkommene Vorstellung. +Donar ist der stärkste und tapferste der Götter. Ihn besangen die in +die Schlacht ziehenden Kämpfer.[227] In heiligen Wäldern war sein +Weihtum. Mächtige, uralte Eichen, wie die bei Geismar[228] in Hessen, +die Winfrid fällte, waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die +Stämme vor wichtigen Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische +Seite wird bei Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke +Gott namentlich über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht +und Frieden. Mit dem Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche +verknüpft und schon in alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein +dem Donar gehöriger Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen +beschriebenen Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden +wurde, begegnet Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht +der Ehe wird er angerufen.[229] Der Donnerkeil erscheint als eine +geschleuderte Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag +gehören zu den beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist +der Vergleich, dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer +führt, und so erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass +der deutsche Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist +vielleicht beim ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.[230] +Die Vorstellung, dass bei starkem Gewitter der Donnergott, mit der +Axt bewehrt, auf einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen[231] +und Ditmarschen[232] vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb +möglich, weil Thor im schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise +fortlebt. + +In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12. +Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider +unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?) +Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und +schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche +Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht +darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der +Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber +der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in +Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.[233] + + +2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes. + +Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung +genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor[234], besonders +Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden +und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben +einander vorkommen, in den Bildern[235] der Tempel, in der feierlichen +Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich +ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit +Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf +Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder: +Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden +Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte +er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste +inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie +Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein +berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der +Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen[236] zu bilden. Die +Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter +anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss zu den +einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd +und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind, +so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter +Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt, +Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin +gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend +kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den +Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei +der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten. +Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der +Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener +Freyr, niemals Odin. + +Als König Harald in Norwegen die Alleinherrschaft aufrichtete, wurden +dadurch viele mächtige Männer zur Auswanderung bewogen. Hrolf war ein +grosser Häuptling. Er waltete auf der Insel Mostr bei Südhördaland +eines Tempels des Thor und war ein grosser Freund des Gottes. Er war +gross und stark, schön von Aussehen und hatte einen grossen Bart; darum +hiess er Mostrarskegg (Mostrbart). Er war der vornehmste Mann auf der +Insel. Im Frühjahr verschaffte Hrolf dem Björn Ketilsson, der von König +Harald geächtet war, ein gutes Langschiff mit tüchtiger Bemannung und +gab ihm seinen eigenen Sohn Hallstein zur Begleitung mit. Als König +Harald hörte, dass Hrolf Björn den Ächter unterstützte, schickte er +Boten zu ihm und liess ihm sagen, er solle aus dem Lande weichen wie +Björn oder zum König kommen und alles seiner Gewalt unterwerfen. Das +war 10 Jahre, nachdem Ingolf Arnarson nach Island gefahren war (um +874); die Leute, die von Island kamen, lobten die Beschaffenheit des +Landes. Thorolf Mostrarskegg stellte ein grosses Opfer an und befragte +Thor, seinen vertrauten Freund, ob er sich mit dem König versöhnen +solle oder ausser Lands fahren und anderes Schicksal suchen. Das +Ergebniss der Befragung wies den Thorolf nach Island. Darauf nahm er +ein grosses Seeschiff und rüstete sich zur Islandsfahrt; alle seine +Hausleute und die ganze Wirtschaft führte er mit sich. Er brach den +Tempel ab und nahm fast alles dazu verwendete Bauholz mit, auch die +Erde unter dem Altar, worauf Thor gestanden war. So segelte Thorolf +in See mit günstigem Wind, er fand das Land und schiffte der Südseite +entlang und dann westlich um Reykjanes herum. Da liess der Wind nach +und sie sahen, dass grosse Buchten landeinwärts sich aufthaten. +Thorolf warf die Hochsitzpfeiler, die im Tempel gestanden, über Bord; +auf einem derselben war Thors Bild eingeschnitzt. Er sagte, er wolle +sich auf Island an der Stelle ansiedeln, wo Thor ihn ans Land kommen +lasse. Die Pfeiler trieben rasch in die westliche Bucht. Es erhub sich +eine Brise und sie fuhren westlich um Snjofellsnes in die Bucht. Sie +sahen, dass die Bucht lang und breit war und von grossen Gebirgszügen +auf beiden Seiten umgeben. Thorolf gab der Bucht einen Namen und nannte +sie Breidifjord. Er nahm Land ungefähr inmitten der Südseite der +Bucht und legte sein Schiff in die kleine Bucht, die später Hofsvag +(Tempelbucht) genannt wurde. Sie untersuchten das Land und fanden an +der Spitze eines Vorgebirges im Norden der Bucht, dass Thor mit den +Säulen ans Land gekommen war. Das wurde seitdem Thorsnes genannt. +Darauf fuhr Thorolf mit Feuer über sein Land, auswärts von der Stafa +an bis hinein zu dem Fluss, den er Thorsa nannte, und siedelte da +seine Schiffsleute an. Er erbaute ein grosses Gehöft bei Hofsvag und +nannte es Hofstadt. Da liess er einen grossen Tempel Thor zu Ehren +errichten. Thorolf nannte das Land zwischen dem Vigrafjord und Hofsvag +Thorsnes. Auf dem Vorgebirge steht ein Berg; dem wandte Thorolf so +grosse Verehrung zu, dass niemand ihn ungewaschen ansehen durfte, und +weder Tiere noch Menschen sollten auf dem Berge getötet werden, es gehe +denn von selber zu Grunde. Den Berg nannte er Helgafell und glaubte, +er werde dort hineinfahren, wenn er sterbe, seine Verwandten aber ins +Vorgebirge. Auf der äussersten Spitze des Vorgebirges, wo Thor ans +Land gekommen war, liess er alle Gerichte halten und setzte dort ein +Heradsding (Gauversamlung) ein. Da war eine so heilige Stätte, dass +er auf keine Weise das Feld verunreinigen lassen wollte, weder mit +Feindesblut, noch auch dadurch, dass jemand seine Notdurft verrichte. +Dazu war eine Klippe bestimmt. Einen Sohn Steinn weiht Thorolf seinem +Freund Thor als Hofgoden, nemlich zum Tempelamt, und nannte ihn +Thorstein. Zwischen Thorstein und seinen Nachbarn entsteht Streit um +das von Thorolf eingesetzte Gericht. Es kommt zum Blutvergiessen auf +der Dingstätte, welche dadurch entweiht wird. Thord entschied den +Streit der Parteien dahin, sie sollten sich aussöhnen und in Zukunft +Tempel und Gericht zusammen halten. Die entheiligte Dingstätte wurde +aber weiter landeinwärts verlegt, worüber der Sagaschreiber berichtet: +Man sieht noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfertod +verurteilt wurden. Im Ring steht noch der Thorsstein, an dem die +Leute gebrochen wurden, die zum Opfer bestimmt waren, noch sieht man +Blutspuren am Stein.[237] + +Von anderen Ansiedlern gehen ähnliche Berichte. Als Helgi der +Magere Land erblickte, fragte er den Thor, wo er Land nehmen solle. +Der Ausspruch wies ihn nach dem Eyjafjord, und erlaubte ihm weder +ostwärts noch westwärts abzulenken. Da fragte ihn sein Sohn Hrolf, +ehe der Fjord sich aufthat, ob denn, falls Thor ihn ins Eismeer zum +Überwintern wiese, er sich auch daran halten würde. Denn den Schiffern +schien es Zeit, aus der See zu kommen, da der Sommer schon sehr zu +Ende ging.[238] Dieser Helgi zeigt eigentümliche Glaubensmischung. +Er war ein Christ und nannte, obschon Thor ihm das Land gewiesen, +seine Wohnstätte doch Kristnes. Bei Seefahrt und in allen schweren +Gefahren rief er aber stets zu Thor. Hreidar gab so viel auf des Gottes +Ausspruch, dass er das von diesem ihm gewiesene Land sogar durch Kampf +zu erlangen trachtete, nachdem es schon besetzt war. Nur mit Mühe +bringt ihn Eirik davon ab.[239] + +Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem Thor und +nannte es Thorsmark.[240] Dass die norwegischen Ansiedler ihre +Thors- und Freystempel auch auf Island errichteten, geht ausser den +bestimmten Zeugnissen aus den zahlreichen mit „Hof“ (d. i. Tempel) +zusammengesetzten Ortsnamen hervor; Hof allein kommt oft auf Island +vor, dann Hofgardar, Hofsfell, Hofstadir, Hofsteigr, Hofsvágr. + +Nicht nur auf den Hochsitzpfeilern war Thors Bild eingeschnitzt. Grima +des Gamli Weib hatte einen grossen Stuhl, auf der Rücklehne war Thors +Bildniss mit seinem Hammer eingeschnitzt.[241] Der Jarl Eirik führte +Thors Bild am Vordersteven seines Schiffes. Vergeblich suchte er König +Olafs Schiff zu entern. Als er jedoch das Thorsbild wegwarf und durch +ein Kreuz ersetzte, gewann er sofort den Sieg.[242] Aufs Getäfel des +Hauses und auf Schilde wurden Götter- und Heldensagen abgebildet, +in der älteren Zeit haben die Thorssagen entschiedenes Übergewicht. +Die Skalden machten auf solche Darstellungen mit Vorliebe ihre +Gedichte.[243] + +Das ausserordentliche Übergewicht der Eigennamen mit Thor -- unter den +Besiedlern Islands begegnen 51 Thorsnamen gegenüber 3 Freysnamen; Odin +fehlt gänzlich -- deutet darauf hin, dass Thor wenigstens in Norwegen +und im 9./10. Jahrhundert auch in Schweden der im Volke am meisten +geehrte war. Der Thorsdienst greift auch tief ins Leben ein, während +der Odinsdienst vorwiegend in der Skaldendichtung am Königshof zu Hause +ist. Mehr als in Norwegen und auf Island tritt allerdings Odinsglaube +in Dänemark und Schweden neben Thor auf. + +Weiher der bewohnten Erde, der die Welt heiligt und weiht, Freund +der Menschen ist Thor. Auf einem jütischen und einem fühn’schen +Runenstein wird Thor angerufen, das Denkmal, die Runen zu weihen. Auf +anderen dänischen und schwedischen Steinen ist den Runen das deutliche +Abbild eines Hammers beigegeben, das wahrscheinlich symbolisch +denselben Wunsch darstellt, Thor möge das Erinnerungsmal weihen und +beschützen.[244] Dass der Hammer auch sonst in Gebräuchen eine Rolle +spielt, stützt diese Anschauung. + +Thrym, der Thursenbeherrscher gebietet, als er die vermeintliche Freyja +sich vermählen will: + + Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen, + den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss, + in Wars Namen weiht unsern Bund.[245] + +Bei der Hochzeit wurde Thors Gedächtniss vor den andern Göttern +getrunken, was auf seine Beziehung zur Ehe hinweist.[246] Spätere +norwegische Volkssage knüpft Thors Wanderungen auf Erden an Hochzeiten +an.[247] Als König Hakon gezwungen wird, am Opfer zu Hladir +teilzunehmen, machte er das Zeichen des Kreuzes über das ihm gereichte +Trinkhorn, was die Verwunderung der heidnischen Bauern erregte. Da +sagte der Jarl Sigurd: Der König thut so wie alle, die auf ihre eigene +Kraft und Stärke vertrauen und ihren Becher dem Thor weihen; er machte +das Hammerzeichen darüber, ehe er trank.[248] Man trug kleine Hämmer +als Amulet und Schmuck. Vermutlich hatten die Thorsbilder Hämmer in +der Hand, mit denen der Hofgode feierliche Weihen vollzog. Unter den +Siegeszeichen, welche der Dänenprinz Magnus Nielson († 1134) von +seinem schwedischen Feldzug heim brachte, befanden sich Metallhämmer +von schwerem Gewicht, die man Thorshämmer nannte.[249] Seit alter +Zeit waren diese bei den Bewohnern einer Insel (Gutland) Gegenstand +besonderer Verehrung gewesen. Das Bild des heiligen Olaf, auf welchen +die norwegische Volkssage manche Züge Thors übertrug, hatte eine Axt +in der Hand, mit welcher die Wallfahrer sich zu bestreichen pflegten. +Bei Baldrs Tod wird berichtet, Thor weihte den Scheiterhaufen mit dem +Hammer Mjolnir. Hammerwurf heiligt nach altdeutschem Recht den Erwerb, +vielleicht mit Beziehung auf Donar.[250] Sein Verhältniss zum Recht +im Norden kommt darin zum Ausdruck, dass der Thorsdag[251] das Ding +eröffnet und dass im feierlichen Eid der allmächtige Ase Thor angerufen +wird. Mit Ase schlechthin war überhaupt Thor gemeint, als der höchste +und mächtigste der Asen.[252] + +So beschützt Thor als der liebe Freund das Leben des Menschen von dem +Augenblick, wo der Knabe mit Wasser begossen den Namen nach dem Gotte +beigelegt erhielt, bis die Flamme über dem Toten zusammenschlug oder +der Hügel ihn überwölbte. Ja noch das Denkmal wurde in seinen Schutz +gestellt. + +Die Normannen[253] hielten am Thorsdienst fest. Vor der Heerfahrt +wurden dem Thor Menschenopfer gebracht. Mit einer Axt wurde dem +Opfer der Schädel zerschmettert und das Gehirn bloss gelegt. Aus dem +zuckenden Herzen wurde der Ausgang des Unternehmens erforscht. Dann +bemalten sich die Opfergenossen mit dem Blut ihr Gesicht und liessen +die Schiffe auslaufen. Weitere Zeugnisse bieten die bereits erwähnten +Ortsnamen _Turville_. Maugier, Richards II. Sohn auf der Insel Jersey, +hat mit dem Götzen _„Turet“_ einen Bund.[254] Thor genoss demnach unter +den Normannen die grösste und häufigste Verehrung, sonst wäre nicht +die Erinnerung an ihn allein noch bis in die französische Zeit gut +erhalten geblieben. + +Dass Thor um Sieg angerufen wird, weiss auch eine nordische Quelle. +Styrbjorn erhob gegen König Eirik Ansprüche auf den schwedischen +Thron. In der entscheidenden Schlacht bei Fyrisvellir unterlag er nach +verzweifeltem Kampf und fiel mit den meisten seiner Leute. Vor der +Schlacht hatte Styrbjorn den Thor um Sieg angerufen, Eirik aber dem +Odin sich verlobt, nach zehn Jahren als Opfer zu sterben. Odins Hilfe +war mächtiger als die Thors.[255] + +Als König Olaf auf der norwegischen Insel Mostr weilt, erscheint ihm +der heilige Martinus im Traum und sagt: Das war hier zu Land wie +anderwärts Sitte, dass bei Gelagen und Gilden Thor und Odin und den +Asen Bier gespendet und der Becher geweiht wurde. Von nun an soll es +zu Gottes und der Heiligen Ehren geschehen.[256] Zu Olafs des Heiligen +Zeiten tranken die Leute im innern Drontheim nach altem Brauch Thors +und der Asen Minne. Rinder und Rosse wurden geschlachtet und die +Tempelsäulen mit dem Blute gerötet. Das Opfer wurde um fruchtbares Jahr +angestellt.[257] + +Im norwegischen Gudbrandsdal lebte ein mächtiger und angesehener +Häuptling namens Gudbrand. Der unterhielt einen Tempel des Thor, +welcher den Thalleuten in allen Nöten gar wol half. Im Tempel stand +ein Thorsbild mit dem Hammer in der Hand, gross und innen hohl. Gold +und Silber dient dem Götzen zum Schmuck. Täglich werden ihm vier +Brote und Fleisch gebracht und davon lässt er nichts übrig. Olaf der +Heilige gedachte die Bewohner von Gudbrandsdal zu bekehren. Zu einer +Dingversammlung, in der Olaf mit den Bauern unterhandeln wollte, wurde +das von Gold glänzende Bild herausgeschleppt. Alle neigten sich davor. +Höhnisch forderte Gudbrand den König auf, seinen Gott herbeizurufen. +Olaf rief: Schaut nach Osten, da fährt unser Gott mit gewaltigem +Lichte! Eben ging die Sonne auf und alle schauten dorthin. Da schlug +des Königs Begleiter mit einer Keule auf den Götzen, dass er in Stücke +brach. Mäuse, Nattern und Würmer liefen heraus. So bekehrte Olaf die +Thalleute und ihren Häuptling.[258] + +Was Adam von Bremen[259] über den Thorsdienst in Schweden berichtet, +stimmt völlig zu den nordischen Quellen. Thor ist der Mächtigste, Odin +und Freyr stehen hinter ihm zurück. Blitz und Donner, Regen, Wind und +klares Wetter sind ihm unterthan und darum auch die Fruchtbarkeit. Thor +donnert, um die Erde zu segnen, nicht um zu vernichten. Er ist Herr des +wolthätigen und befruchtenden Gewitters. Deswegen berührt er sich mit +Freyr, der sein schwedisches Ackerland mit Sonnenschein segnet. Bei +drohender Krankheit und Hungersnot wird dem Thor geopfert. Auch hiefür +bietet sich ein isländisches Zeugniss.[260] Die Winlandsfahrer litten +einmal Hungersnot und baten vergeblich den Christengott um Hilfe. +Thorhall aber rief seinen vertrauten Freund Thor, den Rotbärtigen +an. Der sandte auch einen Walfisch an den Strand. Der dem Heidentum +feindselige Sagaschreiber fügt freilich bei, sie seien vom Genuss des +Fleisches alle krank geworden. Aber Thorhall sagt mit gerechtem Stolz, +sein treuer Freund Thor habe ihm selten Hilfe verweigert. + +Nach den geschichtlichen Zeugnissen ist offenbar Thor der eigentliche +Hauptgott des Nordens, jedenfalls des norwegischen Stammes, dem +gegenüber Odin sehr zurücktritt. Der echte und wahre Volksglauben +kennt nur Thor und neben ihm Freyr, der vermutlich in Urzeiten bei den +Schweden ebenso verehrt wurde wie in der geschichtlichen Zeit Thor +bei den Norwegern. Beide sind im Grunde eins, der Himmelsgott nur +nach Stammesart und Landesbeschaffenheit verschieden. „Während der +alte Landas des gebirgigen Norwegens mit dem Donnerkeile Steinriesen +zermalmt, segnet der milde Freyr sein schwedisches Ackerland mit Regen +und Sonnenschein“ (Uhland 6, 424). Anders freilich ist das Bild, das +die Skaldenkunst gewährt. Da ist Odin der Hauptgott. Aber dieser +Odinsglaube gehört den Höfen und Edelingen. Die Betrachtung Odins wird +lehren, dass er erst spät im Norden einwanderte. Seine Herrschaft blieb +im wesentlichen auf die Kunstdichtung und deren Pfleger beschränkt. Das +Volk und alle, die vom Königshofe unabhängig waren, hielten an Thor und +Freyr fest. In Sage und Dichtung jener Zeit kommt diese Verschiedenheit +auch zum Bewusstsein. + + * * * * * + +Den Gegensatz zwischen Thor, dem Beschützer und Förderer des +friedliebenden Bauernstandes und Odin, dem Vertreter des kriegliebenden +und abenteuerlustigen Adels bringt das Harbardslied[261] in +trefflicher Weise zur Darstellung. Aus dem Ostland kommt Thor zu +einem Sund; auf der andern Seite erblickt er einen Fährmann, den er +um Überfahrt anruft. Es ist Odin, der sich unter dem Namen Harbard +versteckt; er behandelt den Ankömmling geringschätzig als Bauern und +Landstreicher. Nach mancherlei beleidigenden Scheltreden halten sie +ihre Thaten einander gegenüber. Während Harbard-Odin in Kriegs- und +Liebesabenteuern sich tummelte, was er mit geistiger Überlegenheit +hervorhebt, vollführte der ehrliche Thor nützliche Thaten. +Thursenweiber schlug er im Osten tot, damit das Riesengeschlecht nicht +überhand nehme. Einen Fluss, der die Menschenwelt vom Riesenland +trennt, verteidigte er gegen den Angriff der Söhne Swarangs, die +Felsblöcke schleuderten. Thor zwang sie zum Frieden. Auf Hlesey +erwürgte er Berserkerweiber, die argen Frevel verübt. Wölfinnen waren +sie mehr als Weiber, Thors Schiff stürzten sie um, schwangen ihre +Eisenkeulen und verscheuchten den Thjalfi. Endlich fertigt Harbard den +Harrenden mit spöttischen Reden ab und heisst ihn zu Fuss den Weg um +den Sund suchen. Der norwegische Verfasser des ziemlich alten Liedes +hat seinen Stoff sehr gut behandelt, Bauer und Edeling, Thor und Odin +vorzüglich charakterisiert. Mit voller Freiheit und Selbständigkeit +sprang er mit der Überlieferung um und gewährt doch ein lebenswahres +Bild. Odin nimmt die Jarle, die auf der Walstatt fallen, aber Thor der +Knechte Tross. Damit stellt der Dichter dem glänzenden Walhall der +Krieger eine freundliche Heimstätte der in redlicher ruhmloser Arbeit +sich abmühenden Bauern bei ihrem Schirmer Thor gegenüber. + +Wie hier zu Fuss mit dem Korb auf dem Rücken, so erscheint auch sonst +Thor, wenn er nicht auf dem Wagen fährt. Nie besteigt er ein Ross. +Während die andern Götter zum Gericht unter der Weltesche reiten, +durchwatet Thor täglich zwei Flüsse und wandert einen weiten Weg.[262] + +Der Gegensatz zwischen Odin und Thor kommt auch in der Sage von +Starkad[263] zum Ausdruck. Odin hatte unter dem Namen Hrossharsgrani +den Starkad erzogen. Einst träumte diesem, dass sein Pflegevater ihn +an eine abgelegene Stelle im Walde führte, wo elf Asen sassen, die +Hrossharsgrani als Odin grüssten. Sie sollten Starkads Schicksal +bestimmen. Thor, der ihm als einem Riesensohn ungünstig war, +verweigerte ihm Nachkommenschaft. Odin gab ihm drei Menschenalter, Thor +sagte, er solle in jedem ein Nidingswerk vollführen; Odin bestimmte +ihm die besten Waffen, Thor versagte ihm Landbesitz; Odin schenkte ihm +fahrend Gut im Überfluss, Thor legte hinzu, dass er niemals genug haben +solle. Odin gab ihm Sieg in jedem Streit, Thor fügte bei, dass er aus +jedem eine tiefe Wunde davontragen solle; Odin gab ihm Skaldenkunst, +Thor liess ihn seine Lieder vergessen; Odin machte ihn beliebt bei +den Mächtigen, Thor verhasst beim Volk. Das wilde Reckentum, das +schon Tacitus (Germ. 31) an den chattischen Kriegern hervorhebt, +den Helden und Dichter, der auf alles andre verzichtet, lässt die +nordische Sage von Odin, dem Heldenvater geweckt werden, während Thor, +dem Kriegsfahrt, um ihrer selbst willen gethan, verhasst ist, den +Berufskämpen mit Fluch belegt. + + * * * * * + +Aus der Zeit des Glaubenswechsels wird berichtet[264]: Nun kam das +Christentum nach Island und Thorgils nahm den Glauben unter den ersten +an. Er träumte eines Nachts, dass Thor zu ihm komme mit böser Miene und +sagte, er habe ihn betrogen. Du hast dich übel betragen wider mich, du +hast mir das Schlechteste ausgewählt und das Silber, das ich besass, +in einen Sumpf geworfen. Thorgils sprach: Gott wird mir helfen und ich +bin froh, dass unsere Gemeinschaft zerriss. Als Thorgils erwachte, war +sein Mastschwein tot. Er liess es begraben und niemand etwas davon +essen. Thor erschien dem Thorgils abermals im Traume und sagte, er +werde ihn ebenso leicht an der Nase kriegen wie sein Schwein. Thorgils +antwortete, Gott werde das bestimmen. Thor drohte ihm Viehschaden +anzuthun. In der nächsten Nacht fiel auch ein alter Ochse. Da sass +Thorgils in der darauffolgenden Nacht selber bei seinem Vieh. Am Morgen +als er heim kam, war er weit herum ganz schwarz geworden. Die Leute +hielten es für sicher, dass er mit Thor zusammengetroffen sei. Das +Viehsterben liess nach. Thorgils fuhr später nach Grönland und hatte +dabei neue Anfechtungen auszustehen. Thorgils wartete auf guten Wind +und träumte, ein grosser rotbärtiger Mann komme zu ihm und spräche: +Die Fahrt, die du vor hast, wird beschwerlich werden. Übel wird es +dir gehen, wenn du nicht wieder zu meinem Glauben zurückkehrst. Dann +aber will ich wieder für dich sorgen. Thorgils sagte, er wolle seine +Fürsorge nimmer haben und hiess ihn entweichen. Meine Fahrt geht, +wie der allmächtige Gott will. Da schien ihm, als führe ihn Thor auf +Klippen, an denen die Brandung sich brach. In solchen Wogen sollst du +sein und nimmer herauskommen, du kehrest denn zu mir zurück. Nein, +sagte Thorgils, hebe dich fort, du leidiger Feind. Der wird mir helfen, +der uns alle mit seinem Blute erlöste. Da erwachte er und erzählte den +Traum seiner Frau. Die sagte, ich würde daheim bleiben, wenn ich so +geträumt hätte, und die andern Leute sollen nichts davon erfahren. +Nun erhob sich Fahrwind und sie segelten ab. Als sie ausser Sicht des +Landes waren, legte sich der Wind und sie trieben so lange umher, bis +Mangel an Trank und Speise eintrat. Thorgils träumte vom selben Mann: +ging es nicht, wie ich sagte? Lange redete Thor mit Thorgils, der +aber jagte ihn mit harten Worten von sich. Es begann zu herbsten und +einige Leute meinten, man solle Thor anrufen. Thorgils verbot es. In +der Nacht erschien Thor und sprach: Da zeigte es sich, wie treu du mir +warst, als die Männer mich anrufen wollten. Aber ich habe nun deinen +Leuten geholfen; ihr seid alle in äusserster Bedrängniss, wenn ich +nicht helfe. In sieben Nächten sollst du einen Hafen erreichen, wenn +du ernstlich zu mir zurückkehrst. Thorgils sprach: Wenn ich auch nie +einen Hafen erreiche, ich will dir nichts Gutes thun. Thor antwortete: +Willst du mir nichts Gutes thun, dann gib mir wenigstens meinen Besitz. +Thorgils dachte darüber nach und fand, dass Thor damit einen Ochsen +meine, den er ihm geschenkt hatte, solang er noch ein Kalb gewesen +war. Thorgils befahl den Ochsen über Bord zu werfen. Denn es sei kein +Wunder, wenn es schlimm gehe, solange Thors Gut an Bord sei. Der +glaubenseifrige Mann wird auch schliesslich gerettet. Die Geschichte +lässt deutlich durchschimmern, dass der Abfall von den alten Göttern +und namentlich von Thor als schwerer Treubruch empfunden wurde. Wie +Thor sonst als Beschützer und Mehrer des Eigentums galt, so rächt er +sich an den Ungetreuen durch Beschädigung und Schmälerung. Wie er sonst +günstigen Wind sendet, so schickt er seinen Feinden Gegenwind oder +hemmt ihre Fahrt durch Windstille. Raud auf Raudsey, einer Insel vor +der norwegischen Landschaft Halogaland, war ein grosser Opferer. Durch +vieles Opfern hatte er ein Bildniss Thors im Tempel so bezaubert, dass +der böse Feind aus dem Götzen mit ihm redete und diesen so bewegte, +dass er am Tage mit ihm herumgehend sich zeigte, und Raud führte +ihn oft mit sich auf der Insel herum. Als Olaf Tryggvason der Insel +naht, verkündigt Thor seinem Freunde des Königs Ankunft. Thor erhebt +die Bartstimme und bläst in den Bart, infolge dessen der König durch +heftiges Gegenwetter mehrmals abgetrieben wird. Dem Bekehrungsversuche +Olafs hält Raud entgegen: Du setzest deine Rede überzeugend, König; +indessen habe ich wenig Lust, den Glauben zu verlassen, den ich gehabt +habe und den mich mein Pflegevater gelehrt hat; und man kann nicht +sagen, dass unser Gott Thor, der hier im Tempel wohnt, wenig vermöge, +denn er verkündigt noch ungeschehene Dinge und ist mir in aller Not +von erprobter Verlässigkeit, und darum mag ich unsere Freundschaft +nicht brechen, solange er mir die Treue hält. Wie der König droht, +meint Raud, das schlage bei ihm nicht an, fordert aber denselben auf, +seine Kraft in einem Kampfe mit Thor zu erproben. Hierauf lässt sich +Olaf ein und besiegt den Götzen.[265] Auch auf Island trat Thor selber +den christlichen Bekehrern entgegen. Dankbrands des Priesters Schiff +war zerbrochen. Steinvor, welche ihrerseits den Priester zum Heidentum +bekehren wollte, sagte zu ihm: Hast du gehört, dass Thor Christus zum +Zweikampf forderte, aber Christus wollte sich mit Thor nicht schlagen. +Weisst du, wer dein Schiff zerschlug? Thor, der die Kinder der Riesin +fällt, zerbrach das Schiff. Er sandte Sturm, der es in Späne schlug. +Christus vermochte nicht zu helfen.[266] + +Derselbe Gedanke, dass Thor persönlich den neuen Gott und seine +Vertreter bekämpft, kommt ziemlich übereinstimmend in diesen beiden +Erzählungen zum Ausdruck. + +Als Svein, der einen prächtigen Thorstempel besass, auf König Olafs +Tryggvason Betreiben vom Heidentum liess, geriet der Tempel samt +den Götzenbildern in Verfall. Von Sveins Söhnen Svein und Finn ist +letzterer eifriger Christ und naht, um das Thorsbild zu zerschlagen +und zu verbrennen. In der Nacht zuvor erschien Thor zornig und traurig +dem jüngeren Svein und sprach: Nun ist es dahin mit uns gekommen, +dass mit dem Zusammenleben auch die Freundschaft sich verliert. Trage +mich aus dem Tempel in den Wald, damit dein Bruder Finn mich nicht +beschädigt. Als Svein sich weigert, verschwand Thor trauervoll und voll +Schmerz.[267] + +Besonders schön ist aber die Geschichte von der Begegnung Thors mit +Olaf Tryggvason, weil da noch einmal der Treubund zwischen dem Gott +und seinem Volk so recht klar und schlicht hervortritt. Wie verhaltene +Sehnsucht nach einer schönen, entschwundenen Vergangenheit mutet +der Bericht an. Thor ist dem Norweger ins Herz gewachsen und nur +schwer und ungern lässt er von ihm, ebenso trauert aber der Gott über +die schmerzliche Trennung von seinen Getreuen. Zugleich leitet die +Erzählung hinüber zu den Thorssagen, deren Hauptinhalt Bezwingung der +Riesen und Trolle ist. Wäre nicht Thor, so vernichteten Trolle die +Welt, sagt ein norwegisches Sprichwort.[268] + +Als einmal König Olaf mit guter Brise südwärts der Küste entlang +segelte, stand ein Mann auf einem Felsenvorsprung und rief um Aufnahme +ins Schiff. Olaf steuerte den Orm, das treffliche Drachenschiff, das +er dem zauberkundigen Raud abgenommen hatte, ans Land und der Mann +stieg an Bord. Er war von stattlichem Wuchs, jugendlich, schön von +Aussehen und rotbärtig. Mit dem Gefolge des Königs begann er allerlei +Kurzweil und scherzhaftes Wettspiel, wobei die andern schlecht gegen +ihn bestanden. Er meinte, sie seien unwert, einem so berühmten König zu +folgen und auf einem so schönen Schiffe zu fahren, wie der Drache war, +den der starke Raud besessen hatte. Die Leute fragten ihn, ob er alte +Mären wisse, und als er bejahte, führten sie ihn zum König. Der hiess +ihn eine alte Geschichte zu erzählen. Der Mann antwortete: Damit heb +ich an, o Herr, dass dieses Land, vor dem wir segeln, in alten Zeiten +von Riesen bewohnt war. Aber die Riesen kamen einmal raschen Todes +um, dass sie alle zusammen starben, nur zwei Weiber blieben übrig. +Hernach siedelten sich Leute aus östlichen Landen hier an; aber jene +grossen Weiber thaten ihnen allerlei Schaden und Bedrängniss, bis die +Landsbewohner sich entschlossen, diesen roten Bart um Hilfe anzurufen. +Alsbald ergriff ich meinen Hammer und schlug die beiden Riesinnen zu +Tode. Das Volk dieses Landes blieb dabei, mich um Hilfe anzurufen, wenn +es Not that, bis du, o König, alle meine Freunde vernichtet hast, was +wol der Rache wert wäre. Hiebei blickte er bitter lächelnd nach dem +König zurück, indem er sich so schnell über Bord warf, als ob ein Pfeil +ins Meer schösse, und niemals sahen sie ihn wieder.[269] + + +3. Thor in der Skaldendichtung. + +Snorri entwirft auf Grund der Skaldengedichte folgendes Gesamtbild von +Thor (Gylfag. Kap. 21): Thor steht unter allen Asen obenan; er heisst +auch Asathor oder Wagenthor, weil er auf einem Wagen zu fahren pflegt. +Er ist der stärkste der Asen, stärker als alle Götter und Menschen. +Er herrscht in Thrudwang (Feld der Stärke) oder Thrudheim (Welt der +Stärke). Seine Halle hat den Namen Bilskirnir.[270] In diesem Gebäude +sind 540 Gemächer, es ist das grösste Haus, von dem Menschen wissen. +Thor hat auch zwei Böcke und einen Wagen. Die Böcke heissen Tanngniost +(Zahnknisterer) und Tanngrisnir (Zahnknirscher). Thor benutzt diesen +Wagen, wenn er nach Jotunheim fährt, und die Böcke ziehen den Wagen. +Er besitzt ferner drei Kleinode: das eine ist der Hammer Mjolnir +(Zermalmer), den Reifriesen und Bergriesen kennen, sobald er in die +Luft sich erhebt; und das ist nicht zu verwundern, denn Thor hat mit +dieser Waffe schon manchen Schädel ihrer Vorfahren und Verwandten +zerschmettert. Das zweite Kleinod ist der Kraftgürtel: wenn er diesen +anlegt, wächst ihm die Asenkraft ums doppelte. Das dritte Kleinod, das +überaus wertvoll ist, sind die eisernen Handschuhe; diese kann er nicht +entbehren, wenn er den Schaft des Hammers fasst. Niemand ist jedoch so +weise, dass er alle seine grossen Thaten aufführen könnte, wenn ich +auch soviel davon zu berichten weiss, dass der Abend hereinbrechen +würde, ehe ich alles, wovon ich Kunde besitze, zu Ende erzählt habe. + +Von Mjolnir berichten Skáldsk. K. 3, dass der Zwerg Brokk ihn +geschmiedet. Man könne damit werfen, soweit man wolle, ohne je das Ziel +zu verfehlen. Der Hammer kehrt von selbst in die Hand des Werfenden +zurück und kann so klein gemacht werden, dass man ihn unter dem Rock +zu tragen vermag. Nur der Handgriff ist etwas zu kurz ausgefallen. +Die Asen erklären den Hammer für das beste der von Brokk verfertigten +Kleinode, er sei der wirksamste Schutz gegen die Riesen. + +In der nordischen Dichtung erscheint Thor als Sohn Odins; er musste +sich diesem unterordnen, sobald er zum ersten der Götter geworden +war. Thors Frau heisst +Sif+.[271] Sie reicht beim Gelage der Götter +dem Loki den Becher voll Metes, der aber rühmt sich, selbst mit ihr, +der Strengen und Keuschen, Buhlschaft getrieben zu haben. Der Riese +Hrungnir will sie mit Freyja entführen. Sifs prächtiges Haar hatte +Loki aus Bosheit abgeschnitten. Thor fasste den Loki und wollte ihm +alle Knochen zerschlagen. Da schwur er den Eid, er wolle der Sif von +den Zwergen aus Gold neues Haar anfertigen lassen, das wachsen sollte, +wie natürliches Haar und so geschah es, dass Sif goldenes Haar trägt. +Von Sif hat Thor die Tochter Thrud, die Hrungnir zu entführen suchte. +Sif ist Sippe, nach nordischem Sprachgebrauch Blutsverwandtschaft und +Verschwägerung. Als Schirmer dieser Bande erscheint Thor, weiht er doch +die Ehe mit dem Hammer ein. Die persönlich gedachte Sippe wurde ihm +daher zur Frau gegeben. + +In Thors Söhnen +Modi+[272] (Zorn) und +Magni+[272] (Kraft) werden +wie in der Tochter +Thrud+ des Vaters Eigenschaften persönlich. Vater +Magnis heisst Thor vielleicht ursprünglich auch nur bildlich als +der Ursprung der Kraft, als der kräftigste der Asen. Von Magni wird +erzählt, dass ihn Thor mit Jarnsaxa (der mit dem eisernen Schwerte) +erzeugte. Drei Nächte alt war er doch schon so stark, dass er allein +den auf Thors Halse lastenden Fuss Hrungnirs herunterwerfen konnte. In +der neuen Welt werden Modi und Magni den Hammer Mjolnir an des Vaters +Stelle führen. Von Modi ist gar nichts weiter bekannt. Über Thrud +berichtet das Lied vom Zwerg Alwis. Thor wird zweimal Meilis Bruder +genannt. Von diesem Meili, dessen Vater Odin ist, meldet keine Sage. +Die Mutter Thors ist die Erdgöttin, Jord oder Fjorgyn[273], die im +Eichwald Verehrte. + +Thors Beruf, die bewohnte Erde und das Reich der Götter durch +Bekämpfung der Riesen zu schirmen, ist in bestimmten Ausdrücken[274] +der Gedichte angezeigt. Im Hymirlied heisst er Freund der Menschen, +Zerschmettrer der Felsbewohner, der der Thursen Tod berät, der Riesin +Betrüber, des Wurmes Alleintöter. Ähnliche Benennungen legen ihm die +Skalden bei, Freund der Götter ist er bei Ulf Uggason, Landesgott bei +Egill. Im Harbardslied 23 sagt Thor: Thursenweiber schlug ich tot im +Osten, die böswillig auf die Berge stiegen. Gross wäre die Anzahl der +Riesen, wenn alle lebten, nicht Menschen gäb es in Midgard mehr. Im +Lied von Thrym 17: bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du +dir nicht deinen Hammer zurück. In solcher Thätigkeit tritt uns Thor +in den meisten der folgenden Sagen entgegen; stets bereit, feindliche +Riesenmächte mit Donner und Blitz zu zerschmettern, fährt er auf seinem +Bocksgespann krachend in die Bergwildniss. Wenn es um die Felsen blitzt +und donnert, stürmt und hagelt, dann ist Thor an der Arbeit und schlägt +die Unholde. + +Bei Saxo[275] ist Thor wie bei den Skalden geschildert. Er führt eine +grosse Keule, gegen die nichts Stand hält. Er bekämpft und bändigt +Riesenungeheuer. Wenn man ihn um Hilfe anruft, ist er sogleich zur +Stelle, wie die Asen nur Thors Namen aussprechen dürfen, um ihn +bei sich zu haben. Als Urheber der Bergstürze wälzt er Felsblöcke +zermalmend aufs Heer der Feinde. Seine Freunde gelten als seine Söhne. +Saxo gewährt auch einen Zug, den wir sonst vermissen. Halfdan ist ein +Thorsheld, ein Sohn Thors. Während sonst nur Freyr, Tyr und Odin an +der Spitze der Heldengeschlechter stehen, während sonst allein Odin in +menschlicher Gestalt zu seinen erkorenen Lieblingen herabsteigt, thut +es hier auch einmal Thor. + + +4. Sagen von Thor. + +Das Gesamtbild des Gottes tritt aus den Skaldengedichten uns entgegen, +welche die Thätigkeit Thors im Kreise der Asen zeigen. Wenn auch manche +Züge von den Skalden neu hinzugebracht wurden, im Grunde herrscht doch +dieselbe Auffassung Thors, wie im Volksglauben. Nur ist Thor weniger +als der Schützer der Sterblichen, vielmehr als der Schirmer der Götter +und der von ihnen geordneten Welt gezeichnet. Immer erneuern die +Riesen ihre Angriffe auf die Welt, unablässig hat Thor zu thun, um sie +niederzuhalten. + + ++Thor und Thrym+. + +Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde in Norwegen das beste aller +Eddalieder, das +Lied von Thrym+[276] gedichtet. Wild war Thor, als er +erwachte und Mjolnir vermisste. Er klagt dem listigen Loki seine Not: +noch ahnt es keiner auf Erden noch im Himmel -- der Ase ist seines +Hammers beraubt! Sie gingen zu Freyja, um ihr Fluggewand zu borgen. +Damit flog Loki nach Riesenheim. Auf dem Hügel sass Thrym und fragte +Loki nach Zeitung von Asen und Elben. Auf Lokis Frage nach dem Hammer +erwiderte Thrym, er sei acht Meilen tief in der Erde geborgen; nicht +gebe er ihn heraus, es sei denn, das Freyja zur Frau ihm gebracht +werde. Mit diesem Bescheid kam Loki zurück. Sie stellten an Freyja +das Ansinnen, mit dem Brautschleier zur Reise nach Riesenheim sich zu +schmücken. Aber zornig wies sie es ab. Alle Götter und Göttinnen gingen +zu Rat, Heimdall sprach: Schmücken wir Thor mit dem Brautschleier +und mit Freyjas Halsband; lasst Weibergewänder ihm ums Knie wallen, +Schlüssel am Gürtel klirren, die Brust ziert ihm mit bunten Steinen. +Thor zögerte, weibisch würden ihn dann die Asen heissen. Da sagte Loki: +Bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du dir nicht deinen +Hammer wieder. Da liess sich Thor verkleiden. Als Magd begleitete ihn +Loki. Sie bestiegen das Bocksgespann, die Berge barsten, es brannte +die Erde, als Thor ins Thursenland fuhr. Thrym liess alles festlich +zum Empfang zurichten; denn er ist reich. Am Abend beim Mahle ass Thor +einen Ochsen und acht Lachse, alles Würzwerk und trank drei Tonnen +Metes. Thrym verwunderte sich ob solcher Gefrässigkeit. Doch Loki, die +findige Magd sagte, acht Nächte hindurch habe Freyja aus Sehnsucht +gar nichts mehr gegessen. Der Riese wollte die Braut küssen, entsetzt +vor den funkelnden Augen sprang er in den Sal zurück. Loki wusste +wieder Auskunft, aus lauter Sehnsucht habe Freyja acht Nächte nimmer +geschlafen, darum glühe ihr Auge. Herein trat des Thursen Schwester, +die Braut um ein Geschenk zu bitten. Thrym befahl Mjolnir zu holen, +die Braut zu weihen legte er ihn in des Mädchens Schoos. Da lachte dem +Thor das Herz in der Brust, als er seinen Hammer erblickte. Den Thrym +erschlug er zuerst, darauf das ganze Geschlecht der Riesen. Des Thursen +Schwester bekam Schläge anstatt des Geschenkes, Hammerhiebe statt der +Ringe. So holte sich Odins Sohn seinen Hammer zurück. + +Dem Lied ist trefflicher Aufbau und gute Zeichnung der einzelnen +Gestalten nachzurühmen. Die Handlung entwickelt sich rasch, die Sprache +ist einfach und kraftvoll. Thor erscheint hilflos und ungeschickt, +sobald es nicht aufs Zuschlagen ankommt. Da muss der listenreiche +Loki aushelfen. Der gewaltige Recke in Weiberkleidern musste überaus +komisch wirken; seine Rolle als Braut spielt er ungeschickt genug. +Ihm, dem ehrlichen, offnen Helden widerstrebt List und Trug. Aber +als seine Faust den Hammer umspannt, da tritt er wieder in seiner +vollen Furchtbarkeit hervor. Der Sage eine natursymbolische Auslegung +zu geben, etwa Thrym als Winterriesen zu fassen, der dem Donnerer +den Blitzhammer entwendet, ist nicht begründet. Das altnordische +Kunstgedicht wurde volkstümlich. In der Weise von „_Tord von +Havsyard_“, die in norwegischer und dänischer Fassung überliefert ist, +lebte es im Mittelalter unter dem Volke fort. + + ++Thor und Hrungnir+. + +Thor der Schrecken der Riesen fuhr von Flammen umringt ins Steingebirg +zum Höhlenbewohner. Jords Sohn fuhr zum Kampf, unter ihm erdröhnte des +Mondes Pfad, der Himmel. Die Luft war von Feuer erfüllt, Hagel ging zu +Grunde, die Erde zerbarst, als die Böcke den Gott des Wagens zum Streit +mit Hrungnir zogen. Nicht scheute Thor den bergbewohnenden Riesen. Die +Berge erbebten und stürzten, das Meer flammte auf. Der Riese verzagte, +als er den kampfkühnen Gott erblickte, den gelben Schild warf er unter +seine Fusssohlen, so wollte es das Schicksal; nicht lange brauchte +der Felsenmensch auf den Wurf des Hammers zu warten. Der Riesentöter +brachte den Unhold über seinem Schild zu Fall, dass er vor dem scharfen +Hammer sich neigte. Doch ein harter Splitter der Steinwaffe des +Riesen fuhr in den Schädel Thors, da steckte der blutige Stein, bis +die Wundenheilerin mit Zauber ihn löste. Dem Skaldenlied Thjodolfs (um +855-930) tritt Snorris Bericht ergänzend zur Seite.[277] Thor war gen +Osten gezogen, Unholde zu schlagen, Odin aber ritt nach Jotunheim. Er +kam zu einem Riesen, der Hrungnir hiess. Der fragte, was das für ein +Mann sei, der mit goldenem Helm durch Luft und Meer reite, und meinte, +dass er ein gutes Ross habe. Odin erwiderte, in Riesenheim sei kein +gleich gutes. Hrungnir sagte, sein Hengst Gullfaxi sei noch stärker. +Zornig sprang er aufs Pferd und gedachte Odin zu fangen. Doch Odin +entkam, der Riese verfolgte ihn bis nach Asgard. Als er zur Hallenthür +trat, luden ihn die Asen zum Trinkgelage ein. Er ging in den Sal und +erhielt die Schalen, aus denen Thor seinen Durst zu stillen pflegte. +Hrungnir schlürfte, bis er trunken ward, und prahlte, er wolle Walhall +nach Jotunheim schaffen, Asgard versenken und alle Götter töten, Freyja +und Sif ausgenommen; die gedenke er mit sich fortzuführen. Freyja +allein wagte es, ihm einzuschenken; er aber sagte, dass er alles Bier +der Asen austrinken werde. Als nun den Asen seine Prahlerei lästig +ward, da nannten sie den Namen Thors, und alsbald trat auch Thor in +die Halle und schwang den Hammer in der Luft. Er war sehr zornig über +Hrungnirs Besuch. Der behauptete, Odin habe ihn eingeladen und er +stehe in seinem Schutze. Thor sprach, für diese Einladung solle er +büssen, ehe er hinauskomme. Hrungnir antwortete, das sei für Asathor +ein geringer Ruhm, wenn er ihn, den Waffenlosen, töte; „grösser ist +das Wagestück, wenn er den Mut hat, mit mir auf der Länderscheide bei +Grjotunagard (Bezirk der Steingehege) sich zu schlagen; auch war es +eine grosse Thorheit, dass ich meinen Schild und meine Steinkeule zu +Hause liess, denn hätte ich sie bei mir, so könnte man jetzt gleich +den Holmgang versuchen -- so aber müsste ich dich für einen Schurken +erklären, wenn du mich, den Wehrlosen, töten wolltest.“ So wurde +der Zweikampf anberaumt. Neu bei Snorri ist, dass Thor von Thjalfi +begleitet wird und dem Hrungnir ein Lehmriese Mokkurkalfi zur Seite +steht. Den machten die Riesen auf Grjotunagard, neun Meilen hoch, +unter den Armen drei Meilen breit; sie legten das Herz einer Stute, +das sich aber wenig standhaft erwies, in den Riesenleib. Hrungnir aber +trug ein Herz aus hartem Stein. Als Waffe schwang er einen Wetzstein. +So harrten sie Thors. Thjalfi ruft Hrungnir zu, Thor werde in die Erde +fahren und ihn von unten her angreifen, und darum schiebt Hrungnir den +Schild unter die Füsse und stellt sich darauf. Hammer und Wetzstein +treffen sich im Flug, der Stein bricht entzwei; die eine Hälfte fällt +zu Boden, daher stammen alle Wetzsteinfelsen, die andere fliegt Thor +in die Stirne, dass er zusammenbrach. Thjalfi hatte inzwischen den +feigen Mokkurkalfi zu Fall gebracht. Hrungnir war vornüber gestürzt, +sein einer Fuss lag auf Thors Halse. Weder Thjalfi noch die anderen +Asen vermochten ihn wegzuheben. Da trat Magni, der Sohn Thors und der +Jarnsaxa, der damals erst drei Nächte alt war, hinzu. Der warf den Fuss +Hrungnirs von Thors Halse herunter und sprach: Jammerschade ist es, +dass ich so spät herzukam; ich meine, dass ich diesen Riesen mit der +Faust würde erschlagen haben, wenn ich ihn vorher getroffen hätte. Da +stand Thor auf und begrüsste seinen Sohn mit grosser Freude und sagte, +dass er einst ein tüchtiger Mann werden würde. Thor ging heim nach +Thrudwang; das abgebrochene Stück des Wetzsteines steckte noch immer +in seinem Kopfe. Da kam die Seherin Groa herbei, die Frau Aurwandils +des Unverzagten. Sie sang ihre Zauberlieder über ihm, bis der Wetzstein +lose wurde. Da wollte Thor sie mit guter Kunde erfreuen und erzählte +ihr, er sei von Norden über die stürmischen Wogen gewatet und habe den +Aurwandil in einem Korbe auf dem Rücken aus Jotunheim vom hohen Norden +herübergetragen. Eine Zehe Aurwandils, die aus dem Korbe herauslugte, +erfror; die habe er abgebrochen und an den Himmel geworfen und das +Sternbild „Aurwandils Zehe“ daraus geschaffen. Thor fügte hinzu, es +werde nicht lang mehr dauern, bis Aurwandil aus dem Norden heimkomme. +Groa ward hierüber so erfreut, dass sie ihre Zauberlieder vergass, und +so ward der Wetzstein nicht völlig los, er steckt noch immer in Thors +Haupt. + +Klar ist der Grundgedanke dieser Thorssage besonders im Skaldenlied, +ein Gewitter, das krachend ins Felsgebirg fährt. Schwieriger sind die +andern Einzelheiten auszulegen. Hrungnir heisst der Lärmer (_rungla_, +lärmen), Mokkurkalfi die Nebelwade (_mokkr_, Nebel, _kalfi_, Wade), +ein Bild der Nebelwolke. Der Riese ist aus Lehm gefertigt, während +Hrungnir im Felsgestein herrscht. Vielleicht ist damit der zähe, +wässrige Lehmboden am dunstigen Fusse des Felsgebirges gemeint. Lehm +und Gestein widerstreben dem Anbau und werden mit Gewalt bezwungen. +Bergsturz, Erdrutsch, Wasser und Nebel, alle Erscheinungen eines +im Gebirge wütenden Gewitters mögen zusammengewirkt haben bei der +Vorstellung, dass währenddem Thor den Riesen schlug. Schön erklärt +Uhland: „Den Lehmhügel hinan, am Abhang des Gebirgs, regt sich der +mühsame Anbau, oben herein ragt das ungeheure Felshorn, an dem eine +Gewitterwolke blitzt und donnert, dass plötzlich der ganze Gebirgsstock +erbebt. Die Feldarbeiter blicken empor und siehe! der Fels wird zum +Steinriesen, in der Wolke steht der feurige Wagenlenker Thor, den +malmenden Hammer schleudernd. Da fühlt Thjalfi, dass er nicht allein +arbeite, ein gewaltiger Gott ist hilfreich mit ihm, und während er das +Geringe schafft, vollbringt jener das Grosse und hat das Schwerste +schon vorgearbeitet.“ Weniger ungezwungen fügt sich das übrige der +Naturdeutung. Groa (zu _gróa_ wachsen und grünen, zuwachsen und heilen) +soll das wachsende Saatengrün vorstellen, das vergeblich bemüht ist, +die Steine des Feldes zu bedecken, Thors Wunde zu heilen. _Aurwandil_ +ist gleich Saxos jugendlichem Helden Horwendil. Im Ags. ist _éarendel_ +ein Name des Morgensternes, im Ahd. begegnet der Name _Orentil_, mhd. +_Orendel_, der Held der gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfassten +Spielmannsdichtung. Ob man alle diese Einzelheiten als Trümmer eines +altgermanischen Mythus betrachten darf, ist sehr fraglich. Aurwandil +in der nordischen Sage ist ein Licht- oder Frühlingswesen, das der +Donnerer aus der Macht winterlicher Eisriesen zu seiner harrenden +Gattin zurückführt. Der Zusammenhang der verschiedenen Mythen wie in +Snorris Erzählung fehlt bei Thjodolf und ist auch schwerlich alt. + +Thors Kampf mit Hrungnir war berühmt, öfters wird in den Eddaliedern +und bei den Skalden darauf angespielt. Schon bei Bragi heisst Thor +Hrungnirs Schädelzerschmetterer.[278] + + ++Thor und Hymir+. + +Einst kam Thor zu einem Riesen mit Namen Hymir. Dieser fuhr morgens +zum Fischfang. Thor verlangte, ihn zu begleiten; der Riese meinte, +von einem so kleinen Burschen wenig Vorteil zu haben. Thor aber wurde +zornig und wollte doch mit. Er fragte, was sie als Köder mitnehmen +sollten. Hymir sagte, er solle sich selbst einen verschaffen. Da +packte Thor einen Stier Hymirs und riss ihm den Kopf ab. Dann setzte +er sich im Boden des Fahrzeugs nieder und Hymir merkte, dass er +gewaltig zu rudern verstand. Bald sagte der Riese, dass sie zu den +Fischplätzen gekommen seien, wo er zu angeln gewohnt sei, und hiess ihn +mit Rudern aufhören. Thor aber sprach, dass er viel weiter hinaus zu +rudern gedenke, worauf Hymir erwiderte, dies sei gefährlich wegen der +Midgardschlange. Thor ruderte also weiter zu Hymirs Missvergnügen. Thor +machte die Angelschnur zurecht und steckte den Stierkopf an den Haken, +der sofort zu Grunde sank. Die Schlange schnappte nach der Angel und +der Haken blieb ihr im Gaumen stecken. Da zerrte sie so mächtig an der +Leine, dass Thors beide Fäuste auf den Bord des Bootes aufschlugen. +Thor rüstete sich mit seiner ganzen Asenstärke. So gewaltig stemmte +er sich entgegen, dass er mit beiden Füssen den Boden des Fahrzeugs +durchbrach und auf den Meergrund zu stehen kam. Nun zog er die Schlange +zu sich herauf an den Bord des Schiffes. Thor richtete seine blitzenden +Augen auf das Ungetüm, das ihn anstarrte und Gift schnaubte. Der +Riese erschrak, als er die Schlange erblickte und die See ins Schiff +stürzte. Als Thor nach dem Hammer griff, schnitt der Riese am Bord +die Angelschnur entzwei, dass die Schlange ins Meer zurücksank. Thor +warf mit dem Hammer und schlug ihr Haupt ab. Den Riesen aber traf er +dermaassen ans Ohr, dass er kopfüber ins Meer stürzte. Thor watete zum +Lande zurück.[279] + +Thors Kampf mit der grossen Seeschlange ist öfters von den Skalden +besungen worden, im 10. Jahrh. von Ulf Uggason (um 984) und Eystein +Valdason. Der Vernichter der Trolle wurde dem Ungeheuer des Meeres +gegenübergestellt. Übrigens beruht der abenteuerliche Fang des Wurmes +mit Angel und Köder auf christlicher Vorstellung, wie Gottvater oder +Christus den erdumgürtenden Leviathan mit der Angel fangen. + +Ein norwegischer Skald dichtete am Ende des 10. Jahrhunderts das +Hymirlied[280], wo ebenfalls der Fang des Wurmes geschildert wird +(Str. 17-25), nur dass hier der seltsame Fisch „wieder lebendig ins +Meer zurücksinkt“. Denn am Ende der Tage erst soll er von Thor getötet +werden. Ausserdem hat der Verfasser des Hymirliedes noch eine Anzahl +weiterer Sagen herangezogen, ohne jedoch eine innere Verbindung +zwischen ihnen herstellen zu können. Die wichtigste, am meisten +ausgeführte, ist die Einholung von Hymirs Kessel. Die Asen wollen +bei Aegir dem Meerriesen Gelage halten. Aber ihm fehlt ein Kessel, +der gross genug ist, das nötige Bier zu brauen. Die Asen sollen ihn +liefern, Thor soll ihn besorgen. Dazu weiss Tyr Rat. Sein Stiefvater +Hymir, der am äussersten Himmelsrande wohnt, hat einen meilentiefen +Kessel. Von Asgard aus fahren sie einen vollen Tag, bis zu Egill, dem +Vater des Thjalfi und der Roskwa, wo sie die Böcke einstellen. Dann +schreiten sie zu Hymirs Halle. Dort fand Tyr die verhasste Ahne mit +900 Häuptern. Aber die lichte Frau, Tyrs Mutter brachte den Gästen +Bier. Spät kam der Riese vom Waidwerk heim; Eiszapfen klirrten, wie +er in den Sal trat, sein Bart war gefroren. Die schöne Frau sucht +ihn freundlich zu stimmen für die Gäste, die ängstlich hinter einer +Säule sich verstecken. Vor dem Blicke Hymirs birst der Balken und vom +Brett herab kollern Kessel. Hervor treten die Gäste, ungern sieht +Hymir den Thor, ihm ahnt Schlimmes. Beim Nachtmahl isst Thor allein +zwei Ochsen. Am andern Tag fahren Thor und Hymir zum Fischen. Bei der +Heimkehr hebt Thor das ganze Boot samt Inhalt auf und trägt es zum +Gehöft. Der Riese versucht Thors Stärke und gibt ihm einen Kelch, +den soll er zerschmettern. Steinerne Pfeiler zerbrechen, der Becher +bleibt ganz, bis auf der jungen Frau Rat Thor ihn am harten Schädel +Hymirs zerschellt. Jetzt darf er den Kessel mitnehmen. Umsonst setzt +Tyr zweimal an ihn zu heben, Thor aber schwingt ihn aufs Haupt. Thor +und Tyr fahren heimwärts. Da folgt ihnen vielköpfiges Volk, aus den +Berghöhlen hervorbrechend. Alle erschlägt Thor mit dem Hammer. Einer +der Böcke hinkt, wofür Thor Egils Kinder zur Busse empfängt. So +brachten sie den gewaltigen Kessel zu den Asen, die nun in Aegirs +Halle zechen. Scheidet man diese letzte Sage vom hinkenden Bock aus, +so bleibt als Grundlage dieser Geschichte ein Märchen übrig, das an +Thors Namen geknüpft wurde. Zwei Brüder kommen zur Behausung eines +menschenfressenden Riesen in Abwesenheit des Hausherrn und werden +dort von einer mitleidigen Frau verborgen. Der Riese kehrt später +heim und riecht die Fremden. Aber die barmherzige Frau weiss ihn +mit schmeichelnden Worten zu besänftigen. Die Brüder kommen aus dem +Versteck und erhalten Erlaubniss auf des Riesen Hof zu bleiben. Der +kleine schwache Mensch betrügt oder besiegt zuletzt den gewaltigen +Riesen. Wie Aegir das offene Meer beherrscht, so Hymir das Eismeer. +Schwerlich ist aber Uhlands Deutung begründet, der Braukessel sei das +offene Meer, das im Winter, wenn Buchten und Sunde zugefroren oder mit +Treibeis bedeckt sind, in Hymirs Verschluss gehalten werde und von den +Göttern des Lichtes und des Gewitters befreit werden müsse. Lust am +Fabulieren, nicht sinnbildliche Naturanschauung schuf die Geschichten, +die Thor und Hymir in Beziehung zu einander zeigen. + ++Märchen und Volkssage+, nicht +Naturmythus+ bildet die Grundlage der +meisten von den Skalden behandelten Thorsgeschichten, die uns nur zum +kleinsten Teil in Gestalt der ursprünglichen Dichtungen, meistens nur +in Snorris Nacherzählung erhalten sind. + + ++Thor und der Riesenbaumeister.+ + +Um die im Wanenkrieg zerstörte Burg wieder aufzubauen, dangen die Asen +einen Baumeister aus Riesenheim. Der versprach, das Werk im Verlauf +eines Winters auszuführen, wenn man ihm Freyja zum Weib gebe und +Sonne und Mond abtrete. Auf Lokis Vorschlag wurde es bewilligt. Vor +zahlreichen Zeugen war der Vertrag abgeschlossen worden. Thor aber war +abwesend fern im Osten, um Unholde zu erschlagen. Mit dem einzigen +Beistand seines Rosses Swadilfari führte der Riese den Bau rasch aus, +nur noch drei Tage fehlten zum Ziel. Da gerieten die Asen in Angst +und zwangen Loki, der zum Vertrag geraten hatte, Hilfe zu schaffen. +In Stutengestalt lief er dem Hengste des Riesen entgegen. Swadilfari +rannte alsbald der Stute nach und die Nacht über ruhte die Arbeit. Als +der Werkmeister sah, dass er nicht mehr fertig werde, geriet er in +Riesenzorn. Die Asen achteten nimmer der Eide und Verträge, sondern +riefen nach Thor. Alsbald erschien er, schwang den Hammer und zahlte +so den Lohn für die Arbeit, dass er den Riesen totschlug. Loki als +Stute warf bald darauf ein graues Fohlen mit acht Füssen, Sleipnir, +Odins Ross.[281] + +Eine oft bezeugte Volkssage von einem Riesen oder Unhold als Baumeister +bildet die Grundlage für diese Erzählung. Die meisten Züge kehren +in den Volkssagen wieder. Ein Bau soll aufgeführt werden, dessen +Herstellung das Maass gewöhnlicher Menschenkraft übersteigt. Ein +Vertrag mit dem Dämon wird abgeschlossen, er verlangt als Lohn Sonne +und Mond, ein Mädchen. Ein Pferd hilft ihm bei der Arbeit. Der Bau +geht geschwind vorwärts, dem Auftraggeber wird seiner Zusagen halber +immer bänger zu Mut. Endlich hilft er sich mit List und betrügt +den Unhold um seinen Lohn. Neu in der Edda ist Lokis Rolle, der +seinem Wesen nach auch hier zwischen den Göttern und ihren Feinden +vermittelt, aber beide betrügt. Aber auch Thor als der Helfer in der +Not ist neu und eigenartig verwertet. Auch er handelt seinem Wesen +entsprechend und schlägt freudig zu, sobald es geht. Wie bei Hrungnirs +Erscheinen in Walhall ist auch hier Thor sofort zur Stelle, wenn die +Asen ihn brauchen. Ähnlich in der Lokasenna 55 ff. Er ist ihr starker +Beschützer, in der Stunde der Gefahr taugt Heldenkraft doch mehr als +Geist und Witz. + + ++Thor und Geirröd.+ + +Der Isländer Eilif Gudrunarson verfasste nach 976 ein Lobgedicht auf +Thor, wie er zu Geirröd fuhr. Snorri gibt eine kurzgefasste Sage, worin +zwei Strophen einfacherer Art vorkommen, die auf ein zweites Gedicht +neben der schwülstigen Drapa hinweisen.[282] Loki war einst in Freyjas +Falkengewand ausgeflogen und zu Geirröds Gehöft gekommen. Er sah dort +eine grosse Halle, setzte sich aufs Dach und blickte zum Rauchloch +hinein. Geirröd befahl den Vogel zu fangen. Ein Mann stieg hinauf und +fing den mit Zauberei festgeklebten Vogel. Geirröd verschloss ihn in +eine Kiste und liess ihn drei Monate lang hungern. Dann nahm er ihn +heraus und jetzt gab sich Loki zu erkennen. Um sein Leben zu lösen, +musste er Geirröd schwören, Thor ohne seinen Hammer, seine eisernen +Handschuhe und seinen Kraftgürtel in seine Gewalt zu bringen. Thor +liess sich auch wirklich bereden. Unterwegs kehrte er bei der Riesin +Grid, der Mutter Widars des Schweigsamen ein, und sie gab ihm darüber +Bescheid, welch schlimmer Unhold Geirröd sei. Mit ihrem eigenen Gürtel +und Stab und mit ihren Eisenhandschuhen versah sie Thor. Der gelangte +zum mächtigen Flusse Wimur, er umgürtete sich mit dem Kraftgürtel und +stützte sich auf Grids Stab, Loki hielt sich an seinem Gürtel fest. +Wie er in die Mitte des Stromes gekommen war, wuchs das Wasser bis +zu seinen Schultern. Da sah Thor, wie Gjalp, Geirröds Tochter, oben +in den Bergklippen mit gespreizten Beinen über dem Flusse stand und +sein Anschwellen verursachte. Thor warf mit einem grossen Stein nach +ihr und traf sie. Glücklich erreichte er das Ufer und bekam einen +Vogelbeerstrauch zu fassen, an dem er sich herauszog. Daher stammt +das Sprichwort: Der Vogelbeerbaum ist Thors Rettung. In Geirröds +Gasthaus wurde ihm ein Stuhl angewiesen. Da wurde er gewahr, dass er +sich plötzlich unter ihm zum Dach emporhob. Thor stemmte den Stab +gegen das Dach und drückte den Stuhl nieder. Da entstand ein heftiges +Geschrei und darauf hörte man ein Knacken. Geirröds Töchter Gjalp und +Greip hatten unter dem Stuhle gesessen; Thor hatte beiden das Rückgrat +zerbrochen. Darauf liess Geirröd Thor in die Halle rufen, um sich +mit ihm im Kampfspiel zu messen. In der Halle brannten grosse Feuer. +Geirröd fasste ein glühendes Eisenstück mit der Zange und warf es auf +Thor. Der aber fing es mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in +die Luft. Geirröd sprang hinter eine Säule, sich zu schützen. Thor aber +schmetterte das Eisen durch die Säule, dass es den Geirröd und die +Hallenwand durchschlug und draussen noch tief in die Erde fuhr. + +Uhlands Auslegung, Geirröd sei ein Glutriese, das verderbliche +schädigende Gewitter, das sich bei brennender Sommerhitze mit +Wolkenbruch und Überschwellen der Bergströme, die den Anbau zu +verschlingen drohen, entlade, genügt nicht zur Erklärung der +Einzelheiten, die sich nur äusserst gezwungen fügen. Man muss die +Fahrt zu Geirröd mit der Geschichte von der Fahrt nach Utgard zusammen +nehmen, um einen richtigen Standpunkt für die Erklärung zu gewinnen. + + ++Thor belebt die Böcke.+ + +Thor fährt mit dem Bocksgespann aus, mit ihm Loki. Bei einem Bauern +Egill kehren sie ein. Thor schlachtet die Böcke, die abgezogen und im +Kessel gesotten werden. Er ladet den Bauern mit Weib und Kindern zum +Essen ein und heisst sie die Knochen aufs Bocksfell werfen. Thjalfi +des Bauern Sohn spaltete mit seinem Messer das Schenkelbein des einen +Bockes, um das Mark zu erlangen. Am andern Morgen schwang Thor den +Hammer über die Felle, da standen die Böcke lebendig wieder auf, doch +einer lahmte am Hinterfuss. Thor merkte das und sagte, der Bauer oder +seine Angehörigen müssten nicht vorsichtig mit dem Knochen umgegangen +sein. Zornig fasste er den Hammer; der Bauer flehte um Gnade und gab +zur Busse seine Kinder Thjalfi und Roskwa, die Thor fortan treulich +dienten. Derartige Wiederbelebungen kennen Märchen, Sagen und Legenden +sehr häufig, aus der Volkssage schöpfte auch hier die norwegische +Göttersage.[283] + + ++Thor in Utgard.+ + +Thor mit Thjalfi, Roskwa und Loki begab sich nach Zurücklassung der +Böcke weiter gen Riesenheim. Sie kamen zum Meer und schwammen hinüber. +Als sie am jenseitigen Ufer eine Weile gegangen waren, gelangten +sie in einen grossen Wald, in dem sie bis zum Abend fortwanderten. +Thjalfi trug die Vorratstasche. Ihr Nachtlager nahmen sie in einem +grossen Haus, dessen Thür weit offen stand. Um Mitternacht entstand +ein grosses Erdbeben. Sie flüchteten in einen Anbau, den sie rechts im +Hause fanden. Thor hielt mit dem Hammer in der Hand am Eingang Wache. +Sie hörten grosses Brausen und Rauschen. Morgens ging Thor hinaus und +sah im Wald einen Riesen, der gewaltig schnarchte. Er gürtete sich mit +Stärke, da erwachte der Mann, Thor verzagte und schlug nicht zu. Jener +nannte sich Skrymir (Grosssprecher). „Dich brauch ich nicht um den +Namen zu fragen; ich weiss, dass du Asathor bist. Aber wohin hast du +meinen Handschuh geschleppt?“ Da merkte Thor, dass sie darin genächtigt +hatten. Das Nebenhaus war der Däumling. Skrymir wanderte mit den +Gesellen und schnürte ihre Vorratssäcke alle in ein Bündel zusammen, +dass er auf den Rücken warf. Abends legte er sich unter eine Eiche und +schlief alsbald ein. Thor wollte mit seinen Genossen zu Nacht essen, +aber vergebens versuchte er die Riemen des Bündels aufzuknoten. Zornig +fasste er seinen Hammer und schlug Skrymir aufs Haupt. Der erwachte +und fragte, ob ein Blatt ihm aufs Haupt gefallen sei. Um Mitternacht +wiederholte Thor den Schlag auf den Wirbel, dass das Hammerende tief +eindrang. Erwacht fragte Skrymir: Fiel mir eine Eichel auf den Kopf? +Zum dritten Mal, kurz vor Tag, schwang Thor den Hammer auf Skrymirs +Schläfe, dass er bis zum Schafte eindrang. Skrymir stand auf und rieb +seine Wange: Es müssen Vögel auf dem Baum sitzen, eine Feder fiel +mir auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es ist Zeit aufzustehen. Ihr habt +nimmer weit bis nach Utgard. Dort werdet ihr noch grössere Leute sehen. +Überhebt euch nicht zu sehr. Damit warf er seinen Bündel auf den Rücken +und ging in den Wald hinein. Die Asen wünschten ihm keine gute Reise. + +Thor wanderte mit seinen Gefährten weiter, bis sie zu einer hohen +Burg gelangten. Der Eingang war mit einer Gitterthüre verschlossen. +Da sie diese nicht aufmachen konnten, schlüpften sie zwischen den +Stäben hindurch. In der Halle fanden sie viele grosse Männer. Der +König Utgardaloki nahm ihren Gruss säumig auf und wunderte sich über +Thors Kleinheit. Er schlug den Gästen vor, sich mit seinen Leuten im +Wettspiel zu messen. Loki versuchte sich gegen Logi im Essen; Loki ass +alles Fleisch von den Knochen, Logi aber verzehrte das Fleisch mitsamt +den Knochen und dem Trog dazu. Thjalfi ward von Hugi im Wettlauf +besiegt. Thor sollte ein Horn auf einen Zug ausleeren. Dreimal setzte +er gewaltig an, aber kaum war ein Abgang im Horn bemerkbar. Dann sollte +er Utgardlokis Katze vom Boden aufheben; so gewaltig Thor sich stemmte, +nur einen Fuss der Katze brachte er vom Boden. Endlich sollte er mit +Elli, Utgardlokis Amme ringen. Das alte Weib stand fest, Thor sank +ins Knie. Am andern Morgen brachen die Asen auf, Utgardloki gab ihnen +das Geleite und gestand Thor, er habe Tags zuvor allerlei Blendwerk +vorgemacht. Zuerst als Skrymir habe er das Bündel mit Eisenbändern +verschnürt; darauf vor Thors Hammerhiebe Felsen gehalten, worein grosse +Vertiefungen geschlagen wurden. So war es auch bei den Spielen. Logi +war das fressende Wildfeuer, Hugi, der mit Thjalfi um die Wette lief, +der windschnelle Gedanke. Das Horn konnte Thor nicht leeren, weil sein +eines Ende im Meer lag, die Katze war die grosse Weltschlange, die +Amme Elli das Alter, das noch niemand zu beugen vermochte. Da hob Thor +den Hammer, aber Utgardloki war verschwunden und auch von der Burg war +nichts mehr zu sehen.[284] + +Skrymir und Utgardloki sind also mit einander eins, die Sage läuft auf +Trug und Blendwerk hinaus, wogegen Thor machtlos ist. Zur Erläuterung +dient Saxos Bericht, bei welchem _Thorkillus_ den Thor vertritt, aber +im Grunde doch völlig mit ihm zusammenfällt. + +König Gorm wollte _Geruths_ Land besuchen, von dessen Beschaffenheit +er durch Isländer gehört hatte. Unglaubliches wurde von den Schätzen +berichtet; gefährlich war die Seefahrt dorthin, man musste weit ins +Meer hinaus segeln, bis Sonne und Sterne ihren Schein verlören und +Finsterniss herrsche. 300 tapfere Jünglinge unter Führung Thorkils, +der schon einmal dort gewesen war und den Weg wusste, begleiteten +Gorm auf 3 Schiffen, die auf Thorkils Rat besonders erbaut und +ausgestattet waren. Über Halogaland hinaus gelangten sie in die +weite See und legten an einer von Trollen bewohnten Insel an, wo sie +3 Leute einbüssten. Dann gings weiter nach Bjarmeland, das mit Eis +und Schnee Sommer und Winter bedeckt ist und kein Getreide trägt. +Schäumende Flüsse eilen durchs Land, das mit finsteren von wilden +Tieren erfüllten Wäldern bestanden ist. Sie landeten und Thorkil +befahl seinen Genossen mit keinem der Landsbewohner zu reden. Früh +am Morgen kam der Riese Guthmund und lud sie zu sich ein. Der suchte +die Dänen durch Zauberspeisen und schöne Weiber in seine Gewalt zu +bringen, aber Thorkil warnte seine Leute, nur vier wurden verführt. +Dann setzte Guthmund die Dänen über den Strom, der von einer goldenen +Brücke überspannt die Welt der Menschen und Geister trennte. Sie +betraten Geruths Land. In dunkelm Nebel lag eine grauenvolle Stadt, +von Gespenstern bewohnt, von wilden Hunden bewacht. In der Stadt +herrschte greulicher Gestank. Sie gelangten zu einer Felsenhöhle, die +sie nur zögernd auf Thorkils Anweisung, nichts anzurühren, betraten. +Die Höhle sah grässlich und abscheulich aus, Thüren und Wände waren +rauchgeschwärzt, das Dach war mit Pfeilen gedeckt, am Boden krochen +Nattern. Auf eisernen Stühlen sassen Gespenster. Auf einem Hochsitz +sass ein alter Mann, sein Leib war durchbohrt und an den Felsen +befestigt. Bei ihm sassen drei Weiber mit zerbrochenem Rücken. Thorkil +erzählte, der starke Gott Thor sei durch Geruths Hochmut erzürnt worden +und hätte ihn mit einem glühenden Eisenkeil an den Fels gefestigt; +zugleich traf Thor mit dem Blitz die drei Weiber.[285] Nachdem die +Dänen noch einen Kampf mit den Gespenstern bestanden, worin die meisten +umkamen, rettete sich der Rest zu Guthmund und von dort nach Dänemark. + +Gorm will wissen, welchen Aufenthalt und Lohn die Seele nach dem Tode +habe. Um das zu erkunden, wird Thorkil zu _Ugarthilocus_ entsandt. +Sie segeln wieder ins Land der ewigen Finsterniss. Von zwei Trollen, +die in einer Höhle am Feuer sitzen, wird Thorkil der Weg gewiesen. +In einer Höhle liegt Ugarthilocus an Händen und Füssen mit eisernen +Ketten gefesselt. Sein Haar war wie spitziges Horn oder Schwerter und +verbreitete entsetzlichen Geruch.[286] Als sie eines auszogen, werden +sie von giftigen Nattern und Trollen angegriffen und verfolgt. Thorkil +allein bleibt am Leben und rettet sich, indem er zum Christengott ruft. + +Bei Saxo erscheint Thors Fahrt zu Geirröd und zu Utgardaloki +deutlich als Besuch in der Unterwelt und ist mit allen Schrecken +der Hölle ausgemalt. Mag auch einiges von Saxo aufgetragen sein, in +der Hauptsache ist er doch von der Darstellung seiner isländischen +Quellen geleitet, welche mehr als die uns bekannte Überlieferung +das Schauerliche hervorkehrten. Damit wird der Weg zum Verständniss +gewiesen; nicht von irgend welchen Naturvorgängen hat die Erklärung +auszugehen, vielmehr von der im klassischen Altertum und im +christlichen Mittelalter gleich beliebten Höllenfahrt, die dem Thor, +wie dem Hercules und Märchenhelden gerne zugeschrieben wird. + +_Útgarþr_ ist die Aussenwelt, die Wildniss, wo keine Menschen +wohnen, wo alles wüst und öde ist. Ins unbewohnte Land verweist der +Volksglauben gern die Unholde. Im Norden und Osten, im Eismeer und +in der Bergwildniss hausten nach norwegischem Glauben die Trolle und +Riesen, bei den wilden, als Zaubrer verschrieenen Lappen und Finnen. +Trollabotnar d. i. Trollengründe heisst die schaurige Einöde des +Polarmeeres.[287] Die Fahrt ins Trollenreich ist auf Thor übertragen. +Aber zugleich auch der Besuch in der Unterwelt, die durch tiefe Wasser +und dunkle Wälder von der Oberwelt getrennt ist. Nach der Ansicht des +Mittelalters liegt der Teufel in Banden bis zum Anbruch des jüngsten +Tages. Der gefesselte Loki ist eine deutliche Nachahmung dieser +Vorstellung.[288] Der Sage ist Thor Beschirmer der Welt, Midgards, den +Einbruch der Riesen und Trolle schlägt er siegreich zurück. Aber sobald +er das Heim der Trolle und das Reich der Hölle betritt, wird seine +Macht vor dem trügenden Blendwerk der bösen Feinde zu Schanden. + +Mit Thors Fahrten bringt Saxo den Besuch bei Gudmund[289] in +Verbindung. Von König Gudmund auf Glaesisvellir, dem Gefilde +des Glanzes, erzählen erst spätere isländische Quellen des 14. +Jahrhunderts, die zum Teil von Saxo unabhängig sind. Gudmund, dessen +Reich bei Bjarmeland gedacht wird, ist offenbar in der Volkssage ein +Elbenkönig. Unsterblichkeit, Wonne und Reichtum herrscht dort, seine +Tochter Ingeborg entzückt Helgi Thorirs Sohn zu sich. Aber der Elben +Rache bringt dem Menschen, der wieder zur Erde zurückkehrt, Tod und +Verderben. Dem König Olaf Tryggvason reicht Helgi ein Geschenk der +tückischen Elben, ein goldenes Horn, das beim Kreuzeszeichen mit Getöse +zerspringt. Helgi selber ist geblendet. Wir haben somit eine alte +Elbensage, schon zu Saxos Zeit an einen König Gudmund geknüpft. Thor +hat schwerlich damit zu schaffen gehabt. + +Unverkennbar geht die Entwicklung Thors in diesen Geschichten immer +mehr abwärts. Das ist nicht die Auffassung, die ein gläubiges Volk +dem gefürchteten, gewaltigen Gott entgegenbringt. Erst in den Zeiten, +da der Heidenglaube wankte, konnten solche Erzählungen entstehen, wo +der Gott gleich wie jeder andre starke Mann im Märchen zum blossen +Zeitvertreib, zur Unterhaltung geschildert wurde. + + ++Thor und die Riesinnen.+ + +Auf einige Mythen sind nur Anspielungen bekannt. Thor rühmt sich, den +Thjazi, den trotzigen Riesen erschlagen und seine Augen zum Himmel +hinaufgeworfen zu haben.[290] Bragi rühmt Thor als den Zerschmettrer +der neun Häupter des Thrivaldi. Nach dem Skald Vetrlidi zerbrach Thor +die Beine der Riesin Leikn. Thorbjorn Disarskald nennt in einer Strophe +mehrere Kämpfe mit den Thursenweibern Keila, Kjallandi, Búseyra, +Svívor, Hengjan-Kjapta und Lut. + +Thor hat in der nordischen Skaldendichtung eine Menge Beinamen, welche +nur zum Teil verständlich sind, seiner Thätigkeit und den von ihm +umlaufenden Sagen entstammen. Weshalb er Bjorn heisst, ist nicht +bekannt. Seine Namen Hlorridi und Vingnir werden aus der Blitzflamme +und dem Schwingen des Hammers gedeutet. Thor wird Pflegesohn +oder Pflegevater des Vingnir und der Hlora genannt, natürlich im +Zusammenhang mit den erwähnten Beinamen.[291] + + ++Thor und Alwis+. + +Wie Thor die Riesen mit Gewalt meistert, so bezwingt er den Zwerg +Alwis[292] mit List und geistiger Ueberlegenheit. Der Zwerg Alwis kommt +zur Nachtzeit auf die Erde, um die ihm verlobte Maid abzuholen. Da +tritt ihm Thor entgegen und fragt nach seinem Begehren. Alwis will zu +Wingthor, um von ihm die Tochter zu empfangen. Thor war nicht daheim, +als andere seine Tochter versprachen; er erkennt das Verlöbniss nicht +an. Dem scheltenden Zwerg gibt Thor sich zu erkennen, worauf jener +demütig seine Werbung wiederholt. Thor will die Tochter vergeben, wenn +Alwis ihm Auskunft aus allen Welten erteile. Nun wird das Lied, wie +sonst noch manche Eddagedichte lehrhaft, indem Alwis Bescheid gibt, wie +Erde, Himmel und Gestirne, Wolken, Wind und Windstille, Meer, Feuer, +Baum, Nacht, Saat und Bier bei Menschen, Asen, Wanen, Jotunen, Alfen +und Zwergen benannt seien. Am Schluss gesteht Thor, er habe niemals +mehr Weisheit in einer Brust gefunden. Doch überlistet ist der Zwerg, +da er oberhalb der Erde von Tag und Sonnenschein überfallen wurde. +Denn dadurch erstarrt er zu totem Gestein. Die Tochter Thors, welche +im Gedicht nicht vorkommt, wird die in der Snorra Edda genannte Thrud +sein. Wie in den Söhnen Modi und Magni Eigenschaften des Vaters, Macht +und Mut persönlich werden, so auch in der Tochter Thrud seine Stärke. +Im Skaldenlied Bragis findet sich eine Anspielung auf eine verlorene +Sage, wonach aber Hrungnir der Riese die Thrud geraubt hätte. Ob +die Zwerggeschichte nur ein späterer Ableger der alten Riesensage +ist, steht dahin. Dem Kraftwesen Thors entspricht der Kampf gegen +räuberische Riesen jedenfalls besser, als die Überlistung von Zwergen. +Aber wenn einmal Thor die Trolle und Riesen schlägt, kommt die Sage +auch leicht dahin, lichtscheue bleiche Erdzwerge ihm gegenüber zu +stellen. Uhland deutet sinnig Thors Tochter als das Saatkorn, das den +Unterirdischen überantwortet wird, beim fruchtbaren Gewitterregen +aufkeimt und dadurch zum Lichte zurückkehrt. Aber in solchen +Sinnbildern ist der Ursprung dieser späten zu Thors Art wenig passenden +Geschichte nicht zu suchen. + + +5. Thor im neueren Volksglauben. + +Thors Andenken blieb im nordischen Volke bis auf die Gegenwart +erhalten, in der Volksweise von Tord af Havsgard, welche norwegisch, +schwedisch und dänisch vorliegt, in der telemarkischen Sage von Urebö, +worin eine Felswüste auf Thors Hammerschlag zurückgeführt wird. Am +meisten Erinnerungen scheint Schweden zu bieten.[293] Vor allem aber +hält die Bezeichnung des Donners im Ostnordischen die Erinnerung an +Thor fest. Während im An. der Donner mit _þruma_ bezeichnet wird und +das gemeingermanische Wort nur im Namen des Gottes weiterlebt, weist +dän. _torden_ schwed. _tordön_ auf _þorduna_ d. i. Thors Getöse zurück. +Im Schwed. ist ein zweites Wort für Donner _åska_ aus _åsaka_, neben +welchem die Mundart _toraka_ bietet, _åka_ bedeutet Fahren. Der Donner +ist also Thors oder des Asen Fahrt. Noch jetzt also erkennt die Sprache +Asathor an, der in den Wolken dahinfährt. + + + + +IV. Wodan-Odin. + + +1. Wode und das wütende Heer. + + +Über das ganze germanische Gebiet geht die Sage von einem +gespenstischen Heere, das in stürmischen Nächten durch die Lüfte +braust. Die Erscheinung wird teils als Heerzug, teils als Jagdtross +gedacht. Der einsame Wanderer scheut seine Begegnung, denn oft +wird er auf Nimmerwiedersehen in die wilde Schaar entrückt. Dem +Umzug wird manchmal besondere Bedeutung beigemessen, wie allen +Geistererscheinungen. Krieg und sonstige schwere Ereignisse werden +dadurch angezeigt, aber man schliesst auch auf fruchtbare Jahreszeit. +Im Geisterheere ziehen die Seelen derer, die gewaltsamen Todes +verstarben oder auf denen Fluch und heidnisches Wesen lastet, also +gefallene Krieger, Gerichtete, Ungetaufte u. dgl. In höchstes Altertum +reicht diese Vorstellung hinauf und bis auf die Gegenwart hat sie sich +erhalten. Gern setzt die Sage der Schaar einen besonderen Führer, der +zuweilen dann auch allein umreitet, etwa als wilder Jäger, der der +Windsbraut, einem Weibe oder einem gespenstischen Eber nachjagt. Der +allgemeine Aberglauben vom Seelenheere kann zu zahllosen besondern +Sagen ausgebildet werden, die nach Ort und Zeit sehr verschieden sich +gestalten müssen. Aber die Grundlage bleibt gleich und unverändert, +Seelen, die mit oder ohne Anführer im Sturme dahin brausen oder auch im +ruhigen Windzug wie Nebelstreifen mit wunderbarer Musik vorübergleiten. +Mit Göttern und Helden aller Zeiten ist die Geisterschaar verwebt. Hier +kommen nur die Sagen in Betracht, in denen von einem _wütenden_ Heere +die Rede ist oder von _Wodes_ und Hackelbernds Umzug, wo also Wodan auf +irgend eine Art mit der Erscheinung verknüpft ist. Auch diese besondere +Sagenform ist allen Germanen bekannt. Schon im Mittelalter ist in +Deutschland die Benennung „_wütiges_“, „_wütendes Heer_“ nachweisbar +und sie hat sich bis in die Gegenwart erhalten.[294] Daneben aber ist +aus derselben Grundanschauung auch der Name des Führers gebildet. Dem +oberdeutschen _Wuotes heer_, mitteldeutschen _Wudes heer_ entspricht +auf niederdeutschem Gebiet _Wode_, im Norden _Oden_.[295] Man muss +demnach auf einen Sturmgeist _Wode_ schliessen, dessen Name zu _Wodan_ +ebenso sich verhält wie im Norden _Od_, der Gemahl der Freyja, zu +_Odin_. Zu Grund liegt das germanische Beiwort _wôđaz_[296], wütig, +rasend. Als der Wütige, als Wode wurde offenbar schon in Urzeiten der +Sturmwind persönlich gedacht. Mit besonderen Eigenschaften ausgestattet +haftet diese Gestalt fest im Volksglauben. In Westfalen jagt Hakelberg +oder Hakelbernd, der Mantelträger.[297] Die verstreuten Züge der +einzelnen Sagen vereinigen sich zum Bilde eines Reiters, der auf +schwarzem oder weissem Rosse, mit breitem Schlapphut bedeckt[298] und +in einen Mantel gehüllt, zur Nachtzeit durch die Lüfte fährt. + +Was in deutscher Überlieferung mehrfach vom wilden Jäger in irgend +welcher Gestalt berichtet wird, ist im Norden an Odins Namen geknüpft, +weshalb zu vermuten, dass es einst von Wode galt. Der gespenstische +Reiter spricht zuweilen bei einem Schmiede vor, um sein Ross beschlagen +zu lassen. In Winter 1208 wohnte ein Schmied zu Nesjar. Es geschah +eines Abends, dass ein Mann geritten kam, ihn um Herberge bat und sein +Pferd beschlagen liess. Der Hauswirt war bereit. Sie standen lange vor +Tag auf und begannen zu schmieden. Der Hauswirt fragte: Wo warst du +vorige Nacht? Der Gast antwortete: In Medaldal, nördlich in Thelemark. +Der Schmied wollte das nicht glauben, weil es unmöglich sei. Er begann +nun zu schmieden, doch es ging nicht vorwärts, wie er wollte. Da sagte +der Gast: Schmiede du so, wie es von selber werden will. Da wurden +grössere Hufeisen daraus, als der Schmied je zuvor gesehen hatte. +Sie passten aber genau dem Pferde und er beschlug es. Da sprach der +Gast: Du bist ein unverständiger und unweiser Mann. Warum fragst du +nichts? Der Schmied sprach: Was für ein Mann bist du oder woher bist du +gekommen oder wohin willst du gehen? Er antwortete: Von Norden bin ich +aus dem Lande her gekommen und hier habe ich nun mich lange in Norwegen +aufgehalten, und ich habe jetzt vor, südwärts ins Schwedenreich zu +fahren, und lange bin ich jetzt auf Schiffen gewesen, aber nun muss +ich mich auf einige Zeit ans Pferd gewöhnen. Der Schmied sprach: Wohin +gedenkst du heut Abend? Südwärts nach Sparmork, sagte er. Das kann +nicht wahr sein, sagte der Hauswirt, denn das kann man kaum in sieben +Tagen reiten. Der Gast bestieg das Pferd. Der Hauswirt sprach: Wer +bist du? Er antwortete: Hast du den Odin nennen hören? Hier kannst du +ihn jetzt sehen, und wenn du dem nicht glaubst, was ich gesagt habe, +so sieh nun, wie ich mit meinem Pferde über den Zaun setze. Das Pferd +hufte da; er gab ihm die Sporen und setzte über den Zaun, ohne ihn +zu berühren. Sieben Ellen hoch war der Zaun. Darauf sah der Schmied +seinen Gast nicht mehr. Vier Nächte darauf wurde eine grosse Schlacht +geschlagen.[299] Unter den deutschen Seitenstücken ist die Sage vom +Rodensteiner hervorzuheben, der, wenn ein Krieg bevorsteht, bei +grauender Nacht in die Burg Schnellert zieht. Ein Zeuge im Jahre 1758 +sagte aus: Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Grumbach (eine +Stunde von Schnellert) vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmied +gewohnt, gemeldet haben und gemeiniglich allda die Pferde beschlagen +lassen. + +Von einem Teufelsgespenst werden in Sagen des Mittelalters häufig +Helden mittelst eines wunderbaren Rosses oder Mantels weithin durch +die Lüfte getragen. Vermutlich nahm sie Wode auf sein Ross und hüllte +sie in seinen Mantel. So ist es in einer nordischen Odinssage der +Fall. Des Jünglings Hadding, der verlassen umher irrte, auf Rache für +seinen erschlagenen Vater sinnend, nahm sich ein alter, einäugiger Mann +an. Als einmal Hadding fliehen musste, brachte ihn derselbe Greis auf +seinem Rosse nach seiner Wohnung, erquickte ihn durch ein köstliches +Getränk und verhiess ihm davon einen Zuwachs seiner Körperkraft. +Zugleich verkündigte er ihm die Zukunft und gab ihm an, wie er sich +verhalten solle. Darauf brachte der Alte den Jüngling auf dem Pferde +zur vorigen Stelle zurück. Hadding, der durch die Öffnung des Gewandes, +mit dem er bedeckt war, schüchtern hinaus blickte, sah, wie das Ross +über dem Meer hineilte. Auf des Alten Warnung aber wandte er die +erstaunten Augen von dem schauderhaften Wege. Hier also zeigt sich der +gespenstische Schimmelreiter dem Menschen gnädig und hilfreich.[300] + +Die Sage lässt den gespenstischen Reiter im Windsgebraus einem Weibe +nachjagen.[301] Besonders den Waldfrauen stellt der wilde Jäger nach. +Als stürmische Werbung oder als Verfolgung kann dieser Aberglaube +ausgelegt werden. Auf hohem weissem Rosse, von Hunden begleitet, +zieht der Wode durchs Land, um die Unterirdischen zu erjagen. Einmal +vermochte er lange nichts zu fangen, bis ihm ein Bauer riet, sich zu +waschen und das Pferd stallen zu lassen. Der Wode that es. Bald kam er +wieder zurück und hatte mehrere Unterirdische gefangen, die mit ihren +langen blonden Haaren zusammengebunden von seinem Pferde herabhingen. +Nach schwedischem Glauben jagt Oden die Waldfrau, die mit flatterndem +Haare vor ihm flieht. Einmal sah man ihn von seiner nächtlichen Fahrt +zurückkommen. Das getötete Weib hatte er über dem Sattel hängen. + +In Zusammenhang mit diesen Sagen steht wol die Geschichte von +_Odr_.[302] Freyja vermählte sich dem Manne, der Odr hiess. Odr aber +zog fort in ferne Lande; Freyja blieb weinend zurück und ihre Thränen +sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich +selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den +Odr zu suchen. Das Verhältniss ist freilich umgekehrt, indem das Weib +den Mann zu erjagen sucht. Ausserdem ist alles Wilde und Stürmische +aus der Sage gewichen, die im Lichte einer milden und neuen Dichtung +erglänzt.[303] Trotzdem darf daraus vielleicht ein mittelbares Zeugniss +für das frühe Vorkommen dieser Sagenform auch im Norden entnommen +werden. + +Die Seelen gehen in den Wind und ziehen im Winde um. Aber sie fahren +auch in Berge ein. Solcher Totenberge ist die Volkssage voll und sie +bringt den Umzug des Seelenheeres oft damit in Verbindung, indem es +aus Bergen hervorgeht und hernach wieder in Bergen verschwindet. +Allbekannt sind die bergentrückten, schlafenden Könige und Helden, +eine oft wiederholte Neubildung des allgemeinen Aberglaubens. Im Jahr +1117 wurde Graf Emicho getötet. Er ging wie alle eines gewaltsamen +Todes Verstorbenen ins wütende Heer ein. Bei Worms zeigte es sich +1123. Mehrere Tage lang kamen Schaaren bewaffneter Reiter aus einem +Berge hervor und kehrten dahin wieder zurück. Einer aus der Schaar +wird beschworen und gibt Auskunft: sie seien die Geister gefallener +Krieger.[304] Man glaubt auch vom Wind, er ruhe in Bergen und breche +dann zu Zeiten daraus hervor. Dass Wode das Totenreich im Schooss der +Berge beherrschte, nachdem er die Toten in sein Heer versammelte, darf +als sehr wahrscheinlich gelten, obschon trotz den vielen Sagen von +bergversunkenen Helden und Heerscharen kein bestimmtes Zeugniss von +Wode im Berge spricht. Aber man darf einerseits auf die zahlreichen +Wodansberge in Niederdeutschland und Mitteldeutschland hinweisen, +die nicht bloss als Kultstätten Wodans, sondern auch als Aufenthalt +Wodans gedacht werden können, andererseits auf die nordische Sage, wo +Odin sich den Alten vom Berge, Bergesgott[305] nennt. König Sveigdir +fuhr aus, Odin und das Heim der Götter zu suchen. Im östlichen +Schweden heisst ein Gehöft zum Steine (_at Steini_), der Stein ist +so gross wie ein ansehnliches Haus. Abends nach Sonnenuntergang, als +Sveigdir vom Trunk zum Schlafhaus ging, erblickte er einen Zwerg +unter dem Steine sitzen. Sveigdir und seine Leute waren angetrunken +und liefen zum Steine. Der Zwerg stand am Eingang, rief Sveigdir an, +hereinzukommen, wenn er Odin besuchen wolle. Sveigdir lief in den +Stein, der sich alsbald hinter ihm zuthat. Niemals kehrte Sveigdir +zurück.[306] Merkwürdig ist auch die Benennung _Walhall_ für einige +schwedische Berge.[307] Schwerlich sind sie nach der himmlischen +Halle genannt. Vergeblich sucht man nach einem Grund solcher +Übertragung. Man begreift, dass geräumige irdische Säle und Hallen, um +ihre besondere Pracht anzudeuten, auf Island und in Grönland Walhall +heissen. Aber warum ein Berg? Vielmehr dürfte gerade am Bergnamen das +Ursprüngliche haften. Walhall ist die Halle der Kampftoten. Die Seelen +der Erschlagenen hausen aber im Berge und ziehen im wütenden Heer. +Die Schilderung von Odins himmlischer Halle, die von einem Gitter mit +wunderbarer Pforte umschlossen, von einem reissenden Fluss umströmt +ist, lässt noch deutlich erkennen, dass darunter die Hölle, das +unterirdische Totenland gemeint ist, das erst später in himmlisches +Licht erhoben wurde, ohne darin seine düstere Herkunft verleugnen zu +können.[308] Odin in Walhall stand wol ursprünglich dem Wode, der mit +dem Totenheer im Berge sitzt, gleich. Auch hierin waltet die Nachtseite +in Odins Art vor, der als Odr gleich Wode aus dem finstern Sturm- und +Seelengott hervorging. Ebenso zeigt sich dieser Zug in der nordischen +Benennung Odins als des Herren der Gespenster und Gehängten.[309] Die +eines _gewaltsamen Todes_ starben, kommen ins wilde Heer, nach Walhall +in den Berg. Vergeistigt und vertieft erscheint der Gedanke im Walhall +nordischer Skalden: die den _Heldentod_ starben, gehen nach Walhall zu +Odin. + +Der Wode hat Einfluss auf Ackerbau und Gedeihen der Frucht. +In Mecklenburg liess man einige Ähren stehen, die zur Garbe +zusammengebunden wurden. Die Schnitter traten im Kreis darum und +riefen: _Wode, Wode, hole dinem rosse nu voder!_ Sie opferten also +dem Beherrscher des Windes.[310] Denn vom Winde hängt die Saat +vielfach ab und es ist gut, ihn günstig zu stimmen. Auf adligen Höfen +wurde, wenn der Roggen ab war, den Schnittern Wodelbier gereicht. Auf +Wodenstag soll man keinen Lein jäten, damit Wodens Pferd den Samen +nicht zertrete. Im Schaumburgischen schlägt man beim Erntebier mit +den Sensen zusammen und ruft dabei: _Wold, Wold, Wold!_ Unterbleibt +die Feierlichkeit, so ist das nächste Jahr Misswachs an Heu und +Getreide. Am Steinhuder See entzünden die Burschen nach der Ernte ein +Feuer und rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: _Wauden, +Wauden!_ In _Wold_ und _Wauden_ soll nur der Göttername verderbt sein. +In Baiern[311] gehört der Ährenbüschel für den _Waudlgaul_, Bier, +Milch und Brot, das man dabei stehen lässt, für die _Waudlhunde_, +die in der dritten Nacht kommen und fressen. Wer nichts stehn lässt, +über dessen Felder geht ein gespenstischer Kornverderber. Im vorigen +Jahrhundert galt noch ein Erntefest, die _Waudlsmähe_ genannt, wo +man den schwarzen Rossen des Waude Futter aussetzte. Waude ist wol +als _Woude_ = _Wuote_ zu verstehen. Entsprechend wird von Passau bis +Pressburg das _Wudfutter_ ausgesetzt. Das Volk im Aargau freut sich, +wenn das _Guetisheer_ schön singt, denn dann gibts ein fruchtbares +Jahr. In Schonen und Blekingen blieb es lang Sitte, dass die Ernter +auf dem Acker eine Gabe für Odens Pferde zurück liessen; ebenso in +Småland. Der Wode auf seinem Rosse dahin reitend, von seinen Hunden +begleitet, brachte also nach dem Volksglauben den Äckern Fruchtbarkeit +und wurde darum mit Opfer verehrt. Da der Brauch gleichmässig übers +ganze germanische Gebiet sich erstreckt, reicht er sicherlich in +hohes Altertum zurück. Dazu stimmt, dass Odin nach dem Zeugniss der +Ynglingasaga in Schweden schon zur Zeit des Heidentums beim Winteropfer +um Jahressegen und Wachstum angerufen wurde. Im færöischen Liede vermag +Odin in einer Nacht ein Getreidefeld aufwachsen zu lassen.[312] + + +2. Wode und Wodan. + +Wie hängen nun _Wode_ und _Wodan_ zusammen? Beide Namen gehören +zusammen, beide Gestalten sind im Norden nimmer auseinander gehalten. +Nur in einer Sage, die allerdings schon alt ist, begegnete _Odr_, +sonst konnten wir den deutschen Sagen von Wode im Norden immer nur +solche von Odin gegenüber halten. Die Vorstellungen, welche mit Wode +verknüpft sind, wurzeln durchweg im uralten Volksaberglauben. Wode und +sein wütendes Heer erscheinen nur als eine offenbar uralte und allen +Germanen vom Süden bis zum Norden bekannte besondere Form der unter +einem Führer umziehenden Geisterschar, die dem Seelenglauben aller +Völker zugehört. Hat die Schar einen Führer, so ist dieser entweder +durch den Hang zu fassbaren Einzelgestalten, wie er in der Volkssage +waltet, als besonderer Vertreter der Gesamtheit entstanden oder in +Anlehnung an bestimmte örtliche und geschichtliche Vorkommnisse neu +hinzugetreten, so wenn Könige, Helden, Feldherrn, Burgherrn aller +Zeiten einander nach von der Volkssage mit der Führerschaft des +Totenheeres betraut werden. Der letztere Fall kann bei Wode kaum in +Frage kommen, dass etwa ein germanischer Gott zum Heerführer wurde und +nach ihm die Schaar den Namen trug. Andererseits gehören Wode und das +wütende Heer unlöslich zusammen. Die Sprache lehrt, dass _*wôdaȥ_ wütig +und _*wôdjan_ wüten denselben Begriff als Eigenschaftswort und Zeitwort +enthalten. Die Erklärung liegt nahe, dass die Germanen das Heer der +Seelen als das wütende benannten, wie es auch das wilde heisst, womit +auch sein Erscheinen in der Wut des Sturmes angezeigt ist. Aus dem +gleichen Begriff, welcher den Namen der Geisterschaar schuf, leitete +sich die Bezeichnung des Führers ab. Das Eigenschaftswort erhielt nach +und nach den Rang eines Eigennamens. Wode ist als das wütende Heer in +einer bestimmten Person verkörpert zu deuten, wie ja der Sturm auch +als Riese persönlich wird, und diese auf dem allgemeinen, daneben +in zahllosen Sonderbildungen fortwuchernden Aberglauben begründete +Volkssage dürfte schon in der germanischen Urzeit entstanden sein. + +Wie eine längere Form neben der verkürzten steht _Wodan_[313] neben +_Wode_. Man möchte zunächst geneigt sein, Wode als jüngere Verkürzung +aus Woden, Wodan wie schwedisch Ode aus Oden, Odin zu nehmen, besonders +da Wode nur aus späterer Überlieferung vorliegt. Und dann wäre auch der +Schluss erlaubt, Wodan lebe in Wode noch fort. Nachdem aber gerade die +alte nordische Überlieferung zwischen _Odr_ und _Odin_ unterscheidet, +müssen _Wode_ und _Wodan_ entsprechend auseinander gehalten werden. +Überblickt man die gesamten Nachrichten von Wodan-Odin, so ergibt +sich, dass Wode allerdings in Wodan aufging, aber daneben zeigt +Wodan ganz andere Züge, welche wir an Wode vermissen. Wode ist ein +Gespenst, Wodan ein Gott, in Wode ist nur die dunkle, nächtige Seite +hervorgekehrt, bei Wodan die helle, lichte. Dem Wode wird kein andrer +Dienst gespendet als den übrigen Seelengeistern, Wodan wird um Sieg +und Heldentum angerufen und lenkt vom hohen Himmel die Geschicke der +Völker. Aber in Wodan fehlt trotzdem nicht der dunkle Untergrund. +Der Schluss liegt nahe: +Wodan ist der vergöttlichte Wode.+ Helles +Himmelslicht fiel auf den Sturmgeist, der als Gott in den Himmelssaal +aufstieg und über die älteren Götter den Sieg davon trug. Wenn Wode +gemeingermanisch ist, Wodan aber nur einzelnen Stämmen gehört, so darf +das nicht etwa so ausgelegt werden, als wären in der christlichen Zeit +die hellen und freundlichen Züge des Gottes verblasst, und nur die +finstern übrig geblieben, ja vielleicht noch feindselig gesteigert +und vermehrt worden. Die dunkle Seite in Wodans Wesen ist schon im +Heidentum entwickelt und muss als die ursprünglichste gelten. Wode +aber ist, wie besonders die reiche nordische Überlieferung vermuten +lässt, teils in Wodan aufgegangen, teils lebte er in der alten Weise +neben ihm fort und hat ihn so auch um Jahrhunderte überdauert. Somit +muss an der Trennung zwischen Wode und Wodan festgehalten werden. +Die Namen gehören freilich zusammen: Wodan ist nichts als eine durch +Ableitungssilbe weitergebildete Form von Wode. Der Anlass hiezu +entzieht sich unserem Ermessen, auch ob irgend ein anderer Sinn mit +dem Namen Wodan sich etwa verband. Vielleicht soll damit nur eine +Verschiedenheit des Gottes von dem im Volksbewusstsein fest wurzelnden +Sturmgeist erzielt werden. Wodans Göttlichkeit, im Vergleich zu Wode +dem Seelenführer, liegt namentlich in +zwei+ Merkmalen: Wodan ist ++Herr des Sieges+ und damit des Völkergeschickes und +des Geistes+; +die letztere Seite ist namentlich im Norden hoch entwickelt, darf +aber wol auch für Deutschland vorausgesetzt werden. Kein Gott bei +den verwandten Indogermanen gleicht Wodan mehr als Hermes-Merkur, +der auf ähnliche Art wie Wodan aus einem Windgott zu einem Gott +des Geistes sich entwickelte. Da Wode in die germanische Urzeit +zurückreicht, nicht aber Wodan, der vielmehr erst in den Jahrhunderten +nach Chr. auf Kosten älterer Götter zu Macht und Ansehen gelangte, +da Wodans Kult von niederdeutschem Gebiet, aus den Völkern, die zur +fränkischen und sächsischen Gruppe gehören, sich verbreitete, und in +ihm offenbar eine neue Zeit höherer Kultur sich verkörpert, darf wol +die Frage aufgeworfen werden, ob nicht Wodan etwa am Unterrhein, +wo römische Kultur auf die germanischen Stämme herüberströmte, aus +Merkur hervorging. Nicht eine Nachahmung römischen Vorbildes soll +damit behauptet, nur die Vermutung, es könnte ein Anstoss zu Wodan +durch die Bekanntschaft mit Merkur gegeben worden sein, ausgesprochen +werden. Der Verkehr zwischen Germanen und Römern in den Rheinlanden +brachte gegenseitige Mitteilungen mit sich. Die deutschen Götternamen +wurden übersetzt und in der interpretatio romana von den Germanen +gutgeheissen.[314] Merkur als Seelenführer, als stürmischer Liebhaber +der Nymphen, als Beförderer der Fruchtbarkeit, gleicht dem Wode; +nimmt man Merkur als Gott des Geistes hinzu, so entsteht Wodan. Die +zweite Seite seiner göttlichen Thätigkeit kann Wodan nicht von Merkur +bekommen haben. Der Hauptgott der Germanen, Tiuȥ, ist Kriegsgott. +Diese Eigenschaft behielt er, auch als Wodan Heervater und Siegvater +geworden war. Vielleicht darf demnach behauptet werden, aus Wode +entwickelte sich am untern Rhein, als Germanen und Römer dort in +ständigen feindlichen oder freundlichen Verkehr traten, als aus diesen +Einwirkungen eine neue und höhere germanische Kultur sich erhub, der +göttliche Wodan, welcher die geistige Thätigkeit von Merkur, die +kriegerische Thätigkeit und seine Stellung als Himmelsgott von Tiuȥ, +den er allmälig abzulösen bestimmt war, entnommen hat. + + +3. Wodan bei den Deutschen. + +Tacitus berichtet von den Germanen, sie verehrten am meisten den +Wodan.[315] Das trifft nicht auf alle Germanen zu, an andern Stellen +zeigt Tacitus selbst ganz andre Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes. +Vermutlich sind die Germanen am Unterrhein gemeint, von denen die Römer +am meisten wussten, so dass Wodan nur bei ihnen, bei den rheinischen +oder istvaeischen, nicht auch bei den ingvaeischen und suebischen +Stämmen als höchster Gott für die damalige Zeit angesetzt werden darf. +Noch später sieht man Wodans Macht im Wachstum begriffen, aus dem +Sturm- und Totengott wird der Himmelsherr, der Gott des Krieges und +der geistigen Kultur, der die andern uralten und einfacheren Gestalten +des germanischen Götterhimmels in Schatten stellt. Am untern Rhein und +von da landeinwärts, wo eine Menge römischer Kultur auf die Germanen +überging, kam Wodan auf und hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits +den Sieg errungen.[316] Um eine Vorstellung vom Wesen dieses Gottes zu +gewinnen, müssen sorgfältig alle die Züge gesammelt werden, welche auf +einen eigentlichen, dem +Gott Wodan+ geweihten Dienst hinweisen, nicht +bloss mit dem Aberglauben an den stürmenden Wode zusammenhängen. Die +lichte, geistige Seite muss vor der finstern, nächtigen vorherrschen, +wo der göttliche Wodan waltet, wenn auch der dunkle Hintergrund, auf +dem er sich abhebt, nie ganz verschwinden kann.[317] + +Unter den deutschen Stämmen im Norden Deutschlands muss Wodan bereits +im 3. und 4. Jahrhundert eine hohe Machtstellung besessen haben. +Auf nds. Gebiet wurde der _dies Mercurii_ dem Wodan gegeben, bei +Sachsen, Friesen, Niederfranken, woran noch heute der Sprachgebrauch +festhält.[318] Auf hochdeutschem Gebiet steht seit Alters dafür der +Name Mittwoch fest, schwerlich weil dadurch ein älterer Wotanstag +verdrängt wurde. Haften doch die andern Götternamen auch in den +hds. Mundarten. Und warum sollte gerade nur hier die Feindseligkeit +der Geistlichen Wodan verdrängt haben, während er sonst ungekränkt +blieb? Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass die später +hochdeutschen Stämme, die Südgermanen, zur Zeit der Einführung der +römischen Wochentage einen Gott Wodan, welcher dem Merkur entsprach, +nicht gekannt haben. Die Heimat des Wodansdienstes ist Norddeutschland, +nur in Ausläufern erstreckte er sich nach dem Süden. Ortsnamen wie +_Wodensweg_, _Wodensfeld_, namentlich aber _Wodensberge_ sind besonders +in Niederdeutschland und in England üblich, _Wodensberge_ kommen +jedoch auch auf mds. Gebiete, wol unter fränkischem oder sächsischem +Einfluss vor, ein _Wodensberg_ bei Bonn und in Hessen. Unter den Bergen +sind alte Kultstätten zu verstehen. Für altsächsischen Wodansdienst +zeugt die Abschwörungsformel[319], in welcher die drei germanischen +Hauptgötter, Wodan in der Mitte, vorkommen, sowie das Verbot der +Wodansopfer. Auf alemannisches Gebiet greift der Wodankult ebenfalls +hinüber; allerdings begegnen Zeugnisse erst im 7. Jahrhundert. Die +Schwaben sassen um eine gewaltige Bierkufe und hielten Opfer und Gelage +dem Wodan zu Ehren.[320] Auf der im Abschnitt über Donar besprochenen +Runenspange wird Wodan neben Donar angerufen. Durch fränkischen +Einfluss kann Wodan in den letzten Zeiten des Heidentums auch zu den +Alemannen gelangt sein. Als die römischen Wochentage ins Deutsche +umgesetzt wurden, war er jedenfalls noch nicht bei ihnen. Sonst müsste +irgendwo ein oberdeutscher _Wuotanes tac_ der Mittawecha oder Mittwocha +zur Seite stehen. Im zweiten Merseburger Segensspruch, der wol aus +thüringischem Gebiete stammt, tritt wenigstens Wodans Thätigkeit +deutlich hervor. Einem Götterpferd ist auf der Fahrt ein Unfall +zugestossen. Mehrere Göttinnen, denen, gleich allen Frauen, Heilkunde +eignet, versuchen umsonst den ausgerenkten Fuss durch Besprechen +einzurichten. Da besprach ihn zuletzt Wodan, wie er es wol konnte. +Wodan ist also der grösste Zauberer und Wunderer, er ist stärkeren +Heilzaubers mächtig als die übrigen Götter. So geringfügig die Stelle +auch scheint, sie eröffnet doch einen weiten Ausblick, sie zeigt den +deutschen Wodan im Besitz der gleichen Kräfte, um deren willen der +nordische Odin gerühmt wird. + +Unter den Angelsachsen war Woden der oberste der Götter.[321] Die Sage +wusste, dass die Stämme einst unter seiner Führung vom Festland nach +Britannien fuhren. Woden ist der Stammvater aller angelsächsischen +Könige. Die Stammtafeln treffen alle in ihm zusammen und spalten sich +erst in seinen Söhnen. Zwar gehen die Ahnenreihen noch weiter als +Woden hinauf, unter seinen Vor- und Nachfahren begegnen Namen, die +teils Wodens Beinamen waren, teils andere Götter, namentlich Tiuȥ und +Fréa bezeichneten. Aber gerade hieraus ist zu lernen, dass ältere +Stammreihen zwar vorhanden waren, jedoch dem Wodensdienst untergeordnet +wurden. Man sieht, wie Woden nach und nach die erste Stelle errang. +Hengist und Horsa selber waren Wodens Söhne. Dem Woden wurde um Sieg +und Heldentum geopfert.[322] Frija war sein Weib. + +Als Siegvater, der im Himmel thront, erscheint Wodan auch in der +langobardischen Stammsage.[323] Es gibt eine Insel, die Scadanau +heisst, im Norden; da wohnten viele Völker. Unter diesen war ein +kleines Volk, das man Winniler nannte; und bei ihnen war ein Weib mit +Namen Gambara, die hatte zwei Söhne: der eine hiess Ybor, der andre +Agyo. Die führten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die +Winniler. Es erhoben sich nun gegen sie die Herzoge der Wandalen Ambri +und Assi mit ihrem Volk und sprachen zu den Winnilern: Entweder zahlet +uns Zins oder rüstet euch zum Streit und streitet mit uns. Darauf +antworteten Ybor und Agyo mit ihrer Mutter Gambara und sprachen: Es +ist besser für uns, zum Streit uns zu rüsten, als den Wandalen Zins +zu zahlen. Da baten Ambri und Assi, die Herzoge der Wandalen, Wodan, +dass er ihnen Sieg verleihe über die Winniler. Wodan antwortete und +sprach: Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde, denen will ich +Sieg geben. Zu derselben Zeit gingen auch Gambara und ihre Söhne Ybor +und Agyo, die Fürsten der Winniler waren, hin und baten Frea, Wodans +Frau, dass sie den Winnilern helfe. Da gab Frea den Rat, wenn die Sonne +aufgehe, sollten die Winniler kommen, und die Weiber sollten ihr Haar +wie einen Bart ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen. +Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte, Frea +die Frau Wodans um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete sein Antlitz +gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, so erblickte er die +Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das Haar um das Gesicht hing. Und +er sprach: Wer sind diese Langbärte? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du +hast ihnen den Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er +gab ihnen den Sieg, so dass sie nach seinem Ratschluss sich wehrten +und den Sieg erlangten. Seit der Zeit sind die Winniler Langobarden +geworden. + +Die Auslegung des Namens als Langbärte (longibarbi) ist natürlich nur +volksetymologisch. Aber die Sage zeigt, dass Wodan der siegspendende +Gott bei den Langobarden war, dass er um Sieg angerufen wurde. Der +Namensfestigung folgte nach altgermanischem Brauch ein Geschenk. Wie +Odin und Frigg, so walten hier Wodan und Frea mit einander, aber ihre +Gesinnung ist oft entgegengesetzt. + +Die langobardische Sage reicht ihrem Ursprung nach jedenfalls noch in +hohes Altertum hinauf, sie entstand, solange die Langobarden noch an +der untern Elbe den Sachsen benachbart sassen, vor ihrem Zug nach dem +Süden, also jedenfalls noch im 4. Jahrhundert. Vermutlich nahmen die +Langobarden den Wodansdienst von den Sachsen an und zählen demnach für +die damalige Zeit zur norddeutschen Völkergruppe, welche Wodan als +höchsten Gott verehrte. Auf Grund der Sage ist auch Wodansdienst der +Wandalen anzunehmen. Dass die Ostgermanen überhaupt noch in ihrer +alten Heimat, also im 2. Jahrhundert von ihren norddeutschen Nachbarn +Wodan übernahmen, ist sehr wol möglich. + + * * * * * + +Ob sonstige Wodanssagen nachweisbar sind, ist zweifelhaft. +In nordischer Dichtung ist _Gaut_ ein Beiname Odins, in den +angelsächsischen Stammtafeln begegnet _Géat_ unter den Ahnen +Wodens.[324] _Gauts_ (hs. _Gapt_) ist der Ahnherr der Amaler. Der +Name kann unmöglich mit P. A. Munch und J. Grimm als _„Giesser“_ +Schöpfer gedeutet werden, er besagt vielmehr wie _Gautatyr_ Volksgott +der Gauten.[325] Diese Gauten, die heutigen Göten in Schweden haben +ihren Hauptgott nach sich selber benannt, wie solches bei Saxnot, bei +Irmino, Ingwio u. ä. schon zu beobachten war. Die Frage ist nur, wer +war ursprünglich der gautische Gott, der Himmelsgott oder Wodan? Wenn +später Odin Gaut heisst, ist damit nicht erwiesen, dass von Anfang +an ihm dieser Name zukam. Von Géat wird einmal ein Liebesabenteuer +erwähnt. Von Odin weiss die nordische Sage viele Liebesgeschichten. +Ist Gaut schon im 4. Jahrhundert, vor der Besiedelung Britanniens, +Wodan, ist überhaupt von Anfang an Wodan damit gemeint als Hauptgott +der Gauten und Goten, die wie Sachsen, Angeln und Jüten frühzeitig an +der Verbreitung Wodans im Norden teilgenommen haben können, dann gehört +schon der Hang zu Liebschaften dem deutschen Wodan zu. Dem Wesen des +Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug vollkommen, ja fast +notwendig entsprechen. + +Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung +vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und +Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend. +Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott +entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem +Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen +Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden +verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen +Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch +die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.[326] Nach dieser +Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt +wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen +Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann. + +Odin ist nicht allein Herr des Zaubers, sondern auch des Geistes, der +Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist +sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden +erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden +sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an. +Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr +mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift, +welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan +als Erfinder der Schrift[327], als Träger der geistigen Kultur, als +Erwecker des Helden- und Dichtergeistes? Unmittelbar beweisen lässt +sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen +Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür. + +Das Bild des +deutschen Wodan+ stellt sich demnach etwa so dar: Wodan, +der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter. Könige +und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet über Sieg +und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch Walvater, +die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben dem +Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz +heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge, +aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem +Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein +Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit. +Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern +auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriegerischen +Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den +friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme +Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders +den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und +trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer +makelloser Held voranleuchtete.[328] + + +4. Odin im Norden. + +Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen +zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen. +Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger +und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen, +norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische +Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen +deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in +Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe +und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen +ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein +Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was +unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen +werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf +den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte +nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist, +gleichviel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dahin gehört +ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung +deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins +Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein +Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen +der deutschen Überlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig. +Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste +Voraussetzung. + + ++Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern.+ + +Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen +Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei +den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber +der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet +selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von +der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden[329], während Thor seit +Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz +der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt +sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die +nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen, +bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an +Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen. +Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte +auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort +entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen. +Diese pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer +hinaus, Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden +vernahm, fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der +sich keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im +alten Sigtun liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse +Opferstätte nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern +(d. h. den andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in +Noatun, Freyr in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang, +Baldr in Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin +und Freyr Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten +bezeichnet. Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin +Sachsengott, Freyr Schwedengott genannt.[330] Im Bericht scheint +Verwirrung eingerissen. Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in +der asiatischen Urheimat statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen +als Leute vom Tanakvisl oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer +mündend Asien und Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen +zugleich und im Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die +schwedischen Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus +Dänemark herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.[331] +Handelnd ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich +gelangte der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen, +Seeland, dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er +Wurzeln. Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg +traten neue, ausschliesslich Odin geweihte zur Seite, _Odinsvé_, +jetzt _Odense_ in Fünen und _Onsved_ in Seeland.[332] Der dänische +Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der +Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen +aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden +sind viele Örter nach Odin benannt: _Odenswi_, _Odensö_, _Odensnäs_, +_Odensjö_, _Odensberg, Odensala_ u. ä. Weniger volkstümlich wurde Odin +in Norwegen, weshalb verhältnissmässig nur wenige Ortsnamen dort für +ihn zeugen. Umso sieghafter erhub er sich im Skaldenlied. Die Zeit der +Einwanderung des deutschen Wodanglaubens in Dänemark und Skandinavien, +welche in den erwähnten halbgelehrten Berichten noch nachklingt, lässt +sich nicht bestimmen. Nur im allgemeinen darf behauptet werden, dass +Odin schon längere Zeit vor den ältesten Skalden, also etwa um 800 +bereits in Norwegen bekannt gewesen sein muss. Das Heldenzeitalter +des norwegischen Stammes stellte Odin, den Gott des Krieges und des +Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung. + +Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich +verbannt war, während ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden +die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen +sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein +Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in +Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine hiess We, der andre Wili. Diese +Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin +so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben. +Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie +gemeinsam.[333] Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib +wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung, +wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft +an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.[334] Nach +Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rossthjof geweissagt, er werde +mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom +Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut +macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in Dienst. +Er wird Heerführer, schlägt die Feinde in die Flucht und wirbt beim +König, der es wol aufnimmt. Aber die Königstochter ist spröde, statt +des Kusses gibt sie ihm eine Ohrfeige. Im nächsten Jahr kehrt er als +Goldschmied unter dem Namen Rosterus wieder. Er fertigt prächtiges +Geschmeide; wie er aber nochmals einen Kuss verlangt, erhält er die +zweite Maulschelle. Zum dritten Mal kommt er als kriegsgeübter Kämpe. +Nachdem er sich als ausgezeichneter Reiter bewährt, naht er wieder der +Jungfrau. Er wird aber so heftig zurückgestossen, dass sein Kinn den +Erdboden berührt. Jetzt greift er zu Zauberlist. Er ritzt Runen auf +Baumrinde, berührt Rinda damit und macht sie dadurch wahnsinnig. In +Mädchentracht stellt der unermüdliche Wanderer sich hierauf am Hofe +ein. Er nennt sich Wecha und gibt sich für heilkundig aus. Wecha wird +unter die Dienerinnen der Rinda aufgenommen. Der Erkrankten erbietet +er sich zu helfen, doch sei die Arznei so bitter, dass man sie binden +müsse. Als das geschieht, vollbringt Odin seinen Willen und zeugt den +Bous, der einst Baldr rächt. Die Götter aber, die nach Saxo in Byzanz +wohnen, finden diese Handlung des Gottes unwürdig und verstossen ihn +aus ihrer Mitte. Den Ollerus (Ullr) bekleiden sie mit seiner Macht +und seinem Namen. Odin versteht es, unter den Göttern von neuem sich +Anhänger zu verschaffen und es endlich nach zehn Jahren zu bewirken, +dass Ollerus aus Byzanz flüchten muss; in Schweden, wo dieser seine +Herrschaft aufs neue zu begründen sucht, wird er von Dänen erschlagen. +Man muss hier von dem Zusammenhang der Sage absehen und nur das +festhalten, dass Ullr einmal an Odins Stelle und mit seinem Namen +herrschte. + +Frigg hatte sich einem Diener hingegeben, damit er eine goldene +Bildsäule Odins zerstöre, deren Gold sie zu ihrem Schmuck verwandte. +Darüber grämte sich Odin so sehr, dass er das Land verliess und +freiwillig in die Verbannung ging. An seiner Stelle herrschte +_Mitodin_, ein berühmter Zauberer, der das Opfer neu ordnete, indem +er befahl, jedem Gotte einzeln, nicht mehr allen gemeinschaftlich zu +opfern. Als Odin zurückkehrte, musste Mitodin nach Fünen (Pheonia) +fliehen, wo ihn das Volk erschlug. Er rächte sich noch nach seinem +Tode, indem aus seinem Grabe die Pest hervorging, bis man die Leiche +ausgrub, den Kopf lostrennte und einen spitzen Pfahl durch den Leib +trieb. Frigg starb, Odin setzte alle falschen Götter ab, die unter +Mitodin aufgekommen waren, und vernichtete ihre Priester, die Magier, +mit einem einzigen Blick wie Schatten.[335] Die Geschichte von Mitodin +ist ein deutliches Seitenstück zu der von Ollerus. Beide werden als +zauberkundig bezeichnet, von beiden heisst es, sie hätten nicht bloss +Odins Weib und Macht, sondern sogar seinen Namen besessen, beide +entfliehen vor dem heimkehrenden Odin nach Dänemark oder Schweden, +also nach Saxos Meinung aus Byzanz in den Norden und werden dort +erschlagen. Besondere Beachtung verdient auch der Umstand, dass +beide neue Opferbräuche einführen wollen, Ollerus allerdings erst in +Schweden, wo er gleich wie in einer neuen Welt den Glauben an sich +einzusetzen versuchte. Wir haben es mit zwei Fassungen einer und +derselben Erzählung zu thun, deren Grundzüge auf zwei sich bekämpfende +Kulte, den Odinkult und den eines anderen Gottes hinweisen. Durch +Saxos Verlegung der Asenherrschaft nach Byzanz ist es schwer zu +entscheiden, was vor allem zu wissen Not thäte, in welchen Ländern +des Nordens sich in der Ursage die Kultkämpfe abspielten. Ullr +(got. _wulþus_), der Herrliche, scheint einmal der Name einer hohen +Gottheit gewesen zu sein. Mitothin darf kaum als Mit-Odin, Mithelfer, +Mitregent ausgelegt werden. Saxo verstand ein Wort „_mituth-inn_“ +d. i. *_mituth_, *_mitoth_ mit angehängtem Artikel als Namen. Mitoth +bedeutet die richtende und das Schicksal bestimmende Gottheit. Somit +ist die Sage dahin auszulegen, dass der Odinglaube zeitweilig von einem +andern Kult verdrängt wurde, aber hernach wieder zu Ehren kam. Dabei +lässt sich eine zwiefache Erklärung finden. Im Norden ist der Odinkult +ursprünglich fremd, aus Deutschland eingeführt. _Ullr mitoth-inn_ +könnte eine nordische Gottheit sein, die vor dem eindringenden +Odinglauben zurückwich. Andererseits ist schon der deutsche Wodan +ein Gewaltherr, der den alten Himmels- oder Hauptgott der Germanen, +Tiuȥ, seiner Macht und seiner Frau beraubte. Also der deutsche Wodan +und der nordische Odin, beide sind Eindringlinge in Besitz und Recht +anderer, älterer Götter. Eine Erinnerung daran lebt in der nordischen +Sage fort. Dass die Sache so dargestellt wird, dass Odin der im Recht +Gekränkte, später aber aufs neue Eingesetzte ist, beweist, dass der +Bericht unter Anhängern Odins entstand. Für Eroberung und Gewaltthat +stellt sich immer ein beschönigender Rechtsgrund ein. So lässt z. B. +auch die gotische Heldensage Dietrich von Bern nur sein Vatererbe, aus +dem er vertrieben worden war, zurückgewinnen, nicht der Wahrheit gemäss +Italien erobern. So behauptet die Göttersage, Odin ist der Oberste und +Höchste; wenn ein Andrer vor ihm herrschte, kann das nur durch List +und Unrecht geschehen sein. So erschliesst sich der Mythus von Odins +Verbannung und Vertretung auf dieselbe Weise, wie der vom Wanenkrieg +als ein Kampf zwischen altem und neuem Glauben, aus dem letzterer +siegreich hervorgeht. Dieser Kern ist nicht berührt, so verschieden +die Ausbildung im einzelnen und die Anknüpfung an andere Sagen sich +vollzog. Odin im Streite mit Nebenbuhlern kann auch auf den Gegensatz +zwischen dem nordisch-germanischen Kulte und einem älteren, vor der +germanischen Bevölkerung im Norden heimischen Glauben, etwa dem der +Finnen und Lappen zurückgehen, wie im Abschnitt über Ullr ausgeführt +werden soll. Jedenfalls liegen Glaubenskämpfe hinter diesen Sagen, +alter und neuer Glaube desselben Volkes oder die Kulte verschiedener +Völker. + + ++Odin in nordischer Sage.+ + +In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit +folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm +die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und +lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war +der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er +zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er +so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und +vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das +Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen +Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und +Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war +die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es +hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt +das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen +Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging. +Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub +und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten +einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend +wie Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie +Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen +hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die +Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel +oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in +seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit +blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind +zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir +hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch +zusammenfalten.[336] Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das +sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte +er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum +wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte +zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den +Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er +sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche +Zauber (_galdrar_) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede +(_galdrarsmidir_) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten +Kraft hat, und übte sie selbst, welche _seiđr_ (Zauberei) heisst. Und +darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge zu +wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch den +Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber dieser +Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an, dass +es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den +Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze, +wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich +die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band +mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein +und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt; +seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten +auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen +Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei. +Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei +weit und erhielt sich lange. + +Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor unter den +Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer +verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er +sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er +auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in +die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen +oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen +Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man +Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange. + +Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich +mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute +zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde +begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen +sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und +Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor +bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den +andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach +seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet. +Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto +geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher, +je mehr Gut mit ihm verbrenne. + +Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug, +so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern +uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu +Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung +sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen +reichliche Belege. + + * * * * * + +Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in +glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er +als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.[337] Unter +dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der +Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den +Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals +im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes +und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und +rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll +wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es +von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge +stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen +Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben. + + * * * * * + +Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum +mehrt.[338] Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet +ihn der Gerd: + + 21 So geb ich den Ring dir, gerötet vom Feuer, + In dem Odins Sohn zu Asche ward; + Von ihm tropfen acht ebenso schwere + Jede neunte Nacht. + +Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich +mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das +Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer +des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen +Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die +wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus +der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will, +als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst +von rechtswegen Freyr oder Baldr, d. h. dem alten Himmelsgott, und ging +erst von ihm auf Odin über. + + * * * * * + +Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des +Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang des Sommers um Sieg. +An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer +an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder +zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein +grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da +meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass +nun passende Zeit zum Schlagen sei.[339] Angang eines schwarzen Raben +gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil +Odin ihn sandte.[340] Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird +zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach +Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.[341] Also wie die +Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im +Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige +in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach +heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem +Odin und der Freyja und allen Asen.[342] In der jungen Bósasaga K. 12 +wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der +Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.[343] +Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint +überhaupt uralt zu sein. + + ++Walhall und die Walküren.+ + +In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die +goldglänzende, weite Halle, Walhall.[344] Dorthin wählt der Gott +täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der +Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die +an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere das Sparrengerüst, +Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen +gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein +Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen +zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am +Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir, +dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in +Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes +Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen, +wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich +wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.[345] +In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber +nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf +seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die +sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.[346] Sie heissen Hugin und +Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten +zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer +aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir +im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends +ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen +zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls +Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus +deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer +versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen +Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme +stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen, +sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.[347] +Das Gefilde von Walhall, das Reich des Todes, betritt man durch die +heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen +Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der +Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist +also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der +Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle, +die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er +auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt +Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere +Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der +Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen +dargestellt.[348] Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung +Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den +Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich +Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden. +Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch +zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich +aufthut.[349] + + ++Die Walküren.+ + +In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum, +bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und die Bierkrüge in +ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, dort wählen +sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und verleihen den +Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu entscheiden. +Die Walküren oder Walmädahin[350], die Wählerinnen der kampftoten +Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers Meer. Meist +erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit Helm und +Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden +Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die +Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer +Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren sind von +leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi[351], welcher ein Lied +dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über des Königs +Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende lichthaarige +Maid (_mey hvíta haddbjarta_). Wenn Odin nicht selber an den Kämpfen +teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine Stellvertreterinnen. +In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben gewöhnlichen +kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, Thrud stehen +besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die Hochragende, Goll +die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die Stossende, Skeggold +Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel (der lähmende +Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im Nebel Hausende +u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich den Walküren +ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist Odin von +seinen Raben und von den Walküren begleitet.[352] In Odins Mädchen +vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen: +die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes Geschick, die +Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung der Gemahlin +Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische Geister, Fylgjen, +die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim +prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank herumreichen, Frauen, +die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich die Waffen der Männer +anlegten und von deren Thaten das nordische Heldenlied erfüllt ist. +Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt der nordischen Sage und +leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, nimmt an deren göttlicher +Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und auf der Walstatt als +Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen Dichtung, während die +verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr zusammenflossen, nicht +bloss auf die nordische Sage beschränkt sind. + +Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held +und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt. + + * * * * * + +Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus +lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus +Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er +fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940-6) in blutiger +Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes. +Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied +dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung +spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte, +vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten. +Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit +Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess +ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin +ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte: +Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine +gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte +in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du +manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt. +Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen. +Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher. +Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den +Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das +Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte: +Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn +däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum +Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund +sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die Halle, du +Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem +Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name. +Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970 +vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet. +Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine +Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte +willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt +wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis +zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König +genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die +Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen +wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen, +that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu +den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig +heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen +Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die +erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten. +Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon +zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen +die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet. +Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso +guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten +seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie +einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in +seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über +seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und +wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall +des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor, +die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom +Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren, +entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm +nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den +König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter +Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden +Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen +Schilden und zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da +sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück, +weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten. +Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses +Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten +sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht? +wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten, +dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir +zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt, +ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht +entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein +Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit +Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen +seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier +bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier +drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten, +sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit +zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont +hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen. +Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich +erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt +wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich +guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde +sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern, +geknechtet wird dies Volk. + +Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht +wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als +Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu +Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem +Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie +der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach +Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die +Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach +Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist +nirgends angedeutet. + +Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in Walhall +höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi +berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel +aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm +über alles zu walten.[353] + +Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die +Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13. +Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir +aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem +Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will +ich sterben.[354] Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich +des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach +Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.[355] + + * * * * * + +Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen, +indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift +die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens +folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur +ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des +Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften +miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger +Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg +versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand +schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber +Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte, +dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern +sich vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne, +der sich fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der +Walküre das Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst +lehrreich. Sie wird einmal _óskmær_[356], Wunschmaid genannt. Sie ist +eine Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach, +obwol sie sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die +Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch +Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte. +Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten, +wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle +auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das +wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung, +womit ihr Heldentum zu Ende geht. + +In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche +Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und +aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer +Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen +ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter +Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine +Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des +Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen, +indem sie die Schwanhemden (_álptarhamir_) der Mädchen raubten, tritt +die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls ohne +Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen sind, +zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht Schwestern +sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an sich nahm +(Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine Wunschtöchter +mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und Federgewand begabte, +dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes walteten. Dem Helgi +Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos verbrachte, erschien +Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht andern Walküren. Sie +gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein tüchtiges Schwert. Die +Walküre erweckte also den jungen Mann erst zum Bewusstsein seiner +Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in Schlachten. Wie einst +eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun wollte, wehrten es die +Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi und Swawa. Dass Swawa +nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner des Helgiliedes sagt, +ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst irdische Königsfrauen, +in der Not zum Schutze des Geliebten wieder zu den Waffen griff, wäre +wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi Hundingsbani erscheint Sigrun +mit den behelmten Mädchen dem Helden auf einer Seefahrt. Sie ruft +seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will sie dem Hodbrodd vermählen. +Helgi erkämpft sich selber die Braut. Wie er mit einer gewaltigen +Flotte übers Meer segelte, überfiel sie ein gefährliches Unwetter. Es +leuchtete in den Wolken und Blitze fuhren in die Schiffe, da sahen sie +in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Der Sturm legte +sich alsbald. Wie der Streit entbrannte, kamen vom Himmel behelmte +Jungfrauen und schirmten Helgi. Also überall wacht die Walküre über dem +Geliebten und entscheidet über den Ausgang des Kampfes. Das verlorene +Lied von Helgi dem Haddingenheld erzählte von der Walküre Kara, die +im Kampf als Schwan über ihm schwebte. In der Schlacht wider Hromund +schwang Helgi das Schwert zu hoch und verwundete die Geliebte auf den +Tod. Da war das Glück von ihm genommen und er erlag dem Feind. + +Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen +genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs +Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte +sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren +zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit +ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden +auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand +die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von +mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau +und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit +aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir +der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von +diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen +Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische +Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen. +Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem +von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer +Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk +ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen +könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle. +Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen +die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine +Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als +der Feind die schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner +stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer. + +Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher +Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling +auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr +in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend +erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen, +die ihren Günstlingen zu schaden drohen.[357] + + * * * * * + +Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39 +schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe +gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar +ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch: + + Eine Walküre warst du, widriges Scheusal, + Ekel und boshaft, in Allvaters Hause; + Die Einherjer mussten alle sich schlagen, + Verderbliches Weib, um deinetwillen. + +Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die +Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten. +Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa +nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere +Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu +entscheiden. + + * * * * * + +Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche +gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.[358] Die nordischen +Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen +Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie +Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh. +nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die +nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten +ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der +Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird +anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur +Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen, +dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem +wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre +genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die +Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt +ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den +erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden +liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte +zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die +ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus +letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die +tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne +werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner +göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt +und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische +König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern +nur zu Kriegsdienst verpflichtet. + + * * * * * + +In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel +gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern +Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus +er die ganze Welt übersehen kann.[359] Diesen Hochsitz, Hlidskjalf, +nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein +nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf, +worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen +ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die +nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich +angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt +im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische +Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle +nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf +Island.[360] + + ++Odin fordert Opfer.+ + +Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde +das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen +Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer +schleuderte.[361] Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der +Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (_til heilla +sér_).[362] In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem +Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich +Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren +ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem +Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche +Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe +kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug +sie.[363] + +Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den +Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog, +hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein +Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.[364] + +Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im +Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins +Sälen auf.[365] + +In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung +mit dem Speer am deutlichsten.[366] Wikar und seine Schiffsgefährten +müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie +das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar +verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle +bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu +vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt +einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun +ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich +bedünken wird.“ Wikar steigt auf den Block und legt sich die Schlinge +um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater +Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit +nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird +der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter +seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast +schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig. + +Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war +dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in +Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu +Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe +haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte, +die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie +wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab +seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen +Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier +bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek +sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh +ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.[367] + +Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst +vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf +der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte +Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck. +Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib +setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch, +sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung +erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene. +So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht +worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den +Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb +er treu seinem Gelübde.[368] + +Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer +Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um +dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, die Ärzte gaben ihn +auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und +versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser +ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle. +Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu +erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand +der Brand daraus und sie vernarbte.[369] + +Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie +folgende Sagen beweisen. + +König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm +je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne, +jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben +und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett +liegen musste und aus dem Horne trank.[370] Das Volk opfert sogar +seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen. +Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im +zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi +selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.[371] +Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil +der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und +verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.[372] + +Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin +Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So +sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei +Odin Gast sein.[373] Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu +Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben. +Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide +leben.[374] Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel, +sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut. +Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.[375] + +Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet. +Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.[376] Obwol +Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch +Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in +der Halfssage[377] heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den +Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du +auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser +ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor +seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des +Siegs beraubte. + +Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten +Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche +Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen (_wal_ = +_strages_, Haufe Erschlagener) entsprechen. Trotzdem weilen in Walhall +Helden, die nicht den Schlachtentod starben, Sinfjotli, der an Gift zu +Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode trat, fuhr zu Odin[378], +Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin entboten[379], Ragnar, +der in der Schlangengrube sein Ende findet, hofft auf Walhall.[380] +Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen Seelenheim und von +besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der gefallenen Krieger, +laufen gleichzeitig neben einander her.[381] + + ++Odin als Heldenvater.+ + +Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den +Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der +Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als +Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was +er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht beständig, +am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen +Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen +sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse +Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin +gibt Loki den bösen Vorwurf ein: + + Schweige du, Odin, ungerecht teilst du + Unter Kriegern des Kampfes Glück; + Du gabest oft, dem du geben nicht solltest, + Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.[382] + +Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als +Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor +verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren +und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte +Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der +abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.[383] Der achtjährige +Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten +in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite +Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das +Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die +Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte +ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich +auf solche Weise Pfleglinge erkoren.[384] + +Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward +gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos +wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm +Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein +Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der +sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel, +nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger +wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen +Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und +Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes +stetiger Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.[385] + +König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends, +als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen +Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann +war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut, +er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war +barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft +in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen +vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer +versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn, +zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen +Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht, +da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm +entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang +in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.[386] Als +Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen, +da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert +schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm +gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert +geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will +nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen +erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber +das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des +Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo +seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.[387] + +Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein +Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm +Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden +erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der +nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte +ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines +Seetreffens. Mittelst dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon. +Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds +Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen +hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom +verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch +trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft +zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg +an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem +Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf +einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren +anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform +geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige +Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen +die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der +Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring +sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe +in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von +wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der +Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald +selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni +hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm +einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu +entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen, +dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal +den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen +dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf +plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem +Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess +Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine +königliche Leichenfeier.[388] + +In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben +und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer +zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst +gewährt, den holt er sich selber zum Opfer. + +Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht, +befindet sich _Uggerus_ (an. _Yggr_) _vates vir aetatis et supra +humanum terminum prolixus_, also deutlich der verkappte Odin. Als das +Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und geht zu +Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs verrät. +Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, indem er +seinen Günstling plötzlich aufgibt.[389] + +Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings +zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger +Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge +stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten +ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der +Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den +Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen, +von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen +versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und +ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.[390] Die +keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge. +Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen. +Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein +Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim +Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen +sollte.[391] + +Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer +Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner +Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig +mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste anfahren sollte. Hadding +nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich +damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu +einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der +Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken +hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter +ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit +kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten. +Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei, +aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte +und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den +ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch +Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte. + +Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte +und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da +wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden +Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen +Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit +Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder +Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne. +Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er +von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die +angegebene Weise.[392] Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit +Fafnir.[393] + +Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So +erzählt Saxo[394] von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod +ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin +Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen +gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen. +Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab +den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er +durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage[395] erzählt: Auf Hamdir und +Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, einäugiger +Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin +seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche +Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten +schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein. + +Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt +nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens +Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie +alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer +hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die +Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem +König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass +schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet. +Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet +dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will +nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise, +wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter, +obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt +Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt +mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den +Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann +mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren +um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der +kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf +sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der +letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt, +dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber +Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier +unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht +ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die +Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.[396] + +Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit +verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf +Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist +kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf +von Odins Unbeständigkeit wieder.[397] + +Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze +zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf +einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein +Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn +und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir +geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch +nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie +versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten +Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab +ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es +auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die +Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.[398] + +Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken +gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und +kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines +Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den +Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen +hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge +zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem +Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den +Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt +fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf einem Schiffe +den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja +auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den +Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.[399] + + ++Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer.+ + +Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um +gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin +und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.[400] +Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den +Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin: + + Einen neunten [Zauber] kenn ich, wenn Not mir dräut, + Im Meere zu schirmen mein Schiff: + Den Wind beschwör ich auf wogender Flut + Und singe in Schlummer die See. + +Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter. +Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht +weiter hervor. + +Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die +Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze +gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer +Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem +Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf +dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm. +Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen +gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür +Geld zurück.[401] Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin +als den Spender von Reichtümern zeigen. + + ++Odins Liebesabenteuer.+ + +Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte +von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er auf allgrüner +Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust +gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen +verführte. + + „Ich war ferne im Osten, mit einem Fräulein schwatzt + ich, + Spielte mit der Linnenweissen, verlockte sie zu heimlichem + Umgang; + Froh machte ich die Goldgeschmückte, und sie gönnte mir + Liebesgenuss.“ + +Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar. +Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als +Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l[402] weiss Odin von seinen Liebschaften +zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward +ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin +und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?), +aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie +bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder +voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln +verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine +Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden. + + „Manch prächtige Maid, prüfst du sie näher, + Zeigt den Werbenden Wankelmut; + Erfahren hab ich’s, als verführen ich wollte + Die listige Jungfrau zur Lust; + Kränkenden Lohn that die Kluge mir an, + Und nichts genoss ich von ihr.“ + + * * * * * + +Die Macht kluger und weiser Rede zeigt Odin an der Gunnlodgeschichte, +wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen +Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch +wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen +Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber +üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des +Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der +Riesen Pfade (d. h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das +durchbohrt war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf +aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen +Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den +Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda +weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs +Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk +Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein, +drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke +vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel +Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde. +Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls +als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass +er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt, +wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil. +Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten +können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib, +während Billings Maid ihn gefoppt hatte. + +In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist +nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern +Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt, +sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf +Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr +zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja +Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an +Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage +erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung. + + ++Odin, der Gott der Weisheit.+ + +Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums. +In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er +immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein +umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.[403] +Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank +eröffnet er den reichen Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen +über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens; +im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch +falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er, +wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes +gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im +fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im +sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt, +genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die +Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin +also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit +wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung, +Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der +Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter +Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga +überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte +Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und +darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen. +Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen +Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer +erscheint. + +Odin ist Vater des Zaubers.[404] Seinen Beschwörungen und Liedern wird +umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt, +mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen +vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen +stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, +dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass +unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem +Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht +zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen +Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin, +um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.[405] Im Lied von Baldrs +Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme Träume plagten Baldr. Da ritt +Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er +einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass +sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen, +vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer, +nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs +Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin +erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr +besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende +Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor +drohendem Untergang hineinverwoben. + +Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann +Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben. +Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache +mit Rune gemeint, d. h. die bildliche Umschreibung, welche einfache +Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um +solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer +und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (_hugrúnar_) hat +Odin selber erdacht[406], wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm +ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber +auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des +Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne, +worüber mancherlei Sagen umliefen. + +Im Grimnirliede[407] begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter +dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu +versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere +Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn +zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn +sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem +Trinkhorn zu Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe +gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir +an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle +Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt +spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling, +Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom +Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang +Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus +der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode. + +Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn +auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen +sei.[408] Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer, +der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte, +lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und +das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu +fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und +die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise +Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten +Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte +Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde +sprach. + + „Mit Odin wagt ichs, mich an Einsicht zu messen; + Das weiseste Wesen bleibst du.“ + +Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin +darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen +Gunsten ausgehen muss. + +Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem +Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden +Sagenhort offenbart.[409] König Heidrek hatte gelobt, alle, die sich +wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen +könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde, +ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er +ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest +dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests +Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die +Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte, +ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager +und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke +davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen +Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch +sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst +zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin +eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser +Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen +des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den +Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im +Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und +alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch +erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte, +verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den +Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten. +Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde +kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs +gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl +in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen +Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen +bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war +blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling, +wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit +ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was +er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen +der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von +den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser +zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten +noch Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens +am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein +wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte, +dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der +ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte +und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse +Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit +nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich +zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und +der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des +schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte, +die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen +Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der +bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki, +Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm +an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein +Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der +ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er +erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die +Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d. h. mit +dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen, +um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand. +Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von +Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein +grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest. +Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst. +Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht +getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen +zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage +von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt +er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine +Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück +voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass +er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet +ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests +Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt von Olaf Taufe +und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages +zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze +niedergebrannt ist. + +Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in +denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt +und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick +ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn er als +Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir (19) redet ihn als Gast (_gestr_) +an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin besondere +Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes. Sehr schön +ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich von der +Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen können. +Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die plötzliche, +meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit der Olaf der +Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen dafür. Weniger +glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in Taufkleidern +sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser aus, wenn +er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch einmal die +berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen Kämpen, Half und +seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im Zauberspiegel +vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber; noch einmal +hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer neuen Zeit +gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein unheimlicher +Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn. Denn dort +wurde er im Heidentum am meisten geehrt. + +Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit +Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.[410] Diese wandernde Götterdreiheit +unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern +Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist +ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche +Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind, +Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere +Rolle, sondern Loki ist der Handelnde. + +Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden +Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die geistige Begabung. Nach +dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand, +den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die +Dichtkunst[411]; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald. +Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit +günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist +die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.[412] +Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also +einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt. + + ++Wie Odin sein Wissen gewann.+ + +Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben. +Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen +Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt +der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin +verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen; +wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar +macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe +auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die +weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet, +erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das +in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und +unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der +Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere +mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des +Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die +hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut. + +Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen +drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen +Geschirren.[413] Snorri zählt Saga als die zweite der Asinnen auf, +die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die +geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe +hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die +Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der +Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen +Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und +Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten +sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer. +Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate +zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie +scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus +Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft +auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins +Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe +zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um +der Liebe zu pflegen, besucht. + +Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so +spricht die Sage von _Mimir_[414] umso deutlicher, dass Odin nach +seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge +im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir +aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus +Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass +der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen +war. Odin verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als +bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg +nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit +Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene +Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen +tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den +weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt +ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein, +dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass +das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird +von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht, +geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der +aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst. +Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher +(d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der +auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge +stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das +erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des +Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige +ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In +Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar, +von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist +mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst, +gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den +Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi, +dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie +Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal) +u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist +heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *_Mimiaz_) oder Mimi +(urgerm. *_Mimiō_), der Denkende, war ein allen Germanen bekannter +Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine Söhne +heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter heiligen +Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches Wissen. +Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit Odin +und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf die +Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine bessere +Erklärung gefunden. Dichterische Bildersprache mag die Sonne als das +Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des Zeus +ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der Gott, +um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. In +ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser, +das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss +zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der +Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im +Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren +Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom +aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir +ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst +schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „_Mimirs Haupt_“, +Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag +auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt +worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus +dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der +Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf +Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt +vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche +hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin +und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in +geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in +eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt. + +Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l: + + 138 Ich weiss, dass ich hing am windbewegten Baum + Neun Nächte hindurch, + Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin, + Ich selber mir selbst, + An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen, + Aus welchen Wurzeln er wuchs. + 139 Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung, + Nach unten spähte mein Auge, + Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen, + Zu Boden fiel ich alsbald. + 140 Bestlas Bruder, des Bolthorn Sohn, + Lehrte mich wirksamer Weisen neun, + Und den Trank erlangt ich des trefflichen Metes, + Aus Odrerirs Inhalt geschöpft. + 141 Zu gedeihn begann ich und bedacht zu werden, + Ich wuchs und fühlte mich wol; + Ein Wort fand mir das andere Wort, + Ein Werk das andere Werk. + +Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man +erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge +ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen +sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der +darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen +unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen, +über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen +Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der +seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann +etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am +windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht +in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er +herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt +ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt +offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort +fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns, +des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim +mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher +Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus +einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet, +wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei +Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz +Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140 +muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von +dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche +erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann +bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume +ohne Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst +zum Opfer hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm +Wachstum und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross +des Yggr. _Yggr_ ist ein vielgebrauchter Name Odins, _drasil_ eine +Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf +dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach _Odins Galgen_. Die +Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing, +und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge +hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein +Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen +Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner +Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln +zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die +Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die +das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die +aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung +finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an +dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa +Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er +sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König +gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt, +ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet +wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen, +welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im +Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als +Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus +Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird, +ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.[415] +Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann +Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen. + + ++Odrerir+. + +Der Wundertrank _Odrerir_ ist mit der schönen Riesin Gunnlod, +Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin +gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter +Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im +Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir. +An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden +und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag +einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm +Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch +hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem +Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche +Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von +Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den +Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank +Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als +der Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht +ist es ursprünglich ein Trank der Verjüngung, _ú-hrerir_, der nicht +verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als +der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten +können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn +Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde, +finden sich bei den Skalden.[416] Dem Odrerir ist noch eine wunderliche +und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem +Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam. +Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes +Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege +ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden. + +Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits +an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen +die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf +alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu +zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und +liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel +heisst Odrerir[417], die beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut +mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon +trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir +sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling +und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff +die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe +aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren +Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins +Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin +kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu +schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die +Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen +die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder, +und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um +alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener +neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von +Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht +verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch +wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen +könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in +Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.[418] + +Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt +vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich +merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen[419], zumal wenn man +den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht +zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma +und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar +aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten +Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, _ú-hrerir_, verwandelten die +Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen +Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier: +die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen +erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des +geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den +der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt. +Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei +Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen +Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen +Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder +zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten +es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.[420] Besteht +ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter +Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich +begegnet noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums +Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der +Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu +wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den +zwei Riesen. + + * * * * * + +Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing +Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings +Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang: + + 159 Kraft sang er den Asen, den Elben Tüchtigkeit, + Hohe Weisheit dem Hroptatyr.[421] + + * * * * * + +Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied: + + Thor: + + 43 Woher nur holst du diese höhnischen Worte, + Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe? + + Harbard: + + 44 Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten, + Die in den Hügeln der Heimat wohnen. + + Thor: + + 45 Da gibst du den Gräbern einen guten Namen, + Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.[422] + +Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol +seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass +Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte. + + ++Odins Verwandtschaft und Odins Namen.+ + +Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er +waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die andern Götter sind, +so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem +Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der +Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes des +Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „_Sohn_“, haben also ursprünglich +gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla (Bastbinderin?) +des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.[423] Odins Brüder heissen Wili +und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne hatten. Odins +Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen Tochter zeugt +Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid oder Hlodyn, +Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge Erfindung. In +Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. Sie entspringen +der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille (_voluntas dei_) +heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen Geist. Odins Namen +Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der Dritte weisen auf +denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der Sohn ist mhd. +_ebenhêr_, der heilige Geist wird oft kurzweg die dritte Person, der +Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter Leblosigkeit, nur +Odin handelt. + +Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei, +in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, die +uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, zum +Ausdruck gelangt.[424] Als Allvater, Vater der Menschen (_aldafađir_, +_aldagautr_), Allwaltender, Allmächtiger ist er nicht ganz ohne +christlichen Einfluss seiner Machtstellung nach gekennzeichnet. Ebenso +sind seine Namen _Hávi_[425], der hohe, _Jafnhár_, der gleich hohe, +_Tveggi_, der zweite, _þrídi_, der dritte (aus der Dreieinigkeit), +_Haptaguđ_, Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu +Heerfahrt, Kampf und Walfall enthalten die Namen _Heervater_, +_Herteitr_, der Heerfrohe, _Hertýr_, Heeresgott, _Herjan_, Heerführer, +_Herblindi_, Heerverblender, _Hjálmberi_, Helmträger, _Siegvater_, +_Sigtýr_, _Sigmundr_, _Sigtryggr_, siegestreu, _Siggautr_, _Walvater_, +_Valgautr_, _Atríđr_, _Fastríđr_, der gewaltige Anreitende, _Viđurr_ +(Odin sagt selber, _hétomk Viþorr at vígom_, Grimn. 49). Als Rabengott, +_hrafnaguđ_, _hrafnfreistađr_ erscheint er seiner Raben wegen, als +_drauga dróttinn_, Beherrscher der Gespenster, _hangaguđ_, _heimþinguđr +hanga_, _hangi_, Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt. +_Farmaguđ_, _farmatýr_, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer +des Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. _Viđrir_, +der Wetterer, _Váfuđr_, der Schwebende, _Svipall_, der Bewegliche, +_Þundr_, der Schwellende, _Ómi_, Rufer, Lärmer, können auf den +Sturmgott zielen. _Geiguđr_, der Schreckliche, ist ein Name Odins und +eine Benennung des Sturmwindes. Häufig begegnet _Yggr_ (_Uggerus_ bei +Saxo), der Schreckliche. Den Wanderer zeigen die Namen _Gangráđr_, +_Gangleri_, _Vegtamr_, weggewohnt, _Víđforull_, Weitfahrer, sein +Aussehen _Langbarđr_, Langbart, _Hárbarđr_, Graubart, _Síđskeggr_, +Langbart, _Siđgrani_, Langbart, _Síđhottr_, mit herabhängendem Hut, +_Blindr_, der Blinde, _Heklumađr_ (vgl. hakulberand), Mantelträger, +_Grímr_, _Grímnir_, der Verlarvte, _Bileygr_, der Mildäugige, +_Báleygr_, der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug +birgt, deuten _Fjǫlsviđr_, vielwissend, _Glapsviđr_, trugwissend, +_Skollvaldr_, Trugwalter, _Hvatráđr_, scharfsinnig, _Sađr_, wahr, +_Sanngetall_, wahres ahnend, _Gǫndlir_, Träger des Zauberstabes (?), +_Oski_, Wunsch, Erwünschtes verleihend. _Ari_, Adler, _Arnhǫfđi_, +adlerhäuptig, spielen wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach +SE. als Adler dem Suttung entflieht; da _Ofnir_ und _Sváfnir_ auch +Schlangennamen sind (Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint +sein. _Vakr_, der Wachsame, _Þekkr_, der Willkommene, _Þrjótr_, der +Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. _Njótr_, der Geniesser, +bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie _Hroptr_, +_Hvedrungr_, _Hnikar_, _Hnikuđr_, _Jalkr_, _Jólnir_ u. a. entziehen +sich der Deutung. Dieselben Namen gehören zuweilen auch andern Wesen +und es ist schwer auszumachen, wohin der Name von Rechts wegen zuerst +gehört. Viele Namen haften an besonderen Sagen und sind wol mit diesen +entstanden. So berichtet Odin selber im Grimnirlied 49: + + Grimnir hiess ich in Geirröds Halle + Und bei Asmund Jalk, + Kjalar damals, als ich die Kufen zog, + Bei den Thingversammlungen Thror, + Widur im Wirbel des Streits. + +Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als +Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur +Sage wie hier. + + * * * * * + +Odins Art schildern trefflich die Verse: + + Lasst uns Heervater bitten, seine Huld zu gewähren, + Der gern dem Gefolge sein Gold spendet; + Dem Hermod gab er Helm und Panzer, + Ein schneidiges Schwert schenkt er dem Sigmund. + + Dem einen gibt Sieg er, dem andern Schätze, + Weisheit vielen und gewandte Rede; + Dem Seemann Fahrwind, dem Sänger Dichtkunst, + Männliche Thatkraft manchem Helden.[426] + +Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu +erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins +geben, des Gottes der Helden und Sänger. + +Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und +von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und +allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom +Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere +Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art, +dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer +leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel +gehüllt, tritt er unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder +steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt +vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden. +Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem +göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen +Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er +als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen +geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der +unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines +bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni, +des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den +König Hrolf Kraki. + +So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als +den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden, +so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei +Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König +Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen +Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der +in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst +ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere +reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel +mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung, +als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer +Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und +auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche, +aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses, +teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen, +berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding +auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt +ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen +Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die +Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und +Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz +in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen +verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache +und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald +hilfreich, bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er +dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald +mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet, +wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung +die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt +von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren +zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft +die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe +Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar +begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust +am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu +jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern +selbst Untergang droht. + +So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10. +Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und +Menschen. + + +V. Heimdall. + +Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist, +klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch +nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher +die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten +über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren sind +nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält schon +schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit annähernder +Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf ihren +Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall war ein +Gedicht vorhanden, der _Heimdallargaldr_, auf welches Snorri zweimal +(SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason erwähnt Heimdall +in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem begegnet Heimdall in +den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im 9. und 10. Jahrhundert +jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der norwegisch-isländischen +Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend sonst ist eine Spur von +ihm nachweisbar. + +Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“[427] oder „der +Hellglänzende“[428] erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst +auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall +die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6, +14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt +herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht +bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und +zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll +eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des +Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil +der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit +dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge +in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten +Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter +dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in +den Himmelsbergen, den Wolken wohne.[429] + +Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen +Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit +goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.[430] Snorri +entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm: + +Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross +und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern +waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne +sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke +Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der +Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen +die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und +sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann +auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen +wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt +das Horn, welches _Gjallarhorn_ heisst, und seinen Ton kann man in +allen Welten hören.[431] + +Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird +Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem +Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri +(Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels +am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“, +den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel +hineinragen.[432] Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen +und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift +man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter +eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die +Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden +ist, mit Horneston zum Kampfe ruft. + +Über sein Wächteramt, das ihn zum ständigen Ausharren in allen Unbilden +des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos +auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen +als Wächter der Götter.[433] Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein +Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. Der gellende Ton des Gjallarhornes +verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche +erzittert und der alte Baum rauscht.[434] + +Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt, +worin der Gott sagt:. + + Mädchen neun waren Mütter mir, + Ich lag neun Schwestern im Schooss. + +Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit: + + + 36 Einer wurde in der Urzeit geboren, + Strotzend von Kraft aus dem Stamm der Götter; + Es gebaren den Sprossen, den speerberühmten[435] + Neun Riesentöchter am Rand der Erde. + + 38 Gjalp gebar ihn, Greip gebar ihn, + Es gebar ihn Eistla und Eyrgjafa, + Es gebar ihn Ulfrun und Angeyja, + Imd und Atla und Jarnsaxa. + + [39 [436] Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte, + Eiskaltes Meer und des Ebers Blut.] + + [40 [437] Es ward einer geboren, besser als alle, + Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte; + Als Herrscher, sagt man, sei der hehrste er, + Der allen Geschlechtern vereint durch Verwandtschaft.] + +Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften +der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip +die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die +Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die +Dunstige, Atla die Furchtbare, Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte +(die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun +Töchter zugeschrieben.[438] Die Neunzahl bezieht sich auf den +Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener +Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun +Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der +Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten +als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen +entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied +eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die +mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen +am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer +Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus +den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen +Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am +Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren. + +Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (_heimskastr ása_) +genannt.[439] Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet +war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis +etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit +seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst +bei den Skalden Feind des Loki (_Lokadólg_), Sucher des Halsbandes +der Freyja (_mensœkir Freyju_), Besucher der Wogenklippe und des +Singasteines (_tilsœkir Vágaskers ok Signasteins_). Dort nämlich +kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei +waren beide in Robbengestalt.[440] Der Skald Ulf Uggason behandelte +diese Sage in einem längeren Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten +sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am +Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige +Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder +Perlen bestehende Geschmeide) gewann.[441] Die zu Grunde liegende Sage +erschliesst Müllenhoff[442] also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh. +durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl +Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe +fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss, +aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des +Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und +brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten +Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt +die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen +erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt +es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der +zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum +Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist +eine wunderliche Schwertsage verflochten. + +Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „_hǫfud_“, Haupt genannt. +Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen +Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer +Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig +gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls +Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte +durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird +‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes +Tod.“[443] Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie +setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch +entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu +sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall +wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem +Begriff „_Haupt_“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen +Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich +werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild: +ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.[444] Wird nach dem verlorenen +Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein: +er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der +alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. +Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf +irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft +nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die +der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall +so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu +lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber +vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage, +aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“ +geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene, +vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es +in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen +fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert +durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt +worden sein. + +Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert +sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten +Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die +Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes +sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie +Heimdall unter dem Namen _Rig_ die Welt durchwanderte, bei drei +Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern, +Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte. +Aus dem Adel erhebt sich der König, in welchem die menschliche +Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds +des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher +ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im +10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und +in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz +zurückgeführt.[445] + +Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich +wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der +Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem +Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich +dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall +bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten +Gericht.[446] Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für +sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am +Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische +Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist +sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der +nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt +deutlicher vor uns treten. + + +VI. Balder. + + +1. Seine Art und Erscheinung. + +Baldr, der Leuchtende[447] weist schon in seinem Namen auf seinen +Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er ist ein +kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage +stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo +erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen +eröffnet.[448] Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr +besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede. +Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der +Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod +werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod +Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs +betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht. + +In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem +Lande herrschen die wenigsten Frevel.[449] Von dem Beherrscher des +strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute +und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und +alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass +ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die +weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag +man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen +sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und +übt am liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass +keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der +Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf +nichts Unreines sich finden.[450] + + +2. Die norwegisch-isländische Baldrsage. + +Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das +Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne +schlanke Mistel (_mistel-teinn_). Aus diesem Stamme, der dünn aussah, +ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss. Bald aber +wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins Sohn. Er +wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er Baldrs Feind +auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh in Fensalir +(Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer Herrlichkeit +Kunde gibt, da sagt sie: + + Vol. 62. Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen, + Alles Böse schwindet, denn Baldr erscheint. + Hropts Siegesburg beziehen Hod und Baldr. + +Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen +versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den +wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch, +dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht +aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s +verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28). +Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das +aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt[451], erzählt von +schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und +weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr +steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke +mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller +Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem +Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht alt Hod zum Holzstoss bringen +und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung. + +In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald +Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen +Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von +Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff, +auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier +(den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle +Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese +Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und +beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht +zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest. +Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni +Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über +den toten Baldr weinten.[452] In der Wissenswette, welche Odin mit +Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt: + + Was sagte Odin ins Ohr dem Sohne, + Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?[453] + +Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der +Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30 +taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss +sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr +und erschlug seines Bruders Mörder. + +In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende +Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso +wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche +Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender +Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen: + + Lokas. 27 Hätt ich innen in Ägirs Halle + Einen Sohn von Baldrs Sinn, + Den Ausgang nicht fandst du von der Asen Kindern, + Eh du zornig den Zweikampf erprobt. + +Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr +verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn +galt.[454] + +Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den +Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten, +Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und +Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen +die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz +und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm +schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem +that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm +die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und +fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen. +Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht +verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod +bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da +fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da +antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall, +der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu +nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den +Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand +ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki +zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte: +Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki +sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich +werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod +nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr +fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen. +Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer +schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das +veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache +üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin; +gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich +kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch ihre Huld erwerben +wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld +zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf +Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur +See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes. +Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu +schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim +die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen +dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das +Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es +nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff +beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle +Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die +Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben, +und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid +das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den +Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor +ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam +vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben, +Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni, +Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen. +Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring +Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass +jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit +allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun +Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam, +über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie +sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke; +nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann +ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und +gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen +anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder +auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte +Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte, +wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen, +ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und +tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern zurückkehren, wenn +aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da +erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken, +Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da +ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die +Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und +alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und +alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle +weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer +Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten +die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach: + + Mit trocknen Thränen wird Thokk beweinen, + Dass Baldr den Brandstoss bestieg; + Im Leben nicht bracht er noch als Leiche mir Nutzen: + Behalte Hel, was sie hat. + +Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte. + +Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet, +wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der +Prosa beweisen.[455] Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den +heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit. +Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen +Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit +zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die +Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte, +der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch +Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50) +an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki +beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum +Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist, +hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki +eingreift, verlangt die Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt +entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar +nichts Bemerkenswertes mehr wissen. + + +3. Die Baldersage bei Saxo. + +Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die +Baldrsage folgendermaassen berichtet: + +Hotherus, ein schwedischer Königssohn, der nach Hiartvarus König von +Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch +Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel +aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke +und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen +Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner +Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim +Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von +unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus, +von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert +umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss +aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf +der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (_virgines +silvestres_) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie +antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien +sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden +mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem +Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für +Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er +sei ein Halbgott (_semideus_). Im selben Augenblick verschwand das +Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich +und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr +erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus +erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn +durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben +habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (_sacram +corporis firmitatem_) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von +einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus +getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (_hunc +a Mimingo sylvarum satyro possideri_). Diesem sei auch ein Armring +(_armilla_) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum +des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den +Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche +stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen +Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt, +solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings +Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom +Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne +werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag +und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings +Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder +und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert. +Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus +mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig +Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den +erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um +Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit +Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies +den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden +Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten +nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen, +die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen +Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite +kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit +einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten +Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (_clava_), der nichts +widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht +Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar +gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter. +Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen +erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht +gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss +gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt. +Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres +Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag +erfahren, indem er von Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh. +Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den +Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die +Erinnerung an diese Quelle im Namen _Baldersbrönd_ (Baldersbrunn bei +Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im Schlafe, +wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen konnte, +sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach dem Tode +des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch seines +Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen, war er +nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach Seeland +und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus Schweden +kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste. Er gelangte +nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen Namen. +Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein nach +Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte, er sei +des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt habe, von +Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab sich auf +unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte Hotherus vom +Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie jetzt kamen, +klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit des sich +verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald durchschweifte, +kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen wohnten, +welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf ihre Frage, +warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück im Kriege. Er +verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über sein Unglück; ihm +sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen. Aber die Nymphen +erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch dem Feind dieselben +Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der Sieg zufallen, wenn er +zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft vermehre, geniesse. Da +fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus fortzusetzen. Balderus +sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde beiderseits gestritten, +bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus, der aus Erregung +nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache heimlich auf +Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er drei Jungfrauen +(_nymphas_) mit der geheimnissvollen Speise Balders herauskommen. Er +folgte im Thau ihren Spuren und erreichte ihr Haus. Auf ihre Fragen gab +er sich für einen Harfenspieler aus und spielte ihnen eine liebliche +Melodie vor. Die Jungfrauen hatten drei Schlangen, aus deren Gift sie +die stärkende Speise zu bereiten pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte +Gift in die Speise. Zwei von den Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit +von der Speise gegeben, wenn nicht die älteste eingewendet hätte, es +sei Verrat an Balderus, seines Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete, +Hotherus zu sein, und sagte, er sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei +Mädchen schenkten ihm nun einen glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als +Hotherus auf demselben Pfade zurückkehrte, begegnete er dem Balderus, +dessen Seite er durchbohrte, so dass er halbtot zur Erde fiel. Als +die That bekannt wurde, erscholl lauter Jubel im Lager des Hotherus, +während die Dänen Balders Geschick betrauerten. Da er seinen Tod +herannahen fühlte, erneuerte er am andern Tage die Schlacht und liess +sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht im Zelte eines unrühmlichen +Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus die Hel (_eidem Proserpina, +per quietem astare aspecta_), die ihm verkündigte, er werde am +folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum ging in Erfüllung, +nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er wurde in einem Hügel +beigesetzt. + +Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den +Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous, +den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem +hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher +Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges +nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der +Schlacht getragen wurde und tags darauf starb. + +Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen +werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte +Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo +feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs +hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein, +ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen. +Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei +ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein +Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte +ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese +wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche Nebenbuhler, +beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna +begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen, +gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der +Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen +geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem +Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich +nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff +gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen). +In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter +die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung +der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z. B. der +Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und +seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft +Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u. dgl. + +In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik[456] +den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine +Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen +Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die +dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig +Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über +die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die +norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt, +welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die +Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der +Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen +mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der +Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet. +Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen +wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein +Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für +Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist. + + +4. Vergleichung der beiden Baldrsagen. + +Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen +Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung +Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische +Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder +kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne[457] +ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern +Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und +wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz +neu ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern, +daher musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem +späten nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild +hat, ist sehr wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen +Sage Züge von Christus annahm.[458] Die Verschmelzung des lichten +weissen Baldr mit dem weissen Christus (an. _hvíta-kristr_) wurde +bewirkt infolge von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom +„_bealdor_“, wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn +vernahmen. Damit ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki +und Baldr, Lucifer und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich +im eigentlichen Sinn als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt +genommen, wurde nun bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum +Gott der Reinheit und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum +thatenlosen, sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die +kräftigen Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug +Lokis, wie Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er +Christi Seite durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie +Lucifer in der Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder +loskommt. Mit Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm +merklich an Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere +Bewandtniss hat es aber mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht +vereidigt hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit +Ausnahme eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch +gehenkt wurde. _Mistelteinn_ begegnet in nordischer Sage mehrfach +als Schwertname.[459] Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes +Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die +ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name +des Schwertes _Mistelteinn_? In diesem Falle würde sich manches +Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn, +buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen +Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm +zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des +weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen +Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische +Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als +umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage +ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da +letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos +Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet +keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen +noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr +ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo +dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen, +ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus +andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau +nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung +mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde +des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite +steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch +annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem +Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet, +absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen, +dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand, +dass sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug +auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib +und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann +hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus +gegeben. + + * * * * * + +Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter +Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter[460] +eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich +ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d. h. der Wane), +zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit +gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen +Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli +in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der +Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die +Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht +weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus. + + +5. Ursprung der Baldrsage. + +Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die +beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu +Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich +neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott +von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist +ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind +verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung; +Bugge[461] meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der +mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und +Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen, +jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen +Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen +nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein +Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken +als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. Kauffmann[462] hält +eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch +seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter, +sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet +ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod, +Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die +Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags. +oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen +altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das +Hauptwort _balder_, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben wurde. +Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des 9. und +10. Jahrhunderts zuzuweisen. + + +6. Baldrdienst. + +Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den +alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig +zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14. +Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft +Sogn, der „im Baldrshag“ (_i Baldrshagi_) hiess. Dort war ein +befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung +ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am +meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden +anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei +Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und +mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden +und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.[463] In allen nordischen +Ländern ist Baldrs Braue (_brá_) als Blumenname gebräuchlich für +Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon +Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich +licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte. +Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war, so +konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm genannt +werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her _Baldrs bål_, Baldrs +Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs Scheiterhaufen +etwas zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf dem 13. Gesang +von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht aus alter +Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung[464], am 2. Mai, am „Pfultage“ +seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat keine feste +Gewähr. + + +7. Baldr ausserhalb des Nordens. + +Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens bekannt +war. Im Ags. kommt _bealdor_ nicht als Eigenname, nur als Hauptwort +vor. Wenn aber _Bældæg_, Wodans Sohn, welchen die Stammtafeln von +Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr gleichzustellen ist, wie +schon Snorri[465] vermutete, dann dürfte allerdings der Lichtgott auch +den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei den Hochdeutschen ist der +Personenname _Paltar_[466] gebräuchlich, der allerdings ebenso aus dem +Appellativum wie aus dem Götternamen geflossen sein kann; denn auch +Wotan kommt als Mannsname vor. Wie das Wort im Merseburger Zauberspruch +aufzufassen sei, darüber gehen die Anschauungen weit auseinander, +wie überhaupt über die Anzahl und Bedeutung der im Segen genannten +Gottheiten keinerlei Gewissheit herrscht. Das Lied erzählt: Phol und +Wodan ritten zu Walde, da wurde dem Fohlen Balders (_demo balderes +volon_) der Fuss ausgerenkt. Sogleich erwiesen die Himmlischen die +grösste Sorgfalt, ihn wieder einzurichten. Doch weder Sinthgund noch +Sunna, Frija noch Fulla vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige +selbst konnte den Fuss beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich +darauf hin, Wodans Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich +gegenüber seinem Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms Annahme +stellt Phol und Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit +zwei verschiedenen Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem +Gange aufgehaltene Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn +sich als Lichtgott oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und +Zurückbleiben grosses Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die +oben vorgetragene Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an +die Stelle des Tiuȥ aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott +abgezweigte Gestalt angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter +anderm Namen ist, dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung. +Eine Sage mag vielleicht einst von Balders Ritt auf dem strahlenden +Sonnenrosse erzählt haben, wie es strauchelte und lahmte, aber vom +Gott geheilt wurde. Dass der Tag heranreitet, spricht der Volksglaube +aus (Myth. 699), dass dem lichten Reiter von den Mächten der +Finsterniss nachgestellt wird, dass ihm Unfall und Untergang droht, ist +begreiflich. Doch erhebt er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden +Ritter gesellt sich Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen. +Um Wodans Macht zu zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben. +Dadurch erscheint er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über +den älteren Gott ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen +Nachklang vom Gott Balder, den der thüringische Merseburger Segen +schildert, anerkennen will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und +Baldr behaupten, dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war, +dass Balder als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische +Baldrsage wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen. +Ist aber „_balder_“ nur Hauptwort, so bedeutet „_demo balderes volon_“ +dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss. +Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder +wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt +werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.[467] + + +8. Phol. + +Wer aber ist +Phol+?[468] J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst zu +begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau bei +Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der Altmühl +in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen, eingehegte +Feldstücke (_piunt_), Brunnen (vgl. das dänische Baldersbrönd bei +Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol aber sei nur ein +anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen hauptsächlich in +Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen Kultur am nächsten +lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen hinein, während sie in +Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient aber der ags. „_Polesléah_“, +Hain des Pol, da er dem Sinne und der Bildungsweise nach genau +übereinstimmt mit „_Balderes lêg_“, Hain des Balder. In England gab es +also heilige Haine, die dem Balder-Pol geweiht waren.[469] Sollte Phol, +Pol eine Verderbniss aus Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie +_Mercur-Wodan_, _Hercules-Donar_, _Hercules-Magusanus_, _Mars-Thingsus_ +eine römisch-deutsche Formel _Apollo-Balder_ und wurde das Fremdwort +im Volksmunde zu Pol, nach der hds. Verschiebung zu Phol. Allerdings +sind Apollo und Balder wesensgleich und können daher einander gegenüber +gestellt worden sein. Aber diese Deutung unterliegt auch mehrfachen +Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch andere Erklärungen zu, man kann an +den Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet +sich dar, besonders wenn man die Formen _Pfoalsowa_ und _Phůlsouua_ +in Betracht zieht. Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den +Ortsnamen ist nicht sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen, +was der Stab _Vol: vuoren_ nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man +kann einen Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. _Volla_ an. _Fulla_, +griech. _Plutos_) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende und +sichere Lösung ist noch nicht geglückt. + + +9. Angebliche Baldrsagen. + +Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen +Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche +Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren. +Besonders eine Schweizersage[470] wird angezogen, deren wesentlicher +Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen +zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und +verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang +den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den +noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um +bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei +Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen. +Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so +grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung +Abstand nehmen wird. + + * * * * * + +Vom hl. Gangolf wird erzählt, wie er eine Quelle versetzt oder neu aus +dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib +buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker +wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu +ermorden. Er trifft ihn in die Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen +Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal +ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen. +Damit vergleicht Laistner[471] die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs +Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner +wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden +von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn +in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht +zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit +zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und +durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche +einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die +Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen. + + * * * * * + +Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und +Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer +Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder +gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König +Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in +Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die +von ihm herrührten. + + + + +VII. Forseti. + + +Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der +Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der +Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen, +gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter +und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf +goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti +die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die +richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf +er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine +Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine +Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet nichts +auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen +Namen.[472] + + * * * * * + +Helgoland hiess in der Heidenzeit _Fositesland_. Die Insel war einem +Gott, dessen Name verschieden als _Fosite_, _Fosete_, _Foseti_[473] +überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich, und solche +Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden, die dort +weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute. Aus einer +dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft werden. +Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen, glaubte das +Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes sterben. +Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter, ob sie +den Tod der Christen verlangten oder nicht.[474] Es handelt sich also +um ein grosses Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist das Land. +Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden Herden. Wir +erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des Gottesdienstes +auf heiliger Aue. + +Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem +nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann +fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf +man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig +bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im +Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu. +Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste +Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit, +etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes, +unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die +nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig +Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch +entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und +Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann. +Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art +veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil +seines Wesens. Auch Baldr fällt Urteilsprüche und versteht schön zu +reden, worin er sich mit Forseti berührt. + +Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet +werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen +Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn +zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine +erwiesene Thatsache. + +Nach der Sage werden die 12 _Asegen_ (Gesetzsprecher) als +„_Foerspreken_“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7 friesischen +Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie +erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können. Zwei Tage +lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären sie es +ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht verkündeten, +was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod verwirkt. +Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie eigene, +unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff ohne +Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das letzte +und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie einer +von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott um +Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen +Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen +einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie +zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte, +ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse +(oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die +Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle +Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande +nahm, nannte man _Eeswey_, die Stätte, wo sie sich niederliessen, +_Axenthove_. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens sei, +und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor König +Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl bestätigte, +was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische Recht.[475] +Dass mit diesem dreizehnten Asegen der _és_, der Hauptgott der Friesen +gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit Fosete eins sein. Aber +sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt darunter verstanden +werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber unklar bliebe, wie +der ês mit einer Streitaxt steuern konnte. + + + + +VIII. Ullr. + + +Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den +ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der +Majestätische[476] und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten +erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in +den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu +Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint +ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche +erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder +wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen +Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit. + +Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen +und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm +wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge +eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen +anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die +hohe Halle erbaut.[477] Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt, +weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den +trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise, +als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und +Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die +Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen +Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den +winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen +und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher, +kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott, +Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung. +Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben +wird[478], so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein, +wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos +Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers +Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge +zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d. h. auf Schlittschuhen, +die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee +läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers +Wasser setzt. + +Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres +bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest +wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden. +Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin +dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller +Götter. Darin ist jedenfalls ein feierlicher Heilswunsch enthalten. +Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche +Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem +sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft, +Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden +mit Ulls Namen gebildet[479], woraus ein umfangreicher und häufiger +Dienst des Gottes erschlossen werden darf. + + * * * * * + +Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die +Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur +zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur +aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch +mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes, +sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit +gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um +dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen. +Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter +gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden +Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein +niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon +die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt. +Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige +Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und +durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe. +Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene +Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer +grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus +Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben, +im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen, +von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in +Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit +kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe +über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die +Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner +Würde, gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker +ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort +des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht +gehorchte.[480] + +Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und +We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es +wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung +daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in +solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin +hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr, +der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht, +im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe +Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird. +Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so +verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird, +er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten +befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der +Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein +erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den +höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen +als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber +je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch +die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und +ausschliesslich nordisch. + + * * * * * + +Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft +zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als +Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen +erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer +Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die +Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes +durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und +Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des +finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche +Grundlage kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die +alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich +machen, beruhen.[481] + + + + +IX. Widar. + + +Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh +und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter +grosses Vertrauen auf ihn. + + Unterholz und üppiges Gras + Füllt Widi, Widars Land; + Dort springt der Recke vom Rücken des Rosses. + Den Vater zu rächen bereit. + +Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert: + + Widar kommt dann, Walvaters Sohn, + Der gewaltige Held, mit dem Wolf zu kämpfen: + Die Klinge stösst er dem Kinde des Riesen + Durch den Rachen ins Herz und rächt den Vater. + +Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des +Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse +dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem +das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken, +welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen +schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe +zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun +Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und +dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes +erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs, +im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner +Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen +Stärkegürtel und mit ihren Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter +Widars des Schweigsamen.[482] Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins +Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden +wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.[483] + +Widar ist der Krieger aus dem Waldland[484], aus der mit Buschwerk und +hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat, +von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an +ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird +verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der +einen dicken oder eisernen, d. h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich +in Schweigen hüllt“ (Roediger). + + + + +X. Wali. + + +Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in +Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der +allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum +heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen +bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in +den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe +er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll +die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern +zuerst erfüllt werden muss, als die höchste und unaufschiebbare +Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden, +die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und +gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet +die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht +zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt. +Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide +denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste +und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand +in den Sälen der Götter.[485] + + * * * * * + +Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die +Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr +von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen, +steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit +wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können. +Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter +sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann +auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt, +verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar +und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der +Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt +führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi +und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und +Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter +aufkamen, ist wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile, +Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen, +gewann kein sicheres Ergebniss. + + + + +XI. Hönir. + + +Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung +der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil +auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er +erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende +im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person, +welche andern das Handeln überlässt.[486] Hönir gehört zur wandernden +Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen +dem ersten Menschenpaar Hauch (_ǫnd_), Seele (_óþ_), Gebärde, Wärme, +blühende Farbe (_la̍_, _læte_, _lito góþa_). Hönir verleiht die Seele, +den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist Hönir auf der Fahrt, wie +sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun zusammentreffen und +wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen ottergestaltigen +Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht auf eine ältere +verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum Odin, Hönir und +Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen Sohn an einen Riesen +und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem vielkundigen Unhold +zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin, Hönir, Loki nach +einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen Acker heranwachsen +und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker eine Ähre, mitten +in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese, das schneidende +Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da schlüpft ihm das +Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den Bauersleuten den +Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne über den Sund +fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken des einen eine +Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und ihm den Hals +abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte Helfer verwandelt +den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders; denselben Fisch +erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im Rogen. Das rechte +entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos über den Sand +hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in einen zu diesem +Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn tot. So ist +der Bauernsohn gerettet.[487] Will man einen tieferen Sinn aus dem +Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er in dem dreifach +verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten schöpferischen +Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter beschirmen. +Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern, Ackerbau, +Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern +unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche +Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt. +Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft +gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des +färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus +dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen +schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines +einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen. + +Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte, +erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss +zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und +Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling. +Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen +den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die +Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich +zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei +Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war, +und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer +auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie +beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir, +enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So +berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön +und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er +braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen. + +Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf +seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf +in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“, +„Lehmkönig“ (_aurkonungr_, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in der +Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind +für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen, +vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder. +Er wird „den Looszweig kiesen“[488], d. h. ihm wird wieder sein altes +Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch +damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs +Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet. + +Viele Erklärungsversuche sind umsonst an dem rätselhaften Gott gemacht +worden.[489] Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes der +Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den Namen +auf ein verlorenes Zeitwort *_hanan_ *_hôn_ (mit _canere_ verwandt) +zurückführen. Der Name bedeute einen Schall und das hänge mit seiner +Gabe an die ersten Menschen, _óþr_, Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf +Uhlands Etymologie greifen auch Detter und Heinzel[490] wieder zurück, +Hönir wird zu einem Zeitwort _hæna_, canere, gestellt. Hönir bedeutet +Sänger, es ist ein ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi +gleichen sich in manchen Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen +Wassergott. Dazu könnte auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch +in anderem Sinne dienen: Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat. +_canorus_ gebraucht wird. Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem +*_hohnijaȥ_ ab; _Tiuȥ hohnijaȥ_ sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der +schwangleiche Himmelsgott. Kauffmann denkt an _hóđ_ (ahd. _huota_) +und findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott +der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen. +Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu +kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte des +Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne im +blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein Hohlkopf. +Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben, den Regen. +Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den wechselnden +Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied gibt Gott dem +Menschen „_von den wolchen daȥ muot_“, wie Hönir den Menschen beseelt. +So lässt sich immerhin manches für Hönir als Wolkenwesen sagen, mehr +als für die übrigen Erklärungsversuche. Der Name soll aus *_hauhnijaȥ_ +(zu *_hauhni_, dän. _höine_ die Höhe) stammen und bedeuten: der in der +Höhe lebt. Etymologische Namenerklärungen, welche zum Verständniss des +mit dem Namen behafteten Wesens dienen sollen, haben immer besondere +Schwierigkeiten, zumal wenn die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel +Erklärer soviel Erklärungen! Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach +wie vor. Da er bei der Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen +Welt wiederkehrt, liegt offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d. h. +Hönir ist wol aus der Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch +einmal auf diese Art befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H. +Meyers Versuch, Hönir aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss. + + + + +XII. Bragi der Dichtergott.[491] + + +Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen. +Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit +und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst +erfahren und daher wird auch diese nach ihm _bragr_ genannt, wie auch +Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische Begabung +hervorthun, den Namen _bragarmenn_ führen. Die Gemahlin Bragis heisst +Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266 an: Gemahl +der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase, Odins Sohn. +Als der Langbärtige (_síđskeggja_) erinnert Bragi an den Gott der +Dichter, an Odin, der ebenso _Síđskeggr_ und _Langbarđr_, Tief- und +Langbart heisst. + +Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser +der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im +Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über +die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als +kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli +zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod +und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm +feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du +haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier +innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda +eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage +und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir +zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz +neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen. +Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern +zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage +dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso +ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der +Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden +bester[492], Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.[493] + +Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme +heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in +Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte +beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl +verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und +bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem +Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern +und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert +und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den +Asen Missgunst (wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber +Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch +bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim +Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los: + + Wenn ich draussen wär’ und drinnen nicht + Bei Ägir sässe im Saal, + Dein Haupt trüg ich in der Hand gar bald: + Das wär für die Lüge der Lohn. + +Loki erwidert: + + Im Sessel bist kühn du, doch säumig zur That, + Bragi, du Zierde der Bank! + Zum Zweikampf geh’, wenn zornig du bist, + Der Dreiste bedenkt sich nicht lang. + +Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst +wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in +Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor, +dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi +Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch +eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte, +und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks. +Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und +verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten +sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem +Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und +Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder +und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die +Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge +dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht +die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.[494] + +Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er +sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen +verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass +die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher +und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der +Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie +Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und +3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte, +die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.[495] Soll damit die Geburt +Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche +den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met +hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den +köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt. +Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus, +weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt. + +Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der, +obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt +um und nach 800 zu betrachten ist.[496] Bragi Boddason, geschichtlich +beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an +der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden. +Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte +seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und +im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei +Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur +Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei +Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine +als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer +noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in +später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den Skalden aufkam, wird +ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund +der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche +Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung. +Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste. +Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in +der Mehrzahl _bragnar_, die Fürsten, Helden und in der starken Form +_bragr_.[497] Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern wie unter +Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist _ásabragr_) heissen. In der +altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der Dichterfürst. +Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete Bezeichnung +des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst werden. Mogk +glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und nach und nach +als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus Tiuȥ, sich +entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem Namen, der +Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit angehörig +gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht, dass Bragi +bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard erhobene Bragi +der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für sich. Bragi +erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod. Sind nun +diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem Erdenlauf zu +Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf seine Weise, +ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die Einherjer, +der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch den +Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält. Was +überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich als +diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung auch +in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden den +ersten und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist +wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel +vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter +Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber +unvermählt. + + + + +XIII. Requalivahanus. + + _Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro se et suis v. + s. l. m._ + + +Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883 +in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.[498] Der Name +des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung +und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu +erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und +geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit, +aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen +irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der +germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos +germ. _*rekwaȥ_ (got. _riqis_; an. _røkkr_) Finsterniss, Dunkelheit. +Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen nachzuweisen: +_Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida, Riccila_ u. ä. (vgl. +Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der zweite Stamm festzustellen. +Die Erklärer gehen schon darin auseinander, dass sie das Suffix +_-hanus_ teils mit der Latinisierung des germanischen Wortes in +Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen Wortbildung zuweisen, +d. h. dass sie entweder auf einen germanischen Stamm _livan-_ oder +_livahan-_ schliessen. Die Wurzel stellen Holthausen und Kauffmann zu +an. _lifa_, Leben und ähnlichen Bildungen, und nehmen _liƀa_ „lebend“ +wie in den Eigennamen _Heriliva_, _Gundiliva_, die im Heere, im Kriege +Lebende, oder _liƀahs_ „lebensvoll“, „lebendig“ an. _Requalivahanus_ +ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt. +Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort _ubarlibo_ +„überlebend“. Später dachte Holthausen an _*liwa_ im Sinne von +Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort _lîhwan_, leihen, übrig lassen. +Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der die +Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss als +Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort _lîwaȥ_, +_lîwahaȥ_, farbig, nach irischem _lî_ die Farbe, gall. _Lîvius_, +_Lîvo_, lat. _livor_, _liveo_, _lividus_. Requalivahanus bedeutet +wie mhd. _vinstervar_ den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den +Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das +latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva. +In _liwa_ sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so +ist Requaliva wie _Schwarzleo_ einfach Schwarzbach, Schwarzwasser, +Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder +ein Gewässer im finstern, schattigen Walde. + +Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht +hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist +es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt. +Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die +nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus +und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das +Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott, +so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich +versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto, +der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am +wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus +den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der +Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin, +Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist +für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech. +σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen +Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen, +ist nicht festzustellen. + + + + +XIV. Loki. + + +1. Lokis Wesen und Namen. + +Loki ist der Beschliesser, der Endiger.[499] In seinem Namen +offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er +wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt +endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf +die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt +geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom +Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische +und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum +kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in +der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss +die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang +bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält +insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich +darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen +häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum +musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt +nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus, +sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der +Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der +nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden +im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende +Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so +erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten +Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter +hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung +und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie +und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden. +Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen +eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der +Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher +einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen +als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin +das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem +Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des +tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie +ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig +jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man +bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt +dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie +ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen +ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt +fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht +verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls +mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die +sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der +Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt, +wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung +fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch +zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki +zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch +wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine +Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel, +zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker +hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige +Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch +das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen +von mancherlei Verschiebungen, z. B. dass schon der göttliche Loki +riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er +ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst. + +Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein ++Dämon des Feuers+, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die +persönlich gewordene Lohe[500] vorkommt, scheint vielleicht wegen +des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt +(_logi-loki_: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein, teilweise +auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze _Lóđurr_ +(aind. _Vṛtra_, der im Verein mit anderen Dämonen das befruchtende +Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre verursacht). Die +Namen von Lokis Eltern, _Fárbauti_, der gefährlich Schlagende, d. i. +der Sturmwind und _Nál_, Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, Laubinsel +machen seine Feuernatur deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende +Lohe aus dem Gehölz, besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in +dichterischem Bild.[501] + +Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker, +wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen +die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des +Hundssterns (Sirius). _Loka daun_, Lokis Geruch ist Schwefeldampf, was +aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in Dänemark +von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer ein dem +Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät. Knistert +das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben Dünste +in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen aus. +Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die einen Zahn +verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten: Loki, gib +mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis Abenteuer +hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen im Volke +noch fortlebenden Vorstellungen[502] erscheint Loki als Feuer, Hitze +und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel und sind also +jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht umgekehrt. + +Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden unter anderen +Namen vor. Er heisst _Loptr_, der Luftige.[503] Was der Name besagt, +ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des Luftreiches +gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben der Lohe +verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis angespielt +wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber der Dämonen +aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der durch die +Luft Fliegende denken. + +„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra, +dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst +und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in +Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem +Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig +feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird, +dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“ +So sagt Noreen[504] und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu +stützen, _Lóđurr_ aus älterem _Vlóđurr_ sei mit _Vṛtra_ gleich. Ganz +anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den Namen Lodur +(bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. _lóđ_, Ertrag des Bodens und +erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit, einen Beinamen des +Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die vereinigten Asen +und Wanen. + + * * * * * + +Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in +Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder +_Býleistr_ oder _Býleiftr_ und _Helblindi_. Der letztere Name, nur der +Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels nach, der manchmal +als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen und Deutschen sehr +viele Benennungen aufweist, welche mit _helle_ begannen. Býleistr, +Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus Beelzebub entstanden. +Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen die Brüder Lokis +nicht.[505] + + +2. Die Sagen von Loki. + +Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche +den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande +aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist +der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal, +seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von +Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er +brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch +seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und +beider Sohn ist Nari oder Narfi.[506] + +Loki ist Gott und Teufel in einer Person. In den Urtagen in die +Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön +und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor. +Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher +und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und +Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und +besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen. +In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte +Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst. +Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen +und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber +an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange +er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis +Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum +lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie +auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass +Loki in der Hauptsache nichts anderes ist, als der in die nordische +Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer. + + * * * * * + +Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern +zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin, +Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.[507] Statt der +Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We +ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns +Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt +er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur +Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht. +In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen +Blutbrüderbund: + + Gedenkst du, Odin, dass in der Urzeit + Wir beide das Blut gemischt? + Nimmer des Biers zu geniessen schwurst du, + Man böte denn beiden es dar. + +Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin +verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.[508] Aber bald +wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen +den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur +gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger +Falschheit abzuwenden. + +Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem +Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und +fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der +verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der +Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an +sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im +Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest +an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen +gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er +sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren +Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der That Idun aus +Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare +Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam +der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber +wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in +Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie +auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die +Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler +verbrannte.[509] + +Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen +ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an: + + 25 Da gingen zu Sitze die Götter alle, + Die heiligen Herrscher, und hielten Rat: + Wer die ganze Luft mit Gift erfüllte + Und der Brut der Riesen die Braut des Od gab. + 26 Nur Thor schlug zu, voll trotzigen Mutes + -- Selten sitzt er, wenn er solches vernimmt -- + Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre, + Die festen Verträge, die man vordem schloss. + +Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus +dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im +Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe +und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur +den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden +diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte, +bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten +Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in +Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die +Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde. +Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn +geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari +ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross. + +Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken +den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand +der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme +dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem +er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu +Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und +Freyja. + +Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den +gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht. +Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl; +auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet +Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im +Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde, +zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel +und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich +auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum +Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8), +wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte, +weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten +hatte, um zum Mark zu kommen.[510] Die Sage hat wol tieferen Sinn, +wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig +gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise +schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur +Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden +Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden +Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der +Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos +hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als +seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter +durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten +Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon +gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle +verstossen. + +Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des +Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine +ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete +Sage[511] erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki +alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er +alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin +wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre +Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl +ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass +das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher +wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend +fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu +Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es +war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog +um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch. +Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein +Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles +schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil +sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und +stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig +weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach +von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und +das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den +Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin +aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte, +sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder +zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen, +aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen +der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer +bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf +erhielt sie ihr Halsband zurück. + +Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage +ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der älteren +Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt +wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband +stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des +Brisinghalsbandes.[512] Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle +Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage +angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende +Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist, +so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger +das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang +angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins +geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen +Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen, +auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb. +Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art +des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht, +in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.[513] + + * * * * * + +Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki +einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie +sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn +und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit +Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte +das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den +Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle +auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing, +sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem, +der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft +bewährt.[514] In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem +Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu +fördern. + + * * * * * + +Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde +gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische Ase (_ǫ́ss +ragr_), der Kinder gebar.[515] Als Riesin Thokk, welche durch +Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki +wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das +Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute +warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa +mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird, +ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind, +Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers +an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer +gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe, +die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme, +die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter +die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki +gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter +durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer +emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller +Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste, +keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein +und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.[516] +Sie soll wol nur Lokis Argheit im schlimmsten Sinne zeigen. Ist er +doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die +Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich +vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird +auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich +erklären.[517] + + * * * * * + +Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei +Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an +die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen +einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber +zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“, +beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von +Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf +ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte, +zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst +Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges +anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif +werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki +selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und +drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu +Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen +Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem +Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle +über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der +Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen +und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft er +voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei +dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche +Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der +einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem +Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund +legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in +den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in +dieser merkwürdigen Dichtung vor.[518] + + * * * * * + +Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar +abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen +und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den +Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle, +der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie +natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis +Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff +Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete +Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder +Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten +an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die +Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir, +Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer +sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen. +So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf +wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki; +aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte +nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg +Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der +Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht +auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer +und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst +Löcher in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der +Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde, +und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der +Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen, +Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem +Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál +Kap. 3. + +Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt, +ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki +darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied +48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris +immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki +als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die +Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der +Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch +in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen +begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie +überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf +Loki eingewirkt haben.[519] Die Wette, auf die Loki sich einlässt, +mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein, +wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und +auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt. + + +3. Loki als Verderber Baldrs. + +Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem +Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den +behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold +zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute +Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng. +Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider +Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder +zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er +sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte +sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im +Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen +seines Sohnes Narfi[520] gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf +verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis +Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass +daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale +voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf +Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird +jetzt als Erdbeben bezeichnet. + +Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede +behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug +dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt +wurde[521], so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner +Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während +dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger +Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat +der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis +Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen. +Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie +Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der +Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die +Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna +losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis +Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur +Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind. + +Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr +getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der +Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich +auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er +nach allen Himmelsgegenden ausschauen könne. Am Tage aber hielt er +sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn, +dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn +und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die +Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki +warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug +war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte, +zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu +der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall, +Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern. +Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn +weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz +so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz +her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine +und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin +er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete +mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass +es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er +abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er +hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum +ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine +Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei +grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis +Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen +zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und +banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest. +Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der +dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen. +Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt +eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn +aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen +Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde +erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht. + +Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35) +Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald[522] die +Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn, +nicht freudig gesinnt. + +Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók +erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande +winden, sehr fest waren die Fesseln. + +Endlich erzählt Saxo[523], wie Thorkillus den furchtbaren in +entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht. +Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit +Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett +ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten +sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres, +scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und +Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an +Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem +Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu +können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist. +Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche +Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine +Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs +Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in +finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt. + +Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung. +Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging, +veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um +eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die +Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́ +geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna +vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt, +verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki +den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der +zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die +Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.[524] Loki erschlug +den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu +den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu +vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki +entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen +zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der +Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich +eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch +Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene +Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle +Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage +überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse +ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr +wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so +liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige +Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der +bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste +Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben, +er wurde „_Warg_“ d. h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen Waldgänger +und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere Zeit die oft +bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern wörtlich +nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er selbst, +wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die Fesselung +dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten Wolfes Loki +wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.[525] Andererseits +erinnert der gefesselte Loki[526], dessen Zuckungen die Erde erbeben +machen, besonders nach Saxos Schilderungen an den Teufel. Loki wird +zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und gebunden, um erst am Ende +dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki von seinen Banden loskommt, +ist mit dem Untergang der Götter und der Welt gleichbedeutend. So wird +der Teufel von Christus in der Hölle gebunden und liegt in Fesseln. +Im Mittelalter war es eine allgemein angenommene Vorstellung, die +oft in Bildern sich aussprach, dass der Teufel gebunden liegt; erst +am jüngsten Tag soll er los kommen. Daher rührt auch die Redensart: +Der Teufel ist los! Die Zeit, da er loskommt, wird dabei zugleich als +diejenige Zeit bezeichnet, in der alles in Verwirrung ist und die Welt +vor dem Untergange steht. Ebenso gilt das Loskommen des Fenriswolfes +für ein Zeichen des bevorstehenden Weltendes. Zweifellos sind die +Teufelssagen die Quelle der Vorstellung vom gefesselten Loki und +Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die treue Sigyn, welche über +Loki die Schale hält, bleibt unerklärt. + + +4. Die Teufelsbrut. + +Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki +abstammen. + + Den Wolf zeugte Loki mit der wilden Angrboda + Und den Sleipnir gebar er dem Swadilfari; + Ein Scheusal schien das schlimmste von allen, + Das von Byleipts Bruder stammte. + Es frass Loki ein Frauenherz, + Er fands halbverkohlt in der heissen Asche, + Durch das leidige Weib ward Loptr schwanger: + Dort stammen alle die Unholde her. + +Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch +alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist +Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine +Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So +sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim, +mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das +zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte +Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter +erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses Unheil +bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen +Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten +hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie +sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange +in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange +so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten +im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte +er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie +denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf +zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm +seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich +wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil +bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu +verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und +eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim +beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie +war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte +des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem +Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt +und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See +Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir. +Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und +Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen. +Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und +zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und +legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen +Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten +ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande +nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen +Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm +ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze +fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich, +Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst. +Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter. + +Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins +Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich alt[527], aber +schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass +die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so +natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange +ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die +Erde legt.[528] Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube +mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf +Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben +Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden, +hervorgegangen[529], andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist +der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der +Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt +unter. + + +5. Loki beim Weltende. + +Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung +heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was +er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt: + + Es segelt von Norden über die See ein Schiff + Mit den Leuten der Hel, und Loki steuert; + Dem Wolfe folgen die wilden Gesellen, + Mit ihnen ist Byleipts Bruder im Zuge. + +Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag +kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. Zu +den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die +Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum +Kampfe sich erheben.[530] + + + + +Die Göttinnen. + + +Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar, +Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden. +In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die +Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die +Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt; +ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein +Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen +der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste +Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in +deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in +blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben +und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser +einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die +Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich +die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher, +über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche +Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in +höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige +Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen +erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die +Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen +zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem +es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt. +Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft +mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der +Göttinnen uns möglich sind. + + + + +I. Frija und ihr Kreis. + + +1. Frija. + +Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen, +vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort: ++Frija+, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch des +Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.[531] Dass Frija allen +Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen +Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;, +bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag, +_dies Veneris_, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie +got. _frijôn_, an. _frjá_ lieben, das altdeutsche Urwort für mhd. +_vrîen_, nhd. _freien_ erhielten dem Sprachgefühl den in Frija ruhenden +Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus die interpretatio +romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des Nordens lassen sich +jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für sie aufbringen. Nach +der langobardischen Sage weilt _Fría_ (überliefert ist die Form +_Frea_) mit Wodan als seine Gattin im Himmel und mischt sich in +Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von Monmouth (Buch 6) berichtet +Hengist von den obersten sächsischen Gottheiten, von Woden und von +der mächtigsten Göttin, welcher der _Friday_ geweiht sei, also von +_Fríg_. Im Merseburger Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem +Gebiet erscheint _Frîja_ zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter +den Göttinnen, die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des +Fohlens wieder einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die +Nachrichten über Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als +Wodans Gemahlin gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen +Quellen, aus denen mehr zu erfahren ist. + + +2. Frigg. + +Frigg[532] ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst +weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie keine +Weissagungen ausspricht. Fensalir[533], Meersäle heisst ihr stattlicher +Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich +abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans +Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg +andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum +Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg +sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach: +Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe +Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in +seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er +seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen +seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer +Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und +liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines +Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte +sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch +sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König +Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess +er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu +behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso +mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in +Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst +Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir +einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem +eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt, +dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der +göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von +Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen +ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will +Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, weil der Riese besondere +Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn +Frigg mit dem Reisesegen: + + Reise gesund, gesund komm wieder! + Gesund wandre den Weg! + Nicht fehle dir Weisheit, Vater der Menschen, + Wenn mit dem Riesen du reden musst. + +Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater +und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande +zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und +seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig +und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu +gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet +also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt, +rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und +Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht +festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin +wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt +ebenfalls unerklärlich. + +Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.[534] Zum Zeichen ihrer Verehrung für +Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen +Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen +geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede +das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken. +Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch +Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen +besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres +Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch +dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen +Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande +weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung +trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26: + + Schweige, du Frigg, Fjorgyns Weib! + Du, Metze, warst immer männertoll: + Dem Wili und We hat Widrirs Gattin + Ihre Gunst beiden gegönnt. + +Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich +zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins +Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter +Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf +von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche +Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte +und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu +einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus +erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige +Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist +und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte +von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes +Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja +verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg +und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte +verschmolz, bleibt eine offene Frage. + + * * * * * + +Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben[535] sich erhalten haben. +Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für den +Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart „_helga +Toregud och Frigge_“, den Gott Thor und Frigge heilig halten. Denn +merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft Thors, nicht Odins. +Frigg wird zum Spinnen und zur Frauenarbeit in Beziehung gebracht. +Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel und kein Spinnrocken +berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne Frigge selber. Am +Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein altes Weib am +Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und Frigge, welche +spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden _Friggetenen_ und +_Friggerocken_, Spindel und Rocken der Frigge. In einem Segen gegen +Pferdekrankheit wird Frygge genannt. Inwieweit echte und glaubhafte +Sage hier vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. _Friggjargras_ heisst +im Isländischen eine Pflanze (gymnadenia odoratissima), welche, unters +Kissen gelegt, Liebeslust erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch +Mariengras, Frauenhaar und fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken. + + +3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen. + +Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte +Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein, +zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens +begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.[536] Sie dürfen +gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen +demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die +einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen, +nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre. +Gleich hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er _Sága_ auf, +die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich +trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der +Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen +der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in +den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb +vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in +Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen. + +_Fulla_ ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und hat +ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt +ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht. Als +Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem König +Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines Zauberers +überbringt. Im Merseburger Spruch ist _Volla_ Frîjas Schwester. Wenn +auch Fulla nur als _eskimær_, Kammermädchen der Frigg bezeichnet wird, +so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg fast gleiche Bedeutung +daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und Fulla mit Geschenken, mit +einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring beehrt. Der Name bedeutet +Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche _Copia_, _Abundantia_ der +Römer aufzufassen. In Fulla wird die Göttin Frija nach ihrer Reichtum +und Segen spendenden Thätigkeit persönlich. + +Zu Liebe und Ehe gehören _Sjofn_ und _Lofn_. Sjofn ist eifrig bemüht, +die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie Frauen, daher +wird nach ihrem Namen die Liebe _sjofni_ genannt. Lofn erhört gern die +Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und Frigg die Erlaubniss +erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu bringen, denen vorher ein +Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen heisst die Erlaubniss _lof_. +Bei den älteren Dichtern finden sich diese allegorischen Gestalten +nicht. Dagegen nennt schon Kormak die _Eir_, die Ärztin unter den +Asen. Es ist die verkörperte Pflege, von an. _eira_, pflegen, schonen. +Auch im Liede von Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen, +schützenden, hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge +der Heilmittel (_Lyfjaberg_) gedacht ist. + +_War_ hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen, der +Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen _várar_ +(Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, so dass ihr nichts +verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es: + + Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen, + Den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss, + In Wars Namen weiht unsern Bund! + +Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin +der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in +Zusammenhang. + +_Hlin_ ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor irgend +einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass derjenige +sich anlehnt (_hleinir_), der sich in Acht nimmt. In der Vǫlospǫ́ steht +Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein als hilfreiche +Schützerin so zubenannt ist. + +_Syn_ hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen, die +nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen +in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu +leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn +jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom +Zeitwort _synja_, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim Skald +Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson. + +_Snotra_ ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen werden +kluge Männer oder Frauen _snotr_ genannt. Wie man sieht, sucht Snorri +die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen herzuleiten, +während natürlich das Umgekehrte der Fall ist. + +_Gna_ wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen Orten +entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten +vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein +Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach: + + Wer fliegt dort, wer fährt dort, + Wer läuft durch die Luft? + +Sie antwortete: + + Nicht flieg ich, doch fahr ich, + Durchlaufe die Luft + Auf dem Rücken Hofwarpnirs, den die rasche Gardrofa + Vom Hengste Hamskerpir empfing. + +Endlich werden _Sol_ (die Sonne) und _Bil_ (Mondabnahme) zu den Asinnen +gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen vielleicht _Sunna_, +die Sonne, und _Sinthgunt_, die den Weg Erkämpfende. Siegreich über die +Finsterniss beschreitet die Sonne ihre Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin +ist, kann der Name auf sie zielen. + + +4. Freyja. + +_Freyja_[537] ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen, Sie +ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz im +Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, so +empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So +steht im Grimnirliede 14 + + Folkwang nenn ich, Freyja entscheidet, + Wer die Sitze dort fülle im Saal; + Von den toten Helden wählt sie täglich die Hälfte, + Die andre fällt Odin zu. + +Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle +Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen +will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist +gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns +Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch +über Oddrun: + + So mögen dir helfen die holden Wesen, + Freyja und Frigg und noch viele Götter, + Wie du mich befreitest aus Fährde und Not. + +Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt +das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das +Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki +mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja +berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst +gebräuchlichen Zauber (_seiđr_) geübt. + +Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur. +Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen +und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am +meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, wie sie auch in +der spätisländischen Dichtung, den _Skíđarímur_, Odins Frau genannt +wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie _gyđja_ zu _gođ_, +_Finna_ zu _Finnr_.[538] Ihre Art stimmt zu ihrem späten Ursprung, +indem sie als Nachahmung bereits vorhandener Vorbilder sich erweist. +Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie natürlich auch den Wanen +zugehörig, _vanabrúđr_, _vanadís_, _vanagođ_ d. h. Wanengöttin. Im +Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie auf dem goldborstigen Eber Hildiswini, +welchen die Zwerge Dain und Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys +Eigentum ausgestattet. Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg, +indem dieselben oder doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet +werden. Dabei lässt sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein +an Frigg haften und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese +übertragen wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische +Spaltung einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten, +vielmehr um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg. +Deshalb geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen +dienen mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen +auch fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen, +die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die +verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild +vereinigt. + +Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie +in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige +Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den +Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches +Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall, +wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz +hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer +steht, so wird Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das +Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins +in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir +gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den +Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal +das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der +Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte +Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin +der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die +Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch +vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten +kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier +tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen. +Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am +Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum +aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits +Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch +in einem Schmähvers[539] auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will +nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls +ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen +dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti +die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das +Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen, +Freyja steht für Frigg. + +In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu +Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde +alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen. +Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga +vor: dem Odin, Thor und Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von +Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.[540] + + * * * * * + +In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist, +spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen +Verhältniss zu Odin. + +König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer +Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige +behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der +Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an +und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute). +Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds +Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar, +für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.[541] Die Wette, welche +zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter +abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und +Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt +aber vollständig Frigg. + +Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug +des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen, +keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter +Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir +genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen +Vater nicht überleben.[542] Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin +Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in +Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende +Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich +versammle. Allerdings wird Walfreyja damit kaum zu vereinigen sein, +beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum +Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben. + + +5. Freyja und Brisingamen. + +Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier +Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als +Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes +Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot +sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene +erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das +Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr +beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam +jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen, +den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins +Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von +Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen, +zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen +einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island +niedergeschriebene Sörla Þättr.[543] Die Sage ist als Einleitung der +Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung +ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die +Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus +älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14, +18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes _Brísingamen_[544], Ulfr +Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann. +_Brísingar_ ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen Eigentümer +und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge sind oder +vertreten die _Brísingar_. Da nun Freyja ebenfalls von Anfang an +mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr wol die +Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „_Brísinga men_“ kam, als +einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, sie +habe sich „_uni familiarium_“ um goldenen Schmuck ergeben, so wird die +nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen Freyja und +Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge schlafende +Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der Held +Swipdag sich gewinnt, den Namen _Menglod_, die Halsbandfrohe führt, +so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des Tiuȥ +einst geltenden Mythus. + +Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen +Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel +heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen, +trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das +_Brísinga men_, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin für +ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre Treue +zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des Schmuckes, +der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod heissen. +Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so häufig, +auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt also +zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung weit +auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings denselben +Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus entstand, so +lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als Wodan-Odin ihn +verdrängte. + + +6. Freyja und die Riesen. + +Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem +Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten +bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der +Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen +hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur +Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich +fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag +in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und Wärme der Sonne, die +Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.[545] Darum stellen +ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen +Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem +Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen +haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer +Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten +Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten +Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten. + + +7. Freyja als Venus vulgivaga. + +Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie +das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim +zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das +Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt. + + „Die Männertollste müsste ich heissen, + Reiste ich mit dir ins Riesenland.“ + +Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern +Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein +sehr schlimmes Licht auf die Göttin: + + 30. Schweige du, Freyja, dich kenne ich völlig, + Du bist nicht von Fehlern frei: + Von den Asen und Elben, die hier innen sind, + Hast du jeden gern beglückt. + +Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen +Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine +entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich in +nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da heisst +es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem jeden +buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.[546] Eine Übertragung von +Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus _dies Veneris_ +bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte. + +Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga boten +allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit den +Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, sinkt +Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des Gottes, +zu seiner _friđla_, herab. Weil Thor die Freyja vor den begehrlichen +Riesen schirmt, heisst er _langvinr þrungvar_[547], alter Freund +der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als Freyja von +Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde und, um die +ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, die Hilfe der +Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese ihr Schmähungen +nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre schlüpften dir +unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie Heidrun die +Ziege unter den Böcken.“[548] + + +8. Freyja und Odr. + +Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der +beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen +kostbare Gegenstände _hnossir_ genannt werden. Odr zog fort in ferne +Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen sind rotes +Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich selbst +verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den Odr zu +suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als _Óþs mær_, Ods Braut +kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon im Abschnitt über +Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen vom Wode, der einer +Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. Wer in der Zaubrerin +_Gullweig_, der Goldigen, welche in Odins Halle verbrannt den Anlass +zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der Ynglingasaga gleichfalls +zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt annehmen will, kann auch +hierin eine Spur jener Volkssage finden. Die Sage von Freyja und Odr +kehrt das Verhältniss der vom Wode und von der Elbin um; die Gestalt +der die Lande durchschweifenden, goldene Thränen weinenden Göttin +sieht nicht germanisch aus. Die wunderlichen Namen wie _Mardoll_[549] +(aus dem Meer aufleuchtend oder hell glänzend), _Syr_ (_dea Syria?_), +_Hǫrn_ oder _Horn_ (_cornuta_, Mondessichel) kommen gerade hier vor +und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen +heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der +Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden +den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und +Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht +aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja +unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert +an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung +der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur +soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem +Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen +deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind +gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu +erklären.[550] + + +9. Freyjakult. + +Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher, +welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht +wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer +nachrühmt: + + Er türmte aus Steinen den Altar mir auf -- + Der Gneis ist nun zu Glas zerschmolzen[551] -- + Gefärbt ward er mit frischem Stierblut -- + Ottar glaubte an die Asinnen stets. + +Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine +Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares +angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war. +Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist +möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet. + + +10. Gefjon. + +In Gefjon[552] verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens +wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu +_Gefn_[553], wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname lautet. +Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So hofft +auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der +Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin. + + Loki: + + Schweige du, Gefjon, nimmer vergess ichs, + Wer zur Lust dich verlockt; + Der blonde Bursche bot dir den Schmuck, + Da schlangst du die Schenkel um ihn. + + Odin: + + Toll bist du und thöricht, Loki, + Wenn du Gefjons Grimm erregst, + Denn sie weiss die Weltgeschicke + Alle ebenso gut wie ich. + +Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen +Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach +kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt +sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche +Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten, +doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen +Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und den +andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende Gottheiten +angerufen. Der Skald Thjodolf[554] braucht für den Begriff Frau die +Umschreibung _ǫl-Gefn_ und _ǫl-Gefjon_, Kormak _men-Gefn_. In der +älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name der Freyja gewesen sein. Der +Verfasser der Lokasenna aber verstand eine besondere Göttin darunter, +denn er lässt Gefjon neben Frigg und Freyja auftreten, obschon er +nichts Besonderes und Eigentümliches von ihr weiss. Auch Snorre, +welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt Gefjon gesondert auf. + + * * * * * + +Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.[555] König Gylfi herrschte +über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass +er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch +ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier +Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber +war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen, +ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen +geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf +und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen +Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem Sunde stehen blieben. Hier +festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort +aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in +Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten +im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der +Alte. + +Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der +Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in +Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land +zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf +fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche +sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das +schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und +es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn, +der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie, +und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss +der Erzählung angeführt. + +Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der +göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering +in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon +und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung +beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier +durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der +Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als +ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel +ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen +Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen +von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum +aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt +rätselhaft. + + +11. Idun. + +Idun[556] heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die +Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie anfangen zu +altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum +Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt +Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen. +Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm +schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen, +wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und +führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem +Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar +erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit +sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam +der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den +Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell +alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun. +Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da +wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod +bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim +suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog +er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi, +als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die +Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als +Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und +flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen +sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte +seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer, +und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard. + +Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an: + + Schweige du, Idun, die von allen Weibern + Am meisten nach Männern jagt! + Um ihn wandst du die weissen Arme, + Der die Brust deines Bruders durchstiess! + +In der Sage von Idun, der Hüterin der Äpfel, verschmolzen mehrere +Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt +wird, erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der +Riesen gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck, +dass mit Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern +entzogen werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn +Idun in die Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den +Vorwurf der Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische +Skalden selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland +auch bei Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist +das frische Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns +Raub durch den Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume +und Entfärbung der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und +Winterwinde dar. Im Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün +zurück. Diese Deutung ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung +gelten zu können. Iduns Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki +dabei spielt, ist der Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt, +auf Lokis Rat sie zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch +wieder verliert, in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende +Merkmal der Idunsage bilden aber +Iduns Äpfel+, deren Herkunft aus +christlicher und antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen +Aufstellungen kann ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der +Äpfel willen, die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum +anders als mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die +Frucht früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen +also jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen +scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über +einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges +Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher +Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage, +wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie +werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen, +verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in +jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen. +Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den +Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie +einst den Wikingern auf Irland bekannt geworden sein. Von den Äpfeln +und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute +und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der +Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage +selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden +sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes +Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich +in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss +zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während +die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken +Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss +verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube +der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel +auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim. +Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die +alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend +eine List aus der Gewalt des Riesen löst. + +Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein +schönes dichterisches Bild. + + +12. Menglod. + +Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet +werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich +auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage, +erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint +die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft, +umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne, +Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten +oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und +segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern +Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten +Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald, +Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er +sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen) +Sohn nennt und sich in seiner wahren Gestalt zeigt. Selten ist ein +Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie +hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den +Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt +mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib +gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die +Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin, +Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe +der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.[557] + + +13. Schlussbemerkungen. + +In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte +Müllenhoff[558] zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über +Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u. A. ergänzt hatte, dass +die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre, +dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes +wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin +bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan +überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die +ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und +dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem +Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten, +durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder +wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten +Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken +nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten, +vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der +Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel +schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“ + +J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage +von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische +Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος +(Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς +ποικίλος, den sie am Busen trägt, dessen Zauber alle Götter und +Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht +sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem +uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214-218) erzählt. Wie den ἱμάς +Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel +das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold +der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine +andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes +und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand +ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch +eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es +nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165-168 von Heres θάλαμος, + + τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν + Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε + κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν. + +Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal +des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das +kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja +das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here +und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist +Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs +Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre; +weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt +die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer +germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil +ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist +endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in +einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen +genannt, mit denen sie im Wagen fährt.[559] Das Tiger- und Löwengespann +orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16. +Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen. + + + + +II. Die Erdgöttin. + + +Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen +nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar +aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende, +befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende. Im +Norden heisst sie mit einfach schönem Namen _Jord_, Erde. Ihr Gemahl +ist Odin, ihr Sohn Thor.[560] Aber dieses Verwandtschaftsverhältniss +ist nicht ursprünglich. Einst war der Himmelsgott der Gemahl der +Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus der Gewalt finstrer +Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd. Das alte Verhältniss +tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage. Thors Mutter heisst +auch _Fjǫrgyn_. Jord und Fjorgyn sind eins. Neben der Fjorgyn steht +ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin einmal Frigg bezeichnet +wird.[561] Da derselbe Name von Gott und Göttin gebraucht wird, muss +ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen sein. Wirklich lässt +sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes nachweisen. Zu Grunde +liegt der urgermanische Wortstamm _fergu_ (_quercus_). Im Litauischen +heisst der Donnergott ebenfalls _Perkunas_, so dass das Beiwort also +bereits vorgermanisch sein muss. Der Sinn des Namens ist _zur Eiche +gehörig_, _auf Eichen bezüglich_, _eichen_ (_querceus_). Der litauische +Donnerer führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter +und dem Donar war die Eiche geheiligt. Somit war *_fergunjaȥ_ eine +Benennung des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein +Beiname Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *_fergunjô_ +wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen haben, jedenfalls +empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und +einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten +einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin +von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb +er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des +Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber, +kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt +sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst. + +Ein angelsächsischer Flursegen[562], der freilich erst aus christlicher +Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt, +zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria +und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen, +Erde und Himmel (_eorđe and upheofen_) um Fruchtbarkeit angefleht. +Merkwürdig klingt folgende Anrufung: _Erce, Erce, Erce, eorþan módor!_ +Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die Äcker wachsen +und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne des Kornes +Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller Erde Wachstum. +Das Wort _Erce_ scheint Erde zu bedeuten, und die Erde selber wurde +sicherlich einst allein angerufen. Warum aber _Erce_ Mutter der Erde +genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht ist irgend eine Verderbniss +der Überlieferung anzunehmen. Besonders schön und anschaulich ist das +Gebet, unter welchem man den Pflug in Bewegung setzt und die erste +Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der Menschen, sei du wachsend +in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum Nutzen der Menschen!“ Der +angelsächsischen Anrufung „_hál wes þu, folde, fira móder_“ entspricht +genau Brynhilds Gruss beim Erwachen aus dem Zauberschlafe: Heil euch, +Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil dir, fruchtbare Erde (_heil siá en +fjǫlnýta fold_)! Beidemal wird die Erde „_fold_“ genannt. Offenbar +wirkt im ags. Segen und im nordischen Tagesgrusse eine altgermanische +Formel nach, ein Gebet an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen, +Urquell alles Lebens ist. Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit +dem Himmelsgotte erwähnt. Aus solchen feierlichen Opfergebeten mögen +Lieder und Mythen entspringen, wie das Lied von Freyr und Gerd. Im +englisch-nordischen Gebet an _Fold_, die in des Gottes Umarmung +fruchtbar wird, liegt gleichsam der Keim der schönen mythischen +Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l hervorleuchtet. + +Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde _Rind_ +gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali, +Baldrs Rächer zu erzeugen.[563] Rind ist die unbebaute, harte und +unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit +(Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber +geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi +ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der +keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch +aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag +immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde +harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen. + + +Nerthus. + +Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die _Nerthus_. Auf +einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche bedeckt, +ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser erkennt, +wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn sie +auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit +umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe +Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem +Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit +selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich +ertränkt.[564] Tacitus deutet Nerthus als _terra mater_, weil die +Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen +Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt +dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch +erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt des +von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord (_Nerþuȥ_), +wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos entspringt die +Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und in der Neuzeit +in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen nachwirkt. +Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der im Lenze neu +erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als Maigraf, Maigräfin, +Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister bewillkommnet. +Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt. Zu Ostern +und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme des +gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten sie +mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten sie +zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung +von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde +Ehren.[565] Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen. +Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen +worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah +der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die +Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit +segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen, +beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die +ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme +der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und +Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt. +Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor +durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der +Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug +und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter +des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr +eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für +ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare +die Zeugungskraft des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin +der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter +den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst. +Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und +Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und +Reigen ihr Einzug gefeiert. + + + + +III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken +Autoren. + + +Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche +inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten +steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst +dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht +viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und +selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da +die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z. B. +allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht +aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts +über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle +Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher. + + +1. Tanfana. + +Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen +feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie +die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren +Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie +geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam. +Er verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die +Runde liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung, +Mann und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana +-- _celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant_ -- +dem Erdboden gleichmachen.[566] Die Zeit dieses Überfalles war das +Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern +zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der +Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte +Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim +altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer +Göttin, Tanfana.[567] Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde, +und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht. +Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff +vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie _Juppiter dapalis_, zu dem +der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl, +die _daps_, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin erkläre +sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei die +Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende, +Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch +dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers. + + +2. Baduhenna. + +Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im +Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.[568] Aus der flüchtigen +Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob +der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme mit +Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten Falle +konnte die friesische Form etwa _Baduwini_ lauten. _Baduwini_, +die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen _Siguwini_, +die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung _badu-wenna_ (got. _winno_, +Leidenschaft, ahd. _winna_, Streit) kann der Name auch „kampfwütig“ +bedeuten.[569] Jedenfalls steckt _badu_-, „Kampf“, im Namen, und daher +scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht oder Walfeld zuzukommen. + + +3. Die Alaisiagae. + +Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch +_duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene_. Darunter sind wol Göttinnen zu +verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben +müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind +es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen +nicht gelingen will.[570] Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott, +als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst. Da +wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen Friesland +genannten _bodthing_ und _fimelthing_ hin. In der Benennung dieser +Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie in den Namen der +Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding des Volkes gesetzt, +so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge seien unter den Schutz +der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch die nordische Syn bei den +Dingversammlungen in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo +Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold vermutete noch Schreibfehler +für *_alaisagiis_ (_êsago_); es seien die Gesetzessprecherinnen. +Somit schien das Denkmal irgend einem Rechtsfalle zu entstammen. Aber +_bodthing_ und _fimelthing_ sind späte Einrichtungen der Friesen, der +etymologische Zusammenhang mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft, +Mars Thingsus ist nicht der übers Ding waltende Tiuȥ. + +Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes +Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort +_al-aisiag-_ an, das zu ahd. _êrên_, an. _eira_, „schonen“, gehöre. +Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist Dativ zu friesisch +*_Bêd_. Der Name steht im Ablaut mit as. _gibada_, „Trost“, mhd. +_bate_, „Nutzen“, „Hilfe“; er besagt etwa helfende Trösterin. Zu +Fimmilene wird im Nominativ eine germanische _Fimilô_ angenommen +(zu an. _fimr_, „hurtig“, „behend“). Es sind demnach göttliche +Hilfespenderinnen, die Trost und rasche Abwehr drohender Gefahr +gewähren. + +Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. _eisa_, „eilen“, +„stürmen“, aus, das urgermanisch *_aisjan_ lauten müsste. Alaisiagen +wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird mit as. _undar-badôn_, +„erschrecken“, in Verbindung gebracht. _Bêdô_ sei die Schreckerin, +die Bedrängerin, die Verkörperung des Wirbelwindes. _Fimilô_ heisst +Bewegung, Wehen des Windes; im Nds. bedeutet _fimmeln_ „flattern“, „hin +und her fahren“; _Svipul_, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der +Denkstein gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig +einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden _Bêd_ und der stürmenden +_Fimila_. + +Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele +Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten, +wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten +Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der +Göttinnen uns vollkommen dunkel. + + +4. Hlodyn und Hludana.[571] + +Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige, +Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda +fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise +wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen, +wonach die Steine als Hlodyns Knochen bezeichnet werden.[572] Die +Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls +mit Jord gleichbedeutend erscheinen. + +In Niederdeutschland, am Rhein, in Geldern und Friesland sind Steine +einer _dea Hludana_ gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der +Fischerei (_conductores piscatus_) der Hludana das Denkzeichen. Obschon +die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau +zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für +gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und +nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst +werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten. +Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet +eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr +bietet. _Hlóđyn_ wird gewöhnlich zu _hlađa_, _hlađan_, aufrichten, +aufladen, gestellt. An. bedeutet _hlađ_, Haufen, _hlóđ_ Herd. Daraus +wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen. Indess scheint für _hlóđ_ +Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung angenommen werden zu müssen. +Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann nimmt _hlôþa_ für die Hochstufe +zu _holþa_, hold. _Hludana Hlođyn_ ist die holde, gütige Freundin der +Menschen, ein Beiwort, das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die +Verschiedenheit des Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz +hätte germ. _ô_ mit _u_ gegeben, meinte also eigentlich _Hlôdana_. +Müllenhoff leitete Hludana aus _hluda_-κλυτός, dem bekannten Stamm +unsrer Eigennamen Hludwig, Hludhari u. a.; es sei die „berühmte“ +Göttin. Aber dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht. +So bleibt vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die +Gleichheit der Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale +keinen Anstoss nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit +Kauffmann aus der Kurz- und Vollform eines Namens erklären: _Hlôþô_ zu +_Hlôþawini_ (_Hlóđyn_) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u. a. + + +5. Isis-Nehalennia. + +Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des +Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer +darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche +Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten +die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine +germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten. +Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein +römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen, +welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein +Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf +dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein, +oder trat der germanische erläuternd hinzu (_Marti Thingso_, _Mercurio +Channini_, _Herculi Magusano_ u. ä.); endlich konnte auch nur der +Name der fremden Gottheit allein in latinisierter Form eingesetzt +werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen auf den Altären +angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher das Wesen der +Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also hauptsächlich +von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal diese oder jene +Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen vermeint, so wurde +sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht etwa in dem Bestreben, +im Bilde die hervorragenden Eigenschaften der fremden Gottheit +festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze bildliche Darstellung +solcher Steine ohne weiteres ins Germanische umsetzen, wie es Hoffory +bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.) bei der Nehalennia thut. +Gibt sich doch im Altarbild meistens nur dieselbe allgemeine, mitunter +höchst oberflächliche Ansicht des römischen Beobachters kund, welche +auch in der interpretatio zum Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan, +Frija, Donar mit Mars, Merkur, Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist +damit nur erwiesen, dass den Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen, +aber nicht dass alle Züge der römischen auf die germanischen Gottheiten +passen. Gelangt also nur einseitige Mitteilung römischerseits über +eine germanische Göttin auf uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich. +Oft ist nicht mehr als der blosse germanische Göttername zu lernen, +dessen Erklärung die grössten Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass +einige in die Augen fallende Züge der interpretatio und der bildlichen +Darstellung der verglichenen Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht +zu bezweifeln. Aber schwer, wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen, +welche Eigenschaften der interpretierten Gottheit überwiesen werden +dürfen, welche nur im Banne der einmal feststehenden römischen +Anschauung hinzutraten. Hatte ein römischer Handelsmann z. B. an +fremder Küste die Isis gefunden, so stellte er sich zuerst seine Isis +vor und übersah die wesentlichen, bedeutenden Unterschiede zwischen +ihr und der nichtrömischen Göttin. Verbanden sich im Banne der einmal +festgestellten Auslegung allerlei ungehörige Vorstellungen mit der +fremden Göttergestalt, so blieben auch wieder deren wichtigste und +nötigste Eigenschaften völlig verborgen. Hätten wir von Wodan und Frija +nur die Namen und die römische Auslegung Merkur und Venus überkommen, +so wären unsere Begriffe gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser +Lage befinden wir uns aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus +römischer Umgebung oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften +und römische Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und +Berichtigung germanischer Denkmäler, bekannt sind. + +Nach der Meldung des Tacitus[573] brachte ein Teil des grossen, +zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar. +Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der +Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten +Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an +der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben. +Diese Isissteine waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben, +aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die +Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen +Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine +Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie, +wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und +Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März +ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (_navigium Isidis_) +dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer, +die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so +alljährlich festlich begangen. + +Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am Rhein +und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung vorgelagerten +Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen Kaufleuten +wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin _Nehalennia_ +geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden sich 1647 und 1870 +im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene Denksteine dieser +Göttin.[574] Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes, vermutlich ein +römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der Steine zeigen +einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer; sie hat den linken +Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und stützt sich auf ein +Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass die Nehalenniabilder +Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind, dass die Nehalennia demnach +den Kaufleuten als die Isis erschien. Offenbar ist es dieselbe Göttin, +von den Römern als Isis aufgefasst, der sie an der suebischen und +batavischen Küste und am Rheine Altäre aufstellten. Durch Tacitus hören +wir, dass das Schiff ihr Abzeichen war, auf den Altären steht ihr +deutscher Name, Nehalennia. Was auch sonst noch von dieser germanischen +Göttin erzählt worden sein mag, ihre Beziehung zur Seefahrt ist +sicher. Darum begrüssten sie die Römer an den Ufern der Ost- und +Nordsee als Isis und empfahlen ihre Schiffe und ihre Ladung dem Schutze +der Nehalennia. Damit endet aber auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser +Göttin. Nicht einmal soviel ist klar, ob sie auch bei den Sueven +Nehalennia hiess, oder ob dieser Name nur am Rhein und bei den Batavern +ihr beigelegt war. Die Erklärung des Namens macht Schwierigkeit. +Kauffmann denkt an ein germanisches Beiwort *_nêwolos_, *_nêalas_, +zu urgerm. *_nêwô_ mhd. _nâwe_, wie _navalis_ aus _navis_ entwickelt +ist. Daraus wäre eine Weiterbildung *_nêalenî_, gen. _nêalenniôs_. Im +Namen _Nehalennia_, „_navalis_“, „_zu den Schiffen gehörig_“, läge eine +Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die Schiffsgöttin. Njords Heimat +ist _nóatún_, die Schiffsstätte, und an die Wanen erinnert Nehalennia +insofern, als beide die Schifferei beschirmen. Die germanische +Ablautsform _nêu_-: _nôu_- erscheint in _Nêalenî_ und _nóatún_, mhd. +_nâwe_ und an. _nór_. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name, +vielmehr ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat. +Freilich hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos +sicher überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden +muss. Das _h_ sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch +sonst vorkomme, z. B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u. drgl. +Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *_neqos_ (νέκυς) +aus, dem urgerm. *_nehuaz_, westgerm. *_nehaz_ entspräche, wie got. +_saíƕan_ und _aƕa_ gegen ahd. _sehan_ und _aha_. Daraus ergibt sich im +Namen der Göttin ein Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem +Wesen zu rechtfertigen ist, bleibt dunkel. + +Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise +Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum. +Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester +mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann[575] vermutet, +dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die +heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu +Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und +als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben, +die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche +Eifer schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17. +Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme +deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein +Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht +den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“ + + * * * * * + +Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche +Bräuche[576] in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein +Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das +auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst +nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach +Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall +unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war +Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener +Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht. +Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore +öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen, +dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder +erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte +heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff +ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer +Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne +ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen; +man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche +Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von +den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu +gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich, +es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das +Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that +der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier +des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber +die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest +eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. Auf schwäbischem Boden, +also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein +Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen, +den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des +Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu +erhalten, ist weit verbreitet.[577] Es geschah um Neujahr oder zur +Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit +dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung, +dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen +erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar +ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig +auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen +in Verbindung mit Dionysus vor[578] und muss also von Alters her mit +den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und +an Carnevalsbräuche erinnert werden.[579] Nur unter Vorbehalt seien +hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit +Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung +gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln. + +Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein +bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt +beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am +Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr +Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die +Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung +ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert. + + +6. Die Mütter. + +In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien, +namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400 +Weihsteine, welche den „Müttern“ (_matrones_, _matres_, _matrae_) +meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.[580] Diese Mütter, mitunter +in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige Beinamen, +darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht anzuzweifeln +ist (z. B. _Aufaniabus_, _Gavadiabus_, _Vatviabus_ oder _Vatvims_, +_Saitchamims_ oder _Saithamiabus_, _Aflims_ oder _Afliabus_). Die +Dative auf _-ims_ sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie +der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte. +Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen +germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich +zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten +sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im +römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern +Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch +schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt +werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich +den _genii loci_. Als solche sind sie allgemein und überall möglich +und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie +die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und +segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das +Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer +Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus +omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch +den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa +verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie +beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen +handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen +Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein +Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die +dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter +sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die +suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und +dalmatischen gleichzuachten, sie bestehen allein in der Vorstellung +des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf +wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat +in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun +germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische +Ortsnamen zurückzuführen. Die _Matres Gavadiae_ hängen mit dem Zeitwort +_wadan_, _waten_ zusammen und entstammen wol einem Ortsnamen im Sinne +von _Furt_. An der Diemel ist später ein _Wetiun_ bezeugt, das aus +demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ _Vatvims_ gehört zu einem +german. _watwî_, Wasserland, und stellt sich zu den vielen mit „Aue“ +zusammengesetzten Ortsnamen. Solche Mütter mit germanischen Beinamen +sind demnach befriedigend zu erklären: sie sind die Schutzgeister +germanischer Örter. Deutsche im römischen Heeresdienste nahmen den +Matronenkult an und stellten damit die ferne Heimat unter göttlichen, +mütterlichen Schutz. + + +7. Dea Sandraudiga und dea Vercana. + +Mit der _dea Sandraudiga_[581] eines nordbrabantischen Steines, den +die _„cultores templi“_ gestiftet, ist nichts anzufangen. Der Name +zerfällt in germanische Bestandteile, got. _audags_, an. _auđigr_, +reich, glücklich, und _sandr-_, wahr, wahrhaft, wie in Eigennamen, +z. B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin ist, etwa eine +spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die _dea Vercana_[582] auf +dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein aus dem Nemetergau +(Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich mit Athenes Beinamen +Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens. Ob die _dea +Vagdavercustis_[583], welcher der Decurio Simplicius Super in Geldern +einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana gehört, bleibt +unentschieden. Der Stamm _„werk“_ begegnet in beiden Namen, und zwar +auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im übrigen ist alles +dunkel. + + + + +IV. Totengöttinnen. + + +1. Die Hel. + +Got. _halja_, an. _hel_, ags. _hell_, as. ahd. _hella_ geben den +räumlichen Begriff „Untererde“, _infernus_ und dienen zur Übertragung +von ᾅδης, _gehenna_, _infernus_. Gemeint ist der Aufenthaltsort der +abgeschiedenen Seelen, die Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte +sich die Bedeutung „Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der +christlichen Hölle verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort +einen entsprechenden Zusatz, besonders _wîti_, „Strafe“ (an. _helvíti_, +ags. _hellewíte_, ahd. _hellawîȥȥi_). Obwol der Begriff Hölle bei +Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht +daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung +entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine +derartige Annahme. _Halja_ darf als ein gemeingermanischer uralter +Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter +verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische +Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort +fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da +diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind, +darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort +_halja_ auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist, eine +Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom Leibe +gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben _räumlichen_ +Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern. _Hel_ heisst das +Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle gehen, fahren, schlagen, +wird für sterben, totschlagen gesagt; in der Hölle, aus der Hölle +bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod und Leben schweben heisst +bildlich zwischen Welt und Hölle liegen (_at liggja á milli heims ok +heljar_). Noch bewahrt der dänische und schwedische Ausdruck _ihjel_, +_ihäl_, eigentlich in die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen +u. s. w. deutlich die ursprüngliche Vorstellung. _Helgrind_, das +Höllenthor, verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten +wiedergehenden oder beschworenen Geistern auf. _Helvegr_ ist der Weg +zur Unterwelt, dem der westfälische _Hellweg_, Totenweg entspricht. +_Helskór_ ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung +mitgegeben wird. _Helreiđ_ ist die Höllenfahrt, die Brynhild auf einem +Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes, wofür +die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in Hülle +und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel +aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast +jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war +kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten. +Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen +die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze +grosse Wal zu bergen vermöchte.[584] Die Gefallenen waren doch sicher +nicht lauter verdammte Bösewichter. + +Im Norden steht aber neben _hel_ +die Hel+, _die persönlich gedachte +Beherrscherin der Toten_. J. Grimm und nach ihm viele vermeinten, +in diesem _persönlichen_ Begriff das Ursprüngliche zu finden, der +sich erst in den _örtlichen_, von Goten und Westgermanen allein +bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von der Besitzerin den +Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht leicht der Glaube +an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen sich decken. In +unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so stark hervor, dass +nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss umkehren wird. Eine +germanische _halja_ ist unbedenklich, eine _Halja_ aber unerweislich. +Hört man auf die Zeugnisse, so wird man auch nicht ohne zwingende +Gründe darüber hinaus trachten. Da nun _halja_ allen Germanen bekannt +war, _Hel_ aber nur im Norden vorkommt und auch hier eigentlich nur in +der Skaldendichtung, so liegt der Schluss nahe, +im Norden entwickelte +sich aus der örtlichen hel die persönliche Hel+. Einer persönlichen +Halja hätte schwerlich der Zugang in die biblischen Schriften offen +gestanden, eine örtliche halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien +ungefährlich. Bei der nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere +Entwicklungsstufen unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen +Toten offen stand, nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die +andern in die Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu +Elben und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der +christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre +Zuweisung an die Hel bestimmt. + +Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur _hel_.[585] Zu Fuss, zu +Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden. Der +Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt, eine +goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber. +Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht, +wo der Hund _Garmr_ (Kerberos)[586] lauert. Hier dringt bereits ein +fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung vom +Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer Pforte die +Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine von finsterem +Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als _niflhel_ oder _niflheim_.[587] +Auch über der christlichen Hölle lagert, trotzdem sie von Feuer erfüllt +ist, stellenweise Nebel und Finsterniss. Drinnen erhebt sich der Hel +Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr ist zunächst nicht viel anders +gedacht, als das irdische. Vornehmen Ankömmlingen wird ein würdiger +Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind die Bänke mit Ringen besät, die +schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met ist für ihn gebraut, der klare +Trank steht da, vom Schilde bedeckt. Baldr nimmt in Hels Halle den +Hochsitz ein.[588] Was Hel besitzt, hält sie fest. Nur ausnahmsweise +wird Baldr auf der Asen Ansuchen Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen, +lebende und tote, um ihn Thränen vergiessen. Die Hel tritt in keiner +Sage eigentlich handelnd hervor. Sie bleibt immer nur begrifflich, wie +überhaupt oft schwer zu sagen ist, ob in einer Redensart die örtliche +oder persönliche Hel gemeint ist. So begegnet im Norden das Bild +schwarz wie die Hölle, woraus der Beiname _heljarskinn_, Höllenhaut für +einen Menschen mit hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im +Gegensatz zur leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel +und Hölle als schwarz. Der _hellemôr_ ist bei mittelhochdeutschen +Dichtern der Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln +Totenreich, von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber +entartende Phantasie hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe. +Aus den angeführten Redensarten _blár sem hel_, _heljarskinn_ braucht +man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute die Hel +in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann ebenso +sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert von +Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist fürs +Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden mit +drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der +christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich +oft wunderlich vermischt. + +Dass sich in der Hölle Straförter befanden, nahmen die Skaldengedichte +des 10. Jahrhunderts an. Die Vǫlospǫ́ 38 sagt: + + Einen Saal seh ich stehen der Sonne fern, + Auf Nastrand, die Thüren nach Norden gerichtet; + Durchs Rauchloch strömte ein Regen von Gift, + Denn die Wände des Saales sind umwunden von Schlangen. + +_Nástrǫnd_ bedeutet Totenstrand, und dieser Ortsname weist aufs +Totenreich. Der Verfasser der Vǫlospǫ́ hatte demnach zweifellos +die Vorstellung, dass es in der Hölle Qualörter gäbe, und er +malte sich den höllischen Saal furchtbar genug aus. Dass er aber +damit echt germanische, heidnische Anschauungen wiederholt, ist +sehr unwahrscheinlich. Derlei düstre Schreckbilder entstammen der +christlichen Mythologie, aus der einmal doch der wesentliche Inhalt +der Vǫlospǫ́ geschöpft ist.[589] Die 39. Strophe des Gedichtes im +Verein mit Reginsmǫ́l 4 ergibt die Vorstellung eines wilden, eisigen +Höllenstromes, der spitze Waffen in seinen Wogen führt. Meineidige, +Mörder, Ehebrecher müssen zur Strafe drin waten. Auch hier dürfte +der höllische Strafort nicht aus dem Bestande der germanischen halja +geholt, sondern durch christliche Einflüsse entstanden sein. Doch +können volkstümliche Elemente mit verwertet sein. Alt und allgemein +scheint der Glaube, dass der Verstorbene, dem zu diesem Behufe der +Schuh in den Sarg gelegt wurde, eine lange gefahrvolle Wanderung über +Gestein und durch Dornicht zurücklegen, endlich auch durch den Fluss, +der die Welt der Toten und Lebenden trennt, waten müsse.[590] Leicht +entsteht daraus die Vorstellung einer Strafe, indem der eine länger, +der andere kürzer, je nach seiner Art zu wandern hat, insbesondere wenn +die Einbildungskraft mit Höllenstrafen erfüllt ist. + +Wenn Snorri in Gylfag. Kap. 3 behauptet, die Seelen der Rechtschaffenen +werden bei Allvater in Gimle weilen, die bösen dagegen kommen zur Hel +und von dort nach Niflheim, so denkt er hier vollkommen christlich +und verweist die Guten in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Ganz +anders unterscheidet er Gylfag. Kap. 20 und 24, wonach die im Kampfe +Gefallenen zu Odin und Freyja eingehen, während nach Gylfag. 43 zur +Hel diejenigen gelangen, die an Krankheiten oder Altersschwäche +starben. Also nicht die Lebensweise, sondern die Todesart entscheidet, +und das ist heidnische Anschauung. Man erwartet nun, diese in den +alten Gedichten durchweg bestätigt zu finden, wenigstens dort, wo +ausgesprochener Odinsglaube herrscht. Aber dem ist nicht so. Wie +einerseits Walhall seine Thore auch denen öffnet, die nicht an Wunden +starben, so nimmt die Hel Waffentote zu sich. In Wirklichkeit sind +eben Hel und Walhall eins, das grosse, allumfassende Seelenreich, +Walhall ist nur ein Versuch, für Bevorzugte ein eigenes Heim zu +schaffen, aber immer bricht der alte Glaube von der Hel durch. So +steigt der schwertdurchbohrte Baldr zur Hel hinab. In den Atlamǫ́l +herrscht durchgehends die Annahme, dass die Gefallenen zur Hel fahren. +Besonders fällt auf, dass Brynhild den Hjalmgunnar zur Hel schickt +(Helreiþ 8). Man sollte meinen, die Walküre müsse den Mann, dessen Tod +im Kampfe sie veranlasst, nach Walhall kiesen. In der Fóstbrœðrasaga +Kap. 4 träumt ein Mann von einem andern, die Hel werde als Hausfrau ihn +umarmen. Bald darauf wurde jener auch erschlagen. Angantyr mit seinen +Brüdern war im Kampfe gefallen; der Hügel wurde über ihm gewölbt. Als +aber seine Tochter Herwor mit Zauber ihn aufweckt, um das treffliche +Tyrfingschwert vom toten Vater zu erhalten, heisst es: Auf that sich +die Höllenpforte (_helgrind_). Der Skald Egil erschlug drei Männer, +welche König Eirik zu seiner Verfolgung ausgesandt hatte. Da sang er: +Allzu lang zögern sie mit der Rückkehr zum König, da sie zu dem hohen +Saal der Hölle gefahren.[591] Im Lied von Gudruns Aufreizung 19/20 +wird Sigurd von Gudrun ermahnt an sein Versprechen, aus der Hel (_or +heljo_) heimzukehren. + + Aufs schwarze Streitross schwinge dich, Sigurd, + Hierher lenke den hurtigen Renner. + +Mithin ist Sigurd in der Hölle gedacht, während Sigmund und Sinfjotli +dem Eirikslied zufolge in Walhall weilen. + +Was bei Snorri[592] und sonst noch von Hel erzählt wird, entstammt +später Erfindung und zeigt auch fremdartige Bestandteile. Hel ist Lokis +Tochter, weil Hölle und Lucifer unzertrennlich sind. Mit dem Fenrir +und der Weltschlange, ihren Geschwistern, wurde Hel in Riesenheim +aufgezogen. Allvater Odin schleuderte die Hel nach Niflheim und gab ihr +Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren +Aufenthaltsort anweise. Sie hat dort eine grosse Wohnstätte und die +Wälle sind überaus hoch und die Thore weit. Eljudnir (Plagebereiter) +heisst ihr Saal, Hungr ihre Schüssel und Sult (Hunger) ihr Messer, +ihr Knecht Ganglati (zum Gehen träge), ihre Magd Ganglot, fallendes +Unheil das Thor, die Schwelle, die hineinführt, Geduldermüder, Kor +(Krankenbett) ihr Lager, bleiches Unglück das Betttuch oder der +Vorhang. Sie ist zur Hälfte schwarz und zur Hälfte fleischfarben, so +dass sie leicht zu erkennen ist, und sieht mit ihrem herabhängenden +Kopfe recht grimmig aus. Solche Vorstellungen gefallen sich in der +Ausmalung eines trostlosen Schreckensortes und entspringen zweifellos +der christlichen Hölle. Auf diesen Gedankenkreis weist schon Loki hin. +Noch im Heidentum erscheint Hel als Lokis Tochter und Schwester der +Ungetüme, und so mag schon frühzeitig die Hölle als Ort des Schreckens +gedacht worden sein, obwol die ältere Vorstellung vom blossen +Totenreich daneben noch fortdauert. Das Gleiche ist auch in Deutschland +zu beobachten, wo nach J. Grimm, Myth. 761, erst im 13. Jahrh. Hölle +im Sinne von Aufenthalt der Verdammten sich festsetzte, während zuvor +meistens der alte Sinn des Wortes noch vorherrscht. + +Wenn Loki zum Weltbrand mit den höllischen Heerscharen heranfährt, +gemahnt auch dieser Zug an christliche Vorstellungen vom Weltende.[593] + +Wer von Hels Äpfeln genoss, muss bei ihr bleiben. So wenigstens lässt +sich eine Stelle der jungen Saga af Viga-Styr ok Heiðarvigum, Kap. 26 +auslegen.[594] So wird Proserpina durch den Genuss des Granatapfels +gezwungen, in der Unterwelt zu verweilen; auch deutsche Sagen bieten +Beispiele, dass lebende Menschen durch den Genuss von Speisen im +Seelenreiche den Toten anheimfallen. + +In dem vollständig christlichen Sólarljóð, das vermutlich erst dem +17. Jahrh. angehört, sagt der Geist des toten Vaters zum Sohne: Hels +Bande umstrickten mich. Ich wollte sie zerreissen; aber sie waren +stark. Überall bedrückte mich Angst. Jeden Abend entboten Hels Mädchen +mir heim zu sich. Die Sonne, das Tagesgestirn, sah ich versinken; die +Pforte der Hel hörte ich dumpf ertönen. + +Aus biblischen Stellen fliesst die Unersättlichkeit der Hölle, +das Öffnen ihres Mundes und dadurch der Versuch, sie persönlich +darzustellen, wie J. Grimm in älteren und jüngeren deutschen Schriften +beobachtet. In mhd. Gedichten spricht die Hölle mit dem Teufel. J. +Grimm sieht darin eine Nachwirkung der persönlichen germanischen +Halja. Aber dem steht entgegen, dass der örtliche Begriff der älteste +und ursprünglichste, der persönliche der abgeleitete ist. Da Hel +von Anfang an als Lokis Tochter erscheint, also in Verbindung mit +dem Teufel, ist die Möglichkeit vorhanden, dass eine persönliche +Hel im Norden überhaupt erst unter christlicher Einwirkung aufkam. +Ihre Persönlichkeit ist ebenso wenig weiter ausgeführt, als es bei +der christlichen Hölle der Fall ist; sie verharrt in ihrer farblosen +Allgemeinheit. Eine echt nordische ursprüngliche Hel wäre wol kräftiger +und lebendiger gestaltet worden. Die persönliche nordische Hel +unterscheidet sich durch nichts von den entsprechenden Ansätzen zur +Persönlichkeit der christlichen Hölle und ist daher letzterer gleich zu +achten, ja sogar daraus zu erklären.[595] + + +2. Die Ran. + +Ran, die Räuberin[596], welche einmal unter die Asinnen gerechnet +wird, ist Ägirs des Meergottes Weib. Sie haben neun Töchter mitsammen, +die persönlich gewordenen Wellen. Als die Götter in der von Golde +erleuchteten Halle des Ägir beim Gelage sich versammelten, gewahrten +sie, dass Ran ein Netz besass, das sie nach allen Menschen, die auf +die See gingen, ausstellte. Als Loki den Zwerg Andwari fangen wollte, +ging er zu Ran und borgte sich ihr Netz. In den Gedichten wird häufig +beschrieben, wie Ran ihre Beute erjagt, aber dabei verlautet nichts +mehr vom Netze. Von einer Riesin, die Helgis des Hjorwardsohnes Schiffe +zum Scheitern zu bringen suchte, wird gesagt, sie wollte sie der +Ran geben. Von Helgis des Hundingtöters Schiff, das der Sturmgefahr +entronnen, heisst es: Kräftig riss sich aus Rans Krallen das Gischtross +Helgis. Also herrscht die Vorstellung, Ran greife mit den Händen +nach dem in Seegefahr befindlichen Schiffe. Kurz zuvor ist von den +unholden Wogentöchtern Ägirs die Rede, welche die Schiffe umzustürzen +trachteten. In Seesturm und Wogenprall schien den Skalden die Ran +selber thätig zu sein. Im 11. Jahrh. sagt der Skald Ref: das Wogenpferd +(d. i. Schiff) reisst die rot bemalte Brust aus dem Rachen der Ran +(_or munni Ránar_). Den Tod seines ertrunkenen Sohnes betrauernd sang +Egill: Ran hat mich sehr niedergeschlagen. Ein anderes Bild braucht +die Fóstbrœðrasaga: Die Töchter der Ran versuchten die Bursche und +trugen ihnen ihre Umarmung an. Die junge, dem 14. Jahrh. angehörige +Fridthjofssaga gefällt sich besonders in der Schilderung der Ran. Bei +einem gefährlichen Sturme sagt Fridthjof: Jetzt muss ich wahrlich +der Ran Bett besteigen, ein andrer wird das der Ingibjörg einnehmen. +Weiterhin wird berichtet: Es steht zu erwarten, sprach Fridthjof, +dass einige von unsern Leuten zur Ran fahren werden. Wir werden nicht +viel gleich sehen, wenn wir dahin kommen, wenn wir uns nicht prächtig +schmücken. Es scheint mir rätlich, dass jedermann einiges Gold bei +sich trage; da hieb er den Ring entzwei, das Geschenk der Ingibjörg, +und teilte ihn unter seine Leute aus und sprach die Weise: Diesen +roten Ring, den Halfdan besass, muss man entzwei hauen, ehe uns Ägir +verdirbt. Gold soll man sehen an den Gästen, ehe wir der Gastung +bedürfen. Das taugt vornehmen Recken mitten in Rans Sälen. Fridthjof +schilt die Ran ein grausames, fühlloses Weib (_siđlaus kona_). Obwol +die Beutegier der grausamen Meeresgöttin auf diese Art anschaulich +geschildert wird, ist doch der Aufenthalt in den Sälen der Ran +keineswegs mit düstern Farben ausgemalt. Wer im Kampf mit den Gewalten +des Meeres erliegt, wird dadurch zu den Sälen der Seegötter geladen und +dort ebenso ehrenvoll aufgenommen und gehalten, als derjenige, den eine +andre Todesart in die Gemeinschaft anderer Götter und Geister ruft. Aus +der Zeit kurz nach Annahme des Christentums auf Island wird berichtet: +Da hielt man es für gewiss, dass die Leute bei Ran wol aufgenommen +worden seien, wenn zur See umgekommene Leute ihr Erbmahl besuchten; +denn da war noch der alte Aberglaube wenig geschwächt, obwol die Leute +getauft waren und Christen genannt werden mochten. Um die Mitte des 11. +Jahrh. singt der Isländer Sneglu-Halli, wenn er den Untergang seines +Schiffes voraussagen will: Deutlich sehe ich, wie ich bei Ran sitze; +einige sind beim Schmaus mit den Hummern; klar ist’s, dass man beim +Dorsche gaste. Das Verhältniss der Ertrinkenden zur Ran ist dasselbe +wie das Verhältniss der durch Waffen Gefallenen zu Odin. Nur ist +weder hier noch dort der Glaube allgemein und ausnahmslos. Wie auch +waffentote Männer zur Hölle fahren, so kommen auch Ertrunkene mitunter +anderswohin als zur Behausung der Ran. Thorstein und seine Genossen +waren ertrunken. Man erwartet, dass sie zur Ran kämen. Aber ein Hirte +sieht, wie die Seelen der Verstorbenen in den Berg Helgafell eingehen +und von den Geistern mit grossem Schalle und Hörnerklang begrüsst +werden.[597] + +Ran, als Meergöttin und Gemahlin Ägirs, darf als eine Schöpfung der +Skalden betrachtet werden. Doch erhebt sie sich aus den Gebilden der +allgemeinen Volkssage, aus den Wassergeistern, die im räuberischen +Wesen ihr vollkommen gleichen, die ebenso wie sie freundliche und +feindliche Seiten aufweisen. + + +V. Nordisch-finnische Göttinnen. + + +1. Skadi. + +Über Skadi, des Riesen Thjazi Tochter, die im Riesenland haust, auf +Schneeschuhen läuft und Wild mit dem Bogen schiesst, die durch die +Vermählung mit Njord in den Kreis der Asinnen eintritt, deren Gunst +genossen zu haben, Loki sich rühmt, wurde schon berichtet.[598] Hier +ist noch der Sage zu gedenken (Ynglingasaga Kap. 9), wonach sie die +Gemeinschaft mit Njord aufgab und dem Odin sich vermählte. Sie hatten +manche Söhne mit einander, einer hiess Säming. Davon dichtete Eywind +im Haleygjatal: Ihn erzeugte der Asen Urheber mit der Riesin, als der +Freund der Helden und Skadi in der Menschenwelt hausten und manche +Söhne die Schlittschuhgöttin von Odin empfing. Auf Säming leitete Jarl +Hakon der Reiche (970-995) seine Ahnen zurück. Die Volsungasaga scheint +Sigi als den Sprössling Odins und der Skadi betrachtet zu haben. +Der mächtige Mann Skadi, dessen Knecht Bredi, der geschickteste und +glücklichste Jäger, von Sigi, dem hochfertigen Sohne Odins, weil er es +ihm auf der Jagd zuvorthut, erschlagen wird, gleicht der riesischen +Göttin Skadi, die als Jägerin auf Schneeschuhen im norwegischen Gebirge +umherstreift. Vermutlich wurde einst Sigi wie Säming für einen Sohn +Odins und der Skadi ausgegeben, der erst wegen seines frevelhaften +Eingriffs in den Betrieb der Mutter deren Land räumen musste. Der Name +der Göttin, Skadi, der Form nach männlich, gab zu dem Missverständnisse +des Verfassers der Vǫlsungasaga Anlass, welcher die Skadi zu einem +mächtigen Manne machte.[599] + +Für Skadis Wesen zeugt am deutlichsten ihr Sohn Säming, der ein +Vertreter der skandinavischen Urbevölkerung, der Finnen und Lappen, +zu sein scheint. Müllenhoff in der Altertumskunde 2, 55 f. erklärt +Skadi auf diese Weise.[600] Gleichwie andere Gestalten der nordischen +Mythologie, z. B. Ullr, Thorgerd Hölgabrud und Irpa finnische Art +an sich haben, so auch Skadi. „Der norwegische Mythus lässt die +als Mannweib gedachte und daher masculinisch, wol im Sinne wie as. +_scatho_, ags. _sceađa_, _latro_, _hostis_, benannte Göttin Skadi im +alten Reiche ihres Vaters, des Riesen Thjazi, auf dem Gebirge ganz +nach Finnenart als Jägerin auf Schneeschuhen hausen, auch nachdem sie +zur Sühne für den Tod des von den Asen erschlagenen Vaters mit dem +reichen Wanen, dem als Handels- und Schifffahrtsgotte am Seestrand +wohnenden Njord vermählt ist. -- Als Vertreterin des Finnentums wird +sie angesehen, wenn sie mit Odin ausser andren Ahnen edler Geschlechter +vor allen den Säming, den Ahnen der Herrscher von Halogaland, also +derjenigen Landschaft, wo Lappen und Germanen zusammen lebten wie +nirgendwo sonst, erzeugt haben soll. Denn altn. Sámr, das wie Finnr als +Name, als Adjectiv in dem Sinne ‚schwärzlich von Aussehen‘ gebraucht +wird, scheint durchaus dasselbe mit lapp. _Sabme_, plur. _Samek_, wie +die Lappen sich selbst und ihr Land _Same-ædnam_ benennen, so dass +das davon gebildete Patronymicum Sæmingr nur den aus der Ehe eines +Germanen mit einer Lappin Entsprossenen anzeigt. In diesen Mythen tritt +unverkennbar die Ansicht entgegen, dass Lappen und Finnen die älteste +Bevölkerung des Landes waren, die durch die im Dienste der Asen und +Wanen stehende der Nordmannen zurückgedrängt wurde.„ Der Name Skadi +hängt wol mit dem ältesten Landesnamen _Skadinavia_ (nicht Skandinavia) +zusammen. Diese Landesbenennung entlehnten aber die im Norden +eindringenden Germanen von den Lappen. Dass Skadi eine Riesentochter +ist, besagt ebenso, dass ihre Heimat in den unwirtlichen nordischen +Gegenden Skandinaviens, wo neben Lappen und Finnen auch die Trolle +hausen, zu suchen ist. + + +2. Thorgerd Hölgabrud. + +Wenn man auf ihren Ursprung achtet, steht Thorgerd der Skadi am +nächsten. In Halogaland, wo Germanen und Finnen zusammen hausten, +kam die Verehrung der Thorgerd Hölgabrud oder Hölgatroll auf. Skadi +begegnet nur in der Göttersage, aber keine tiefer eingreifende +Thätigkeit ist ihr verliehen; dagegen erfahren wir von eifrigem, der +Thorgerd geweihtem Dienste.[601] Snorri berichtet (SE. 1, 400): So +wird erzählt, dass König Hölgi, nach dem Halogaland genannt ist, der +Vater der Thorgerd Hölgabrud war. Beide wurden durch Opfer verehrt. +Saxo (B. III S. 116) weiss von Helgo, dem König von Halogaland, dass +er um Thora, die Tochter des Guso, des Königs der Finnen und Bjarmier, +warb. Aus beiden Berichten ergibt sich eine Sage, wonach Hölgi (d. i. +_Hálogi_, _Háleygr_), der mythische Ahnherr des Geschlechtes der +Haleygjerjarle, mit der Finnin Thorgerd, die eben daher den Beinamen +_Hölgabrud_, _Braut des Hölgi_, führt, vermählt war. Thorgerd und ihre +Schwester Irpa wurden die Schutzgöttinnen der haleygischen Jarle. Jarl +Hakon, der berühmteste dieses Stammes, der 970-995 Norwegen beherrschte +und das Heidentum wieder aufrichtete, war ihrem Dienste ergeben. Über +Irpa ist aus den Quellen nichts Näheres zu erfahren. Detter meint, der +Thorgerdmythus stehe in Zusammenhang mit der Sage von Helgi, Thora +und Yrsa. Helgi zeugt mit Thora auf der Insel Thorö bei Dänemark eine +Tochter namens Yrsa. Als diese herangewachsen war, kam Helgi nochmals +auf die Insel und machte die Yrsa, die er nicht als seine Tochter +erkannte, zu seinem Weibe. Als er die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus +Reue den Tod. Irpa, die Braune, das Bastardkind, soll mit Yrsa gleich +sein. Daher erklärt sich, dass bei Snorri Hölgabrud als Hölgis Tochter +erscheint. Ursprünglich waren Thorgerd und Irpa beide Hölgis Bräute. +Wie diese berühmte nordische Sage mit dem haleygischen Jarlsgeschlecht +verwoben wurde, bleibt dunkel. So viel ist gewiss, frühzeitig wurde +der Mythus an Halogaland geknüpft und nahm Züge finnisch-lappischen +Aberglaubens an. Hölgis Grabhügel bestand nach Snorri SE. 1, 400 +aus einer Schicht Gold und Silber und einer zweiten Schicht Erde und +Stein; darnach nannten die Skalden das Gold die Grabhügeldecke Hölgis. +Dem finnischen Gotte Jumali war nach der Heimskringla S. 382 ff. ein +ähnlicher Opferhügel geweiht. Der Hügel war aus Gold, Silber und Erde +errichtet. Thorgerd und Irpa erzeigen ihre Hilfe durch Wettermachen, +Pfeilschiessen aus allen Fingern, Zauberei, also durch die Künste, um +deren willen gerade die Finnen berühmt waren.[602] Die Verehrung der +Thorgerd und Irpa wurde ausschliesslich vom Jarl Hakon im südlichen +Norwegen ausgeübt und scheint nur durch ihn aus dem hohen Norden, wo +Nordleute und Finnen mit einander vermischt waren, herunter verpflanzt +worden zu sein. + +Die Njálssaga Kap. 88 weiss von einem Tempel im Gudbrandsdal, der +dem Jarl Hakon und Gudbrand gehörte. Drin sass Thorgerd Hölgabrud in +Lebensgrösse, einen Goldring an der Hand und ein Tuch um den Kopf. +Vigahrappr beraubte sie des Kopftuches und des Ringes. Hierauf nahm er +den Ring Thors an sich, der auf seinem Wagen stand. Endlich zog er auch +der Irpa ihren Goldring ab. Hierauf steckte er den Tempel in Brand. +Man hat sich dieser Beschreibung nach im Tempel drei Götterbilder zu +denken, Thor auf seinem Wagen in der Mitte, zu seinen Seiten Thorgerd +und Irpa. Alle drei waren wol gekleidet und mit goldenen Ringen +geschmückt. In der Færeyingasaga Kap. 23 wird von einem andern Tempel +des Jarls im Drontheimischen erzählt. Hakon und Sigmund Brestisson +gingen mit einander in den Wald. Sie kamen zu einem freien Platz, +worauf ein Haus stand. Eine Einfassung von Pfählen war umher. Das +Haus war sehr schön und das Schnitzwerk war mit Gold und Silber +verziert. Hakon und Sigmund gingen in das Haus hinein. Da waren viele +Götzenbilder, viele Glasfenster waren an dem Hause, dass es überall +frei von Schatten war. Eine Frau war in dem Hause quer vor dem Eingang, +und sie war prächtig geschmückt. Der Jarl warf sich ihr zu Füssen und +lag lange. Darauf erhob er sich und sagte zu Sigmund, sie wollten ihr +ein Opfer geben und auf den Stuhl vor ihr Silber legen. Das aber, sagte +Hakon, werden wir zum Zeichen haben ob sie meine Bitten erhören will, +wenn sie den Ring loslässt, den sie an ihrer Hand hat, und der Ring, +Sigmund, wird dir Glück bringen. Nun zog der Jarl an dem Ringe und es +däuchte Sigmund, als ob sie die Hand zusammen drücke und dem Jarl den +Ring verweigere. Der Jarl warf sich zum zweiten Male vor ihr nieder +und Sigmund bemerkte, dass er weinte. Als er aufstand und wieder an +dem Ringe zog, ging er auch wirklich los. Der Jarl reichte Sigmund +den Ring und sagte, er solle ihn niemals weggeben. In der späten Saga +von Thorleif Jarlaskald (Flateyjarbók 1, 213) ist vom selben Tempel +der Schwestern Thorgerd Hörgabrud und Irpa die Rede, und von einem +Speer, den Hakon aus dem Tempel entnahm und welcher früher dem Hörgi +(d. i. Hölgi) gehört hatte. Vielleicht war ursprünglich Hölgi, nicht +Thor, zwischen den Schwestern aufgestellt gewesen. Die Beschreibung +des Tempels mit Glasfenstern erinnert an eine Kirche, wie sie im alten +Norwegen, das die eigenartigen Holzkirchen erbaute, nicht vorkam; des +Jarls Gebet ist auch nicht echte Heidenart. Endlich ist das Bild, +das den Ring nicht hergeben will, der Venus mittelalterlicher Sagen +ähnlich. Wir haben es mit lauter romantischen, jungen Zusätzen zu +thun, denen keine Gewähr für die wahre heidnische Sitte zukommt. Der +Bericht der Harðarsaga Kap. 19 (Islendinga sögur 2, 59) ist vollends +unbrauchbar. Da ist Thorgerd Schwester des gespenstischen Wikingers +Soti. Auf Island erhebt sich ihr ein Tempel. Grimkell ging dorthin, +um mit Thorgerd Rates zu pflegen. Da sah er, wie sich die Götter +geschäftig zur Ausfahrt rüsteten. Thorgerd wollte Grimkell verlassen +und zu seiner Tochter übergehen. Im Zorne darüber legte Grimkell Feuer +an den Tempel. Noch am selben Tage starb er plötzlich. + +Echter scheint der Beistand zu sein, welchen Thorgerd dem Jarl Hakon +im Kampfe leistet. Schon Bischof Bjarni (um 1200) in der _Jómsvíkinga +drápa_ 32 weiss, dass die Hölgabrud ein Hagelwetter über Hakons Feinde +schickt. Genaueres erzählt die Saga.[603] In der Schlacht gegen die +Jomswikinger im Jahre 987 oder 988 wandte sich Jarl Hakon, als seine +Sache schlimm stand, an Thorgerd. Mit wenig Leuten fuhr er auf eine +bewaldete Insel. In einer Waldlichtung warf er sich gen Norden auf +die Knie nieder und bat Thorgerd um Beistand. Aber sie blieb taub. +Da glaubte der Jarl, sie sei ihm zornig und bot ihr verschiedene +Opfer an. Aber sie wollte nichts annehmen, und seine Sache dünkte ihm +hoffnungslos. Da verhiess er ihr schliesslich Menschenopfer. Doch +sie wollte das von ihm versprochene Menschenopfer nicht annehmen. +Da erhöhte er sein Angebot und verhiess ihr alle Leute, nur nicht +sich selber und seine Söhne Eirik und Svein. Der Jarl hatte einen +vielversprechenden 7 Winter alten Sohn mit Namen Erling. Diesen wählte +sich Thorgerd als Opfer. Als sein Gebet und Opfer erhört war, schien +es dem Jarl wieder besser zu werden. Er überantwortete sein Kind dem +Skopti, seinem Knechte, welcher es nach Opferbrauch tötete. Darauf +kehrte der Jarl mit neuer Zuversicht zu seinen Schiffen zurück. Er +sagte: Ich weiss, wir werden die Jomswikinger besiegen; denn ich habe +den Schwestern Thorgerd und Irpa um Sieg geopfert und sie werden +mich so wenig trügen wie früher. Der Kampf, welcher während Hakons +Abwesenheit geruht hatte, entbrannte von neuem. Der Jarl fuhr dem +Führer der Wikinger, Sigwaldi, entgegen im Vertrauen auf Hölgabrud +und Irpa. Da zog im Norden mit grosser Schnelligkeit ein drohendes, +finsteres Wetter auf. Gegen Nachmittag stieg plötzlich das Gewölk empor +und Hagel brach los mit Blitz und Donner, so dass alle Jomswikinger +dagegen zu kämpfen hatten. So stark war das Hagelwetter, dass die +Leute nicht dagegen Stand halten konnten. Sie hatten zuvor wegen +der Hitze die Kleider abgelegt; obwol sie nun von Frost geschüttelt +wurden, gingen sie doch mannhaft ins Gefecht. Da erblickte zuerst +Haward die Hölgabrud im Gefolge Hakons, bald aber sahen sie auch andere +geistersichtige Leute. Ihnen dünkte, als der Hagel etwas nachliess, +dass von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog, und jedesmal wurde +ein Mann dadurch getötet. Sie sagten es Sigwaldi, der erwiderte: Mir +scheint, wir haben hier nicht gegen Menschen zu kämpfen, vielmehr +gegen die schlimmsten Trolle. Als das Unwetter etwas abnahm, rief der +Jarl Hakon nochmals eindringlich zu Thorgerd und ihrer Schwester Irpa, +und mahnte sie, wieviel er ihnen gab, indem er seinen Sohn um Sieg +opferte. Da begann der Hagelsturm von neuem, und Haward erblickte zwei +gleich gestaltete Weiber auf Hakons Schiff, genau so wie er zuvor eine +gesehen hatte. Da gebot Sigwaldi zu fliehen, weil er es nicht mit zwei +Unholdinnen aufnehmen wollte. So gewann Hakon mit Thorgerds Hilfe den +Sieg. + +Um sich am Skald Thorleif zu rächen, rief Jarl Hakon zu Thorgerd +Hörgabrud und ihrer Schwester Irpa, damit sie einen Zauber nach +Island schickten, der den Thorleif zu Schaden brächte. Aus einem +Holzklotz wurde eine Menschenfigur angefertigt und vermittelst der +Zauberkünste des Jarls und der Schwestern das Herz eines getöteten +Mannes hineingelegt. Der Holzmann wurde auf die Füsse gestellt, +Thorgard genannt und durch teuflischen Zauber dahin gebracht, dass er +gehen und reden konnte. Dann wurde der Spuk nach Island geschickt und +durchbohrte den Thorleif mit dem Speer, den Hakon ihm aus dem Tempel +der Schwestern gegeben und den einst Hörgi besessen hatte.[604] Wie ein +Troll äussert sich also Thorgerd, weshalb sie auch Hölgatroll heisst. +Überhaupt stellt die jüngere Überlieferung sie auf eine Stufe mit den +Unholdinnen. Es ist schwer, über die ursprüngliche Art der Thorgerd ins +Reine zu kommen. Soviel ist sicher, Hakon verehrte sie als Schutzgöttin +seines Stammes und errichtete ihr Tempel. Im Kampfe half sie ihm mit +Wetterzauber. Dass Hakon Trolle anbetete, ist wenig wahrscheinlich. Der +Jarl erweist sich sonst als eifriger Opferer und ehrt Thor und Odin. +Trotz ihrer unholden, fremdartigen Weise hat er aber doch zu seinen +Stammesgöttern am meisten Vertrauen. Schwerlich hat allein spätere, +christliche Anschauung die Thorgerd so düster dargestellt; denn ebenso +hätte sie mit Thor und Odin verfahren müssen. Schon von Anfang an +musste der Thorgerd etwas Dämonisches anhaften. Auch hier bietet das +Heimatland ihres Kultes Aufschluss: nordgermanische und finnische +Glaubensvorstellungen sind mit einander verschmolzen. Darum mangelt der +Thorgerd der Adel echt nordischer Göttinnen, und steht sie den Trollen +näher. + + + + +VI. Die Sonnengöttin. + + +Ein eigentlicher, mythologisch ausgebildeter Sonnendienst begegnet +bei den Germanen nicht. Zwar Caesar[605] spricht von der germanischen +Religion, als wäre sie ein blosser Glaube an Elementargewalten, an +Sonne, Mond und Feuer. Dem gegenüber enthüllt sich uns schon aus +des Tacitus Bericht ein reicher Götterglaube, der in hohes Altertum +zurückreicht. Caesar hat nur lückenhafte Kenntniss und meint, die +Gesamtheit zu überblicken. Beim Halsband der Frija spielen nach +Müllenhoff Sonnenmythen herein. Wenn nun die Sonne zwar zu keiner +vergeistigten, persönlich wirkenden und handelnden Göttin Anlass gab, +so eignet doch dem Volksglauben die Neigung, von Frau Sonne und Herrn +Mond zu reden.[606] Damit ist der erste Ansatz zur Mythologie einer +Sonnengöttin gegeben, aber eine Weiterbildung scheint nie erfolgt +zu sein. Im 7. Jahrhundert predigt der heilige Eligius unter den +Franken _nullus dominos solem aut lunam vocet neque per eos juret_. +Im Merseburger Zauberspruch tritt _Sunna_ neben _Sinthgunt_ auf. Am +weitesten gedieh die Vorstellung von der Sonnengöttin im Norden, +wahrscheinlich unter dem Einfluss antiker Gelehrsamkeit. _Mundilföri_ +hatte zwei Kinder: _Mani_ hiess der Sohn und _Sol_[607] die Tochter. +Diese wurde mit _Glen_ vermählt, Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, +dass sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol +liessen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welchen +die Götter aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim +flog. Die Pferde heissen Arwakr (Frühwach) und Alswid (Allklug). +Unter dem Bug der Pferde befestigten die Götter zwei Blasebälge, um +sie abzukühlen. Diese werden in einigen Liedern Isarnkol (Eisenkühle) +genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über Neumond und +Vollmond. Die Sonne fährt schnell, denn nahe sind ihre Verfolger, die +Wölfe Skoll und Hati. Nach dem Wafthrudnirliede 47 gebiert die Sonne, +welche Alfrodul, Elbenstrahl, genannt wird, eine Tochter. Wenn Fenrir +die Sol verschlang, wenn die Götter vergingen, dann wird die Maid auf +den Wegen der Mutter fahren. + +In diesen Berichten lagern mehrere Schichten ganz verschiedener +Vorstellungen übereinander. Aus dem Volksglauben stammen die +persönlich gedachte Sol und der Wolf, der das Tagesgestirn verfolgt. +Dem Lichtgotte war ein Ross zu eigen. Daran mag die Vorstellung von +Sonnenpferden anknüpfen. Alswid, der Alleswissende, kann sogar seinen +Namen vom Rosse des Tiuȥ haben. Die gehegten heiligen Rosse hielten die +Germanen für Mitwisser der Gottheit. Aber alles andre ist fremdartig. +Schon die Genealogie der Sol gemahnt an antike Muster. Die Mythographen +gefielen sich besonders in derlei Stammbäumen von Tag, Nacht, Äther +u. dgl. Der von zwei Rossen gezogene Sonnenwagen ist dem der antiken +Sage nachgebildet. Nirgends sonst zeigt sich auf germanischem Gebiete +eine Spur davon. Im Namen des _Arwakr_ klingt _Eous_, das eine +der Sonnenrosse, an. Für die kühlenden Blasebälge lässt sich die +unmittelbare Quelle nicht feststellen. So liegt auch hier im Mythus +von Sol, wie so häufig im Norden, eine aus heimischen und fremden +Bestandteilen zusammengesetzte Sage vor. + + + + +VII. Angebliche Göttinnen. + + +1. Eostre und Hrede. + +Die germanische Sprache besitzt einen Wortstamm _austra-_ im Sinne von +östlich, morgenlich.[608] Wie Mittag, Mitternacht, Abend, so wurde +der Begriff „Morgen“, „Morgenröte“ zur Bezeichnung der Himmelsgegend +verwandt. Bei Aufnahme der Jahresteilung nach 12 Monaten wurde +der April bei den Deutschen und Angelsachsen Ostermond genannt, +wahrscheinlich als der Monat des wieder aufgehenden und wachsenden +Morgenlichtes. Dass die Germanen eine *_Austrô_, eine Göttin der +Morgenröte wie die Inder eine _Ušas_, die Griechen eine _Eos_, die +Römer eine _Aurora_ verehrten, ist möglich, aber durch kein Zeugniss +aus dem Heidentum erwiesen. Die Osterbräuche erklären sich aus dem +Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen Völkern eigen war, aber auf +keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist. Dass der April als der Monat +des Morgenlichtes benannt wurde, ist begreiflich. Dass eine Göttin +des Morgenlichtes, _Eostre_ die Göttin des Frühlings, in jenen Zeiten +ein Fest hatte und dem Monat, in welchem nach der neuen römischen +Jahresteilung ihre Feier fiel, den Namen verlieh, ist eine Meinung +Bädas[609], die keinerlei Gewähr hat. Die zahlreichen Monatsnamen +unter den Germanen stammen aus allen möglichen, insbesondere +landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber sind sie von Götternamen +hergenommen. Wol aber wird umgekehrt der Monat oft persönlich gedacht, +selbst unter den römischen Namen. Darum ist Bädas Meinung, es habe +unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre und Hreda gegeben, wenig +glaubhaft. + +Die von J. Grimm in der Mythologie 266 ff. aufgestellten altdeutschen +Göttinnen _Hruoda_, _Ostara_, _Ricen_[610], _Zisa_[611] sind aus den +Glaubensvorstellungen der alten Deutschen zu streichen. + + +2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen. + +Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln, +erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten, +nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen +der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an +dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat +lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und +neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren +vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise +sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich +gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und +ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen +lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren +Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht. +Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau, +obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda und +Berchta, womit _Bjort_, Menglods Jungfrau, sich verglich, galten als +alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen Zeiten +unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart +herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht +hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen, +that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der +göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich +ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter +der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen +Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in +den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum +nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den +uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar +ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in +den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu +verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig +Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen +Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und +ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die +Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken[612], +so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest +bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und +doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche +keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt +bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen +werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht +in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen +und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber +weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt, +die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch +und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei +Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie +hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen +Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen +keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei +Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so +gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht +gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten, +eher verbieten. + +Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen +zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und +umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften +darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel +mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn +ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft +greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur +Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den +bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf +Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt +wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder +gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung +deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst +dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der +Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den +einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an +den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit +Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes +und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise +an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst +den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens +einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot +sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des +Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher +der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen +stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter +sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen +Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland +ist _Frau Holle_ oder _Hulda_ bekannt. Das Gebiet der Volkssagen, +welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten bis in +die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins +Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht Frau Holle auch nach +Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau +Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „_Fraw Hulde mit +der Potznasen_“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten +vorkommt, fehlen.[613] Frau Holle gehört zu den _Hollen_. Die Hollen +in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd. begegnet +_holdo_ für Genius, mhd. _holde_, der Geist, _waȥȥerholde_, der +Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-, Wichtel-, Weixelzopf, der +von tückischen Elben verursachten Verwirrung der Haare. Einkehrende +„Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte geweiht sind. Aus +dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der Unholdin, +eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus der +naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den Hollen, +denen es ja auch von Rechts wegen zugehört. + +In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen +wir die _Berchta_ oder _Perchta_[614], bei welcher die grauenhafte +Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von der auch einige +mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig Kinderscheuche, wie +solches überhaupt den umziehenden Geistern nachgesagt wird. Im Gebirge +um Traunstein sagt man den Kindern am Vorabend des Erscheinungsfestes, +wenn sie böse seien, werde die _Berchte_ kommen und ihnen den Bauch +aufschneiden. Isst man fette Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon +Hans Vintler nennt _Frau Precht mit der langen nas_. Ein mhd. Gedicht +(von der Hagen, Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder: + + _ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete, + daȥ iuch Berhte niht trete._ + +Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in +den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J. +Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest +in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig +gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin +aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung _giperahta +naht_, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen +Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden des +Mittelalters datieren mit der Dativform: _perhtentag_, _perhtennaht_. +Daraus entwickelte sich die im Sinne einer Kalenderheiligen persönlich +gedachte _Perhtennaht_ d. h. _Nacht der Perhte_, wie entsprechend +bei den Italienern aus _Epiphania_ (_befania_) die Kinderscheuche +_Befana_ ward, wie in Baiern die _Luz_, die _Pfinz_ aus _Lucientag_ und +_Pfingsten_, Frau _Fasten_[615] aus der _Fastenzeit_ sich entfalteten. +Überall herrscht dieselbe Vorstellung von der umziehenden Frau, die +aber diesmal nach dem Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14. +Jahrh. ist Berchta nicht nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an +Ausbreitung. Dass eine Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren +Benennung im Kalender wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen +zugesellt werden darf, leuchtet ohne Weiteres ein. + +„_Daȥ mære von der Stempen_“ zeigt diese in den Ostalpen heimische +Gestalt der Berchte gleich geartet. + + _„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete, + daȥ iuch diu Stempe niht entrete“. + daȥ kintlîn dô von forhten aȥ, + eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;, + daȥ du die Stempen nennest? + sag mir, ob dus erkennest“. + der vater sprach: „daȥ sag ich dir, + du solt eȥ wol gelouben mir, + eȥ ist so griuwelich getân, + daȥ ich dirȥ niht gesagen kan: + wan swer des vergiȥȥet, + daȥ er niht fast iȥȥet, + ûf den kumt eȥ und trit in“._ + +Wie eine Mare kommt hier _Stempe_ (die Stampferin, Treterin, Drückerin) +über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich nimmt, und +von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die fränkische +_Trempe_ (die Trampel)[616] den Namen erhalten. + +Im 18. Jahrhundert wurde _Fru Freke_[617] in Niedersachsen ebenso +geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch +sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich +gar nichts mit einander gemein haben. + +_De olle Haksche_, die Hexe, versieht das Geschäft der Rockenbesudelung +bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau Harke[618] damit +betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin Harke vom Harkenberg bei +Camern in der Mark mit unterlaufen. _Frau Gode_[619], die namentlich +mit der wilden Jagd verwebt ist und darum in den Zwölften umzieht, +verunreinigt in Mecklenburg und in der Prignitz den Rocken derer, die +nicht abgesponnen haben. Im Voigtlande besorgt es die _Werre_[620], +die Verwirrerin, wol da sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt. +Sie besichtigt, ob alle Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall +ist, verunreinigt sie den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer +Brei aus Mehl und Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem +reisst sie den Leib auf. Schon um 1640 ist die fürchterliche _Werra_ +bekannt. Am Zürchersee heisst die Garnverwirrerin _de Chlungere_[621], +weil sie faulen Mägden _Chlungel_, Kneuel in das unabgesponnene Garn +bringt. Was von den _Fronfastenweibern_, Frau Fasten in Schwaben und +in der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem +Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der +Schwarmzeit. + +Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten +Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung +der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste +Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer +altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im +späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den +verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die +allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben +waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der +Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber +gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch +ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg +die Spinnstube besuchen.[622] Hier liegen, falls die Sage Glauben +verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die +alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte +Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation +der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs +ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die +Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht +ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung +rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der +Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte neben +dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst +gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache +des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene +Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben. + + * * * * * + +Dasselbe Weib, das als Frau Gode oder Wode, Berchte, Holle, Fuik die +Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit +andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche +allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten +zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine +Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an +heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung +gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige, +weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen +Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich +vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in +den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse +bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen +Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem +Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen +Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes +Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die +wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von +Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias +in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische +Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher +Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften +wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man +erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten +eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen. +Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden +Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher +Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch +im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies +zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm[623] meint freilich, Herodias +und Diana seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch +wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias +und Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem +ist ihr hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich +vermutlich schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle, +Berchte u. s. w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich +die Sache umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren +Gestalten der Diana und Herodias. Die „_turba daemonum in similitudinem +mulierum transformata_“, die Schar der Unholdinnen[624] zog besonders +in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib in den +Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde Heer. Dass +die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen an Stelle +der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist wol zu +verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung, stark +in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf einzelnen +Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich ohnehin +leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur eine +Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem Wagen +erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender Mann +wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie weiter +fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen Spähne, +die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in ihrer Beziehung +zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln umherziehende +aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und anderer +Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias ihr +Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische +Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der +Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann +wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des +lichten Tiuȥ Weib gewesen. + +Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss +Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der +Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung +Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich. +Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden +ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht +man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht +den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere +Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde, +gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum +begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und +Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies +unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins +deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz +dasselbe erzählt.[625] In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der +St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum, +welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im +Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria +mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und +spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet +werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.[626] Durch Brunnen und Seen +steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen +Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden. +Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über +deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen +nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher +die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild. +Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt +zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen +entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die +Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob +blosse Nachahmungen der Mariensagen vorliegen. Letzteres, dünkt noch +eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle +und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass +zu ihrer Verschmelzung mit Maria. + +Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher die +Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus, deren +Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre himmlische +Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige Kind mit +Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft Holdas darf, +wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen der Maria +verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das Fest der _Maria +ad nives, notre dame aux neiges_. Aus dem 16. Jahrhundert, aus der +sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen die Brüder Grimm in +den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige Erzählung. Kaiser +Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt, sein Marienbild auf +einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen wollte, vermochte +er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine Stimme vom Himmel: +So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross und weit sollst +du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub es an vom Himmel +zu schneien auf die Stätte.[627] Die Schnee-Maria ist somit eine +legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte Gestalt. Allein +schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei eine Eigenschaft +Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist umgekehrt, Frau +Holle ist der Maria nachgeahmt.[628] + +Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue +Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf +der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt +sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.[629] + +Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung den +Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen +Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall +germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich +ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau +wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau +Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und +den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen +die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt +heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen +(Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es +den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka +als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im +wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und +erniedrigte Göttinnen. + + + + +DRITTES HAUPTSTÜCK. + +Von der Weltschöpfung und vom Weltende. + + +Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine +ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in +Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier +liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an +kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden +zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen +fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange +nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende +von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen +Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach, +wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den +Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich +unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur +christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge +erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig, +im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur +Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung +den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden. +Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung +der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die +Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates, +nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das +Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das +Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die +Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre +fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss +hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und +vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und +von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische +oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese +mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war, +nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder +gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom +reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten +oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder +von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die +zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung +zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele +Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen +und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort, +das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden +gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben +Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber +wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen +und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn +Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang +entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung +nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die +allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen. +Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre. +Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen +Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch +oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden +aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike +oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die +Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den +deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen. + + +I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen. + +Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung +der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2 +bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den erdgeborenen Gott Tuisto +und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem +Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen, +Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung +der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme +im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor, +Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus[630], d. i. den Urmenschen; also +nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt +ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind +Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen, +Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten +sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach +scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich +selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst +worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den +Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen, +wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus +berichtete Reihenfolge.[631] Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr +Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien -- _pluris deo +ortos plurisque gentis appellationes_. Für die germanische Theogonie +lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich +nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob +der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde +auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen. + +Kauffmann[632] hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos +überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725 +hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius +Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle. +Kultgebräuche und Göttersagen (_ritus et fabulae_) dürfen nicht +schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren +Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit +dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen +und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel +schreibt das Verfahren genau vor und geht darum auf die heidnischen +Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie diese +beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (_deorum genealogia_) +zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und Geburt der +einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen über die +andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass Wesen, +welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als Götter +seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie sich +jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl der +Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher der +Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn +diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt +allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen +nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich +und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die +Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem +Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren +entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt: +ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines +Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte +Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten -- +_quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude_. +Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den geborenen Göttern? +wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich unterwerfen? +von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder erzeugt? +Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer den +einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige und +allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber dadurch +eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen Stämme“, +wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das Fehlen +ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage den +Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff +ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste +Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte. +Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt +bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte +der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er +seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine dem nordischen +Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann +aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die +Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche +menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch +sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist +ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen. + +Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser +der Bericht Gregors von Tours 2, 29-31 heranziehen, wie dies auch +von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle +Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen +Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an +Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die +antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde +liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die +Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles, +was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr +der König entgegen: _deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac +prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis est, +nec de deorum genere esse probatur_. Chlodowech will sagen, in unsrer +Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den Christengott. +Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische Lieder mögen +demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa im Sinne +der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos gehoben und +wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie wird ebenfalls +vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem Stammbaum von +einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie weit das von +Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen Phrasen beruht. +Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich entstanden sein. +Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht so wörtlich und +wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer Trumpf auf den +Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J. Grimm betont, verdient +der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder theogonischen Inhaltes +bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen sich allerdings +leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung der Welt. Odins +Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen zu erklären, ist +vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“, d. h. Schöpfer, also +die Vorstellung eines den Germanen bekannten schöpferischen Gottes zu +sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan gezeigt wurde. + +Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., _das sog. +Wessobrunner Gebet_[633], muss häufig dafür herhalten, ein heidnisches +niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu erweisen, weil ein +paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung schildern, an die +Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann auf Zufall beruhen, +da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke in der gleichen Weise +Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand wird durch die Verneinung +dessen, was die sichtbare Welt vor Augen stellt, beschrieben. Besteht +aber ein Zusammenhang, dann bedarf es keines gemeinsamen heidnischen +Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den gemeinschaftlichen Hintergrund. +Alle Begriffe, die im Wessobrunner Gebet vorkommen, lassen sich aus +der Bibel, aus der Genesis Kap. 1 und aus Psalm 89, 2, belegen. Die +Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen christlichen Einflüssen nicht +freigesprochen werden. + +Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., _das sog. Muspilli_ wurde +auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel im +Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen +Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten +Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch ist in +dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als _mûspilli_.“ +Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und deutlichste Beweis +für die christliche Herkunft des Gedankens vom Weltbrand, wie unten im +Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt werden soll. + +Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und +des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen +Schlacht.[634] Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder an den +Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in +deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide +anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu +Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden +werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet +ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet +sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der +nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere +Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange +J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang +der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu +betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und +rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser +Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine +Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren +Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und +entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen +Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat. +Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche +Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer +byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen +Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort +seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald +frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung +gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende +folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin +zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden. +Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig +die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu +verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen +Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar +erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter +Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer +Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren +Volksglaubens, die für die Geschichte des deutschen Heidenglaubens +beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer, +vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig +zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt +werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise. + + * * * * * + +Damit sind die Quellenzeugnisse ausserhalb des Nordens erschöpft. Eine +germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den +verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein +mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders +mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird, +brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die +andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht +auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste +gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In +den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren, +sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein +zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist +nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der +deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen +abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden +Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren +Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine +Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter +vermutlich ferne. + + +II. Die nordische Schöpfungslehre. + +Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus, +in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des +9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den +vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf +kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte +Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen +in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama +erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich +auf, eine wundervolle, tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk +sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche +Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der +germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen. +Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter +Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen +scheint. + +Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter, +die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele +und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren +sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer +entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen +oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den +Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber +mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge +gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von +diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson +thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste +ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus +schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine +Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der +Heidengötter.[635] + +Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist +trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre +als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen. +In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die +heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in +eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir +bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin. +Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde +geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss +gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des +Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung +den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst +vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des +von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich zuwandten.[636] +Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich +in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl +sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte +Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war +ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die +Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten +werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal +spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne +geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und +andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie +mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen. +Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen, +dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten +Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger +Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die +Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische +Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube, +mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte. + + +1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen. + +Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der +Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand, +noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur +gähnende Kluft (_ginnunga gap_)[637], doch nirgends Gras. Es wird ein +_Chaos_ oder besser _Chasma_, _Hiatus_, gähnender Schlund gesetzt. +Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt in _gap_, der des Weiten, +Gähnenden im dazu gestellten Genitiv _ginnunga_. Mit _ginnunga gap_ +ist der leere Raum gemeint. Der leere Raum entstand aber, wie die +Gylfaginning ergänzend hinzufügt, dadurch, dass der wesenlose Urstoff +im Norden und Süden zu finsterm Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer +sich verdichtete. „Viele Jahre vor der Erschaffung der Erde war +Niflheim (die Welt des Nebels, des Dunkels) entstanden; mitten drin +liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung +rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich viele Flüsse. Zuerst bestand +jedoch die Gegend, welche Muspellsheim heisst; diese ist hell und +heiss, und sie kann von niemand, der dort nicht zu Hause ist, betreten +werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens Muspell wird weiter unten +gehandelt. In der Schöpfungssage tritt damit nur die Feuerwelt der +Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die Anschauung von Feuer und +Wasser als den Urelementen, andererseits wol auch die christliche +Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt. In Niflheim und +Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet: der Nebel, d. h. +die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf Flüssen, die +kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt das Wasser dem +Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der Übergang des +Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die Elemente +als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den Grenzen +des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus ihrer +Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers, +erstehen die ersten organischen Gebilde. + +Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die +Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass +die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut) +erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches +stehen blieb und nicht mehr vorrückte; da legte sich Reif darauf und +auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine +Reifschicht über die andere nach _ginnunga gap_ hinein. Der nördliche +Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren Eis- und +Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der südliche Teil +wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim hereinflogen. +Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in der Nähe von +Muspellsheim heiss und hell. _Ginnunga gap_ ward so lau wie windstille +Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so dass er zu schmelzen +und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie ein Mensch gestaltet. +Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir (den gewaltig +Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres Geschlechts.“ So +sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31): + + + Aus den Eliwagar troff ätzendes Gift, + Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward; + Das ist der Ursprung unsres Geschlechtes, + Drum ist rauh der Riesen Sinn. + +Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu +einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die +unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste +Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und +ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres, +welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis +erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere +Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort +spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von +neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten +auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos und +Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, als +titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt später auch +für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen Schöpfungslehre +als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und dargestellt. Nach +der Vǫlospǫ́ sind _Ymir_ und _ginnunga gap_ gleichzeitig und mit Recht: +sie verhalten sich wie _Chaos_ und _chaos_, _Abyssus_ und _abyssus_. +Auf der einen Seite steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige +Vorstellung, auf der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift. +Die Gylfaginning philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften +Urleib werden konnte, wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur +wirken. + +_Ymir_ (zu _ymja_, rauschen) besagt dasselbe wie _Örgelmir_, den +rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer des Meeres, zum +riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein menschenähnliches +Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch die weitere +Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im ersten Leibe +beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die germanische +Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht der Zwitter, +ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in Schweiss, da +wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigner Fuss zeugte +mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm Nachkommen. Denn von +Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. 34). Ymirs-Örgelmirs +Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, von letzterem stammt +das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das ältere in der grossen +Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des gleichen Stammes in den +Namen _Hwergelmir_, _Örgelmir_, _Thrudgelmir_, _Bergelmir_. Hwergelmir, +der Urquell aller Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus +dem sich auch die Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre +vom Okeanos als dem Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso +das flüssige Element selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und +persönlich gedacht. So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene +Anschauungen neben einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den +Elementen, dem Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven +dichterischen Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser +und der Riese des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese +des Chaos, so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu +erklären, jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss +nicht selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.[638] + +Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier +Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die +Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte, +welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines +Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten +der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher +Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte +drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche +und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt +ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches +nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende +treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein +andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung +beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit +spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der +indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu +sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur. +Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen +und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie +Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die +Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten +Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen +der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät +erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf. +Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb +mit den Riesen. + + * * * * * + +So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten +Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor +Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint +eine edle, gelungene zweite Hervorbringung gegenüber der ersten +halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen +Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem +Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete +sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529). +Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze +Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen +die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche +Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer +Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt +doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die +Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern +taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen +Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab. +Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft +drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der +nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik. + +Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel +Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. +Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen +Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich +darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen. + +Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35): + + + Ungezählte Winter vor der Erde Schöpfung + Geschah Bergelmirs Geburt; + Als Frühstes weiss ich, dass der erfahrene Riese + Im Boote geborgen ward. + +Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig +überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot[639], +dort wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht +die Bezeichnung _„enn fróþe jǫtonn“_, der erfahrene Riese, dagegen +spricht. Die nordische Sinflut[640] fällt noch in die chaotische, +urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur +Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag +und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut +wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass +die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der +Genesis 7, 11 _rupti omnes fontes abyssi_, wodurch die biblische Flut +herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern +Stellen Abyssus persönlich gedacht wird. + + +2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels. + +Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard, +und zwar aus dem Riesenleibe.[641] + + Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, + Aus dem Blute das brausende Meer, + Die Berge aus dem Gebein, die Bäume aus den Haaren, + Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach. + Doch aus seinen Wimpern schufen weise Götter + Midgard dem Menschengeschlecht; + Aus dem Hirne endlich sind all die hartgesinnten + Wetterwolken gemacht. + +Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen +Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem Leibe +die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und setzten +ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter jede Stütze +setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und Sudri. Um die +Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde sind also zum +Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung wird dem gewölbten +Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das Himmelsgewölbe +erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. Der Riesenleib +ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt eine Zusammenstellung +von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und Pflanzen ergibt. Dass +Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet auf eine schützende +Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der Erdscheibe herumlaufenden +Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen Wall (_borg_), den die +Götter wegen der feindlichen Gesinnung der an den Meeresküsten +angesiedelten Riesen rund um die Erde errichtet hätten. Auch in andern +Mythologien finden sich Ansätze oder ähnlich durchgeführte Gleichungen +zwischen Himmel und Erde und einem Riesenleib. In mittelalterlichen +Schriften begegnen Spekulationen über das Verhältniss des _Makrokosmos_ +und _Mikrokosmos_. Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter +die Gleichungen Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut, +Pflanzen und Haar, Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied +zwischen der heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass +dort die ganze Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der +Mensch aus natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher +geneigt, die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so +dringt neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage +von der Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit +beiderseitiger selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht +abzuweisen, nachdem ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern +und zu verschiedenen Zeiten auftauchen. + +Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann +ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge +von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die +Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras. + +Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim. +Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von +dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf, +der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner +Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende), +Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über +Midgard liegend gedacht ist.[642] + + * * * * * + +Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim[643], der Riesenwelt, +Alfheim[643], der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein +der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte +Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält +es sich mit Muspellsheim und Niflheim[644], die ja schon in Snorris +Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt +als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige +Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten +Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag +altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe +geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden. + +Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, _nio +heimar_. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra Edda beiläufig +von neun Welten die Rede.[645] Aber nirgends werden sie aufgezählt, +vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So einfach und klar +das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten Erde (Midgard) sich +darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von neun Welten, will +man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen unterbringen. In +den Liedern erscheint die Neunzahl beidemal im selben Zusammenhang +und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss alles. Die +neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.[646] Die Vǫlva und +Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen und in aller +Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles Weltwissen +besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu Grunde. +Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe in +den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie +Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen, +Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein +vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten +aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren +Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „_heimr_“ bezeichnet werden. +Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des +Vorhandenen. + + * * * * * + +Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom +Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über +welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde +und Meer, schwebt im leeren Raum (_ginnunga gap_). Dort war ja Ymir +zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer +hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft +Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist _ginnunga gap_ +im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer Begriff, die +Grenze des Weltmeers im hohen Norden.[647] Midgard ist die wirkliche +Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische Götterwelt, +Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. Ausser Asgard, +Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur Utgard. Darunter +sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und wilde Landstrecken +gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. Bei der Fahrt Thors +nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des Meeres gedacht. Nach +ihrer Landung haben die Gesellen noch einen breiten und weiten Wald +zu durchwandern. Nach der Gylfaginning werden die Riesen längs der +Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über die Lage von Utgard +schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, dass die Riesen +streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem Schutzwall Midgards, +hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. Denn jenseits des Meeres +ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert erweiterten sich die +geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich infolge der +Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um 874 Island +entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge davon +scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. Handelt es +sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr um wüste +Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und Asgard im +chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so fällt Utgard +mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen. + +Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich +einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die +Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich. +Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. _midjungards_, ahd. +_mittil-mittingart_, as. _middilgard_, ags. _middangeard_) geht überall +durch. Midgard ist der mittlere, eingefriedigte Raum, das mittlere +Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von der natürlichen Anschauung aus, +wonach die Erde im Mittelpunkt der Welt steht. Möglicherweise ist auch +wie im griechischen μεσόγαια das Binnenland gemeint im Hinblick auf +das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis und Himmelskugel stellt sich die +Welt dem Auge dar. Dass die Götter im Himmel hausen, ist von selbst +verständlich und wird im langobardischen Wodansliede bezeugt. Auch die +Hölle ist allen Germanen bekannt. Die Namen Asgard, Utgard u. a. sind +aber auf den Norden beschränkt. Die Grundzüge des Weltbildes scheinen +somit gemeingermanisch, die Einzelheiten und die Sagen von ihrem +Ursprung müssen wir als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange +anderweitige unzweifelhafte Überlieferung versagt. + + * * * * * + +Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen, +stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man +merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung +liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter +Erscheinungen und Vorgänge des Naturlebens. Auch fremde Vorbilder +mögen teilweise eingewirkt haben. + +Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen +zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht +fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der +Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.[648] +Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages, +der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag, +war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf +erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des +Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die +Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht +gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in +früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein. +Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen +Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen +stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der +Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen, +von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen +zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und +Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der +Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger, +unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und +Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi[649] in +Jotunheim ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt, +dann mit Onar, endlich mit Delling.[650] Der ersten Ehe entsprosst +Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen +titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen +Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos +erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor) +erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den +mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter +den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil +Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus, +Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische +Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros +vertreten. + +Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38. + + Arwakr und Alswid ziehn aufwärts die Sonne, + Ziehn matt sich und müde daran, + Doch inmitten der Buge brachten milde Asen + Klüglich kühlende Eisen an. + Swalin heisst er, der Sonnenschild, + Der vor der glänzenden Göttin steht, + Felsen und Fluten, weiss ich, wird Feuer verzehren, + Fällt er einstmals ab. + +Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden +eigen sind die Blasebälge -- denn nach Gylfaginning sind unter den +„kühlenden Eisen“ solche zu verstehen --, welche die in der Sonnenglut +ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich +ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor +dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier +Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“[651] +genannt. Sonnenwagen und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft +klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei +Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit +Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass +sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen +sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter +aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.[652] +Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der +Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht +als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu +bringen. Die Mondflecken[653] gaben zu allerlei Erzählungen unter den +verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer, +die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über +Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und +Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst; +ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den +Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die +den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also +zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern +trugen, sah man in den Mondflecken. + +Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen +Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen, +zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne +Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.[654] Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir +selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle +der Götter die Pfade der Mutter fahren wird. Bei ganzer Verfinsterung +nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch eine +Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der _mánagarmr_, +der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein Riesenweib ostwärts +von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) hat die Teufelsbrut +geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, vom Verfolger +errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter über die Welt. + + * * * * * + +Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den +bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder _ásbrú_, Asenbrücke, den +Regenbogen.[655] Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich fest +und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie doch +zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre Pferde +müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den Ritt. +Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte, wenn die +Söhne Muspells verheerend hereinbrechen. + + +3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen. + +Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war, +gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen +und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge +Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es +entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere, +welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten. +Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die +Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch +wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung +verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter +der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als +Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie +aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben +sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim +der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die +Lebensform ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die +Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe. + +Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen +verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen oder +riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen waren +Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von den Göttern, +von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls Kinder. Aber die +Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft entsprungen, aus +Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten im heiligen Hain +den Ursprung ihres Volkes (_initia gentis_). Das Handwerksburschenlied +weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Im +Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen Sachsen aus den Harzfelsen +gewachsen. Entsprechende Züge bietet die griechische Sage dar. Endlich +sind die Menschen von andern höheren Wesen geformt, gestaltet und +beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern Menschenbilder schufen, erfahren +wir nicht. Aber wir hören, wie die Götter am Ursprung der Menschheit +gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt: Drei Asen, mächtig und hold, +fanden im Lande kraftlos Ask und Embla, unsichern Looses. Hauch und +Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch Wärme noch blühende Farben. +Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende +Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den Hergang so: Als Burs Söhne +am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei Hölzer und schufen aus +ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele, der zweite das Leben, +der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der Mann Ask und die Frau +Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht. Die beiden Berichte +stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die bestimmte Angabe, in +welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden wurden. Auch die +Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet Schwierigkeiten. +_Fundu tré tvau_ bedeutet wörtlich: zwei Hölzer; _tré_ kann ebenso +Baumstamm, Baum bedeuten, als _trémann_, d. i. Menschenbild, aus Holz +gefertigt. Da an beiden Stellen nur von einer Beseelung und Belebung, +nicht aber von einer Gestaltung die Rede ist, möchte man glauben, +dass die Götter hölzerne Menschenbilder, vielleicht von den Zwergen +geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die Schöpfung der Menschen +wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern vollbracht worden. Der +Name des Stammvaters der Menschen, Askr, Esche, weist auf seinen +Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet, das eherne Geschlecht +sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen worden. Ob auch in +Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft. Jedenfalls steht +im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die ersten Menschen +aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt ist, dass dieses +Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern durch die Beteiligung +göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz gestaltet, dann belebt. Und +in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen unverkennbar. Vorbild +ist die biblische Schöpfungssage mit der üblichen mittelalterlichen +Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten zeigt sich dieser Einfluss. +Die Beseelung geht von der Götterdreiheit aus. Im Mittelalter galt +allgemein die Anschauung, gestützt auf die Pluralwendung der Vulgata: +_faciamus hominem_, dass bei der Menschenschöpfung die Dreieinigkeit +thätig gewesen sei. Ferner beruht der gleiche Stabreim _Askr und +Embla_ mit _Adam und Eva_ kaum auf Zufall. Wir haben in der nordischen +Menschenschöpfung[656] ein lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische +und fremde Vorstellungen sich mit einander vermischten. + + +4. Der Weltbaum.[657] + +Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar, +welcher unter mehreren Namen als _Yggdrasil_, _Mimameid_, _Lärad_ +vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im Grimnirlied und in den +Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning nach. Die Seherin kannte +den Baum schon in Urzeiten, als er ein Schössling war, der noch nicht +über den Erdboden heraufgetrieben hatte (Vǫl. 2). + + Vǫl. 19 Eine Esche kenn ich, Yggdrasil heisst sie, + Den gewaltigen Baum netzt weisses Nass; + Von dort kommt der Tau, der die Thäler befeuchtet; + Immergrün steht er an der Urd Quelle. + + Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet nach drei Seiten + Yggdrasils Esche aus: + Unter der einen wohnt Hel, unter der andern die Riesen, + Die dritte das Menschenvolk deckt. + +Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht. + + Swipdag. + + Ich frage, Fjolswid, und fordre Antwort, + Künde mir, was ich wissen will: + Wie heisst der Baum, der mit breiten Ästen + Die weite Welt überwölbt? + + Fjolswid. + + Mimameid heisst er, kein Mensch weiss es, + Aus welchen Wurzeln er wuchs. + Niemand ahnt’s, was ihn niederstreckt, + Feuer nicht fällt ihn noch Stahl. + +Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil +nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht, +der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt +als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18. +Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht +bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche +Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet +täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den +Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist; +zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein +Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und +ab und trägt dem Nidhogg (d. i. schadengierig hauend), dem Wurme an der +Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über +einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in +den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind +unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4). + + Grímn. 35 Yggdrasils Esche muss Ungemach leiden + Mehr als ein Menschenkind ahnt: + Oben frisst der Hirsch, es fault die eine Seite, + Während Nidhogg die Wurzeln benagt. + +Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache +der Halle stehen die Ziege Heidrun und der Hirsch Eikthyrnir und +verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen. +Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst +_mjǫtviđr_, Baum mit dem rechten Maasse, d. h. der das Maass gibt, das +Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte Baum. Aber +er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das Menschenpaar, +von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in Hoddmimirs +Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit Hilfe der +Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes Bild vom +Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume. Ihre Zweige +erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor. Drei +Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt sinnlos: zu +den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den Riesen, zur +Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir und Nidhogg +benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den Reifriesen sich +verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel befindet sich +der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen hervorbrechen, +sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim, also an den Grenzen +von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der Stamm erhebt sich aus +der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone überwölben die Erde und +erfüllen den Himmel. + +Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile +in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht +gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von +weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen +Glauben. Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit +ist weder Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt. +Yggdrasil ist zusammengesetzt aus _Yggr_ „der Fürchterliche“, einer +Bezeichnung Odins, und _drasill_, einer in der Skaldensprache üblichen +Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im +Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete +Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein +Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins +Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen +war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft +als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass +er Odins Galgen war. Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen +Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf, +sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, _Christi Pferd_. Damit ist +der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist Bugge +die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im +Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen. Das Verhältniss +kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der +Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische +Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen vom Kreuze haften +bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo eine germanische +Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist. +Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen als ein Baum +besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel +sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd. +Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem +Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel +reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes, +seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in +voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die +Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt +über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die +Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir +in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer +Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und +dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht +er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und +mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische +Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden +Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die +Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte +Hölle, den „Wurmsaal“ (_wyrmsele_), wie in ags. Gedichten die Hölle +benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen Baumes +wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt unter +Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung veranlasst +sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich bedürfen +die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland befinden +sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren +Schmalseiten mit Rankenwerk bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen +Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube +fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf +ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum +mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen +Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn. +Sowol _rati_, Ratte, als auch _toskr_ (ags. _tusc_) sind englische +Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein Verhältniss +gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der englischen +Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie der +Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel. Im +Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine +Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen +Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den +Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte +vom einen zum andern trug. + ++Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum +Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum +heiligen Symbole der Welt erhoben wird+, streitet bestimmt gegen die +Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie wir sie +bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle Ungereimtheit +schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist eine +Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen Völker +des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus +entstanden sein. + + +III. Weltuntergang. + +Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom +Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich +aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes +und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51-53 beruht auf +denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und +hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung +der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer, +der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um +935 und Arnor jarlaskald um 1065.[658] Die Preislieder auf die Könige +Eirik und Hakon, zwischen 940-950 und 961-970 verfasst, gedenken +der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den +Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt. + + * * * * * + +Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben +die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.[659] + + Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen die Asen zusammen, + Altäre zu schaffen und Tempel zu bauen; + Sie gründeten Essen, das Gold zu schmieden, + Hämmerten Zangen und Handwerkszeug. + + Vǫl. 8. Im Hofe übten sie heiter das Brettspiel -- + An blitzendem Golde gebrach’s ihnen nicht -- + Bis die mächtigen drei Mädchen kamen, + Die Töchter der Riesen aus Thursenheim. + +Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu +dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist. +Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert +die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag +der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und +Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der +Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja, +Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen. + + Vǫl. 26. Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre, + Die festen Verträge, die man vordem schloss. + +Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die +bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der +Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle +Handlungen der Götter eine tiefere und weitere Bedeutung. Namentlich +Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken. +An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte +Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben +die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht +Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren, +aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft +reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum +verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs +Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit. +Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten +die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der +Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre +Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht +ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln +geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes +Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige +Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener +und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein +verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem +das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt +ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu +sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter, +dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber +aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme, +und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter +einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre +Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem +Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte +des Hyndlaliedes 44: + + Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel, + Die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig; + Schneemassen bringt der schneidende Wind, + Doch den Regen hemmt der Rat des Schicksals. + +Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der +überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein. + + Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder und fällen einander, + Die Banden des Bluts brechen Schwestersöhne, + Arg ist’s in der Welt, viel Unzucht gibt es -- + Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde, + Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt -- + Nicht einer der Menschen wird den andern schonen. + +An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der +schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im +Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht +Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters +Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn. +So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen +Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall +versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute +der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in +unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls +gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte +Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle +erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den +Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt +sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den +steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den +schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung. + +Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt +wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt +Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange +durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar[660], +das Schiff, in dem die Riesen heranfahren, wird flott. Von Norden her +segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem +Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und +Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren +zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und +Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten +her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer +steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die +Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die +Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde +der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am +jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden +Schlag zu führen. + +Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im +Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen. +Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes +vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800 +Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu +kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes +feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den +Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem +Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen +und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr +kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt. +Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht +er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die +Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich +gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki +streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm, +Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung +der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem +Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu +Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal +beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren +zum Kampfe ausziehen. + +Die Götter sind gefallen, da erhebt sich _Muspell_, Surt schleudert +Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne wird +schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen +Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel. + +Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere. +Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach +Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen +über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im +Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten +die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse +wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle, +das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht +durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der +Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe +verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors +Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr, +Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht +löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen +Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar +und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet; +ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter, +welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein +neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und +Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom +Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten +Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige, +hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum +jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt +der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der +Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.[661] Überm +Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun +muss er versinken. + +So verlaufen _ragna rök_[662], die Schicksale der Götter in deutlich +gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes äussern +sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen Ordnung +unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall der +Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht wieder +in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte Gott +zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit den +Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung +mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten +Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne +weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein +und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist +ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar, +sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein, +als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und +Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen +Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10. +Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter +den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf +keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie +gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen, +besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist +ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu +betonen. + +Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als +eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei +der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere +Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das +baierische Gedicht Muspilli und anderweitige Überlieferung[663] +beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen +Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum +Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe. +Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte +Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden +geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren +teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da +ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht. +Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der +Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens +wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die +Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu +tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der +Weltbrand.[664] Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die +doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen. +Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber +sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der +Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im +gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten +wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der +höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die +nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter +hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen +Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich +erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische +Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das +Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt +wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die +Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor +allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht +mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren +Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen +der christlichen Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten +und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche +Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um +allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die +Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste +Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben +angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich +einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele +streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde +gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her +hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche +Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden +müssen, an _múspell_ und an dem _starken Herrscher von oben_. Múspell +legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in Niederdeutschland +christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen namentlich die +Angelsachsen manches vermittelt haben. + + * * * * * + +Das Wort _mûspilli_[665] begegnet im Altsächsischen und +Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische +Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der +Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag +kein Verwandter dem andern vor dem _mûspille_ zu helfen.“ Die Begriffe +_stûatago_, Sühnetag und _mûspilli_ decken sich. Im Heliand 2591 wird +die Wendung gebraucht: „_mûdspelles_ Macht fährt über die Menschen, +das Ende dieser Welt“; 4358 „_mûtspelli_ kommt in düstrer Nacht wie +ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe sind _duomes dag_, Gerichtstag, +und _the lazto dag theses liohtes_, der jüngste Tag dieser Welt. Die +Grundform des Wortes scheint _mûdspelli_, _mûdspilli_ zu sein, im +Ahd. mit Ausfall des dentalen Lautes _mûspilli_, der Sinn Weltende +durch Feuer, Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42 +bringen den Ausdruck _múspelz syner_, Múspells Söhne. Darunter sind +die Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über +die Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit _múspell_ +nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt +die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden +die Feuerwelt _Muspellsheim_ gedacht, über welche Surtr[666] die +Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und am +Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die Welt +mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines Erachtens +ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im Ags. der +Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (_se bláca_, _se bláca +gæst_, _se swearta féond_) und noch im Mhd. der _hellemôr_ genannt +wird. In der mittelalterlichen Vorstellung ist die Hölle ebenso ein +eisiger, nebliger, dunkler, wie ein feuriger, flammenerfüllter Ort. +Daraus sonderten sich im Norden zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki +und die Feuerhölle mit Surt. Am jüngsten Tage aber kommen die Teufel +los, die bisher zurückgehalten worden waren. Die nordische Anwendung +des Begriffes _múspell_ ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint, +_múspells_ Söhne sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand +veranlassen, die Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild +wörtlich und gelangt so zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen +bis zu ihrem Hervorbrechen am jüngsten Tage weilen. Dass _Muspellsheim_ +und _Niflheim_ an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt +sich aus der Lehre von den Elementen, welche der Verfasser dieses +Abschnittes mit den älteren Sagen verknüpft. Den Namen _mûdspelli_ +finden wir also in Deutschland nur als Glied einer christlichen +Vorstellungsreihe, während er zugleich auch der nordischen Mythologie +angehört. Daraus wurde vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind +urgermanisch, heidnisch und vom Christentum angenommen. _Mûdspelli_ +ist zusammengesetzt aus _mûd_ und _spelli_. _Spelli_, _spilli_ ist +abgeleitet von as. ags. ahd. _spell_, got. _spill_, Rede, Verkündigung, +Weissagung. _Mûd_ aber scheint ein Lehnwort, das lateinische _mundus_. +Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen oder Friesen wurde _mundus_ +zu _mûd_ entstellt in Anlehnung an Wörter wie _mûd_, _kûd_, _gûđ_, +für hochdeutsch _mund_, _kund_, _gund_, aus _*mundspelli_ bildete +sich _mûdspelli_. Aus Niederdeutschland gelangte der in der frühesten +Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrh. +geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. _Mûdspelli_ +bedeutet, was vom _mundus_ verkündigt, geweissagt ist, Prophezeihung +von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von der Welt verkündigt +wird, ist aber das Weltende. Die christlichen Sendboten werden diese +Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. Das Furchtbare ergreift +die Phantasie am mächtigsten, das Weltende und seine Vorzeichen +beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist der Menschen. Dass +aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen verbunden wurde, hat +nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der Bekehrung besass die +deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden Begriff _„Welt“_, d. h. +Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn das altdeutsche _weralt_ +heisst Menschheit und nahm erst allmälig in der christlichen Zeit +die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab es wol Wörter, aber die +genügten nicht, um die Vorstellung, welche das lateinische _mundus_ +längst besass, zu erwecken. So mussten die Missionäre zunächst wol oder +übel beim lateinischen Ausdruck beharren. Der neue Begriff wurde den +Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes beigebracht, bis die Sprache +nach und nach aus eignem Wortschatz den Gedanken auszudrücken lernte. +So scheint also die Wortbildung _mûdspelli_ gar nicht unmöglich und +unglaubhaft. Das rechte Verständniss für die Zusammensetzung erlosch +wol binnen kurzem, aber das Wort haftete im Sinne von Weltuntergang im +Feuer, Weltbrand. So gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden. + + Von oben kommt der allgewalt’ge + Hehre Herrscher zum höchsten Gericht + +singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede +45: + + Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht, + Nimmer wag ich’s, seinen Namen zu melden: + Nur wenige können noch weiter sehen, + Als Walvaters Kampf mit dem Wolf beginnt. + +Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der +Vǫl.: + + Einen Saal seh ich stehen -- die Sonn’ überstrahlt er -- + Mit Gold gedeckt auf Gimles Höhen: + Dort werden wohnen wackere Scharen + Und ein Glück geniessen, das nimmer vergeht. + +Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich +der Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen +werden. Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt +auch besser zur Bedeutung des Wortes.[667] Gimle besteht aus an. +_gimr_, einem Lehnwort, wie ags. _gim_ aus lat. _gemma_ entnommen, +und aus _hlé_, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal mit +goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel 3, +wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater erzählt, +berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, ist das, +dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der Leib zwar +verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm +weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur +Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin +bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des +Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender +als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, wenn auch Himmel +und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in +Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts +Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im +Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der +weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der +Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem +meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige +Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte +heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des +Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens, +wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit +der Himmel[668] zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen +Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt. +In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen +erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte, +welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen, +folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und +über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel, +Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe +belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen +umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten +die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor. +Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und +Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich +missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen. +Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf +den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die +Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen. + + + + +VIERTES HAUPTSTÜCK. + +Die gottesdienstlichen Formen. + + + + +I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen. + + +Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus, +der die Angelsachsen bekehren sollte.[669] Darin hiess es: Erstens muss +man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man +mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre +und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut, +so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu +christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses +heidnische Volk desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten +komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere +zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu +belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen. +Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der +heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus +Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus +Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so +diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen +Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung, +Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die +Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden +lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt +werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist, +diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb, +weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist, +dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht. + +Gregors Worte dürfen füglich unsern Betrachtungen über den +Gottesdienst der heidnischen Germanen voranstehen, weil dadurch +deutlich ausgesprochen ist, dass die heidnischen Kultusformen in der +christlichen Zeit vielfach weiter leben. Zwar befolgten die Bekehrer +nicht immer so milde Grundsätze, wie Gregor anempfiehlt. Mit Brand und +Bruch ward oft genug der Götterdienst der Heiden niedergelegt. Aber im +Grunde kam das gleiche Ergebniss heraus, hier eine freiwillige, dort +eine widerstrebende Bewahrung heidnischer Bräuche. Mithin darf auch +mancher spätere und nur in christlicher Fassung überlieferte Zug zur +Aufhellung ursprünglich heidnischer Zustände verwertet werden. + + +1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung. + +Der Götterglaube durchdringt das gesamte Leben des germanischen +Volkes. Rechtswesen und Kriegswesen, Ding und Heerfahrt sind ebenso +religiös geweiht, wie alle wichtigeren Ereignisse des Einzellebens +von religiösen Handlungen begleitet sind. Die Nachrichten, die +natürlich wieder am reichlichsten aus nordischen Quellen zu erholen +sind, zeigen den Götterglauben mit vielen Bräuchen, mit der gesamten +sittlichen Lebensauffassung aufs engste verknüpft. Die allgemeinen +religiösen Formen scheinen bei allen Stämmen ziemlich gleichartig +gewesen zu sein, die grossen Unterschiede, welche die Göttersagen, +d. h. die Gebilde einzelner Dichter, aufweisen, stossen uns hier +nicht so sehr auf. Freilich hören wir auch selten von Einzelheiten, +selbst der Name der angerufenen Gottheit bleibt meistens verschwiegen. +Aber der Gottesdienst wurzelt in uraltem Herkommen und wird von den +Veränderungen der Göttersage wenig berührt. + +An der Spitze der germanischen Volksstämme steht in den ältesten +Zeiten der Adel, eine kleine, stets sich vermindernde Schar edler +Geschlechter, aus denen die Könige gewählt wurden. Das Wesen des +Adels tritt in einer sagenumwobenen Ahnenreihe zu Tage, an deren +Ursprung Götter stehen. So sind die angelsächsischen Könige und +damit auch die sächsischen, jütischen, anglischen Wodans Söhne, +ebenso die fränkischen Walsungen. Der Ahnherr der Könige ist oft +dem Stammesheros, nach dem das Volk sich nennt, gleichgestellt und +dabei ein Göttersohn, so vermutlich Ingo, Irmino, Istvo als Söhne +des Tiuȥ. Die Amaler entstammen den _ansîȥ_, den Göttern. Nordische +Könige werden Freys oder Tys Gesippte genannt. Das Volk zeigt überall +treue Anhänglichkeit an seinen Adel, in welchem es den Göttern sich +verwandt fühlt. So ragt der Götterglaube in die Ständeordnung herein. +Unter sich selber stufen die Stämme eines Volkes wol nach den ältesten +und vornehmsten Adelsgeschlechtern sich ab, so die Semnonen mit dem +schaurig-heiligen Walde, wo Tiuȥ waltet, wohin die ersten Anfänge des +Volkes zurückdeuten, neben den übrigen Sueven. Wie spätere Sagenbildung +bis zu dem Gedanken, alle Menschen seien Gottes (Heimdalls) Kinder, +vorschreitet, ist beiläufig erwähnt worden. Für den Glauben der Urzeit, +als die Germanen ins Licht geschichtlicher Überlieferung eintreten, +haben wir mit der Thatsache zu rechnen, dass die Volksstämme in ihren +ältesten und vornehmsten Adligen, denen das Königtum anvertraut wurde, +Abkömmlinge der Volksgötter ehrten. + +Über die friesischen Götter sagt Richthofen[670] auf Grund der +Quellenzeugnisse: Die heidnischen Friesen verehren Götter und machen +sich Bilder von ihren Göttern. Ihnen sind Güter aller Art geweiht, +sie haben Tempel, Äcker, Wälder, Seen, Quellen, weidende Tiere, +Schätze; ihnen wird geopfert, auch Menschenopfer fallen, vor allem von +solchen, die ihre Heiligtümer verletzten. Darum kam Willebrord mit +seinen Genossen fast ums Leben. Sie, die Unbesiegbaren, entscheiden +unmittelbar der Menschen Geschick, verkünden befragt durch das Loos +ihren Willen. Sie sind der Urquell allen Rechtes, es ist von ihnen +geschaffen, von dem geheimnissvollen Fremdling, der unter den zwölf +Asegen erschien und sie des Landrechts unterwies; sie verkünden es +durch ihre Priester, die Asegen, die Rechtsverkündiger, und bringen es +im Gottesurteil zur Geltung. + +Ding und Dingstätte sind dem Schutze der Götter geweiht.[671] Den +eigentlichen Verhandlungen voran gehen sakrale Bräuche, deren Zweck +eben darin beruht, den Beistand der Götter zum Gerichte anzurufen. Als +Gerichtstage galten noch in christlicher Zeit besonders Dienstag und +Donnerstag, woraus zu vermuten ist, dass Donar und Tiuȥ des Gerichtes +walteten. In uralter Zeit fanden Menschenopfer zur Heiligung der +Dingstätte statt, ein Brauch, den die spätere mildere Zeit in Norwegen +zur Freigebung eines Unfreien verwandelte. Mit dem Opfer waren die +üblichen Trünke verbunden, was ebenfalls noch aus späteren Bestimmungen +der christlichen nordischen Rechte hervorgeht. Mit feierlichem Opfer an +die Gottheit werden die Gau- und Volksgerichte angehoben haben. Dieses +Opfer mag in den allgemeinen üblichen Formen verlaufen sein. Dann +folgte die Heiligung, die Hegung des Dinges, welche der Priester oder +der leitende Fürst oder König besorgte. Diese besteht in feierlichen +Erklärungen, die in der Verkündigung des Dingfriedens gipfeln, und ist +mit einer räumlichen Einfriedigung, Hegung des Verhandlungsplatzes etwa +mittels Pflock und Seil verbunden. Innerhalb der Dingstätte herrscht +ein heiliger Frieden, dessen Grenzen durch die Hegung abgemarkt werden. +Auf Island bezeichnet _Þinghelgi_, Dingheiligung den Dingfrieden, die +Dinghegung und Dingstätte, _vébǫnd_, Weihbande, heilige Bänder, heissen +die um die Dingstätte gezogenen Schnüre. Der Priester sprach das +feierliche Gebot des Stillschweigens aus. Zur Eröffnung des Gerichtes +leiten die Hegungsfragen, die an die Gerichtsgemeinde oder an ein +einzelnes Mitglied gestellten Fragen des Richters, ob es Dinges Zeit +und Ort sei, ob das Gericht gehörig gehegt, gespannt oder besetzt +sei, ob er den Gerichtsfrieden gebieten solle. Vielleicht wurden diese +altertümlichen Hegungsfragen in der Urzeit vom Vorsitzenden Richter +an die Priester gestellt, welche darüber die Loose zu befragen und +den Willen der Götter zu erkunden hatten. Diese bestätigten hierauf +die gehörige Erfüllung der Einhegungsförmlichkeiten. Dann wurde +Stille geboten und der heilige Dingfriede gesetzt. Die Mitwirkung der +Götter äussert sich wiederum beim Eide. Der Schwörende musste einen +Gegenstand berühren, der sich auf die als Zeugen des Eides und Rächer +des Meineides angerufenen Götter bezog. Uralt ist der germanische +Waffeneid, meist aufs Schwert, das nach Ammianus bei den Quaden +göttliche Verehrung genoss, abgelegt. Zeuge mag der „_Schwertgott_“, +Saxnôt, Tiuȥ gewesen sein. Goten und Nordgermanen schwuren auf Ringe, +die zuvor in das Blut des Opfertieres getaucht worden waren. Eine +nordische Eidformel ist überliefert: Ich schwöre auf den Ring einen +gesetzlichen Eid, so wahr mir Freyr, Njord und der allmächtige Ase +(Thor) helfe, zu klagen, zu verteidigen, zu zeugen, Wahrspruch oder +Urteil zu fällen nach bestem Wissen und Gewissen und nach Rechtsbrauch. +Das Gottesurteil, das Ordal dient nach altem Rechtsbrauch als +Beweismittel. Die Elemente, Feuer und Wasser, die Loose werden befragt. +Die Götter offenbaren ihr Wissen um die Vergangenheit bei gewissen +Handlungen. Das Ordal dient übrigens im ältesten Rechte nicht bloss +als Beweismittel, sondern es wird auch angewendet, um den Willen der +Götter zu erkunden, ob ihnen der bereits überführte Verbrecher oder der +gefangene Feind als Opfer genehm sei. Das germanische Recht bestraft +schwere Verbrechen auf zweifache Art. Der Missethäter wird aus dem +Frieden gethan und in Wald und Wildniss gewiesen. Dort schweift er +wie ein Wolf umher, sein Leben ist verwirkt, er kann von jedermann +getötet werden. Das Recht entzieht dem, der es gebrochen, seinen +Schutz, besonders den Frieden. Ob er zu Grunde geht, bleibt aber dem +Schicksal, der waltenden Gottheit, überlassen. Es gibt aber Verbrechen, +Neidingswerke, die nicht allein Menschensatzungen zerreissen, die +auch den Zorn der Götter hervorrufen. Auf solchen Verbrechen steht +Todesstrafe.[672] Der Missethäter wird der Gottheit als Opfer gegeben, +auf dass die Rache der Götter, welche durch die Unthat gereizt wurde, +von der Rechtsgenossenschaft abgewandt werde. Demnach ist die +heidnische Todesstrafe ein Kultakt, ein Opfer. Daher rührt noch das +umständliche Ritual, das den Todesstrafen des Mittelalters anhaftet. +Ganz bestimmt wird das Hängen, das Ertränken, das Rückenbrechen als +Opferhandlung bezeugt. Die Kriegsgefangenen wurden aufgehängt, dem +Tiuȥ und Wodan geweiht, aber ebenso auch Verräter und Heerflüchtige +zur Sühne ihrer Schandthat. Neben den Tempeln befanden sich Teiche, +in denen die Opfer ertränkt wurden; die Sklaven der Nerthus versinken +im heiligen See; in gleicher Weise werden nach Tacitus Feiglinge, +Schwächlinge und Unzüchtige in Sümpfen versenkt und mit Dornen bedeckt. +Kriegsgefangene aus der Schlacht im Teutoburger Wald wurden lebendig +begraben. Auch diese Opferhandlung begegnet als besondere Todesstrafe. +Wo die Westisländer sich zum Ding versammelten, an der Dingstätte, in +der Nähe des Tempels sah man in den Tagen Aris noch den Gerichtsring, +in dem die Leute zum Opfer verurteilt wurden; in dem Ringe stand der +Thorsstein, an welchem die Leute gebrochen wurden, die man zum Opfer +gebrauchte, und man sah noch die Blutfarbe an dem Stein. Beim Allding +des Jahres 1000 werfen die christlichen Isländer den heidnischen +vor, sie wählten die schlechtesten Leute, um sie ihren Göttern zu +geben, und opfern sie mit einem abscheulichen Tode und einem ihrer +Missethaten wegen ihrer würdigen, sie stürzen sie von Bergen herab +oder in Felsschluchten. Mit der Auffassung der Todesstrafe als eines +Sühneopfers hängen die umständlichen Formen zusammen. Beim Hängen dient +der Weidenstrang anstatt des Strickes, der dürre laublose Baum anstatt +des Galgens; Hunde werden mitgehängt u. dgl. Kauffmann[673] betrachtet +auch die Ächtung als eine Kulthandlung. Der Verfehmte, der wie ein +Tier wehrlos und selbst gefesselt in den Wald gejagt und dem Tod +preisgegeben wurde, sei es, dass er verhungert und verschmachtet oder +von Tieren zerrissen wird, sei ein unmittelbares Opfer an die Gottheit; +nur dass die Gottheit im schauerlichen unheimlichen Bannwalde selber +das Urteil vollstreckt und an sich nimmt, während sonst der Mensch +das Blut des Opfers vergiesst. Das germanische Strafrecht beruht auf +dem Grundgedanken der Sühnung. Wo durch Missethat der Zorn der Götter +gereizt ist, tritt „öffentliche“ Strafe ein, die einzig mögliche Sühne, +der Opfertod. + +Wie die Götter das Recht einsetzten und seiner Handhabung walteten, +so nahm das Recht auch wiederum darauf Bedacht, dass der Dienst der +Götter gehörige Pflege fand. Im Norden gab es gesetzliche Bestimmungen, +die von vornherein ausschliesslich auf den Schutz der Religion und +des Kultes gerichtet waren. So heisst es vom ältesten isländischen +Landrecht von 930: „Das war der Anfang der heidnischen Gesetze, dass +man keine Schiffe mit Köpfen in der See haben sollte, oder wenn +man solche hätte, da sollte man den Kopf abnehmen, ehe das Land in +Sicht käme, und nicht zum Lande segeln mit aufgesperrten Köpfen +oder gähnenden Rachen, so dass die Landgeister darüber erschräken.“ +Die Vorschrift nimmt also Bedacht, dass die Landgeister durch die +heranfahrenden Drachenschiffe mit ihren schrecklichen Bildnissen nicht +beunruhigt werden sollten. Es scheint überhaupt, dass bereits in der +heidnischen Zeit religiöse Gebote ganz in derselben Weise an die Spitze +der Gesetze gestellt wurden, wie später das Christenrecht deren ersten +Abschnitt zu bilden pflegte.[674] + + +2. Der Götterdienst im Kriege. + +Der Gottesdienst durchdrang weihend die germanischen Kriege, die +nach alter Volkssitte eingeleitet, geführt und beendigt wurden.[675] +Der Brauch der Germanen, Ort und Zeit des Kampfes dem Gegner vorher +zu bestimmen, lebt in nordischer Göttersage insofern nach, als +Wigrid, das weite Walfeld, wo die guten Götter und Surtr im Kampfe +zusammenstossen, im voraus bekannt ist. Mit Haselstäben wurde Dingplatz +und Schlachtfeld abgegrenzt, gehegt und dadurch wahrscheinlich dem +Schutze der Gottheit unterstellt. Der Kriegsgott zog mit den deutschen +Völkern in die Schlacht und war in ihrem Lager. Zum sichtbaren +Zeichen seiner Gegenwart standen die Bilder und Symbole, welche im +Frieden an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den +Opferfesten der Gau- und Volksgemeinden schwebten, bei den Abteilungen +des Heeres. Es war das Amt des Priesters, jene Bilder und Zeichen +von den Bäumen herabzunehmen und während des Zuges zu hüten. Ehe +ein Krieg unternommen oder eine Schlacht begonnen ward, forschten +die Deutschen nach dem Willen des Gottes. Er wurde befragt, ob er +dem Kampfe günstig sei. Ungünstige Zeichen bei den Opfern wurden +sorgsam beachtet; man zog dann Friedensverhandlungen dem Kampfe vor. +Wie einmal die Alemannen unter Leuthari in Campanien wider den Rat +ihrer Seher sich mit Narses schlugen, wurden sie besiegt. Mittel +der Erforschung war Looswurf, den im Kriegsfalle, wie auch sonst in +öffentlichen Dingen der Priester vollzog. Aus den Eingeweiden und dem +rinnenden Blute der Opfertiere wurde geweissagt. Man horchte auf die +Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (_barditus_), das Wiehern +der Tempelrosse. Der Zweikampf diente als Erforschungsmittel. Einen +Gefangenen aus dem feindlichen Volke stellten die Deutschen einem +auserlesenen Manne vom eigenen Stamme, jeden mit seinen volkstümlichen +Waffen, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder des andern als +Vorbedeutung des bevorstehenden Krieges. Weissagende Frauen, wie Weleda +bei den Bructerern, hatten grossen Einfluss auf die kriegerischen +Unternehmungen des Volkes. Blutiges Menschenopfer musste den Grimm +der Götter besänftigen und sühnen. Denn der Götter Zorn, Odins Grimm, +ist die vernichtende Niederlage. Darum wurde das Feindesheer zur +Feindschaft des Gottes verflucht: Zornig ist euch Odin! Schwankte der +Sieg während des Kampfes, so wurden neue Opfer gebracht, um den noch +immer zürnenden Gott günstig zu stimmen. Die Kampftoten, die Wal, waren +zugleich ein Dankopfer an den Gott. So ehrten die Goten den Tiuȥ als +den Herrn des Krieges mit Menschenopfern; daher weihten sie ihm die +Erstlinge der Kriegsbeute und alle Gefangenen. Die nordischen Völker +des 5. Jahrhunderts brachten dem Tiuȥ als vornehmstes Opfer den ersten +Kriegsgefangenen, indem sie ihn hängten oder ins Dorngebüsch warfen +oder sonst jämmerlich töteten. Der Frankenkönig Theudebert opferte +an der Pobrücke die gotischen Frauen und Kinder und warf ihre Leiber +in den Fluss als Erstlingsopfer des Krieges. Das Blut aller Christen +gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zug +nach Italien (405), wenn sie ihm den Sieg gäben. So wurde es auch im +Norden gehalten, wo das dritte grosse Opferfest zu Sommers Anfang, +wenn die Jahreszeit für Heerfahrten und Seezüge anbrach, gehalten +wurde, das _sigrblót_. Harald Hilditonn, König von Dänemark, betet in +der Brawallaschlacht zu Odin und gelobt ihm für den Sieg alle Toten +des Walfeldes. Während einer Seeschlacht, die Jarl Hakon in Norwegen +um 989 gegen eingefallene Wikinger schlägt, wendet sich sein Glück. +Da fährt er ans Land und opfert seinen eigenen siebenjährigen Sohn +um Sieg. Eirik von Schweden ergab sich selber vor der Schlacht gegen +Styrbjorn dem Odin für den Sieg: er gelobte, nach zehn Jahren sterben +zu wollen. Die früheren Opfer, die er dem Gotte gebracht, hatten diesen +nicht freundlich gestimmt. Da trat ein grosser Mann mit breitem Hut zu +ihm; der reichte ihm einen Rohrstengel und hiess ihn denselben über +die Schaar Styrbjorns mit den Worten schiessen: Odin hat euch alle! +Eirik that also, und als er geworfen, zeigte sich ihm ein Speer in der +Luft, der flog über das Volk Styrbjorns und blendete dieses und den +Styrbjorn selbst. So gewann Eirik den Sieg mit Odins Hilfe, Björn aber +und viele der Seinen fielen in der Schlacht. Bei einem feindlichen +Zusammentreffen zwischen dem Goden Snorri und Steinthor warf letzterer +nach alter Sitte sich zum guten Zeichen einen Speer über die Gegner +und verwundete dabei einen Verwandten des Snorri. Gizur, Heidreks +Pflegesohn, ritt den einbrechenden Landesfeinden entgegen, um ihnen den +Schlachtplatz anzusagen. Er reitet so nahe heran, dass die Feinde ihn +hören können, und ruft dann laut: + + Erschreckt ist euer Volk, dem Tod verfallen euer Führer. + Die Kriegsfahne ist über euch erhoben, feind ist euch Odin. + Ich lade euch nach Dylgja und auf die Dunheide + Zur Schlacht zwischen den Jǫsurbergen. + Und so lasse Odin den Speer fliegen, + Wie ich voraus verkünde. + +Der Speerwurf erscheint hier als Zeichen der Kriegsankündigung, und +zugleich zur guten Vorbedeutung. Aus dem Fluge des Speeres ergab +sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes, da der Flug unter +Anrufung Odins geschah. In der Sage von Eirik leiht der Gott die eigene +Waffe seinem Schützling, wie er in anderem Falle dem Dag seinen Speer +gab, damit er den erschlagenen Vater an Helgi räche. Wie diejenigen, +welche sich Odin weihten, mit dem Ger sich verwundeten und ihr Blut dem +Gotte opferten, so ist die nach dem Feind geworfene Waffe das Zeichen +für das grosse Blutopfer, das in dem Tod aller Feinde dem grimmen +Todes- und Kriegsgotte gelobt wird. Mit Speerschuss eröffnete Odin den +ersten Weltkrieg, den der Götter und Wanen. Speerwurf als Kampfansage +ist eine uralte religiöse Handlung, ebenso von Persern, Griechen und +Römern als von den Germanen geübt. Der germanische Gerwurf geschah als +Opferhandlung für den Walgott, einst für Tiuȥ, dann für Odin. + +Der Gottesdienst, welcher das kriegerische Leben der Germanen +durchdrang, brach auch in den Liedern hervor, mit denen sie ins Gefecht +vorrückten. Mit Anrufung des Donar (Hercules) traten nach Tacitus die +Deutschen in die Schlacht. Rauher, wilder Gesang der Goten, Preis der +Götter und Helden, gellte den Römern in den Ohren. Die Götter und die +Helden schwebten geistig über den Häuptern der todbereiten Männer und +weihten ihre Waffen. + +Bei der Anrufung der Götter vor dem Kriege um den Sieg war gelobt +worden, die Feinde ihnen dafür zu opfern. Dem Gelübde folgte die +Erfüllung. Nach dem grossen Siege von Arausio (im Jahre 105) vollzogen +die Kimbern die furchtbare Vernichtung aller Lebenden und Toten. Das +erbeutete Gold und Silber ward ins Wasser geworfen, die Gewänder +wurden zerrissen, die Rüstungen zerhauen, die Reitzeuge zerstört, +die Rosse im Flusse ertränkt, die lebenden Gefangenen an die Bäume +gehenkt. Die ganze ungeheure Beute, die sie in den beiden römischen +Lagern gemacht, vernichteten die Deutschen nach alter Kriegssitte. +Ein andres Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es +Germanicus im sechsten Jahre nach der Schlacht (15 n. Chr.) fand. So +wie die Römer gefallen waren, lagen ihre Gebeine unbestattet, samt den +Waffenresten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Schädel +genagelt; in den nahen Wäldern standen die Opfersteine, an denen die +Tribunen und Centurionen der ersten Züge geopfert worden waren. Die +andern Gefangenen hingen an den Galgen oder waren in Gruben lebendig +begraben worden, wie die Soldaten, die durch Flucht davon gekommen, +dem Germanicus erzählten. Nicht mutwillige oder wütende Grausamkeit +hatte diese schauervolle That bewirkt, sondern die Pflicht gegen den +Kriegsgott, welcher das Opfer verlangte, nachdem er die Bitte und das +Gelöbniss erhört und den Sieg gegeben hatte. In gleicher Weise haben +die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles, +was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war, dem +Tiuȥ und Wodan geopfert. Und ebenso wird von den Goten berichtet, +dass sie alle Gefangenen dem Tiuȥ zu opfern pflegten. Die Sachsen +bestimmten aus den Kriegsgefangenen durchs Loos den zehnten Mann und +opferten diese Ausgeloosten mit gleicher qualvoller Art den Göttern. +Im besonderen war es das Blut der Menschen und Tiere, welches der +Gott empfing. Die Götter dürsten nach Blut und darum heisst bei den +Skalden das Blut _Gauts tafn_, Odins Opfer. Mit dem Blut aus selbst +gestochener Wunde erkauften die Nordgermanen die Hilfe Odins und +Aufnahme in sein Gefolge. Mit der Speerwunde gaben sie sich dem Gotte +zu Eigen und zeichneten sich mit seiner Marke als ihm gehörig. So +wird Wikar von Starkad aufgeknüpft, durchbohrt und dem Odin geweiht. +Blut- und Hangopfer, die der düstre Gott fordert, sind hier vereint. +Die Leiber der Gefallenen gehören den Tieren des Todesgottes, den +Raben und Wölfen. Unsre alte Poesie klingt noch davon wieder, wie die +dunklen Raben, die Adler und die Habichte schreien, und die wilden +grauen Wölfe, des Wettergottes Hunde, am Abend vor der Schlacht ihr +Lied anstimmen, in der Hoffnung auf Atzung; wie die Heervögel, die +schlachthungrigen, vom Blut benetzten, auf den Spuren der Kämpfer +fliegen und das Schlachtlied singen mitten unter den Speeren. „Der hat +oft die Are gesättigt“, war ein Lob für tapfre Männer. „Deinen Leib +will ich den Vögeln hinlegen und dein Haupt von hinnen führen“, ruft +der Held dem Feinde zu. + +Ein Dankopfer für den Sieg war, den isländischen Quellen zufolge, +auch bei Zweikämpfen fromme Sitte. Egill und Atli hatten sich zum +Holmgang gefordert. Als Opfertier war ein grosser alter Stier zur +Stelle gebracht, den sollte der Sieger schlagen. Atli fiel. Da lief +Egill rasch zu dem Tier, griff mit der einen Hand in sein Maul, mit +der andern in die Hörner und schleuderte es herum, dass es das Genick +brach. Kormak hatte den Thorward im Zweikampfe verwundet; er hieb das +Rind als Siegopfer sofort nieder, mit dem Blute bestrich er eine nahe +Elbenhöhle und bereitete aus dem Fleische den Elben ein Mahl, weil +elbische Einflüsse über dem Kampfe gewesen waren. + +Vom Beschluss zum Kriege bis zum blutigen Siege durchdringt das +religiöse Element die germanischen Heere und treibt auch den einzelnen +Mann. Der Krieg war ein furchtbarer Opferdienst. + + +3. Der Götterdienst im alltäglichen Leben. + +Wie das öffentliche Leben des ganzen Volkes, so stand auch das des +Einzelnen in engster Verbindung mit dem Götterglauben.[676] Deutlich +tritt bereits bei der Namengebung religiöser Brauch hervor. Wenn dem +Kinde ein mit einem Götternamen gebildeter Eigenname beigelegt wurde, +so soll es damit in des Gottes Schutz gestellt werden. Am meisten +ist die Benennung nach Göttern im heidnischen Norden üblich, jedoch +zeigen deutliche Spuren, dass es in Deutschland ebenso gehalten +wurde. Mit As und Regin, im Niederdeutschen Os, im Hochdeutschen Ans +zusammengesetzte Namen, die grossenteils noch heute üblich sind, wie +die ähnlicher Vorstellung entsprungenen christlichen Namen Gotthold, +Gottlieb, Gottfried u. dgl., drücken die allgemeine Unterordnung +unter die Gottheit aus, wohin auch Helgi und Helga (russisch Olga), +der und die Geheiligte, und die mit _vé_, d. h. Heiligtum, Weihtum, +verbundenen gehören. Foerstemanns altdeutsches Namenbuch und jedes +beliebige nordische Namenverzeichniss bieten unter den Schlagwörtern +Beispiele in Hülle und Fülle. Alfr, Freyr, Gautr, sowie die im Norden +ungemein beliebten Zusammensetzungen mit Thor, Freyr, Ing, Alf sind +hierfür Zeugen. Asen und Alfen nehmen die Menschen in Schutz. Ob +die dem nordischen Gautr und Freyr entsprechenden deutschen Gôȥ +und Frô auf Götternamen weisen, ob nicht vielmehr die zu Grunde +liegenden Appellativa nur im Norden zum Range eines Götternamens sich +erhoben, ist zweifelhaft. In Deutschland werden Wodan und Balder +als Namen geführt, im Norden auch Idun. Wenn auch der grösste Teil +der überlieferten Namen erst der späteren Zeit angehört und, wie es +so häufig auch noch heute geschieht, nur gewohnheitsmässig, ohne +Verständniss des eigentlichen Sinnes, angewandt wurde, so liegt doch +zweifellos ursprünglich bewusster Brauch zu Grunde, ein im Namen +angedeutetes Schutzverhältniss zum Gotte. + +Im Norden war es Sitte, das Kind mit Wasser zu begiessen. Dieser Brauch +ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.[677] +Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen verknüpft. Adam +von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde, +das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu +mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl +und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten, +schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan +und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur +das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach +isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der +Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die +Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen. +Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen +der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der +Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor +rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung +versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten +einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür +sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch +höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er +sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der +Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu +opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an +einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um +Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender +Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter +schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach +Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die +Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses +geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und +Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein +Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in +der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische +Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den +Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter, +denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen- +und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde ein. Mithin ist das +Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem +Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der +Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige +Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen +schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer +Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu +Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm +hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem +bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen +ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor +und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht +seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer +Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten +Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte +die Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde +und so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert +sich bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern +wie die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist _Freys vinr_, +Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den +jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch +persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns +vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden, +wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt +der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte +Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell, +einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod; +aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und +brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf +sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner +Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim +Geisterglauben geschildert. + +Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen +und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss +mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem +Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man +wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube, +dass der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe, +veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch +wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde, +Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm +Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken +durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige +Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal +nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr +verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den +mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen +Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten +aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin +ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch +fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und +mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein. +Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber +andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu +Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber +auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich +ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose +Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett +dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die +nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden. +Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen +des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt +mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser +gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches +Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim +Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst +das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen. + +Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen +beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises +die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete +seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen +Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend. + + +4. Gebet und Opfer. + +Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne +das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung +des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll +verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das +Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens +Gelübde einer solchen gethan. + +Beim heidnischen Gebet[678] pflegte man im allgemeinen ähnlicher +Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich +wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den +Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als +wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte +der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet +und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester +ausdrücklich _pileati_, mit Hüten versehen, da sie bedeckten Hauptes +opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz zu den +Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln waren wol +vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum _duga_, taugen, für gnädig +sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den Worten: „Ich +bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht worden zu +sein. + +Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem +offerre entlehnt ist, lautet _blôtan_. Das Wort ist gotisch, +angelsächsisch, altnordisch (_blóta_) und althochdeutsch (_pluoȥan_) +bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion ist aus dem +Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer ehren. So heisst +im Gotischen _blôtan fraujan_, den Herrn mit Opfer ehren, entsprechend +im Nordischen _blóta þór_. Das Opfer ist got. _blôstr_, ahd. +_pluostar_, oder an. _blót_, ahd. _ploaȥ_, also lauter durchgehende +gemeingermanische Wörter. Der heidnische Begriff verschwindet +frühzeitig im Deutschen, wol damit die daran geknüpften heidnischen +Erinnerungen vergessen werden, um dem Lehnwort, das die Kirchensprache +einführte, Platz zu machen. Im Nordischen begegnen neben _blót_, +_blóta_ auch die Wörter _fórn_ stf., _fórna_. + +Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. _hunsl_, ags. +_húsel_, an. _húsl_; wie die urverwandten Wörter lehren, liegt darin +der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige Handlung +darin angezeigt.[679] Ahd. _kelt_, as. _geld_, ags. _gield_ meint die +Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern entrichtet. Lehrreich +ist das angelsächsische Wort _lác_ für Opfer. Der germanische Ausdruck +_laikaȥ_, Leich, steht für das aus der Vereinigung von Tanz und Lied +hervorgegangene Kunsterzeugniss.[680] Dass im Angelsächsischen die +Bedeutung „Gabe“ überwog und _lác_ geradewegs Opfer ist, erklärt +sich nur aus der uralten festen Zugehörigkeit des _laikaȥ_ zur +Opferhandlung, die von Spiel und Tanz und Lied begleitet war. Das +gotische _sauþs_ im Sinne von Opfer bedeutet Sud, das Gesottene, +und zielt auf das gesottene Fleisch des geschlachteten Opfertieres. +Altnordisch _sauđr_, Widder, meint wol eigentlich nur das zum Sud +auserlesene Opfertier. + +Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein +privates+ und ein ++öffentliches+. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in Haus und +Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser, Licht und +Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister hausen, wird +geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die Spenden sind +einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte. Geopfert wird +um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum, zur Abwehr von +Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche Opfer sind +einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum, weil sie +alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung oder gar +eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger haften sie in +der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der Götterglauben +für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde schon gesagt. +Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln, in denen die +Kulthandlungen verlaufen. + +Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die +Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester +darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und +Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja +das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel +sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel +richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die +Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch Geister das Staatsopfer +entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2, +25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen +gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die +Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht +einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und +Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die +Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren +überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten +oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder +wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und +sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling +vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden +Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen +sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach, +säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche +Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem +gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste +übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines +Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht +wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer +thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten, +z. B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen, +die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“ + ++Menschenopfer+[681] sind also die wichtigsten und höchsten; für +Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud +sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei +angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern +Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart +das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter +ein Opfer forderten oder nicht.[682] Nach Sidonius Apollinaris opferten +die Sachsen, ehe sie die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten +Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden +ausgeloost: _super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem +sortis aequitate dispergere_. Mit langen grausamen Qualen wurde das +Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern, +dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer +schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll +töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an +einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf +Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen. +Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die +Leute versenkt wurden. Bei den Friesen[683] wurden an den Festen der +Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt +oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten +ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde +nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren +aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde +den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen +wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten +die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame +nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem +Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte +und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine +Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus +ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo +(vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert, +Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die +Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des _hlunnrođ_, der +Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über +Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel +rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu +feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin +sein Drachenschiff über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in +See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen +Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet +ebenso auf altes Sühnopfer zurück.[684] Waren Altäre oder Opfersteine +beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute +bestrichen. + +In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven[685] und +Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am +Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen +aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen, +ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu +weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die +schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie +mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber +es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich +zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge +und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen +lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend +zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass +er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur +Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein +grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht, +wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge +des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien +sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem +christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge +ziehen die Bekehrung vor.[686] + +In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot +und Elend. Da hielten die Schweden Opfer zu Uppsala; den ersten Herbst +opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und +den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang +war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die +Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte; +da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass +das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich +darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn +angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen, +und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich +derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das +gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem +Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war +ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten, +daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen, +machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und +verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um +ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten +Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den +sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter +in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den +gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als +Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen +wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch +abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder +bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen, +sein Amt niederzulegen.[687] Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar. +König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln; +da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen +kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter, +was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war, +dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos +auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar +selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich +zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig aufhängt und mit dem Speer +durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also +wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar. + +An zweiter Stelle stehen +Tieropfer+[688], welche an den gewöhnlichen +Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind weit unschuldiger +als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon Tacitus weiss, dass +Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern -- _concessis animalibus_ -- +verehrt wurden. Essbare Tiere wurden zum Opfer gewählt; sie gelten als +Speise, welche dem Gotte geboten wird, und wurden beim Opferschmaus +auch unter den Teilnehmern am Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte +sich unter dem Vorsitze der Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und +trat dadurch in Gemeinschaft mit dem heiligen Opfer. In den ältesten +Zeiten wurden vornehmlich Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den +Germanen mit Vorliebe genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil +er eben namentlich mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in +der christlichen Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt. +Pferdefleisch soll König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn +zur Teilnahme am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des +Heiligen wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten +sich das Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich +vor. Die heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason +verächtlich als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu +Hleidra wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias +den Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss +des Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen, +das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen +des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für +Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die +Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer +Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier. +Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers +goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem +Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht auch +Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja erhalten +Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes Opfertier +gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. _friscing_ (Frischling) zur +Übersetzung von lat. _hostia_, _victima_, _holocaustum_. Auch Widder +und Böcke stehen unter den Opfertieren. Von einem Ziegenopfer der +Langobarden spricht Gregor der Grosse in den Dialogen 3, 28; die +Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer Götter ein Ziegenhaupt +dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen aufführen und Lieder +absingen -- _caput caprae, hoc ei per circuitum currentes carmine +nefando dedicantes_. Für „Opfertier“ besass die altdeutsche Sprache +ein besonderes Wort: ahd. _zebar_, ags. _tifer_, im Altfranzösischen +und Portugiesischen als germanisches Lehnwort _toivre_ Vieh, _zebro_, +_zebra_ Ochse, Kuh. Damit scheint im wesentlichen das opferbare, +essbare Vieh gemeint zu sein, während mhd. _unzifer_, nhd. _Ungeziefer_ +die Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere +begreift. Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort _tafn_, +urverwandt mit lat. _dapes_, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben +Menschen an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht +zum „_zebar_“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich +und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum +Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der +Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das +Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte, +doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und +Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer, +wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen +Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung +zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von +gebackenen Tierfiguren. Schon der _indiculus superstitionum_ 26 aus +dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, _simulacra de consparsa +farina_. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind jedem gegenwärtig. + +Vom eigentlichen +Hergang beim Opfer+[689] enthalten nordische +Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige +verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum +Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss -- +_presbyter Jovi mactans et immolatitias carnes vescens_. Nach den +Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene Christen von +den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also schlachteten +die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am Schmause +teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2 befanden +sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit ehernem +Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten die +gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer Leiter +hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers über +dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann. +Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den +Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im +Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe +herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden +tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter +erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste[690], +das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war, +hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus +im Jahre 14 nach Christus.[691] Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist +ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches +Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte. +Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche +Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz, +Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein +weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen +in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers. + +Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden +im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte +man in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, man sprengte es +sodann mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich +damit die Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des +Tempels. Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an +den Bäumen aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere +aber dienten zum Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter +ebenfalls den Göttern aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch +in Kesseln gekocht, gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten; +von diesem Sieden heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer +_sudnautar_, Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische +Eigennamen wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill, +Asketill, Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich +Bolli hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle +des Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden +brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die +Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über +die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm, +lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die +feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken[692] +an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher +um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage +über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von +Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt +wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens +abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die +Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine +beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern, +welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg. +Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich +auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer, +wobei das Tier auf dem Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint +nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein. +Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen, +am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei +weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts +weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas +derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich +nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in +Uppsala ärgerte.[693] Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich +nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter +und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so +namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im +Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen. + + +5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.[694] + +Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit +allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu +Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen +Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den +von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam +zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer +Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und +nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen +Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der +Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man +in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder +herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, welche von Hirten +und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und +Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der +Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen. +Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau +und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer +Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die +Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des +Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche +einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die +Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss +oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden, +im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit +des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche +Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten +zunächst ein +Hirten-+, dann ein +Bauernopfer+. + +Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde +schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht. +Das stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der +Krankheit zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem +Zuge zu einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer +geschah entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die +Tierhäupter wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und +dienten zur Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch +mehrere Stücke der Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen. +Mit dem Tieropfer scheinen ursprünglich die _Notfeuer_[695] verbunden +gewesen zu sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht +wurden. Alles Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor +Sonnenaufgang oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde auf +den für die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem +Schweigen wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in +Brand gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann +ein Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben +musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst +Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen +hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den +heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit +brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas +Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das +erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte, +in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige +Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die +Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben. +Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber +auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze +die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer +ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche +ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen +fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren +ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem +Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und +Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer +und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische +Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur +Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt, +den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem +umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende +Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente +zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss. +Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die +sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen. +Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie +entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde +älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch +länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum +aber vollzog sich das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen +und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme, +also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein +Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender +Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen +dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes +sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes. + +Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu +weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man +wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt +Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde +und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen, +durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse, +Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum +Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei. +Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit +Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in +der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den, +hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt +ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer +ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend +mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf +den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus +den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn +aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über +die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete +Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das +Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der +reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben, +Scheibenschlagen[696] verbreiten das heilige Opferfeuer über das +Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische +Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an. +Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von +den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der +Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs niedergebrannte Feuer sprangen +die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane +heim genommen. + + * * * * * + +Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern, +noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt +die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht. +Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit +auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier, +deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich +dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die, +wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der +Wirklichkeit entsprechen wird. + +Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren, +Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne +auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht +auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in +grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der +giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum +feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche +Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter +oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon +reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen +Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein +grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels, +der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar, +gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen. + +Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere +auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch +Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem +Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man +lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der +Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh, +welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des +Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und +dadurch zum Opfer bestimmt. + +Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines Opfer, an +dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege +zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder +Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit +Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen +Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von +keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden, +damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den +Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere +Zauberkraft erhalten. + +Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die +Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes +Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen +und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere +vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und +aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen +hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen +daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem +Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch +das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch +befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der +Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser +die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von +schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als +schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem +Hofthore befestigt. + +Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer +erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die +am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt +sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt +die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die +Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem +Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft, +dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier +Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von +Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer +erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem +festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin die Göttin, welche der Erde +Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder +von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln +an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als +Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk. +Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder +unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er +schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes +Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen +der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten, +gegen Hexen und böse Geister gebraucht. + +Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen +Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt +haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und +haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen +Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles +Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen +Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder +eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen +Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen +sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte +Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel) +darstellen soll. + +Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Bauern sind mit dem Bittgang +und der Quellenverehrung fertig, und die ganze Gemeinde versammelt +sich nun mit den Opfertieren bei dem Scheiterhaufen. Es beginnt nun +der wichtigste Teil des ganzen Festes. Ein Paar keuscher Jünglinge ist +bemüht, in der uralten Weise durch Aneinanderreihen zweier trockener +Hölzer die heilige Opferflamme zu gewinnen. Andere beschäftigen sich +damit, dem altherkömmlichen Brauche gemäss, die Opfertiere durch +Hauptabschneiden zu töten. Die abgeschnittenen Köpfe werden sodann +nebst den Rümpfen der lediglich zum Sühnopfer bestimmten Hunde und +Katzen, sowie der Haut, dem Knochengerüst, den Eingeweiden und +Genitalien der Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner auf +den Holzstoss gelegt, jedoch nicht eher, als bis sich jeder von den +Teilnehmern am Opfer etwas davon angeeignet hat, sei es nun ein Knochen +oder ein Stückchen Haut oder ein wenig geronnenes Blut. Solchen +Opferresten wohnen nämlich grosse Zauberkräfte inne. Gibt man z. B. +von dem Opferblut einem Kranken ein, so weicht sofort die Sucht von +ihm; gräbt man einen Opferknochen in das Saatfeld, so bleiben Unwetter +und Hagelschauer der Frucht fern u. s. w. + +Nachdem die Tiere geschlachtet sind, ist endlich auch die mühselige +Arbeit des Feuergewinns mit Erfolg gekrönt worden. Die durch die +Reibung erhitzten Hölzer haben Feuer gefangen. Schnell wird dasselbe +angefacht und dann damit der Scheiterhaufen angesteckt, welcher, kaum +entzündet, auch schon nur eine einzige grosse Flamme bildet. Alles +jauchzt und jubelt und tanzt unter dem Singen alter, feierlicher Weisen +um den brennenden Holzstoss herum. Aufmerksam blickt auch ein jeder +nach der Farbe und dem Zug des Rauches und dem Aussehen des gestirnten +Himmels; denn daraus lässt sich gar manches weissagen über die +Aussichten bei der nächsten Ernte, über die kommende Witterung, über +die Gegend, wo man im nächsten Jahre am besten aussäen kann, ja selbst +über Liebe, Ehe und Tod. + +Die jungen Burschen reissen darauf aus dem Scheiterhaufen brennende +Scheite heraus, zünden an seiner Glut Reiserwellen, lange Kienfackeln +und mit Stroh umflochtene Räder an und laufen dann damit, schreiend +und lärmend, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, über die +Felder hin, um dadurch die dem Wachstum feindlichen Dämonen aus den +Saaten zu vertreiben. Die älteren Leute und die Frauen dagegen sieden +in den herbeigebrachten Opferkesseln das Opferfleisch, bereiten die +Opferkuchen und die anderen Opferspeisen zu und brauen Bier und Met +für den heiligen Minnetrank. Aber ehe es zum fröhlichen Opferschmaus +geht, muss noch eine wichtige Handlung vorgenommen werden: das Springen +der Menschen durch das Opferfeuer und das Treiben der Herden über die +dampfenden und im Erlöschen begriffenen Kohlen. Denn der Rauch des +Opferfeuers übt nicht allein auf den Acker dämonenvertreibende Macht +aus, sondern er befreit auch den menschlichen und tierischen Körper von +den ihm innewohnenden elbischen Geistern und bewahrt ihn dadurch vor +tötlichen Krankheiten und Seuchen. + +Ist auch dieser letzte grosse Läuterungs- und Reinigungsakt glücklich +vorüber, so beginnt der Opferschmaus, bei dem es sehr heiter und +fröhlich zugeht. Niemand darf sich davon ausschliessen, selbst der +zufällig vorüberwandernde Fremdling muss an dem Mahle teilnehmen. +Welches Gemeindeglied hätte sich aber auch einem solchen Feste +entzogen, bei welchem sogar der übermässigste Genuss von Speise und +Trank nicht allein keine nachteiligen Folgen nach sich ziehen konnte, +sondern im Gegenteil dem Geniessenden die grössten Vorteile brachte. +Denn je mehr Minne jemand trinkt, um so stärker und schöner wird er, +und je mehr er isst, um so sicherer kann er sein, dass er das ganze +Jahr hindurch von Krankheiten verschont bleibt. Zum Schlusse -- es +mag wol oft der helle Morgen gekommen sein, ehe ein solches deutsches +Opferfest beendet war -- nimmt ein jeder etwas von den Kohlen und der +Asche des Feuers und den übrig gebliebenen Resten des Opferschmauses +mit sich nach Hause, um die Dinge dort in allerhand Nöten als kräftige +Heilmittel zu gebrauchen. Ausserdem erhält noch jede Familie ein +brennendes Scheit von dem Opferfeuer, mit welchem sodann auf dem Hofe +das vorher sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder neu entzündet wird, +damit auf diese Weise auch das Haus der Segnungen des Opfers teilhaftig +werde. + +So ging es bei dem Mittsommeropfer her und ganz ähnlich verliefen auch +die andern Jahresopfer unserer heidnischen Vorfahren. + + * * * * * + +Von Opfern, welche der einzelne Hausstand brachte, seien nur die +bei der Aussaat und nach der Ernte erwähnt. Der Hausvater und sein +Ingesinde brachten ein Brotopfer, mit Trankopfer verbunden, bei dem +Treiben des ersten Pfluges in den Acker für die mütterliche Göttin +Erde, damit sie aus ihrem Schoosse heraus dem Lande die erforderliche +Feuchtigkeit und dadurch der Saat Gedeihen gebe; ein Körneropfer +beim Ausstreuen der ersten Handvoll Saatkorn für den Windgott, dass +er die Frucht vor Vogel-, Wild-, Mäuse- und Würmerfrass bewahre; +nach vollendeter Bestellung des Saatfeldes ein Eier- oder Hahnopfer +für den Wettergott, um von ihm gnädigen Schutz vor Hagelschauer +und Wetterschlag zu erbitten. Dabei wurden zauberkräftige Gebete +gesprochen, etwa wie die angelsächsische Flurbesegnung mit dem +feierlichen Anruf: Heil dir Erde, wachse in des Gottes Umarmung, +erfülle dich mit Frucht den Menschen zu Nutze.[697] Kleinere Opferfeuer +mögen auch dabei entzündet worden sein. Das letzte Ährenbüschel aber +gehörte dem Wode und seinem Pferde als Dankopfer. Auch hier fehlten +die Weihsprüche nicht. Daneben begegnen Hahn- und Bocksopfer als +Erntebrauch, wol mit Beziehung auf Donar. Hirtenopfer werden in Milch, +Butter und Käse bestanden haben; dazu gehören die Viehbesegnungen, die +allerdings nur in christlicher Fassung uns überkommen sind. + +So greift der Opferdienst in die ganze Acker- und Viehwirtschaft des +Einzelnen wie der Gesamtheit fortwährend ein. Wenn diese Opferbräuche +auch in der christlichen Zeit nicht versäumt wurden, darf füglich +angenommen werden, dass das Heidentum nicht weniger eifrig dem +Opferdienst oblag. + + +6. Festliche Umzüge. + +Noch heute ist „begehen“ die gewöhnliche Bezeichnung für die Feier +eines Festes. Das Wort besagt aber eigentlich „einen feierlichen Umzug +halten“. Ein Aufzug[698] gehörte zum Opfer und Gottesdienst. Unter +verschiedenen Formen und mit verschiedener Bedeutung treffen wir +solche Festzüge im germanischen Heidentum. Am klarsten und genauesten +kennen wir den Zug bei der Nerthusfeier und bei der schwedischen +Freysfeier. Den Wagen der Nerthus schirrte der Priester und begleitete +seine Umfahrt durch die Gaue der verbündeten Völkerschaften. Wohin der +Wagen kam, wurde Fest und Frieden gehalten. Vermutlich zog das Volk, +wie später beim Sommerempfang, dem Wagen der Göttin entgegen, um sie +feierlich einzuholen. Das Volk nahm den heiligen Wagen in geordnetem +Zuge in die Mitte und führte ihn zu sich heim; der weiter fahrenden +Göttin wurde dann später Geleit gegeben. Spiel und Tanz fehlten dem +Aufzug so wenig wie den Frühlingsfesten. Freyr besuchte, auf dem +Wagen fahrend und von einer Priesterin geleitet, zur Winterszeit die +schwedischen Gaue. Der Gott wurde festlich eingeholt und gefeiert. Sein +Umzug segnete das Land zur Fruchtbarkeit. Der Gotenkönig Athanarich +befahl, das Bild eines gotischen Gottes auf einem Wagen vor den +Wohnungen aller des Christentums Verdächtigen herumzuführen. Weigerten +sie sich, niederzufallen und zu opfern, so sollte ihnen das Haus über +dem Kopfe angezündet werden.[699] Also auch derselbe Brauch eines +umfahrenden Wagens. Der Schiffszug in den Niederlanden hing vielleicht +einstens mit dem Isis-Nehalenniadienste zusammen. Der Grundgedanke +dieser Feier scheint der Einzug der Gottheit ins Land zu sein. Aufzüge +scheinen überhaupt jedem Opfer eigentümlich zu sein. Flurgänge, um +Ackerland fruchtbar zu machen, wobei Götterbilder herumgeführt wurden, +bezeichnet der _indiculus superstitionum_ als heidnische Sitte: _de +simulacro quod per campos portant_. Die Kirche hat sich des Brauches +bemächtigt, der in den Flurgängen der Gemeinde mit Priester und Heiltum +statt des alten Götterbildes fortlebt. Romanischer Glaube mag übrigens +in deutschen Festzügen mehrfach nachwirken. + +Der feierlichste Aufzug war der zur Schlacht. Die Götter schritten, +ihre Anwesenheit durch die heiligen Feldzeichen bekundend, den +Heerscharen voran, aus deren Mitte feierlicher Gesang, besonders zu +Ehren Donars, erscholl. Es mag ein kurzes Lied mythischen Inhaltes +gewesen sein, das, eine Ruhmthat des Gottes ins Gedächtniss rufend, +diese als Beispiel göttlichen Heldentums hinstellte. Darauf ertönte +der Kriegsruf, der unter den vor den Mund gehaltenen Schilden tosend +anschwellende _barditus_.[700] Wie die kurze vorgeschickte Göttersage +zum Zaubersegen, etwa in den Merseburger Sprüchen, so mag sich das +Donarlied zum _barditus_ verhalten haben, einem brausenden, dem Feinde +fürchterlichen Hurra, unter dem die Germanen nach Beendigung des +Schlachtliedes den Sturmlauf begannen. + + +7. Ständige Jahresfeste. + +Gab es bei den Germanen eigentliche Festzeiten, die sich jährlich +an bestimmten Tagen wiederholten? Die Frage ist darum schwer zu +beantworten, weil die ursprüngliche Jahresteilung der Germanen nur +mangelhaft bekannt ist. Das Jahr zerlegten die Germanen in zwei +Hälften, Winter und Sommer, denn diese Wörter gehen durch alle +Sprachen gleichmässig hindurch. Ob die andern Jahreszeiten, Lenz und +Herbst schon der Urzeit angehören, ist zweifelhaft. Das Jahr hub mit +dem Winter, im Oktober vielleicht in der Tag- und Nachtgleiche oder +im November, an. In der altdeutschen Sprache hat das Wort Winter +geradewegs auch die Bedeutung Jahr. Zu Winters Anfang und zu Sommers +Anfang waren grössere Opferfeste üblich, die nicht bloss in der +Gemeinde, sondern in der Völkerschaft, im ganzen Lande gefeiert wurden. +Da kamen die Volksgenossen zum Herbstding und Frühlingsding aus Nah +und Fern zusammen, da wurden Opfer und Gottesdienst gefeiert, Gericht +gehalten, Volksfeste begangen u. dgl. mehr. Ein festes Datum für die +Zusammenkünfte lässt sich nicht behaupten. Es war wol auch nach Klima +und Landesbeschaffenheit verschieden und wurde eben allgemein auf den +ersten Winter- oder Sommermond verlegt. Ostern, die Märzfelder der +Merowinger, die Maifelder der Karolinger, die zahllosen Frühlingsfeste, +die im Volksbrauche auch unter dem Christentum fortlebten, die uralten +Volksspiele vom Einholen des Sommers, vom Streit zwischen Sommer und +Winter, Feste, die sich im allgemeinen zwischen Fasten und Pfingsten +abspielen, andererseits die herbstlichen Kirchweih- und Schlachtfeste +dürften einzelne Züge aus den altgermanischen Winter- und Sommeropfern +bewahren. Aber ein Gesamtbild lässt sich nimmer gewinnen. Denn das alte +grosse Volksfest ist mit Gemeindefesten der Bauern und Hirten vermischt +und auf verschiedene Tage des römisch-christlichen Kalenders verstreut. +Ausserdem sind viele fremdartige und junge Bräuche eingedrungen. +Es versteht sich wol von selbst, dass eine Vereinigung des ganzen +Volkes nicht allzu oft stattfinden konnte. Denn die Reise zum Ding +war zeitraubend. Andererseits forderten aber die Angelegenheiten des +Volkes solche Versammlungen, die aber keineswegs bloss dem Opferfeste, +vielmehr ebenso dem Gerichte und der Beratung, die im Heidentum +vom Gottesdienste gar nicht zu trennen sind, gewidmet waren. Darum +betont J. Grimm in den Rechtsaltertümern S. 245, 821 ff. mit Fug die +ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Volksding und Volksopfer. Je +nach Umständen wird bald die eine, bald die andere Bedeutung stärker +hervorgetreten sein. Im Christentum fiel das Opfer weg, aber Volksding +und Volksfest hafteten. Die Frühlingsfeste, welche in Verbindung +mit Waffenübungen und Schützenfesten stehen, weisen zurück auf eine +Zeit, wo die Ankunft des Frühlings nicht nur mit einem Danke an die +Götter für das, was die Natur gab, sondern mit einer Zusammenkunft +der gesamten waffenfähigen Mannschaft begrüsst wurde, wo die während +des Winters nicht geübten Fertigkeiten bei Kampfspielen erneuert und +die Kriegszüge des Sommers beschlossen wurden. Sie erinnern an die +fränkischen März- und Maifelder, wo die Musterung im Vordergrund +steht. Die wesentlichen Merkmale jener Versammlung im Herbst und +Frühling waren etwa diese: Gebet und Opfer um gutes Jahr und glückliche +Unternehmungen, Beratungen über Angelegenheiten des Volkes, zu +Sommersanfang besonders über bevorstehende Feldzüge, Waffenmusterung, +Gerichte, Umzüge und Volksspiele, Opferschmaus und Gelage. Besonders +im Norden finden wir den alten Brauch der Volksdinge am besten auch +unter der christlichen Religion bewahrt. Die Norweger hatten neben +dem _Heradsding_, dem Ding der Hundertschaft, _Volklandsdinge_. In +vier grossen Verbänden traten die Norweger zusammen. Die Isländer +vereinigten sich im Herbst und Frühling in kleineren Verbänden, im +Juni zum _Allding_. Zugleich hören wir im Norden von besonders grossen +Opferfesten der Dänen und Schweden. Die Zeiten der nordischen Dinge +sind allerdings teilweise eigenartig und ohne Zusammenhang mit den +altgermanischen ungebotenen Dingen, namentlich auf Island allein durch +die Landesbeschaffenheit bestimmt. + +Weil die ungebotenen Dinge der Germanen vielfach zu Winters und Sommers +Anfang stattfanden, weil zur selben Zeit der Volksbrauch noch allerlei +Spiele und Feste kennt, weil die Germanen das Jahr in Winter und +Sommer einteilten, wird man nicht fehlgehen, wenn man dahin ständige +Festzeiten der heidnischen Germanen verlegt, die im grösseren Verband, +unter Teilnahme des ganzen Volkes, als Volksfeste gefeiert wurden. + +Noch weitere Volksfeste scheinen vorhanden gewesen zu sein. Zu +Mittwinter wurde _jul_ gefeiert. Das nordische _jól_, _júl_ begegnet +auch im englischen _yule_; in Pommern ist Jul eine Bezeichnung für die +Weihnachtszeit, scheint aber aus Schweden oder Dänemark eingeführt +zu sein. Im Gotischen und Angelsächsischen kommt dasselbe Wort als +Monatsname vor: ags. _æra geola_, _æftera geola_[701], erster und +zweiter Julmonat, zur Bezeichnung des Januar und Februar, got. _fruma +jiuleis_, erster Julmonat zur Bezeichnung des November. Ist der Monat +nach dem Feste oder das Fest nach dem Monat benannt? Der Ursprung des +Wortes liegt im Dunkel. Weinhold dachte an Entlehnung aus lateinischem +_julius_, die Mittwintermonate (December, Januar) hätten die Germanen +bei Annahme des römischen Kalenders mit dem Namen des Mittsommermonats +belegt. Andere Erklärungen suchen Urverwandtschaft mit lateinischem +_joculus_; Jul sei die heitere Festzeit.[702] Das heidnische Julfest +der Nordleute fand im Januar nach Dreikönig statt und währte drei Tage. +Die Zeit gibt für Dänemark Thietmar von Merseburg an, für Norwegen die +Bezeichnung _Þorrablót_, das Þorriopfer. Þorri ist ein Monatsname, +dem Januar entsprechend. Þorri hub zwischen dem 9. und 16. Januar an. +König Hakon verfügte, dass man das Julfest in Norwegen um dieselbe Zeit +feiern sollte, wie die Christen Weihnachten. + +In Deutschland ist kein sicheres Zeugniss des heidnischen +Mittwinterfestes vorhanden. Wol spielen die Zwölften, die Zwölfnächte +zwischen Weihnacht und Dreikönig im Volksaberglauben eine grosse +Rolle.[703] Da sind alle Geister los und suchen die Menschen heim. +Der Wode, Frau Holle, die Percht, das wütende Heer ziehen um und +werden mit Opfer geehrt. Alle Arbeit ruht, besonderes Backwerk wird +zubereitet, festlicher Schmaus gehalten. Das sind die Loosnächte, in +denen die Zukunft erforscht werden kann, welche die Witterung und damit +die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres anzeigen. Da ereignen sich +allerlei wundersame Dinge. Erwägt man, dass das nordische Julfest +auf die christliche Weihnachtszeit verlegt wurde, so kann man auch +für Deutschland solches annehmen und den Weihnachtsaberglauben vom +alten Mittwinteropfer ableiten. Aber er kann ebensowol vom heidnischen +Jahresanfang, vom Winterbeginn oder Herbstopfer auf Weihnachten und +Neujahr verlegt worden sein. + +Nordische Berichte reden von drei grossen Jahresopfern, die +im allgemeinen wol auch mit den germanischen Jahresopfern +übereinstimmen.[704] Die Ynglingasaga (Kap. 8) sagt: „Da sollte man +opfern gegen den Winter zu für gutes Jahr (_í móti vetrs til árs_), +mitten im Winter sollte man opfern für Wachstum (_at miđjum vetri +til gróđrar_), das dritte Mal gegen Sommer (_at sumri_); das war das +Siegesopfer.“ Die jüngere Olafssaga Helga Kap. 104 berichtet: „Das +ist ihre Sitte, ein Opfer zu haben im Herbste und da den Winter zu +begrüssen; ein andres Opfer haben sie mitten im Winter, das dritte +gegen Sommer, da begrüssen sie den Sommer.“ Von dem Halogaländer Sigurd +Thorisson berichtet dieselbe Saga im Kap. 112: „Er war so gewohnt, so +lange das Heidentum währte, drei Opfer jeden Winter zu haben, eines +bei Winters Anfang, das zweite um Mittwinter, das dritte gegen Sommer; +nachdem aber das Christentum allgemein üblich geworden war, behielt +er die alte Gewohnheit wegen der Gastmähler. Da hatte er im Herbst +ein Freundesmahl, im Winter ein Julgelage, wozu er wieder zahlreiche +Leute zu sich einlud; ein drittes Mahl hielt er auf Ostern, und da +hatte er wieder viele Leute. So hielt er es fort, so lange er lebte.“ +Vom südnorwegischen Bauern Harekr wird erzählt: „Drei Hauptmahle hielt +er in jedem Jahre, eine Julgasterei und Mittwinters und zu Ostern.“ +In der Gislasaga Surssonar I, 27 heisst es vom Isländer Thorgrim: +„Er gedachte zu Winters Anfang ein Herbstgelage zu haben, den Winter +zu begrüssen und dem Freyr zu opfern.“ Die Opferzeiten berühren +ebenso den Einzelnen wie die Allgemeinheit. War die Dingzeit einmal +anders gelegt, so wurde natürlich das Jahresopfer, sofern die alte +Festzeit bestehen blieb, auch von einzelnen Leuten gefeiert. Mit dem +Opfer verbanden sich Spiele, wo mehr Leute zusammenkamen. So erzählt +die Eyrbyggjasaga Kap. 43: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im +Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Beginn des Winters unter +Oexl südlich von Knorr; da heisst es seitdem _leikskála vellir_ (Ebene +der Spielhütten), und die Leute kamen dahin aus der ganzen Umgegend; +da waren grosse Spielhütten errichtet; die Leute wohnten da und sassen +da einen halben Monat oder länger.“ Neben dem Julgelage werden auch +Julgeschenke (in der Egilssaga Kap. 70) und Spiele (Holmverjasaga Kap. +22) erwähnt. Beim Sommeropfer zu Uppsala nennt die Olafssaga Helga Kap. +75 einen Jahrmarkt. Das sommerliche Volksopfer in Norwegen bezeugt die +Egilssaga Kap. 49: „Das war im Frühjahr, dass zu Gaular ein grosses +Opfer sein sollte gegen Sommer. Dort war der ansehnlichste Haupttempel; +dahin kam eine gewaltige Menge aus Firdir und aus Fjalir und aus Sogn +und nahezu alle angesehenen Leute.“ So lange die ständigen, ungebotenen +Volksdinge und die Volksopfer zusammenfielen, war der Besuch des +grossen Jahresopfers für die Volksgenossen Pflicht, von der man sich +nur gegen Entrichtung einer Steuer loskaufen konnte. Denn so wird es +beim Ding auch später immer gehalten. + +Nur eine einzige Quelle, die keinen Glauben verdient, die Hervararsaga +(Kap. 12), verlegt das Julfest in den Februar.[705] Dem Þorriopfer +begegnet ein Goiopfer. Goi entspricht dem Februar und fängt zwischen +dem 9./16. Februar unsres Kalenders an. Nun ist mit dem Goiopfer +offenbar das schwedische Hauptopfer zu Uppsala gemeint, das aber +deutlich als Sommeropfer sich ausweist und nach dem Scholiasten Adams +von Bremen erst später um die Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche +gefeiert wurde. Diese Zeitbestimmung ist die ursprüngliche und +richtige. Es handelt sich um das germanische Opfer zu Sommers Anfang. +Dasselbe scheint nachmals weiter zurück verlegt worden zu sein, von +März oder April in den Februar. Über das Opfer berichtet die Olafssaga +helga Kap. 75: „In Schweden war das alte Landessitte, so lange das +Heidentum währte, dass ein Hauptopfer zu Uppsalir sein sollte im Goi +des Winters; da sollte man opfern um Jahr und Frieden und um Sieg +für seinen König, und dahin sollten die Leute kommen aus dem ganzen +Schwedenreiche, da sollte ein Ding aller Schweden sein; da war auch +Markt und eine Kaufversammlung, und der Markt währte eine Woche; nun +aber seit das Christentum allgemein angenommen war und die Könige +nicht mehr in Uppsalir sitzen mochten, da war der Markt verlegt und +auf Lichtmess gehalten worden und dabei ist es seitdem geblieben; +er währt nun nicht länger als drei Tage und da ist nun das Ding der +Schweden und dahin kommen sie aus dem ganzen Lande.“ Ein dem Mittwinter +entsprechendes Mittsommerfest gab es nicht. Nur irrtümlich spricht +die Olafssaga Tryggvasonar in der Heimskringla Kap. 72 von einem +_miđsumarsblót_ anstatt des _miđsvetrarblót_.[706] Die Johannistrünke +dürfen auch nicht hergezogen werden, noch weniger das sommerliche, im +Juni abgehaltene Allding der Isländer, das allein in der isländischen +Landesbeschaffenheit begründet ist. Die Gemeinde hatte wol Ursache, +zu Mittsommer zu opfern, aber das Volk trat schwerlich im Sommer zu +grossen ungebotenen Versammlungen zusammen. Somit bleiben nur die +Opferfeste zu Winters und Sommers Anfang, ferner das Julfest, drei +ständige germanische Opferzeiten. + + * * * * * + +Ständige grosse, das ganze Volk umfassende Opferfeste sind schon +frühzeitig bezeugt.[707] Im uralten Semnonenhain versammelten sich zu +bestimmter Frist Abordnungen aller suebischen Völkerschaften, um den +allwaltenden Tiuȥ mit Menschenopfern zu ehren. Die Jahreszeit dieses +Opferfestes ist nicht angegeben, auch nicht, ob es sich jährlich oder +erst nach einer Anzahl von Jahren wiederholte. Aber andere Zeugnisse +lassen deutlich die Hauptopferzeiten erkennen. + +Germanicus benutzte zweimal die Zeiten germanischen Festesfriedens, +um unvermutet über die sorglosen Festgenossen herzufallen.[708] Es +waren wol ständige Feste, von denen die Römer Kunde hatten. Im Jahre +14 kam er über die Marsen, welche der Tanfana opferten. Es war im +Spätherbst nach der Ernte und gegen Winters Anfang, also das Fest +des neu anbrechenden Jahres. Im folgenden Jahre, gleich im Anfang +des Frühlings, als grade eine ungewöhnliche Dürre herrschte, machte +Germanicus einen ähnlichen Einfall ins Land der Chatten und zog auf +den Hauptort Mattium, das er verbrannte. Vermutlich wurde dort das +Frühlingsfest, das Sommeropfer begangen. + +Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage +lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt.[709] +Widukind sucht allerdings in dieser bei Scheidungen an der Unstrut +abgehaltenen Feier ein Siegesfest der Sachsen über die Thüringer. Aber +man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form +fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen +Ereigniss hervorging. Erwägt man die Zeit, so ist auf das germanische +Opfer zu Winters Anfang, zum heidnischen Neujahr zu schliessen. Dass +die Toten dabei bedacht wurden, ist auch sonst bei den germanischen +Opfern nachzuweisen. Sie galten nicht nur den Göttern, sondern +ebenso sehr den Seelen. Namentlich Winters-, d. h. Jahresanfang, im +christlichen Kalender Allerseelen und Neujahr, die Zwölften, kehren den +Seelenkult stark hervor. Dasselbe Fest wurde, von dem Berichterstatter +ähnlich missdeutet, am 28. September zu Augsburg gefeiert.[710] Die +Überlieferung nennt einen _dies deae Cisae_, worin Laistner einen +missverstandenen „_Cisatag_“, „_Sisatag_“ sieht. Neben ahd. _sisesang_, +Totenlied, _nenia_, wäre _*sisetag_ eigentlich ein _Kartag_, ein Tag +der Klagelieder. Das Fest zu Winters Anfang, zu Michaeli, war zugleich +eine allgemeine Totenfeier und trug davon sogar einen besondern +Namen. Die germanische Jahreswende scheint nicht bloss eine Zeit der +Lustbarkeit, sondern auch der Klage um die Verstorbenen gewesen zu sein. + +Auch im Norden ging die Verehrung von Disen und Alfen neben der +Verehrung der Götter an den hohen Jahresfesten her. _Alfablót_, +Alfenopfer, fällt mit Jul zusammen; denn nach der grossen Olafssaga +helga Kap. 80 kam der Skald Sighvat spät im Winter zu einem Gehöft, +wo das _alfablót_ gefeiert wurde. In der Vigaglúmssaga Kap. 6 heisst +es: „Da war zu Winters Anfang ein Gastmahl bereitet und ein _dísablót_ +gehalten und alle sollten diese Erinnerung feiern.“ Das schwedische +Opferfest führte den Namen _dísaþing_. Mithin gelten nach nordischem +und deutschem Brauch die grossen ständigen Jahresopfer den Göttern und +Geistern. Letzteren wurde wol besonders Winters Anfang und Mittwinter +geweiht, da der Aberglaube mit Vorliebe jene Zeiten den schwärmenden +Geisterscharen zuweist. + + * * * * * + +Von besonderer Art sind die Feste, welche nur selten, nach Ablauf +mehrerer Jahre und dann mit grosser Feierlichkeit vom ganzen Lande +begangen werden. + +Thietmar von Merseburg[711] erzählt von den Dänen: „Es ist ein Ort in +jenen Gegenden, namens Lederun (Leire, Hleidra), die Hauptstadt jenes +Reiches im Gau Selon (Seeland), wo immer nach Verlauf von neun Jahren +im Monat Januar um die Zeit, wo wir die Erscheinung Christi feiern, +alle zusammen kamen und ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele +Pferde nebst Hunden und Hähnen, die man in Ermangelung der Habichte +darbrachte, opferten, indem sie für gewiss glaubten, dass diese ihnen +bei den Göttern der Unterwelt Dienste leisten und dieselben wegen ihrer +begangenen Missethaten mit ihnen aussöhnen würden.“ + +Adam von Bremen[712] schildert ein ähnliches schwedisches Landesopfer: +„Alle neun Jahre wird zu Uppsala ein allen Schweden gemeinsames +Opfer gefeiert. In Bezug auf dieses Fest findet keine Befreiung von +Leistungen statt. Die Könige und das Volk, alle schicken ihre Gaben +nach Uppsala, und diejenigen, die bereits das Christentum angenommen +haben, kaufen sich von jenen Ceremonien los. Das Opfer ist folgender +Art. Von jeder Gattung männlicher Geschöpfe werden neun dargebracht, +mit deren Blut es Brauch ist, die Götter zu sühnen. Die Körper aber +werden in dem Haine aufgehängt, der zunächst am Tempel liegt. Dieser +Hain ist nämlich den Heiden so heilig, dass jeder Baum durch den Tod +oder die Verwesung der Geopferten geheiligt erachtet wird. Dort hängen +auch Hunde und Rosse neben den Menschen und von solchen vermischt +durch einander hängenden Körpern habe er, erzählte mir ein Christ, +72 gesehen. Die Lieder, die bei der Vollziehung eines solchen Opfers +gesungen werden, sind vielerlei und unehrbar. Neun Tage werden Schmäuse +und dergleichen Opfer gefeiert. An jedem Tage opfern sie einen Menschen +nebst anderen Geschöpfen, so dass es in neun Tagen 72 Geschöpfe werden, +die man opfert. Dies Opfer findet statt um die Frühlings Tag- und +Nachtgleiche.“ Zum Beweise, wie streng die Nichtachtung des Opfers +geahndet wurde, erzählt das Scholion 136, wie der christliche König +Anunder deshalb aus seinem Reiche vertrieben wurde. + +Zum richtigen Verständniss der beiden grossen nordischen Opfer muss +zunächst ein Irrtum Thietmars berichtigt werden. Er vermischt Opfer- +und Bestattungsbräuche. Die Tiere wurden nicht darum geschlachtet, +dass die zum Opfer getöteten Menschen in der Unterwelt davon Gebrauch +machten; solches war nur der Leichenfeier eigen. Beim Opfer fielen +Menschen und Tiere den Göttern zu. In der Hauptsache verlaufen das +dänische und schwedische Landesopfer gleich. Beide fanden nur alle neun +Jahre statt, die Neunzahl spielt beiderseits bei den Opfern eine Rolle. +Vielleicht sind die 99 Menschen in Dänemark neben den 9 in Schweden +doch zu hoch gegriffen. Neun Tage dauert das schwedische Fest. Das +dänische Opfer fiel mit dem Julfest zusammen, das schwedische mit dem +Sommeropfer. + + * * * * * + +Man muss dem Umstand Rechnung tragen, dass wir die ursprünglichen +germanischen Jahresfeste nur unsicher aus der überlieferten +Zeitrechnung, aus dem römischen Kalender und der christlichen Festfolge +zu erschliessen vermögen. Zweifellos hingen die einstigen Hauptfeste +mit der Jahresteilung zusammen. Als aber, noch im Heidentum, der +römische Kalender eindrang, fanden Verschiebungen aller Art statt, die +christliche Festfolge vermehrte noch die Verwirrung. So wurden die +Jahresfeste verlegt und auf verschiedene Tage verteilt. Man gelangt +nur zum allgemeinen Satze, dass für die Volksopfer die Jahresteilung, +für Gemeindeopfer Ackerbau und Viehzucht maassgebend gewesen zu sein +scheinen. + +Die siebentägige Woche und die Einteilung des Jahres in zwölf +Monate[713] kam den Germanen aus der Fremde, durch die Römer zu und +zwar noch vor der Bekehrung, sonst wären die heidnischen Götternamen +nicht für die Wochentage gewählt worden. Damals muss die interpretatio +romana schon sehr fest eingebürgert gewesen sein, denn allgemein und +ohne Schwanken werden die dies Martis, Mercurii, Jovis, Veneris dem +Tiu, Wodan, Donar und der Frija zugeteilt. Die Monate, sofern sie +germanisch bezeichnet wurden, heissen nach Zeit und Wetter, Pflanzen +und Tieren, Geschäften in Haus und Feld, nicht nach religiösen +Vorstellungen. Erst später wurden gleich einigen Kalendertagen +auch Monatsnamen persönlich gedacht und spielen deshalb im jüngeren +Volksglauben eine Rolle. + + + + +II. Das Tempelwesen. + + +1. Heilige Haine. + +Das Waldleben hatte von jeher tiefen Einfluss auf alle Verhältnisse +des germanischen Volkes, so auch auf Glauben und Gottesdienst. „In +dem Wehen, unter dem Schatten uralter Wälder fühlte sich die Seele +des Menschen von der Nähe waltender Gottheiten erfüllt.“[714] Die +ältesten Zeugnisse heben den Waldkultus hervor, der Wald war die +Behausung der Götter. Heilige Haine vertreten geradezu eigentliche +erbaute Tempel. Bei echt germanischen Tempeln fehlt auch nicht der +Wald, es sei denn, die Natur versage ihn wie auf Island. Die ältesten +germanischen Bezeichnungen lehren: Tempel ist zugleich Wald. „Was +wir uns als gebautes, gemauertes Haus denken, löst sich auf, je +früher zurückgegangen wird, in den Begriff einer von Menschenhänden +unberührten, durch selbstgewachsene Bäume gehegten und eingefriedigten +heiligen Stätte. Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in +rauschenden Blättern der Zweige.“[715] „Die Götter, im Wald und auf der +Berghöhe gegenwärtig, bedurften keiner gebauten Wohnung, keines sie +darstellenden Bildes. Am deutlichsten hat das Tacitus von den Germanen +ausgesprochen: _ceterum nec cohibere parietibus deos, neque in ullam +humani oris speciem assimilare ex magnitudine coelestium arbitrantur: +lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum +illud, quod sola reverentia vident_. Nur Bäume hegten den Gott und über +Bäumen stand der Himmel offen. Als aber allmälig feste Niederlassungen +erfolgten und als der friedliche Ackerbauer selbst ein Haus bezogen +hatte, lag der Gedanke nah, auch für die Götter bleibende Wohnstätten +zu errichten, und aus feierlichen Steinkreisen auf dem Waldgebirg +gingen Höfe oder Tempel hervor. Die ältesten Ausdrücke unsrer wie der +griechischen Sprache können sich von dem Begriff des heiligen Haines +noch nicht losreissen, sondern gehen von diesem aus und erst unmerklich +in die Vorstellung einer erbauten Stätte über.“[715] + +Die altgermanischen Wörter für Heiligtum, Opferstätte schwanken in +ihrer Bedeutung zwischen Hain und Tempel, weil eben zum Gottesdienste +einerseits heilige gehegte Wälder, andrerseits aufgerichtete Gebäude +dienten. Das ahd. _haruc_[716] geben die Glossen mit _lucus_, _nemus_, +_fanum_, _ara_ wieder, ags. _hearh_[717] wird entsprechend als _lucus_, +_sacellus_, _fanum_ ausgelegt. Im Nordischen bedeutet _hǫrgr_[718] +ursprünglich Steinhaufen, vielleicht geschichteter Steinaltar oder +Steinkreis als Hag um den Opferplatz, wie solche noch in England und +Skandinavien zu sehen sind. Zugleich aber nimmt _hǫrg_ die allgemeine +Bedeutung „Heiligtum“, die besondere „kleiner Tempel“ an.[719] Ahd. +_paro_ (gen. _parawes_)[720], ags. _bearo_ (gen. _bearwes_), welche +_lucus_ und _arbor_ ausdrücken, deuten auf den heiligen Hain oder Baum. + +In den germanischen Sprachen begegnet unter verschiedenen Formen ein +Wort für sich allein und in Zusammensetzungen; es lautet _weh_, _weg_ +(an. _vé_, ags. _weoh_, _weg_, as. _weg_) _wih_, _wig_ (gotländisch, +dän., schwed. _vî_, ags. _wih_, _wig_, as. ahd. _wih_). Die +Grundbedeutung ist Kultstätte (as. _friduwih_, befriedete Kultstätte) +und demnach, wie die ahd. Glosse „_forst edo haruc edo uuih_“ +lehrt, auch heiliger Hain, ferner Kultgegenstand (_idolum_, _ara_, +_vexillum_).[721] + +Ahd. _lôh_ (_lucus_), das wie nord. _lundr_ in vielen deutschen +Ortsnamen erscheint[722], weist wol manchmal auf ursprünglichen +Opferhain. Am besten unterrichtet Tacitus an vielen Stellen über den +Waldkult der Germanen.[723] Bei den Nahanarvalen ist ein altehrwürdiger +Hain (_lucus antiquae religionis_), wo den Alcis gedient wird. Bei den +Semnonen steht der uralte schauerliche Opferwald, den man nur gefesselt +betreten darf (_silva auguriis patrum et prisca formidine sacra_); +dort versammeln sich Abgesandte aller Suevenstämme. Der Nerthus ist +ein unberührter Hain (_castum nemus_) geweiht, worin allerdings auch +ein templum sich erhebt. Die Feldzeichen der Stämme, Tierbilder und +Abzeichen der Götter, die dem Heere voran in die Schlacht getragen +wurden, befanden sich gewöhnlich im geweihten Walde. Im Donarswald (_in +silvam Herculi sacram_) versammeln sich die Völker zur Schlacht. In +den heiligen Hain (_sacrum in nemus_) ruft Civilis den Adel zusammen. +Opfersteine, bei denen die gefangenen Feinde geschlachtet wurden, traf +man in den Wäldern (_lucis propinquis barbarae arae apud quas tribunos +mactaverant_). Die Häupter getöteter Opfertiere bleichten an den +Baumstämmen. + +Im tiefsten, dunkelsten Urwald, wo kein Holz geschlagen werden darf, +ist das Heiligtum der Götter, da stehen die Opfersteine, da werden +Menschen und Tiere geschlachtet oder aufgehängt, da werden die heiligen +Feldzeichen der Völker aufbewahrt. Dort ist aber auch Volksversammlung +und Gericht. Vermutlich war ein besonderer Teil des Urwaldes zum +eigentlichen Gottesdienst abgegrenzt, während fürs Ding gelichtete, +wenigstens von Buschwerk und Unterholz gerodete Strecken erforderlich +scheinen. Der den Göttern geweihte uralte, wilde Bannwald rief einen +schauerlichen Eindruck hervor, ebenso aus ehrfürchtiger Scheu vor +der unmittelbaren Gegenwart der Götter wie wegen der blutigen Opfer, +wegen der verwesenden Leichen und bleichenden Gebeine. Nicht bloss den +Römern, auch den germanischen Volksgenossen selber war ein solcher +Urwald unheimlich. Die Schrecken der Vorzeit hafteten auch später +vornehmlich am Tempelhain, so an dem zu Uppsala, während die übrigen +Örtlichkeiten der frohen Feste halber wol einen freundlicheren Anblick +boten. Der eigentliche Opferplatz, wo die Gottheit die Opfer empfing, +war der furchtbare Mittelpunkt des Gottesdienstes. + +Die Bekehrer hatten oft mit heiligen Wäldern, insbesondere mit heiligen +Bäumen zu thun. Der Wald gilt ohnehin als Aufenthalt der Geister, der +Baum als beseelt; somit wird er leicht zur Behausung, zum Heiligtum +der Götter. Bonifacius fällte bei Geismar die Donarseiche und erbaute +aus ihrem Holz eine Peterskapelle. Unter Sachsen und Friesen[724] +dauerte die Verehrung der Haine am längsten fort. Bischof Unwan von +Bremen liess im Anfang des 11. Jahrh. bei abgelegenen Bewohnern seines +Sprengels solche Wälder, in denen geopfert wurde, ausrotten. Nach einem +Treffen, das im Jahre 779 zwischen Franken und Sachsen geschah, liess +sich ein schwerwunder Sachse aus seiner Burg heimlich in einen dem +höchsten Gott geweihten Hain tragen. Schon in alten Urkunden ist von +_Heiligenforst_ bei Strassburg, _Heiligenloh_ im Hoyaschen, _Heiligelo_ +bei Alkmaar in Holland, _Heiligenholtz_ bei Zwifalten, _Halahtre_ in +Westfalen die Rede.[725] Diese Namen bewahren das Andenken heidnischer +Götterwälder, die der Benutzung des Volkes entzogen, dem Dienste der +Götter geheiligt waren. + +2. Tempelbauten. + +Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel[726] hervor, +vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum, +der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen +aufgeführt wurde. Derlei mag der _indiculus superstitionum_ IV „_de +casulis id est fanis_“, von kleinen Tempelchen, im Auge haben. Man +gedenkt der Halle König Vǫlsungs, die freilich weltlichen Zwecken +dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel darstellt. +„König Wolsung Hess eine herrliche Halle machen und zwar auf die Art, +dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige des Baumes +mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm reichte +in die Halle hinunter.“[727] Hernach stösst Odin das Schwert für +Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im +fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der Gott +seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt dieser +Sagenbildung vermuten? Die sächsische _Irminsûl_ muss hier erwogen +werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen als +Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am +Hochsitz befindlichen sog. _ǫndvegissúlur_, an denen Götterbilder +eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird. +Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und +stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im +Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen +wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des +sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete +_irminsûl_, die Hauptsäule.[728] Er verbrannte das sächsische +Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain, +ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet +wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf +von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsûl +als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm, +eine Hauptsäule.[729] Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen +Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung +wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag +vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie +stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete +Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel, +der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne +Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit, +dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur +das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten +Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste +bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete +hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie +der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint +er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu +haben. So wuchs, wol auch unter der Anregung römischer Kultur, aus +dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung +der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als +_irminsûl_ entfaltet beides. + +Zur Zeit des Tacitus ist die Kultstätte meistens der heilige Hain. +Aber an zwei Stellen ist zweifellos vom Tempel im Haine die Rede. +Nachdem der Priester die Nerthus an Festtagen umhergeführt hat, gibt +er sie ihrem Heiligtum zurück (_satiatam conversatione mortalium deam +templo reddit_). Im Jahre 14 machten die Legionen des Germanicus den +marsischen Tanfanatempel dem Erdboden gleich (_celeberrimum illis +gentibus templum, quod Tanfanae vocabant, solo aequatur_). Die Bekehrer +hatten nicht bloss Göttereichen zu fällen, sondern auch Tempelbauten +niederzulegen, zu verbrennen oder zum Dienste des Christentums +umzuweihen. Allmälig hatten sich die im Walde gebauten Tempel vermehrt, +mitunter wurden auch römische Bauten, gemauerte steinerne Tempel dem +germanischen Götterdienst nutzbar gemacht. Als Radegund, die Gemahlin +Chlotars, aus Thüringen nach Frankreich zog, führte sie ihr Weg in +der Nähe eines fränkischen Tempels vorüber. Die glaubenseifrige +Christin gebot ihren Leuten, den Heidentempel anzuzünden. Die Franken +wehrten sich, aber Radegund setzte ihren Willen trotzdem durch. Das +Heiligtum wurde verbrannt, hernach aber Frieden gestiftet. So erzählt +die vita sanctae Radegundis (_acta Bened. sec._ 1 S. 327) aus dem +6. Jahrh. Gregor von Tours (_vitae patr._ 6) weiss von einem mit +Zieraten erfüllten Tempel zu Köln (_fanum quoddam diversis ornamentis +refertum_), worin die Barbaren beim Opfer Schmaus und Gelage hielten. +Dort standen auch Götterbilder. Kranke Glieder wurden in hölzerner +Nachbildung aufgehängt. Bei den Angelsachsen gab es eingehegte Tempel +(_fana cum septis_), die ziemlich vollkommen gewesen sein müssen, sonst +hätte schwerlich Gregor dem Augustin anempfohlen, christliche Kirchen +daraus zu machen. Die ags. Sprache gewährt auch ein germanisches +Wort für den Begriff „Altar“. Im Walde genügte der Opferstein, im +Tempel erhub sich ein Altar, _wigbed_ (aus älterem _wihbéod_), der +Tempeltisch.[730] Er diente wol wie der nordische _stallr_ zur +Aufnahme heiliger Gerätschaften, des Eidringes, der Opferblutschale +u. dergl.[731] Sächsische Tempel (fana) nennt das _capitulare de +partibus Saxoniae_. Den friesischen Göttern[732] waren in allen Teilen +des Landes Tempel errichtet. Darin lagerten oft Schätze. Genauer +beschrieben ist aber nur Fosites Heiligtum auf Helgoland. + +Der hl. Willebrord brach auf Walchern ein altehrwürdiges, von +einem tapferen Wächter behütetes Heiligtum.[733] Da im Dünensande +vor Walcheren Trümmer römischer Steinbauten und Nehalenniasteine +sich vorfanden, handelt es sich vermutlich um einen Tempel aus der +Römerzeit, den die Germanen nach Abzug der Römer zum Dienste ihrer +eigenen Götter benutzten. Überhaupt muss man mit der Möglichkeit +rechnen, dass die auf römisches Gebiet einrückenden Germanen, hier +und da ihre Opferstätten in verlassene römische Tempel verlegten. +Nahmen die germanischen Söldner doch auch ebenso willig den Brauch +bildergeschmückter Weihsteine von ihren römischen Kameraden an, nicht +bloss zum Kaiserkult und zum Dienst der römischen Truppengenien, +sondern auch zu Ehren heimischer Volksgötter. Wo steinerne +Tempelbauten unter Germanen erwähnt werden, liegt dieser Verdacht sehr +nahe. In des Jonas von Bobbio _vita Columbani_ Kap. 17 (J. Grimm, Myth. +73) ist von römischen Thermen, mit Steinbildern geschmückt, die Rede, +denen die Burgunden bei Luxeuil in Franche comté Verehrung erwiesen. +Echt germanische Tempel waren aus Holz gefertigt, allenfalls aus +Rasenstücken und rohen Steinen kunstlos geschichtet, aber nicht aus +kunstvoll behauenen Steinen regelrecht gemauert.[734] + +Am ausführlichsten ist das Heiligtum des Fosite auf Helgoland +geschildert, wohin Willebrord zwischen 690 und 714 verschlagen wurde. +Für die dem Gotte geheiligte Stätte hatten die Friesen die höchste +Verehrung. Alles, Tempel, Äcker, Wälder, Quellen, weidende Tiere, +Schätze gehörten dem Gotte. Keiner der Heiden des Landes wagte, +Tiere, die dort weideten, oder irgend welchen Gegenstand des Landes +zu berühren, nur schweigend schöpften sie das Wasser der Quelle, die +dort entsprang. Nach König Redbads Satzung galt es für ein des Todes +würdiges Verbrechen, als Willebrords Gefährten Tiere der Insel zu +ihrer Nahrung schlachteten, und Willebrord drei Leute in der heiligen +Quelle taufte. Drei Tage liess König Redbad das Loos ziehen; dadurch +entschieden die Götter bei einem der Gefährten Willebrords, dass er +getötet werden musste; er selbst und die andern durften die Insel +verlassen. Das Volk ums Jahr 700 glaubte, jeden, der das geweihte Land +nicht in tiefster Verehrung betrete, müsse die Strafe des Gottes, +Raserei oder sofortiger Tod treffen. Im 11. Jahrhundert, als bereits +das Christentum eingezogen war, herrschte noch der Glaube, dass jeder, +der auf der Insel das geringste raube, Schiffbruch oder schweren Tod +erleiden müsse, daher denn alle, von tiefer Furcht erfüllt, bereit +waren, von ihrem Seeraub den zehnten Teil den Eremiten darzubringen, +die auf dem Lande angesiedelt waren. + +Hier finden wir alle wesentlichen Merkmale des germanischen Heiligtums, +Wald, Tempel, Opferquelle, Tempelgut an Hort und Herde, alles unter +besonderem unverletzlichem Frieden. Mit der Schilderung des friesischen +Heiligtums stimmt die des schwedischen Haupttempels überein, die wir +Adam von Bremen[735] verdanken. + +Das Schwedenvolk hat einen sehr berühmten Tempel, der Uppsala heisst +und nicht weit von der Stadt Sigtun liegt. In diesem Tempel, der ganz +von Gold gebaut ist, betet das Volk die Bildnisse dreier Götter an, +und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Saale +seinen Thron hat; rechts und links sitzen Wodan und Fricco. Nahe bei +diesem Tempel steht ein sehr grosser Baum, der seine Zweige weithin +ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art +derselbe ist, weiss niemand. Dort ist auch eine Quelle, wo die Heiden +Opfer anzustellen und einen Menschen lebendig zu versenken pflegen. +Wenn dieser nicht wiedergefunden wird, so ist der Wunsch des Volkes +bestätigt. Den Tempel umgibt eine goldene Kette, die am Giebel des +Gebäudes hängt und den Herankommenden entgegenblinkt. Das folgende +Kapitel 27 schildert auch noch den beim Tempel gelegenen Hain, dessen +Bäume durch die verwesenden Körper geopferter Menschen schaurig geweiht +waren. Der uralte schaurige Bannwald steht hier noch wie ein Denkmal +vergangener Zeiten neben dem freundlichen Bild des Tempels und des +über der Quelle rauschenden immergrünen Baumes. Beachtenswert ist die +goldene Kette, die den Tempel umgibt. Sie erinnert an die _vébǫnd_ +des nordischen Rechtes, an die heiligen Schnüre, die, an Haselstangen +geknüpft, das Gericht abgrenzten. + +Genaues über Bau und Einrichtung des Tempels berichten nur +norwegisch-isländische Quellen.[736] Der nordische Tempel, in Norwegen +aus Holz[737], auf Island auch aus Torf, Steinen oder Lavablöcken +erbaut, entspricht aber schwerlich dem altgermanischen. + +Thorolf, der in Norwegen einen Tempel besessen hatte, brach ihn +ab, nahm die Erde, die unter dem Altar gewesen war, und das meiste +Holzwerk mit, liess in Island den Ort seiner Niederlassung durch seine +Hochsitzpfeiler, auf welchen Thor eingeschnitzt war, bestimmen und +schritt alsbald zum Wiederaufbau seines Gotteshauses. „Da liess er +den Tempel erbauen, und es war das ein grosses Haus; es waren Thüren +an den Seitenwänden und nahe an dem einen Ende; innerhalb standen da +die Hochsitzpfeiler und darin waren Nägel, die hiessen Götternägel +(_reginnaglar_). Im innern Teile des Hauses war ein Haus in der Art, +wie nun der Chor in den Kirchen ist, und es stand da eine Erhöhung +mitten auf dem Boden und ein Altar, und darauf lag ein Ring ohne Ende +von zwei (andere Lesarten: neun, zwanzig) Unzen Gewicht, und auf den +sollte man alle Eide schwören; den Ring sollte der Häuptling an der +Hand tragen bei allen Volksversammlungen. Auf der Erhöhung sollte +auch der Blutkessel stehen und darin der Blutzweig, als wäre es ein +Sprengwedel, und damit sollte man aus dem Kessel das Blut spritzen, +welches _hlaut_ genannt wurde; das war solches Blut, wenn Tiere +geschlachtet wurden, die man den Göttern opferte. Um die Erhöhung +herum waren in dem Nebenhause den Göttern ihre Plätze angewiesen.“ +In der Kjalnesingasaga wird vom Goden Thorgrim erzählt: „Er war ein +eifriger Opferer; er liess einen grossen Tempel errichten auf seinem +Hofe, der war 120 Fuss lang und 60 Fuss breit; Thor wurde da zumeist +verehrt; da war es innen rund gemacht wie eine Haube (d. h. gewölbt); +das war alles mit Tapeten behängt und mit Fenstern versehen; da stand +Thor in der Mitte und beider Hand andere Götter. Vorn davor stand +eine Erhöhung, mit grosser Kunstfertigkeit gemacht und oben mit Eisen +getäfelt; darauf sollte ein Feuer sein, das nie erlöschen sollte; das +nannten sie das geweihte Feuer. Auf dieser Erhöhung sollte ein grosser +Ring liegen, aus Silber (andere Lesart: aus Gold) gemacht; den sollte +der Tempelgode an der Hand tragen bei allen Volksversammlungen; auf +den sollte man alle Eide schwören wegen Klagsachen. Auf der Erhöhung +sollte auch ein grosser Kessel stehen von Kupfer; darein sollte man +all das Blut lassen, das von dem Vieh käme, das dem Thor geschenkt +würde, oder von den Menschen; das nannten sie _hlaut_ und _hlautbolli_. +Mit dem Blute sollte man die Menschen bespritzen und das Gut.“ Wie +die Tempel zu den Opferfesten benützt wurden, lernen wir aus der +Hákonarsaga góða: „Das war alte Sitte, wenn ein Opfer sein sollte, dass +alle Bauern dahin kommen sollten, wo der Tempel war, und dahin ihre +Sachen bringen, deren sie bedurften, solange das Opfermahl währte. Bei +diesem Mahle sollten alle Leute Bier haben; da wurde auch allerhand +Vieh geschlachtet, und ebenso Pferde, all das Blut aber, das daher kam, +das nannte man _hlaut_, aber _hlautbollar_ (Blutkessel) das, worin das +Blut enthalten war; und _hlautteinar_ (Blutzweige), die waren gemacht +wie die Sprengwedel; damit sollte man die Altäre völlig bespritzen, und +ebenso die Wände des Tempels von aussen und von innen, und so auch das +Blut über die Leute sprengen; das Fleisch aber sollte man zur Bewirtung +der Leute brauchen. Feuer sollte mitten auf dem Boden im Tempel sein, +und darüber die Kessel, und die Vollbecher sollte man über das Feuer +bringen; der aber, der das Mahl hielt und der Häuptling war, sollte den +Vollbecher weihen und alle Opferspeise. Da trank man Odins, Njords, +Freys Becher und das Gedächtniss angesehener Blutsfreunde. Sigurd Jarl +war der freigebigste der Männer; er that ein Werk, das sehr berühmt +war, dass er ein grosses Opfermahl zu Hladir hielt und alle Kosten +allein trug.“ + +Die grossen Tempel waren prächtig ausgeschmückt; an der Tempelthüre +zu Hladir und auch anderwärts war ein goldener Thürring angebracht. +Bei den skandinavischen Tempeln darf man an reiches Holzschnitzwerk +denken. Im Innern hingen bei Festen Teppiche. Auch Goldverzierungen +an Säulen und Wänden, an Gerätschaften und Götterbildern scheinen +üblich gewesen zu sein. Vom schwedischen Tempel zu Uppsala sagt Adam, +allerdings übertreibend, er sei ganz aus Gold gewesen. In Wirklichkeit +handelte es sich wol nur um reiche goldene Zierat. Die freilich wenig +glaubhafte längere Saga von den Droplaugssöhnen[738] erwähnt eines +von einem Gehege umschlossenen isländischen Tempels, der von Gold und +Silber erglänzte. Darin waren Bilder Thors und Freys, der Frigg und der +Freyja, angethan mit prächtigen Gewändern. + +Den Angaben der alten Quellen begegnen die Überreste isländischer +Tempel, die Sigurður Vigfússon untersuchte. Vom nordischen Tempel +gewinnen wir etwa folgendes Bild: + +[Illustration] + +Der Hof bestand aus zwei Gebäuden, aus einem Langhause und aus +einem kleineren halbrunden Anbau. Das Langhaus war ganz wie die +gewöhnlichen Hallen eingerichtet, hatte seine Bänke längs den Wänden +und den zwischen den Hauptsäulen befindlichen Hochsitz. Es diente +zur Abhaltung der Opferschmäuse, wobei Feuer auf dem Boden zwischen +den Sitzreihen angezündet waren. Über den Feuern hingen die Kessel +zum Sieden des Opferfleisches. Das eigentliche Heiligtum bildete der +Anbau, das _afhús_, das einen eigenen Eingang hatte und mit der Halle +durch keine Thüröffnung verbunden war. Das _afhús_ war ein überwölbter +Halbrundbau, angelehnt an die schmale Giebelseite des Langhauses. In +der Mitte des Halbkreises war der mit Eisen gedeckte Altar (_stallr_, +_stalli_), auf dem geweihtes Feuer brannte und heilige Geräte, Ring, +Blutkessel, Sprengwedel standen. In den alten Opfersteinen hatte eine +runde Vertiefung das Blut aufgefangen, beim kunstvolleren Altar diente +eine besondere Schale, ein kleiner Kessel (_hlautbolli_) dazu. Hinter +dem Altare an der Rückwand des Halbrundes standen die Götterbilder +auf einer bankartigen Erhöhung. Das _afhús_ durften wol nur wenige +Auserlesene, vor allen der Gode zum Vollzug der Opferhandlung betreten, +das Langhaus nahm die „Sudgenossen“, die Opferteilnehmer auf. + +Um den Tempel ging ein mannshoher Zaun mit verschliessbaren Thüren, der +_skíđgarđr_, _stafgarđr_.[739] + +Die Anlage des nordischen Tempels erinnert stark an die Kirche mit +Langschiff, Chor und Apsis, nur dass zwischen Chor und Langschiff keine +Verbindung besteht. Diese Übereinstimmung ist schwerlich zufällig. +Wir kennen nordische Tempel erst aus einer Zeit, da die Nordleute +längst mit christlichen Kulturvölkern im Verkehre waren. Da konnte der +Kirchenbau leicht auf den Tempelbau übertragen werden. Jedenfalls ist +schon wegen des Verdachtes nachgeahmter Formen nicht die geringste +Gewähr dafür, den verhältnissmässig so späten nordischen Tempel für ein +Abbild des altgermanischen zu nehmen. + + +3. Götterbilder. + +Tacitus berichtet Ann. 2, 45, dass die Germanen zur Zeit Armins durch +die langen Kämpfe mit den Römern sich gewöhnt hätten, Feldzeichen +zu folgen. In der Germania Kap. 7 erzählt er, dass die Feldzeichen +bestanden aus _effigies_ und _signa_ [740], dass sie von Priestern in +heiligen Hainen aufbewahrt und gleichsam als Vertreter der Götter von +dort in den Kampf getragen wurden.[741] Unter _signa_ sind Attribute +und Waffen der Götter, also etwa Wodans Speer, Donars Hammer, Tiuȥ +Schwert zu verstehen, unter _effigies_ Tierbilder, plastische, auf +Tragstangen befestigte Bilder verschiedener symbolischer, den einzelnen +Stammgöttern geheiligter Tiere, _ferarum imagines_, wie sie Tacitus +Hist. 4, 22 nennt, wie wir sie auch sonst und durch Abbildungen auf +der antoninischen Säule bezeugt finden. Es waren Bilder von Drachen, +Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern und Raben. + +Gab es neben diesen symbolischen Feldzeichen, die zur Zeit Armins erst +aufkamen, auch wirkliche Götterbilder? Germania Kap. 9 „_neque in ullam +humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur_“ +ist rhetorische Phrase, aber bei den Alcis (Germania Kap. 43) behauptet +Tacitus bestimmt, es seien keine Bilder vorhanden gewesen (_nulla +simulacra_). Bei der Nerthusumfahrt könnte man allerdings an ein Bild +denken. Aber es kann auch hier beim Symbol geblieben sein, ein Wagen, +ein Schiff fuhr um, unsichtbar dachte man darin Nerthus oder Nehalennia +zugegen. Späterer Brauch, wo wirkliche Bilder umher geführt wurden, +ist für die Urzeit nicht maassgebend. Freilich wenn mit Wagen und +Decke, _si credere velis, numen ipsum_, die Göttin selbst im heiligen +See gebadet wurde, muss ein Bild da gewesen sein. Es dürfte sich wol +wie mit dem Tempelbau verhalten. Ursprünglich genügte der Wald als +Opferstätte, die Götter waren unsichtbar zugegen, hernach aber wurde +ein Haus gezimmert und ein Bild darin aufgestellt. Zur Zeit des Tacitus +löste die neue Sitte eben den älteren tempel- und bilderlosen Kult ab, +wobei das Vorbild der Römer maassgebend war. Zur Zeit der Bekehrung +herrschten in allen germanischen Ländern Tempel und Götterbilder +vor.[742] + +Deutsche Söldner im römischen Heerdienst lernten von ihren Kameraden +den Brauch, bildergeschmückte Weihsteine aufzustellen. So erhuben sich +Altäre dem Herkules-Donar, Mars-Thingsus-Tiuȥ, der Isis-Nehalennia. +Aber diese Weihsteine, welche die Inschriften tragen, die Bildwerke, +die den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstrich +römisch, sie entstammen römischem Kulte und sind von römischen +Steinmetzen hergestellt.[743] Die Germanen haben sie nur veranlasst, +bezahlt, allenfalls dem römischen Götternamen ein latinisiertes +germanisches Beiwort beigefügt. + +Aus rohen Steinen, Steinpfeilern und Holzpfählen, die man aufrichtete, +mag allmälig das symbolartige Götterbild entstanden sein. Erwägt man +die _irminsûl_ der Sachsen und die norwegisch-isländische Hauptsäule +mit ihrem abergläubischen Kulte und mit den daran eingeschnitzten +Götterbildern, so möchte man in solchen roh geformten, vielleicht +zunächst nur mit Köpfen versehenen Holzpfählen die Anfänge germanischer +Götzenbilder vermuten.[744] + +Das älteste Zeugniss eines holzgeschnitzten Götterbildes führt in die +zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den Goten. Athanarich liess eine +Bildsäule auf einem Wagen (ξόανον ἐφ’ ἀρμάξης ἑστώς) herumführen mit +dem Befehl, die Leute sollten davor niederfallen und opfern (Sozomenus, +hist. eccl. 6,37). Die Nachrichten aus der Bekehrungszeit lauten sehr +allgemein und geben keinen genauen Begriff von den Götzen, welche die +Glaubensboten vorfanden. Auch muss man in Betracht ziehen, dass mit +den Götterbildern, namentlich denen aus Stein oder Metall, schwerlich +ursprünglich germanische gemeint sein werden, denn diese waren aus Holz +gemacht, vielmehr Überreste aus der Römerzeit, die aber in den Dienst +des germanischen Glaubens übernommen worden waren. Nach Gregor von +Tours 2, 29-31 spricht Chrothild zu Chlodowech, den sie bekehren will: +Eure Götter sind aus Stein, Holz oder Metall gemacht. Columban und der +hl. Gallus trafen im Jahre 612 bei Bregenz am Bodensee einen Sitz der +Abgötterei, drei vergoldete Erzbilder, die das Volk anbetete.[745] Sie +waren in der Wand einer Aureliakapelle angebracht. Das Volk hatte sich +vom Christenglauben wieder ihnen als den alten und echten Schutzgöttern +des Landes zugewandt. Der Heilige zerschlug sie und warf sie in den +See und brachte das Christentum wieder zu Ehren. Wahrscheinlich hatten +die Alamannen, als sie in die althelvetische Gegend vorrückten, diese +Bilder römischer Schutzgenien, _tutores hujus loci_, vorgefunden und +ihnen Verehrung erwiesen. Mussten sie doch die Bilder der auch ihnen +vertrauten Landgeister darin erkennen; und auf neu gewonnenem Boden +galt es, diese für sich günstig zu stimmen. Die Friesen beteten nach +der vita Willehadi (MG. 2, 380) Steine und stumme, taube Bilder an +(_lapides, simulacra muta et surda_).[746] Am lebhaftesten hat sich +der Bilderdienst bei den Nordleuten entwickelt, schon darum, weil +bei ihnen das Heidentum länger währte.[747] Meistens standen mehrere +Bilder, nach ihrem Range geordnet, in einem Tempel, der demnach nicht +einem einzigen, sondern einer Mehrheit von Göttern geweiht war. In +Uppsala nennt Adam von Bremen drei Bildsäulen, Thor in der Mitte, links +und rechts von ihm Odin und Freyr. Nach der Eyrbyggjasaga Kap. 4 und +Kjalnesingasaga Kap. 2 wurden in den isländischen Tempeln zu Hof und +Hofstadir neben Thor auch andre Götter aufgestellt, wahrscheinlich +Freyr, Njord und Odin. In einem Tempel, den Hakon Jarl und Gudbrand +gemeinsam besassen, stand Thor auf seinem Wagen neben Thorgerd und +Irpa (Njála Kap. 89). In Hrafnkels Tempel (Hrafnkelssaga S. 23) +standen neben Freyr mehrere andere Götter. Die späte Friðthjofssaga +nennt Baldr neben anderen Götzen. Die Nachricht der Jómsvíkingasaga +Kap. 12 von einem gotländischen Tempel mit hundert Götterbildern +ist natürlich stark übertrieben. Die Götterbilder waren zumeist aus +Holz geschnitzt, bekleidet und mit Gold und Silber geschmückt. Ihr +Vorkommen ist keineswegs bloss auf die Tempel beschränkt. Thors Bild +ist auf den Hauptsäulen des Hauses eingeschnitzt, auf der Rücklehne +eines Stuhles, auf dem Vordersteven eines Heerschiffes. Man trug +allenfalls ein aus Zahn geschnitztes Bildniss Thors, ein aus Silber +geschmiedetes Bildniss Freys in der Tasche, um es jeden Augenblick +anbeten zu können. Götterbilder aus Teig oder Thon, wahrscheinlich zum +Hausgebrauch bestimmt, erwähnt ein norwegisches Rechtsbuch (Eidsifja +Þings lǫg 1,24). Wenn der Isländer Olafr pá aufs Getäfel seines +Wohnhauses zu Hjarðarholt Darstellungen aus der Götter- und Heldensage +einschnitzen lässt, worauf Ulf Uggason der Skald in der zweiten Hälfte +des zehnten Jahrhunderts seine berühmte Húsdrápa dichtete, so gehört +eine derartige Verwendung der Mythen kaum mehr zum eigentlichen Kult; +sie mag nur beiläufig erwähnt sein. + +Die hölzernen Götterbilder müssen zuweilen lebensgross und kostbar +gekleidet gewesen sein. Gunnar Helming brachte den Freysgötzen zu Fall +und that seine Gewänder um. Er vertrat bei der Priesterin und dem Volke +gegenüber völlig die Rolle des Gottes. Das gold- und silbergeschmückte, +hammerbewehrte Thorsbild im Gudbrandsdal, das Olaf der Heilige +zerschlägt, war ebenfalls sehr gross. Die wolgekleidete Thorgerd +Hölgabrud war lebensgross, ihren goldenen Fingerring steckt Sigmund +Brestisson an seinen Finger. + +Der Bilderdienst scheint im Norden gegen das Ende des Heidentums so +sehr entartet zu sein, dass man schliesslich zwischen Göttern und +Götterbildern keinen Unterschied mehr machte. So nur ist der Betrug +möglich, den sich Gunnar mit dem Freysbilde erlaubt. Dem Thorsbilde zu +Hunthorp in Norwegen setzte man Speise vor und meinte, dass es diese +verzehre. Vom Thorsbilde zu Raudsey meinte man, es gehe spazieren und +lasse sich auf einen Kampf mit dem christlichen Könige ein. Grimkels +Göttin Thorgerd zieht mit den andern Götzen aus ihrem Tempel und redet +mit ihrem Verehrer; Thorgerds Bild bewegt den Arm und vermag einen +Ring zu geben oder vorzuenthalten. Man traut den Götzen auch zu, dass +sie sich selbst aus ihrem brennenden Tempel zu retten im Stande seien. +Aber alle diese Nachrichten betreffen die späteste Zeit des Heidentums +und sind in ziemlich späten Quellen überliefert. Wir erkennen nicht +sicher, ob der nordische Bilderdienst wirklich so tief entartete, oder +ob nur spätere christliche Übertreibung diesen bedenklichen Verfall +dem ausgehenden Heidentum einschwärzte. Es ist ein arger Abstand, aber +auch ein grosser Zeitunterschied zwischen dem urdeutschen Gottesdienst, +wo der ehrwürdige heilige Hain zum Tempel der Gottheit diente, deren +Gegenwart im Rauschen der Baumwipfel nur geahnt wurde, und dem +spätnordischen Götzendienst. + +Die altgermanischen Götterbilder waren aus Holz geschnitzt, Darauf +weist die Bezeichnung des gotischen Bildes mit ξόανον, Schnitzbild; im +Norden heissen die Bilder Holzgötter (_trégođ_) oder geschnitzte Götter +(_skurđgođ_). + + +4. Tempelfrieden. + +Ein besonderer Gottesfrieden ward im Heidentum den geweihten Stätten +und Festzeiten beigelegt. Wer ihn brach, that ein Neidingswerk und +verfiel dem Zorne der Götter, dem Opfertode. Des Festesfriedens +bei der Nerthusumfahrt gedenkt Tacitus, im Leben des Willebrord +vernehmen wir vom helgoländer Gottesfrieden. Im Norden ist der Tempel +ein _griđastađr_, eine Stätte besonderen Friedens. _Hofshelgi_, +Tempelheiligkeit heisst der Tempelfrieden. Es war nicht erlaubt, +mit Waffen in der Hand den Tempel zu betreten. Das besagt die +Egilssaga Kap. 49: „Die Leute da innen waren alle waffenlos, denn +da war Tempelheiligkeit.“ In der Vatnsdælasaga Kap. 17 wendet sich +Ingimund zu Rafn mit den Worten: „Es ist nicht Sitte, Waffen in den +Tempel mitzunehmen, und du wirst den Zorn der Götter erfahren, wenn +nicht Bussen erlegt werden.“ Wer den Gottesfrieden durch Gewaltthat +verletzte, ward Wolf im Heiligtum, _vargr í véum_, geächtet, +friedlos. Schuldbeladene Leute durften im Tempel nicht verweilen. Das +friesische Recht setzt Opfertod auf die Verletzung der Tempel (_lex +Frisionum addit. sap. tit._ 12). Ebenso erblickt das nordische Recht +darin unsühnbaren Frevel. Nach der Njála Kap. 89 hatte Hrappr den +dem Gudbrand und Hakon Jarl gemeinsamen Tempel verbrannt. Der Jarl +lässt eifrige Verfolgung des Missethäters eintreten und sagt: „Der +Mann, der das gethan hat, wird weggejagt werden aus Walhall und nie +dahin kommen.“ Nach der Kjalnesingasaga Kap. 5, 11, 12 hatte Bui auf +Island einen Tempel angezündet. Der Gode Thorgrim nennt die That ein +beispielloses Verbrechen, andere schelten sie ein Neidingswerk, ein +todeswürdiges Verbrechen. _Hofshelgi_ mochte auch auf weiteren Umkreis +über die eingehegte Opferstätte hinaus ausgedehnt werden. So ist ganz +Helgoland befriedet. Der Isländer Thorolf richtete auf der Spitze des +Vorgebirges Thorsnes eine grosse Friedensstätte ein. Da durfte der +Boden weder durch vergossenes Blut noch mit menschlicher Notdurft +verunreinigt werden. Nachmals entsteht unter den Dingleuten Kampf, +die Stätte wird mit Blut befleckt. Da gilt der Platz als durch das +vergossene Blut entweiht, das Ding und die zweifellos damit verbundene +Opferstätte werden verlegt.[748] + + +5. Tempelgut. + +Zum germanischen Tempel gehörte Besitztum an liegenden und lebenden +Gütern, aber auch an Schätzen. Ganz Helgoland war dem Fosite eigen. Wie +auf Helgoland Fosites Herden weideten, so wurden beim Freystempel zu +Drontheim heilige Pferde des Gottes unterhalten (Flateyjarbók 1, 337) +und bei den alten Deutschen nach Tacitus Germ. 10 in heiligen Hainen +werkheilige weisse Rosse, aus deren Wiehern die Zukunft vorausgesagt +ward. Über gotisches Tempelgut belehrt ein Fundstück. Die Runenschrift +auf dem zu Pietroassa in Rumänien gefundenen goldenen Armring wird + + GUTANIO WI HAILAG + +gelesen und gedeutet: das gotische heilige Göttereigen +(Tempelgut).[749] Der westgotische Goldhort, von dem einige Stücke +sich erhielten, war vermutlich der heilige unter dem Schutze der +Götter stehende und diesen zugehörige Kult- und Stammesbesitz, dessen +Verwaltung und Aufbewahrung den Königen und Priestern zukam. + +Dass die altfriesischen Götter neben Gütern aller Art auch Schätze +an Gold und Silber[750] besassen, beweist die Lebensbeschreibung des +Liudger Kap. 14 und 15. Bischof Alberich entsandte den Liudger um 776 +aus Utrecht in die östlich der Laubach gelegenen friesischen Gaue, +um die dortigen Heidentempel zu zerstören. Er nahm aus ihnen die +Schätze, von denen zwei Drittel der König Karl, ein Drittel Utrecht +erhielt. Es war ein grosser Tempelschatz erbeutet worden (_attulerunt +magnum thesaurum, quem in delubris invenerant_). Als König Karl 772 +die sächsische Irminsul und ihren Tempel drei Tage lang zerstörte, +erbeutete er dabei Gold und Silber (_aurum vel argentum, quod ibi +repperit, abstulit_). + +Beim isländischen Tempel hören wir näheres darüber.[751] Zuweilen +werden Tempel ein für allemal mit liegendem Gute seitens des +Erbauers oder auch späterer Schenker ausgestattet. So berichtet die +Landnáma 4 Kap. 2: „Eine Bergwiese lag noch zwischen dem Lande des +Thorstein torfi und des Hakon, ohne von jemandem in Besitz genommen +zu sein; die legten sie zum Tempel, und sie heisst fortan _Hofsteigr_ +(Tempelwiese).“ Ebenda 5 Kap. 3 heisst es vom Goden Jǫrundr zu +Svertingsstaðir: „Er errichtete da einen grossen Tempel; ein Landstück +lag noch ungenommen östlich des Fljot, zwischen Krossa und Joldusteinn; +das Land umfuhr Jǫrundr mit Feuer und legte es zum Tempel.“ Ebenda 5 +Kap. 2: „Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem +Thor und nannte es Thorsmork.“ Von einzelnen Personen und ganzen +Gemeinden wurden Weihgeschenke an die Tempel gemacht. Bei einer +schweren Hungersnot wurde auf Island, der Vigaskútusaga Kap. 7 zufolge, +in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Vorschlag gemacht, +die Kinder auszusetzen und die alten Leute zu töten, zugleich durch +das Geloben von Weihegeschenken an die Tempel den Zorn der Götter zu +besänftigen. Die Islendingabók Kap. 2 erzählt von einer Schenkung, +die Grímr geitskór, Ulfljots Pflegebruder, an die isländischen Tempel +machte. Grimr hatte das Land bereist, um eine passende Stätte für das +allsommerlich abzuhaltende Allding ausfindig zu machen; dafür hatte er +von jedem Isländer einen Pfennig empfangen. Er aber gab dann dieses Gut +zu den Tempeln. Die Haupttempel des Landes wurden durch eine besondere +Steuer, den Tempelzoll (_hoftollr_) unterhalten. Der Gode erhob von +seinen Dingleuten diese Abgabe zur Unterhaltung des Tempels und zur +Bestreitung der Opferkosten, wozu er ausserdem aus eigenen Mitteln +beisteuerte. So sagt die Eyrbyggjasaga Kap. 4: „Zum Tempel sollten alle +Leute Zoll geben; aber der Gode sollte den Tempel aus eigenen Mitteln +erhalten, so dass er nicht zerfiel, und die Opferfeste darin abhalten.“ +In der Egilssaga Kap. 87 wird berichtet: „Oddr war da Häuptling im +Borgarfjord südlich der Hvita; er war Hofsgode und hatte einen Tempel, +zu dem alle Leute südlich der Skardsheide Tempelzoll bezahlten.“ In +der Kjalnesingasaga Kap. 2 heisst es vom Tempel des Goden Thorgrim: +„Da sollten alle Leute Tempelzoll dazu bezahlen. Das Vieh, welches zum +Opfer gegeben wurde, sollte man zur Gastung der Leute anwenden, wenn +Opferfeste gehalten wurden.“ Demnach war das Vermögen des heidnischen +Tempels ganz ähnlich wie das Kirchengut der christlichen Zeit und +bestand ebenso wie dieses aus gesetzlichen Abgaben und frommen +Schenkungen. Der Þorsteins þáttr uxafóts Kap. 1 bemerkt auch richtig: +„Jedermann sollte zum Tempel geben, wie nun zur Kirche Zehnt.“ + + +6. Staats- und Privattempel. + +Die gemeinsamen Opfer einer grösseren Anzahl von Volksgenossen oder +gar des Gesamtvolkes erforderten entsprechende Opferstätten. Es gab +Haupttempel, Heiligtümer, an denen die Gau- oder Landesbewohner +Anteil hatten, neben zahlreichen kleineren Tempeln, die von der +Gemeinde oder von einzelnen vermöglichen Leuten errichtet worden +waren. Hauptopferstätte fürs Volk der Sueven, vielleicht überhaupt +der Erminonen, ist der Semnonenhain, ein Haupttempel der ingwaeischen +Nordseestämme stand auf der Nerthusinsel, für die Marsen, vielleicht +für alle Istwaeonen war es das Tanfanaheiligtum. Bei den Friesen +war Helgoland das Volksheiligtum, auch nach der Insel Walchern +strömten die Leute von weither zusammen, bei den Sachsen scheint der +_Irminsûl_ diese Bedeutung zugekommen zu sein. Genaueren Einblick ins +Tempelwesen gewähren die nordischen Länder. In Dänemark gab es vier +Hauptopferstätten[752], Viborg (_Vébjorg_) in Jütland, Odense (_Ođins +vé_) in Fünen, Ringsted-Hleidra, das Thietmar von Merseburg beschreibt, +in Seeland, Lund (an. _lundr_, der Opferhain) in Schonen. Ziemlich im +Mittelpunkt der einzelnen Landesteile lagen die Haupttempel, wo die +Landesbewohner zu den ständigen Opferfesten sich versammelten. Der +Haupttempel auf Seeland scheint zugleich das dänische Volksheiligtum +gewesen zu sein, wo alle neun Jahre das grosse dänische Volksopfer +gefeiert wurde. Meistens, doch nicht regelmässig, waren die Haupttempel +bei den Dingstätten errichtet, weil Recht und Religion mit einander +unzertrennlich verknüpft waren, und weil der Bequemlichkeit halber +wol meistens Ding- und Opferzeiten zusammenfielen. In Schweden war +zu Uppsala der Reichstempel, auch hier mit dem grossen, alle neun +Jahre stattfindenden Landesopfer. Eine Gliederung in verschiedene +Opfer und demnach wol auch in mehrere Tempel zeigt sich auch auf +Gotland, worüber die Gutasaga Kap. 1 angibt: „Das gesamte Land hatte +für sich ein höchstes Opfer mit Leuten. Ausserdem hielt jedes Drittel +ein Opfer für sich; die kleineren Dinge hatten geringere Opfer mit +Vieh, Speise und Trank.“ Norwegen zerfiel in Volklande (_fylki_) und +Hundertschaften (_herǫđ_). Das Fylki hatte mehrere kleinere Tempel, +welche dem Bedürfniss der _herǫđ_ dienten, aber daneben einen +Haupttempel (_hofuđhof_) zum Gottesdienst des ganzen Volklandes. Ja +selbst mehrere Volklande mochten zu einem gemeinsamen Dingverbande mit +einem Haupttempel sich zusammenthun. Die Egilssaga Kap. 49 gedenkt +eines Haupttempels in der Landschaft Gaular, bei welchem die Leute +aus Firdir, Fjalir und Sogn zusammenzukommen pflegten. Der Tempel zu +Hladir war Fylkishof für das Strindafylki und Haupttempel für die ganze +Landschaft Drontheim, der zu Skiringssal Haupttempel für die Landschaft +Vikin (Sǫgubrot af fornkonungum Kap. 10). Ausser den grossen Tempeln +gab es in Norwegen zahlreiche kleinere öffentliche und private, deren +Andenken viele Ortsnamen festhalten.[753] + +Endlich ist die Entstehung des isländischen Freistaates zur Kenntniss +des Hofwesens von Belang.[754] Begüterte Norweger, die im Stammlande +einen eigenen Tempel besessen hatten, nahmen dessen Grundpfeiler und +anderes Holzwerk mit nach Island hinüber, um sofort in der neuen Heimat +den Tempel wieder aufzurichten. An solche Tempelbesitzer (Goden) und +ihr Herrschaftsgebiet (Godord) knüpft die Entstehung der isländischen +Staatsverfassung an, indem die Regierung in ihre Gewalt gegeben wurde. +Die Bezirksverfassung vom Jahre 965 regelte die Anzahl der Godord. Man +teilte die Insel in vier Viertel, deren jedes drei, das Nordviertel +aber vier Dingverbände in sich schliessen sollte. Jeder Dingverband +bestand aus drei Godorden mit je einem Haupttempel (_hofuđhof_). +Somit gab es auf Island 39 Goden, die Besitzer und Vorsteher von 39 +Haupttempeln. Sicherlich mochte nach wie vor jeder nach freiem Belieben +und Vermögen sich Tempel erbauen, aber denen kam nicht die Bedeutung +des Haupttempels zu, vielmehr nur untergeordnete private Stellung. Man +sieht aber auch aus dieser isländischen Verfassung deutlich die wol +gemeingermanische Unterscheidung zwischen staatlichem, öffentlichem +und privatem Tempel, welche der des Staatsopfers und des Einzelopfers +entspricht. Die heidnische Tempelverfassung wirkt vielleicht auch noch +in der norwegischen Kirchenordnung nach, welche _fylkiskirkjur_ oder +_hǫfuđkirkjur_, die den heidnischen _hǫfuđhof_, den Staatstempeln, +den Volksheiligtümern entsprachen, neben den kleineren, privater +Pflege überlassenen _herađskirkjur_ (Hundertschaftskirchen) und +_hœgindiskirkjur_ (Bequemlichkeitskirchen, Privatkapellen) unterschied. + + + + +III. Das Priesterwesen. + + +1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern. + +Einen Priesterstand, der den Gottesdienst für sich allein und +ausschliesslich gepachtet und höheres Wissen geistlicher Geheimlehren +für sich in Anspruch genommen hätte, kannten die Germanen nicht. So +sagt Caesar (bell. gall. 6, 21) von den Germanen im Vergleich zu +den Galliern: _neque druides habent, qui rebus divinis praesint, +neque sacrifciis student_. Gleich hell und durchsichtig, ohne +mystisches Halbdunkel, standen die Götter vor dem geistigen Auge aller +Volksgenossen wie vor den wenigen, die sich besonders dem Dienste der +Himmlischen geweiht hatten. Und dieser Dienst konnte von jedem versehen +werden, wo es Not that, es war kein Geheimdienst. Ob Caesar den +Germanen nur Priester vom Schlage der gallischen Druiden oder Priester +überhaupt absprechen will, ist nicht sicher zu entscheiden. Vielleicht +verrichteten bei den Stämmen, mit denen er zu thun hatte, Könige und +Häuptlinge das Priesteramt. Wer z. B. das norwegische Opfer im 9. +und 10. Jahrh. beobachtete, musste ebenso die Überzeugung gewinnen, +Könige und Jarle, also weltliche Fürsten, keine Priester leiten den +Gottesdienst. Bei Tacitus aber finden wir ausdrücklich Priester +erwähnt, und ihr Amt ziemlich ebenso wie auch sonst in den germanischen +Quellen selber geschildert. Es gab Staatspriester (_sacerdos +civitatis_), die den Gottesdienst in den öffentlichen Angelegenheiten +versahen, wo grössere Feierlichkeit und gründlicheres Wissen erfordert +wurde, während in Privatsachen der Hausvater des Amtes waltete, kein +Priester verlangt wurde. Aber die Staatspriester waren nur religiöse +Hilfsbeamte der herrschenden und leitenden Könige und Fürsten, wenn +sie mit dem Volke tagten, die Priester waren dafür Bürgen, dass die +göttliche Satzung nicht verletzt wurde, dass der unheilvolle Grimm +der Götter vom Volke abgewandt, dass ihre Gunst ihm erhalten blieb. +Sie verkörperten gleichsam das Rechts- und Religionsbewusstsein. Die +Versammlung des Volkes im Ding- und Heerverband ist unzertrennlich vom +Gottesdienste, beim Volksopferfest ist der Gottesdienst überhaupt der +eigentliche Zweck. Da traten nun die Priester in Thätigkeit, wovon +Tacitus folgende Einzelheiten erzählt. Die Priester verkündeten den +Anfang der Verhandlung und den Dingfrieden, dessen Bruch sie im Namen +der Götter zu strafen hatten (_silentium per sacerdotes, quibus tum +et coercendi jus est, imperatur._ Germ. 11). Alle Strafgewalt an Leib +und Leben stand allein den Priestern zu auf Grund der Anschauung, dass +Neidingswerke, schwere Verbrechen, den Zorn der Götter erweckten, +welche zur Sühne den Opfertod des Verbrechers heischten. Zum +Vollzug des blutigen Opfers waren aber zunächst diejenigen berufen, +die im unmittelbaren Dienste der Götter stehend diese vertraten +(_ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem +nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis jussu, +sed velut deo imperante, quem adesse bellantibus credunt._ Germ. +7). Die heiligen Feldzeichen holen gleichfalls die Priester aus den +Hainen und tragen sie zur Schlacht (_effigiesque et signa quaedam +detracta lucis in proelium ferunt._ Germ. 7). In allen öffentlichen +Angelegenheiten befragt der Staatspriester das Loos. Im Verein mit +dem König oder Herzog geleitet er den heiligen Wagen, den die weissen +gottgeweihten Rosse ziehen, und achtet auf das Schnauben und Wiehern +der Schimmel (Germ. 10). Im eigentlichen Gottesdienst sehen wir +den Priester der Nerthus (Germ. 40), welcher die nahende Gegenwart +der Göttin erkennt, ehrfurchtsvoll ihre Umfahrt begleitet und sie +zuletzt in ihr Heiligtum zurückführt. Bei den Nahanarvalen wird der +Priester als Pfleger des heiligen Haines der Alcis erwähnt (Germ. +43). Diese gelegentlichen Anspielungen lassen das Amt der Priester +lange nicht überschauen, aber doch in seiner vollen Ausdehnung ahnen. +Ursprünglich scheint ein besonderer Priester nur für den öffentlichen +Gottesdienst nötig gewesen zu sein. Ihm lag die Pflege der gemeinsamen +Volksheiligtümer und Opferstätten, der Wälder und Tempel ob. Dort +versah er auch den Opferdienst. Da der Gottesdienst der heidnischen +Germanen, wie oben gezeigt wurde, das gesamte Staatsleben, Rechts- und +Kriegswesen weihend und strafend durchzieht, war der Staatspriester +auch dazu verpflichtet, wo im öffentlichen Leben des Gesamtvolkes der +Gottesdienst zur Äusserung gelangte, für den richtigen Vollzug Sorge zu +tragen. So wurde er zum obersten Opferer und Rechtweiser im Volke, zum +berufensten Erforscher und Verkündiger des Willens der Götter. Seines +Rates bedurften König und Volk, wenn schwere Schicksalsentscheidung +bevorstand. + + +2. Germanische Benennungen des Priesters. + +Die germanischen Sprachen bewahren einige Bezeichnungen des Priesters, +die sich auf die wichtigsten in seine Hand gelegten Ämter beziehen. +Der burgundische Oberpriester wird als _sinisto_, als der älteste +und vornehmste[755], d. h. als altadliger Herr angeführt. Auf +Gottesdienst, Opfer und Tempelpflege weisen die Ausdrücke _gudja_, +_gođi_, _cotinc_; _blôstreis_ und _pluostrari_ hiess der Priester bei +Goten und Hochdeutschen, sofern er opferte, _harugari_ und _parawari_ +als Hüter des heiligen Waldes oder Tempels. Als _êwart_ und _êsago_ +ist er Hüter und Verkündiger des geltenden Rechtes, das als göttliche +Einrichtung betrachtet und daher priesterlicher Hut unterstellt ward. +Die gebräuchlichsten und lehrreichsten Benennungen sind folgende. + +Wulfila Überträgt ἱερεύς durch _gudja_. Dasselbe Wort kehrt auch +bei andern Germanen wieder. Eine ahd. Glosse (Graff, _Diutiska_ 1, +187) gewährt _cotinc tribunus_. _cotinc_, d. i. _goding_ ist eine +deutliche Ableitung zu einem ähnlichen Wort wie got. _gudja_, an. +_gođi_, _guđi_.[756] In dieser Benennung des Priesters, die von seiner +Stellung zu den Göttern (_guđ_) hergenommen ist, tritt auch sein +Rechtsamt (_cotinc tribunus_) hervor. Am besten sind wir vom nordischen +Goden unterrichtet.[757] Dabei muss aber scharf unterschieden werden +zwischen den dänischen und norwegischen Goden einerseits, und den +isländischen andererseits, da auf Island das Godenamt zu völlig neuer +und eigenartiger Entwickelung gelangte. Thorolf pflegte auf der Insel +Mostr in Norwegen eines Thorstempels, war also Gode des Thor. Wie +er nach Island fuhr, nahm er seinen Tempel mit hinüber und baute ihn +daselbst von neuem auf (Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4). Thorhadd der +Alte war Hofgode zu Märi im Drontheimischen. Er begehrte nach Island, +brach seinen Tempel ab und nahm die Tempelerde und die Hauptsäulen +mit sich; er kam nach dem Stodwarfjord und legte dem ganzen Meerbusen +die Heiligkeit des märischen Landes bei (Landnáma 4 Kap. 6). Diese +norwegischen Goden sind Vorsteher und Besitzer von Tempeln, die ihnen +eigentümlich gehörten. Öffentliche Staats- oder Landestempel hätten +sie nicht so ohne weiteres abbrechen und überführen können. Reiche, +angesehene Leute konnten sich einen eignen Tempel halten, dem sie als +Goden vorstanden. Sie scheinen dabei ein gewisses Hoheitsrecht über +die Leute ausgeübt zu haben, welchen sie aus freier gegenseitiger +Übereinkunft Beteiligung an Tempel und Opfer verstatteten. Aber das +Verhältniss war in Norwegen privater Art und auf gottesdienstliche +Verrichtungen beschränkt. Für Dänemark bezeugt Saxo (Buch 8 S. 381) +einen _Lyuthguthi_, das Sögubrot af Fornkonungum einen _Gautr guđi_. +Endlich begegnen auf Runensteinen ein _Ruulfr Nuraguþi_ und ein _Ali +Sauluaguþi_[758], d. h. _Hrólfr Nóragođi_, Hrolf des Nori Gode, _Ali +Sǫlvagođi_, Ali des Solvi Gode. Darnach scheint der Gode ein Beamter +im Dienste eines andern gewesen zu sein, ein priesterlicher Gehilfe +des weltlichen Häuptlings, wie der _sacerdos_ neben den _reges_ und +_principes_. Der norwegische Gode ist mithin Besitzer eines Tempels, +worin er den Gottesdienst verrichtet, der dänische Gode ist der +priesterliche Hilfsbeamte des Häuptlings. Im einen Fall war sein Amt +wol ausschliesslich auf den Gottesdienst beschränkt, im andern lag ihm +auch die Rechtspflege beim Dinge ob, eben das Amt des Staatspriesters. +Dass die Bezeichnung Gode ausschliesslich aufs priesterliche Amt, auf +Tempelpflege und Opferdienst sich beschränken konnte, beweist die +Femininbildung _gyđja_[759] zu _guđi_. Nicht nur in erdichteten Sagen +oder mythischen Überlieferungen, sondern auch in völlig zuverlässigen, +isländischen Geschichtsquellen wird von _gyđjur_ gesprochen, also +von Frauen, die den Godentitel und das Godenamt führten. Weltliche +Herrscherrechte waren den Frauen natürlich versagt, priesterliche +Handlungen aber erlaubt. Somit ist der Gode zunächst Priester, Opferer +und nur nebenbei als solcher Hüter des göttlichen und weltlichen +Rechtes. Auf Island freilich kam die ganze Staatsgewalt in die Hände +der Goden, welche die regierenden Herrn wurden. Aber die isländische +Godenwürde gedieh zu völlig eigenartiger Entfaltung.[760] In der +ersten Zeit der Besiedelung, von 874 ab herrschte auf Island gar keine +staatliche Ordnung. Denn die Ansiedler waren unabhängig von einander +angefahren und hatten, wo es ihnen gefiel, Land in Besitz genommen. An +die Tempelbesitzer, die Goden, d. h. an solche, die auch auf Island +Tempel zu errichten im stande gewesen waren, schlossen sich die +Umwohner zur Ausübung des Gottesdienstes an. Der Gode ward Vorsteher +einer Tempelgemeinde, in welcher er auch die notwendigen weltlichen +Hoheitsrechte allmälig ausüben musste, Leitung der Dingversammlung +und der Gerichte. Die Tempelgemeinden waren die von selbst +erwachsenen Verbände, an welche die von den Verhältnissen erforderte +Staatsordnung anknüpfte. So erweiterte sich die ursprünglich alleinige +Tempelvorsteherschaft zur allseitigen Herrschergewalt, welcher die +norwegische Häuptlingschaft zum Vorbild diente. Im Jahr 965 wurde die +Zahl der staatlich anerkannten Goden und ihrer Tempel, der Hǫfuðhof +auf 39 festgesetzt. Der isländische Gode ist allerdings vorwiegend ein +weltlicher Herrscher, ursprünglich aber war er nur Priester, Besitzer +eines Tempels und Vorsteher der Gemeinde. + +Die altdeutsche Sprache bewahrt zwei Wörter, die über das +altgermanische Priesteramt willkommenen Aufschluss geben. Ahd. +_êwart_ und _êwarto_, mhd. _êwart_ und _êwarte_, as. _êward_ wird +vom christlichen Priester gebraucht, obschon das Wort einst auf den +heidnischen geprägt ist; es bedeutet „der des Gesetzes (_êwa_) wartet“. +Hüter und Wahrer des von den Göttern gesetzten Rechtes war aber der +Priester. Dass der Ausdruck ins Christentum überging, versteht sich +daraus, dass mit _êwa_ auch das alte und neue Testament bezeichnet +wurde. In diesem Sinne war der _êwart_ auch im Christentum Wahrer +der _êwa_. Dass _êwart_ aber einstens den heidnischen Priester +meinte, lehrt das andere Wort as. _êosago_, ahd. _êsago êasagâri_, +fries. _âsega_ d. h. Gesetz- oder Rechtsverkünder. Im Heliand wird +_êosago_ auf die Schriftgelehrten angewandt. Die Bezeichnungen +_êwart_ und _êsago_ lehren, der germanische Priester ist der Wächter +und Verkündiger des Gesetzes, er hat das geltende Recht dem Volke +vorzutragen, das Recht zu weisen und den Rechtsbruch zu ahnden. + +Der friesische _âsega_[761] steht neben dem Vorsitzenden des Dinges und +neben den Urteilern, dem Volke. Sein Amt ist weder zu richten noch zu +urteilen, vielmehr das Recht zu wissen, die geltenden Satzungen vollauf +inne zu haben und jederzeit über das geltende Recht zu belehren. Da +gewinnt die Sage von den zwölf Asegen, die von einem Gotte des Rechtes +unterwiesen wurden, damit sie es in den friesischen Gauen einführten, +tiefen, uralten Sinn. Die Rechtweiser sind vom Gotte selber mit ihrem +Amte betraut, sie sprechen im Namen des Gottes das von ihm gelehrte +Recht. Noch im 12./13. Jahrh. meint aber Asega im Friesischen nicht +allein den Rechtweiser, sondern auch den Priester, wie im Deutschen +Ewart. Der Schluss liegt nahe: in ältester Zeit war eben der Priester +und der Rechtweiser eine und dieselbe Person. Beim Ding vollzog der +Priester Opfer und Recht, er besorgte den Dienst der Götter und +vermittelte dem Volke ihren Willen, der auch im Rechte kundbar ward. + + +3. Adelige Herkunft und Tracht. + +Der Staatspriester wurde wie der König aus den ersten +Adelsgeschlechtern und zwar auf Lebensdauer gewählt.[762] Keine +Krisis erschütterte seine Stellung. Er ist, wie Ammianus 28,5 sagt, +_perpetuus, obnoxius discriminibus nullis ut reges_. Der burgundische +Name „_sinistus_“ scheint anzuzeigen, dass der Priester als der +Älteste, d. h. als der Vornehmste und Adligste im Volke galt, dass er +den _seniores_, den _seigneurs_, den adligen Herrn angehörte. Jordanes +Kap. 5 erklärt ausdrücklich, Könige und Priester der Goten seien dem +Adel entnommen (_pileatos, qui inter eos generosi extabant, ex quibus +eis et reges et sacerdotes ordinabantur_). Nach einer andern Stelle, +im Kap. 11, werden die Edelsten und Weisesten zu Priestern gemacht +(_elegit nobilissimos prudentioresque viros ... fecitque sacerdotes_). +Der Zusammenhang zwischen der hohen Geistlichkeit und den hohen +Adelsfamilien im Mittelalter setzt vielleicht die alte Gewohnheit, dass +die Priester adlig sein müssen, fort. Der Alcispriester war vermutlich +ein Mitglied des wandalischen Königsgeschlechtes der Hasdinge. + +Über Tracht und Aufzug der germanischen Priester verlautet nur weniges +und ungenügendes. Tacitus (Germ. 43) gedenkt eines sacerdos _muliebri +ornatu_ bei den Nahanarvalen, was Müllenhoff (ZfdA. 12, 346) auf den +Haarschmuck bezieht. Es waren Priester mit weichem, langwallendem +Haare, _haȥdingôs_, an. _haddingjar_, d. h. Männer im Frauenhaar (an. +_haddr_). Im Gegensatz hierzu hiessen die gotischen Priester _pileati_, +mit Hüten versehen, weil sie bedeckten Hauptes die Opferhandlung +vollzogen, während das übrige Volk im freien Haarschmuck (_capillati_) +verharrte (Jordanes Kap. 5 und 11). An Hut und Haar scheinen demnach +die Priester besondere Auszeichnungen geführt zu haben. Im weissen +Gewande schritten die gotischen Priester (_cum vestibus candidis_, +Jord. Kap. 10). Dem angelsächsischen Priester war es verboten, Waffen +zu tragen und anders als auf einer Stute zu reiten (_non enim licuerat, +pontificem sacrorum vel arma ferre vel praeterquam in equa equitare_, +Bäda hist. eccl. 2, 13). Zur Ausrüstung des Priesters gehörte wol auch +ein Eidring[763], den er bei allen öffentlichen Handlungen am Arme +trug. Er diente zur feierlichen Eidesabnahme, die demnach dem Priester +oblag, besonders zum Gerichtseid. Der Ring wurde beim Opfer mit Blut +gerötet. + + +4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer. + +In Norwegen gab es wol Hofgoden, Besitzer von Tempeln, die sie +mit nach Island nahmen, jedoch tritt nirgends bei Schilderung der +grossen Volklands- oder Hundertschaftsopfer ein Gode hervor; der +weltliche Herrscher, der König, Jarl oder Herse erscheint als +der alleinige Vorsitzende und Leiter des Opfers.[764] Dass es in +Norwegen niemals Staatspriester gab, darf daraus nicht geschlossen +werden. Das Vorhandensein von Goden und Lǫgmenn weist deutlich auf +den altgermanischen Priester und auf seine Ämter im Gottesdienst +und Volksding hin. Jedoch scheint er in den letzten Zeiten des +Heidentums vor dem weltlichen Herrscher völlig zurückgetreten zu sein, +vermutlich infolge der Sonderentwicklung des Gesetzsprecheramts, das +aber den eigentlich religiösen Charakter verlor. Beim Ding wirkte +der ursprüngliche Priester nur als _lǫgmann_, die Opferhandlung +vollzog der König oder Jarl. Untergeordnete priesterliche Gehilfen, +Tempel- und Opferdiener, wird es wol immer gegeben haben, aber +staatsrechtlich treten diese natürlich nirgends hervor. Zum Beweise, +dass die weltlichen Herren Opferleiter sind, dient der Bericht der +Hákonarsaga góða Kap. 16.[765] Sigurd, der Jarl zu Hladir, war der +eifrigste Opferer und so war auch sein Vater Hakon; der Jarl Sigurd +hielt alle Opfermahle da im Dingverband von Drontheim ab im Namen +des Königs. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein +Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opferfest zu Hladir +hielt und allein alle Kosten trug. Der christliche König Hakon wird +von den heidnischen Bauern in Drontheim genötigt, altem Brauch gemäss +beim grossen Opferfest zu Winters Anfang den Vorsitz zu führen. +Im folgenden Jahre muss er das Julfest feiern. Dabei ist von acht +namentlich angeführten Volklandshäuptlingen die Rede, die in der ganzen +Landschaft Drontheim, d. h. in den zum Dingverband vereinigten acht +Volklanden dem Opferdienst vorstanden. Dem König und den Jarlen obliegt +der Opferdienst, kein Gode wird erwähnt. Zu Hunthorp im Gudbrandsdal +in Norwegen lebte ein Mann namens Dala Gudbrand, dessen Herrschaft +in den Thälern der eines Königs vergleichbar war, obwol er nur ein +Hersir (Vorsteher eines Herads, einer Hundertschaft) hiess. Der berief +alle Leute aus der Umgegend zum Thorstempel nach Hunthorp. Olaf der +Heilige liess das Thorsbild zerschlagen und zwang die Leute zum +Christentum.[766] Hier also ist der Hersir Eigentümer des Heradstempels +und Vorsteher des Gottesdienstes im Gau. Im Drontheimischen wird auch +einmal ein gewöhnlicher, aber angesehener Bauer, Ölver von Eggja, mit +zwölf anderen Männern als Vorsteher der Opfermahlzeiten zu Winters +Anfang, Mittwinter und Sommers Anfang bezeichnet.[767] + + +5. Priesterinnen. + +Da der Priester ursprünglich Gottesdienst und Rechtspflege vereinigte, +ist ohne weiteres klar, dass das Priesteramt, sofern es von Frauen +besorgt wurde, gewöhnlich nur einen Teil davon, Opferdienst und +Tempelpflege umfassen konnte. Priesterliche Frauen und Jungfrauen +sind aber altbezeugt, doch mehr Wahrsagerinnen als eigentliche +Priesterinnen.[768] Dem ganzen weiblichen Geschlechte wohnte nach +dem Glauben der Deutschen prophetische Gabe bei (Tac. Germ. 8). +Caesar (bell. gall. 1, 50) erzählt, dass die deutschen Hausmütter +durch Loosung und Wahrsagekunst (_sortibus et vaticinationibus_) +erforschen mussten, ob eine Schlacht zu liefern sei oder nicht. Man +hörte auch in Sachen, die das Volk angingen, auf den Rat und Ausspruch +weiser Frauen. Zu Loos und Zukunftsdeuterei gehört aber auch Opfer +und Beschwörung, Zauberei, und so vollziehen Frauen zuweilen bei +wichtigen öffentlichen Angelegenheiten das Opfer. Nach Strabo 7, 2 +befanden sich kimbrische Wahrsagerinnen unter den Frauen, die das Heer +geleiteten. Es sind grauhaarige, barfüssige Weiber in weissem Gewand, +das ein eherner Gürtel umschliesst, mit linnenen Mänteln angethan. +Sie führen die Kriegsgefangenen zu einem grossen ehernen Kessel und +durchschneiden ihnen darüber die Kehle. Aus dem hervorströmenden +Blute weissagen sie. Andere prophezeiten aus den Eingeweiden den +Ihren den Sieg. Während der Schlacht schlugen sie auf die abgenommenen +Deckfelle der grossen Wanderwagen und machten damit gewaltigen Lärm, +der gewiss Zauberwirkung haben sollte. Ein paar Jahrhunderte später +erzählt Eunapius (excerpt. ed. Bonn. 82) von den Westgoten, die in das +römische Reich einbrachen, wie jeder Stamm (φυλή) die Heiligtümer der +Heimat mit sich führte, samt Priestern und Priesterinnen. Weinhold +meint: Diese gotischen Priesterinnen (ἱέρειαι) werden wir aus den +kimbrischen Seherinnen (προμάντεις) erklären dürfen. Es sind die +Wahrsagerinnen, die über Wagen und Gewinnen im Kriege entscheidende +Stimme hatten, während den Priestern altem Brauche gemäss (Tacitus, +Germ. 7) die Götterbilder und die heiligen Zeichen während des +Feldzuges anvertraut wurden. Unter Kaiser Vespasian war den Römern die +Brukterin Weleda[769] bekannt geworden, die weithin hochgeehrt ward, +nachdem sie die Vernichtung der römischen Legionen durch die Bataver +vorausgesagt hatte. Sie wohnte in einem Turme und zeigte sich den +Abgesandten der umwohnenden Stämme nicht selbst; einer ihrer Verwandten +vermittelte Frage und Antwort. Man ehrte sie durch allerlei Geschenke. +Vornehme Gefangene, besondere Triumphstücke der Beute sandte man ihr +zu. Die Römer selbst verschmähten nicht, sich an sie zu wenden und +sie aufzufordern, ihren Einfluss auf die Deutschen zur Beilegung des +Krieges zu verwenden. Sie soll schliesslieh von den Römern gefangen +worden sein. Als eine ältere, berühmte Seherin nennt Tacitus in der +Germ. 8 die Albrûna (handschriftlich Auriniam, von Wackernagel als +Albrûna gedeutet), die wahrscheinlich in den Feldzügen unter Drusus +und Tiberius ihr Ansehen erwarb.[770] Unter Domitian stand Ganna bei +den Semnonen in hohen Ehren (Dio Cass. 67, 5). Dem Drusus, als er die +Weser überschritten hatte und sich der Elbe näherte, trat im Lande der +Cherusker eine übermenschliche Frau (γυνή τις μείζων ἢ κατὰ ἀνθρώπου +φύσιν) entgegen, wehrte ihm weiter vorzudringen und weissagte sein +nahes Ende (Dio Cass. 55, 1). Später übte nach der Sage vom Ursprung +der Langobarden bei diesem Volk Gambara durch Weisheit und Voraussicht +grossen Einfluss. Im Jahr 577 zog König Gunthram eine Frau „_habentem +spiritum phitonis, ut ei quae erant eventura narraret_“ zu Rat (Greg. +Tur. 5, 14); einer noch weit jüngeren Thiota, die aus Alamannien nach +Mainz gekommen war, gedenken fuldische Annalen im Jahr 847 (MG. 1, 365). + +Im Norden treffen wir Tempelpflegerinnen, Tempelbesitzerinnen unter +der Bezeichnung _gyđjur_; das weibliche Seitenstück zum _gođi_ oder +_guđi_. Tempeldienst, Opfer und Weissagung wird ihr Amt gewesen sein. +Dem Nerthuspriester steht die schwedische Freyspriesterin (Fornmanna +sögur 2, 73 ff.) gegenüber. Sie wird als Freys Frau (_kona Freys_) +bezeichnet; zum Dienste Freys ward ein junges, schönes Weib (_kona +ung ok friđ_) genommen. Dass eine Frau am Landestempel zu Uppsala +allein Dienst that, ist höchst unwahrscheinlich. Auch gedenkt Adam +von Bremen 4, 27 der Staatspriester (_sacerdotes, qui sacrificia +populi offerant_). Immerhin aber bleibt im Hinblick auf die gyðjur in +Norwegen und Island die Thatsache bestehen, dass Frauen im Norden zum +Tempeldienst zugelassen wurden. Die 60 Priesterinnen im grossen Tempel +in Biarmland (Fornaldarsögur 3, 627) sind natürlich fabelhaft. Die +weissagenden Frauen (_spákonur_, _vǫlvur_) greifen in den privaten, +nicht in den öffentlichen Kult ein. + + +6. Die Wissenschaft der Priester. + +Gebundene, kunstvoll gefügte Rede stand in Urzeiten vorwiegend im +Dienste der Religion. Im Liede wurden bei Opfer und Festen die Götter +gepriesen. Heilige Hymnen bilden daher den ältesten Bestand der +Dichtkunst, und so eröffnen auch die altgermanischen _Leiche_[771] +die Geschichte germanischer Poesie. Wo aber ein priesterlicher Leiter +oder Vorsteher des Gottesdienstes vorhanden ist, ruht auch die mit +dem Gottesdienst verknüpfte Dichtkunst in seiner Hand. Erst später +löst der weltliche Sänger den geistlichen ab. Der germanische Priester +war einmal auch der germanische Sänger. Neben genauer Kenntniss des +Opferwesens musste der Staatspriester erschöpfende Wissenschaft aller +göttlichen Dinge besitzen, Göttersage, Rechtskunde, deren Vortrag +im Zusammenhang und lehrhafte Anwendung im einzelnen, z. B. beim +Heilzauber, bei Verträgen und Dingformeln fiel ihm zu. Alles das musste +aber in feierlich gestabter Rede, in dichterischer Form, gesagt und +gesungen werden. + +In merkwürdig übereinstimmender Form hat sich das episch-mythische +Lied bei den vedischen Indern und bei den Germanen entwickelt. Die +mythische Erzählung ist aus Prosa und strophisch angeordneten Versen +gemischt. In poetische Form werden nur die Reden und die wichtigsten +Stellen der Handlung gekleidet, das übrige ergänzt der vortragende +Priester nach Gutdünken durch erzählende Prosa. Diese gemischte +Form wies Oldenberg[772] in der ältesten indischen Litteratur nach. +Einzelne Hymnen des Rigveda sind scheinbar Bruchstücke; sie waren eben +dazu bestimmt, durch Prosaerzählung ergänzt zu werden, und solche +prosaische Zwischensätze begegnen auch wirklich in der Überlieferung. +Nach ihrem Muster ergänzt bieten die Hymnen, von denen eben nur die +metrisch verfassten Stücke zur Aufzeichnung gelangten, etwas Ganzes, +Abgeschlossenes, eine aus gebundener und ungebundener Rede gemischte +Erzählung. Hierzu stimmen nun mehrere der ältesten Eddalieder, in +denen ebenso die gemischte Form die herrschende ist. Müllenhoff (ZfdA. +23, 151 ff.) sagt darüber: „Zwei Formen der epischen Überlieferung, +prosaische Erzählung mit bedeutsamen Reden -- Wechsel- oder Einzelreden +-- der handelnden Personen in poetischer Fassung und erzählende epische +Lieder in vollständig durchgeführter strophischer Form finden wir +im Norden neben einander in Gebrauch und keineswegs ist die Prosa +der gemischten Form nur eine Auflösung oder ein späterer Ersatz der +gebundenen Rede.“ Innerhalb der Edda und auch in der Saxo vorliegenden +Überlieferung waren viele Götter- und Heldenlieder als Wechsel- +oder Einzelrede, dramatisch bewegt, in einen freien prosaischen +Rahmen eingestellt. Am schönsten ist die Wechselrede im Skirnirliede +durchgeführt, wie Skirnir für Freyr um die schöne Gerd wirbt, oder +im Grimnirlied, wie Odin dem Agnar die Herrlichkeit von Walhall +verkündigt. Die Gedichte sind freilich so spät, dass sie nur als +Ausläufer und Nachklänge einer uralten, vielleicht gemeingermanischen +Gattung gelten können. Merkwürdig aber berührt die Einstimmung mehrerer +mit dem Gottesdienst aufs engste verbundenen Dichtformen der Inder +und Germanen, die vielleicht auf gemeinsamen Ursprung hinweisen. Da +hier wie dort gerade die Göttersage, und wol in Nachahmung derselben +auch die Heldensage, so behandelt wurde, liegt der Schluss nahe, dass +dereinst die Priester an hohen Festen einzelne Mythen, die mit der +Kulthandlung in Zusammenhang standen, also z. B. beim Tiuȥfeste des +Gottes Brautwerbung, die Erweckung der bräutlichen Erdgöttin, ihre +Befreiung aus den Banden des winterlichen Todesschlafes, in dieser aus +gebundener und ungebundener Rede gemischten Kunstform zum Vortrag zu +bringen pflegten, dass überhaupt die Mythendichtung, die Erzählung von +den Thaten der Götter, das Preislied und feierliche Gebet ursprünglich +allein von den priesterlichen Sängern ausging. + +Erscheint uns hier der Priester als Dichter und Sänger von +wechselreichen, kunstvoll gestabten Götterliedern, der dem Volksglauben +die Weihe poetischer Gestaltung verlieh, so war er nicht weniger +Verkündiger des Rechts, _êsago_. Das germanische Recht wendet sich +nicht bloss an den nüchternen Verstand, sondern auch ans Gemüt.[773] +Die alten Volksrechte bedienen sich häufig poetischer Ausdrucksmittel. +Sie gebrauchen ähnliche bildliche Wendungen wie die epischen Gedichte, +sie reden vom helllichten Tage und von leuchtender Sonne, von der +nebeldüstern Nacht, vom glänzenden Gold und vom weissen Silber, vom +grünen Rasen, vom hohen Helm und roten Schild, vom wilden Meer und vom +salzigen See, vom heissen Hunger, von glühender Glut. Der Deich heisst +ein goldener Reif, der um ganz Friesland liegt. Die Unendlichkeit von +Zeit und Raum spricht sich in den Wendungen aus: so weit als der Wind +von den Wolken weht und die Welt steht, so weit als Wind weht und Kind +schreit, Gras grünt und Blume blüht. Hochpoetisch ist die ergreifende +Schilderung der drei Nöte im friesischen Recht. „Das ist die erste Not: +wo immer ein Kind gefangen und gefesselt wird nördlich über das Meer +oder südlich in das Gebirge, so muss die Mutter ihres Kindes Besitz +verpfänden und veräussern, und ihr Kind lösen und sein Leben retten. +Die zweite Not ist diese: wenn da schlimme Jahre kommen und der heisse +Hunger über das Land fährt, und das Kind Hungers sterben würde, so muss +die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und veräussern und ihm damit +kaufen Kuh und Korn, und solche Dinge, womit sie ihm das Leben retten +kann. Die dritte Not ist diese: wo immer das Kind ist stocknackt oder +hauslos, und dann die nebeldüstre Nacht und der bitterkalte Winter über +die Umfriedungen sich herabsenkt, so fährt da jeglicher Mann in seinen +Hof und in sein Haus, und das wilde Tier sucht den hohlen Baum und der +Berge Schlüfte, um sein Leben zu erhalten; dann weint das unmündige +Kind und jammert über seine nackten Glieder und seine Hauslosigkeit, +und betrauert seinen Vater, der ihm helfen sollte wider den kalten +Winter und wider den heissen Hunger, dass er so tief und so dunkel +unter Eichenbrettern und Erde eingeschlossen und festgehalten und +bedeckt ist. Deshalb muss die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und +veräussern, weil sie die Verantwortung und Fürsorge dafür hat, so lange +es noch nicht volljährig ist.“ Anstatt einfach zu bestimmen, wenn das +Waisenkind durch Brand oder Raub ins Elend gerät, darf die Mutter die +ihr anvertrauten Mündelgelder angreifen, wird mit so eindringlicher +Kraft dem empfindenden Gemüt die Not vorgeführt, dass das Urteil nicht +anders fallen kann, als es muss so geschehen. Der Rechtweiser wird zum +Dichter, der das Herz des Hörers tief bewegt. Gewaltig sind auch die +Flüche, welche das ganze Unheil des Verfehmten, seine Rechtlosigkeit, +wo immer er auch hinkehre, lebendig schildern. Wer beschworenen Frieden +(_trygđamál_, _gridamál_) bricht, soll geächtet sein, so weit Menschen +landflüchtig sein können, soweit Christenleute in die Kirche gehen +und Heidenleute in ihren Tempeln opfern, soweit Feuer brennt und Erde +grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, Holz Feuer +nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee schmelzt, +Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht fliegt den sommerlangen Tag und der +Wind steht unter seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt gebaut ist, +Winde brausen, Wasser zur See strömt und Männer Korn säen. Ihm sollen +versagt sein Kirchen und Gotteshäuser, guter Leute Gemeinschaft und +jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen.[774] Die Verfehmung geschieht +durch das sinnliche Ausmalen alles dessen, was dem Missethäter +entzogen wird. + +An vielen Stellen der altgermanischen Gesetze bricht deren einstige +teilweise dichterische Gestalt deutlich durch. Längst sind die +zahlreichen stabreimenden Formeln hervorgehoben, die ebenso wie die +epischen Formeln dem erzählenden Gedichte den Rechtssatzungen ein +eigenartiges Gepräge verleihen und mit bewusster poetischer Absicht +geschaffen und wirkungsvoll angewandt sind. Aber auch regelrechte +Stabreimverse begegnen in den nordischen, englischen und friesischen +Rechten. Zumal die letzteren zeigen viele rhythmische Gesätze. Daraus +ist zu schliessen, dass dereinst der Rechtsvortrag, wenigstens +teilweise, in feierlich gehobener, formelhaft gestabter Rede geschah. +Zu den Spuren, die auf einstige poetische Form, auf Stabreimverse, +hinweisen, stehen ebensoviele Nachklänge schwungvoller, bilderreicher +und doch schlichter Dichtersprache. Der Priester-Sänger verkündigte +auch das Recht wie die Göttersagen in kunstreich gefügten Stabreimen. + +Im Veda begegnet eine Sammlung von Rätselfragen und Rätselsprüchen, +deren Entstehung in priesterlichen Kreisen zu suchen ist.[775] Es +war Sitte, dass der leitende Priester beim Opfer den, der dasselbe +darbrachte, mit ritualen und mythologischen Fragen ausforschte. So +wird beim Pferdeopfer der das Opfer spendende König gefragt nach dem +äussersten Ende der Erde, nach dem Nabel der Welt, nach dem Samen des +Hengstes, nach dem höchsten Himmel des Wortes, worauf der Opferer +antwortet, dass der Opferaltar das äusserste Ende der Erde, das +Opfer der Nabel der Welt, der Somasaft der Same des Hengstes, der +Brahmapriester des Wortes höchster Himmel sei. Solche Fragen kamen +gegen den Schluss grosser Opfer häufig vor. Nicht bloss dem Opferer +wurden von einem der Priester Rätsel zur Lösung vorgelegt, sondern auch +die Priester mussten einander Rätsel aufgeben und der Gefragte hatte +sie auf die vorgeschriebene Weise zu beantworten. So fragt ein Priester +den anderen: Wer wandelt wol allein? Wer wol wird wieder geboren? Was +wol ist das Mittel gegen den Schnee? Was wol die grosse Hinstreuung? +Darauf antwortet der Gefragte: Die Sonne wandelt allein, der Mond wird +wieder geboren, das Feuer ist das Mittel gegen Schnee, die Erde die +grosse Hinstreuung. Nun wird wieder gefragt: Welches Licht ist wol der +Sonne gleich? Welcher Strom ist wol dem Meere gleich? Wer begiesst die +Erde am meisten? Von wessen Mutter wird man nicht gekannt? Die Antwort +lautet: Das Wahre ist das der Sonne gleiche Licht, der Himmel der dem +Meere gleiche Strom, Indra begiesst die Erde am meisten, von der Mutter +der Kuh wird man nicht gekannt. Die Dinge, um welche die Rätsel fragen, +sind bald der Natur, bald dem Geistesleben entnommen. Himmel und Erde, +Sonne und Mond, das Luftreich, der Regen und seine Entstehung, der +Sonnenlauf, das Jahr, die Jahreszeiten, Monate, Tage und Nächte sind +beliebte Gegenstände bildlicher Einkleidung, ihre Enträtselung und +die Form, in der das geschah, galten als die höchste Weisheit. Die +Rätsellieder sind nun bei den Germanen sehr reich entfaltet und weisen +in Einzelheiten wie im Zusammenhang auf hohes Alter. Namentlich die +altnordische Dichtung enthält auffallend viele Rätsellieder, bei denen +zweierlei zu beachten ist, dass Odin die Rätselfragen stellt, also +auch hierin unerreichter Meister aller Weisheit ist, dass die Rätsel +sich mit Vorliebe auf mythologische Dinge beziehen. Im Wafthrudnirlied +legt Odin dem weisen Riesen alle möglichen Fragen vor, deren +Beantwortung genaue Kenntniss der nordischen Mythologie bis in alle +Einzelheiten voraussetzt. Als Gest zeigt er sich dem König Heidrek in +der Rätselkunde überlegen, auch hier aber treten Rätsel mythologischen +Inhaltes zwischen den allgemeinen mehrmals hervor; die letzte Frage +lautet wie im Wafthrudnirliede: Was raunte Odin dem toten Baldr ins +Ohr? Im Alwisliede erfragt Thor vom Zwerg die Sprache der verschiedenen +Welten. Bekannt ist die Eigenart der nordischen Skaldenkunst, die in +ihren vielverschlungenen, der Göttersage entnommenen Umschreibungen +und Bildern eigentlich fortwährend mythologische Rätsel aufgibt. +Den Anstoss hierzu erhielt sie wol kaum aus sich selber, eher aus +der mythologischen, ursprünglich priesterlichen Rätseldichtung. Der +Grundgedanke, dem letztere entspringt, ist bei den Skalden nur auf +die Spitze getrieben. Man darf nun freilich nicht schliessen, dass +diese Lieder, so wie wir sie kennen, bei Opfern gebraucht worden +wären, sondern nur, dass diese eigentümliche Kunstgattung des +mythologischen Rätselliedes möglicher Weise aus dem Gottesdienst +entsprungen sein kann. Da mag das Rätsellied einmal wie bei den +Indern dazu gedient haben, unter Opferleitern und Opfergenossen die +Kenntnis der vorzunehmenden Handlung, der damit verknüpften Bräuche und +Mythen, festzustellen. Der fragende Gott ist als Vorbild des fragenden +Priesters gedacht. + +War der Priester beim Vortrag der Mythen und Rechtssatzungen +mehr Epiker, so bethätigt er sich anderwärts mehr lyrisch, als ++Spruchdichter+. In höchstes Altertum reichen die meistens zu +Heilzwecken geübten Besegnungen, die Zaubersprüche zurück. Sie +ruhen auf allgemein menschlicher Grundlage, nehmen jedoch bestimmte +zeitliche und örtliche Färbung an. Erwachsen auf dem Boden der niederen +Mythologie, suchen sie stets gerne Anschluss an die herrschende +höhere Mythologie, an den Götterglauben. Priester und Zauberer waren +die ursprünglichen Schöpfer, Kenner und Wahrer solcher kräftiger +Heilsprüche, deren allgemeine Auffassung etwa dahin geht: Siechtum ist +durch Unholde verursacht. Heilung wird erreicht durch Vertreibung der +Unholde mit Hilfe guter Geister und Götter. Den ererbten Formelschatz +haben die germanischen Priester gestabt und an den Götterglauben +angeschlossen. + +Zaubersprüche gehören bei den Indogermanen zu den ältesten Spuren +dichterischer Bethätigung.[776] Für den Vortrag war Gesang mit +gedämpfter, murmelnder Stimme vorgeschrieben. Daher das griechische +ἐπᾴδειν, lat. _carmen_, frz. _charme_, lat. _magicum susurramen_, +Zaubergemurmel. Die germanischen Sprachen kennen mehrere Bezeichnungen, +welche auf den Vortrag solcher Poesien schliessen lassen.[777] Zu +_bigalan_, besingen, ἐπᾴδειν gehört _galdra-_ (an. _galdr_, ags. +_gealdor_, ahd. as. _galdar_) oder _galstra-_ (ahd. _galstar_). Neben +dem alten starken Verbum bigalan steht das schwache _begalôn incantare_ +(_enchanter_). Der Sinn von _galdra-_ ist Zaubersang. Im Nordischen +begegnet auch _ljóđ_, Lied, im engeren Sinne von Zauberlied. Die +Formel, die den Zauber wirken sollte, wurde demnach gesungen. Neben +_galdra-_ und teilweise damit begrifflich zusammenfallend trifft man +_rûnô_. Das Wort „Rune“, das durch alle germanischen Sprachen hindurch +geht, ist mit griech. ἐρέϝω, ἐρευνάω verwandt. Aus derselben Wurzel, +nur mit anderem Ablaut, stammt an. _reyna_, prüfen, erforschen, _raun_, +Versuch. Vielleicht bedeutete _rûnô_ ursprünglich Befragung, bald +aber verstand man unter Runen die heimlichen Mittel, durch welche +gefragt wurde. Sehr früh ist _rûnô_ Zauberlied. In dieser Bedeutung +entlehnten die Finnen zu Anfang unserer Zeitrechnung das Wort. Die Rune +wurde _geraunt_, leise geflüstert. _Galdra-_ ist Zaubersang, _rûnô_ +Zaubergemurmel. Vielleicht waren beide Arten des Vortrags vereinigt +in dem mit gedämpfter Stimme gesungenen, gemurmelten Liede. Rune ist +ausserdem das Zauberzeichen, das im Verein mit dem Sange den Zauber +erst wirksam machte. Endlich wird mit Rune auch der Buchstabe, das +Schriftzeichen benannt, nachdem die Germanen die römischen Buchstaben +sehr frühzeitig zu einer eigenartigen Schriftgattung umgebildet hatten. +Der allgemeine Begriff „Geheimniss“ ist wol aus _raunen_, heimlich +flüstern, und dem Zauberwesen, das an den Runen haftete, geleitet. +Beschwören (ahd. _biswerian_) weist auf denselben Gedankenkreis. Es +steht zu Surren, Schwirren, Schwarm (slav. _svirja_, flüstre) und +besagt also auch das Summen der Zauberformel, die wir als gesummtes +Lied oder geraunten Spruch zu denken haben. + +Aus der ahd. Zeit sind zwei Zaubersegen, die sog. Merseburger Sprüche, +erhalten, deren Aufbau von grösster Wichtigkeit ist. Dem eigentlichen +Spruche voran geht eine kleine Erzählung, welche zeigen soll, wann der +Spruch erfolgreiche Anwendung fand. So lautet der zweite Spruch: + + Phol und Wuodan fuhren zu Holz, + Da ward Balders Fohlen sein Fuss verrenkt. + Da besang (_biguol_) es Sinhtgunt, Sunna ihre Schwester, + Da besang es Friia, Volla ihre Schwester, + Da besang es Wuodan, wie er wol konnte: + Sei es Beinverrenkung, + Sei es Blutverrenkung, + Sei es Gliederverrenkung. + Bein zu Bein, Blut zu Blut, + Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien! + +Es wird also eine Sage aus der Götterwelt erzählt. Auf einer Jagdfabrt +nahm Balders Ross Schaden. Niemand konnte es heilen, nur Wodan mit +Hilfe des Segens. Diese Erzählung ist als Beispiel vorangestellt, wie +damals soll der Segen auch jetzt und immerdar helfen. Auf diese Art +wurden öfters Sprüche mit epischen Eingängen versehen; so nimmt der +erste Merseburger Spruch und ein ags. Segen gegen Hexenstich Bezug +auf das Walten der Kampfgöttinnen. Von wem solche epische Eingänge +verfasst sind, ist unschwer einzusehen. Den Priestern kommt die Wahrung +kräftiger Zauberlieder zu; durch epische Einleitungen aber stellten sie +einen tieferen, innerlichen Zusammenhang mit dem Götterglauben her. +Diese Gattung des epischen Zauberspruches, wo nicht bloss die Formel +geraunt, sondern eine kleine Geschichte zuvor feierlich erzählt wurde, +hiess bei den Germanen _spell_.[778] + +Odin ist Meister aller Runenweisheit und Galdr, Gott der Skalden, sein +Geist durchweht und belebt die Dichtung; Fosite ist Rechtweiser. Damit +ist die Kunst gebundener Rede und feierlichen Vortrages jeden Inhalts, +die Kunst des Zauberliedes von den Göttern eingesetzt. Zunächst +an göttliche Weisheit aber reicht der Priester. Die Stellung des +altgermanischen Priesters darf nicht gering angeschlagen werden. Alle +Bedingungen zur erhabenen Ausnahmestellung des vertrauten Mitwissers +der Götter waren vorhanden und hätten ebenso entfaltet werden können, +wie wir es beim indischen Priestertum der Brahmanen, beim keltischen +der Druiden erfüllt sehen. Eine germanische Priesterherrschaft aber +gedieh trotzdem nicht, weil der gesunde, kräftige Volksgeist dagegen +war. Die Könige und Herzöge, die weltlichen Leiter der Volksgeschicke, +wachten darüber, dass der Priester niemals die Schranken seines +Amtes überschritt. Der Priester vertrat wol die Gottheit beim Ding +und sorgte, dass ihr Dienst richtig vollzogen, dass jeder Frevel +gesühnt wurde. Er verkörperte aber nur das religiöse und rechtliche +Bewusstsein, konnte mahnend dem Bruche göttlicher Satzung entgegen +treten, aber nur als Berater, nicht als Lenker und Richter. Die +Führerschaft stand ihm nicht zu. Der weltliche Sänger und später +der weltliche Gesetzsprecher teilten sich gar bald in die einst dem +Priester allein gehörigen Ämter. Der Hausvater aber bedurfte des +Priesters nicht, er mochte höchstens seinen Rat angehen. Brahmanen +und Druiden brachten es fertig, dass nichts ohne geistliche +Mitwirkung geschah. Die Germanen beschränkten den Priester auf die +gottesdienstlichen öffentlichen Verrichtungen und nahmen, wo es ihnen +gut dünkte, seinen weisen Rat in Anspruch. + + +7. Die Priester als Erforscher der Zukunft. + +Tacitus schildert in einer vielbesprochenen Stelle das Loosen[779], +dessen Verfahren er einfach nennt. Der Zweig eines fruchttragenden +Baumes wird in Stäbchen zerlegt, die Stäbchen werden mit gewissen +Zeichen versehen und blindlings und zufällig über ein weisses Tuch hin +verstreut. Alsdann hebt bei öffentlicher Beratung der Staatspriester, +bei Privatangelegenheiten der Hausvater, nachdem er zuvor die Götter +angerufen hat, gen Himmel schauend dreimal je ein Stäbchen auf und +deutet die zuvor auf die Stäbchen eingeschnittenen Zeichen. Lauten sie +verneinend, so unterlässt man für diesen Tag eine weitere Befragung; +stimmen sie zu, so wird noch weiterhin die Beglaubigung durch +Vorzeichen in Anspruch genommen. + +Man darf jedenfalls dem Berichte des Tacitus auch ein Opfer beifügen, +ohne welches im Heidentum feierliches Gebet kaum möglich scheint. +Somit ergeben sich folgende Hauptpunkte des Verfahrens: Zurichtung der +Loose, bestehend in Holzstäbchen mit eingeritzten Zeichen, Opfer und +Gebet an die Götter, deren Willen erkundet werden soll, Looswurf und +Aufnahme dreier Loose, Auslegung der aufgehobenen Loose nach den darin +eingeritzten Zeichen, daraufhin Beschluss, ob die Befragung fortgesetzt +oder aufgegeben werden soll. Schwer ist über zwei Dinge Klarheit zu +gewinnen, ob die Befragung der Loose auf ein blosses _ja_ oder _nein_ +oder auf einen förmlichen Orakelspruch ausgeht; ferner welcher Art die +eingeritzten Zeichen waren. Aus dem ganzen Zusammenhang möchte eher +auf einfache Befragung um ja oder nein geschlossen werden, zumal da +überdies noch Vorzeichen in Betracht kommen. Aber die eingeritzten +Zeichen, von deren Auslegung die Rede ist, weisen wieder eher auf einen +förmlichen Orakelspruch, den der Priester wol in feierlichem Stabreim +verkündigte. Welcher Art die Zeichen waren, ist auch nicht zu sagen. +Man denkt an die Runen, worunter aber mystische, magische Zeichen, +nicht die späteren Schriftrunen verstanden werden müssen. Wol kommen +diese im Norden auch zu zauberhaftem Gebrauche vor. Man raunte eine +Zauberformel und ritzte die Anfangsrune des wichtigsten Begriffes. +So schneidet Skirnir (Skirn. 37) der Gerd einen _Thurs_ (die Rune ᚦ) +und drei andere Runen, die den Zauber ungestillter Liebessehnsucht +bewirken. Um Sieg zu gewinnen, wurde die Rune Tyrs ᛏ aufs Schwert +geritzt, um gegen Frauentrug sich zu feien, die Rune _Nauþ_ ᚾ aufs +Horn, den Rücken der Hand und den Fingernagel gemalt (Sigrdr. 6/7). Die +Verwendung der Schreiberunen zu Zauberzwecken in der Art, dass die Rune +den Hauptbegriff der Zauberformel festbannte, steht also ausser Frage. +Umgekehrt mochte auch eine Weissagung aus zufällig aufgelesenen Runen +entnommen werden, sofern eine bestimmte Beziehung zwischen einer Anzahl +von Formeln und Zeichen bestand. Wenn z. B. Tyr oder Nauþ; (d. h. Not) +herauskam, wurde Sieg oder Not geweissagt. Aber zur Zeit des Tacitus +und Caesar waren die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung +von den Römern entlehnten germanischen Schreiberunen wol noch gar nicht +vorhanden. Doch das Wort Rune ist freilich älter als seine Anwendung +auf die Schrift, und so mögen schon die Zeichen auf den Holzstäbchen +Runen gewesen sein. Ihre Form und ihr Gehalt bleibt uns rätselhaft, +aber grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass es ähnlich zuging wie +bei den späteren Schreiberunen, wenn sie, vielleicht eben an Stelle +älterer magischer Runen, zum Zauber benützt werden. Man muss eine +bestimmte Anzahl von Zeichen denken, die dem Loosenden ihrer Bedeutung +nach völlig vertraut waren. Die aufgelesenen Zeichen liessen sich zu +einer Weissagung vereinigen. Wenn das Gebet in feierlichen Stäben +und Formeln ging, so war auch der Weissagespruch aus altehrwürdigen +Formeln gereimt, welche eben durch die Loose gesucht wurden. Wenn nicht +Tacitus verschiedene Dinge zusammenwarf, so waren diese Zeichen nicht +geheim, denn jeder Familienvater mochte für seinen Hausstand das Loos +werfen. Man sollte allerdings eher meinen, dass das Verfahren mit den +Looszeichen, die einen Spruch ergaben, schwieriger und nur wenigen im +Volke, vor allen den Priestern vertraut war; denn es ist nicht einfach, +sondern setzt tieferes Wissen voraus, Kenntniss der Zeichen und ihrer +Bedeutung und Fähigkeit, daraus einen gestabten oder doch formelhaften +Spruch zu finden. Die gewöhnliche Loosung auf ja oder nein aber ist +höchst einfach, sie bedarf nur eines oder zweier Zeichen und kann jeder +Zeit und von jedem ohne besondere Weisheit geübt werden. Im gegebenen +Falle hätte etwa ein dreimaliges _ja_ Ausführung des Vorhabens +veranlasst, ein dreimaliges _nein_ oder unentschiedene Auskunft dagegen +Einstellung. + +Dass aber unter Priestern und weissagenden Frauen schon früh die +divinatorische Loosung, das Fragen nach förmlichem Spruche, vorkam, +lehrt Caesar, bell. gall. I Kap. 50. Bei den Germanen herrschte die +Sitte, dass die Frauen durch Looswurf und Orakelspruch (_sortibus et +vaticinationibus_) entschieden, ob ein Treffen zu liefern sei oder +nicht. Der aus den Loosen gewonnene Spruch lautete dahin, dass die +Germanen Unsieg hätten, wenn sie vor Neumond kämpften (_non esse fas +Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent_). Dieser +Spruch kann nicht aus blossem ja oder nein abgeleitet sein. + +Aus nordischer Überlieferung ergeben sich mehrere Beispiele +divinatorischer Loosung, leider ohne genauere Beschreibung des +Verfahrens, das meistens als allgemein bekannt, keineswegs als +Geheimkunst vorausgesetzt zu sein scheint. Das Hymirlied hebt damit +an, dass die Götter, die ein Gelage zurüsten wollten, die Zweige +schüttelten und das Opferblut beschauten (_hristo teina ok á hlaut +sǫo_), da fanden sie, bei Ägir sei Überfluss. Bei ihm wird denn +auch schliesslich nach Einholung des Kessels Hymirs das Festgelage +abgehalten. Für Kultgebräuche erfahren wir aus der Stelle, dass, um +einen Orakelspruch zu erhalten, ein Opfer angerichtet wurde. Die +Weissagung oder die Antwort der angerufenen Gottheit erfolgte aus +dem Blute des geschlachteten Tieres und aus den (mit eingeritzten +Zeichen versehenen) durch einander geschüttelten Looszweigen. Nach +der Gautrekssaga Kap. 7 segelte König Wikar nordwärts von Agdir nach +Hordaland in Norwegen und bekam heftigen Gegenwind. Da fällten sie den +Span um günstigen Wind, und es fiel so, dass Odin einen Mann verlangte, +der ihm zum Opfer aus der Mannschaft durch das Loos bestimmt und +gehängt werden sollte (_þeir feldu spán til byrjar ok fell svá at Óđinn +vildi þiggja man at hlutfalli at hanga or herinum_). Darauf wurde die +Ausloosung vorgenommen, und es kam König Wikars Loos heraus (_ok kom +upp hlutr Víkars konungs_). Gewöhnlich heisst es: _fella blótspán_, +den Opferspan fällen.[780] Gemeint ist wol dasselbe wie mit den +Zweigen, nämlich bezeichnete Holzstückchen. Mit dem Looswurf war Opfer +verbunden, daher der Name _blótspánn_. Man opferte, warf die Loose, +las den Spruch daraus und that darnach. In der Gautrekssaga schliesst +sich einfache Ausloosung der divinatorischen Befragung unmittelbar +an. Diese hatte den allgemeinen Bescheid erbracht, Odin verlange ein +Menschenopfer, jene wählte das Opfer aus der Schar der Genossen aus. +Die Mitwirkung eines Priesters ist weder hier noch dort erwähnt. In +der Hervararsaga Kap. 11 (Fornaldar sögur 1, 451) wird erzählt: Zu der +Zeit war in Reidgotaland grosser Misswachs, so dass es zur Verödung des +Landes zu kommen schien; da wurden Loose von weisen Männern gemacht und +der Opferspan dabei gefällt (_váru þá gǫrđir hlutir af vísendamǫnnum +ok feldr blótspánn til_) und so erging das Orakel (_en svá gekk +fréttin_), dass nicht eher wieder ein gutes Jahr kommen würde, als bis +der vornehmste Knabe im Lande geopfert werde. Hier ist beachtenswert, +dass weise Männer die Loose herstellen; also wird zur divinatorischen +Loosung doch ein höheres Wissen vorausgesetzt. Die Vita Anskarii Kap. +18 berichtet von einem Schweden, der an der Vertreibung des Bekehrers +Gauzbert teilgenommen hatte, dass er hinterher den Zorn der Götter zu +fürchten angefangen habe. Da suchte er einen Weissager auf (_qua de re, +sicut moris est ibi, quendam adivit divinum_), damit dieser durchs Loos +erkunde, welchen Gott er beleidigt habe und wie er ihn versöhnen könne. +Jener verrichtete die üblichen Gebräuche (_quae circa cultum hujusmodi +observare solebat_) und erklärte, keiner der Heidengötter, wol aber der +Christengott zürne ihm. Im Kap. 19 erfragen die Dänen durch Loosung, +wohin sie sich wenden sollten, um Beute zu machen. Da fiel das Loos auf +eine entfernte Stadt im Lande der Slaven. Beispiele für einfache Frage +um ja oder nein bietet die Vita im Kap. 19, 27, 30. Aus Layamons Brut +zieht Müllenhoff, zur Runenlehre S. 40 f. noch eine Stelle an, wo der +Herzog Ascanius nach denen, die des teuflischen Sanges mächtig sind, +über Land sendet, um zu erfahren, was sein Weib im Schooss trüge. Da +warfen sie die Loose und fanden an der Kraft des unheilvollen Liedes, +dass die Frau mit einem Sohne ginge. Hier wird der Beschwörungslieder +gedacht, die zur Weissagung nötig waren. Denn das höhere Wesen, das +um die Zukunft befragt wurde, musste mit Gebet oder Beschwörung dazu +gebracht werden, das Gewünschte zu offenbaren. + +Es war Sitte, die Götter mit Loosung zu befragen, ob ihnen ein Opfer +genehm sei oder nicht. Bestand von vornherein die Absicht, ein Opfer +darzubringen, so genügte die einfache Frage auf ja oder nein. Manchmal +aber, wie in der Sage von Wikar und vielleicht auch, als die Schweden +ihre Könige Domaldi und Olaf opferten, wurde in schweren Zeiten das +Loos auf allgemeine Befragung des göttlichen Willens geworfen. Erst der +Ausspruch zeigte, dass die Götter ein blutiges Menschenopfer heischten. +War keine bestimmte Persönlichkeit genannt, so mochte gewöhnliches +Ausloosen einen oder mehrere aus einer grösseren Menge ausscheiden. +Auch ins Strafrecht reicht die Sitte der Loosung herein und erhielt +sich unter den Friesen[781] bis ins Christentum. Der Grund ist leicht +zu erkennen. Hatte ein Neidingswerk den Grimm der Götter erregt, und +war der Missethäter unbekannt, so boten sich die Volksgenossen zum +Loose, zum Gottesurteil, damit die Gottheit selber zur Sühne den +Schuldigen herausgreife. Nach Caesar bell. gall. 1, 53 erzählt der aus +der Gefangenschaft der Sueven gerettete Valerius Procillus, es sei +dreimal über ihn das Loos geworfen worden, ob er alsbald verbrannt oder +auf später aufbewahrt werden solle; das Loos fiel für ihn günstig (_se +praesente, de se ter sortibus consultum, utrum igni statim necaretur an +in aliud tempus reservaretur. sortium beneficio se esse incolumem_). +In Alchuines Vita des hl. Willibrord Kap. 10 wird vom König Redbad +berichtet, er habe über den gefangenen Willibrord und seine Genossen +je dreimal an drei Tagen hinter einander das Loos geworfen (_per tres +dies semper tribus vicibus sortes suo more mittebat_); mit Gottes Hilfe +fielen die Loose den Gefangenen günstig, nur einen einzigen traf das +Todesloos (_damnatorum sors_), der das Martyrium erleiden musste. + +Die Vita Willehadi Kap. 3 berichtet, dass Willehad ums Jahr 778 östlich +der Laubach durch Ermahnungen an die Landesbewohner, den Aberglauben +aufzugeben, ihren Zorn erregte. Wegen seiner Lästerungen gegen die +Götter hätten sie ihn für des Todes würdig erklärt. Einige aber hätten +dazu geraten, ihn nicht ohne weiteres zu töten, sondern erst das Loos +zu befragen, damit die Götter zeigten, ob er den Tod verdient habe, +sonst ihn freizulassen, worauf denn nach der Sitte der Heiden das Loos +geworfen worden sei, ob er leben oder sterben solle (_secundum morem +gentilium missa est sors super eo, vivere an mori debuisset_). Nach +Gottes Fügung habe über Willehad das Loos des Todes (_sors mortis_) +nicht fallen können. Der hl. Wulfram rettete zweimal friesische Knaben +vom Opfertod, zu dem sie durchs Loos bestimmt waren (Vita Wulframmi +Kap. 6 und 8, ASS. 3, 1, 359 und 361). + +Das friesische Recht bestimmt: Wird bei einem Auflauf einer getötet, +so können in Ermanglung anderer Beweismittel gegen den Schuldigen bis +zu sieben durch den Kläger wegen der Tötung angeklagt werden, und +jeder von den sieben kann sich mit zwölf Eideshelfern frei schwören. +Ist das geschehen, so werden die sieben zur Kirche geführt und Loose +am Altar über sie geworfen. Zwei Stäbchen werden geschnitten, das eine +mit einem Kreuze bezeichnet, das andere bleibt unbezeichnet; beide +werden mit reiner Wolle umhüllt auf den Altar gelegt. Darauf ergreift +ein Priester, wenn er da ist, sonst ein unschuldiger Knabe eins von den +Loosen; ist es das mit dem Kreuze bezeichnete, so gelten die sieben, +für welche die Eide geschworen sind, für unschuldig; wo nicht, so +folgt ein weiteres Verfahren: jeder von den sieben hat sein eigenes +Stäbchen mit seiner Marke zu zeichnen, so dass er und die andern +erkennen können, dass es das seinige ist.[782] Die sieben Stäbchen +werden wieder mit reiner Wolle umhüllt, wieder auf den Altar oder auf +die Reliquien gelegt, und es nimmt der Priester oder Knabe vom Altar +hinter einander die einzelnen Stäbchen und fragt, wem das Stäbchen +gehöre. Wer als letzter sein Stäbchen erhält, gilt für den Schuldigen, +die andern sechs als unschuldig. Das Verfahren ist durchaus heidnisch, +die Anpassung an christliche Verhältnisse rein äusserlich, sie +beschränkt sich darauf, christliche Heiltümer an Stelle der heidnischen +zu setzen. + +Mit den angeführten Stellen ist die Sitte, durch Looswurf die Gottheit +um Auskunft anzurufen, hinreichend bezeugt. Es wurde eine Frage +vorgelegt, die Antwort ergab sich aus der Art der Fragestellung +als einfaches ja oder nein, aber auch als förmlicher Spruch. Die +Befragung geschah mit Loosen, mit Holzstäbchen, die mit auszulegenden +Zeichen, im Norden auch mit den gewöhnlichen Schreiberunen versehen +waren. Opfer leitete die Handlung ein, unter Absingen von Gebeten +oder Beschwörungen wurden die vermutlich auch schon unter besondern +Förmlichkeiten zugerichteten Loose ausgeworfen und aufgelesen, hierauf +je nach der Frage mit kürzerem oder längerem Spruche gedeutet. +Möglicherweise stammt die dreifache Bezeichnung des Begriffes „lesen“ +in den germanischen Sprachen -- ahd. as. afries. _lesan_, an. _lesa_; +ags. _rǽdan_, engl. _read_, eigentlich „raten“; got. _siggwan_ +-- aus der alten Gewohnheit des divinatorischen Loosens.[783] Die +deutsch-nordische Bezeichnung hält sich ans Auslesen und Aufnehmen +der beritzten Stäbchen, die englische ans Raten und Deuten, die +gotische endlich an den feierlichen Vortrag des Spruches, der in +Liedesweise gesungen ward. In wichtigen Angelegenheiten oblag +dem Priester diese Loosung, welche Vertrautheit mit der Dichtung +verlangt. Es war Kenntniss der Lieder vonnöten, wodurch Götter und +Geister zur Offenbarung ihres Willens oder zukünftiger Ereignisse +herangezwungen wurden, ferner unter Umständen auch die Fähigkeit, aus +den eingeritzten Zeichen der Stäbchen die darin angedeuteten Formeln +abzulesen und zu Verkündigungen zusammenzusetzen. Looswurf, mit Opfer, +Zauberlied und Zeichendeuterei verknüpft, entstammt dem Heidentum +und war priesterliches Amt. Darum ist solches Loosen auch späterhin +als heidnischer Greuel verfehmt und verachtet. Das unschuldige Loos, +das nur zur Ausscheidung eines einzelnen oder mehrerer aus einer +Menge diente, konnte ruhig weiter bestehen und fand auch bis auf die +Gegenwart bei Aufteilung von Gemeindeland und ähnlichen Dingen immer +Verwendung. + +Eine seltsame Loosung begegnet in der Jómsvíkingasaga Kap. 42.[784] +Der Jarl Hakon besass eine Wage mit zwei silbernen, ganz vergoldeten +Schalen, dazu zwei Loose, ein silbernes und ein goldenes, beide mit +Götterbildern versehen. Darin lag eine wundersame Kraft, weshalb der +Jarl in allen wichtigen Angelegenheiten sich dieser Loose bediente. +Er legte sie in die Wagschalen und bestimmte, was jedes von ihnen für +ihn bedeuten sollte. Wenn die Loosung gut ausfiel und das, was er sich +wünschte, herauskam, da wurde das Loos, das seinen Willen bedeutete, +unruhig in der Schale und gab einen Klang von sich. Die Sache ist wol +so zu denken, dass die gleich schweren Loose, deren eines, was man +wünschte, das andere, was man nicht wünschte, bezeichnete, in die +Schalen gelegt wurden. Dasjenige Loos, das zuerst in Bewegung kam und +stieg, dachte man, werde in Erfüllung gehen. + + * * * * * + +Um die Zukunft zu erforschen, wurde auch eifrig auf Vorzeichen +geachtet und zwar nicht bloss auf solche, die sich zufällig von selber +einstellten, sondern namentlich auf solche, die mit Opfer und Gebet +oder Beschwörung von den Göttern oder Geistern verlangt worden waren. +Auf Vorzeichen, die einem zufällig begegnen, achtet ja noch der heutige +Aberglaube. Ein schönes Beispiel fürs Heidentum gewährt das Reginslied +20 ff., wo Odin die dem Helden günstigen Zeichen aufzählt: + + 20. Viele Vorzeichen sind, wenn das Volk sie wüsste, + Günstig beim Schwingen des Schwerts! + Heilbringender Angang für Helden ist es, + Wenn ein schwarzer Rab’ sie umschwebt. + + 21. Ein andrer ist’s, wenn zum Ausgang fertig + Zur Thüre hinaus du trittst + Und auf der Strasse stehend findest + Ruhmgieriger Recken zwei. + + 22. Günstig auch ist’s, wenn den grauen Wolf + Unter Eschen du heulen hörst, + Und Glück verspricht’s, erspähst du den Gegner + Eher als er dich sieht. + + 24. Fürchte Gefahr, wenn dein Fuss gestrauchelt + Auf dem Weg, den du wanderst zum Streit; + Böse Disen stehn dir zu beiden Seiten + Und wünschen dir Wunden an. + +Keine Art von Aberglauben hat durchs ganze Mittelalter tiefere Wurzel +geschlagen als die Vorbedeutungen, die man unter den Benennungen +_aneganc, widerganc, widerlouf_ verstand.[785] Tier, Mensch, Sache, +auf die man frühmorgens, wenn der Tag noch frisch ist, beim ersten +Ausgang oder Unternehmen einer Reise unerwartet stiess, bezeichneten +Heil oder Unheil und mahnten, das Begonnene fortzusetzen oder wieder +aufzugeben. Aber hier ist nicht der zufälligen Vorzeichen zu gedenken, +sondern derer, die mit Kultbräuchen unter Einwirkung von Priestern und +Weissagern von den höheren Mächten erbeten wurden. + +Tacitus spricht im Kap. 10 auch von den Vorzeichen und nennt allgemein +Befragung der Vogelstimmen[786] und des Vogelfluges. Leute, die der +Vogelsprache kundig sind, erfahren die Zukunft. Das Zeichen, das die +Vögel mit Flug und Stimme geben, gilt allen Völkern und so auch den +Germanen für gut oder böse, verheisst Glück und Unglück, ermuntert +und warnt bei allem Vorhaben. Wie befiederte Worte rauschen sie durch +die Luft, der Kundige versteht es, sie zu deuten. Wohin und woher sie +fliegen, legt er ebenso als Zeichen aus wie ihre Gestalt und Stimme. +Prokop bell. got. 4, 20 erzählt, wie Hermigisel, König der Warner, +über Feld reitend, auf einem Baum einen Vogel erblickte und krähen +hörte. Auf Vogelgesang sich verstehend, sagte der König seinem Gefolge, +es werde ihm sein Tod nach vierzig Tagen geweissagt. In der Rigsþula +45 wird von Konr dem Jungen, dem Sohne des Jarl gerühmt, er verstand +die Stimmen der Vögel zu deuten. Im Lied von Helgi dem Hjorwardssohne +1-4 spricht Atli mit einem weisen Vogel, der im Haine Glasir haust. Dem +Sigmund und der Borghild verheisst ein Rabe die künftige Heldengrösse +ihres Sohnes Helgi (Helgakv. Hund. 1, 5/6). Sigurd, dem der Genuss +von Fafnirs Herz dazu verhalf, hörte in den Reden der Spechtmeisen +(_igđur_) sein künftiges Schicksal (Reginsm. 32 ff.). Nach Sigurds +Ermordung ruft ein Rabe zum Adler im Baumesgipfel, dass Atli es rächen +werde. Gunnar versteht das Gerede der Vögel (Brot af Sigurþarkviþu +5 u. 13). Also namentlich Königen und Edelingen eignet die Gabe, +Vogelstimmen auszulegen. Sicherlich verstanden sich ebenso die +opfernden Priester darauf. Jarl Hakon opferte vor einem Kriegszug dem +Odin. Als zwei laut krächzende Raben während des Opfers geflogen kamen, +sah er darin ein gutes, glückverheissendes Zeichen (Heimskringla, +Olafssaga Tryggvasonar Kap. 28). + +Tacitus[787] berichtet ferner von weissen, zu keinem Menschendienste +benützten Rossen, die in Hainen und Wäldern auf öffentliche Kosten +gehegt wurden. Diese werden an den heiligen Wagen gespannt, worauf +der Priester und König oder Fürst des Staates sie begleitet und auf +ihr Schnauben und Wiehern achtet. Kein Vorzeichen geniesst grössere +Glaubwürdigkeit nicht allein beim Volk, sondern auch bei den Edelingen, +bei den Priestern. Sich selber halten sie für die Diener, jene Rosse +aber für die vertrauten Mitwisser der Götter. In Norwegen bei Drontheim +weideten Freys Rosse im Umkreis seines Tempels, vermutlich zum selben +Zweck. Der _indiculus superstitionum_ XIII handelte _de auguriis vel +avium vel equorum_ und auch der heutige Aberglaube (J. Grimm, Nr. 239) +hält Pferdegewieher für ein Glückszeichen. + +Opferschau vollzieht der weissagende Priester (_sacerdos sortilegus_) +bei den Menschenopfern, welche die Normannen nach Dudos Erzählung +vor der Ausfahrt zu vollbringen pflegten. Dem Opfer wurde der Schädel +zerschmettert und das Gehirn blossgelegt; dann wurde aus den Herzfasern +des zu Boden Gestreckten geweissagt. Die Wahrsagerinnen der Kimbern +fällen ihren Spruch aus dem Blute, das aus der durchschnittenen Kehle +des Opfers in den Kessel strömte (Strabo 7, 2). Die nordische Sprache +gebraucht das Wort „_hlaut_“ für Opferblut. Im Hymirlied 1 gewinnen +die Götter eine Weissagung, indem sie Looszweige warfen und das Blut +beschauten (_hristo teina ok á hlaut sǫo_). _Hlautbolli_ ist die +Schale, die das Blut der geopferten Tiere aufnimmt, _hlautteinn_ oder +_hlautviđr_ der ins Blut getauchte Zweig. Die Etymologie von _hlaut_ +(zu got. _hlauts_, d. h. Loosen und Wahrsagen)[788] lehrt die Thatsache +der Opferschau, der Weissagung aus dem Opferblut. Denn das Opferblut +heisst ja sicher nur darum „Loosung“, weil es zur Loosung diente. + + +8. Zauberlieder. + +Der Zauber, der in Lied (_galdr_, _rúnar_) und Zeichen (_rúnar_) +beschlossen liegt, galt im Norden für eine höchst wertvolle, nicht im +geringsten unehrliche Kunst, und so hielten es, wie die mit _rûna_ +gebildeten zahlreichen Frauennamen lehren, auch die übrigen Germanen. +Ist doch Odin selber Urheber und Erfinder des Runenzaubers (_galdrs +fadir_) und weiss die aus dem Schlummer erweckte Brynhild dem Sigurd +nicht besser zu lohnen als mit Unterweisung in der Runenkunde. Bei +der Anwendung von Runen war Lied und Zeichen vereinigt, beim Galdr +wird meistens allein das Lied erwähnt. Beim nordischen Runenzauber +wird das Lied gesungen, und darauf werden die entsprechenden Zeichen, +meist die Anlaute der Hauptbegriffe, eingeritzt. Denn im Norden trat +ja die Schreiberune an Stelle der alten bei Tacitus vorkommenden +magischen Zeichen. Brynhild gedenkt der Siegrunen, die unter Anrufung +Tyrs aufs Schwert zu ritzen sind, der Bierrunen, welche gegen +Zaubertränke unter Segenssprüchen aufs Trinkhorn, auf den Rücken der +Hand, auf den Fingernagel zu ritzen, der Bergerunen, die auf die +innere Handfläche geritzt, bei Absingen von Liedern (Oddrúnargrátr +6) aus Kindesnöten lösten, der Brandungsrunen, die auf Schiffsteven, +Steuer und Ruder eingebrannt gegen Seesturm nützten, der Zweigrunen, +die auf Rinde und Holz eines gen Osten die Äste ausbreitenden Baumes +eingeschnitten zum Arzte machten, der Gerichtsrunen (_málrúnar_), +beim Dinge zu gebrauchen, der Geistesrunen (_hugrúnar_), um feinen +Verstand zu gewinnen. Im Skirnirlied 32-36 spricht Skirnir einen +Fluch und ritzt zugleich die Runen auf den Zweig (_gambanteinn_); +um ihn wieder aufzuheben, schabt er die eingeschnittenen Zeichen ab +(_svá ek þat af ríst, sem ek þat á reist_). Nach der Egilssaga Kap. +60 errichtet der vom König Eirik schwer gekränkte Skald Egil diesem +eine Schimpfstange (_níđstǫng_), indem er eine Haselstange auf einem +Felsen dem Lande zu aufpflanzt, mit einem darauf gesetzten dem Lande +zugewendeten Pferdskopfe. Dazu spricht er die Worte: Hier setze ich +eine Schimpfstange und richte diesen Schimpf gegen den König Eirik und +die Königin Gunnhild; ich richte diesen Schimpf gegen die Landwichte, +welche dieses Land bewohnen, so dass sie alle auf verirrten Wegen gehen +mögen und keiner seine Heimat finde oder erreiche, ehe sie den König +Eirik und die Königin Gunnhild aus dem Lande getrieben haben. Dieselben +Worte schnitt er mit Runen auf die Stange ein. Das Einritzen der Formel +scheint hier wie in andern ähnlichen Fällen, die Maurer, Bekehrung +2, S. 65, Anm. 66, zusammenstellt, allerdings mehr in der Absicht zu +geschehen, den Schimpf zur allgemeinen Kenntniss zu bringen. Doch steht +wol immer noch im letzten Hintergrund dieses Brauches die Anschauung, +dass Runenzauber nur durch Lied und Zeichen zugleich wirksam werde. +Der Skald Egil macht auch sonst von seiner Runenkunde Gebrauch. Wie +ihn einmal (Kap. 44) die zauberkundige Königin Gunnhild mit einem +Trinkhorn vergiften will, ritzt er Runen in das Horn, schneidet sich +in die hohle Hand und rötet die Runen mit dem Blute: da zerspringt das +Horn und der Trank läuft zur Erde. Der Bericht der Saga darf wol noch +dahin ergänzt werden, dass Egil zum Runenritzen die gehörige Formel +raunte. Der Unkundige konnte aber auch mit verkehrten oder verstellten +Zeichen Unheil anrichten. Egil kommt (Kap. 75) zu einer norwegischen +Bauerntochter, die heftig erkrankt ist. Ein Bauernsohn aus der +Nachbarschaft hatte ihr vergebens mit Runen zu helfen versucht, es war +darauf hin nur schlimmer geworden. Egil untersuchte ihr Bett und fand +unter dem Kopfkissen einen Walfischknochen mit eingeschnitzten Runen, +die aber falsch waren. Er schabte sie ab, verbrannte das Abgeschabte +im Feuer und ritzte neue Runen, die er unters Kissen der Kranken legte. +Alsbald erwachte das Mädchen aus ihrer Betäubung und wurde gesund. + +Odin rühmt sich in den Hǫ́vamǫ́l 139/40, 146/163 der Runen und Lieder, +die er weiss und deren Wirkungskreis er aufzählt. Dabei scheinen +_rúnar_ und _ljóþ_ im Sinne von Zauberliedern gleichbedeutend zu sein, +wenn schon in Strophe 142/4 wieder die rúnar als Zeichen gemeint sind. +So denkt sich Snorri (Ynglingasaga Kap. 7) in dem Satze „_međ rúnum ok +ljóđum þeim er galdrar heita_“ die Runen als Zeichen neben den Liedern. +Beim Galdr ist seltener von Zeichen die Rede, gewöhnlich nur vom +Zaubersang. Doch scheint auch hier Zeichen oder Gebärde nötig gewesen +zu sein. + +Frauennamen auf _rûn_[789], die allen germanischen Stämmen gemeinsam +sind, erweisen das Vorhandensein des Runenzaubers. Häufig trifft man +dieselben Appellativa als Namen, und damit ist der Ursprung solcher +Namen angezeigt. _Haljarûna_ ist Höllenzauber, aber auch die dieses +Zaubers kundige und mächtige Frau; der Begriff gewinnt persönliche +Bedeutung und wird so zum Namen. Siegrunen zu ritzen und zu singen +muss der verstehen, der Sieg erringen will; Sigrûn, Hildrûn, Rûnhild, +Guntrûn, Badurûn, Ortrûn sind Frauen, die Sieg-, Kampf-, Schwertrunen +wissen. Fridurûn bringt Friede. Alarûn (Aleraune) ist aller Runen +mächtig. _Ǫlrúnar_ beschützen vor Zaubertrank, Ǫlrún begegnet zugleich +als Name. _Málrúnar_ bedarf man beim Ding, der Name Dômarûna gehört +wol zu _dôm_, Gericht. Albrûn kennt Elbenzauber. Wolfrûn gehört +vielleicht zum Heere, dessen Spuren der leichengierige Wolf und Rabe +folgt. Weniger deutlich sind Namen wie Heidrún (fränk. Chaiderûna), +Goldrûn, Adalrûn, Wolarûn, Baldrûn, Berhtrûn. Weisheit und Vorsicht +überhaupt legen den Frauen die Namen auf _leis_, _rût_, _snot_, _wîs_ +und _war_ bei; aber die übermenschlichen Eigenschaften der Voraussicht +in die Zukunft und der zauberischen Einwirkung auf dieselbe werden +den Trägerinnen der Namen in _rûn_ zugeteilt. Da der Zusammenhang des +Runenzaubers und der Frauennamen im Norden völlig klar am Tage liegt, +da die andern Germanen dieselben Namen besitzen, darf auch ihnen +unbedingt der Runenzauber zugewiesen werden. + +Die 18 Lieder Odins vermögen allgemein in allen Anliegen, Kümmernissen +und Schmerzen zu helfen, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu +machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, schädlichen +Zauber auf den, der ihn entsendet, zurückzulenken, Flamme zu löschen, +Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, +nachtfahrende Hexen zu verwirren, Krieger heil aus der Schlacht zu +führen, Tote aufzuwecken, bei der Taufe ein Kind gegen Waffen zu feien, +Frauenneigung zu gewinnen, Berge und Hügel aufzuschliessen und Schätze +zu heben und noch andere heimliche Dinge mehr. Gróa singt ihrem Sohne +allerlei Galdr, von der Schulter zu schieben, was schlimm ihm dünkt, +in Urds Schutze zu wandern, anschwellende Ströme zu mindern, Feindes +Herz zur Versöhnung zu gewinnen, Fesseln zu sprengen, Meer und Wind zu +gebieten, gegen schneidende Kälte sich zu schützen, vor gespenstischer +Weiber Trug sich zu retten, im Wortstreit weise zu sein. Wie genau +Lieder (_ljóþ_, _galdr_) und Runen zusammengreifen, ergeben die Stellen +in der Rigsþula 44/6 und in den Sigrdrifumál, welche der Runenkunde +(d. h. dem Zeichen und Spruch) dieselben Zauberkräfte zuteilen, welche +in den Hǫ́vamǫ́l und im Groogaldr den Liedern und Galdrar beigemessen +sind. Konr der Junge war kundig der Runen, der lange wirkenden +Lebensrunen; er wusste Krieger zu schützen, Schwerter stumpf zu machen, +Meer zu beschwichtigen. Mit dem Jarl Rig stritt er in der Runenkunde, +er war listig und wusste es besser. Da erwarb er sich das Recht, Rig +zu heissen und Runen zu wissen. Solche Zauberlieder (_rúnar_, _ljóp_, +_galdrar_, ursprünglich wol _spell_ genannt) umgeben also den Menschen +in allen Lebenslagen mit mächtigstem Schutze. Sie wirken dem, der sie +kennt, und denen er wol will, Heil, sie geben ihm Macht, die Zukunft zu +erforschen. + +Eine besondere Art von Zauberei heisst _útiseta_, Draussensitzen.[790] +Sie bestand darin, dass der Kundige die Nacht über unter freiem Himmel +draussen sass und mit unbekannten Zauberhandlungen, am meisten wol +durch Beschwörung Geister und Tote aufweckte (_vekja upp trǫll_), +um von ihnen die Zukunft zu erfahren oder überhaupt von verborgenen +Dingen Wissenschaft zu erhalten. Damit ist der _valgaldr_, das +Totenlied, verwandt. Ein altgermanischer Ausdruck dafür scheint got. +_haljarûna_[791], ahd. _hellirûna_, ags. _helrûna_ gewesen zu sein. Er +bedeutet Höllenzauber, wie später die stärkste und unwiderstehlichste +Beschwörung Höllenzwang genannt wird, weiterhin die des Höllenzaubers +mächtige Frau. Gemeint ist das Zauberlied, das die Höllengeister +aufruft. Saxo erzählt eine Totenbeschwörung, bei welcher eine auf Holz +geritzte Zauberformel, also eine Rune, den Toten zum Reden zwang.[792] +Valgaldr und Haljarûna erweisen wiederum die Gleichheit von Galdr und +Rune. Den Geisterbann wie alles Orakelwesen verdammte das Christentum +als sündhaft, aber dem Heidentum war er keineswegs ehrenrührig, +vielmehr ein erlaubtes Mittel, sich in den Besitz übernatürlicher +Kenntnisse zu setzen. Übt ihn doch Odin selber. Er ritt hinunter +zur Hölle, wo er das Grab der Vǫlva wusste; er sang ihr den starken +Totenzauber, bis sie genötigt aus dem Todesschlafe sich erhub und ihm +Rede stand über Baldrs Schicksal (Baldrs Draumar 4). In den Hǫ́vamǫ́l +157 weiss Odin, wie er den Gehängten vom Galgen herab zur Zwiesprache +zwingt mit geritzten und gefärbten Runen. Es ist also ein Valgaldr, +bei dem Zauberzeichen zur Anwendung kommen, aber zugleich ein Lied; +wird es doch als zwölftes der Hauptlieder des zaubermächtigen Gottes +aufgezählt. Der junge Held Swipdag weckt vor seiner gefährlichen +Werbefahrt die tote Mutter aus dem Grabe, um von ihr heilsame +Zauberlieder zu empfangen. + + Erwache, Groa! Erwache, du Gute, + Ich rufe dir durch des Todes Thor! + +Herwor tritt zum feuerumwaberten Grabhügel, in dem ihr Vater Angantyr +und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. „Erwache, Angantyr, dich +weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe +Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne +alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und +scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es +euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert, +gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein +Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem +Grabe herauf. + +Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die +Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch +im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund +Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt +durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte +und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der +des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck +zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden +einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen +Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn +anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister +der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der +Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich +Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet +sei. + + +9. Wahrsager und Zauberer. + +Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei +und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter +sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas +Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss +des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern +als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu +bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als +eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge +Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer +und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer +grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses niedere +Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang. +Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter. + +Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind, +Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte. +Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern +Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit +und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte +Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie +erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und +darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von +solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager +dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer, +Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst +in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den +heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden +Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller +Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über +in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute +der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager +und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern +gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und +wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen, +die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen. +Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der +niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde +gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester +zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht +gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen +Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem +sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug, +Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze +Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte. +Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch +schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche +Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei, +eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager, +sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt gewissermaassen den +Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des +Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu +bannen und Segen zu erwirken. + +Ahd. _zoubar_ wird mit _incantatio_, _divinatio_, also mit Beschwörung +und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch Amulet, ags. _téafor_ +Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe, womit die magischen Zeichen, +die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der Zauber treibt, ist ein +weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie ja die heutige Sprache +darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen die Zauberei besteht, +einrechnet. Der nds. Ausdruck _wicken_, weissagen, zaubern, wozu ags. +_wicce_, engl. _witch_ gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags. +_wítega_, ahd. _wîȥago_, an. _vitki_ meint den Weissager. An. _spámađr_ +und _spákona_ bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, _forspár_ heisst der +Zukunft kundig, _fjǫlkunnigr_ im allgemeinen vielkundiger Zauberer. +Mit _spákona_ gleichbedeutend, wenn auch etymologisch weit abstehend, +wird _vǫlva_ als Bezeichnung weiser Frauen gebraucht. Ahd. _kalstarari_ +steht zu _kalstar_, _galstar_ und meint den der Zauberlieder Kundigen. +Im Nordischen wird _trollskapr_, _trolldom_ auch von Zauberei gesagt, +natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der +Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im +Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische _böten_ in Bezug +auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst +an. Ahd. _hlioȥari_, mhd. _lieȥære_ gehört zu _hlioȥan_, _lieȥen_, +Loose werfen, und steht dem lat. _sortilegus_, _sortiarius_ (frz. +_sorcier_) gleich. Der Zauberer ist also, wie der Priester, ein Looser, +der aus den Loosen die Zukunft liest. Im Ags. bedeutet _hléođor_ +Orakel, _hléođorstede_ Orakelplatz, _hléodorcwide_ Orakelspruch. Im +Ahd. begegnet _hleotharâȥȥo_ oder _hleodarsiȥȥeo_ als negromanticus, +hariolus glossiert. _Wîȥagun_ und _leodarseȥȥun_ werden gleichbedeutend +gebraucht. Dazu steht das Femininum _hleodarsâȥa_ vaticinium: gemeint +ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken[793], das im 11. Jahrhundert +Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht setzte man sich +schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen, was das +Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an einem +Kreuzwege auf eine Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte des +Draussensitzens (_útiseta_, _sitja úti_), um Geister zu bannen. Es +gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen niedersassen und +Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu erlangen. Der ahd. +Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“ auf diese Art die +Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus den Benennungen die +wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau übereinstimmend mit +denen des Priesters, als Opfern, Beschwören, Runenmalen, Loosewerfen, +Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne aber Verwirren und +Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen Verrichtungen bereits +den öffentlichen Priestern hochberühmte weise Frauen zur Seite +getreten, so geschieht dies noch weit mehr im Zauberwesen, dessen +sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker Hervorkehrung der +schlimmen Seite bemächtigen. + +Die Saga von Eirik dem Roten[794] beschreibt das Verfahren einer +solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland grosser +Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters waren Jagd +und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise Frau +(_spákona_) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt. Von neun +Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg pflegte im +Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche Unterweisung +über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr wünschten, entboten +sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer der grönländischen +Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende Missjahr zu Ende gehen +werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein und rüstete ihr guten +Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen üblich war. Ein Kissen mit +Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz gelegt, als sie abends +mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf. Sie war also gekleidet: +sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am Rand von oben bis unten +mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte sie Glasperlen. Auf dem +Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem Lammsfell, mit weissem +Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie einen Stab mit einem +messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie hatte einen Gürtel um, +an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige Zauberzeug (_taufr_) +enthielt. An den Füssen hatte sie Schuhe aus rauhem Kalbsfell mit +langen und starken Riemen, an deren Enden grosse Messingknöpfe sassen. +An den Händen hatte sie Handschuhe aus Katzenpelz, innen weiss und +zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und von Thorkel zum Hochsitz +geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in Augenschein zu nehmen. +Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden Tische aufgetragen. +Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre Speise war aus den +Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab, zubereitet. Sie +gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes Messer mit einem +Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als die Tische +abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus und den +Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das, worüber er +sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie erwiderte, +sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen, nachdem sie +die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend ward alles in +Stand gesetzt, dass sie Zauber (_seiđ_) üben könnte. Sie verlangte, +man solle ihr Frauen, die sich auf die zum Seid nötigen Lieder +(_frœđi_), die sog. _varđlokkur_ (d. i. Geisterlockungen?) verstünden, +herbeischaffen; da fand sich niemand, der sie wusste, obschon in den +nächstliegenden Höfen nachgefragt ward. Da sagte Gudrid: Zwar bin ich +weder zauberkundig noch eine weise Frau; aber meine Pflegmutter auf +Island lehrte mich Lieder, die sie _varđlokkur_ nannte. Die Lieder +und was dazu gehört, sind aber derart, dass ich sie als Christin +nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so lange und inständig, bis sie +endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte sich auf den Zaubersessel +(_seidhjallr_) und die Frauen bildeten ein Kreis darum, Gudrid sang das +Lied so schön und gut, dass niemand von den Anwesenden jemals einen +schöneren Gesang gehört zu haben glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte, +der Sang sei schön anzuhören, und dankte ihr, als sie zu Ende war; sie +sagte, nun seien viele Geister (_natúrur_) erschienen, denen das Lied +wolgefiel und die zuvor keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten +wollen. Nun sind mir auch viele Dinge ersichtlich, die mir und andern +zuvor verborgen waren. Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr +nur noch den Winter über dauern und im Frühling Besserung eintreten +wird. Auch die Seuche, die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten +schnell bessern. Der Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat. +Dann gingen die Leute zu der Weissagerin und jeder fragte das, was +er am meisten zu wissen verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen +und es schlug wenig fehl, was sie sagte. Hierauf begab sie sich +wieder auf einen andern Hof, wo man ihrer Dienste bedurfte. Nach der +Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete +ihre Weissagungen günstiger oder ungünstiger ein, je nachdem man sie +besser oder schlechter bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt +einer Volva und Seidkona namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft +ungeschehene Dinge voraus wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den +Leuten den Gang der Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit +fünfzehn Knaben und fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer +Zauberkunst zieht sie herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was +sie zu wissen begehrt, und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid +auf allerlei Fragen. Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er +ihr wie einem hohen Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie +förmlich ein, sein Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer, +Oddr, sie beleidigt, packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter, +obwol Ingjald mit reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der +Vatnsdœlasaga Kap. 10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber +auch Vǫlva genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers +Ingjald nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie +(_gengu til frétta_) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden, +dem Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt +sie ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass +Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst +auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden +werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap. +44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei +schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht +war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass +die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte, +das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem +Stabe an die rechte Wange schlug. + +Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande, +das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie +treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister +herangezwungen werden, durch welche ihnen ihre Wissenschaft von +der Zukunft vermittelt wird.[795] Sie haben besondere Tracht und +führen einen Stab (_valr_), nach welchem sie auch _vǫlor_, d. h. +Stabträgerinnen[796] genannt werden. + +Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter +und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den +Mund gelegt und heisst daher _vǫlospǫ́_, Weissagung der Vǫlva. Die +Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur +mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung, +allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des +Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste +der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft +der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist, +so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll +nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle +abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes +Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht +denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.[797] + + * * * * * + +Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14. +Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5. +Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die +galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben. +Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte +an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde. +Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde +haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man +sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am +schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre +gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter +tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz +sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus +dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt +das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche, +dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege +in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem +Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so soll er +sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt; +seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres +Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (_töfrnornir_), Bergriesen +sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste +dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden, +thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die +Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (_mestr galdr_) ruht. +Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so heisst +es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen, alle +ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig, so +sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken: + + ᚱ. ᚨ. ᚦ. Υ. ᛉ. ᚢ. + +Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich +dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine +Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer +stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr, +der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in +der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal +auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung. + + * * * * * + +Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden _seidr_, das Ausüben +derselben _síđa_, _efla seiđ_, _fremja seiđ_, _setja seiđ_.[798] Seid +wird von Männern (_seiđmađr_, _seiđberandi_) und besonders auch von +Frauen (_seiđkona_) getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als +ein absonderliches geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer +Heimlichkeiten fehlen. Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei +Nacht geschah, dass der Zauberer auf einem Stuhle sass (_seiđhjallr_), +dass es auch dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente +sich des Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (_gjǫrningaveđr_) +und zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem +Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend, +erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde +zu töten, um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest +zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (_frœđi_, _galdr_, +_varđlokkur_), welche beim Seid gesungen wurden, wohnte ganz besondere +bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap. 37 ist davon die Rede. +Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in Fehde. Thorleikr nahm die +Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner Frau Grima in Anspruch, um +Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre Söhne fuhren bei Nacht zum +Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen Seid an. Als der Seidgesang +anhub, wussten die, welche im Hause weilten, nicht recht, was es +bedeuten sollte; aber der Sang war sehr schön anzuhören. Hrutr allein +kannte das Lied und verbot jedem, in dieser Nacht aus dem Hause zu +schauen, und befahl allen, sich womöglich wach zu halten, dann werde +nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen alle in Schlaf; Hrutr blieb +am längsten wach, zuletzt entschlief auch er. Kari hiess ein Sohn +Hruts, der war damals 12 Winter alt und der hoffnungsvollste von den +Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn war der Zauber gerichtet, +daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde immer unruhiger. Endlich +sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich dem Seid und fiel tot +nieder. + +Vergleicht man den Seid mit den übrigen Zauberbräuchen, so herrscht +inhaltlich kein durchgreifender Unterschied, indem alle grossenteils +zum selben Zwecke dienen. Die Wahrsagerinnen (vǫlur) um Rat anzugehen, +galt im Heidentum nicht für schimpflich; aber die Vǫlva Thorbjorg übt +auch Seid, um die Zukunft zu erfahren. Die Ynglingasaga Kap. 16 erzählt +von der Finnin Huldr, die als Volva und Seidkona bezeichnet wird. Mit +ihrer Zauberkunst soll sie im Auftrag der Finnenkönigin Drifa den +Wanlandi aus Uppsala nach Finnland zurückzaubern oder töten. Sie kam +als Mare über den Schlafenden und drückte ihn zu Tode. Eine Reihe von +Stellen lehrt unzweideutig, dass der Seid bereits im Heidentum für +ehrenrührig und verwerflich galt. Harald harfagri liess seinen eignen +Sohn Rognwald, weil er ein Seidmann geworden war, mit achtzig solcher +Zauberer durch dessen Bruder Eirik in den Flammen umkommen (Fornmanna +sögur 1, 10 ff.). In geringschätziger Weise gedenkt die Vǫlospǫ́ 22 +der Gullweig, die als wahrsagende Vǫlva von Haus zu Haus zog und +hirnverrückenden Seid trieb; auf ihrem Gewerbe stand Todesstrafe, denn +Gullweig wird mit Geeren durchbohrt und verbrannt, als sie unter den +Asen erscheint. Darauf hin nennt Snorri in der Ynglingasaga Kap. 4 +die Freyja als die Erfinderin des zuvor den Asen unbekannten Seids. +In derselben Saga Kap. 7 wird der Seid als die schlimmste Art des +Zaubers bezeichnet, welche zu lernen Männer ebendarum sich geschämt +hätten. In der Lokasenna 24 entgegnet Loki der argen Schelte, er +sei ein Weib gewesen und habe geboren, mit dem ebenso schmählichen +Vorwurf, Odin habe als Vǫlva auf Samsey Seid verübt und sei als Hexe +über Land gefahren.[799] Worin liegt nun der eigentliche Gegensatz +zwischen den übrigen erlaubten Zauberkünsten und dem Seid? Zweifellos +unterschied bereits das germanische Heidentum zwischen anständigem, +vom Gottesdienst geweihtem Zauber und sträflichem, verabscheutem +Missbrauch. Das Ehrenrührige scheint in der ausgesprochenen Absicht, +Schaden anzustiften, belegen zu sein. Erlaubter Zauber schützte und +übte allenfalls Notwehr, böser Zauber trachtete mit feiger Heimlichkeit +nach Schaden. Es ist doch ein anderes, sich einem Feinde gegenüber +möglichst viel Vorteile zu verschaffen, als ihn aus der Ferne zu +vernichten. Der Runenzauber betont, Wind und Woge zu beschwichtigen, +der Seiðr sucht ein Zauberwetter zu erregen. Hier ist auf Schutz, dort +auf Schaden Bedacht genommen. In den Runen und Galdrn mögen mehr die +Volksgötter, im Seid die Gespenster hervorgetreten sein. Im Valgaldr +ist freilich kein Unterschied, ob Odin oder ein Seidmann ihn übt. +Abgesehen von den moralischen Bedenken, die am heimlichen schädlichen +Zauber an und für sich haften, geht auf die Leute, die ihn ausüben, +viel vom Wesen der Geister, mit denen sie ständigen Verkehr pflegen, +über. Daher übler Zauber Trolldom und Trollskap, Trollentum und +Trollenschaft heisst und die Benennungen Seiðkonur und Trǫllkonur mit +einander abwechseln. Schon im Heidentum standen bei den Westgermanen +die Hexen, die schädlichen Zauberinnen, in tiefer Verachtung. Die +Hexe ist auf den Schaden anderer mit Saatverderben, Hagelmachen, +Milchverhexen aus. Sie fährt bei Nacht aus, sie verwandelt sich in +Tiergestalt und tritt als Märe auf. Ist die jüngste von Noreen[800] +vorgeschlagene Deutung des Wortes berechtigt, so gehört die Hexe zu +den feindlichen, hassenden, unholden Waldgeistern. Das Zauberweib, +das nur Schlimmes thut und die Dienste unholder Geister in Anspruch +nimmt, wird selber unhold. Die christliche Zeit verfolgte die Hexen +seit dem 14. Jahrh., nachdem Ketzerei und Teufelsbuhlschaft als neue +Vorwürfe hinzugekommen waren. Bringt man diese deutlich erkennbaren +fremden Bestandteile in Abzug, so bleibt die Hexe in der Gestalt übrig, +in der schon die Heiden sie ebenso tief verachteten und mitunter +strafrechtlich verfolgten wie die Seiðkona. Gotischer Hexen thut +Jordanes Kap. 24 Erwähnung. König Filimer vertrieb die verdächtigen, +unheimlichen Zauberweiber, die Haljarunen, die Höllenzauberinnen, aus +der Gemeinschaft des Volkes in die Wüste, wo unreine Geister (_spiritus +immundi per eremum vagantes_) sich ihrer bemächtigten und die Hunnen +mit ihnen erzeugten. Die Hexen werden somit in die Gemeinschaft der +Unholde gewiesen, denen sie ihres Zaubergewerbes halber am nächsten +stehen und die in der wüsten, unbebauten Wildniss daheim sind. + +Mithin schliessen wir, Seiðr ist Hexerei; beide scheiden sich vom +erlaubten Zauber dadurch, dass sie vorwiegend auf den Schaden +anderer gerichtet sind und mit Hilfe feindseliger, unholder Geister +wirksam werden. Beim nordischen Seid ist aber noch ein weiterer +Umstand zu erwägen, der sein fremdartiges Wesen erklären könnte, +der wahrscheinliche Zusammenhang mit +finnischer+ Zauberei. Die +norwegische Landschaft Halogaland grenzt an Finnmark, den Herd +alles Zauberwesens, wohin man von Norwegen herüberkam, um sich +Rat zu erfragen oder in geheime Kunst einweihen zu lassen, wo die +Eindringenden von mannigfachem Blendwerk beirrt und befallen wurden +und von wo die kundigsten Zauberleute mit ihren Fertigkeiten in andre, +vornehmlich die nächstgelegenen Länder ausgingen. Als die Bekehrung +vom Süden Norwegens zum Norden aufstieg, begegnete sie gerade dort +hartnäckigem Widerstande eifriger Opferer und Zauberer (_blótmenn_ und +_seiđmenn_). Beziehungen zwischen norwegischen Opferern und finnischen +Zauberern sind mehrfach zu belegen. Harald harfagri war mit Snäfrid, +des Finnenkönigs Svasi Tochter vermählt; beider Sohn ist Rognwald, +der Seidmann, der seiner Mutter nach geartet war; von ihm stammte der +zauberkundige Eywind Kelda, der mit einem grossen Geleite von Seidmenn +und Zauberleuten dem König Olaf Tryggvason entgegen trat. Eywind +Kinnrifas Geburt hing mit der Befragung zauberkundiger Finnen zusammen. +König Olaf selber, obwol Christ, holte einmal bei einem weisen Finnen +Rat und Voraussage ein. Thorir Hund verschaffte sich von den Finnen ein +Zaubergewand aus Renntierfellen, das allen Waffen widerstand, und mit +welchem angethan er in der Schlacht bei Stiklastad an der Spitze der +Haleygjer dem König Olaf entgegentrat und, vor dessen Schwertschlag +durch diesen Finnenzauber geborgen, ihn mit dem Speere durchstach. Noch +die norwegischen Christenrechte strafen das Fahren zu den Finnen und +den Glauben an ihre Wahrsagerei.[801] Die Vǫlva Heidr, die nach der +Landnáma dem Ingimund die Fahrt und Ansiedlung in Island vorhersagt, +heisst in der Vatnsdœlasaga Kap. 10 eine Finnin. Mit Hilfe von drei +Finnen erprobt Ingimund nach Kap. 12 die Wahrheit ihrer Aussage. +Die Finnenkünste bestehen also in Wettermachen und Zaubernebel, +Pfeilschiessen und hiebfestem Fellgewand, Hellseherei, Wissen von +verborgenen und künftigen Dingen. War doch schon bei Skadi und Thorgerd +Hölgabrud Einwirkung finnischen Glaubens zu erkennen, so dass es nicht +wunder nehmen kann, wenn auch die Zauberkünste im nördlichen Norwegen +durch Aufnahme finnischer Bestandteile vermehrt wurden. Zwar ein +tieferer Einfluss des Finnentums, wodurch die innere Selbständigkeit +skandinavischen Götterdienstes gefährdet worden wäre, liegt nicht +vor. Die Zaubersegen, gute wie böse, nützliche wie schädliche, waren +den übrigen Germanenstämmen mit den nordischen gemein, diese suchten +nur ihren angestammten Besitz aus dem gleichartigen Schatze der +nachbarlichen Finnen zu erweitern, von denen das Zauberwesen mit +besondrer Vorliebe und Kennerschaft gepflegt wurde. + +Besteht die Vermutung finnischer Einflüsse beim nordischen Seid zu +recht; so wäre damit sein Ursprung auf den nördlichen an Finnland +grenzenden Teil Norwegens zurückzuführen, wo die gemeingermanische +Vorstellung schädlicher Hexerei, mit finnischem Zauber vermischt, diese +eigenartige Form annahm. + + * * * * * + +Traumdeuterei spielt im Volksglauben eine grosse Rolle. Ist doch der +Traum von den Draugen, den Gespenstern verursacht. Im Traum verkehrt +die Seele des Schlafenden mit den Gespenstern, diesen aber ist die +Gabe der Weissagung eigen. Der Traum zeigt entweder die Zukunft +genau wie das zweite Gesicht an, oder er gewährt nur Vorzeichen, +die ausgelegt werden müssen. Da tritt die Traumdeuterei ein, die +meist mit Hilfe allgemein bekannter abergläubischer Auslegung von +jedem Träumenden selber geübt wird, aber in schwierigen Fällen die +Befragung von besonders erfahrenen Leuten erfordert. Die Wahrsager +und Wahrsagerinnen werden sich gewiss auch mit Auslegung von Träumen +befasst haben, obwol kein Fall ausdrücklich erwähnt wird. Den Typus +gewerbsmässiger Traumdeuter bildete namentlich die mittelalterliche +romantische Litteratur aus, welcher Gestalten wie Drauma-Jón, Jon der +Traumdeuter[802] entstammen. + + * * * * * + +Zur Ausübung der Zauberei werden häufig bestimmte örtliche und +zeitliche Umstände gefordert. Da die Zauberei von der Geisterwelt +abhängig ist, so kommen vorwiegend die Schwarmzeiten der Geister in +Betracht, also die grossen, besonders die winterlichen Jahresfeste, +im christlichen Kalender Neujahr und die Zwölften, Allerseelen und +noch viele andere bestimmte Tage, die zur Loosung günstig sind. Die +Beschwörung gelingt besser bei Nacht als bei Tag, darum liebt der +Zauber das Dunkel und scheut das Licht. Die Geister gehen gern an +gewissen Orten, wie auf Gräbern und Kirchhöfen, auf Richtplätzen, an +Kreuzwegen, um und sind natürlich auch dort am besten zu treffen und +um Hilfe anzurufen. Doch lassen sich überall giltige Regeln nicht +aufstellen, indem aussergewöhnliche Vorfälle auch ausserordentliche +Zauberhandlungen mit sich brachten. + +Nicht nur in zahlreichen mündlich fortgepflanzten Besprechungen und +im Brauche festgehaltenen Handlungen, deren Sinn aber fast immer +völlig entstellt und unverständlich geworden ist, sondern auch in viel +gebrauchten schriftlichen Anweisungen, die im Druck verbreitet sind, +lebt das Zauberwesen mit Opfer, Beschwörung und Spruch noch heute +fort.[803] + + +Nachträge. + +S. 188. Welderich, urspr. Waltrich, in umgekehrter Folge Richwalt, +hat mit Wald, silva, nichts zu schaffen, dürfte aber in den späteren +Gedichten als Wälderherr verstanden worden sein. + +S. 201 Anm. 1. Die Glosse _turpines zui_ (Steinmeyer-Sievers, Ahd. +Glossen 3,4) hat mit Ziu nichts zu schaffen. Henning, Über die St. +Gallischen Sprachdenkmäler S. 18 und Anm. zur Glosse sucht jedenfalls +andere als mythologische Anknüpfung. + +S. 470 Anm. 3. Zur _dea Garmangabis_, der „aus der immer bereiten Fülle +des Reichtums Spendenden“ vgl. Kauffmann, Beiträge 20, 526 ff.; sie +soll der Nerthus gleich sein. + +S. 539 Anm. 1. Neue Belege zum germanischen Wort _mott_ (Deutsches +Wörterbuch 6, 2600 f.), _motta_, _mota_ im Sinne von schwarze Erde, +Wasen (vgl. Muspilli 58 _daȥ preila uuasal allaȥ uarprinnit_) bei +Bruckner, Die Sprache der Langobarden S. 6 f. Dürften wir die +germanischen Wörter _mû_ und _mut_, _mot_ doch in erweiterter Bedeutung +annehmen, so könnte auf lat. _mundus_ verzichtet werden. Sachlich wird +nichts geändert, ob der erste Teil der Zusammensetzung _mud-spilli_ +lateinisch oder deutsch ist. Wie die Vǫlo-spǫ́ den Weltbrand ++verkündigt+, so mud-_spilli_, die +Weissagung+ von der Welt. Es möchte +der Ausdruck auch unter Einfluss des lateinischen und deutschen Wortes +zugleich mit volksetymologischer Umbildung entstanden sein. + + + + +Namenverzeichniss. + + + A. + + Adelung, F. 8. + + Ägir 162. 169. 174 f. + + Ägirs Töchter 177. + + Alf 124. + + Afhus 601. + + Agathias 62. + + Ahnendienst 92 ff. + + Alaisiagae 460 f. + + Alb 124. + + Alberich 126 ff. 129. 133. + + Albleich 128. + + Alfar 123 f. 133 ff. + + Alh 593 Anm. 2. + + Ali 395. 396 Anm. + + Alkîȥ 214. + + Alp 124. + + Alptraum 74 ff. + + Alswid 487. 523. + + Altar 595 f. 601. + + Alwis 282 f. + + Ammianus Marcellinus 62. + + Angang 639. + + Angrboda 425. + + Ans 194. + + Ansîȥ 93. 194. + + Appian 61. + + Aptrganga 85. + + Arngrímr Jónsson 3. + + Arnkiel, Trogillus 4. + + Arnold, Chr. 5. + + Arwakr 487. 488. 523. + + Asega 617. + + Asgard 200. 518. + + Ask 526 f. + + Askafroa 153. + + Áss 194 f. + + Aud 523. + + Audumla 515. + + Aurwandil 269 f. + + + B. + + Baduhenna 459 f. + + Bäda 63. + + Bäldäg 366 Anm. 3. 382. 522. + + Baldr 366 ff. 420 ff. 533. 536. + + Barditus 579. + + Bastian 26. + + Baugi 338. 352. + + Bede 460 f. + + Beli 236. + + Berchta 492 ff. + + Berge als Aufenthalt der Seelen 88 ff. + + Bergelmir 514. 516. + + Bergriesen 185 ff. + + Berserker 102 f. + + Bestla 355. 515. + + Beyla 234 f. + + Bifrost 525. + + Bil 437. + + Billings Maid 337. + + Bilskirnir 262. + + Bilwis 157 ff. + + Björn Jónsson 3. + + Bjorn 335. + + Blain 525. + + Blôstreis 614. + + Blót 559. + + Blótspánn 634. + + Bodn 338. 352. + + Bolthorn 349. + + Bǫlverk 337 f. + + Bǫnd 196. + + Bous 307. 367. 376 f. + + Bragi 400 ff. + + Bragi, Skald 45 f. 403 f. + + Breidablik 367. + + Brimir 525. + + Brísingamen 363. 441 f. 452 f. + + Brokk 419 f. + + Bruni 331. + + Brynhild 320 f. + + Brynjulfr Sveinsson 3. 67 f. + + Bugge, Sophus 44 ff. + + Bur 355. 515. + + Buri 355. 515. + + Buslubæen 653. + + Byggwir 234 f. + + Byleiftr 410 f. + + Byleistr 410 f. + + + C. + + Caesar 61. + + Caesarius v. Heisterbach 65. + + Chlungere 495. + + Ciesburg 205. + + Cisatag 586. + + Claudianus 62. + + Clüver, Philip 1. + + Cofgodas 141. + + Cotinc 614. + + Crantz, A. 5. + + Creutzer 11. + + Cyuuari 205 f. + + + D. + + Dagr 190. 523. + + Delling 523. + + Diana 496. + + Diar 195 Anm. 2. 309. + + Dietmar v. Merseburg 63. + + Dioskuren 215 ff. + + Disen 100. 104 ff. + + Dökkalfar 126. + + Dofri 185. + + Doggele 76. + + Donar 193. 243 ff. + + Drachen 178 f. + + Draugen 85 ff. 149. + + Draupnir 312. 371. 419. + + Druckerle 76. + + Dürs 161. + + Dürstengejeg 181. + + Dult 567. + + Dumbr 191. + + Durin 525. + + Duris 161. + + Dvergmál 135. + + Dvergr 134. + + + E. + + Eccard, J. G. 4. + + Edda des Snorri 69. + + Eddalieder 66 ff. + + Eggther 534. + + Eidesleistung 548. + + Eidring 599 f. 618. + + Eikthyrnir 314. 529. + + Einherjar 313 ff. + + Eir 435. + + Eiriksmǫ́l 317. + + Elbe 122 ff. + + Elbenschuss 132. + + Eldr 189. + + Elf 124. + + Eliwagar 513. + + Embla 526 f. + + Ent 162. + + Enz 162. + + Eostre 488 f. + + Eoten 161. + + Er 210. 213. + + Erfiǫl 92. + + Erminonen 207 f. 503. + + Esago 614. 616 f. + + Etan 161. + + Ewart 614. 616 f. + + + F. + + Fárbauti 184. 409. + + Fasolt 181. + + Feldelbe 156 ff. + + Feldzeichen 602 f. + + Fenja 187. 241. + + Fenrir 178. 424 ff. 524. 534. + + Festzeiten 580 ff. + + Festzüge 578 f. + + Feuerriesen 189 f. + + Fimafeng 420 f. 423. + + Fimmilene 460 f. + + Finnur Jónsson 41 f. 44 f. + + Finn Magnusen 12. + + Fjalar 351. 534. + + Fjorgyn 264. 454. + + Fold 455 f. + + Folkwang 314. 437. + + Forniot 169. + + Forseti 386 ff. + + Fosite 387 ff. + + Fossegrim 146. + + Frau Gode 494. + + Frau Holle 491 f. 498. + + Frau Hütt 186. + + Fréa Ingwina 233 f. + + Fréawine 242. + + Freyfaxi 226. + + Freyja 221. 288. 414 ff. 437 ff. 453. + + Freyr 218 ff. 535. + + Freys Eber 224. + + Freysgoden 226 f. + + Freys leikr 231. + + Freys vinr 227. 242. + + Frigg 306 ff. 430 ff. + + Frijô 193. 215 ff. 299 f. 429 ff. 452 f. + + Frodi 240 ff. + + Fronfastenweib 495. + + Frôwin 242. + + Fru Freke 494. + + Fulla 431. 432. 435. + + Fylgja 98 ff. + + + G. + + Gâchschepfen 104. + + Galar 351. + + Galdr 628 ff. 641. + + Galstr 628 ff. 648. + + Gandr 119. 652 Anm. 1. + + Gandreið 119. 652 Anm. 1. + + Gangrad 341. + + Garmangabis 470 Anm. 3. Nachträge. + + Garmr 473. 534. 535. + + Gaut 301. + + Géat 301. + + Gebet 559 f. + + Gefn 446 ff. + + Gefjon 446 ff. + + Geirröd 183. 274 ff. + + Geirvíf 109. + + Geld 560. + + Gemeindeopfer 573 ff. + + Gerd 162. 235 f. + + Gerstenberg 6. + + Geruthus 278 ff. + + Gervasius von Tilbury 65. + + Gespenster 85 ff. + + Gest 341 ff. + + Gimle 536. 542 f. + + Ginnunga gap 511 f. + + Gjallarhorn 361. + + Gjalp 275. + + Gladsheim 313. + + Glasir 314. + + Gna 436. + + Gnípa 185. + + Gode 611. 614 ff. + + Godord 611. + + Göranson, J. 8. + + Görres 11. + + Götterbilder 602 ff. + + Götterdämmerung 537 Anm. + + Golther, W. 49. + + Gott 194. + + Gräter, D. 7. + + Gregor v. Tours 63. + + Greip 275. + + Grendel 173. + + Grid 275. + + Grim 146. + + Grimm, Brüder 65. + + Grimm, Jacob 16 ff. 65. + + Grimnir 340. 357. + + Grönjette 181. + + Grundtvig, N. F. S. 7. + + Groa 269 f. + + Gruppe, Otto 35 f. + + Gudja 614. + + Gudmund 278. 280 f. + + Gullinkambi 534. + + Gullweig 221. 444. + + Gungnir 311 f. 419. + + Gunnlod 185. 337 ff. + + Gyðja 615. 622. + + Gylfi 222. + + Gymir 175. + + + H. + + Haffrú 146. + + Hagazusa 116. 657 Anm. 1. + + Hakelberg 285. + + Haksche 494. + + Haljarûna 643. 645. 657. + + Hamingja 100 ff. + + Hammer Thors 245. 251 f. 419. + + Hammerich, Martin 40. + + Hamr 100 ff. + + Har 338 f. 355. + + Harbard 256 f. + + Harbardslied 256 f. + + Harlunge 217. + + Hartunge 217. + + Haruc 591. + + Harugari 614. + + Hati 487. 524. + + Hauch 7. + + Haȥusa 116. 657 Anm. 1. + + Heiddraupnir 347. + + Heidrun 314. 528. + + Heimdall 359 ff. 533. + + Hel 425 f. 471 ff. + + Helblindi 410 f. + + Helskor 92. 471. + + Henneberg 14. + + Hercules magusanus 243 Anm. 3. + + Herfjotr 112. 113 ff. + + Hermod 357. 371 f. + + Herodias 496 f. + + Hexen 116 ff. 656 f. + + Himinbjorg 361. + + Hiune 161. + + Hjálmvítr 109. + + Hlaut 600. 631 Anm. 1. 641. + + Hleodarsâȥȥo 648. + + Hléoðor 648. + + Hler 169. 175. + + Hlidskjalf 324. 518. + + Hlin 436. + + Hlioȥari 648. + + Hlodyn 461 f. + + Hlorridi 282. + + Hludana 461 f. + + Hnikar 332. + + Hnoss 444. + + Hod 368 ff. 536. + + Hoddrofnir 347. + + Hölle 471 ff. + + Hönir 397 ff. 536. + + Hof 599 ff. + + Hofshelgi 607. + + Hoftollr 609. + + Hǫfuðhof 611. + + Hǫ́konarmǫ́l 318 f. + + Hollunderfrau 153. + + Holzleute 153 ff. + + Hǫpt 196. + + Hǫrgr 591. + + Horn 445. + + Hotherus 373 ff. + + Hrani 334. + + Hrede 489. + + Hrimfaxi 522. + + Hrimgerd 177. 184. 186. + + Hrímþursar 184. + + Hrungnir 182. 183. 267 ff. 282. + + Hugi 277 f. + + Hugr 84 f. 101. 102. + + Huldufolk 133. + + Hüne 161. + + Hûn 162. + + Húsl 559 f. + + Hwergelmir 512. + + Hymir 175 f. 240. 270 ff. + + Hyrrokin 189. + + + I. + + Idafeld 532. 536. + + Idisi 104 ff. + + Idisiaviso 111. + + Idun 197. 414. 448 ff. + + Ing 208. 233 f. + + Ingunarfreyr 233 f. + + Ingvæonen 207 f. 233 f. 503. + + Ingwine 208. 233 f. + + Ingwo 209. 233 f. + + Irmino 209 f. + + Irminsul 210. 593 ff. + + Istvaeonen 207 f. 503. + + Íviþja 185. 188. + + Iwaldi 419. 420. + + + J. + + Jafnhar 355. + + Jahn, Ulrich 39. + + Jahresopfer 580 ff. + + Járnviþja 188. + + Jessen, E. 41. + + Jord 264. 454 ff. 523. + + Jordanes 63. + + Jǫrmungandr 178. 425 f. 534 f. + + Jǫtonmóþr 163. + + Jǫtonn 161. + + Jul 581 f. + + + K. + + Kanne 11. + + Kari 169 f. 184. + + Kauffmann, F. 49. + + Keyser, R. 40. + + Keysler, J. G. 5. + + Kirchmaier, Seb. 2. + + Klabautermann 123. 144 f. + + Klemm, G. 13. 14. + + Kobold 123. 141 ff. + + Korngeister 156 ff. + + Kuhn, Adalbert 26 ff. + + Kveldriða 117. + + Kwasir 351 f. 422. + + + L. + + Lachmann 25. + + Lärad 314. 528 f. + + Laikaȥ 560. + + Laistner, Ludwig 34. + + Landvættir 125. + + Laufey 184. 409. + + Leirwor 186. + + Lif 536. + + Lifthrasir 536, + + Lippert, Julius 33. + + Ljósalfar 126. + + Ljúflingar 133. + + Lodur 409. 410. + + Löfviska 153. + + Lofn 435. + + Logi 169 f. 189. 277 f. 408. + + Logmann 617 Amn. 1. 619. + + Lǫgsǫgumann 617 Anm. 1. + + Lôh 591. + + Loki 363 f. 370. 378. 406 ff. 533. 535. + + Loosen 631 ff. + + Loptr 410. + + Lundr 591. 611. + + + M. + + Magni 263. 269. 536. + + Magnus Olafsson 3. + + Mallet 6. + + Mani 487. 524. + + Mannhardt, Wilhelm 29 ff. + + Mannus 206. 503. 526. + + Mardoll 445. + + Maren 75 ff. + + Margýgr 177. + + Marmenill 150 ff. + + Mars Thingsus 204 f. + + Matronen 468 f. + + Maurer, Konrad 40. + + Meili 263. + + Menglod 237 f. 434 Anm. 442. 451 ff. + + Menja 187. 241. + + Menschenopfer 561 ff. + + Menschenschöpfung 526 f. + + Mermeit 146. + + Mermeut 181. + + Merminne 146. + + Merwîp 146. + + Merwunder 146. + + Metod 105. 195 f. + + Meyer, Elard Hugo 31 ff. 47 ff. + + Meyer, Siebrand 5. + + Meyfiskur 147. + + Midgard 517 ff. + + Miðgarðsormr 178. 271 f. 534 f. + + Mimameid 528. + + Mime 180. + + Miming 180. 373. + + Mimir 179 f. 310. 346 ff. 528. 530. + + Minnetrinken 568. + + Mistelteinn 370. 379. + + Mitodin 307 ff. + + Mjolnir 262. 266 f. 436. + + Mjǫtviðr 529. + + Modi 263. 536. + + Mogk, E. 48. + + Mokkurkalfi 183. 268 f. + + Moosleute 153 ff. + + Motsognir 525. + + Müllenhoff 25. 39. 44. 50. 53. + + Müller, Max 27 f. + + Müller, P. E. 9. + + Müller, Wilhelm 22. + + Mone 11. + + Mütterkult 468 f. + + Munch, P. A. 40. + + Mundilföri 487. 524. + + Muspell 536. 539 ff. + + Muspellsheim 513. 519. 540. + + Muspilli 507. 539 ff. Nachträge. + + Myrkriða 117. + + + N. + + Naglfar 534. + + Naglfari 523. + + Nahtvarn 117. + + Nahtvrouwe 117. + + Nál 184. 409. + + Namengebung 247 f.; 555. + + Nanna 371 ff. 378. + + Narfi 421. 422. + + Nástrand 474. + + Nehalennia 463 ff. 596. + + Nerthus 218 ff. 230. 456 ff. + + Neun Welten 519. + + Nidhogg 528. 536. + + Niflheim 519. + + Nihhus 146. + + Nixe 145 ff. + + Njord 218 ff. 225. 238 ff. + + Nök 147. + + Nor 522 f. + + Nornagest 106. 343. + + Nornen 104 ff. + + Norwi 522 f. + + Notfeuer 570 ff. + + Nótt 190. 523. + + Nyerup 12. + + Nykur 177. + + + O. + + Odin 197. 221 ff. 256 f. 303 ff. 392. 514. 517. 526. 529. 533. 535. + + Odins Namen 355 f. + + Odr 285. 288. 444 f. + + Odrerir 197. 338. 350 ff. + + Oehlenschläger 7. + + Örgelmir 513 f. + + Olaus Magnus 3. + + Ollerus 307 ff. 391 ff. + + Omeis, M. D. 2. + + Onar 523. + + Opfer 559 f. + + Orosius 62. + + Os 194. + + Oskopnir 535. + + + P. + + Parawari 614. + + Paro 591. + + Paulus Diaconus 63. + + Petersen, Henry 42. + + Petersen, N. M. 40. + + Pfannenschmid, H. 39. + + Phol 383 ff. + + Plinius 61. + + Plutarch 61. + + Priester 612 ff. + + Priesterinnen 620 ff. + + Procop 62. + + + R. + + Ragna rök 537. + + Ran 177. 478 ff. + + Ratatosk 528. 531. + + Regan 105. 195 f. + + Regin 105. 195 f. + + Requalivahanus 405 f. + + Resenius, P. 4. + + Riesen 159 ff. + + Riesenbauten 165 f. 273 f. 413. + + Riesenheim 164. + + Rig 365. + + Rindr 306 f. 339. 456. + + Risi 161. + + Rockenphilosophie 65. + + Rohde, Erwin 34. + + Roskwa 276. + + Rudbeck, O. 8. + + Rühs, Fr. 8. + + Runen 340. 629. 641 ff. + + Runse 186. + + Rydberg, V. 48. + + + S. + + Sækona 146. + + Säming 481. + + Sæmund 4. 68. + + Saga 345 f. 435. + + Salige Fräulein 153 f. + + Sandraudiga 470. + + Sauþs 560. + + Saxnot 213 f. + + Saxo 70 f. + + Schede, Elias 2. + + Schefferus, J. 4. + + Schicksal 105. + + Schicksalsfrauen 105 ff. + + Schildmädchen 323 ff. + + Schimmelmann, J. 8. + + Schrat 76. 125 f. + + Schrettele 76. 125 f. + + Schrezlein 76. 125 f. + + Schütze, M. G. 5. + + Schwanmädchen 114 ff. 321. + + Schwartz, Wilhelm 26 ff. + + Seelen 80 ff. + + Seelenheim 87 ff. + + Seelenkult 90 ff. + + Segen 64. 110. 628 ff. + + Seiðr 650. 654 ff. + + Sendíngar 85. + + Serles 186. + + Sessrymnir 437. 439. + + Sif 262 f. 419 f. + + Sigewíf 109. + + Sigmund 329 f. + + Sigrfljóð 109. + + Sigrmeyjar 109. + + Sigyn 421. 422 f. 424. 425. + + Simrock 24. + + Sindri 419 f. + + Sinisto 614. + + Sinthgunt 437. 487. + + Sjofn 435. + + Skadi 238 ff. 480 ff. + + Skaldengedichte 67. + + Skéaf 209. + + Skidbladnir 224 f. 310. 419. + + Skinfaxi 522. + + Skirnir 235 f. 426. + + Skogsfrú 153. + + Skogssnufa 153. 154. + + Skoll 487. 524. + + Skougmann 153. + + Skrato 76. 125 f. + + Skrímsl 177. + + Skrymir 167. 277. + + Skuld 108. 316. + + Skurðgoð 606. + + Sleipnir 274. 311 f. 417. + + Snorri Sturluson 52. 69. + + Snotra 436. + + Sögur 69 ff. + + Sol 437. 487. 524. + + Son 338. 352. + + Sozomenus 62. + + Spákona 648. + + Spámaðr 648. + + Speerwurf 552 f. + + Spell 630. + + Spurcalien 584 Anm. 1. + + Stallr 595. 601. + + Starkad 176. 257 f. 329. + + Stempe 493 f. + + Stephanius 3. + + Strabo 61. + + Strömkarl 146. + + Sueton 62. + + Suhm 10. + + Sumar 190. + + Sunna 437. 487. + + Surtr 189 f. 535. 540. + + Suttung 182. 337 f. 352. + + Swadilfari 273 f. + + Swalin 523. + + Swasud 190. + + Swipdag 237 f. 451. + + Syn 436. + + Syr 445. + + + T. + + Tacitus 62. + + Tafn 566. + + Tains 631 Anm. 1. + + Tálardísir 105. + + Tanfana 458 f. 586. + + Tanngniost 262. + + Tanngrisnir 262. + + Taufr 648. + + Téafor 648. + + Teinn 631 Anm. 1. + + Tempel 593 ff. + + Tempelgut 608 f. + + Thjalfi 269. 276 ff. + + Thjazi 182. 238. 281. 449. + + Thjodreyrir 354. + + Thokk 372. 417. + + Thor 243 Anm. 1. 247 ff. 414. 533. 535. + + Thorgerd Hölgabrud 482 ff. + + Thorkillus 278 ff. 423. + + Thors Böcke 276. + + Thridi 355. + + Thrud 263. 282. + + Thrudgelmir 514. + + Thrudheim 262. + + Thrudwang 262. + + Thrym 162. 183. 266 f. + + Thrymheim 182. + + Thund 315. + + Thuris 161. + + Tiergestalt der Seelen 81 f. + + Tieropfer 565 ff. + + Tifer 566. + + Tiuȥ 193. 195. 200 ff. + + Tívar 52. 195. + + Todesstrafe 548 f. + + Toki 343. + + Toraka 283. + + Totenpflege 91. + + Traum als Draugenerscheinung 85. + + Trautvetter 14. + + Trégoð 606. + + Trempe 494. + + Troll 117. + + Trollabotnar 280. + + Trollskapr 648. + + Trude 76. 117. + + Türs 161. + + Tuisto 206. 503. 514. + + Tumbo 191. + + Túnriða 117. + + Turet 253. + + Turville 253. + + Twerg 134. + + Tylor 26. + + Tyr 211 ff. 426. 535. + + Týverk 212. + + + U. + + Ugarthilocus 279. 423. + + Uggerus 332. + + Uhland 15 f. 39. + + Ulfahamir 102 f. + + Ullr 307 ff. 390 ff. + + Ungeziefer 566. + + Unhulda 116. + + Unhulþo 116. + + Uppregin 200. + + Uppsalir 225. + + Uppvakníngar 85. + + Urðr 104 ff. 529. + + Utgard 280. 520 f. + + Utgardloki 277 ff. + + Utiseta 644 f. 648 f. + + + V. + + Vættr 125. + + Vagdavercustis 470. + + Valgaldr 645. + + Valkyrja 109. + + Vanir 196. 220 ff. + + Varðlokkur 650. 652 Anm. 1. + + Vårdträdt 156. + + Vargr 102 f. + + Vé 196. 306. 355. + + Véar 196. + + Vébǫnd 547. 598. + + Veder 184. + + Veorr 244 Anm. 1. 252 Anm. 2. + + Verðandi 108. + + Vercana 470. + + Vetr 184. 190. + + Vindljóni 184. + + Vindsvalr 184. + + Vindr 184. + + Vingnir 282. + + Vintler, Hans 65. + + Vodskov, H. S. 37. + + Vogelstimme 639 f. + + Volla 430. 435. + + Vǫlva 648 ff. + + Vorzeichen 638 ff. + + + W. + + Wado 176. + + Wælcyrje 109. + + Wälder, heilige 591 ff. + + Wafthrudnir 163. 341. + + Wahrsager 646 ff. + + Waihts 125. + + Waitz, Theodor 26. + + Walaskjalf 324. + + Waldelbe 153 ff. + + Waldfänken 153. + + Waldfrauen 117. 153 ff. + + Waldriesen 188 f. + + Walgrind 315. + + Walhall 289 f. 313 ff. 324. + + Wali 367. 368. 395 ff. 421. 422. 533. 536. + + Walküren 109 ff. 315 ff. + + Walriderske 77. + + Wanenkrieg 220 ff. 305 ff. + + War 435 f. + + Wasad 190. + + Wasserelbe 145 ff. + + Wasserlisse 146. + + Wassermann 146 ff. + + Wasserriesen 172 ff. + + Wate 176. + + Watzmann 186. + + Waȥȥerholde 146. + + We siehe Vé. + + Wechselbalg 139. + + Wegtam 340. + + Weh 591. + + Weinhold, Karl 39. + + Weirdsisters 105. + + Welderich 188. Nachträge. + + Weltbaum 527 ff. + + Weltende 531 ff. + + Weltlehre 501 ff. + + Weltschöpfung 509 ff. + + Werre 495. + + Werwölfe 101 ff. + + Wettermachen 120. + + Wicce 648. + + Wichte 125 ff. + + Widar 394 f. 535. 536. + + Widolf 188. + + Widolt 188. + + Widukind 63. + + Wiedergänger 85. + + Wiedergeburt 96 ff. + + Wigbed 595. + + Wigrid 535. + + Wih 591. + + Wikingerzeit 43. + + Wildleute 153 ff. + + Wili 355. + + Windin 184. + + Wingolf 314. 439. + + Wítega 648. + + Wîȥago 648. + + Wodan 193. 242. 245 Anm. 1. 293 ff. + + Wode 284 ff. + + Wolf, J. W. 24. + + Worm, Ole 3. + + Wrisi 161. + + Wütendes Heer 284 ff. + + Wurd 104 ff. + + Wyrd 105. + + + Y. + + Yggdrasil 349 f. 527 ff. + + Yggr 349 f. 529. + + Ylf 124. + + Ymir 170. 184. 513 ff. + + Ynglingar 208. 233 f. + + Yngvefreyr 233 f. + + Yngvi 208. 233 f. + + + Z. + + Zauberer 646 ff. + + Zauberformeln 64. 110. 628 ff. 641 ff. + + Zebar 566. + + Zimmersche Chronik 65. + + Zio 200 ff. + + Zisa 489. 586. + + Ziuwari 205. + + Zoubar 648. + + Zwerge 128. 134 ff. 525 f. + + + Þ. + + Þinghelgi 547. + + Þunorrád 246 Amn. 1. + + Þurs 161. + + Þyrs 161. + + * * * * * + +Druck von J. B. +Hirschfeld+ in Leipzig. + + + + +FUSSNOTEN: + +[1] Über das Leben Schedes (geb. 1615 zu Kadau in Mähren, gest. 1641 zu +Warschau) vgl. Bolte, allgem. deutsche Biographie 30, 662 f. + +[2] Über das mythologische Studium im 16., 17. u. 18. Jh., sowie über +die aus der Mythologie geschöpften nordischen Dichtungen am Ausgang des +18. u. Anfang des 19. Jhs. handelt ausführlich E. Nyerup, Wörterbuch +der skandinavischen Mythologie, Kopenhagen 1816 S. 1-60; Köppen, +literarische Einleitung in die nordische Mythologie, Berlin 1837. + +[3] Über die Wiederaufnahme der isländischen Altertumsforschung vgl. +Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale 1, XX ff. + +[4] Vgl. Golther, die Edda in deutscher Nachbildung in der Zs. f. +vergleichende Literaturgeschichte, N. F. 6, 275 ff. + +[5] Bereits im MA. wurden solche Sammlungen veranstaltet, +jedoch im grossen Stil und im Hinblick auf mythologische und +religionsgeschichtliche Verwertung erst im 19. Jahrhundert. Eine +erschöpfende Bibliographie könnte Bogen füllen. Ich begnüge mich +mit einem Hinweis auf bibliographische Zusammenstellungen in E. H. +Meyers Mythologie S. 28 ff., 56; in Pauls Grundriss der germanischen +Philologie II, 1, 738 ff. (nordische Sagen von Lundell), ebd. 777 ff. +(deutsche Sagen von John Meier), ebd. 856 ff. (englische Sagen von +A. Brandl); II, 2, 273 ff. gibt Mogk einen Gesamtüberblick über die +bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet, wo jetzt auch Zeitschriften +und Vereine eine rege Thätigkeit entfalten. + +[6] Eine sehr ausführliche Übersicht über die wichtigsten Versuche, +die Entstehung des Kultus und des Mythos zu erklären, gibt O. Gruppe, +die griechischen Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den +orientalischen Religionen, Bd. I Leipzig 1887 S. 1-278. + +[7] Anthropologie der Naturvölker, 6 Bände, 1859–65. + +[8] Der Mensch in der Geschichte, 3 Bde, Leipzig 1860. + +[9] Urgeschichte der Menschheit, Lpz. 1867; Anfänge der Kultur, Lpz. +1873. + +[10] Vgl. Hillebrand, Vedische Mythologie I, Breslau 1891; Oldenberg, +Die Religion des Veda, Berlin 1894. + +[11] Eine Würdigung Mannhardts gibt E. H. Meyer, AnzfdA. 11, 141 ff. +Der Entwicklungsgang des immer mit sich selbst ringenden, stetig +vorwärts strebenden Forschers wird trefflich geschildert. In der +Einleitung in die antiken Wald- und Feldkulte kennzeichnet Mannhardt +selber seine Stellung zu den Hauptströmungen der mythologischen +Forschung. + +[12] Vgl. die Besprechung Kaufmanns im AnzfdA. 18, 21 ff. + +[13] Vgl. Oldenberg, Religion des Veda S. 34 ff. über die +indogermanische Götterwelt. + +[14] Vgl. Sars, udsigt over den norske historie, I deel, Kristiania +1877; Steenstrup, Normannerne, 4 Bände, Kopenhagen 1876-82. + +[15] Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 157. + +[16] Vgl. Noreen, fornnordisk religion, mytologi och teologi. Ein +Vortrag gehalten zu Upsala 9. März 1892. + +[17] Zur Bekehrungsgeschichte vgl. Rettberg, Kirchengeschichte +Deutschlands, 2 Bde, Göttingen 1846/8; Friedrich, Kirchengeschichte +Deutschlands, 2 Bde 1867/9; Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, +2 Bde. Leipzig 1887 und 1890; die Bekehrung der Friesen schildert +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 348 ff.; +über die Bekehrung des Nordens vgl. Maurer, die Bekehrung des norweg. +Stammes zum Christentum, 2 Bde, München 1855/6; Bd. 1 § 3, 10, 21, 35 +behandelt auch die Christianisierung Dänemarks und Schwedens; vgl. +ferner Bang, Udsigt over den norske kirkes historie, Kristiania 1884; +A. D. Jörgensen, Den nordiske kirkes grundlæggelse, Köbenhavn 1874/8; +A. Taranger, Den angelsaksiske kirkes inflydelse paa den norske, +Kristiania 1890/91. + +[18] Über die Quellen der germanischen Mythologie vgl. die ausführliche +Zusammenstellung bei E. H. Meyer, Germanische Mythologie S. 15-60. + +[19] Das Wessobrunner Gebet (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³ Nr. I) +und das Muspilli (ebenda Nr. III) wurden lange als mythologische +Denkmäler verwendet, ohne die geringste Berechtigung. Ihr Inhalt +ist durchaus christlich. Fürs Muspilli wiesen Zarncke, Berichte der +sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1866 S. 191 ff. u. F. +Vetter, Zum Muspilli, Wien 1872 S. 106 ff., Heinzel, Zeitschrift f. d. +österreichischen Gymnasien 43, 1892, S. 748 christlichen Gedankeninhalt +nach. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 317 ff. vermutet +wiederum heidnische Spuren darin, während die meisten Forscher das +Heidentum allmälig ganz auf den Ausdruck Muspilli eingeschränkt haben. +Bei Besprechung des Begriffes Muspilli, Muspell wird diese Frage +erörtert werden. + +[20] Vgl. Ältere tirolische Dichter hrsg. von Zingerle, Bd. 1, +1874 die pluemen der tugent des Hans Vintler 7693-7995; 8197-8244; +die Anmerkungen des Herausgebers weisen u. a. auf ähnliche Stellen +mittelalterlicher Verfasser z. B. auf Berthold von Regensburg und +Geiler von Kaisersberg in der Emeis (A. Stöber, Zur Geschichte des +Volksaberglaubens im Anfang des 16. Jahrhunderts, Basel 1855). + +[21] Vgl. E. H. Meyer, Mythologie S. 28 ff.; John Meier, Grundriss der +germanischen Philologie II, 1, 776 ff.; Brandl, ebenda 837 ff., Mogk, +ebenda II, 2, 265 ff. + +[22] Die Quellen der nordischen Mythologie dürfen nur im engsten +Zusammenhang mit Kultur- und Litteraturgeschichte benutzt werden. Für +die nordische Literatturgeschichte verweise ich auf die Darstellung +Mogks im Grundriss der germ. Philologie II, 1, 71 ff. und auf Finnur +Jónssons oldnorske og oldislandske litteraturs historie Bd. 1 +Kopenhagen 1895. + +[23] Die beste Ausgabe der Liedersammlung verdanken wir Sofus Bugge +1867. Eine grosse Ausgabe mit Kommentar und Wörterbuch bereitet +Sijmons vor, wovon der erste Halbband, die Götterlieder enthaltend, +1888 erschien. Der Codex erschien 1891 in vorzüglicher fototypischer +Nachbildung, besorgt von Wimmer und Finnur Jónsson. Die brauchbarste +Verdeutschung, nach welcher in diesem Handbuch citiert wird, lieferte +H. Gering, Leipzig 1892. + +[24] Vgl. Axel Olrik, kilderne til Sakses oldhistorie I u. II +Kopenhagen 1892 u. 94. + +[25] Vgl. Lundell, Skandinavische Volkspoesie im Grundriss der +germanischen Philologie II, 1, 719-749. + +[26] Die Bedeutung, die dem Alptraum bei der Mythenbildung zukommt, +hebt Laistner, Rätsel der Sphinx, Berlin 1889, hervor. Höchst geistvoll +ist die Entwicklung der Sage, der Mythologie auf der stetigen Grundlage +des Alptraumes nachgewiesen. Jedoch mit seinen Namendeutungen geht +Laistner entschieden zu weit. Die Namen müssten in Urzeiten mit +durchsichtiger, auf den Alptraum unmittelbar bezüglicher Bedeutung +entstanden und fest gehalten sein. Die Einkleidung, in welcher die +heutige Volkssage sich darbietet, ist aber meistens sehr jung und +ohne unmittelbaren, bewussten Zusammenhang mit dem ursprünglichen +abergläubischen Kerne. Statt auf diesen abergläubischen Kern sich zu +beschränken, legt Laistner ohne Bedenken die ganze darum gewachsene +Sagendichtung aus. + +[27] Die wichtigsten Züge des Alpglaubens verzeichnet Wuttke, Der +deutsche Volksaberglaube § 402 ff. + +[28] Über Seelen als Lufthauch Mannhardt, Germanische Mythen, Berlin +1858, S. 269 f.; 300 ff.; 404 f.; 709. + +[29] Ein altes Zeugniss vom Zusammenhang des Maren- und +Gespensterglaubens bietet Gervasius von Tilbury Kap. 86 _ut autem +moribus et auribus hominum satisfaciamus, constituamus, hoc esse +foeminarum ac virorum quorundam infortunia, quod de nocte celerrimo +volatu regiones transcurrunt, domus intrant, dormientes opprimunt, +ingerunt somnia gravia, quibus planctus excitant_. + +[30] Einen ähnlichen Typus gewährt Birlinger, Volkstümliches aus +Schwaben 1, 103: die Seele kriecht als weisse Maus aus dem Munde einer +Magd und wird ein _„schrättele“_ d. h. ein Alp, der Baum und Ross +bedrückt und plagt. + +[31] Vielleicht gehört auch die Geschichte vom Rattenfänger +zu Hameln (Grimm, Deutsche Sagen 1 Nr. 245) hierher, nur muss +Verwirrung eingerissen sein. Die Ratten waren ursprünglich selber die +Kinderseelen, die der Spielmann in den Berg lockte. + +[32] Vgl. Grimm, Deutsche Sagen 2, Nr. 433; dieselbe Geschichte, nur +dass die Seele als Rauchwölkchen (_bláleitr gufuhnođrinn_) erscheint, +findet sich auf Island; vgl. Maurer, isländ. Volkssagen der Gegenwart +S. 81 ff. Jón Árnason, _íslenzkar þjóđsögur_ 1, 356 f. + +[33] Die zahlreichen nordischen Träume, worin die Seelen in Tiergestalt +erscheinen, verzeichnet W. Henzen, Über die Träume in der altnordischen +Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 34 ff. + +[34] Über die Etymologie des Wortes „Traum“ vgl. W. Henzen, Über die +Träume in der altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 1 ff. + +[35] Vgl. Wackernagel, Kleinere Schriften 2, 399 ff.; E. Kuhn, in Jahns +Volkssagen aus Pommern S. VIII. + +[36] Über das wilde Heer Uhland, Schriften 7, 605 ff.; eine +Zusammenstellung der verschiedenen Sagenformen bei E.H. Meyer, German. +Mythologie, S. 236 ff. + +[37] Reiche Litteratur verzeichnet Koberstein, Weimarer Jahrbücher 1, +73 ff; Golther, Die Sage von Tristan u. Isolde, München 1887, S. 27 ff. + +[38] Bräuche bei Tod und Begräbniss s. bei Wuttke, Volksaberglaube § +721 ff.; fürs Nordische Weinhold, Altnordisches Leben S. 474 ff. + +[39] Zum Totenschuh J. Grimm, Myth. 795; 3, 249; Müllenhoff, +Altertumskunde 5, 114. + +[40] Über den Ahnenkult vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus poeticum +boreale 1, 413 ff. Gudbrand dehnt aber den Ahnenkult viel zu weit aus, +indem er den gesamten Seelen-und Elbenkult begreift. + +[41] Jordanes, Kap. 13 _iam proceres suos, quorum quasi fortuna +vincebant, non puros homines, sed semideos, id est ansis, vocaverunt._ +Zum Beispiel zählt er den sagen- und liederumwobenen Stammbaum der +Amaler auf. + +[42] Adam 4, 26 _colunt et deos ex hominibus factos, quos pro +ingentibus factis immortalitate donant, sicut in vita sancti Anscarii +leguntur Hericum regem fecisse._ + +[43] _Vita Anskarii_ Kap. 26 MG. 2, 711 _Contigit eo ipso tempore, +ut quidam illo (ad Byrca) adveniens diceret, se in conventu deorum, +qui ipsam terram possidere credebantur, affuisse, et ab eis missum, +ut haec regi et populis nunciaret: „Vos, inquam, nos vobis propitios +diu habuistis, et terram incolatus vestri cum multa abundantia nostro +adiutorio in pace et prosperitate longo tempore tenuistis; vos quoque +nobis sacrificia et vota debita persolvistis, grataque nobis vestra +fuerunt obsequia. at nunc et sacrificia solita sub-trahitis, et vota +spontanea segnius offertis, et, quod magis nobis displicet, alienum +deum super nos introducitis. si itaque nos vobis propitios habere +vultis, sacrificia omissa augete, et vota maiora persolvite; alterius +quoque dei culturam, qui contraria nobis docet, ne apud vos recipiatis, +et eius servicio ne intendatis. porro si etiam plures deos habere +desideratis, et nos vobis non sufficimus, Ericum quondam regem vestrum +nos unanimes in collegium nostrum asciscimus, ut sit unus de numero +deorum.“ -- -- -- templum in honore supradicti regis dudum defuncti +statuerunt, et ipsi tanquam deo vota et sacrificia offerre coeperunt._ + +[44] Müllenhoff, Altertumskunde 5, 69. + +[45] Über den Wiedergeburtsglauben der Germanen und die darauf +beruhenden Taufbräuche vgl. Jiriczek, Mitteilungen der schlesischen +Gesellschaft für Volkskunde 1894/5, S. 34 f.; Maurer, Zeitschrift des +Vereins für Volkskunde 1895, S. 99. + +[46] Über diesen Glauben vgl. W. Hertz, Der Werwolf, Beitrag zur +Sagengeschichte. Stuttgart 1862. + +[47] Fylgjur als Wölfe im Traum erscheinend in der Njálssaga 123; +Fornaldar sögur 2, 413; 3, 77, 213, 560; Droplaugar sona saga 22; +þorðar saga hreðu 38; Gíslasaga Súrssonar 24. + +[48] Fälle davon bei Hertz, Werwolf S. 54 ff. + +[49] Kögel, Pauls Grundriss I, S. 1017 Anm. erklärt ahd. _ƕeriƕolf_ +aus *_ƕariƕulf_, *_ƕaȥiƕulf_ (zu got. _ƕasjan_ as. _ƕerian_ kleiden). +Werwolf ist also eigentlich Wolfsgewand, úlfshamr; ähnlich bedeutet +vielleicht berserkr Bärengewand. + +[50] Vgl. Mackel, Die german. Elemente in der französ. und provenzal. +Sprache. Heilbronn 1887, S. 14. + +[51] Über Berserker als Werwölfe Maurer, Bekehrung 2, 108 ff. + +[52] Glücks- und Schicksalsgeister in ihrer Marenabkunft erweist +Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 342 ff. + +[53] Kögel, Beiträge 16, 502 ff. nimmt eine urgermanische +Zusammensetzung _ĭ̄ƕ_ + _dîs_ an, wodurch die nord. Wörter _jódis_ +und _dís_ und die westgerm. _ĭ̄dĭ̄s_ als zusammengehörig erwiesen +werden. _ĭ̄ƕ_ ist etymologisch unklar, zu nord. _dís_ steht got. +_filu-deisei_, Klugheit. _idisi_ und _dísir_ sind demnach kluge, weise +Frauen. Frühzeitig wurden auch die Kampfjungfrauen so bezeichnet. Zur +Etymologie vgl. noch v. Grienberger, ZfdPh. 27, 441. + +[54] Schade, Altdeutsches Wörterbuch² 1, 657 deutet _norni_ +aus *_norhni_, Verschlingung, Verknüpfung, als nornen agentis +Verschlingerin, Verknüpferin der Schicksalsfäden, zum verb. ahd. +_snerhan_ mhd. _snerhen_, verflechten, verknüpfen; vgl. Graff, Ahd. +Sprachschatz 6, 850; über den Wechsel von anlautendem sn: n vgl. +Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre, S. 208; die Erklärung +ist aber sehr unsicher. Die Ableitung der deutschen „Nonnen“ (Panzer, +Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 163, 184; Mannhardt, Germ. Mythen +532 u. 705; Simrock Myth. 351) aus „Nornen“ ist sehr fragwürdig. + +[55] Über den Fatalismus der Nordleute und seine Wirkung auf das +Verhalten der Menschen vgl. Maurer, Bekehrung 2, 162 ff. + +[56] Über Schicksalsfrauen im deutschen Volksglauben Mannhardt, German. +Mythen, Berlin 1858, S. 541 ff.; Fr. Panzer, Beitrag zur deutschen +Mythologie I, 1848, S. 1 ff., II 1855, S. 119 ff. + +[57] Nornagreytur in der antiquarisk tidskrift 1849, S. 308; färösk +anthologi ved Hammershaimb og Jakob Jakobsen Bd. 2, 1891, S. 225. + +[58] Vgl. z. B. Isidors etym. 8, 11, 92 _tria fata finguntur propter +trina tempora: praeteritum ... praesens ... futurum ... quas parcas +tres esse voluerunt, unam quae vitam hominis ordiatur, alteram +quae contexat, tertiam quae rumpat_. Die Stelle war im Mittelalter +hinlänglich verbreitet, mit Unrecht leugnet J. Grimm, Myth. 377 Anm. +ihre Beziehungen zur isländischen Nornendreizahl; muss er doch selbst +S. 378 zugestehen, dass nur Wurd ausserhalb des Nordens vorkommt, von +den zwei andern aber nicht eine Spur. + +[59] Vgl. Golther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der +Münchener Akademie der Wissenschaften, 1. Klasse, 18. Band, 2. Abth. S. +401 ff. + +[60] Merkwürdig ist die Stelle bei Burchard von Worms (J. Grimm, +Myth. 3, 409), welche Hexen als kämpfende Weiber zeigt: _credidisti +quod quaedam mulieres credere solent, ut tu cum aliis diaboli membris +in quietae noctis silentio clausis januis in aerem usque ad nubes +subleveris, et ibi cum aliis pugnes, et ut vulneres alias, et tu +vulnera ab eis accipias_. + +[61] Vgl. Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie I, 317; Wülcker, +Kleinere ags. Dichtungen. Halle 1882, S. 33; zur Erklärung Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 93 f. + +[62] Zur Erklärung des Spruches vgl. Müllenhoff und Scherer, Denkmäler +2³, S. 43 ff.; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 89 f.; v. Grienberger, +ZfdPh. 27, 433 ff. + +[63] Bei Saxo Buch III, S. 112 wird von Hotherus erzählt: _inter +venandum errore nebulae perductum incidisse in quoddam sylvestrium +virginun conclave, a quibus proprio nomine salutatus, quaenam essent, +perquirit. illae suis ductibus auspiciisque maxime bellorum fortunam +gubernari testantur; saepe enim se nemini conspicuas procliis +interesse, clandestinisque subsidiis optatos amicis praebere successus +... quippe conciliare prospera, adversa infligere posse pro libito +memorabant._ -- Die Mädchen gewähren dem Hother eine hieb- und +stossfeste Brünne und raten ihm listig, wie er den Sieg erlangen könne. +Man kann zweifeln, ob hier in Saxos Quelle von Kampfgöttinnen oder +Odins Walküren die Rede war. Im letzteren Fall hätte Saxo die Beziehung +zu Odin getilgt. + +[64] Asmundarsaga in den Fornaldar sögur 2, 483. + +[65] Haraldssaga hardráða, Fornmanna sögur 6, 402. + +[66] Über herfjǫtur vgl. Maurer in Wolfs Zeitschrift für deutsche +Mythologie und Sittenkunde Bd. 2, 341 ff.; Bekehrung 2, 401 f. + +[67] Die Hds. liest _alvitr_; Sven Grundtvig, Saemundar Edda 2. Aufl. +Kopenhagen 1874, S. 215 ff. bessert _álmvítr_, wie _hjálmvítr_, und +erklärt: bogenführender Wicht, Bogenjungfrau. Die Walküren wären somit +mit Helm (_hjálmvítr_), Brünne (_Brynhildr_), Schild (_skjaldmey_, +Schildmagd), Speer und vielleicht auch Bogen (_álmvítr_) bewehrt +gewesen. + +[68] Saxo, Buch 6, S. 266 _ubi Fridlevus noctu speculandi gratia cum +inusitatum quendam icti aeris sonum cominus percepisset, fixo gradu +suspiciens trium olorum superne clangentium hoc aure carmen excepit +.... denique post ipsas alitum voces lapsum ab alto cingulum literas +carminis interpretes praeferebat._ + +[69] Über _unhulþô_, _unholda_ vgl. Kauffmann, Beiträge 18, 151 ff. + +[70] Zur Erklärung des Wortes Hexe vgl. Weigandt, Deutsches Wörterbuch +1, 804; ältere Erklärung bei Schade, Altdeutsches Wb. 1, 363; die +Trennung der ahd. Wörter im Gegensatz zur früheren Auffassung, wonach +_haȥusa_ aus _hagaȥusa_ verkürzt sein sollte, vertreten Kauffmann, +Beiträge 18,155 Anm. 1 und Noreen, Indogerman. Forschungen 4, 326. + +[71] Über _trute_, welche noch heute die bayerische Mundart kennt, vgl. +Grimm, Wörterb. 2, 1453 f.; Schmeller, Bayr. Wb. I², 648 ff. + +[72] Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 339: Bei _troll_ möchte man an +Zusammenhang mit got. _trudan_, an. _trođa_, ahd. _tretan_ denken, an. +_troll_ aus _trođla_, _trolla_ das Treten, Alpdrücken, Alp. + +[73] Vgl. Soldans Geschichte der Hexenprocesse, neu bearbeitet von H. +Heppe, 2 Bde, Stuttgart 1880. + +[74] Vgl. den ags. Segen gegen _hægtessan gescot_, _hægtessan geweorc_ +bei Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie 1, 317. Neben _hægtessan +gescot_ steht _ylfagescot_, Elbenschuss. + +[75] Vgl. Thorsteins saga bœrjarmagns in den Fornmanna sögur 3, 175 ff. + +[76] Ketils saga hængs in. den Fornaldar sögur 2, 131. + +[77] Über die Wichte und Elbe und ihre Sagen bieten die verschiedenen +Sagensammlungen der Neuzeit reiches Material. Schon die deutschen Sagen +der Brüder Grimm enthalten fast alle Haupttypen. Über die Elfen handeln +die Brüder ausführlich in der Einleitung der irischen Elfenmärchen, +Leipzig 1826; jetzt auch abgedruckt in W. Grimms kleineren Schriften I, +438 ff. + +[78] Die Alfar als Seelen erklärt Fritzner, Ordbog 1², 187. + +[79] Vgl. Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879. + +[80] Altdeutsche Namen mit Alb- zusammengesetzt verzeichnet +Foerstemann, Namenbuch 1, 54 ff. + +[81] Über den Namen Albi vgl. Wrede, Sprache der Ostgoten, Strassburg +1891, S. 103. + +[82] Über die Etymologie des Wortes, das mit aind. _ṛbhu_ verwandt +scheint und auf eine idg. Wurzel _elbh olbh_ zurückweist, vgl. Kuhn in +der Zs. f. vergl. Sprachforschung 4, 109; Curtius, Griech. Etym.⁴ 293; +Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 452 ff. Das idg. Wort bedeutet betrügen, +listig, geschickt sein. Den Elben eignet wie den ṛbhus Kunstfertigkeit, +sie sind dem Menschen hilfreich, aber auch trügerisch und tückisch. + +[83] Vgl. J.Grimm, Myth. 447 ff.; 3, 138; Schmeller, Bayer. Wörterbuch +2, 610 ff.; 614 f. + +[84] Über die Zwergensage im Ortnit vgl. Seemüller, ZfdA. 26, 201 ff. + +[85] J. Grimm, Myth. 2, 1109; Haupt, ZfdA. 4, 389; Kuhn, Westfäl. Sagen +2, 19. + +[86] Über die _álfar_ vgl. Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart +S. 2 ff.; Jón Árnason, þjóðsögur 1, 1 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische +Volkssagen 1, 3 ff.; Hammershaimb, færösk anthologi 1, 327. + +[87] Vgl. Maerlant, Spiegel historial 1, 6 von den Alven; Jón Árnason, +_þjóđsögur íslenzkar_ 1, 5; ebenda wird das huldufolk in Holz und +Haide, Hügeln und Gestein aus dem Schwank von Evas ungleichen Kindern +abgeleitet; ein Elbe als ein mit Lucifer gefallener Engel schon bei +Caesarius von Heisterbach 5, 36. + +[88] Die wichtigsten Typen der Koboldssagen, von denen jede +Sagensammlung zahlreiche Beispiele darbietet, enthalten die Deutschen +Sagen Nr. 72/8; vgl. namentlich die trefflichen Erzählungen von +Hütchen und Hinzelmann. Ein altes Zeugniss vom Hausgeist steht bei +Gervasius von Tilbury _otia imperialia_ p. 180. _in Anglia daemones +quosdam habent ... istis insitum est quod simplicitatem fortunatorum +colonorum amplectuntur, et cum nocturnas propter domesticas operas +agunt vigilias, subito clausis januis ad ignem calefiunt et ranunculas +ex sinu projectas prunis impositas comedunt, senili vultu, facie +corrugata, statura pusilli, dimidium pollicis non habentes. panniculis +consertis induuntur et si quid gestandum in domo fuerit aut onerosi +operis agendum, ad operandum se jungunt, citius humana facilitate +expediunt._ Sie führen den einsamen Reiter zur Nacht gern irre und +erheben ein Gelächter, wenn er, von ihnen getäuscht, in den Morast +gerät. + +[89] Die Erklärung des Wortes Kobold nach dem Deutschen Wörterbuch +5, 1548 ff., vgl. auch Kluge, Etym. Wb. unter Kobold. Dem Wortsinne +nach ist schwed. _tomtekarl_, _tomtegubbe_ d. h. Hausmann, Hausgreis, +norweg. _tomtevätte_ Hauswicht, unsrem Kobold gleichbedeutend. + +[90] Über den Butzenmann und andere Koboldsnamen handelt ausführlich, +ein geistvoller Aufsatz Laistners, ZfdA. 32, 145 ff. Die Grundbedeutung +der Koboldsnamen geht fast immer auf poltern, schrecken, Mummerei. + +[91] Überhaupt nähern sich die vielfach gehegten Hausschlangen und +Hausunken dem Begriffe guter hilfreicher Hausgeister. Sie werden +täglich mit Milch gefüttert. Sie spielen mit dem Kinde und bringen ihm +Gedeihen. Sie leben ungestört in Hof und Stall. Werden sie verletzt +oder getötet, weichen sie vom Haus, so geht das Glück mit ihnen. + +[92] Während der Kobold einerseits streng auf das gebührende +Speiseopfer hält, zeigt er sich wiederum durch anderweitige Gaben eher +gekränkt. Werden den hilfreichen Elben Kleider angefertigt und zurecht +gelegt, so fliehen sie mit dem klagenden Rufe „ausgelohnt, ausgelohnt“ +davon und kehren nimmer wieder. + +[93] Sagen vom Klabautermann bei Temme, Volkssagen aus Pommern S. 302; +Wolfs Zs. f. Mythologie 2, 141 ff.; Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, +Holstein und Lauenburg 318 ff.; zur Etymologie Deutsches Wörterbuch 5, +888; Laistner, Nebelsagen S. 334. + +[94] Ebenso J. Köhler, Volksbrauch, Aberglauben und Sagen im +Voigtlande, Leipzig 1867, S. 476. + +[95] Baier in Wolfs Zs. f. Myth. 2, 141; Temme, Volkssagen aus Pommern +und Rügen, Berlin 1840, S. 302. + +[96] Die ahd. Form lautet _nihhus_, crocodilus, die ags. _nicor_, +Wassergeist, Wasserungetüm, an. _nykr-vatnahestur_, Flusspferd, +dän. _nökk_, schwed. _nekk_. Aus der ahd. Form entwickelt sich mhd. +_niches_, _nickes_, woraus nhd. _nix_ entsteht; im Nds. begegnet +wie im Ags. das r-Suffix, _nicker_. Das Fem. ist ahd. _nihhussa_, +_nihhessa_, lympha, woraus mhd. _nickese_, nhd. _nixe_. Zu Grunde +liegt vermutlich eine germ. Wurzel _niq_ aus vorgerm. _nig_ (sanskrit +_nij_, griech. νίπτω, sich waschen, baden), so dass Nix eigentlich +der Badende, der Taucher wäre. Vgl. Kluge, Etym. Wörterbuch unter +Nix; über die Verschiedenheit der Ableitungssilben Noreen, Abriss der +urgerm. Lautlehre S. 65 und 136. An. _nykr_ ist aus älterem _nikwir_ zu +erklären (Noreen, An. Grammatik² § 72, 5), aus der an. Form entstehen +regelrecht die neunordischen. + +[97] Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 124 hält den +schlesischen Namen der Wasserjungfer Wasserlisse, Lisse für eine +Verderbniss aus Wassernixe. + +[98] Witzschel, Sagen aus Thüringen 1, 236, 279, 285. + +[99] Auch Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 112 denkt bei den +fischschwänzigen Nixen an die Meerweiber des ausgehenden Altertums, +die dem deutschen Volke namentlich aus dem romanischen und gotischen +Baustil seit dem 10. Jh. vor Augen kamen. Freilich meint er auch +selbständige Bildung annehmen zu dürfen, aber mit Unrecht. + +[100] Nixensagen in den Deutschen Sagen Nr. 49-69; 83; 305-308. + +[101] Vgl. Maurer, Isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 172 f.; Jón +Árnason, Þjóðsögur 1, 633; Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 2, 16 f. + +[102] Nach Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 1, 65 f.; weiteres bei +Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart S. 31 f.; Jón Árnason, +Þjóđsögur 1, 132 ff.; vgl. auch Hammershaimb, Färösk anthologi 1, 335. + +[103] Vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte. I. Der Baumkultus der +Germanen, II. Antike Wald- und Feldkulte, Berlin 1875 u. 1877; +Mythologische Forschungen, Strassburg 1884. + +[104] Vgl. Mannhardt, Roggenwolf und Roggenhund, Danzig 1865, 2. Aufl. +1866; Die Korndämonen, Berlin 1867. + +[105] Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 31, 52; 2, 71. + +[106] Über den _Bilwis_ vgl. J. Grimm, Myth. 441 ff.; Schmeller, Bayer. +Wörterbuch 1, 230; 2, 1037 ff.; Mannhardt, Antike Wald- und Feldkulte +175 f.; Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 262, 266, 286; Nebelsagen 315 ff. + +[107] Vgl. Weinhold, Die Riesen des germanischen Mythus, in den +Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften Band 26, 1858, +S. 225-306. + +[108] Vgl. die Deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 45; Weiteres bei +Laistner, Nebelsagen S. 256. + +[109] Ob die von Tacitus Germ. 46 erwähnten _Etionas als itjans_, +gefrässige Riesen gedeutet werden können (Müllenhoff, Altertumskunde 2, +354), bleibe dahingestellt. + +[110] Vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 49; aus derselben Wurzel ist der +Volksname _ermun-duri_ und _thuringi_ gebildet, und das nord. Zeitwort +_þora_, wagen. Die frühere Erklärung z. B. noch Mogk im Grundriss 1, +1041 zieht skrt. _tṛš_ lechzen, gierig sein, heran, indem das s in +_þurs_ als wurzelhaft betrachtet wird, was es aber schwerlich ist. + +[111] Zur Etymologie von Hüne vgl. J. Grimm, Myth. 491; Deutsche +Grammatik 2, 462; Müllenhoff, ZfdA. 13, 576; Kögel, AnzfdA. 18, 50; +anders Kluge im Etym. Wb. unter Hüne. + +[112] Teufelssagen, die aus alten Riesensagen stammen, verzeichnet J. +Grimm, Myth. 972 ff. + +[113] Zur Stelle vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand S. 10; +die ags. Stellen, welche _enta geƕeorc_ nennen, bei Grein, Ags. +Sprachschatz 1, 228. + +[114] Zur Sage vom Riesenbaumeister J. Grimm, Myth. 514 ff.; 3, 158; +Menzel, Odin 19 ff.; Scheibles Kloster 9, 7 ff.; Kuhn, Westfäl. Sagen +1, 29; 248 ff.; Simrock, Myth.⁵ 55 ff.; Henne am Rhyn, Die deutsche +Volkssage 242 ff.; Faye, Norske folkesagn 14 ff.; E. H. Meyer, Myth. +153. + +[115] Die Erklärung des Namens, der im Ags. als _Forneot_ wiederkehrt, +ist _Forn-jótr_, alter Riese, Urriese, oder _For-njótr_, Vorbesitzer +des Landes, Oberherr (Uhland, Schriften 6, 22; Falk, Beiträge 14, 9); +Noreen, fornnordisk religion S. 2 schlägt _fórn-njótr_, Opfergeniesser, +vor. + +[116] Von Forniots Geschlecht berichten die Fornaldar sögur 2, 3 ff.; +von Halogi ebenda 2, 383 ff.; zur Sage vgl. Uhland, Schriften 6, 20 +ff.; Mogk, Grundriss 1, 1040. + +[117] Vita St. Galli MG. II. 7 _volvente deinceps cursu temporis +electus dei Gallus retia lymphae laxabat in silentio noctis, sed +inter ea audivit demonem de culmine montis pari suo clamantem, qui +erat in abditis maris. Quo respondente, „adsum“ montanus e contra: +„surge“ inquit „in adjutorium mihi; ecce peregrini venerunt, qui me de +templo ejecerunt;“ nam deos conterebant, quo incolae isti colebant; +insuper et eos ad se convertebant; „veni, veni, adjuva nos expellere +eos de terris!“ Marinus demon respondit: „en unus illorum est in +pelago, cui nunquam nocere potero. Volui enim retia sua ledere, sed +me victum proba lugere. Signo orationis est semper clausus, nec +umquam somno oppressus.“ Electus vero Gallus haec audiens munivit se +undique signaculo crucis dixitque ad cos: „in nomine Jesu Christi +praecipio vobis, ut de locis istis recedatis, nec aliquem hic ledere +praesumatis!“_ + +[118] Vgl. die Armanns Saga; Maurer, Bekehrung 1, 234 Anm. 13. + +[119] Über Beowulf vgl. Müllenhoff, ZfdA. 7, 419 ff.; Beowulf, +Untersuchungen über das Epos, Berlin 1889; Sarrazin, Beowulf-Studien, +Berlin 1888; ten Brink, Beowulf, Untersuchungen, Strassburg 1888; +Uhland, Schriften 8, 479 ff.; Laistner, Nebelsagen S. 88 ff.; 264 ff.; +Kögel, ZfdA. 37, 268 ff.; Literaturgeschichte I, 1, 109 ff. Dass ein +Unhold, und zwar häufig ein Wassergeist, eine menschliche Behausung +unbrauchbar macht, bis ein beherzter Mann ihn daraus vertreibt, ist +ein beliebter Märchenzug; vgl. Simrock, Beowulf 177 ff.; Laistner, +Rätsel der Sphinx 2, 15 ff. Der Name Grendel macht Schwierigkeit. Den +deutschen Sprachen ist das Wort _grendel_, _grindel_ = Riegel, ganz +geläufig. Der Teufel heisst Höllriegel. Sollte Grendels Name und seine +Mutter aus christlichen Volksvorstellungen vom Teufel stammen? Das +Beowulf-Gedicht ist mit Teufelsaberglauben ja vertraut und verweist den +Wasserriesen ausdrücklich zu den Teufeln. Unter Beziehung aufs mndl. +Wörterbuch 2, 2129 erklärt Kögel ZfdA. 37, 275 Grendel als Schlange, +und leitet den Namen aus dem Zeitwort _grinden_, knirschen, zischen, +brausen. Grendel ist die brausende Wasserschlange, die hereintosende +Sturmflut. Da in der SE. 2, 480 _grindilt_ eine Bezeichnung des Sturmes +ist, und das Wort möglicherweise zu _grenja_, heulen, tosen (vom Sturm +und Wasser gebraucht) steht, wurde auch diese Etymologie vorgeschlagen; +vgl. Mogk, Grundriss 1, 1043. + +[120] _ægir_ ist aus _âgu̯iaz_ entfaltet und steht zu got. _ahua_, lat. +_aqua_; völlig verschieden ist _œgir_, der Schrecker, zum ablautenden +Zeitwort _agan_, _ôg_ fürchten, an. _œgiask_ sich fürchten; vgl. K. +Gislason, aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1876, S. 313 ff.; +Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 59; von Ägir erzählen +Hym., Lokas., Bragar; über seine Deutung vgl. Uhland, Schriften 6, 92 +ff. + +[121] Vgl. Weinhold, Riesen S. 235 f.; zu _hlé_, Obdach, gestellt ist +Hlér der Deckende, Schützende. + +[122] Die Stellen, welche Gymir nennen, sammelt Sveinbjörn Egilsson, +Lexicon 282; Gymir fällt im Wortsinn mit Hlér zusammen, es bedeutet +Schützer, zum Verbum _geyma_, bewahren, beschützen; Kaufmann, Beiträge +18, 175. + +[123] Von Hymir erzählt die Hymeskviþa u. Gylfag. Kap. 48, wo der Name +Ymir und Eymir verschrieben ist; vgl. K. Gislason in Danske vidensk. +selsk. skr. 5, 4 (1874), S. 435 ff. Hymir steht wol zu _humr_ m., _hum_ +n., Dämmerung, Dunkelheit, graue Meerflut. Hymirs Wesen erklärt Uhland, +Schriften 6, 91 f.; in den Beiträgen 18, 170 ff. deutet Kauffmann Hymir +als den Dümmling, den Blöden, zu _hýma_, dösig sein. + +[124] Über Wado vgl. Müllenhoff, ZfdA. 6, 62 ff. + +[125] Über Starkad Aludreng, d. h. Spross des Ala vgl. der Hervararsaga +Kap. 1 und die Gautrekssaga Kap. 3; dazu Uhland, Schriften 6, 101 ff. + +[126] Über Meerungeheuer vgl. Maurer, Isländische Volkssagen 30 ff. + +[127] Über die Weltschlange Vǫl. 50; Hym. 22/4; Gylfag. Kap. 34, 47, +48, 51; vgl. ferner unten im Abschnitt über Thor. + +[128] Über Fenrir Vǫl. 40, 53, 54; Vafþ. 46/7; Hyndl. 40; Gylfag. Kap. +34 u. 51; dazu die Abschnitte über Tyr und Odin. + +[129] Gr. δράκων, lat. _draco_, ags. _draca_, an. _dreki_, ahd. +_traccho_. Litteratur über den Drachen als Giessbach bei Laistner, +Nebelsagen 256 f. + +[130] Über Mimir vgl. Uhland, Schriften 6, 197 ff.; Weinhold, Riesen +243 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 101 ff., und unten im Abschnitt +über Odin. Namen, die mit Mimir zusammengesetzt sind, verzeichnet +Fürstemann, Namenbuch 1, 931 ff. (Mimo, Mimilo, Mimolt, Mimidrud, +Mimihilt, Mimigard) u. 2² (Ortsnamen) S. 1099 ff. + +[131] Litteratur zum wilden Jäger bei E. H. Meyer, Mythologie 236 ff. + +[132] Abgedruckt nach einer Münchener Handschrift von J. Grimm, Myth. +3, 493 f.; ebenda 494 der deutsche Segen. Nach Wackernagel, ZfdA. 6, +290 f. steht der im Ahd. belegte Name _Scrâƕunc_, zu mhd. _schrâ_, +Hagel, Reif, Schnee, als Wetter- und Hagelmacher neben Fasolt und +Mermeut, den Wind- und Wetterriesen. + +[133] Hrungnir wird von Weinhold, Riesen 272 Anm. aus an. _hrang_, +Schall, Getöse, und _hringja_, läuten, _hringla_, klingeln als der +Schallende, Rauschende erklärt. + +[134] Vgl. J. Aasen, norsk ordbog 348; J.E. Rietz, ordbok öfver svenska +allmogespråket 379. + +[135] Hrímþursar in Vafþr. 33; Skírn. 35; Grímn. 31; Hǫ́v. 108 und an +mehreren Stellen der SE. + +[136] Vgl. _bergrisar_, _bergbúar_, _bergjarlar_, _bergdanir_, +_bergmærir_, _bergstjórar_ (Bergbeherrscher), _bergýrar_ +(Bergauerstiere), _bjarga gætir_ (montium custos), _hraundrengr_ +(Gesteins- oder Lavaleute), _hraunbúar_ (Lavabauern), _hraunhvalr_ +(Lavaseehund), _gljúfrskeljungr_ (Klippenseehund), _fjallagyldir_ +(Bergwolf), _gitja grundar gramr_ (Beherrscher des Klüftelandes), +_hellis burr_ (Höhlensohn), _fjǫro þjóđ_ (Strandvolk) u. s. w. + +[137] Vgl. J. Grimm, Myth. 518; 3, 158; ZfdA. 4, 503 f. + +[138] Die Watzmannssagen bei Vernaleken, Alpensagen 101; Panzer, +Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 245 ff. + +[139] Vgl. Weinhold, Riesen 268. + +[140] Zum Mühlenlied Finnur Jónsson, den oldnorske og oldislandske +litteraturs historie 1, 214 ff.; ein Mühlenmärchen, dessen Verhältniss +zum Grottasǫngr aufzuklären ist, bietet Jón Árnason, íslenzkar +þjóðsögur 2, 9 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen 2, 45 ff.; +Uhlands Deutung, Schriften 7, 106 ff.; über Wunschmühlen Laistner, +Nebelsagen 324 ff. + +[141] In der Vǫlsungasaga Kap. 1 erscheint übrigens ebenso die Tochter +des Riesen Hrimnir namens Hljod als Wunschmaid Odins, eine Riesin als +Walküre. + +[142] Über den wilden Mann vgl. Mannhardt, Der Baumkultus der Germanen +S. 105 und öfters; über Waldriesinnen ebenda S. 88 ff.; über die rauhe +Else S. 108 ff. + +[143] Zu _hyrr_, Feuer und _rok_, Wirbel; so Weinhold, Riesen S. 278; +Bugge, Studien S. 230, Anm. 4 schlägt die Lesart Hyrrokkin vor und +erklärt _hyr-hrokkin_, die Feuergekräuselte; bei der Lesart Hyrrokin +stellt er _rokin_ zu _rjúka_, rauchen, dampfen, also die feurig +Rauchende. + +[144] Über Surt vgl. Vǫl. 52; Vafþr. 50/1; Gylfag. Kap. 4, 5, 13, 51 +sowie unten im Abschnitt über den Weltbrand. Eine grosse Lavahöhle +Islands ist nach Surt benannt, _Surtshellir_; nach der Landnáma 3 Kap. +10 dichtete ein Isländer ein Lied zu Ehren des Riesen in der Höhle. +Die Pechkohle heisst auf Island _Surtar brandur_; vgl. Jón Árnason, +Þjóðsögur íslenzkar 1, 142; 657; 665. + +[145] Vgl. Uhlands Abhandlung über die deutschen Volkslieder, Abschnitt +I Sommer und Winter. + +[146] Der Segen bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³ IV, 6; dazu die +Anmerkungen im 2. Bande S. 53; vgl. J. Grimm, Kl. Schriften 2, 147; +Myth. 3, 153; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 265. + +[147] Zur Etymologie Kluge, Etym. Wb. unter Gott; Brugmann, Grundriss +2, 212; Feist, Gotische Etymologie, Strassburg 1888 S. 46; im Altind. +lautet die Participialform _hutá_, _hûtá_, im Avest. _zûta_; im Veda +ist _puruhûta_ ein stehendes Beiwort des vielgerufenen Indra. Ältere +Erklärungsversuche des Wortes Gott verzeichnet Schade, Altdeutsches +Wörterbuch 1², 342. + +[148] Die Runeninschrift von Kragehul (Dänemark) zeigt den Namen +_asugisalas_ für _ansugisalas_ (an. _Ásgísl_); vgl. Noreen An. Gr.² S. +260; in der Þrymskviþa 16 ist vielleicht _ǫ́sur_ für _ǫ́ss_ zu lesen, +vgl. Symons, Die Lieder der Edda I, 1 S. XV. + +[149] Urverwandt ist aind. _devas_, gr. δῖος, lat. _divus_, air. _dia_. +Die an. _díar_, welche beim Skald Kormak und in der Ynglingasaga +begegnen, sind der irischen Sprache entlehnt, vgl. Bugge, Studien S. +30. Wie sich der Dativ sing, _tívor_ in Vǫl. 32 zu dem Plur. _tívar_ +und dem dazu gehörigen Sing. _tír_ (Noreen, An. Grammatik² § 72 Anm. +7) verhält, ist rätselhaft. Es wird ein Nom. Sing. _tívurr_, Gott, +angesetzt. + +[150] Die Stellen, wo ausserdem im Ags. _meotudsceaft_ im Sinne von +Verhängniss, Tod, vorkommt (im Crist 888 bedeutet es jüngstes Gericht), +bei Grein, Ags. Sprachschatz 2, 240; über _regano_ und _metodogiscapu_ +vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, 2. Ausg. Marburg 1862, +S. 12 ff. u. 16; _metod_ als Richter erklärt Kauffmann, Beiträge 18, +180 mit Hinweis auf gr. μεδέων und irisch _coimdiu_ aus *_com-mediu_ +„Richter“. + +[151] Diese Auslegung Odrerirs schlägt Bugge, Studien über die +Entstehung der nordischen Götter und Heldensagen S. 563 f. vor. + +[152] Zum Alter der Vǫlospǫ́ en skamma vgl. Finnur Jónsson, Litteraturs +historie 1, 204. + +[153] Über die Form des idg. _*di̯eu̯-_ _*dii̯eu̯-_ (zur Wurzel +_dĭ̄u̯_) Brugmann, Grundriss der vergl. Grammatik d. idg. Spr. II S. +451; an. _Týr_ < _Tieuȥ_ Noreen An. Gr.² § 68, 7; ags. _Tíƕ, Tíg_ zu +erschliessen aus überliefertem _Tíƕes-Tigesdæg_, Sievers Ags. Gr.² +§ 250, 1 Anm. 2; das Fries. gewährt _Tiesdi_, _Tisdei_, Richthofen, +Afries. Wb. 1084; ahd. _Zio_, _Ziu_, aus überliefertem _Ziestag_, +Graff, Ahd. Sprachschatz 5, 358, 361, mhd. _zîstag_, Lexer, Mhd. Wb. +III 1136, schwäb. _zisteg_, _zeisteg_, Schmeller, Bair. Wb. II 1071. Zu +den Verderbnissen in _zinstag_, _dingstag_, _dienstag_ Grimm, Deutsches +Wb. II 1119, Andresen, ZfdA. 30, 415, Kluge, Etym. Wb. unter Dienstag. +Ob die ahd. Glosse _ziu_, turbines hergehört? J. Grimm, Myth. 184 +erklärte „Wetter der Schlacht“ „Mars trux oder saevus“. In Deutschland +sind keine Orts- oder Eigennamen mit Sicherheit auf Zio zurückzuführen. +Ziolf Förstemann II, 1658 gehört nicht her. Über _Ciesburg Ciuuari_ +vgl. S. 205 Anm. _Teƕesley_ in England neben _Thursley_ (_Thunresléah_) +und _Wanborough_ (_Wódenesbeorh_) weist vielleicht auf ags. +_Tíƕesléah_; Kemble, the Saxons in England I, 351. Ganz anders erklärt +Bremer (Indogerm. Forschungen 3, 301 f.) den Namen. Auf Grund von +ags. _Tíƕ_, afries. _Tî_ an. _tífar_, mhd. _zîstac_ setzt er urgerm. +_Tîƕaȥ_ = lat. _dívus_, aind. _dēva_, air. _dia_, lit. _dë̃vas_ in +der Bedeutung „Gott, göttlich“ an. Ahd. _Zîo_ wurde zu _Zî_ und _Zio_ +(Braune Ahd. Gr. § 108 Anm. 2, § 43, Anm. 6). Ein Zusammenhang mit dem +griech. lat. aind. Himmelsgott sei ausgeschlossen; vgl. auch Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 14 Anm. + +[154] Tac. Hist. IV 64 _igitur Tencteri, Rheno discreta gens, missis +legatis mandata apud concilium Agrippinensium edi iubent, quae +ferocissimus e legatis in hunc modum protulit: redisse vos in corpus +nomenque Germaniae communibus deis et praecipuo deorum Marti grates +agimus._ + +[155] Tac. Germ 9 _Herculem ac Martem concessis animalibus placant._ + +[156] Tac. Germ. 39 _vetustissimos nobilissimosque Sueborum Semnones +memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore in +silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem +sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant +barbari ritus horrenda primordia. est et alia luco reverentia: nemo +nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se +ferens. si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per +humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tanquam inde initia +gentis, ibi regnator omniun deus, cetera subiecta atque parentia._ + +[157] Tac. An. XIII, 57 _sed bellum Hermunduris prosperum, Chattis +exitiosius fuit, quia victores diversam aciem Marti ac Mercurio +sacravere, quo voto equi viri, cuncta viva occidioni dantur. et minae +quidem hostiles in ipsos vertebant._ Zur Erklärung der Worte vgl. J. +Grimm, Myth. 999 Anm. + +[158] Prokop, _bell. got. 2, 15_ von den Thuliten d. h. den +Skandinaviern: θύουσι δὲ ἐνδελεχέστατα ἱερεῖα πάντα καὶ ἐναγίζουσι. +τῶν δὲ ἱερείων σφισὶ τὸ κάλλιστον ἀνθρωπός ἔστιν, ὅνπερ ἄν δοριάλωτον +ποιήσαιντο πρῶτον. τοῦτον γὰρ τῷ Ἄρει θύουσιν, ἐπεὶ θεὸν αὐτὸν +νομίζουσι μέγιστον εἶναι. + +[159] Jord. Get. 5 _quem Martem Gothi semper asperrima placavere +cultura. nam victimae eius mortes fuere captorum, opinantes bellorum +praesulem aptius humani sanguinis effusione placandum. huic praedae +primordia vovebantur, huic truncis suspendebantur exuviae._ + +[160] Amm. Marc. XVII, 12 von den Quaden: _eductis mucronibus, quos pro +numinibus colunt, iuravere se permansuros in fide._ + +[161] Jord. Get. 35 _cum pastor quidam gregis unam buculam conspiceret +claudicantem, nec causam tanti vulneris inveniret, sollicitus vestigia +cruoris insequitur, tandemque venit ad gladium, quem depascens herbas +incauta calcaverat, effossumque protinus ad Attilam defert. quo ille +munere gratulatus, ut erat magnanimis, arbitratur se mundi totius +principem constitutum et per Martis gladium potestatem sibi concessam +esse bellorum._ + +[162] Tac. Germ. 24 _genus spectaculorum unum atque in omni coetu idem. +nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se atque infestas +frameas saltu iaciunt. exercitatio artem paravit, ars decorem, non in +quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae pretium est +voluptas spectantium._ Vgl. Müllenhoff, Über den Schwerttanz (in den +Festgaben für Gustav Homeier) Berlin 1872; weitere Litteratur gibt John +Meier in Pauls Grundriss II 1, 835. + +[163] Tac. Germ. 10 _proprium gentis equorum quoque praesagia ac +monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et +nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex +vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant. +nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem, sed apud +proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios +putant._ + +[164] Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 291. Chr. Petersen, +Hufeisen und Rosstrappen im Archiv der schlesw.-holst.-lauenb. +Gesellschaft für vaterländ. Geschichte Band 19, 194 ff. + +[165] Im November 1883 wurden zu Housesteads am Hadrianswall in England +zwei Altäre und ein hoher giebelartiger Aufsatz gefunden mit bildlichen +Darstellungen und Inschriften versehen. Die Reliefbilder sind durchaus +römisch und so auszulegen. Eine mit Helm, Speer und Schild bewaffnete +Kriegergestalt, zu ihrer Rechten ein Vogel, steht in der Mitte eines +bogenförmigen Halbrunds. Auf beiden Seiten sind nackte Figuren mit +Kränzen und Stäben angebracht. Es ist Mars mit der Gans und zwei +Viktorien oder Eroten. Eine Beziehung auf germanische Vorstellungen, +wie Hoffory in dem Relief des Aufsatzes sie findet, ist unstatthaft. +Die Inschriften der Altäre lauten: _Deo Marti et duabus Alaisiagis et +numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti cunei Frisiorum Ver. Ser. +Alexandriani v[otum] s[olverunt] l[ibenter] m[erito]. Deo Marti Thingso +et duabus Alaesiagis Bede et Fimmilene et numinibus Augustorum Germani +cives Tuihanti v. s. l. m._ + +Hierzu vgl. die Abhandlungen von Hübner, Westdeutsche Zeitschrift +3, 120, 287; Mommsen, Hermes 19, 232; Scherer, Sitzungsberichte der +Berliner Akademie 1884, 571; Brunner, Zeitschrift der Savignystiftung +(1884) 5, 226; W. Pleyte, mededeelingen d. kon. akad. van wetenschappen +(afdeel. letterkunde) 3, 2, 110; F. Möller, Westd. Zeitschrift 5, 321; +M. Ihm, Bonner Jahrbücher 1883, 173 ff.; R. Schröder, Rechtsgeschichte +1, 17, 36; Hoffory, Gött. Nachrichten 1888, 426; Weinhold, ZfdPh. 21, +1; Jäckel ebenda 22, 257; Hübner, Römische Herrschaft in Westeuropa, +Berlin 1890, 57 ff.; Heinzel, Wiener Sitzungsberichte phil.-hist. +Klasse Bd. 119, 50 ff.; Kauffmann, Beiträge 16, 200; Siebs, ZfdPh. 24, +434 ff. + +[166] Die Glosse _Cyuuari suapa_ steht in der Wessobrunner Handschrift +(Müllenhoff-Scherer, Denkm. 3. Aufl. II 1 f.) aus dem Ende des 8. +Jahrh.; Laistner vermutet urspr.: _recia suapolant reciuuari suapa. +Civitas Augustensis id est Ciesburc_, findet sich in einem alten +Verzeichniss von Städtenamen der Germania prima Bouquet, recueil des +historiens des Gaules et de la France II, 10; Bachlechner, ZfdA. 8, +587; Chroniken deutscher Städte 4, 281 Anm. 7. Verwertet wurden die +Schwaben als Ziuleute von J. Grimm, Myth. 180; Müllenhoff, Schmidts +Zeitschr. 8, 247 und öfters. Zur Frage sehr beachtenswert L. Laistner, +Württb. Vierteljahrshefte für Landesgeschichte N. F. 1892, 2 ff. + +[167] Germania 2 _celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos +memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum et filium +Mannum originem gentis conditoresque. Manno tris filios assignant, +e quorum nominibus proximi oceano Ingaevones, medii Herminones, +ceteri Istaevones vocentur._ Bei Plinius hist. nat. 4. 99 _Germanorum +genera quinque: Vandili, quorum pars Burgundiones, Varinnae, Charini, +Gutones; alterum genus Ingvaeones, quorum pars Cimbri, Teutoni et +Chaucorum gentes; proximi autem Rheno Istvaeones quorum pars Cimbri (l. +Sigambri?); mediterranei Hermiones, quorum Suebi, Hermunduri, Chatti, +Cherusci; quinta pars Peucini, Bastarnae supra dictis contermini +Dacis._ Plinius, an welchen Tacitus wahrscheinlich sich anlehnt, weiss +nichts von den Stammesheroen. In der um 520 verfassten fränkischen +Völkertafel erscheinen aber _tres fratres, Erminus, Inguo el Istio_. +Müllenhoff, Abhandlungen der Berliner Akademie 1862, S. 532 ff. + +[168] Zur Wortbildung von Tuisto oder Tuisco vgl. Brugmann, Grdr. II +468 und 507; got. _tvis_ auseinander; mhd. _zƕis_, aisl. _tvisvar_ +2mal; ahd. _zƕisk_, _zƕiski_, zweifach; aisl. _tvistr_, zwiespältig; +engl. _tƕist_ zweifädiger Strick; nhd. _zƕist_; gr. δίς, lat. _bis_ +< _duis_. Zur Auslegung Wackernagel ZfdA. 6, 19; Müllenhoff, ebenda +9, 261. Schade, Altdeutsches Wörterbuch 2. Aufl. S. 974 f. weist auf +mundartliches nhd. _tƕister_, „Zwitter“ hin. + +[169] Müllenhoff, über Tuisco und seine Nachkommen in der allgemeinen +Zeitschrift für Geschichte, hrsg. von A. Schmidt, Bd. 8, 209 ff.; +Scherer, Sybels histor. Zeitschrift, N. F. 1, 160; Müllenhoff, ZfdA. +10, 562; ebenda 23, 1 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur +I, 1, 13 ff.; Hoffory, Gött. gelehrte Anzeigen vom 1. März 1888 und +Nachrichten der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1888, +No. 15; vgl. auch Hoffory, Eddastudien I Berlin 1889, 101 ff., 153 ff.; +Ludwig Laistner, Germanische Völkernamen, in den württembergischen +Vierteljahrsheften für Landesgeschichte, N. F. 1892, 1 ff Auch bei den +meisten andern neueren Gelehrten tritt die hieratische Auslegung der +germ. Völkernamen merklich zurück. + +[170] Runenlied 68. + + _Ing ƕæs ærest mid Eastdenum + geseƕen secgun, oþ he siđđan est + ofer ƕæg geƕat, ƕæn æfter ran: + đus heardingas đone hæle nemdun._ + +Heardingas ist nicht als Eigenname, sondern appellativ im Sinn von +Helden, Männern zu fassen. J. Grimm, Myth. 316; Müllenhoff, ZfdA. 23, +11. Eigennamen mit Ingu- sammelt Müllenhoff, ZfdA. 9, 250. + +[171] Müllenhoff, ZfdA. 7, 410 ff.; Müllenhoff, Beovulf, Untersuchungen +über das ags. Epos und die älteste Geschichte der germanischen +Seevölker, Berlin 1889, S. 6 ff.; Binz, Beiträge 20, 147 ff. Dass die +Mythen von Skéaf auf Ingvo zurückgehen, führt Müllenhoff a. a. O. 11 +aus. Dem Göttermythus entstammt die spätere Sage vom Schwanritter, die +nach den Niederlanden verlegt wurde. + +[172] Widukind 1, 12 nach dem Sieg der Sachsen über die Thüringer bei +Scheidungen: _Mane autem facto ad orientalem portam ponunt aquilam, +aramque victoriae construentes, secundum errorem paternum, sacra sua +propria veneratione venerati sunt, nomine Martem, effigie columpnarum +imitantes Herculem, loco Solem, quem Graeci appellant Apollinem. ex hoc +apparet aestimationem illorum utcumque probabilem, qui Saxones originem +duxisse putant de Graecis, quia Hirmin, vel Hermis graece, Mars +dicitur; quo vocabulo ad laudem vel ad vituperationem usque hodie etiam +ignorantes utimur._ Um die Stelle richtig zu verstehen, muss man erst +Widukinds gelehrte Weisheit von Apollo, Hermis und Hercules absondern; +hiezu Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 242 ff. + +[173] Müllenhoff, Allgem. Zeitschrift f. Gesch. Hrsg. von Adolf +Schmidt, Band 8, 268. + +[174] Über Týr vgl. Gylfag. Kap. 25, 34, 51. Hym. 5, Lokas. 38-40, +Sigrdr. 6. _Týs áttungr_ heissen die Könige Egill Tunnadólgr und Sigurd +jarl in der Ynglingasaga, Kap. 30 und der Haraldssaga Gráfelds, Kap. 6. +Für Eigennamen und sonstige Zusammensetzungen, in denen Týr vorkommt, +vgl. Sveinbjörn Egilsson, Lexicon poeticum 828. + +[175] Göttingische gelehrte Anzeigen 1891, S. 193 ff. + +[176] Stephens, aarböger for nordisk oldkyndighed og historie 1875, S. +109 ff. Tyr auf Thor zu beziehen, wie H. Petersen, gudedyrkelse S. 97 +will, geht nicht an. + +[177] J. Grimm, Mythologie 182; Mogk, Pauls Grundriss I, 1055; +Schmeller, Bayer. Wb. I, 127; im ags. Runenlied steht _tír_ und _ear_ +für das Zeichen ᛠ, W. Grimm, Über deutsche Runen, Göttingen 1821, Tafel +III; _ziu_ im cod. Vind. 64, ebenda Tafel I, _aer_ im cod. Sang. 270, +Tafel II. + +[178] In der Stammtafel der Ostsachsen begegnen die Namen +_Seaxnéat_(Mars), _Gesecg_ und _Andsecg_ (Symmachus und Antimachus), +_Sveppa_ (einer, der Getümmel anrichtet), _Sigefugel_ (siegverkündendes +Zeichen), _Heđca_ und _Bedeca_ (viri caedis et stragis), alles +Beiwörter eines und desselben Wesens: die Momente der Schlacht sind als +Söhne des Kriegsgottes dargestellt. Müllenhoff, Schmidts Zs. f. Gesch. +S, 249; ZfdA. 11, 291. Die Stammtafeln übersichtlich bei Grimm, Myth. +3, 377 ff.; O. Haack, Zeugnisse zur aengl. Heldensage, Kieler Dissert. +1893, 23 ff. + +[179] Den Volksnamen als einen ‚hieratischen‘ leiten J. Grimm, Myth. +185, Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 252, vom Gott ab; die oben +vorgetragene Ansicht vertritt Laistner, württb. Vierteljahrshefte f. +Landesgeschichte, N. F. 1892, S. 29. + +[180] Tac. Germ. 43 _apud Nahanarvalos antiquae religionis +lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos +interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini, +nomen Alcis, nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis +vestigium; ut fratres tamen, ut juvenes venerantur_. Vgl. Myriantheus, +Die Açvins oder arischen Dioskuren, München 1876. Müllenhoff, ZfdA. 12, +346 ff. 30, 217 ff. Roediger, Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde l, +241 ff. Wolfskehl, German. Werbungssagen, Darmstadt 1893, S. 18 ff. + +[181] Tas. Germ. 40, _Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini +et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis muniuntur. +nec quisquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id +est terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum, invehi +populis arbitrantur. est in insula oceani castum nemus, dicatumque +in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti concessum. +is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis multa +cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa loca, quaecumque +adventu hospitioque dignatur. non bella ineunt, non arma sumunt; +clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum amata, +donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo +reddat. mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum +secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus haurit. +arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, quod tantum +perituri vident._ + +[182] Die Bedeutung des Namens ergibt sich aus den andern german. +Sprachen. Freyr weist auf urgerm. _fraujaz_; neben der starken Form, +welche der Göttername bewahrt, steht sonst die schwache, das Thema +_fraujan_, im got. _frauja_ as. _frôio_ ags. _frígea_, daneben +Ableitungen ohne j (Kluge, Nominale Stammbildungslehre der altgerm. +Dialekte, Halle 1886, § 14) ags. _fréa_ as. _frô frao_ ahd. _frô_. +Das Wort wird dem weltlichen Herrn, mit Vorliebe aber Gott beigelegt. +Wulfila übersetzt κύριος damit. Vgl. Kluge, Etymol. Wb. unter „frohn“. +Eine neue Deutung schlägt Kögel (ZfdA. 37, 272) vor. Der Göttername +urgerm. _*Fraƕias_, an. _Freyr_ ist von dem adj. _fraƕa-_ froh, heiter, +sanft abgeleitet, wie sanskrit Bhavya von Bhava. Nur diese Ableitung +wird dem Wesen des Gottes, in dem die milde, wärmende Frühjahrssonne +verkörpert ist, völlig gerecht. Dagegen ist got. _frauja_ Herr nebst +dem entsprechenden Femin, ahd. _frouƕa_ (aus _frauƕjâ_) fern zu halten. +_frauja_ ist eine Steigerungsform zu _*fraƕa_, ahd. as. _frô_ ags. +_fréa_ Herr; dieses adj. _*fraƕa_ ist wurzelverwandt mit aind. _pûrva_ +der vordere, got. _fruma_ der erste. Der Gleichklang von _fraƕa_ froh +und _fraƕa_-Herr beruht also auf Zufall. + +[183] Zu idg. _nertu-_ Fick, Vergleichendes Wb. d. idg. Sprachen I, 4. +Aufl. 98, 503; Kauffmann, Beiträge 18, 145. Ältere Erklärungsversuche +stellt Schade. Altd. Wb. I, 645 zusammen. Kögel, Gesch. d. deutschen +Litt. I, 1, 22 und Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre 209 vergleichen +Nerthus mit νέρτεροι, „die Unterirdischen“, νέρτατος u. Ä. + +[184] Über den Zusammenhang von Nerthus mit Njord-Freyr u. über die +Wanen Uhland, Schriften 6, 150 ff.; 7, 494 ff. Müllenhoff, Schmidts +Zeitschrift f. Gesch. 8, 227 ff.; Deutsche Alterthumskunde 5, 1, 39 +ff., 95 ff.; Weinhold. Über den Mythus vom Wanenkrieg, Sitzungsberichte +der Berliner Akademie 1890, S. 611 ff. Spuren vom Wanenkrieg glauben +Detter und Heinzel, Beiträge 18, 542 ff. in mehreren Erzählungen Saxos +nachweisen zu können. Ganz anders erklärt H. E. Meyer, Völuspa. S. 93 +ff. den Wanenkrieg aus christlichen Vorstellungen. + +[185] Njord heisst _vananiđr_, _vanr_ Skáldsk. Kap. 6; Vafþm. 39, + + In Wanaheim ward er von weisen Mächten geschaffen, + und als Geisel den Göttern gesandt; + doch dereinst wird er kehren am Ende der Welt + zu den weisen Wanen zurück. + +Freyr heisst _vaningi_ Skírn. 38; _vanaguđ_ Skáldsk. Kap. 7; Freyja +_vanadís_ Gylfag. Kap. 35; Skáldsk. Kap. 20 _vanagođ_; ebenda Kap. 37 +_vanabrúđr_. Sonst steht der Ausdruck noch in der Ynglingasaga. + +[186] Im Heliand begegnet ein Adj. _ƕanum_, hell, glänzend, dazu +Adv. _ƕanamo_ und Subst. _ƕanamî_. Vielleicht gehören dazu die ahd. +Eigennamen _Wanine_, _Wanilo_, mit Umlaut _Wenilo_, _Wenila_. Ob +_ƕänum_ oder _ƕânum_ anzusetzen ist, darüber gehen die Ansichten +auseinander. Entweder gehören die nord. _vanir_ oder das an. _vænu_, +schön dazu. Zum Wort J. Grimm, Gött. gel. Anz. 1831 n. 8, S. 74; +Geschichte der ds. Spr. 653 f.; Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, +Marburg 1845, 17 ff.; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 240; Behaghel, +Germania 21, 143; Sievers, Heliand S. 505 zu 168 u. S. 539 zu 5766. Aus +den verwandten Sprachen bietet sich zum Vergleich _Venus_, _venustus_, +sanskrit _vanas_, Reiz, Wonne. Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, +Strassburg 1894, S. 50 u. 53 zieht aind. _vanam_, Wasser heran, ags. +_ƕos_ an. _vás_ (aus _ƕans_) Nässe und erklärt Vanir als Seegötter. Der +altschwedische Seename _Væ̂nir_ stehe im Ablaut zu Vanir. Freyr und +Njord als Seegötter wären teilweise wol zu verstehen. + +[187] Als Gylfis Verblendung (Gylfaginning) erzählt Snorri seine +nordische Mythologie. König Gylfi wandert nach Asgard, um die Macht +der Asen zu erkunden. Diese, welche seine Ankunft voraus wussten, +machten ihm als Blendwerk eine hohe Halle vor. Von drei Männern auf +drei Hochsitzen erhält Gylfi Belehrung über die gesamte Göttersage. +Zum Schluss verschwand die Halle mit starkem Getöse und Gylfi sah sich +plötzlich allein auf freiem Feld. + +[188] Über Freyr ausser den Skírnismǫ́l Lokas. 35-37; 42-44; Grímn. 5, +43; Hyndl. 31; Sigurþarkv. skamma 24; Gylfag. Kap. 24, 34, 37, 43, 49, +51; Skáldsk. Kap. 3. + +[189] Freys Goldhelm bei Munch, norr. gudesagn S. 11; Noreen, +Uppsalastudier 207; Uhland, Schriften 6, 159 ff. + +[190] Über Njord Lokas. 34-36; Vafþr. 38, 39; Grímn. 16; Gylfag. Kap. +23, 24; Bragar. Kap. 2. + +[191] Vatnsdœlasaga S. 80. + +[192] _Uppsalir_ sind die hohen, hochliegenden Säle, wie _Uppland_ die +Hochlande. Dass damit eigentlich die Himmelssäle (vgl. _upphiminn_) +gemeint seien, behauptet Noreen, fornnordisk religion, mythologi +och teologi (Vortrag vom 9. März 1892) S. 8. _Freyr í Uppsǫlom_ sei +eigentlich der Herr im Himmel und diese Bezeichnung verursachte die +feste Anknüpfung des Freysdienstes an Uppsala in Schweden. + +[193] _Freys áttungr_ Ynglingasaga Kap. 33; Haralds saga hárfagra Kap. +13; _Freys afspringr_ Ynglingasaga Kap. 23. + +[194] Vgl. die Hrafnkelssaga Freysgoða. Über das Ross Faxi +Vatnsdœlasaga Kap. 34; über Eiðfaxi Landnáma III Kap. 8. + +[195] Þorðr Freysgoði Landnáma IV Kap. 10; die Freysgyðlingar ebenda +IV Kap. 13 und V Kap. 15; zu Þorgrim Gisla saga Súrssonar hrsg. von K. +Gislason S. 32 und 116. _Freys vinr_ heisst Sigurd in der Sigurþarkv. +skamma 24; _Fréaƕine_ in den ags. Stammtafeln, _Froƕinus_ bei Saxo +Gramm. und in ahd. Urkunden; vgl. J. Grimm, Myth. 192. + +[196] Aus dem Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler +IV, 6), wo die Namen _Vro unde Lazakere_ in einer sonst verderbten +Überlieferung vorkommen, entnimmt J. Grimm, Kl. Schriften 2, 48 eine +Bestätigung des Frokultes; vgl. dazu MSD. II³ 52; Kögel, Gesch. d. +deutschen Litt I, 1, 263 f., wo auch weitere unsichere Vermutungen über +den Mythengehalt des Segens. + +[197] Vigaglúmssaga Kap. 9 u. 26. + +[198] Brandkrossa þáttr hrsg. von G. Þorðarson S. 59. + +[199] Hervararsaga, hrsg. von Bugge, S. 233 u. 332. + +[200] In der um 1330 auf Island verfassten ausführlicheren Olafssaga +Tryggvasonar Flateyjarbók I. 337 ff. + +[201] In der ausführlichen Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók I, 400 +ff. + +[202] Kristnisaga K. 6; Gudbrand Vigfússon, _biskupa sögur_ I 10. + + _heldr getu vér at valdi, + vera munu bǫnd í londum,_ + _geisar á međ ísi, + ásríki gný slíkum._ + Var. (_allríkr Freyr [gný] slíkum._) + +Götter sind im Lande, der Fluss geht mit Eis; wir glauben, solchen +Tosens walte der Asen Macht (Var. der allherrschende Freyr). + +[203] Haralds saga Hárfagra Kap. 16. + + _úti vill jól drekka, ef skul einn ráđa, + fylkir framlyndi, ok Freys leik heyja._ + +Der tapfere Fürst will draussen (auf Heerfahrt) das Julgelage und die +Festzeit feiern. Man darf nicht übersetzen: Kampf erheben, _Freys leik_ += _Hildar leik_, der Ausdruck steht parallel zu _jól drekka_. Vgl. +Simrock, Myth. 5, 324; H. Petersen, om nordboernes gudedyrkelse og +gudetro S. 88. + +[204] Hákonar saga góða Kap. 16; nach der späten isl. Bósasaga Kap. 12 +wird Freyjas Minne neben der Thors und Odins getrunken; natürlich liegt +hier Verwechslung vor, eine Formel, die ursprünglich Thor, Odin und +Freyr nannte, schwebt dem Verfasser vor. + +[205] Die Eidformel der Ulfljótslǫg nach Hauksbók und Melabók, +Islendinga sögur I 258 u. 334; Ares Isländerbuch, hrsg. von W. Golther, +Halle 1892, S. 32. + +[206] Vatnsdæla Saga in den Fornsögur, hrsg. von Guðbrandr Vigfüsson S. +19, 22, 186, 190. + +[207] Hallfredarsaga Kap. 5; grosse Olafssaga Tryggvasonar Kap. 154. + +[208] Egils saga Skallagrimssonar Kap. 58. + +[209] Vafþr. 38 von Njord in einem allerdings vermutlich eingeschobenen +Vers: _hofum ok hǫrgom, hann rǽþr-hundmǫrgom_. Ausser dem schwedischen +und drontheimischen Haupttempel Freys sind auf Island die Ingimunds +im Vatnsdal und Hrafnkells bekannt. Ortsnamen mit Frö und Njord in +Schweden bei Lundgren, språkliga intyg om hednisk gudatro i Sverige, +Göteborg 1878, S. 66 u. 74; in Norwegen bei O. Rygh, minder om guderne +i norske stedsnavne im Anhang zur 2. Aufl. von Munch, norröne gude- +og heltesagn. _Freville_, das 2 mal neben 10 maligem _Turville_ in +der Normandie begegnet, weist auf Frö zurück; Petersen, nordboernes +gudedyrkelse, S. 47. + +[210] Die Vígaglúms saga K. 19 berichtet von Vigfúss, der wegen +Todschlags des Landes verwiesen wird. Da er trotzdem in Uppsalir +bleibt, wird er zur vollen Acht verurteilt (_alsekr_). _en þvi skyldu +eigi sekir menn þar vera, at Freyr leyfđi eigi, er hof þat átti er þar +var._ + +[211] Saxo I (Ausg. von P. E. Müller) S. 50 [Hadingus] _propitiandorum +numinum gratia Frö deo rem divinam furvis hostiis fecit. quem +litationis morem annuo feriarum circuitu repetitum posteris imitandum +reliquit. Fröblod Sveones vocant._ Saxo VIII S. 383 _Sveonum fortissimi +hi fuere: Ar, Backi, Keclu, Karll, Croc agrestis, Guthfast, Gummi +e Gyslamarchia. qui quidem Frö dei necessarii erant et fidissimi +numinum arbitri. Ingi quoque et Oly, Alver, Folki, patre Elrico nati, +Ringonis militiam amplectuntur .... iidem quoque ad Frö deum generis +sui principium referebant._ Saxo XI S. 278 _Starcatherus Sveonum fines +ingreditur. ubi cum filiis Frö septennio feriatus, ab his tandem ad +Haconem Daniae tyrannum se contulit, quod apud Upsalam sacrificiorum +tempore constitutus effoeminatus corporum motus scenicosque mimorum +plausus ac mollia nolarum crepitacula fastidiret._ Saxo III S. 120 +_Frö quoque deorum satrapa sedem haud procul Upsala cepit, ubi veterem +litationis morem, tot gentibus ac seculis usurpatum, tristi infandoque +piaculo mutavit. siquidem humani generis hostias mactare aggressus, +foeda superis libamenta persolvit._ Nach Adam von Bremen 4, 27 stehen +im Tempel zu Uppsala drei Götterbilder, Thor als der mächtigste in der +Mitte, links und rechts Wodan und Fricco. _tertius est Fricco, pacem +voluptatemque largiens mortalibus, cujus etiam simulacrum fingunt +ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, (sacrificia offerunt) +Fricconi._ Adams Fricco beruht auf einer Namensverwechslung mit Frigg. +Saxo gibt die ostnordische Form _Frö_ für das westnord. _Freyr_, +_Fröyr_, vgl. wn. _dröyma_, _dreyma_, _öy_, _ey_ zu on. _dröma, ö_; +Noreen, Gesch. d. nord. Sprachen § 143 (in Pauls Grundriss I, S. 479). + +[212] Zur Erklärung des Namens Yngvefreyr und Ingunarfreyr Noreen, +Uppsalastudier 223. + +[213] Munch, Das heroische Zeitalter der nord. germ. Völker, S. 20, +Anm. 2. „Von dem Ing oder Ingwi haben vermutlich alle ingwinsche oder +gotische Fürstengeschlechter ursprünglich ihre Herkunft abgeleitet, +wie es auch nicht an Beispielen fehlt, dass der Name mehr als einem +Geschlecht beigelegt worden ist.“ + +[214] Lokas. 43-46; 56. _byggwir_ bedeutet Anwohner; Zusammensetzungen +wie _hrein_-, _jarđbyggvir_ u. a. Sveinbjörn Egilsson, lex. poet. +89; _beyggvir_ stellt man zu _beygja_, biegen. Die natursymbolische +Auslegung bei Uhland Schriften 6, 96 (Bieger und Biegung sind +Sommerlüfte, die nur leicht und schmeichelnd Gezweig und Halme biegen) +und Müllenhoff, ZfdA. 7, 420 (Bieger und Buckel, Windgottheiten, die +gleichmässige Senkung und Erhebung der Wellen andeutend) ist doch zu +wenig begründet. Byggwir und Beyla sind nach Sievers, Beiträge 18, 583 +f. „Herr Gerstenkorn und Frau Bohne“, eine passende Dienerschaft des +Fruchtbarkeit spendenden Freyr. + +[215] Skírnesǫ́l; daraus Gylfag. Kap. 37. Vgl. Uhland, Schriften 6, 417 +ff.; Niedner, ZfdA. 30, 132 ff.; Finnur Jónsson, Litteraturs historie +I, 171 ff. + +[216] Zu Freys Kampf mit Beli vgl. die Vermutungen Detters in den +Beiträgen 18, 89. + +[217] Die Svipdagsmǫ́l (Groogaldr und Fjǫlsvinsmǫ́l) nach Sijmons, die +Lieder der Edda I. 196 ff. Vgl. Bugge, Danmarks gaml. folkeviser II, +667 ff.; Bugge, forbindelsen mellem Grógaldr og Fjölsvinnsmál oplyst +ved sammenligning med den dansk-svenske folkevise om Sveidal (forhandl. +i videnskabs-selsk. i Christiania 1860); Bugge, norrœn fornkvæði, +Christiania 1867, S. 352 ff.; 445ᵃ. Zur mythischen Grundlage, +Müllenhoff, ZfdA. 30, 219. Zum Liede Finnur Jónsson, Litteraturs +historie, I, 217 ff. + +[218] Noreen, Uppsalastudier 208 ff. sucht in mythischen Königssagen +der Schweden einen Nachklang der von ihm anders ausgelegten Göttersage: +der Sonnengott (Freyr, Skirner, Suipdagr, Vanlandi, d. h. der aus dem +Vanenlande, Vísburr) besiegt einen winterlichen Riesen (Frosti, den +Frost, oder den Nordsturm Þiazi, Beli), aber nimmt ein Weib aus ihrem +Geschlecht, das Nordlicht (Gerðr, Menglǫð, Skiǫlf) oder die glänzende +Schneetrift (Drífa) oder den Nordwind (Skaði), doch nur indem er seine +eigenen Gaben, den Sonnenstrahl (das Schwert oder das Halsband) dafür +fahren lässt. Dadurch verfällt er dem Tod. Die geistvollen Deutungen +Noreens haben fast durchweg den Fehler, dass sie allzu einseitig auf +Etymologie begründet sind und daher keine sichere Gewähr besitzen. + +[219] Über Njord und Skadi Bragar. Kap. 2; Gylfag. Kap. 23. + +[220] Über Hading und Regnild Saxo I S. 50 ff. Das Gedicht lautet: + + _Hadingus:_ _Quid moror in latebris opacis,_ + _collibus implicitus scruposis,_ + _nec mare more sequor priori?_ + _eripit ex oculis quietem_ + _agminis increvitans lupini_ + _stridor et usque polum levatus_ + _questus inutilium ferarum_ + _impatiensque rigor leonum._ + _tristia sunt iuga vastitasque_ + _pectoribus truciora fisis._ + _officiunt scopuli rigentes_ + _difficilisque situs locorum_ + _mentibus aequor amare svetis._ + _nam freta remigiis probare,_ + _officii potioris esset,_ + _mercibus ac spoliis ovare,_ + _aera aliena sequi locello,_ + _aequoreis inhiare lucris,_ + _quam salebras nemorumque flexus_ + _et steriles habitare saltus._ + + _Regnild:_ _me canorus angit ales immorantem littori_ + _et soporis indigentem garriendo concilat._ + _hinc sonorus aestuosae motionis impetus_ + _ex ocello dormientis mite demit otium,_ + _nec sinit pausare noctu mergus alte garrulus,_ + _auribus fastidiosa delicatis inserens,_ + _nec volentem decubare recreari sustinet,_ + _tristiore flexione dirae vocis obstrepens._ + _tutius sylvis fruendum dulciusque censeo._ + _quis minor quietis usus luce, nocte carpitur,_ + _quam marinis immorari fluctuando motibus._ + + +[221] Die Sage von Frodi Skáldsk. Kap. 8; Frotho bei Saxo Buch II, +Frotho III Buch V, Fridlev Buch VI; über Fruote M. Haupt, Vorrede zum +Engelhart S. XI f. Vgl. W. Müller, ZfdA. 3, 43; Munch, das heroische +Zeitalter der nordgerman. Völker, Lübeck 1854, S. 33 ff.; Uhland, +Schriften I, 99 ff.; 495 ff. Die Namen in den ags. Stammtafeln J. +Grimm, Myth. 3, 386 ff. + +[222] Wenn, wie Kögel ZfdA. 37, 272 behauptet, der Gottname Frawias +vom Appellativum got. _frauja_, ahd. as. _frô_, ags. _fréa_ zu trennen +ist, dann machen allerdings die mit Frôi-, Frewi- zusammengesetzten +deutschen Eigennamen den Kult des Frawias wahrscheinlich. Der an. +Freygerð begegnet die deutsche Frewigarda. Die Eigennamen (Förstemann, +Namenbuch 1, 414 ff.) weisen auf die Sitte, nach dem Gotte Kinder zu +benennen. + +[223] Der Name lautet ahd. _Donar_, as. _Thunaer_(im sächs. +Taufgelöbniss MSD. Nr. LI, Braune ahd. Lesebuch Nr. XXXXV), ags. +_þunor_. An. ist _þórr_ überliefert; das Metrum verlangt für die +älteren Lieder die unverkürzte Form _þonarr_, Sijmons, Edda I, XXIV; +der Dativ _þonre_ wurde zu _þóre_, durch Formausgleich drang die +einsilbige Form auch in die andern Kasus; Noreen, An. Gr.² § 239, 3; +294, 2. Der german. Grundform _þunaraȥ_ entspricht genau der keltische +_Tanaros_ (aus der Weihinschrift _Jovi Tanaro_ zu erschliessen). +Bei Kelten und Germanen scheint gleichmässig die Vorstellung eines +besonderen Donnergottes entstanden zu sein, während der alte +Himmelsgott, von den Römern durch Mars wiedergegeben, wesentlich die +kriegerische Thätigkeit ausübte; vgl. Much, ZfdA. 35, 372 ff. + +[224] Ahd. _donarestag_, bei Notker _toniristag_; ags. _þunres dæg_, +aengl. _þunres dai_, zu _þors- þurs- Thursday_ weiter entwickelt; +an. _þorsdagr_. Belege zu den Formen der einzelnen german. Sprachen +und Mundarten gibt Grimm, Myth. 112 ff. DWB. 2, 1252. So zahlreich +die nord. Eigennamen auf _þórr_ sich darbieten, aus Deutschland sind +nur _Donarpreht_, _Donarad_, _Albthonar_ (Förstemann, Altdeutsches +Namenbuch 1199) nachweisbar. In wie weit die Ortsnamen _Donarsberg_ in +der Rheinpfalz und in Hessen, _Donarsfeld_, _Donarsreut_ (Förstemann, +Altd. Namenbuch II² Ortsnamen S. 1456) mit dem Gott zusammenhängen, +ist zweifelhaft. In England weist Kemble, the Saxons I 347 in Surrey +_þunresfeld_, in Essex _þunresléah_ nach. Über einen alten _Donarsberg_ +in Schwaben bei Nordendorf, dem vielleicht Kultbedeutung eignete, vgl. +Henning, Die deutschen Runendenkmäler S. 93. + +[225] Auf Inschriften, welche von Batavern herrühren, begegnet zum +Namen Hercules ein germanisches Beiwort: _Herculi magusano_ (3 mal) +_macusano_ (2 mal) _magusan_ (2 mal). Es scheint eine aus einem german. +Dativ _magusani_ latinisierte Form. Ein german. Verbaladjectiv zu +_magan_, vermögen, kräftig sein, liegt zu Grunde: _magusô magusê_, Dat. +_magusani_. Der „starke“ Hercules ist Donar, im Nord, als _þrúþugr +áss_ starker Gott, und Vater des _Magni_ (der Kraft) bezeichnet. Vgl. +Kauffmann, Beiträge 14, 554 ff. v. Grienberger, Beiträge 19, 527 stellt +_magusanus_ zu kelt. _magos_ Feld und leugnet Beziehung zu Magni und +überhaupt zum deutschen Donar. Dass _Hercules saxanus_, den man oft +als germanische Gottheit auffasste, römisch war, erweist E. H. Meyer, +Beiträge 18, 106 ff.; das latein. Beiwort begegnet auch bei der _bona +dea subsaxana_ am Aventin. + +[226] Ausser dem _dies Jovis_ wird Juppiter zur Übersetzung von Donar +verwendet in der Vita Bonifacii (MG. 2, 343). _quorum consultu alque +consilio arborem quandam mirae magnitudinis, quae prisco paganorum +vocabulo appellabatur robur Jovis, in loco, qui dicitur Gaesmere, +servis dei secum astantibus, succidere tentavit. cumque mentis +constantia confortatus arborem succidisset, magna quippe aderat copia +paganorum, qui et inimicum deorum suorum intra se diligentissime +devotabant, sed ad modicum quidem arbore praecisa confestim immensa +roboris moles, divino desuper flatu exagitata, palmitum confracto +culmine, corruit, et quasi superni nutus solatio in quatuor etiam +partes disrupta est, et quatuor ingentis magnitudinis aequali +longitudine trunci, absque fratrum labore astantium, apparuerunt. quo +viso prius devotantes pagani etiam versa vice benedictionem domino +pristina abjecta maledictione credentes reddiderunt. tunc autem summae +sanctitatis antistes consilio inito cum fratribus ex supradictae +arboris materia oratorium construxit, illudque in honore S. Petri +apostoli dedicavit._ In den Briefen des Bonifacius (Nr. 25 vom Jahr +723) wird ein _presbyter Jovi mactans_ erwähnt. In Radperts Lobgesang +auf den heiligen Gallus wenden die Bekehrer die Bewohner von Tuggen am +Züricher See vom Donarsdienste ab: (MSD. XII, 3) + + _Castro de Turegum adnauigant Tucconium._ + _docent fidem gentem: Jouem linquunt ardentem._ + +Im _indiculus superstitionum et paganiarum_ (Heyne, Ands. Denkm. Nr. +IX) ist die Rede von Wodans- und Donarsopfern: _de sacris Mercurii vel +Jovis_; _de feriis quae faciunt Jovi vel Mercurio_. Für die Franken +ist der _sermo s. Eligii_ († 659) wichtig: _nullus diem Jovis absque +festivitatibus sanctis nec in majo nec ullo tempore in otio observet_. +Grimm, Myth. 3, 402. Über neuen Donnerstags-Aberglauben Wuttke, +Aberglaube § 70. + +[227] Tac. Germ. 3 _fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque +omnium virorum fortium ituri in proelia canunt_. -- Germ. 9 _Martem +et Herculem concessis animalibus placant._ -- Ann. 2, 12 _Caesar +transgressus Visurgim indicio perfugae cognoscit delectum ab Arminio +locum pugnae; convenisse et alias nationes in silvam Herculi sacram._ +Nach Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 17 heisst Donar +wegen seiner Beziehung zur Schlacht, als _primus fortium virorum, * +Wihuȥ_ (ahd. _Wigur_, an. _Véorr_) der Kämpfer. Anders erklärt Noreen, +Arkiv for nord. filologi 6, 306 den Namen, s. unten S. 251 Anm. 2. + +[228] Gaismar könnte „Sprudelquell“ (zu _*gîsan_, _gais_ und _mari_), +den hl. See, Opferquell oder Opfersumpf bei der Göttereiche bedeuten; +vgl. J. Grimm. Geschichte der deutschen Sprache 578; Arnold, +Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 114 f. + +[229] Auf der Nordendorfer Spange, etwa aus dem 7. Jh. stammend, stehen +die Runen + + LOGAÞORE ᛚᛟᚷᚧᛟᚱᛖ + + WODAN ᚹᛟᛞᚨᚿ + + L ᛚ + WIGIÞONAR ᚹᛁᚷᛁᚧᛟᚾᚨᚱ + +Die Götternamen Wodan und Þonar, bei welch letzterem nur das +übergeschriebene L Bedenken erregt, dürfen der Gewandspange des +alemannischen Gräberfeldes wol bestimmt zugewiesen werden. Offenbar +wird ihre Hilfe zu irgend einer feierlichen Handlung erfleht. _ƕîgi_ +ist Imperativ zu *_ƕîgian_, weihen, also Þonar, weihe, heilige! *_lôga_ +stf. meint Einsetzung, Verheiratung; afries. _logia_ verheiraten, +*_þoren_ (an. _þora_) bedeutet ereilen, ersiegen. Man denke an den +Brauch der Raubehe, die dem kriegerischen Wodan unterstellt gewesen +sein mag, an den Wettlauf um die Braut u. dergl. „Die Heirat ersiege, +Wodan, weihe, Donar!“ Ein alter feierlicher Hochzeitswunsch würde auf +einer Gewandspange, einem passenden Hochzeitsgeschenk sich sehr wol +ausnehmen. Darum verdient Hennings Erklärung immerhin den Vorzug, wenn +gleich ein sicheres und unzweifelhaftes Ergebniss damit nicht erreicht +ist. Zur Nordendorfer Spange Dietrich, ZfdA. 14, 75 f.; C. Hofmann, +Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1866 Band 2, 138 ff., 207 f. +Stephens, runic monuments I, 574 ff.; III, 157; Henning, Die deutschen +Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 87 ff. Über die gefälschte +Runenschrift WODANAHAILAG auf der Spange von Kehrlich bei Andernach +Henning, a. a. O. 156. + +[230] Kemble, Salomon and Saturnus, London 1848, S. 177 sieht +mythologischen Nachklang im Kampf der Gottheit mit dem Teufel, „_se +đunor hit đrysceđ mid đære fýrenan æcxe_“ der Donner zerschmettert ihn +mit feuriger Axt. Wol liegt ein anschauliches Bild diesen Worten zu +Grunde, der Donner wirft ein Geschoss nieder. Aber es ist fraglich, ob +wir es mit einer poetischen Vorstellung, oder mit einer Erinnerung an +den Hammer werfenden Gott zu thun haben. Im Sinne Kembles entscheidet +auch Stephens, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1883, S. 348 f. + +[231] _đunurrád_, Donnerfahrt (ags. _râd_, an. _reiđ_, ahd. _reita_, +Wagen, Fahrt, Ritt) wird Psalm 103, 7 _tonitruum (a voce tonitrui +tui, from stefne đunurrâde)_ übersetzt; Stevenson in publications of +the Sursee society 1844, II, 14. Dem ags. _Thunorrád_ vergleicht sich +norweg. _Thorsreia_ J. Grimm, Myth. 3, 62. _Thunorrád_ stellt J. Grimm, +Grammatik 3, 353 zu schwed. _åska_ = _ås-aka_, Asenfahrt. Wenn im +Exeterbuch der Blitz „_rynegiestes wæpn_“ heisst, so darf das nicht als +Waffen des Wagongottes (Kemble, the Saxons in England 1, 347) ausgelegt +werden. Die Stelle bezeugt nur, dass der Blitz als die Waffe eines +persönlich gedachten Gewitterherrn gedacht wurde. Zu _rynegäst_ Grein, +Glossar 2, 386, der an profluvii hospes, Herr des Gewitterregens denkt. + +[232] Bei den Ditmarschen sagt man: _nu faert de Olde all wedder da +baƕen unn haut mit syn Ex anne Räd_; Müllenhoff, Sagen, Märchen und +Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg Nr. 480. Ebenda S. 447 ein +Riese mit einem von Böcken gezogenen Wagen. Was aus späterem Brauch und +Glauben hergehört, verzeichnet E. H. Meyer, Myth. S. 205. + +[233] Vgl. Scherer, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1885, 577 +ff. Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., bes. von Steinmeyer II +300 f. Da weder Text noch Auslegung und Beziehung auf die Mythologie +sicher sind, verzichte ich auf die Anführung und verweise hiefür auf +die Denkmäler und auf Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, +266. + +[234] Vgl. besonders Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og +gudetro i hedenold. Kjöbenhavn 1876. + +[235] Thorsbilder in der Olafssaga Tryggvasonar (der Heimskringla) Kap. +76; Njálssaga Kap. 89; Olafssaga Tryggvasonar (Fornmanna sögur) Kap. +203; Adam von Bremen 4, 26; Hallfreðarsaga Kap. 6. Flateyjarbók 1, 320 +beschreibt das Thorsbild im drontheimischen Haupttempel also: Thor sass +in der Mitte als der meist geehrte. Er war gross und ganz mit Gold und +Silber geschmückt. Thor sass im Wagen, der war sehr prächtig. Zwei wol +gebildete Böcke aus Holz waren davor gespannt. Wagen und Böcke gingen +auf Rädern. Die Hörner der Böcke waren mit Silber überzogen. Alles war +mit wunderbarer Geschicklichkeit gemacht. + +[236] Über die Personen- und Ortsnamen, die aus Götternamen gebildet +wurden, Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. +38 ff.; für Schweden Lundgren, språklig intyg om hednisk gudatro i +Sverige, Göteborg 1878; für Norwegen O. Rygh in Munchs norröne gude-ok +heltesagn, ny udgave Christiania 1880. Selbst in der Normandie sind +noch heute 10 _Turville_ und 2 _Freville_ d. h. Thorstad und Freystad +nachzuweisen, Petersen a. a. O. 47 nach dem itinéraire de la Normandie, +Caen 1828. Die Häufigkeit der Anwendung von Thor und Freyr steht da +etwa im selben Verhältniss wie auf Island. + +[237] Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4, 7 und 10; Landnáma II Kap. 12. Vgl. +Maurer, die Entstehung des isl. Staates S. 211 ff. + +[238] Landnáma III K. 12. + +[239] Landnáma III K. 7. + +[240] Landnáma V K. 2. + +[241] Vígaglúmssaga K. 9. + +[242] Olafssaga Tryggvasonar des Oddr K. 69; jüngere Saga K. 252, 253, +255. + +[243] Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II, 2 ff. + +[244] Hym. 11 _vinr verliþa_, _Veorr heiter sá. véorr_ erklärt +Noreen, Arkiv f. nordisk filologi 6, 306 ff., an. Grammatik² §127 aus +*_vé-vǫrđr_ Wächter des Heiligtums. Nach Kögel, Gesch. d. deutschen +Litteratur I, 1, 17 stammt _Véorr_ aus urgerm. _Wihuȥ_ der Kämpfer. +Donar ist der erste Held (_Hercules primus fortium virorum_); vgl. +S. 244 Anm. 1. Die folgende Darstellung hauptsächlich nach Petersen +a. a. O. 50 ff. Auf dem Virringstein in Jütland stehen die Worte ÞUR +UIKI ÞISI KUML, auf dem Glavendrupstein in Fühnen ÞUR UIKI ÞASI RUNAR. +Abbildungen der Hämmer Petersen 52, 53, 54; vgl. auch 75, 76, 78 kleine +Hämmer als Schmuckgegenstände. + +[245] Þrymsk. 30; dem Gebrauch des Hammers zur Brautweihe kommt nach E. +H. Meyer, Germ. Myth. S. 212/3 nicht rechtliche, vielmehr phallische +Bedeutung zu. + +[246] Bósa Kap. 12. + +[247] Faye, norske folkesagn, Christiania 1844, S. 3. + +[248] Hákonarsaga góða K. 18. + +[249] Saxo XIII S. 236 _inusitati ponderis malleos, quos ioviales +vocabant ... prisca virorum religione cultos ... cupiens enim +antiquitas tonitruorum causas usitata, rerum similitudine +comprehendere, malleos, quibus coeli fragores cieri credebat, ingenti +aere complexa fuerat._ Weihe des Holzstosses Gylfag. K. 49. + +[250] Hammerwurf im deutschen Recht J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 64. + +[251] Über den Thorsdag als Gerichtstag Petersen, Gudedyrkelse 67 +ff.; auch in Deutschland haften heilige Bräuche am Donnerstag, +Grimm, Deutsches Wörterb. 2, 1252; H. E. Meyer, Myth. § 291. In der +Vígaglúmssaga Kap. 25 legt Glúmr einen feierlichen Reinigungseid ab: +_vinn ek hofseiđ; at baugi ok segi ek þat æsi._ + +[252] Der Name Þormóðr wird Asmóðr gleich gesetzt Landináma 5, 10 S. +307. + +[253] Dudo, _de moribus et actis Normannorum_ I, 1 (in den mémoires +de la société des antiquaires de Normandie Band 23, 1858, S. 129 +f.) _in expletione suarum expulsionum atque exituum sacrificabant +olim venerantes Thur, deum suum. cui non aliquod pecudum neque +pecorum, nec Liberi patris nec Cereris litantes donum, sed sanguinem +mactabant humanam, holocaustorum omnium putantes pretiosissimum; eo +quod, sacerdote sortilego praedestinante, iugo boum una vice diriter +icebantur in capite; collisoque unicuique singulari ictu sorte +electo cerebro, sternebatur in tellure, perquirebaturque levorsum +fibra cordis, scilicet vena. cuius exhausto sanguine ex more suo sua +suorumque capita linientes, librabant celeriter navium carbasa ventis, +illosque tali negotio putantes placare, velociter navium insurgebant +remis_. + +[254] Roman de Rou hrsg. von Andresen Bd. II 3915 + + _De sa gent ou il ert enmie, + poinst le cheual, criant „Toirie“_. + +Ob man, wie es früher geschah, in dem hs. _Cuire Tuirie_ eine +Verderbniss des Schlachtrufes _„Tur aie“_ annehmen darf, ist +zweifelhaft. Andresen versteht darunter einen Ortsnamen Thury. + + _Un deu soleient aurer_, Bd. I 192 + _qu’il soleient Tur(c) apeler; + mult l’amoent, mult s’i fioent, + humes uis li sacrefioent, + del sanc de l’ume s’arosoent._ + +Die Stelle ist aus Dudo entnommen. + +Über den bösen Geist _Toret_ Bd. II 4591 ff. + + _Plusors distrent por uerite, + que un diable aueit priue, + ne sai s’esteit luitun ou non, + ne quel iert ne de quel façon. + Toret se faiseit apeler + e Toret se faiseit nomer. + quant Maugier parler i uoleit, + Toret apelout si ueneit; + plusors le poeient oir, + mais nul d’els nel poeit choisir._ + +Maugier kommt durch Ertrinken ums Leben. Seinen Tod weiss er voraus. +Offenbar liegt eine alte Sage zu Grund, die von einem Verkehr zwischen +Thor und einem seiner Freunde erzählte. + +[255] Jüngere Olafssaga helga K. 72. + +[256] Olafssaga Tryggvasonar, Flateyjarbók 1, 283. + +[257] Olafssaga helga, Flateyjarbók 2, 184. + +[258] Ältere Olafssaga helga K. 33-8; jüngere Olafssaga K. 107-8. + +[259] Adam von Bremen 4, 26 sagt vom Uppsalatempel: _in hoc templo, +quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus, +ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio, +hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. quorum significationes +eiusmodi sunt: Thor, inquiunt, praesidet in aere, qui tonitrus et +fulmina, ventos imbresque, serena et fruges gubernat. alter Wodan, id +est furor, bella gerit, hominique ministrat virtutem contra inimicos. +tertius est Fricco, pacem voluptatemque largiens mortalibus. cuius +etiam simulacrum fingunt ingenti priapo. Wodanem vero sculpunt armatum, +sicut nostri Martem sculpere solent. Thor autem cum sceptro Iovem +simulare videtur. 4, 27 si pestis et famis imminet, Thor ydolo lybatur, +si bellum Wodani, si nuptiae celebrandae sunt, Fricconi._ + +[260] Eiríks saga rauđa K. 13; Þorfinns saga Karlsefnis K. 14. + +[261] Hárbarþsljóþ; die mythologische Erklärung Uhlands (Schriften 6, +52 ff.) ist bei diesem Lied ganz verfehlt. Es hebt sich auf sozialem +Hintergrund ab, vgl. Liliencron, ZfdA. 10, 180 ff.; Niedner, ZfdA. 31, +217 ff. Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 148 ff.; aarböger f. +nord. oldkyndighed og historie 1888, 139 ff. + +[262] Grímn. 29. + +[263] Gautrekssaga in den Fornaldur sögur III 32 ff.; die Sage in ihrer +überlieferten Fassung ist jung und gehört wol ins 14. Jahrh., aber +Starkads Geschichte ist alt und vermutlich auch der Zug, dass er in +Odins Gunst, in Thors Abgunst stand. Über Starkads Reckentum Uhland, +Schriften 6, 101 ff.; 7, 242 ff. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, +301 ff. + +[264] Flóamannasaga Kap. 20 u. 21. + +[265] Jüngere Olafssaga Tryggvasonar K. 145-146; K. 148. + +[266] Njálssaga K. 102. + +[267] Jüngere Olafssaga K. 203. + +[268] Finn Magnusen, Lexicon myth. S. 651 Anm. _Var ikke Torden, lagde +Trolde verden öde_. + + _Var ei Torden og haarde stöd + da lagde Trolde verden öd._ + + +[269] Ausführliche Olafssaga Tryggvasonar K. 213 (Fornmannasögur 2, +182). + +[270] _Bilskirnir_, der einen Augenblick (_bil_) leuchtende +(_skirnir_), der Blitz. Thor hiess als Gewittergott Herr des Blitzes, +_gramr_, _stýrandi bilskirnis_ vgl. SE. I 252, 256; _bilskirnir_ später +als Eigenname gefasst ergab aus der erwähnten Verwendung „Bilskirnirs +Beherrscher“ leicht örtlichen Begriff; vgl. Noreen, fornnordisk +religion S. 6. + +[271] Über Sif Hárb. 48; Lokas. 53, 54; Skáldsk. Kap. 3. Uhlands +Auslegung (Schriften 6, 45): „Sif die schönhaarige Göttin ist das +Getreidefeld, dessen goldener Schmuck im Spätsommer abgeschnitten, +dann aber von unsichtbar wirkenden Erdgeistern wieder neu gewoben +wird“ -- ist nicht begründet. Zu Sifs Haar vgl. den Pflanzennamen +(adiantum) _capillus Veneris_, Frauenhaar, Marienhaar bei J. Grimm, +Myth. 280; Blaas, Germania 23, 155 ff. Zur oben vorgetragenen Ansicht +E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 204; Noreen, fornnordisk religion S. +6. Dass Sif Snorra Edda I 585 unter den Namen der Jord steht, darf +nicht zu so weitgehenden mythologischen Deutungen missbraucht werden. +Einmal Fagrskinna 65, 1 heisst eine Riesin Sif. In der neuisländischen +Volkssage (Jón Árnason, Þjoðsögur íslenzkar I 216) ist Sifa ein +Trollenweib. Schwerlich gehört die Riesin irgendwie zu Thors Frau. +Dass Sif in die Zeit der späteren, allegorischen Namengebung falle und +keine Verehrung beim norwegischen Volke genoss, sagt auch Mogk, Das +angebliche Sifbild im Tempel zu Gudbrandsdalir, Beiträge 14, 90 f. + +[272] _Magna faþer_ Hárb. 9, 53; vgl. Skáldsk. Kap. 1; Vafþr. 51; Hym. +35 _faþer Móþa. Meili_ Hárb. 9 und beim Skald Thjodolf in der Haustlong +(SE. I 278). + +[273] Jǫrþ Gylfag. Kap. 9 und 36; Fjǫrgyn Vǫl. 56; Hárb. 56; Fjǫrgynn +als Beiname Odins Lokas. 26; Gylfag. Kap. 9. Zu Grunde liegt ein +german. Adj. _*ferguniaȥ_, _*ferguniô_ zu _*fergu-_, idg. _perqunios_ +zu _perqu-_, lat. _quercus_. Vgl. aind. _Parjanya_; kelt. erkunia, +griech. ἑρκύνιος δρυμός der Eichwald. Gemeint ist die Gottheit, die im +Eichwald haust, im Eichwald verehrt wird. Man denke an die Donarseichen +und an Ζεὺς φηγοναῖος. Himmel und Erde, das uralte Götterpaar, bei den +Germanen im Eichwald verehrt, ist mit den im Nordischen erhaltenen +Beinamen gemeint. Thor als Sohn der Erde dürfte jüngeren Ursprungs +sein und ist erst nach der Lostrennung von Tiuȥ möglich. Vgl. H. Hirt, +Indogerm. Forschungen I 479 ff. Dass Hlóþyn Vǫl. 55 nicht Thors, +sondern Widars Mutter ist, behauptet Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff. + +[274] Hym. 11 _vinr verliþa_; 18 _brjótr bergdana_; 19 _þurs ràþbane_; +14 _gýgjar grøtir_; 23 _orms einbane_; in der _Húsdrápa banda vinr_, +bei Egill _landáss_; weiteres sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus II 464. + +[275] Saxo II S. 71 Regnerus sagt: _se, Thor deo excepto, nullam +monstrigenae virtutis potentiam expavere, cujus virium magnitudini +nihil humanarum divinarumque rerum digna possit aequalitate conferri_. +Der Sinn ist: Regner sei ebenso unerschrocken gegen alle dämonischen +Wesen wie der unvergleichliche Thor. Saxo III S. 118 Othinus und Thoro +helfen dem Balderus im Kampf gegen Hötherus. _Thoro inusitato clavae +libratu cuncta clypeorum obstacula lacerabat_. Nichts konnte ihm +widerstehen: _ni Hötherus, inclinata suorum acie celerius advolans, +clavam praeciso manubrio inutilem reddidisset. quo telo defecti divi +subitam dedere fugam_. Saxo VI S. 274 _tradunt enim quidam, quod a +gigantibus editus [Starcatherus] monstruosi generis habitum inusitata +manuum numerositate prodiderit, asseruntque, Thor deum quatuor ex +his, affluentis naturae vitio procreatas, elisis nervorum compagibus +avulsisse, atque ab integritate corporis prodigiales digitorum +eruisse complexus, ita ut, duabus tantum relictis, corpus, quod ante +in giganteae granditatis statum effluxerat ejusque formam informi +membrorum multitudine repraesentabat, postmodum meliore castigatum +simulacro brevitatis humanae modulo caperetur_. Hieran schliesst +Saxo eine Auseinandersetzung des Inhalts, die Götter seien Menschen +mit Zauberkunst begabt gewesen. Zur interpretatio romana: _ea enim, +quae apud nostros Thor vel Othini dies dicitur, apud illos Jovis vel +Mercurii feria nuncupatur_. Saxo VII S. 324 dem Haldanus hilft im Kampf +gegen die Schweden ein mächtiger Kämpe, dessen Hilfe Haldanus anrief: +_accito Thorone_, etwa im Nordischen _hann hét á þór_. Der wälzt einen +zermalmenden Felsblock auf die Schweden. Ursprünglich war natürlich +vom Gott die Rede, der als Urheber der Bergstürze gilt; vgl. Uhland, +Schriften 6, 114. _ob cujus facti virtutem [Haldanus] Bierggrami +cognomen accepit, quod vocabulum ex montium et feritatis nuncupatione +compactum videtur. igitur apud Sveones tantus haberi coepit, ut magni +Thor filius existimatus, divinis a populo honoribus donaretur ac +publico dignus libamine censeretur_. + +[276] Þrymskvilþa; die daraus hervorgegangene Volksdichtung _Tord af +Havsgard_ in Sv. Grundtvigs Danmarks gamle folkeviser Bd. I Nr. 1; +dazu Bd. IV, 580 ff.; vgl. Uhland, Schriften 6, 57 ff. Versuch einer +Auslegung; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 159 ff. Der Name +des Riesen ist vom Hauptwort _þrymr_, Getöse genommen. Ausserhalb +des Liedes begegnet der Riese Þrymr nur in den Verzeichnissen von +Jotunnamen SE. I 549; II 470, 553, 615. Auch in norwegischer Volkssage +findet sich eine Erinnerung an den Raub des Hammers, Faye, norske +folkesagn S. 3 ff. + +[277] Haustlǫng des Skald Thjodolf; Skáldsk. Kap. 1. Zur Auslegung +Uhland, Schriften 6, 27 ff.; H. E. Meyer, Myth. 148; Müllenhoff, +Deutsche Altertumskunde I² 32 ff. + +[278] Hym. 16; Hárb. 14, 15; Lokas. 61; Grottasǫngr 9; bei Bragi SE. I +256. + +[279] Gylfaginning Kap. 48; Ulf Uggason und Eystein Valdason im corpus +II 24 und 26. Weitere Skaldenstellen sammelt Finn Magnusen im Lex. +myth. 187 f.; 208. Das Angeln des Wurms beziehen Bugge, Studien S. 11 +und E. H. Meyer, Myth. 145, ferner Bröndsted in der norsk historisk +tidskrift II 3, 1882 S. 21 ff. und Bang ebenda S. 222 ff. auf den +Leviathan. Über den Fang des Leviathan vgl. Diemer, Beiträge zur +älteren deutschen Sprache und Litteratur, 4. Teil, Wien 1867 S. 45 ff.; +R. Köhler, Germania 13, 158 f. + +[280] Hymiskviþa; über ihre Entstehung aus willkürlicher Verknüpfung +verschiedenartiger Sagen Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 153 +ff. Uhlands Auslegung (Schriften 6, 90 ff.) scheitert schon daran, dass +die Verbindung der Mythen für alt und ursprünglich erachtet wird. Zur +Erklärung aus dem Märchen Bugge, Studien 26. + +[281] Gylfag. Kap. 42; Vol. 25 und 26. Zur Volkssage Grimm, Myth. 514 +ff.; 3, 158; Simrock, Myth. 55 ff.; Bugge, Studien 269 ff. Vgl. oben S. +166 Anm. 1. + +[282] Eilifs þorsdrápa; Skáldsk. Kap. 2; Uhland, Schriften 6, 77 ff. + +[283] Hym. 37, 38; Gylfag. Kap. 44; zur Wiederbelebung Wolf, Beiträge +z. deutschen Myth. I 88 ff. _post coenam sanctus Germanus omnia ossa +vituli super pellem vituli componi fecit et ad ejus orationem vitulus +sine mora surrexit._ Bei einem Hexenmahl zu Ferrara wird ein Ochse +verzehrt. Dann befiehlt die domina: _congeri jubet ossa omnia mortui +bovis super corium ejus extensum ipsumque per quatuor partes super +ossa revolvens virgaque percutiens, vivum bovem reddit._ Weiteres bei +Zingerle, Tiroler Sagen Nr. 14, 15, 586, 587, 725; Simrock, Myth.⁵ 240; +Mannhardt, Baumkultus der Germanen S. 116. Thjalfi ist wahrscheinlich +mit Thielvar, dem Entdecker und Besiedler Gutlands eins; Uhland, +Schriften 6, 35 ff. + +[284] Gylfaginning Kap. 45-47; auf das Abenteuer mit Skrymir spielen +Hárb. 26, Lokas. 60 und 62 an. Im übrigen wird nichts davon erwähnt. +Skrymir steht nur noch unter den Riesennamen der Snorra Edda. + +[285] Saxo VIII S. 426 _procedentes perfractam scopuli partem nec +procul in editiore quodam suggestu senem pertuso corpore discissae +rupis plagae adversum residere conspiciunt. praeterea foeminas tres +corporeis oneratas strumis ac veluti dorsi firmitate defectas junctos +occupasse discubitus. cupientes cognoscere socios Thorkillus, qui probe +rerum causas noverat, docet, Thor divum gigantea quondam insolentia +lacessitum per obluctantis Geruthi praecordia torridam egisse chalybem, +eademque ulterius lapsa, convulsi montis latera pertudisse; foeminas +vero vi fulminum tactas infracti corporis damno ejusdem numinis +attentati poenas pependisse firmabat_. + +[286] Saxo VIII S. 431 _qua [aqua] transita paulo devexiorem situ +speluncam aggreditur. ex qua item atrum obscoenumque conclave +visentibus aperitur. intra quod Ugarthilocus manus pedesque immensis +catenarum molibus oneratus aspicitur; cujus olentes pili tam +magnitudine quam rigore corneas aequaverant hastas_. + +[287] Über Trollebotn, das von Unholden erfüllte Nordmeer zwischen +Bjarmland und Grönland vgl. Grönlands historiske mindesmaerker 3, 212; +monumenta hist. norv. 76; Storm, arkiv f. nordisk filologi 7, 345. Den +Typus der spätern Sage von der Fahrt in die Trollengründe zeigt am +besten die norwegische Ballade bei Landstad, norske folkeviser Nr. 1. + +[288] Über das Aussehen des Trollenheims und der Hölle E. H. Meyer, +German. Myth. § 205, 210, 234. Über den gefesselten Teufel, Grimm, +Myth. 963; 3, 297. Loki ist Lucifer in schmucker Gestalt, Utgardloki +der hässliche Teufel, Bugge, Studien 79. + +[289] Die Gudmundsage in der Saga von Thorstein boejarmagn +(Fornmannasögur III 174 ff.) und im Þáttr von Helgi Thorrisson (Fms. +III 135); vgl. noch Hervararsaga Kap. 1. Die Thorsteinssaga, die +auch vom Besuch bei Geirröd weiss, ist überhaupt ein märchenhafter +Ausläufer der Thorsmythen, ähnlich wie Saxos Thorkilgeschichte. Zur +Sage vgl. P. E. Müller, _notae uberiores_ zu Saxo I 245 ff.; Maurer, +Bekehrung 1, 330; Uhland, Schriften 3, 38 ff.; 8, 110; Simrock, Myth.⁵ +259; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 116 und 118; Heinzel, Wiener +Sitzungsberichte 1885, Band 109, S. 697 ff.; Bugge, Arkiv f. nordisk +filologi 5, 26. + +[290] So Hárb. 19 und Bragi SE. 1, 318, 2 gegen Bragar. 2. Thrivaldi +SE. 1, 256; Leikn SE. 1, 259. Thorbjorn Dísarskald SE. 1, 260. Auf +ähnliche Kämpfe mit Riesen und Riesinnen spielen die Hárb. 20, 29, 37, +39 an. + +[291] Die Namen mit Erklärungsversuchen bei Finn Magnusen, Lex. myth. +636 f. Vgl. SE. 1, 252 ff.; 553; 555. SE. 1, 252 _fóstri Víngnis ok +Hlóru_. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II 464 stellt +skaldische Umschreibungen Thors zusammen. + +[292] Alvismál; Uhland, Schriften 6, 46 ff.; Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1,165 ff. In Bragis Ragnars drápa heisst der Schild +„_ilja blaþ þjófs þrúþar_“ Fuss-Sohlenblatt des Diebs der Thrud, weil +Hrungnir den Schild unter die Füsse wirft; vgl. Gering, kvæþabrot Braga +ens gamla, Halle 1886, S. 15. + +[293] Tord af Havsgard, Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser I 1 ff. +Die Sage von Urebö bei Faye, norske sagn 3 ff. Schwedische Thorssagen +in ziemlicher Anzahl führt Lundgren, språkliga intyg om hednisk gudatro +i Sverige S. 41 ff. an. Das meiste findet sich bei Hyltén-Cavallius, +Wärend och Wirdarne, Stockholm 1864. + +[294] Der Ausdruck ist zuerst aus dem 12. Jahrh. zu belegen, in +des Pfaffen Konrad Rolandslied S. 204, 16 heisst Pharaos vom Meer +verschlungenes Heer _sîn ƕôtigeȥ her_; in Konrads von Heimesfurt +„_Urstende_“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. werden die Juden, +welche den Heiland überfallen, _daȥ ƕuetunde her_ genannt. Im Moritz +von Craon 1563 und in Strickers Karl 6810 steht _daȥ ƕüetende her_. +Michel Behaim im Gedicht von den Wienern 176, 5 redet von „_schreien +und ƕufen als ob es ƕer das ƕutend her_“. Zingerle, Findlinge 2, 128 +„_des tûvels ƕûtendeȥ her_“. Im Gedicht von Heinrich dem Löwen nach +der Handschrift von 1474 (Massmann, Denkm. deutscher Spr. u. Litt. +S. 132) heisst es: „_da qƕam er under das ƕoden her, da die bösen +geiste ir ƕonung han_.“ Bei Geiler von Kaisersberg wird das _ƕütede_ +oder _ƕütische_ heer (Omeiss 36 ff.), bei Hans Sachs I, III, 696 _das +ƕüetend her_ erwähnt. Bei v. d. Hagen Gesamtabenteuer Nr. 55, 1290 +begegnet die Beschwörung: + + _bî deus salter ich dich sƕer + und bî ƕutungis her._ + +Also darf die Bezeichnung wütiges, wütisches oder wütendes Heer als +ziemlich alt erachtet werden. _ƕoden her_, _ƕutungis her_ sind nur +abgeschliffene participia praesentis vgl. Weinhold, Mhd. Grammatik +§ 219 und 401 und dürfen nicht persönlich im Sinne von Eigennamen +ausgelegt werden. + +[295] Auf schwäbisch-alemannischem Gebiet begegnet das _Wuetes_ oder +_Muotesheer_, auch schlechthin _’s Wuetes_ genannt; vgl. E. Meier, +Sagen aus Schwaben 1, 103 ff.; Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben +1, 89 ff.; _Wuetes heer_ auch in Bayern, Panzer, Bayer. Sagen 2, 67; +Schmeller, Wb. 2, 1056; _Wotn_ mit Frau Holke in Östreich, Vernaleken, +Mythen und Bräuche in Östreich 23 ff. _Wudesheer_ in der Eifel, Wolfs +Zeitschrift f. Myth. 1, 316. Die nds. Sagen vom _Wode_ bei Müllenhoff, +Sagen der Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg 372 ff.; +Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 3 ff. Alle norddeutschen Sagen +zusammenfassend bespricht W. Schwartz, Der heutige Volksglaube und das +alte Heidentum, 2. Aufl. Berlin 1862. In Schweden heisst es beim Sturm: +_det är Odens jagt_, _Oden far förbi_, _Oden jagar_. Der Volksglaube +kennt auch _Odens_ Pferd und Hunde; vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend och +Wirdarne S. 214 ff.; Lundgren, språkliga intyg om gudatro i Sverige S. +29 ff. Das älteste Zeugniss steht im Reinfried von Braunschweig um 1300 +(Bartsch’s Ausgabe 479), wo es von einer Ritterschaar heisst, sie fuhr +_„rûschent sam daz Wuotes her“_. Aus dem Anfang des 16. Jahrh. bietet +die Zimmersche Chronik (Baracks Ausgabe 4, 787ᵃ) _„Wuotes her“_. + +[296] Got. _ƕôds_, wütend, besessen; an. _óđr_ wütend; ags. _ƕôd_, +toll, wütend; ahd. _ƕuot_ (Otfrid I 19, 18 _gote-ƕuoto_, der Wüterich, +von Herodes). _Wôd_ als Eigenname des Thüringerkönigs steht im ags. +Gedicht Wîdsîð 30. + +[297] Die Sagen von Hakelberg oder Hakelbernd bei Kuhn und Schwartz, +Norddeutsche Sagen Nr. 203, 265, 281. Kuhn, Märkische Sagen S. +23. P. Zimmermann, Die Sage von Hackelberg, dem wilden Jäger, in +der Zeitschrift des Harzvereins 12, 1879, 1 ff. _halcolberand_, +Mantelträger als altsächsischen Beinamen des Wode erklärt J. Grimm, +Myth. 875. + +[298] Die schwäbische Sage kennt das Gespenst als Schimmelreiter, +Breit-, Lang-, Schlapphut, E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 93, 99. + +[299] Hákonarsaga Sverrissonar Kap. 20 (Fornmanna sögur 9, 55); zum +Rodensteiner, Uhland, Schriften 7, 609. Vgl. auch Zingerle, Tiroler +Sagen Nr. 5. + +[300] Von deutschen Sagen gehören hierher die Geschichten von Heinrich +dem Löwen, Reinfried von Braunschweig, vom Möringer, von Thedel von +Walmoden u. dgl. Simrock, Myth.⁵ 179 ff. Die Haddingsage bei Saxo 1, +12 ff. Der Anruf, der im Lübecker Schwerttanzspiel noch im 16. Jahrh. +begegnet: _hellige Wode, nû lên mi dîn pêrd!_ weist auf den Glauben, +dass der Wode seine Günstlinge aufs Pferd nimmt. Müllenhoff, ZfdA. 20, +13. + +[301] Die wilde Jagd auf ein Weib E. H. Meyer S. 247. Der Wode als +Verfolger der Frauen bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein und +Lauenburg Nr. 500; Bartsch, Sagen aus Meklenburg 1, S. 7/8, 11/12; Oden +bei Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 215. + +[302] _Oþs mey_ heisst Freyja in Vol. 25; auf das Liebesverhältniss +geht Hyndl. 48 „dem Od liefst du immer sehnsüchtig nach“. Einar +Skulason (SE. I 424) in der ersten Hälfte des 12. Jhs. nennt Freyja +_Oþs beþvina_, Ods Bettgenossin, die dem Geliebten nachweint. Sonst ist +Od nicht nachzuweisen. Die Sage erwähnt kurz Gylfaginning Kap. 35. + +[303] Dass die Sage stark umgebildet wurde, vielleicht unter dem +Einfluss der antiken Erzählung von Venus und Adonis (Bugge, Christiania +Morgenbladet vom 16. Aug. 1881), unterliegt kaum einem Zweifel; vgl. +auch H. Falk. aarböger for nordisk oldkyndighed og historie 1891 S. +275; Weinhold im Mythus vom Wanenkrieg (Berliner Sitzungsberichte 1890 +S. 611 ff.) meint, Odin als wilder Jäger verfolge die Gullweig-Freyja, +die Sonnenfrau. Also auch da wäre mittelbar die Jagd auf die Frau +nachweisbar. + +[304] Chron. Urspergense ad ann. 1123. + +[305] Reginsmǫ́l 18 _karl af bjargi_; _Fjallgautr_ SE. 1, 258; +_Fjallgeiguđr_ SE. 2, 555. + +[306] Ynglingasaga Kap. 15. Die Strophe des Ynglingatals, die +von Sveigdir erzählt, scheint allerdings eine ganz andere Sage +vorauszusetzen: den Mythus von der hinter dem Berg hinabsinkenden +Sonne, Odins Besuch bei Gunnlod im Berge; vgl. Noreen, Uppsalastudier +200 ff. Aber Snorri geht offenbar von der Vorstellung aus, man komme zu +Odin durch Eintritt in den Schooss der Berge. + +[307] Rietz, svenskt dialekt-lexicon S. 789 _Valhall_, Namen einiger +Berge, auf denen vorzeiten Felsen zum Herabstürzen (_ättestupor_) +waren. Ein solcher findet sich in Blekingen (Hellaryds sokn) nahe der +Kirche und nach alter Sage stürzten sich die Leute in den unterhalb des +Berges belegenen _Valsee_ (Totensee), der jetzt fast ganz vertrocknet +ist. Ein solcher Felsen kommt auch beim Berg Valhall in Vestergötland +(Kylingareds sokn) vor; ebenso auf dem Berg Valhall in Gemshögs +sokn. Auf dem Hålleberg in Vestergötland heisst der Gipfel Valhall +und die Sage erzählt, dass die, welche sich herabstürzten, in einem +jetzt überwachsenen Teich, der Odins Quelle (_Ons-källa_) hiess, +gewaschen wurden. -- Die Felsen zum Herabstürzen begegnen in der jungen +Gautrekssaga K. 1 u. 2, wo die alten Leute sich herunter stürzen, um zu +Odin nach Walhall zu fahren. + +[308] Walhall als unterirdisches Totenreich fasst Schullerus, Beiträge +12, 227 u. 258 ff. + +[309] _drauga dróttinn_, _hanga dróttinn_ Yngl. Kap. 7; bei den Skalden +_hangatýr_, _hangaguđ_, SE. 1, 84, 230, 232 u. ö. _galga valdr_, +Islendinga sögur 1, 307. + +[310] J. Grimm, Myth. 1, 141 nach Gryse’s 1593 erschienenem Spegel des +antichristischen pawestdoms. _„daher denn ok noch an dissen orden dar +heiden gewanet, bi etliken ackerlüden solker avergelövischer gebruk +in anropinge des Woden tor tid der arne gespöret ƕerd, und ok oft +desülve helsche jeger, sonderliken im winter des nachtes up dem velde, +mit sinen jagethunden sik hören let.“_ Vgl. auch Bartsch, Sagen aus +Mecklenburg 2, 307. Die weiteren nds. Bräuche bei Grimm a. a. O. Von +diesen Wodeopfern handelt ausführlich aber unkritisch U. Jahn, Die +deutschen Opferbräuche S. 163 ff. + +[311] Den bayer. Brauch des _Waude-Opfers_ verzeichnet Panzer, Beitrag +zur deutschen Myth. 2, 216; J. Grimm, Myth. 3, 59; _Woude_ für +_Wuode_, ou = uo Weinhold, Bayr. Gr. § 103. Das _Wudfutter_ U. Jahn, +Die deutschen Opferbräuche 1884 S. 165; übers _Guetisheer_ Rochholz, +Schweizersagen aus dem Aargau 1, 91. Über das schwed. _Odinsopfer_ +J. Grimm, Myth. 1, 140; Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 212. +Was mit Wodan und seinen Beziehungen zum Ackerbau zusammenhängt, +sammelt U. Jahn a. a. O. besonders S. 163 ff.; nur zieht er allzuviel +Unbrauchbares heran z. B. den _„Vergodendeel“_, dessen wahre Bedeutung +Knoop, Zeijtschr. f. Volkskunde 3, 41 ff. erkannte. + +[312] Ynglingasaga Kap. 8; Lokka táttur 10 bei Hammershaimb, færöiske +kvæder 1, 140. + +[313] Die urgermanische Form des Namens war _ƕôdanaȥ_, as. _Wôdan_, +ags. _Wóden_, anorw. aisl. _Oþenn Ođinn_, aschw. _Oþan_; zu den +nordischen Formen Noreen, An. Gr. 1. Aufl. § 167, 3b; ebenda 2. Aufl. +§ 228, 1. Über Suffix -_ana_ Kluge, Nominale Stammbildungslehre § 20, +Brugmann, Grundriss 2 § 67, S. 144. Im Althochdeutschen kommt zwar der +Gott selber nicht vor, aber der Name teils als Appellativum _ƕuotan_, +_tyrannus_, _herus malus_ in Glossen, teils als Mannsname _Wuotan_ in +Urkunden; Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 120; 3, 48 ff. Der ahd. Name +ist natürlich vom Gott abgeleitet und zeigt, dass Wodan in der späteren +Zeit des Heidentums auch im Süden nicht unbekannt war. Die Erklärung +des Namens hat vom Begriff „_Wut_“ auszugehen. J. Grimm, Myth. 1, 121 +schlug vor das Verb. _ƕadan ƕôd_, an. _vađa óđ_, waten, durchdringen. +Wôdan sei demnach das allmächtige, alldurchdringende Wesen, _qui omnia +permeat_. Die Ableitung ist viel zu geistig. Zimmer, ZfdA. 19, 172, +179 f., Mannhardt, ebenda 22, 4 stellen den indischen Windgott _Vâta_ +als Urbild des german. Wodan auf. Ihnen folgen Mogk und E. H. Meyer. +Doch _vâta_ ist idg. _u̯éto_, gr. ἀϝήτες Brugmann, Grundriss 2 § 79, +S. 210, eine Nebenform zu _u̯ento_, Wind, und entspricht lautlich +keineswegs Wodan. Im Anschluss an Zimmers Behauptung zeigt V. Rydberg, +undersökningar i germanisk mythologi 2, 29 ff. das glänzende Bild des +_Vàta-Vâyu_ als Sturm- und Kriegsgott, natürlich um Wodans Gestalt +als indogermanisch zu retten. Man lernt nur, wie sich eine solche +Göttergestalt aus der Naturbeseelung, aus dem persönlich gedachten +Sturm auch anderswo entwickeln kann. Kluge (bei Bradke, Dyâus Asura, +Halle 1885, S. X Anm.) vermutet idg. _u̯âtenós_ (lat. _vates_, air. +_fáith_), germ. _ƕôdanaȥ_, Herr des Gesanges. Gleich der Deutung J. +Grimms nimmt auch die Kluges Wodan in seiner höchsten und letzten +Entwicklung zum Ausgangspunkt, verzichtet auf die nächstliegende +natürliche Anknüpfung und sucht eine künstliche auf. Das Rechte sah +schon Adam von Bremen, wenn er sagt: _Wodan id est furor_. + +[314] Die Übersetzung Wodans mit Merkur ist sehr treffend, da beide +Götter einander wesensgleich sind. Merkur ist Windgott und stürmischer +Liebhaber, Seelenführer, Förderer der Fruchtbarkeit, Gott der Erfindung +und Listen u. s. f. Er trägt Hut und Stab, die Wünschelrute. Vgl. +Roscher, Hermes als Windgott, Leipzig 1878, S. 104 ff. Nur die +kriegerische Seite, das Heldentum, gehört Wodan allein. + +[315] Tac. Germ. 9 _deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus +humanis quoque hostiis litare fas habent._ Ann. 13, 57 im Krieg +zwischen Hermunduren und Chatten wird das feindliche Heer dem Tiuȥ und +Wodan zum Opfer geweiht. Im Gespräch zwischen Chrothild und Chlodowech, +wo die heidnischen Götter dem Christengott gegenübergestellt werden +(Gregor Tur. hist. Franc. 2, 29), finden sich zwar offenbar gelehrte +Bezüge auf klassische Mythen; mit Mars und Merkur können aber auch +Tiu und Wodan gemeint sein. Dass Mercurius die interpretatio romana +für Wodan ist, bezeugt ausser _dies Mercurii_ = _Wodans dag_ Paulus +Diaconus I, 9 _Wodan sane, quem adiecta litera Gƕodan dixerunt, +ipse est, qui apud Romanos Mercurius dicitur._ Jonas von Bobbio, +vita Columbani _illi aiunt, deo suo Wodano, quem Mercurium vocant +alii, se velle litare_. In einem alten aus dem 10. Jahrh. stammenden +Bücherverzeichniss von Werlamacester (J. Grimm, Myth. 1, 110) heisst +es: _coluerunt Mercurium, Woden anglice appellatum_. Bei Galfred von +Monmouth lib. 6 sagt Hengist zu Vortigern: _ingressi sumus maria, +regnum tuum duce Mercurio petivimus. colimus maxime Mercurium, quem +Woden lingua nostra appellamus. huic veteres nostri dicaverunt quartam +septimanae feriam, quae usque in hodiernum diem nomen Wodenesdai de +nomine ipsius sortita est. post illum colimus deam inter ceteras +potentissimam, cui et dicaverunt sextam feriam, quam de nomine eius +Fredai vocamus_. + +[316] Über Wodans allmäliges Aufkommen vgl. Müllenhoff, ZfdA. 18, 251; +23, 8; 30, 219. + +[317] Auf einem Weihstein im obern Ahrthal bei Blankenheim steht + + MERCVRI + CHANNINI + +was Siebs ZfdPh. 24, 1 ff. als _Mercurio Channini_ liest und aus +germanischer Sprache zu deuten sucht. _Channini_ soll Dativ eines wg. +Nom. Sing, χ_anniê_ sein, dessen Form ahd. as. _*henno_, afries. ags. +_*henna_ wäre. Dazu stellt sich der unerklärte mhd. Ausruf _iâ henne_! +Henne der Teufel bei Agricola; sächs. fries. _henneklêd_, Totenkleid. +Ob Freund Hein, der Tod, daraus etwa verderbt ist? χ_anni̯ê_ wäre als +Töter zu deuten, der Stein ist Wodan dem Totengott, dem Seelenführer +geweiht. Wodan-Mercurius zur Zeit des Tacitus war also nach Siebs +Totengott. Much, ZfdA. 35, 207 u. Anzeiger 17, 184 stellt _hanno_ zu +an. _hannarr_ geschickt, kunstfertig, griech. κοννεῖν, kennen. Es +sei Wodan, der listenreiche Gott gemeint. Aber der nord. Zwergname +_Hannarr_ ist sehr bedenklich für diese Etymologie. Scherer, Berliner +Sitzungsberichte 1884, 1, 577 dachte an eine Verkürzung: _Mercurio +Channini[fatium]_, an Wodan der Canninefaten. Alle Deutungen sind ganz +unsicher. + +[318] Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 114 f.; 3, 47. Frühzeitig bietet +sich ags. _Wódnes dag_; mfries. aus dem 14. Jahrh. zu belegen, +Richthofen, Fries. Wb. 1142, _Wonsdeg_; die mndl. Form lautet schon im +13. Jahrh. _Woensdach_; fürs Niederrhein. bieten Urkunden des 14/15. +Jahrh. _Gudestag_, _Gudenstag_. Ortsnamen mit Wodan bei Grimm, Myth. 1, +138 ff., 3, 58 f.; W. Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen deutscher +Stämme, Marburg 1877, S. 335; die engl. Namen bei Kemble, the Saxons 1, +343. + +[319] Die um 772 verfasste Taufformel bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler +LI _ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum Thunaer ende Uuôden +ende Saxnôte ende allum thêm unholdum thè hira genôtas sint_. Im +_indiculus superstitionum_ ist _de sacris Mercurii vel Iovis_ und _de +feriis quae faciunt Iovi vel Mercurio_ die Rede. + +[320] Jonas von Bobbio, _vita Columbani_, kurz nach 620 (Mabillon, +ann. Bened. 2, 26) _sunt etenim inibi vicinae nationes Suevorum; quo +cum moraretur et inter habitatores illius loci progrederetur, reperit +eos sacrificium profanum litare velle, vasque magnum, quod vulgo +cupam vocant, quod viginti et sex modios amplius minusve capiebat, +cerevisia plenum in medio habebant positum. ad quod vir dei accessit et +sciscitatur, quid de illo fieri vellent? illi aiunt: deo suo Wodano, +quem Mercurium vocant alii, se velle litare._ + +[321] Alles auf Woden bezügliche stellte Kemble, The Saxons in England +1,335-46 zusammen. Die ags. Genealogien bei J. Grimm, Myth. 3, 377 +ff.; die um 600 geschriebene _vita Kentigerni_ (_Acta sanctorum_ 1, +820) nennt _Woden principalem deum Anglorum_. In den Denksprüchen des +Exeterbuchs 133 bei Wülcker. Kleinere ags. Dichtungen, Halle 1882, S. 48 + + _Wóden ƕorhte ƕeos, ƕuldor alƕalda + rúme roderas: þæt is ríce god_ + +wird Wodan als der, welcher Teuflisches wirkte, dem wahren allwaltenden +Gott, dem Schöpfer der Himmel gegenübergestellt. In _ƕeos_ steckt +jedenfalls _ƕóh ƕó_ (as. _ƕáh_, got. _ƕâhs_), Böses. Übles, denn der +ags. Spruch gibt die Psalterstelle _omnes dii gentium daemonia, dominus +autem coelos fecit_, wieder; Vgl. Strobl, ZfdA. 31, 59; an _ƕeo_ = +_ƕih_, Tempel, Heiligtum, ist nicht zu denken. Im Neunkräutersegen +(Wülcker, a. a. O. 35) werden neun Kräuter aufgezählt, die gegen Gift +wirksam sind. Ein Wurm naht und will sie zerreissen. Da nahm Woden +neun herrliche Zweige und schlug die Natter, dass sie in acht (Stücke +auseinander fiel und) entfloh. + + 32 _đá genam Wóden VIIII ƕuldortánas + slóh đá đá næddran, đæt heo on VIII tofléah._ + +Woden ist also auch hier ähnlich wie im Merseburger Zaubersegen im +Besitz kräftigen Zaubers, mit dem er das Böse bannt. + +[322] Aethelweard im 10. Jahrh. Chron. lib. II Kap. 2 sagt von Hengist +und Horsa: _hi nepotes fuere Uuoddan regis barbarorum, quem post, +infanda dignitate, ut deum honorantes, sacrificium obt ulerunt pagani, +victoriae causa sive virtutis. -- -- Wothen, qui et rex multarum +gentium, quem pagani nunc ut deum colunt aliqui._ + +[323] Die Sage steht in der um 670 entstandenen _origo gentis +Langobardorum_ in _MG. leges_ 4, 641; ausführlicher erzählt Paulus +Diaconus _de gestis Langobardorum_ 1, 7 u. 8; die Texte auch bei Carl +Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der Langobarden, Paderborn 1877, +S. 108 u 118. Die Sage gebe ich nach der Übersetzung von O. Abel, +Paulus Diaconus und die übrigen Geschichtschreiber der Langobarden, +Berlin 1849 S. 1 ff. Vgl. auch Bethmann, Archiv 10, 351 ff. Die Brüder +Grimm gaben die Erzählung in den Deutschen Sagen, Bd. 2, Nr. 390. Dass +dem Berichte der lateinischen Quellen unmittelbar ein stabreimendes +langobardisches Lied zu Grunde liegt, erweisen Kögel, Geschichte +der deutschen Litteratur I, 1, 107 ff.; Bruckner, Die Sprache der +Langobarden, Strassburg 1895, S. 19 ff. + +[324] Im Codex Exoniensis wird auf ein Liebesabenteuer _Géats_ +angespielt. + + _We đæt Mæđhilde monge gefrunon + wurdon grundléase Géates frige + đæt him séo sorglufu slǽp ealle binom._ + +Wir vernahmen, dass Géats Liebe zu Mæðhild so bodenlos war, dass ihm +Liebessorge den Schlaf raubte. Wenn Géat, Gautr Beinamen Wodans sind, +dann mag auch diese Sage zu Odins Liebesgeschichten zu zählen sein. +Kemble, The Saxons 1, 370. + +[325] Eine Erklärung der vom Verbum _geotan gaut gutum gotans_ +gebildeten Volksnamen (_Gautôs_ und _Gutans Gotans_), in denen der +Begriff überströmender Menge (ags. _mid géotendan here_) liegt, gab +Laistner, Württb. Vierteljahrshefte f. Landesgesch. N. F. 1892, S. +9/10. Damit verbietet sich die Meinung von selbst, das Volk sei +nach dem Gott benannt; vgl. E. H. Meyer, Myth. S. 234. Für uralten +Zusammenhang der Namen Wodan und Gaut können die ags. Namen _Sigegéat_ +und _Wódelgéat_, ahd. _Wuotilgôȥ_ angeführt werden, d. h. Gaut als der +sieghafte Wodan. Zur Etymologie des Volksnamens vgl. noch Axel Erdmann, +om folknamen Göter och Goter in der antiquarisk tidskrift för Sverige +1891, del 11, nr. 4. + +[326] Genaueres über die Walsungensage und Wodans Eingreifen wird unten +bei Behandlung der nordischen Berichte mitgeteilt. Dass schon Wodan, +nicht erst Odin die Geschicke der Helden lenkte, erwies Müllenhoff, +ZfdA. 23, 116 ff. + +[327] Im ags. Gespräch zwischen Salomo und Saturn heisst es: Sag mir, +wer zuerst Buchstaben setzte? Ich sage dir, Mercurius der Riese (_se +gygand_). Ob mit Kemble, The Saxons in England 1, 339 unter Merkur +Wodan zu nehmen ist, ob vom deutschen oder römischen Gott und seinen +Fähigkeiten geredet wird, lässt sich nicht entscheiden. + +[328] Vgl. Dahn, Bausteine 1, 1879 Wodan und Donar als Ausdruck des +deutschen Volksgeistes. + +[329] Saxo III S. 129 _dii, quibus praecipue apud Byzantium sedes +habebatur, Othinum .... collegio suo submovendum duxerunt_. Saxo I S. +42 _ea tempestate cum Othinus quidam Europa tota falso divinitatis +titulo censeretur, apud Upsalam tamen crebriorem diversandi usum +habebat_. Die nordischen Könige schicken seine goldene Bildsäule nach +Byzanz. Also schon Saxo weiss von einer Abstammung des schwedischen +Odinkultes aus dem Osten. Snorri erzählt das Hierhergehörige im Formáli +der Edda Kap. 8-11, und in der Ynglingasaga Kap. 1-5. + +[330] In der ausführlichen Olafssaga helga, Fornmanna sögur 5, 239 +_Ólafr konungr kristnađi þetta ríki allt: ǫll blót braut hann niđr ok +ǫll gođ, sem pór Engilsmannagođ ok Oðin Saxagođ ok Skjǫld Skánungagođ +ok Frey Sviagođ ok Gođorm Danagođ_. In Schonen und Dänemark werden +Könige als Götter aufgeführt. Thor als englischer Gott ist ein +Missverständniss. Vielleicht soll damit der Hauptgott der in England +ansässigen Nordleute gekennzeichnet werden. + +[331] Vgl. oben im Kapitel über Freyr S. 220 ff. + +[332] _Odins vi_ bei H. Petersen, gudedyrkelse og gudetro S. 104 ff. +Schwedische Odinsplätze verzeichnet Lundgren, språkliga intyg om +hednisk gudatro i Sverige S. 34 ff., norwegische sammelt O. Rygh in der +Neuausgabe von Munch’s norr. gude- og heltesagn, vgl. den Index. + +[333] Ynglingasaga Kap. 3; darauf bezieht sich auch Lokas. 26, wenn +Loki Frigg vorhält, sie habe als Odins Weib doch Wili und We Gunst +gegönnt. + +[334] Saxo III S. 126 ff. Rindr als Mutter Walis wird im Liede Baldrs +draumar 11 erwähnt. Der Skald Kormak (937-976) singt (SE. I, 236) _seiþ +Yggr til Rindar_: Odin bezauberte Rindr, womit offenbar auf dieselbe +Sage, die Saxo kennt, angespielt ist. Ob Hǫ́v. 95-101 mit Billings +Maid, die den liebeverlangenden Gott foppt, Rindr gemeint ist, lässt +sich nicht mit Gewissheit behaupten. Doch ist es wol möglich. Vgl. +Finnur Jónsson, litteraturs historie I, 234. Weitere Vermutung über das +Verhältniss Odins zu Ollerus vgl. im Abschnitt über Ullr. + +[335] Die Sage von Mitothin Saxo I S. 42 ff. Zur Erklärung von +_mitoth-inn_, aisl. _mjǫtuđr-inn_, ags. _meotod_, and. _metod_ vgl. +Munch, det norske folks historie 1, 217; Das heroische Zeitalter der +nord. germ. Völker 30 Anm. 2; unabhängig kam neuerdings Kauffmann, +Beiträge 18, 188 zur selben Erklärung. + +[336] Das Schiff Skidbladnir wird sonst allein dem Freyr zugeschrieben. + +[337] Odins kriegerisches Aussehen nach Gylfag. Kap. 51 (SE. 1, 190); +Gylfag. Kap. 49 (SE. 1, 176); Saxo II S. 106 _Othin armipotens, uno +contentus ocello, albo clypeo tectus, flectit equum, horrendus Friggae +maritus_ vgl. Yggr, der Schreckliche. Adam von Bremen 4, 26 _Wodanem +sculpunt armatum sicut nostri Martem sculpere solent_. Odin mit Helm +und Schwert Sigrdr. 14; über Gungnir Skáldsk. Kap. 3; die Sagen über +Gungnir stellt A. Raszmann, in Ersch-Grubers Encyklopädie I. Section, +Bd. 97 (1878), S. 281 ff. zusammen. Über Sleipnir Gylfag. Kap. 42; +zur Erklärung des Namens als Läufer, Springer (*_sklæipnir: hlaupa_) +Noreen, An. Gr.² § 149, 1; § 256. Odin als Wanderer wird in den +folgenden Sagen, welche sein Eingreifen in die Geschicke der Menschen +zeigen, geschildert. Mantel, Hut, Ross gehören schon dem deutschen +Wodan, wahrscheinlich auch Speer und Helm. + +[338] Draupnir findet sich schon bei Kormak, corpus poet. 2, 66. In +den Eddaliedern kommt zwar der Name nicht vor, aber Skírn. 21 bezieht +sich deutlich darauf. Über Draupnir Skáldsk. Kap. 3 und Gylfag. Kap. 49 +(nach dem Text des Codex Wormianus und Regius). SE. 1, 260 heisst Baldr +„_Draupnis eigandi_“. + +[339] Ólafssaga Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 28. + +[340] Reginsmǫ́l 20. + +[341] Hákonar saga góða (Heimskringla) Kap. 16 u. 18. + +[342] Die jüngere Olafssaga helga Kap. 101 (Fornmanna sögur 5, 233). + +[343] Skirnesmǫ́l 33 + + _reiþr’s þér Óþenn, reiþr’s þér ása bragr, + þik skal Freyr fiask._ + +Beim Fluch auf Eirik ruft der Skald Egil Freyr, Njord und den Landas +(Thor) an. Aber auch Odin und alle andern Götter: _reiþr sé rǫgn ok +Oþenn_. Gudbrand Vigfusson, corpus poet. 2, 72. + +[344] Walhall ist geschildert in den Grimnesmǫ́l; vgl. auch +Vafþrúþnesmǫ́l 41; Gylfag. Kap. 14, 20, 24, 30-41. Bragar. 1. + +[345] Vingolf begegnet nur SE. I 38, 62, 84. Eine Strophe, wo der +sterbende Hadding singt: „Sehen kann ich Fjolnirs Mädchen (die +Walküren), euch hat Odin mir gesandt; gern wollte ich nach Vingolf +folgen und mit den Einherjern Bier trinken“ bei Finn Magnusen, Lex. +Myth. 557. Zur Deutung des Namens „Halle der Liebenden?“ Braune, +Beiträge 14, 369; Finnur Jónsson, arkiv f. nord. filologi 7, 280; +Kaufmann, ZfdA. 36, 32. + +[346] J. Grimm, Myth. 135 Anm. macht auf eine merkwürdige Ähnlichkeit +aufmerksam. Basil und Gregor dem Grossen gab eine weisse Taube, die auf +der Schulter oder auf dem Haupte sass, Worte der Weisheit ein. Nach +einem Kindermärchen (Nr. 33) setzen sich zwei Tauben auf des Pabstes +Schulter und sagen ihm alles ins Ohr, was er vorzunehmen hat. + +[347] Über Heidrun und Eikthyrnir Bugge, Studien S. 506 ff.; H. Falk, +aarböger for nordisk oldkyndighed og historie, 2. Reihe, 6. Band, 1891, +S. 280. + +[348] Nur SE. I 84 Gylfag. Kap. 20 heissen die Einherjer _óskasynir_. +Lokas. 16 _óskmegir_ geht nicht auf sie; zu der dunkeln Strophe Bugge, +Beiträge 13, 188 ff. Übrigens müsste der Ausdruck gleich verstanden +werden als _filius adoptivus_, was durch _óskmǫgr_, _óskasonr_ +übersetzt wird. + +[349] Die Stelle in den Bjarkamǫ́l (Saxo II S. 81) + + _en, maxime Rolvo, + magnates cecidere tui, pia stemmata cessant. + non humile obscurumque genus, non funera plebis + Pluto rapit vilesque animas, sed fata potentum + implicat et claris complet Phlegethonta figuris --_ + +muss wol so in die nordische Mythensprache aus den antiken +Verzierungen umgesetzt werden: O grosser Hrolf, deine Edelinge fielen, +dahingestreckt liegen die treuen Geschlechter. Nicht niederes Volk von +dunkler Herkunft, nicht Leichen des Pöbels und wertlose Seelen rafft +Walvater dahin, der Mächtigen Schicksal verflicht er in der Schlacht, +mit ruhmvollen Helden erfüllt er Walhall. Also tapfere, edelgeborene +Helden versammelt Odin in seinen Saal. Dazu Hárb. 24 + + Zu Odin kommen die Edlen, die das Eisen wegrafft, + Und der Tross der Knechte zu Thor. + + +[350] _Valmeyjar_ begegnet nur SE. I, 420. Zur Schilderung ihrer +Erscheinung Vǫl. 31; Helg. Hjǫrv. 28; Helg. Hund. II 15, 6; ihre Namen +Vǫl. 31; Grimn. 36; SE. I 557 wo sie _Ođins meyjar_ heissen; Njálssaga +Kap. 157. + +[351] Gudbrand Vigfusson, corpus poeticum boreale I, 255 ff. + +[352] So Ulf Uggason in der Húsdrápa. + +[353] Prosa nach Helg. Hund. II 37. + +[354] Krákumál 29 corpus poet. II 345. + +[355] Finn Magnusen, Lex. Myth. 557. Auch diese Strophe ist nicht alt. + +[356] Wie Walvater und die _óskmegir_ auf einander zielen, so auch +_óskmeyjar_ und _Ođins meyjar_, _Herjans nǫnnor_. In der Volsungasaga +Kap. 1 schickt Odin _óskmey sína_, _dóttur Hrímnis jǫtuns_, seine +Adoptivtochter, die leibliche Tochter Hrímnirs aus. Brynhild, nach +nord. Sage Budlis leibliche Tochter wird _óskmær_, Oddrúnargrátr 15; +auch hier ist zu denken Wunschtochter Odins. + +[357] Saxo II nach Uhland 7, 202 ff. + +[358] Zeugnisse für die hier erwähnten bewaffneten Germanenfrauen und +für die nordischen Schildjungfrauen sind gesammelt bei Grolther, Der +Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der Münchener Akademie I. Kl. 18. +Band, 2. Abth. S. 406 ff. + +[359] _Hliđskjalf_ Thürbank von _hliđ_, Thüre, Thor und _skjalf_, +ags. _scylfe_, mnds. _schelf_, engl. _shelf_. Über Hlidskjalf die +Prosaeinleitung zum Grimnirlied, Gylfag. Kap. 9 und 17. + +[360] Die Halle _valhǫll_ in der Atlakviþa 2 und 15, die Dingbude +Sturlunga IV Kap. 48; V K. 12 und 30. + +[361] Vol. 24. + +[362] Eyrbyggja Kap. 44. + +[363] Styrbjarnar þáttr Kap. 2; Fms. 5, 250. + +[364] Hervararsaga Kap. 28 (Fornaldar sögur 1, 105). + +[365] In der Helgakviþa Hund. II. + +[366] Gautrekssaga Kap. 7 (Fornaldar sögur 3, 31 ff.); nach Uhland, +Schriften 6, 359. + +[367] Hálfssaga Kap. I, Fornaldar sögur 2, 25 ff. + +[368] Jüngere Olafssaga helga Kap. 204. + +[369] Saxo IX S. 446. + +[370] Ynglingasaga Kap. 29. + +[371] Ynglingasaga Kap. 18. + +[372] Ynglingasaga Kap. 47. + +[373] Hromundarsaga Greipssonar Kap. 2; Fornald. s. 2, 366. + +[374] Hervararsaga Kap. 5; Fornald. s. 1, 423. + +[375] Ragnarssaga Kap. 9; Fornald. s. 265. + +[376] Landnáma 5 Kap. 10; Islendinga sögur 1, 307. + +[377] Hálfssaga Kap. 11 u. 13; Fornaldar sögur 2, 39 u. 45. + +[378] Ynglingasaga Kap. 16. + +[379] Ynglingasaga Kap. 52. + +[380] Krákumál 29. + +[381] Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891, II S. +566 erklärt den Unterschied so: „Was in den dänisch-norwegischen +Vorstellungen von Odins Walhalla ausgesponnen ist, von der vornehmen +Gesellschaft, in welche schöne Schild- und Helmmädchen einführen, ist +jüngeres Erzeugniss der Wikingerzeit. Die Bekenner anderer Kulte als +des Odinkults waren ausgeschlossen; sie wurden der Wanin Freyja oder +dem Bauerngotte Thor überlassen.“ Man muss noch die Hel, Ran, die +Trolle und Elben hinzusetzen. + +[382] Lokasenna 22; ähnlich Hárb. 25; der Skald Egill tadelt im +Sonartorrek Odins Willkür und Gewaltherrschaft. + +[383] Gautrekssaga, Fornaldar sögur 3, 17 ff, 32 ff. + +[384] Eingang zum Grimnirliede. + +[385] Vǫlsungasaga Kap. 1 u. 2; über Odins Eingreifen und dessen +Bedeutung Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff. + +[386] Vǫlsungasaga Kap. 3 u. 11. + +[387] Vǫlsungasaga Kap. 12. + +[388] Die Sage von Harald bei Saxo VII u. VIII, S. 361 ff.; der +isländische Bericht im _Sögubrot af nokkrum fornkonungum í Dana ok +Svía veldi_ (Fornaldar sögur 1, 361 ff.). Vgl. Uhland, Schriften 7, +234 ff. Dass Odin Könige und Freunde gegen einander verhetzt, wird +auch Hárb. 24 u. Helg. Hund. II, 33 gesagt. In der späten Erzählung +Sǫrlaþáttr (Fornaldar sögur I S. 391 ff. Flateyjarbók I 275 ff.) +veranlasst Freyja auf Odins Geheiss den Kampf zweier mächtiger Könige, +der in alle Ewigkeit währen soll. Es ist der Hedeninge sagenberühmte +Geisterschlacht. Odins und Freyjas Einmischung scheint aber junge +Erfindung in Nachahmung antiker Sagen. Bugge, Studien 99 ff. + +[389] Saxo V S. 238. + +[390] Reginsmǫ́l. + +[391] Vǫlsungasaga Kap. 13 u. 18. + +[392] Saxo II S. 61. + +[393] Vǫlsungasaga Kap. 18. + +[394] Saxo VIII S. 415. + +[395] Vǫlsungasaga Kap. 42. + +[396] Hrolfssaga Kraka (Fornaldar sögur I) Kap. 38 ff. 47 ff. Saxo II +S. 106. Bjarco fragt Ruta: + + _Et nunc ille ubi sit, qui vulgo dicitur Othin, + armipotens, uno semper contentus ocello? + dic mihi, Ruta, precor, usquam si conspicis illum?_ + +Hierauf lässt ihn Ruta durch den eingestemmten Arm spähen. Bjarco sagt: + + _Si potero horrendum Friggae spectare maritum, + quantumcunque albo clypeo sit tectus et altum + flectat equum, Lethra nequaquam sospes abibit: + fas est belligerum bello prosternere divum._ + +Vgl. Uhland Schriften 7, 144, 151, 154, 160. Ob im Namen Hrani _rani_, +Schweinsschnauze, _svinfylking_, _caput porcinum_ d. h. keilförmige +Schlachtordnung, als deren Erfinder Odin gilt, anklingt, steht dahin; +vgl. Bugge, norrön fornkvædi S. 339. + +[397] Ketilssaga Hængs Kap. 5; Fornaldar sögur 2, 132, 135, 139. + +[398] Harðarsaga Grimkelssonar Kap. 15. + +[399] _Frá dauđa Sinfjǫtla_; Vǫlsungasaga Kap. 10, J. Grimm, Myth. 790 +ff. + +[400] Hallfreðarsaga Kap. 5 (Fornsögur hrsg. von Gudbrand Vigfusson +und Th. Möbius S. 91). Ein Beiname Odins ist _farmaguđ_ Gylf. Kap. +20, _farmatýr_ Grimn. 48, Eyvind SE. II 160, d. h. Gott der Frachten, +Schiffslasten. Vielleicht ist auch hier Odin als Beschützer der +Schifffahrt und des Handels gleich Merkur bezeichnet; W. Müller, System +der altds. Religion 187; J. Grimm, Myth. 3, 55; Simrock, Myth.⁵ 169; E. +H. Meyer, Myth. 233. + +[401] Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 218 ff. + +[402] Hǫ́vomǫ́l 95-101; 102-109; Bragar. Kap. 4. Vgl. Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 233 ff. + +[403] Über die verschiedenen Teile der Hǫ́vamǫ́l vgl. Müllenhoff, +Deutsche Altertumskunde 5, 250 ff. Dass überall in allen Stücken +Odin der Sprecher ist, weist gegen Müllenhoff Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 224 ff. nach. + +[404] _Galdrs faþer_ heisst Odin Baldrs Dr. 3; Aufzählung der +Zauberlieder Hǫ́vamǫ́l 146 ff. + +[405] Der Skald Kormak sagt: _seiþ Yggr til Rindar_ SE. 1, 236; Saxo +III 128 _quam [Rindam] protinus cortice carminibus adnotato contingens +lymphanti similem reddidit._ + +[406] Sigrdr. 13; Odins Runenkunde behandelt in unnachahmlich schöner +Weise Uhland, Schriften 6, 225 ff. + +[407] Die Grimnesmǫ́l sind durch zahlreiche Einschaltungen verderbt. +Unter den Versuchen, den alten und echten Kern, „eine Offenbarung +Odins in seiner ganzen Herrlichkeit und Furchtbarkeit“, herauszulösen, +sind die wichtigsten Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 159 ff. +und Finnur Jónsson, Litteraturs historie 1, 141 ff. Die Einkleidung +des Liedes hält Bugge, Studien 456 für eine Nachahmung der Vindicta +Salvatoris. + +[408] Über die Vafþrúþmesmǫ́l Müllenhoff, Altertumskunde 5, 237 ff; +Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 137 ff. Der Name _Vafþrúþner_, +der sonst nirgends vorkommt, heisst nach Gudbrand Vigfusson dictionary +673ᵇ u. 747ᵃ „der im Verwickeln, in Rätseln Starke“ und wäre also für +den Inhalt des Gedichtes, das Wettgespräch erfunden; so auch Müllenhoff +a. a. O. 237/8. + +[409] Über die Gestsagen vgl. Uhland, Schriften 6, 305 ff.; 7, 321 +ff. Die Quellen sind die Hervararsaga Kap. 12; Olafssaga Tryggvasonar +(Heimskringla) Kap. 71; jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 197/8 +(Fornmanna sögur 2, 138); Olafssaga helga, Anhang in den Fornmanna +sögur 5, 171 ff. Þáttr Tóka Tókasonar (Fornm. sögur 5, 299) und +Nornagests þáttr. + +[410] Vǫl. 17/8; Bragar. Kap. 2; Skáldsk. Kap. 5. Vgl. Bugge, Studien +S. 16. + +[411] Ulf Uggason nennt die Dichtkunst _Grímnis gjǫf_, SE. 1, 250; den +Dichter _Yggs ǫl-beri_ SE. 1, 466. + +[412] Gautrekssaga Kap. 7 _Odinn mælti: ek gef honum skáldskap, at hann +skal eigi seinna yrkja enn mæla_. Entsprechend bei Saxo VI 278 _Othinus +Starcatherum non solum animi fortitudine, seil etiam condendorum +carminum peritia illustravit._ + +[413] Grimnesmǫ́l 7; Gylfag. Kap. 35; der Name kommt häufig bei den +Skalden vor, bei Kormak corpus poet. 2, 334 und öfters; vgl. Sveinbjörn +Egilsson, Lex. poet. 678. Der Name hat langes _á_, _Sága_, wie der +Genitiv _Ságu_ z. B. in _Ságunes_ Helg. Hund. I, 40 lehrt. Damit ist +jeder Zusammenhang mit _saga_, Gen. _sǫgu_, den J. Grimm, Myth. 863 +und Mogk, Pauls Grdr. 1, 1079 behaupten, ausgeschlossen. Sága ist +unerklärlich und mit dem Namen bleibt uns auch ihr eigentliches Wesen, +warum Odin zu ihr geht, verborgen. Wer Saga für richtig hält, denkt +daran, dass Odin geschichtliche Weisheit bei ihr schöpft, dass er +Weisheit trinkt. + +[414] Über Mimir Vǫl. 27-29; 46; Sigrdr. 13, 14; Vafþr. 45; Fjǫlsv. +14; Gylfag. Kap. 12; Ynglingasaga Kap. 4; Mimirs Freund heisst Odin +schon bei den Skalden des 10. Jahrhunderts SE. 1, 233 Anm. 19, 238, +240. Über Mimir handelt vortrefflich Uhland, Schriften 6, 197 ff.; vgl. +auch Weinhold, Die Riesen des germ. Mythus (Wiener Sitzungsberichte +26, 1858) S. 243 ff. u. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 101 ff. +Über den Namen, dem kurzes _ĭ_ zukommt und der mit Μέμνων, _memor_ +urverwandt ist (ags. _mimor_, _mimerian_) Sievers, Beiträge 6, 286, +314, 354 f. + +[415] Odin am Galgen Bugge, Studien 317 ff. Vgl. schon Munch, Das +heroische Zeitalter der nord. germ. Völker S. 22 Anm. 2. Kauffmann, +Beiträge 15, 195 ff. wendet sich gegen die Ableitung aus christl. +Vorstellungen. Seine Ausführungen sind auf ziemlich willkürlich zurecht +gemachter Überlieferung aufgebaut, 140 wird als ursprünglich angesehen +(gegen Müllenhoff, Altertumskunde 5, 270) und dann mit „_prolepsis_“ +in den Zusammenhang gezwungen. Die Hauptsache, dass Odin sich selber +opfert und dass der Baum darum Weltbaum ist, findet gar keine +Berücksichtigung. Christlichen Ursprung nimmt auch E. H. Meyer, Völuspa +23 ff. an. + +[416] Anspielungen auf den Dichtermet bei den Skalden sammelt Gudbrand +Vigfusson, Corpus poeticum II, 462 f. + +[417] Nach dieser Stelle, nach Hǫ́v. 140, ist Odrerir Name des Kessels, +der den Trank aufbewahrt, nach Hǫ́v. 106 ist der Met selber damit +gemeint. Der Name haftet am Kessel auch beim Skald Einar skálaglamm, +wenn er die Dichtkunst als „die Woge Odrerirs“ bezeichnet. + +[418] Bragar. 3 u. 4; daher gehören auch Hǫ́v, 13/4: + + Über Gastungen schwebt der Vergessenheit Reiher, + Der den Verstand uns stiehlt; + Dieses Vogels Gefieder umfächelte mich, + Als in Gunnlods Grotte ich sass. + Trunken ward ich, ward todtrunken + In des sinnreichen Fjalar Saal; + Am besten ist’s, bringt man vom Trunke + Einen klaren Kopf nach Haus. + +Da wird also dem Trank berauschende Wirkung zugeschrieben, worauf +der Name Suttung aus _suþ-þungr_, vom Sud beschwert, betrunken, auch +hinweist. Für Suttung steht hier Fjalar, der [Met]berger, Metbewahrer +(zu _fela_, bergen). Im Grimnirlied 50 hat Odin den Raub des Odrerir im +Auge: + + Swidur und Swidrir hiess ich bei Sokmimir + Und täuschte den Thursengreis; + Midwidnirs Sohne zum Mörder ward ich, + Dem Trefflichen, ich allein. + +Swidrir und Swidur, der Brennende, heisst Odin als Sonnengott. Bei +Sonnenuntergang kehrt er im Berge ein. Sokmimir, Streiterreger, +ist Suttung, der Berauschte, da im Rausche leicht Streit auskommt. +Midvidnir ist der mit Met Fesselnde. Alle Namen des Riesen, der Odrerir +inne hat, entstammen demselben Gedanken: der Berauschende. Über weitere +mit dem Met zusammenhängende Züge vgl. Noreen, Uppsalastudier 198 u. +205 ff. Kwasir kommt nur Gylfag. Kap. 50 noch einmal vor: er erkannte +als der weiseste der Asen das Netz, das Loki ins Feuer geworfen hatte, +noch in der Asche als Vorrichtung zum Fischfang. Yngl. Kap. 4 erzählt +von der Edda abweichend, die Wanen hätten ihn als den Klügsten in ihrer +Schar den Asen vergeiselt. In Gedichten findet er sich nur bei Einar +skálaglamm aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, der die Dichtung „Kvásis +dreyra“, Blut des Kwasir nennt SE. 1, 244. + +[419] A. Kuhn, die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks. Berlin +1859, S. 138 ff. + +[420] Orions Erzeugung Ovid. fast. 5, 495-535; Hygin, fab. 195. Die +Übereinstimmung merkt J. Grimm, Myth. Vorrede XXXIV an. Wenn Simrock, +Myth.⁵ 224 die Übereinstimmung soweit gehen lässt, dass Orion aus +dem Speichel der Götter entsteht, so ist das eigene Erfindung. Die +hässliche Geschichte entstand durch volksetymologische Vergleichung des +Namens Orion, Urion mit Urin. + +[421] + + _afl gól hann ǫ́som, en ǫlfom frama, + hyggjo Hroptatý._ + +Zu Thiodreyrir Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 273 ff., der aber +keine befriedigende Erklärung weiss. + +[422] Hǫ́v. 44 + + _nam ek at mǫnnom þeim enom aldrǿnom, + es búa í heimes haugom._ + +Gering, Edda S. 49 Anm. 6 versteht Tote darunter, was namentlich wegen +Str. 45 angezeigt ist; Mogk, Grundriss 1, 1078 schliesst auf einen Alb, +ein bejahrtes Männlein im Hügel der Erde, einen alten vielkundigen +Zwerg, etwa wie Thjodreyrir. + +[423] Bur als Vater Odins, Wilis und Wes begegnet ausser Gylfag. Kap. +6 nur Vǫl. 4 und Hyndl. 31; Buri nur beim Skald Thorwald Blendaskald +um 1120 (Corpus poet. 2, 250); Bestla und Bolthorn Hǫ́v. 140. Über +die Herkunft der Namen Buri, Bur und Vili, Vé (_vé_, Gen. _véa_, Pl. +_véar_ ist das schwache Adj. wie etwa ahd. _ƕîho_, sanctus) aus der +Dreieinigkeit vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 66 u. 81 f.; die eddische +Kosmogonie S. 67 f.; Mythologie 265 f. + +[424] Hauptquelle der Odinsnamen sind die Grimnesmǫl 46 ff.; weiteres +bieten die Skaldengedichte und die SE. Versuche, die Namen zu sammeln +und auszulegen bei Finn Magnusen, Lex. myth. 365 ff.; Snorra Edda Bd. +4, 821 f.; viel Gutes bietet Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet, unter den +einzelnen Namen. Aus Skaldengedichten stellt Gudbrand Vigfusson, Corpus +poet. 2, 461 f. einiges zusammen. + +[425] Detter, Beiträge 18, 202 f. stellt Odins Name _hár_ zu got. +_haihs_, einäugig (vgl. got. _faihs_, ahd. _fè_, an. _fár_). Hár ist +also der einäugige Gott. Die spätere Zeit missverstand _hár_ (got. +_hauhs_) und deutete _hávi_, der Hohe. + +[426] Hyndl. 2 u. 3. Die Sage von Hermod ist nicht überliefert. +Wahrscheinlich kommt ihr hohes Alter zu. In den Hǫ́konarmǫ́l ist Hermod +in Walhall und begrüsst mit Bragi den König. Bei Baldrs Tod wird +Hermod, der ein Sohn Odins heisst, zur Hel entsandt, Baldr loszubitten; +Gylfag. Kap. 49. In den ags. Stammtafeln steht Heremod unter Wodans +Ahnen. Im Béow. 902 ff. u. 1710 ist Heremod ein dänischer König, in der +Jugend durch Gottes Gunst über alle Helden erhoben, im Alter aber so +unmild und blutgierig, dass ihn die eignen Leute verliessen. Die Sage +wurde also bereits von Angeln oder Jüten nach Britannien geführt. Wie +den Sigmund betrachtete die Sage auch Hermod als Abkömmling Odins. Der +Gott begabte ihn und nahm ihn am Ende seiner Laufbahn nach Walhall. + +[427] Heimdallr, die schwache Form Heimdali in der Vísa der Grettissaga +(Islendinga sögur 1, 231). Der Name zerlegt sich in _heimr_, Welt und +*_dallr_, ein verlorenes an. Eigenschaftswort, das im Ags. _dealt_, +stolz, berühmt erhalten ist; so Bugge, norrœn fornkvæði S. 68; J. +Grimm, Myth. 3, 81. Als lichtester der Götter wird Heimdall in der +Þrymsk. 14 bezeichnet: + + Þá kvaþ þat Heimdallr, hvítastr ása, + visse vel fram sem vaner aþrer. + +Man darf nicht übersetzen: „Er wusste wol die Zukunft wie andre +Wanen“ und schliessen: also war Heimdall eigentlich ein Wane (Mogk, +Grdr. 1, 1057), sondern „wie sonst die Wanen“, eine Konstruktion, die +bekanntlich im Griech. ganz gewöhnlich ist; vgl. Gering, Glossar S. +8 s. v. _annarr_. Heimdall heisst auch _Vindhler_ SE. 1, 266 u. 500, +d. h. der den Wind stillt. Unklar ist sein Name _Hallinskíđi_ SE. 1, +100. Seltsamer Weise stehen die Namen _Heimdali_ und _Hallinskíđi_ auch +unter den Bezeichnungen des Widders (SE. 1, 589 u. 588), ohne dass ein +Grund dafür ersichtlich ist. Über Heimdall Uhland, Schriften 6, 14; +Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. f. Geschichte 8, 250 ff.; ZfdA. 30, 245 +ff. + +[428] Kögel, Indogerman. Forschungen 4, 313 erklärt _hai-mo_ als +_m_-Ableitung neben _hai-do_, Glanz, _hai-dro_, glänzend, heiter. Vgl. +fries. _hêmliacht_, Hell-Licht; somit ist Heimdallr der Hellstrahlende, +nicht der über die Welt Strahlende. + +[429] So erklären E. H. Meyer, Myth. 228 und Noreen, fornnordisk +religion, mytologi och teologi S. 7 den Gott. + +[430] Nach Ulf Uggason, Húsdrápa und Gylfag. Kap. 49. + +[431] Gylfag. Kap. 27. + +[432] Himmelberge sind hohe, in die Wolken reichende Berge, oft als +Eigennamen wie an. _himinfjǫll_, altdeutsch _himilinberg_, Himmelsberg +u. a. Vgl. J. Grimm, Myth. 2, 662 Anm. + +[433] Lokas. 48. + +[434] Vǫl. 27, wozu Bugge, Studien 579 und Vǫl. 46. + +[435] Über die Bedeutung des Wortes _nadd-gǫfugr_, eigentlich berühmt +durch Spitze (_naddr_ bedeutet eine kleine Spitze oder einen spitzen +Keil, dann Nagel, Geschoss u. s. w.) Roediger, ZfdPh. 27, 8 f. + +[436] Str. 39 ist ins Hyndlalied eingeschaltet aus dem zweiten +Gudrunlied 22. Dort passen die Verse allein, da darin von den +Bestandteilen eines Zaubertrankes die Rede ist. Damit fallen alle +mythologischen Deutungen von selbst. + +[437] Str. 40 ist stark verderbt. Sie kann auch auf Thor gehen, als +Sohn der Jǫrð (_sá vas aukenn jarþar megne_) und Gemahl der Sif (_sif +sifjaþan sjǫtom gǫrvǫllom_). + +[438] Die Töchter der Ran SE. 1, 500; ihre Namen sind freilich +von denen der Heimdallsmütter durchaus verschieden. Über den +Seemannsglauben der heutigen Isländer Jón Árnason, þjóðsögur 1, 660; +deutsch bei Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen, Neue Folge, Berlin +1891, S. 35. W. Müller, Geschichte und System der altdsch. Rel. S. 229 +deutete zuerst die Heimdallsmütter als Töchter der Ran, was Müllenhoff, +Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 251 billigte. + +[439] Im sögubrot af nokkrum fornkonungum Kap. 3 (Fornaldar sögur 1, +373); auch im Corpus poeticum boreale 1, 125. Kauffmann, Beiträge 18, +173 knüpft weitgehende Folgerungen daran. Nach Bugge, Studien 37 Anm. 1 +muss statt „_heimdallr_“ „_havđr_“ gelesen werden; Hod, Baldrs Bruder +sei gemeint. + +[440] Skáldsk. Kap. 8 SE. 1, 264. + +[441] SE. 1, 268. + +[442] ZfdA. 30, 228. + +[443] Über Heimdalls Schwert SE. 1, 100; 264; 538; zur Deutung +Müllenhoff, ZfdA. 30, 252 ff., wo folgender Wortlaut als ursprünglich +angesetzt wird: [_Heimdallar sverđ hǫfuđ heitir, svá er sagt, at hann +var lostinn manns hǫfđi igǫgnum._] _um þat er kveđit í Heimdallar +galdri, ok er siđan kallat hǫfuđ miǫtuđr Heimdallar: sverđit heitir +manns miǫtuđr._ + +[444] In der erst um 1300 niedergeschriebenen, mit romantischen und +fabelhaften Bestandteilen versetzten Grettissaga, in welcher auch die +vísur meist jung sind, heisst es: _verđ ek Heimdala at hirđa hjǫr; +bjǫgom svá fjǫrvi_. Die fragliche Strophe, da sie auch in der Landnáma +(Islendinga sögur 1, 231) steht, ist aber vermutlich eine der wenigen +älteren. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus poet. bor. 2, 114. + +[445] Vǫl. 1 bittet die Wolwa um Gehör _allar helgar kinder meire +ok minne mǫgo Heimdallar_. Über die Rigsþula Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 186 ff. + +[446] So J. Grimm, Myth. 3, 81; Bugge, Studien 17 behauptet: St. +Michael wird zu Heimdall umgewandelt, ohne den Gedanken weiter +auszuführen. Die Deutungen E. H. Meyers, Völuspa 17, 21, 26 treffen +schwerlich das Richtige; doch verdient die Vergleichung der Geburt +Heimdalls mit der Christi Beachtung. H. Falk, aarböger f. nord. +oldkyndighed 2, 6 (1891), S. 270 Anm. glaubt, man habe Heimdall mit +einem Widderkopf sich vorgestellt. Deshalb heisse der Widder auch +_heimdalli_ und andererseits der Gott nach dem Widder _hallinskiđi_. +Des Widders Haupt ist seine Waffe, sein Schwert, daher ist „_hǫfuđ +Heimdallar sverđ_“. Der widderköpfige Heimdall ist dem _corniger +Ammon_, dem gehörnten Juppiter, nachgeahmt. + +[447] Eine idg. Wurzel „_bhal_“ liegt im griech. φαλός und φάλιος, +weiss, glänzend, vor und bildete wol auch ein germanisches Adjektiv +*_balaȥ_, got. *_bals_, in der schwachen Form _bala_ als Rossname wie +griech. φάλιος gebräuchlich. Vgl. den Rossnamen „_belche_“=_bläss._ +Im Ags. begegnet _Bældæg_, heller Tag. Ein idg. _bhaltos_ 1) hell, +schimmernd, glänzend; 2) schnell, kühn, zeigt sich in lit. _baltas_, +weiss, germ. _balþaz_, kühn. Aus _bhal-tṛ́_ wird germ. _balđr_, der +Leuchtende, Licht verbreitende. Ob in dem German. _balđr_ die beiden +Bedeutungen „hell“ und „schnell“ vorlagen, woraus der kühne Lichtgott +und der Fürst (an. _baldr_, ags. _bealdor_) unabhängig erwuchsen, ob +der Göttername in der ags. und an. Dichtung zum Hauptwort für König, +Fürst herabsank, lässt sich nicht sagen. Vgl. E. Schröder, ZfdA. +35, 237 ff. Die Wurzel zeigt sich germ. in mehreren Ableitungen: 1) +_bhal-os_, φαλός, _balaȥ_, got. _bala_, ags. _bæl_, ahd. _bal_, _pal_ +in Eigennamen; 2) _bhal-nós_ in Eigennamen wie _Ballo_, _Ballomer_; 3) +_bhal-tos_, lit. _baltas_, germ. _balþaȥ_, got. _balþs_, an. _baltr_, +ahd. _bald_; 4) _bhal-tṛ́_, germ. _balđr_, an. _baldr_, ags. _bealdor_, +ahd. _balder_. Zur Baldrsage kommt vor allem die Schrift von Bugge, +Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen, +München 1889, S. 34/313, auch wenn man ihren Ergebnissen nicht +beipflichtet, als die wichtigste und wertvollste sagengeschichtliche +Arbeit in Betracht. + +[448] P. E. Müller in der Ausgabe des Saxo S. 120 führt an, die +dänische Volkssage dieses Jahrh. lasse den Quell dadurch entspringen, +dass Balders Pferd mit seinem Hufe scharrte. Vgl. Thiele, danske +folkesagn 2, 341. + +[449] Grímn. 12. + +[450] Gylfag. Kap. 22; nach Bragar. Kap. 2 darf Skadi einen der Götter +zum Manne wählen, aber nur die Füsse sehen. Sie nimmt den mit den +schönsten Füssen, in der Hoffnung, es sei Baldr. Es ist aber Njord. + +[451] Über das Alter von Baldrs Draumar vgl. Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 148. + +[452] _Hotvetna grét--býsn þótti þat--Baldr ór helju_, Hrafns saga +biskups in biskupa sögur 1, 648; _grátaguđ_, „den beweinten Gott“, +nannten die Skalden Baldr nach SE. 1, 260; im Lied auf Ivar Viðfaðmi +(Fornaldar sögur 1, 373) ist Baldr der, den alle Götter beweinten. + +[453] Vafþr. 54; ebenso fragt Odin-Gest König Heidrek in der +Hervararsaga (Bugges Ausgabe S. 263). + +[454] _Hverr es Halfdán Snjalli međ ásom? hann vas Baldr međ ásom es +ǫll regin gréto_; Fornaldar sögur 1, 373; Corpus poetieum 1, 124. + +[455] Gylfag. Kap. 49; Bugge, Studien S. 51 Anm. stellt aus Friggs +Worten zwei Halbstrophen her: + + _Munat vǫ́pn Baldri_ _vex viđar teinungr_ + _né viđir granda,_ _fyr vestan hǫll,_ + _hefk af ǫllum_ _ungr sá þottumk_ + _eiđa þegua._ _eiđs at krefja._ + + +[456] Sakses oldhistorie, norröne sagaer og danske sagn, Köbenhavn +1894, S. 13 ff. + +[457] Nanna zu an. _nenna_, got. _nanþjan_, ahd. _ginenden_, wagen; so +erklärt J. Grimm, Myth. 202. Vgl. Bugge, Studien 178. Vom selben Stamm +sind die deutschen Namen _Nando_, _Nandger_, _Nandƕin_, _Nandung_, +_Ferdi-nand_ gebildet. Nanna erwähnt der Skald Kormak, Corpus poet. 2, +S. 64. 25 u. 66, 75. Vǫl. 31 heissen die Walküren _Herjans nǫnnor_, +wodurch ebenfalls der Name Nanna vorausgesetzt wird. + +[458] Christliche Einflüsse im isländischen Baldrmythus erweisen Bugge, +Studien S. 34 ff.; E. H. Meyer. Völuspa S. 137 ff.; 157 ff.; 198; 220. + +[459] _Mistelteinn_ als Schwertname in SE. 1. 564; Hervararsaga, +Bugges Ausgabe S. 206; Hromundarsaga (Fornaldar sögur 2, 371); in +Zusammensetzungen bedeutet „_tein_“ häufig Schwert, wie _benteinn_, +_bifteinn_, _eggteinn_, _hjǫrteinn_, _hræteinn_, _sárteinn_, _valteinn_. + +[460] Beiträge 18, 82 ff.; 19, 495 ff. + +[461] Studien 83 ff. Vgl. namentlich S. 153 die Zusammenstellung der +beiderseits entsprechenden Züge. + +[462] Mythologie 82 ff. + +[463] Ortsnamen in den nordischen Ländern und sonstige Spuren, die auf +Bekanntschaft mit der Baldrsage hinweisen, verzeichnet Bugge, Studien +287 ff. + +[464] Mythologie 581. + +[465] Im Formáli Kap. 10SE. 1, 26 _annar son Óđins hét Beldeg, +er vér kǫllum Baldr_. Im Kap. 9 wird auch richtig Oðin mit Woden +zusammengestellt. Während fast alle Forscher Baldr und Bældæg als +gleich betrachten, was namentlich E. Schröders Erklärung ZfdA. 35, 237 +ff. erhärtet, leugnet Bugge, Studien 312/3 jeden Zusammenhang. + +[466] _Paltar_ belegt J. Grimm, Myth. 201 aus Meichelbeck, Historia +Frisingensis I, 2 Nr. 450, 460, 611 und Myth. 3, 78 aus Monumenta +boica 9, 23 und 837; _Baldor_ servus Polypt. de S. Remig. 55ᵃ. Der +Ortsname Baldebrunno (Myth. 207) gehört nur, wenn man „bessert“ in +Baldersbrunno, zum Gott. Jüngere Namen mit Balder können aus älterem +Baldheri stammen, Myth. 201 Anm.; 1210. + +[467] Die Göttlichkeit Balders vertritt J. Grimm, Myth. 201 ff. und +nach seinem Vorgang nahm man allgemein Balder in diesem Sinn. Dagegen +erklärte Bugge, Studien 303 ff. „_demo balderes volon_“, dem Fohlen +des Herrn mit Zustimmung Kauffmanns, Beiträge 15, 207 und Steinmeyers, +Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., 2. Band S. 47. Die Auffassung +Grimms brachten E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. und Gering, ZfdPh. 20, +145 ff. wieder zu Ehren. Vgl. auch F. Losch, Balder und der weisse +Hirsch, Stuttgart 1892; hierzu R. M. Meyer, AnzfdA. 19, 209 ff. Den +Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler Nr. IV, 6 mit +den Anm. in Band II S. 52 ff.) stellt Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 262 ff. so her: + + _Genzan unde Jordan giengen sament scôzzôn, + thô verscôz Genzan Jordane the sîtun. + Vrô unde Lâzakêre giengen fold petrettôn: + verstände thiz pluot stant pluot fasto._ + +Eine Parallelfassung des Spruches setzt Christ und Judas für Genzan und +Jordan. In der Heidenzeit sollen Balder und Hadu dafür gestanden sein. +Damit werde die Baldersage für Deutschland bezeugt. Balder ward in der +Seite verwundet. Vrô und Lâzakêre wurden entsandt, um Erde zu betreten. +Das Rasenstück, auf die Wunde gelegt, stillte das Blut. Das ist +natürlich alles sehr ungewiss und darf zu keinen bindenden Schlüssen +über deutschen Götterglauben verführen. + +[468] Ortsnamen mit Phol J. Grimm, ZfdA. 2, 252 ff.; Myth. 206 ff.; +3, 79; dass die Ortsnamen mit Pfahl (oder auch Pfuhl) zusammenhängen, +ist sehr wol möglich; vgl. W. Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen +deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 22. Apollo-Balder erklärt Gering, +ZfdPh. 26, 146. Hierzu noch Kauffmann ebd. 26, 456 ff. und Gerings +Erwiderung S. 462 ff. In Phôl, Pôl, erkennt Bugge, Studien 301, den +Apostel Paulus. An Vol denkt Scherer bei Mannhardt, Myth. Forschungen +(in Quellen und Forschungen 51, XXVII); als Nom. Sing. zum Gen. Volla +nimmt Kauffmann, Beiträge 15, 208 ff. das Wort. Aber die Göttin könnte +kaum vor Wodan genannt sein, ebensowenig die Vol als Frija (Bugge, +Studien 305). Zu Phol. vgl. noch von Grienberger, ZfdPh. 27, 453 ff. + +[469] Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur 91 f. + +[470] Die Sage von Baltram und Sintram bei den Brüdern Grimm, Deutsche +Sagen Nr. 220; Wackernagel, ZfdA. 6, 158; vgl. dazu Müllenhoff, ZfdA. +12, 329 und 353; Bugge, Studien 310 f. + +[471] Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879, S. 196 ff. + +[472] Forseti ist nur Grímn. 15 und Gylfag. Kap. 32 mit den oben +angeführten Worten erwähnt, sonst völlig unbekannt. Bugge, Studien 290 +Anm. 2: „Der Hofname _Forsetelund_ in Onsö, Smaalenene (Matr. 119), _í +Fosætte lundi_ Röde Bog S. 515, deutet auf Verehrung des Forseti hin. +Er kann von den Norwegern gekannt und verehrt worden sein, ehe er zu +Baldrs Sohn gemacht wurde.“ + +[473] Der Gott hiess nach Alchuine _Fosite_, die Insel _Fositesland_. +Altfried hat _Fosetesland_, Adam von Bremen _Fosetisland_. Da beide +aus Alchuine schöpfen, ist unsicher, wie der Name eigentlich lautete, +_Fosite, Fosete, Foseti_. Will man mit J. Grimm den Namen zum +nordischen Forseti halten, so kann nur alter Schreibfehler angenommen +werden. Denn Forsete konnte sich lautlich nicht zu Fosete entwickeln. +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte, 2. Teil, +Berlin 1882, S. 434 f. Die Ansicht Grimms von der Zusammengehörigkeit +des Forseti und Fosete wird allgemein geteilt, besonders von +Müllenhoff, Altertumskunde 5, 39 und Mogk, Pauls Grundriss 1, 1066. +Kauffmann, Beitr. 18, 181 äussert Bedenken. Zu Forseti: Fosete vgl. +das norwegische _í Fosætte lundi_ bei Bugge, Studien 290 Anm. 2. F. +Buitenrust Hettema, in tijdschr. v. ned. taal- en letterkunde 1893, +S. 281-288, führt den Fosete, Fosite, Foste (letztere Form entnommen +aus den „_delubra Jovis et Foste_“ in der um 1400 gefälschten _vita +Suiberti_) auf _Donar fôsite_, Donar, den Furchtbaren, zurück. _Fôsite_ +sei zu schwed. _fasa_, ags. _fésian_, „schaudern“ und zu dem Namen der +_Fosi_ (Tac.) an der Elbe zu stellen. + +[474] Der heilige Willebrord wurde einmal zwischen 690 und 714 nach +Helgoland verschlagen. _Alchuine_ in der _vita Willebrordi_ Kap. 10, +Jaffé, _Bibliotheca rerum germanicarum_ VI, 1873, S. 47 erzählt: _et +dum pius verbi Dei praedicator iter agebat, pervenit in confinio +Fresonum et Danorum ad quandam insulam, quae a quodam deo suo Fosite ab +accolis terrae Fositesland appellabatur, quia in ea eiusdem dei fana +fuere constructa. qui locus a paganis in tanta veneratione habebatur, +ut nihil in ea vel animalium ibi pascentium vel aliarum quarumlibet +rerum auisquam gentilium tangere audebat, nec etiam a fonte qui ibi +ebulliebat aquam haurire nisi tacens praesumebat. quo cum vir Dei +tempestate iactatus est, mansit ibidem aliquot dies, quousque sepositis +tempestatibus opportunum navigandi tempus adveniret. Sed parvipendens +stultam loci illius religionem vel ferocissimum regis animum, qui +violatores sacrorum illius atrocissima morte damnare solebat, igitur +tres homines in eo fonte cum invocatione sanctae trinitatis baptizavit; +sed et animalia in ea terra pascentia in cibaria suis mactare +praecepit. quod pagani intuentes arbitrabantur, eos vel in furorem +verti vel etiam veloci morte perire; quos cum nihil mali cernebant +pati, stupore perterriti regi tamen Rabbodo quod videbant, factum +retulerunt. qui nimio furore succensus in sacerdotem Dei vivi suorum +iniurias deorum ulcisci cogitabat, et per tres dies semper tribus +vicibus sortes suo more mittebat, et numquam damnatorum sors, deo vero +defendente suos, super servum Dei aut aliquem ex suis cadere potuit; +nisi unus tantum ex sociis sorte monstratus et martyrio coronatus est._ +Danach Altfried in der _Vita Liudgeri_ I Kap. 19. Liudger zerstörte +die dem Fosete erbauten Tempel und errichtete statt ihrer Kirchen; aus +der heiligen Quelle taufte er die Bewohner der Insel. Das geschah nach +785. Die Kirchen hatten keinen Bestand. Nach Adam von Bremen 4. Kap. +3 ist Fosetisland Helgoland (Heiligland). Erst in den Tagen Adalberts +von Bremen (1072) sei es entdeckt und durch Erbauung eines Klosters zum +Wohnsitz für Einsiedler gemacht worden. + +[475] Richthofen, Fries. Rechtsquellen 439 ff.; Untersuchungen über +fries. Rechtsgeschichte 2, 459 ff. Die Aufzeichnung entstammt erst dem +14. Jahrh. und wurde im 16. Jahrh. gedruckt. Die wichtigsten Worte +lauten im Original: _Da sagen se een tretteensta oen der stioerne +sitten, ende een axa op synre aexla_ (Var. _ene gildene axe ƕt siner +axla_), _deer hy mey toe lande stioerde toienst straem ende ƕynd. Da +se toe lande coemen, da ƕorp hy mitter axa op dat land, ende ƕorp een +tura op_ (Var. _ene turƕe op_); _da ontsprongh deer een burna, al +daerom haet dat to Axenthove. Ende to Eeswey comen se to land ende +seten om dae burna ..... al deerom schillet aldeer in da land ƕessa +trettien aesgen, ende hyara domen schillet hya dela to Axenthove ende +to Eeswey_. Die niederdeutsche Fassung der Sage lässt den Dreizehnten +ein Krummholz in der Hand führen, J. Douwama im _boeck der partijen_, +um 1526 verfasst, eine Axt, ein Beil. Die Quelle nennt er _Axsborn_. +Sollte der hammerbewehrte Donar gemeint sein? So erklärt E. H. +Meyer, German. Myth. § 251, S. 188. Eine Verwechslung zwischen Axe +und Ax (Axt) ist ja begreiflich. Beziehung auf Wodan, Richthofen, +Untersuchungen 2, 463 ist nicht gerechtfertigt. + +[476] Mit Ullr ist got. _ƕulþus_, Herrlichkeit, verwandt, vgl. Noreen, +An. Gramm.² §215; _ƕulþus_ erscheint in ostgotischen Eigennamen, +vgl. Wrede, Über die Sprache der Ostgoten in Italien (Quellen und +Forschungen 68), Strassburg 1891, S. 85 u. 147, z. B. Sigiswuldus; +altdeutsche Namen in Förstemanns Namenbuch 1, 1338 Wuldebert, Wuldulf. +Zu Ullr vgl. Simrock, Myth.⁵ 290; Kauffmann, Beiträge 18, 188; +Rödiger, ZfdPh. 27, 11 ff. Munch, Die nord. german. Völker S. 223 „ein +solcher Name scheint demnach eher ein Beiname des höchsten Gottes sein +zu müssen, als irgend eine besondere Persönlichkeit bezeichnen zu +können.“ Ullr und _ƕulþus_ stellte zuerst Bachlechner, ZfdA. 8, 201 ff. +zusammen; dazu Weinhold, Riesen, Wiener Sitzungsberichte 26, 1858, S. +264 f. + +[477] Von Ullr berichtet Gylfag. Kap. 31; Grímn. 5; seine Namen SE. 1, +266. + +[478] Die Skaldenstellen, welche den Schild das Schiff Ulls nennen, +stehen SE. 1, 246, 346, 414, 420; vgl. auch Sveinbjörn Egilsson, Lex. +poet. 831. Much, Beiträge 20, 35 f. meint, der Schneeschuh (_skíđ_) +Ulls sei als sein Schiff und Fahrzeug bildlich bezeichnet worden. +_skíđ_, „Schneeschuh“ sei irrtümlich als _skíđ_, „Schild“ (vgl. kelt. +_skēto_, Schild) gefasst und durch das gangbare skjǫldr ersetzt +worden. Die Kenning _skjaldar áss_ sei eigentlich _*skiđs áss_ und +gleichbedeutend mit _ǫndráss_, Schlittschuhgott. + +[479] Ortsnamen mit Ullr aus Norwegen sammelt O. Rygh in P. A. Munchs +norröne gudesagn 2. udg. Christiania 1880; vgl. das Register; aus +Schweden Lundgren, språkliga intyg, Göteborg 1878, S. 71 ff. + +[480] Die Sage von Ollerus bei Saxo III S. 130 f., die andern Berichte +wurden bereits im Abschnitt über Odin (vgl. oben S. 306 ff.), soweit +sie hergehören, mitgeteilt. Zu Ollerus P. E. Müller, Notae uberiores +122 f. + +[481] Vgl. W. Müller, Zur Mythologie der griechischen und deutschen +Heldensage, Heilbronn 1889, S. 101 u. 159, der hier mit Recht den +„historischen“ Mythus der natursymbolischen Deutung vorzieht. Dass +Odin unter dem Namen Brúni dem Finnenkönig Gusi im Streit um die +Herrschaft gegenüber tritt, dass hier dieselbe Sage wie die von Odin +und Ullr vorliege, dass also die geschichtliche Thatsache des Sieges +der Nordgermanen über die Finnen im mythischen Gewande behandelt werde, +sucht Detter, ZfdA. 32, 449 ff. zu erweisen. + +[482] Dass Widar nach Vǫl. 53 R der Sohn Odins und der Hlodyn genannt +wird, dass demnach Hlodyn und Grid gleich und wol nur aus der Erdgöttin +abgezweigt sind, erweist Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff. + +[483] Von Widar weiss nur die Liedersammlung und die Snorra Edda. Die +Stellen, die in Betracht kommen, sind Vǫl. 54, Grimn. 17, Vafþr. 51, +Lokas. 10, Gylfag. Kap. 29, 33, 43, 51, Bragar. Kap. 1, Skáldsk. Kap. +2. Vgl. ausserdem die Benennungen Widars als Eigner des Eisenschuhes, +Feind und Töter des Fenriswolfes, Rächer der Götter, Bewohner der +Vatershalle, Sohn Odins und Bruder der Götter SE. 1, 266. Ortsnamen +mit Widar sammelt Kauffmann, Beiträge 18, 157 Anm. _Viþarshof_, +_Viþarsgarþr_ nach M. Arnesen, minder om hedensk gudsdyrkelse S. 62; +_Widarsleff_, Lundgren språkliga íntyg S. 78; _Viđarhellisgjógv_ bei +Hammershaimb, færösk antologi 350, 3. + +[484] _Viđarr_ als _viđ-hari_ zu _viđr_, Wald, stellt Rödiger, ZfdPh. +27, 5; Grimm, Myth. 3, 245 _Viđarr_, ahd. _Witheri_; Kauffmann, +Beiträge 18, 168 Anm., der überhaupt in Widar den Hauptgott der +Germanen, den grossen Waldesgott erblickt, erklärt Widar als „Gott, der +einen Stab, ein Reis vom Weidenholz führt.“ + +[485] Von Váli berichten Vǫl. 33, Baldrs Dr. 11, Vafþr. 51, Hyndl. 30, +Gylfag. Kap. 30, 36, 53; seine Namen SE. 1, 266. Unklar bleibt sein +Verhältniss zu Váli, dem Sohne Lokis, der Vǫl. H. 35 und Gylfag. Kap. +50 erscheint; Kauffmann, Beiträge 18, 168 glaubt nachweisen zu können, +dass nur Váli als Sohn Odins bezeugt und aus Missverständniss zu Lokis +Sohn geworden sei. Viðarr und Váli seien thatsächlich nur Namen einer +und derselben Gottheit, die, wo die Weltordnung bedroht ist, sie mit +sicherer Kraft in den Fugen hält. Auf Váli geht wol auch Grógaldr 6, wo +Gróa den Zauber singt, den einst Rind dem Ran (Wali?) gesungen; vgl. +Sijmons zur Stelle. Zur Sage Bugge, Studien 215 ff.; Sievers, Beiträge +18, 582 f. erklärt Váli aus Vǫnli, Vǫli, d. i. Wanula, Wanila und +ebenso Ali aus Anula, Anila. Váli, Vǫnli knüpft somit an die _vanir_ +an. Einer Deutung enthält sich Sievers, sie wird von Detter, Beiträge +19, 509 versucht. + +[486] Über Hönir Vol. 18 u. 63; seine Namen SE. 1, 266 f. Die Stellen +der Haustlǫng, die sein Verhältniss zu Odin und Loki voraussetzen, SE. +1, 308, 310, 314; Hönirs Vergeiselung an die Wanen Ynglingasaga Kap. 4. + +[487] Das färöische Lied „_Lokka táttur_“ bei V. U. Hammershaimb, +färöiske kväder, Kopenhagen 1851, Bd. 1, 140 ff. Zur Erklärung +des Liedes Uhland, Schriften 6, 193 ff.; 7, 367 ff. Eine deutsche +Übersetzung gibt auch Simrock, Mythologie⁵ 106 ff. + +[488] Vǫl. 63 + + _þá kná Hœ́ner_ _hlautviþ kjósa_; + +zur Auslegung der Stelle Müllenhoff, Altertumskunde 5, 100 f.; Gering, +Edda S. 15, Anm. 1; Kauffmann, Beiträge 18, 189 erklärt, dass Hönir in +der zukünftigen Welt jedem Einzelnen sein Loos zuteilt. + +[489] Über Hönir vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 24 f.f, wozu Mogk, Grundriss +1, 1086, der an den slavischen Hennil, Hainal, den Gott der Morgenröte, +denkt; Uhland, Schriften 6, 188 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 1, +34; Hoffory, Gött. gel. Anz. 1888, S. 161; Nachrichten d. Gött. +Gesellschaft, Dec. 1888; Eddastudien 108 ff.; Kauffmann, Beiträge 18, +175 u. 189; Rödiger, ZfdPh. 27, 9 f.; Detter u. Heinzel. Beiträge 18, +542 ff. + +[490] Beiträge 18, 547 ff. + +[491] Über Bragi vgl. Uhland, Schriften 6, 277 ff.; Mogk, Beiträge 12, +383 ff.; Bugge, Beiträge 13, 187 ff.; Mogk, Beiträge 14, 81 ff. + +[492] Grímn. 44. + +[493] Sigrdr. 16. + +[494] Zur Erklärung von Lokas. 16 Bugge, Beiträge 13, 188 ff. + +[495] Die Stelle der Hǫfuðlausn lautet nach Finnur Jónssons Ausgabe + + _njóte bauga sem Brage auga!_ + +Im Sonatorrek 3 heisst es, nachdem von der Entführung des Trankes die +Rede war: + + _lastalauss es lifnaþe + á „nockvers“ nǫkkva Brage._ + +In „_nockvers_“ vermutet Bugge Verderbniss für „_nǫ́ttvers_“, +Nachtaufenthalt, „_á nǫttvers nǫkkva_“ umschreibt im Bett. Die älteren +Deutungen bei Sveinbjörn Egilsson Lex. poet. 604 f. Bragis Erzeugung +durch Odin und Gunnlod lesen aus den Worten heraus Gisli Brynjúlfsson, +antiquarisk tidsskrift 1855/7, S. 148 ff. und Bugge, Beiträge 13, 195 +ff. + +[496] Über Bragi Boddason Uhland, Schriften 6, 281 ff.; SE. 3, 307 ff. +Gering, _kvæþa brot Braga ens gamla_, Halle 1886; Bugge, _bidrag til +den ældste skaldedigtnings historie_, Christiania 1894, wo die Echtheit +der dem Bragi zugeschriebenen Gedichte mit starken Gründen angefochten +wird. + +[497] Bragi als Heldenname Helgakv. Hund. 2, 18; SE. 1, 522; im +Ortsnamen Bragalund Helgakv. Hund. 2, 8; _bragnar_ steht für *_bragar_, +dem alten regelrechten Plural zum Singular _bragi_, Noreen, An. Gramm.² +§ 334, 4. _bragr_ im Sinne von _princeps_ in _bragr ása, kvenna, karla_ +u. s. f. bei Uhland, Schriften 6, 294; Mogk, Beiträge 14, 82 ff. Ags. +_brego_, der Herrscher, wird gleich angewandt, vgl. J. Grimm, Myth. +215; es steht im Wurzelablaut zu an. _bragr_, Sievers, Beiträge 11, +355. _bragafull_, Bragibecher, ist nur falsche Lesart minderwertiger +Handschriften statt _bragarfull_. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Dictionary +S. 76; Mogk, Beiträge 14, 83; man darf nicht mit Uhland a. a. O. 279 +ff. dem feierlichen Odins, Freys, Njords Vollhorn einen entsprechenden +Bragibecher gegenüber stellen. + +[498] Den Stein machte Zangemeister in den Bonner Jahrbüchern des +Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 81, 78 ff. bekannt; +ebenda gibt Holthausen eine Deutung; vgl. ferner Holthausen, Beiträge +16, 342 ff.; Much u. Schröder, ZfdA. 35, 375 ff.; Kauffmann, Beiträge +18, 190 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 12 f.; v. Grienberger, Beiträge 19, +528 ff. + +[499] Loki verhält sich zu _lúka_, schliessen, wie _broti_ zu _brjóta_, +_skoti_ zu _skjóta_. Vgl. _lok_, der Schluss, das Ende. So erklärte +Uhland, Schriften 6, 14. Bugge, Studien 73 ff. glaubt, dass der Name +Loki unter dem Einfluss von Lucifer (gespr. Lukifer) entstand, als +Abkürzung und nordische Umbildung des fremden Namens aufgefasst werden +müsse; vgl. noch Bugge, bidrag til den ældste skaldedigtnings historie +S. 122. Auch J. Grimm, Myth. 3, 82, deutet Ähnliches an: „man könnte +gar noch auf eine Kürzung aus Lucifer fallen“. Als Beiname einer +geschichtlichen Persönlichkeit, des Thorbjorn Loki, steht der Name +in der Landnáma 2. Kap. 23 (Islendinga sögur 1, 132). Von besondern +Arbeiten über Loki vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 1 ff. Nach Weinhold ist +Loki ursprünglich eine gütige, mächtige Gottheit („der Hauptkern +des Gottes ist und bleibt die eine Seite des alten Himmelsgottes“, +Mogk, Pauls Grundriss 1, 1088) und erst später zu einem bösartigen +Dämon herabgesunken. Lokis Abfall vom Guten zum Bösen ist freilich +zweifellos und wird auch von Wislicenus, Loki, Zürich 1867 nach Gebühr +hervorgehoben. Aber man darf darum nicht gleich Loki mit einem der +germanischen Hauptgötter zusammenwerfen. + +[500] Logi als Bruder der Elemente Wasser (Hlér) und Luft (Kári) und +Sohn des Riesen Fornjótr erscheint im Fundinn Noregr (Fornaldarsögur 2, +3 ff.); ausserdem Gylfag. Kap. 46, wo Loki in schwankhafter Weise sich +selber in doppelter Gestalt gegenüber gestellt wird, dem Logi und dem +Utgardaloki, dem Schadfeuer und dem Höllenfürsten. + +[501] Lokis Eltern erklärt Bugge, Studien 80. + +[502] Über Lokis Fortdauer in Redensarten des nordischen Volkes vgl. +Finn Magnusen, Lex. myth. 232; J. Grimm, Myth. 221 f.; Bugge, a. a. O. +80 f. Vol. 25 Loki hatte die Luft vergiftet (_lævi blandit_), meint wol +die verderbliche Schwüle. + +[503] Loptr steht Lokas. 6; Hyndl. 43; Fjǫlsv. 26; Haustlǫng 31 (corpus +2, 15; SE. 1, 310) und Eilifs þorsdrápa SE. 1, 290. Loptr ist übrigens +ein gebräuchlicher nordischer Personenname, vgl. Islendingasögur 1, +428 im Register und Loptr Pálsson SE. 3, 672, Loptr Hálfdánson ebenda +751; im Frauennamen Lopthœna begegnet derselbe Stamm wie in deutschen +Namen mit Luft, z. B. Lufthildis. Bugge, Studien 81 verweist auf die +schon bei Tatian zum Ausdruck gelangte Auffassung, dass die Leiber der +Dämonen aus Feuer und Luft seien. + +[504] Nordisk tidskrift for filologi, ny række 4. Bd. S. 28 ff. +Die idg. Grundform des ind. _vṛtrá-s_ wird als _vartrás valtrás_ +angesetzt, woraus germ. _vlôđraz_ abzuleiten ist. _vṛtras_ heisst der +Deckende, Verhehlende, Hemmende, von der Wurzel _var_ bedecken, hehlen, +abschliessen, abwehren gebildet. Vgl. auch Noreen, Abriss der urgerm. +Lautlehre 102. Der Name Loðurr begegnet Vǫl. 18; Haleygja tal im Corpus +poet. boreale 1, 253. + +[505] Über die Namen und ihre Erklärung vgl. Bugge, Studien 75 f. + +[506] Gylfag. Kap. 33; als Ase wird Loki SE. 1, 84, 142, 268, 556 +bezeichnet. + +[507] Die Menschenschöpfung Vol. 17/18; Gylfag. Kap. 9. + +[508] SE. 1, 268 heisst Loki _Ođins sinni ok sessi_, Odins Fahrt- und +Bankgenosse; Odin heisst _Lođurs vinr_ in der Haralds saga hárfagra +Kap. 13; Islendingadrápa 1; weiteres bei Gudbrand Vigfusson, corpus 2, +471. + +[509] So berichtet der Skald Thjodolf in der Haustlǫng und danach +Snorri in den Bragar. Kap. 3. Snorri fügt noch bei, wie Skadi, des +Riesen Tochter, zur Rache heranstürmt, aber versöhnt einen der Asen, +Njord, zum Mann nimmt. Loki muss sie zum Lachen bringen. Er bindet eine +Schnur an seine Scham und an den Bart einer Ziege. Beide ziehen und +schreien vor Schmerz. Dann fällt Loki in den Schooss der Skadi, dass +sie lachen muss. + +[510] Möglicher Weise zielt die Bezeichnung Lokis als Bocksdieb, _þjófr +jǫtna hafrs_ SE. 1, 268 auf dieses Ereigniss. Aber im „Bocke der +Riesen“ kann auch eine andre Kenning stecken. + +[511] Sörlaþáttr der Olafssaga Tryggvasonar in den Fornaldar sögur 1, +391 ff. und in der Flateyjarbók 1, 275 ff. + +[512] SE. 1, 312 in der Haustlǫng heisst Loki _girþiþjófr Brísings_. + +[513] Die Fliegengestalt des Teufels bei Grimm, Myth. 950 f.; 3, 295; +Bugge, Studien 76. + +[514] Reginsm. 1-12, Skaldsk. Kap. 4. + +[515] Lokas. 23 u. 33; vgl. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokas. S. +37 f. u. 44, wo die Deutungen Weinholds, ZfdA. 7, 11 ff. und Finn +Magnusens, Edda 2, 211 mitgeteilt sind. Die natursymbolische Auslegung +vertritt auch Gering, Edda S. 34. Hyndl. 43 frisst Lopt ein Frauenherz, +das halbverkohlt in der Asche liegt, und wird davon schwanger. + +[516] In der Helgakv. Hund, 1, 38/40 beschuldigt Sinfjotli den Gudmund, +eine Hexe gewesen zu sein und von ihm neun Wölfe empfangen zu haben. +Auf den deutschen Bischof Friedrich, der gegen Ende des 10. Jahrh. auf +Island das Christentum verkündigte, und seinen Beschützer Thorwald +Kodransson machte ein heidnischer Dichter den Spottvers: + + Es gebar neun Kinder Bischof Friedrich, + Sie alle zeugte der eine Thorwald. + +Vgl. Kristnisaga Kap. 4. Über seinen Feind Thorstein Hallsson liess +der Isländer Thorhadd das Gerücht aussprengen, dass er jede neunte +Nacht ein Weib werde und mit Männern Umgang pflege; Þorsteins +þáttr Siðuhallssonar Kap. 3. Auf diesem schmählichen Vorwurf stand +Friedlosigkeit; Vigsloði Kap. 105: „Dies sind die drei Worte, auf denen +sämtlich der Waldgang steht, wenn die Rede der Leute so sehr schlimm +wird; wenn einer den andern weibisch schimpft oder sagt, er habe sich +belegen oder beschlafen lassen, und man soll so klagen wie wegen andrer +Vollbussworte und man hat gegen diese drei Worte den Totschlag frei“. +Dass alte Sagen oder Kultgebräuche missverstanden oder böswillig +verdreht wurden, ist möglich; ein Kult wenigstens, derjenige der Alcis, +verlangte weibliche Haartracht des Priesters, vgl. Wolfskehl, German. +Werbungssagen S. 6 ff. Auf uralten Aberglauben an die Möglichkeit des +Geschlechtswechsels führt Weinhold, Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 5, +127 ff. die Sagen vom Kleidertausch zwischen Mann und Weib und von der +Weibischkeit der Männer zurück. + +[517] Man kann aber auch an antiken Ursprung denken. Hermes-Merkur +wurde später auch mit Hermaphroditus, dem Sohne des Hermes und der +Aphrodite verwechselt. So heisst es z. B. bei Albericus _de deorum +imaginibus libellus 6 de Mercurio: qui de viro in feminam et de femina +in masculum se mutabat, cum volebat: et ideo pingebatur cum utroque +sexu._ Loki hat aber sicher einige Züge, z. B. die Flügelschuhe, von +Merkur. + +[518] M. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna (_acta germanica_ +1), Berlin 1889; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 178 ff. Über +glaubenslose Leute aus der Übergangszeit, denen der Verfasser der +Lokas. entweder selbst angehört oder die er wenigstens dabei im Auge +hat, vgl, Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes I 158 Anm. 16; +160; 163; II 247 ff.; 316 ff. + +[519] Verwandte Züge zwischen Merkur und Loki zählt J. G. v. Hahn, +Sagwissenschaftliche Studien, Jena 1876, S. 162 auf. Bugge, Studien 267 +ff. sucht Loki mit Apollo zu verknüpfen. + +[520] Nach der Kenning der Vǫl. 35 „_ór Vala þǫrmom_“, aus Walis +Därmen seien die Fesseln gefertigt, muss hier wie auch Gylfag. Kap. +50 geändert werden: mit den Därmen seines Sohnes Wali. Vgl. Kaufmann, +Beiträge 18, 165. + +[521] Dass die Eingangs- und Schlussprosa der Lokasenna eine +unabhängige Überlieferung enthalte, behaupten Jessen, ZfdPh. 3, 72, +Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna, Berlin 1889 (_acta germanica_ +1), S. 11 u. 32; Kauffmann, Beiträge 18, 160. + +[522] _Hvera lundr_, Wald der Klüfte, deutet Kauffmann, Beiträge 18, +165, indem er _hverr_ = Gebirgskessel, Kluft, wie Hym. 26 _hverr +holtriđa_, Schlucht der Waldberge, nimmt. Jessen, ZfdPh. 3, 37 u. +Müllenhoff, Altertumskunde 5, 9 verstanden „_hverr_“ als Kessel heisser +Quellen; es seien die heissen Quellen Islands gemeint. Gegen diese +Auffassung, welche „_lundr_“ Wald unerklärt lässt, vgl. auch Finnur +Jónsson, litteraturs historie 1, 132. Er sieht im hveralund „en vild +bjærgegn med mange huler“. + +[523] Saxo Buch 8, S. 431 f. + +[524] Über die Rechtsaltertümer der Lokisage vgl. Kauffmann, Beiträge +18, 159 ff. + +[525] Kauffmann, Beiträge 18, 164 ff. vermutet Missverständniss der +alten Kenning, Lokis Bande seien aus „Walis Därmen“ gefertigt worden. +Walis Därme bedeute Zweige, indem Wali ein Waldgott sei. Die Stricke +waren aus Gezweig geflochten. Narfi, ein Riese, sei mit Loki gleich, +also auch ein „Wolf“. Narfi-Wolf wörtlich verstanden führte zur +Vorstellung, Narfi als Wolf habe Wali zerrissen und dann seien dessen +Därme als Fesseln gebraucht worden. + +[526] Zum gefesselten Loki vgl. Bugge, Studien 56 f. Die entsprechenden +Teufelssagen bei Grimm. Myth. 962; Mannhardt, German. Mythen S. 86 f.; +Simrock, Myth.⁵ 114 f. Über Sigyn gibt E. H. Meyer, Völuspa 154 ff. +Andeutungen, die er jedoch selbst nur als blosse Vermutung hinstellt, +die keineswegs befriedigen. Simrocks Vergleich zwischen Sigyn und +Wolframs Sigune a. a. O. ist belanglos. + +[527] Bugge, Studien 511 vergleicht die _duodecim caeli signa_, wo +Saturnus infolge einer Gefahr verheissenden Weissagung den Neptun in +die Tiefe des Meeres, den Pluto in die Unterwelt versenkt. Lokas. 10 +u. Haustlǫng heisst Loki Vater des Wolfes, in Eilifs Þorsdrápa Vater +der Schlange; im Ynglingatal ist Hel Lokis Tochter. Die Skaldenstellen, +welche diese Verwandtschaftsverhältnisse voraussetzen, sammelt Gudbrand +Vigfusson, corpus 2,471. + +[528] Bäda _de ratione temporum: Leviathan animal terram, complectitur +tenetque caudam ore suo_; vgl. Finn Magnusen, Lex. myth. 212; J. Grimm, +Myth. 166 u. 950; Diemer, Beiträge zur älteren deutschen Sprache u. +Litteratur. 4. Teil. Wien 1867. S. 45; R. Köhler, Germania 13, 158 ff.; +Bugge, Studien 12. + +[529] Fenrir als Verfolger des Mondes (_álfrǫđult_ der Elbensonne) +Vafþr. 46; dass Fenrir eine Wiedergeburt Lokis sei, behauptet schon J. +Grimm, Myth. 224; über seine Fesselung Kauffmann, Beiträge 18, 161 ff. +Bei Loki und Fenrir muss auch in Anschlag gebracht werden, dass der +Teufel bereits bei den Kirchenvätern und im ganzen Mittelalter als Wolf +bezeichnet wurde; vgl. J. Grimm, Myth. 948; 3, 294. + +[530] Vgl. E. H. Meyer, Völuspa 198 f. + +[531] Der Name der Göttin lautete urgerm. _Frijô_ = idg. _prijâ_, +woraus westgerm. _Frîja_ und nord. _Frigg_ lautlich sich entwickeln +mussten; vgl. Kögel, Beiträge 9, 544, Brugmann, Grundriss 1, 128, +Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg 1894, S. 160 f. Ahd. +begegnet _Frîja_ im Merseburger Zauberspruch; aus den Formen des +Wochentagnamens ahd. _frîadag_, _frîjetag_, _frîgetag_, _frîtach_ +ergeben sich _Frîja_ und _Frîa_ neben einander, vgl. Braune, Ahd. +Gramm. § 117 über den Ausfall von intervokalischem j. Langobardisch +_Frea_ ist wol nur verschrieben für _Frîa_, wie _fulcfree_ für +_fulcfrî_, vgl. Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der +Langobarden, Paderborn 1877, S. 263 u. 286; als lautliche Entwicklung +(_ija_ > _ea_) fasst Bruckner, Sprache der Langobarden S. 78 diese +Erscheinung auf. Nach dem überlieferten Tagnamen _Frígedæg_ hiess +die Göttin bei den Angelsachsen _Frig_. Zum Namen vgl. Müllenhoff, +Denkmäler 2³, 46 f. u. ZfdA. 30, 217. Afries. _frîgendei_, _frîendei_, +mndl. _vrîdach_ zeigt Bekanntschaft der Göttin bei Friesen und +Niederfranken. Mhd. heisst der Tag _frîetac_, _frîtac_, woraus nhd. +_Freitag_. Da der Wochentag übers gesamte wg. Gebiet nach Frija benannt +ist, muss die Göttin auch bei allen Stämmen Verehrung genossen haben. +Im Norden ist Frigg genügend bezeugt, aber kein Friggjardagr; an. +_frjádagr_ ist aus Deutschland entlehnt, Fritzner, Ordbog 1², 486. +Verdächtig aber sind eine Anzahl von Zeugnissen, die man für das +Fortleben des Frijaglaubens im MA. und in der Neuzeit in Anspruch +nahm, so die _Frigaholda_ einer Madrider Handschrift, die J. Grimm, +Kleine Schriften 5, 416 ff. mit der Göttin in Verbindung brachte, vgl. +jetzt dazu Kauffmann, Beiträge 18, 150 Anm., wonach _friga_ vielleicht +Schreibfehler einer Glosse _striga_, und besonders die nach Kuhn und +Schwartz in norddeutschen Sagen noch vorhandenen Namen _frû Frîen_, +_Vrëen_, _Fricke_, _Frëke_ u. s. w., wogegen O. Knoop in Veckenstedts +ZfVolkskunde 2, 449 ff. Verdächtig scheint auch der nordenglische Tanz +mit Anrufung „der vornehmsten Riesen“, die sie Wodan und seine Frau +Frigga nennen, was J. M. Kemble aus dem Mund eines „old Yorkshireman“ +gehört haben will; vgl. J. Grimm, Myth. 281. Altdeutsche Namen mit +_frî_- (Förstemann, Namenbuch 2², 582 f.) stehen zum Adj. und dürfen +nicht von der Göttin abgeleitet werden; der Name _Fricco_ (Förstemann, +Namenbuch 1, 419 f; 2², 584 ff.) samt seinen Ableitungen gehört zum +Adj. _frech_ im alten Sinne von kampfgierig, verwegen, kühn und hat +mit der Göttin nichts zu thun. Offenbar ist neben altgerm. _freka_- +eine Ableitung _frikkjan_- anzunehmen; vgl. afz. _frique_, neuprovenz. +_fricaud_, munter, lebhaft. Weil Adam von Bremen für den nordischen +Freyr den Namen _Fricco_ gebraucht, haben J. Grimm, Myth. 278 ff. und +nach ihm andere eine deutsche _Fricca_, der an. _Frigg_, bei Saxo +latinisiert _Frigga_, gegenübergesetzt. Die neuere Lautgeschichte +erweist diese Annahme als irrig, _Frigg_ kann im Deutschen nur _Frîja_, +_Frîa_ heissen, unmöglich _Fricca_. Bei Adam liegt ein Versehen vor. +Er wusste von Freyr, Freyja und Frigg, dazu war ihm der deutsche Name +_Fricco_ geläufig. Daraus kombinierte er das Verhältniss _Freyja_: +_Freyr_ = _Frigg_: _Fricco_. Fricco muss als eine Erfindung Adams +betrachtet werden und darf nun und nimmermehr zum Ausgang sprachlicher +und mythologischer Unmöglichkeiten dienen. + +[532] Über Frigg vgl. Vǫl. 34; Lokas. 29; Gylfag. Kap. 9; 20; 35; Frigg +in der Baldrsage Gylfag. Kap. 49. Friggs Beziehung zur Ehe Gylfag. Kap. +35 (SE. 1, 116) und Vǫlsungasaga Kap. 1. Ihre Attribute, Truhe und +Schuhe, sind aus Gylfag. Kap. 35 zu entnehmen, wo es von Fulla heisst: +sie trägt Friggs Truhe und bewahrt ihr Schuhzeug. Im Eingang zum +Grimnirlied heisst Fulla _eski-mær_, d. h. Mädchen, welches die Truhe +(_eski_) einer vornehmen Herrin in Verwahrung hat. Über die Bedeutung +von Friggs Schuhen und Kästchen vgl. W. Müller, Geschichte und System +der altdeutschen Religion S. 276 f. Wenn der Frigg SE. 1, 284 u. 304 +ein Falkenhemd zugeschrieben wird, so liegt hier deutlich Verwechslung +mit Freyja vor, nicht ältere Sagenüberlieferung, wonach auch Frigg mit +dem Fluggewand begabt gewesen wäre; vgl. SE. 3, 2, 780 im Index. + +[533] Zur Erklärung des Namens Fensalir Bugge, Studien über die +Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 214 ff. + +[534] Saxo I S. 42 ff. _cujus conjunx Frigga, quo cultior progredi +posset, ascitis fabris aurum statuae detrahendum curavit. quibus +Othinus suspendio consumtis statuam in crepidine collacavit, quam etiam +mira artis industria ad humanos tactus vocalem reddidit. at nihilominus +Frigga, cultus sui nitorem divinis mariti honoribus anteponens, uni +familiarium se stupro subjecit; cujus ingenio simulacrum demolita, +aurum publicae superstitioni consecratum ad privati luxus instrumentum +convertit._ Der Vorwurf der Buhlerei Friggs mit Vili und Vé begegnet +in der Lokasenna 26 und in der Ynglingasaga Kap. 3. Odin war lange +Zeit abwesend, die Asen erwarteten seine Rückkehr nicht mehr. Da +teilten seine Brüder Vili und Vé sein Erbe und nahmen sein Weib Frigg +miteinander. Kurz darauf kam Odin zurück und nahm sich wieder seine +Frau. Zur Auslegung der Sage vgl. Müllenhoff, ZfdA. 30, 220. + +[535] Über den schwedischen Volksglauben vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend +och Wirdarne S. 236 f.; Rietz, svensk dialektlexicon 165; Friggjargras +nach J. Grimm, Myth. 279, Jón Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 646; nach +Asbjörnsen, norske folke- og huldreeventyr 1, 201 u. 206 geht _Stor +Frigg_ mit elbischem Vieh. + +[536] Über die Göttinnen vgl. Snorre in Gylfag. Kap. 35; der Skald +Kormak (937-967) nennt Sága, Hlín, Eir, Vár, Gná. Wie die Göttinnen +nur die eine Hauptgöttin Frigg vervielfältigen, so die in den +Fjǫlsvinnsmǫ́l 38 aufgezählten Jungfrauen ihre Herrin Menglod, in der +ebenfalls Frigg sich verbirgt. Die hilfreichen Mädchen heissen Hlif +(Beschützerin), Hlifthrasa (Schutz-?), Thiodwara (Volksbewahrerin), +Bjort (die Glänzende), Bleik (die Weisse), Blid (die Freundliche), +Frid (die Schöne), Aurboda (die Goldspenderin), Eir (die Pflegerin). +Zu den Göttinnen im allgemeinen Uhland, Schriften 6, 139 ff. Die +Handschriften der SE. 1, 116 u. 2, 274 unterscheiden zwischen Vár und +Vǫr. Vgl. darüber Müllenhoff, ZfdA. 16, 152; Mogk, Beitr. 6, 529 ff.; +Bugge, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1875, S. 216 f.; Sijmons, Edda +I, 1, 148 Anm. Sunna betrachtet Kauffmann, Beitr. 15, 209 als Gen. von +Sunn = an. Syn; Eir vergleicht er (Beitr. 16, 201 ff.) den Alaisiagen, +den Allhilfreichen; gegen Kauffmanns Gleichstellung von Sunna und Syn +Gering, ZfdPh. 26, 149. Über Sinhtgunt Müllenhoff, Denkmäler 2³, 46; +Bugge, Studien 297 f., wo eine Mondgöttin behauptet wird. + +[537] Über Freyja Gylfag. Kap. 24 u. 35; Grímn. 14; Ynglingasaga Kap. 4 +u. 13. Freyjas Namen SE. 1, 304. + +[538] _Freyja_ kennt die an. Sprache auch als Appellativum, so in +_húsfreyja_, wofür auch das vielleicht aus dem Deutschen entlehnte +_húsfrú_ eintritt; für _frú_ hat die ältere Sprache _frauva_, _froua_, +_frúva_, vgl. Noreen, An. Gr.² § 340,1. Snorre betont den Zusammenhang: +_af hennar nafni er þat tignarnafn, er ríkiskonur eru kallađar frúvor +(frúr)_. _snyrtifreyja_, _fægifreyja_ sind schwerlich eigentliche +Wörter, vielmehr skaldische Umschreibungen für den Begriff Frau. Dem +nordischen _Freyr_ (urgerm. _fraujaȥ_) steht möglicherweise wegen der +ags. und altdeutschen Namen _Fréaƕine_, _Frôƕin_ ein _Fréa_, _Frô_ +(urgerm. _fraƕô_) gegenüber. Aber von einer deutschen _Frouƕa_ ist +keine Spur nachweisbar. + +[539] Der _kviđlingr_ lautet in der ausführlichen Olafssaga +Tryggvasonar Kap. 217: + + _vil ek eigi gođ geyja grey þykki mér Freyja + æ mun annat tveggja Óđinn grey eđa Freyja._ + +Ähnlich lautet der Vers in der Njálssaga Kap. 102. Ari in der +Íslendingabók Kap. 7 und Kristnisaga Kap. 9 haben nur die erste +Hälfte der Strophe, die Schelte auf Freyja, ohne Odin zu nennen. +Zur Überlieferung Njála, Köbenhavn 1875-79, Bd. II, 504 ff.; Finnur +Jónsson, Íslendingabók, Kaupmannahöfn 1887, S. XXXV. + +[540] Jüngere Olafssaga helga Kap. 101 f (Flateyjarbók 1, 283); das +gleiche Versehen in der Bósasaga Kap. 12, wo dem Thor, Odin und der +Freyja (statt dem Freyr) Minne getrunken wird; vgl. Petersen, om +nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 94. Man muss berücksichtigen, +dass die spätere Bearbeitung der Olafssaga und die Bósasaga +zeitlich mit den Skíðarímur (14. Jahrh.), wo Freyja Odins Weib ist, +zusammenfallen. Das Versehen ist kein äusserliches, vielmehr war den +Schreibern, welche Freyja statt Freyr den Hauptgöttern Thor und Odin +zur Seite stellten, Freyja die wichtigste und höchste Asin, und durfte +somit, wie früher ehestens Frigg, mit Odin zusammen genannt werden. + +[541] Hálfssaga Kap. 1. + +[542] Egilssaga Kap. 81. + +[543] Der Sörlaþáttr in den Fornaldar sögur 1, 391 und in der +Flateyjarbók 1, 275. Über Brísingamen Müllenhoff, ZfdA. 12, 304; über +das Halsband in seiner Beziehung zu Freyja Müllenhoff, ZfdA. 30, 220 f. + +[544] _Brísinga men_ gehört der altgerman. Sage an, im Béowulf 1199 +ist mit „_brosinga mene_“, das zu einem reichen Hort gehört, offenbar +dasselbe gemeint. An. _brísingar_ bedeutet die Zusammenflechter, die +kunstreichen Verfertiger und würde auf schmiedende Zwerge wol passen. +Dass die Künstler nachmals zu Zwergen wurden, versteht sich daraus, +dass die Zwerge im Besitz der Schmiedekunst sind. Dem Wortstamme +verwandt ist mhd. _brîsen_, einfassen, schnüren. + +[545] Uhland, Schriften 6, 58; 154. + +[546] Bugge, Studien 11; in der im 6. Jahrh. verfassten Abhandlung _de +origine idolorum_ sagt der Bischof Martinus von Braga von der Venus: +_etiam cum patre suo Jove et cum fratre suo Marte meretricata est_; Mai +class. auct. 3, 382. + +[547] So Eilif Guðrúnarson SE. 1, 300. + +[548] Auf Freyjas Buhlerei gehen die Anspielungen Hyndl. 47 u. 48. +Über das Gedicht Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 195 ff. Die +Entstehungszeit bestimmt Finnur auf 950-975. Den Schutz, welchen Freyja +dem Ottar gewährt, betrachtet Hyndla als unerlaubtes Verhältniss. + +[549] Kögel, Indogerm. Forschungen 4, 313 erklärt _mardǫll_ als die +Hellglänzende, _mar-_, _mari-_ im Sinne von glänzend (vgl. μαρμαίρω +bei Fick, Vgl. Wörterbuch I⁴ 515) begegnet in deutschen Frauennamen +_Meridrûd_, _Meripurc_, _Merihilt_, _Merisƕind_ u. ä. In einem +isländischen Märchen, das um 1700 aufgezeichnet wurde, heisst ein +Mädchen _Mærþöll_; wenn sie weint, verwandeln sich ihre Thränen in +Gold; vgl. Jón Árnason, Þjóðsögur og æfintýri íslenzkar 2, 424 f. Die +goldene Thränen weinende Mærþöll (Mardǫll-Freyja) ist hier gelehrten +Ursprungs, nicht nachwirkende echte Volkssage. + +[550] Zur Herkunft der fremden Züge in Freyjas Art Bugge, Christiania +Morgenbladet vom 16. Aug. 1881; gefälscht ist die Geschichte von _Woud_ +und _Freid_, Schönwerth, Sagen u. Sitten aus der Oberpfalz 2, 312 ff., +obwol J. Grimm, Kleinere Schriften 5, 427 f. und danach M. Hirschfeld, +Lokasenna 28 ff. sie für echt halten; weitere angebliche Freyjasagen s. +bei Mannhardt, Germanische Mythen, Berlin 1858, S. 288 Anm. 1 u. 295, +Anm. 5. + +[551] D. h. das Gestein zerschmolz durch die Hitze zahlreicher +Opferfeuer zu Glas; Ottar ist ein eifriger Opferer. + +[552] Über Gefjon Gylfag. Kap. 35; Lokas. 20, 21; Volsa-Þáttr, hrsg. +von Guðbrandr Vigfússon in Nordiske oldskrifter 27, 133 ff. und Corpus +poeticum boreale 2, 381 f.; die Bauerntochter beteuert: _þess sver ek +viđ Gefjon ok viđ gođin önnor_. Über den Namen Gefjon Bugge, Beiträge +12, 417; er vergleicht die inschriftlichen _Junones Gabiae_, _matronis +Gabiabus_, _Alagabiabus_ (Kern, Revue celtique 2, 156) und stellt dazu +got. gabei, Reichtum. Urverwandt sei _copia_. Gefjon wäre etwa einer +_Copia_ zur Seite zu setzen. Vgl. noch Much, ZfdA. 35, 316 f.; dagegen +Kauffmann, Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde 1892, S. 42 Anm. + +[553] Dass _Gefn_ mit ags. _geofon_, as. _geƀan_, „Meer“ zusammenhänge +und auch Gefjon hierher gehöre (J. Grimm, Myth. 219), also etwa eine +Seegöttin, eine Wanin (Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg +1894, S. 50 u. 53, Vaner „die Seegötter“) bedeute, behauptet auch Much, +ZfdA. 35, 327. Die Beziehung ist zu unsicher, würde aber zu Freyja als +der Schwester des Freyr passen. + +[554] SE. 1, 312 u. 282; corpus 2, 15 u. 17; ebenda 67. + +[555] Gefjon als Pflügerin Gylfag. Kap. 1; Ynglingasaga Kap. 5. Auf +Grimms Etymologie gestützt, erklärt Weinhold (Riesen des germ. Mythus +S. 241) die Gefjon als Meerriesin, die Mythe vom Landpflügen als die +Erinnerung an eine furchtbare Sturmflut, die vom Norden hereinstürmend +in unvordenklicher Zeit Seeland von der skandinavischen Halbinsel +losriss. + +[556] Über Idun Gylfag. Kap. 26; Bragar. 2; Lokasenna 17. Der Skald +Thjodolf in der Haustlǫng behandelt den Mythus vom Raube der Idun, +SE. 1, 306-314. Über Iduns Benennungen unter den Skalden SE. 1, 304. +_Iđunn_, auch als Frauenname auf Island bezeugt (Arkiv f. nordisk +filologi 5, 24 Anm.), bedeutet Erneuung, Verjüngung; der Name ist +gebildet vom Präfix _iđ_ iterum und vom in Frauennamen häufigen Suffix +_-unn_, vgl. Uhland, Schriften 6, 69, Bugge, Arkiv 5, 24. Sie trägt ihn +offenbar als Bewahrerin der Äpfel, die „_ellilyf_“, Heilmittel gegen +Alter heissen. Über die Idunsage und ihre Deutung Uhland, Schriften 6, +69 ff. und Bugge, Arkiv för nordisk filologi 5, 1 ff. + +[557] Zur Deutung der Fjǫlsvinnsmǫ́l vgl. Müllenhoff, ZfdA. 30, 219. + +[558] ZfdA. 30, 217 ff. Die oben ausgehobenen Stellen ebenda S. 243 u. +259. + +[559] SE. 1, 304 heisst Freyja _eigandi fressa_, Eignerin der Katzen; +SE. 1, 96 e_kr hón kǫttum tveim ok sitr í reiđ_; SE. 1, 176 _Freyja +reiđ kǫttum sinum_. Snorri versteht also unter „_fress_“ Kater, Katze, +wie z. B. auch Grágás II 192 _kattbelgir af gǫmlum fressum_. Unter den +_heiti_ für _bjǫrn_, Bär, steht _fress_ SE. 1, 478 u. bei Kormak. Vgl. +Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 202. + +[560] Sohn der Jord heisst Thor Þrym. 1; Lokas. 58; beim Skald Ǫlvir +SE. 1, 254; in der Haustlǫng SE. 1, 278. Über Jord als Odins Weib +Gylfag. Kap. 9; nach Gylf. Kap. 10 und einer Strophe Hallfreds SE. 1, +320 u. 460 ist sie die Tochter des Riesen Onar und der Riesin Nótt. + +[561] Frigg heisst Lokas. 26 _Fjǫrgyns mǽr_, d. h. Fjorgyns Geliebte, +wie Freyja _Oþs mǽr_, Ods Geliebte ist; SE. 1, 54 u. 304 ist der +Ausdruck missverstanden, _mær_ = _dóttir_ gefasst, also Fjǫrgyns +Tochter. Fjǫrgyn als Thors Mutter Vol. 56; Hárb. 56; SE. 1, 476; 585; +Oddrúnargrátr 10 steht _á fjǫrgynju_ = _á jǫrđu_. Zur Etymologie +des Namens Hirt, Indogermanische Forschungen 1, 479 ff.; Kauffmann, +Beiträge 18, 140; Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre S. 131. Von idg. +_perqos_ (_quercus_) abgeleitet sind kelt. _erkunia_, ἑρκύνιος δρυμός +(Eichwald), got. _faírguni_, Berg, mhd. _Virgunnia_ (Eichenwald, Name +des Böhmerwaldes und Erzgebirges). + +[562] Den ags. Segen bei Grein-Wülker, Bibliothek der ags. Poesie, +Bd. 1, 1883, S. 312 ff.; die Litteratur darüber bei Wülker, Grundriss +zur Geschichte der ags. Litteratur, Leipzig 1885, S. 347 ff.; Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 39 ff.; _Erce_ erklärt Kögel +als eine Weiterbildung zum Grundwort _ero_, „Erde“ (über _ero_ Kögel, +Pauls Grundriss 2, 1, 196 und Müllenhoff-Scherer, Denkmäler 2³, 3); es +verhalte sich dazu wie _scinca_, „Schinken“ zu _scina_, „Beinschiene“, +_zinko_, „Zacken“ zu _zinna_, _funcho_, „Funke“ zu got. _fôn_, +_funins_, „Feuer“. Brynhilds Tagesgruss in den Sigrdrífumál 4. + +[563] Lex. myth. 401; zur obigen Deutung Weinhold, Die Riesen im germ. +Mythus, Wien 1858, S. 60 ff. Kauffmann, Beiträge 18, 169 f. führt Rindr +auf Vrindr, „die Göttin mit dem Zauberstab“ zurück und stellt sie der +Hlodyn und Grid zur Seite; dagegen Rödiger, ZfdPh. 27, 6 f. + +[564] Über Nerthus wurde bereits unter Freyr (S. 219, Anm. 2) das +Notwendige mitgeteilt. Für die Bedeutung des Nerthusfestes vgl. +Mannhardt, Wald- u. Feldkulte 1, 567 ff.; Kögel, Geschichte d. +deutschen Litteratur I, 1, 21 f. + +[565] J. Grimm, Myth. 748, Nachträge 1225. + +[566] Annalen 1, 51; zur Feststellung der Lesart des Namens Müllenhoff, +ZfdA. 9, 258; 23, 23. + +[567] Überliefert ist tāfanę, was in Tanfanae oder Tamfanae aufzulösen +ist. Den Nasal erachten J. Grimm und Müllenhoff als infigiert, wie +λαμβάνω zu λαβ-, τύμπανον zu τύπ-τω u. ä.; sie deuten demnach, als ob +_Taƀana_ stünde. J. Grimm, Gesch. d. deutschen Spr. 232, 622, 828; +Kleinere Schriften 5, 418 ff. rät auf eine germanische Göttin des +Herdes und Feuers, Vesta, Ἑστία, skythisch _Tabiti_; die idg. Wurzel +läge in _tepere_, aind. _tapas_, Hitze. Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, +23 ff. vergleicht an. _tafn_, „Opfertier“ und die idg. Wurzel _dap_, +welche im lat. _daps_, _dapinare_, griech. δάπτω, δάπανος, δαψιλής, +δέπας erscheint. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, +19 Anm. erinnert an isl. _þamb_, Schwellung, Fülle, _þǫmb_, Fülle, +Gespanntheit; _þamba_, in vollen Zügen trinken; norweg. _temba_, +füllen, stopfen; _temba_, grosse Mahlzeit. Dann meint des Tacitus +Schreibung Tamfana eine germanische _Thamfana_, _þamƀana_. Immerhin ist +Kögels Versuch besser als die andern, nachdem die Wurzel „_dap_“ sonst +nirgends Nasalinfix aufweist. Unmöglich ist die Erklärung Jaekels, +ZfdPh. 24, 306 ff., wonach Tamfana aus _Tamna_(zu Wurzel _dam_, δαμάω, +_domare_) entstand und die alles bezwingende Todesgöttin bedeutet. + +[568] Tac. Ann. 4, 73 _apud lucum quem Baduhennae vocant_. Nach +Müllenhoff, Schmids Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 und +ZfdA. 9, 240 f. ist _h_ Trennungszeichen und _Baduennae_ zu lesen. +Man denkt beim Suffix an kelt. _Arduenna_, Zeuss Gramm. celtica² 774. +Siebs, ZfdPh. 24, 1 ff. erklärt _Baduhenna_ als Beiname Wodans, der +im Kampfe tötende Walvater; das ist abgesehen von anderm sprachlich +unmöglich. + +[569] Vgl. v. Grienberger, Beiträge 19, 531 ff. + +[570] Die Litteratur über den Stein wurde bereits im Abschnitt über +Tiuȥ S. 204 Anm. 2 mitgeteilt. Zum oben Vorgetragenen Heinzel, Westd. +Ztschr. 3, 292; Weinhold, ZfdPh. 21, 1 ff.; Kaufmann, Beiträge 16, 201 +ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 434 ff. + +[571] _Hlóþyn_ begegnet Vǫl. 55; dass sie Widars, nicht Thors Mutter +ist, zeigt Kauffmann, Beiträge 18, 136 ff.; _Hlóþyn_ gleich Jord SE. +1, 474; in der Olafssaga Tryggvasonar Fms. 1, 123 _hlóþyn markar_, +terra silvae; in der Hervararsaga Fas. 1, 469 _í hlóþynjar skaut_, +in gremium terrae. Die wichtigsten Inschriften der _dea Hludana_ +sind die rheinischen von Birten und Iversheim (vgl. Brambach, Corpus +inscriptionum rhenanarum 150; Bonner Jahrbücher 50, 184) und die +friesische (W. Pleyte, in den Verslagen der kon. akad. letterkunde 3, +6, 58). Über die Göttin Sculo Thorlacius, _de Hludana_, _Germanorum +gentilium dea_, Havniae 1782; Müllenhoff, Schmidts Ztschr. f. +Geschichtswissenschaft 8, 264 Anm.; Jäkel, ZfdPh. 23, 129 ff.; Siebs, +ZfdPh. 24, 457 ff.; Kauffmann, Beiträge 18, 134 ff.; Rödiger, ZfdPh. +27, 3. Gegen Mogk, Grundriss 1, 1094 Kauffmann a. a. O. 142. Bugge, +Studien 19 u. 575 trennt Hlóðyn, die er aus Latona ableitet, von +Hludana. + +[572] Wol nach Ovid, Metam. 1, 393: _magna parens terra est, lapides in +corpore terrae ossa reor dici._ + +[573] Germania Kap. 9 _pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa +et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in +modum liburnae figuratum docet advectam religionem_. Zu Isis M. Haupt, +Moriz von Craun S. 4; Kauffmann, Beiträge 16, 217 ff. Die von Aventinus +(Chronik 1566 fol. 37) angedeutete, durch Simrock Myth.⁵ 372 ff. +aufgenommene Ansicht, der Name der deutschen Göttin, etwa _Îsa_, Avent. +_fraƕ Eysen_ (vgl. auch J. Grimm, Myth. 244) habe Isis bei Tacitus +hervorgerufen als den nächstliegenden, ähnlich klingenden Namen, bedarf +keiner ernstlichen Widerlegung. Die Litteratur über die suevische Isis +verzeichnet Drexler in Roschers Lexicon der griech. u. röm. Mythologie +2, 548 ff. + +[574] Die Nehalenniadenkmäler mit Abbildungen bei L. J. F. Janssen, +de romeinsche beelden en gedenksteenen van Zeeland. Middelburg 1845; +die rhein. Inschriften bei Brambach, Corpus inscriptionum rhenanarum +Nr. 441 u. 442. Das Material verwerten neuerdings die Abhandlungen +von Jäkel, ZfdPh. 24, 289 ff. und Kauffmann, Beiträge 16, 211 ff. +Die letztgenannte treffliche Arbeit ist für die oben vorgetragenen +Ansichten maassgebend. Dem gegenüber hat Muchs Aufsatz, ZfdA. 35, 324 +ff. wenig Bedeutung. Detter, ZfdA. 31, 208 stellt Nehalennia zu νέκυς; +das Grundwort _nehal_ kehre in an. _njól_, die Nacht, wieder. Dagegen +Noreen, An. Gr.² § 106a u. 231; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 14 u. +113, wonach _niól_ aus _niƀol_ abzuleiten ist. + +[575] A. a. O. 228 ff. + +[576] Die Bräuche des Schiffsumzuges bei J. Grimm, Myth. 237 ff.; 3, +86. Weiteres bei J. W. Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, +1852, 149 ff. Die Hauptstelle für die niederländische Umfahrt in des +Abtes Rudolf († 1138) Klosterchronik von St. Trond, Buch 12, Kap. 11-14 +(MG Script. 10, S. 310 ff.). + +[577] Vgl. darüber Mannhardt, Wald- und Feldkulte 1, 553 ff. + +[578] Dümmler, Rhein. Museum, N. F. 43, 355 ff. + +[579] Das Schiff auf Rädern im Moriz von Craon gehört gewiss zum +Carneval und hat mit dem german. Heidentum nichts zu schaffen. Vgl. E. +Schröder, Zwei altdeutsche Rittermären, Berlin 1894, S. XXVIII; das +niederrheinische Schiff mag ebendaher stammen. Seine mythologische +Bedeutung wird mindestens sehr zweifelhaft. + +[580] Das gesamte Material bei Ihm, Der Mütter- und Matronenkult und +seine Denkmäler, Bonner Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden im +Rheinlande, Heft 83, 1887, S. 1-200; Much, ZfdA. 31, 354 ff. u. 35, 315 +ff. germanische Matronennamen; Muchs Deutungen sind überaus unsicher, +da sie nicht von den Ortsnamen ausgehen; Kauffmann, Der Matronenkultus +in Germanien. Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde, 1892, S. 24 ff. + +[581] Zur _dea Sandraudiga_ J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache +588; Grienberger, ZfdA. 35, 390. + +[582] Zu _dea Vercana_ Much, ZfdA. 31, 357 f. + +[583] Zu _dea Vagdavercustis_ Grienberger, ZfdA. 35, 393 ff.; seine +Erklärung, „die Lebenskraft wirkende“, die spendende Erdgöttin, ist +sehr unsicher, zumal _vagda_ = ahd. _kiuuegida_, „vegetamen“; man würde +mindestens _*ƕagida_ erwarten; ebenso die Ableitung _vercustis_, der +zulieb ein unbelegtes _„ƕerkos“_ behauptet wird. Von weiteren Göttinnen +z. B. _dea Garmangabis_, Grienberger, ZfdA. 38, 189 ff., wird hier +besser geschwiegen. + +[584] Widukind, Res gestae Saxonicae I, 23 MG. Script. 3, 428 _ut +a mimis declamaretur, ubi tantus ille infernus esset, qui tantam +multitudinem caesorum capere posset_. Dass hinter _infernus_ as. +_hella_ steht, meint J. Grimm, Myth. 761. + +[585] Die Höllenfahrt beschreiben Baldrs Draumar 2 u. 3; Gylfag. Kap. +49; Helreiþ Brynhildar. + +[586] Bugge, Studien 179 erklärt Garmr aus Kerberos verderbt. Noreen, +An. Gramm.² § 248 fasst Garmr als Metathesis zu Gramr, der Grimmige. + +[587] Niflhel Baldrs. Dr. 2; Vafþr. 43; SE. 1, 136; Niflheim SE. 1, 38; +40; 68; 106; 136. + +[588] Baldrs Draumar 6, 7; Gylfag. K. 49 SE. 1, 178. + +[589] Die mittelalterlichen Christen meinten, die Leiber der +Ungläubigen und Unbussfertigen müssten in der Hölle grausigem Gewürm +zur Nahrung dienen. Den Angelsachsen ist die Hölle ein Schlangensaal +(_ƕyrmsele_); vgl. Bugge, Studien über die Entstehung der nordischen +Götter- und Heldensagen S. 482 ff. + +[590] Über die Wanderung nach dem Tode und den eisigen, Schneiden mit +sich führenden Höllenfluss vgl. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, +113 ff. + +[591] Egilssaga Kap. 45 _til hásalar Heljar helgengnir_. + +[592] Die Schilderung der Hel Gylfag. Kap. 34; über die Sage, wie sie +von Allvater hinunter nach Niflheim geschleudert wird, Bugge, Studien +511. + +[593] Gylfag. Kap. 51 SE. 1, 190 _þar er ok þá Loki kominn ok Hrymr, ok +međ honum allir Hrímþursar, en Loka fylgja allir Heljar sinnar_. Danach +bessert Bugge Str. 51 der Vǫl., was Sijmons annimmt: + + _kjóll ferr norþan: koma mono Heljar + of lǫg lýþer, en Loke stýrer._ + +Die Hss. haben _austan_ statt _norþan_, _muspellz_ statt _heljar_; aber +SE. setzt die Lesart Bugges voraus. + +[594] Íslendinga sögur 2, 361 _an mér ǫlselja Heljar eplis_, die Frau +gönnt mir Hels Äpfel, d. h. will meinen Tod. Zur Stelle Sveinbjörn +Egilsson, Lex. poet. 318. Deutsche Seitenstücke zur griechischen Mythe +bei W. Müller, Niedersächsische Sagen S. 372 ff. + +[595] Myth. 291; 3, 94. Unter den vielen Sagen von verwünschten +Jungfrauen, die Panzer, Beitrag z. deutschen Myth. 1, München 1848, +behandelt, kommt auch einmal eine schwarz und weiss gefärbte Jungfrau, +vom Volk die _Held_ genannt, vor; daraus eine germanische Halja zu +erschliessen, wie es seit Panzer beliebt, ist nicht zu billigen. Die +Sagen fallen ins Bereich des Gespensterglaubens, in den die höllische +Verdammniss oft hereinspielt. + +[596] _Rán_ bedeutet Raub. Über die Ran vgl. SE. 1, 338; Reginsmǫ́l +Prosaeingang; Helgakv. Hj. 18; Helg. Hund. I, 31; die Strophe des +Ref, SE. 1, 326; Fóstbrœðrasaga älterer Text Kap. 4, jüngerer Text +Kap. 6; Friðþjofssaga Kap. 6; Eyrbyggjasaga Kap. 54; Sneglu-Halla +þáttr (Fornmannasögur 6, 376); Egill im Sonartorrek 7. Thjodolf in der +Haustlǫng nennt Ran, indem er das Meer als _Rán-himinn_ bezeichnet. +Das Netz der Ran führt Bugge, Studien 20 f. auf das Netz der Aranea +zurück; _Aranea casses in alto suspendit_ sei missverstanden, _in alto_ +als in der Meerestiefe gefasst worden. Übrigens hat nach Kuhns märk. +Sagen, S. 374, der Wassermann auch ein Netz, und der Vita Sulpicii († +614) zufolge wird in einem Wasserstrudel von Geistern mit Stricken +den Menschen nachgestellt (_repente funibus daemoniacis circumplexus +amittebat crudeliter vitam_); vgl. W. Müller, System der altdeutschen +Religion S. 375 Anm. 4. + +[597] Eyrbyggjasaga Kap. 11. + +[598] Vgl. oben S. 238 ff.; Detter, Beiträge 18, 76 ff. sucht Spuren +des Skaðimythus in andern Sagen nachzuweisen. + +[599] So Müllenhoff, ZfdA. 23, 117. + +[600] Dass Skadi eine Vertreterin der Finnen und Lappen, der +vorgermanischen Bevölkerung des Nordens sei, behaupten W. Müller, +Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage S. 101 +und Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 55 ff.; über den Namen +Skandinavia Müllenhoff, a. a. O. 357 ff. + +[601] Über Thorgerd Hölgabrúðr, die in späterer Verderbniss auch als +_Hörđabrúđr_, _höldabrúđr_, _hörgabrúđr_ erscheint, vgl. G. Storm, +Arkiv for nordisk filologi 2, 124 ff.; Detter, ZfdA. 32, 394 ff. + +[602] Belege sammelt Uhland, Schriften 6, 403. + +[603] In der Jómsvíkinga saga Kap. 44 (Fornmannasögur 11, 134 ff.). + +[604] Þáttr Þorleifs jarlaskálds, Flateyjarbók 1, 213. + +[605] B. G. 6, 21 _deorum numero eos solos ducunt, quos cernunt et +quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam, reliquos ne +fama quidem acceperunt_. + +[606] J. Grimm, Myth. 666 f. + +[607] Über Sol und die Sonnenpferde Vafþr. 23, 47; Grimn. 37; Sigrdr. +15; Gylfag. Kap. 11 u. 12. Vgl, E. H. Meyer, Die eddische Kosmogonie S. +105 f.; Mythologie 293 ff. + +[608] Aind. _usrâ_, lit. _auszrà_, „Morgenröte“, kehrt im german. Stamm +_austra-_, „Osten“, wieder; vgl. _Ôstrogotha_; _Austro-_, _Austar-_ in +Eigennamen; an. _austr_, as. ahd. _ôstar_, „ostwärts“, dazu _ôstrun_, +ags. _éastro_, „Ostern“. Vgl. Brugmann, Grundriss 2, 185; Noreen, +Abriss der urgerm. Lautlehre 167; Kluge, Etym. Wb. unter Osten und +Ostern. + +[609] Bäda _de tempor. rat._ cap. 13 _eosturmonath qui nunc pascalis +mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae Eostre vocabatur +et cui in illo festa celebrabant, a cuius nomine nunc paschale +tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo gaudia +novae solemnitatis vocantes._ -- _Hredmônath_ (März) _a dea illorum +Hreda cui in illo mense sacrificabant, nominatur_. Diese angeblichen +Göttinnen sind von Bäda erfunden und haben so wenig Gewähr als die +ndl. _Leva_, nach der _leumaent_, _laumaent_, der Laubmond, heissen +soll. Wir haben auch nicht persönlich gewordene, vom Volk geglaubte +Monate zu denken wie im isl. _Þorri_, _Gói_, _Einmanuđr_, _Harpa_, in +der rheinfränkisch-märkischen _Sporkele_, _Spurkele_ (Februar). Vgl. +Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869 im alphabetischen +Verzeichniss der germanischen Namen. + +[610] Ricen vermutet J. Grimm, Myth. 268 Anm. †; dagegen Sievers, +Beiträge 16, 366 ff. + +[611] Zisa ist von den Gelehrten im Mittelalter aus dem Namen +Augsburgs Cisburg oder aus dem Cisatag (*_sisetag_ = _kartag_, Tag der +Totenklage) gefolgert; vgl. Bachlechner, ZfdA. 8, 587 f.; Laistner, +Würtemb. Vierteljahrshefte f. Landesgeschichte, Neue Folge; 1892, S. 5. +Vgl. oben S. 205. + +[612] So z. B. die Frie und Fricke, der „_vergodendel_“, als Teil des +_frô Wodan_, wogegen Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2, 449 ff. u. 3, 41 +ff. + +[613] Walahfrid Strabo in einem lat. Gedicht im 8. Jahrh. erwähnt +_Hulda_, weshalb J. Grimm, Myth. 3, 87 die Holda schon in die ahd. Zeit +verlegt. Aber es ist gar nicht die angebliche deutsche Göttin gemeint, +vielmehr die _biblische Wahrsagerin Hulda_, vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12, +404; Schmeller, B. W. 1², 1084; E. H. Meyer, Myth. 273; Kauffmann, +Beiträge 18, 146. Ebensowenig hält die von J. Grimm, Myth. 245 und +ebenda 3, 407, Kl. Schriften 5, 416 ff. aus Handschriften des Burchard +von Worms († 1024) entnommene _Holda_ oder _Frigaholda_ stand; vgl. +Kauffmann, Beiträge 18, 145 ff. Die Hauptquellen für die Holdasagen +des 17. Jahrh. bilden die Schriften des Prätorius, ausgeschöpft von +den Brüdern Grimm in den Deutschen Sagen 1, Nr. 4-8; weiteres Myth. +246 ff., 3, 87 f.; Mannhardt, German. Mythen 255 ff. Ortsnamen wie +Frau Hollenteich, Frau Hollenberg u. dgl. stammen ursprünglich wol von +den „_hollen_“ und sind erst dort auf „Frau Holle“ bezogen worden, +wo diese umging. Das Hollenloch in Kuhns Sagen aus Westfalen 1, 193 +zeigt einen solchen Ortsnamen in ursprünglicher Bedeutung; Hollenloch +ist die Elben-, Zwergenhöhle. Die isländ. Bezeichnung _huldufólk_, +_huldumađur_, _huldukona_, die norweg. _huldrefolk_, wozu die norweg. +Waldfrau _Hulla_, _Huldra_, _Huldre_, die isl. Hexe _Huld_ gehören, +darf man nicht derart zu den deutschen Hollen und Frau Holle stellen, +als handelte es sich um eine gemeingerm. Anschauung. Ausgangspunkt für +die nordischen Elbennamen bildet an. _hulda_ „Decke“, verwandt mit ahd. +_hulid_, ags. _hulu_ „Hülle“ vgl. Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre +S. 171. Es sind die verhüllten d. h. mit Tarnkappen unsichtbaren Elbe +gemeint. Gleichwie Holle einzeln aus den Hollen ragt, hebt sich dann +allerdings auch im neunorweg. Volksglauben Huldra aus den Huldren. + +[614] Die Berchtasagen gibt Börner, Volkssagen aus dem Orlagau, +Altenburg 1838, S. 153 u. ö. Das Übrige bei Grimm, Myth. 250 ff.; 3, +88 ff.; Schmeller, B. Wb. 1², 269 ff.; Zingerle, ZfdM. 3, 203 ff. Auch +Müllenhoff, ZfdA. 30, 240 stellt die Gleichung _Berhta_: _berhten naht_ += _Befana_: _epiphania_ auf. + +[615] Sagen vom Fronfastenweib Stöber in der Alsatia 1852, 145; 1856/7, +134. Über die Personifikation von Kalendertagen und Festen überhaupt +vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte 2, 184 Anm. 2. + +[616] Stempe und Trempe bei Grimm, Myth. 255 f.; 3, 90. _Daȥ mære +von der Stempen_ oder _von Berchten mit der langen nas_ in Haupts +Altdeutschen Blättern 1, 105 und v. d. Hagens Gesamtabenteuern Nr. LIV. + +[617] Fru Freke nach Eccard de orig. Germanorum 1750, p. 398; J. Grimm, +Myth. 281. Kuhn und Schwartz stellen de Fuik, Fui (den Teufel) und +erfundene Namen wie Frîe, Frê, Frick zu Freke, wogegen Knoop, Ztschr. +f. Volkskunde 2, 449 ff. + +[618] Über Frau Harke Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 4, 81 ff. Eine „Frau +Hacke“, die etwa mit der Harke zusammenhängen könnte, aus einem Liede +Hartmanns von Aue schon fürs 13. Jahrh. zu entnehmen, wie A. Höfer, +Germania 15, 411 ff. versucht, bedarf keiner ernstlichen Zurückweisung +mehr. + +[619] Über Frau Gode nach dieser Seite Kuhn und Schwartz, Norddeutsche +Sagen S. 413; Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 23 f. Zum Wesen der +Frau vgl. Knoop, am Urquell 5, 9 ff; 45 ff.; 69 ff. + +[620] J. Grimm, Myth. 251 Anm. + +[621] J. Grimm a. a. O. + +[622] Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 236 f. + +[623] Die Sagen von Herodias und Diana bei J. Grimm, Myth. 260 ff.; +Schmeller, B. Wb. 1², 270. Herodias soll nach dem in den Niederlanden +um 1100 verfassten Gedicht Reinardus späterhin Pharaildis geheissen +haben. Faro, Faramann, Faraburg sind german. Namen mit demselben +Stammwort, Pharaildis ist Farahild. Die mit Fara gebildeten Namen zählt +Henning, ZfdA. 36, 325 auf. Willkürlich deutet J. Grimm den Namen zu +mnl. Verelde = Frau Hilde, Holde um. + +[624] Kaufmann, Beiträge 18, 150. + +[625] Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, 163 ff. + +[626] Mannhardt, German. Mythen 256. Panzer, Beitrag zur deutschen +Mythologie 2, 1855, 13 f. verzeichnet eine Mariensage, welche an die +bekannte Geschichte vom Thränenkrüglein (Börner, Sagen aus dem Orlagau +142 f.) erinnert. Man darf Kindern, die zu Marias Schar verstarben, +nicht nachweinen. + +[627] Von dem plötzlichen Schneefalle sagt Ludwig nach Pomarius: _dit +is tomalen hilde snee_. Der Verf. sucht ein Wortspiel: Hildesheim sei +nach Hildesnee (plötzlichem Schnee) genannt; im Nds. bedeutet _hilde_, +_hille_ rasch, plötzlich. Es ist überkühn, mit J. Grimm, Myth. 246, +Simrock, Myth.⁵ 368 an den Schnee der Frau Hilde (Verelde, Pharaildis) +und Frau Holda zu denken und darauf hin die Schneesage der german. +Göttin zu überweisen. + +[628] Wie Grimm, Myth. 3, 87 f. nach Gegenbach anmerkt, heisst es auch +im Elsass beim Schneefall: _d’ engele hans bed gemacht, d’ fedre fliege +runder_. + +[629] Knoop, Am Urquell 5, 9 ff.; 45 ff.; 69 ff. + +[630] Mannus ist zum eranisch-indischen Manu zu stellen, über welchen +Spiegel, Die arische Periode und ihre Zustände, Leipzig 1887, S. 271 +ff. nachzulesen ist. + +[631] Über die Anthropogonie der Germanen vgl. Wackernagel, +ZfdA. 6, 15 ff.; Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift f. +Geschichtswissenschaft 8, 209 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 12 ff.; Kögels Zusammenstellung von Buri, Bur mit +Mannus a. a. O. 16 kann ich nicht billigen; die von ihm behauptete +Gleichheit der Genealogie des Tacitus und der nordischen Berichte +scheint mir gezwungen. + +[632] ZfdPh. 25, 401 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, +1, 32 ff. Die wichtigsten Sätze aus Daniels Brief an Bonifacius (Jaffé, +_Monumenta Moguntina_ 71 ff.) sind folgende: _Neque enim contraria +eis de ipsorum quamvis falsorum deorum genealogia astruere debes .... +secundum eorum opinionem. quoslibet ab aliis generatos per conplexum +mariti ac femine concede eos asserere; ut saltim modo hominum natos +deos ac deas homines potius, non deos fuisse, et cepisse, qui ante non +erant, probes. cum vero, initium habere deos, utpote alios ab aliis +generatos, coacti didicerint, item interrogandi: utrum initium habere +hunc mundum an sine initio semper exstitisse arbitrentur. si initium +habuit, quis hunc creavit? cum procul dubio ante constitutionem saeculi +nullatenus genitis diis inveniunt subsistendi vel habitandi locum. +mundum enim non hunc visibilem tantum, caelum et terram, sed cuncta +etiam extensa locorum spatia -- quae ipsi quoque pagani suis imaginare +cogitationibus possunt -- dico. quodsi sine initio semper exstitisse +mundum contenderint -- quod multis refutare ac convincere documentis +argumentisque stude -- tamen altercantes interroga: quis ante natos +deos mundo imperaret? quis regeret? quo modo autem suo subdere +dominatui vel sui juris facere mundum, ante se semper subsistentem, +potuerunt? unde autem vel a quo vel quando substitutus aut genitus +primus deus vel dea fuerat? vel si jam non generant, quando vel cur +cessaverunt a concubitu et partu; si autem adhuc generant, infinitus +jam deorum effectus numerus est. et quis tam inter tot tantosque +potentior sit, incertum mortalibus est; et valde cavendum, ne in +potentiorem quis offendat. utrum autem pro temporali ac praesenti, an +potius pro aeterna et futura beatudine colendi di sint, arbitrantur? si +pro temporali, in quo jam feliciores pagani christianis sunt, dicant. +quid autem se suis conferre sacrificiis lucri diis suspicantur pagani, +cuncta sub potestate habentibus? vel cur, in potestate sibi subjectorum +fieri, permittunt ipsi dii, quod ipsis tribuant? si talibus indigent, +cur non ipsi magis potiora elegerunt? si autem non indigent, superflue +jam talibus hostiarum conlationibus placare se passe deos pulant. +haec et similia multa alia, quae nunc enumerare longum est, non quasi +insultando vel inritando eos, sed placide ac magna obicere moderatione +debes. et per intervalla nostris, id est christianis, hujuscemodi +conparandae sunt dogmatibus superstitiones, et quasi e latere +tangendae; quatenus magis confuse quam exasperate pagani erubescant pro +tam absurdis opinionibus et ne, nos latere ipsorum ritus ac fabulas, +estiment. hoc quoque inferendum: si omnipotentes sunt dii et benefici +et justi, non solum suos remunerant cultores, verum etiam puniunt +contemptores, et si haec utraque temporaliter faciunt, cur ergo parcunt +christianis, totum pene orbem ab eorum cultura avertentibus idolaque +evertentibus? et cum ipsi, id est christiani, fertiles terras vinique +et olei feraces ceterisque opibus habundantes possident provincias, +ipsis autem, id est paganis, frigore semper rigentes terras cum eorum +diis reliquerunt; in quibus, jam tamen toto orbe pulsi, falso regnare +putantur._ -- -- -- + +[633] Über das Wessobrunner Gebet vgl. Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler +II, 1 ff., wo natürlich heidnische Herkunft behauptet wird; ebenso +Müllenhoff, Altertumskunde 5, 15 u. 68; auch Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 271 findet das Bild von der Weltschöpfung +„heidnisch untermalt“; dagegen vertritt Kelle, Geschichte der deutschen +Litteratur, Berlin 1892, S. 75 ff. die oben vorgetragene Ansicht, +dass nicht kosmogonische Vorstellungen des Heidentums, sondern +alttestamentliche Ideen den Inhalt des Gedichtes bilden. + +[634] Die Sagen über die letzte Weltschlacht sammelt und deutet zuerst +J. Grimm, Myth. 908 ff.; dazu Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein +und Lauenburg S. L u. 378 ff.; Kuhn und Schwartz, Norddeutsche Sagen +S. 495 ff.; Sagen aus Westfalen 1, 204 ff.; Simrock, Mythologie S. 148 +ff. und andere mehr. Über die Zubehör zur deutschen Kaisersage vgl. G. +Voigt, Sybels historische Zeitschrift 26, 131 ff.; J. Häussner, Die +deutsche Kaisersage, Bruchsal 1882; J. Häussner, Unsere Kaisersage, +Berlin 1884. + +[635] Jüngere Olafssaga Kap. 201 ff.; vgl. E. H. Meyer, Kosmogonie 16 +ff. + +[636] Über solche ernste Heidengemüter vgl. Munch, det norske folks +historie I, 2, 272, 279; Maurer, Bekehrung 2, 253 ff. + +[637] _ginnunga gap_ erscheint gleichsam umgekehrt in _gapanda gin_, +gähnender Rachen in der Flateyjarbók 1, 530. _gap_ steht zu _gapa_, +gaffen, gähnen. _ginnung_ ist abgeleitet vom Adj. _*ginnr_ (ags. +_ginn_, weit, geräumig; vgl. auch das an. ags. mhd. Substantiv _gin_, +der Rachen). Über die weitere Geschichte dieses Wortstammes vgl. Mogk, +Beiträge 8, 153 ff.; Mogks frühere Schlussfolgerung, _ginnunga_ sei +Gen. sing, zu _Ginnungi_, dem persönlich gedachten Chaos, zu welcher +im Griechischen und Nordischen vorliegenden Vorstellung bereits +die Indogermanen sich bekannt hätten, ist hinfällig. Besteht ein +Zusammenhang zwischen dem persönlichen Chaos, dem Riesen Abyssus der +christlichen Mythologie, über welchen Meyer, Völuspa 57, Eddische +Kosmogonie 74 nachzulesen ist, und Ymir, so beruht er auf später +Entlehnung und Nachahmung, nicht auf Urverwandtschaft, _ginnunga +gap_, von Adam v. Bremen 4, Kap. 38 mit _immane abyssi baratrum_ +wiedergegeben, erscheint auch in der Geographie der alten Nordleute. +Die Norweger versetzten es in den Norden, die Isländer in die Gegend +zwischen Winland und Grönland. Vgl. G. Storm, Arkiv f. nord. filologi +6, 340 ff. Im Mhd. wird _ginunge_ von der Hölle gesagt: _diu helle +heiȥit ouch barathrum daȥ kît sƕarziu ginunge ƕan sie ginit biȥ an den +jungisten tac_ (Benecke-Müller, Mhd. Wb. 1, 527). Dahin gehört wol auch +nds. _ovelgünne_, ein Ausdruck für Hölle im Sinne von Übelloch; vgl. J. +Grimm. Myth. 953; Schiller-Lübben, Mnds. Wb. 3, 248. + +[638] Man vgl. Stellen wie Servius zu Ecl. 6, 31 ff.: _variae sunt +philosophorum opiniones de rerum origine. nam alii dicunt omnia ex igni +procreari ut Anaxagoras. alii ex humore ut Thales Milesius: unde est, +Oceanumque patrem rerum. alii ex quattuor elementis ut Empedocles, +secundum quem ait Lucretius: ex imbri, terra, atque anima nascuntur +et igni. Epicurei vero nihil horum comprobant, sed dicunt duo esse +rerum principia, corpus et inane.... et corpus esse volunt atomos ... +inane vero dicunt spatium in quo sunt atomi. de his itaque duobus +principiis volunt ista quattuor procreari, ignem, aerem, aquam, terram: +ex his caetera...._ Dass das Chaos als leerer Raum, gähnender Schlund +gefasst wird, mag im Bedeutungswandel des Wortes liegen; im späteren +Latein wird Chaos im Sinne von chasma, hiatus gebraucht, Belege bei +Forcellini, totius latinitatis lexicon Bd. 2; Lucas 16, 26 überträgt +die Vulgata χάσμα μέγα mit chaos magnum. Die nordische Kosmogonie +übersetzt solche naturphilosophische antike Anschauungen auf die +heimische Naturumgebung, vielleicht im Anschluss an ältere Sagen, die +wissenschaftlich gerechtfertigt werden sollen. + +[639] Im nord. Texte steht _lùđr_, was nach Fritzner, Ordbog II² 567 +f. einen ausgehöhlten Baumstamm, einen Trog, der zur Wiege wie zum +Fahrzeug dienen konnte, bedeutet, wie lat. _alveus_ und _scapha_. +Auch Deukalion und Pyrrha werden in keinem gewöhnlichen Schiffe, +sondern in einer _Lade_ (λάρναξ) gerettet, Noah in der _arca_. Die +Übereinstimmung, dass auch in der nordischen Sinflut kein gewöhnliches +Schiff vorkommt, ist schwerlich zufällig. + +[640] Eine Übersicht der hierher gehörigen Sagen gewährt R. Andree, +Die Flutsagen, Braunschweig 1891; S. 44 werden berechtigte Zweifel +an der Ursprünglichkeit der Eddasage ausgesprochen, S. 140 steht sie +aber, allerdings mit einem Fragezeichen, unter den „echten“, d. h. +selbständig aufgekommenen Flutsagen. + +[641] Grímn. 40, 41; Vafþr. 21; Gylfag. Kap. 7; zur Erschaffung Adams +aus acht Teilen J. Grimm, Myth. 531 ff.; Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³ +2, 171; E. H. Meyer, Völuspa 36, 61; Kosmogonie S. 77 ff.; Myth. 146; +zur Frage überhaupt R. M. Meyer, ZfdA. 37, 1 ff. + +[642] Nach Gylfaginning Kap. 9 befindet sich die Asenburg in der Mitte +der Welt, _í miđjum heimi_, und vom Hochsitz Hlidskjalf aus übersieht +man alle Welten. Somit herrscht allerdings die Anschauung, die +Weinhold, Altnordisches Leben S. 358 also bestimmt: „Die Erde zerlegten +die Nordländer in drei Teile: am Meeresstrande waren Aussengart +(_útigarđr_) oder die Riesenwelt; von ihm durch eine Landwehr burgartig +geschieden Mittelgart (_miđgarđr_) oder das Land der Menschen, und als +kleinster der drei concentrischen Ringe Asgard, die Burg der Götter. +Darüber ist das Himmelszelt an vier Enden geknüpft.“ So mag sich das +Weltbild in den Augen Snorris und aller Euhemeristen ausnehmen, welche +Asgard wol als hohen in den Himmel ragenden Berg auf die Erde verlegen. +Der alte Heidenglaube aber dachte die Asen im Himmel wohnend und damit +fallen die drei concentrischen Kreise. + +[643] Jǫtonheimr Vǫl. 48; Jǫtonheimar in SE. 1, 30, 54, 62 u. ö.; +Alfheimr Grímn. 5, SE. I, 78; selten begegnen Vanaheimar S. I, 92 und +Svartálfaheimr SE. I, 108, 352. + +[644] Über Niflheim vgl. den Abschnitt Hel. Niflhel steht Baldrs Dr. +2, Vafþr. 43. Ebenda sagt der Riese: ich fuhr nieder nach Niflhel, +wohin die Leute aus der Hölle versterben; ähnlich Gylfag. Kap. 3 böse +Menschen fahren zur Hel und von da nach Niflhel (Niflheim in der +Handschrift U). + +[645] Die neun Heime oder Himmel SE. I, 592, II, 485 sind keiner +Überlieferung gemäss, nur Skaldengelehrsamkeit des 12. Jahrh. Die +Versuche neuerer Mythologen, die neun Welten herzustellen, z. B. W. +Müllers, Altd. Religion S. 155 f.; Weinholds, Altnord. Leben S. 359; R. +Keysers, samlede afhandlinger 273; Simrocks, Myth. 43 f. werden ebenso +zu Schanden. Vgl. auch Gering, Edda S. 66 Anm. 1. + +[646] Über typische Anwendung der Neunzahl vgl. J. Grimm, +Rechtsaltertümer 215 f. Die Möglichkeit, dass christliche Vorstellungen +von neun Himmeln und Höllen hereinspielen, vgl. E. H. Meyer, Völuspa 44 +ff., Myth. 173 u. 191, will ich nicht in Abrede stellen. + +[647] Storm, Arkiv f. nord. filologi 7, 342. + +[648] Vafþr. 12, 14, 25; Sgrdr. 3; Gylfag. Kap. 10. Den Aud und +Onar kennt der Skald Hallfred (geb. um 968) SE. I, 320 u. 322; über +Nacht und Tag vgl. das Kap. XXIII in J. Grimms Myth., wo reichliche +Belege für die in der gewöhnlichen und poetischen Sprache üblichen +Personifikationen verzeichnet sind. Den Zusammenhang mit Hesiod betont +W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 172 f., +jedoch ohne die oben vorgetragenen Schlüsse. + +[649] So liest Snorri; in Vafþr. 25 steht der Dativ _Nǫrve_, ebenso +Alvíssmǫl 29; daraus ist der Nom. _Nǫrr_ zu erschliessen, welchen man +mit as. _naru_, ags. _nearu_ stf. die Enge, Klemme, Bedrängniss, und +_nearu_, Adj. enge, beklemmend, bedrängend vergleicht und als Bedränger +erklärt. In den neuaufgefundenen as. Genesisbruchstücken 286 steht +_narouua naht_, eine Formel, welche im Hinblick auf _Nótt_ und _Nǫrr_ +volle Beachtung verdient. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur, +Ergänzungsheft zu Band 1, S. 12 f. kommt in der Anmerkung zur Stelle +zum Schluss, dass ein Stamm _narƕa-_, dunkel, finster, von dem bisher +allein bekannten _narƕa-_, enge, zu trennen sei. _Nǫrr_ bedeutet mithin +der Finstere, Dunkle, und übersetzt genau Erebus wie Nótt die Nox. + +[650] Der Ausdruck „_fyr Dellings durom_“ vor Dellings Thoren, der in +den Hǫ́v. 160 und in den Rätseln der Hervararsaga (Fornaldarsögur 1, +468 ff.) begegnet, bedeutet: am hellen lichten Tage, wenn Delling, +des Tages Vater sein Thor offen und seinen Sohn entsendet hat. Vgl. +Müllenhoff, Altertumskunde 5, 273 f. + +[651] _himintarga_ bei Eilifr Guðrúnarson SE. 1, 292; Ennius bei Varro +7, 73 nennt die Sonne _caeli clipeus_; J. Grimm, Myth. 665; 3, 205. +Falk, aarböger f. nordisk oldkyndighed og historie 1891, 2. Reihe Bd. +6, 273. + +[652] Die Geschichte war im 10. Jahrh. bereits bekannt. Mundilföri als +Vater der Sol und des Mani begegnet Vafþr. 23, Glen beim Isländer Skuli +Thorsteinsson (geb. um 980) SE. I, 330. Wird Mundilföri richtig als +„Achsenschwinger“, der den Drehstock treibt (_mundil_ zu _mǫndull_, +Stock, mit dem der Mühlstein gedreht wird), gedeutet, dann gibt der +Name vermutlich den Begriff _Polus_ wieder, die Himmelsachse, um die +Sonne und Mond und alle Gestirne kreisen. + +[653] Über Mondflecken J. Grimm, Myth. 679 ff.; 3, 209. + +[654] Grímn. 39; Vǫl. 40, 41; Gylfag. Kap. 12 u. 51; über Finsternisse +J. Grimm, Myth. 668 ff.; 3, 206. Der schwedische, dänische, norwegische +Volksglauben kennt noch jetzt den Sonnenwolf (_solvarg_, _solulv_), +den Isländern ist die Sonnenfinsterniss „_úlfakreppa_“, Wolfsnot; vgl. +Maurer, Island. Volkssagen 185, Jón Árnason, þjóðsögur 1, 658 f. + +[655] Bifrǫst wird erwähnt Grímn. 44, Fafnismǫ́l 15; Gylfag. Kap. 13. + +[656] Über die Menschenschöpfung vgl. E. H. Meyer, Völuspa 81 ff., +Kosmologie 110 ff. + +[657] Über Yggdrasil vgl. die erschöpfende Untersuchung von Bugge in +den Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen +S. 421-560. + +[658] Die Stellen bei Gudbrand Vigfusson im Corpus 2, 65 u. 197; zur +Strophe Kormaks Bugge, Studien 443; om versene i Kormaks saga (aarböger +f. nord. oldkyndighed 1889) S. 6 f. + +[659] _á Iđavelli_; in Anlehnung an ags. _ed-_, an. _iđ-_, wieder, +ist das Idafeld, auf dem sich die Götter auch in der neuerstandenen +Welt wieder versammeln, etwa aus einem in England gehörten _*Edanƕong_ +entsprungen; vgl. Bugge, Studien 445 f. + +[660] _naglfar_ ist eigentlich das Totenschiff, das Gespensterschiff, +indem _nagl_ vermutlich zu νέκυς, νεκρός gehört; vgl. Detter, ZfdA. +31, 208; Noreen, Altnord. Grammatik² § 251, 3; Abriss der urgerm. +Lautlehre S. 132 u. 178. Mit Riesen und Teufeln rücken auch die +Totengespenster gegen die Lichtgötter heran. Der Name _Naglfar_ wurde +missverstanden, wie die Gylfag. Kap. 51 lehrt: „Naglfar das Schiff +kommt los, das aus den Nägeln verstorbener Menschen gefertigt wurde. +Und deshalb soll man niemand mit unbeschnittenen Nägeln sterben +lassen, denn jeder, der das thut, fördert dadurch sehr die Vollendung +des Schiffes Naglfar, von dem Götter und Menschen wünschen, dass es +spät fertig werde.“ An die falsche Etymologie und an einen Brauch der +Totenpflege knüpft sich demnach ein Aberglaube, der, wie J. Grimm, +Myth. 775 Anm. richtig bemerkt, die ungeheure Ferne und das langsame +Zustandekommen des Weltendes in der Art mancher Märchenzüge ausdrücken +soll; solche Anzeichen des Weltendes stellt auch die Anm. zu Myth. 911 +zusammen. + +[661] Níþhǫggr, der schadengierig Hauende, wird Vǫl. 39, 66; Grímn. 32, +35; Gylfag. Kap. 15, 16, 52 erwähnt; vgl. dazu Bugge, Studien über die +Entstehung der nord. Götter- und Heldensagen S. 480 ff. + +[662] _Ragna rök_ steht Vǫl. 44, Baldrs Dr. 14, Atlamǫ́l. 21; Vafþr. +38 u. 55 stehen gleichbedeutend _tíva rök_ und _ragna rök_. Das +Wort gehört zu _rekja_, aufwickeln und bedeutet Entwickelung oder +Verlauf einer Begebenheit von Anfang bis zu Ende, Schicksal, dann im +besonderen das letzte Schicksal, der Untergang. So besagt also _ragna +rök_ Untergang der Götter, Weltende. Nur in der Lokasenna 39 heisst es +_ragna rökkr_, Finsterniss, Dunkel der Götter, „_Götterdämmerung_“. +Die Snorra Edda hat immer den letzteren, offenbar auf einem +Missverständniss beruhenden Ausdruck, dem nicht die geringste sachliche +Berechtigung zukommt. Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 16, 146 ff.; Gering, +Glossar zu den Liedern der Edda, Paderborn 1887, S. 132. + +[663] Heinzel, Ztschr. f. österr. Gymn. 43 (1892) S. 748 weist aus +russischen Quellen ähnliche Schilderung des Zweikampfes zwischen Elias +und dem Antichrist nach, wie sie im Mûspilli begegnen. + +[664] Vgl. Dahn, Das Tragische in der germanischen Mythologie, +Bausteine 1, 1879. + +[665] Zur Erklärung des Ausdrucks Bugge, Studien 447 ff.; Kögel, +Grundriss der german. Philologie 2, 1, 212 Anm. versucht eine andere +Deutung, die seltsamer Weise bei E. H. Meyer, Mogk, Steinmeyer +Denkmäler 2, 38 Aufnahme fand, obschon sie sprachlich und sachlich +unmöglich ist. _spelli_ soll Vernichtung heissen wegen an. _spell_ +Schaden, _spilla_ schädigen. Im Westgermanischen lautet das Verbum aber +as. _spildian_, ags. _spildan_ (ags. _spillan_ ist späteres Lehnwort +aus dem Nordischen), ahd. _spildan_. Wenn anders nicht Entlehnung aus +dem Nordischen behauptet werden soll, müsste das von Kögel angesetzte +Wort _speldi_, _spildi_ lauten. Der erste Teil des Kompositums soll +in ahd. _mû-ƕerf_, Maulwurf wiederkehren, _mû_ ist synonym zu ahd. +_molta_, got. _mulda_, Staub, Erde; _mudspilli_ entstand in Anlehnung +an mhd. _mot_, schwarze Torferde, Moor, Morast. Auch wenn man das +sehr zweifelhafte Dasein von _mû_ = _molta_ zugesteht, ist doch die +Bedeutung von _mûspilli_, Erdvernichtung, Weltende höchst fragwürdig. +_mû_ würde wie _molta_ nur Staub heissen; selten und erst spät nimmt +das Wort z. B. an. _mold_, die erweiterte Bedeutung von _tellus_ an. +Wäre Weltbrand und Weltende eine gemeingermanische Vorstellung, so +müsste man entschieden ein anderes Wort erwarten; denn _mûspeldi_ +könnte nichts andres heissen als Vernichtung des Staubes. Neuerdings +erklärt Kögel mit Hinweis auf Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 335 +ff., wonach urgerm. _þl_ : _đl_ > ahd. _dl_ : _ll_ (vgl. _stadel_ und +_stall_), _spillî_, die Splitterung aus _spiđli_ (urgerm. _þl_ bewahrt +mhd. _spidel_, Splitter und as. _spildian_ aus urgerm. _spiþlian_, wie +_nâlda_ zu _nêþla_). _Muspilli_ ist die Weltzersplitterung. Aber von +einem Zerschellen des Erdballes kann wol die Neuzeit, schwerlich das +german. Heidentum fabeln. + +[666] Surtr, dessen Name auch in schwacher Form Surti erscheint Vafþr. +50, begegnet noch im isländischen Surtarbrandr, worunter eine harzige, +verkohlte Erde verstanden wird. Surtshellir heissen vulkanische +Felsenhöhlen auf Island. Vgl. Finn Magnusen, Myth. Lex. 457; Jón +Árnason, Þjóðsögur 1, 665. Im Vorbeigehen sei die wunderliche Annahme +Finns a. a. O. erwähnt, der in Surt den höchsten Lichtgott, den starken +Herrscher von oben erblickte. + +[667] Gimle kommt nur Vǫl. 64 vor; sonst Gylfag. Kap. 3, 17 u. 52. An +letzterer Stelle ist die Lesart von U _á Gimlé meþ Surti_ gegen W _á +Gimlé á himni_ ein Fehler; Surtr hat mit Gimle nichts zu thun. Zur +Etymologie und Bedeutung vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 30 ff.; +Schullerus, Beiträge 12, 270; Bugge, Studien 444 f. + +[668] H. E. Meyer, Völuspa 45. + +[669] Gregor schreibt an Mellitus: _cum ergo Deus omnipotens vos +ad reverentissimum virum fratrem nostrum Augustinum episcopum +perduxerit, dicite ei quid diu mecum de causa Anglorum cogitans +tractavi, videlicet, quia fana idolorum destrui in eadem gente +minime debeant; sed ipsa, quae in eis sunt, idola destruantur, aqua +benedicta fiat, in eisdem fanis aspergatur, altaria construantur, +reliquiae ponantur. quia, si fana eadem bene constructa sunt, necesse +est ut a cultu daemonum in obsequium veri Dei debeant commutari; ut +dum gens ipsa eadem fana sua non videt destrui, de corde errorem +deponat et Deum verum cognoscens ac adorans ad loca, quae consuevit, +familiarius concurrat. et quia boves solent in sacrificio daemonum +multos occidere, debet eis etiam hac de re aliqua solemnitas immutari; +ut die dedicationis, vel natalitii sanctorum martyrum, quorum illic +reliquiae ponuntur, tabernacula sibi circa easdem aecclesias, quae +ex fanis commutatae sunt, de ramis arborum faciant, et religiosis +conviviis solemnitatem celebrent, nec diabolo iam animalia immolent, +sed ad laudem Dei in esu suo animalia occidant, et donatori omnium +de salietate sua gratias referant; ut dum eis aliqua exterius gaudia +reservantur, ad interiora gaudia consentire facilius valeant._ +Bäda, _Hist. eccl._ I 30; weiteres auf Opfer und heidnische Bräuche +bezügliches Bäda II 5, 9, 13, 15; III 8, 30; IV 22, 27. Heidnische +Bräuche, die in Bussordnungen und Synodalbeschlüssen der Angelsachsen +erwähnt werden, sammelt Kemble, The Saxons in England, London 1849, Bd. +I, 523 ff. + +[670] Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte Teil 2, 419 f. + +[671] Über die sakralen Eigenschaften des germanischen Rechtes vgl. +Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte 1, 1887, S. 144 ff.; Amira, +Grundriss der germ. Philologie II, 2, 177, 185, 193. + +[672] Den sakralen Charakter der Todesstrafe erweist Amira, Über Zweck +und Mittel der germanischen Rechtsgeschichte, München 1876, S. 58 ff. + +[673] Beiträge 18, 177 ff. + +[674] Vgl. Maurer, Die Eingangsformel der altnord. Rechts- und +Gesetzbücher in den Münchener Sitzungsberichten 1886, S. 317 ff. + +[675] Das Folgende im Anschluss an Weinhold, Beiträge zu den deutschen +Kriegsaltertümern in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie d. +Wiss. 1891, II, S. 543 ff., besonders S. 556-567. + +[676] Über den Einfluss der heidnischen Religion aufs Privatleben vgl. +besonders Maurer, Bekehrung 2, 226 ff.; 46 ff.; 72 ff. + +[677] Vgl. Konrad Maurer, Über die Wasserweihe des germanischen +Heidentums, Münchener Akademieabhandlung 1880; Müllenhoffs Entgegnung, +AnzfdA. 7, 404 ff. bewegt sich in einem Tone, dass sie bloss als +Kuriosum angemerkt werden kann; zu ihrer sachlichen Bedeutung vgl. +Bugge, Studien 399 ff. + +[678] Zum Gebet vgl. J. Grimm, Myth. 28 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 203 f. + +[679] Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der idg. +Sprachen 1, 160, 305; die verwandten Wörter lit. _szƕentas_, preuss. +_sƕints_, kirchen-slav. _svętŭ_ ok + +[680] Über _laikaȥ_ Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 8 +ff. + +[681] Menschenopfer verzeichnet schon P. G. Schütze, _De cruentis +Germanorum gentilium victimis humanis_, Leipzig 1743; vgl. J. +Grimm, Myth. 38 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 196 ff. Löhers Aufsatz +über angebliche Menschenopfer bei den Germanen, in den Münchener +Sitzungsberichten 1882, 373, wo Menschenopfer allen Zeugnissen zum +Trotz geleugnet werden, verdient keine ernstliche Zurückweisung. + +[682] Über den Looswurf bei den Friesen, wodurch der Wille der Götter +erforscht wurde, ob und welches Opfer sie verlangten, vgl. Richthofen, +Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 f. + +[683] Die Zeugnisse für die friesischen Opfer sammelt Richthofen, +Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 454; über +Menschenopfer der Sachsen vgl. Richthofen, Zur lex Saxonum, Berlin +1868, S. 204 ff. + +[684] Über Menschenopfer bei Landplagen, die aus späteren Volkssagen +noch ersichtlich sind, vgl. U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche, +Breslau 1884, S. 63 ff. + +[685] Sieht sich doch im Jahr 732 Papst Gregor III. veranlasst, an +Bonifacius zu schreiben, er müsse die Christen in Germanien schwer +bestrafen, welche Sklaven zum Opfer an die Heiden verkauften. _Et +hoc inter alia discrimen agi in partibus illis dixisti, quod quidam +ex fidelibus ad immolandum paganis sua venumdent mancipia. hoc ut +magnopere corrigere debeas, frater, commendemus._ Jaffé, Bibliotheca 3, +94. + +[686] Jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 165; Heimskringla Kap. 74. + +[687] Ammianus Marcellinus XXVIII, 5, § 14. + +[688] Tieropfer bei J. Grimm, Myth. 40 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 198 f. + +[689] Über den Hergang beim Opfer J. Grimm, Myth. 49 ff.; über +das nordische Opfer Maurer, Bekehrung 2, 199 ff.; H. Petersen, om +nordboernes gudedyrkelse og gudetro 25 ff. + +[690] Die germanische Bezeichnung für „Fest“ lebt im oberdeutschen +„_dult_“, got. _dulþs_, ahd. _tuld_, mhd. _dult_ (vgl. Schmeller, +Bayer. Wörterbuch I² 502 f.) noch weiter. + +[691] Tac. Ann. 1, 65 _nox per diversa inquies, cum barbari festis +epulis, laeto cantu aut truci sonore subiecta vallium ac resultantis +saltus complerent_. Über Opferleiche und Spiele vgl. Kögel, Geschichte +der deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.; 19 ff.; 24 ff.; über das gotische +Spiel Conrad Müller, ZfdPh. 14, 442 ff.; Kögel a. a. O. 34 ff.; dagegen +C. Kraus, Beiträge 20, 224 ff., wo jede Beziehung des got. Spieles zum +german. Kult geleugnet wird. Über den Wettlauf im deutschen Volksleben +vgl. Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 3, 1 ff. + +[692] Die heidnische Sitte des Minnetrinkens lebt in der christlichen +Gertrudenminne und Johannisminne fort; vgl. J. Grimm, Myth. 53 ff.; +Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne, Sitzungsberichte der Wiener +Akademie Bd. 40, 1862, 177 ff. Besonders deutlich tritt die Ablösung +des heidnischen Brauches durch den christlichen im Norden hervor. Dem +König Olaf Tryggvason erscheint der heilige Bischof Martinus im Traume +und sagt, es sei Landessitte gewesen, Thors, Odins und andrer Asen +Minne bei den Gastmählern zu trinken, in Zukunft aber solle zu Ehren +Gottes, seiner selbst und aller Heiligen getrunken werden. Vgl. Maurer, +Bekehrung 1, 285. + +[693] Saxo S. 278 _quod apud Upsalam sacrificiorum tempore constitutus +effoeminatos corporum motus scenicosque mimorum plausus ac mollia +nolarum crepitacula fastidiret_. + +[694] Nach U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau und +Viehzucht. Breslau 1884; vgl. auch H. Pfannenschmid, German. Erntefeste +im heidnischen und christlichen Kultus, Hannover 1878; Wuttke, Der +deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berlin 1869, § 423 ff. Ich +wiederhole im Texte die Ergebnisse Jahns, aber mit Vorbehalt. Jahns +Methode, alle überlieferten Einzelheiten heutiger Volksbräuche in +einem grossen, heidnisch-germanischen Gesamtbild aufgehen zu lassen, +ist bedenklich. Der geschichtlichen Entwicklung, den vielen späteren +Neuerungen ist viel zu wenig Rechnung getragen. + +[695] Über das Notfeuer J. Grimm, Myth. 570; Jahn, Die deutschen +Opferbräuche S. 26 ff., wo fast das gesamte überlieferte Material +ausgeschöpft ist. Schon im _indiculus superstitionum_ treffen wir +das Feuer: _de igne fricato de ligno id est nodfyr_. Das Wesentliche +ist eben die Erzeugung des wilden Feuers, das unmittelbar und neu +hervorspringt, nicht schon im Dienste der Menschen abgenutzt ward. +Daher scheint auch der Name zu stammen, der zum Zeitwort _niuƕan_, +_nûan_, reiben, steht; vgl. O. Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 659 +u. 654; schwedisch heisst es _vrideld_, _gnideld_ zu _vrida_, drehen, +_gnida_, reiben, also ebenfalls geriebenes, durch Reibung oder Drehung +entfachtes Feuer. + +[696] Über Scheibentreiben vgl. Vogt in d. Zs. d. Vereins f. Volkskunde +3, 350 ff. + +[697] Die angelsächsische Flurbesegnung bei Grein-Wülker, Bibliothek +der ags. Poesie 1, 312 ff.; Wülker, Grundriss der ags. Litt. 347 ff.; +Kögel, Geschichte der deutschen Litt. I, 1, 40 ff. + +[698] Über Aufzüge, mit Chorgesang verbunden vgl. J. Grimm, Myth. +159, 560; W. Müller, Altdeutsche Religion 113 f.; Müllenhoff, De +antiquissima Germanorum poesi chorica S. 10 ff.; 21 ff.; Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 6, 30 ff. + +[699] Sozomenus, Historia ecclesiastica 6, 37. + +[700] Über Schlachtgesang und Kriegsgeschrei vgl. Müllenhoff, De +antiquissima Germanorum poesi chorica S. 16 ff.; Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 17 ff. Tacitus Germ. 3 nennt allerdings den +Gesang der Lieder barditus (_carmina, quorum relatu, quem barditum +vocant, accendunt animos_). Über barditus vgl. Vegetius, De re milit. +3, 18; Ammianus 31, 7, 11, wo der Kriegsruf gemeint ist und barritus +steht. Barditus gehört entweder zu an. _barđi_, Schild, und bedeutet +„Schildruf“, „Schildgeschrei“ oder zu _bard_ (barba) und bedeutet +„Bartruf“. Von Thor heisst es, dass er zornig den Bart schüttelte +(Þrymskv. 1 _skegg nam at hrista_); zornig bläst er in seinen roten +Bart und erhebt den donnernden Bartruf (_skeggrǫdd_, _skeggraust_) +gegen seinen Feind (Fornmanna sögur 1, 303 Olafssaga Tryggvasonar). + +[701] Bäda, _de temporum ratione_ Kap. 13 gewährt die Form _giuli_; +_december giuli eodem quo ianuarius nomine vocatur_. Spätere ags. +Denkmäler ziehen die Form _geola_ vor; vgl. J. Grimm, Gesch. der ds. +Spr. 79 ff.; Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869. + +[702] Jul aus urgerm. _*jehƕela_, ags. _gehhol_, _geohhol_ = _joculus_ +erklären Kluge, Englische Studien 9, 311 ff; Bugge, Arkiv f. nordisk +filologi 4, 135. Diez, Etym. Wörterbuch der roman. Sprachen, 5. Aufl. +1887, S. 166, Körting, Latein.-roman. Wörterbuch 1891, S. 425, leiten +frz. _joli_, it. _giulivo_ von altnord. _jól_, dem Freudenfeste, ab. + +[703] Den Weihnachtsaberglauben bezeugen reichlich alle Sagensammlungen +im Norden und Süden. Den besten Überblick gewährt A. Tille, Deutsche +Weihnachten, Leipzig 1893, 148 ff. + +[704] Zeugnisse für die nordischen Jahresopfer sind gesammelt bei +Maurer, Bekehrung 2, 232 ff. + +[705] Der Behauptung H. Petersens, Nordboernes gudedyrkelse og +gudetro S. 27, dass das heidnische Julfest auf Ende Januar oder +Anfang Februar fiel, kann ich nicht zustimmen. Sie hat nur in der +Hervararsaga schwache Gewähr, während andre Zeugnisse dagegen +sprechen. Die _Spurcalien_ im Februar, deren Aldhelm († 709) und +der indiculus gedenken, welche die homimilia de sacrilegiis als +_dies spurcos_ erwähnt, weisen allerdings auf ein den nds. Stämmen +gehöriges heidnisches Opferfest hin. Aber es ist schwerlich ein +grosses Volksopfer gemeint, vielmehr ein Gemeindeopfer. Der Name +ist keinesfalls germanischen Ursprungs, sondern von lat. _spurcus_, +_spurcitia_ nach der Analogie von Vulcanalia, Saturnalia, Neptunalia +u. ä. gebildet und soll den Brauch der deutschen Bauern verächtlich als +etwas Wüstes, Schmutziges (vgl. _spurciliae gentilitatis_) hinstellen; +vgl. Caspari in der Ausgabe der homilia de sacrilegiis S. 36 f. Ob der +ndl.-nds. Name des Februar _Sporkele_, _Spurkele_, der im Volksmunde +wie auch andere Tag- und Monatnamen personificiert wurde, von den +_Spurcalien_ zu leiten oder anders zu erklären ist, lässt sich nicht +bestimmen. Vgl. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen S. 56 f.; zum Namen +Sporkel vgl. noch Ehrismann, Beiträge 20, 64 f. + +[706] Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 237, Anm. 186. + +[707] Tacitus, Germ. Kap. 39. + +[708] Über die Zeiten vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift +für Geschichte 8, 266 ff.; ZfdA. 23, 25. + +[709] Widukind 1, 12 _per triduum igitur dies victoriae agentes et +spolia hostium dividentes exequiasque caesorum celebrantes laudibus +ducem in coelum attollunt, divinum ei animum inesse coelestemque +virtutem acclamantes, qui sua constantia tantam eos egerit perficere +victoriam. acta sunt autem haec omnia, ut maiorum memoria prodit, +die Kal. Octobris, qui dies erroris religiosorum sanctione virorum +mutati sunt in ieiunia et orationes, oblationes quoque omnium nos +praecedentium christianorum_. Vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine +Zeitschrift für Geschichte 8, 254. + +[710] Vgl. J. Grimm, Mythologie S. 269 ff.; Müllenhoff, Schmidts +allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254; Laistner, +Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 1892, S. 5; +über Nachklänge solcher Jahreswendefeste H. Pfannenschmid, Germanische +Erntefeste 164 ff. + +[711] Thietmar 1, 9; MG. 3, 739 _est unus in his partibus_ (sc. +_Northmannorum et Danorum_) _locus, caput istius regni, Lederun nomine, +in pago, qui Selon dicitur, ubi post 9 annos mense januario, post hoc +tempus quo nos theophaniam domini celebramus, omnes convenerunt, et +ibi diis suismet 99 homines et totidem equos, cum canibus et gallis +pro accipitribus oblatis, immolant, pro certo, ut predixi, putantes, +hos eisdem erga inferos servituros et commissa crimina apud eosdem +placaturos_. Zur Stelle J. Grimm, Myth. S. 42 ff. + +[712] Adam 4, 27 MG. 7, 380 _solet quoque post novem annos communis +omnium Sueoniae provintiarum sollempnitas in Ubsola celebrari. ad quam +videlicet sollempnitatem nulli praestatur immunitas. reges et populi, +omnes et singuli sua dona transmittunt ad Ubsolam, et quod omni poena +crudelius est, illi qui iam induerunt christianitatem, ab illis se +redimunt cerimoniis. sacrificium itaque tale est. ex omni animante, +quod masculinum est, novem capita offeruntur, quorum sanguine deos +placari mos est. corpora autem suspenduntur in lucum, qui proximus est +templo. is enim lucus tam sacer est gentilibus, ut singulae arbores +eius ex morte vel tabo immolatorum divinae credantur. ibi etiam +canes et equi pendent cum hominibus, quorum corpora mixtim suspensa +narravit mihi aliquis christianorum 72 vidisse. ceterum neniae, quae +in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices et inhonestae, +ideoque melius reticendae_. Im Kap. 28 wird ein Priester, _qui ad +Ubsolam demonibus astare solebat_, erwähnt. Scholion 136 _nuper rex +Sueonum christianissimus Anunder, cum sacrificium gentis statutum +nollet demonibus offerre, depulsus a regno, dicitur a conspectu +concilii gaudens abisse, quoniam dignus habebatur pro nomine Jesu +Christi contumeliam pati_. Scholion 137 _novem diebus commessationes et +eiusmodi sacrificia celebrantur: unaquaque die offerunt hominem unum +cum ceteris animalibus, ita ut per novem dies 72 fiant animalia quae +offeruntur. hoc sacrificium fit circa aequinoctium vernale_. + +[713] Weinhold, Über die deutsche Jahrteilung, Kiel 1862; Weinhold, +Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869; Kluge, Die deutschen Namen +der Wochentage, im wissenschaftlichen Beiheft Nr. 8 zur Ztschr. des +allgemeinen deutschen Sprachvereins 1895. + +[714] J. Grimm, Mythologie 59 f. + +[715] J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache 116. + +[716] Vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz 4, 1015. + +[717] Vgl. Wright-Wülcker, Anglo-saxon and old-english glossaries 1, +433, 501, 503, 517, 519. + +[718] Sveinbjörn Egilsson, Lex. poeticum 380; Fritzner, Oldn. ordbog +2², 191; Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags +1880/1, S. 89 ff. + +[719] Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 229 vergleicht +lat. carcer, Einfriedigung. + +[720] Graff, Diutiska 1, 150 _qui ad aras sacrificat, de za demo paraƕe +ploaȥit_. + +[721] Die Geschichte des Wortes mit Angabe aller Belege behandelt R. +Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 23 ff. + +[722] Vgl. _Heiligenloh_, J. Grimm, Myth. 65; Arnold, Ansiedlungen und +Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 117. + +[723] Über heilige Wälder spricht Tacitus in der Germ. 7, 39, 40, 43; +Ann. 1, 61; 2, 12; 4, 73; Hist. 4, 14; 4, 22. Germ. 9 „_lucos ac nemora +consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola +reverentia vident_“, ist rhetorische Phrase, wie der Zusammenhang mit +dial. de orat. 12 lehrt. + +[724] Vgl. J. Grimm, Myth. 64, wo die vita Meinwerci Kap. 17, MG. 11, +114 u. MG. 2, 377 Anm. k ausgehoben ist. + +[725] J. Grimm, Myth. 65; Förstemann, Ortsnamen² 700. + +[726] Das germanische Wort für den Tempel war got. _alhs_ (bei Wulfila +für ναός u. ἱερόν gebraucht), as. ahd. _alah_, ags. _ealh_. Damit sind +zahlreiche Personen- und Ortsnamen (Förstemann 2², 40), welche auf +altdeutsche Tempel schliessen lassen, zusammengesetzt; vgl. _Alahstat_, +_Alahdorf_, _Alahesfeld_, _Alahesheim_, _Alahpah_, _Alacfurd_, +_Alacmar_ u. ä. + +[727] Vǫlsungasaga Kap. 2. + +[728] Die hergehörigen Stellen aus MG. sammelt J. Grimm, Myth. 104 ff.; +W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71 bringt die _irminsûl_ mit den +nordischen Hauspfeilern in Verbindung. Mannhardt, Baumkult der Germanen +S. 303 ff. erklärt die Irmensäule als den Lebensbaum des Volkes, +der neben dem Maibaum der Gemeinde und dem Baum des Einzelhofes aus +ähnlichen Grundvorstellungen entwickelt sei. + +[729] MG. 2, 676 _truncum quoque ligni non parvae magnitudinis in altum +erectum sub divo colebant, patria eum lingua irminsul appellantes, +quod latine dicitur universalis columna, quasi sustinens omnia_. Damit +scheint eine Deutung als Säule des Irmin-Tiu ausgeschlossen, _irmin_ +hat den in Zusammensetzungen ganz gewöhnlichen und geläufigen Sinn +„gross, gewaltig“. + +[730] Über die Formen und Etymologie des Wortes, _ƕigbed_, _ƕeobed_, +_ƕeofod_ vgl. Kluge, Beiträge 8, 527; Sievers, Ags. Grammatik² § 43 +Anm. 4; § 222 Anm. 1. + +[731] „Man hat es zwar ohne weiteres angenommen, aber bisher m. W. noch +durch kein einziges Zeugniss belegt, dass die alten Deutschen Altäre, +wie die Griechen und Römer gehabt hätten; weil sie ihre Opfer nicht +verbrannten, überhaupt nach der ganzen Weise ihres Kultus scheinen doch +Altäre für sie sehr überflüssige Dinge gewesen zu sein.“ Müllenhoff, +Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 242. + +[732] Friesische Tempel erweisen die mit _fran_ (ahd. _vrônô_, +_sanctus_) gebildeten Ortsnamen, wodurch heiliges, göttergeweihtes Land +angezeigt ist; aber auch von bestimmten Tempeln in allen Gauen und von +deren Brand und Bruch hören wir; vgl. Richthofen, Untersuchungen über +friesische Rechtsgeschichte 2, 439 ff.; die altfriesische Bezeichnung +für den Tempel war _alac_, a. a. O. 442 f. + +[733] Alchuine vita Willibrordi Kap. 14 [Willibrordus] _pervenit ad +quandam vittam Walichrum nomine in qua antiqui erroris idolum remansit. +guod cum vir dei zelo fervens confringeret praesente eiusdem idoli +custode, qui nimio furore succensus quasi dei sui iniuriam vindicaret, +in impetu animi insanientis gladio caput sacerdotis Christi percussit. +sed deo defendente servum suum, nullam ex ictu ferientis laesuram +sustinuit. socii vero illius hoc videntes pessimam praesumptionem +impii hominis morte vindicare concurrerunt. sed a viro dei pio animo +de manibus eorum liberatus est reus ac dimissus. qui tamen eodem die +daemoniaco spiritu arreptus est et die tertio infeliciter miseram vitam +finivit_. Nach Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrh. handelte es sich um +ein dem Mercurius-Wodan geweihtes Idol; Richthofen, Untersuchungen über +fries. Rechtsgeschichte 2, 434. In Wirklichkeit aber war das um 694 auf +einer Missionsreise von Willibrord zerstörte Heiligtum wahrscheinlich +ein Überbleibsel aus der Römerzeit, der Nehalennia-Isis-Tempel; vgl. +Kaufmann, Beiträge 16, 229 ff. + +[734] Man hat schon versucht (vgl. z. B. Much, Germanische Grabmäler +und Tempelbauten, in den Mitteilungen der anthropologischen +Gesellschaft in Wien, Bd. 5, 1875, S. 173 ff.), in Erdwerken, +Kingwällen und terassenförmig abgestuften Hügeln Spuren germanischer +Heiligtümer, die auf Anhöhen in Wald und Haide lagen, nachzuweisen. +Hag und Wall schlossen die Weihstätte, die nur der Priester betreten +durfte, vor unberufenen Besuchern ab. Jedoch fehlen sichere Nachweise +des germanischen Ursprungs und sakralen Zweckes solcher Bauten. Über +Rundwälle in Norddeutschland vgl. Behla, Baltische Studien 24, 251 ff., +290; weitere Litteratur bei E. H. Meyer, Myth. S. 56 f. § 86. + +[735] Adam 4, 26 MG. 7, 379 _nobilissimum illa gens templum habet, quod +Ubsola dicitur, non longe positum ab Sictona civitate. in hoc templo, +quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus, +ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio; hinc +et inde locum possident Wodan et Fricco_. Scholion 134 _prope illud +templum est arbor maxima late ramos extendens, semper viridis in hieme +et aestate, cuius illa generis sit, nemo scit, ibi etiam est fons, ubi +sacrificia paganorum solent exerceri et homo vivus immergi. qui dum +non invenitur, ratum erit votum populi_. Scholion 135 _catena aurea +templum illud circumdat pendens supra domus fastigia, lateque rutilans +advenientibus, eo quod ipsum delubrum in planitie situm montes in +circuitu habeat ad instar theatri_. + +[736] Die Hauptstellen über isländischen und norwegischen Tempelbau +sind Eyrbyggja Kap. 4, Kjalnesingasaga Kap, 2, Hákonarsaga góða Kap. +16. Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 190 ff.; H. Petersen, om Nordboernes +gudedyrkelse og gudetro S. 21 ff., 33 ff.; Gudbrand Vigfusson, Corpus +poeticum boreale 1, 403 ff.; Sigurður Vigfússon, um hof og blótsiðu +í fornöld, in der árbók hins íslenzka fornleifafélags 1880/1, S. 79 +ff.; ebenda 1882, S. 3 ff. Die eigentliche Bezeichnung des nordischen +Tempels ist _hof_; _Freys-_, _Ođins-_, _Þórshof_ vgl. Fritzner, Ordbog +2², 31; die häufige Formel _hof og hǫrgr_ meint Haupttempel und +kleinen Tempel, oder Opferstätte, Heiligtum. Allgemeine Ausdrücke sind +_gođahús_, _blóthús_, Opferhaus. + +[737] Dass die eigentümlichen norwegischen Holzkirchen aus der +Nachahmung des Basilikastiles hervorgingen und somit keinesfalls mit +der Bauart der heidnischen Tempel zusammenhängen, ist von Dietrichson +und Munthe, Die Holzbaukunst Norwegens, Berlin 1893, eingehend +nachgewiesen. + +[738] Die Stelle der im 16. Jahrh. verfassten längeren +Droplaugarsonasaga gibt Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka +fornleifafélags 1882, S. 36 ff.; Kålund, Fljótsdœla hin meiri eller +den laengre Droplaugarsonasaga, Köbenhavn 1883, S. 108 ff.; über die +Entstehungszeit der Sage vgl. Kålunds Einleitung. + +[739] Den Tempelhag erwähnen die Kjalnesingasaga Kap. 4, Færeyingasaga +Kap. 23 u. a.; Bäda, Hist. eccl. 2, 13 nennt _aras et fana idolorum cum +septis, quibus erant circumdata_, also ein Gehege um die Opferstätten. + +[740] Über _effigies_ u. _signa_ vgl. Müllenhoff, De antiquissima +Germanorum poesi chorica, Kiel 1847, S. 13. Lindenschmit, Handbuch der +deutschen Altertumskunde, I, Braunschweig 1880/9, S. 278 ff. + +[741] Vgl. Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891, 556. + +[742] Zeugnisse über germanische Götterbilder sammelt J. Grimm, Myth. +S. 94 ff.; früher glaubte man, deutsche Götterbilder zu besitzen; +eine Übersicht über diese fragwürdigen Götzen gibt G. Klemm, Handbuch +der germanischen Altertumskunde, Dresden 1836, S. 347 ff; Tafel +XIX–XXI sind die wunderlichen Gestalten abgebildet. Heutzutage glaubt +niemand mehr an deren Echtheit. Teils stammen diese Bilder gar nicht +von deutschen, sondern ausserdeutschen Völkern, teils gehören sie +dem späten Mittelalter an. Irgend welche Beziehung zum Kult, also +der Beweis, dass es Götzen sind, fehlt gänzlich. Als missglückt muss +auch der Versuch, in altchristlichen Bildwerken heidnische Anklänge +zu finden, bezeichnet werden, wie er u. a. von Panzer, Beitrag zur +deutschen Mythologie, 2. Bd. München 1855, S. 1 ff., 308 ff.; J. W. +Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie 1. Bd. Göttingen 1852, S. 106 +ff.; Simrock, Myth.⁵ 518 f. gemacht wurde. + +[743] Vgl. Siebourg, Westdeutsche Zeitschrift 7, 100. + +[744] Vgl. W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71; Grimm, Myth. 3, 42. + +[745] Vgl. Vita St. Galli in MG. 2, 7; ferner Walafrid Strabo in seiner +vita St. Galli, Acta Bened. sec. 2, p. 233. + +[746] Götterbilder der Friesen, auch solche aus Stein, die aber wie +Nehalennia auf Walcheren römischen Ursprungs gewesen sein mögen, +erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer mehrfach; Richthofen, +Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 421 f.; sächsische +Götterbilder a. a. O. 449. + +[747] Die nordischen Götterbilder verzeichnet Maurer, Bekehrung 2, 192 +ff.; über die Götter, denen Tempel mit Bildern geweiht waren, vgl. auch +Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags 1892, S. 17 ff. + +[748] Eyrbyggjasaga Kap. 4, 9, 10. + +[749] R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 27 +ff. + +[750] Über Tempelschätze vgl. Richthofen, Untersuchungen über +friesische Rechtsgeschichte 2, 1, 431. + +[751] Über die Begabung der isländischen Tempel vgl. Maurer, Bekehrung +2, 212 ff. + +[752] Über die dänischen Haupttempel vgl. H. Petersen, om Nordboernes +gudedyrkelse og gudetro i hedenold S. 7 ff. + +[753] Ein Verzeichniss der in den Quellen genannten und aus Ortsnamen +zu erschliessenden Tempel Norwegens gibt Munch, Nordmændenes ældste +gudeog heltesagn, Christiania 1854, S. 164 ff. + +[754] Über die isländischen Tempel und ihre Bedeutung vgl. Maurer, +Island S. 38 ff., S. 54 ff. + +[755] Ammianus Marcellinus 28, 5 _nam sacerdos omnium maximus apud +Burgundios vocatur sinistus et est perpetuus, obnoxius discriminibus +nullis ut reges_. Got. burg. _sinista sinisto_ ist der Superlativ zu +einem sonst verlorenen Positiv _*sins_ (aind. _sanas_, air. _sen_, +lit. _sẽnas_, lat. _senex_), wovon das got. _sineigs_ (senex) und +_siniskalk_ d. h. Altknecht, abgeleitet sind; vgl. Feist, Grundriss +der got. Etymologie, Strassburg 1888, S. 100; Brugmann, Grundriss der +vergleichenden Grammatik der idg. Sprachen, Band 2, S. 248 u. 407. + +[756] Über das lautliche Verhältniss zwischen got. _gudja_, aisl. +_guđe_, _gođe_ vgl. Noreen, Abriss der urgerman. Lautlehre S. 176. + +[757] Vgl. Maurer, Zur Urgeschichte der Godenwürde in ZfdPh. 4, 125 +ff.; über _goding_, _cotinc_ Weinhold, ZfdPh. 21, 11. + +[758] Bei Thorsen, De danske runemindesmærker 1, 334-338 Anm. 1. + +[759] _Þuríđr hofgyđja_, Landnáma 4 Kap. 10; _Þúríđr gyđja_, ebenda +3 Kap. 4; Vatnsdæla Kap. 27; _Þorlaug gyđja_, Landnáma 1 Kap. 21; +_Friđgerđr gyđja_, Kristnisaga Kap. 2; Þorvalds þáttr víðfǫrla Kap. 4; +_Steinvǫr hofgyđja_, Vopnfirðingasaga S. 10. + +[760] Über die isländischen Goden vgl. Maurer, Die Entstehung des +isländ. Staats und seiner Verfassung, München 1852, S. 82 ff.; Island +von seiner ersten Entdeckung bis zum Untergange des Freistaates, +München 1874, S. 36 ff. + +[761] Über den friesischen _âsega_, insbesondere auch über seinen +Zusammenhang mit dem nordischen _lǫgmann_, dem isländischen +_lǫgsǫgumann_ vgl. Richthofen, Untersuchungen über friesische +Rechtsgeschichte 2, 455 ff., 487 ff. Über den nordischen +Gesetzsprecher, der sich aber allmälig als Sonderamt aus dem +ursprünglichen Priestertum losgelöst zu haben scheint, vgl. Maurer, +Das Alter des Gesetzsprecheramtes in Norwegen, München 1875; +Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1887, phil.-hist. Klasse II, +3, 363 ff. und die dort verzeichnete Litteratur; zur ganzen Frage vgl. +Richard Schröder, Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen in +der Zeitschrift für Rechtsgeschichte 1883, Germanistische Abteilung, 4. +Band, S. 215 ff. + +[762] Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff.; über den Zusammenhang +zwischen Priestertum und Adel, J. Grimm, Rechtsaltertümer 267 ff. + +[763] Dass der Eidring, der auf dem Altar des isländischen Tempels lag, +aber bei jeder Rechtshandlung vom Goden an der Hand getragen wurde, +auch in Deutschland und bei den Goten vorkam (vgl. den Eigennamen +_Eidring_ in einer Lorscher Urkunde vom Jahre 834 und die _brachiales_ +bei Mansi, Concil. 3, 617), schliesst Müllenhoff, ZfdA. 17, 428 f. + +[764] Über die Vereinigung von weltlicher Oberhoheit, insbesondere +Königtum, und Opferleitung im Norden vgl. H. Petersen, om nordboernes +gudedyrkelse og gudetro i hedenold, Kjöbenhavn 1876, S. 1 ff. + +[765] Die Berichte über Hakons Teilnahme am Opfer bei Maurer, Bekehrung +1, 158 ff. + +[766] Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 33/8; die jüngere Kap. +107/8; Maurer, Bekehrung 1, 532 ff. + +[767] Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 112/5; die jüngere Kap. +101/4; Maurer, Bekehrung 1, 528 ff. + +[768] Über germanische Priesterinnen und Weissagerinnen vgl. J. Grimm, +Myth. 84 ff.; 374 ff.; Weinhold, Die deutschen Frauen, 2. Aufl. Wien +1882, Bd. 1, S. 62 ff. + +[769] Über Weleda vgl. Tacitus Germ. 8; Hist. 4, 61, 65; 5, 22, +24; Statius, Silv. 1, 4, 90; Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 55; der +Name Weleda ist vielleicht nur eine Standesbezeichnung „weise Frau, +Seherin“, gleich urkelt. _velet_, Seher, Dichter; vgl. Windisch, +Philol. Wochenschrift, 1883, S. 930 und A. Fick, Vergleichendes +Wörterbuch der idg. Sprachen, 4. Aufl., Bd. 2, 1894, S. 277. + +[770] Über Albrûna, die mit elbischer Runenkraft Begabte, vgl. +Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 51, 53. + +[771] Über die germanischen Chorlieder, die als _laikaȥ_, mhd. _leich_ +bezeichneten Hymnen, die aber natürlich vom Chore nur gesungen, nicht +auch gedichtet wurden, vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur +I, 1, 7 ff. + +[772] Ztschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft 37, 1883, S. +54 ff, 67 ff., u. ebenda Bd. 39, 1885, S. 52 ff.; die Vergleichung +der indischen Form mit der germanischen führt Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 98 durch. + +[773] Die Poesie im germanischen Recht behandelt Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 97 u. 242 ff., wo der Nachweis versucht +wird, dass die friesische Rechtspoesie zum grossen Teile stabreimend +war; vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 31 ff. über die Formeln. + +[774] Über solche Formeln vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer 39 ff.; +die ausführlichste nordische Formel bietet die Heiðarvígasaga in den +Ĭslendinga sögur 2, 379 ff. + +[775] Vgl. Haug, Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1875, 2, S. +457 ff. Vedische Rätselfragen und Rätselsprüche; den Zusammenhang mit +dem mythologischen Rätselliede der Nordleute heben Wilmanns, ZfdA. 20, +252 ff., Müllenhoff, Altertumskunde 5, 238 u. Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 64 hervor. + +[776] Über die Gleichheit indischer und germanischer Segenssprüche vgl. +A. Kühn, Ztschr. f. vergl. Sprachforschung 13, 49 ff.; 113 ff. Die +indischen Sprüche enthält namentlich der Atharvaveda. Die Atharvans +und Angiras sind Priestergeschlechter, die demnach als die besten +Gewährsmänner auf dem Gebiete der Spruchdichtung betrachtet wurden. + +[777] Über die germanischen Wörter für Zauberlied und ihre Bedeutung +vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 79 ff.; E. +Schröder, ZfdA. 37, 259 ff. + +[778] Vgl. E. Schröder, Über das Spell, ZfdA. 37, 241 ff. + +[779] Germ. 10 _auspicia sortesque ut qui maxime observant: sortium +consueludo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in surculos +amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem +temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur, sacerdos +civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos caelumque +suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante +notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem +diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur._ +Über die Sitte des Loosens vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre, Halle +1852, S. 33; Homeyer, Über das germanische Loosen, Monatsberichte der +Berliner Akademie, December 1853; R. Keyser, Samlede afhandlinger S. +372 ff.; Mogk in den „Kleineren Beiträgen zur Geschichte von Docenten +der Leipziger Hochschule“, Festschrift zum deutschen Historikertag in +Leipzig, 1894, S. 81 ff. Über Wahrsagerei im heutigen Brauche vgl. +Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 327 ff. Die +germanischen Wörter für dieses Verfahren lauten folgendermaassen: got. +_hlauts_, ags. _hlýt_ oder _hlét_, as. _hlôt_, ahd. _hlôȥ_, überall +ursprünglich Masculinum, ist das Nomen actionis des „_lieȥens_“, +des Loosens und des Wahrsagens, dann das, wodurch dies geschieht, +κλῆρος, sors, das Looszeichen; das nord. Femin. und Neutrum _hlaut_ +ist das, woraus oder mit dessen Hilfe geweissagt wird, das Opferblut. +An. _hlutr_, ags. _hlot_, nds. _lott_, ahd. _hluȥ_, mhd. _luȥ_ ist +eigentlich _portio_, das Erlooste. Vgl. Gudbrand Vigfusson, dictionary +269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155. Das Stäbchen, worauf die +Zeichen standen, hiess got. _tains_, an. _teinn_, afries. _tên_, ags. +_tân_, ahd. mhd. _zein_. + +[780] Die Hauptstellen, wo vom _fella blótspán_ die Rede ist, sammelt +Fritzner, Ordbog I², 160. In der Fagrskinna 40 heisst es: er fällte den +Opferspan, und es ward offenbar, dass er die passende Tageszeit zum +Schlagen haben sollte. Auch hier bestimmt der Ausspruch der Loose die +Schlacht. Vgl. noch Landnáma 3, 8. In der Livländ. Reimchronik 2483 +u. 7239 heisst es wie im Nordischen „der Span fällt“ statt „das Loos +fällt“; J. Grimm, Myth. 3, 321. + +[781] Zum friesischen Looswurf vgl. Richthofen, Untersuchungen über +friesische Rechtsgeschichte 2, 450 ff. + +[782] Lex Frisionum tit. 14 _tunc unusquisque illorum septem faciat +suam sorlem i. e. tenum de virga et signet signo suo, ut eam tam ille +quam caeteri qui circumstant cognoscere possint_. Es sind vermutlich +die Hausmarken der einzelnen Leute gemeint, die vielfache Verwendung +beim Loosen fanden, vgl. Homeyer, Die Haus- und Hofmarken, Berlin 1870. + +[783] Vgl. E. Schröder, ZfdA. 37, 262. + +[784] Fornmannasögur 11, 128 ff.; Flateyjarbók 1, 188 ff.; zur Stelle +R. Keyser, Samlede afhandlinger S. 376. + +[785] Über Angang und andere von selber sich darbietende Vorzeichen +vgl. J. Grimm, Myth. 1072 ff.; Vorzeichen aus nordischen Quellen bei +Maurer, Bekehrung 2, 122 ff.; das meiste Material steht bei A. Wuttke, +Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 2. Aufl. Berlin 1869, § 262 +ff. + +[786] Ahd. _fogalrarta_ (_rarta_ = got. _razda_, Stimme), _fogilrartôd_ +wird mit _auspicium, augurium_ glossiert; ebenso ags. _fugelhƕâte_; +vgl. J. Grimm, Myth. 3, 324. Über Augurien und Auspicien vgl. W. +Wackernagel, ἔπεα πτερόεντα in den Kleineren Schriften 3, 196 ff., 205 +ff. + +[787] Germ. Kap. 10 _proprium gentis equorum quoque praesagia ac +monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et +nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex +vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant. +nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem, sed apud +proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios +putant._ + +[788] Zur Etymologie von _hlaut_ vgl. Gudbrand Vigfusson, Dictionary +269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155; vgl. auch oben S. 631 Anm. 1. + +[789] Über Frauennamen auf _rûn_ und ihre Bedeutung vgl. Müllenhoff, +Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit, _rûn_ gebildete Namen bei Förstemann, +Namenbuch 1, 1062 f. + +[790] Über _spáfarar ok útiseta_, d. h. draussensitzen, um die Zukunft +mit Hilfe der Geister zu erforschen, was in Norges gamle love 1, 19 +verboten wird, vgl. S. 648 Anm.; für die spätere Zeit vgl. Jón Árnason, +íslenzkar þjóðsögur 1, 436 f. + +[791] Über got. _haljarûna_, welche aus Jordanes 24 _magas mulieres, +quas patrio sermone haliurunnas cognominant_, erschlossen wird, +vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit ahd. _hellirûna_ +gleichbedeutend begegnet _dohotrunu_ d. i. _dôtrûna_. Die sächsischen +_dâdsisas super defunctos_, die Totengesänge, betrachtet Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 52 als das Gegenteil vom +_valgaldr_, als einen Zauber, der die Rückkehr des Verstorbenen auf die +Erde, also das Wiedergehen verhinderte. + +[792] Den Valgaldr schildert Saxo I S. 12 mit den Worten: _diris +admodum carminibus ligno insculptis iisdemque linguae defuncti per +Hadingum suppositis hac voce cum horrendum auribus carmen edere coegit._ + +[793] Über das Orakelsitzen vgl. J. Grimm, Myth. 3, 306; Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 29 f. + +[794] Hrsg. von G. Storm, Kopenhagen 1893, S. 14 ff.; Reeves, The +finding of Wineland the good, London 1890, S. 108 ff., 126 ff. + +[795] Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht, spricht die +Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: _qui diuinos uel diuinas +id est pitonissas, per quos demones responsa dant, consulit_ ... In +der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende Geister _natúrur_, +Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie beschworen werden, heissen nach +der Hauksbók _varđlokkur_, nach der Handschrift Am. 557 _vardlokr_ +(vgl. das Facsimile bei Reeves, The finding of Wineland the good S. +109 u. 127). Wol dieselbe Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint: +_urþar lokur_. _varđlokkur_ begegnet im schott. _warlock_, böser +Geist. _Varđlokkur_ sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn +ist dunkel. _Varđ-_ ist deutsch _wart-_, an. _Varđrún_ zu _Wartrûn_; +_warten_ heisst bewahren, schützen. _Lokkur_ kann zu _lokka_ gehören, +etwa Lockung; _lokur_ sind Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht +klarer. Schwerlich liegt in _varđ-_ der Begriff Geist, Gespenst, es +müsste denn zu _urđr_ (_urđir_, Schicksalsgöttinnen) gehören, oder +wie norwegisch _vord_, schwed. _vård_, Wächter, Schutzgeist, aus +engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt erweitert und +verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an. _gandar_ genannt +worden zu sein. _Gand_ begegnet in deutschen (_Ganthar_, _Gantfrid_, +_Gantrih_ bei Förstemann, Namenbuch 1, 468) und nord. (_Gandalfr_, +_Gandvik_) Namen. Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein +mag, die Bedeutung Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst, +scheint sicher; vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner, +Ordbog I², 544; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die +Gandar beschwor, zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung +draussen (_ein sat úte_), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und +Halsband zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise +Kunde und Weissagung der Geister (_spǫ́ ganda_), welche die Volva zu +diesem Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die _gandar_ auch +bei Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (_vitte ganda_). Die +Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts +im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man +sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres +Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint, +das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte, +holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel +im Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete: +Weit herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (_víđa hefi ek +gǫndum rennt i nótt_) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor nicht +wusste.“ _Gandreiđ_, Zauberritt, heisst in der Njálssaga Kap. 126 die +Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen Ereignissen, vgl. +Maurer, Bekehrung 2, 404. + +[796] Diese Auslegung gab Finn Magnusen, den äldre Edda, Kopenhagen +1821, Bd. 1, 5; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 42; Heinzel, +AnzfdA. 12, 49 Anm. vermutet Zusammenhang mit slav. _volchvŭ_? + +[797] Vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 9 ff. + +[798] Über _seiđr_ vgl. Uhland, Schriften 6, 392 ff.; Maurer, Bekehrung +2, 136 ff.; R. Keyser, Samlede afhandlinger 363 f. Für den Zusammenhang +zwischen Seid und Finnenzauber sind Uhlands treffliche Bemerkungen +maassgebend. + +[799] Lokas. 24 ist mit Bugge, Studien 138 _vitku líke_ für Hds. _vitka +líke_ zu lesen. Nie wird Odin _seiđlmađr_ benannt, seine Galdr und +Runen bilden ja eben den Gegensatz zum unehrlichen _Seiđr_. Yngl. Kap. +7 „Odin verstand sich auf die Fähigkeit, die am mächtigsten wirkt, und +übte sie, die Seid heisst“ enthält einen offenkundigen Irrtum; Snorri +sagt selber kurz vorher Kap. 4, Seid sei den Asen fremd gewesen. + +[800] Noreen, Indogerm. Forschungen 4, 326 nimmt zwei Formen, +ahd. _hazusa_ und _hagazusa_ aus _haga-hazusa_ an. _Hazusa_ ist +Participbildung zu got. _hatan_, ahd. _hazzên_; _hazusa_ ist die +Feindliche, Unholde, _hagazusa_ die feindliche Waldfrau; vgl. auch +Kaufmann, Beiträge 18, 155 Anm. 1. + +[801] Die Ausdrücke dafür sind _finnfǫr, trúa á Finna, fara til Finna, +gera finnfarar, fara til Finnmerkr at spyrja spá_. Der Name Finnen +umfasst in der alten Zeit auch die Lappen. Über die Zauberkunst dieser +Völker, die so häufig als Lehrmeister der Nordleute erscheinen, vgl. +Fritzner, Lappernes hedenskab og trolldomskunst in der norsk historisk +tidskrift 1, 4, 164 f.; 184 ff.; 208 ff. + +[802] Drauma-Jónssaga hrsg. von H. Gering, Halle 1893. + +[803] Vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 220 +ff. Zauberbücher sind Fausts dreifacher Höllenzwang, seit Ende des 16. +Jhrh. oft gedruckt (vgl. Düntzer in Scheibles Kloster 5, 116), eine +Anleitung zum Geisterbann; das Romanusbüchlein, in diesem Jahrh. in +Süddeutschland verbreitet, eine Sammlung von Gebeten und Segensformeln, +des Albertus Magnus egyptische Geheimnisse, der wahrhaftige feurige +Drache oder Herrschaft über die himmlischen und höllischen Geister und +über die Mächte der Erde und der Luft, der wahre geistliche Schild, das +6. u. 7. Buch Mose u. dgl. mehr. In dem Wuste von Unsinn taucht auch +öfters manche Erinnerung an ältere sinnvollere Zauberbräuche auf. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 *** diff --git a/77891-h/77891-h.htm b/77891-h/77891-h.htm new file mode 100644 index 0000000..65ed54b --- /dev/null +++ b/77891-h/77891-h.htm @@ -0,0 +1,32610 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Handbuch der germanischen Mythologie | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +h3,.s3 {font-size: 125%;} +h4,.s4 {font-size: 110%;} +.s4a {font-size: 105%;} +h5,.s5 {font-size: 90%;} +h6 {font-size: 70%;} +.s7 {font-size: 50%;} + +p { + margin-top: .51em; 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margin: auto;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***</div> + +<div class="transnote mbot3"> + +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von +1895 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0">Das ‚durchgestrichene kleine d‘ (đ) und der Buchstabe +‚eth‘ (ð) werden in diesem Text gleichberechtigt zur Symbolisierung +des stimmhaften dentalen Frikativlauts verwendet, wie das ‚th' im +englischen Wort ‚there‘. Erstere Form wird dabei im Kursivtext +eingesetzt, die letztere in Normalschrift.</p> + +<p class="p0">Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei der +Akzentuierung, rühren zum einen von den verschiedenen Quellen her, die +der Autor zitiert; zum anderen wird eine ganze Reihe nordischer und +anderer germanischer Sprachen zum Vergleich herangezogen, bei denen +Wörter unterschiedlich geschrieben werden.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> + +</div> + +<div class="eng"> + +<h1><span class="s5">HANDBUCH</span><br> +<span class="s7">DER</span><br> +GERMANISCHEN MYTHOLOGIE</h1> + +<p class="s5 center mtop3">VON</p> + +<p class="s2 center mtop3"><b>WOLFGANG GOLTHER</b></p> + +<p class="s5 center">ORD. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK.</p> + +<hr class="titel"> + +<p class="s3 center">LEIPZIG</p> + +<p class="s4 center">VERLAG VON S. HIRZEL</p> + +<p class="center">1895.</p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Übersetzung ist +vorbehalten.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[S. iii]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Vorwort"> + Vorwort. + </h2> + +</div> + + +<p>Dieses Handbuch der germanischen Mythologie wurde auf Veranlassung +des Herrn Verlegers geschrieben. Mit Freuden folgte ich der an mich +ergangenen Aufforderung. Das Hauptgewicht meiner Arbeit beruht auf der +Darstellung der von den Quellen gebotenen Überlieferung. Es sollte mit +möglichster Klarheit erzählt werden, was wir aus verlässigen Berichten +wissen, dagegen schied ich aus, was allein auf kühne Vermutungen hin +aufgebaut werden kann. Meine Schilderung beschränkt sich aufs erste +Jahrtausend unsrer Zeitrechnung. Was vorher war, ist uns verhüllt; +kein Versuch, ins unbekannte Land vorzudringen, ist geglückt. Die +Ergebnisse, zu denen die Forschung bereits gelangt zu sein glaubte, +erwiesen sich als trügerisch. Weit wichtiger und wol auch erfolgreicher +ist es, innerhalb der Überlieferung die Entwicklungsgeschichte +aufzuspüren. Die Anordnung des Stoffes sucht diese Entwicklung zu +veranschaulichen. Die Begründung meines Verfahrens findet der Leser +in der Einleitung. Der neuesten Forschung, soweit sie mir zugänglich +war, ist überall Rechnung getragen, die wichtigsten Schriften sind +in den Anmerkungen immer genannt. Neben der Darstellung kam es mir +auch besonders darauf an, die Quellen der germanischen Mythologie und +die Belege für die vorgetragenen Ansichten so zu verzeichnen, dass +das Handbuch zum Nachschlagen taugt und auch demjenigen, der meinen +Behauptungen und Aufstellungen nicht beipflichtet, zum schnellen +Überblick dienlich ist. Da das Buch nicht ausschliesslich Fachleuten +gewidmet ist, wurden die nordischen Quellen stets verdeutscht; bei +der Edda folge ich meist Gerings Übersetzung, auf welche auch die +Verweise, wenn nicht anders vermerkt, sich beziehen. Wo jedoch der +Wortlaut im einzelnen von Belang ist, wurden die nordischen Textstellen +ausgehoben. Grimms Mythologie ist für Band 1 und 2 nach der Ausgabe +von 1844 angeführt; <span class="pagenum" id="Page_iv">[S. iv]</span>in der vierten Ausgabe von 1878 ist nur der 3. +Nachtragsband citiert. In den Anmerkungen sind mit Zfd. ZfdA. AfdA. die +Zeitschriften für deutsche Philologie und für deutsches Altertum, sowie +der Anzeiger für deutsches Altertum, mit Beiträgen die Beiträge zur +Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur von Paul, Braune und +Sievers gemeint.</p> + +<p>Möge das Buch dazu beitragen, die Vorstellungen von den altgermanischen +Göttergestalten zu klären und zu vertiefen, möge es freundliche +Aufnahme und nachsichtige Beurteilung finden.</p> + +<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Rostock</em>, Nov. 1895.</p> + +<p class="s4 right mright2"><b>W. Golther.</b></p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_v">[S. v]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Erlaeuterungen"> + Erläuterungen. + </h2> + +</div> + +<div class="s5 mleft1"> + +<p class="p0">ahd. = althochdeutsch.</p> + +<p class="p0">mhd. = mittelhochdeutsch.</p> + +<p class="p0">nhd. = neuhochdeutsch.</p> + +<p class="p0">as. = altsächsisch.</p> + +<p class="p0">ags. = angelsächsisch.</p> + +<p class="p0">an. = altnordisch.</p> + +<p class="p0">nds. = niederdeutsch.</p> + +<p class="p0">mnds. = mittelniederdeutsch.</p> + +<p class="p0">ndl. = niederländisch.</p> + +<p class="p0">´ ^ über dem Vokalzeichen bedeutet Länge, also <i>á â é ê í î ó ô ú û</i>. +<i>æ œ</i> zu sprechen wie langes ä ö.</p> + +<p class="p0"><i>ø</i> = ö.</p> + +<p class="p0"><i>ǫ</i> ein Laut zwischen a und o, etwa wie engl. aw. zu sprechen.</p> + +<p class="p0"><i>þ đ</i> = engl. th.</p> + +<p class="p0"><i>ȥ</i> bedeutet ein weiches gelispeltes s, etwa wie im franz. s +zwischen Vokalen klingt.</p> + +<p class="p0"><i>h</i> vor <i>r l n w</i> klingt wie ein weiches ch.</p> + +<p class="p0"><i>v</i> in altnordischen Wörtern ist wie nhd. <i>w</i> zu sprechen.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_vi"></a><a id="Page_vii"></a>[S. vii]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichniss"> + Inhaltsverzeichniss. + </h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s4" colspan="5"> + <div class="center"><b><a href="#EINLEITUNG">Einleitung.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="4"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="center">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Schriften zur germanischen + Mythologie</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#I_Schriften_zur_germanischen_Mythologie">1–53</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die mythologische Forschung vor J. Grimm</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_mythologische_Forschung_vor_J_Grimm_1">1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland + und J. Grimm</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_wissenschaftliche_Bearbeitung_der_Mythologie_Uhland_und_J_Grimm_2">15</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die mythologische Forschung nach J. Grimm</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_mythologische_Forschung_nach_J_Grimm_3">22</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur + Mythologie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Volkssage_und_Heldensage_in_ihrem_Verhaeltniss_zur_Mythologie_4">23</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende + Mythologie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#5_Die_Lehre_vom_Ursprung_der_Mythen_und_die_vergleichende_Mythologie_5">26</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Lehre vom Dämonenglauben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Lehre_vom_Daemonenglauben_6">30</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Wanderung der Mythen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Wanderung_der_Mythen_7">35</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Verschiedenheit_der_einzelnen_germanischen_Kulte_8">38</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen + und gemeingermanischen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_nordische_Mythologie_ihr_Verhaeltniss_zur_deutschen_und_gemeingermanischen_9">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_neuesten_Darstellungen_germanischer_Mythologie_10">48</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Ziel des vorliegenden Handbuches</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Ziel_des_vorliegenden_Handbuches_11">49</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Die Quellen der Mythologie</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#II_Die_Quellen_der_Mythologie">54–71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der + Bekehrung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_germanischen_Staemme_im_Heidentum_zur_Zeit_der_Bekehrung_1">54</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Quellen der germanischen Mythologie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Quellen_der_germanischen_Mythologie_2">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Deutsch-englische Quellen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Deutsch-englische_Quellen_4">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Nordische Quellen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Nordische_Quellen_4">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="5"> + <div class="center"><b><a href="#ERSTES_HAUPTSTUCK">Erstes Hauptstück.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><b>Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere + Mythologie)</b></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Die_Gestalten_des_Volksaberglaubens">72–191</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Geisterglauben und seine nächsten Ursachen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Geisterglaube_und_seine_naechsten_Ursachen_1">72</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Maren</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Maren_2">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Seelen und ihre Erscheinungsformen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Seelen_und_ihre_Erscheinungsformen_3">80</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Seelenheim</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Seelenheim_4">87</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Seelenkult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Seelenkult_5">90</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Ahnenkult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ahnenkult_6">92</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Glauben an eine Wiedergeburt</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Glauben_an_eine_Wiedergeburt_7">96</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Übermenschliche Wesen, die aus + Maren und Seelen hervorgingen</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Uebermenschliche_Wesen_die_aus_Maren_und_Seelen_hervorgingen">98–122</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die nordischen Fylgjur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_nordischenFylgjur_1">98</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe und Berserker</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Verwandlungsfahigkeit_Werwoelfe_Berserker_2">100</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_viii">[S. viii]</span> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Schicksalsfrauen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Schicksalsfrauen_3">104</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Walküren</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Walkuren_4">109</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Hexen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hexen_5">116</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Elbe und Wichte</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Elbe_und_Wichte">122–158</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Zwerge</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwerge_1">134</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Kobolde</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Kobolde_2">141</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Nixe</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Nixe_3">145</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wald-und Feldgeister</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wald_und_Feldgeister_4">152</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Riesen</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Die_Riesen">159–191</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Benennungen der Riesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Benennungen_der_Riesen_1">161</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Gestalt, Aussehen und Art der Riesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Gestalt_Aussehen_und_Art_der_Riesen_2">162</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wasserriesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wasserriesen_3">172</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wind-und Wetterriesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wind_und_Wetterriesen_4">180</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Berg-und Waldriesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Berg_und_Waldriesen_5">185</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Spuren vom Riesenkult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Spuren_vom_Riesenkult_6">190</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="5"> + <div class="center"><b><a href="#ZWEITES_HAUPTSTUCK">Zweites Hauptstück.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><b>Der Götterglauben</b></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Der_Goetterglaube.">192–500</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left mleft1">Namen und Art der Götter</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Namen_und_Art_der_Goetter">192</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Die einzelnen Götter</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Die_einzelnen_Goetter">200–428</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Tiuȥ</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#I_Tiuz">200–217</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Des Gottes Art und sein Kult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Des_Gottes_Art_und_sein_Kult">200</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Spuren von Mythen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Spuren_von_Mythen_2">214</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Freyr</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#II_Freyr">218–242</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Des Gottes Art und sein Kult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Des_Gottes_Art_und_sein_Kult_1a">218</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Sagen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sagen_2">235</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Der Himmelsgott als Donnerer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#III_Der_Himmelsgott_als_Donnerer">242–283</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Donar bei den Deutschen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Donar_bei_den_Deutschen_1">242</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_als_Hauptgott_des_norwegischen_Volkes_2">247</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Thor in der Skaldendichtung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_in_der_Skaldendichtung_3">261</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Sagen von Thor</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Sagen_von_Thor_4">265–283</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und Thrym</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_Thrym">266</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und Hrungnir</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_Hrungnir">267</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und Hymir</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_Hymir">270</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und der Riesenbaumeister</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_der_Riesenbaumeister">273</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und Geirröd</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_der_Geirroed">274</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor belebt die Böcke</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_belebt_die_Boecke">276</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor in Utgard</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_in_Utgard">276</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und die Riesinnen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_die_Riesinnen">281</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Thor und Alwis</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_und_Alwis">282</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Thor im neueren Volksglauben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thor_im_neueren_Volksglauben_5">283</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">IV.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Wodan-Odin</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#IV_Wodan-Odin">283–359</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wode und das wütende Heer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wode_und_das_wuetende_Heer_1">283</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wode und Wodan</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wode_und_Wodan_2">292</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wodan bei den Deutschen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wodan_bei_den_Deutschen_3">295</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin im Norden</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Odin_im_Norden_4">303–359</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odins_Wanderungen_und_Kaempfe_mit_Nebenbuhlern">304</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +<span class="pagenum" id="Page_ix">[S. ix]</span> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin in nordischer Sage</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odin_in_nordischer_Sage">309</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Walhall und die Walküren Odins</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Walhall_und_die_Walkueren">313</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin fordert Opfer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odin_fordert_Opfer">325</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin als Heldenvater</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odin_als_Heldenvater">328</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odin_gewaehrt_Fahrwind_und_Reichtuemer">336</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odins Liebesabenteuer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odins_Liebesabenteuer">336</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odin der Gott der Weisheit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odin_der_Gott_der_Weisheit">338</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wie Odin sein Wissen gewann</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wie_Odin_sein_Wissen_gewann">345</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odrerir</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odrerir">350</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Odins Verwandtschaft und Odins Namen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odins_Verwandtschaft_und_Odins_Namen">354</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">V.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Heimdall</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#V_Heimdall">359</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VI.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Balder</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#VI_Balder">366–386</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Seine Art und Erscheinung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Seine_Art_und_Erscheinung_1">366</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die norwegisch-isländische Baldersage</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_norwegisch-islandische_Baldrsage_2">368</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Baldersage bei Saxo</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Baldersage_bei_Saxo_3">373</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Vergleichung der beiden Baldersagen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vergleichung_der_beiden_Baldrsagen_4">378</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Ursprung der Baldersage</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ursprung_der_Baldrsage_5">380</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Baldrdienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Baldrdienst_6">381</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Balder ausserhalb des Nordens</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Baldr_ausserhalb_des_Nordens_7">382</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Phol</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Phol_8">384</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Angebliche Baldersagen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Angebliche_Baldrsagen_9">385</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Forseti</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#VII_Forseti">386</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VIII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Ullr</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#VIII_Ullr">390</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">IX.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Widar</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#IX_Widar">394</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">X.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Wali</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#X_Wali">395</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">XI.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Hönir</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#XI_Hoenir">397</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">XII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Bragi der Dichtergott</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#XII_Bragi_der_Dichtergott">400</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">XIII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Requalivahanus</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#XIII_Requalivahanus">405</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">XIV.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Loki</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#XIV_Loki">406–428</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Lokis Wesen und Namen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Lokis_Wesen_und_Namen_1">406</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Sagen von Loki</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Sagen_von_Loki_2">411</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Loki als Verderber Baldrs</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Loki_als_Verderber_Baldrs_3">420</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Teufelsbrut</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Teufelsbrut_4">425</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Loki beim Weltende</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Loki_beim_Weltende_5">427</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Die Göttinnen</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Die_Goettinnen">428–500</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Frija und ihr Kreis</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#I_Frija_und_ihr_Kreis">429–453</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Frija</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Frija_1">429</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Frigg</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Frigg_2">430</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_aus_Frigg_abgezweigten_Goettinnen_3">434</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyja</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyja_4">437</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyja und Brisingamen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyja_und_Brisingamen_5">441</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyja und die Riesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyja_und_die_Riesen_6">442</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyja als Venus vulgivaga</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyja_als_Venus_vulgivaga_7">443</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyja und Odr</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyja_und_Odr_8">444</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Freyjakult</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Freyjakult_9">445</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Gefjon</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Gefjon_10">446</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Idun</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Idun_11">448</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_x">[S. x]</span> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">12.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Menglod</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Menglod_12">451</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">13.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Schlussbemerkungen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Schlussbemerkungen_13">452</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Die Erdgöttin</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#II_Die_Erdgottin">454–458</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left"> Nerthus</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Nerthus">456</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei + antiken Autoren</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#III_Germanische_Gottinnen_auf_romischen_Inschriften_und_bei_antiken">458–470</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Tanfana</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tanfana_1">458</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Baduhenna</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Baduhenna_2">459</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Alaisiagae</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Alaisiagae_3">460</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Hlodyn und Hludana</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hlodyn_und_Hludana_4">461</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Isis-Nebalennia</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Isis-Nehalennia_5">463</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Mütter</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Muetter_6">468</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Dea Sandraudiga und Vercana</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dea_Sandraudiga_und_dea_Vercana_7">470</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">IV.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Totengöttinnen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#IV_Totengottinnen">471–480</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Hel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Hel_1">471</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Ran</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#2_Die_Ran">478</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">V.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Nordisch-finnische Göttinnen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#V_Nordisch-finnische_Gottinnen">480–486</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Skadi</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Skadi_1">480</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Thorgerd Hölgabrud</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Thorgerd_Hoelgabrud_2">482</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VI.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Die Sonnengöttin</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#VI_Die_Sonnengoettin">486–488</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Angebliche Göttinnen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#VII_Angebliche_Goettinnen">488–500</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Eostre und Hrede</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Eostre_und_Hrede_1">488</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Frau_Holle_Berchte_und_andre_weise_Frauen_2">489</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="5"> + <div class="center"><b><a href="#DRITTES_HAUPTSTUCK">Drittes Hauptstück.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left "><b>Von der Weltschöpfung und vom Weltende</b></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Von_der_Weltschoepfung_und_vom_Weltende">501–543</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und + Menschen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#I_Deutsche_Sagen_uber_den_Ursprung_der_Goetter_und_Menschen">502–509</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Die nordische Schöpfungslehre</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#II_Die_nordische_Schoepfungslehre">509–531</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Chaos_der_Urzustand_und_die_Urwesen_1">511</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Schöpfung der Erde und des Himmels</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Schoepfung_der_Erde_und_des_Himmels_2">517</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Schöpfung der Zwerge und Menschen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Schoepfung_der_Zwerge_und_der_Menschen_3">525</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Weltbaum</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Weltbaum_4">527</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">. Weltuntergang</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#III_Weltuntergang">531–543</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="5"> + <div class="center"><b><a href="#VIERTES_HAUPTSTUCK">Viertes Hauptstück.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="4"> + <div class="left"><b>Die gottesdienstlichen Formen</b></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Die_gottesdienstlichen_Formen">544–660</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#I_Der_Goetterdienst_im_allgemeinen_und_das_Opferwesen">544–590</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Götterdienst in der Rechtsordnung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_in_der_Rechtsordnung_1">545</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Götterdienst im Kriege</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_im_Kriege_2">550</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Götterdienst im alltäglichen Leben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_im_alltaeglichen_Leben_3">555</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Gebet und Opfer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Gebet_und_Opfer_4">559</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Opfer bei Ackerbau und Viehzucht</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Opfer_bei_Ackerbau_und_Viehzucht_5">569</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Festliche Umzüge</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Festliche_Umzuege_6">578</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Ständige Jahresfeste</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Staendige_Jahresfeste_7">580</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Das Tempelwesen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#II_Das_Tempelwesen">590–612</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Heilige Haine</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Heilige_Haine_1">590</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_xi">[S. xi]</span> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Tempelbauten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tempelbauten_2">593</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Götterbilder</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Goetterbilder_3">602</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Tempelfrieden</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tempelfrieden_4">607</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Tempelgut</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tempelgut_5">608</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Staats-und Privattempel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Staats_und_Privattempel_6">610</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left">Das Priesterwesen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="right"><a href="#III_Das_Priesterwesen">612–660</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_aeltesten_Nachrichten_von_germanischen_Priestern_1">612</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Germanische Benennungen des Priesters</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Germanische_Benennungen_des_Priesters_2">614</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Adelige Herkunft und Tracht</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Adelige_Herkunft_und_Tracht_3">617</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Im_Norden_leiten_die_weltlichen_Herrscher_das_Opfer_4">619</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Priesterinnen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Priesterinnen_5">620</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Wissenschaft der Priester</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Wissenschaft_der_Priester_6">622</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Priester als Erforscher der Zukunft</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Priester_als_Erforscher_der_Zukunft_7">631</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Zauberlieder</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zauberlieder_8">641</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Wahrsager und Zauberer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wahrsager_und_Zauberer_9">646</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Nachträge</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Nachtraege">660</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop1" colspan="4"> + <div class="left">Namenverzeichniss</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"><a href="#Namenverzeichniss">661–668</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_1">[S. 1]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="EINLEITUNG"> + EINLEITUNG. + </h2> + +</div> + +<h3 id="I_Schriften_zur_germanischen_Mythologie">I. Schriften zur germanischen +Mythologie.</h3> + +<h4 id="Die_mythologische_Forschung_vor_J_Grimm_1"><b>1. Die mythologische +Forschung vor J. Grimm.</b></h4> + +<p>Die Wiedererweckung der Schriften des klassischen Altertums förderte +die Geschichtschreibung in Deutschland. Die heidnische Zeit der +Germanen trat, freilich oft noch arg entstellt, nebelhaft verschwommen +und phantastisch ausgeschmückt den Forschern vor Augen. Ebenso begannen +die lateinischen Geschichtsquellen des Mittelalters auf die Chronisten +einzuwirken. Die Altertumsforscher und Historiker hatten häufig +Veranlassung, über heidnischen Götterdienst zu berichten. Es dauerte +aber geraume Zeit, bis den weitverstreuten Nachrichten Sammler und +damit die ersten Verfasser germanischer Mythologien erstanden. Die +Aufgabe ist zwar klar vorgezeichnet, aber sehr schwer zu lösen. Bis auf +<em class="gesperrt">J. Grimm</em> herrschte nicht einmal für die einfachsten Grundfragen +sicheres Verständniss, und noch heute schwanken die Anschauungen über +wichtige Einzelheiten. Die nächste Aufgabe besteht aber in einer +erschöpfenden Sammlung aller Quellenzeugnisse. Damit ist der Baustoff +gegeben, aus dem die Geschichte des germanischen Götterglaubens +aufzuführen ist. Schon die Sammlung und Sichtung, die Erklärung des +Einzelnen und der Anschluss ans Ganze setzen eine hochentwickelte +Geschichts-und Sprachwissenschaft voraus. So lange Kelten, Germanen, +Skythen, Slaven durcheinander geworfen werden, solange das historische +Urteil über echt und unecht, alt und jung fehlt, ist der Begriff +einer reinen unverfälschten germanischen Mythologie undenkbar. Das +völlig unzuverlässige Material verstattet keine darauf begründete, +befriedigende Darstellung.</p> + +<p>Des Geographen <em class="gesperrt">Philip Clüver</em> <i>Germania antiqua</i>, Leyden +1616, ist eine ausführliche Altertumskunde auf Grund der Nachrichten +<span class="pagenum" id="Page_2">[S. 2]</span>der klassischen Autoren, natürlich mit dem bekannten Irrtum, dass +Illyrier, Germanen, Gallier, Hispanier und Britannier einer Sprache und +eines Stammes, nämlich Kelten gewesen seien. Darin ist auch, besonders +im Anschluss an Tacitus, vom Götterglauben und Kulte der Germanen +ausführlich gehandelt. Diese Abschnitte mochten sich leicht zu eigenen +Schriften über deutsche Mythologie auswachsen.</p> + +<p>Die erste deutsche Mythologie ist von <em class="gesperrt">Elias Schedius</em>⁠<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> +geschrieben und erschien nach seinem Tode 1648 zu Amsterdam. Der +Titel lautet <i>de diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum, +Britannorum, Vandalorum religione</i>. Das Buch besteht aus einer +Anhäufung von Citaten aus den klassischen Autoren und mittelalterlichen +Chronisten, wo diese von den Göttern der nordischen Völker, von ihren +Priestern und heiligen Bräuchen, von ihrem Heroen -und Dämonenkult +berichten. Trotz des beträchtlichen Umfangs von 505 Seiten steht von +echtgermanischem Götterglauben fast nichts in dem Buche. Wir begegnen +nur <i>Tuisco</i> und der <i>Irminsäule</i>; zu <i>dies Mercurii</i> +wird bemerkt, die Niedersachsen und Westfalen würden dafür Wodentag +sagen. Natürlich ist der Verfasser nicht im Stande, hinter die +interpretatio romana zu schauen. Umsomehr gallische und wendische +Götternamen tauchen auf. Ebenso sind die gelehrten meist harsträubender +Etymologie entstammenden Götzen der Chronikschreiber des 16. +Jahrhunderts berücksichtigt. Unter dem Wuste unbrauchbarer undeutscher +oder ungeschichtlicher Materialien verschwinden die wenigen den +klassischen Autoren entnommenen Nachrichten vom wirklichen germanischen +Glauben. Das Vorbild der Chronisten wie des Aventinus musste den +Mythologen noch mehr in Phantastereien verleiten; Olaus Maguus, von dem +Saxo eifrig benutzt wurde, ist von Schede zu wenig herangezogen.</p> + +<p>Fürs 17. Jahrhundert sind noch zu nennen <em class="gesperrt">Sebastian Kirchmaier</em>, +<i>de Germanorum antiquorum idolatria, ad loca quaedam Taciti</i>, +Viteb. 1663 und <em class="gesperrt">Magn. Dan. Omeis</em>, <i>dissertatio de Germanorum +veterum theologia et religione pagana</i>, Altdorf 1693.</p> + +<p>Im Norden fand die Forschung übers Heidentum reichlichere Nahrung, +indem dort viele unmittelbare Quellen zu Gebot stehen, aus denen ohne +Weiteres ein Teil der Göttersage und des Kultes <span class="pagenum" id="Page_3">[S. 3]</span>entnommen werden +kann.⁠<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> In Dänemark und Schweden knüpfte sich die Beschäftigung mit +der heimischen Vorzeit zunächst an die <i>historia danica</i> des Saxo +Grammaticus. Der erste Druck erschien 1514 zu Paris. Neben einer Fülle +von Sagen finden sich bei Saxo Nachrichten über Glauben und Kultus der +heidnischen Zeit. Ein schwedischer Erzbischof, <em class="gesperrt">Olaus Magnus</em>, +entwarf zuerst in einem geographisch-kulturgeschichtlichen Werk über +die nordischen Länder und die Sitten ihrer Bewohner einen Abriss des +heidnischen Götterglaubens. Seine grosse <i>historia de gentibus +septentrionalibus</i>, Rom 1555, handelt im 3. Buch <i>de superstitiosa +cultura daemonum populorum aquilonarium</i>. Besonders Saxo, aber auch +Adam von Bremen ist benützt; so erscheinen Thor, Odhen und Frigga, und +wird der prächtige Upsalatempel geschildert. Ausserdem ist Einiges +aus dem Gebiete des Volksglaubens mitgeteilt. Was geboten wird, ist +freilich wenig, aber doch klar und einheitlich. In der mit reichlichen +Anmerkungen versehenen Saxoausgabe des Dänen <em class="gesperrt">Stephanius</em> vom +Jahre 1644 wurde der Altertumskunde ein bequemes Hilfsmittel zurecht +gelegt.</p> + +<p>Am wichtigsten aber ist die um 1600 neu erstandene isländische +Altertumsforschung.⁠<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Fast die gesamte norwegisch-isländische +Überlieferung war in isländischen Handschriften aufbewahrt. Männer, +wie <em class="gesperrt">Arngrímr Jónsson</em>, <em class="gesperrt">Björn Jónsson</em>, <em class="gesperrt">Magnus +Ólafsson</em>, <em class="gesperrt">Brynjulfr Sveinsson</em>, durch sie angeregt der +Däne <em class="gesperrt">Ole Worm</em> widmeten sich der Sammlung und Verarbeitung der +altisländischen Quellen. In Bälde kamen die wertvollsten Denkmäler +zum Vorschein und wurden auch binnen Kurzem im Drucke zugänglich +gemacht. Die isländischen und norwegischen Geschichtsquellen sind voll +von ausführlichen und lebendigen Beschreibungen des Heidenglaubens. +Eine förmliche Mythologie hatte <em class="gesperrt">Snorri Sturluson</em> in seiner +<i>Edda</i> um 1230 verfasst; eine Sammlung von Götterliedern, die +teilweise noch im 10. Jahrhundert gedichtet worden waren, fand Bischof +<em class="gesperrt">Brynjulfr</em> im Jahre 1643, die sogenannte <i>ältere Edda</i>, +die der Bischof fälschlich nach Snorris <span class="pagenum" id="Page_4">[S. 4]</span>Edda benannte und dem weisen +<i>Saemund</i>, einem gelehrten Isländer († 1133), zuschrieb. Damit +war die Grundlage der nordischen Mythologie gegeben. 1665 beförderte +der Däne <i>Petrus Resenius</i> die Snorra Edda zum Druck und gab +dem isländischen Urtext eine von den Isländern Magnus Ólafsson, +Stephan Ólafsson und Thormóðr Torfason herrührende lateinische, sowie +eine von Stephanius verfasste dänische Übersetzung bei. Im selben +Jahre veröffentlichte er aus der Liedersammlung die Vǫlospǫ́ und die +Hǫ́vamǫ́l, ebenfalls mit lateinischen Paraphrasen des Stephan Ólafsson +und Gudmund Andersen; 1673 wurde der Druck wiederholt. Die den Ausgaben +Resens beigefügten lateinischen Übertragungen verschafften ihnen weite +Verbreitung auch ausserhalb der nordischen Lande. Auf lange hinaus +bildeten sie die Hauptquelle für alle, die über deutsche und nordische +Mythologie schrieben.</p> + +<p>Des <em class="gesperrt">Johannes Schefferus</em> <i>Upsalia</i> 1666 ist grösstenteils +mythologischen Inhalts. Ausführlich wird der heidnische Tempel von +Upsala beschrieben und in besonderen Abschnitten über die dort +verehrten Gottheiten Thor, Odin und Frigga gehandelt. Auch Freyr und +Njord und andere Gottheiten werden besprochen. Es ist eine fleissige +Darstellung des nordisch-germanischen Götterglaubens, namentlich sofern +er mit schwedischem Kult in Verbindung gebracht werden kann. Nun +begannen diese nordischen Arbeiten auch auf die deutschen Verfasser zu +wirken.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. G. Eccard</em>, <i>historia studii etymologici linguae +Germanicae</i> 1711, S. 10, verspricht dem Leser eine deutsche +Mythologie (<i>exspectandum a me habes librum de diis veterum +Germanorum</i>), die aber nicht zu stande kam.</p> + +<p>Die zweite deutsche oder besser germanische Mythologie schrieb der +Schleswiger <em class="gesperrt">Trogillus Arnkiel</em> im Jahr 1690 unter dem Titel +<i>Cimbrische Heydenreligion</i>. 1703 erschien die cimbrische +Heydenreligion unverändert, aber vermehrt mit drei Abhandlungen +über das goldene Horn von Tondern, über die Bestattungsbräuche der +cimbrischen Völker, über ihre Bekehrung. Unter Cimbern versteht +Arnkiel die Goten, Guten und Jüten, d. h. Schweden und Dänen, die +Sachsen, die Friesen, die Wenden, die er wie üblich für Nachkommen der +Wandalen nimmt. Arnkiel übertrifft an Gehalt Schedes Versuch weit. Die +nordischen Denkmäler, Resens Ausgaben, Stephanius’ Saxo, Scheffers +Upsalia, Worms monumenta Danica u. a. sind gründlich verwertet, so dass +seine „gotische“ d. h. nordische Mythologie sich schon recht stattlich +ausnimmt. <span class="pagenum" id="Page_5">[S. 5]</span>Für die Sachsen beruft er sich auf eine Schrift von +<em class="gesperrt">Christof Arnold</em>, <i>de diis Saxonum</i>; ihre „sieben Götzen“ +leitet er aus den Wochentagen als Sonne und Mond, Tuisco, Woden, Thor, +Freya und Sater (d. i. Saturnus) ab. Für die Friesen wird Hertha, die +berüchtigte Lesart für Nerthus, in Anspruch genommen. Die wendischen +Götter, hauptsächlich aus des Chronisten <em class="gesperrt">Crantz</em> <i>Wandalia</i> +entlehnt, berühren uns hier nicht. Fürs germanische Priestertum sind +die Druiden und Barden maassgebend. Als Theologe geht Arnkiel sehr in +die Breite und berücksichtigt fortwährend auch das übrige Heidentum, +das gleichwie das germanische als klägliche Entartung ursprünglicher +reiner Gottesoffenbarung gefasst wird. Zudem ist er, wie fast alle +Mythologen seit Snorri und Saxo, Euhemerist: „die heyden haben die +verstorbene helden und die böse geister vergötzet und als götter +angebeten.“ Aber trotz allem ist doch vieles mit sachlichem gesundem +Urteil geboten, und zuerst die nordische Mythologie zum Aufbau der +deutschen Trümmer eingeführt.</p> + +<p><em class="gesperrt">J.G. Keyslers</em> <i>antiquitales selectae septentrionales et +celticae</i>, Hannover 1720 bekunden wiederum einen bedeutenden +Fortschritt, schon weil allein die Absicht des wissenschaftlichen +Altertumsforschers vorherrscht. Das Buch gewährt zwar keine +Gesamtdarstellung der germanischen Mythologie, aber behandelt einzelne +Abschnitte z. B. den Walhallglauben. Die Inschriften aus der Römerzeit, +welche deutsche Götternamen enthalten, werden erörtert. So hören +wir von <i>Hercules Magusanus</i>, von <i>Nehalennia</i>, von den +<i>Matronen</i>. Auch werden Erscheinungen des Volksglaubens, Seelen, +Maren, Elbe besprochen. Man merkt, der Stoff erweitert und klärt +sich; allmälig tauchen bestimmtere Ziele auf. Sehr verständig urteilt +Keysler S. 126, dass die Sage vom Weltuntergang ebenso wie die von der +Menschenschöpfung und Sinflut aus der christlichen Lehre entlehnt sei.</p> + +<p>Um die Mitte des Jahrhunderts trat <em class="gesperrt">M.G. Schütze</em> mit +mythologischen Arbeiten hervor. Er schrieb 1743 <i>de cruentis +germanorum gentilium victimis humanis</i>, 1748 <i>exercitationum ad +Germanium sacram gentilem facientium sylloge</i>, worin von Hludana, +Weleda, dem Namen Allvater, dem Minnetrinken und dem Marenglauben +die Rede ist, endlich 1750 <i>Lehrbegriff der alten deutschen und +nordischen Völker von dem Zustande der Seelen nach dem Tode überhaupt +und von dem Himmel und der Hölle insbesondere</i>. <em class="gesperrt">Siebrand +Meyers</em> <i>kurtze Erörterung des ehemaligen Religionswesens der +Teutschen</i> Leipzig 1756 konnte ich nicht einsehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_6">[S. 6]</span></p> + +<p>Der Genfer <em class="gesperrt">Mallet</em>, der eine Zeit lang in Kopenhagen lebte, +verstand es, dem Ausland den Hauptinhalt der nordischen Mythologie +auf Grund von Resens und Göranssons Ausgaben sowie Bartholins +<i>antiquitatum danicarum libri tres</i> (1689) in übersichtlicher +gefälliger Form darzubieten. Seine <i>introduction à l’histoire de +Danemarc</i> Kopenhagen 1755 mit den <i>monumens de la mythologie et de +la poësie des Celtes et particulièrement des anciens Scandinaves</i>, +ebenda 1756, verdeutscht 1765 als <i>Geschichte von Dänemark erster +Teil</i>, gibt eine gefällige Schilderung ohne Weitschweifigkeit +und gelehrten Ballast. Die nordischen Denkmäler besonders die +Snorra-Edda werden einfach übersetzt, in erklärenden Anmerkungen ist +der Zusammenhang mit den deutschen und anderen <i>„celtischen“</i> +Überlieferungen nachgewiesen. Die <i>celtische Religion</i>, die +<i>Glaubenslehre der Druiden</i>, habe sich am reinsten in Skandinavien +erhalten. Von anderen Phantastereien bleibt Mallet fern. Treffend +hält er denen, die Snorri der Erfindung der nordischen Mythologie +zeihen, die Thatsache entgegen, dass bereits die älteren Skalden +dieselbe Glaubenslehre voraussetzen. Mallets Buch ist nicht gründlich +gearbeitet, aber dafür auch nicht schwerfällig. Keine gröberen +Verstösse haften ihm an, geschickt sind die vorhandenen Hilfsmittel +benützt. Es erfüllte trefflich seinen Zweck, weitere Kreise mit der +nordgermanischen Mythologie bekannt zu machen. Die Zeit aber war +solchem Unterfangen günstig.</p> + +<p>1766 erschien <em class="gesperrt">Gerstenbergs</em> <i>Gedicht eines Skalden</i>, worin +nach dem Vorgang eines dänischen Dichters namens <i>Tullin</i> die +nordische Mythologie ebenso zum äussern Schmuck und Aufputz verwendet +wurde wie bisher die antike. Aus dieser Anregung ging die Bardenpoesie +hervor, welche vorwiegend nordische, dann aber auch deutsche Mythologie +und keltische Bestandteile in die deutsche Dichtung einführte. Was +bisher nur auf gelehrte Kreise beschränkt geblieben war, gewann nunmehr +die Teilnahme der literarisch gebildeten Welt. Rasch verflog zwar +der eigentliche Bardengesang, aber länger hielt das einmal erregte +Interesse für nordisch-deutsche Mythologie an. 1787 erschien der erste +Band der älteren Edda zu Kopenhagen; darin standen die wichtigsten +Götterlieder, von denen bisher nur wenige durch Resen und Bartholin +zugänglich gewesen waren. Dem isländischen Texte waren lateinische +Übersetzungen und ausführliche Einleitungen und Erläuterungen, +ebenfalls lateinisch, beigefügt. Natürlich erwuchs hieraus der +Erforschung des nordischen Götterglaubens eine <span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span>kräftige Förderung, die +auch in Deutschland lebendigen Widerhall fand. Man begann sehr bald, +die Edda bei uns einzubürgern.⁠<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Der schwäbische Schulrektor <em class="gesperrt">David +Gräter</em> (1768–1830) entfaltete eine rege Thätigkeit, die Ergebnisse +und Errungenschaften der nordischen Altertumskunde in Deutschland +weiteren Kreisen zu vermitteln. Populäre Handbücher der deutschen +und nordischen Mythologie, meist unselbständig, dürftig und höchst +verschroben, von ungründlicher handwerksmässiger Mache, tauchten in +grösserer Anzahl auf.</p> + +<p>Auch im Norden nahm unter dem Einfluss dichterischer, auf die Vorzeit +gerichteter Bestrebungen die Beschäftigung mit dem Götterglauben neuen +Aufschwung.</p> + +<p>Im Jahre 1801 löste <em class="gesperrt">Oehlenschläger</em> die Preisfrage der +Kopenhagener Universität, ob die Einführung der nordischen Mythologie +an Stelle der antiken in die Dichtung der Gegenwart rätlich sei. In +epischen und dramatischen Werken brachte nachmals Oehlenschläger selbst +die Sagenwelt der Vorzeit seinem Volke wieder nahe. 1819 erschienen +<i>die Götter Nordens</i> (verdeutscht von Legis 1829), ein Versuch, +in freier poetischer Nachbildung den Gesamtinhalt der Eddamythen als +einheitliche Dichtung zu erweisen. <em class="gesperrt">N. F. S. Grundtvig</em> <i>Nordens +Mytologi</i> 1808 sucht dem Volke mit überschwänglicher Bewunderung die +tiefsinnige nordische Götterlehre in subjectiver moderner Empfindung +wieder vorzuführen. Denselben Zweck verfolgt <em class="gesperrt">Hauchs</em> <i>nordische +Mythenlehre</i>, Leipzig 1847.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um die mythologische Überlieferung richtig zu verstehen, bedarf es +eingehender Quellenkritik, um den Ursprung der Mythen zu ergründen, +ihrer Auslegung. Erst spät kam die erste Frage zum Bewusstsein, heute +ist der Streit darüber heftiger denn je. Voreilig aber drängte sich +allezeit die Deutung mangelhaft verstandener Thatsachen vor. Man nahm +das Überlieferte einfach hin, wie es war, und ergoss die wunderlichsten +Erklärungen darüber. Heute fällt das Schwergewicht auf Quellenkritik, +von deren Entscheidung die Auslegung ganz und gar abhängt.</p> + +<p>Von schwedischen Gelehrten ging die Ansicht aus, die nordische Sagen- +und Mythenwelt sei uralt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span></p> + +<p>In Schweden machte <em class="gesperrt">Olof Rudbecks</em> berüchtigtes Werk +<i>Atlantica</i>, 1675–1702 in 4 Teilen erschienen, grosses Aufsehen. +Sein Grundgedanke ist, dass Schweden die Insel Atlantis, die Urheimat +aller Völker, aller Kultur und Religion sei. Die schwedischen +Sagen, die nordische Mythologie überragen an Altehrwürdigkeit weit +die griechisch-römische Überlieferung. <em class="gesperrt">J. Göranson</em>, der +1746 die Snorra-Edda nach der Upsalahandschrift mit schwedischer +und lateinischer Übertragung herausgab, 1750 die Völnspa als die +<i>„patriarchalische Lehre der uralten Atlantiskinder“</i> folgen +liess, wandelt mit seinem Urteil in Rudbecks Spuren. Die Edda ist von +Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert aus alten Runen abgeschrieben, +sie war aber, wie Herodot und Plato beweisen, schon 300 Jahre vor +Trojas Erbauung auf Messingtafeln aufgezeichnet und wanderte damals +nach Griechenland. Trotzdem wird flachem Euhemerismus gehuldigt, +Odin gilt als menschlicher nachmals vergötterter König. Solch wüste +Phantasterei suchte <em class="gesperrt">J. Schimmelmann</em> <i>„isländische Edda d. i. +die geheime Gotteslehre des ganzen allen Kaltiens oder des europäischen +Skytiens“</i> Stettin 1777 und in der <i>„Abhandlung von der alten +isländischen Edda“</i> Halle und Leipzig o. J. in Deutschland zur +Geltung zu bringen, doch glücklicherweise ohne Erfolg. Für Schimmelmann +ist die Edda das älteste Götterbuch, das dem europäisch-celtischen +Urvolk bei dessen erstem Auszug aus Asien mitgegeben wurde.</p> + +<p>Solchem Überschwang trat die besonnene Frage nach Alter und Herkunft +der Snorra Edda, nach ihrem Verhältniss zur Liedersammlung (der +sogenannten älteren Edda), nach Alter und Herkunft der darin +enthaltenen Mythen entgegen, aber freilich mit unzureichenden Mitteln +und mit arger Verkennung der wahren Sachlage. <em class="gesperrt">F. Adelung</em> in +<i>Beckers Erholungen</i> 1797, II hielt die Götterlehre der Edda für +eine blosse Erdichtung, für eine Nachbildung christlicher Ideen. Am +entschiedensten erklärte sich <em class="gesperrt">Fr. Rühs</em> in seiner <i>Geschichte +der Religion, Staatsverfassung und Kultur der alten Scandinavier</i> +1801, in seiner Übersetzung der Snorra-Edda 1812, S. 120 ff., in +seiner Abhandlung <i>über den Ursprung der isländischen Poesie aus +der angelsächsischen</i> 1813 gegen die Echtheit der Edda-Mythen. +Seine Beweise sind freilich schwach, seine Behauptungen aber finden +neuerdings mehrfach Bestätigung. Peinlich berührt die hässliche +Schimpferei gegen die Brüder Grimm in Rühs letzter Abhandlung. Aber +man muss zu seiner Rechtfertigung berücksichtigen, dass er gereizt +worden war. Rühs behauptet <span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>mit gutem Fug, die nordische Mythologie, +wie sie in der Kunstdichtung der Skalden und in der Edda vorliege, +sei nie Glaube des Volkes gewesen, nur in unbedeutenden Einzelheiten +darauf begründet. Die Meinungen des Volkes hätten den ersten Keim +hergegeben, der aufs freieste und mannigfaltigste mit christlichen, +jüdischen, griechisch-römischen Ideen weitergebildet worden sei. +Vermischung von Christlichem und Heidnischem habe schon vor der +Bekehrung stattgefunden. Weil jene Mythen von Anfang an nur zum Zwecke +der Unterhaltung als poetischer Stoff dienten, konnten sie auch nach +Annahme des Christentums noch ungeschwächt fortwirken. Oft spielten +Angelsachsen Vermittler fremder Kultureinflüsse. Gedichte, in denen +Fremdwörter wie <i>töflur</i> d. i. Tafeln (Vol.) oder <i>hrimkalkr</i> +(Kelch) vorkommen, können nicht uralt sein. Dem Einwurf, der ihm +seinerzeit von P. E. Müller ebenso wie neuerdings einem Bugge von +Finnur Jónsson gemacht wurde, dass schon die Skaldengedichte des 9. +Jahrhunderts die nordische Mythologie voraussetzen, stellte er den +Satz entgegen, die betreffenden Strophen seien jünger und jenen alten +Skalden nur unterschoben worden. Rühs hatte freilich keine klare +Vorstellung darüber, wie der echte nordische Volksglauben, den wir +namentlich aus den Geschichtsquellen kennen lernen, zu den Erdichtungen +der Skalden sich verhielt. Er ging zu weit, indem er alles leugnete, +und gab damit seinen Gegnern selber die Waffen zu seiner Bekämpfung.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. Grimm</em> wandte sich in der Leipziger Literaturzeitung 1812, +Nr. 287 u. 288 scharf und heftig gegen Rühs. <em class="gesperrt">P. E. Müller</em> +hatte 1811 in einer besondern Schrift <i>„die Ächtheit der Asalehre +und den Wert der Snorronischen Edda“</i> verfochten. Der Beweis der +Echtheit wird in der Hauptsache aus den Skaldengedichten und aus der +dichterischen Sprache erbracht, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert +immer die Mythologie zur Voraussetzung haben. Somit könne von einer +Fälschung keine Rede sein. Müller fasst die Angelegenheit nicht ganz +richtig auf. Es wird ja eine besondere Skaldenmythologie, gepflegt und +ausgebaut zum Zwecke der Dichtung, aber unterschieden vom eigentlichen +Volksglauben, eben behauptet. Dass die Skalden sich insgesamt dieser +Mythologie bedienen, beweist doch nichts für ihre <i>„Echtheit“</i>, +insofern etwa Volkstümlichkeit damit gesagt sein soll. Aber das Ansehen +und überlegene Wissen des dänischen und der beiden deutschen Gelehrten +schlug den ersten kritischen Zweifler nieder. Leidenschaftliche +<span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>Vorliebe verblendete schon damals gerecht abwägendes Urteil. Man +glaubte, einen Zerstörer und Schänder altheiliger Überlieferung zu +sehen, während in Wirklichkeit doch nur die Quellen aufgezeigt werden +sollen, aus denen nordische Dichter für ihre grossartigen Schöpfungen +Anregungen und Motive entnahmen. Den erhabenen Einheitsgedanken in +der nordischen Mythologie suchten Dichter und Gelehrte recht deutlich +hervorzuheben, um zu beweisen, dass nicht etwa genial veranlagte +Skalden des 10. Jahrhunderts eben das, was wir an der nordischen +Göttersage bewundern, geschaffen haben, sondern um den allgemeinen +Schluss daraus zu folgern, dass es so längst vor ihnen gewesen sei.</p> + +<p>Die Deutungsversuche sind <i>geschichtlich</i>, euhemeristisch, +wonach geschichtliche Vorkommnisse der Urzeit den Mythen zu Grunde +liegen sollen, <i>philosophisch und physikalisch</i>. Mit starken +Einschränkungen liegt in allen diesen Erklärungen ein Körnchen +Wahrheit, doch wurden sie einseitig übertrieben und verallgemeinert, +und keine trifft den Kern der Urreligion.</p> + +<p>Der <i>Euhemerismus</i>, der neben der Theologie von Anfang an die +germanische Mythologie durchzieht, wurde am stärksten in des Dänen +<em class="gesperrt">Suhm</em> Buch <i>om Odin</i> 1771 vertreten. Mit nüchternem +Verstande soll die alte Überlieferung aufgefasst und ausgelegt +werden; in Wirklichkeit aber bildet sich eine Lehre auf Grund der +irrtümlichen und verkehrten Meinungen der alten Geschichtschreiber. +In den angelsächsischen Stammtafeln, bei Ari und Snorri ist die +altgermanische Vorstellung von der göttlichen Herkunft des Adels und +Königtums dahin verderbt, dass Woden-Odin, Njord, Freyr als sterbliche +menschliche Vorfahren der geschichtlichen Könige betrachtet werden. Von +den Asen, den nordischen Göttern, wird Abstammung aus Asien behauptet +und von ihrer Einwanderung aus dem Ursitz am Tanais über Sachsen nach +Dänemark und Skandinavien gefabelt. Die Einwanderung geschah unter der +Führung Odins. Diese Geschichten nimmt Suhm wörtlich, er sucht drei +geschichtliche Persönlichkeiten mit Namen Odin festzustellen. Diese +hätten sich den Namen der ursprünglichen Gottheit Odin beigelegt. +Dass auf solche Art ein Zerrbild der nordischen Göttersage entstehen +muss, ist klar. Nur die Namen und das ursprüngliche Wesen bleiben +den Göttern, alle Überlieferung im Einzelnen den Menschen, die sich +ihre Namen anmaassten. Eine seichtere und flachere Auffassung ist +kaum denkbar. Die Übereinstimmung der nordgermanischen Religion mit +andern wird <span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>auf die gemeinsame Urheimat der gesamten Menschheit in +Asien zurückgeführt. Der Glaube an einen einigen Gott liegt allen +heidnischen Religionen und mithin auch der nordischen zu Grunde, wie +aus dem Namen Allvater erwiesen wird. Hatten die früheren theologisch +gesinnten Verfasser diesen Gedanken folgerichtig aus der biblischen +Geschichte entwickelt und die heidnische Vielgötterei, den Abfall vom +Monotheismus, auf den Teufel zurückgeführt, so bricht sich allmälig +eine <i>philosophische</i> Erklärung Bahn. Der wahre einige Gott stand +als geistiges Wesen über der Natur, aber bald wurde er als Weltseele in +der Natur, in den Naturerscheinungen, z. B. in der Sonne, im Winde, im +Donner gesucht. Hiermit melden sich die Anfänge der natursymbolischen +Mythendeutung.</p> + +<p>Von Deutschland ging die philosophisch-physikalische Mythendeutung aus, +die wenigstens insoweit Gutes wirkte, dass sie den flachen Euhemerismus +wegfegte. Positive Ergebnisse von bleibendem Werte hat sie freilich +wenig zu verzeichnen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Creutzers</em> <i>Symbolik und Mythologie</i> 1810–1812, +<em class="gesperrt">Görres</em> <i>Mythengeschichte der asiatischen Welt</i> 1810, +<em class="gesperrt">Kannes</em> <i>Pantheum der Naturphilosophie</i> 1811 riefen diese +Richtung ins Leben.</p> + +<p>Den alten Religionen liegt nach Creutzer der Kern einer reineren +monotheistischen Urreligion zu Grunde, der von priesterlichen +Lehrern in der Form von Zeichen (Symbolen) und Erzählungen (Mythen) +mitgeteilt, durch die Einmischung volkstümlicher Sagen, durch die +poetisch gestaltende Kraft und durch die Empfindung der belebten +Natur zu einer polytheistischen Gliederung auswuchs, aber in den +Mysterien am reinsten erhalten war. Den Kern durch Vergleichung +aller überlieferten Mythologien ans Licht zu ziehen ist Aufgabe der +Wissenschaft. Die Urreligion entstand im Morgenland. Zugleich ist die +Aufgabe gestellt, die Mythen, die ja nur Allegorien sind, auf ihren +eigentlichen Grund zurückzuführen, und das Göttliche überall, auch in +den Naturerscheinungen zu suchen.</p> + +<p>Den Fachgelehrten fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen philosophischen +Sätze am mythologischen Stoffe anzuwenden. Das that in Deutschland +<em class="gesperrt">Mone</em> in der <i>Geschichte des Heidentums im nördlichen +Europa</i> 1822–24. In der Einleitung bekennt er sich zur Anschauung, +dass man durch Vergleichung stammverwandter Glaubenslehren die +Stammreligion, durch Vergleichung der Stammreligionen die Religion der +Menschheit und die Art und Weise <span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span>ihrer Verzweigung und Teilung in die +unendliche Vielheit der Völker lerne. Bei der Darstellung beschränkt er +sich aber mehr auf Verarbeitung der Überlieferung, die nur beiläufig +ausgelegt wird, und schildert so das nordische und deutsche, d. i. +sächsische, fränkische, gotische Heidentum je für sich allein. Viel +neues Material wird zielbewusst in grösserem Rahmen bearbeitet. Den +landläufigen mythologischen Handbüchern der damaligen Zeit ist Mone an +Wissen und Urteil weit überlegen. Bemerkenswert ist, dass Mone auch die +Heldensage ihrer mythischen Bestandteile halber in grösserem Maassstabe +zur Mythologie heranzieht.</p> + +<p>In Dänemark wirkte der sehr verdienstreiche Isländer <em class="gesperrt">Finn +Magnusen</em> in diesem Sinne. Seine vierteilige <i>Eddalehre</i>, +Kopenhagen 1824–26, handelt ausführlich vom Ursprung der nordischen +Mythen, welche „sowohl mit dem grossen Buche der Natur, als auch mit +den mythischen Systemen der Griechen, Perser, Inder und mehrerer +anderer alter Völker“ verglichen werden. Auch ihm schwebt die +Urreligion und ihre Entstehung aus Naturerscheinungen als letzter Grund +aller Mythologien vor. Ebenso ist sein <i>priscae veterum Borealium +mythologiae lexicon</i> 1827 eingerichtet. Darin ist mit erstaunlicher +Vollständigkeit die gesamte nordische Götterlehre nicht bloss der +Edda, sondern auch der übrigen altnordischen Quellen in Form eines +ausführlichen Wörterbuches geordnet. In <em class="gesperrt">Nyerups</em> <i>Wörterbuch +der skandinavischen Mythologie</i>, Kopenhagen 1816 hatte er eine +brauchbare Vorarbeit. Finn führte auch in den einzelnen Abhandlungen +seines Wörterbuches die Vergleichung und Auslegung der einzelnen +nordischen Mythen durch. Die Deutungen sind freilich grösstenteils +verfehlt, schon weil die Sternkunde allzu sehr hervortritt. Darnach +wären die Germanen vorwiegend Sternanbeter gewesen und hatten überaus +genaue astronomische Kenntnisse sehr künstlich zu Mythen verwandelt. +Trotz den verfehlten allgemeinen mythologischen Anschauungen bilden +Mones und Finn Magnusens Schriften aber doch den Höhepunkt der +mythologischen Forschungen vor Uhland und J. Grimm. Es war unendlich +viel Thatsächliches geboten, dessen Wert noch heute andauert und durch +die verkehrten Meinungen, welche die Verfasser über die Erklärung des +fleissig zusammengetragenen Stoffes hegten, nicht beeinträchtigt wird.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zum Schlusse des Abschnittes möge ein kleines Verzeichniss solcher +Schriften stehen, die das Studium der deutschen Mythologie <span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>zu +popularisieren suchten. Darin kommen die allgemeinen Anschauungen, +die man bisher mit Hilfe der Forschung erreicht hatte, deutlich +zum Ausdruck. Abgesehen von einigen unverbesserlichen rückfälligen +Nachzüglern stehen die populären Mythologien nach J. Grimm auf einem +unvergleichlich höheren Standpunkt.</p> + +<p>Kleinere Abhandlungen verzeichnet in grösserer Anzahl <em class="gesperrt">B. F. +Hummel</em>, <i>Bibliothek der deutschen Altertümer</i>, Nürnberg 1787, +S. 201 ff., und im Zusatzbande, Nürnberg 1791, S. 56 ff.; ferner <em class="gesperrt">G. +Klemm</em>, <i>Handbuch der deutschen Altertumskunde</i>, Dresden 1836, +S. 261 ff. Von besondern Schriften seien folgende erwähnt:</p> + +<p><em class="gesperrt">Siebenkees</em>, <i>Von der Religion der alten Deutschen</i>, Altdorf +1781.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ch. L. Reinhold</em>, <i>Beitrag einer Mythologie der alten deutschen +Götter</i>, Münster 1791.</p> + +<p><em class="gesperrt">F. X. Boos</em>, <i>Die Götterlehre der alten Deutschen</i>, Köln +1804.</p> + +<p><em class="gesperrt">F. J. Scheller</em>, <i>Mythologie der nordischen und andern +deutschen Völker</i>, Neuburg 1804; Regensburg 1816. <i>Kleines +Handbuch der nordischen Mythologie</i>, Leipzig 1816.</p> + +<p><em class="gesperrt">G. C. Braun</em>, <i>Die Religion der alten Deutschen</i>, Mainz 1819.</p> + +<p><em class="gesperrt">H. A. M. Bergner</em>, <i>Nordische Götterlehre aus den Quellen +geschöpft und zusammengetragen</i>, Leipzig 1826.</p> + +<p><em class="gesperrt">F. D. Gräter</em>, <i>Versuch einer Einleitung in die nordische +Altertumskunde</i>, Dresden 1829.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. G. Bönisch</em>, <i>Die Götter Deutschlands, vorzüglich Sachsens +und der Lausitz</i>, Camenz 1830.</p> + +<p><em class="gesperrt">G. Th. Legis</em>, <i>Handbuch der altdeutschen und nordischen +Götterlehre</i>, Leipzig 1831; 2. Aufl. 1833.</p> + +<p><em class="gesperrt">G. Th. Legis</em>, <i>Alkuna, nordische und nordslawische +Mythologie</i>, Leipzig 1831.</p> + +<p><em class="gesperrt">C. E. Hachmeister</em>, <i>Nordische Mythologie nach den Quellen +bearbeitet und zusammengetragen</i>, Hannover 1835.</p> + +<p>In Gestalt eines mythologischen Wörterbuches boten den Stoff:</p> + +<p><em class="gesperrt">Ch. A. Vulpius</em>, <i>Handbuch der Mythologie der deutschen, +verwandten, benachbarten und nordischen Völker</i>, Leipzig 1826.</p> + +<p><em class="gesperrt">A. Tkány</em>, <i>Mythologie der alten Teutschen und Slaven in +Verbindung mit dem Wissenswürdigsten aus dem Gebiete der Sage und des +Aberglaubens</i>, 2. Bde., Znaim 1829.</p> + +<p>Von Abhandlungen über einzelne Gottheiten sind zu nennen:</p> + +<p><em class="gesperrt">Büsching</em>, <i>Das Bild des Gottes Tyr</i>, Breslau 1819.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">C. H. Grupen</em>, <i>Abhandlung vom sächsischen Gott Irmin</i> in +den <i>observationes rerum et antiquitatum Germ</i>., Halle 1763, S. +165 ff.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. Grimm</em>, <i>Irmenstrasse und Irmensäule</i>, Wien 1815.</p> + +<p><em class="gesperrt">v. d. Hagen</em>, <i>Irmin, seine Säule, seine Strasse, sein +Wagen</i>, Breslau 1817.</p> + +<p><em class="gesperrt">C. Niemeyer</em>, <i>Sagen betreffend Othin, dessen Geschlecht und +Asentum überhaupt. Nach den Überlieferungen Saxos des Grammatikers</i>, +Erfurt 1821.</p> + +<p><em class="gesperrt">H. Leo</em>, <i>Über Othins Verehrung in Deutschland</i>, Erlangen +1822.</p> + +<p><em class="gesperrt">Joach. Wieland</em>, <i>De Thoro, principe veterum Septentrionalium +idolo diss.</i> Hafniae 1709.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. G. S. Schwabe</em>, <i>De deo Thoro commentatio</i>, Jena 1767.</p> + +<p><em class="gesperrt">J. P. Anchersen</em>, <i>Vallis Herthae Deae</i>, Hafniae 1747.</p> + +<p><em class="gesperrt">C. K. Barth</em>, <i>Hertha und über die Religion der Weltmutter</i>, +Augsburg 1828.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sculo Thorlacius</em>, <i>De Hludana Germanorum gentilium dea</i>, +Hafniae 1782.</p> + +<p>Die physikalische Auslegung der Eddamythen erreicht den Höhepunkt des +Unsinns in den Schriften von <em class="gesperrt">Trautvetter</em>, <i>Der Schlüssel +zur Edda</i>, Berlin 1816, wo die nordische Mythologie als eine +in Gleichnissen vorgetragene Chemie erscheint, und bei <em class="gesperrt">K. +Henneberg</em>, <i>Hvad er Edda</i>, Aalborg 1812, wo die Bilder des +goldenen Horns von Tondern mit der Baldrsage zusammengebracht und +astronomisch gedeutet werden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie sich vor J. Grimms grundlegendem Werke die deutsche Götterlehre +ausnahm, lernt man am besten aus der Übersicht, die G. Klemm im +<i>Handbuch der germanischen Altertumskunde</i>, Dresden 1836, S. 273 +ff. gewährt. Dort sind die Ergebnisse der älteren deutschen Mythologie +mit thunlichstem Ausschluss der nordischen zusammengestellt.</p> + +<p>Wir hören von Tuisto, Mannus, Irmin, Wodan, Freia, Fro, Thunar, Hertha, +Alces; dann aber wird, namentlich auf Caesars Gewähr, ein Sonnen- und +Monddienst behauptet, von Eostar, Ostar berichtet und herauf von den +thüringischen und hessischen Götzen Namens Krodo, Jecha, Püstrich, +Stuffo, Reto, Lahra, von den sächsisch-friesischen Hammon (zu Hamburg), +Fosete (weiblich), Nehalennia und Hludana gemeldet. Dazu gesellt +sich noch der sächsische Jodute, in Süddeutschland Lullus, Strifa, +Krutzmann, Epona. Endlich verführte die bekannte interpretatio romana, +die <span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span>Gottheiten fremder Völker mit römischen Götternamen bezeichnete, +zur Meinung, römische Gottheiten wie Mars, Mercur, Hercules, Isis, +Diana, Venus seien von den Germanen angenommen und verehrt worden. +Von allen diesen merkwürdigen Gestalten, die auf Erfindungen und +Etymologien der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen, gab +es ernstgemeinte umfangreiche Abhandlungen, die bei Klemm und in +Hummels Bibliothek der deutschen Altertümer besonders im 11. Kap. +<i>„von den topischen Göttern“</i> verzeichnet stehen. Die Zufuhr der +nordischen Mythologie hatte den Stoff nur erweitert, nicht gereinigt +und vertieft. In den Wörterbüchern von Vulpius und Tkány treibt diese +Götzenschar noch ihr ganzes Unwesen. Auch das muss erwogen werden, +um J. Grimms That zu würdigen. Er hatte nicht nur alles ganz neu +aufzubauen, sondern mit unglaublich vielem Schutte aufzuräumen. Die +bisherigen mythologischen Forschungen hatten trotz allem guten Willen +der Verfasser den Ausblick eher verbaut, den Blick getrübt.</p> + +<h4 id="Die_wissenschaftliche_Bearbeitung_der_Mythologie_Uhland_und_J_Grimm_2"> +<b>2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und J. +Grimm.</b></h4> + +<p>Mit bewundernswertem Scharfblick hat <em class="gesperrt">Uhland</em> in seinen +<i>Vorlesungen</i> 1830–1832 und in <i>Abhandlungen</i> deutsche und +nordische Mythologie erforscht. <i>Der Mythus von Thor</i> erschien +1836, das Übrige erst nach seinem Tode in den <i>Schriften Bd. 6 über +Odin</i> und <i>Bd. 7, S. 16–85 Umriss der nordischen Göttersage, +ebda. S. 473 bis 514, älteste Spuren der deutschen Göttersage</i>. +Mithin konnten seine Studien zunächst nur zum kleinen Teil auf die +Entwicklung der Mythenforschung wirken. In der Schrift über Thor ist +am gründlichsten und geistvollsten die physikalische Mythendeutung +durchgeführt, und die Entstehung der Thorssagen aus der norwegischen +Naturumgebung nachgewiesen. Die germanische Gestalt des Donnerers ist +sicher der nordischen Natur angepasst worden. Aber selbst bei Uhland +zeigt sich die natursymbolische Auslegung als verfehlt, sobald sie ins +Einzelne geht. Die Ergebnisse halten nach dieser Seite nicht stand. +In der Abhandlung über Odin finden sich vortreffliche Abschnitte, +Ansätze zur Entwicklungsgeschichte, wie wir sie bei J. Grimm vergeblich +suchen. Dahin gehört u. a. der Nachweis, dass Freyr in Schweden, Thor +in Norwegen, Odin <span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>in Dänemark und Sachsen ursprünglich verehrt wurde. +Das Verhältniss Bragis zu Odin wird ebenso einleuchtend erklärt. Man +bedauert, dass Uhland keine umfassende Darstellung der Mythologie +unternahm. Was sich in der klaren Seele dieses unvergleichlichen +Mannes gespiegelt, wurde allein schon dadurch geläutert und strahlt +uns reiner und heller entgegen, als aus der vielfach getrübten und +verderbten Überlieferung. Band 7, 382 steht eine Bemerkung, welche +gelegentlich später errungene Ergebnisse vorweg nimmt. „Es ist +allen bekanntern Naturreligionen gemein, dass in ihnen eine Menge +untergeordneter Geister lebt und webt, welche bald unsichtbar und +leise geahnt die Natur erfüllen, bald in heftigen Erscheinungen +hervortreten, dem Menschen in freundlicher oder feindlicher Gesinnung +sich nahend. Man fasst dieses Geisterwesen bei den neueren Völkern am +besten unter dem, ihrer vielen gemeinsamen Namen der Elfen zusammen. +Wenn man erwägt, wie dieses Geisterreich in übereinstimmenden +Hauptzügen bei Völkern verschiedenen Stammes und sonst auch bedeutend +verschiedener Glaubenslehre sich ausgebreitet hat, so erkennt man +in ihm das ursprünglichste und allgemeinste Element der mythischen +Naturanschauung, aus dem dann erst die eigentümlichen Göttergestalten +jeder besonderen Mythologie aufgetaucht sind. Wurden diese durch die +Herrschaft einer neuen Lehre zerstört, so trat die Auflösung in jenes +freiere Element wieder ein.“</p> + +<p>So weit nur irgend möglich, schliesst sich dieses Handbuch an Uhland +an, besonders auch bei Erzählung nordischer Sagen, denen der herrliche +Mann eine wahrhaft klassische Form verlieh.</p> + +<p>1811 hatte <em class="gesperrt">J. Grimm</em> über <i>Irmenstrasse und Irmensäule</i> +geschrieben, 1813 Gedanken über <i>Mythus, Epos und Geschichte</i>. +Er wandelt noch in den Spuren von Görres und Kanne. 1812 kamen +<i>die Märchen</i>, 1816 die <i>deutschen Sagen</i> heraus. Da kam +zunächst die thatsächliche Überlieferung in reicher, schöner Fülle +zu Wort, vor ihr verstummten Vorurteile und grundlose Lehrsätze +zur Behandlung der Mythologie. Der Romantik entwanden sich die +Brüder in den gewaltigen Werken, mit denen sie die germanische +Altertumsforschung zum Range einer echten Wissenschaft erhoben. <i>Die +deutsche</i> (d. h. germanische) <i>Grammatik</i> 1819, 1822 u. ff., +<i>die Rechtsaltertümer</i> 1828 sind auf festen Grund gebaut. Nach +Möglichkeit ist die gesamte germanische Überlieferung aus alter und +neuer Zeit ausgeschöpft und dabei die ursprüngliche Einheit in der +späteren Vielheit und Verschiedenheit erwiesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span></p> + +<p>Schon 1832 schreibt J. Grimm an Lachmann, dass er etwas über deutsche +Mythologie vor habe, „diesmal aber im Gegensatz zur nordischen +und diese ausschliessend“. Nur als Hilfsmittel zur Bestätigung +oder Ergänzung deutscher Nachrichten soll die nordische Mythologie +verwendet werden. Mit denselben Mitteln, mit demselben Weit- und +Tiefblick unternahm J. Grimm <i>Die deutsche Mythologie</i>, die +1835 in erster Auflage erschien. Schon 1844 kam eine zweite stark +vermehrte aber gleich angelegte Ausgabe in zwei Bänden, die 1854 +und 1875 neu gedruckt wurden. Der dritte Band, 1878 von <em class="gesperrt">E. H. +Meyer</em> besorgt, bringt eine reiche Nachlese von Belegen, die J. +Grimm stetig nachsammelte und nachtrug. Mit der deutschen Mythologie +erstand eine versunkene Welt. Mit wunderbarem Fleisse aus einer schier +unermesslichen Belesenheit ist alles zusammengetragen und sauber +eingeordnet, was zur Mythologie zu gehören schien. Unerreicht und nie +zu übertreffen besteht Grimms Werk in seiner Haupteigenschaft einer +Sammlung als die Grundlage aller späteren mythologischen Forschung. +Der unvergängliche Wert des Buches beruht namentlich darin, dass kein +System den Stoff meistert, dass die nächste und wichtigste Aufgabe +in der Sammlung und Sichtung des weit zerstreuten, nur vereinzelt +und trümmerhaft überkommenen Stoffes gesucht wird. Wol hegt auch +Grimm eigene Gedanken über die Grundfragen der Mythengeschichte, +über Ursprung der Mythen überhaupt, über Verhältniss der nordischen +zur deutschen, der germanischen zur Mythologie andrer Völker. Aus +seinen Anregungen erwuchsen die meisten der späteren Schulideen. +Aber Grimm spricht nur gelegentlich, anhangsweise seine Ansicht aus, +Hauptsache bleibt immer Eröffnung der verschütteten und versandeten +Quellen. Was aus der Sprache, zum Teil auch aus dem Recht, zu lernen +war, Ureinheit hinter den jüngeren Überlieferungen, scheint auch die +Mythologie zu bestätigen. Wenn möglich soll der altgermanische Glaube, +aber vorwiegend auf Grund deutscher Quellen bei nur vorsichtiger +Benutzung nordischer, in den Grundzügen hergestellt werden. Was die +Einführung der Sprachwissenschaft in die Mythologie bedeutet, sieht +man deutlich, wenn man die früheren tastenden Erklärungsversuche von +Götternamen betrachtet. Beispiele für solch fruchtloses geistloses +Raten gewährt Suhms Schrift <i>om Odin</i> z. B. S. 3 ff., wo eine +Blütenlese von älteren und neueren Etymologien des Namens Odin +gesammelt ist. Zwar traf auch J. Grimm keineswegs immer das Richtige +und die neueste etymologische Forschung führt eher <span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span>wieder in neue +Wirren. Aber die Deutung strebt doch zielbewusst vorwärts, kennt die +einzuschlagenden Pfade und verwirft unbrauchbare Mittel. War schon die +gewöhnliche Wortforschung vor der germanischen und indogermanischen +Sprachwissenschaft nur ein sinnloses Raten, so war die Verwilderung bei +Eigennamen vollends ganz toll gewesen.</p> + +<p>Besonders in der Vorrede zur ersten Ausgabe, ebenso in der zur +zweiten setzt Grimm sein Verfahren auseinander, das ohnehin schon +aus jedem einzelnen Abschnitt ersichtlich wird. Immer wird mit +sprachlichen Beweisen angehoben und damit jeder Begriff womöglich +als nordisch-deutsch, also auch urgermanisch aufgezeigt. Zweifelhaft +bleibt freilich stets, inwieweit die Entwicklung aus einem gemeinsamen +Grundbegriffe bei den verschiedenen Stämmen besondere Bahnen einschlug. +Fast völlig ausser Ansatz ist die Möglichkeit späteren Austausches +gelassen. Die Vorrede erörtert Hauptfragen, wie Verhältniss von +deutschem und nordischem Glauben, Beziehungen zu nicht germanischen +Mythologien, Verwendung der Volkssage zum Aufbau des Heidentums, Wesen +des germanischen Gottesbegriffs (Mono = Poly = Pantheismus), Deutung +der Mythen u. a. m. „Für den heidnischen Glauben hat man eine andre +Meinung gefasst (nemlich als bei der Sprache), weil seine Quelle in +Scandinavien reichlich, in Deutschland sparsam fliesst: diese sehr +begreifliche Verschiedenheit ist zu der doppelten Folgerung missbraucht +worden, um den Ursprung der nordischen Mythologie stehe es verdächtig, +und das übrige Deutschland sei götterlos gewesen. Aus dem Mangel +des einen Bruders schloss man nicht etwa, dass er sein Gut verthan, +sondern dass der reiche Bruder sein Vermögen unrecht erworben habe, +aus der Wohlhäbigkeit des Begüterten entnahm man, dass der Dürftige +gar nicht reich gewesen sein könne. Niemals hat eine falsche Kritik +ärger gefrevelt, indem sie wichtigen, unabwendbaren Zeugnissen trotzte, +und die naturgemässe Entwicklung nahverwandter Volksstämme leugnete. +Um sie aber auszurotten, habe ich wol eingesehen, dass ich nicht von +einer Darstellung der nordischen Fülle, vielmehr der deutschen Armut +ausgehend, Ähren lesen musste, keine Garben schneiden durfte. Erst +aus solchen Ähren und ihren Körnern habe ich Nahrung zu gewinnen und +Schlüsse zu ziehen gewagt; es ist dadurch aller Besonderheit, wie ich +hoffe, das Recht gewahrt worden. Denn Eigentümliches und Abweichendes +tritt hier nicht anders wie in der Sprache ein, und seiner habhaft +zu werden hat den höchsten <span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span>Reiz. Grösser aber als die Abweichung +ist die Übereinkunft, und das früher bekehrte, früher gelehrte +Deutschland kann die unschätzbaren Aufschlüsse über den Zusammenhang +seiner Mythentrümmer dadurch dem reicheren Norden vergelten, dass es +ihm ältere historische Zeugen für die jüngere Niederschreibung an die +Hand liefert.“ Die Zeugnisse für die gleiche Grundlage nordischer +und deutscher Götterlehre werden S. VI ff. zusammengestellt, dabei +aber Urverwandtschaft und späterer Austausch nicht geschieden. In der +zweiten Ausgabe S. VIII heisst es: „die Lage der Dinge scheint also die +zu sein, dass bei fortschreitendem Betrieb wir der nordischen Grenze +entgegen rücken und endlich der Punkt erscheinen wird, auf dem der Wall +zu durchstechen ist und beide Mythologien zusammen rinnen können in ein +grösseres Ganzes.“</p> + +<p>„Die bedeutsamen Beziehungen zum ferneren alten Morgenland“ (S. +XVI ff.), welche für sich allein schon die Meinung eines späteren +Ursprungs deutscher Mythologie abwehren müssen, werfen den Gedanken +eines urindogermanischen Götterglaubens auf, der auch im einzelnen, +namentlich wo sprachliche Gleichungen das Recht zu geben schienen wie +z. B. bei Tiuȥ-Zeus-Dyaus, hervorgehoben wird. Aber der Gedanke ist +nicht zum Dogma erhoben und beeinflusst nirgends die quellentreue +Darstellung.</p> + +<p>Auf die erst aus später Zeit überlieferten Volkssagen ist „überall +kein kleines Gewicht gelegt und lohnende Ausbeute aus ihnen gewonnen +worden.“ „Ihren Wert bezeichnet das Verhältniss heutiger Volksmundarten +ganz genau, in welchen sich uralter Wortstoff, den die gebildete +längst ausgeschieden hat, in Menge findet.“ Also namentlich wegen +vermeintlicher Erinnerungen an die heidnische Göttersage wird die +Volkssage herangezogen. „Soll ich in der Kürze den der Mythologie aus +der Volkssage hervorgegangnen Gewinn bezeichnen, so leuchtet ein, +dass nur aus dieser wir Auskunft über die Göttinnen Holda, Berhta +und Fricka, sowie über den unmittelbar auf Wuotan leitenden Mythus +von der wilden Jagd verdanken. Der weissen Frauen, Schwanfrauen und +bergentrückten Könige würden wir aus den geschriebenen Denkmälern +wenig habhaft geworden sein, verbreitete nicht die Volkssage ihr Licht +darüber. Selbst die Mythen von Sintflut und Weltuntergang lässt sie +noch nicht ausser Acht. Was in ihr aber vorzugsweise gehegt und mit dem +buntesten Gewirk gewoben wird, das sind die traulichen Erzählungen von +Riesen, Zwergen, Elben, Wichteln, Nixen, Schraten und Hausgeistern.“ +Die Göttergestalten sollen sich in Teufel und <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>Hexen, der Gottesdienst +in abergläubische Bräuche verwandelt haben. Oft aber leben auch in +Legenden heidnische Erinnerungen nach.</p> + +<p>„Elementen, Naturerscheinungen und Gestirnen lege ich grossen Einfluss +auf mythologische Vorstellungen bei, lange keinen solchen, dass alle +und jede aus ihrer Grundlage abgeleitet werden dürften, da ausser +den physischen auch noch sittliche und andere menschliche Motive +obwalten und erst in der Durchdringung aller zusammen die Götter des +Heidentums entsprungen scheinen. Die Natur lässt uns ihre erhabene und +wohlthätige Wirksamkeit gewahren in dem leuchtenden, wärmenden Feuer, +dem reinigenden, kühlenden Wasser, der allbeweglichen, erquickenden +Luft, der nährenden, stärkenden Erde. Hier gesellt sich ein sittlicher +Eindruck zu dem natürlichen. Der Mensch hat aber auch Gottheiten nötig +für die Begriffe von Güte, Milde, Allgewalt, Sieg, Friede, Liebe, +Gerechtigkeit, die mehr aus seinem Gemüt als aus der Natur aufsteigen.“</p> + +<p>In der Einleitung der ersten Auflage S. 9 heisst es: „Von der +Verwirrung, die so häufig dem Studium der nordischen und griechischen +Mythologie Eintrag gethan, ich meine die Sucht, über halbaufgedeckte +historische Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu +ergiessen, schützt mich schon die Unvollständigkeit und der lose +Zusammenhang des Rettbaren. Ich gehe darauf aus, getreu und einfach zu +sammeln, was die frühe Verwilderung der Völker selbst, dann der Hohn +und die Scheu der Christen vor dem Heidentum übrig gelassen haben, +und wünsche nichts als dass meine Arbeit für einen Anfang weiterer +Forschungen in diesem Sinne gelten könne.“</p> + +<p>Ein Hauptfehler der deutschen Mythologie besteht darin, dass die +Möglichkeit, den verlorenen deutschen Götterglauben wieder zu erlangen, +stark überschätzt ist. Eine Reihe von Quellen sind für die deutsche +Mythologie verwendet, deren Berechtigung anzufechten ist. Märchen und +Sagen enthalten viel Auswärtiges und dürfen nicht in dem Umfange, wie +es hier geschieht, zum Wiederaufbau deutschen Götterglaubens verwandt +werden. Die Dichtung des 13. Jahrhunderts ist in ihrer Brauchbarkeit +überschätzt. Die Allegorien der mittelhochdeutschen Dichter, der +Wunsch und Frau Aventiure dürfen nicht mit Odins Beiname Oskr +(Wunsch) und Saga verglichen und aus gemeinschaftlicher altmythischer +Überlieferung abgeleitet werden. Vieles entstammt christlicher Sage +und geht zuletzt auf die Bibel zurück, was von Grimm als <span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span>heidnische +Erinnerung erachtet wird. Allzuwenig rechnet Grimm mit jüngerem +Ursprung, mit individuellen Erfindungen der Dichter, mit Entlehnung +aus der Fremde, und trägt manches Ungehörige ins Heidentum zurück. +Obwol Myth.<sup>2</sup> S. XXX gesagt wird: „Ich leugne keinen Augenblick, dass +neben solcher geheimnissvollen Ausbreitung der Mythen (d. h. von einem +idg. Urbestand) äussere Entlehnung stattfand, ja dass sie mit Absicht +ersonnen und übertragen werden konnten, wiewol dieser letzten Art es +schwerer hält als man wähnt unter dem Volk Wurzel zu greifen. Die +römische Literatur hat von frühauf über andere europäische Länder sich +ergossen, es wird in einzelnen Fällen sogar unmöglich sein, zwischen +ihrem Einfluss und jenem inneren Wachstum der Sage den Ausschlag zu +thun. Nirgends aber ist Einwirkung von aussen weniger zu bezweifeln als +da, wo durch Zusammenstoss der christlichen Lehre mit dem Heidentum +unter den bekehrten Völkern unvermeidlich ward, der hergebrachten zu +entsagen und an deren Stelle, was der neue Glaube herbeiführte oder +ertrug, aufzunehmen oder abzuändern“ — so wird doch viel mehr der Satz +auf S. XXI befolgt: „Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflösst, +sich abzuschliessen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu +erhalten. Der Sprache, dem Epos behagt es nur im heimischen Kreis, +nicht länger als er zwischen seinem Ufer wallt, hält der Strom seine +Farbe lauter. Aller eignen Kraft und innersten Triebe ungestörte +Ausbildung ergeht aus dieser Mitte, und unsre älteste Sprache, +Poesie und Sage sehen wir keinen andern Zug einschlagen.“ Finden +sich Einstimmungen zwischen fremder, romanischer oder christlicher +Überlieferung und deutscher Volkssage, so wird fast nie Entlehnung, +sondern Herkunft aus gemeinsamer germanisch-heidnischer Urquelle +angenommen. Aus der stattlichen, überreichen Sammlung ist daher sehr +viel zu streichen, was weder altgermanisch noch überhaupt mythisch ist.</p> + +<p>Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat J. Grimm allerdings mit den +angeblichen germanischen Götzen gründlich aufgeräumt, aber ganz +fertig ist er mit ihnen noch nicht geworden. Krodo und Sater (aus +ags. <i>Sæteresdæg</i>) spuken noch neben einer Göttin Zisa, die von +Chronisten im 8. und 9. Jahrhundert zu Ciesburg erfunden wurde. Eine +ags. Göttin Ricen wird vermutet. Holda, Berhta und andere sind aus der +Volkssage gefolgert und fürs deutsche Heidentum kanonisiert worden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span></p> + +<h4 id="Die_mythologische_Forschung_nach_J_Grimm_3"><b>3. Die mythologische +Forschung nach J. Grimm.</b></h4> + +<p>Die zahlreichen populären Darstellungen der deutschen und nordischen +Mythologie, die nach J. Grimm erschienen, ebenso die vielen +Einzeluntersuchungen, in denen neues Material beigebracht oder eine +bestimmte Erscheinung für sich allein behandelt wurde, kann ich +hier nicht aufzählen und charakterisieren. Einiges Hierhergehörige +verzeichnet v. Bahder, die deutsche Philologie im Grundriss, S. 234 ff. +Nur <i>die</i> Schriften sollen genannt werden, welche neue fruchtbare +Gedanken vertraten und damit auf die Entwicklung der mythologischen +Forschung nachhaltig einwirkten.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wilhelm Müllers</em> <i>Geschichte und System der altdeutschen +Religion</i>, 1844, von J. Grimm in den Berliner Jahrbüchern für +wissenschaftliche Kritik 1844, Nr. 91–2 ungerecht verurteilt, sucht +die von Grimm gewonnene deutsche Mythologie nach geschichtlichen +Erwägungen zu sichten und die Einzelheiten mit einander zu verbinden. +Mit Recht scheidet Müller einen grossen Teil des von J. Grimm +gesammelten Materials als unbrauchbar aus. Insbesondere Volkssage und +Volksbrauch, sofern erst die christliche Zeit davon meldet, werden nur +bei zwingenden Gründen zum Aufbau des altdeutschen Heidentums benutzt. +Kritik der Quellen betont Müller als vor allem nötig. Vorschnelle +Verallgemeinerung von örtlich und zeitlich bestimmten Nachrichten soll +nicht gelten. Freilich wird die nordische Mythologie trotzdem zuviel +zur Erklärung der deutschen Trümmer benutzt. Immerhin bleibt Müllers +Buch ein achtbarer Versuch, den geschichtlichen Maassstab an Grimms +Sammlung zu legen.</p> + +<p>Aus der deutschen Mythologie Grimms erhuben sich mehrere eifrig +behandelte Fragen, deren Beantwortung die Darstellung wesentlich +umgestalten musste. Zunächst blieb noch eine Zeitlang die Mehrung des +mythologischen Stoffes eine wichtige Hauptaufgabe der Mythologen. +Weniger aus den Denkmälern der Vergangenheit als vielmehr aus der +mündlichen Überlieferung der Gegenwart erstanden unzählige wertvolle +und wertlose Sammlungen von Märchen, Sagen und abergläubischen +Bräuchen.⁠<a id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> Hatten doch <span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>die Brüder Grimm in ihren Sammlungen +musterhafte Vorbilder aufgestellt, denen in allen Ländern allmälig +nachgeeifert wurde. Nachdem J. Grimm den mythologischen Wert der +Volkssagen betont hatte, sammelten die deutschen Gelehrten besonders +unter diesem Gesichtspunkte. Wie verhält sich die aus dem Mittelalter +und der Gegenwart uns bekannte Volkssage zum Heidentum, enthält sie +verblasste Spuren alter Göttersage, diese Frage beschäftigte die +Forscher und wurde zunächst im Sinne Grimms entschieden. Was ist aus +der Heldensage, insofern sie geschichtliche und mythische Bestandteile +enthält, für die Mythologie zu lernen? Wie verhält sich die deutsche +Mythologie zur nordischen, wieviel gilt von letzterer für Deutschland? +Was hat der germanische Götterglaube mit dem andrer, insbesondere +indogermanischer Völker gemein, wieviel davon entstammt aus +ursprünglicher Gemeinschaft, wieviel aus etwaiger Entlehnung, wieviel +aus zufälliger gleicher Entwicklung? Wie entstanden Mythen? Die letzte +Frage hat die meisten und widersprechendsten Antworten gefunden. Da sie +aber weniger auf germanischem Gebiete zum Austrag kommt, so soll sie +auch hier mehr nur beiläufig berücksichtigt werden.⁠<a id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p> + +<h4 id="Volkssage_und_Heldensage_in_ihrem_Verhaeltniss_zur_Mythologie_4"> +<b>4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie.</b></h4> + +<p>Im Norden erkennen wir eine reich entfaltete Göttersage, deutlich +ausgeprägte Göttergestalten und eine grosse Menge von Volkssagen +und Bräuchen, die schon ins Heidentum zurückreichen. In Deutschland +finden wir einige Götternamen, die mit den nordischen zusammenstimmen, +aber nur ganz vereinzelte Spuren von Göttersagen, endlich dieselbe +Masse von Volkssagen. Es ist nicht denkbar, dass die Deutschen keine +<i>Göttersage</i>, nur einen <i>Götterkult</i> <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>besassen. Dagegen +zeugen die wenigen erhaltenen Überreste. Kann eine deutsche Göttersage +wiedererlangt werden? Auf zwiefache Art ist es versucht worden. Das +oberflächliche rohe Verfahren nimmt einfach die nordische Sage der Edda +auch für Deutschland in Anspruch. Der Beweis wird aus der Gleichheit +der deutschen und nordischen Götternamen, die ja unleugbar auf +gemeinschaftlichen Hintergrund deuten, geführt; ferner mussten Märchen +und Sagen, die aus allen deutschen Gauen in überraschender Anzahl +zu Tage gefördert wurden, herhalten. Sie galten im allgemeinen als +verblasste Mythen. Eifrig spürte man nach zufälligen Übereinstimmungen +zwischen ihnen und der nordischen Göttersage. Wurde einem Jäger von +einem Löwen die Faust abgebissen, so erinnerte man sich des nordischen +Tyr, dem der Fenriswolf die Hand abbeisst. Wurden Riesen erschlagen, +so musste es Donar gethan haben. Was rote Farbe trug, erinnerte +überhaupt an den Rotbart. Entführungssagen und gefährliche Werbungen +wurden zu Freys Werbung um Gerd gestellt. So gelang der Scheinbeweis, +dass dieselben Sagen, wie im Norden, so auch in Deutschland von den +Göttern gegolten hätten, dass der Inhalt der Edda ohne Bedenken +nach Deutschland überführt werden dürfe. In diesem Sinne wirkte der +verdienstvolle Sagensammler <em class="gesperrt">J. W. Wolf</em> namentlich in seinen +Schriften: <i>Beiträge zur deutschen Mythologie</i> 1, 1852, 2, 1857 +und <i>Die deutsche Götterlehre</i> 1852, 2. Aufl. 1874. In der +<i>Zeitschrift für deutsche Mythologie</i>, welche J. W. Wolf 1853 +begründete, die Mannhardt mit dem 3. und 4. Bande (1859) fortsetzte, +fanden diese Bestrebungen für kurze Zeit einen Mittelpunkt. So gewiss +vieles aus unserem ältesten Heidentum noch in heutiger Sage und +Sitte unverändert lebt, ebenso sicher treiben aus dem natürlichen +volkstümlichen Keime fortwährend frische Sprossen, die anders als jene +beurteilt werden müssen, weil Luft und Licht ihnen andre Beimischung +gaben. Von der Wolfschen Schule wurde aber fast die gesamte Volkssage +für uralt oder wenigstens als unmittelbarer Abkömmling des Heidentums +erklärt. <em class="gesperrt">Simrocks</em> <i>Handbuch der deutschen Mythologie mit +Einschluss der nordischen</i>, Bonn 1853, 6. Aufl. 1887 hat trotz +seiner unübersichtlichen verschrobenen Darstellung dieser Richtung zu +unverdientem Ruhme verholfen. Anknüpfend an J. Grimms Bild vom Wall, +der die nordische und deutsche Mythologie trenne, erklärt Simrock den +Zeitpunkt zum Durchstich erschienen: „Wir haben den Wall durchstochen +und den Guss einer allgemeinen deutschen Mythologie <span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>unternommen“. +Abgesehen von der durch Schwartz und Mannhardt begründeten neuen +Auffassung der Volkssagen waren es namentlich auch die Untersuchungen +Benfeys über das Pantschatantra 1859, die zur Vorsicht bei Benutzung +der Sagen und Märchen mahnten. Zumal die letzteren, bei denen auch +manche Fälschungen mitunterliefen, verschwanden bald aus der Mythologie +und wurden der vergleichenden Litteraturgeschichte überwiesen.</p> + +<p>Ein zweiter Versuch ist ebenfalls von J. Grimm ins Leben gerufen, aber +von ihm selbst nicht weiter geführt worden. Die 1812 geschriebene +Abhandlung <i>„Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte“</i> hebt +hervor, dass in der Heldensage vielfach Mythisches und Historisches, +göttliche und menschliche Geschichte in eins gewachsen seien. +Gelingt es beide Teile zu sondern, so erwächst der Mythologie +reicher Gewinn. Zuerst hat <em class="gesperrt">Lachmann</em> 1829 die Nibelungensage +daraufhin untersucht. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist +aber <em class="gesperrt">Müllenhoff</em>, der diesen Gedanken in der Vorrede zu den +<i>Schleswig-holsteinischen Sagen</i> 1845, in den <i>Untersuchungen +zur Geschichte der Nibelungensage</i>, ZfdA. 10, 146 ff.; 23, 185 +ff., <i>Über Irmin und seine Brüder</i>, ZfdA. 23, 1 ff., <i>Über +die austrasische Dietrich- und Hartungensage</i>, ZfdA. 6, 435; +12, 346; 13, 185, <i>Über Skeaf und seine Nachkommen</i>, ZfdA. +7, 410 ff., <i>Über Beowulf</i>, ebda. 419 ff., <i>Über Frija und +den Halsbandmythus</i>, ZfdA. 30, 217 ff. zur Anwendung brachte. +Die Denkmäler der Heldensage entstanden zum Teil noch unter der +Herrschaft des Heidentums. Wirkt die Göttersage in ihnen nach, so ist +allerdings weit grössere Gewähr, von hier aus die verlorene Göttersage +wiederherzustellen, als aus einem beliebigen späten Märchen. Doch der +Ausführung dieser Gedanken stehen unüberwindliche Schwierigkeiten +entgegen. Es ist schon schwer, aus einer Heldensage den geschichtlichen +Kern, die mythischen Bestandteile, die Zuthaten und eigenen Erfindungen +der Dichter sauber von einander zu lösen. Die Bestimmung des in einer +Heldensage etwa vorhandenen Mythus auf seine Herkunft ist nur zu sehr +vom subjectiven Urteil des Forschers abhängig. Man unterliegt allzu +stark der Verführung, den Mythus so zu gestalten, wie man ihn braucht. +Das Ergebniss, zumal wenn es noch von der vergleichenden Mythologie +beeinflusst ist wie Müllenhoffs letzter Aufsatz von Frija und dem +Halsband, kann als sichere wissenschaftliche Thatsache nicht gelten. +Die Mythologie kann mit derlei Hypothesen nicht rechnen, ohne vollends +ins Grundlose zu geraten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span></p> + +<h4 id="5_Die_Lehre_vom_Ursprung_der_Mythen_und_die_vergleichende_Mythologie_5"> +<b>5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende Mythologie.</b> +</h4> + +<p>Wie man unmittelbaren mythologischen Gewinn aus den Sagen schöpfen +könne, lehren Müllenhoff, <i>Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig, +Holstein und Lauenburg</i> 1845 S. XLIV ff. und <em class="gesperrt">A. Kuhn</em> und +<em class="gesperrt">W. Schwartz</em>, <i>norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche</i> +1848 S. XX ff. Mit den beiden letztgenannten Gelehrten hebt ein +neuer Abschnitt der mythologischen Forschung an. Schwartz in seinen +Schriften <i>„der heutige Volksglaube und das alte Heidentum“</i> +1849, <i>„Ursprung der Mythologie“</i> 1860, <i>„die poetischen +Naturanschauungen der Griechen, Römer und Deutschen in ihrer +Beziehung zur Mythologie“</i> 1864 und 1879, <i>„indogermanischer +Volksglaube“</i> 1885 war nach zwei Richtungen hin thätig, er bestimmte +das Verhältniss von Volkssage und Kunstmythus, er suchte den Ursprung +der Volkssage aus der Naturanschauung zu erklären.</p> + +<p><em class="gesperrt">Schwartz</em> fand in den unter dem Volke noch lebenden Sagenmassen +eine <i>„niedere Mythologie“</i>, die einen früheren Zustand, eine +embryonale Entwicklungsform der späteren Götter- und Dämonenwelt +festhalte, möge die letztere auch in weit älteren geschichtlichen +Zeugnissen überliefert werden. Nicht also bloss Abschwächungen, +Niederschläge der in der Edda u. s. w. vorliegenden ausgebildeten +Mythologie des Heidentums, der Kunstschöpfungen der Dichter, treten +uns hier entgegen, wie <em class="gesperrt">Grimm</em> und <em class="gesperrt">J. W. Wolf</em> meinten, +sondern vielmehr die Keime und Grundlagen, aus denen die <i>„höhere +Mythologie“</i> sich entwickelte. Wode und das wütende Heer dürfen +nicht als verblasste Erinnerung an Wodan und die Einherjer erklärt +werden, sondern als der uralte und unvergängliche Volksglaube, +aus dem zur Zeit des germanischen Heidentums Wodans Gestalt sich +emporhub. Mit <em class="gesperrt">Theodor Waitz</em>⁠<a id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> begründete Schwartz die +<i>ethnographisch-anthropologische</i> Betrachtung von Sitte und +Sage, die von <em class="gesperrt">Bastian</em>⁠<a id="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, + <em class="gesperrt">Tylor</em>⁠<a id="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> u. A. auf Grund +eines umfangreichen Materiales weiter ausgedehnt wurde, und die +darauf ausgeht, an Thatsachen bei den verschiedensten Naturvölkern +den gleichmässigen Verlauf der ältesten Sitten-, Religions- und +Mythenbildung zu veranschaulichen. Sie führt zur Einsicht, dass fast +<span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>sämtliche Entwicklungsstufen und Lebensformen, die der geistige +Zustand der Menschheit, der Kulturvölker allmälig durchlaufen hat, in +den heutigen wilden Völkern der Erde noch lebende Vertreter zählen. Die +Beobachtung dieser wilden Völker gewährt ein Hilfsmittel, den Zustand +der civilisierten in seiner Ursprünglichkeit kennen zu lernen, viele +Überbleibsel der niederen Stufen leben in den höheren noch fort. So ist +auch der religiöse Glaube auf niederer Stufe bei den Indogermanen, ja +überhaupt bei allen Völkern ziemlich gleichartig. Er erzeugt sich auch +stets von neuem, da die Voraussetzungen, die kindliche unentwickelte +Vorstellung der Menschen und die Naturerscheinungen, immer dieselben +bleiben. Damit war eine völlige Verschiebung der Thatsachen erreicht. +Das Aufspüren alter Götter im Volksglauben wurde wesentlich beschränkt. +Nur durch zufällige und verhältnissmässig seltene Rückwirkung +konnten einzelne Züge aus der höheren in die niedere Mythologie +übergehen. Selbst die jüngste Volkssage konnte unter Umständen +dieselbe Keimbildung enthalten, aus der in Urzeiten irgend ein Mythus +sich entwickelt hatte. Weniger glücklich ist Schwartz mit seiner +Mythendeutung aus Wetter, Wind und Wolken. Allzu willkürlich wird die +Überlieferung zugestutzt, allzu einseitig und künstlich eine einzige +Entstehungsart behauptet.</p> + +<p><em class="gesperrt">Kuhn</em> aber liess sich vom Veda leiten, in welchem eine der +urindogermanischen sehr nahe stehende Mythologie enthalten zu sein +schien, die zugleich den Satz vom physikalischen Ursprung der Mythen +aufs beste bestätigte. In zahlreichen Abhandlungen der <i>Zeitschrift +für vergleichende Sprachforschung</i>, in der <i>Herabkunft des Feuers +und des Göttertranks</i> 1859 wurde die Lehre von der vergleichenden +Mythologie begründet. Der Vedaforscher <em class="gesperrt">Max Müller</em> war neben Kuhn +am Ausbau der Hypothese beteiligt (vgl. <i>Oxford essays</i>). Die +vergleichende Mythologie überträgt die Ergebnisse der vergleichenden +Sprachwissenschaft aufs Gebiet des Götterglaubens und der Göttersage. +Möglichst viele griechische und indische Götternamen wurden +zusammengestellt und aus einer gemeinsamen indogermanischen Form +abgeleitet. Damit ergab sich eine erstaunlich reiche indogermanische +Sagenwelt, eine unwahrscheinlich hoch entwickelte geistige Kultur +des Urvolkes. Die mit grosser Zuversicht auftretende vergleichende +Mythologie hat mit völliger Entsagung geendet. Die Etymologien hielten +nicht Stich und damit schon fällt die eigentliche Grundlage. Bis auf +ganz vereinzelte Gleichungen, wie Dyaus-Zeus-Tiuȥ, <span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>deren sachliche +Berechtigung selbst noch bestritten wird, sind heute die meisten +Resultate der vergleichenden Mythologie ebenso verschollen wie die +von den Symbolikern dereinst unter den Hauptreligionen aufgestellten +Ähnlichkeiten. Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft schien +die sicherste Gewähr zu bieten, aber die Hoffnung täuschte. Wenn die +Vedamythologie⁠<a id="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> nicht als reinster Vertreter der indogermanischen +gelten darf, wenn sie nicht die arische Theogonie ist, so kann ihr +Inhalt auch nichts für die andern indogermanischen Völker Bindendes +lehren. Die Vedamythen sind für sich allein aus ihrer eigenartigen +Umgebung heraus zu erklären. Aber Kuhn und M. Müller entnahmen aus dem +Veda eine allgemein giltige Mythendeutung. Die vedischen Mythen hängen +aufs engste mit Naturerscheinungen zusammen, ja sie scheinen geradewegs +aus der Naturanschauung hervorgegangen zu sein. Kuhn entwickelte die +eine Seite der Natursymbolik, das Gewitter; Müller die andere, die +Sonne vom Aufgang zum Niedergang. M. Müllers Sonnenlehre ist von +Müllenhoff auf Tiuȥ, Frija und die Alkîȥ angewandt worden. Im Abschnitt +über Tiuȥ ist sie auch in diesem Handbuch trotz mancher Zweifel +berücksichtigt.</p> + +<p>Die Entstehung der Vedamythologie bezeichnet M. Müller so, dass blosse +Namen von Naturerscheinungen meteorischer Art allmälig verdunkelt, +personificiert und vergöttert worden seien. Der Satz: „der Himmel +regnet, donnert, blitzt“, endigt schliesslich mit dem Glauben an Zeus, +an einen persönlich gedachten Gott des lichten Himmels, in dessen +Hand die Elemente liegen. Die Sprache beruht auf Vergleichungen, +auf Bildern. Allmälig tritt die Metapher dem Bewusstsein zurück, so +entsteht eine Sage, kein blosser Vergleich. „Die Sonne folgt der +Morgenröte“ entwickelt den Mythus: der Sonnengott folgt liebend der +Morgenröte; es entsteht eine Werbungssage. „Die Sonne geht unter“ += der Sonnengott altert oder stirbt. „Aus dem Schoose der Nacht +enttaucht die Sonne“ = die Nacht gebiert ein strahlendes Kind. Die +poetische Sprache gibt oft zweien mit nur einer gleichen Eigenschaft +ausgestatteten Gegenständen die Bezeichnung, die ursprünglich nur +einem derselben zukam. Sie sagt z. B. Sonnenstrahlen sind wie Zügel, +Finger, Hände, roten Kühen gleichen die roten Wolken der Abend- und +<span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>Morgenröte. Später heisst es: sie sind es wirklich, und dann entsteht +der Mythus von Ross und Reiter, von der rosenfingrigen Eos, von den +Kühen, die der Dämon des Dunkels raubt, die aber morgens wieder +ausgetrieben werden. Müller räumt der Sprache einen grossen, aber auch +gesuchten Einfluss bei Schöpfung der Mythen zu. Die Götter des Lichts, +welche das Grauen der Nacht verscheuchen, sind die Beschützer und +Freunde des Menschen. Zu dieser Glaubensidee erhub sich bereits das +indogermanische Urvolk. Bei der Mythenbildung ist auch die sogenannte +„Hypostase“ von Belang, dass aus einer Urgestalt mehrere hervorgehen +als einzelne Verkörperungen ihrer Eigenschaften und Beinamen. Der +Himmel ist der helle (Zeus), der blitzende, donnernde, welche Namen und +Eigenschaften in vielen Mythologien die Vorstellung eines besonderen +Gewittergottes neben dem Lichtgott hervorriefen. So ergeben sich +zahllose Möglichkeiten von Mythendeutungen. Zwei Grundsätze wurden +von den Vertretern der vergleichenden Mythologie als unumstösslich +erwiesene Thatsachen betrachtet: dass die Hauptgöttergestalten und eine +Anzahl von Mythen in der Urzeit und Gemeinschaft des arischen Stammes +entstanden seien, dass die Mythen aus meteorischen Erscheinungen +hervorgingen. Der Grundgedanke der vedischen und damit indogermanischen +Mythologie ist ein Kampf der Lichtgötter mit den Dämonen der +Finsterniss, zwischen Tag und Nacht, Sonne und Gewitterwolke. Wenn +auch schwer bedrängt und fast besiegt ringt sich doch das Licht +immer wieder empor. Die allgemeine Anschauung von himmlischen +Lichtgöttern mag allerdings sehr wahrscheinlich als indogermanisch +gelten. <em class="gesperrt">Mannhardt</em>, der eine Zeit lang ein eifriger Anhänger +der vergleichenden Schule war, unternahm es, in Einzeluntersuchungen +(<i>germanische Mythen</i> 1858) und in zusammenhängender Betrachtung +(<i>die Götterwelt der deutschen und nordischen Völker</i> 1860) die +germanische Mythologie von diesem Standpunkte aus zu bearbeiten. Sein +Buch blieb der einzige wissenschaftlich begründete Versuch, es rief +keine neue Bewegung hervor, es bildet im Gegentheil den Abschluss +der eigentlich vergleichenden Mythologie in ihrer Anwendung auf die +germanische Überlieferung. Man erkennt klar daraus, wie viel oder wie +wenig mit dieser Methode zu erreichen war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span></p> + +<h4 id="Die_Lehre_vom_Daemonenglauben_6"><b>6. Die Lehre vom +Dämonenglauben.</b></h4> + +<p><em class="gesperrt">Wilhelm Mannhardt</em>⁠<a id="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, der aus einem einstigen Anhänger +J.W. Wolfs zur vergleichenden Schule übergetreten war, verleugnete +schliesslich auch diese und begründete eine selbständige Lehre, +die <i>Volksglauben und Volksbrauch</i>, namentlich soweit er mit +dem Ackerbau zusammenhängt, obenan stellt. Auf Grund umfassender +Sammlungen, auf Grund sorgsamer Erforschung alter und neuer +Überlieferung bekennt er sich zur Anschauung, dass Wald-, Feld- +und Hausgeister der Einbildung des Volkes zuerst lebendig wurden, +dass diese Gestalten dem niedere Volke auch stets lebendig blieben, +gleichviel welche Mythen die fortschreitende Kultur unter den höheren +Kreisen zeitigte. Diese im Kerne sich gleichbleibende Volksmythologie +war der gemeinsame Besitz der ungeteilten Indogermanen. Die Annahme +einer ausgebildeten indogermanischen Götter- und Heldensage gibt +Mannhardt zuletzt fast ganz auf. Nur einige wenige gemeinsame +Götternamen und Vorstellungen wie Dyaus-Zeus lässt er gelten.</p> + +<p>Die Untersuchung der Wald- und Feldkulte zeigt, dass diese einen +gemeinsamen Grundstock von Anschauungen und darauf beruhenden +Gebräuchen enthalten, der sich bei allen europäischen Völkern +findet, welch verschiedene Religions- und Göttersysteme sie auch +haben mögen. Die Dämonen des Erntefeldes, des Waldes, des Baumes, +die „Vegetationsgeister“ machen die Grundvorstellung aus in den +Glaubensüberlieferungen der alten und neuen Kulturvölker Europas. Nur +wenig ist von dem Mythenkreis der Dichter und Priester, der wie der +Glaube der Gebildeten über dem der Ungebildeten, d. h. der geistig und +gesellschaftlich Niedrigeren sich erhebt, in diese Überlieferungen +eingedrungen. Am meisten noch hat das katholische Christentum sich mit +ihnen vermischt, sie teilweise umgeformt oder verhüllt.</p> + +<p>Die modernen Volkssagen und Volksbräuche sind die unmittelbaren +Abkömmlinge jener urzeitlichen, wennschon auch viele spätere +Neubildungen oft erst aus der christlichen Zeit darunter begegnen. +Der Volksglaube wird zwar immer neu geboren, aber <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>jedesmal auch in +veränderter Gestalt, den Verhältnissen angepasst. Aus dem Volksglauben +wachsen dann oft höhere Mythen hervor. So wird der Sturmgeist Wode +zum Gott der Helden und Dichter, zu Wodan. Besteht einmal der Glaube +an lichte, himmlische Götter, so mögen sie manche Gestalt aus der +Dämonenschar zu sich hinauf ziehen. Entkleidet man einzelne Götter +ihres herrlichen Aufputzes, so kommen wieder die altbekannten +Spukgestalten zum Vorschein. Im allgemeinen Gedanken berührt sich also +Mannhardt mit Schwartz, dass der Kunstmythus aus dem Volksglauben +und nicht umgekehrt dieser aus jenem hervorging. Die Möglichkeit, +dass beide unabhängig seit Alters neben einander her liefen und +nur zeitweilig auf einander einwirkten, wird nicht erörtert. Im +<i>Roggenwolf</i> 1865 erklärt Mannhardt die Elementargeister für +Windgeister. Die Windfurchen im Korn waren die Spuren der in Tier- und +Menschengestalt hindurchlaufenden Geister. In den <i>Korndämonen</i> +denkt er daneben an Seelengeister. Im <i>Baumkult der Germanen</i> +1875, in den <i>antiken Wald- und Feldkulten</i> 1877, in den +<i>mythologischen Forschungen</i> wird dagegen die Pflanzenseele als +Ursprung mythologischer Vorstellungen hingestellt. Aus der Beobachtung +des Wachstums in der Pflanzenwelt habe der Mensch auf Wesensgleichheit +geschlossen und einen Pflanzengeist erdacht. Die Pflanzenseele +entwickelte weiterhin den Glauben an dämonische Wesen überhaupt. Mit +seiner Mythenerklärung irrt Mannhardt sicher; diese Gedankenreihe ist +viel zu künstlich und abstract. In seinen früheren Arbeiten stand er +in diesem Punkte der Wahrheit näher. Ferner erregt die Behauptung +indogermanischer Korndämonen Bedenken, da sie sehr entwickelten +Ackerbau voraussetzt, während wir die Indogermanen als ein schweifendes +Hirtenvolk zu denken haben.</p> + +<p>Die vergleichende Schule zumal bei Kühn und Müller nahm die kunstvollen +Göttermythen zum Ausgang, deren Ursprung aus Wind und Wolken und +Himmelslicht abgelesen wurde. Schwartz hatte mit richtigem Gefühl +die Volkssage in den Vordergrund gestellt, blieb aber in der rein +meteorischen Auslegung befangen. Mit Mannhardt tritt immer mehr +der Volksglaube als die ursprüngliche Religion in den Mittelpunkt, +dem gegenüber zumal bei den Griechen der Götterglauben wie eine +künstlerisch stilisierte Neugestaltung desselben Grundgedankens +erscheint. <em class="gesperrt">Elard Hugo Meyer</em> baute diese Ansicht aus. Er nimmt +verschiedene Entwicklungsstufen der mythischen Gestalten an nach dem +Grundsatze, dass das menschliche <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Denkvermögen vom Einfachen bis zum +künstlerisch höher Ausgebildeten aufsteige.</p> + +<p>Die erste Stufe des Volksglaubens ist die Vorstellung von +Seelengeistern, von Gespenstern. Der Geisterglaube wurzelt tief und +unausrottbar im Menschen, Vorgänge im Leben, Traum, Alpdruck, Tod +wirken zusammen, um überall bei wilden und gebildeten Völkern zumal +unter dem Eindruck der Furcht den ziemlich gleichmässig gestalteten +Geisterglauben hervorzurufen. Auf der zweiten Stufe stehen die +Naturdämonen. Die Natur wird beseelt, wo Leben und Bewegung herrschen, +im Gewitter, im Wind und Wolkenzug weben vielgestaltige Dämonen. Auf +erster Stufe enttauchen also die Geister unmittelbar aus dem Innern des +Menschen, auf zweiter Stufe tritt die Phantasie mehr in Thätigkeit. +Die physikalische Erklärung kommt wieder vollauf zur Geltung, nur +mit dem Fortschritt gegenüber der früheren Verwendung, dass nicht +einfach eine Verkörperung der Elemente stattfindet, sondern eine +Übertragung des bereits bestehenden Geisterglaubens in die bewegte +Natur. Das geheimnissvolle Leben und Weben, das der Mensch in der +Natur wahrnimmt, das mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf sein +Wol und Weh hat, wird dem Walten unsichtbarer Mächte zugeschrieben. +Und solche Wesen sind ja im Seelenglauben bereits vorhanden. Besonders +Windgeister wirken überall in Wald und Feld, in Wolken und Wassern. +Die Anthropologie hat einen fördersamen Beitrag zur Einsicht in +die Entstehung mythischer Gebilde geliefert mit dem Nachweis der +Seele und der Naturbeseelung, worin die gesamte niedere Mythologie +eigentlich beschlossen ist. Ihr Ursprung ist damit auch notwendig +überall aus der Wechselwirkung zwischen menschlicher Empfindung und +der Natur erfolgt. Bei den meteorischen Auslegungen verliert sich +Meyer freilich bald in die unwahrscheinlichen Künsteleien der älteren +Schule. Nur die allgemeine Grundlage eines Volksglaubens oder einer +Sage vermag die physikalische Deutung befriedigend nachzuweisen; +sobald Einzelheiten ausgelegt werden, verlieren wir festen Boden. +Vom niederen Dämonenglauben unterscheidet Meyer einen höheren, +den die höheren Stände aus dem gewöhnlichen Volksglauben dadurch +erschufen, dass sie geistige und sittliche Motive einwoben. Wir +treffen demnach hier nicht mehr auf Vorstellungen, die mit zwingender +Notwendigkeit aus überall gegebenen Voraussetzungen gleichmässig +erwuchsen, vielmehr auf wesentlich willkürlich erzeugte individuelle, +dichterische <span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span>Schöpfungen. Der höhere Dämonenglauben, der noch unter +den ungetrennten Indogermanen im wesentlichen entstand, entfaltete +die dritte Stufe: Götter-und Heroenglauben. Aus derselben Grundlage +erwuchs unter der Pflege der Priester der Göttermythus, beim Adel und +beim weltlichen Sänger der Heldenmythus. Daher erklären sich die längst +erkannten Berührungspunkte zwischen der Göttersage und den mythischen +Bestandteilen der Heldensage, nicht aus einem Abhängigkeitsverhältniss, +das die Helden zu „Hypostasen“ von Göttern macht, sondern aus +beiderseitigem gemeinsamem Hintergrund. In den <i>Indogermanischen +Mythen</i> 1883 und 1887 wird ein stark ausgeprägter idg. Dämonenmythus +angenommen, Sagen von Donner-und Blitzwesen, vom Sturmdämon, von +Wolkenfrauen. Ebenso in der <i>Germanischen Mythologie</i> 1891. Der +Dreiklang der Lufterscheinung, Gewölk, Wind und Gewitter, regt die +Einbildungskraft zur Schöpfung bestimmter typischer Gestalten an, +welche dann bei den einzelnen indogermanischen Völkern weiterhin +zu Göttern und Helden individualisiert werden. Wie Müllenhoff +räumt also auch Meyer der Heldensage eine wichtige Stelle in der +mythologischen Überlieferung ein. Er erkennt aber, zumal in der +germanischen Mythologie, die kaum lösbare Schwierigkeit ihrer +Verwertung an. Weder auf die eine noch auf die andre Art ist je zu +hoffen, dass Einigung darüber erzielt werde, was aus der Heldensage +als mythisch auszuscheiden, wie es mit der übrigen mythologischen +Überlieferung zu verknüpfen sei. Bedenken erregt ferner die Art, wie +Meyer die einzelnen Götter aus den höheren Dämonen ableitet. Gewiss +bestehen Berührungen zwischen Göttern und Dämonen. Namentlich Wodan +ist aus der Gespensterschar zu den Himmlischen entrückt worden. +Aber einzelne Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden. +Die höhere Mythologie steht immer über der unvertilgbaren niederen, +Wechselwirkungen nach oben und unten sind unvermeidlich, aber der +Beweis, dass die höhere Mythologie in allen Teilen gleichsam organisch +aus der niederen hervorging, ist nicht erbracht.</p> + +<p>Die mythologischen Deutungsversuche hefteten sich von jetzt ab +an die niedere Mythologie, da hier entschieden mehr Aussicht auf +befriedigende Lösung der Fragen besteht. <em class="gesperrt">Julius Lippert</em> wies +in mehreren Schriften nachdrücklich auf Seelenglauben und Seelenkult +als das eigentliche mythenerzeugende Element in allen Religionen hin; +so in seinen <i>Religionen der europäischen Kulturvölker</i> 1881, +in <i>Christentum, Volksglaube und Volksbrauch</i> 1882, <span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>in der +<i>Allgemeinen Geschichte des Priestertums</i> 1883/4. Die Thatsache, +dass überall der Seelenglaube eine grosse Rolle spielt, tritt klar +hervor. Aber Lippert irrt, wenn er im Seelenglauben die einzige +Grundlage der Mythen annimmt und alle Religionen und Mythologien +unmittelbar daraus ableitet. Nur unter Missachtung historischer und +philologischer Ergebnisse, die sich dagegen auflehnen, vermag er seine +Behauptung durchzuführen. Ungleich wertvoller ist <em class="gesperrt">Erwin Rohdes</em> +<i>Psyche Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen</i> +1890. Rohde erweist das Vorhandensein des Seelenglaubens bereits in +den ältesten Zeiten des Griechentums. Selbst hinter diesen geistig +und künstlerisch hoch entwickelten Lebensformen lagert der finstere +Gespensterglaube, der einmal dem Menschen eingepflanzt und nur +zeitweilig unter dem Einfluss höherer Bildung zurückzudämmen ist.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ludwig Laistner</em> behandelte mit feinstem poetischem Empfinden +und gründlichster Gelehrsamkeit Vorstellungsgruppen der niederen +Mythologie. <i>In den Nebelsagen</i> 1879 nimmt er die Naturerscheinung +zu Hilfe, der noch in einer uralten Zeit bereits einige Typen +erwuchsen, z. B. die Anschauung des Nebels als Wolf, des Sturmes als +Ross. Aber nur ein paar Typen sind alt, deren Individualisierung +den einzelnen Völkern zumal unter Einwirkung der Naturverhältnisse +zufällt. Das Vermögen, aus Nebelerscheinungen Sagen zu bilden, hielt +lange an. Die deutschen Nebelsagen sind nicht sehr alt; sie können +erst entstanden sein, als unsre Vorväter, ins Bergland einrückend, die +mannigfachen Gestalten des Nebels kennen lernten. Im <i>Rätsel der +Sphinx</i> 1889 wird der Ursprung des Geisterglaubens an den Alptraum +angeknüpft, der Alptraum als die Grundlage und der Ausgangspunkt +zahlloser abergläubischer Vorstellungen und Sagen erwiesen. Laistner +hat die psychologische Erklärung von der Mythenentstehung sehr +gefördert, freilich auch zu einseitig angewandt. Höchst beachtenswert +sind die Etymologien, die Laistners Schriften auch dem Sprachforscher +überaus anziehend machen. Die Namen sollen von Anfang an mit den Sagen +verknüpft sein; ihre richtige Etymologie, die ursprünglich durchsichtig +und allgemein verständlich war, weist auf denselben Vorstellungskreis +des Alptraumes hin, dem Sage und Glaube entstammen. Im Verlauf der Zeit +kam der wahre Sinn abhanden. Die Forschung muss ihn wieder herstellen. +Natürlich müssen auch die Etymologien manchen sachlichen und formalen +Widerspruch hervorrufen. Aus dem Kreise <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>der Alptraumgeister entwickeln +sich allmälig auch nach Laistner die übrigen mythologischen Gebilde. +Der Alptraum ist Keim und Kern aller Mythologie.</p> + +<h4 id="Die_Wanderung_der_Mythen_7"><b>7. Die Wanderung der Mythen.</b></h4> + +<p>Die Symboliker hatten aus allgemeinen Ähnlichkeiten eine Urreligion +erschlossen, welche mit der Menschheit von der Urheimat aus über den +Erdball verbreitet worden war. Die Anhänger der vergleichenden Richtung +vertraten eine ähnliche Anschauung, nur mit Beschränkung auf den +indogermanischen Stamm. Auch sie glaubten an eine ziemlich ausgebildete +indogermanische Mythologie, die mit den einzelnen Völkern wanderte und +nach der Trennung allerdings sich auch verschiedenartig entfaltete. +Kulte und Mythen aller Zeiten und Völker stehen in geheimnissvoller +Wechselwirkung, Ähnlichkeiten sind nicht zu verkennen. Wenn sie nicht +auf Zufall und gleichmässiger Entwicklung aus den überall gegebenen +Voraussetzungen der Wechselwirkung zwischen menschlichem Geiste +und Naturumgebung beruhen, wenn ebenso die urmenschliche wie die +urindogermanische Religion als ein Irrtum bezeichnet werden muss, +bleibt nur eine Erklärung: Entstehung an einer bestimmten Stelle und +Ausbreitung von dort aus. <em class="gesperrt">O. Gruppe</em>, <i>Die griechischen Kulte +und Mythen in ihren Beziehungen zu den orientalischen Religionen</i> +I 1887 gelangt nach Verurteilung aller bisherigen Erklärungsversuche +zur Lehre vom „Adaptationismus“, von der Entlehnung und Aufnahme +der irgendwo und irgendwie gestifteten Religionsformen. Die übrige +Menschheit war anfänglich durchaus religionslos. Gruppe sagt S. 151: +„Wir glauben hinsichtlich der auch von uns zugegebenen sachlichen +Übereinstimmungen zwischen den Kulten und Mythen der einzelnen +indogermanischen Völker den Nachweis geführt zu haben, dass sie +erstens nicht in die proethnische Urzeit hinaufreichen können, weil +sie mit dem allgemeinen Kulturzustande jener Periode in unlöslichem +Widerspruch stehen, dass sie aber ferner nicht einmal in die Periode +der einzelnen Völkergruppen zurückgeführt werden dürfen, ja dass +selbst die Anfänge der ethnischen Zeit wenigstens bei den Griechen +ohne einigermaassen ausgebildete Religionsformen gewesen sein müssen. +Damit ist nun negativ erwiesen, dass der von Müller eingeschlagene +Weg, jene sachlichen Übereinstimmungen zu erklären, unrichtig war. +Es kommt nun nur noch darauf an, dass eine andre Art der Erklärung +<span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>als die Vererbungshypothese möglich ist, d. h. dass auch nach ihrer +Trennung Inder, Griechen und Germanen zu denselben Religionsformen +gelangen konnten, indem sie sich dieselben von aussen her aneigneten. +Da als die gemeinschaftliche ausserindogermanische Quelle der bei den +indogermanischen Völkern übereinstimmenden Mythen und Kulte nur Ägypten +und das grösstenteils semitische Vorder-Asien in Betracht kommt, so +handelt es sich darum, ob wol Wege denkbar sind, auf denen ursprünglich +vorderasiatische oder ägyptische Religionsformen in grossem Umfange +nach Griechenland, nach Indien und nach Mittel- und Nordeuropa +importiert wurden.“ Also die Semiten haben die übrige Menschheit +überhaupt erst mit Religion beglückt! Was Gruppe S. 180 ff. vom +Entstehen der germanischen Religion sagt, ist höchst unwahrscheinlich. +Er glaubt dem Caesar aufs Wort, dass die Germanen damals nur Sonne, +Mond und Feuer anbeteten. „Wie hat sich das schon in der Zeit geändert, +von der uns die Germania des Tacitus berichtet! Und von dort aus +wieder welcher Abstand zu dem Zustand der germanischen Mythen und +Kulte im Zeitalter der Völkerwanderung! Fast Schritt für Schritt +können wir an der Hand äusserer glaubwürdiger Zeugnisse das Eindringen +südeuropäischer Vorstellungen in Germanien verfolgen.“</p> + +<p>Gruppes Anschauungen an und für sich verdienen alle Beachtung. Er macht +einen Unterschied zwischen dem Volksglauben und den priesterlichen +hieratischen Mythen samt den damit verknüpften Kulten. Von diesen, +also von der sogenannten höheren Mythologie gilt die Hypothese der +Wanderung. Wenn auch nicht im vollen Umfang, wie Gruppe es meint, und +einzig von dem Punkte aus, den er bestimmt, so hat doch die Annahme +von Entlehnung gerade auf religiösem Gebiet ungemein viel für sich. +Die Völker waren nicht so abgeschlossen, wie man gewöhnlich für den +ältesten geschichtlich überlieferten Kulturstand anzunehmen pflegt. +Auch steht fest, dass die religiösen Anschauungen der Germanen +im ersten Jahrhundert sich mannigfach veränderten und zwar durch +Anregung von aussen her. Tempelbau, Götterbilder, Altäre entstehen +unter römischem Einfluss. Wodan als Kulturgott ist auch nicht unter +gänzlich abgeschlossenen, fremden Einflüssen unzugänglichen Stämmen +aufgekommen. Die nordische Mythologie enthält fremde Bestandteile in +Menge, ihr ganzer Aufbau ist unmöglich aus bloss urgermanischem Gute zu +verstehen. Aber es wird noch weitreichender und langwieriger Studien +bedürfen, bis <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>die Wanderungslehre sich festigt. Oft lagern auch in +der höheren Mythologie ältere und jüngere Schichten über einander; +diese zu scheiden, ihre Herkunft zu bestimmen, dünkt uns eine schier +unmögliche Aufgabe. Die sprachlichen Grenzen fallen natürlich bei der +Wanderungslehre, wieder wie zur Zeit der Symboliker muss der Mythologe +die Religion der ganzen Welt übersehen, aber nicht auf allgemeine +Ähnlichkeiten, sondern auf Einzelheiten und immer mit strengster +Quellenkritik. Das Ziel ist noch sehr ferne und wird vielleicht nie +erreicht.</p> + +<p>In seiner geistvollen Schrift: <i>Sæledyrkelse og naturdyrkelse</i>, +1. Band, Kopenhagen 1890, gelangt der Däne <em class="gesperrt">Vodskov</em>⁠<a id="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> zu +ganz andern, Gruppe schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen. Wir +übergehen hier die höchst anziehenden ethnographischen Abschnitte +des Werkes, wo die Lehre von der allmäligen Ausbreitung des +Menschengeschlechtes über die Erde, von der örtlichen Gebundenheit +aller Kultur derjenigen von der Wanderung der einzelnen oft sehr hoch +kultivierten Völker gegenüber gestellt wird, und weisen nur kurz auf +die mythologischen Anschauungen des Verfassers hin. Er unterscheidet +drei Hauptrassen, Arier, Mongolen, Semiten. Wie ihre ganze Anlage, so +ist auch ihre Religion grundverschieden. Die Mongolen und Semiten haben +es nicht über den Seelenkult gebracht (vgl. S. CII die Abfertigung +des jüdischen Jehova, dieses „ächten Semiten“). Der Seelenkult ist +des reinen, erhabenen Gottesbegriffes unfähig, er bleibt immer in +dumpfer Beschränkung, indem der Mensch der alleinige Maassstab des +Göttlichen ist. Wol schreitet der Seelendienst zum Ahnendienst, +zur Naturbeseelung. Die Naturgegenstände sind die Äusserungen der +Seelengeister. Aber der Begriff der Seele bleibt stets ein niedriger, +erbärmlicher. Demgegenüber schwingt sich arischer Idealismus zum +Gottesbegriff auf. Wol kennen die Indogermanen auch alle Abstufungen +des Seelenglaubens, aber neben und über ihm den Götterglauben. +Die Natur ist das Göttliche und alles Sein dem göttlichen Walten +unterworfen. Gewiss ist ein grosser Unterschied, ob geglaubt wird, +in der Natur wirken Gespenster oder lichte mächtige Götter. Die +Seelenverehrung geht natürlich als die niederere Glaubensform der +Naturverehrung voraus. Ansätze zur Vergötterung der Natur zeigen zwar +auch die andern Rassen, zur vollen Entwicklung gedieh sie nur bei +den Indogermanen. <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>Vodskov hat bis jetzt seine Lehre nur allgemein +ausgesprochen, prüfen lässt sie sich erst, wenn sie im einzelnen am +Stoffe nachgewiesen sein wird.</p> + +<p>So ist kein Mangel an Lehren, aber so vielseitig auch die Fragen +beleuchtet wurden, befriedigend gelöst sind sie noch nicht. Für unsern +nächsten Zweck ist aber auch die Entscheidung über Vorgänge, welche +der Überlieferung zum Teil weit vorausliegen, nicht unentbehrlich. Wir +haben es zu thun <i>mit dem germanischen, deutschen und nordischen +Heidentum vom Beginn der Quellenzeugnisse bis zur Bekehrung, also etwa +mit dem ersten Jahrtausend</i>. Es soll annähernd bestimmt werden, +welche niedere und höhere Mythologie in diesem Zeitraume vorhanden +war. Soweit auf dem Gebiete der höheren Mythologie Einwanderung und +Entlehnung fremder, antiker oder christlicher Bestandteile, also +„Adaptationismus“ damals stattfand, soll diese Thatsache thunlichst in +den Vordergrund treten. Dagegen haben wir auch mit einem Bestand von +hieratischen Kulten und Mythen zu rechnen, mit einem Grundstock höherer +Mythologie, in dessen Besitz die germanischen Stämme um Christi Geburt +sich befanden, den sie mit andern Indogermanen gemein hatten. Denn man +darf die Germanen Caesars doch nicht götterlos, nur als Anbeter von +Sonne, Mond und Feuer denken, während zur Zeit des Tacitus bereits +ein ausgedehnter Götterglaube aus dem reinen Nichts entstanden wäre. +Wie die Germanen zu ihren vorgeschichtlichen Göttern kamen, braucht +nicht entschieden zu werden. Immerhin ist es noch wahrscheinlich, +dass die Germanen mit den übrigen Indogermanen von Urzeiten her +die Vorstellungen von lichten, himmlischen, waltenden Göttern +gemein hatten, dass diese Götterbegriffe an den Naturerscheinungen +insbesondere von Licht, Sonne, Gewitter sich entfaltet hatten.⁠<a id="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die +Persönlichkeiten der Göttergestalten, die wir erblicken, gehören aber +gerade in ihren besten und schönsten Zügen den Germanen eigentümlich zu.</p> + +<h4 id="Die_Verschiedenheit_der_einzelnen_germanischen_Kulte_8"><b>8. Die +Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte.</b></h4> + +<p>Über einzelne verschiedene Kulte in der heidnisch-germanischen Zeit +ist bei der Mangelhaftigkeit der Überlieferung wenig zu erfahren. +Doch haben einige Gelehrte besonders darauf geachtet <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>und Ergebnisse +gewonnen, welche für die Entwicklungsgeschichte der germanischen +Religion von Wichtigkeit sind. <em class="gesperrt">Müllenhoff</em> suchte nachzuweisen, +dass Tiuȥ ursprünglich Hauptgott der Germanen war, jedoch in +Niederdeutschland bald vor Wodan zurückwich. <em class="gesperrt">Uhland</em> hatte +den Unterschied des norwegischen Thorskultes und des schwedischen +Freyskultes, endlich auch das Eindringen Odins im Norden hervorgehoben. +<em class="gesperrt">Weinhold</em> (<i>Berliner Sitzungsberichte</i> 29, 611 ff.) wies +nach, dass diese verschiedenen Kulte zwischen ihren Anhängern zu +Kämpfen führten, die mit einem Vergleiche endigten. Die mit dem +Ackerbau verknüpften Bräuche wurden sorgsam gesammelt, um daraus +verlorene germanische Kultformen zu erschliessen. Solche Untersuchungen +lieferten H. Pfannenschmid, Germanische Erntefeste im heidnischen und +christlichen Kultus 1878, worin Mannhardts mythologische Anschauungen +gelten, und Ulrich Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884, worin +die erschlossenen Kultformen nicht nur auf die Wald-, Feld- und +Wachstumsgeister, sondern auch auf die Hauptgottheiten des Heidentums, +deren Spuren übereifrig aufgesucht wurden, zurückgeführt sind.</p> + +<h4 id="Die_nordische_Mythologie_ihr_Verhaeltniss_zur_deutschen_und_gemeingermanischen_9"> +<b>9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und +gemeingermanischen.</b></h4> + +<p>Eine der schwierigsten Fragen betrifft das Verhältniss zwischen +deutscher und nordischer Mythologie. Voreilig wurde eine Lösung +versucht, ehe nur die einfachsten und nötigsten Vorfragen aufgeworfen, +geschweige denn erledigt waren. Derselbe Trugschluss, dieselbe +unbewusste Geschichtsfälschung, die auf ein paar Ähnlichkeiten hin +eine hochentwickelte urindogermanische oder urmenschliche Religion +ausbauten, haben lange Zeit ebenso das wirkliche Verhältniss deutschen +und nordischen Götterglaubens entstellt. Die nordische Mythologie +muss zunächst für sich allein gründlich erforscht werden, es gilt, +die älteren und jüngeren Bestandteile aus einander zu lösen, die +Entwicklung innerhalb der nordischen Mythologie selber festzustellen, +vor allem aber die Quellen auf ihr Alter, auf ihre Zuverlässigkeit +zu prüfen, ihren Inhalt mit Hilfe der nordischen Kulturgeschichte zu +untersuchen, ehe man die Überlieferung auf Treu und Glauben hinnimmt +und zu den kühnsten Kombinationen missbraucht. Im Zusammenhang mit der +nordischen <span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>Altertumskunde betrachtet muss die nordische Mythologie +richtiger beurteilt werden, als wenn frischweg nach Lust und Laune ihr +Inhalt ausgedeutet und mit fernliegenden Dingen zusammengestellt wird.</p> + +<p>Angeregt von Grimms Deutscher Mythologie unternahmen nordische Gelehrte +zusammenfassende Darstellungen der nordischen. <em class="gesperrt">N. M. Petersen’s</em> +<i>nordisk mythologi</i> 1849 sucht den grossartigen, einheitlichen +Aufbau der Eddaüberlieferung vorzuführen; gelegentlich wird nach +verschiedenen Arten ausgelegt. In <em class="gesperrt">R. Keyser’s</em> <i>nordmændenes +religionsforfatning i hedendomen</i> 1847 (vgl. auch <i>samlede +skrifter</i> 1, 249 ff.), <em class="gesperrt">P. A. Munch’s</em> <i>nordmændenes ældste +gude- og heltesagn</i> 1853, <em class="gesperrt">K. Maurer’s</em> <i>Bekehrung des +norwegischen Stammes zum Christentum</i> 1855/6 treten die reichlichen +Nachrichten der Geschichtsquellen dem Inhalt der Edda ergänzend zur +Seite, ohne dass jedoch der grosse Unterschied vollauf gewürdigt und +richtig erklärt worden wäre.</p> + +<p>Schon vorher war ein beachtenswerter Versuch gemacht worden, die +Entwicklungsgeschichte im überlieferten Stoffe nachzuweisen. <em class="gesperrt">Martin +Hammerich</em> legte 1836 in seiner trefflichen Schrift „<i>om +ragnaroksmythen</i>“ zuerst den kritischen Maassstab an die bisher +nur bewunderte und mystisch ausgedeutete nordische Mythologie. Er +hebt den Widerspruch zwischen der lebensfreudigen Götterwelt Odins +und dem zukünftigen Friedensreiche des ungenannten Gottes, der in +der neuen Welt herrschen wird, hervor. Unmöglich könne von Anfang an +die Götterwelt dem Untergang durch Feuer geweiht gewesen sein. Es +gab eine Zeit, da die Asen ewig und unsterblich waren. Erst spät, +als der Heidenglaube sich innerlich überlebt hatte, erhub sich das +zukünftige Reich des ewigen Gottes über dem endlichen Reiche Odins. +Die „Götterdämmerung“ wird als letzte Entwicklungsstufe der Mythologie +aufgefasst, ausschliesslich den Nordleuten und den letzten Zeiten +des Heidentums zugewiesen. Der Schluss, die Götterdämmerung und das +Friedensreich aus den Strömungen des 9./10. Jahrhunderts, d. h. aus +fremden Einflüssen zu erklären, wird aber noch nicht gewagt.</p> + +<p>Jedoch aus der blossen Betrachtung des Inhaltes der nordischen +Mythologie waren keine festen Ergebnisse zu gewinnen, dazu bedurfte es +eingehender Prüfung der einzelnen Quellen. Die nordischen Denkmäler +erschienen in stetig sich verbessernden Ausgaben. Auf der Grundlage +guter Texte nahm die nordische Geschichte <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>und Literaturgeschichte +einen gewaltigen Aufschwung. Für die sog. ältere Edda, die Sammlung +altnordischer Lieder sehr verschiedenartigen Ursprungs, Inhalts +und Alters bildet die Ausgabe Bugges 1867 den Beginn erneuten, +gründlicheren Studiums. Die wachsende Kenntniss der nordischen Sprache +und Verskunst ergab Anhaltspunkte zur genaueren Altersbestimmung der +überkommenen Lieder, der erweiterte und vertiefte Einblick in die +geschichtlichen Zustände zeigte den Hintergrund, auf dem die Gedichte +sich abheben. Auf ganz allgemeine Erwägungen hin wurde anfangs das +Alter der Lieder überschätzt.</p> + +<p>So rechnet z. B. <em class="gesperrt">W. Müller</em>, <i>Altdeutsche Religion</i>, +S. 26, den Hauptbestandteil der Eddalieder mit Sicherheit dem 8. +Jahrhundert oder Anfang des 9. Jahrhunderts zu. Die Form und Färbung +dieser Dichtungen lässt erkennen, dass sie wegen ihrer grösseren +Einfachheit und Natürlichkeit noch vor die künstlichere Skaldendichtung +des 9. Jahrhunderts zu stellen sind. Zwar einige Heldenlieder wurden +schon früher richtig ins 10./11. Jahrhundert gesetzt. Im allgemeinen +aber galt die bereits von P. E. Müller vertretene Ansicht, dass der +Grundstock der Sammlung, insbesondere die meisten Götterlieder, ins 8. +Jahrhundert fallen. Lüning in seiner Eddaausgabe 1859, S. 7 f. erachtet +die Lieder für noch älter, vor dem 8. Jahrh. entstanden. Die dänischen +Altertumsforscher erklärten die Eddalieder für urnordisch, aber meist +in Dänemark gedichtet und verlegten sie ins „mittlere“ (450–700) oder +gar ins „ältere Eisenalter“ (250–450). Gegen diese leeren Meinungen +wandte sich <em class="gesperrt">E. Jessens</em> vortreffliche Abhandlung über die +Eddalieder (ZfdPh. 3, 1871, 1–84), welche den Beginn der wahrhaft +kritischen Eddaforschung bildet und auch in ihren kühnen Behauptungen +(christlicher Einfluss in der Vǫlospǫ́, Unechtheit der Bragilieder) +immer mehr Bestätigung findet. Nach Jessen gehören die Götterlieder +dem norrönen Stamm, den Norwegern und Isländern, und sind im 10. Jh., +ja noch später, doch mit Verwendung älterer Bestandteile gedichtet. +Die Mythologie steht auf spätester norröner Entwicklungsstufe. Die +Geschichte der nordischen Sprachen hat dieses Ergebniss vollauf +bekräftigt. Urnordisch können die Lieder nicht sein, ihre metrische und +sprachliche Form erlaubt frühestens den Ausgang des 9. Jahrhunderts +anzunehmen.</p> + +<p>Die neueste, gründlichste Darstellung der altnordischen Litteratur, +<i>den oldnorske og oldislandske litteraturs historie</i> von <em class="gesperrt">Finnur +Jónsson</em> Bd. 1, 1893, S. 65 ff., wo sicherlich immer lieber zu +alt <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>als zu jung geschätzt wird, stellt 875 als äusserste Grenze +fürs älteste Eddalied, die Hǫ́vamǫ́l, auf, während die hochberühmte +Vǫlospǫ́, die Hauptquelle nordischer Mythologie, auf 935/40 angesetzt +wird. Nur also wer den Inhalt völlig von den Denkmälern trennt und +den nordischen Dichtern des 10. Jahrhunderts ein zähes Festhalten an +uralter Sagenüberlieferung beimisst, mag ein weit höheres Alter des +Stoffes behaupten, wie es Finnur Jónsson auch thut.</p> + +<p><em class="gesperrt">Henry Petersen</em>, <i>om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i +hedenold</i> 1876 suchte die längst erkannten und namentlich von +Uhland hervorgehobenen Unterschiede des nordischen Thors-, Freys- und +Odinskultes zu erklären. Er kam auf Grund umfassender Betrachtung der +Skaldendichtung, der geschichtlichen und archäologischen Quellen zum +Schluss, dass Thor der Volks- und Landesgott der Norweger sei, während +Odin bei den Skalden und am Fürstenhofe als oberster der Götter verehrt +wurde. Die nordische Kunstdichtung folgt auch in der Göttersage wie +in der Heldensage ihrem Hange, fremden, aus Deutschland zugewanderten +Stoff dem altheimischen, also Wodan-Odin dem Thor vorzuziehen. Odin ist +von der Skaldendichtung des 9./10. Jahrhunderts nicht zu trennen, dort +ist sein Reich. Im Volke leben Thor und Freyr, die nur selten und wol +immer unter höfischem, skaldischem Einfluss Odin neben sich dulden. +Die nordische Litteraturgeschichte hatte allmählig zur Erkenntniss +geführt, dass die sogen. Eddalieder den Erzeugnissen der Skaldenpoesie +zuzurechnen seien, nicht als uralte schlichte Volksballaden gelten +dürfen. Die Skaldenkunst trägt aber in Form und Gehalt ein durchaus +eigenartiges, subjektives Gepräge. Wol schöpft sie aus dem Horte +altheimischer Sagenüberlieferung, doch manches steht und fällt +mit den Skaldengedichten und reicht nicht über sie zurück. In der +Skaldenkunst kommt keineswegs der norwegische Volksglaube unmittelbar +zu Tage, eine Mythologie, die hier ihr Dasein fristet, ist nicht der +echte, eigentümlich nordische Götterglaube. Die Eddamythologie ist in +wesentlichen Stücken als Erdichtung der Skalden zu erachten, sie ist in +ihrer Gesamtheit kein getreues unverfälschtes Abbild der mit dem Kulte +des nordischen Volkes verwachsenen Mythologie, noch weniger natürlich +ein Abbild urgermanischer Mythologie. Im Thors- und Freyskult mag man +vereinzelte urzeitliche Spuren antreffen, in der Odindichtung gelangt +man zunächst auf die unmittelbare Quelle, den deutschen Wodanglauben, +der jedoch nicht unverändert, sondern im Gegenteil mit selbständigen +<span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>Zusätzen der nordischen Skalden reichlich ausgeschmückt erscheint. +Thor und Freyr entwickelten sich wol selbständig bei Norwegern und +Schweden aus urgermanischen Göttergestalten, aus Donar und Tiuȥ. Wodan +aber wanderte als Fremdling aus Deutschland in den Norden, worauf die +Überlieferung selber hinweist. Die Skalden des 9./10. Jahrhunderts +haben zwar nicht selber Odins Gestalt sich aus Niederdeutschland und +Dänemark geholt, sondern bereits in Skandinavien vorgefunden; aber +sie haben sich seiner bemächtigt und in ihren Liedern ihn zu höchstem +Rang und Ansehen erhoben, dem Gotte, dem das Volk widerstand, zu +unumschränkter Vorherrschaft das Reich der Dichtung erschlossen.</p> + +<p>Ist einmal erwiesen, dass die wichtigsten Denkmäler der nordischen +Mythologie frühestens dem 9. Jahrhundert, meistens sogar erst dem 10. +angehören, so darf die von den geschichtlichen Verhältnissen notwendig +verlangte Folgerung nicht ausser Acht bleiben. Die vorhergehenden +Jahrhunderte sind die der Wikingerzeit, da die Drachenschiffe +der Nordländer anfangs zu Heerung und Beute, später zu dauernder +Niederlassung die umliegenden Lande aufsuchten⁠<a id="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>. Nach Russland, an +die pommersche, friesische, fränkische Küste, nach England, Irland, den +Färöern, Island (von 874) liefen die Schiffe aus. Schon im Anfang des +7. Jahrhunderts ist von einem Seezug der Dänen nach Frankreich, von +einer Landung nordischer Schiffe auf Tory Island in Irland die Rede. +Aber es währte lange, bis die Fahrten regelmässiger und zahlreicher +wurden. Um 800 hatten die Wikinger-Einfälle in England und Irland +bereits bedrohlich zugenommen, 852 wurde eine förmliche Herrschaft +in Dublin aufgerichtet. Die Berührung mit fremden, christlichen, an +Kultur hochentwickelten Völkern musste zu wechselseitigen Einwirkungen +führen. Wol erschienen die Nordleute zuerst sengend und brennend und +verschwanden schnell wieder mit der gewonnenen Beute, aber es wurde +mitunter auch mit dem fremden Volke verhandelt. Entführte Frauen, +Kinder, die solchen Raubehen entsprangen, trugen zur Vermischung +der verschiedenartigsten Elemente bei. Nach erfolgter dauernder +Niederlassung ergaben sich engste Beziehungen zwischen den Einwohnern +und den Nordleuten. Mit den Stammlanden wurde der Verkehr <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>lebhaft +unterhalten. So kam es, dass einzelne Nordleute lange vor der Bekehrung +der Heimatlande auswärts Christen wurden. Sie lernten christlichen +Brauch kennen, sie hörten und sahen viel Neues, ihr geistiges Leben +empfing mannigfache Anregung. Wie die Deutschen nach den Berührungen +mit den Römern, nach der Wanderungszeit anders geworden waren als +zuvor, so ist auch die nordische Kultur nach der Wikingerzeit eine +neue, und aus der neuen Zeit heraus empfängt die nordische Mythologie +ihre Erklärung. Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher +Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie +erkannt, aber nicht erklärt worden. Der norwegische Altertumsforscher +<em class="gesperrt">Sofus Bugge</em> begründete in seinen <i>Studien über die Entstehung +der nordischen Götter- und Heldensagen</i> 1889 eine neue sachlich und +geschichtlich durchaus gerechtfertigte Auffassung dieser Thatsachen, +fand aber mehr Widerspruch als Anerkennung. In Deutschland that sich +Müllenhoff mit groben, polternden Ausfällen gegen die historische +Erklärung hervor. Die Gegner warfen sich auf zweifelhafte Einzelheiten, +auf die freilich arg willkürlichen und anfechtbaren Etymologien, um +dadurch die ganze Lehre zu stürzen. Die Aufmerksamkeit wurde von der +Hauptsache abgelenkt. Nachdem der Streit ruhiger geworden, erheben sich +immer mehr schüchterne und kühnere Zustimmungen. Die einleuchtende +Wahrheit von Bugges Grundgedanken ist einmal nicht wegzuleugnen. +Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die +nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern +nur, wie viele und auf welche Art. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den +Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung +antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger +in England und Irland kennen lernten. Die Mythologie der nordischen +Skalden ist ein Erzeugniss der Wikingerzeit; es kann daher nicht +Wunder nehmen, wenn die vielen fremden Strömungen, denen damals die +Nordleute unterworfen waren, auch in ihren Sagen sich abspiegeln. +Einen kräftigen Stoss gegen Bugge gedachte der Isländer Finnur Jónsson +im <i>arkiv for nordisk filologi</i>6, 121 ff.; 9, 1 ff. zu thun. In +seiner <i>oldnorske og oldislandske litteraturs historie</i> führt +er den Gedanken weiter aus. Jiriczek berichtete in der <i>Beilage +zur allgemeinen Zeitung</i> 1894 Nr. 79 in gedrängter Kürze +darüber. Solange man den Götterliedern der Edda ein unmöglich hohes +Alter zuschrieb, solange die kulturgeschichtliche Bedeutung <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>der +Wikingerzeit noch nicht erkannt und gewürdigt war, lag die Annahme +fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie völlig fern. Jetzt +aber fallen diese Lieder nach dem einstimmigen Urteil der Kenner +in eine Zeit, in welcher Einwirkungen aus England und Irland sehr +wahrscheinlich sind. Aber neben den Eddaliedern besitzen wir die +eigentlichen Skaldenlieder. Bragi, der älteste norwegische Skald, +dichtete vor 840, die Skalden König Haralds zum Teil vor 875. Die +unter ihrem Namen überlieferten Preislieder auf Könige und Fürsten +setzen dieselbe Mythologie voraus, der wir in der Edda begegnen. +Die Skaldengedichte sind teils unmittelbar mythischen Inhalts. Die +Skalden beschreiben Schilde, die sie zum Geschenk erhielten, auf denen +Mythen abgebildet waren, oder sie bedienen sich der höchst künstlichen +Bildersprache, deren ewige schwierige Anspielungen genauste Kenntniss +der Mythen beim Hörerkreise, also wenn auch nicht beim Volke, so doch +bei den Königsleuten, bei der höfischen Gesellschaft voraussetzen. +Nun sagt Finnur Jónsson, die Wikingerzüge seien in der ersten Hälfte +des 9. Jahrhunderts nur Sommerstreifzüge gewesen, überwintert wurde +in Irland erst 835, in England 851. Gegenseitige Einwirkungen der +Nordleute, Iren und Angelsachsen seien doch erst infolge längeren +freundlichen Verkehres möglich. Da nun in Bragis Gedichten in der +ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die nordische Mythologie vorliegt, +so kann sie nicht unter westlichen Einflüssen stehen, sondern +sie muss sich in Norwegen selber unberührt von der Wikingerzeit +entwickelt haben. Der Hypothese Bugges ist der Boden entzogen, die +Übereinstimmungen nordischer Mythen mit antiken und christlichen +Vorstellungen dürfen nicht in seinem Sinne als Entlehnungen erklärt +werden. Finnur Jónsson hat mit Recht die geschichtliche Vorfrage +beleuchtet, die vor allem beleuchtet werden muss. Das Vergleichen +der Überlieferung selber führt zu keiner sicheren Entscheidung, wenn +nicht zuvor erwiesen ist, ob fremde Einflüsse überhaupt möglich waren +oder nicht. War die nordische Mythologie, die wir aus den Eddaliedern +des 10. Jahrhunderts kennen, bereits im 9. Jahrhundert, ja schon um +800 vorhanden, geht sie ursprünglich allein aus Norwegen hervor, dann +ist allerdings englisch-irischer Einfluss weniger wahrscheinlich, +immerhin aber nicht ganz ausgeschlossen. Schon im 7./8. Jahrhundert +holten sich die Nordleute die Nibelungensage und den Wodanglauben aus +Deutschland. Beginnen auch erst am Ende des 8. Jahrhunderts Westfahrten +in grösserem Maassstabe, so <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>sind doch einzelne Züge weit älter. In +seinem <i>bidrag til den ældste skaldedigtnings historie</i> 1894 +widmete Bugge der Sache eingehende Untersuchung. Unter Hinweis auf +mehrere Abhandlungen Zimmers, welcher nordische Einflüsse im Irischen +aufdeckte, erklärt Bugge die Behauptung, vor 840 sei keine Einwirkung +aus dem Westen auf Norwegen möglich, für hinfällig. Schon die erste +Hälfte des 9. Jahrhunderts kann sehr wol die nordische Mythologie +der Skalden gezeitigt haben. Aber weit schwerer wiegt der Umstand, +dass die dem Skald Bragi zugeschriebenen und daher ins 9. Jahrhundert +verlegten Strophen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und +vermutlich auf den westlichen Inseln gedichtet wurden. Also wird die +nordische Mythologie durch überlieferte Denkmäler gar nicht für den +Anfang des 9. Jahrhunderts, sondern frühestens fürs Ende erwiesen. Die +Skaldendichtung entstand unter Einwirkung einer reichen Kulturströmung +aus England und Irland. Sie ist in Wirklichkeit nicht älter als die +Eddadichtung, mithin kann sie so wenig wie diese ohne Rücksicht auf +die Zustände der Wikingerzeit beurteilt werden. Finnur Jónsson sucht +die Entstehung der Eddalieder und älteren Skaldengedichte möglichst +nach Norwegen zu verlegen, weil die norwegische Urheimat weniger den +Verdacht fremder Einflüsse aufkommen lässt. Gudbrand Vigfusson hatte +den Gedanken hingeworfen, viele dieser Gedichte seien in den nordischen +Neusiedelungen auf den Inseln des Westmeeres verfasst worden. Diese +Behauptung wurde freilich stark angefochten. Jedoch dürfte sich +immerhin westlicher Ursprung und damit höchste Wahrscheinlichkeit der +Entlehnung fremder Züge für dieses oder jenes Gedicht noch nachweisen +lassen. Bugges Gründe sind sehr zahlreich, sachlich und formal. Alle +halten zwar nicht Stand, aber doch genug, um die blosse Behauptung +und den unbedingten Glauben der Gegner, dass die unter dem Namen der +ältesten Skalden laufenden Gedichte wirklich von ihnen herstammen, +stark zu erschüttern. Die Frage nach der Ächtheit der Asalehre ist +somit in ein neues Stadium gerückt, indem die Berechtigung ihrer +Aufstellung überhaupt bestritten wird. Aber auch hier wird der +Bescheid schliesslich günstig ausfallen, obschon sich noch manche +neue Anfechtung erheben wird. Der poetische Wert, die erhabene Grösse +der nordischen Mythologie erleidet nicht die geringste Einbusse mit +dem Nachweis, dass sie weder urnordisch noch urgermanisch, vielmehr +norwegisch ist, ein Erzeugniss der Wikingerzeit, erwachsen unter +<span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span>fremden Einflüssen, vielfach durch antike und christliche Vorbilder +angeregt, aber erfüllt von nordischem Geist, als Ganzes eine echt +nordische Schöpfung. Die nordische Mythologie ist der krönende +Abschluss der Entwicklungsgeschichte germanischer Mythologie.</p> + +<p>In meinem Handbuch habe ich die Skaldengedichte, wo es nötig erschien, +neben den Eddaliedern angeführt und zwar nach dem Zeitansatz der +Litteraturgeschichten Mogks und Finnur Jónssons. Ich wagte nicht, die +neuen Ansätze Bugges für Bragi und Thjodolf aufzunehmen. Noch wäre +es verfrüht, auch muss die ganze ältere Skaldendichtung sorgfältig +daraufhin durchgearbeitet werden. Aber es sei ein für allemal hier +bemerkt, dass wir trotz den scheinbar alten Zeugnissen die Mythologie +der Skalden schwerlich auf 800, vielmehr auf etwa 900 anzusetzen haben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine selbständige Weiterführung der Lehre Bugges bieten <em class="gesperrt">E. +H. Meyers</em> Schriften <i>Völuspá</i> 1889 und <i>Die eddische +Kosmogonie</i> 1891. Aus reicher Belesenheit in theologischen Schriften +des Mittelalters zählt Meyer viele ähnliche Züge der christlichen und +nordischen Mythologie auf. Mancher trifft zu, mancher ist gesucht; von +neuem tritt die Thatsache durchgreifender Übereinstimmungen zu Tage. +Die zwei Hauptfragen, die Entstehungszeit der nordischen Mythologie +und die unmittelbaren Vorlagen, aus denen die fremden Bestandteile +übernommen wurden, Fragen, über die volle Gewissheit nie zu erhoffen +ist, sucht Meyer bestimmt zu beantworten. Ein isländischer Theolog, +der Gelehrte Sämund († 1133), verfasste die Vǫlospǫ́, die inhaltlich +überhaupt kein heidnisches, sondern ein rein christliches Werk sei. +Ein beliebtes Thema jener Zeit, die Dichtung von der Weltschöpfung, +vom Sündenfall, von der Erlösung und vom jüngsten Gericht ward in die +nordische Gedankenwelt umgesetzt. Die nordischen Götternamen spielen +darin eine ähnliche Rolle, wie die antiken bei den christlichen +Dichtern des Mittelalters, die in lateinischer Sprache und mit antikem +mythologischem Aufputz Abschnitte aus der Heilsgeschichte vortrugen. +Snorri führte dann etwa hundert Jahre später Sämunds Arbeit in seiner +Edda vollends aus. Der eigentliche Inhalt der Vǫlospǫ́ gehört also gar +nicht der nordischen Mythologie an. Die isländische Litteratur- und +Kulturgeschichte, ebenso allgemeine Erwägungen sprechen entschieden +gegen diese Auffassung. Der Inhalt der Vǫlospǫ́ ist nordische +Mythologie des 10. Jhs.; wir haben es mit <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>einer Dichtung des +ausgehenden Heidentums zu thun unbeschadet der fremden Elemente.</p> + +<p>Gegen Bugge ist des Schweden <em class="gesperrt">V. Rydbergs</em> geistvolles Buch +<i>„undersökningar i germanisk mythologi“</i>, 2 Bde. Stockholm +1886/9, gerichtet. Zwar finden sich manche brauchbare Einfälle, aber +im Grundgedanken ist das Buch vollkommen verfehlt, indem es noch +einmal die wissenschaftlich überwundene vergleichende Mythologie in +der kühnsten Weise aufleben lässt. Die Edda wird frischweg mit dem +Veda, der Veda mit der Edda verglichen, beide auseinander ergänzt, +berichtigt, kombiniert und aus einer unmöglichen und unglaublichen +Urquelle geleitet. Wie die Edda oder der Veda samt der darin +enthaltenen Mythologie je für sich entstand, diese erste und wichtigste +Frage verschwindet völlig beim luftigen Brückenbau, den der dichterisch +hochbegabte Verfasser ohne Bedenken zwischen beiden herstellt.</p> + +<h4 id="Die_neuesten_Darstellungen_germanischer_Mythologie_10"><b>10. Die +neuesten Darstellungen germanischer Mythologie.</b></h4> + +<p>Auf Grund der aufgezählten Werke wurden neuerdings zusammenfassende +Darstellungen der germanischen Mythologie im grösseren Maassstab +unternommen von <em class="gesperrt">E. H. Meyer</em> (<i>Germanische Mythologie</i> 1891) +und <em class="gesperrt">Mogk</em> (<i>im Grundriss der germanischen Philologie</i> 1, 982 +ff.). Wir erhalten daraus einen Überblick, wie sich die germanische +Mythologie im Lichte der heute geltenden Anschauungen ausnimmt. +Meyer teilt nach seinen Grundsätzen die mythologische Überlieferung +in Seelen- und Marenglauben, endlich in den Dämonenglauben ein, +woraus er die Götter hervorgehen lässt. Die Eddamythologie musste +er als theologische Dichtung ausschliessen. Bei den Dämonen drängt +sich noch zu sehr die meteorische Deutung hervor. Aber trotz +solchen tief eingreifenden Irrtümern ist seine Mythologie eine +hochbedeutende Leistung. Mit bewundernswertem Fleisse ist das gesamte +wissenschaftliche Material bis in die entlegensten Einzelheiten +herangezogen und verzeichnet. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube und +leistet neben der Mythologie J. Grimms, deren vierte Ausgabe mit +dem Nachtragsbande wir ja ebenfalls Meyer verdanken, dem Mythologen +die wichtigsten Dienste. Bei Mogk ist der klare, vorsichtige Aufbau +zu rühmen. Auch er beginnt mit der niederen Mythologie, sucht aber +kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältniss zwischen ihr und <span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>dem +Götterglauben herzustellen. Hauptgewicht liegt auf der Quellenkritik, +die vor übereilten Behauptungen und vorschnellen Deutungen bewahrt. +Entlehnung wird in gewissen Grenzen zugegeben. <em class="gesperrt">Kauffmanns</em> kleine +deutsche Mythologie (<i>Sammlung Göschen</i> Nr. 15) 1. Auflage 1890, +2. Auflage 1893 schliesst die niedere Mythologie völlig aus und strebt +nur eine Übersicht über das an, was die alten Quellen unmittelbar vom +Götterglauben berichten. Die germanischen Götternamen der römischen +Inschriften werden nach Gebühr berücksichtigt. Die Baldrsage erklärt +Kauffmann euhemeristisch, Sagenhelden seien zu Göttern erhoben worden. +Ein grosser Waldesgott der Germanen wird aus Namenetymologien, aus +Widar, Hönir, Wali, Mitothin, Heimdall, Requalivahanus erschlossen. Aus +jugendlicher Blödigkeit habe er sich plötzlich zu Heldenschaft, zum +erhabenen Richteramt erhoben, die verborgene Kraft bewährend, aus dem +Dunkel hervorleuchtend. <em class="gesperrt">Mein eignes Büchlein</em> <i>„Götterglaube +und Göttersagen der Germanen“</i> Dresden 1894 verhält sich zu diesem +Handbuche wie ein Entwurf zur Ausführung, die aber zugleich auch vieles +zu berichtigen hat.</p> + +<h4 id="Das_Ziel_des_vorliegenden_Handbuches_11"><b>11. Das Ziel des +vorliegenden Handbuches.</b></h4> + +<p>Hiermit erübrigt noch die Bestimmung der Ziele des gegenwärtigen +Handbuchs. Mythologie ist eigentlich nur Göttersage, ein Handbuch +der Mythologie hat demnach möglichst vollständig und übersichtlich +die Göttersage darzustellen, wobei zwei Hauptpunkte in Betracht +kommen: richtige Auslegung und wenn nötig Ergänzung der mangelhaften +Überlieferung, richtige Anordnung des also gewonnenen Stoffes, womit +Fragen über Ursprung, Alter, gegenseitiges Verhältniss verschiedener +Berichte erledigt werden. Es wird Vorführung der erhaltenen oder +erschlossenen Göttersage nach ihrer Entwicklungsgeschichte angestrebt, +aber Mythendeutung, überhaupt Hinausgreifen über die Zeit der Denkmäler +möglichst vermieden. Wir müssen uns zunächst in den Grenzen unsrer +thatsächlichen Kenntnisse zurechtfinden, ehe wir mit haltlosen +Vermutungen darüber hinausschweifen.</p> + +<p>„Unter Mythologie verstehen wir die Summe der Bilder und Dichtungen, +in denen ein Volk seine religiös-poetischen Anschauungen von der +es umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften, die es als +persönliche Wesen auffasste, ausgeprägt <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>hat; wir verstehen darunter +auch die Wissenschaft, die bestrebt ist, den Gehalt, Gang und Umfang +der in diesen Dichtungen enthaltenen, inneren geistigen Entwicklung +darzulegen und deren Aufgabe daher notwendig eine historische ist.“⁠<a id="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> +Diese Begriffsbestimmung sieht vom niederen Volksglauben ab, sie +betrifft hauptsächlich die Helden-und Göttersage, allenfalls noch die +Naturdämonen, die wichtigen Seelengeister schliesst sie aus. Zu den +religiös-poetischen Anschauungen von der umgebenden Natur ergänzt E. +H. Meyer mit Recht die aus Vorgängen des Menschenlebens entstandenen +Vorstellungen des niederen Volksglaubens.</p> + +<p>Es wird überhaupt rätlich sein, die Begriffe <i>Mythologie und +Religion, Sage und Glauben</i> aus einander zu halten.⁠<a id="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> Ein Handbuch +der Mythologie muss auch die Religion enthalten, denn meistens erwächst +doch die Sage aus dem Glauben. Mit dem Glauben ist der Kult unlöslich +verknüpft. Wer an Geister und Götter glaubt, wird ihnen auch mit Opfer +und Gebet dienen, um ihren Grimm zu sühnen, ihre hilfreiche Gunst zu +gewinnen. Häufige Irrtümer scheinen daraus entstanden zu sein, dass +Religion und Mythologie nicht scharf aus einander gehalten wurden. +Die Geister und Götter, an die man glaubt, können zum Teil aus dem +psychologischen Leben des Menschen und aus den Einwirkungen der Natur +erklärt werden. Aber die <i>Sage</i>, die <i>Mythologie</i> ist bereits +eine weitere, höhere Stufe. Die Mythologie erwächst nicht unmittelbar +aus poetischer Naturanschauung, die Naturerscheinungen setzten sich +nicht unmittelbar in dichterische Bilder und Gleichnisse um, deren +Reihenfolge zu einer fortschreitenden Handlung ward. Man darf einen +Mythus, eine Sage nicht ohne weiteres in Naturvorgänge auflösen wollen. +Zwischen den letzten Ursachen und der Mythologie liegt Glaube und Kult +inmitten. Die Religion mag allenfalls als das notwendige Ergebniss +unbewussten, unwillkürlichen Denkens gelten, in der Mythologie darf +die bewusste willkürliche, individuelle und subjective Dichtung nicht +unterschätzt werden. Die Mythologie ist das geistige Erzeugniss +der Priester und Dichter, eine Poesie, die sich auf den gegebenen +religiösen Thatsachen aufbaut. Manchmal mag ein Zusammenhang zwischen +den Ursachen des Glaubens und der Mythologie unverloren sein. Im +bewusst festgehaltenen Verein mit den Ursachen der Religion kann +eine <span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span>Mythologie bleiben, z. B. die des Veda. Im allgemeinen aber +entschwindet das Verständniss der letzten Ursachen des Glaubens dem +Bewusstsein sehr bald, und dann fällt die Sage der freigestaltenden +Phantasie der Dichter anheim. Demnach scheint Mythendeutung nur dann +berechtigt, wenn sie zunächst auf Feststellung des religiösen Kernes +ausgeht und diesen allenfalls unter günstigen Umständen auslegt. +Gleicher Glaube setzt somit keineswegs gleiche, höchstens ähnliche +Sage voraus. Deutsche und Nordleute haben im Grunde einen ähnlichen, +im einzelnen vielleicht gleichen Glauben besessen, aber darum ist +die nordische Mythologie nicht mit der deutschen gleich, sie muss im +Zusammenhang mit nordischer Kultur und Dichtung beurteilt werden.</p> + +<p>Aus dem Götterglauben erwächst die Göttersage, aus dem Volksaberglauben +die Volkssage. Hier liegen die Verhältnisse einfacher. Aus den +vielen Wendungen, die aus neuer und alter Zeit, aus Nord und Süd +vorliegen, tritt fast immer der Typus, die gemeinsame Grundlage der +überall besonders erzählten Sage, klar zu Tag, sein Zusammenhang mit +dem Volksaberglauben ist beinah überall ersichtlich. Diese Typen +und ihren abergläubischen Kern, also Volkssage und Volksglauben hat +unser Handbuch ebenfalls darzustellen, sofern ihr Vorhandensein im +Heidentum wahrscheinlich ist. Die Göttersage, die höhere Mythologie, +ist natürlich ebenso verwickelter und schwieriger als die Volkssage, +die niedere Mythologie, wie die Kunstdichtung mit andern Maassen zu +messen ist als die kunstlose Volksdichtung. In einem Fall sind die +Verhältnisse einfach und durchsichtig, im anderen entziehen sie sich +als individuelle Vorgänge der Dichterseele unsrem Blick. Dazu kommt +der Umstand, dass bereits die beiderseitigen Voraussetzungen, die +religiösen Thatsachen, im Götterglauben willkürlicher gestaltet und +höher entwickelt sind als im Volksglauben. Die Wissenschaft muss oft +Entsagung üben. Es ist besser und nützlicher, bei der Göttersage +einzuhalten, wo die Erklärung versagt, als eine Erklärung zu erzwingen. +Denn nur zu schnell verliert man Grund und Boden. Der Forschung wird +besser gedient, wenn die Lösung einer Frage nur so weit geführt wird, +als sie wahrscheinlich ist, wenn die Grenzen unseres Wissens, seis auch +nur vorläufig, nicht überschritten werden, als wenn man sich und andern +Ergebnisse vortäuscht, deren Haltlosigkeit bald genug erhellt.</p> + +<p>Werden Glaube und Sage in eine förmliche Lehre gebracht, so entsteht +Theologie. Nur bei Vorherrschaft des Priestertums <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>wird eine +dogmatische Lehre, die zugleich Eigentum eines besonderen Standes +bleibt, sich entfalten. Brahmanen und Druiden haben die Religion und +Mythologie ihrer Völker zur Theologie ausgebildet, bei den Germanen +geschah dieser Schritt nicht. Eine Götterlehre brachte das Heidentum +nicht hervor. Aber in andrer Weise fand die nordische Mythologie in der +ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine systematische Bearbeitung durch +Snorri Sturluson. Zwar leiten ihn nicht theologisch-dogmatische, wol +aber gelehrte Absichten, die auf ein einheitliches System hinauslaufen, +wonach die nordische Mythologie darzustellen sei. Allzulange hat der +geschichtlichen Erkenntniss nordischen Glaubens und nordischer Sage der +Umstand geschadet, dass man Snorris Auffassung nicht vom Stoffe selber +schied.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>J. Grimms Deutsche Mythologie will den Glauben der Deutschen +wiederherstellen, wobei die nordische nur als Hilfswissenschaft dient, +Simrocks Handbuch der deutschen Mythologie nimmt den Inhalt der +nordischen Quellen einfach für Deutschland herüber. Die neueren Werke +von E. H. Meyer, Mogk, Kauffmann erweitern den Begriff deutsch zu +germanisch. So will auch dieses Handbuch verstanden sein. So gut als +möglich soll auf dem Hintergrund germanischer Glaubensvorstellungen +die deutsche und nordische Mythologie gleichermaassen zu ihrem Rechte +kommen, aber mit starker Betonung beiderseitiger Selbständigkeit. Wird +das Verhältniss zwischen germanisch, deutsch und nordisch auch nur +einigermaassen richtig erfasst, so ergibt sich von selber ein Einblick +in die Entwicklungsgeschichte im ersten Jahrtausend.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Urgermanisch, aus vorgermanischer Zeit stammend, ist nur ein kleiner +Teil religiöser Vorstellungen. So der Götterbegriff, Tiuȥ und eine +Schar von Lichtgöttern (<i>tîwôȥ</i> an. <i>tívar</i>) um ihn. Seine +Beinamen mögen sich schon frühzeitig zu besondern Gestalten entwickelt +haben, wie z. B. Donar. Ausserdem ist der allgemeine, typische +Grundstock der niederen Religion und Mythologie gemeingermanisch. +Rituelle Formen, Opferbräuche, Besprechungen u. drgl.;machten den +Kultus aus. Im übrigen aber löst sich die germanische Mythologie in +eine grosse Anzahl von örtlichen Kulten auf, die mehr oder weniger +Ausbreitung und Lebensdauer gewannen. Am kräftigsten gedieh der +istväische Wodansdienst. Die Eigenart der germanischen Stämme und +Völker <span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span>zeigt sich auch darin, wie sie einigen wenigen gemeinsamen +Typen besondere Gestalt und Bildung verliehen.</p> + +<p>Man darf die mythologische Überlieferung nicht aus den örtlichen +und zeitlichen Verhältnissen, worin sie uns entgegentritt, loslösen +und verallgemeinern. Diesen Satz sprach Müllenhoff aus, und doch +verstiess er selber dagegen, wenn er aus den verschiedensten örtlich +und zeitlich bestimmten Mythen Schlüsse zog, die an Kühnheit denen der +vergleichenden Mythologen nicht nachstanden, nur dass sie mühsamer und +mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit gewonnen waren. Hält man wirklich +daran fest, so ergibt sich von selber eine Entwicklungsgeschichte, +die jeder Zeit und jedem Stamme das Eigentum belässt, das gemeinsame +Uralte oder Entlehnte aber nur dort hervorhebt, wo es wirklich bezeugt +ist. Anders waren Glaube und Sage zur Zeit des Tacitus, anders zur +Zeit der Bekehrung, anders im Norden als im Süden, nie waren alle +diese verschiedenen Züge in einer urdeutschen, urnordischen oder gar +urgermanischen Mythologie vereinigt.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span></p> + + <h3 id="II_Die_Quellen_der_Mythologie"> + II. Die Quellen der Mythologie. + </h3> + +</div> + +<h4 id="Die_germanischen_Staemme_im_Heidentum_zur_Zeit_der_Bekehrung_1"><b>1. +Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der Bekehrung.</b></h4> + +<p>Unter dem Namen Germanen versteht man seit Caesar eine Reihe von +Völkerstämmen, die seit vorgeschichtlicher Zeit, nachweisbar seit dem +Zeitalter Alexanders des Grossen, in dem norddeutschen Tieflande, +zwischen der Weichsel und dem Rhein, auf den Inseln der Ostsee und im +südlichen Skandinavien ansässig waren. Durch gemeinsame körperliche +und geistige Eigenschaften, durch Spracheinheit und durch die gleiche +Grundlage ihres politisch-wirtschaftlichen und sittlich-religiösen +Lebens heben sich die Germanen deutlich von allen andern Völkern +als eine eigentümliche Volkseinheit ab. Die Germanen zählen zum +indogermanischen Volksstamm, dessen Ursitze die heutige Wissenschaft, +sofern überhaupt noch die Lehre von der Wanderung gilt, an den +mittleren Lauf der Wolga verlegt. Die Westindogermanen breiteten +sich westwärts aus in das Mündungsgebiet des Dnjepr, Dnjestr und +der Donau, in die waldbedeckte Tiefebene, welche durchs Schwarze +Meer im Osten, den Balkan im Süden, die transsylvanischen Alpen im +Nordwesten, die Karpathen im Norden, umgrenzt ist. Die Indogermanen +waren schweifende Hirten mit niedriger Kultur und wenig entwickelten +Götterbegriffen. Die Westindogermanen wurden zu sesshaften, Ackerbau +treibenden Viehzüchtern. Aus der europäischen Urheimat gelangten die +Griechen über den Balkan, die Italer der Save, die Kelten der Donau +entlang in ihre späteren Sitze, Slaven und Germanen rückten nordöstlich +der Karpathen den Dnjepr und Dnjestr aufwärts in ihre nördlichen, +zum Teil bis heute behaupteten Länder. Die Germanen waren zur Zeit, +da die Geschichte zuerst ihrer gedenkt, im Osten von den Slaven und +Balten, im Norden Skandinaviens von den Finnen, im Westen und Süden +von den Kelten, welche bis zum 3. Jahrh. vor Chr. <span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>das deutsche +Mittelgebirge inne hatten, umgeben. Sie zerfallen in die West-, Ost- +und Nordgermanen, aus denen die spätern deutschen und englischen, die +gotischen und wandalischen, die nordischen (schwedischen, dänischen +und norwegischen) Völker hervorgingen. Zur Zeit der ersten Römerkriege +scheinen unter den Westgermanen drei grosse Kultgenossenschaften mit +gemeinsamem Heiligtum und gemeinschaftlicher Stammsage bestanden +zu haben, die Ingwaeonen an der Nordsee mit dem Nerthustempel, die +Istwaeonen am Rhein mit dem Tamfanatempel und späteren Wodankult, +die Erminonen im Binnenland mit dem Haine des allwaltenden Tiuȥ. Die +zahlreichen Stämme können hier nicht aufgezählt, ebensowenig kann ihre +spätere Entfaltung zu den grösseren Bünden der Franken und Alamannen +geschildert werden. Die Geschichte der Germanen im Westen und Süden +wird bestimmt durch das Zurückweichen der Kelten und das Vordringen +der Römer. Die Germanen breiteten sich nach Süden Rheinaufwärts und +zur Donau hin aus. Die Ostgermanen verliessen in der zweiten Hälfte +des 2. Jahrhunderts nach Chr. ihre Sitze zwischen Oder und Weichsel +und wanderten wieder südwärts zum Schwarzen Meer, wo von 214 ab ihre +Kämpfe mit Ostrom anheben. Von ihrem Heidentum ist wenig bekannt, denn +die römischen Geschichtschreiber des 1. Jahrhunderts wissen mehr von +den ihnen naheliegenden Westgermanen als von den fernen Ostgermanen. +Und als die Goten am Schwarzen Meere auftauchten, wandten sie sich bald +dem Christentum zu. Übers Heidentum der Westgermanen hören wir auch nur +vereinzelte gelegentliche Bemerkungen der antiken Geschichtschreiber, +später berichten christliche Quellen davon. Also kein unmittelbares, +unverfälschtes Zeugniss, keine selbständige zusammenhängende Mitteilung +steht zur Verfügung. Am besten sind wir immerhin vom Heidentum der +westlichen und nordwestlichen deutschen sowie der englischen Stämme +unterrichtet. Reichlich und unmittelbar fliesst die nordische, +norwegisch-isländische Überlieferung. Die Völkerwanderung, der +Untergang des römischen, der Aufgang des fränkischen Reiches bewirken +die Anordnung der deutschen Stämme, die in der Hauptsache noch heute +besteht. Um 500 rückten die Franken vom untern Rhein ins Maingebiet +und drängten die Alemannen südwärts bis zu den Vogesen und Alpen, zur +selben Zeit ergossen sich die Markomannen aus Böhmen, dem Laufe der +Donau folgend, über die Hochebene und tief in die Alpen hinein in +ihre neue <span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>Heimat, welche sie unter dem Namen Bajuwaren (Bewohner des +Landes Baja, d. i. Bojohemum, Böhmen) behaupteten. Vom Frankenreiche +gelangte das Christentum allmälig zu den übrigen Westgermanen und +wurde unter mehr oder weniger harten Kämpfen früher oder später, je +nachdem das einzelne Volk dem Frankenreiche unterworfen war oder +nicht, befestigt.⁠<a id="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Das Reich der Merowinger erhub sich um 500 als +ein katholisch-christliches, wodurch der Untergang des germanischen +Heidentums in allen Reichslanden besiegelt war. In den südlichen +Ländern war ohnedem schon durch die Berührung mit Italien dem Übertritt +zum Christentum in zahlreichen Einzelfällen vorgearbeitet. Aber die +völlige Ausrottung des Heidentums ging nur sehr langsam von statten, +die niedere Mythologie ist sowieso dem Wechsel der priesterlichen und +staatlichen Religion verhältnissmässig wenig unterworfen, so dass die +altheidnischen Grundzüge, wenn schon vielfach vermehrt und verändert, +auch unter dem neuen Glauben bis zur Gegenwart sich erhielten oder sich +immer neu erzeugten.</p> + +<p>Die fränkische Kirche that zunächst für die Ausbreitung des +Christentums fast nichts, wesshalb die dem fränkischen Reiche +unterworfenen deutschen Stämme noch lange am Heidentum festhielten. +Erst die Wirksamkeit der ins Frankenreich eingewanderten +iroschottischen Mönche belebte die kirchlichen Verhältnisse und +erstreckte sich auch auf die Mission. So erschien der hl. Fridolin +um 530 am Oberrhein, aber um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die +Alemannen noch Heiden. Erst Kolumba und Gallus richteten von 610 ab +mehr unter ihnen aus. In Baiern überwog das Heidentum bis zum Ende des +7. Jahrhunderts. Erst der Herzog Theodo machte 696 mit der Bekehrung +Ernst, indem er den Bischof Ruprecht von Worms ins Land rief. Nur in +Friesland nahm die fränkische Kirche selber die Missionsthätigkeit +auf, wobei freilich <span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span>auch Rücksichten des Handels und der Politik +mitwirkten. Wichtiger, auch für die Bekehrung der Deutschen, war die +Christianisierung der Angelsachsen, die sich von Anfang an ernstlicher +und innerlicher als bei den Franken und in unmittelbarer Abhängigkeit +von Rom vollzog. Im Auftrag Gregors I. ging 597 Augustinus nach +England. An König Edelbert von Kent fand der päpstliche Sendbote +einen treuen und verlässigen Helfer. Zwar ging das Bekehrungswerk der +angelsächsischen Königreiche nicht ohne Kämpfe von statten. Neben +dem Heidentum machten den römischen Geistlichen auch die zum Teil +andersgläubigen irischen Mönche, die auf eigene Faust bekehrten, zu +schaffen. Aber schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts war England +christlich geworden. Kaum waren die heimatlichen Verhältnisse geregelt, +so machten sich englische Sendboten zu den Friesen, Franken, Alemannen, +Baiern und Sachsen auf. Die fränkische Kirche war zu selbständig und +zu weltlich, hatte auch das Bekehrungsgeschäft zu lässig betrieben. +Die iroschottischen Mönche lehrten ketzerische Ansichten. Der Papst +aber strebte eine zielbewusste, einheitliche und gründliche Bekehrung +aller Deutschen an. Dazu bot sich die englische Geistlichkeit als +geeignetes Werkzeug dar. Winfrid-Bonifatius, der von 716 bis zu +seinem 755 erfolgten Märtyrertod unter Friesen, Franken, Hessen, +Thüringern, Sachsen, Baiern eifrig und wiederholt auftrat, brachte die +Christianisierung des fränkischen Reiches zum Abschluss auf der festen +Grundlage der römisch-katholischen Kirche. Im 8. Jahrhundert wird das +bereits stark erschütterte deutsche Heidentum vollends gebrochen.</p> + +<p>Am längsten bewahrten die Sachsen ihre Freiheit und ihr Heidentum. +Missionsversuche, auch der des Bonifatius, hatten nichts gefruchtet. +Karls des Grossen Sachsenkriege von 772 bis 804 fügten das Sachsenvolk +dem Reichsverbande ein. Mit strengen Gesetzen wurde die Kirchenordnung +befestigt und das Heidentum bekämpft. Um 800 waren somit die +westgermanischen Stämme dem Christentum unterworfen, das Heidentum war +als öffentlicher, staatlicher Glaube gebrochen und fristete nur noch +im Volksaberglauben ein elendes Dasein. Mit dem Untergang der freien +heidnischen Sachsen war auch die letzte Widerstandskraft der Friesen +vollends dahin.</p> + +<p>Unter Ludwig dem Frommen wurde die Bekehrung des Nordens in Angriff +genommen. Das Erzbistum Hamburg ward 831 errichtet und dem Anskar, dem +Apostel des Nordens, verliehen. Anskar und nach seinem 865 erfolgten +Tode Rimbert verbreiteten <span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>das Christentum nach Schleswig und Jütland, +ja sogar in einigen Küstenplätzen Schwedens. Aber im 10. Jahrhundert +ging die Bekehrung Dänemarks und Schwedens wieder stark zurück. Erst +als die Monarchie in Dänemark erstarkt war und König Svein (995–1014) +England eroberte, König Knut (1014–1035) die Herrschaft dort zu +behaupten wusste, trat ein entschiedener und dauernder Umschwung zu +Gunsten des Christentums ein. Denn ein rein christliches Reich war mit +Dänemark vereinigt worden. Schon die Staatsklugheit erforderte, das +Christentum in Dänemark zur ausschliessliehen Herrschaft zu bringen. +König Knut suchte das Ideal eines christlichen Herrschers, wie solches +die Kirche aufstellte, in sich zu verwirklichen. Die englische und die +deutsche Kirche wetteiferten mit einander, in Dänemark die Mission +vollends durchzuführen und das Heidentum auszurotten. Die Schweden +sind am Ende des 10. Jahrhunderts noch entschieden Heiden. Noch in der +ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grosse Masse des Volkes +heidnisch, nur wenige Christen waren vorhanden. Einzelne Könige waren +der neuen Lehre geneigt, wodurch der Mission Vorschub geleistet wurde. +Die Lage des Landes brachte es mit sich, dass länger als in Norwegen +und Dänemark, teilweise bis ins 13. Jahrhundert herab das Heidentum +Bestand hatte. Leider fehlen aber genaue und ausführliche Nachrichten +vom schwedischen Heidentum.</p> + +<p>Um so reichlicher fliessen die Quellen für Norwegen und Island. Im +9. Jahrhundert hatten sich viele Norweger in England und Irland +angesiedelt und freiwillig das Christentum angenommen. Der Übertritt +war meistens wol ein äusserlicher, um unbehindert mit der christlichen +Bevölkerung verkehren zu können. Aufgabe des Heidentums war nicht +notwendig. Viele waren Christen unter Christen, Heiden unter Heiden, +manche verleugneten überhaupt jeden religiösen Glauben, sowol den +neuen wie den alten, und verliessen sich nur noch auf sich selber. +Wenn bei solchen Leuten heidnische und christliche Vorstellungen +sich vermischen, wenn sie ihre Mythologie nur als Dichtung, nicht +als Gegenstand gläubiger Verehrung betrachten, kann das nicht Wunder +nehmen. Die Eindrücke, welche die Wikinger in der Fremde empfingen, +wirkten auch aufs Heimatland zurück, aber äusserten sich natürlich +am meisten im geistigen Leben derer, die ständig draussen blieben. +Im Jahre 872 hatte König Harald Hárfagri im Hafrsfjord gesiegt und +die Alleinherrschaft in Norwegen aufgerichtet. Viele Edle und freie +Bauern, die sich in den neuen Verhältnissen nicht zurecht <span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span>finden +konnten, verliessen Norwegen und suchten auf den britischen Inseln und +auf Island, das kurz zuvor erst von Wikingern entdeckt worden war, +eine neue Heimat. Binnen kurzem erhielt Island seine Bevölkerung, +die teils aus unmittelbar hinüber gefahrenen Norwegern, teils aus +Leuten, die eine Zeit lang auf den britischen Inseln gewohnt hatten, +bestand. König Harald suchte nemlich auch die nordischen Bewohner +jener Inseln sich zu unterwerfen und wagte kriegerische Seezüge gegen +sie. Darum suchten viele auf dem fernen Island sichere Zuflucht +gegen die Übergriffe des norwegischen Königs und fanden sie auch für +Jahrhunderte. Unter den isländischen Ansiedlern waren auch einzelne +Christen, Nordleute, die in England oder Irland den Glauben gewechselt +hatten. Aber sie verschwanden bald unter der überwiegenden Masse +der Heiden. In Norwegen setzte die Bekehrung ein, welche, einmal im +Stammlande siegreich, auch die Neusiedelungen dem Kreuze beugte. Hakon +der Gute, ein Sohn Haralds, der von ca. 935–961 regierte, war in +England erzogen und getauft worden. Er war ein überzeugter Christ und +suchte sein Land zu bekehren. Aber der Erfolg blieb ihm versagt. Olaf +Tryggwason, der 993 ebenfalls in England getauft worden war, zwang +Norwegen von 995 an zum Christentum. Er bekämpfte das Heidentum mit +aller Macht, und mancher tapfere Held büsste seine Treue an den alten +Göttern mit dem Leben. Als Olaf im Jahr 1000 den Tod fand, erfolgte +alsbald ein Rückfall ins Heidentum. Aber Olaf Haraldsson (1014–1031), +nach seinem Fall heilig gesprochen, nahm die Arbeit von neuem auf +und setzte das Christentum mit rücksichtsloser Strenge durch. Die +Isländer, welche seit 981 von mehreren Sendboten heimgesucht worden +waren, entschlossen sich am Allding des Jahres 1000 zur Annahme des +Christentums als Staatsreligion. Die heidnische und christliche +Partei war nahe daran, in offenen Kampf einzutreten. Da gelang es der +Weisheit des Gesetzsprechers Thorgeir, das drohende Unheil abzuwenden, +indem er, um die Einheit des Freistaates und die Unabhängigkeit des +Volkes zu retten, lieber den Heidenglauben dran gab. Eine Trennung +hätte sicherlich Islands Selbständigkeit gefährdet, der norwegischen +Krone willkommenen Anlass gegeben, in die isländischen Verhältnisse +einzugreifen. So ging Islands Übertritt zum Christentum ohne jede +Gewaltthat vor sich, auf kühle Erwägung und kluge Entschliessung der +Führer im Volke. Das Heidentum wurde abgeschafft, aber nicht grausam +verfolgt. Erst viel später mit dem Erstarken der kirchlichen Zucht +<span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>machen sich strengere Verbote gegen heidnischen Brauch geltend. Die +nordische Mythologie, die mit der Skaldenkunst aufs innigste verknüpft +war, wurde vom Glaubenswechsel wenig berührt. Nach wie vor fand sie +Pflege. Überhaupt hat die Überlieferung der Heidenzeit durch die +Bekehrung auf Island nicht Not gelitten. Die Annahme des Christentums +hatte keine Verachtung und Feindschaft gegen die alten Sagen im +Gefolge. So konnten noch im 12./13. Jahrhundert genug heidnische Lieder +des 10. Jahrhunderts und Erzählungen aus der Heidenzeit gesammelt, +aufgeschrieben und litterarisch bearbeitet werden.</p> + +<p>Die Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum geschah nicht +überall nach denselben Grundsätzen. Wo sich gar noch Eroberungs- und +Unterwerfungsgelüste hinzugesellten, wie bei den Franken gegen Sachsen +und Friesen, wurde alles, was den alten Göttern und deren Dienst +angehörte, mit Feuer und Schwert ausgerottet. Besser stand es dort, +wo die Bekehrung ohne politische Zugabe nur durch die Glaubensboten +stattfand. Diese mussten sich zu milderem Vorgehen bequemen, durften +nicht allzu schroff auftreten und mussten nach einer Bekehrung von +innen heraus trachten. Das war für die Erhaltung alter Bräuche +günstiger. Die berühmte Weisung Gregors an Augustinus, den Bekehrer der +Angelsachsen, zeugt dafür, wie weit die Duldung gehen konnte. Statt +alles Alte zu vernichten und auf den Trümmern Neues zu bauen, zielt +die andre Lehre dahin, das Bestehende möglichst zu schonen und daran +anzuknüpfen.</p> + +<p>Von der Mitte des 4. Jahrhunderts, da die Westgoten Christen +wurden, bis gegen das Jahr 1000 währt die Bekehrungsgeschichte +der germanischen Völker. Sehr verschiedenartig gestaltet sich der +Kampf des neuen und alten Glaubens, sehr verschiedenartig aber sind +wir auch davon unterrichtet. Meist stehen uns nur mangelhafte, +feindselige Schilderungen zu Gebot, aus denen nur schwer ein +einigermaassen zusammenhängendes Bild zu gewinnen ist. Wir vernehmen +mehr von Kultbräuchen und vom Glauben als von Sagen. Eher eine +Religionsgeschichte als eine Mythologie ist daraus zu gewinnen. Umso +wertvoller sind die unvergleichlichen nordischen Denkmäler, die in +heimischer Sprache und heimischer Gesinnung abgefasst unmittelbar +das nordische Heidentum uns erstehen lassen. Aber alle Anerkennung, +alle Freude an diesem Horte erhabener Poesie darf nicht zu +ungerechtfertigter Verwendung verführen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p> + +<h4 id="Die_Quellen_der_germanischen_Mythologie_2"><b>2. Die Quellen der +germanischen Mythologie.</b></h4> + +<p>Die Quellen germanischer Religion und Mythologie⁠<a id="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> bestehen +aus <i>mittelbaren Zeugnissen</i> und aus <i>unmittelbarer +Überlieferung</i>. Sie reichen von den ältesten Zeiten bis zur +Gegenwart, insofern auch aus dem heutigen Volksglauben manches für den +der heidnischen Zeit zu lernen ist. Aber von grösster Wichtigkeit sind +doch die Quellen der heidnischen Zeit selber, nur dass wir für die +Westgermanen leider fast immer aus zweiter Hand schöpfen. Die Zeugnisse +der römischen Schriftsteller entbehren der Genauigkeit. Auch stört +die oberflächliche interpretatio romana, welche auf Äusserlichkeiten +hin eine römische Gottheit an Stelle der germanischen nennt. Der +Berichterstatter entgeht dabei kaum der Versuchung, die ihm geläufigen +Vorstellungen auf die völlig verschiedenen germanischen Verhältnisse zu +übertragen. Beobachter, die einem fremden Volke angehören, sind ausser +Stand, objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten. Was sie +wissen, hängt von allerlei äussern Zufälligkeiten ab. Ebenso schlechte +Gewährsleute aber sind die späteren christlichen Schriftsteller, die +dem Heidentum feindselig gegenüberstehen, denen alles Verständniss +abgeht und die gerne absichtlich verschweigen. Da wir aber fast allein +auf solche Zeugen angewiesen sind, denen der Geist germanischer +Religion und Mythologie durchaus fremd und unverständlich ist, die es +nicht einmal mit Angabe der Thatsachen genau nehmen, so ist unsere +Kenntniss leider sehr beschränkt und unzuverlässig. Stets muss man +auf genaue Prüfung der einzelnen Zeugen bedacht sein, um darnach die +ihren Mitteilungen zu Grunde liegenden wirklichen Thatsachen möglichst +unverfälscht heraus zu schälen. Solche Kritik ist übrigens ebenso der +unmittelbaren Überlieferung gegenüber von Nöten, besonders wenn es sich +um Verallgemeinerung handelt.</p> + +<h4 id="Deutsch-englische_Quellen_4"><b>3. Deutsch-englische Quellen.</b></h4> + +<p>Von antiken Autoren äussern sich über die germanische Religion +<em class="gesperrt">Caesar</em> (<i>Bell. gall.</i> 6, 21), <em class="gesperrt">Plutarch</em> (<i>Vita +Caesaris</i> c. 19), <em class="gesperrt">Appian</em> (<i>Roman. hist.</i> 1, 4, 3), +<em class="gesperrt">Strabo</em> (<i>Geographicorum</i> lib. 7, 2), <span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span><em class="gesperrt">Plinius</em> (in +den verlorenen <i>Bellis Germaniae</i>), <em class="gesperrt">Tacitus</em> (<i>Germ.</i> +9, 39, 40, 43; <i>Ann.</i> I, 51; II, 12; XIII, 55, 57; <i>Hist.</i> +IV, 14, 22, 61, 65, 73; V, 22 ff.), <em class="gesperrt">Sueton</em> (<i>Vitellius</i> c. +14, <i>Domitian</i> c. 16), <em class="gesperrt">Sozomenus</em> (<i>Hist. eccl.</i> 6, +37), <em class="gesperrt">Claudianus</em> (<i>Consul. Stilichonis</i> 1, 288; <i>Bell. +get.</i> 528, 542), <em class="gesperrt">Orosius</em> (<i>Hist.</i> 5, 16), <em class="gesperrt">Ammianus +Marcellinus</em> (<i>Hist.</i> 14, 9; 25, 5, 17), <em class="gesperrt">Agathias</em> (2, 6; +28, 5), <em class="gesperrt">Procopius</em> (<i>Bell. got.</i> 2, 4 ff.; 15, 25).</p> + +<p>Aus der heidnischen Zeit, da die Germanen im Verkehr mit den Römern +standen, bieten sich auch einige wenige unmittelbare Denkmäler. +Germanische Söldner im römischen Heerdienst ahmten die Sitte der +<i>Weihsteine mit Inschriften</i> ihren römischen Kameraden nach. Sie +errichteten ihren heimischen Göttern Altäre, oft sogar mit Bildern +geschmückt. Meist wurde die interpretatio romana angewandt, aber durch +Zusatz eines germanischen Beiwortes die deutsche Gottheit bezeichnet +z. B. Mars Thingsus, Hercules Magusanus; manchmal stand der deutsche +Name allein, wobei aber die Skulptur die interpretatio romana zum +Ausdruck bringen konnte, z. B. Nehalennia (mit Isisbildern), Hludana, +Deus Requalivahanus. Die Altäre sind bis zum letzten Meisselstich +römische Arbeit, die Bilder gehören dem Gedankenkreise der römischen +Mythologie an. Man darf sie nicht auf germanische Mythen auslegen. Der +Gewinn, den uns die germanischen Weihaltäre gewähren, ist sehr gering. +Die Schlussfolgerungen sind ganz unsicher, mehr nur ein glückliches +Raten. Denn der einzige Anhaltspunkt bleibt stets das mutmaassliche +germanische Wort. Aber dessen Sinn ist allein mit Hilfe der +Etymologie zu bestimmen, und wenn auch die Etymologie mit annähernder +Sicherheit erschlossen ist, so bleiben doch immer noch viele Zweifel, +welche Bedeutung der Name oder Beiname für die Mythologie hat. So +ist allerdings im Hercules Magusanus der starke Donar unschwer +erkennbar, aber die Formel Mars Thingsus bleibt unerklärt, obschon +die Etymologie von Thingsus keine Schwierigkeit macht. Nehalennia, +Hludana, Requalivahanus lassen mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit die +widersprechendsten Auslegungen zu.</p> + +<p>In lateinischer Sprache von christlichen Verfassern geschriebene +Werke kommen fürs spätere Heidentum der Westgermanen in Betracht. +Obenan stehen die <i>Lebensbeschreibungen der Bekehrer</i>, worin +häufig auf das besiegte Heidentum eingegangen wird. Die <i>Vita +Columbani</i> und die <i>Vita St. Galli</i> wissen Einiges von den +heidnischen Bräuchen der Alemannen. Die <i>Vita Bonifatii</i> und die +<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span><i>Bonifatiusbriefe</i> geben über Mitteldeutschland und Friesland +Aufschluss. Von Friesland erzählen die <i>Vita Liudgeri</i> und die +<i>Vita Willehadi</i>. Die heidnischen Zustände der nordischen Völker +berührt mehrfach die <i>Vita Anskarii</i>. Über die Skandinavier +berichtet <i>Adam von Bremen</i>. Die angelsächsische Bekehrung +schildert des Bäda <i>Historia ecclesiastica</i>. Reichhaltig, da +sie fortwährend Heidnisches bekämpfen, sind die <i>kirchlichen +Gesetze, Bussordnungen, Concilsbeschlüsse, Papstbriefe, Predigten, +Taufgelöbnisse</i> u. drgl. Sie sind zwar oft nach einem allgemeinen +Schema entworfen und dürfen nicht in allen Einzelheiten fürs +germanische Heidentum in Anspruch genommen werden. Aber sie sind +andererseits auch häufig gerade im Hinblick auf ein bestimmtes +Land und mit Einfügung der landesüblichen Ausdrücke abgefasst. So +die <i>Sächsische Abschwörungsformel</i>, die Wodan, Donar und +Saxnot nennt, und das alte Verzeichniss sächsischen Aberglaubens +(<i>Indiculus superstitionum et paganiarum</i>), welche aus der Zeit +der Sachsenmission stammen. Hefeles <i>Konciliengeschichte</i>, +Wasserschlebens <i>Bussordnungen der abendländischen Kirche</i>, Cruels +<i>Geschichte der deutschen Predigt</i> gewähren einen guten Überblick +über das, was aus solchen Akten für die Mythologie zu lernen ist.</p> + +<p>Die <i>Geschichtschreiber der germanischen Stämme</i> kommen, wo +sie von der Urzeit berichten, häufig auf Mythen zu sprechen; so +Jordanes in der <i>gotischen Geschichte</i>, Gregor von Tours in der +<i>fränkischen</i>, Paulus Diaconus in der <i>langobardischen</i>, +Bäda in der <i>englischen</i>, Widukind in der <i>sächsischen</i>, +Dietmar von Merseburg in seiner <i>Chronik</i> und andere mehr. Am +ergiebigsten sind auch hier die <i>nordischen Geschichtsquellen</i>. +Wie die kirchlichen, so haben auch die <i>weltlichen Rechtsquellen</i> +oft Veranlassung, heidnische Zustände zu erwähnen. So Karls des Grossen +<i>Capitulatio de partibus Saxoniae</i> und viele <i>angelsächsische +Gesetze</i>. Viele <i>Orts- und Personennamen</i> sind mit mythischen +Bestandteilen gebildet, z. B. mit Wodan, Donar, Fro, Ans, Alb +u. ä. zusammengesetzt, und verstatten dadurch einen Schluss auf +den Vorstellungskreis, dem sie entstammen. <i>Wochentagsnamen</i> +und <i>Pflanzennamen</i> gehören ebenfalls hierher. Die <i>ältere +Sprache</i>, die namentlich in den ahd. Glossen uns aufbewahrt ist, +in Einzelheiten auch die Sprache der erst in der christlichen Zeit +abgefassten epischen Gedichte, z. B. der altsächsische Heliand und +die zahlreichen angelsächsischen Stabreimgedichte, enthalten viele +Ausdrücke aus dem Heidentum. Manche Vorstellungen, z. B. die der +Schicksalsfrau Wurd, Bezeichnungen <span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>von Göttern und Geistern, viele +Thatsachen des Götterdienstes, des Priester-, Opfer- und Tempelwesens +werden mit Hilfe der Sprache als gemeingermanisch erwiesen. In den +ältesten, dem Heidentum zunächst stehenden Denkmälern halten sich viele +uralte Ausdrücke, deren echter heidnischer Begriff so gut als möglich +ins Christliche umgesetzt ist, die später grossenteils verschwanden.</p> + +<p>Die unmittelbare Überlieferung in deutscher Sprache ist sehr dürftig +und auch nicht vollkommen verständlich. Die <i>Runeninschrift auf +der Nordendorfer Spange</i> ruft Wodan und Donar zu irgend einer +Weihhandlung an. Am meisten bieten immerhin die Zaubersprüche, in +Deutschland die beiden berühmten <i>Merseburger Sprüche</i>, in +denen Götter und Göttinnen genannt sind, ferner einige jüngere +Sagen, in welchen heidnische und christliche Bestandteile durch +einander laufen⁠<a id="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>. Aus England bieten sich mehrere ebenso wertvolle +<i>Zauberformeln</i> dar, die auf Woden, die Erdgöttin und die +Kampfjungfrauen Bezug nehmen. Die Auslegung dieser rein heidnischen +oder christlich-heidnischen Segen ist aber in vielen Einzelheiten +sehr unsicher. Lachmann, Müllenhoff, E.H. Meyer und andere suchen die +Heldensage in grösserem Umfang für die Göttersage zu verwerten. Aber +noch ist keine allseitig befriedigende Lösung der Frage gefunden, +wieviel und was die Mythologie, d. h. die Geschichte der Göttersage und +des Heidenglaubens, aus der Heldensage für sich in Anspruch nehmen darf.</p> + +<p><i>Volkssage und Volksaberglaube des Mittelalters und der Neuzeit</i> +bilden eine wichtige Quelle für die Mythologie. Ihre Verwertung +ist aber mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Zunächst muss +das Verhältniss zwischen höherer und niederer Mythologie richtig +gestellt werden. Hierauf muss die Volksüberlieferung für sich +allein auf ihre Verwendbarkeit sorgsam geprüft werden. Vieles, was +wir nur aus Volkssagen der Gegenwart wissen, <i>kann</i> <span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>bereits +germanisch-heidnisch gewesen sein, aber nicht alles <i>muss</i> aus +der Urzeit herstammen. Die Volksüberlieferung ist in ständigem Flusse +begriffen, Neubildungen und Entlehnungen sind an der Tagesordnung. +Unsre nächste Aufgabe geht dahin, zu bestimmen, welche niedere +Mythologie im Heidentum neben der höheren herlief. Sofern sie mit +der altheidnischen in den Grundzügen übereinstimmt, muss die spätere +Volkssage ergänzend herangezogen werden. Um festzustellen, wieviel +alt und heidnisch ist, dient wieder an erster Stelle die Sprache, +welche lehrt, ob ein Begriff gemeingermanisch ist. Ferner ist Gewicht +darauf zu legen, eine Sage oder Vorstellung in möglichst alten Quellen +nachzuweisen. Je näher die Überlieferung der heidnischen Zeit gerückt +wird, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits im +Heidentum vorhanden war. Besonders wertvoll sind die Parallelen, +welche sich aus den altnordischen Quellen in reicher Fülle ergeben. +Viele Sagen erscheinen überhaupt mit dem nordischen Götterglauben +gleichzeitig. Begegnen sie, selbst in jüngerer Fassung, in Deutschland +und England wieder, so ist die Annahme gemeinsamer Herkunft aus +dem Heidentum erlaubt, zumal wenn die Sprache den Grundbegriff +als urgermanisch erweist. Gleichheit von Märchen und eigenartigen +Sagen deutet zwar auf Wanderung und Entlehnung, aber anders ist die +Übereinstimmung typischer und abergläubischer Vorstellungen wie der +Seelengeister, Maren, Elbe und Riesen zu beurteilen. Ältere Sammlungen +zur Volkskunde sind des Gervasius von Tilbury <i>otia imperialia</i> +um 1211, des Caesarius von Heisterbach († 1240) <i>dialogus +miraculorum</i>, des Hans Vintler <i>Blumen der Tugend</i>⁠<a id="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> um +1411, die <i>Zimmerische Chronik</i> 1566, die Werke des Prätorius +im 17. Jahrhundert, die <i>gestriegelte Rockenphilosophie</i> 1706. +Die methodische Sammlung aus den älteren Aufzeichnungen und aus der +mündlichen Überlieferung der Gegenwart unternahmen die Brüder Grimm +in den <i>Kinder- und Hausmärchen</i> 1812–14, in den <i>deutschen +Sagen</i> 1816–18, J. Grimm im <i>Aberglauben</i> (in der ersten +Ausgabe der Mythologie 1835; wiederholt im 3. Bande 1878 S. 401–508). +An dem in diesen Arbeiten gegebenen <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>unübertrefflichen Muster erstand +die wissenschaftliche Sammlung und Sichtung der Volksüberlieferung, +eine Aufgabe, die jetzt von Vereinen besorgt wird⁠<a id="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>.</p> + +<h4 id="Nordische_Quellen_4" title="4. Nordische Quellen"><b>4. Nordische +Quellen.</b>⁠<a id="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[22]</span></a> +</h4> + +<p>Der Wert der nordischen Überlieferung beruht vor allem darauf, dass +sie unmittelbar in heimischer Form geboten wird. Zwei Hauptströmungen +sind zu unterscheiden: die Nachrichten der Skalden, die teilweise dem +ausgehenden 9. und dem 10. Jahrhundert angehören, obschon sie erst am +Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert zur Niederschrift +kamen, und die Nachrichten der in Prosa verfassten Geschichtsquellen, +der <i>Sögur</i>. Aus letzteren gewinnen wir ein Bild des +<i>Glaubens</i>, bei den Skalden erfahren wir die <i>Sagen</i>. +Religion und Mythologie sind aber teilweise verschieden, die nordische +Mythologie in ihrer Gesamtheit ist nicht unmittelbar aus dem lebendigen +Kult und Glauben des norwegischen Volkes hervorgegangen. Die nordische +Mythologie, die im Kreise der Skalden, der höfischen Kunstdichter, +entstand, enthält mehr fremde Bestandteile, stellt die aus Deutschland +zugewanderte Gestalt Odins in den Mittelpunkt, während die Religion +des nordischen Volkes die altheimischen Götter nicht zurückdrängen +lässt, Fremdes eher ablehnt. Der Gegensatz des abenteuernden Wikings +und des sesshaften Mannes, des Edelings und des Bauern gelangt in der +nordischen Mythologie und Religion zum Ausdruck.</p> + +<p>Von den Skalden sind diejenigen am wichtigsten, welche noch +dem Heidentum angehören. Zur Kunstdichtung sind auch die sog. +<i>Eddalieder</i> zu zählen, die allerdings einfachere Formen anwenden, +aber aus dem Anschauungskreise der Skalden nicht heraustreten, +jedenfalls nicht als blosse Volksdichtung betrachtet werden dürfen. Die +Skaldengedichte sind in doppelter Weise für die nordische Mythologie +von Belang, ihrer Form und ihres Inhalts willen. Das <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>eigentliche +Thema der Skaldengesänge ist Fürstenlob, aber das Hauptgewicht fällt +neben allerlei metrischen Künsteleien auf die sprachliche Einkleidung. +Der Skald gefällt sich in der Umschreibung einfacher Begriffe, im +Ungewöhnlichen. Synonymik ist sehr beliebt, Odin wird lieber mit einem +seiner Beinamen genannt als mit seinem gewöhnlichen Namen. Daher +sind die Skalden auf möglichst reichhaltige Sammlung von synonymen +Ausdrücken, bei den Göttern auf vollständige Verzeichnisse aller +ihrer Beinamen bedacht. Solche Beinamen entstammen aber besondern +Eigenschaften oder Handlungen der Götter. Ferner befleissigen sich +die Skalden verwickelter Bilder und Umschreibungen, die mit Vorliebe +aus der Götter- und Heldensage geholt sind. Die Auflösung der +<i>„kenning“</i>, d. h. der Umschreibung, in die zu Grunde liegende +Sagenvorstellung ist oft sehr schwierig. Jedenfalls setzt eine solche +Verwendung der Göttersage, dass jede Anspielung sofort verstanden +wird, deren genaue Kenntniss bei Dichter und Zuhörer voraus; um 900 +muss die nordische Mythologie in den Kreisen, für welche die Skalden +dichteten, mit allen ihren Feinheiten ganz geläufig gewesen sein. +Endlich haben die Skalden auch geradewegs Mythen dargestellt, berühren +sich also auch im Inhalt unmittelbar mit den sog. Eddaliedern. Ohne +diese aber und ohne Snorri wäre uns die nordische Mythologie nur +mangelhaft bekannt. Denn die dunkeln Anspielungen der Skalden versteht +nur der, welcher in der Mythologie bereits bewandert ist. Um 1240, +nach andern schon am Ende des 12. Jahrhunderts, veranstaltete ein +Isländer eine <i>Sammlung von Götter- und Heldenliedern</i>⁠<a id="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>, +worin alles Aufnahme fand, dessen er habhaft werden konnte. Gedichte +der gleichen Art sind auch sonst vereinzelt auf uns gekommen, ein +Beweis, dass im 12./13. Jahrhundert auf Island noch eine grosse Anzahl +von solchen Gedichten vorhanden war, dass jene Sammlung keineswegs +erschöpfend war. Eine Pergamenthandschrift der Sammlung entdeckte +1643 der isländische Bischof <em class="gesperrt">Brynjolf Sveinsson</em>; sie wird +jetzt auf der kgl. Bibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt und bildet +die Hauptquelle unsres mythologischen Wissens. Brynjolf gab einer +Abschrift, die <span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>er vom Codex nehmen liess, ohne jede Gewähr als reine +Vermutung den Titel <i>Edda</i> und schrieb sie dem 1133 verstorbenen +isländischen Gelehrten <i>Saemund</i> zu. Als <i>„Saemunds Edda“</i> +wurde eine Sammlung bezeichnet, die lange nach Saemunds Tod erst +zu Stande gekommen war, ein Titel wurde ihr beigelegt, den sie nie +geführt hat. Aber Brynjolfs irrige Meinung erfreute sich lange Zeit +allgemeiner Anerkennung und rief allerlei neue Irrtümer hervor. Man +machte sich Gedanken über Saemunds Anteil, galt er doch zuweilen sogar +als Verfasser. Brynjolfs Hypothese hat nicht zum wenigsten verschuldet, +dass man so lange über die Bedeutung und die wirkliche Beschaffenheit +der Sammlung im Unklaren blieb. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr +über die Ungehörigkeit der Bezeichnung <i>„Saemunds Edda“</i>. Nur +in veralteten Lehrbüchern und in oberflächlichen populären Schriften +wird sie angewandt. Von den Liedern der Sammlung ist jedes für +sich allein auf Alter und Herkunft zu prüfen, sie bilden keinerlei +Einheit. Zwar erheben sich alle Götterlieder auf der gemeinsamen +Grundlage der nordischen Mythologie, im wesentlichen derselben, die +hinter den Skaldengedichten steht. Aber sonst zeigt sich kein engerer +Zusammenhang. Nach neuester Schätzung reicht kein Götterlied über 875 +hinauf, die Mehrzahl gehört erst dem 10. Jahrhundert, also dem letzten +heidnischen an. Man kann eine Anzahl von Odinsliedern neben Thors- und +Freysliedern erkennen. Zu den Odinsliedern zählt die Vǫlospǫ́, die den +Anfang der Welt, die letzten Schicksale der Götter, die Erneuerung der +Welt enthält. Im Lied von Baldrs Träumen erkundet Odin die Zukunft von +der Seherin, die er aus dem Todesschlafe weckt. Das Grimnirlied, das +Wafthrudnirlied, die Hǫ́vamǫ́l zeigen Odin im Besitz aller Weisheit. +Die Thorslieder führen uns den starken Gott im Kampf mit Riesen (Lied +von Thrym, von Hymir), in der Wissenswette mit dem unholden Zwerg Alwis +vor. Das Harbardslied lässt den Gegensatz des Thors- und Odinsglaubens +hervortreten. Vom Himmelsgott, wie er um die schöne Gerd werben lässt, +berichtet das Skirnirlied. In der Rigsþula erscheint der Gott unter dem +Namen Rig als Erzeuger der menschlichen Stände. In der Lokasenna tritt +der schmähsüchtige Loki mit argen Vorwürfen den Asen gegenüber, bis ihn +Thor verstummen macht. So bietet uns die Sammlung schöne und lebendige +Schildereien der Asenwelt, wir erblicken die einzelnen Göttergestalten +in voller Thätigkeit, in allen erdenklichen Beziehungen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Unsre Kenntniss der nordischen Mythologie beruht somit auf der +Liedersammlung, auf den Anspielungen der Skalden, welche den Inhalt +der erzählenden Götterlieder teils bestätigen, teils auch ergänzen +und erweitern. Sie wird aber noch besonders befestigt und vermehrt +durch des isländischen Staatsmannes, Geschichtschreibers und Skalden +<em class="gesperrt">Snorri Sturluson</em> (1178–1241) Arbeiten. Snorri schrieb um 1230 +eine <i>„Edda“</i>, d. h. Poetik. Von Snorris Werk, das diesen Titel +mit Recht führt, übertrug ihn Brynjolf irrig auf die Sammlung von +Liedern, weil zwischen beiden Werken allerdings Beziehungen bestehen, +die aber natürlich mit dem Titel gar nichts zu schaffen haben. Snorri +verfasste ein skaldisches Lehrbuch, worin er auf Grund ausgebreiteter +Kenntniss der älteren Skaldengedichte die Regeln der Skaldenkunst +erörterte. Die Mythologie ist aber dem Skalden zunächst nötig. Daher +entwirft Snorri einen leicht fasslichen, fliessend geschriebenen +Abriss der nordischen Göttersage, die der Skald beherrschen muss. +Er schöpft dabei aus denselben Liedern, die uns in der Sammlung +(in <i>„Saemunds Edda“</i>) erhalten sind, und führt zum Belege +seiner Erzählungen einzelne Strophen daraus an. Er schöpft aber auch +unmittelbar aus Skaldengedichten, deren mythische Unterlage er in +kurzen Zügen uns wiederherstellt. Endlich waren ihm manche Quellen +zugänglich, die wir nicht mehr besitzen. Snorris Edda ist also ein +nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel der mythologischen Forschung. +Aber man darf sie auch nicht überschätzen. Snorri stellt die nordische +Mythologie nach seinem eignen Ermessen, nach seiner eignen gelehrten +Auffassung dar. Wenn möglich müssen wir auf die Urquellen selber +zurückgreifen, nicht unbedingt auf Snorri uns verlassen. Schon dadurch +ergibt sich manche Berichtigung. Snorri hat einiges missverstanden, +einiges zugefügt. Er schildert die Göttersage im erhabenen Rahmen +der Weltschöpfung und des Weltbrandes, über denen der ewige Allvater +steht. Darin folgt er gewiss den Anschauungen der Skalden des 10. +Jahrhunderts, wenn er auch noch einige neue christliche Gedanken +einfügte. Nie darf ausser Acht bleiben, dass die nordische Mythologie +der Snorra Edda die systematische Bearbeitung eines isländischen +Gelehrten des 13. Jahrhunderts ist, die mit der Mythologie der +Skalden des 10. Jahrhunderts nicht in allen Stücken für gleichwertig +genommen, die unter keinen Umständen in eine germanische Mythologie +zurückgetragen werden darf.</p> + +<p>Neben den Skaldengedichten gewähren die <i>Sögur</i>, besonders +<span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>die Geschichtsquellen, reiche Belehrung über Religion und +Mythologie. Die Geschichte der Besiedelung Islands liegt vor in Aris +<i>Íslendingabók</i> (verfasst um 1134) und in der <i>Landnámabók</i>. +Darin ist häufig vom Glauben und Kult der Ansiedler Islands die +Rede, Thors- und Freysdienst stehen obenan, Odin wird kaum erwähnt. +Ebenso schildern die isländischen <i>Familiensögur</i>, die im +9./10. Jahrhundert spielen, viele heidnische Bräuche. Diese Sagen +sind allerdings erst im 13. Jahrhundert in litterarische feste Form +gebracht worden, manches mag auf Rechnung der Sagaschreiber kommen. +Aber zu Grunde liegt eine alte mündliche Überlieferung, die in +gewissen Kunstformen seit dem Heidentum jene Geschichten bewahrt +hatte. Darum verdienen die Nachrichten, welche uns die Sögur vom 10. +Jahrhundert geben, in der Hauptsache Glauben. Die <i>norwegische +Königsgeschichte</i> wurde im 13. Jahrhundert ebenso zu schönen +Prosadarstellungen verarbeitet auf Grund von alten Skaldengedichten, +die meistens als Beleg auch mitgeteilt werden, und aus mündlicher +Überlieferung. Snorris <i>Heimskringla</i> ist das bedeutendste +Werk. Die Geschichte der heidnischen Könige, namentlich aber die der +beiden Bekehrer Olaf Tryggwason und Olaf Haraldsson gibt genugsam +Anlass, heidnischen Glauben und heidnische Sage zu schildern. In den +Königssagen, soweit sie auf Skaldenliedern beruhen, tritt auch Odin +hervor; am Königshofe ward ja von Odin gesungen und gesagt. Jedoch +im norwegischen Volke selber zeigt sich auch hier Thorsdienst als +eigentlicher Feind des Christentums. Den Thorsdienst der norwegischen +Bauern müssen die Bekehrer mit weit stärkeren Mitteln bekämpfen, als +die Odindichtung der Skalden. Die <i>nordischen Rechtsquellen</i> +befassen sich mehrfach mit dem Heidenglauben, aber mehr mit dem +niedern Volksglauben, wie es auch die südgermanischen Gesetze thun. +Im Heidentum war mit besondern Satzungen auf den Schutz des Glaubens +Bezug genommen, in der christlichen Zeit eifern die Gesetze gegen +Überbleibsel heidnischer Bräuche.</p> + +<p>Endlich gibt es auch rein mythische Sagen wie z. B. die +<i>Ynglingasaga</i>, die <i>Volsungasaga</i>, worin wie in den +Skaldengedichten Götter- und Heldensage unmittelbar behandelt sind. +Mit solchen mythischen Geschichten ist auch des Dänen <em class="gesperrt">Saxo +Grammaticus</em> um 1200 verfasste <i>historia danica</i> erfüllt. Saxo +schreibt in 16 Büchern eine bis 1187 reichende Geschichte Dänemarks, +die 9 ersten Bücher beruhen auf Sagen, zum Teil auf nordischer +Göttersage. Saxo schreibt einen schwülstigen Stil und hat sich <span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>der +Überlieferung gegenüber manche Freiheit erlaubt. Aber trotzdem sind +seine Nachrichten für einige mythologische Dinge von grossem Wert. +Saxo schöpfte aus dänischer und norwegisch-isländischer Sage, öfters +beide mit einander vermischend⁠<a id="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>. Wie Snorri huldigt auch Saxo dem +Euhemerismus, die Götter sind als Menschen aufgefasst. Soweit Saxo +mit nordischer Göttersage sich beschäftigt, stützt er sich vorwiegend +auf isländisch-norwegische Quellen. Darum stimmen seine Mitteilungen +wesentlich zu denen der nordischen Skaldengedichte und Sögur, nur +selten begegnen selbständige Züge dänischer Herkunft.</p> + +<p>Auch aus dem späteren Mittelalter und aus der Neuzeit bietet sich +im Norden reiche Überlieferung dar. Wir haben einen grossen Schatz +nordischer Volkslieder und isländischer Reimereien, in denen die +Gestalten des Aberglaubens, Trolle, Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen und +Meerweiber ihr Wesen treiben. Die eigentliche Göttersage wird selten +und unselbständig in diesen Poesien behandelt. Zwar erscheint die +<i>þrymskviþa</i> sowol als isländische Reimerei in den <i>þrymlur</i>, +als auch als norwegisch-dänische Volksweise <i>„Tord af Hafsgaard“</i>; +Thors Fahrt nach Utgard behandeln die <i>Lokarímur</i>. Im färöischen +<i>Lokkatáttur</i> finden wir Odin, Hönir und Loki in ein Märchen +verflochten. Aber es handelt sich hier stets um ein künstliches +litterarisch vermitteltes Fortleben der Heidengötter. An Volkssagen, +die im 19. Jahrhundert gesammelt wurden, gewährten die nordischen +Länder höchst ergiebige Ausbeute⁠<a id="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="ERSTES_HAUPTSTUCK"> + ERSTES HAUPTSTÜCK. + </h2> +</div> + +<h3 id="Die_Gestalten_des_Volksaberglaubens">Die Gestalten des Volksaberglaubens +(die niedere Mythologie).</h3> + +<h4 id="Der_Geisterglaube_und_seine_naechsten_Ursachen_1"><b>1. Der +Geisterglaube und seine nächsten Ursachen.</b></h4> + +<p>Volksaberglaube und Volkssage verhalten sich ähnlich wie Götterglaube +und Göttersage. Aus allgemeinen weitverbreiteten Grundtypen erwachsen +örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich +bei aller Abweichung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen. Wo +Geschichten mit verwickelter Handlung und merkwürdigen Einzelheiten +an getrennten Orten auftauchen, ist Entlehnung und Wanderung mehr +wahrscheinlich als selbständige unabhängige Entstehung. Der Volksglaube +scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des menschlichen Gemütes +zu entstehen. Wol beruht auch er auf einer Anzahl überlieferter +Thatsachen, er vererbt sich mündlich in den Geschlechtern und vermehrt +sich somit allmälig ungeheuer. Aber er wird gewissermaassen mit jedem +Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der die Urbilder +entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähnlicher Art. Der +Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er formt sich immer neu. +Die Volkssage der heidnischen Germanen ist nicht unmittelbar auf uns +gelangt. Zwar die nordischen Quellen bieten auch hier sehr vieles, in +Deutschland wird manches mittelbar durch gelegentliche Anspielungen und +durch das Vorhandensein der entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen +bezeugt. Jedoch der Volksglaube der Heidenzeit lebt vielfach im +Mittelalter und in der Neuzeit fort. Wie die einfachen Gebilde der +neueren Volkssage waren nach Ausweis der nordischen Denkmäler auch +die der altheidnischen beschaffen, so dass es wol erlaubt scheint, +zur Aufhellung <span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span>verschwundener Zeiten die Gegenwart heranzuziehen. +Nur muss Vorsicht walten. Eine neue Volkssage kann nur als Vertreter +einer altheidnischen gelten, wenn der typische Volksglaube, dem sie +entstammt, auch fürs Heidentum wahrscheinlich ist. Damit ist nicht +gesagt, dass sie genau so, wie sie jetzt uns vorliegt, auch damals +lautete. Der heutige Volksglaube und noch weit mehr die Sage enthalten +neben uralten Typen aber auch unzählige Neubildungen, die erst im +Mittelalter und in der Neuzeit, häufig auch aus dem Verkehr mit andern +Völkern aufkamen. Altheidnischer Glaube kann dem Christentum angepasst +worden sein, viele Bräuche sind aber auch erst vom Christentum +veranlasst. Die Hauptaufgabe, Altes und Neues aus einander los zu +lösen, hat die Volkskunde noch kaum in Angriff genommen. Der Aberglaube +und die daraus entwickelte Sage sind überaus einfach in Form und +Gehalt, ohne besondere Wartung und Pflege entspringt der Glaube den +Vorgängen im Leben des Menschen und in der Naturumgebung. Die einfachen +Grundvorstellungen können sich mitunter verwickelter gestalten, +jedoch kaum ohne Einwirkung bewusst schaffender Kunstdichtung. Wenn +man eine wolgeordnete, vollständige Sagensammlung betrachtet, so +treten besonders vier Gruppen von übermenschlichen Wesen hervor, +<i>Maren</i>, <i>Seelen</i>, <i>Elbe und Riesen</i>, wovon die beiden +ersten mit dem Menschen in unmittelbarem Verkehre stehen, während die +letztgenannten in der Natur wirken. Weil Begriff und Benennung dieser +Wesen gemeingermanisch ist, weil sie in den nordischen Sagen des +Heidentums ebenso weben und leben wie in der deutschen und nordischen +Überlieferung der Gegenwart, so ist ihre Zugehörigkeit zum Bestand des +heidnischen Volksglaubens zweifellos. Die Anthropologie lehrt, dass sie +überhaupt allgemein menschlich sind. Soweit ihr Ursprung zu erklären +ist, werden wir auch auf allgemein menschliche Anlagen, die überall +gleichmässig vorhanden sind und gleichartig wirken müssen, hingeführt.</p> + +<p>Der Gespensterglauben drängt sich dem Menschen durch Wahrnehmungen +auf, die er an sich selber und an seinen Mitmenschen macht. Die +subjektiven Vorgänge des Traumschlafes, die objektiven des Todes wirken +zusammen zur Vorstellung eines geisterhaften Wesens, das plötzlich +aus der Unsichtbarkeit hervortritt und auf geheimnissvolle Weise +sich fühlbar macht. Im Schlafe erscheinen die Gestalten Lebender und +Toter, sie verkehren wie im wirklichen Dasein, nur häufig freier und +ungebundener. Besonders die Erscheinung längst Verstorbener erregt +und beunruhigt das <span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>Gemüt. Im Alptraum wird dem Schlafenden aber +unmittelbar die beängstigende Macht solcher Traumgestalten fühlbar. +Das Traumbild an sich hätte schwerlich den Glauben an die Wirklichkeit +des Erschauten hervorgerufen, wol aber der Alptraum, der die +geheimnissvolle Einwirkung übermenschlicher Wesen immer von Neuem dem +Bewusstsein aufdrängte.⁠<a id="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Der Alpdruck ruft die verschiedenartigsten +Vorstellungen hervor, je nachdem der Schlafende von einem Tier oder +Menschen, der mitunter bekannte Züge anzunehmen pflegt, sich gequält +wähnt. Die bange Furcht steht an der Schwelle urmenschlichen Glaubens, +Kultes und Mythus. Die Druckgeister mit ihrer merkwürdigen Vielgestalt +schienen verwandlungsfähige schädigende Wesen, die jeder verspürt +hatte, von denen jeder zu erzählen wusste, deren objektive Wirklichkeit +der kindlichen Einbildungskraft zweifellos sein musste. Die Furcht +vor dem Alp legte den Gedanken an Maassregeln zu seiner Abwehr nahe, +aus dem Glauben an seine Macht entsprangen Bräuche, die ihn schadlos +machen sollten, also ein wesentlich auf Abwehr gerichteter Kult. Die +Alpsage aber erging sich in Schilderungen besonderer Traumerlebnisse, +wie dieser oder jener den Unhold gesehen, wie er sich seiner erwehrt +hatte. Auch musste die Sage seine Herkunft zu ergründen trachten. +Denn der Traum zeigte das Gespenst ja nur, wie es plötzlich über den +Schlafenden herfiel, ohne zu erklären, woher es kam und wohin es wieder +entschwand. Zur Erklärung boten sich von selber andere Wahrnehmungen. +Der Alp trug häufig bekannte Züge lebender oder toter Mitmenschen. +Diese selber in ihrer gewöhnlichen Gestalt konnten aber nicht den +Träumenden heimsuchen, und doch war auch die Erscheinung nicht von +ihnen völlig zu trennen. Der Traum ist nicht nur leidend, indem der +Schlafende die Besuche Andrer empfängt, sondern auch thätig, indem +der Schlafende auf wunderbare Weise im Augenblick <span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>die weitesten +Entfernungen zurücklegt. War einmal durch den Alptraum die Einbildung +aufgeregt, so mochte auch der gewöhnliche Traum zum Nachdenken Anlass +geben. In sich selber trug der Mensch ein Rätsel, die Fähigkeit, +zeitweilig im Schlafe die leiblichen Fesseln abzustreifen und los und +ledig frei umher zu schweifen. Endlich schien der Tod eine gewisse +Deutung zu gewähren. Aus dem toten Leib ist der belebende Hauch, der +Atem, die Seele entwichen. Der Leib zerfällt in Staub und Asche. +Kehrt ein Verstorbener, wie er leibte und lebte, wieder, so muss +es sein Geist sein, jene entwichene Seele, die beim Tode nicht zu +Grunde ging, die fort besteht und leiblich umgehen, erscheinen kann. +Der Tod belehrt den Menschen über den Unterschied zwischen Leib und +Seele. Dem Schlummernden mag die Seele für kurze Frist entschweben, +dem Toten entfloh sie für immer. Aber ihre wunderbaren Eigenschaften +sind dieselben, sobald sie einmal den Leib verlässt. Aus ähnlichem +Gedankengang haben die Naturvölker den Begriff der Seele als eines +geisterhaften Wesens entwickelt. Überall findet sich Seelen- und +Marenglaube. Eine strenge Scheidung zwischen Seelen und Maren lässt +sich nirgends durchführen. Aus demselben Vorstellungskreise erwachsen +sind beide Erscheinungen einander sehr ähnlich, häufig unzertrennlich. +Maren sind ja eigentlich Seelen als Druckgeister, und andererseits ist +der Begriff des Seelengeistes namentlich auf den Alptraum begründet. +Der Marenglaube mag ursprünglicher und älter sein als der Seelenglaube, +bei den heidnischen Germanen sind jedenfalls beide gleichzeitig +nebeneinander reich entfaltet gewesen.</p> + +<h4 id="Maren_2"><b>2. Maren.</b></h4> + +<p>Die Gespenster, welche den Menschen im Alptraum heimsuchen, spielen +in der niederen Mythologie eine grosse Rolle, sie sind wahrscheinlich +wegen ihrer handgreiflichen Fühlbarkeit überhaupt die ersten +übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete. +Der Seelenglauben beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung von +quälenden Druckgeistern. Erst allmälig entstand weiterhin der Glaube +an Geister, die nicht nur den Menschen quälten und drückten. Zunächst +aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor. Die älteste +gemeingermanische Bezeichnung des Druckgeistes ist an. <i>mara</i>, +dän. <i>mare</i>, <i>nattemare</i>, <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>holl. <i>nagtmerrie</i>, engl. +<i>nightmare</i>. Im frz. ist <i>cauche-mar</i>, die tretende +<i>mare</i>, aus fränk, <i>mara</i> gebildet. Mhd. begegnet <i>mar</i> +und <i>mare</i> männlich und weiblich. In Norddeutschland ist noch +heute das Wort <i>mar</i>, <i>mart</i>, <i>mahrte</i>, <i>nachtmare</i> +u. a. üblich. Bei den Oberdeutschen ist das Wort ausgestorben; +dafür werden andere Benennungen im selben Sinn und mit denselben +Sagen wie bei der nds. <i>mare</i> verwendet. So wird das quälende +Traumgespenst als <i>Alp</i> bezeichnet. Der allgemeine Begriff Alp +wurde verengert und auf eine besondere Erscheinung eingeschränkt. Oder +man spricht von der drückenden <i>trut</i>, <i>trude</i>. <i>Truden</i> +sind eigentlich Hexen, zu deren Beschäftigung das Alpdrücken aber +vornehmlich gehört. Bei den Alemannen wird der Nachtgeist auch +als <i>schrettele</i>, <i>schrat</i>, <i>schretzlein</i> u. s. f. +bezeichnet, aus dem altgermanischen Wort für Geist, Gespenst, das im +an. <i>skrati</i>, <i>skratti</i>, ahd. <i>scrato</i>, <i>scraz</i> +vorliegt. Endlich heisst der Druckgeist im Elsass und in einem Teil +der Schweiz <i>doggele</i>, ein Deminutivum zu *<i>dogo</i>, das zum +Verbum *<i>diuhan</i>, drücken gehört (Laistner, Nebelsagen 341). Ohne +Weiteres erklären sich die Namen <i>druckerle</i>, <i>nachtmännle</i>. +So zahlreich und wechselvoll die Namen sind, die Erscheinung und +Wirkung des Gespenstes bleibt immer dieselbe. Im Heidentum hiess es +aber allgemein die <i>mare</i>, offenbar mit besonderer Hervorhebung +des weiblichen Geschlechts des Gespenstes. Ältere Marensagen sind nur +wenige vorhanden, aber sie waren von den späteren in sehr grosser Zahl +bekannten kaum verschieden, denn die stets gleichmässig wiederkehrende +Ursache musste auch immer die gleichen Wirkungen erzielen. Besonders +deutlich ist hier das Verhältniss zwischen Aberglauben und Sage, wie +Laistner schön und treffend hervorhob. Die Traumbegebenheit drängte +sich dem Menschen mit voller Leibhaftigkeit immer wieder auf, des +Alps und der Mare war er sicher, denn er spürte sie. Der Bericht vom +Alptraum ruft die Alpsage ins Leben. Da mischt sich alsbald poetische +Erfindung und Ausschmückung ein, wie um jeden religiösen Kern ein +mehr oder weniger freier Mythus anwächst. Schwierig ist auch hier, zu +bestimmen, wo dem Bewusstsein der Zusammenhang der Sage mit der zu +Grunde liegenden Alptraumsituation entschwindet.</p> + +<p>Nach der Ynglingasaga Kap. 13 wird der König Wanlandi von Schweden +von der Mare getötet. Sie tritt dem Schlafenden dermaassen auf die +Beine, dass sie fast zerbrachen, und drückt ihm darauf den Schädel +ein. Die Thätigkeit der Mara wird als <span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>ein Quälen (<i>mara kvalđi</i>) +oder Treten (<i>mara trađ</i>) geschildert. Ebenso ist die fränkische +<i>cauche-mar</i> (zu <i>calcare</i>) eine tretende Mare. Der Alptraum +bietet den denkbar reichsten Stoff zu einer ganzen Dämonologie dar⁠<a id="FNanchor_27_27" href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>. +Der Alp erscheint in den verschiedensten Gestalten, bald menschlich, +bald tierisch, bald als Ungeheuer, dessen Aussehen in der Wirklichkeit +nichts Entsprechendes hat. Um Mitternacht als Nachtalp, aber auch +um Mittag als Tagalp, als <i>daemon meridianus</i>, überfallen die +Gespenster den Menschen, der sich zum Schlafen nieder gelegt, quälen +und ängstigen ihn oft so arg, dass er darüber krank wird und stirbt. +Durch Astlöcher, Ritzen oder Schlüssellöcher schlüpfen die Maren in die +Stuben, werfen sich dem Schlafenden auf den Leib und drücken ihm Brust +und Kehle zusammen, dass er weder Luft bekommt noch schreien kann. Sie +kriechen dabei dem Menschen von unten herauf bis an den Hals oder sie +stecken ihm ihre Zunge in den Hals, dass er nicht mehr schreien kann. +Auch Pferde und andres Vieh werden vom Alp geplagt; sie schwitzen und +schnauben dann stark und sind ganz zerzaust; ihre Haare sind verknotet +und verfilzt, zu Weichselzöpfen gedreht. Die nds. <i>walriderske</i> +benützt die Pferde zum Reiten. Selbst Menschen werden von den Maren +geritten, zum Teil indem sie dabei in Rossgestalt verwandelt werden. +Die Sagen von plötzlich aufhockenden Gespenstern, die den Wanderer +bis zur Erschöpfung peinigen, gehören in den Kreis des Marenglaubens. +Auch leblose Dinge, Steine und Bäume, werden gedrückt. Bei den Bäumen +zeigen zitterndes Laub und verwachsene Zweige den Alpdruck an. Der Alp +kann nur auf demselben Wege wieder hinaus, auf dem er hereingekommen +ist. Wenn man daher das Loch verstopft, durch welches er einschlüpfte, +so ist er gefangen; ebenso wenn man ihn anruft oder beim Namen nennt. +Dann erscheint er morgens in seiner wahren Gestalt, meist als nacktes +Weib, in der Gestalt des Menschen, der den Alpdruck bewirkt hatte. +Man kann den Alp oder die Mare solange gefangen halten, bis der +verstopfte Ausweg sich wieder aufthut, worauf das gespenstische Wesen +sofort verschwindet. Die deutsche Volkssage lässt die Maren aus dem +„Engelland“, d. h. aus dem Seelen- und Geisterreich stammen, sofern sie +nicht aus der nächsten Umgebung, aus der Zahl der Mitmenschen herkommen.</p> + +<p>Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>Art +des Alptraums begründet. Der eine fühlt und sieht den Traumgast als +Tier, als Hund oder Katze, als Wurm, als furchtbares Scheusal, der +andere als einen Menschen, der die Züge von lebenden oder toten +Bekannten annimmt, als altes Weib oder blühendes Mädchen. Wem er heute +Entsetzen einflösst, dem naht er morgen in lieblicher Erscheinung, +sogar ein und derselbe Traum kann einen Wechsel der Gestalten +zeigen. Von besonderer Bedeutung für die Sagenbildung ist die Form +des Traumes, welche den Alp als Buhlgeist, als <i>Incubus</i> und +<i>Succubus</i>, zeigt; daraus begreift man leicht, wie die Sage +dazu kam, die elbischen Wesen überhaupt als lüstern und minnegierig +darzustellen, vom geschlechtlichen Verkehr zwischen Elben und Menschen +zu erzählen. Dieses Traumerlebniss braucht dann nur in eine höhere +Auffassung gerückt zu werden, um den wüsten Buhlteufel, der schlafende +Weiber überfällt, oder die teuflische Buhlerin, die sich im Traume mit +Männern vermischt, zu Alb und Albin zu wandeln, die in Liebessehnsucht +aus ihrer fernen Heimat herabsteigen, um mit Sterblichen einen Bund +einzugehen. Hierin hat die Phantasie wol den dankbarsten Stoff +erhalten, der in reichster Fülle und in zahllosen Umbildungen nach +den verschiedensten Richtungen hin ausgesponnen werden kann. Sage und +Dichtung können sich hier zu den herrlichsten Schöpfungen erheben, +denen ihr einfacher Ursprung kaum mehr anzusehen ist. Zeus und Semele, +Lohengrin und Elsa, des Albkönigs Tochter, die im Mondenschein mit +dem zu seiner Menschenbraut verlangenden Jüngling tanzt und ihm den +Tod gibt, die weisse Jungfrau, die auf alten Burgen oder sonst an +Orten, die nicht geheuer sind, auf den menschlichen Befreier und +Geliebten harrt, die verwunschene Königstochter, die sich in den +Armen des Märchenhelden in Schreckgestalten verwandelt, aber endlich +entzaubert den Mutigen mit ihrer Hingabe beglückt, kurz jene unzähligen +Liebespaare aus Sage und Mythus, in denen das Göttliche und Menschliche +sich vereinigt, können schliesslich als Blüten betrachtet werden, +die aus jenem unscheinbaren Keim aufsprossten, als verschiedenartige +Wendungen der Albenehe. Der vom Alp Heimgesuchte befreit sich endlich +von der unheimlichen, drückenden Macht auf irgend eine Weise, indem das +Erwachen herbeigeführt und damit der Bangigkeit des Schläfers, die sich +zum höchsten Grade der Spannung gesteigert hatte, ein Ende bereitet +wird. Ebenso vielgestaltig wie der Alp selber ist der Gegenzauber, der +ihn zum Weichen bringt. Es kann ein von aussenher kommendes <span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span>Geräusch, +der Weckruf eines Genossen, der Hahnenschrei, ein greller Lichtschein, +die anbrechende Morgenröte, kurz überhaupt jedes Mittel sein, das den +Menschen aufweckt. Daher scheuen die Maren und alle Elbe meistens das +Licht und den Tag und räumen bei Dazwischenkunft eines Dritten das +Feld. Die Traumgestalten, die <i>Draugen</i>, halten der Wirklichkeit +nicht Stand, alle Gespenster verwehen gewöhnlich wie die Träume und aus +denselben Ursachen. Den Alptraum im besonderen scheucht namentlich der +Aufschrei, an dem der Geängstigte erwacht. Oft kommt es vor, dass er +dabei ein Kissen oder Bettstroh krampfhaft umklammert hält, woraus der +Glaube entstand, der Alp könne gefangen werden, verwandle sich jedoch +dabei in einen Strohhalm, eine Bettfeder oder sonst einen unscheinbaren +Gegenstand. Wird er in dieser Verwandlung gefangen gehalten, so muss +er sich aber schliesslich wieder in seiner richtigen Gestalt zeigen +und mag dann gestraft, verbannt, unschädlich gemacht werden. Aus dem +bannenden Schrei entwickelte sich die Sage, der Alp müsse beim Anruf +oder bei Namensnennung entweichen. Daher das Verbot, nach Nam und Art +zu fragen, das in der Albenehe gestellt wird, dessen Nichtachtung +den Alben verschwinden macht. Aus der Albenehe können verschiedene +Sagentypen von Buhlschaft, Ehe, Haft und Erlösung erwachsen. Auch die +Geschichten von den Wechselbälgen, den unterschobenen Albenkindern +lassen sich teilweise auf den Alptraum zurückführen. Der Alptraum der +Wöchnerinnen spiegelt oft Gefahr fürs Kind vor, sie sehen das Kindlein +von geisterhaften Wesen bedroht, die nur auf dieselbe Art wie der Alp +verscheucht werden können. Der pathologische Zustand des Alptraumes +scheint allem nach den Menschen zuerst zum Gespensterglauben gebracht +zu haben, aus der Erinnerung an den oft wiederholten Zustand erwuchs +der Aberglaube, aus diesem ging eine reiche Sagenbildung hervor. Lebten +einmal Gespenster in der Vorstellung des Menschen, so bemächtigte +sich ihrer alsbald die Phantasie, die nach weiteren Beziehungen, +insbesondere nach der Herkunft der Maren suchte. Trug der Alp Züge +lebender oder toter Bekannter, so erschien er als deren Geist, deren +Seele. War er unbekannt, so trat er doch von aussen her in die Hütte +des Schlafenden, seine Heimat musste daher auch draussen in der weiten +Natur, in Wald und Feld, in Wasser, Wind, Nebel und Wolke sein. Darum +können auch alle Geister drücken und quälen, denn sie sind ursprünglich +Maren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span></p> + +<h4 id="Seelen_und_ihre_Erscheinungsformen_3"><b>3. Seelen und ihre +Erscheinungsformen.</b></h4> + +<p>Einen gemeingermanischen Ausdruck für den Begriff der seelischen +Geister im allgemeinen finden wir nicht vor. Das Wort Seele ist zwar +west- und ostgermanisch (got. <i>saiwala</i>), während die Nordleute +dafür <i>ǫnd</i> gebrauchen. Aber damit ist zunächst nur die geistige, +belebende Kraft, die dem menschlichen Leibe inne wohnt, gemeint. +Die Seelengeister benennt der Volksglaube alter und neuer Zeit nach +ihren einzelnen Erscheinungsformen, in denen die Seele offenbar wird. +Sie äussert sich aber zunächst als Hauch und Atem, als ein luftiges +Gebilde, das völlig unsichtbar ist, oder als Rauch, Dunst, Nebel dem +Auge sich zeigt.⁠<a id="FNanchor_28_28" href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> Dieser Hauch verweht beim Tode in den Wind, +entschwebt aus dem toten Körper und geht in die Luft auf. Im lat. +<i>anima</i> (gr. ἄνεμος) hält die Sprache unmittelbar den Zusammenhang +zwischen Seele und Wind fest; die Seelen der Abgeschiedenen sind die +Winde, im Winde leben die Geister der Toten fort. Im Windesrauschen +machen sich die Seelengeister, auch wenn sie unsichtbar bleiben, +fühlbar. Die deutsche Volkssage schildert die Seele häufig als +Lufterscheinung.</p> + +<p>Die Seele als dunstiges Rauchgebilde kennt die Sage, die Prätorius in +der <i>Weltbeschreibung</i> 2, 161 anführt. Die Sage belehrt auch über +die enge Verknüpfung des Seelen- und Marenglaubens.⁠<a id="FNanchor_29_29" href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> Zu Hersfeld +dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden Abend, eh sie zu +Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube stillzusitzen. Den +Hausherrn nahm das Wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im +Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde nun sich beim Tisch +allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Geist thue dich entzücken</div> + <div class="verse indent0">Und thue jenen Knecht drücken!</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus +dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>fielen zugleich in +tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen +und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging +er davon und liess sie. Des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die +er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb +lebendig.</p> + +<p>Eine isländische Volkssage (bei Jón Árnason 1, 356) erzählt, wie +die Seele eines schlafenden Mannes als dunkles Wölkchen entschwebt, +über die Wiesen eilt, auf einem Stabe ein Bächlein überschreitet und +endlich in einen Hügel einkehrt. Hernach nimmt das Wölkchen denselben +Weg zurück in den Körper des Schlummernden, der erwacht einen Traum +erzählt, welcher der Wanderung des Wölkchens genau entspricht.</p> + +<p>Beim Todesfall pflegte man Fenster, Thür oder Lucke zu öffnen, damit +die Seele ungehemmt entweichen könne. Nach allgemeinem Aberglauben +entsteht Sturm, wenn sich jemand erhängt. Das wilde Heer fährt durch +die Lüfte und erscheint in stürmischen Nächten. Zwar hat die Volkssage +der Geisterschar meistens bestimmte Gestalt verliehen, Gespenster +ziehen dahin, aber zu Grunde liegt doch der Glaube, dass im Sturme +die Seelen übers Land brausen, dass die wütenden Winde eben die dahin +rasenden Seelen seien. Dass man die Seelen in die Winde verwies, beruht +auf ihrer elementaren Gleichheit.</p> + +<p>Die Seelen erscheinen auch als Flämmchen, die vielnamigen Irrlichter +sind ruhelose Geister, die nach christlicher Auffassung wegen eines +ungesühnten Vergehens spuken.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Tiergestalt der Seele ist überaus häufig. Die Seelen entschweben als +Vögel, Raben, Krähen, in christlicher Zeit als weisse Tauben, sie +erscheinen als Schwäne. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge entschlüpfen dem +Munde Schlafender. Als Schlange, Wiesel, Maus kriecht die Seele aus +dem Leibe hervor. Auch Kröten und Unken gelten als Seelen und müssen +geschont werden. Schlangen wurden in manchen Bauernhöfen gehegt als +eine Art von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen und früheren +Besitzer darin offenbarten. Der richtige Dienst dieser Geschöpfe hielt +das Glück am Hause fest. Bei Vögeln und kriechenden Tieren erblicken +wir die Seele, wie sie unmittelbar entfliegt oder entschlüpft. Der +Leib des Menschen liegt indessen in todähnlichem Schlafe oder er +geht überhaupt ganz zu Grunde, wenn aus dem Holzstoss der Hexe eine +Krähe, aus dem der Heiligen eine weisse Taube <span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span>entschwirrt. Zu diesem +Aberglauben von der Tierverwandlung der Seele bieten sich aus alter und +neuer Zeit zahlreiche Beispiele von Volkssagen dar.</p> + +<p>Die Seele, die zugleich Mare ist, zeigt des Prätorius +<i>Weltbeschreibung</i> 1, 40; 2, 161 in Tiergestalt. In Thüringen bei +Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs +des 17. Jahrhunderts Folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in +der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den Andern weg +und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, +um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offnen +Maule heraus ein rotes Mäuslein. Die Leute sahen es meistenteils und +zeigten es sich unter einander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade +geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch +wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die Andern +verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an +ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann +wieder davon. Bald darnach kam das Mäuslein wieder, lief nach der +vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Mund gekrochen war, lief +hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden, +verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige +bereute vergebens. Im Übrigen war auf demselben Hof ein Knecht +vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden +haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.⁠<a id="FNanchor_30_30" href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a></p> + +<p>Die Sage vom Binger Mäuseturm (nach Grimm, <i>Deutsche Sagen</i> 1 Nr. +242) zeigt Mäuse als Seelen verbrannter Menschen. Zu Bingen ragt mitten +aus dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr +974 ward grosse Teurung in Deutschland, so dass die Menschen aus Not +Katzen und Hunde assen und doch viele Leute Hungers starben. Da war +ein Bischof zu Mainz, der hiess Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte +nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf +der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das +Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof und er +sprach: „Lasset alle Arme und Dürftige sammeln <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>in einer Scheune vor +der Stadt, ich will sie speisen“. Und wie sie in die Scheune gegangen +waren, schloss er die Thüre zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die +Scheune samt den armen Leuten, Jung und Alt, Mann und Weib. Als nun die +Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto: +„Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen“. Allein Gott der Herr plagte ihn +bald, dass die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm frassen, +und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu behalten +und bewahren. Da wusste er endlich keinen andern Rat, als er liess +einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu +sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen +durch den Strom heran, erklommen den Turm und frassen den Bischof +lebendig auf.⁠<a id="FNanchor_31_31" href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine alte Sage dieser Art bietet Paulus Diaconus 3, 34: Der fränkische +König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war +er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und +dahin zerstreut; bloss ein einziger, sein liebster und getreuster, +blieb noch bei ihm. Da befiel den König grosse Müdigkeit; er setzte +sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoos und +schloss die Augenlieder zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, +schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief +fort bis zu einem nahe fliessenden Bach, an dessen Rand stand es still +und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen +Schoos er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und +legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein +hinüber und ging hin zum Loch eines Berges, da hinein schloff es. +Nach einigen Stunden kehrte es zurück, und lief über die nämliche +Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und +sagte zu seinem Gesellen: Ich muss dir meinen Traum erzählen und das +wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen grossen, +grossen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke +gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in +der Höhle lag ein unsäglicher <span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Schatz und Hort der alten Vorfahren. +Da erzählte der Gesell ihm alles, was er unter der Zeit des Schlafes +gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung +übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg +eine grosse Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin +verborgen war.⁠<a id="FNanchor_32_32" href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p> + +<p>Wenn Tote in Tiergestalt als schwarze oder feurige Hunde, als Schweine, +als schnaubende und tobende Pferde und Stiere oder sonst irgendwie +spuken, so haben wir bereits eine Weiterbildung der ursprünglichen +Vorstellung, welche die Seele als fliegendes oder kriechendes +Tierlein aus dem Munde entweichen lässt. Der Seele wird überhaupt +jede erdenkliche Verwandlungsfähigkeit zugeschrieben. Dadurch haftet +an allen Tieren aber auch etwas Gespenstisches, Unheimliches, denn +sie können verwandelte, verzauberte Seelen sein. So erzählt die +<i>Ynglingasaga</i> Kap. 7 von Odin: „Odin wechselte die Gestalt; da +lag der Körper wie schlafend oder tot, er aber war da Vogel oder Tier, +Fisch oder Wurm, und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Lande, +in seinen Geschäften oder in denen Anderer.“</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In den nordischen Quellen heisst der Geist, die Seele des Menschen +<i>hugr</i>. Solche <i>mannahugir</i>, Menschenseelen, erscheinen +aber in eigner Gestalt. Odins Raben Huginn und Muninn, Denkkraft und +Erinnerung, durchfliegen Tag für Tag die ganze Welt, um dem Gotte +Bericht zu erstatten von allem, was geschieht. Ursprünglich war +wol Odins in Rabengestalt verzückte Seele, sein hugr, gemeint. Die +Tiergestalt der Seele scheint im einzelnen Fall oft mit Rücksicht auf +die Eigenschaften und Stimmungen des betreffenden Menschen gewählt zu +sein. Die hugir angesehener und tapferer Männer treten in der Gestalt +eines Bären, Adlers oder Wolfes, eines starken Stieres, in romantischen +Sagen als Löwen und Leoparden auf, die Seelen listiger Leute in der +Gestalt von Füchsen, die Seelen schöner Frauen als Schwäne. Ein +Isländer träumte von Wölfen, welche ihn und sein Gefolge anfielen. „Das +sind <i>mannahugir</i>“, so wird der Traum gedeutet (<i>þorđar saga +hređu</i> 37). <span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>Die germanische Sage berichtet von vielen Träumen, in +denen das zukünftige Schicksal sich enthüllt. Die handelnden Personen +oder besser ihre Seelen erscheinen darin gewöhnlich in Tiergestalt. +Kriemhild träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend, +bevor noch Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges +Geschick, wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare +mörderisch ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt +ihm die rechte, traurige Deutung.⁠<a id="FNanchor_33_33" href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Seele geht auch in menschlicher Gestalt um, als „zweites Gesicht“ +oder als Gespenst, der Volksglaube erblickt leibliche Erscheinungen +Lebender und Toter. Die nordische Sprache bezeichnet Totenerscheinungen +als Wiedergänger (an. <i>aptrganga</i>, neuisl. <i>aptur-gaungur</i>, +dän. <i>gjenganger</i>, schwed. <i>återgăngare</i>), als Geister, +die aus dem Reich des Todes zu den Lebenden zurückkehren. Die +altisländischen Sagen sind voll von Gespenstergeschichten. Die nhd. +Sprache gebraucht die Worte Gespenst und Spuk; die gemeingermanische +Bezeichnung, welche noch im Norden fortlebt, war <i>draugaȥ</i> +(an. <i>draugr</i>, neunord. <i>draug</i>, as. <i>gidrôg</i>, ahd. +<i>gitroc</i>). Die neuisländischen Ausdrücke <i>uppvakníngar</i> +(Aufweckungen) und <i>sendíngar</i> (Sendungen) beziehen sich auf +solche Gespenster, die mit Zauber aufgeweckt und Andern zum Schaden +zugesandt werden. Für gewöhnlich spuken die Draugen in eigner Sache. +Die Lebenden müssen trachten, sie zur Ruhe zu bringen.</p> + +<p>Das Wort „Traum“ geht auf eine urgermanische Form <i>„draugwmós“</i>, +<i>„draumas“</i> zurück.⁠<a id="FNanchor_34_34" href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> Zu Grunde liegt die idg. Wurzel +<i>dhreugh</i>, skr. <i>druh</i> schädigen, woraus ags. +<i>bedreogan</i>, ahd. <i>triugan</i>, trügen sich entwickelt haben. +Weiter gehört an. <i>draugr</i>, ahd. <i>troc</i>, <i>gitroc</i>, +as. <i>gidrôg</i> Totenerscheinung, Gespenst hierher. Die Gespenster +gehen ja in den meisten Sagen feindselig und schädigend um, so sind +sie auch mit ihrem altgermanischen Namen als böse Unholde bezeichnet. +Der Begriff „Traum“ ist aus etymologischen und sachlichen Erwägungen +von den „Draugen“ nicht zu trennen. Traum bedeutet die Thätigkeit +und Erscheinung der Draugen. Die <span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span>Gestalten, welche der Träumende +erblickt, besonders sofern sie Züge Verstorbener tragen, gelten der +menschlichen Einbildungskraft als Besuche gespenstischer Wesen, +als Draugenerscheinungen, Traum ist ursprünglich Gespenstertraum. +Den Zusammenhang zwischen Seelenglauben und Traum bestätigt diese +Etymologie aufs beste. Auch die ursprüngliche Konstruktion des +Zeitwortes träumen deutet darauf hin, dass der Traum auf die +unmittelbare Thätigkeit der Gespenster, der Seelengeister zurückgeführt +wurde. Es heisst früher stets: mir träumte, nie subjektiv ich träumte, +im Altnordischen noch deutlicher „<i>mik dreymđi</i>“, z. B. <i>mađr +hefir mik dreymt</i>, ein Mann ist mir im Traum erschienen. Die +Erklärung des Wortes Traum weist somit auf die vielen wilden Völkern +ganz geläufige Vorstellung hin, dass Seelengeister von aussen kommen, +um den Schlafenden, der sie als Traumbilder sieht, heimzusuchen und +zwar häufig als quälende Druckgeister in feindseliger Absicht.</p> + +<p>Der Gespensterglaube entwickelt zahllose Sagen, je nachdem die +Erscheinung gedeutet wird. Die Draugen sind oft nur ohne besondern +Grund auf Schaden aus, meist aber weiss die Sage anzugeben, warum sie +umgehen. Ungesühnte Schuld, Rachsucht, Liebe rauben dem Toten die +Ruhe und nötigen ihn zur Wiederkehr. Auch übermässige Sehnsucht der +Überlebenden ruft Draugen herbei. So in der Lenorensage⁠<a id="FNanchor_35_35" href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>, deren +ältester germanischer Typus in der schönen nordischen Dichtung von +Helgi und Sigrun begegnet. In den Kreis der Gespenstersagen ist auch +das wilde Heer⁠<a id="FNanchor_36_36" href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> hereingezogen, mit dem die verschiedenartigsten +Vorstellungen verflochten sind. Die eines gewaltsamen Todes verstarben, +Kampftote, Gerichtete, nach christlichem Glauben die Seelen +Ungetaufter, ziehen im wilden Heer. Wenn zur Nachtzeit der brausende +Sturm den Umzug der Geisterschar anzeigt, erblickt die Phantasie die +eigenen Schreckgestalten leibhaftig vor sich. Dem Heere wird gern ein +besonderer Führer gesetzt, in der Heidenzeit der Sturmdämon Wode, +in der christlichen Zeit irgend eine geschichtliche oder sagenhafte +Persönlichkeit wie Dietrich von Bern, Karl der Grosse, Karl V., König +Abel, König Waldemar. Das Heer wird auch als Jagdzug gedacht, ein +gespenstischer Jäger <span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span>mit und ohne Gefolge, von kläffender Meute +umbellt, jagt durch die Lüfte dahin. Der Reiter ist eine beliebig +ausgemalte Spukgestalt, in manchen Sagen kopflos, den Kopf unterm +Arm, auf kopflosem Pferde sitzend. Aus der Erscheinung wird wie aus +allem Spuk geweissagt. Die vielen aus dem wütenden Heer entwickelten +Sagenformen alter und neuer Zeit zeigen, wie leicht aus einer +Vermischung mehrerer Vorstellungen, hier des Gespensterglaubens und +des Glaubens an Elementargeister, im Verein mit der unerschöpflichen, +wechselvollen Volkssage, welche immer neue Beziehungen zur Gegenwart +aufsucht und altüberkommene Überlieferung mit seltsamen Neubildungen +vermehrt, unzählige Geschichten entstehen können. Die grösste +Mannigfaltigkeit im Einzelnen, in der Hervorhebung bald dieser, bald +jener Grundzüge in der jeweiligen dichterischen Ausschmückung, lässt +doch immer die in allem Wechsel gleichmässig bestehenden Grundlagen +deutlich erkennen.</p> + +<h4 id="Das_Seelenheim_4"><b>4. Das Seelenheim.</b></h4> + +<p>Der Glaube an Gespenstererscheinungen führt notwendig allmälig zur +Annahme bestimmter Aufenthaltsorte der Geister. Die Erscheinungen +Lebender erklären sich dadurch, dass der Seele zeitweilige Trennung vom +Körper zugeschrieben wird. Totenerscheinungen rufen andere Meinungen +hervor. Die Seele ist entschwebt, sie lebt und webt im wehenden Winde. +Aber sie wird nicht nur in stetiger Bewegung, sondern auch in Ruhe +gedacht. Wo weilt dann die Seele? Zunächst haftet sie auch dann noch +immer am Leichnam. Wo der tote Körper begraben liegt, zeigt sich das +Gespenst am häufigsten. So weit geht die Einbildung, dass sie geradezu +den toten Leib wieder aufstehen lässt, dass das Gespenst die volle +Leiblichkeit des lebenden Menschen besitzt. Die Wiedergänger der +nordischen Sagen sind so gedacht, sie müssen gewöhnlich noch einmal +umgebracht und zu Asche verbrannt werden, dass sie nicht mehr Schaden +anrichten. In den Grabhügeln der nordischen Sagen sieht man oft die +Draugen der darin beigesetzten Kämpen sitzen. Eine besondere Heldenthat +war es, einzudringen, das Gespenst zu bestehen und ihm seine Schätze, +die im Hügel aufgespeichert waren, oder seine kostbaren Waffen zu +entreissen. Aber solche rohe Vorstellungen sind im Vergleich zu andern +selten. Der Leib verwest zu Staub, beim <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Verbrennen der Leichen wird +er sofort vernichtet und die Seele geht mit Flammen und Rauch in die +Lüfte. Finden trotzdem spukhafte Erscheinungen statt, so muss die +sichtbar werdende leibliche Hülle eine überirdische, geisterhafte +sein. Die bewegliche Seele ist auch nicht immer ins enge Grab gebannt. +Eine höher entwickelte Religion kennt ein Seelenreich, einen Hades, +die heidnischen Germanen glaubten an eine Schattenwelt, an die Hölle, +in der die Seelen der Abgeschiedenen weilten. Tapfere Edelinge gingen +in die Gemeinschaft der Götter ein. Auch zu Elben und Riesen, zu +den unheimlichen Geistern des Waldes und der Wildniss mochten die +Seelen sich gesellen, nachdem einmal Naturbeseelung eingetreten war. +Aber trotz allem, gleichwie im Christentum trotz Himmel und Hölle, +haften im Aberglauben noch Überbleibsel älterer Vorstellungen, wonach +den Seelen bestimmte Plätze auf Erden angewiesen sind, oft mit der +Auffassung, dass die Seelen zu Zeiten aus dem Totenlande dahin +zurückkehren. Zunächst weilt die Seele am Grabe oder am Wohnort des +Verstorbenen. Ein altbezeugter Glaube der Germanen liess die Toten in +Berge eingehen, vielleicht weil auch der Wind in Bergen ruhend und aus +ihnen hervorbrechend gedacht wurde. Die Njálssaga Kap. 139 erzählt +einen Traum, den Flosi hatte. Er sah wie ein Berg sich aufthat und +ein Mann mit einem Ziegenfell angethan, einen Eisenstab in der Hand, +herauskam. Der rief Flosis Leute bei Namen an und ging hierauf in den +Berg zurück. Diejenigen, deren Namen der Mann angerufen hatte, waren +dem Tod verfallen und kamen bald darauf im Kampfe um. Die Eyrbyggjasaga +Kap. 11 berichtet: Im Herbste fuhr Thorstein nach Hoskuldsey zum +Fischen. Es geschah eines Abends im Herbste, dass ein Schafknecht +Thorsteins nach seinem Vieh ging nördlich von Helgafell. Er sah, wie +sich der Berg im Norden öffnete; er sah im Berge drinnen grosse Feuer +und hörte von dorther grossen Lärm und Hörnerklang, und als er horchte, +ob er nicht einige Worte verstehen könnte, hörte er, dass da Thorstein +begrüsst wurde mit seinen Begleitern, und dass gesagt wurde, er solle +im Hochsitze seinem Vater gegenüber sitzen. Diese Erscheinung erzählte +der Schafknecht der Thora, der Frau des Thorstein, am Abend. Sie +sprach wenig darüber und sagte, es könne dies ein Vorzeichen grösserer +Ereignisse sein. Des folgenden Morgens kamen Leute von Hoskuldsey und +brachten die Botschaft, dass Thorstein beim Fischen ertrunken sei. +Die Njálssaga Kap. 14 berichtet von einem zauberkundigen Mann <span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span>namens +Svan, der beim Fischfang umkam. Fischerleute, die zu Kallbakr waren, +meinten, den Svan in den Berg Kallbakshorn eingehen zu sehen, und er +wurde da wol begrüsst. Auf Island glaubte die Nachkommenschaft der Aud +in die Krossholar zu versterben (Landnáma 2, 16), die Verwandtschaft +des Selthorir in die Thorisbjorg (ebenda 2, 5), die Thorsnesingar +glaubten nach Helgafell entrückt zu werden (Eyrbyggja Kap. 4), +Kraku-Hreidar verstarb in das Mälifell (Landnáma 3, 7). Die deutsche +Volkssage bietet Entsprechendes in den Venus- und Hollenbergen, wohin +die Menschen gelockt werden. Zu den „Unterirdischen“ wird mancher auf +Nimmerwiederkehr entrückt. Wenn der Rattenfänger die Kinder in den bei +Hameln gelegenen Köppelberg entführt, so meint die Sage gleichfalls ein +Versterben in den Berg. In der Chronik von Ursberg (MG. 8, 261) wird +zum Jahre 1223 folgende Sage erzählt: Bei Worms sah man einige Tage +hinter einander eine grosse Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg +hervor kommen und nach einigen Stunden darin wieder verschwinden. Ein +Mann fasste sich endlich ein Herz und redete einen aus jener Heerschar +an, worauf er den Bescheid erhält, sie seien Geister gefallener Ritter +(<i>animae militum interfectorum</i>). Man erkannte auch einen vor +kurzem getöteten Grafen Emicho unter den Gespenstern. Für gewöhnlich +bleiben die Geister gefallener Kämpfer an die Walstatt gebannt, an die +Gräber, aus denen sie bei Nacht zu neuen Kämpfen sich erheben. Das +älteste Beispiel der Gespensterschlachten bietet der Hedeningenkampf, +der bis zum Weltende dauern soll. Der Seelenglaube ist hier wie so +häufig mit Zauberei verknüpft. Hilde geht allnächtlich zum Schlachtfeld +und weckt die Toten wieder auf, dass sie zu den Waffen greifen. In den +Volkssagen der Gegenwart wird oft geschildert, wie im Innern der Berge, +zumal im Schoosse alter Schlossberge, Gespenster mit den versunkenen +Schätzen hausen. Bergentrückte Kaiser, Könige und Helden begegnen auf +dem gesamten germanischen Gebiet. Im Kyffhäuser sitzt Friedrich II., +später Friedrich Barbarossa, derselbe Friedrich in einer Felsenhöhle +bei Kaiserslautern, Wedekind in einem Hügel beim westfälischen Dorfe +Mehnen, Siegfried im Bergschloss Geroldseck, Heinrich der Vogler im +Sudemerberge bei Goslar, Karl im Untersberg bei Salzburg, Holger +Danske unter dem Fels von Kronborg bei Kopenhagen, Olaf in Schweden +u. s. w. Die einzelnen geschichtlichen Gestalten sind meist spät und +auf gelehrtem Wege in die Volkssage gelangt. Wann, wie <span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span>und warum +müssen Quellenuntersuchungen im einzelnen Falle feststellen. Die +Mythologie hat nur den allgemeinen Grundgedanken aller dieser Sagen +für sich in Anspruch zu nehmen, dass die Geister der Abgeschiedenen in +Bergen fortleben. Der schwedische Bergname <i>walhall</i> lässt, wie +später ausgeführt wird, vermuten, dass ursprünglich die Totenhalle der +im Berge weilenden Heldengeister (<i>animae militum interfectorum</i> +wie im Wormser Berge) darunter zu verstehen sei. Das wilde Heer, +der Sturm, wird im Berge ruhend gedacht. Von dort bricht dann der +Geisterzug hervor. So zieht der Rodensteiner von einer Burg zur andern +und sagt Krieg und Frieden mit seiner Erscheinung an.</p> + +<p>Ob Seelen auch im Gewässer weilend gedacht wurden, scheint zweifelhaft. +Zwar wird es von Mannhardt, <i>German. Mythen</i> 95, 271 ff., +behauptet, aber wesentlich auf die Ammenrede hin, die kleinen Kinder +kämen aus Brunnen und Teichen. Ob wirklicher alter Volksglaube dahinter +steckt, ist nicht auszumachen. Dass die Seelen Ertrunkener im Wasser +festgehalten werden, versteht sich von selber. Aber in den Sagen tritt +bei den Wasserelben die elementare, keineswegs die seelische Natur +hervor. Der Grund ist wol einzusehen. Das Erdbegräbniss führte zur +Vorstellung, die Seele sei zu den Unterirdischen eingegangen. An die +Wasserelben bot sich nur selten Anknüpfung.</p> + +<p>Zusammenhang von Pflanzen- und Menschenseele ist in einem +weitverbreiteten Sagenzuge ersichtlich. Aus den Gräbern spriessen +Blumen, Sträucher und Bäume hervor, worin die Seelen der im Grabe +Ruhenden offenbar werden. Über den Gräbern Unschuldiger, Verkannter +leuchten Lilien, über denen Liebender verschlingen sich Rose und +Rebe. So erzählen zahllose Volkslieder und die Sage von Tristan und +Isolde⁠<a id="FNanchor_37_37" href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p> + +<h4 id="Seelenkult_5"><b>5. Seelenkult.</b></h4> + +<p>Der Kultus, der den Seelengeistern gewidmet wird, dient zur Abwehr und +zur Pflege. Beim Tode eines Menschen wird seit Alters auf bestimmte +Bräuche geachtet, welche das Wiedergehen verhindern sollen.⁠<a id="FNanchor_38_38" href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> Dem +Toten werden Mund und Augen geschlossen, <span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>damit der böse Blick nicht +schade, damit die ausgehauchte Seele nicht wieder zurückkehre. Schon +in der heidnischen Zeit des Nordens war es Sitte, den Kopf des Toten +zu verhüllen und den Leib mit einem Tuche zu bedecken. Zuvor waren +Lippen und Augen geschlossen worden und zwar von rückwärts; niemand +wagte der Leiche von vorne zu nahen, ehe diese Teile geschlossen waren. +Der Tote durfte nicht zu der Thüre hinaus, zu welcher die Lebenden +ein- und ausgingen. Man legte daher in der Wand, die hinter dem Kopfe +war, ein Stück nieder und trug ihn hier rückwärts hinaus. Oder man +grub unter dem Grunde der südlichen Wand ein Loch, durch welches der +Leichnam gezogen ward. In Deutschland wurde derselbe Brauch bei den +Leichen von Missethätern und Selbstmördern beobachtet, die nicht +zur Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand hinausgeschleppt +wurden. Das Lager des Leichnams wird vernichtet, das Stroh verbrannt, +das „<i>rêbrett</i>“ (ahd. <i>hrêo</i>, Leiche), worauf der Tote bis +zum völligen Erkalten gelegt worden war, im baierischen Wald aufs +Feld oder in den Wald gestellt. Nichts soll zurückbleiben, was das +leibliche Erscheinen des Totengespenstes hervorrufen könnte. Auch der +entschwebenden Seele wird der Ausgang möglichst erleichtert, indem beim +Tode Fenster und Thüren geöffnet wurden. Liegt ein Toter trotzdem nicht +ruhig im Grabe, so muss der Leichnam mit einem Pfahl durchbohrt, der +Kopf abgestossen oder der ganze Leib verbrannt werden. Im Norden waren +„<i>bautasteine</i>“, Stosssteine, üblich, vielleicht um den Leichnam +im Grabe festzubannen. Die sächsischen <i>dâdsisas</i>, Totenlieder, +hatten nach Kögel, <i>Geschichte der deutschen Litteratur</i> I, 1, 52 +den Zweck, den Geist des Verstorbenen mit Zaubersang an der Rückkehr +auf die Erde zu hindern. Diesem Bannen steht das Beschwören und +Aufwecken der Gespenster gegenüber, das aber nur mit schlimmer Zauberei +und in besonderen Fällen, um die Zukunft zu erforschen, um Feinden zu +schaden, ausgeübt wurde. Dass der Mensch die Geisterwelt um Rat und +Beistand anrief, wo sein beschränkter gebundener Geist versagte, ist +begreiflich. Auf Gräbern und überall, wo Geister hausten, war dazu der +rechte Ort. Bei den heidnischen Sachsen wurde nach dem <i>indiculus +superstitionum</i> das <i>sacrilegium ad sepulchra mortuorum</i> +verboten, noch ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die +<i>oblationes quae in quibusdam locis ad sepulchra mortuorum fiunt</i>. +Diese Opfer und sonstigen Totenfeiern können ebenso gut dem Gedächtniss +der Abgeschiedenen <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>wie einer Beschwörung gelten. Eine Anzahl andrer +Bräuche ist freundlicher. Da herrscht die Absicht vor, dem Toten Gutes +zu erweisen, sein Loos zu erleichtern. Aus der Anschauung, dass der +tote Leib eine weite Reise ins Totenreich anzutreten habe, entspringen +Begräbnissbräuche, die von den Urzeiten bis herab zur Neuzeit reichen. +Die ältesten Gräberfunde lehren, dass man dem Toten Waffen, Werkzeuge, +Schmucksachen, Trinkhörner mitgab, damit er sie gebrauche. Frauen, +Sklaven, Tiere folgten dem Herrn auf dem Totenweg. Namentlich wurde +ein eigener Totenschuh (an. <i>helskór</i>) mit ins Grab gegeben, +damit der Tote über Dornicht und Steinicht ungefährdet schreiten +könne.⁠<a id="FNanchor_39_39" href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> Wikinger wurden in ihren Schiffen am Lande begraben oder +aufs Meer hinausgeführt und verbrannt. Vielleicht liegt der Gedanke +einer Seelenüberfahrt zu Grunde. Denn die germanische Hölle ist von +der bewohnten Menschenerde durch einen breiten Grenzstrom geschieden. +Solchen Bräuchen schwebt ein bestimmter Ort vor, an welchen die Seele +feierlich verwiesen wird. Auch den beruhigten Seelen ist zuweilen +Wiederkehr an den Ort ihres einstigen Lebens verstattet. Freundlich, +ohne zu schädigen, erscheinen die Seelen, freundlich werden sie +mit Opferspenden empfangen. Das <i>erfiǫl</i>, das Erbbier, der +Leichenschmaus war ursprünglich auch zu Ehren des Toten, den man dabei +gegenwärtig glaubte, gemeint. Zu bestimmten Zeiten, in stürmischen +Nächten, im Herbst, Mittwinter und Frühling, wenn die Winde heulen +und toben, waren Totenfeste, die auch im Christentum fortleben und im +Allerseelentag geregelt erscheinen. Da wurde den Seelen auf den Gräbern +geopfert, ja sogar in den Häusern, die ihnen für die Nacht von den +Lebenden eingeräumt wurden, richtete man ihnen ein Gastmahl zurecht.</p> + +<h4 id="Ahnenkult_6"><b>6. Ahnenkult.</b></h4> + +<p>Aus Seelenglauben und Seelenkult entsteht leicht ein förmlicher +Ahnenkult⁠<a id="FNanchor_40_40" href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, wie der der römischen <i>manes divi</i>. In manchen +Religionen steht der Ahnenkult obenan. Die Seelen der abgeschiedenen +<span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span>Ahnen wachen als Schutzgeister oder Schutzgötter über ihrer Sippe. +Im Kultus der Sippe und des Hauses mögen neben den Naturgeistern +namentlich an den Gedächtnisstagen der Toten, am „Allerseelenfest“ +auch die Ahnen besonders verehrt worden sein. Nachweisen lassen +sich aber nur einzelne wenige Erscheinungen des Ahnendienstes. Wer +die Heldensage im Sinne von E.H. Meyer erklärt, muss eigentlich für +die Urzeit auch einen bedeutungsvollen Ahnenkult annehmen. Aber die +Heldensage knüpft meistens an die geschichtlichen Gestalten an, deren +Thaten im Gedächtniss der Sänger und Dichter haften, schwerlich an +ihre Apotheose. In vereinzelten Fällen freilich scheint eine solche +wirklich erfolgt zu sein. Nach Jordanes wurden die Ahnen der gotischen +Königsgeschlechter als höhere Wesen betrachtet, ja geradezu als Götter +(<i>ansîz</i>, wie lat. <i>dîvi</i>) bezeichnet.⁠<a id="FNanchor_41_41" href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> Damit vergleicht +sich eine schwedische Sage. Adam von Bremen sagt von den Schweden: sie +verehren auch vergötterte Menschen, die sie wegen ausserordentlicher +Thaten mit der Unsterblichkeit beschenken, wie sie das nach dem Leben +des heiligen Anskar (Kap. 26) mit dem Könige Erich gemacht haben.⁠<a id="FNanchor_42_42" href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> +Im Leben Anskars⁠<a id="FNanchor_43_43" href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> wird erzählt, dass ein Mann auftrat und König und +Volk der Schweden verkündigte, er habe einer Versammlung der Götter, +die man für die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei +abgesandt, um König und Volk folgendes anzuzeigen: „Ihr habt euch lange +unsrer Gunst erfreut, ihr habt lange Zeit <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>unter unserem Schutze das +Land eurer Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluss inne +gehabt, habt uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und +euer Dienst war uns lieb. Jetzt aber lasset ihr die gewohnten Opfer +eingehen, bringt freiwillige, aber nur lässig dar, und erhebet — was +uns noch mehr missfällt — einen fremden Gott neben uns. Wollet ihr +also unsere Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen +Opfer, bringet grössere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines +andern Gottes, dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch +zu und zollet ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter, +und sind wir euch nicht genug, so nehmen wir hiemit nach einstimmigem +Beschluss euren einstigen König Erich in unsre Gemeinschaft auf, so +dass er fortan einer der Götter ist.“ Da erbauten sie dem König Erich, +der unlängst verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem +Gotte Gelübde und Opfer darzubringen.</p> + +<p>Die nordischen Denkmäler bieten noch einige weitere Beispiele eines +Ahnenkultes dar, welcher vom ganzen Volk der Person des Fürsten, von +der einzelnen Sippe den abgeschiedenen Familiengliedern förmlich und +feierlich geweiht wurde, und eben hierdurch vom allgemeinen Seelenkult +sich merklich unterscheidet. Von einem norwegischen Manne namens +Thorolf, Thorsteins Sohn, heisst es in der Landnáma 1, 14, er sei der +Enkel Grims gewesen, der wegen seiner Beliebtheit nach seinem Tode mit +Opfer verehrt wurde (<i>er blótinn vas dauđr fyrir þokkasæld</i>). +In der Herwararsaga Kap. 1 ehren die Männer den toten Gudmund mit +Opfern und bezeichneten ihn als ihren Gott. In der Ynglingasaga +gilt Freyr als ein sterblicher König, dem erst nach seinem Tode +göttliche Ehren erwiesen wurden. Lehrreich ist die Geschichte von +König Olaf Geirstada-alf (Flatcyjarbók 2, 6 ff.). Im Lande herrschte +einmal grosse Hungersnot; König Olaf weissagte, sie werde nicht eher +endigen, als bis er selber gestorben und in einem umhegten Hügel +beigesetzt sei. Nach seinem Tode wurde er im Hügel mit vielen Schätzen +bestattet. Man opferte ihm um Fruchtbarkeit und nannte ihn den Alb +von Geirstad (<i>þeir blótođo Ólaf konung til <span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>árs sér ok kǫllođo +hann Geirstađa-alf</i>). Der verstorbene König wird also schon mit +seinem Namen unter die Landgeister versetzt, seine Grabstätte ist sein +Heiligtum. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt auch der isländische +Glaube vom Versterben in die Berge neue Bedeutung. Thorolf und seine +Nachkommen gingen nach Helgafell, die Nachkommen der Aud in die +Krosshólar. Diese Berge aber waren geheiligte Opferstätten. Mithin +scheinen Könige und Helden vergöttert und in ihren Hügeln durch Opfer +und Gebet verehrt worden zu sein; innerhalb einzelner Sippen erhielt +sich aber auch ein Ahnenkultus, dessen Stätte die Familiengräber +(im Schwedischen <i>ätthögar</i> genannt) oder nahe gelegene Berge +und Hügel waren, worin die Seelen der abgeschiedenen Sippen sich +aufhielten. Elbe und Wichte, die Naturgeister, welche ursprünglich +überhaupt von den Seelengeistern abstammen, hingen früher vielleicht +noch enger mit dem Ahnenkult der einzelnen Sippen zusammen, als es aus +der Überlieferung den Anschein hat.</p> + +<p>Berggeister von Riesenart werden in isländischen Quellen des 13. +Jahrhunderts als Asen bezeichnet. So Barðr, der Sohn des Riesen Dumbr +und Zögling des Riesen Dofri, von dem eine eigene Sage geht, wie er in +den Tagen Haralds aus Norwegen nach Island gefahren sei. „Die Leute +meinen, dass er in den fernen Snæfell eingegangen sei, und dort eine +grosse Höhle bezogen habe; denn das war mehr seine Art, in Höhlen +zu sein als in Häusern, weil er in den Höhlen des Dofri auferzogen +war; er war auch an Wuchs und Stärke den Unholden ähnlicher als den +Menschen.“ „Er wurde darum Barðr <i>Snæfellsass</i> genannt, weil sie +dort auf dem Gebirge an ihn glaubten und ihn für einen anzurufenden +Gott (<i>heitguđ</i>) hielten; er zeigte sich auch manchem Manne als +ein sehr kräftiger Schutzgeist (<i>bjargvættr</i>).“ In der Njálssaga +Kap. 124 begegnet ein <i>Svínfellsáss</i>, der mit Flosi Thordarson +unkeuschen Umgang hatte. Gudbrand Vigfusson (<i>corpus</i> 1, 418) geht +zu weit, wenn er diese Wesen für Ahnengeister erklärt und schliesst, +die in Bergen hausenden Toten seien ursprünglich als Asen bezeichnet +worden. Der vergötterte Ahnherr des nahe wohnhaften Geschlechtes sei +als áss im Snæfell und Svínfell verehrt worden; Asen und Elben (wegen +dem Geirstaða-alf) seien die ältesten Benennungen der Ahnengeister. +Die Beispiele stehen vereinzelt, die Quellen sind zu wenig verlässig, +um so kühne Schlüsse zu verstatten. Richtiger urteilt Maurer +(<i>Bekehrung</i> 2, 246), wenn er eine späte Verwirrung annimmt, +welche zwischen dem Kultus der eigentlichen Götter <span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>und der niederen +Dämonen nicht mehr genau zu unterscheiden vermochte und daher auch den +Asennamen auf riesische Berggeister anwandte.</p> + +<h4 id="Glauben_an_eine_Wiedergeburt_7"><b>7. Glauben an eine Wiedergeburt.</b> +</h4> + +<p>Der Seelenglaube führt die Menschen zum Unsterblichkeitsglauben, zum +Glauben an die Seelenwanderung und zu ähnlichen Vorstellungen, die +freilich im niederen Volksglauben der Reinheit, Erhabenheit und Tiefe +entbehren. In der Hölle oder bei den Göttern leben die Seelen ewig +fort, im Übrigen wird über die Zeit, welche einzelnen Gespenstern +zugemessen ist, nichts Bestimmtes gesagt. Die meisten Spukgestalten +gehen nur so lange um, bis sie beruhigt, erlöst sind. In den ältesten +Zeiten, ehe man an Himmel und Hölle glaubte, dauerte das Leben der +Seelengeister, solange sie im Gedächtniss der Menschen hafteten. +Der Begriff der Ewigkeit und Unsterblichkeit setzt eine ziemlich +hohe Stufe des Denkvermögens voraus. Die Gespenster waren oft so roh +sinnlich gedacht, dass man von ihrer völligen Vernichtung zu erzählen +wusste. Nach Asinius Pollio waren die Germanen des Ariovist deshalb +so mutig und verwegen und solche Todesverächter, weil sie wieder +aufzuleben hofften (θανάτου χαταφρονηταὶ δι’ ἐλπίδα ἀναβιώσεως).⁠<a id="FNanchor_44_44" href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> +Ob das Wiederaufleben für eine andere Welt, für ein Walhall, oder für +diese Welt galt, wird nicht gesagt. An eine Wiedergeburt im Sinne der +Seelenwanderung, dass die Seele eines Toten im Leibe eines neugeborenen +Kindes wieder erscheint, glaubten die Germanen.⁠<a id="FNanchor_45_45" href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> So heisst es am +Ende des Liedes von Helgi dem Hjorwardsson, Helgi und Swawa seien +wiedergeboren worden; ausführlicher am Ende des zweiten Liedes von +Helgi dem Hundingstöter: „Das war in alter Zeit Glaube, dass Menschen +wiedergeboren werden könnten; jetzt aber heisst das Altweiberwahn. +Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren seien, er +hiess da Helgi Haddingjaskati und sie Kara.“ Im kurzen Sigurdliede 45 +wünscht Hogni von Brynhild: verwehrt sei ihr ewig die Wiedergeburt. +In der Gautrekssaga Kap. 7 wird Starkad ein wiedergeborener <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>Riese +(<i>endrborinn jǫtunn</i>) genannt. In der Sturlungasaga IX, 42 wird +Thorgils von den Leuten für den wiedergeborenen Kolbeinn gehalten. +Besondere Beachtung verdient, was sich die Zeitgenossen einst von +König Olaf dem Heiligen erzählten. Vor Olafs Geburt erschien der +längst verstorbene König Olaf Geirstada-alf einem Manne im Traum +und befahl diesem, aus seinem Grabhügel Waffen und einen Gürtel zu +nehmen und letzteren der schwangeren Fürstin Asta in den Wehstunden +umzuspannen, dafür aber die Namengebung sich auszubedingen. Der Mann +that so und nannte das Kind, den künftigen Bekehrer Norwegens, nach der +Traumerscheinung Olaf. Man glaubte, Olaf Geirstada-alf sei in seinem +Namensvetter wiedergeboren. Als König Olaf auf seiner Fahrt einmal zu +dem Hügelgrabe des alten Olaf gekommen war, fragte ihn einer seiner +Mannen: Bist du hier begraben gewesen? Olaf antwortete: Nie hatte meine +Seele zwei Körper. Er leugnet auch, früher gesagt zu haben: Es war eine +Zeit, da wir hier waren und von hier wegkamen. Der christliche, heilig +gesprochene König muss natürlich den heidnischen Aberglauben, der an +seinem Ursprung haftet, von sich abzuwälzen suchen. Der Erzählung liegt +ein noch fortlebender norwegischer Aberglaube zu Grunde. Man wählte +Namen Verstorbener, um die Toten wieder aufleben zu lassen. Wenn eine +schwangere Frau von einem Verstorbenen träumt, so hält man dafür, +dass dieser nach einem Namen umgeht — <i>gaaer efter navnet</i> —, +dass er einen Namensvetter sucht und dass das Kind nach ihm getauft +werden muss. So erscheint dem Thorstein uxafót ein Grabhügelbewohner +im Traum, sagt ihm seinen Übertritt zum Christentum voraus und bittet +ihn, einen Sohn mit seinem, des Toten Namen zu taufen —, offenbar +um als Wiedergeborener der christlichen Seligkeit teilhaftig zu +werden. Der sterbende Asbjorn bittet, nach ihm zu taufen — <i>at láta +heita eptir honum</i> — d. h. ihm durch Benützung seines Namens zur +Wiedergeburt zu verhelfen. Der sterbende Jokull schenkt seinem Mörder +das Leben und bittet ihn, zum Danke dafür einst seinen künftigen Sohn +oder einen seiner Enkel Jokull zu nennen. Die alte und neue nordische +Sage enthält viele Beispiele dieses mit der Wiedergeburt verknüpften +Namensaberglaubens.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Seelenglauben dauerte unter dem Christentum ungeschwächt fort, +allzu tief wurzelt die Gespensterfurcht im Herzen des Menschen. +Ruhelose Seelen, die man zur eignen Sicherheit <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>bannen muss, die aber +trotz allem nach Ruhe verlangen, kannte schon das Heidentum. Eine +gewisse sittliche Auffassung mag auch darin bestanden haben, dass +unholde Geister namentlich aus den Seelen böser Menschen hervorgingen, +während die guten in die Gemeinschaft der Götter und guten Geister, +ins allgemeine Totenland oder sonst an einen stillen Ort gelangten. +Unter dem Christentum bildete sich aber neu die Vorstellung der „armen“ +Seele, die zur Strafe spuken muss und vom Höllenfeuer angeglüht ist. +Wie für alles Unholde ergab sich auch für die Gespenster unmittelbarer +Zusammenhang mit Hölle und Teufel.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Uebermenschliche_Wesen_die_aus_Maren_und_Seelen_hervorgingen"> + Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen hervorgingen. + </h3> + +</div> + +<h4 id="Die_nordischenFylgjur_1"><b>1. Die nordischen Fylgjur.</b></h4> + +<p>Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der <i>fylgja</i>, +<i>forynja</i>, <i>fyreferd</i>, <i>hamingja</i>, von Erscheinungen, +in welchen der Seelenglauben am deutlichsten zum Ausdruck gelangt. +<i>fylgja</i> bedeutet Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen +beiwohnendes geisterhaftes Wesen, die Seele, welche zuweilen sichtbar +wird. Die Fylgja zeigt sich ihrem Besitzer und andern Menschen meistens +vor wichtigen Ereignissen, namentlich vor dem Tode. Sie erscheint in +der vollen eignen Gestalt ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites +Gesicht, oder in beliebiger Tiergestalt. Die Fylgja offenbart sich +gerne im Traum, geistersichtige Leute vermögen sie aber auch im Wachen +zu sehen. So gleicht die Fylgja einerseits völlig den <i>hugir</i>, +den Seelen, andererseits ist sie aber auch als <i>fylgjukona</i>, als +<i>dís</i>, als ein übernatürliches Wesen weiblichen Geschlechtes +gedacht. Wie ein Schutzengel ist sie dem einzelnen Menschen +(<i>mannsfylgja</i>) oder auch einer ganzen Sippe (<i>kynfylgja</i>, +<i>æltarfylgja</i>) gesellt, manchmal sind sogar mehrere Fylgjur einem +Menschen oder einem Geschlechte beigegeben. So vollzieht sich also +die Ablösung eines selbständigen Geisterwesens aus dem Seelenglauben, +eine spätere Neubildung auf allgemeinem Hintergrund. Die Seele wird +zu einem Schutzgeiste in Frauengestalt, zu einer Schicksalsgöttin. +Manche Leute haben stärkere Fylgjur, stärkere Schutzgeister und darum +mehr Glück als andre. In den Fylgjur <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>verkörpern sich gewissermaassen +die eignen Seelen der einzelnen Menschen und zugleich die Seelen +der abgeschiedenen Ahnen, aber als selbständige Wesen gedacht. +Zusammenhang mit dem Seelenglauben bricht aber immer noch hervor. Von +Olaf Tryggwason heisst es, seine Fylgjen seien besonders schön und +glänzend gewesen (Olafssaga des Oddr Kap. 5). In der jüngeren Olafssaga +Tryggvasonar Kap. 215 steht eine merkwürdige Geschichte von einem +Isländer namens Thidrandi. Dieser hörte einmal in einer mondhellen +Nacht an die Thüre seines Hauses anklopfen und trat, obwol gewarnt, +mit einem Schwerte bewaffnet hinaus. Da sah er von Norden her neun +Weiber in schwarzen Gewändern mit gezogenen Schwertern in den Händen +heranreiten; von Süden her kamen auch neun Weiber geritten, alle in +lichten Gewändern und auf weissen Rossen. Thidrandi wollte wieder ins +Haus zurück, wurde aber von den schwarzen Frauen angegriffen und auf +den Tod verwundet. Morgens fand man ihn, und er erzählte alles, ehe +er starb. Thorhall aber erklärte die Frauen für die Schutzgeister +des Geschlechtes (<i>fylgjur yđrar frænda</i>). Die schwarzen +Frauen (<i>dísir</i>) seien die dem Heidentum, die weissen die dem +Christentum geneigten Geister. Die heidnisch gesinnten verlangten noch +vor der Bekehrung ein Opfer und holten darum den Thidrandi zu sich. +<i>fylgjur</i> und <i>dísir</i> werden also einander gleichgestellt und +gelten als die aus den Seelengeistern hervorgegangenen Schutzgeister +einer Sippe. Die Scheidung in schwarze und weisse, unholde und holde +dürfte der christlichen Absicht der Erzählung zuzuschreiben sein. +Ähnlich sagt Gisli in der Gislasaga Súrssonar 41: „Ich habe zwei +Traumweiber (<i>draumkonur</i>); die eine ist gut gegen mich, die +andre aber sagt mir immer das vorher, was mir eine Verschlechterung +meines Geschickes zu sein scheint und prophezeit mir Böses.“ Die +Fylgjur zeigen sich hier, wol auch unter christlichem Einfluss, als +guter und böser Engel eines Menschen. Die Fylgjur erscheinen auch +sonst als bewaffnete Frauen. Der Skald Hallfred sah einmal ein Weib in +einer Brünne über die Wogen hin zum Schiffe schreiten. Es war seine +<i>fylgjukona</i> (Fornsögur hrsg. von Gudbrand Vigfusson S. 114). Dem +Asmund erscheinen im Traume bewaffnete Frauen, seine Schutzgöttinnen +(<i>spádísir</i>), die ihm Hilfe im Kampfe verheissen (Fornaldarsögur +2, 483). Dem Wigaglum tritt die Schutzgöttin (<i>hamingja</i>) +des Wigfuss behelmt entgegen und bietet ihm ihre Nachfolge an +(Vigaglúmssaga Kap. 9). Den Zusammenhang der <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Fylgjen mit den +Seelengeistern lehren deutlich die Atlamól 27, wo die dísir zugleich +als tote Weiber (<i>konor dauđar</i>) bezeichnet sind. Glaumwor warnt +den Gunnar vor der Fahrt zu Atli durch Erzählung ihrer Träume:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mir schiens, als träten bei Nacht tote Frauen hier ein,</div> + <div class="verse indent0">In dürftige Kleider gehüllt, die dich entführen wollten;</div> + <div class="verse indent0">Es luden zu ihren Bänken die leidigen Weiber dich ein;</div> + <div class="verse indent0">Die Schicksalsjungfrauen, glaub ich, haben den Schutz dir aufgesagt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Fylgjur in ihrer Eigenschaft als selbständige Schutzgeister gingen +beim herannahenden oder eingetretenen Tode eines Mannes auf einen +beliebigen Verwandten, dem sie sich antrugen, über. So übernimmt +Wigaglum die Fylgja des Wigfuss, dem Hedin bot sich die Fylgja seines +Bruders Helgi Hjorwardsson an, welcher darin ein Zeichen seines nahen +Todes sieht. Bei Gunnar und Thidrandi herrscht die Vorstellung, dass +die Fylgjur den Todgeweihten zu sich holen, d. h. seine Seele geht zu +den Toten ein. In der Njálssaga Kap. 41 erblickt Njál die Fylgja des +Thord in Gestalt eines getöteten Bockes; also vollzieht sich hiernach +an der Fylgja das Schicksal ihres Besitzers.</p> + +<h4 id="Verwandlungsfahigkeit_Werwoelfe_Berserker_2"><b>2. +Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe, Berserker.</b></h4> + +<p>Statt Fylgja begegnet auch der Ausdruck <i>hamingja</i>, im Sinne von +Schutzgeist, Glück. <i>Hamingja</i> ist abgeleitet von <i>hamr</i>, +Hülle, Gestalt. Mit <i>hamr</i> wird aber namentlich die Gestalt +bezeichnet, in welcher die verwandelte Seele sich zeigt. So heisst in +den Atlamǫ́l 18 der Adler, von welchem Kostbera, Hognis Frau, träumt, +des Atli <i>hamr</i>, wie ebenda 19 des Atli <i>hugr</i>. Fylgja +wird also die Seele genannt, weil sie dem Menschen, so lang er lebt, +überallhin folgt, Hamingja ihrer vielgestaltigen Verwandlungsfähigkeit +halber. Bereits im nordischen Heidentum bestand nun der Glaube, +dass einzelne Leute fähig wären, beliebig ihre Gestalt zu wechseln. +Verwandlungssagen entstammen dem Seelenglauben. Was hier unwillkürlich, +im Traume oder unter besonderen Umständen, sich ereignete, geschieht +nun auch willkürlich, meist mit Hilfe von Zauberkünsten, wodurch die +Verwandlungsfähigkeit der Seele nach Belieben benutzt werden kann. +Solche Leute heissen <i>eigi einhamir</i>, nicht eingestaltig; ihre +Fähigkeit ist <i>at skipta hǫmum</i>, die Gestalten zu tauschen, +<i>at hamast</i> sich zu häuten, die Hülle zu wechseln. <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>Sie sind +<i>hamramr</i> oder <i>hamhleypa</i>, gestaltenläufig, sie sind der +<i>hamfar</i>, der Fahrt in Verwandlungen mächtig. Die Annahme der +fremden Gestalt geschieht nicht nur in der Art des Seelenglaubens, +dass die Seele aus dem Leibe ausschlüpft und eine beliebige Hülle +umthut, vielmehr auch so, dass das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes +den Wechsel der Gestalt hervorbringt. So hat Freyja ein Federgewand +(<i>fjađrhamr</i>), das sie dem Loki borgt, so haben die Valkyrjen +Schwan-und Krähenhemden. Odin hat ein Adlergewand (<i>arnarhamr</i>). +Besondere Bedeutung aber haben die Wolfsgewänder, die <i>úlfahamir</i>, +deren Anlegen den Menschen zum Wolfe verwandelt. Der Werwolfsglaube⁠<a id="FNanchor_46_46" href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> +ist seit Alters den westarischen Völkern, namentlich den Slaven und +Germanen vertraut. Er beruht auf den allgemeinen Vorstellungen der +vielgestaltigen Seelen, wie die Fylgjur, die Mannahugir gar oft als +Wölfe auftreten⁠<a id="FNanchor_47_47" href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>. zum Teil vielleicht auch auf dem epidemischen +Wolfswahnsinn⁠<a id="FNanchor_48_48" href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, der pathologischen Lykanthropie. Werwolf bedeutet +Mannwolf, λυκάνθρωπος⁠<a id="FNanchor_49_49" href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>. Das Wort begegnet im ags. <i>werewulf</i>, +in Deutschland zuerst bei Burkhard von Worms (<i>credidisti, ut +quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod +vulgaris stultitia werwolf vocat</i>). Das frz. <i>loup-garou</i> +ging aus altfränkischem <i>werewulf</i> hervor⁠<a id="FNanchor_50_50" href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>. Die nordische +Sprache gebraucht dafür <i>vargr</i> oder <i>vargulf</i>, neunord. +<i>varulf</i>. <i>verulfr</i> begegnet als Schwertname in der Snorra +Edda 1, 565, vermutlich als deutsches oder englisches Lehnwort. In der +Vǫlsungasaga Kap. 8 wird erzählt, wie Sigmund und Sinfjotli einmal in +einem Waldhause zwei Männer mit dicken Goldringen schlafend fanden. Die +waren ins Missgeschick geraten; denn Wolfshemden (<i>úlfahamir</i>) +hingen über ihnen. Jeden zehnten Tag vermochten sie aus den Wolfshemden +zu kommen. Es waren Königssöhne. Sigmund und Sinfjotli fuhren <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>in +die Gewänder und konnten nimmer heraus. Es folgte ihnen dieselbe +Eigenschaft wie zuvor. Sie liessen Wolfsstimmen hören, verstunden +aber beide ihre Stimmen. Sie fielen nun wie rechte Wölfe Menschen an +und zerrissen sie. Sigmund biss den Sinfjotli fast zu Tode. Nachmals +aber fuhren sie wieder zu dem Hause und warteten, bis sie aus den +Wolfsgewändern kamen, die sie dann zu Asche verbrannten. Die Sage +mag auf einem alten Missverständniss beruhen. Warg, Wolf hiess der +Geächtete in der germanischen Rechtssprache. Warg wurde wörtlich als +Wolf verstanden, und so bildete sich die Werwolfsgeschichte. Jedenfalls +aber wird der Werwolfsglaube dadurch als altgermanisch erwiesen. +Nach der neueren Volkssage verwandeln sich Menschen, sowol Männer +als Frauen, zeitweilig in Wölfe, indem sie sich einen Gürtel, aus +Wolfsleder oder Menschenhaut gemacht, um den blossen Leib schnallen. +Wird der Gürtel gelöst, so nehmen sie wieder Menschengestalt an. Das +Wolfshemd ist also zu einem Wolfsgürtel zusammengeschrumpft. Der +Werwolf fällt dann in Herden und greift auch Menschen an. Der Zauber +reicht aber nicht übers Leben hinaus. Wird ein Werwolf verwundet oder +getötet, so findet man einen wunden oder toten Menschen. Wie alle +Seelen und Maren hält er dem Namensanruf nicht stand, der Zauber weicht +sofort, und statt des Wolfes sieht man einen nackten Menschen vor sich. +Der „Böxenwolf“ in Westfalen und Hessen hockt auf wie die Mare, d. h. +er springt den Leuten auf den Rücken und lässt sich tragen.</p> + +<p>Zu den Werwölfen scheinen ursprünglich die <i>Berserker</i> der +nordischen Sagen gehört zu haben, obwol der rechte Sinn den Quellen +abhanden kam⁠<a id="FNanchor_51_51" href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>. Berserker sind Menschen, die plötzliche Wutanfälle +haben. In diesem Zustande gebärden sie sich wie wilde Tiere, sie +heulen, sperren den Rachen auf und recken die Zunge heraus, stossen +Schaum aus dem Munde, knirschen mit den Zähnen und beissen in die +Schilde. Zugleich werden sie übernatürlich stark und meinen für +Feuer und Eisen unverwundbar zu sein; in ihrer Wut verschonen sie +nichts, was ihnen in den Weg kommt, nach überstandenem Anfall aber +sind sie um so schwächer und nahezu völlig kraftlos; durch Anrufen +bei ihrem Namen wird der Zustand beseitigt, wie das Beschreien auch +sonst zauberische oder übernatürliche Vorgänge und Verrichtungen +stört. <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>Von Verwandlungen in fremde Gestalten ist zwar bei den +Berserkern nicht mehr die Rede, trotzdem heissen sie <i>eigi +einhamr</i>, <i>hamramr</i>. Ihr Wutanfall wird als ein leiblich und +seelisch ganz verschiedenartiger Zustand aufgefasst. Ursprünglich +war diese tierische Wut eben mit Verwandlung in tierische, Wolfs- +oder Bärengestalt verbunden. Darauf deuten noch einige Spuren. König +Harald Hárfagr hatte in seiner Umgebung eine Schar von Berserkern, die +<i>úlfheđnar</i>, die Wolfsgewandigen, hiessen. Ulfheðinn und Ulfhamr +kommen als Mannsnamen vor. Die Überlieferung deutet diese Bezeichnung +der Berserker allerdings dahin, dass die Kämpen Wolfspelze über den +Brünnen getragen hätten. Indessen ist dies ein Missverständniss. Einst +waren Leute in <i>úlfahamir</i>, in Wolfshäuten, also Werwölfe gemeint. +Sveinbjörn Egilsson im Lexicon poeticum S. 51 erklärt Berserkr als der +Bärengewandige (aus <i>berr</i>, Bär und <i>serkr</i>, das Gewand). +<i>Berserkir</i> und <i>úlfheđnar</i> sind also Menschen in Bären- und +Wolfsgestalt. Daher die tierische Wut, die ihnen anhaftet. Dem Namen +Ulfheðinn entspricht der Name Bjarnheðinn. Einen solchen „Berserkr“ im +wahren Sinn führt uns die Sage von Hrolf Kraki leibhaftig vor. Hrolf +wird von seinen Feinden überfallen. Mutig tritt er mit seinen Helden in +den Kampf gegen Hjorward ein; alle seine Recken mit Ausnahme des Bodwar +Bjarki begleiten den König Hrolf. In diesem Kampfe sahen Hjorward und +seine Mannen, dass ein grosser und starker Bär dicht vor König Hrolf +herging. Hieb- und Schusswaffen glitten ohne Wirkung an ihm ab, er +stürzte Männer und Rosse nieder und zermalmte die Leute mit Klauen +und Zähnen, so dass sich klägliches Geheul in Hjorwards Heer erhob. +Hjalti, ein Recke Hrolfs und Freund Bodwars, sah sich um und vermisste +noch immer seinen Freund Bodwar. Da lief er zurück zur Königshalle und +hier sah er Bodwar ganz müssig sitzen. Hjalti schalt den Bodwar, dass +er ruhig in der Halle bleibe, während der König Hrolf in Not sei, und +bedrohte ihn. Da erhub sich Bodwar seufzend und ging mit hinaus zum +Kampfe. Alsbald verschwand der Bär. Der Kampf aber endigte mit Hrolfs +und seiner Recken Fall. In dieser Sage kämpft also die Seele, die +Fylgja oder Hamingja eines tapferen Helden in Bärengestalt, während +sein Leib in der Halle zurückbleibt. Die Geschichte mag als Grundtypus +der Berserkersagen gelten, sie erwächst aber unmittelbar aus dem +Seelenglauben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span></p> + +<h4 id="Schicksalsfrauen_3"><b>3. Schicksalsfrauen.</b></h4> + +<p>Die nordischen Fylgjur waren zugleich Schutzgeister, gute und +böse Engel, die den Menschen umschwebten. Von hier aus ist nur +ein kleiner Schritt zum Glauben an Schicksalsgeister, den wir +bei den heidnischen Germanen vorfinden. Überall begegnen wir den +Schicksalsfrauen, die das Leben des Menschen von der Geburt bis +zum Tode lenken. Aus ihrer Vielheit erhebt sich auch eine einzige +Schicksalsfrau, das persönlich gewordene Verhängniss. Die ältere und +jüngere Vorstellung laufen neben einander her wie etwa auch das wilde +Heer und der wilde Jäger, der allgemeine und der besondere Begriff. +Über die Fylgjen reichen die Schicksalsfrauen zu den seelischen +Geistern. Einzelne Spuren, namentlich das Erscheinen der Frauen bei +Geburt eines Kindes, weisen auf den Kreis der Maren.⁠<a id="FNanchor_52_52" href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> Namen und +Thätigkeit dieser Wesen sind hier zu erörtern. Als weise Frauen (ahd. +<i>idisi</i> an. <i>dísir</i>) wurden sie bezeichnet.⁠<a id="FNanchor_53_53" href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> In ahd. +Glossen wird parca mit <i>scephenta</i>, die Schaffende, gegeben. +Vintler nennt <i>gâchschepfen</i>, die den Menschen das Leben +geben. Im Zusammenhang mit andern Ausdrücken ist ersichtlich damit +die Thätigkeit eines Schöffen, der ein Urteil schöpft, gemeint. Im +Norden ist von <i>urđir</i> (Sigurvþarkviþa in skamma 5), in England +von <i>the thre weirdsisters, the weird lady of the woods</i> die +Rede. Im Heliand ist das Schicksal <i>reganogiskapu</i>, Schöpfung +ratender Mächte, <i>metodogiskapu</i>, Schöpfung der messenden, +zumessenden, <i>wurdigiskapu</i>, Schöpfung der <i>wurd</i>. Im Norden +heissen die Schicksalsfrauen Nornen.⁠<a id="FNanchor_54_54" href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> Durch alle germanischen +Sprachen geht die Bezeichnung <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span><em class="gesperrt">wurd</em> (as. <i>wurd</i>, ahd. +<i>wurt</i>, ags. <i>wyrd</i>, an. <i>urđr</i>) durch. Die Bedeutung +ist Geschick, Verhängniss, Tod. Häufig ist Wurd persönlich gedacht +und eine entsprechende Wendung gebraucht. Wurd gehört zur idg. Wurzel +<i>u̯ert</i> (<i>vertere</i>), woraus ahd. <i>wirt</i>, <i>wirtel</i>, +die Spindel. Vielleicht ist Wurd die Spinnerin. Im Ags. heisst es: +<i>Wyrd me þæt gewæf</i>, mir wob das Wyrd. Als ein Gewebe wird +das Schlachtgeschick (<i>wíg spéda gewiofu</i>) bezeichnet. Von +einem Nornenspruch (<i>kvidr</i>) und Urteil (<i>dómr</i>) wissen +nordische Dichter, von dem Worte der Urd, dem keiner entgegnet, +das unwiderruflich ist (Fjǫlsvinns mǫ́l 47). Das Schicksal ist +<i>urlagu</i> (ahd. <i>urlag</i>, as. <i>orlag</i>, ags. <i>orlæg</i>, +afr. <i>orloch</i>, an. <i>ørlǫg</i>) d. h. Urgesetz. <i>ørlǫgsíma</i>, +<i>ørlǫgþáttr</i> sind im Nordischen die Schicksalsfäden. In zwiefacher +Weise also dachten sich die Germanen das Schicksal, als <i>Urgesetz</i> +und als <i>Gewebe</i>. Aus diesen beiden Vorstellungen erklären sich +die überlieferten Namen der Schicksalsfrauen. Sie wissen das uralte +Recht und finden und fällen den Wahrspruch, der dem Menschen sein +Verhängniss zumisst; sie spinnen und weben Glück und Unglück, Gutes +und Böses. Das Schicksal richtet und webt über Götter und Menschen, +es ist die geheimnissvolle, hohe Macht, der selbst die Himmlischen +unterworfen sind. Damit ist der Wurd eine bedeutungsvolle Stellung +eingeräumt. Götter und Helden vermögen sie nicht zu bezwingen noch +ihr zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht darin, wie sie der Wurd +begegnen.⁠<a id="FNanchor_55_55" href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p> + +<p>Wurd schickt Gutes und Böses, die Schicksalsfrauen, wo sie in Mehrzahl +auftreten, teilen sich dagegen meistens nach ihren Gaben in gute und +böse, freundliche und feindliche Gewalten. Zornige (<i>grimmar</i>), +feindselige (<i>ljótar</i>) Nornen erwähnen die nordischen Skalden; die +Gylfaginning Kap. 15 führt den Gegensatz durch: „Wenn die Nornen über +das Geschick der Menschen entscheiden (<i>ráđa ørlǫgom manna</i>), so +verteilen sie’s sehr ungleich: den einen verleihen sie ein Leben voll +Glück und Ansehen, andern dagegen wenig Freude und Ruhm; den einen +ein langes Leben, andern ein kurzes. Die guten Nornen, die von edler +Abkunft sind, schaffen ein glückliches Los. Wenn aber Menschen ins +Unglück geraten, so veranlassen es böse Nornen.“ Nach dem Reginlied +24 stehen <i>tálardísir</i>, Trugdisen, zu Seiten des auf der Fahrt +strauchelnden Kriegers; sie wünschen ihn wund zu sehen. Wo also nicht +der Glaube an die erhabene Wurd vorherrscht, wird Glück und <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Unglück +aus dem Walten guter und böser Geister erklärt. Den Wirkungskreis der +Nornen lassen die nordischen Quellen überblicken. Nach dem Fafnirliede +12 gibt es Nornen, hilfreich in der Not (<i>nauþgǫnglar</i>), welche +den Müttern bei Geburt der Söhne beistehen. Ebenso walten <i>dísir</i> +bei der Geburt (Sigrdrífumǫ́l 9). Sie bestimmen für Mutter und Kind +Leben oder Tod. Im Lied von Helgi dem Hundingstöter werfen sie dem +neugeborenen Kinde den Schicksalsfaden. „Nacht wars im Hofe; Nornen +kamen, die dem Edeling das Schicksal schufen (<i>aldr um skópu</i>). +Sie bestimmten dem Fürsten, berühmt zu werden und der beste unter +den Helden. Mit Macht schlangen sie die Schicksalsfäden (<i>sneru +ørlǫgþáttu</i>), während es Burgen brach in Bralund; sie wickelten +den goldenen Faden aus einander und befestigten ihn mitten im Mondsal +(d. h. im Himmel). Sie bargen die Enden ostwärts und westwärts, wo +das Land des Königs inmitten lag; eine Schlinge, der sie ewige Dauer +gebot, schwang eine der Nornen gen Norden.“ Die Nornen weben ein +Gewebe, das nach Ost und West und gen Norden, also weit über die +Lande und hinauf zum Himmel reicht. So soll sich Helgis Heldenruhm +ausbreiten. Die Vǫlospǫ́ 20 gedenkt der drei weisen Jungfrauen, deren +Sal am Stamme der Weltesche Yggdrasil steht, sie bestimmten Satzungen +(<i>lǫg lǫgþo</i>), erkoren Leben den Menschenkindern (<i>líf kuro alda +bǫrnom</i>), Schicksal der Männer (<i>ørlǫg seggja</i>). Der Glaube +an gute und böse Schicksalsfrauen tritt in einem weitverbreiteten +Märchenzug zu Tage. An die Wiege des neugeborenen Kindes kommen mehrere +weise Frauen, die es mit guten Eigenschaften begaben, nur eine zürnt +und wünscht Böses. In der erst um 1400 entstandenen Nornagests saga +Kap. 11 besitzen wir eine nordische Wendung. Landfahrende <i>völvur</i> +oder <i>spákonur</i>, weissagende Frauen kamen zu Nornagests Vater; +das Kind lag in der Wiege, über ihm brannten zwei Kerzen. Nachdem +die zwei ersten Weiber es begabt und ihm Glückseligkeit vor andern +seines Geschlechtes versichert hatten, erhob sich zornig die jüngste +Norn (<i>in yngsta nornin</i>), die man im Gedränge von ihrem Sitze +geworfen hatte, dass sie zur Erde gefallen war, und rief: Ich schaffe, +dass das Kind nicht länger leben soll, als die neben ihm angezündete +Kerze brennt! Schnell griff die älteste Völva nach der Kerze, löschte +sie aus und gab sie der Mutter, vermahnend, sie nicht eher wieder +anzustecken, als an des Kindes letztem Lebenstag, welches davon den +Namen Nornengast empfing. Die Erzählung ist mehrfach verdächtig. +Nornen und Vǫlvur, Schicksal <span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>schaffende und Schicksal verkündende +Frauen, sind mit einander verwechselt. Die Geschichte selber aber +gleicht der griechischen Sage von Meleager. Dieser war noch wenige +Tage alt, als die drei Moiren zu dem Bette seiner Mutter traten. Die +eine verkündigte, er werde tapfer, die andre, er werde grossmütig +sein, die dritte, er werde so lange leben, als der eben jetzt auf dem +Herde liegende Brand vom Feuer nicht verzehrt sei. Seine Mutter hob +diesen Brand sorgfältig auf. Als sie aber in der Folge erfuhr, dass +Meleager ihre Brüder erschlagen habe, eilte sie im Drange der Rache +mit dem Brande nach dem Feuer und liess ihn von demselben verzehren. +Meleager starb nun schnell hinweg. Bei der auffallenden Ähnlichkeit und +späten Abfassungszeit der Nornagests saga ist gelehrte Nachahmung sehr +wahrscheinlich. Die Geschichte darf mithin fürs nordische Heidentum +nicht verwertet werden. Bei Saxo Buch VI S. 272 wird vom König Fridlev +erzählt, wie er in den Tempel der drei weisen Frauen (<i>nymphae</i>) +trat, die dort auf Stühlen sassen. Denn es war Sitte, nach der Geburt +eines Kindes die „<i>oracula parcarum</i>“ zu erkunden. Nachdem der +König, um seines Sohnes Olaf Zukunft zu befragen, feierliche Gelübde +gethan hatte, verhiessen die zwei ersten dem Kinde Reichtum und Glück, +die dritte der Schwestern aber Geiz. Aus deutscher Volkssage bieten +sich zahlreiche übereinstimmende Geschichten dar.⁠<a id="FNanchor_56_56" href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> Aber ihre +Herkunft aus germanischem Heidentum ist wenig glaubhaft, vielmehr +Zusammenhang mit antikem Parzen- und romanischem Feenglauben. Burchard +von Worms gedenkt zuerst der Parzen. Auf den Färöern heisst noch heute +das erste Gericht, das die Mutter nach der Geburt des Kindes zu sich +nimmt, <i>nornagreytur</i>⁠<a id="FNanchor_57_57" href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>, Nornengrütze. Vermutlich ist damit +eigentlich ein Opfer gemeint, das nach der Geburt den erwarteten Nornen +angerichtet wurde.</p> + +<p>Wurd wird oft gleichbedeutend mit Tod verwendet, man meinte also +das Eingreifen der Schicksalsgöttin im Tode zu erkennen. So heisst +es im Heliand: Wurd nahm ihn weg, Wurd nahte, Wurd ist vorhanden, +und im Beowulf: Wyrd nahm ihn weg, Wyrd war ihm sehr nahe. In der +Eyrbyggjasaga Kap. 52 erscheint ein <i>urđarmáni</i>, ein Mond der Urd, +ein gespenstischer Halbmond, <span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>welcher Menschensterben anzeigt. Die +neuisländische Volkssage kennt ein Ungetüm namens <i>urdarköttur</i>, +Katze der Urd, dessen Anblick Tod bringt (Jón Árnason, <i>Pjóđsögur</i> +1, 613).</p> + +<p>Auf Island erhielt der Nornenglauben überhaupt besondere Ausbildung. +Nach Vǫolospǫ́ 19 erhebt sich Yggdrasil über dem Brunnen der Urd. +Die Gylfaginning Kap. 16 berichtet, dass die Nornen täglich aus dem +Brunnen die Esche begiessen, welche dadurch vor dem Vertrocknen und +Faulen bewahrt wird. Im Brunnen werden zwei weisse Schwäne gehalten, +von denen diese Vögel abstammen sollen. Zu diesem Bilde wirken die +verschiedenartigen Vorstellungen von heiligen Bäumen und Quellen, +Wald- und Wasserfrauen, Schwanmädchen zusammen. Alle diese Gestalten +finden in der höchsten der weisen Frauen, in Urd ihre Verkörperung. +Nach dem Fafnirliede 13 gibt es Nornen verschiedener Herkunft, vom +Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht. In der Vǫlospǫ́ 8 wird die +Ankunft dreier übermächtiger Mädchen aus Jotunheim erwähnt, wodurch +das goldene Zeitalter der Götter seinen Abschluss findet. Wenn damit +die Nornen gemeint sind, wird ihnen riesische Abstammung, Riesenart +zugemessen. Neben Urd nennt die Vǫlospǫ́ 20 in einer späteren +Einschaltung <i>Verđandi</i> und <i>Skulđ</i>, was Gylfaginning Kap. 15 +wiederholt. Sonst kommen diese Namen nicht vor. Gelehrte, etymologische +Spielerei und das Bestreben, eine Norne der Vergangenheit, Gegenwart +und Zukunft aufzustellen, veranlassten diese Namen. <i>Verđandi</i> +ist Part. Praes. zu <i>verđa</i>, werden, <i>Urđr</i> ward mit dem +Praet. <i>urđum</i> desselben Zeitworts in Zusammenhang gebracht. Bei +<i>Skuld</i> schwebt das Hilfsverbum <i>skula</i>, sollen, mit dem das +Futurum gebildet wird, vor. Diese isländische Gelehrsamkeit ist von +antiken Vorstellungen⁠<a id="FNanchor_58_58" href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> beeinflusst und hat nichts mit dem Heidentum +zu schaffen.</p> + +<p>Gemeingermanisch sind Schicksalsfrauen und die Wurd, die ja auch +im Norden allein lebensvoll hervortritt. Schon die Dreizahl der +Schicksalsfrauen ist verdächtig, die Nornen der Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunft sind aber zweifellos den Parzen nachgeahmt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span></p> + +<h4 id="Walkuren_4" title="Walküren"><b>4. +Walküren.</b>⁠<a id="FNanchor_59_59" href="#Footnote_59_59" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[59]</span></a> +</h4> + +<p>Zur Zeit, da die Germanen ins Licht der Geschichte treten, vollzieht +sich ihr Schicksal im Kampfe. Sieg oder Unsieg entscheidet über das +Volk. Darum steht neben der Norn die besondere Schicksalsfrau der +Schlacht. Wie jene das Schicksal im Allgemeinen lenkt, so gebietet +diese übers Waffenglück, über Sieg oder Tod auf dem Walfeld. +Allen Germanen gemeinsam ist die Vorstellung von Kampfgöttinnen. +In Wirklichkeit kämpften oft germanische Frauen in Waffen unter +den Heeren. Daher finden wir auch zahlreiche Frauennamen auf wig, +hild, gund, hadu, mit ger, brünne, helm u. s. w. zusammengesetzt, +die das Bild der kampflich gerüsteten Frau uns vorführen. Die +Vorstellungen von Kampfgöttinnen und weiblichen Kämpferinnen mögen +mit einander aufgekommen sein, sie erwuchsen unter gegenseitiger +belebender Wechselwirkung. Die Draugen gefallener Kriegerinnen⁠<a id="FNanchor_60_60" href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>, +Schicksalsfrauen, Schutzgöttinnen vermischten sich zum Bilde der +Walküre. Benennungen solcher Wesen begegnen häufig in den alten +Quellen. Bei den Deutschen hiessen sie <i>idisi</i>, bei den Nordleuten +<i>dísir</i>, als hehre weise Frauen. Bei den Angelsachsen treffen wir +<i>sigewíf</i>, bei den Nordleuten <i>sigrmeyjar</i>, <i>sigrfljód</i>, +also siegspendende Frauen. Nord, <i>geirvíf</i> und <i>hjálmvítr</i> +bezeichnen Speerschwingerinnen und Helmträgerinnen. Auch Fylgjur und +Hamingjur zeigen sich im Waffenschmuck, vielleicht weil sie Dísir sind, +und darunter vorzugsweise Kampffrauen verstanden wurden. Das Wort +<em class="gesperrt">Walküre</em> gehört Nordleuten (<i>valkyrja</i>) und Angelsachsen +(<i>wælcyrie</i>) allein an. Vermutlich ist es in einer der beiden +Sprachen, wol der nordischen, geprägt und von der andern entlehnt, kaum +aus dem Urgermanischen übernommen. Die Bedeutung ist klar: <i>wal</i> +ist der Haufe Erschlagener, dann der einzelne im Kampfe Getötete, +<i>kyrja</i> die Kieserin, Wählerin. Die Walküren wählen die Männer +aus, die dem Tode erliegen sollen (<i>kjósa feigđ á menn</i>) und +verleihen Sieg (<i>ráđa sigri</i>), so schildert Snorri ihr Amt. Sieg +<span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>oder Unsieg, Leben oder Tod steht bei der Schicksalsfrau, die dem +einen furchtbar und schauerlich, dem andern hell und freudig erscheint.</p> + +<p>In einem angelsächsischen Segen⁠<a id="FNanchor_61_61" href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> gegen Hexenschuss wird das Treiben +walkürenhafter Frauen anschaulich beschrieben: „Laut waren sie, ja +laut, da sie über den Hügel ritten, sie waren hochgemut, als sie über +Land (d. h. durch die Lüfte) ritten. Schirme dich nun, wenn du ihre +Feindschaft bestehen willst: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen +bist! Ich stund unter dem Lindenschilde, unter dem lichten Schilde, +da die mächtigen Weiber ihr Heer ordneten und ihre sausenden Speere +entsandten. Ich will ihnen einen andern fliegenden Speer von vorne +entgegensenden: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bist!“ — Die +Krankheit ist als ein Hexen- oder Elbengeschoss (<i>hægtessan, ylfa +gescot</i>) gedacht, die Hexen aber sind im epischen Eingang des +Spruches als Kampfjungfrauen geschildert. Laut jauchzend, wol geschart, +Speere schleudernd, reiten sie durch die Lüfte heran, der Angegriffene +deckt sich mit dem Schilde und wirft ihnen seinen Speer entgegen. Die +„mächtigen Frauen“ (<i>mihtigun wíf</i>) lassen sich also auf einen +förmlichen Kampf mit dem Gegner ein.</p> + +<p>Der <i>Merseburger Zauberspruch von den Idisi</i>⁠<a id="FNanchor_62_62" href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> zeigt, dass +auch die Deutschen solche kampf- und siegbetreibenden Frauen kannten: +„Einst setzten sich Idisi hierher und dorthin. Die einen hefteten +Hafte, die andern hemmten das Heer, noch andre klaubten an den +Fesseln: entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!“ Dem +Spruche liegt die Anschauung zu Grunde, dass Idisi durch die Luft +gezogen kamen und sich auf dem Walfelde niederliessen, wo der Kampf +zwischen zwei Heeren bereits entbrannt war. Ein solches Feld mochte +<i>Idisiaviso</i> Idisenwiese heissen, wie J. Grimm das von Tacitus +überlieferte Idistaviso bessert. Nun beginnen sie, in drei Haufen +geschart, alsbald ihre Thätigkeit, indem sie, wie die germanischen +Frauen, in Wirklichkeit an den Ereignissen sich beteiligen. Die erste +Gruppe hinter dem befreundeten Heere legt den gefangenen Feinden +Fesseln an. Nach solcher Handlung mögen auch die nordischen Walküren +<i>Hlokk</i> (ahd. <i>hlancha</i>, Kette) und <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span><i>Herfjotr</i> +(Heeresfessel) heissen. Die zweite Gruppe hemmt das Vordringen des +feindlichen Heeres, entweder dadurch, dass die Idisi gleich den +germanischen Frauen sich der gegnerischen Schlachtreihe gerüstet und +Speere schleudernd entgegenwarfen, oder dass sie durch irgendwelche +Zauberhandlung den Sturmlauf der Feinde plötzlich hemmten und in +panischen Schrecken (an. <i>herfjǫturr</i>) verkehrten. Die dritte +Gruppe endlich erscheint hinter dem Heer der Feinde, um den Gefangenen, +der sich hier befindet, zu befreien. Die Idisi nesteln an den Banden +und sprechen dazu den lösenden Zauber, der die Fesseln abspringen +macht. Solche „<i>leysigaldr</i>“ enthalten die nordischen Hǫ́vamól 148 +und der Grógaldr 10, womit bewirkt wird, dass die Bande von Händen und +Füssen fallen. Der Gefangene, auf dessen Befreiung der Spruch hinzielt, +glaubt somit an die hilfreichen Idisi, deren thätiges, unmittelbares +Eingreifen den Freunden Sieg und Freiheit, den Feinden Unsieg und +Fesselung bringt.</p> + +<p>Im Beowulf 697 heisst es: Der Herr verlieh ihm Glück im Kampfe, das +Gewebe des Kampfglückes (<i>wígspéda gewiofu</i>). Der Ausdruck +entspringt der Vorstellung, dass das Schicksal der Schlacht von höheren +Mächten gewoben werde. Ebenso erklären sich die nordischen Bilder +Siegesgewebe (<i>sigrvefr</i>) und Speergewebe (<i>darradar vefr</i>). +Darauf gründet sich das bekannte Lied der Njálssaga Kap. 158 (<i>corpus +poeticum boreale</i> 1, 281 ff.), das sich auf die 1014 zwischen +Brian König von Irland und seinem Sohne Sigtrygg gelieferte Schlacht +von Clontarf bezieht. Der Dichter des Liedes malt die allgemeine +Vorstellung des Schicksalsgewebes ins einzelne aus und gefällt sich +in grausigen Schildereien. Ein Mann zu Caithnes in Schottland sah +zwölf Frauen in eine Kammer reiten und darin verschwinden. Durch ein +Fenster beobachtete er, wie die Frauen ein Gewebe aufgespannt hatten, +wobei Menschenhäupter als Gewichte, Menschendärme als Aufzug und +Einschlag, Schwerter als Spule und Pfeile als Kamm dienten. Bei ihrem +Geschäfte sangen sie unter anderm: „Mit Schwertern schlagen wir dieses +Siegesgewebe. Hildr, Hjorthrimul, Sangriðr, Svipul kamen zu weben mit +gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild zerbersten, die +Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des +Speeres! Folgen wir dem König (dem siegreichen Sigtrygg)! Blutige +Schilde wird man sehen, da Gunnr und Gondull dem Könige halfen. Winden +wir, winden wir das Gewebe des Speeres, das der junge König vor sich +hatte! Voran <span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo +unsre Freunde die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des +Speeres, wo die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, +dass sein (Sigtiyggs) Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes +Kür (<i>eigu valkyrjur vals</i> [var. <i>vígs</i>] <i>um kosti</i>). +Die Nordleute sollen siegen und die Iren unterliegen. Das Gewebe +ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich anzusehen ziehen blutige +Wolken am Himmel. Wol sangen wir dem jungen König viele Siegeslieder. +Nun reiten wir auf den Hengsten mit gezogenen Schwertern fort von +hier.“ Da rissen sie das Gewebe von oben herunter und jede behielt, +was sie festhielt. Hierauf bestiegen sie ihre Hengste, sechs ritten +südwärts, sechs nordwärts. Das Gedicht gehört der christlichen Zeit +an, daher sind verschiedene Vorstellungen mit einander vermischt. +Einerseits sind die siegspendenden, todbringenden Schicksalsweberinnen, +wie sie allen Germanen bekannt waren, gemeint. Darum handeln diese +Frauen frei und ohne Auftrag. Wie die deutschen Idisi gedenken sie, +gewaffnet dem feindlichen Heere entgegen zu schreiten. Sieg und Tod +ruht in ihrer Hand, sie verteilen die Loose nach eigner Wahl auf ihre +Günstlinge und deren Gegner. Andererseits gibt der Verfasser des +Liedes den Frauen die Namen, welche sonst Odins Mädchen führen. Aber +mit Ausnahme dieser völlig äusserlichen Anknüpfung herrscht die alte +gemeingermanische Vorstellung, wonach die Walküren frei, ohne Geheiss +und Dienstverhältniss, walten und weben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Saxo⁠<a id="FNanchor_63_63" href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> weiss von Waldfrauen, die sich rühmen, die Entscheidung der +Kriege zu lenken, unsichtbar den Kämpfen beizuwohnen und heimlich ihren +Freunden die erbetene Hilfe zu leisten. Sie bethätigen ihre Kunst an +Hother, den sie begaben und beraten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span></p> + +<p>Neben den Frauen, die das Schlachtgeschick weben und lenken, begegnen +solche, die es, meist im Traume, verkünden. Dem Asmund träumte, dass +Weiber mit Kriegswaffen über ihm standen und sagten: Was soll dein +Zagen? du bist bestimmt, allen andern voranzuleuchten und nun fürchtest +du dich vor elf Männern? Wir sind deine <i>spádísir</i> und werden dir +Beistand gegen jene Männer leisten, mit denen du zu thun hast.⁠<a id="FNanchor_64_64" href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> +Bevor Harald Hardráði nach England zieht, zeigt sich dem Gyrd im Traume +ein Weib, in der einen Hand ein kurzes Schwert, in der andern einen +Trog, um Blut aufzufangen, ein andres Weib auf einem Wolfe sitzend, +der einen Mannsleichnam zwischen den bluttriefenden Kiefern trägt, +erscheint dem Thord.⁠<a id="FNanchor_65_65" href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a></p> + +<p>In der Sturlungasaga 7, 28 träumt ein Mann, er käme in ein grosses +Haus, worin zwei blutige Weiber sassen, welche ruderten. Zugleich +schien Blut zu den Fenstern herein zu regnen. Das eine Weib sang: +„Rudern wir, rudern wir, es regnet Blut, Gunnr und Gondul, vor dem +Fall der Männer. Wir werden herrschen in Raptahlid, wo die Leute uns +verehren und verfluchen.“ Das Gesicht zeigt die künftigen Unruhen +und Kämpfe auf Island an. In der Víga-Glúmssaga 21, 3 sieht Glum +ebenfalls im Traume eine Schar Frauen mit einem Trog voll Blut, das sie +übers Land giessen. Er erzählt: Ich sah eine Schar göttlicher Wesen +(<i>gođreiđ</i>) über Land reiten; Schwerter werden brechen, es naht +grauer Geere Gruss, weil die kampfgrimmen Göttinnen (<i>ásynjur</i>) — +des freuen sich Krieger — Blut erschlagener Männer ausgossen.</p> + +<p>Überall erscheinen bewaffnete, blutvergiessende Frauen, wodurch +bevorstehende Kämpfe angezeigt werden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Marenart der Walküren tritt aus den Nachrichten einiger Sǫgur +des 13. Jahrhunderts zu Tage. <i>Herfjǫtur</i> ist ein Walkürenname, +zugleich aber wird damit eine dämonische Lähmung bezeichnet, von +welcher dem Tode verfallene Leute im Kampfe oder auf der Flucht +plötzlich befallen wurden.⁠<a id="FNanchor_66_66" href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> In der Sverrissaga Kap. 68 heisst +es: „Da wussten sie nicht, woran es liege, dass das Schiff nicht +vorangehe; einige meinten, <i>herfjǫturr</i> sei da über sie gekommen, +und sie seien alle todgeweiht; in Wahrheit <span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>aber war es das, dass der +Anker über Bord hing.“ In der Sturlungasaga 7, 188 wird von Thorleif +erzählt, wie er seine Feinde erblickte und schnell in die Berge +davon laufen wollte. Aber da kam <i>herfjǫturr</i> über ihn und er +musste ihnen ganz langsam entgegen gehen, dass sie ihn erschlugen. +In derselben Saga 7, 148 befinden sich Gudmund und Svarthofdi auf +der Flucht vor Illugi. Gudmund kam nur langsam vorwärts; da fragte +Svarthofdi, ob <i>herfjǫturr</i> über ihm sei. Er leugnete es. Illugi +holte den Gudmund ein und versetzte ihm den Todesstreich. Nach der +Harðarsaga Kap. 35 kommt <i>herfjǫturr</i> mehrmals über den von +seinen Feinden umzingelten Hord. Es gelingt ihm zwar wiederholt, die +Zauberfessel (<i>galdraband</i>, wie am Rande <i>herfjǫturr</i> erklärt +ist) abzuschütteln, aber schliesslich wird er doch überwältigt und +erschlagen. Ohne weiteres ist der Zusammenhang dieser „Heeresfessel“ +mit dem plötzlichen Überfall der Mare ersichtlich. Hier wie dort die +bange Beklemmung, das lähmende Entsetzen, der von Dämonen verursachte +„<i>panische</i>“ Schrecken. Selten vermag der Angefallene sich der +Mare zu erwehren. Dass „Heeresfessel“ zugleich Walküre ist, beweist, +dass ihre Art zum Teil im Gespensterglauben wurzelt. Die Idisi, welche +„<i>heri lezidun</i>“, fielen vielleicht ebenso als Heeresfessel auf +die Schar der Feinde.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jungfrauen erscheinen in Gestalt lichter Schwäne; so zeigen sich mit +Vorliebe ihre Fylgjen. Daraus entstand die Sage von den Schwanmädchen, +die ein Federgewand umthun und damit durch die Lüfte fliegen. +An Waldseen und stillen Weihern lassen sie sich nieder, um die +Schwanhemden abzulegen und in menschlicher Gestalt sich zu zeigen. Wer +das Gewand raubt, dem muss die Maid folgen. Die Walküren sind häufig +zugleich Schwanmädchen. Nicht nur helmgeschmückt, Flammen auf der +Speerspitze, in Glanz und Wetterleuchten reiten sie durch die Luft +auf Wolkenrossen, aus deren Mähnen Thau in die Thäler und Hagel auf +die Wälder fällt, davon den Menschen fruchtbares Jahr kommt, sondern +auch als weisse Schwäne fliegen sie aus. In der Vǿlundarkviþa wird +von solchen Mädchen erzählt. Von Süden her flogen Mädchen durch den +dunkeln Wald, junge Walküren⁠<a id="FNanchor_67_67" href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a>, Kampfschicksal zu betreiben (<i>ørlǫg +drýgja</i>). Am Seestrand setzten sie sich zur Rast <span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>nieder und spannen +herrliche Linnen (d. h. sie wirkten das Schicksalsgewebe). Wölund und +seine Brüder nahmen ihnen ihre Schwanhemden (<i>álptarhamir</i>) und +machten sie zu ihren Frauen. Von einem der Mädchen wird gesagt: sie +war schwanenweiss und trug Schwangefieder (<i>ǫnnor var svanhvít</i>, +<i>svanfjađrar dró</i>). Sieben Winter blieben sie, im achten ergriff +sie Sehnsucht, im neunten trennte sie Not, die Walküren gelüstete es +zum dunkeln Walde, um Kampfschicksal zu betreiben. Saxo erzählt vom +Dänenkönig Fridlev, er habe, als er Nachts aus dem Lager gegangen, +ein seltsames Geräusch in der Luft und dann von oben das Lied dreier +Schwäne vernommen, wodurch er zu einer Heldenthat aufgefordert +wurde. Die Schwäne liessen einen Gürtel mit Runen herabfallen.⁠<a id="FNanchor_68_68" href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> +Natürlich sind Walküren, Schwanmädchen gemeint, deren Schicksalswort +im Schwanensange aus den Lüften tönt. Die Walküren der Heldendichtung +erscheinen öfters als Schwäne. In der Hrómundarsaga Greipssonar +wird von dem Liebesbund zwischen Helgi und Kara berichtet. Kara +in Schwangestalt liess so kräftige Zauberweisen ertönen, dass die +Feinde sich nicht mehr zu wehren vermochten. Einmal schwebte sie +im Kampfe über Helgi. Da holte er mit seinem Schwerte so weit aus, +dass er seine Geliebte auf den Tod verwundete. Kara fiel tot herab +und Helgis Glück war dahin. Von Agnar, den sie im Kampfe gegen Odins +Geheiss mit Sieg begabte, sagt Brynhild selber, er habe die Hemden +(<i>hamir</i>) von ihr und ihren Schwestern unter die Eiche getragen +(Helreiþ 7). Er raubte die Schwanhemden von acht Walküren und zwang sie +dadurch, ihm zu Diensten zu sein. Die bereits erwähnten siegspendenden +Waldfrauen (<i>virgines sylvestres</i>) des Saxo sind vielleicht auch +Schwanmädchen, die sich ja in der Vǿlundarkviþa zum dunkeln Walde +sehnen. Auf Weihern und Seen des tiefen Waldes werden Schwanjungfrauen +am liebsten sichtbar.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wurd und die Nornen walten über dem Schicksal und schaffen es, von +den Göttern ist ihr Wirken vollkommen unabhängig. Die Idisi, die das +Schlachtgeschick betreiben, stehen ebenso unabhängig <span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>auf sich allein. +Schicksalsfrauen im allgemeinen, Schicksalsfrauen im besondern, im +Gewebe des Kampfglücks, kannte der altgermanische und grossenteils auch +noch der nordische Glauben. Daneben aber treten in den Skaldengedichten +die Walküren hervor, die sich dadurch von den gemeingermanischen +Kampfgöttinnen unterscheiden, dass sie auf Odins Geheiss zur Schlacht +reiten und in Walhall beim Gelage Dienst thun. Ihre Abhängigkeit von +Odin, den sie auf der Walstatt vertreten, ist ein sehr wesentliches +Merkmal. Da ausserhalb des Nordens keine Spur davon auftaucht, +liegt der Schluss nahe, die Walküren als Odins Mädchen gehören der +Skaldendichtung ausschliesslich an, während daneben noch oft auch im +Norden ihre ursprüngliche Selbständigkeit hervorbricht.</p> + +<h4 id="Hexen_5"><b>5. Hexen.</b></h4> + +<p>Im Got. und Ahd. begegnet das Wort <i>unhulþô</i>, <i>unholda</i> +d. h. Unholdin.⁠<a id="FNanchor_69_69" href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> Die got. Bibel bedient sich des Ausdrucks zur +Umschreibung von δαιμόνιον, während die ahd. Denkmäler damit diabolus +übersetzen. Im Mhd. bedeutet <i>unholde</i> Teufelin, Hexe, Zauberin. +Dem germanischen Glauben war somit die Unholdin, ein böser Geist +weiblichen Geschlechtes, geläufig. Erst allmälig bildete sich unter +dem Einfluss des Teufels die männliche Form daneben. Die Unholdin ist +eigentlich die Feindselige, Böse, vom Adj. unhold, feindlich, gebildet. +Ob unter der Unholdin ein gespenstisches oder menschliches Weib gemeint +ist, lässt sich nicht ersehen. Das Wort Hexe⁠<a id="FNanchor_70_70" href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a>, welches erst im +Gefolge der Hexenprocesse im 16./17. Jahrhundert weiter ins Volk drang, +begegnet in der ahd. Sprache in zwiefacher Form: <i>hagaȥussa</i>, +<i>hegeȥisse, ags. hægtesse</i>, mndl. <i>hagetisse</i>, +<i>haghedisse</i> und <i>haȥusa</i>, <i>haȥus</i>. Den Sinn +zeigen die Glossen <i>furia</i>, <i>striga</i>, <i>eumenis</i>, +<i>erynnis</i> an. Die Etymologie hat zunächst von der kürzeren Form +auszugehen. <i>Haȥusa</i> ist alte Participialbildung zum Verbum ahd. +<i>haȥȥên</i>, got. <i>hatan</i>, und bedeutet also die Hassende, +Feindselige. <i>Hagaȥusa</i> und die verwandten Wörter scheinen +verderbt aus einer Zusammensetzung, die ahd. *<i>haga-hazusa<span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span></i> +lauten würde, die feindselige Waldfrau. Der wilde Wald ist der +Wohnort böser Geister. <i>Holzmuoja, holsrûna</i> bezeichnen ebenso +das Waldweib. Mithin sind <i>unholda</i> und <i>haȥusa</i> einander +gleichbedeutend, während <i>hagaȥusa</i> noch den unheimlichen Wald +beifügt. In der Kaiserchronik wird Crescentia gescholten</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">12201 <i>du soltest pillîcher dâ ze holz varen,</i></div> + <div class="verse indent5"> <i>danne di mægede hie bewarn;</i></div> + <div class="verse indent5"> <i>du bist ain unholde</i>.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Also im Holze hausen die Unholdinnen, die Hexen, die Waldweiber. In +den Kreis der Marenvorstellungen weisen die mhd. Wörter <i>trute</i>, +<i>trut</i>⁠<a id="FNanchor_71_71" href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>, und das an. <i>trollkona</i>, Trollweib. Mit +<i>troll</i>⁠<a id="FNanchor_72_72" href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> bezeichnet die nordische Sprache im allgemeinen +die unholden Geister. Endlich finden wir bereits im nordischen +Heidentum <i>kveldriđur</i>, Abendreiterinnen, <i>myrkriđur</i>, +Dunkelreiterinnen, also nachtfahrende Zauberweiber. In der Eyrbyggja +saga Kap. 16 ist die <i>kveldriđa</i> wie die nds. <i>walriderske</i> +völlig Mare; es wird ihr Schuld gegeben, dass sie Menschen reite und +dadurch beschädige. <i>Túnriđur</i>, Zaunreiterinnen, heissen die übers +eingezäunte Gehege reitenden Hexen. Im Mhd. werden <i>nahtvarn</i>, +<i>nahtvrouwen</i>, d. h. nachtfahrende Frauen genannt, den nordischen +<i>kveld</i>- und <i>myrkriđur</i> entsprechend. Die Ausdrücke +<i>flagđ</i>, <i>skass</i>, <i>skessa</i> d. h. Unhold, werden im +Norden ebenso auf Riesinnen wie auf alle andern unholden Weiber +angewandt. Dem germanischen Heidentum sind also Hexen wol bekannt, +nachtfahrende gespenstische Weiber, die auf Schaden aus sind, die zu +den unholden Geistern des schauerlichen wilden Waldes gehören. Sie +berühren sich in ihrer Thätigkeit mit den Maren, den Urgespenstern, +die gleichwie die Seelen überall auftauchen. Unter Unholdinnen waren +die Seelen lebender oder verstorbener Zauberweiber verstanden. Wie die +Hexen im deutschen Volksglauben in Tiergestalt, als Katzen, Hunde, +Hasen, Ratten, Mäuse, als Kröten, als Eulen und Elstern u. s. w. +erscheinen, so heisst auch auf Island die Zauberin <i>hamhleypa</i>, +die in andrer Gestalt Laufende, die Verwandlungsfähige. Das Wesen +der Unholdinnen beruht aber in ihrer feindseligen Bosheit, in ihrem +Hang, Übles zu thun und Schaden anzurichten. Sie fallen darin mit den +<i>seiđkonur</i> <span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>zusammen, den Zauberinnen, welche ihre Kunst zum +Schaden anderer üben und darum schon im Heidentum verachtet, gehasst, +ja sogar mitunter verfolgt wurden. In den Hexengeschichten und Sagen +wird namentlich nach drei Seiten hin ihre verderbliche Thätigkeit +geschildert, dass sie zur Nacht ausfahren, dass sie Wetter zaubern und +Felder verderben, dass sie Menschen und Tiere mit Siechtum behexen. Bei +Orientalen, Griechen und Römern herrscht ein ganz ähnlicher Glaube an +<i>Empusen, Lamien</i> und <i>Strigen</i>. Es entsteht die Streitfrage, +ob der in Deutschland seit der Bekehrung herrschende Hexenwahn +germanisch oder römisch sei, im letzteren Falle eingeführt durch die +Römer in Gallien und Germanien und später durch die Geistlichen. J. +Grimm leitete das Hexenwesen vornehmlich aus germanischer Urzeit, +Soldan dagegen völlig aus der Fremde. Die Wahrheit wird in der Mitte +liegen. Auf gemeinsamer Grundlage, auf dem Maren- und Seelenglauben +erwachsen, müssen Hexengeschichten überall ähnliche Züge aufweisen. Im +13. Jahrhundert treten ganz neue Motive hinzu, die starke Entwicklung +des Teufelsglaubens. Menschen fielen von Gott ab und gingen einen Bund +mit dem Teufel ein. Teufelsbündler und Ketzer, Zauberer und Giftmischer +wurden allmälig gerichtlich verfolgt; während früher in der geistlichen +Gesetzgebung alles Zauberwerk für blossen sträflichen Aberglauben +erklärt worden war, betrachtete man es jetzt als wirkliche Thatsache. +Im 15. Jahrhundert wurden in Deutschland zuerst Hexen verbrannt. Durch +die Bulle <i>„summis desiderantes“</i>, die Papst Innocenz VIII. am +5. December 1484 erliess, auf deren Grund Jacob Sprenger 1489 den +berüchtigten Hexenhammer, <i>malleus maleficarum</i>, abfasste, wurden +die Hexenprocesse mächtig angeschürt. Im 15., 16., 17. Jahrhundert +loderten zahllose Scheiterhaufen, erst im Anfang des 18. Jahrhunderts +nahm das Unheil ab. Die Hexerei war nunmehr zum Teufelsbund und +Teufelsdienst gemacht. Die Hexe schwor Gott und Christum ab, sie +ergab sich dem Teufel mit Leib und Seele, betete ihn an als Gott und +Herrn, lebte mit ihm in buhlerischer Verbindung, aber ohne Freude und +Frucht. Die Hexe muss Schaden und Unheil stiften, weil ihr der Teufel +gebietet. Sie bedient sich allerlei Mittel hierzu: gebrauter Tränke, +Pulver, Kräuter, Salben. Mit der Hexensalbe bestreicht sie sich, sowie +den Besen und die Gabel zur nächtlichen Fahrt durch die Lüfte. Auch +durch Spruch und Fluch, durch den Blick selbst kann sie schaden. Bei +den grossen Versammlungen, die an bestimmten Tagen auf den besondern +überall vorkommenden Hexenbergen, <span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>auf Wiesen und unter alten Bäumen +stattfanden, geht es zu wie bei den Ketzerversammlungen. Alles zielt +auf Verhöhnung und Schändung der christlichen Ritualien. Zuerst wird +die Teufelsmesse gehalten, dann folgt ein Mahl, dann Tanz und wildeste +Unzucht.⁠<a id="FNanchor_73_73" href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> Dass dieser von der Kirche behauptete und verfolgte +Hexenwahn, der wesentlich als Teufelsbund gerichtet ward, nicht ohne +weiteres ans germanische Heidentum angeknüpft werden kann, ist klar. +Aber ebenso gewiss sind volkstümliche Bestandteile drin enthalten. Die +Hexenrichter suchten den Teufelsbund nachzuweisen und zu brandmarken, +dem Volke schwebten die feindseligen Unholdinnen vor. So tritt im +Aberglauben die teuflische Zugabe auch meistens zurück, die Hexe +erscheint in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Wie die Namen so +werden auch die Haupteigenschaften dieser Hexengestalt dem germanischen +Heidentum zuzuweisen sein. Von besonderem Wert sind die älteren +nordischen Zeugnisse, weil in ihnen wahrscheinlich unverfälschte und +ursprüngliche Überlieferung vorliegt; in den Hǫ́vomǫ́l 154 ist ein +Zauberspruch gegen <i>túnriđur</i> erwähnt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einen zehnten kenn ich,  wenn Zauberweiber</div> + <div class="verse indent8">Im Fluge durchfahren die Luft:</div> + <div class="verse indent0">Bewirken kann ichs,     dass sie wenden den Pfad</div> + <div class="verse indent8">Nach Hause, der Hüllen beraubt,</div> + <div class="verse indent8">Nach Hause, verstörten Verstands.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im Lied von Helgi dem Hjorwardsson kommt sein Bruder Hedin einsam aus +dem Walde heim, da begegnet ihm ein Trollweib, auf einem Wolfe reitend, +der mit Schlangen gezäumt war. In ähnlichem Aufzuge erscheint die +Riesin Hyrrokin bei Baldrs Begräbniss. In der SE 1, 258 heisst Thor +Bezwinger nachtfahrender Unholdinnen, <i>konor kveldrunnar</i>. Ein +solcher Hexenritt wurde als <i>gandreiđ</i> bezeichnet. <i>Gandar</i> +sind Zauberwesen, Gespenster. So heisst in der Njála Kap. 126 +<i>gandreiđ</i> die Erscheinung eines gespenstischen Reiters, welche +künftige Ereignisse anzeigt. In der Fóstbræðrasaga Kap. 9 wird die +Seele der schlafenden Thordis entzückt zum <i>gandreiđ</i>, zum +<i>„renna gǫndom“</i>, Rennen unter den Geistern, <i>gandreiđ</i> +ist gleichbedeutend mit <i>hamfǫr</i>, gemeint sind Zauberfahrten +in verwandelter Gestalt, Ausfahrten der von den leiblichen Banden +gelösten Seelen. In den nordischen Sagen verlautet <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>nichts Genaueres +vom Zweck und Ziel des Hexenrittes, nichts von Besen und Salbe. Aber +die allgemeine Vorstellung vom nächtlichen Ausritt feindseliger +Unholdinnen, die ebenso dem Hexenritt der deutschen Sagen zu Grunde +liegt, darf als nordisch-heidnisch und wol auch als germanisch +gelten. Wettermachen ist eine Lieblingsbeschäftigung nordischer +Zauberinnen; die Sagen sind voll von künstlich aufgeregten Stürmen. +<i>Gerningaveđr</i>, Zauberwetter begegnet in vielen Geschichten, meist +sind auch die Urheberinnen, die Wetterhexen, dabei genannt. Krankheiten +führt der Volksglaube auf die Einwirkung böser Geister zurück. Der +Mensch oder das Tier ist von dem Unhold besessen oder von seinem +Geschoss getroffen. Bereits im Angelsächsischen wird der Hexenschuss +erwähnt⁠<a id="FNanchor_74_74" href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a>, also wurde schon lange vor den Gerichtsverhandlungen des +15. Jahrhunderts den nachtfahrenden Unholdinnen die Fähigkeit des +Behexens zugeschrieben.</p> + +<p>Im älteren isländischen Kristenrecht Kap. 16 heisst es: Wenn jemand +sich mit Verhexung (<i>fordæđuskap</i>) abgibt, so steht Waldgang +darauf; das sind Verhexungen, wenn jemand durch seine Worte oder +Zauberei Leuten oder Vieh Krankheit oder Tod bereitet. In den +norwegischen Borgarþingslǫg 1, 16 heisst es: Das ist die übelste Hexe +(<i>fordæđa værst</i>), die Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt. +Wenn Hexenwerk (<i>fordæđuskapr</i>) gefunden wird in den Betten +oder Polstern der Leute, Haar oder Krötenfüsse, Menschennägel oder +sonst Dinge, welche geeignet scheinen zur Zauberei, so soll man drei +Weibern Schuld geben zu gleichem Recht, bei denen Wahrscheinlichkeit +vorzuliegen scheint. Zur Eisenprobe hat sie dafür zu treten. Wird sie +durchs Eisen rein, so ist sie der Sache unschuldig; wird sie durchs +Eisen unrein, so heisst sie der Sache überführt, Vermögen und Frieden +verwirkt, und fünftägigen Frieden vom Eisen weg, zu schlagen und zu +töten jedem, der sie ergreifen kann. Wenn einem Weibe Trollenschaft +(<i>trylska</i>) nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu +haben das Zeugniss von sechs Weibern, dass sie nicht trollenmässig +(<i>trylsk</i>) ist. Der Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht +wird. Wenn sie das aber nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der +Gegend mit ihrem Vermögen; nicht waltet sie dessen selbst, dass sie +ein Unhold ist (d. h. sie ist von Natur Troll). Von <span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span>der Trollkona +sagen die Eiðsifjaþingslǫg 1, 46: Wenn das einer Frau vorgeworfen wird, +dass sie einen Mann reite oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen +überwiesen wird, da ist sie bussfällig um drei Mark. Die norwegischen +und isländischen Rechte des 12. Jahrhunderts denken sich also die Hexen +als schädliche Zauberweiber und Maren, welche um des angerichteten +Schadens willen strafbar sind. So mag sie schon das Heidentum verfolgt +haben. Vom Vorwurf der Ketzerei und des Teufelsbundes ist keine Spur +vorhanden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zwei nordische Sagen aus dem 14. Jahrhundert unterliegen dem Verdacht, +nicht altheidnischen, sondern gewöhnlichen mittelalterlichen +Hexenglauben, wie er um 1300 bereits bestand, darzubieten, wenn schon +in besonderer Einkleidung. Thorsteinn lag im Ried verborgen und +hörte einen Knaben in den Hügel rufen: Mutter, reiche mir Stecken +und Handschuhe, ich will zum Geisterritt (<i>gandreiđ</i>); es ist +Festzeit unten in der Welt! Da wurde aus dem Hügel alsbald der Stecken +gereicht, der Knabe bestieg ihn, zog die Handschuhe an und ritt, wie +die Kinder pflegen. Thorstein nahte sich dem Hügel und rief dieselben +Worte; sogleich kamen Stecken und Handschuhe heraus, Thorstein stieg +auf den Stecken und ritt dem Knaben nach. Sie gelangten zu einem +Fluss, stürzten sich hinein und fuhren zu einer Felsenburg, wo viele +Leute an Tafeln sassen und alle Wein tranken aus Silberbechern, König +und Königin waren auf einem goldenen Thron. Thorstein, den sein +Stock unsichtbar gemacht hatte, erkühnte sich, einen kostbaren Ring +und ein Tuch zu ergreifen, verlor aber darüber den Stock, wurde von +allen erblickt und verfolgt. Glücklicherweise kam sein unsichtbarer +Reisegefährte auf dem andern Stock, den nun Thorstein mit bestieg, und +so entrannen beide.⁠<a id="FNanchor_75_75" href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Wir haben die Sage vom belauschten Hexenmahl, +die neben anderen zahlreichen Beispielen auch im Simplicissimus 2, 17 +vorkommt. Die nordische Darstellung hat das Teuflische verschleiert, +ist aber darin kaum ursprünglich. In einem zweiten Bericht tritt die +unholde Seite mehr hervor. Ketil erwachte nachts von heftigem Geräusch +im Walde, lief heraus und sah eine Zauberin (<i>tröllkona</i>) mit +fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie nicht +aufhalten, sie müsse zum Trollending; dahin komme Skelking, <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>der +Geister König, aus Dumbshaf, Ofóti aus Ofótansfird, Thorgerd Hölgatröll +und andre mächtige Geister von Norden her.⁠<a id="FNanchor_76_76" href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Ofóti, ohne Fuss, +erinnert an den Pferdefüssigen. J. Grimm, Myth. 996 gesteht zu, die +nächtliche Unholdenversammlung sei nicht recht im Geiste des nordischen +Heidenglaubens.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Elbe_und_Wichte" title="Elbe und Wichte"> + Elbe und Wichte.⁠<a id="FNanchor_77_77" href="#Footnote_77_77" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[77]</span></a> +</h3> + +</div> + +<p>Die ganze Natur ist von einem Heer geisterhafter Wesen erfüllt, +welche, wie manche Spuren darthun, ursprünglich den Maren und Seelen +entstammen, allmälig jedoch zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit sich +entwickeln. Der Zusammenhang mit den Gespenstern ist lose, die Art +dieser Wesen wird mehr durch die Naturumgebung bestimmt, in welche sie +versetzt gedacht sind. Wir erkennen zwei Hauptgruppen, <em class="gesperrt">Elbe</em> +und <em class="gesperrt">Riesen</em>, welche mehr durch ihr Maass als durch ihre Art +verschieden sind. Beide scheinen aus der bewegten und beseelten Natur +hervorgewachsen zu sein, in beiden werden wahrnehmbare Naturkräfte +persönlich, in den Elben aber die sanften, still wirkenden, in den +Riesen die Elementargewalten. Ihre Beziehungen zum Menschen bilden +den Hauptinhalt der von ihnen umlaufenden Sagen. Die Seelen lebten im +Winde fort, sie hausten in der Erde, in Hügeln und Steinen, in Feld +und Flur, im Walde und in Gewässern. Überall dort treffen wir auch +elbische und riesische Wesen. Die Elbe können zunächst unmittelbar aus +den Seelen abgeleitet werden, wie aus ein paar Beispielen ersichtlich. +Thorolf aus Norwegen nannte die von ihm in West-Island in Besitz +genommene Landzunge Thorsnes. Auf dem Vorgebirge stund ein Berg, an +den hatte Thorolf so grossen Glauben, dass niemand ungewaschen dahin +schauen sollte, und nichts sollte man auf dem Berge töten, weder Vieh +noch Menschen. Den Berg nannte er Heiligenberg (<i>Helgafell</i>), +und meinte, dass er dahin fahren werde, wenn er sterbe, und ebenso +alle seine Freunde. Auf der Spitze des Vorgebirges <span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>war eine grosse +Friedensstätte, deren Boden in keiner Weise beschmutzt werden durfte, +weder mit Blut noch auch sollte man dorthin „<i>alfrek</i>“ gehen. +<i>Alfrek</i> heisst Elbenvertreibung. Menschenkot ist damit gemeint. +Es handelt sich also um einen Berg, in den Seelen versterben, aus dem +man <i>alfar</i> nicht vertreiben soll. Mithin sind die Abgeschiedenen +und die Elbe eins⁠<a id="FNanchor_78_78" href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a>. Ebenso ist der Name <i>Geirstađa alfr</i>, Alb +von Geirstadt, nur aus dem Umstande erklärlich, dass die Toten im +Erdhügel <i>alfar</i> genannt oder zu den <i>alfar</i> gezählt wurden. +König Olaf von Vestfold wurde, wie der Olafs þáttr Geirstaða Alfs und +andre Quellen berichten, nach seinem Tode zu Geirstaðir in den Hügel +gesetzt und Alb von Geirstadt genannt. Die Leute opferten dem toten +König um gutes Jahr. Die Toten sind Hügelbewohner (<i>haugbúar</i>), +die Elbe wohnen in Hügeln. Die Kormakssaga Kap. 22 erwähnt einen +solchen Hügel, in dem Alfar hausen (<i>hóll er alfar búa í</i>). Mit +Stierblut wird ihnen Opfer (<i>alfablót</i>) dargebracht. Man möchte +daraus schliessen, dass ursprünglich die Seelengeister, namentlich +die in Bergen und Hügeln eingegangenen, Elbe genannt und erst später +unter Elben besondere Geister verstanden wurden. Aber die Anwendung des +Albnamens auf Seelen kann freilich auch nordische Sonderentwicklung +sein und auf späterer Übertragung beruhen. Beim Kobold und Schiffsgeist +ist seelischer Ursprung deutlich bezeugt. Der Kobold erscheint +öfters in Gestalt eines kleinen ermordeten Kindes (Deutsche Sagen +Nr. 72 u. 76), der Klabautermann ist ebenso die Seele eines Kindes +(Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 141). Nachdem einmal aber die +Geister vom seelischen Untergrunde sich losgelöst hatten, geschah +ihre weitere Ausgestaltung durch die schöpferische Einbildungskraft, +welche in Naturerscheinungen Äusserungen der Geister zu erkennen +wähnte. Wo Bewegung, da ist Leben. Wind und Wolke drängt sich dem +Beschauer zunächst auf, aus Wind und Nebel entstanden zahlreiche Sagen +und Meinungen über das Thun und Treiben der Elbe und Riesen. Die +Windfurchen im wogenden Kornfeld, das Waldesrauschen, das Wogen des +Wassers, die Streifen auf der glatten See, alle möglichen andern ihren +Ursachen nach unbekannten Naturerscheinungen, z. B. Kreise im betauten +Grase wurden als Spuren solcher Geisterwesen betrachtet. Im tosenden +Sturm, im Gewitter erblickte man riesische Gewalten. Das Nebelspiel +<span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>zumal in Bergländern befruchtete die sagenbildende Phantasie. Der +Nebel, der um Bäume spinnt, über Wassern und auf dem Felde braut, der +über die Haide sich ausdehnt, an den Bergen auf und nieder steigt +und zu Wolken sich ballt, darf als der Ursprung vieler Sagen und +abergläubischen Vorstellungen gelten⁠<a id="FNanchor_79_79" href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>. Der allgemeine dem Menschen +innewohnende Gespensterglaube hat sich in den Elben und Riesen, in +den Naturgeistern örtlich und sehr verschiedenartig befestigt und +ausgebildet. Aber gemeinsame Züge gehen durch alle Vielheit und +Mannigfaltigkeit hindurch.</p> + +<p>Im Englischen begegnet die Form <i>ælf</i>, <i>ylf</i>, weiblich +<i>ælfen</i> die Elbin. Wie im Norden Asen und Alfen (<i>æsir +ok alfar</i>) zuweilen neben einander genannt werden (z. B. im +Grimnirliede 4, im Lied von Thrym 6, in der Lokasenna 2), so im +Angelsächsischen <i>ése and ylfe</i> (im Spruch gegen Hexenstich ist +von <i>ésa and ylfa gescot</i> die Rede). Ob die ags. Berg-, Wald-, +Feld-, Seeelbinnen, die <i>munt-</i>, <i>dún-</i>, <i>wudu-</i>, +<i>feld-</i>, <i>sæælfenne</i>, heimischem Glauben entstammen, +oder griechischen Ausdrücken wie <i>Oreaden</i>, <i>Dryaden</i>, +<i>Najaden</i>, denen sie zur Übersetzung dienen, nachgebildet +sind, bleibe dahin gestellt. Das spätere Englisch kennt <i>elf</i>, +<i>elfish</i>, das englische Wort drang im 18. Jahrhundert durch +litterarische Vermittlung ins Deutsche, welches den Gemeinbegriff +„<em class="gesperrt">Alb</em>“ nur noch in bestimmter eingeschränkter Bedeutung kannte. +Die nordische Sprache bietet von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart +<i>alfr</i>, plur. <i>alfar</i>, schwed. <i>elf</i> pl. <i>elfar</i>, +dän. <i>elv</i> pl. <i>elve</i>. Die Elbin wird als <i>alfkona</i>, +dän. <i>ellekona</i> bezeichnet. Im Schwedischen heissen die Elbinnen +auch <i>elfvor</i>. In Deutschland finden wir Wort und Begriff nur im +Mittelalter und in der Neuzeit. Mhd. <i>alp</i> plur. <i>elbe</i> und +<i>elber</i>, meint das Marengespenst. Das Adjectiv <i>elbisch</i> +bedeutet marenhaft und von Elben verwirrt. Wir werden also etwas weiter +auf die sinnberückende Macht der Elben gewiesen. So singt auch Heinrich +von Morungen von der berückend schönen Geliebten, sie habe ihn wie die +Elbin (<i>diu elbe</i>) mit ihrem Blicke bezaubert:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>von der elbe wirt untsên vil manic man:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>só bin ich von grôȥir liebe untsên</i></div> + <div class="verse indent0"><i>von der bestin di ie kein man liep gewan.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im Mitteldeutschen wird Alf als Schimpfwort gebraucht und bedeutet +Thor, Narr. Die zahlreichen altdeutschen Eigennamen⁠<a id="FNanchor_80_80" href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a>, <span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>die mit +Alb gebildet sind, wie <i>Albing</i>, <i>Albirih</i>, <i>Albgôȥ</i>, +<i>Albgast</i>, <i>Albhart</i>, <i>Albgêr</i>, <i>Albwin</i>, +<i>Albhild</i>, <i>Alblint</i>, <i>Albloug</i>, <i>Albswint</i> +u. ä. stellen sich den ags. wie <i>Älfhere</i>, <i>Älfwine</i>, +<i>Älfréd</i>, <i>Älfríc</i> zur Seite und beweisen, dass man sich +ursprünglich dabei nichts Böses noch Gehässiges dachte. Wer die +Elbe zu Freunden hatte (<i>Albwine</i>), wer ihres Rates genoss +(<i>Älfréd</i>), wer sie beherrschte (<i>Alberich</i>), dem musste es +glücken. Die Namen zeigen, dass man auf ein freundliches Verhältniss +zu den Elben bedacht war, dass man ihrer Hilfe begehrte. Die Elbe +waren vorwiegend gute und holde Geister. Die ostgotischen Namen +<i>Albi</i>⁠<a id="FNanchor_81_81" href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> und <i>Albila</i> scheinen Koseformen zu einem +mit Alb-ähnlich wie im Westgermanischen gebildeten Vollnamen. Als +gemeingermanisch darf mithin Wort und Begriff <i>alƀaȥ</i> gelten, +dessen Mehrzahl teils nach den A-Stämmen (an. <i>alfar</i>), teils nach +den i-Stämmen (mhd. <i>elbe</i>) gebildet wurde⁠<a id="FNanchor_82_82" href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a>.</p> + +<p>Die Grundbedeutung des Wortes <em class="gesperrt">Wicht</em> ist Geschöpf, Wesen, Ding. +Ahd. und mhd. ist das Wort männlich und sächlich, der Plural zum +Neutrum lautet <i>wihti</i> und <i>wihtir</i>. Mhd. <i>wihtelîn</i>, +<i>wihtelmennelîn</i> bezeichnet, wie noch heute in den Mundarten +Wichtlein und Wichtelmann, Zwerge und Kobolde. Das got. <i>waihts</i> +und das nordische <i>vættr</i> sind weiblichen Geschlechtes. Im +Nordischen ist dieser Ausdruck in mythologischem Sinne besonders +häufig. <i>Landvættir</i> sind die Schutzgeister des Landes, <i>hollar +vættir</i> sind holde, freundliche, <i>meinvættir</i> unholde, +feindliche Geister, böse Wichte (mhd. <i>bæseȥ wihtel</i>).</p> + +<p>Neben den uralten allgemeinen Benennungen Alb und Wicht gibt es noch +zahlreiche andere, welche ein besonderes elbisches Wesen nach seiner +Thätigkeit und Art charakterisieren (so z. B. Zwerg, Nix, Kobold). Die +einzelnen germanischen Stämme älterer und jüngerer Zeit haben viele +solche Namen für Wichte und Elbe geschaffen. Ein allgemeiner Ausdruck +für elbische Wesen war ahd. <i>scrat</i> oder <i>scrato</i>, mhd. +<i>schrat</i>, <i>schrate</i>, dazu <i>schretel</i>, <i>schrättele</i>; +daneben steht die mhd. Form <i>schraȥ</i>, <i>schraz</i>, +<i>schrâwaȥ</i> und die <span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span>Koseform <i>schretzel</i>, <i>schrezlein</i>, +aus dem Altnordischen gehört <i>skratti</i> hierher⁠<a id="FNanchor_83_83" href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>. Die Etymologie +ist völlig dunkel. Der Schrat ist ein drückender Alp, ein verfluchter +Geist, d. h. also eine arme Seele, ein Hausgeist, ein kleiner Zwerg, +ein Poltergeist, ein Waldmann, also alle Seiten elbischer Art +vereinigen sich in diesem rätselhaften Wesen.</p> + +<p>Die Elbe gelten meist als schön und licht, besonders die Elbinnen +sind stets von strahlender Schönheit. Die Snorra Edda unterscheidet +zwischen Lichtelben (<i>ljósalfar</i>), die in Alfheim wohnen und +schöner als die Sonne erschimmern, und Dunkelelben (<i>døkkalfar</i>), +die in Erdhöhlen hausen und pechschwarz aussehen. Die Elbe sind +wolgebildet, ebenmässig, nur gewöhnlich klein und winzig gedacht, +die Erdelben, die Zwerge aber sind oft hässlich und missgestaltet. +Das ags. Eigenschaftswort <i>ælfsciene</i>, elbschön, die nordische +Wendung <i>fríd sem alfkona</i> bezeichnet die vollkommenste weibliche +Schönheit. Im Ruodlieb 17, 27 ruft ein gefangener Zwerg seine Frau aus +der Höhle herbei, alsobald erscheint sie klein, aber ausnehmend schön, +goldgeschmückt und prächtig gekleidet (<i>parva, nimis pulchra, sed +et auro vesteque compta</i>). Das Elbenvolk war weit schöner als alle +Menschen, heisst es im Sǫgubrot (Fornaldar Sögur 1, 387). Die Wald- +und Wasserminnen, die freilich nach dem Maasse menschlicher Gestalt +in den Sagen so häufig beschrieben werden, entzücken den Beschauer +zu heisser Liebe. Lange, blonde Haare zeichnen die lichten Elbe aus. +Leicht vermischen sich widerstreitende Züge in einer und derselben +Gestalt. So beim <em class="gesperrt">Alberich</em> der altdeutschen Gedichte.⁠<a id="FNanchor_84_84" href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> Im +Ortnit 20 ff. ruht er als kleines vierjähriges Kind von schöner Gestalt +und mit ritterlichem Gewande unter der breitästigen Linde. Der Held +wähnt, das Kindlein mühelos forttragen zu können. Zu seinem Erstaunen +erfährt er die gewaltige Kraft des Elbenkönigs, der sich als seinen +Vater zu erkennen gibt und Ortnit mit Schwert und Brünne beschenkt. +Ob zwar an Gestalt und Antlitz ein vierjähriger Knabe ist Alberich +mehr denn 500 Jahre alt. Auberon, der auf den Ruf des Wunderhornes dem +Huon mit einem grossen Heere zu Hilfe eilt, wird ebenso als klein, +aber wunderschön geschildert. Auberon, vermutlich eine Kurzform +zu Auberi, Alberik, <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>ist aber mit dem deutschen Alberich eins. Im +Nibelungenliede dagegen ist Alberich ein alter, bärtiger Mann, ein +hässlicher Zwerg. Der Kobold Hinzelmann (Deutsche Sagen Nr. 76) mischt +sich unter die spielenden Kinder als ein vierjähriges Knäblein von +schönem Angesicht mit gelben, über die Schulter hängenden, krausen +Haaren, in einen Sammetrock gekleidet. Andern Leuten zeigt er sich in +wenig anmutiger Gestalt. Die Gewandung der Elbe ist teils prächtig, +teils auch unscheinbar, dunkelfarbig, grau, moosfarbig, grün, ihrer +jeweiligen Art und Umgebung angepasst. Die Elbe tragen Mützen oder +Kappen, durch welche sie sich unsichtbar zu machen fähig sind. Ein +Kobold heisst Hodeken, Hütchen, nach seinem grossen Schlapphut. Wer des +Albs Kopfbedeckung an sich reisst, bringt ihn dadurch in seine Gewalt. +Laurin und Euglin, die Zwergkönige deutscher Heldensage, besitzen +solche Nebelkappen; Euglin wirft die seinige über Sigfrid und entzieht +ihn dadurch den Augen des Riesen. Alberich im Nibelungenlied führt eine +solche Tarnkappe, die Sigfrid ihm abgewinnt. Dadurch wird Alberich mit +seinem ganzen Reich dem Helden unterthan. Das Land der Lichtalfen, +Alfheim, weist das Grimnirlied 5 dem Freyr zu. Alfen und Wanen, die +in Luft und Licht wohnen, werden als zusammengehörig betrachtet. Aber +die sonstige Sagenüberlieferung versetzt die Elbe in ein ausgedehntes +Reich in Bergen, wilden und unzugänglichen Schluchten, Hügeln und +Klüften, überhaupt unter die Erde. Dort haben sie ordentliche Wohnung, +oft prächtig ausgestattet, mit Gold und Silber angefüllt. Die +Wasserelbe wohnen unter den Gewässern. Oben auf der Erde haben die Elbe +Lieblingsplätze, Wiesengründe, einsame eingeschlossene Waldgegenden, +besondere Bäume, unter denen sie gerne ausruhen, wie Alberich im Ortnit +unter der Linde. Der Wald ist ja überhaupt von Geistern aller Art, +elbischen und riesischen, bevölkert. Menschen gelangen manchmal in die +unterirdischen Wohnungen der Elbe, wo ihnen die Zeit wundersam schnell +verstreicht. Ein paar Stunden oder Tage, die das Menschenkind bei den +Elben verbracht zu haben vermeint, erweisen sich bei der Rückkehr +zur Oberwelt oft als Jahre oder Jahrzehnte. Die Elbe lieben Tanz und +Spiel. Unermüdlich bringen sie ganze Nächte mit diesem Vergnügen zu, +nur der Strahl der aufgehenden Sonne, den die Unterirdischen scheuen, +zwingt sie einzuhalten und sich zu verbergen. Man erblickt ihre Spuren, +Kreise, die sie ins tauige Gras getreten. Der Jüngling, der den Tanz +der Elbinnen im Mondschein sieht, kann die Augen <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>nicht davon abwenden, +so verführerisch ist er. Wird er aber in den Reigen gezogen, dann +ists um ihn geschehen. Die musikalische Begabung der Elbe gipfelt im +„<i>albleich</i>“, im Albliede. Schwedisch heisst die wunderbare Weise +<i>elfvalek</i>, Elfspiel, norwegisch <i>huldreslaat</i>, Schlag des +Huldrevolks, neuisländisch <i>ljuflingsmál</i>, <i>ljuflingslag</i>, +Weise und Schlag der Lieblinge d. h. der Elbe. Besonders der Nix +ist des Stückes mächtig. Menschen können das Spiel von den Elben +erlernen. Was die griechische Sage von Orpheus und Amphion erzählt, +das berichtet deutsche Sage vom Albleich. Wenn die Weise ertönt, +da horchen alle Wesen auf, Menschen und Tiere, der Eichwald stillt +sein Rauschen, der Strom seinen Lauf. Der Gesang der Elbinnen ist +ebenso unwiderstehlich als das Spiel der Elbe. Niemand entzieht sich +dem süssen sinnberückenden Zauber solchen Getöns. Die Elbe wissen +die Zukunft voraus, so gut wie sie wissen, was in der Entfernung +geschieht. Sie weissagen und verkündigen bevorstehendes Unglück, wie +die Wasserminnen dem Hagen der Nibelungen Not ansagen. In den Alvísmǫ́l +tritt der allwissende Zwerg Alwis dem Thor gegenüber; er weiss Bescheid +in allen Welten und bleibt auf keine Frage die Antwort schuldig. Die +Kunstfertigkeit der Elbe übertrifft alles, was Menschen zu leisten im +Stande sind. Die Zwerge sind die geschicktesten Schmiede, aus deren +Arbeit Kleinode und Waffen hervorgehen. Die Schmiedekunst wird für +gewöhnlich den Zwergen allein zugeschrieben. Aber Wölund heisst <i>alfa +ljóþi</i>, <i>alfa vísi</i> d. h. der Elbe Fürst und Beherrscher. Die +Schmiedekunst wird ursprünglich den Elben überhaupt zugehört haben +und erst allmälig den Zwergen insbesondere überwiesen worden sein. +Ihre eigenen Fähigkeiten, ihr Wissen vergaben die Elbe manchmal an +besonders bevorzugte Günstlinge. Die Elbe können jede Gestalt annehmen. +Unter den Menschen erscheinen sie meistens in menschlicher Grösse. +Nixen, die ans Land steigen, gleichen den schönsten Mädchen, sind +auch wie Menschen gekleidet, nur dass zum Zeichen ihrer Abkunft die +Säume ihrer Kleider oder ein Zipfel daran beständig nass bleiben. +Der Hausgeist fliegt als weisse Feder bei dem Auszug seines Herrn +neben dem Wagen her, er entspringt als Marder oder zeigt sich als +Schlange. Sinnesart und Neigungen der Elbe zeigen eine eigentümliche +Mischung von gut und böse, List und Aufrichtigkeit, sie vereinigen +zwei entgegengesetzte Eigenschaften. Die Elbe sind edel und hilfreich, +aber auch äusserst boshaft, im ganzen halten sie sich in zweifelhafter +Mitte, worin <span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>der Grundzug ihres Wesens beruht. Die Elbe necken, höhnen +und spotten gerne, ohne den Menschen dabei eigentlichen Schaden thun +zu wollen. So erlustigt sich ein Kobold daran, die Leute an einander +zu hetzen, trägt aber vorher alle Waffen bei Seite, damit sie sich +kein Leid anthun können (Deutsche Sagen Nr. 76). Auch Alberich im +Ortnit äfft und verspottet unsichtbar die Heiden. Dem Ortnit selber +gegenüber kehrt er diese Seite hervor. Er lockt ihm den wunderbaren +Ring, womit er zum Dienst des Helden verpflichtet ist, ab, macht +sich dann unsichtbar, verlacht ihn und spottet seiner fruchtlosen +Drohungen, gibt aber schliesslich gutwillig den Ring wieder zurück. +Die Wichte in den Bergwerken necken die Bergleute durch unschädliche +Steinwürfe; sie rufen, und wenn dann die Arbeiter herbei eilen, finden +sie niemand. Auch vertragen sie das Werkzeug, bringen es aber mit +Lachen und Spotten zurück (Deutsche Sagen Nr. 35). Die Elbe selber +dulden aber keinen Scherz von Seiten der Menschen, sie werden darüber +ernstlich böse. List und Verschlagenheit zeigt Alberich im Ortnit. Er +weiss mit Klugheit alles zu erlangen, so bringt er Ortnits Ring an +sich und stiehlt die heidnischen Schiffe. In der Þiđrekssaga Kap. 16 +heisst Alfrik der grosse Dieb (<i>hinn mikli stelari</i>); er ist der +geschickteste aller Zwerge. In der Vǫlospǫ́ 11 wird einem Zwerg der +Name Althjof, Alldieb, beigelegt. Die Zwerge stehlen gern Lebensmittel, +Erbsen und Brot (Deutsche Sagen, Nr. 153, 154, 156), aber auch Kinder +und Jungfrauen. In der Karlssage heisst ein berüchtigter Dieb, der +die Eier unter den Vögeln wegstiehlt, Elbegast. Der Name deutet auf +einen ursprünglichen Alb. Das Verhältniss der Elbe zu den Menschen ist +bald freundlich, bald feindlich. Die Elbe sind ein stilles, gutes, +friedliches Volk, das auf gute Nachbarschaft hält. Die Zwerge bei der +Stadt Achen entliehen Kessel und Töpfe und allerlei Küchengeschirr bei +den Einwohnern (Deutsche Sagen, Nr. 33), die bei Quedlinburg borgten +ihr eignes Zinnwerk den Leuten zu ihren Hochzeiten aus (ebenda Nr. +36). Für empfangene Wolthaten und geleistete Dienste erweisen sich +die Elbe erkenntlich. Die Gǫngu-Hrolfssaga Kap. 15 erzählt, wie Hrolf +durch einen wunderbaren Hirsch zu einem Hügel im Walde gelockt ward; +der Hügel that sich vor ihm auf, und eine <i>alfkona</i>, eine Elbin, +trat heraus, die ihm verwies, dass er ihr Tier jage, aber zugleich +erklärte, dass sie es selbst ausgesandt habe, ihn heran zu locken. +Sie bat ihn sofort, ihr an das Lager ihrer Tochter zu folgen, die +nur ein Mensch aus ihren Geburtsnöten <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>erlösen könne; da Hrolf ihr +folgte und die verlangte Hilfe leistete, erhielt er nicht nur jenen +Hirsch, sondern überdies noch einen Ring, dem die Eigenschaft inne +wohnte, dass sein Träger bei Tag und Nacht sich nie verirren konnte. +Zugleich ward er vor einem ihm drohenden Verrate gewarnt. In schwerer +Gefahr bewährte sich später die Kraft des Ringes (ebenda Kap. 28). +Die Elbe machen Geschenke, die, solange sie erhalten bleiben, dem +Eigentümer Glück bringen (Deutsche Sagen, Nr. 35, 71). Oft müssen +diese Gutthaten verschwiegen werden, man darf das Geheimniss nicht +beschreien, das an die Gabe geknüpfte Gebot des Albs nicht brechen, +sonst verliert sie ihren Segen (Deutsche Sagen, Nr. 7). Die Elbe +verlangen von den Menschen namentlich Hilfe bei Geburt ihrer eignen +Kinder. Am häufigsten bezeugt ist die Sage, wie Menschenweiber von +den Elben im Berg oder im Wasser geholt werden, um Hebammendienste zu +leisten. Dass den Elben Heilkraft gegeben war, lehrt die Kormakssaga +Kap. 22. Der Isländer Thorward war von Kormak im Zweikampf schwer +verwundet worden. Sein Befinden besserte sich nur langsam. Wie er +auf den Füssen stehen konnte, ging er zur klugen Thordis und fragte +sie, was ihm am ersten zur Besserung seiner Gesundheit dienlich wäre. +Sie sprach: Ein Hügel ist in geringer Entfernung von da, in welchem +Alfar wohnen. Den Stier, den Kormak als Opfer nach dem Zweikampf +schlachtete, sollst du dir verschaffen, und das Blut des Stieres aussen +um den Hügel streichen, und aus dem Fleische den Alfen ein Opfermahl +bereiten; damit wird es dir besser werden. Thorward befolgte den Rat +und erlangte schnelle Heilung. Der Kobold schliesst sich ans Haus und +seinen Besitzer aufs innigste an und nimmt bei den Menschen Wohnung. +Von ehelichen Verbindungen zwischen Menschen und Elben berichten +zahlreiche ältere und neuere Sagen. Die Elbe sind treu und verlangen +Treue von den Menschen, mit denen sie sich einlassen. Alberich ist +Sigfrid von dem Augenblicke an, wo er ihm Treue gelobt hat, völlig und +aufrichtig ergeben. Alberich im Ortnit bewährt sich ebenso treu und +zuverlässig in hilfreicher That. Im Ruodlieb vergleicht ein gefangener +Zwerg sein Geschlecht mit den Menschen. Die Menschen seien treulos und +darum kurzlebig, während die Zwerge, weil sie redlich seien (<i>non +aliter loquimur nisi sicut corde tenemus</i>) und einfache Speisen +essen, lang und gesund leben. Klagend rufen die Zwerge: O wie ist der +Himmel so hoch und die Untreue so gross! und verziehen sich <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>aus der +Gegend (Deutsche Sagen Nr. 148/49). So sehr die Elbe einerseits dem +Menschen sich nähern, so weichen sie auch andrerseits vor ihm zurück. +Glockenschall nahegelegener Kirchen, Reuten der Wälder, neue Hammer- +und Pochwerke, Fluchen und Neckereien der Leute vertreiben sie. Dann +erfolgt ein grosser Auszug der Unterirdischen. Sie schliessen einen +Vertrag mit einem Fährmann ab und werden übergefahren, um niemehr zur +alten Heimat zurückzukehren. Oft nehmen sie Glück und Gedeihen mit sich +fort (vgl. Deutsche Sagen Nr. 153/55). Aus der Bekehrungszeit Islands +bietet sich eine schöne und rührende Alfensage dar. Die Kristnisaga +Kap. 2 berichtet in Kürze: „Thorwald hiess seinen Vater Kodran sich +taufen lassen, der aber zeigte wenig Lust dazu. Zu Gilja stand ein +Stein, welchen die gesamte Verwandtschaft angebetet hatte, und von dem +sie sagten, dass ihr dienstbarer Geist (<i>ármađr</i>) darin wohne. +Kodran erklärte, sich nicht taufen zu lassen, ehe er wisse, wer mehr +vermöge, der Bischof oder der Geist im Steine. Hierauf ging der Bischof +zu dem Steine und sang darüber, bis der Stein zersprang; da meinte +Kodran einzusehen, dass der Dienstgeist besiegt sei, und er liess +sich sofort taufen und sein ganzes Haus; nur sein Sohn Orm wollte den +Glauben nicht annehmen.“ Die Thorvaldssaga Kap. 3 führt die Erzählung +mehr ins Einzelne aus. Kodran rühmt von seinem Dienstgeist, er sei ein +Weissager (<i>spámađr</i>), der ihm grossen Nutzen bringe; er sage ihm +Ungeschehenes voraus, er warte das Vieh und mache ihn aufmerksam, was +er thun und lassen solle; darum habe er grosses Vertrauen auf ihn und +verehre ihn seit vielen Jahren. Als der Bischof den Stein mit geweihtem +Wasser begoss, kam der Geist in der folgenden Nacht zu Kodran, mit +traurigem Aussehen und ängstlich. Er sprach zu Kodran: Übel hast du +gethan, da du die Leute hieher einludst, die dich zu betrügen vorhaben, +indem sie versuchen, mich aus meiner Wohnstätte zu vertreiben; denn +sie gossen siedendes Wasser über meine Herberge, sodass meine Kinder +nicht geringe Qual von den brennenden Tropfen leiden, die durch die +Decke herabfallen, und obwol dergleichen mir selbst nicht viel thut, so +ist es doch immer hart, die Klagen der Kinder zu hören, wenn sie des +Brennens wegen schreien. Tags darauf setzt der Bischof die Beschwörung +fort. In der Nacht erschien der Geist dem Kodran wieder, aber nicht wie +früher mit hellem, glänzendem Antlitz und herrlichem Gewand, sondern in +einem hässlichen alten Lederkittel und mit finsterem, <span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>üblem Aussehen. +Und er sprach: Diese Leute arbeiten eifrig daran, uns beide unsrer +Güter und Vorteile zu berauben, da sie mich von meinem Erb und Eigen +vertreiben, dir aber unsre liebevolle Fürsorge und zukunftskundige +Weissagungen entziehen wollen. In der dritten Nacht wehklagt er: Dieser +schlechte Bischof hat mich um all mein Eigen gebracht, meine Herberge +hat er verdorben, mich mit siedendem Wasser begossen, mir und meiner +Familie busslos mit Brand Schaden gethan und damit mich gewaltsam weit +hinausgetrieben in die Verbannung und Wildniss. Jetzt müssen wir beide +Freundschaft und Zusammenleben brechen. Besinne dich nur, wer von jetzt +an deiner Güter getreulich warten wird, wie ich ihrer bisher gewartet +habe. Damit trennten sich der Geist und Kodran mit Zorn und keiner +Freundschaft.</p> + +<p>Es gibt aber auch feindselige, schädliche Elbe, deren Anblick Krankheit +und Tod bringt. Schon der blosse Anblick der Elbe kann Erblindung +verursachen. Mit Schuss und Schlag wissen sie zu schädigen. <i>Ylfa +gescot</i>, norw. <i>alfskud</i>, dän. <i>elveskud</i> ist die Lähmung, +welche ihr Geschoss hervorruft. Die norweg. <i>alfkula</i>, Albkugel +ist ein Knäul, der im Magen des kranken Viehes gefunden wird und von +den Elben dorthinein geschossen wurde. Das berühmte dänische Lied von +Herrn Olaf, der ausreitet, seine Gäste zur Hochzeit zu entbieten, +erzählt, wie die Elbinnen ihn zum Reigen auffordern. Als er sich +standhaft weigert, da am nächsten Morgen sein Hochzeitstag aufdämmere, +stösst ihn die Elbin aufs Herz. Noch nie empfand er solchen Schlag. Er +reitet heim, aber am andern Morgen liegt er tot. Auf den bösen Blick +der Elbin spielt Heinrich von Morungen an. Elbischer Hauch bringt +Gefahr, Elbhauch (norw. <i>alvgust</i>, <i>elfblaest</i>, schwed. +<i>elfveblåst</i>) ist Gliedergeschwulst. Blödsinnige, geistesschwache +Leute heissen Elbentrötsch, ihr Sinn ist durch die Elbe verwirrt. +Die verfilzten Haare der Pferde sind Alp- oder Wichtelzöpfe. Die +Krankheiten, die nach dem Volksglauben als Würmer oder sonstige +Parasiten den Leib des Menschen in Besitz nehmen, heissen geradewegs +fliegende Elbe⁠<a id="FNanchor_85_85" href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a>. Angeflogene Geister bringen den Menschen in +Siechtum und müssen zu seiner Heilung wieder vertrieben werden. Schon +die oberdeutsche Bedeutung des Wortes Alp lehrt, dass die Elbe auch den +Marendruck ausüben. Die Elbe tragen nach kleinen, <span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>gesunden Kindern +Verlangen und legen an ihrer Statt Wechselbälge in die Wiege. Wer +elbische Speise und Trank berührt, verfällt dadurch den Unterirdischen. +Wer in ihr Reich gelangt, wird überhaupt gerne daselbst festgehalten +oder kehrt nur stumpfsinnig und wahnwitzig, „<i>elbisch</i>“, unter die +Leute zurück.</p> + +<p>Die Elbe bilden ein Volk unter Königen. Darauf weist schon der Name +Alberich, König der Elbe. Im Ortnit trägt er auch Krone und beherrscht +grosse unterirdische Reiche. Im Nibelungenlied ist er ein Dienstmann +der Könige Schilbung und Nibelung. Die deutsche Heldensage weiss +von Zwergkönigen Laurin, Walberan, Goldemar. Alberich und Laurin +kommen auf kleinen Pferden angeritten. Ebenso Euglin, der Zwergkönig +im Seyfridsliede; der jagt auf kohlschwarzem Rosse durch den Tann, +angethan mit herrlichem Seidengewand, das mit Gold besetzt und mit +Zobel verbrämt ist. Auf dem Haupt schimmert eine mit Edelsteinen +geschmückte Krone. Er ist mit seinen Zwergen im Berge dem Riesen +Kuperan zinspflichtig und steht nun Seyfrid im Kampfe gegen den Unhold +mit seiner Nebelkappe bei. Er stärkt ihn mit Speise und Trank und +weissagt ihm die Zukunft. Aber auch Eugel muss erst mit Gewalt dazu +gebracht werden, dem Helden zu dienen. In den Harzsagen ist Gübich +König der Zwerge (Pröhle, Harzsagen<sup>2</sup> 105), in den Deutschen Sagen Nr. +152 ist Heiling Fürst der Zwerge. Auf Island gab es zwei Alfakönige. +Jedes Jahr musste abwechselnd einer von ihnen in Begleitung einiger +seiner Leute nach Norwegen hinüber reisen, um dem dort herrschenden +Oberkönige über den Zustand seines Reiches Bericht zu erstatten +und selbst gegen etwaige Anklagen seiner Unterthanen zu Recht zu +stehen. So erzählt Finnur Jónsson in seiner <i>historia ecclesiastica +Islandiae</i> 2, 368 f.</p> + +<p>Die neuere isländische, ebenso die færöische Volkssage haben überhaupt +die Auffassung der Elbe eigentümlich entfaltet. Die <i>álfar</i>⁠<a id="FNanchor_86_86" href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> +heissen auch <i>huldufolk</i>, verborgenes Volk, <i>ljúflingar</i>, +Lieblinge. Sie hausen in Steinen und Erdhügeln, in Klippen und +Schlüften, mitten unter den Menschen. Ortsnamen auf Island erinnern +häufig an ihr Dasein. Sie sind durchaus menschenähnlich gedacht, auch +in Bezug auf Gestalt und Grösse. Sie führen auch dieselbe Lebensweise +wie die Menschen. Sie werden geboren <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>und sterben, nur dass ihnen +eine ungewöhnlich lange Lebensdauer beschieden ist; sie essen und +trinken und belustigen sich gerne mit Musik und Tanz, zumal in +festlichen Zeiten, wo man dann ihre Wohnungen weithin hell beleuchtet +sieht. Sie haben ihr eigenes Vieh von ganz besonderer Güte; sie +rudern in See auf Fischfang, wobei man ihren Ruderschlag vernimmt und +die Spur ihrer Kähne im Wasser sieht. Sie haben eigene Kirchen und +gottesdienstliche Bräuche, ja selbst Bischöfe. Bei aller Ähnlichkeit +bleiben indessen die álfar von den Menschen scharf geschieden, ihr +Gemeinwesen ist von dem menschlichen durchaus getrennt. Sie selbst +sind im Besitz übernatürlicher Kräfte, durch welche sie den Menschen +zu nützen, aber auch zu schaden im Stande sind. Nur ausnahmsweise +werden sie dem menschlichen Auge sichtbar. Sie sind auf kleine Kinder +aus und vertauschen sie vor der Taufe gern mit ihren Wechselbälgen. +Alfmädchen suchen Jünglinge in den Berg zu locken, auch knüpfen álfar +mit Mädchen Liebschaften an. Menschliche Hilfeleistung verlangen +die álfar namentlich bei Niederkunft ihrer Frauen. Dafür helfen sie +wiederum den Menschen, verschaffen ihnen verlaufenes Vieh, schenken +ihnen wunderkräftige Gegenstände und heilen von Siechtum. Den álfar +der neuisländischen und færöischen Volkssage ist namentlich der +Umstand eigentümlich, dass sie nie als klein geschildert werden und +keine Schmiedekunst ausüben, obwol im übrigen ihre Art derjenigen +der Bergelbe, also der Zwerge, entspricht. Auf Island ist Name und +Begriff der dvergar überhaupt verschwunden. Die altnordischen Quellen +aber gedenken der Zwerge oft, ihr Andenken haftet auf Island nur noch +an einigen Ortsnamen wie <i>Dvergasteinn</i>, <i>Dverghól</i> u. ä. +Auf den Færöern treffen wir in Lied und Sage (<i>færösk anthologi</i> +2, 326) die <i>dvörgar</i> um so häufiger neben dem sonst gleich +geschilderten <i>huldufólk</i> der <i>álvar</i>.</p> + +<h4 id="Zwerge_1"><b>1. Zwerge.</b></h4> + +<p>Alle germanischen Mundarten bieten Wort und Begriff „<em class="gesperrt">Zwerg</em>“ +dar, ahd. <i>twerg</i>, mhd. <i>getwerc</i>, obds. <i>zwerch</i>, +mds. <i>querch</i>, ags. <i>dweorh</i>, engl. <i>dwarf</i>, an. +<i>dvergr</i>. Germanischer Ursprung des Wortes ist zweifellos, die +Etymologie aber dunkel. Laistner (AnzfdA. 13, 44) denkt an Zusammenhang +mit dem starken mhd. Zeitwort „<i>zwergen</i>“ drücken und führt somit +bereits den Zwergnamen auf den Kreis der Maren, der Druckgeister +zurück; Noreen (Abriss der urgermanischen <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Lautlehre S. 224) stellt +die Wurzeln <i>dhuer</i> und <i>dhru</i> zu einander und gewinnt +damit gleiche Urbedeutung der Zwerge und Draugen. Die Zwerge scheinen +also Verbindung mit Maren und Seelen zu halten. Die Zwerge gehören zu +den Elben, wie schon die Bezeichnung des Wölund, des Hauptvertreters +zwergischer Kunst, als Alfenfürst, <i>alfa vísi</i> beweist. Snorri +meint mit seinen Dunkelelben, mit den <i>dökkalfar</i> ebenso Zwerge. +Ihre Eigenschaften wurzeln auch alle in der Art der Elbe. Die Zwerge +erscheinen im Volksglauben vorwiegend als die kunstreichen Elben, +als die Schmiede. Die Zwergsagen fanden ihre Ausbildung zumeist in +Gebirgsländern, wo Bergbau betrieben ward. In der Ebene ist ihre +zwergische Eigenart von der allgemeinen elbischen kaum unterschieden, +auch wird der Name „Zwerg“ selten angewandt, sie heissen die +<i>Unterirdischen</i> und sind die Elbe, die in Hügeln wohnen. Weitere +Benennungen der echten Zwerge, die auf ihre Wohnung und Thätigkeit +zielen, sind <i>Bergmännlein</i>, <i>Bjergfolk</i>, <i>Bjergmand</i>, +<i>Erdmännchen</i>, <i>Erdleute</i>, <i>Erdschmiedlein</i>, +<i>Bergschmiede</i>. Wichtel, Wichtelmännlein heissen sie wegen ihrer +kleinen, winzigen Gestalt. Die Zwerge sind fast immer missgestaltig, +dickköpfig, alt, graubärtig, höckrig, von bleicher Gesichtsfarbe +(<i>fǫlr um nasar</i> Alvísmǫ́l 2), zuweilen enten- oder geissfüssig, +unscheinbar gekleidet. Nur die Könige tragen prächtige Gewandung. Die +Frauen der Zwerge bewahren aber die elbische Schönheit. Die Zwerge +sind so gross wie ein drei- oder vierjähriges Kind, manchmal noch +kleiner, zwei oder drei Spannen hoch, daumengross (Däumlinge). Sie +sind geschickt, klug und listig. Sie machen sich mit einer Kapuze +(<i>helkappe</i>, <i>nebelkappe</i>, <i>tarnkappe</i>, <i>tarnhût</i>, +an. <i>hulidshjalmr</i>, ags. <i>hæleđhelm</i>) unsichtbar. Gemeint +ist wol ein Zaubernebel, in dem sie selber verschwinden oder mit dem +sie die andern verblenden. Das Nebelspiel, das plötzliche Erscheinen +und Vergehen kleiner Wölkchen, wie sie besonders an Bergen zu +beobachten sind, mag zur Ausbildung solcher Vorstellungen wesentlich +beigetragen haben. Im Laurin (191 ff., 535 ff., 1174 ff.) wird eines +Gürtels und eines Ringes gedacht, wodurch der kleine Zwerg zwölf +Männer Kraft gewinnt. Aus dem Laurin, durch Vermittlung der dänischen +im 15. Jahrhundert verfassten <i>kong Laurins krönike</i> scheint +dieser Kraftgürtel auch in die færöische Volkssage der Gegenwart +(<i>færösk anthologi</i> 1, 326) gedrungen zu sein. Die nordische +Sprache nennt das Echo <i>dvergmál</i>, Zwergenrede. Ebenso begegnet +<i>dvörgamál</i> in den færöischen Liedern. Die Helden <span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span>führen so +starke Streiche, dass Zwergrede aus Klippen und Bergen widerklingt. Die +Berggeister antworten also der rufenden Stimme oder sonstigem Hall. +Die Zwerge wohnen in hohlen Bergen, ihre Säle sind herrlich mit Gold +und Edelsteinen ausgeschmückt. Vor Laurins Berg ist eine blühende, von +Linden beschattete Aue, wo Vogelsang erschallt und friedlich allerlei +Getier spielt. Dort hinaus ziehen die Zwerge aus ihren Höhlen, um sich +am Tanz in freier Luft zu erfreuen. Aber viel schöner ists im Berge +selbst. Mit allen erdenklichen Kleinoden ist die Decke behangen, die +goldenen Bänke leuchten von Edelsteinen. Allerlei Kurzweil herrscht. +Zwei reichgekleidete Zwerge spielen auf rotgoldenen kostbaren Fiedeln, +deren Saiten süss erklingen. Die Zwerginnen sind schön und wol +geschaffen, reich in Seide gekleidet und mit Geschmeide behängt. Aber +nur Sonntagskindern, besonders auserkorenen Sterblichen eröffnet sich +ein Einblick in die unterirdische Pracht. Die Könige der Elbe sind in +den Tiroler Sagen des Mittelalters zu Beherrschern des Zwergvolkes +geworden. Die Zwerge kehren gern in menschliche Wohnungen ein. Nach +Abzug der Senner wirtschaften die Zwerge in den verlassenen Almhütten +(Wolf, Beiträge zur deutschen Myth. 2, 311). Auf der Eilenburg in +Sachsen wollte einmal das kleine Volk Hochzeit halten und zog bei Nacht +in den Sal. Der alte Graf, der erwachte, wurde von einem kleinen Herold +geziemend eingeladen, am Feste teilzunehmen (Deutsche Sagen No. 31). +Beim Grafen von Hoia erschien einst bei Nacht ein kleines Männlein +und bat, für die folgende Nacht zum Einlager der kleinen Bergmännlein +Küche und Sal geliehen zu erhalten (Deutsche Sagen No. 35). Wie allen +gespenstischen Wesen so ist auch den Zwergen Scheu vor dem Tageslichte +eigen. In den nordischen Sagen verwandeln sie sich zu Stein, sobald +ein Sonnenstrahl sie trifft. Steinverwandelte Zwerge kennt auch die +deutsche Sage (No. 32); aber die Zwerge sind aus besonderem Anlasse +versteinert worden, nicht durch die aufgehende Sonne erstarrt. Die +Thätigkeit der Zwerge besteht nun darin, dass sie die edlen Steine +und Metalle ausgraben, zu grossen Schätzen anhäufen und zu Geschmeide +aller Art verarbeiten. Sie sind Bergknappen und Schmiede zugleich. +Nach Prätorius geben die Gebrüder Grimm in den deutschen Sagen No. 37 +ein Bild solcher Wichtlein. Die Zwerge haben das Aussehen eines alten +Mannes mit einem langen Barte, sind bekleidet wie Bergleute mit einer +weissen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne, +Schlägel und Hammer. Sie thun den <span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span>Bergarbeitern kein Leid, denn wenn +sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen +doch selten Schaden zu, es sei denn, dass sie mit Spotten und Fluchen +erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in +den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist. +Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es +für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen. Sie schweifen in Gruben +und Schachten herum; bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder +eine Ader, bald als fassten sie das Gegrabene in den Eimer, bald als +arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie +necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen +sie; wenn man hinkommt, ist niemand da. Am Kuttenberg in Böhmen hat +man sie oft in grosser Anzahl aus den Gruben heraus und hinein ziehen +sehen. Wenn kein Bergknappe drunten, besonders wenn gross Unglück oder +Schaden vorstand (sie klopfen dem Bergmann dreimal den Tod an), hat +man die Wichtlein hören scharren, graben, stossen, stampfen und andere +Bergarbeiten mehr vorstellen; bisweilen auch, nach gewisser Maasse, wie +die Schmiede auf dem Amboss pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern +schmieden. Eben in diesem Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen, +hämmern, picken, als ob drei oder vier Schmiede etwas stiessen. In +Idria stellen ihnen die Bergleute täglich ein Töpflein mit Speisen +an einen besondern Ort. Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten +ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machen +ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie es, so werden die Kleinen +zornig und ungnädig. Die in der Erde verborgenen Schätze, von denen +die Volkssage so gern erzählt, werden darum häufig auf die Zwerge +zurückgeführt. Ist irgendwo ein versunkener Hort, so ist meistens ein +kleines graues Männchen mit im Spiele. Der berühmteste Zwergschatz ist +der Nibelungs; auf ihm liegt die goldene Wünschelrute, die verhindert, +dass er sich vermindert. Auch nach dem Liede vom hürnen Seyfrid ruht +Nibelungs Hort von den Zwergen gehütet im Berge. Nach nordischer Sage +war der Zwerg Andwari so zauberkundig, dass er zuweilen als Fisch im +Wasser lebte. Loki fing ihn und verlangte, dass er, um sein Leben zu +lösen, alles Gold ausliefern solle, das er in seinem Stein habe. Der +Zwerg gab all sein Gold her, doch barg er in seiner Hand einen kleinen +Goldring. Das sah Loki und verlangte, dass er auch diesen Ring ihm +überantworte. Der Zwerg bat, ihm diesen Ring nicht fortzunehmen, da er +durch ihn seinen <span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>Besitz wieder vermehren könne; Loki aber sagte, er +dürfe keinen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring fort und wandte +sich zum Gehen. Da sprach der Zwerg, dass der Ring jedem, der ihn +besitze, den Tod bringen werde. So berichten die Regins mǫ́l und die +Skaldskapar mǫ́l. Elbengewirk, das in Menschenhände gerät, ist öfters +Segen und Fluch bringend. Die Zwerge verstehen sich meisterhaft darauf, +die angesammelten Schätze zu verarbeiten. Den glänzenden Bergkrystall +nennt man in Norwegen <i>dvergsmie</i>, Zwerggeschmeid. Doch mehr +als in Schmucksachen zeichnen sich die Zwerge durch Anfertigung +hochberühmter und vielbegehrter Waffenstücke aus. Sowol ihres Wissens +wie ihrer Geschicklichkeit halber taugen sie als treffliche Lehrmeister +junger Heldensöhne. Regin war geschickter als alle Menschen und seinem +Wuchse nach ein Zwerg. Er war klug, grimmig und zauberkundig. Zu +ihm kam Sigurd in Unterweisung und Lehre. Regin verfertigte ihm das +Schwert Gram. In der Thidreks saga Kap. 57 heisst der ausgezeichnete +Schmied Mimir. Zu ihm kommt auch Welent in die Lehre, dass er Eisen +zu schmieden lerne. Später aber brachte ihn sein Vater Wadi zu zwei +Zwergen, die in einem Berge in Westfalen wohnten. Diese Zwerge +verfertigten besser, als irgendwo sonst Menschen es konnten, aus Eisen +allerhand Waffen, Schwerter, Brünnen und Helme; aus Gold und Silber +machten sie allerhand Kleinode. Darum sind auch die besten Waffen in +deutscher Heldensage Zwergenarbeit. Wird aber die Arbeit erzwungen, so +legen die Zwerge ihren Fluch darauf. So erzählt die Herwararsaga vom +Schwerte Tyrfing. König Sigrlami hatte einst zwei kunstfertige Zwerge +ausserhalb ihrer Steinbehausung überrascht. Er nahm sie gefangen und +bedrohte sie am Leben. Zur Lösung schufen sie das Siegschwert Tyrfing, +legten aber den Fluch darauf, dass drei Neidingswerke damit verübt +werden mussten. In der SE. führt Hagen, Hildes Vater, das Schwert +Dainsleif, das Zwerge schmiedeten und das eines Menschen Tod sein muss, +so oft es aus der Scheide gezogen ist, das nie im Hiebe Halt macht und +dessen Verwundungen nimmer heilen. In der märchenhaften Egils saga ok +Asmundar Kap. 11 beschenkt der einhändige Egill, der schwer an seiner +Wunde leidet, ein ihm begegnendes Zwergenkind. Zum Dank heilt ihm +dessen Vater die Wunde und schmiedet ihm überdies ein Schwert, das an +den Ellenbogen befestigt sich ebenso gut regieren lässt, als wenn Egill +seine Hand noch hätte. In der nordischen Göttersage gehen Odins Speer +und goldener Ring, Thors <span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>Hammer, Freys Schiff und goldborstiger Eber, +Sifs Goldhaar aus der Esse der Zwerge hervor. Die Weisheit der Zwerge +deutet die nordische Sage mit dem Namen Alwis an, ferner dadurch, dass +der Dichtermet ursprünglich im Besitze zweier Zwerge, des Fjalar und +Galar sich befindet. Die Beziehungen zwischen Menschen und Zwergen sind +die bei allen Elben üblichen. Die Zwerge verlangen menschliche Hilfe +bei schwerer Geburt ihrer Frauen. Sie erweisen sich aber auch dankbar +dafür. Die Zwerge unterschieben Wechselbälge (ahd. <i>wihselinga</i>, +nord. <i>bytingar</i>, <i>skiftingar</i>, <i>umskiptingar</i>) und +rauben dafür menschliche Kinder. Um den Wechselbalg zu erkennen und +seinen Umtausch zu bewirken, bedarf es besonderer Bräuche. Man thut +irgend etwas Ungewöhnliches, braut Bier in Eierschalen oder siedet +Wasser darin. Dann erhebt der Wechselbalg verwundert sein Sprüchlein: +Nun bin ich so alt wie der Wald und hab so was nicht gesehen! Oft +genügt schon das Geständniss seiner Herkunft zum Verschwinden, oft muss +man ihn aber auch misshandeln, peitschen oder sich anstellen, als ob +man ihn in den siedenden Kessel werfen wolle. Dann bringen die Zwerge +das rechte Kind zurück. Die Zwerge sind erpicht auf schöne Mädchen. +Die Alvísmǫ́l beruhen auf solcher Sage. Alwis der weise Zwerg will die +Tochter des Thor als Braut heimholen, wird aber solange hingehalten, +bis das Tageslicht ihn versteint. Der Laurin 735 ff. schildert eine +Entführung. Künhild lustwandelt vor der Burg zu Steier zu einer Linde +auf grüner Aue. Plötzlich verschwindet sie den Augen ihres Gefolges. +Laurin war herangeritten, hatte sie in seine Nebelkappe gehüllt und +führte sie unsichtbar hinweg in seine Tiroler Berge. Aber zur geplanten +Heirat kommt es nicht, die Berner Helden befreien die Maid aus der +Gewalt des bitterlich klagenden Zwergkönigs. Dietrich von Bern fand auf +seinen Fahrten einmal einen Berg, der von wilden Zwergen bewohnt war. +Die hatten ein schönes Mädchen bei sich. Es war eine Königstochter, +welche der Zwergkönig Goldemar geraubt hatte. Dietrich gewann sie +dem Zwerge mit grosser Mühe ab und nahm sie selber sich zur Frau. +Im schwedischen Volkslied holt der Bergkönig die Jungfrau in sein +unterirdisches Reich, sie bleibt acht Jahre bei ihm und gebiert ihm +Kinder.</p> + +<p>Über den Ursprung der Zwerge berichtet die Vǫlospǫ́ 9/10, die Götter +hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut +und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller +Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>Geheiss machten die +Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche +Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle +ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus +Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von +den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob die +„Menschenbilder“ (<i>mannlíkon</i>) Zwerge oder rechte Menschen sind, +ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10 +lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten +menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber +erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d. h. aus Wasser und Stein, +überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen. +Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber: +„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der +Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der +Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt, +aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist +keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen +Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott +geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum +Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden +Tiere und zuletzt die Recken, d. h. die Menschen, um den Zwergen gegen +die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist +nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen +und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe +wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln +in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar +schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den +Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn +als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat +Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.⁠<a id="FNanchor_87_87" href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span></p> + +<h4 id="Kobolde_2" title="2. Kobolde"> +<b>2. Kobolde.</b>⁠<a id="FNanchor_88_88" href="#Footnote_88_88" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[88]</span></a> +</h4> + +<p>Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten. +Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich +hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute +verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends +gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber +am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als +Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name +solcher Hausgeister war <em class="gesperrt">Kobold</em>. Das Wort begegnet zwar nur im +Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht ist +frz. <i>gobelin</i> daher zu leiten, zweifellos hängt ags. <i>cofgodas +lares</i> und <i>cofgodu penates</i> damit zusammen. Kobold ist +eigentlich <i>kobwalt</i>, der des Kobens waltet; ags. <i>cofa</i>, +an. <i>kofi</i>, mhd. <i>kobe</i> ist Hütte, Verschlag. Mithin ist +Kobold eine treffende Benennung des Hausgeistes.⁠<a id="FNanchor_89_89" href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> Neben dieser +allgemeinen, nur in Deutschland nachweislichen Bezeichnung führt der +Hausgeist noch eine Menge anderer Namen, die seinem Thun und Treiben +entstammen. Er wird geradewegs mit kosenden Eigennamen gerufen wie +Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen), Wolterken, Robin u. s. w. oder +man heisst ihn nach Merkmalen seiner Tracht Hütchen, Hopfenhütel, +Stiefel. Endlich wird er als polternder Rumpelgeist mit Namen wie +Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart, Nisse (dänisch, zum Verbum +<i>nisse</i>, sich geschäftig machen) oder als Schrecker mit <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Namen +wie Butzemann, Busemann⁠<a id="FNanchor_90_90" href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a>, Puck, Tattermann, Popanz belegt. An die +Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister mahnt das Märchen vom +gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und Ekerken (Eichhörnchen).</p> + +<p>In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen. +Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein +Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem +weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus +Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange⁠<a id="FNanchor_91_91" href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>, Katze zeigt sich der +Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in +Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und +verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold +ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den +Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim +einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut +Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen, +giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das +Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins +Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold +zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre +Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der +Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein +Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.⁠<a id="FNanchor_92_92" href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> Vergisst sie +das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder +thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich +im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das <span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>Essen +umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt +auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde. +Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann +aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem +Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und +verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann +klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als +ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie +erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des +Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und +Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet +sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den +Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke +zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von +der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit +der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde +gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber +gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter +in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern +überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden +zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er +dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust +und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte +und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas +Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber +spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum +einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so +Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre +1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen +gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde +zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er +gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe, +sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied +freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein +Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen +Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr +<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast +wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein +Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den +Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der +Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich +will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich +selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn +der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig +ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist +die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden, +weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die +Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu +verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem +letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol +versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich +der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem +Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr +von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er +verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem +Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um +dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte +ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem +Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit +den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn +wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig +ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon +Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom +Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele +darbieten.</p> + +<p>Was der Kobold fürs Haus, das ist der <em class="gesperrt">Klabautermann</em> fürs Schiff. +Er ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff +reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im +Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur, +wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein +Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt +er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet, +ist vielleicht aus <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span><i>kabout</i>(d. i. <i>kabolt</i>,<i> kobolt</i>) +entstellt, etwa aus einer niederdeutschen Koseform <i>kobolterken</i>, +die auch zur Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben +konnte.⁠<a id="FNanchor_93_93" href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a></p> + +<p>Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister +so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann. +In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man +glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem +bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken +hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem +sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht +worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im +Hause Ermordeten.“⁠<a id="FNanchor_94_94" href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> Der Klabautermann aber ist die Seele eines +toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und +zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als +Klabautermann aufs Schiff.⁠<a id="FNanchor_95_95" href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a></p> + +<h4 id="Nixe_3"><b>3. Nixe.</b></h4> + +<p>Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und +See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in +menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden. +Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen +Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern +hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem +Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften +Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es +auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare +Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als +Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen <span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>und Bächen, herrschen +mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen.</p> + +<p>Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.⁠<a id="FNanchor_96_96" href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> Das Wort +findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf +riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen +wie <i>waȥȥerholde</i>, <i>merminne</i>, <i>mermeit</i>, <i>merwîp</i>, +<i>merwunder</i>, <i>wassermann</i>, <i>wasserjungfer</i>, +<i>seejungfer</i>, <i>seeweibel,</i> im Nordischen heissen +die Wasserwesen <i>haffrú</i>, <i>sækona</i>, <i>havmand</i>, +<i>strömkarl</i>, <i>vattenelfvor</i>, <i>quernknurrer</i>, <i>Grim</i> +und <i>fossegrim</i>. Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd. +<i>muome</i>, nds. <i>watermöme</i>) vertraulich angeredet oder mit +Eigennamen wie Wasserlisse⁠<a id="FNanchor_97_97" href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> belegt. Von den Wasserelben erfahren +wir mehr aus der jüngeren Volkssage denn aus der alten Überlieferung, +welche uns dagegen riesische Wesen vorführt. Doch ist anzunehmen, +dass die Wasserelbe früher in der Heidenzeit kaum anders vorgestellt +wurden als in der Volkssage der Gegenwart. Der Wassermann wird meist +ältlich und langbärtig gedacht. Er trägt einen grünen Hut, und +wenn er bleckt, sieht man seine grünen Zähne. Seine Zwerggestalt +wird selten hervorgehoben, die Sage schildert ihn gewöhnlich in +menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt er zwischen den +Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den Blättern und lässt +sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die Nixen sind von +blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre goldenen Haare +kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne Gründe und +Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage⁠<a id="FNanchor_98_98" href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> Genaueres. +Dass ihr Leib in einen fischartigen <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>Schwanz ausläuft, wie von der +isländischen <i>haffrú</i>, dem <i>meyfiskur</i> d. h. Mädchenfisch +erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss +die unverfälschte Sage nichts davon⁠<a id="FNanchor_99_99" href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>. Unten im Wasser haben +die Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit +Zimmern, Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist +der <i>nök</i>, der <i>strömkarl</i> oder <i>fossegrim</i>, der in +rauschenden, brausenden Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der +Fossegrim lockt an stillen, dunkeln Abenden die Menschen durch seine +Musik an und lehrt Geige oder Saitenspiel den, der ihm Donnerstag +abends mit abgewandtem Haupt ein weisses Böcklein opfert und in einen +nordwärts strömenden Wasserfall wirft. Ist das Opfer mager, so bringt +es der Lehrling nicht weiter als zum Stimmen der Geige, ist es aber +fett, so greift der Fossegrim über des Spielmanns rechte Hand und +führt sie so lange hin und her, bis das Blut aus allen Fingerspitzen +springt; dann ist der Lehrling in seiner Kunst vollendet und kann +spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Fall still +stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist die Sage vom Neck, +die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am Strom, der Neck sass +und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu: Was sitzest du, +Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da fing der Neck +bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in die Tiefe. Als +die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater, der ein Priester +war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr habt euch an dem +Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt ihm die Erlösung +zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am Ufer, trauerte +und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck, unser Vater +hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck froh seine +Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“ Auch die +Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder klagende Töne +hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die Wassergeister +sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie fordern Opfer +an Menschenleben. <span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben gewaltsam +in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen erscheinen +darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst. Bezeugt +sind die gewöhnlichen Typen⁠<a id="FNanchor_100_100" href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a>. So bieten die Deutschen Sagen Nr. 68 +den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr. 31, 58, 65, 69, +305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche der Nixenfrau +in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich darin, dass der Nix +seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute ersichtlich wird, und +dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid anthun möchte. Der +Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher Gestalt und Kleidung, +um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach kam er einst zum Tanz +unter die Linde auf den Markt als schöner, wolgekleideter Jüngling. +Er grüsste die ganze Versammlung höflich und bot jedem Anwesenden die +Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war und bei der Berührung +jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog eine leichtfertige Magd +zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig bis zur Laibach, wo er +mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch öfters ans Land auf den +Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz und andern Lustbarkeiten. +Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und nur an ihren stets nassen +Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden von Liebe zu ihnen +ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber sie müssen immer zur +bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie länger da zu behalten, +wird irgend eine List angewandt. Erschrocken eilen die Verspäteten zu +ihrem heimischen Gewässer und verschwinden darin. Da steigt Blut auf +und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft wurde. Von vielen Gewässern +geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein jährliches Opfer, das sie +auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht der Nix oder die Nixe den +Schwimmer hinunter. Die Leichen der also Ertränkten, wenn sie gefunden +werden, weisen blutunterlaufene Mäler auf, wo der Wassergeist zugriff. +Der Bräutigam eines schönen Fräuleins war in die Elbe gefallen und drei +Tage nicht aufgefunden worden. Ein Schwarzkünstler erklärt, er sei in +der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe zwingen wolle. Da sich der Jüngling +weigerte, fand man bald darauf seinen Leichnam voll blauer Flecke. +Ein Bauer, der in die Behausung des Wassermanns kam, sah eine Stube +<span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung bodenwärts. Es waren die Seelen +der Ertrunkenen, die also aufgehoben wurden, um nicht entwischen zu +können. Das Opfer an die Wasserelbe bezeugt Prokop <i>bell. goth.</i> +2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539 die gefangenen gotischen +Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die Zukunft zu erforschen. +Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die Zukunft voraus. So +verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die Flusswirbel <i>(ῥεῖθρα +ποταμῶν)</i> und nach Plutarchs <i>Lebensbeschreibung Caesars</i> +Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen. Wasserelbinnen +(<i>wîsiu wîp</i>, <i>merwîp</i>) verkünden Hagen die künftige Not +der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang +unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen +Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser +diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche +unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von +einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner, +Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister +lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der +den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten +als Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister, +die teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische +Sage von den „<i>Draugen</i>“. Die Draugen sind die Erscheinungen +Ertrunkener und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer +Tod und Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung +wendet die heutige isländische Volkssage⁠<a id="FNanchor_101_101" href="#Footnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> den Seelenglauben +auf Wassergeister an. Die Seehunde gelten als <i>Faraos líđar</i>, +Dienstleute des Königs Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken; +sie leben als ein eignes Volk auf dem Grunde des Meeres und haben +eigentlich menschliche Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das +darüber liegende Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht +aber dürfen sie ihre Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt +steigen sie dann ans Land und spielen, singen und tanzen fröhlich wie +andre Menschen; wer ihnen die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die +Möglichkeit, ihre Gestalt zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So +gewann einst ein Bauer ein wunderschönes <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>Mädchen zum Weib. Die Haut +verwahrte er in einer Kiste. Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die +Kiste zu öffnen und das Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und +kehrte zu ihrem Volke zurück.</p> + +<p>Unter den nordischen Wasserelben ist das isländische <i>marmennill</i> +noch hervorzuheben. Das Marmennill, das Meermännlein, ist ein +weissagender Seezwerg, von dem auf Island eine altbezeugte Sage +umläuft. In der Landnáma II, 5 wird erzählt: „Grim ruderte im Herbste +mit seinen Hausleuten zum Fischen, der Knabe Thorir aber lag vorn im +Schiffe und war in einem Seehundssacke und am Halse zugezogen. Grim +fing ein Meermännlein, und als es heraufkam, fragte Grim: Was weissagst +du uns über unser Schicksal, oder wo sollen wir wohnen auf Island? +Das Männlein antwortete: Euch brauche ich nicht zu weissagen, sondern +dem Knaben, der in dem Seehundssacke liegt; er soll da wohnen und +Land nehmen, wo eure Stute unter dem Gepäck sich niederlegt. Weiter +bekamen sie kein Wort von ihm.“ In der Halfssaga Kap. 7 wird erzählt: +„Den Herbst ruderten Vater und Sohn zum Fischen und sie fingen ein +Meermännlein, welches sie dem König Hjorleif brachten. Der König +übergab es einer Magd am Hofe und hiess es wol pflegen. Niemand bekam +ein Wort von ihm. Die Lichtträger zankten sich einmal und löschten das +Licht aus. Währenddem schüttete Hilde ein Horn über das Kleid der Aesa, +der König schlug sie mit seiner Hand, Aesa aber sagte, der Hund sei +schuld, der auf dem Boden lag. Da schlug der König den Hund. Da lachte +das Meermännlein. Der König fragte, warum er lache. Es antwortete: Weil +du dich dumm angestellt hast, denn diese werden dir das Leben retten. +Der König fragte ihn um mehr, erhielt aber keine Antwort. Da sagte der +König, er wolle das Männlein ans Meer bringen, wenn es ihm sage, was +er zu wissen brauche. Das Männlein sprach, indem es zur See fuhr: Ich +sehe leuchten weit im Süden im Meer, es will der dänische König die +Tochter rächen, er hat draussen eine Unzahl Schiffe, er entbietet den +Hjorleif zum Zweikampf; hüte dich als ein Kluger, wenn du willst; ich +will zurück zur See. Und als sie mit ihm dahin ruderten, wo sie ihn +heraufgezogen hatten, da sprach er: Einen Spruch kann ich sprechen den +Söhnen der Halogaländer, keinen guten, wenn ihr ihn hören wollt. Hier +fährt von Süden her des Svord Tochter, mit Blut begossen, von Dänemark. +Auf dem Haupte hat sie den Helm aufgebunden, das harte Heerzeichen +<span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>Hedins. Wenig wird den Burschen hier auf der Fahrt der Hildr zu warten +sein. Brechen wird der Schild, der runde. Ich wandte mein Auge hieher +übers Land zu den Zäunen der Leute. Jeder Mann soll Rüstung und Speer +haben, der grosse Erzsturm hebt an. Übel, mein ich, ergeht es, alle +haben das Jahr teuer erkauft, wenn das Frühjahr kommt. Da liess ihn +König Hjorleif über Bord. Da ergriff ihn ein Mann bei der Hand und +fragte: Was ist dem Manne das Beste? Das Meermännlein antwortete: +Kalt Wasser den Augen, mürb Fleisch den Zähnen, Leinwand dem Körper. +Lasst mich zurück in die See. Kein Mensch zieht mich jemals wieder vom +Meeresboden herauf auf ein Schiff.“ Die neuisländische Sage⁠<a id="FNanchor_102_102" href="#Footnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> aber +lautet so: Ein Bauer zog beim Fischen einst einen Seezwerg herauf, der +sich als Meermännchen zu erkennen gab; er hatte einen grossen Kopf und +lange Arme, vom Leibe abwärts aber glich er einem Seehunde. Er wollte +auf die neugierigen Fragen des Bauern keine Auskunft geben, deshalb +nahm ihn dieser trotz allem Sträuben mit sich ans Land. Hier kam die +Frau des Bauern, ein junges lustiges Weib, an den Strand und empfing +ihren Mann mit Küssen und Liebkosungen. Darüber freute sich der Bauer +und sagte ihr viel Schönes, seinen Hund aber schlug er, als dieser ihn +gleichfalls bewillkommnete. Das Meermännchen lachte, als es dies sah. +Der Bauer fragte, warum es lache. Das Meermännchen erwiderte: Über die +Dummheit. Als der Bauer vom Strande nach Hause ging, strauchelte er und +fiel über einen kleinen Erdhügel. Da fluchte er fürchterlich über die +kleine Unebenheit, und dass sie jemals geschaffen sei und auf seinem +Lande sei. Da lachte das Meermännchen, welches vom Bauern gegen seinen +Willen mitgeschleppt worden war, und sagte: Unklug ist der Bauer. Drei +Nächte behielt der Bauer das Meermännchen bei sich. Da kamen einige +Kaufmannsgehilfen und hielten ihre Waren feil. Der Bauer hatte noch +nie so starkbesohlte und dicke schwarze Schuhe bekommen können, wie er +gern haben wollte. Diese Kaufleute aber behaupteten, die allerbesten +zu haben; der Bauer hatte unter hundert Paaren die Auswahl, allein er +meinte, sie seien alle zu dünn und würden gleich reissen. Da lachte das +Meermännchen und sagte: Mancher irrt <span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>sich, der sich für weise hält. +Weder mit Güte noch mit Gewalt bekam der Bauer mehr Belehrungen aus dem +Meermännchen heraus, als hier erzählt ist; nur unter der Bedingung, +dass der Bauer es wieder an dieselbe Stelle in der See hinausfahren +wollte, wo er es heraufgezogen hatte, und es dort auf seinem Ruderblatt +hocken liess, wollte es alle seine Fragen beantworten, aber sonst auf +keinen Fall. Nach drei Nächten willfahrte ihm der Bauer. Als nun das +Meermännchen auf dem Ruderblatt sass, fragte es der Bauer, welche +Ausrüstung die Fischer haben müssten, um beim Fange Glück zu haben. Das +Meermännchen antwortete: Von gekautem und geknetetem Eisen soll man +Angeln schmieden. Die Angelschmiede soll stehen, wo man das Brausen +von Wasser und See hören kann, und die Angelschnur soll aus grauem +Ochsenleder und einem Zaum aus roher Pferdehaut gemacht sein. Als +Köder soll man Vogelgekröse und Flunderfleisch nehmen, mitten am Haken +Menschenfleisch, und wenn du dann nicht viel fischst, kann dein Leben +nicht mehr lange währen. Verkehrt gebogen muss die Angel des Fischers +sein. Da fragte der Bauer, über welche Dummheiten das Meermännchen +gelacht habe, als er seiner Frau geschmeichelt und den Hund geschlagen +habe. Das Meermännchen antwortete: Über deine Dummheit, Bauer; denn +der Hund liebt dich, wie sein Leben, die Frau aber wünscht deinen +Tod und ist dir untreu. Der Erdhügel, den du verfluchtest, ist dein +Schatzhügel, denn grosser Reichtum liegt darunter; deshalb warst du +unklug, Bauer, und deshalb lachte ich über dich. Die schwarzen Schuhe +aber werden dein Leben lang halten, denn dir sind nur noch wenige Tage +vergönnt; drei Tage werden sie wol halten. Damit stürzte sich das +Meermännchen vom Ruderblatt ins Wasser und sie trennten sich. Aber +alles, was das Meermännchen gesagt hatte, bewährte sich später.</p> + +<h4 id="Wald_und_Feldgeister_4" title="4. Wald- und Feldgeister."> +<b>4. Wald- und Feldgeister.</b>⁠<a id="FNanchor_103_103" href="#Footnote_103_103" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[103]</span></a> +</h4> + +<p>Über das Fortleben der Seelen in Pflanzen wurde bereits berichtet. +Aus solcher Beseelung folgt, dass der Wald besonders als +Aufenthalt zahlreicher Geister galt. Die Etymologie des Wortes +<span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>Hexe (Waldunholdin) wies auf den Wald. Aber auch sonst finden +wir überall in Deutschland und Skandinavien, wo Wälder aufragen, +Sagen von <i>Waldleuten</i>, <i>Wildleuten</i>, <i>Holzleuten</i>, +<i>Moosleuten</i>. Nur in der norddeutschen Tiefebene gehen auch +diese Gestalten im allgemeinen Begriff der Unterirdischen auf. +In Oberdeutschland wird von den <i>saligen Fräulein</i>, den +<i>wilden Leuten</i>, <i>Waldfänken</i> und <i>Schrätlein</i> +erzählt, in Mitteldeutschland von den <i>Holz</i>-, <i>Moos</i>-, +<i>Buschfräulein</i>, im Norden vom <i>skougmann</i>, <i>skogsrå</i>, +von der <i>skogsfru</i> und <i>skogssnufa</i>. In Schleswig ist +von der <i>Hollunderfrau (Frau Elhorn),</i> in Schoonen ebenso von +der <i>Hillefroa</i> die Rede, in Schweden von der <i>Askafroa</i> +(Eschenfrau) und <i>Löfviska</i> (Laubfrau); da sind also Bäume +persönlich gedacht. Die Vorstellung von der Baumseele hat sich nach +verschiedenen Seiten hin entfaltet. So lebt die Seele im Baume als +ihrem Leibe, den sie nicht verlassen kann. Der Baum ist wie ein +menschlicher Körper gedacht, er blutet, wenn er verwundet wird. Wie +der Leib so ist der Baum die Hülle der Seele, die einerseits fest +daran gebunden, andererseits aber auch als ungebunden frei erscheint. +Der Baumgeist tritt aus der Pflanze heraus, entschwebt dem Baume, der +dann weniger als Körper, vielmehr als Wohnsitz eines geisterhaften +Wesens gilt. Im Rauschen des Windes, in den wundersamen Lauten, +welche die Stille des Waldes durchhallen, in spukhaften tierischen +und menschlichen Gestalten macht sich der Baumgeist bemerklich. Der +Wald ist erfüllt von einer ungezählten Schar gespenstischer Wesen, +die bald elbisch, bald riesisch, je nach den örtlichen Verhältnissen, +nach den elementaren Zuständen erscheinen. Im hochstämmigen, +sturmbewegten, schaurigen Bergwald werden mehr Riesen hausen, im +lichten, freundlichen, sonn- und mondbeglänzten Hain treiben Elbe +ihr Wesen. Wie die Natur sich dem Menschen gibt, so bildet er seine +Sagen. Die wilden Leute, die Moos- und Holzleute, die Waldmänner und +Waldfrauen erinnern oft in ihrer Gestalt an ihren Ursprung. Sie haben +behaarten Körper, altes, runzliges Gesicht und sind ganz in Moos +gehüllt. Langes flatterndes Haar, grosse herabhängende Brüste eignen +den Elbinnen, welche seltener die anmutige Seite hervorkehren. Die +Waldelbe sind aufs engste mit den Windelben verknüpft. Der Sturmwind, +der wilde Jäger, hat es besonders auf die Moosweiblein abgesehen. +Braust er durch den Wald, so jagt er die Holzfräulein. Manchem Jäger +oder Holzhauer sind die schutzflehenden Weiblein schon begegnet; +und es war alter Brauch, die Baumstümpfe mit Kreuzen zu bezeichnen, +<span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span>damit die verfolgten Elbinnen darauf Rast und Schutz vor dem wilden +Jäger fänden. Den Waldgeistern wird grosser Einfluss auf Sendung von +Seuchen und auf deren Heilung beigemessen. In Gestalt von Würmern, +Schmetterlingen oder Ungeziefer kriechen die schädigenden Elbe aus den +Bäumen heraus und in den Körper der Menschen hinein. Um sie wieder +los zu werden, verwünscht man sie in den tiefen Wald, ins Gehölz, in +den Baum oder Busch zurück. Sympathetische Kuren suchen die Seuchen +in den Baum zurückzubannen, darein zu verpflöcken. Die Waldgeister +wissen aber auch Heilgeheimnisse, welche sie zuweilen den Menschen +mitteilen. Zur Pestzeit laufen Holzfräulein aus dem Wald und empfehlen +bestimmte Kräuter, deren Genuss vor der Pest schützt. Wildmännlein +können mit List gefangen werden, indem man sie berauscht, dann geben +sie verborgene Kunde, ähnlich wie das Meermännlein. Auf diese Art +erfuhr ein Tiroler, was gegen die Pest nütze. Wate hat nach der Gudrun +529 von einem <i>wilden wîbe</i> die Heilkunst erlernt. Im Eckenlied +174 ff. gräbt das von Fasolt gejagte wilde Fräulein eine Wurzel und +bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Ross, wovon Weh und +Müdigkeit schwinden. Ein Wichtlein rühmt sich einem Bauern gegenüber, +es hätte ihm für Menschen und Vieh heilsame Kräuter zeigen können. Die +Waldgeister sind ihrer elbischen Art gemäss auf kleine Kinder aus, +welche sie stehlen. Sie streben ferner Verbindung mit den Menschen an. +Der Waldmann ist auf Weiber lüstern und stellt ihnen nach. Burkhard +von Worms weiss von Waldfrauen (<i>agrestes feminae, quas silvaticas +vocant</i>), die nach Belieben sichtbar und unsichtbar sind und sich +mit ihren Liebhabern ergötzen. Die rauhe Else wie die <i>skogssnufa</i> +naht sich dem am nächtigen Feuer liegenden Wolfdietrich und begehrt +nach seiner Minne. Nach einer badischen Sage verliebt sich ein Jäger +in ein schönes wildes Weib, das in einer Höhle wohnt, und erlangt ein +Kind von ihr. Eine wilde Frau aus dem Unterberg, die ungemein schönes +und langes Haar hatte, nahm einen Bauern, der sich in sie verliebte, +zu sich in die Lagerstätte (Deutsche Sagen No. 50). Die Waldgeister +zeigen sich den Menschen gern dienstbar und gehen sogar allmälig in +Hausgeister über. Sie helfen zur Erntezeit den Arbeitsleuten, sie +verdingen sich dem Bauern für ständig, besorgen das Vieh im Stall und +bringen dem ganzen Hauswesen Glück und Gedeihen. Mit der Dienstleistung +der wilden Leute ist meist die Geschichte vom Todansagen verknüpft. In +vielen Wendungen ist sie bezeugt. Ein <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>Hausgenosse hört auf dem Heimweg +oder sonst irgendwo eine Stimme, welche ihn auffordert, einem ihm +bisher unbekannten Wesen den Tod eines andern anzusagen. Wie er daheim +verwundert das Erlebniss berichtet und die ihm aufgetragenen Namen +ausspricht, da verschwindet mit lautem Wehruf der Knecht oder die Magd, +welche bis dahin unbekannter Herkunft beim Hausherrn in Dienst standen. +Die Wildleute riefen dadurch ihren Genossen, welcher sich zu den +Menschen verdingt hatte, in ihre Gemeinschaft zurück. Denn der Alb muss +weichen, sobald sein Name genannt worden ist. Die Waldgeister haben +die Waldtiere in Hut und Pflege, so gehören die Gemsen in Tirol den +wilden Leuten, die schwedische skogsfru ist Herrin der Jagdtiere und +der Jagd. Sie fordert eine Spende vom Jäger. Tiergestalt wird bei den +Waldgeistern verhältnissmässig selten erwähnt. Die Holzfrauen sitzen +zuweilen als Eulen auf den Bäumen; die seligen Fräulein auf hoher +Alpspitze beschützen in Geiergestalt die Gemsen. Die Tiroler Fanggen +erscheinen als Wildkatzen. Die dänische und schwedische Waldfrau trägt +Tierfelle und Kuhschwanz, also halbtierische Gestalt.</p> + +<p>Der Zusammenhang der Waldleute mit Seelen und Maren ist deutlich +ausgesprochen. Der Baumgeist wird in manchen Sagen aus der Seele eines +Menschen, welcher darunter begraben liegt, abgeleitet. Die Seele des +Verstorbenen geht in den Baum über und erfüllt ihn gleichsam mit +menschlichem Leben, so dass Blut in seinem Geäder umläuft und beim +Anhieb herausfliesst. Aus dem Munde eines im Kampfe gefallenen Königs +erwächst eine hohe Eiche. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt, +haust die Seele des Erschlagenen bei Tage im nahen Baum, bei Nacht +schweift sie in einem gewissen Bannkreis um den Blutbaum umher. In +einem Waldschlosse bei Nürnberg wurden drei Jungfern verflucht und vom +Blitze getötet; ihre Seelen fuhren in drei grosse Bäume. Ein Jäger +hatte sich an einer Eiche erhängt. Der Herr, der seine Leiche fand, +befahl, den Baum zu fällen. Aber Blut quoll unter den Axthieben hervor +und rote Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm +und Leichnam. Seitdem pirscht der Tote mit seinen Hunden gespenstisch +im Walde umher. So lässt sich die Seele überhaupt in Tier- oder +Menschengestalt ausserhalb des Baumes in dessen Nähe sehen. Der Baum +gilt ferner als Lebensbaum, als Sitz des Schutzgeistes eines Menschen, +gleichsam als sein Doppelgänger in der Pflanzenwelt. So lange der Baum +grünt und blüht, gedeiht der Mensch, wenn der <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>Baum verdorrt oder +stürzt, geht der Mensch zu Grunde. Fortreisende verknüpfen oft ihr +Leben mit einem in der Heimat eingepflanzten Baume. Wie der einzelne +einen Schicksals- und Geburtsbaum hat, so auch die ganze Sippe. Die +Dorflinde, der schwedische <i>vårdträd</i> mag damit zusammenhängen. +Der Hausbaum ist auch Sitz des Hausgeistes, des Ahnherrn, der seine +Nachkommen beschützt. In allen diesen Vorstellungen spielen Baumseelen +und Menschenseelen in einander, aus dem einen Aberglauben fliesst der +andre, der Baumgeist und Waldgeist tritt von dem Augenblicke ins Leben, +wo das Bewusstsein vom seelischen Ursprunge entschwindet.</p> + +<p>Aus dem Kreise des Marenglaubens stammen die Züge, dass die wilden +Leute in Südtirol gelegentlich dem Wandrer auch aufhocken und sich +dabei so furchtbar schwer machen, dass mancher der Last erlag oder +doch krank wurde, ferner dass ein Moosweibchen einen Bauer anfällt und +dergestalt drückt, dass er, obgleich stark von Natur, krank und elend +wurde.</p> + +<p>Wie Bäume und Wälder von Geistern beseelt waren, so auch Getreide und +Felder. Korngeister⁠<a id="FNanchor_104_104" href="#Footnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> spielen in Bräuchen und Sagen der Bauern +eine grosse Rolle. Meistens erscheinen sie in Tiergestalt; als Hasen, +Hirsche, Rehe, Schweine, Ziegen und Böcke, Katzen, Hunde, Wölfe +hausen sie im Kornfeld, als Mann, Frau oder Kind schreiten sie durchs +Gefild. Das nämliche Wesen, das im Wachstum des Waldes wirksam ist, +zeigt sich auch im Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese +regsam. Mit den Bäumen wächst die Gestalt des Waldgeistes gerne +ins Riesenhafte, im Felde überragt der Alb selten das gewöhnliche +menschliche oder tierische Maass. Die Namen sind ohne Weiteres klar: +Roggenwolf, Getreidewolf, Kornhund, Roggenhund, Heupudel, Kornkatze, +Haferbock, Roggensau und Kornmutter, Kornfrau, Kornmume, Roggenmume, +Hafermann, Getreidemann, der Alte, das Kornkind, das Ährenkind. Die +Kornweiber gelten auch als Kinderscheuchen. Die Feldgeister verleugnen +ihren Ursprung aus den Windelben (und im Winde leben die Seelen fort) +nicht. Wenn der Wind das Getreide wogen macht, dann wird gesagt: die +Kornmutter geht über das Getreide, die Wölfe laufen im Getreide, +die wilden Schweine laufen drauf, die Wetterkatzen sind drinn. <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>Die +gespenstischen Wesen erblickte der Mensch in Gestalt von Tieren, die +ihm oft genug im Ackerfeld begegneten. Die Pflanze galt gleich wie der +Baum als der Leib des Geistes, dann aber auch nur als sein Wohnsitz, +den er beliebig verlassen konnte. So entsteigen nach dem Alexanderlied, +das freilich hier nicht germanischen Glauben abspiegelt, den Blumen +wunderliebliche Elbinnen, die nur so lange am Leben bleiben, als +ihre Blume blüht, mit deren Abwelken aber dahinsterben. In einem +überall nachweislichen Erntebrauch tritt der Glaube an Feldgeister +am deutlichsten zu Tage. Beim Schneiden oder Mähen des Ackerstückes +flüchtete der Geist immer tiefer ins Getreide, er suchte den Schnittern +zu entrinnen. Mit den letzten Halmen in der letzten Garbe wurde er +gefangen. Damit verband sich nun allerhand Aberglaube. Entweder wurde +er mit dem Abschneiden der letzten Ähren getötet oder beim Ausdreschen +erschlagen, oder er wurde feierlich und ehrenvoll heimgeführt und +zwar in Gestalt einer Getreidepuppe. Aus Wald- und Feldgeistern +erhuben sich dann überhaupt Vegetationsgeister, die in Frühlings-, +Sommer- und Herbstfesten eine bedeutsame Rolle spielen, worüber in +Mannhardts Studien ausführlich berichtet wird. Von den Feldgeistern +wird gelegentlich die Wechselbalgsage erzählt; so sucht die märkische +Roggenmutter einer arbeitenden Bäuerin ihr Kind auf dem offnen Felde zu +entwenden und dafür das eigne unterzuschieben (Deutsche Sagen Nr. 90). +Die Feldgeister hängen mit Seelen und Maren zusammen. Sie überfallen +in der Mittagszeit, wenn die Feldarbeiter ruhen, Männer und Frauen mit +Alpdruck und machen sie krank.⁠<a id="FNanchor_105_105" href="#Footnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> Manchmal hält man die Korngeister +für die Seelen Verstorbener, die auf der Gemeindemark umgehen müssen. +War es doch alter Glaube, dass die Seelen in Pflanzen weiterleben, +daran schloss sich unschwer die weitere Folgerung, dass sie darum +keineswegs unlöslich an die Pflanze gebunden seien, vielmehr frei +umherschweifen könnten.</p> + +<p>Die Feldgeister gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren +Tritten gedeiht die Frucht. Aber sie verkehren ihren Segen auch in +Schaden. Besonders in der Gestalt des <i>Bilwis</i>⁠<a id="FNanchor_106_106" href="#Footnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> verkörpert +<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>die Volkssage solche böse Geister. Ursprung und Sinn des Namens, der +in mhd. Zeit auftritt und viel verderbt in nhd. Zeit noch fortlebt, +der im Nds. <i>belwit</i> lautet, sind nicht erklärt. Seiner Art nach +ist der Bilwis ein plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes, +Getreide zerschneidendes Gespenst, das in weiblicher und männlicher +Gestalt auftritt. Er vereinigt in sich Elben- und Hexenart; Hexe und +Bilwis werden in späterer Zeit geradewegs gleichbedeutend gebraucht. +Der Bilwis wohnt im „<i>pilbispavm</i>“, wo er Opfer empfängt; er +steht mithin zu den Waldgeistern. Er verfilzt die Haare, Hans Sachs +gebraucht <i>verbilbitzen</i> im Sinn von Haar verwirren. Dem Bilwis +ist auch das verderbliche lähmende Elbengeschoss eigentümlich, mit dem +er die Menschen siech macht. Als Mar erscheint er, wenn „<i>für dy +pilbis</i>“ empfohlen wird, den Kindern beschriebene Zettel mit den +Worten „<i>procul recedant somnia et noxia phantasmata</i>“ an den +Hals zu hängen. Der Bilwis ist endlich der Geist eines bösen Menschen, +der dem Nachbar schaden will, also seelisch. Die Bilwissagen haften +vornehmlich im östlichen Deutschland, in Baiern, Franken, Vogtland +und Schlesien, weshalb auch slavischer Ursprung des Wortes vermutet +wurde. Am schlimmsten bethätigt sich das Gespenst im Bilwisschnitt +oder Bockschnitt, im Durchschnitt des Getreidefeldes. Man findet oft +fussbreite, niedergelegte Streifen im Korn, ein Schaden, der als das +Werk des bösen Geistes bezeichnet wird. Auf einem Bocke reitet der +Bilwis durchs Feld, oder der Bilwisschnitter geht Mitternachts, an +den Fuss eine Sichel gebunden und Zauberformeln murmelnd, durch den +reifenden Acker. Aus dem Teil des Feldes, den er durchritten oder +durchschritten hatte, fliegen alle Körner dem Bilwis zu, und dem +rechten Eigentümer bleiben die leeren Hülsen. Dem Zauber zu begegnen, +gibt es Mittel. So wie die Bilwissagen uns vorliegen, sind sie +schwerlich alt. Aber sie lehren, dass man an saatverderbende wie an +saatfördernde Elbe glaubte. Dem Bauer musste vor allem daran gelegen +sein, mit den Feldgeistern sich gut zu stellen.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span></p> + +<h3 id="Die_Riesen" title="Die Riesen.">Die +Riesen.⁠<a id="FNanchor_107_107" href="#Footnote_107_107" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[107]</span></a> + +</h3> + +</div> + +<p>Riesen und Elbe sind weniger der Art als dem Maasse nach verschieden. +Während diese vorwiegend die still und unsichtbar wirkenden +Naturgeister sind, verkörpern die Riesen die rohen, ungezähmten +Elementargewalten, das Ungeheure und Ungestüme, Finstre und Feindselige +in der Natur. Bei den Riesen tritt der Zusammenhang mit Maren und +Seelen mehr zurück, indem sie Gestalt und Wesen fast völlig aus dem +Element, dem sie entspringen, zugeteilt erhalten. Wie die entfesselten +Naturgewalten Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten, so +sind die Riesen auch meistens feindselig und bösartig. Sie trachten +nach Umsturz und Zerstörung, sie bedrohen die Weltordnung und sind die +geschworenen Feinde der Götter und Menschen, welche die Erde wohnlich +und wirtlich zu machen und zu erhalten bedacht sind. Gegen solche +Kulturbestrebungen kehren sich hauptsächlich die Angriffe der Riesen. +Sie sind die Dämone des kalten und nächtigen Winters, des ewigen +Eises, des unwirtbaren Felsgebirges, des Sturmwinds, des verheerenden +Gewitters, des wilden Meeres. Das älteste Geschlecht sind die Riesen. +Indem sie nach nordischer Auffassung aus dem Chaos unmittelbar +erwachsen, stellen sie die Naturmächte dar, welche vom Geiste noch +nicht bewältigt sind. Sie sind daher voll unbändiger Kraft, wild und +roh wie die Brandung des Meeres, das Geheul des Sturmes und die Wüste +des Felsgebirges. Die Üppigkeit der Natur hat noch keine Beschränkung +gefunden; darum sind ihre Leiber über alles Maass an Kraft, Grösse +und Zahl der Glieder ausgestattet. Zuweilen ist aber ein Unterschied +zwischen Riesen und Elben nur schwer anzugeben, indem dieselbe +Naturkraft bald harmlos, bald gewaltsam sich äussert. Die Sage deutet +dies dadurch an, dass der Zwerg zum Riesen aufwächst oder der Riese +zum Zwerg einschrumpft. In einem Schweizer Dorf, dass durch Bergsturz +verschüttet wurde, kehrte am Vorabend des Unglücks ein wandernder +Zwerg bei Sturm und Regen ein und bat um Herberge. Er wurde von den +Meisten mit Hohn abgewiesen, nur ein altes, armes, frommes Ehepaar +am Ende des Dorfes gewährte dem wegmüden, regentriefenden <span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>Wanderer +gastliche Aufnahme. Noch in der Nacht nahm er Abschied, um zur Fluh +hinauf zu steigen. Bei Tagesanbruch wütete Unwetter, ein gewaltiger +Fels löste sich vom Bergjoch los und rollte mit Bäumen, Steinen und +Erde zum Dorfe hinab, Menschen und Vieh unter den Trümmern der Hütten +und Ställe begrabend. Nur das Hüttchen der beiden Alten ward verschont. +Mitten im Sturme sahen sie ein grosses Erdstück nahen, oben darauf +hüpfte lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem +mächtigen Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte +es von der Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein +schwoll immer grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und +zerfloss in Luft.⁠<a id="FNanchor_108_108" href="#Footnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> In der Nähe von Schleswig sah ein Schäfer +plötzlich einen Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer grösser +und grösser ward, bis er endlich als ein Riese auf der Erde stand; bald +aber ward er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde +hinein. Im wilden Mieminger-Alpsee in Tirol wohnt eine Wassernixe. +Bisweilen lässt sie sich blicken und schwebt wie ein Nebel über dem +kleinen See, wächst hoch auf und macht sich wieder klein. Solche Sagen +bilden sich wol aus der wechselnden Nebelsäule, die als gespenstische +Gestalt gefasst wird. Saxo im Buch 1, S. 36 berichtet von der Riesin +Harthgrepa (an. Hardgreip), der hart Zugreifenden. Sie konnte sich +in jede Gestalt und Grösse verwandeln, bald war sie himmelhoch, bald +klein und niedrig. Die Waldfrauen der Tiroler Sage, welche vom wilden +Jäger gehetzt werden, erscheinen in doppelter Gestalt, bald elbisch, +bald riesisch, so besonders die sog. Fanggen in Südtirol. Aus Hreidmars +Geschlecht stammen Fafnir, der Riesenwurm, und Regin, der ein Zwerg von +Wuchs war. Trotzdem heisst Regin im Fafnirliede 38 <i>enn hrímkaldr +jǫtonn</i>, der eiskalte Riese, was im Hinblick auf die eben erörterten +Vermischungen riesischen und elbischen Wesens nicht so unmöglich klingt +und keineswegs notwendig nach <i>Fǫ́fnismǫ́l</i> 34 geändert zu werden +braucht. Jedoch sind solche Mischungen verhältnissmässig selten, Elbe +und Riesen sind in den alten Quellen meistens nach Gebühr verschieden +gestaltet und verschieden geartet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span></p> + +<h4 id="Die_Benennungen_der_Riesen_1"><b>1. Die Benennungen der Riesen.</b></h4> + +<p>Die gewöhnlichen Bezeichnungen der Riesen sind folgende. An. +<i>jǫtonn</i> (lappisch <i>jetanas</i>), ags. <i>eoten</i>, as. +<i>etan</i> (aus Ortsnamen wie <i>Etanasfeld</i>, <i>Etenesleba</i> +erschlossen) weisen auf urgerm. <i>etanaȥ,</i> vermutlich zu +<i>etan</i>, essen, gehörig, also <i>edax</i>, gefrässig.⁠<a id="FNanchor_109_109" href="#Footnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> +Im Neunds. weist J. Grimm das Femininum <i>eteninne</i>, Riesin +nach. An. <i>þurs</i> (finn. <i>tursas</i>) ist vielleicht aus +älterem <i>þuris</i> hervorgegangen. Im Abecedarium Nordmannicum +(Müllenhoff-Scherer, Denkmäler No. V) wird die Rune þ mit <i>thuris</i> +bezeichnet, und auf dieselbe Urform weisen ahd. <i>duris</i>, +<i>thuris</i>, mhd. <i>dürs</i>, <i>türs</i>, alem. <i>dürsch</i>. In +Eigennamen wie <i>Thurismuth</i>, <i>Turisind</i> begegnet das Wort +auch bei Goten und Langobarden. Aus älterem <i>þuris</i> ist auch +ags. <i>þyrs</i> entwickelt. Mhd. ist ausserdem die schwache Form +<i>türse</i>, vielleicht auch schon ahd. <i>turso</i> vorhanden; dazu +steht der Ortsname <i>Tursinriut</i>, Tirschenreut. Über die Formen +des Wortes im Neunordischen und Neudeutschen (z. B. nds. <i>dros</i> +mit Metathesis aus <i>durs</i>) sind die Mundartwörterbücher +nachzulesen. Die germanische Grundform darf mithin als <i>þurisaȥ</i> +angesetzt werden, und diese scheint aus dem adj. <i>þuraȥ</i>⁠<a id="FNanchor_110_110" href="#Footnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a>, +skrt. <i>turas</i>, stark, kraftvoll abzustammen. Der <i>þurs</i> +ist also der Starke. Auf skrt. <i>vṛšan</i>, stark, kräftig, weist +der nur im Deutschen belegte Ausdruck „Riese“ (ahd. <i>risi</i> und +<i>riso</i> aus <i>wrisi</i>, wie as. <i>wrisil</i> und <i>wrisilîc</i> +lehren) hin. Im An., wo das Wort namentlich in der Zusammensetzung +<i>bergrisi</i> vorkommt, ist es vermutlich aus dem Nds. entlehnt. +Im Mhd. findet sich <i>hiune</i>, mds. <i>hûne</i> für Riese, im +Neuniederdeutschen <i>hüne</i>⁠<a id="FNanchor_111_111" href="#Footnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> ist das Wort bewahrt. Ein +entsprechendes älteres *<i>hunio</i> ist nicht nachweislich, wol aber +wahrscheinlich. Viele altgermanische Eigennamen enthalten den Stamm +wie z. B. <i>Hûn</i>, <i>Hûnila</i>, <i>Hûnarîx</i>, <i>Hûnirîx</i>, +<i>Hûnimund, <span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>Hûnolt</i> u. s. w. Mit dem Volksnamen der Hunnen (ahd. +<i>Hûni</i>, mhd. <i>Hiune</i>) fand frühzeitige Vermischung statt, +schwerlich aber ist das germanische Wort dorther zu leiten. Schon +längst ist auf an. <i>húnn</i>, Bär hingewiesen, ein Wort, das in der +Form <i>hûnoȥ</i> als gemeingermanisch anzusetzen ist. <i>Hû-na</i> +entstammt einer Wurzel, welche mit anderer Ableitungssilbe im Aind. +und Apers. als <i>çû-ra</i>, im Griech. als κῦρος κύριος wiederkehrt. +Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit. <i>Hûnaȥ</i> ist also +wie <i>þurisaȥ</i> und <i>wriso</i> der Starke, Kräftige. Das Ags. +gewährt noch <i>ent</i>, plur. <i>entas</i> für Riesen, einmal als +Übersetzung von <i>gigas</i>. In den baierischen Mundarten erscheint +ein verstärkendes Präfix <i>enz</i>- mit dem Begriff von ungeheuer, +gewaltig, und dazu das adj. <i>enzerisch</i> (Schmeller, Bayer. Wb. 1<sup>2</sup>, +117). Vielleicht gehört auch der <i>Enzensberg</i>, <i>Enzinsperig</i> +als Riesenberg hierher. Aber sicher ist hds. <i>enz</i> neben ags. +<i>ent</i> keineswegs. Die neunordischen Sprachen gebrauchten die +allgemeine Bezeichnung der Unholde, <i>troll</i>, mhd. <i>trol</i>, +<i>trolle</i>, die ursprünglich dem Kreise der Marenvorstellungen +zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig wurde im Ags. und Ahd. +<i>gigant</i> entlehnt und sogar in ungelehrten Werken z. B. im Beowulf +neben den heimischen Benennungen angewandt.</p> + +<h4 id="Gestalt_Aussehen_und_Art_der_Riesen_2"><b>2. Gestalt, Aussehen und Art +der Riesen.</b></h4> + +<p>Eine grosse, menschliches Maass weit überragende Gestalt wird allen +Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und +unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die +zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den +älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs, +so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann, +der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden +goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt +gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesinnen sind sogar ausnehmend schön, +so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten. +Skadi des Thjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in +Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere. +Erfahrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken +das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher +Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue. +<i>Barnteitr</i>, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>in die +Urzeit hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit. +<i>Hundvíss</i>, vielwissend, <i>fjǫlkunnigr</i>, vielkundig werden +sie genannt. Wafthrudnir, von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt, +ist <i>enn alsvinne jǫtonn</i>, der allweise Riese, dem Örgelmir und +Bergelmir wird das Beiwort <i>enn fróþe</i>, der Kluge gegeben. Fenja +und Menja sind <i>framvísar</i>, Zukunft wissend. <i>Trolltryggr</i>, +treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche Redensart, welche auf +die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist. Übermütig, hochgemut +(<i>stórúþegr</i>) ist Hrungnir, ebenso heisst ein deutscher Riese in +der Virginal 890 <i>Hôhermuot</i>. <i>Þrúþmóþegr</i>, thatkräftig, +<i>harþmóþegr</i>, rauh, <i>ámáttegr</i>, übermächtig werden Riesen +genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen aber +in grossen Zorn, <i>jǫtonmóþr</i>. Deutsche Gedichte und Volkssagen +schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so +schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus +Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen +mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother +wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im +Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme +sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde, +Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem +wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein +uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen +zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen +stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen +Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain +(dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden hässliche, +abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die +Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige. +Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus +(Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der +ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen +so gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kahlkopf. Die Nase war +von ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren +Namen trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige, +Jarnnef der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt +und Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um +Wange und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus, +wie die <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>Namen Þistilbarð (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel) +lehren. Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien +aus Stein gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie +Stígandi, Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden +Griff der breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf +Riesenstärke, die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad, +Hardwerk, Fjolwerk, Storwerk. Neben dem Gattungsnamen <i>etanaȥ</i> +weist auch der besondere Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die +wölfische Gefrässigkeit. So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem +Gebahren unerfreulich, schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie +deutsche Überlieferung hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die +Ungestalt einzelner Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt +das Skirnirlied 31, eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im +Hymirlied 35 bricht die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen +hervor, Hymirs Mutter hat gar neunhundert Köpfe. <i>Drîhouptige +tursen</i>, siebenköpfige Riesen erwähnen auch deutsche Märchen. Die +Zahl der Arme, Hände, Elbogen werden verdoppelt und verdreifacht (J. +Grimm, Myth. 360). Kaum aus unverfälschter germanischer Sage, vielmehr +aus fremden orientalischen Einwirkungen mögen solche Vorstellungen +entstanden sein. In den hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch +böse Gesinnung. An Stelle der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen +ist <i>dumbr</i> und <i>stumi</i>, stumm und dumm, im Deutschen +<i>tumbo</i> eine Bezeichnung der Riesen. Der dumme Riese und sein +christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird nicht allein durch +Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit überwunden.</p> + +<p>Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie +verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes +Riesenland (Rother 767), im Norden <i>jǫtonheimr</i>. Die Norweger +verlegten Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche +unzugängliche Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótúnagard, Bezirk +der Steingehege. Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher +(<i>þursa dróttenn</i>) Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen +mit andern Unholden wol auch in <i>Utgard</i> unter dem Beherrscher +Utgardloki wohnhaft gedacht.</p> + +<p>In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben, +in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke, +wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der +Weltordnung feindlich gegenüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Denn die Elemente hassen</div> + <div class="verse indent0">das Gebild der Menschenhand.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz +bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in +wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung +beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene +Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung +wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den +Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen +sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke +der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung. +Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen, +mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden, +im Meer und auf dem Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten +Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger +im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen +den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren +von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen +Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige +Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen +bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen +die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten +zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie +daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren +ihrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt.</p> + +<p>Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen +und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel⁠<a id="FNanchor_112_112" href="#Footnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a> zuzuschreiben, +wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der +Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg +auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc) +genannt.⁠<a id="FNanchor_113_113" href="#Footnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder +Bauwerk von <span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span>Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle +als <i>enta geweorc</i> bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern +die Erdhalle stützen. Riesenwege (<i>jǫtna vegar</i>, <i>entiscen +wec</i>, <i>trollaskeiđ</i>) sind wol alte gepflasterte Heerstrassen, +welche die Germanen ebenso wie die römischen Steinbauten bewunderten +und deren Ursprung der Volksglaube allmälig auf übermenschliche +Wesen zurückführte. Aus dieser Vorstellung erwuchs die Sage vom +Riesenbaumeister, welche in der Edda und in zahlreichen nordischen +und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein Riese, ein Unhold, der +Teufel, erbietet sich, gegen Lohn einen Bau bis zu einer bestimmten +Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des Hausherrn oder +eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List gelingt es, +die Arbeit im letzten Augenblick so aufzuhalten, dass zur gesetzten +Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um seinen Lohn +betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll sogar eine +Kirche bauen.⁠<a id="FNanchor_114_114" href="#Footnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a></p> + +<p>An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel, +Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die +örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen +Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine +Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren +von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses +über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen. +Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und +Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse +Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen +kann, wie sie dahin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den +Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die +gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock +nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine +aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur +ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen, +meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>oft feindselig gegen +Menschenwerk, besonders gegen Kirchen gerichtet, verfehlt aber sein +Ziel. Sümpfe und Pfützen sind aus dem Blute entstanden, das aus der +Wunde eines Riesen hervorströmte, wie in der nordischen Schöpfungssage +Ymirs Blut die ganze Welt ertränkt und das Meer erfüllt.</p> + +<p>Das riesische Übermaass schildern ziemlich ähnlich die nordische Sage +und ein deutsches Kindermärchen. Skrymir, der sich auf der Fahrt +nach Utgard zu Thor gesellt, wird vom Hammer des Gottes mehrmals im +Schlafe getroffen. Das erste Mal fragt Skrymir, ob ein Blatt Laub auf +ihn herabgefallen sei, das andre Mal, ob ihm eine Eichel ins Gesicht +fiel, das dritte Mal meint er, Vogelmist falle von den Zweigen auf +sein Haupt herab. Thor aber hatte immer mit voller Kraft zugeschlagen. +Im Märchen (bei den Brüdern Grimm Nr. 90) werden Mühlsteine auf den +Riesen im Brunnen hinabgeworfen, und er ruft: „Jagt die Hühner weg, +die da oben im Sande kratzen und mir Körner in die Augen schmeissen!“ +Wie der Riese heraussteigt, sagt er: „Seht einmal, ich habe doch ein +schönes Halsband um“, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals +trug. Weit verbreitet ist auch die Sage vom Riesenspielzeug, wie eine +Riesentochter den pflügenden Ackermann aufnimmt und in ihrer Schürze +dem Vater heimträgt.</p> + +<p>Ganz besonders reich an Riesensagen ist Tirol, wo auch im Mittelalter +die Riesenkämpfe Dietrichs von Bern und seiner Gesellen sich abspielen. +Weinhold (Riesen S. 305) stellt die wesentlichen Züge zusammen: „Da +fährt der Bauer mit allem Zeug in einen gestrüppvollen Hohlweg, und +das ist zum Unglück das Nasenloch des Riesen, der ihn samt Ochsen und +Wagen in die weite Welt hinausniest; da wird von dem Brüllen eines +Riesen in seiner Höhle der ganze Glunkezer Berg morsch und stürzt jetzt +ein, weshalb die andern wilden Männer sich lieber ruhig verhalten; da +ist der Riese so hoch, dass der Bauer, der ihm dient, auf eine Tanne +steigen muss, wenn er ihm was zurufen will; da treffen wir auch noch +alte gute Eigenschaften der ungeheuren Gesellen. Weichherzig weinen +sie über verunglückte Tiere, schützen die Waldvögel und das Alpenvieh, +sagen das Wetter voraus und lehren die Bauern manches Nützliche; denn +sie sahen den Urwald schon neun Mal fällen und wachsen und erfuhren +deshalb so mancherlei. Der und jener Wilde sperrt sich auch ein seliges +Fräulein in den Singkäfig, statt es zu zerreissen, wie ihre Sitte +sonst ist. Auch suchen sich einige den Menschen zu nähern. Mancher +Riese kehrte <span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span>über den Winter in Bauernhöfen ein und erwies sich im +Sommer darauf für die Herberge dankbar, indem er den Hof vor wilden +Wassern und Bergfällen schirmte. Riesentöchter spannen Liebschaften mit +starken Bauern an und, wenn diese nicht beim ersten Kuss an gebrochenen +Rippen verschieden, heirateten sie sich und wurden die Stammeltern der +Unholde und der Starken, welche an vielen Orten bis in die jüngste +Zeit fortlebten. So bewegt sich die Vorstellung von den Riesen im +Volke noch heute auf denselben Wegen, die ihr im ältesten Heidentume +gebaut wurden.“ Die Riesenart, wie sie in der neuisländischen Sage sich +äussert, schildert Maurer (isl. Volkssagen S. 38 ff.) also: „An Wuchs +und leiblicher Stärke die Menschen weit überragend, sind die Tröll wild +und unbändig, dumm, gefrässig und blutdürstig; andererseits aber sind +sie daneben doch auch wieder geheimen Wissens und Könnens voll, dabei +gutmütig, ehrlich, und zumal treu wie Gold. Gegen Beleidigungen sind +sie sehr empfindlich und suchen solche schwer zu rächen; andererseits +aber erweisen sie sich auch dankbar für empfangene Wolthaten, und +erzeigen sich auch wol ohne solche Veranlassung den Menschen hilfreich. +Als Menschenfresser werden sie oft genug geschildert; andererseits aber +sind auch wieder Liebschaften zwischen Riesen und Menschenweibern, +oder umgekehrt zwischen Menschenmännern und Riesinnen nicht selten. +Wenn auch in mancher Hinsicht verunstaltet, werden die Tröll doch +immer wesentlich menschlich gestaltet gedacht; aber sie erscheinen +gewissermaassen als ein älteres Geschlecht von Menschen, sie sind zumal +dem Christentum feindlich und suchen dessen Fortgang auf jede Weise +zu hemmen. Sie wohnen auf felsigen Gebirgen und in Berghöhlen; leben +von der Jagd, dem Fischfange und allenfalls von der Viehzucht; als +wesentlich nächtliche Geschöpfe vermögen sie das Tageslicht nicht zu +ertragen, und springen in Stein, sowie sie von der Sonne beschienen +werden.“ In vielen Sagen, aber auch in manchen sprichwörtlichen +Redensarten begegnen die erwähnten Eigenschaften der Riesen. Die +Ausdrücke, welche Riesinnen bezeichnen, wie <i>skessa</i>, <i>flagđ</i> +u. dgl. werden in tadelndem Sinne von Weibern gebraucht, die durch +unordentliche Haltung, heftige Bewegungen, maasslose Heftigkeit Anstoss +geben. Will man bezeichnen, dass einer stier und dumm verwundert eine +Sache anstarre, so braucht man wol den Ausdruck: etwas anglotzen wie +der Riese das Himmelreich, das ihm, dem Christenfeinde, natürlich +völlig verschlossen und fremd ist. Wiederum <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>spricht man in lobendem +Sinne von <i>tröllatryggđ</i>, Riesentreue, oder sagt von einem Manne: +<i>hann er mestr tryggđatröll</i>, er ist der vollständigste Treuriese; +es gilt auch das Sprichwort: <i>tröll eru í tryggđum bezt</i>, die +Riesen sind am besten, soweit Friedensverträge in Frage stehen, +<i>tröll gánga trauđt á griđ sín</i>, die Riesen brechen nicht leicht +ihr Friedensgelöbniss.</p> + +<p>Riesische Wesen in Tiergestalt sind nicht selten. Dahin gehören der +Midgardswurm, der Adler Hräswelg, von dessen Schwingen die Winde +ausgehen, der Wolf Fenrir, die Sonnen- und Mondwölfe. Riesennamen +wie Kǫtt (Kater), Hyndla und Mella (Hündin), Trana (Kranich), Kráka +(Krähe) weisen aufs Tierreich. Die Sage meldet auch von Verwandlungen: +so erscheint Thjazi als Riesenadler, Fafnir nimmt Wurmsgestalt an +und liegt auf dem Hort, im hürnen Seyfrid 22 wird der Drache zu +einem Menschen, zunächst für einen Tag, nach fünf Jahren soll er für +immer menschliche Gestalt gewinnen. Die Verwandlungsfähigkeit der +Riesen ist aber im allgemeinen seltener als die der Elbe und wol von +dorther entlehnt. Dem ungeschlachten Riesen steht die geschmeidige +Beweglichkeit des Albs nicht wol an. Wie die Elemente zu Riesen wurden, +lehrt eine ziemlich junge norwegische Sage, worin die gewöhnlichen +Bezeichnungen, welche die Sprache für die Naturerscheinungen +besitzt, persönlich genommen und in Verwandtschaftsverhältniss zu +einander gesetzt sind. Auf ähnliche Weise dürften auch die älteren +Riesengestalten entstanden sein. Als die ältesten Bewohner Norwegens +gelten die Riesen, Forniots Geschlecht. Des Stammvaters Namen und Art +ist noch nicht sicher aufgeklärt⁠<a id="FNanchor_115_115" href="#Footnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a>, + über seine Nachkommenschaft⁠<a id="FNanchor_116_116" href="#Footnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> +aber kann kein Zweifel aufkommen, ihr Wesen ist durchsichtig. Von +Forniot stammen die Söhne Hler, Logi und Kari; der erste, auch Aegir +genannt, waltete über das Meer, der zweite über die feurige Lohe, +der dritte über die Winde. Logi bedeutet Lohe, Kari Wind. Von Kari +entspringen Jokul (Gletscher), von diesem Snær (Schnee), dessen Kinder +waren Thorri (Januarmonat), Fonn (Schneehaufe), Drifa (Schneetrift), +Mjoll (feiner <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>glänzender Schnee). Nach anderem Bericht ist Frosti +(der Frost) des Snær Vater. Kalt weht es aus diesem Zweige des +Riesengeschlechtes von dem norwegischen Hochgebirge herunter. Über +die untersten Ansätze der Mythenbildung, die Personificierung blosser +Begriffe, geht eine Sage vom König Snær oder Snio hinaus, welche +Uhland (Schriften 6, 23) so auslegt: „Wenn bei Saxo der Dänenkönig +Snio seinen vermummten Boten nach einer schönen Königin in Schweden +ausschickt, wenn der Bote ihr leise, leise zusingt: Snio liebt dich, +und sie ebenso, kaum hörbar, entgegenflüstert: Ich lieb ihn wieder, +und wenn sie dann die verstohlene Zusammenkunft auf den Anfang des +Winters bestimmt; wenn nach der Saga von Sturlaug dieser norwegische +Jarl und nachmalige König in Schweden seinen Pflegbruder Frosti nach +der schönen, lichtgelockten Mjoll, der Tochter des Finnenkönigs Snær, +aussendet und Frosti die mit ihm Entfliehende unter dem Gürtel fassen +muss, worauf sie rasch im Winde hinfahren; oder wenn nach dänischen +Chroniken Snio ein Hirte des Riesen Lä (Hler) auf Läsö ist, so erahnt +man wol noch bald das leise Gesäusel der niederfallenden Flocken, bald +den stürmischen Flug des glänzenden Schneegestöbers, bald den dichten +Trieb der Schneewolkenherde vom Meere her, dem Gebiete des Hlers, in +seltsame Märchenbilder verwandelt.“ Von Logi, der mit dem Namenshelden +der norwegischen Landschaft Halogaland als Halogi zusammengeworfen +wird, erfahren wir noch, dass seine Frau Glod, die Glut, hiess; seine +Töchter waren Eysa und Eimyrja, Glutasche. Von Hlers Sippe, seinen +Wellentöchtern wird unten Näheres zu berichten sein. So waltet also das +Riesengeschlecht in Luft, Feuer und Wasser. Besonders der Wind, der von +den Gletschern herunter weht und Schnee daher treibt und aufhäuft, ist +ihr Element.</p> + +<p>Die Volkssage schreibt den Riesen hohes Alter zu. Noch im späten +Mittelalter gelten Zwerge und Riesen für älter als die Menschen. Die +nordische Mythologie versetzt die Riesen in das uranfängliche Chaos, +aus dem sich der Urriese Ymir (auch Örgelmir oder Brimir genannt) +als erstes leibliches Gebilde erhebt. Somit sind die Riesen auch +älter als die Götter, und die nordische Sage führt diese Thatsache +folgerichtig dahin aus, dass von den Riesen vor allen tiefste Weisheit +über urweltliche Zustände und Ereignisse zu erholen ist. Ymir, der aus +der Mischung der Elemente unmittelbar erwuchs, ist der Ahnherr aller +Riesen. Selbst <span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>die Götter sind den Riesen verschwägert. Bur nahm eine +Riesin, Bestla des Bolthorn Tochter, zur Frau. Mimir scheint ihr Bruder +und Bolthorns Sohn gewesen zu sein. Von Bur und Bestla entstammten aber +Odin, Wili und We. Jedoch die ganze Schöpfungssage und das Verhältniss +der Götter und Riesen steht unter fremden Einflüssen, wie später +ausgeführt wird.</p> + +<p>Wie die Elbe so haben auch die Riesen zuweilen etwas Scheues, +Heidnisches an sich, sie gebärden sich wie ein bedrängter Volksstamm, +der im Begriff steht, die alte Heimat den neuen mächtigen Ankömmlingen +zu überlassen. In der Sage vom Riesenspielzeug betrachtet die +Riesentochter die Menschen als kleine Erdwürmer, der alte Riese +aber weiss, dass sein eignes starkes Geschlecht den unscheinbaren +Geschöpfen unterliegen muss. Dem Christentum sind die Riesen feind, +sie schleudern Felsen gegen Kirchen. Aber sie müssen weichen. Als der +heilige Gallus in stiller Nacht die Netze zum Fischen auswarf, vernahm +er die Zwiesprache zwischen einem Bergriesen und einem Wasserriesen, +die darüber Klage führten, dass der neue Glaube ihre Macht breche, +dass sie selber aber ihren Feinden, den Gottesmännern, welche sich mit +dem Gebet schützten, nicht an könnten. Da bekreuzigte sich Gallus und +bannte sie aus der Gegend⁠<a id="FNanchor_117_117" href="#Footnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a>. So feindselig die Riesen aber auch im +allgemeinen dem neuen Glauben entgegen stehen, so macht sich doch auch +wie bei den Elben zuweilen die Sehnsucht bemerkbar, seiner Segnungen +teilhaftig zu werden. In der Sage von Þorstein uxafót Kap. 6 richtet +ein Erdriese (jarðbúi), der ihn in einem Kampfe unterstützt hatte, die +Worte an Thorstein: „Du wirst auch einen Glaubenswechsel mitmachen, +und dieser Glaube ist viel besser für die, die ihn annehmen können. +Aber die müssen zurückbleiben, die nicht hiezu <span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span>geschaffen sind, und so +sind wie ich; denn ich und meine Brüder waren Erdriesen. Nun schiene +mir aber viel daran zu liegen, dass du meinen Namen unter die Taufe +brächtest, wenn es dir beschieden wäre, einen Sohn zu bekommen.“ Ebenso +verlangt der Riese Armann, der dem Hallward im Traume erschien, „wenn +es dir möglich wird, sollst du meinen Namen unter die Taufe und unter +das Christentum bringen“⁠<a id="FNanchor_118_118" href="#Footnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a>.</p> + +<h4 id="Wasserriesen_3"><b>3. Wasserriesen.</b></h4> + +<p>In die Welt der riesischen Meerungeheuer eröffnet das ags. Gedicht +Beowulf einen Einblick. Schon in früher Jugend erwarb sich Beowulf +Ruhm bei seinem mehrtägigen Wettschwimmen mit Breca. Mit dem Schwerte +musste er sich der Angriffe der Meerfische (<i>hronfixas</i>, +<i>merefixas</i>) erwehren, die ihn auf den Grund zu ziehen trachteten. +In den Wogen erschlug er neun Nixe (<i>niceras nigene</i>). Dadurch +ist er vorbereitet auf seine grösste Heldenthat, den Kampf mit +Grendel und seiner Mutter. In die Halle Heorot, welche der Dänenkönig +Hrodgar erbaut hatte, drang allnächtlich Grendel, ein Unhold, der die +Insassen mordete und den Saal verödete, bis Beowulf der Geatenheld +übers Meer den Dänen zu Hilfe eilte, mit Grendel kämpfte, ihn auf +den Tod verwundete, endlich in seine Behausung auf dem Meeresgrund +drang, dort Grendels Mutter tötete und dem Unhold selber das Haupt +abschlug. Die schwierigen Fragen, die mit dem Beowulfmythus und +Gedicht⁠<a id="FNanchor_119_119" href="#Footnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>zusammenhängen, berühren uns hier nicht, wir entnehmen +daraus nur, was die Angelsachsen und wol überhaupt die Seegermanen +unter Wasserdämonen sich vorstellten. Mit Grendel d. h. Schlange ist +ein Dämon der zerstörenden Gewässer gemeint, sei es der Sturmfluten +an der Nordseeküste, sei es der fieberbringenden Sümpfe, die infolge +der Überflutungen sich bildeten. Einseitig fasste Müllenhoff Grendel +als Sturmflut, Uhland und Laistner erklärten ihn als Verkörperung +der Seuchen und Plagen einer versumpften und verpesteten Meerbucht, +die geräuschlos zur Nachtzeit im Nebel aufsteigen und den Menschen +beschleichen. Kögel findet mit Recht beide Plagen, Sturmflut und +Sumpffieber in Grendel verleiblicht. Grendel ist nach den Worten +des Gedichtes der kundbare Grenzgänger, der Moore, Sumpf und Strand +(<i>móras, fen and fæsten</i>) inne hat. Immer wieder wird die neblige +moorige Heimat hervorgehoben (<i>héold mistige móras</i>). Vom Moor +unter den Nebelklippen (<i>of móre under misthleoþum</i>) kommt Grendel +zum Metsal geschritten, er watet in Wolken gehüllt daher (<i>wód under +wolcnum</i>). Wie ein Nebelstreif zieht sich also der Unhold unhörbar +leise aus dem Moor zur Halle hin, worin die Helden schlafen. Er wird +als Riese (<i>eoten</i>) bezeichnet, sein Haupt ist furchtbar, seine +Hand läuft in stahlharte Krallen aus, sein Blut schmelzt Schwerter. +Grendels wölfische Mutter (<i>brimwylf, grundwyrgen</i>), die mit +ihm in der grausigen Meerflut (<i>wæteregesan</i>) haust, folgt des +Sohnes Spuren und sucht ihn zu rächen. Höchst anschaulich wird die +Wohnstätte der Unholde geschildert. Sie haben inne verstecktes Land, +windige Landzungen, fürchterliche Moorpfade, wo der breite Strom unter +dunkle Landstreifen, unter der Erde sich verliert. Jäh fällt das +steinige Land, von düstrem Walde, von wurzelfesten Bäumen bestanden, +die überhängen, plötzlich in mooriges, sumpfiges Meer ab. Da mag man +nächtliches Wunder schauen, Feuer in der Flut. Noch niemand hat den +unheimlichen Grund erforscht. Der von Hunden gehetzte, geweihstolze +Hirsch lässt eher am Ufer das Leben, als dass er in den schaurigen +Wald flüchtet. Nicht geheuer ist der Ort, dunkles Wogengemisch steigt +zu den Wolken, wenn der Wind leide Unwetter zusammentreibt, bis dass +die Luft <span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>düstert, die Himmel weinen. Auf den abstürzenden Klippen +lagert allerlei Gewürm, wunderliche Seedrachen und Nixe, welche dem +Schiffer oft gefährlich werden. Beowulf steigt kühn in die greuliche +Flut und gelangt zum Grunde, wo ihn die Wölfin (Grendels Mutter) packt. +Vor ihren Griffen und den scharfen Zähnen der Seetiere beschützt +ihn seine Brünne. Das Meerweib trägt ihn in ihre Behausung, welche +bedacht ist und dem Wasser keinen Zutritt verstattet. Mit blinkendem +Glanze leuchtet drinn ein Feuer.</p> + +<p>Aus den Wasserriesen erhebt sich freundlicher gestaltet der Beherrscher +des Meeres, <i>Aegir</i>, der Wassermann.⁠<a id="FNanchor_120_120" href="#Footnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> Von Natur zwar riesisch, +kann er doch mit den Asen in Gastfreundschaft kommen. Er ist, wie die +Einleitung der sog. Bragarœður berichtet, in Asgard beim Gastmahle der +Götter zugegen und empfängt von Bragi reiche Belehrung. Die Götter +aber besuchen wiederum den Aegir in seiner Heimstätte, wo er ihnen in +einem gewaltigen Kessel Bier braut und ein Mahl zurüstet. Daher heisst +er beim Skald Egill im Lied auf seinen ertrunkenen Sohn geradewegs +Bierbrauer der Lichtgötter (<i>ǫlsmiþr allra tíva</i>). Der meilentiefe +Braukessel ist aber ursprünglich in der Gewalt des Hymir und muss erst +durch Thor herbeigeschafft werden. Aegir scheint das der Schifffahrt +offene Meer zu verkörpern. Sein Verkehr mit den Asen und das Beiwort +„<i>barnteitr</i>“, fröhlich wie ein Kind, kennzeichnen den Riesen als +gutartig und umgänglich, wol im Gegensatz zu Hymir. Freilich nimmt +das Gelage bei Aegir ein schlimmes Ende, weil Loki die Friedensstätte +durch Todschlag entweiht und die anwesenden Götter lästert. Auch hatte +sich Aegir nur durch des streitbaren Thor Befehl dazu verstanden, +das Gelage zuzurüsten, und sann auf Rache an den Asen. Er hatte +im Stillen gehofft, die Fahrt zu Hymir werde dem Thor verderblich +sein. Aegir hatte zwei Diener, Fimafeng und Eldir. Statt des Feuers +diente helles Gold zur Beleuchtung; das Bier trug sich selber auf. Im +Grunde des Meeres sind alle die Schätze gehäuft, welche die gierige +Flut verschlang. Im Leuchten des windstillen Meeres aber mochte man +den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Aegirs friedliches, +<span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>freundliches Wesen wird durch sein raubgieriges Weib, die Ran, +ergänzt. Freund und Feind ist dem Schiffer die See, beide Seiten kommen +in Aegir und Ran zum Ausdruck.</p> + +<p>In der SE. 1, 206 wird Hlésey, die dänische Insel Läsö im Kattegat, +als Heimat des Aegir bezeichnet. Hlér gilt als andrer Name Aegirs. +Die Wogen heissen ebenso Töchter des Aegir wie des Hlér (SE. 2, 180). +Vermutlich kannten die Dänen und West-Norweger den Meerriesen unter +diesem Namen, dessen Etymologie nicht sicher zu bestimmen ist.⁠<a id="FNanchor_121_121" href="#Footnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a></p> + +<p>Ein weiterer Name dieses Meerriesen ist <i>Gymir</i>⁠<a id="FNanchor_122_122" href="#Footnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a>, wie im +Eingang der Lokasenna ausgesprochen wird und aus den skaldischen +Umschreibungen, in denen der Name allein vorkommt, deutlich erhellt. +Das Meer heisst Gymirs Wohnung (<i>Gymis flet</i>), die Brandung ist +sein Lied (<i>Gymis ljóþ</i>), die Ran sein zukunftkundiges Weib +(<i>Gymis vǫlva</i>). Ob Gymir, Gerds Vater, der aus dem Skirnirlied +bekannte Riese, derselbe ist, muss unentschieden bleiben. Weinhold +fasste die Gerd als Meernixe, welche den Fluten entsteigend im stillen +Hain am Gestade mit dem Gotte Freyr sich vermählt.</p> + +<p>Dem Aegir steht <i>Hymir</i>⁠<a id="FNanchor_123_123" href="#Footnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a>, der Dämmrer, gegenüber. Er +verkündigt sich als Frost- und Eisriesen, als Beherrscher des +lichtlosen, nebligen, fahlgrauen nördlichen Eismeeres. Seine Art +entspricht seiner Heimat. Genaueres über ihn hören wir nur aus dem +Hymirliede, wie Thor und Tyr sich aufmachen, den Kessel zu Aegirs +Gelage ihm zu entführen. Der Erzählung gesellten sich Züge vom Märchen +des Besuches beim wilden, unholden Menschenfresser. Hier beachten wir +nur die Schilderung seines Wesens. Im Osten der stürmischen Wogen am +Himmelsrande haust der weise Hymir, der einen meilentiefen Kessel +(d. h. das Meer im Verschluss winterlicher <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>Eisdecke) besitzt. Bei ihm +sind seine neunhundertköpfige Urahne und seine brauenweisse Geliebte, +die Mutter Tyrs. Der hässliche, rauhe Hymir kommt spät vom Waidwerk +heim, Eiszapfen klirren, sein Bart ist gefroren. Vor des Riesen +Blick zerbirst Balken und Pfeiler, dass acht Kessel vom Standbrett +herunterkollern. Am andern Tag rudern sie zur eisig kalten Fischerfahrt +hinaus. Zwei Walfische zieht der Riese auf einmal an der Angel heraus. +Er verlangt von Thor Arbeit und Stärkeproben. Einen Glaskelch soll +Thor zerbrechen, aber leichter zerschlägt er die Pfeiler, bis endlich +an Hymirs hartem Schädel der Kelch zerschellt. Nun darf Thor den +Braukessel forttragen. Hymirs Töchter (<i>Hymes meyjar</i>) werden in +der Lokasenna 34 erwähnt, ohne dass ihre Bedeutung völlig klar würde. +Wenn Aegirs und Hlers Töchter die Wogen bezeichnen, wird es wol auch +mit Hymirs ähnliche Bewandtniss haben. Man denkt an die Gletscherbäche, +die aus den Eisbergen ins Meer sich ergiessen.</p> + +<p>Von einzelnen Meer- oder Wasserriesen lassen sich noch folgende +hervorheben. In der Gudrun tritt der alte <i>Wate</i> hervor, in +der Wielandssage der Riese <i>Vadi</i>, der Vater des kunstreichen +Schmiedes, bei den Angelsachsen finden wir <i>Wada</i>, der die +Hælsinge beherrschte. Zu Grunde liegt diesen Berichten eine Sage der +Seegermanen vom Riesen <i>Wado</i>, dem Sohne einer Meerminne.⁠<a id="FNanchor_124_124" href="#Footnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a> Ein +riesenmässiger Greis mit ellenbreitem Barte, unbändigen Grimmes voll, +mit fürchterlicher Stimme begabt, bei deren Klange das Land erbebte, +das Meer aufbrauste und die Mauern einzustürzen drohten, wanderte +am Meeresstrande auf und ab und trug wol auch zuweilen auf seinen +Schultern Menschen über Sunde hinweg. Der regelmässige Wechsel von Ebbe +und Flut war die Wirkung dieses watenden Riesen, dessen rasendem Zorne +nichts widerstand. In den norwegischen Aluwasserfällen hauste der wilde +<i>Starkad</i>, ein vielkundiger Riese (<i>hundvíss jǫtunn</i>).⁠<a id="FNanchor_125_125" href="#Footnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a> +Der hatte acht Hände und schlug mit vier Schwertern auf einmal. Von +ihm wird erzählt, wie er mit Hergrim, einem Halbtroll, der bald bei +Riesen, bald bei Menschen weilte, um den Besitz eines Weibes kämpfte. +Im Namen Hergrim klingt wol der Fossegrim an, die Sage meldet also +vom Streit zweier Stromriesen. Nachmals raubte Starkad die <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>Alfhild, +die Tochter König Alfs aus Alfheim, also eine Elbin. Der Vater rief +Thor um Hilfe an, Thor aber erschlug den Jotun. Der Wasserriese zeigt +sich hier als Liebhaber, wie auch andre Sagen solche Züge hervorheben. +Natürlich ist Thor sein Erbfeind. Das Lied von Helgi dem Hjorwardsson +12 ff. führt uns eine unholde Meerriesin namens <em class="gesperrt">Hrimgerd</em> vor. +Helgi hatte im Hatafjord den Beherrscher der Bucht, den Riesen Hati +getötet. Nachts lagen die Schiffe im Fjord, Atli hatte Wache. Da sprach +ihn Hatis Tochter Hrimgerd, die in Stutengestalt den Wogen entstieg, +an, und es erhub sich ein Scheltgespräch. Hrimgerd verlangt zur Sühne +des erschlagenen Hati, der viele Weiber aus der Umgegend geraubt +hatte, eine Nacht bei Helgi zu schlafen. Also Vater und Tochter sind +erpicht auf Liebesverkehr mit Menschen. Helgi fertigt die Lüsterne +derb ab, der zottige Thurs Lodin passe besser für sie. Hrimgerds +Mutter war vor den Schiffen Helgis an der Mündung der Bucht gelegen +und hatte sie zu verderben gesucht, aber vergeblich. Dagegen ertränkte +Hrimgerd Hlodwards Söhne, Verbündete Helgis. Auch seine Schiffe wollte +sie vernichten, aber Swawa, die Walküre, die lichte Maid wandte das +Verderben. Schliesslich überrascht die Sonne das Riesenweib, das zu +Stein verwandelt am Fjord stehen bleibt.</p> + +<p>Über <em class="gesperrt">Ran</em>, Aegirs Weib, wird unter den germanischen +Todesgöttinnen näheres zu berichten sein. Hier gedenken wir noch +solcher Gestalten, welche in riesischem oder tierischem Leib, als +Unhold oder Ungetüm die verderblichen Seiten des Meeres verkörpern. +Von Aegir und Ran stammen neun Töchter, deren Namen die SE. aufzählt. +Die Bedeutung ist durchsichtig, gemeint sind die Wogen (Udr, Bara, +Kolga, Bylgja), die Brandung, das stürmische Unwetter, die blutgierige +(Blóðughadda) Meerriesin. Der Seesturm erschien wie ein Kampf mit +diesen Ungeheuern. Die neun Mütter Heimdalls, die im Hyndlalied 38 +aufgezählt sind, weisen ebenso auf Eigenschaften der als Riesinnen +persönlich gewordenen Meereswogen. Zu Hrimgerd stellt sich die +Meerriesin (<i>margýgr</i>), die in alter und neuer Sage begegnet. +Aus dem Meere und aus grossen Landseen erhebt sich der Wassergeist +oft in Rossgestalt (isl. <i>nykur</i>, <i>vatnahestur</i>). Der +auf dem Wasser sich ballende Nebel gab wol Anlass zu Sagen, die +von aufsteigenden Riesengestalten berichten. Als <i>skrimsl</i>, +Ungetüm im allgemeinen, bezeichnen die Isländer Wassergeister von +fabelhafter Gestalt.⁠<a id="FNanchor_126_126" href="#Footnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> Das <span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>Meer wurde mit Vorliebe in Tiergestalt +verkörpert, wofür die nordischen Quellen Belege erbringen. Die grosse +Seeschlange des Schifferglaubens begegnet im <i>midgardsorm</i> oder +<i>jǫrmungandr</i>⁠<a id="FNanchor_127_127" href="#Footnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a>, d. h. der Weltschlange oder dem grossen +Ungetüm, welche Thor bekämpft, und die später Lokis Sippe, der +Teufelsbrut zugezählt wurde. Die Midgardschlange liegt im tiefen Meer, +das alle Länder umgiebt, und ist so gross, dass sie sich mitten im +Meer wie dieses selbst ebenfalls um alle Länder schlingt und sich in +den Schwanz beisst. Im Riesenzorne (<i>í jǫtonmóþe</i>) wälzt sie sich +durch die Wogen. Seinem Namen nach (<i>fen</i>, Meer), gehört auch der +Wolf Fenrir⁠<a id="FNanchor_128_128" href="#Footnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a> zu den Wasserriesen. Jedoch sind in seiner Gestalt die +verschiedenartigsten Vorstellungen mit einander vereinigt, und gerade +der Meerriese tritt am wenigsten hervor. Fenrirs Fesselung, wobei Tyr +seinen Arm verlor, entspricht der des Teufels, der gefesselte Wolf ist +nur ein andres Bild des gefesselten Loki. Von Fenrir entstammen die +Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen, im Wafthrudnirlied 47 frisst +Fenrir selber die Sonne auf. Ob damit die im Meer versinkende, im +Nebel verschwindende Sonne angedeutet ist, ob der Mythus aus dieser +Naturerscheinung erwuchs, muss dahin gestellt bleiben.</p> + +<p>Der gewaltige Giftwurm, dessen Flügelgestalt und Name +<i>Drache</i>⁠<a id="FNanchor_129_129" href="#Footnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> dem antiken Fabeltier nachgebildet sind, erscheint +in der Volkssage unter dem Eindruck von Naturbegebnissen. Aus +Wasser, Nebel, Wolke, Meteorfeuer lässt die Phantasie diese Drachen +hervorgehen. Das Weltmeer als Schlange wurde eben genannt, Grendel ist +vielleicht ursprünglich auch eine Wasserschlange. Die Drachen liegen +auf Gold und schädigen bei ihrer Ausfahrt Land und Leute. Vornehmste +Aufgabe der Helden ist Bekämpfung dieser Ungetüme, Erlösung von der +Landplage, Hebung des Hortes. Die Volkssage denkt bei den riesigen +Würmern an Verwüstung durch die See, im Binnenlande an plötzlichen +Wassersturz anschwellender Ströme oder Bäche. Schützt Kraft und +Einsicht endlich das Land gegen solche Gefahren, so ist ein grosser +Schatz, das Gedeihen der ganzen Gegend, damit erkämpft. Neben den +Meeresdrachen <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>ragen besonders die des Hochgebirgs hervor, mit denen +Dietrich von Bern wie auch mit allen andern Riesen der Bergwelt viel +zu schaffen hat. Wo der Bach vom hohen Fels herbricht, da springt der +grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen, fort und fort auf den Gegner +los und sucht ihn zu verschlingen; bei eines Brunnen Flusse vor dem +Gebirge, das sich hoch in die Lüfte zieht, schiessen grosse Würmer her +und hin und trachten, die Helden zu verbrennen; bei der Herankunft +eines solchen, der Ross und Mann zu verschlingen droht, wird ein +Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag, davon das ganze Gebirge +ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme gleichbedeutend mit den +siedenden donnernden Wasserstürzen selbst. In den deutschen Sagen der +Brüder Grimm Nr. 217 heisst es: Das Alpenvolk in der Schweiz hat noch +viel Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, die vor alter Zeit auf dem +Gebirge hausten und oftmals verheerend in die Thäler herabkamen. Noch +jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und +Felsen mit sich reisst, pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu +sagen: es ist ein Drach ausgefahren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von den Wasserriesen reicht einer in uralte gemeingermanische +Sagenüberlieferung zurück, während die andern erst später bei den +einzelnen Völkern erdichtet wurden. In der nordischen Sage spielt er +eine wichtige Rolle, es ist der weise <i>Mimir</i>⁠<a id="FNanchor_130_130" href="#Footnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a>, aus dessen +Quell Odin Weisheit schöpft. Sein Verhältniss zu Odin wird später +erörtert, hier ist die gemeingermanische Grundvorstellung dieser +Riesengestalt zu erforschen. Die urgermanische Namensform lautete +<i>Mimiaz</i> oder <i>Mimiô</i>, d. h. der Sinnende. Verwandt scheint +das ags. Adj. <i>mimor</i>, eingedenk, und das Verbum <i>mimerien</i>, +das auch nds. <i>mimeren</i>, grübeln begegnet. In Deutschland +haftet der Name an Ortsnamen wie <i>Mimigerdaford</i> (Münster), +<i>Mimidun</i> (Minden), <i>Mimileba</i> (am Harz und Memleben an der +Unstrut). Das Flüsschen <i>Mimling</i> im Odenwald bezeichnet sich als +Abkömmling des <i>Mimo</i> oder <i>Mimilo</i>. Zum Mimirquell stellt +sich <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>der schwedische <i>Mimes sjö</i>, <i>Mimes å</i>, Mimis Fluss und +See. Die deutsche Heldensage (Biterolf 124 ff.) gedenkt eines klugen +Schmiedemeisters, der zwanzig Meilen hinter Toledo sass, Mime der Alte +genannt. Der schuf die besten Schwerter, die auf der Welt zu finden +waren. Wielands Schwert <i>Miming</i>, das Witege führte, war Mime zu +Ehren so geheissen. In der Thidrekssaga ist Mimir der Lehrmeister und +Erzieher Sigfrids. Saxo erwähnt noch einen Waldgeist namens Miming +(<i>Mimingo silvarum satyro</i>), der wunderbares Geschmeide, Schwert +und Armring besitzt. Mimir in den nordischen Quellen ist Riese, in +der Heldensage aber erscheint er als Zwerg und kunstreicher Alb. +Elbische und riesische Wesen gehen ja häufig in einander über. Tiefe +Weisheit ist überall mit diesem Wesen verknüpft. Seine Behausung ist +Wald und Wildniss, Gewässer sind nach ihm benannt. Im Norden ist er +von der Quelle unzertrennlich, Beherrscher der Gewässer ist Mimir wol +von Anfang an. Seen, Flüsse, Wälder und Bäume, die mit seinem Namen +in Verbindung stehen, belehren, dass wir keinen Meerriesen, sondern +<em class="gesperrt">den Herrn der Binnengewässer</em> vor uns haben. Damit treten wir der +Urgestalt des <i>Mimiaz</i> näher. Die Germanen dachten sich darunter +einen urweisen Wasserriesen, der im geheimnissvollen Dunkel tiefer +Haine an murmelnden Quellen oder zauberisch wallenden Bergseen zu Hause +war. Seine Söhne, die Flüsse, strömten zu den Menschen. Wer ihrem +Ursprung nachging, bis in die Nacht des Urwalds zum geheiligten Baume, +aus dessen Wurzeln der Quell hervorsprudelte, wo „Mimir sein Haupt +barg“, vorzudringen vermochte, der stand am Urquell alles Wissens. +Der alte, erfahrene, kunstreiche Wald- und Brunnengeist beriet selbst +Odin, er war Lehrer und Meister der besten Helden und stattete sie mit +köstlichem Rüstzeug aus.</p> + +<h4 id="Wind_und_Wetterriesen_4"><b>4. Wind- und Wetterriesen.</b></h4> + +<p>Aus Wind und Wetter gingen Riesen hervor. Der brausende Sturm gab zu +verschiedenen mythischen Gebilden Anlass. Im Winde zogen die Seelen, +das wütende Heer, im Sturm erschien der wilde Jäger, der Wode. Kaum +ist eine Sage der Gegenwart häufiger und vielfältiger bezeugt als +diese⁠<a id="FNanchor_131_131" href="#Footnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a>. Unter Wodan wird <span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span>noch mehr davon zu berichten sein, +hier sollen nur einige Gestalten herausgehoben werden, in denen der +<em class="gesperrt">Sturm als Riese</em> verkörpert wird. In der Schweiz heisst die wilde +Jagd das <i>Dürstengejeg</i>. Das Volk hört den <i>Dürst</i> in den +Sommernächten am Jura jagen und die Hunde mit seinem Hoho anfrischen; +Unvorsichtige, die ihm nicht aus dem Wege weichen, überrumpelt er. +Wenn die Alemannen den <i>thurs</i> umreiten hören, so die Dänen den +<i>jotun</i>. Auf der Insel Möen jagt der <i>Grönjette</i>, der bärtige +Riese, jede Nacht zu Pferde, eine Meute Hunde um sich herum. Er jagt +nach der Meerfrau, die er schliesslich einholt und quer vor sich übers +Pferd wirft. Im Süden und Norden sieht also die Sage gleichmässig im +wilden Jäger einen riesigen Reiter und nennt ihn noch nach seinen +alten Namen. Die allgemeinen Bezeichnungen des Riesengespenstes als +Nachtjäger, Helljäger, die vielen geschichtlichen Personen, die damit +verknüpft wurden, berühren uns in dieser Mythologie nicht weiter, wo +nur auf den <i>Riesenjäger</i> und auf den <i>Wode</i> Gewicht fällt. +Jedoch ältere Sagen aus dem Mittelalter, die auf derselben Vorstellung +beruhen, verdienen Beachtung. In einem Wettersegen des 11. Jahrhunderts +wird <i>Mermeu</i>t, der übers Wetter gesetzt ist, ein Riese (<i>daemon +et satanas</i>) beschworen, keinen Hagel übers Feld zu bringen.⁠<a id="FNanchor_132_132" href="#Footnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a> +In einem späteren Segen steht: <i>„Ich peut dir Fasolt, dass du das +wetter verfirst mir und meinen nachpauren ân schaden“.</i> Dieser +<i>Fasolt</i> ist also ein Wetterherr. Im Eckenlied wird Näheres von +ihm erzählt, und er zeigt sich deutlich als Sturmriese, als wilder +Jäger. Fasolt, dessen Leib Riesenlänge hat, der langes Frauenhaar +trägt, dem wilde Lande unterthan sind, kommt daher geritten mit lautem +Horneston, von Hunden umgeben. Er jagt eine schöne Jungfrau, die +in Dietrichs Schutz flüchtet. Im Kampfe mit Dietrich bricht Fasolt +starke Baumzweige ab, mit denen er auf seinen Gegner losschlägt. +Der Sturmriese fällt Bäume, räumt den Wald aus und lässt ihn laut +erschallen, wie die Riesennamen der Virginal Vellenwalt, Rûmenwalt, +Schelledenwalt andeuten. Das spätmhd. Gedicht vom <i>Wunderer</i> +schildert einen ähnlichen wilden Unhold, der mit Hunden die Jungfrau +Sälde hetzt und sie fressen will, <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>aber vom Berner im Kampf erschlagen +wird. Überall tritt uns das Bild des Sturmriesen vor Augen, dem +die Windsbraut oder ein elbisches Weib voranfegt. Wenn nach den +Skáldskaparmál Kap. 1 Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir wettet, +er habe gewiss kein ebenso treffliches Ross, Hrungnir aber zornig +seinen Gullfaxi besteigt und dem Odin nachjagt, wenn die Rosse durch +Luft und Meer über die Spitzen der Hügel hinfliegen, so erschauen wir +ein Wettrennen zwischen dem <i>Sturmgott</i> und seinem riesischen +Urbild, dem <i>Sturmriesen</i>. Der Windriese nimmt aber auch tierische +Gestalt an. Als Adler rauscht er durch die Lüfte. So heisst es im +Wafthrudnirlied 37:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Riese Hraeswelg   sitzt am Rande des Himmels</div> + <div class="verse indent9">In des edlen Aars Gestalt;</div> + <div class="verse indent0">Regt er die Schwingen,   so rauscht, wie man sagt,</div> + <div class="verse indent9">Der Wind dahin durch die Welt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Darum erscheinen Riesen überhaupt gern in Adlergewand. Thjazi, der +Sturmriese des nordischen Hochgebirges, sitzt in Adlergestalt im +Gezweig der Eiche und verhindert mit seinem Flügelschlage, dass die +unter dem Baum gelagerten Götter das Fleisch am Feuer gar sieden. Der +Sturm rauscht in den Baumzweigen, das ist die Stimme des Adlerriesen, +welche die Götter vernehmen, der Wind verweht das Kochfeuer und +verhindert so den Sud, bis ihm Anteil an der Speise zugesagt wird. Auch +nach späterem Volksglauben will der Wind Opfer haben und gefüttert +sein. Hernach entführt Thjazi in Adlergestalt die Idun aus Asgard, in +Adlergestalt verfolgt er Loki, welcher Idun zurückholt, und versengt +sein Gefieder im Feuer, das die Asen entfacht, worauf er erschlagen +wird. Thrymheim, die Welt des Getöses (<i>þrymr</i>, Lärm, Getöse), wo +die Stürme sausen und brausen, wol nur ein anderer Name des „<i>weiten +Windheims</i>“, wie die Vǫlospǫ́ den Himmel als die Heimat der Winde +bezeichnet, ist des Thjazi Wohnsitz. Dem mit dem Dichtermet im Leibe +in Adlergestalt entfliegenden Odin setzt Suttung gleichfallls in +Adlergestalt nach. Wie der Sturmgott mit dem Sturmriesen Hrungnir um +die Wette ritt, so fliegt er hier als Adler mit ihm um die Wette. +Derselbe Gedanke ist bildlich nur anders gewendet.</p> + +<p>Die Skalden bezeichnen, vielleicht teilweise aus volkstümlicher +Anschauung schöpfend, den Wind wie ein persönliches Wesen, als den +Brecher (<i>brjótr</i>), Schädiger (<i>skađi</i>), Fäller (<i>bani</i>) +des Waldes. <span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span>Auch als Hund und Wolf (<i>hundr</i>, <i>vargr</i>) des +Waldes erscheint der Wind. Bereits bei den Elben war auf die Tiere +hinzuweisen, auf den Roggenwolf und Roggenhund, die beim Winde durchs +Korn laufen. Korngeister in menschlicher und tierischer Gestalt gibt +es in Menge. Elbe und Riesen gehen aber in diesen „Korndämonen“ so +unmerklich in einander über, dass ebenso dieser Abschnitt wie der +vorige ihrer zu gedenken hat.</p> + +<p>Riesen des tosenden Gewitters, Gegenbilder Thors, wie die Windriesen +Odin gegenüber stehen, treten in Hrungnir, Geirröd und vielleicht +auch in Thrym hervor. Hrungnir ist mit Thrym gleichbedeutend, der +Lärmer⁠<a id="FNanchor_133_133" href="#Footnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a>, und wol alle gehören nach Thrymheim, das dem Thjazi als +Heimstätte zugewiesen ist. Die Gegnerschaft Thors und Thryms ergibt +sich aus dem Gedichte, das schildert, wie Thrym den Hammer des Gottes +entwendet. Gott und Riese streiten um die Herrschaft über das Gewitter. +Im offnen Kampfe erblicken wir Thor mit Hrungnir und Geirröd. Hrungnir +und Mokkurkalfi (Nebelwade), der Stein-, Lehm- und Nebelriese, der +umnebelte, aus Lehmgrund aufragende Fels im Geröllfelde, werden +besiegt, wenn krachend Gewitter im Gebirge sich verfangen. Es ist das +Unwetter des nackten Felsgebirges, das mit Geröllsturz herniederbraust, +vom Gewitter gerüttelt und gelöst. Leicht vermischt sich die +Vorstellung vom Wetterriesen mit der des Bergriesen, da Wind und Wetter +aus den Bergen hervorbrechen. Der Kampf zwischen Thor und Geirröd +spielt sich in Geirröds Halle ab. Die ganze Halle entlang waren grosse +Feuer entzündet; als Thor vor Geirröd trat, fasste dieser mit einer +Zange ein glühendes Eisenstück und warf es nach Thor. Thor aber fing +das glühende Eisen mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in die +Luft. Da sprang Geirröd hinter eine Säule, um sich zu schützen, Thor +jedoch schwang das Eisenstück hoch in die Luft und schmetterte es durch +die Säule. Es durchschlug auch den Geirröd und die Wand der Halle und +fuhr ausserhalb tief in die Erde hinein. Das Geschoss ist das Bild des +Blitzes. Blitze zucken gegen einander, wo zwei Gewitter auf einander +stossen. Der Gewittergott überwindet den Gewitterriesen. Aber nur in +diesem Wettkampfe zeigt sich Geirröd als Gewitterriese, <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>im übrigen ist +die Sage reich mit allerlei anderen Zügen ausgestattet.</p> + +<p>Noch sind einige Namen zu erwähnen, die aber nicht über die mythische +Keimbildung blosser Personificierung gediehen, wenigstens sind +keine Sagen davon bekannt. Unter den Riesennamen der SE. finden +wir einen <i>Vindr</i>; in einer norwegischen Wendung der Sage vom +Riesenbaumeister, der dem hl. Olaf eine Kirche baut, führt der +Unhold den Namen <i>Vind och Veder</i>, oder <i>Bläster</i>. In +Deutschland ist von der <i>Windin</i>, der <i>windes brût</i> oder +<i>windgelle (venti concubina)</i> die Rede, der Wirbelwind ist als +ein durch die Luft fahrendes, vom Sturm umbuhltes Riesenweib gedacht. +<i>Vindsvatr</i> (Windkühl) oder <i>Vindljóni</i> (Windmensch) +heisst im Norden des <i>Vętr</i> (Winter) Vater. Die Eltern Lokis, +<i>Fárbauti</i>, den gefährlich Schlagenden, d. h. den Sturmwind, +und <i>Nál</i>, d. h. Nadel am Nadelbaum oder <i>Laufey</i>, d. h. +Laubinsel deutet Bugge, Studien 80 als ein dichterisches Bild, das den +Ursprung des Feuerriesen Loki erklären soll: der Sturm schlägt und +entfacht Feuerflammen aus dem Gehölz. In der Virginal 732 tritt ein +Riese Velsenstôȥ auf:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>sîn stimm rekt als ein orgel dôȥ,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>sô man sî sêre stimet;</i></div> + <div class="verse indent0"><i>dâ von berc unde tal erschal.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Gemeint ist der im Hochgebirg heulende, tosende Sturm. Glockebôȥ +(ebenda 864 ff.), der Glockenschläger, ist der Sturmwind, der die +Glocken in Schwingung versetzt, und zu ihm steht Klingelbolt (870 +ff.). Vielleicht kommt in diesen Namen auch der Hass der Riesen gegen +Glockenschall zum Ausdruck.</p> + +<p>Von <i>Kári</i> d. h. der windbewegten Luft⁠<a id="FNanchor_134_134" href="#Footnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a> stammen Eis und +Schnee, <i>Vindsvatr</i> ist des Winters Vater. Die winterlichen +Mächte sind mithin die Kinder der Winterstürme, die Winterriesen +dürfen den Windriesen zugezählt werden. Die nordischen Gedichte +nennen uns <i>hrímþursar</i>, Reifriesen⁠<a id="FNanchor_135_135" href="#Footnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a>; mit <i>hrím</i> +sind mehrere Riesennamen zusammengesetzt wie Hrimnir, Hrimgrimnir, +Hrimgerd. Ymir-Örgelmir ist der Ahnherr der Reifriesen, er ging aus den +chaotischen Eis- und Reifmassen hervor, die winterliche Kälte wird in +diesen Riesengestalten persönlich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span></p> + +<h4 id="Berg_und_Waldriesen_5"><b>5. Berg- und Waldriesen.</b></h4> + +<p>Die Volkssage vergleicht Berge mit Riesenleibern oder sie bevölkert +die Bergwelt mit Riesen. Im Norden heissen die Jotunen Berg-, +Fels-, Stein-, Lavabauern oder Höhlenbewohner.⁠<a id="FNanchor_136_136" href="#Footnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> Das unwirtliche +Hochgebirge und die Klippen sind die Heimat des Riesenvolkes, von dort +her machen sie ihre verderblichen Einfälle in das von Menschen bebaute +Land; wer in die wilde Einöde wandert, begibt sich ins Gebiet und in +die Macht der furchtbaren Unholde. Ein schöner stattlicher Bergkönig +Norwegens, von dem die Kjalnesinga saga Kap. Nr. 12/4 berichtet, ist +<i>Dofri</i>, der Gebieter des Dovregebirges, der drinnen in prächtigen +Räumen mit vielem Volke wohnt; der Eingang lag unter einem Gipfel in +einem Felsen. Er war nicht unfreundlich. Mit seiner schönen Tochter +Frid lebte Bui, der Sohn des Königs Harald Harfagri von Jul bis +Sommersanfang in Liebe zusammen. Ihrem Sohne Jokull war die Bergriesin +Gnípa (d. h. Berggipfel) weniger hold gesinnt.</p> + +<p>Bergbewohnende Riesen sind die 12 Riesen im Nibelungenlied, die +Schilbung und Nibelung dienen, und im Hürnen Seyfrid der Riese +<i>Kuperan</i>, welcher den Schlüssel zum Drachenstein in Bewahrung +hat. <i>Hyndla</i>, die Höhlenbewohnerin, ist eine Riesin, die auf dem +Wolfe, dem Reittier der Unholdinnen, ausreitet. Sie heisst als Riesin +<i>brúþr jǫtons</i> (51) und <i>íviþja</i> (49), d. h. Waldriesin. +Einem Riesenweibe (<i>gýgr</i>), die im Steine wohnt, begegnen wir im +Lied von Brynhilds Todesfahrt. Die Unholdin sucht den Weg zu sperren, +wird aber von Brynhild zum Weichen gebracht. Die Riesentochter +<i>Gunlod</i>, die aber schön und anmutig ist, weilt als Hüterin des +kostbaren Metes im Berge.</p> + +<p>Seltsame, menschenähnliche, einsam aufragende Felsen riefen Sagen von +versteinerten Riesen⁠<a id="FNanchor_137_137" href="#Footnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a> hervor, die ebenso im Norden wie im Süden +begegnen. Die Riesen sind entweder, wie auch andere Nachtunholde, vom +Sonnenstrahl getroffen oder wegen irgend <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>welcher Unthat verflucht zu +Stein gewandelt. Die Riesin Hrimgerd im Lied von Helgi Hjorwardsson +wird vom Sonnenstrahl versteinert, der hl. Olaf verfluchte Trolle, die +dem Christentum feindlich waren, in Klippen. In der deutschen Sage +wird meist ein allgemein sittlicher Grund solcher Versteinerungen +angegeben, grosser Übermut oder gottlose Grausamkeit. So in der Sage +vom <i>Watzmann</i>.⁠<a id="FNanchor_138_138" href="#Footnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a> Der war ein alter Riesenkönig, der für seine +blutige Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen, gewaltigen +Bergstock verwünscht ward. Bei einer unmenschlich grausamen That des +Wüterichs, der als wilder Jäger geschildert ist, endete Gottes Langmut. +Ein dumpfes Brausen erhob sich, ein Donnern in den Höhen, ein Heulen +in den Klüften, und des Königs eigne Hunde würgten ihn, sein Weib und +seine sieben Kinder, dass ihr Blut zu Thal strömte. Ihre Leiber aber +wuchsen versteinernd zu Bergen. So steht noch der eisumstarrte König +Watzmann, neben ihm der kleinere Zinken, sein Weib, um ihn die sieben +Kinder, tief unten die weiten Becken zweier Seen, in welche einst das +Blut der Grausamen floss. Gewitter, Bergsturz, Überschwemmung wirken +oft in den Bergriesensagen zusammen, wie ja auch Hrungnir Gewitter- und +Bergriese in einer Person ist. Wegen Übermuts ist die Riesenkönigin +<i>Frau Hütt</i> bei Innsbruck verzaubert. Ebenso im Sinthale in Tirol +der Riese <i>Serles</i>, der wegen seines Wütens samt seinem Weib und +seinem Berater zu den drei Felszacken versteinert ist, die über der +Brennerstrasse aufsteigen.</p> + +<p>Die Vorrede zum Heldenbuch nennt eine Riesin namens <i>Runse</i>, +Eckes Vaterschwester.⁠<a id="FNanchor_139_139" href="#Footnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> Runse ist abgeleitet aus <i>runs</i>, etwas +das rinnt, worin etwas rinnt, also sowol Erguss, Fluss, als Rinnsal. +Die Runse ist eine Riesin des Tiroler Hochgebirges, ein wildes wüstes +Waldweib von schreckhaftem Aussehen; doch sind ihre Wirkungen noch +schrecklicher, jene Schlammgüsse nämlich, die bei heftigem Regen aus +den Hochgebirgen niederstürzen und Erde, Bäume, Hütten und Felsen +fortreissend über Abhänge und Thäler die grausigsten Verwüstungen +schütten. Solche Runsen hausen in den Tiroler und Schweizer Alpen +leider viele. Auch die norwegischen Gebirge scheinen solche böse +Riesinnen zu kennen, denn <i>Leirwor</i>, die Schlammige, Lehmige, mag +niemand anders als eine <span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>nordische Runse sein. Neben dem Steinriesen +Hrungnir steht der Lehmriese (<i>leirbrímir</i>) Mokkurkalfi, den +Thjalfi zu Fall bringt. Auf Felssturz und Lehmrutsch, in dunkle +Nebelwolke gehüllt, mag die Sage anspielen.</p> + +<p>Im Mühlenlied der Snorra Edda, im Grottasǫngr, treten zwei Riesinnen +namens <i>Fenja</i> und <i>Menja</i> hervor. König Frodi hatte die +Mädchen in Schweden gekauft und führte sie nach Dänemark heim, wo sie +Magddienste verrichten mussten. Sie allein waren stark genug, die +Mühle Grotti zu treiben.⁠<a id="FNanchor_140_140" href="#Footnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a> Grotti aber war eine Wunschmühle, Frodi +befahl den Mägden, rastlos Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Aber die +erzürnten Riesinnen mahlten Unfrieden, dass Frodi von seinen Feinden +überfallen und getötet ward. Daran ist in der prosaischen Einleitung +eine zweite Sage angehängt. Der Seekönig Mysing nimmt die Mühle und +die Mägde an sich und befiehlt, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis +das Schiff sank. Seitdem ist dort ein Strudel, wo die See durch das +Loch des Mühlsteines fiel. Seitdem ist auch das Meer salzig. Sagen +von Wunschmühlen, die durch unrechten Gebrauch ihren Segen in Unheil +verkehren, sind auch sonst vorhanden. Ebenso Geschichten, warum das +Meer Strudel bildet und salzig schmeckt. Die Riesinnen gedenken ihrer +Abstammung von Hrungnir, Thjazi und andern Bergriesen. Neun Winter lang +wuchsen sie unter der Erde auf, mächtige Thaten vollführten sie und +verrückten selbst Berge. Steine wälzten sie übers Gehege der Riesen, +dass die Erde erbebte; grosse Blöcke schleuderten sie zu den Menschen. +Im Lande der Schweden aber übten sie Walkürenthaten, der harte Speer +ziemte ihren Händen besser als die Mahlstange. Die Übertragung der +Walkürenschaft auf Riesinnen konnte wol erst verhältnissmässig spät +geschehen und ist schwerlich ein alter, echter Zug.⁠<a id="FNanchor_141_141" href="#Footnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a> Im übrigen +gebärden sich Fenja und Menja durchaus als Bergriesinnen, die +Felsblöcke herabstürzen und Bergrutsch verursachen. Auf die Etymologie +des Namens Fenja (zu fen, Meer) gestützt deutete Uhland die Mädchen als +Wasserriesinnen, als Aegirs Töchter, als <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>Meereswogen und Bergströme. +Die Auslegung ist allzu künstlich und widerspricht der thatsächlichen +Schilderung von der Art der beiden Riesentöchter. Die Mühle und +die Mahlmägde stehen überhaupt schwerlich in altem ursprünglichem +mythischem Zusammenhang.</p> + +<p id="Waldriesen">Besondere <em class="gesperrt">Waldriesen</em> sind nur in geringer Anzahl vorhanden +und meistens ihrem Wesen nach eher zu den Windriesen zu stellen. +Vielleicht mag der germanische Urwald dichter von Riesen bevölkert +gewesen sein als die heutigen Wälder, in denen elbische Waldgeister +vor den riesischen vorherrschen. Das Hyndlalied 34 erwähnt einen +<i>Widolf</i> als Ahnherrn der <i>vǫlor</i>, der Weissagerinnen, +ohne weiteres von ihm zu sagen. <i>Vitolfus</i> bei Saxo ist ein in +der Heilkunst erfahrener, durch Nebel trügender Waldeinsiedler. Der +Riese <i>Widolt</i> im König Rother, ein furchtbarer Kämpfer, der +mit der Stahlstange zuschlägt und für gewöhnlich in Ketten gefesselt +ist, kommt Widolf im Namen nahe. Gemeint ist wol ein Waldriese (an. +<i>viđr</i>, ahd. <i>witu</i>, Gehölz), ein wilder Mann⁠<a id="FNanchor_142_142" href="#Footnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a>, dessen +fürchterliche Erscheinung der deutschen Sage wol bekannt ist. Er +ist ein gewaltiger Riese, von weitem gleicht er einer Fichte, die +ganz mit Moos überkleidet ist. Wenn er auf dem Wege eines Stockes +benötigt, so reisst er den nächsten Baumstamm aus. Manchmal stürmt +er im brausenden Winde einher und verfolgt wie der wilde Jäger +elbische Waldfrauen. Der Riesenname <i>Welderich</i>, Beherrscher der +Wälder, der im gedruckten Heldenbuche vorkommt, entstammt demselben +Vorstellungskreise. Waldriesinnen sind wol mit den nordischen +<i>íviþjur</i> gemeint. Auch <i>járnviþja</i> ist so zu erklären. +<i>Járnviþr</i> bedeutet Eisenwald, wie auch in Deutschland Wälder von +hohem Alter und unvergänglicher Dauer genannt sind. <i>Járnviþja</i> +ist die Bewohnerin eines solchen Waldes, die Urwaldriesin. In Südtirol +sind die Waldfrauen von ungeheurer Gestalt, am ganzen Körper behaart +und beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund von einem Ohr zum +andern gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart und reicht +rauh und struppig über den Rücken. Joppen von Baumrinden und Schürzen +von Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung.</p> + +<p>Sie leben in Gesellschaft in Wäldern zusammen und sind an den +heimischen Wald gebunden. Wird er geschlagen, so schwinden <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>sie. Wie +die Namen erweisen, sind sie eigentlich persönlich gewordene Bäume: +Hochrinta (hohe Rinde), Stutzforche (Stutzföhre), Rohrinta (rauhe +Rinde) sind sie benannt. Auf Tiergestalt zielt der Name Stutzemutze +(Stutzkatze). Im ganzen aber gebärden sich die Waldriesinnen genau so +wie die Waldelbinnen, nur in ihrer äusseren Erscheinung, nicht in ihrer +Art sind sie verschieden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es bleiben noch einige Riesen übrig, welche in die eben besprochenen +Hauptklassen sich nicht einfügen. Sie sind späte Allegorieen, welche +keine lebendigen Sagen hervorgebracht haben. <i>Feuerriesen</i> +erscheinen in Fornjots Geschlecht, in Logis Sprösslingen. Logi, die +Lohe, treffen wir nur ein einziges Mal bei Thors Fahrt zu Utgardloki. +Loki erbietet sich, mit einem der Utgardleute um die Wette zu essen. +Da tritt Logi dem Loki gegenüber. Ein grosser Trog, mit Fleisch +gefüllt, ward herbeigebracht und auf den Fussboden der Halle gesetzt. +Loki war am einen Ende, Logi am andern. Jeder von beiden ass nun, so +rasch er konnte, in der Mitte des Troges kamen sie zusammen. Da hatte +Loki alles Fleisch verzehrt bis auf die Knochen, Logi aber hatte +ausser dem Fleisch auch die Knochen mitsamt dem Troge verschlungen +und hatte also die Wette gewonnen. Diese schwankartige Erzählung +soll das fressende Feuer, dessen Gier nichts verschont, andeuten. +Die Riesennamen <i>Eldr</i> (Feuer), <i>Herkir</i> (zu <i>harka</i>, +Feuer), <i>Brandingi</i> (Sohn des Brandes), <i>Hripstod</i> (zu +<i>hripuđr</i>, Feuer?), <i>Hyrja</i> (zu <i>hyrr</i>, Feuer) +zeigen Versuche zur Personificierung des Elementes. Die Riesin +<i>Hyrrokin</i>, die auf einem schlangengezäumten Wolfe heranreitet und +das Leichenschiff Baldrs mit einem Stosse in die See treibt, nachdem +die Götter sich vergeblich damit abgemüht hatten, ist der feurige +Wirbelwind.⁠<a id="FNanchor_143_143" href="#Footnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a> Endlich ist <i>Surt</i> + zu nennen.⁠<a id="FNanchor_144_144" href="#Footnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> Surts Lohe +(<i>Surta loge</i>) ist der <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Weltbrand, in dem dereinst alles endigen +wird. Von Mittag her kommt Surt gefahren mit Feuer, von seinem Schwerte +geht Glanz aus: vor ihm und hinter ihm ist brennendes Feuer. Auf Island +sind Erdbrände vulkanischen Ursprungs gefährliche Ereignisse, welche +dem Wirken der Riesen zugeschrieben werden. So erzählt die Landnáma +2 Kap. 5: „Thorir war da alt und blödsichtig geworden, als er spät +am Abend hinausging, und er sah, dass ein Mann von aussen her nach +Kaldaros hereinruderte in einem Eisennachen, gross und bösartig. Der +ging hinauf zu dem Hofe, der Hrip hiess, und grub da beim Stadelthore. +In der Nacht aber schlug ein Erdfeuer dort auf und da brannte +Borgarhraun; dort stand der Hof, wo jetzt der Lavahaufen ist.“</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Streit zwischen Sommer und Winter⁠<a id="FNanchor_145_145" href="#Footnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a> ist von alters her +allegorisiert worden. In Frühlingsfeiern treten die beiden Gegner +persönlich auf und streiten um den Vorrang, den der Sommer schliesslich +siegreich behauptet. Aber die persönlich vorgestellten Träger der +sommerlichen und winterlichen Macht und Abzeichen lassen sich nicht +in den lebendigen Glauben und Kult des germanischen Heidentums +zurückführen, obschon Ansätze in den nordischen Quellen vorhanden sind. +<i>Swasud</i> (der Milde) und <i>Windswal</i> (der Windkalte) sind zwei +Riesen, deren Söhne nach dem Wafthrudnirlied 27 <i>Vetr</i> (Winter) +und <i>Sumar</i> heissen. Nach Gylfaginning Kap. 19 ist <i>Wasad</i> +(Kummerbringer zu an. <i>vás</i>, Mühe, Kummer) Vetrs Ahne, Windswals +Vater. „Diese Sippe war rauh und kaltherzig, der Winter hat ihre Art +geerbt.“</p> + +<p>Der Stammbaum der <i>Nólt</i> (Nacht), deren Sprössling <i>Dagr</i> +(Tag) ist, geht auf Riesen zurück. Das Nähere darüber wird unten im +Abschnitt über die Weltschöpfung mitgeteilt.</p> + +<h4 id="Spuren_vom_Riesenkult_6"><b>6. Spuren vom Riesenkult.</b></h4> + +<p>Ein <i>Riesenkult</i> ist nur schwach bezeugt. In einigen Beschwörungen +werden Riesen angerufen zu Fluch und Segen. Die Zauberin Busla ruft +Trolle, Bergriesen und Hrimthursen herbei, dass sie dem König Hring +Schaden thun (Bósasaga Kap. 5). Im deutschen <span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span>Wettersegen werden +Mermeut und Fasolt beschworen, das Unwetter abzuwenden. Im Skirnirlied +35 wird Gerd verwünscht, dem Riesen Hrimgrimnir im Totenland bei den +Hrimthursen anheimzufallen, wofern sie nicht Freys Werbung sich füge. +Um fliessendes Blut zu stillen, lautet ein altdeutscher Segen⁠<a id="FNanchor_146_146" href="#Footnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a>:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>tumbo saȥ in berke  mit tumbemo kinde enarme.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>tumb hieȥ ter berch,  tumb hieȥ taȥ kint:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>ter heilego Tumbo  versegene tiusa uunda.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Mit Tumbo (ahd. mhd. <i>tump</i>, got. <i>dumbs</i>, an. <i>dumbr</i>) +ist ein stummer, gefühlloser Steinriese gemeint, der nun auch die +Wunde gefühllos, schmerzlos machen soll. Der starre, stumme Riese +sitzt auf einem Berge mit einem Kinde im Arme. Vielleicht liegt eine +Versteinerungssage zu Grunde, eine seltsame Felsbildung, die einem +riesigen Manne mit einem Kinde im Arme glich. Beachtung verdient +auch die nordische Barðarsaga Dumbssonar, worin der Riesenkönig +<i>Dumbr</i> in Norwegen ein <i>bjargvættr</i>, ein Schutzgeist genannt +wird. Sein Sohn Bard, welchen Mjöll gebar und Dofri erzog, der also +aus den Schneewehen des norwegischen Hochgebirges herstammt, ging +auf Island in den Snæfellsgletscher ein. Die Leute hielten ihn für +einen <i>heitguđ</i> (einen mit Gelübden anzurufenden Gott) und einen +kräftigen Schutzgeist (<i>bjargvættr</i>). Dumbr vergleicht sich im +Namen dem Tumbo, aber sonst zeigen sich keinerlei Ähnlichkeiten. Unter +den Riesennamen zählt die SE. 1, 471 und 551 auch Dumbr auf.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="ZWEITES_HAUPTSTUCK"> + ZWEITES HAUPTSTÜCK. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Der_Goetterglaube.">Der Götterglaube.</h3> + +<h4 id="Namen_und_Art_der_Goetter"><b>Namen und Art der Götter.</b></h4> + +<p>Zum Gottesbegriff kann nur ein höher veranlagtes, geistig +fortgeschrittenes Volk gelangen. Zweifellos sind die religiösen +Grundlagen oft dieselben wie beim Geisterglauben, ein Zusammenhang +zwischen Gott und Naturgeist ist nicht abzuleugnen. Der Machtbereich +des letzteren erscheint beim Gotte nur vermehrt und erweitert, die +Eigenschaften mehrerer Dämonen sind manchmal vereinigt auf ein höheres +Wesen übertragen, ohne dass die Elbe und Riesen deshalb aufhörten, +die vielmehr im Gefolge des Gottes oder auch als seine Feinde weiter +leben. Gerade aber diese Anschauung setzt einen höheren Gedankenflug +voraus, der Gottesbegriff bedeutet den Sieg des Geistes über den rohen +Stoff. Der Naturdämon lebt ganz <i>in</i> seinem Element; ist er mit +übermenschlicher Fähigkeit begabt, so ist er doch beschränkt wie sein +Wirkungskreis. Selbst seine äussere Erscheinung ist durch seinen +Ursprung bestimmt. Der Gott aber thront <i>über</i> den Elementen +als ordnender, richtender Herrscher. Seine Gestalt ist die des edlen +Heldenkönigs, blühend in Schönheit und Kraft oder Ehrfurcht erweckend +durch Weisheit und reiche Erfahrung. Die Göttin erscheint als hehre +und anmutige königliche Frau. Der Gott, wie er in der Vorstellung +der Völker lebt, vereinigt alles Vollkommene in einer glänzenden, +mächtigen, geisterfüllten Persönlichkeit. Er ist das Ideal der +sterblichen Helden und Fürsten. Der Gottesdienst gewinnt ungleich +höhere Bedeutung: Seelen und Elbe empfangen Opfer, weil sie ins +alltägliche, gewöhnliche Leben, in die Wirtschaft hemmend und fördernd +eingreifen, die Götter aber lenken die Geschicke des gesamten Volkes, +Staat und Recht ist von ihnen gesetzt und wird von ihnen geschützt, sie +verkörpern die sittliche Macht. Die Indogermanen <span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>waren bereits zum +Gottesbegriff gelangt, und eine gemeinsame Grundlage, so verschieden +die spätere Entwicklung bei den einzelnen Völkern sich auch vollzog, +liegt überall vor. Es war ein Glaube an das Walten lichter Götter +(indisch <i>dêvas</i>), an deren Spitze der Beherrscher des hellen +Tageshimmels stand. Die natürlichen Feinde des Lichtes sind die Mächte +der Finsterniss, in deren Schutze die Unholde ihr Wesen treiben. Nicht +immer blieb der Himmelsgott in seiner führenden Stellung. Zwar Zeus +hat sie behauptet, aber der indische Dyâus räumte bald andern den +Platz, schon die ältesten Urkunden zeigen ihn zurückgedrängt. Ebenso +geschah es bei den Germanen. Schon hieraus sieht man, wie sehr der +Götterstaat dem Wechsel unterliegt. Die allgemeinen Grundtypen des +Seelen- und Elbenglaubens sind allerdings gemeingermanisch, schon +bei den Riesen aber beginnen die besonderen Gebilde, bedingt durch +die Naturverhältnisse, in denen die verschiednen Stämme lebten. Noch +viel stärker aber sind die Unterschiede im Götterglauben, in dem fast +jeder Stamm eigene Wege wandelte. Nur Weniges, aus der vorgermanischen +Urzeit ererbt, gehört allen Germanen gemeinsam und darf daher in +die vorgeschichtliche Periode vor Beginn der bestimmten Nachrichten +zurückverlegt werden. Drei Göttergestalten sind allein mit Sicherheit +zum Urbestand des germanischen Himmels zu rechnen: der des Donners +mächtige Himmelsgott (Jupiter tonans) in die zwei Gestalten des +<i>Tiuȥ</i> und <i>Ponaraȥ</i> gespalten und seine Gattin <i>Frijô</i>, +die Liebliche. Alles Andere scheint Sonderbildung der einzelnen Stämme +und Kultverbände zu sein. Die folgenreichste Neuerung im Glauben +unsrer Väter, das allmälige Aufkommen des <i>Wôđanaȥ</i>, sein Sieg +über <i>Tiuȥ</i> vollzieht sich im Gesichtskreis unsrer Beobachtungen. +Eine runde, feste Götterzahl ist weder für die Urzeit noch für +später nachweisbar. Der Grundzug des germanischen Götterglaubens ist +kriegerisch. Das Schicksal des Volkes entscheidet die Schlacht. Daher +ist die Göttersage von Kämpfen erfüllt, um Sieg wird die Gottheit +angerufen. Siegesglück ist die höchste Spende, die der Gott verleiht. +Im Heldenzeitalter treten die germanischen Stämme in die Geschichte, +von Heldengeist ist ihre älteste Dichtung erfüllt, dasselbe Gepräge +trägt Götterglaube und Göttersage. Nur selten in abgelegenen Ländern +wird der hohe himmlische Herrscher ebenso eifrig als Herr des Friedens +wie als Herr des Sieges gepriesen und angerufen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die gemeingermanische Bezeichnung der Gottheit lautet got. <i>guþ</i> +pl. <i>guda</i>, as. ags. ahd. <i>gođ</i>, <i>got</i>, an. <i>gođ</i>, +<i>guđ</i>. Die urgermanische Grundform ist als <i>guđam</i>, pl. +<i>guđô</i> anzusetzen⁠<a id="FNanchor_147_147" href="#Footnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a>. Aus dem Gotischen und Nordischen ergibt +sich, dass die Form des Wortes ursprünglich neutral war und wol meist +in der Mehrzahl vorkam. Erst im Christentum gewann der allgemeine +Begriff bestimmte Bedeutung und wurde als Masculinum gebraucht. Dem +germanischen Heidentum lag im Worte „Gott“ der Begriff „Gottheit, +göttliches Wesen“. Die Etymologie führt auf eine indogermanische +Participialbildung <i>ghutóm</i> zur Wurzel <i>gheu</i>, <i>ghu</i>, +welche im Sanskrit und Avestischen namentlich im sakralen Sinne +verwendet wird und das Anrufen der Götter bezeichnet. <i>Ghutom</i> ist +das mit Opfer und Gebet angerufene Wesen, erweist mithin uralten, vom +höheren Gottesbegriff untrennbaren Gottesdienst. Ein Femininum zu Gott +konnte sich erst spät einstellen, nachdem das ursprüngliche, sächliche +Geschlecht verblasste und dafür das männliche aufkam. Darum entbehren +wir auch einer gemeingermanischen Femininbildung. Im Westgermanischen +entstand zu Gott später Göttin (ags. <i>gyden</i>, ahd. <i>gutin</i>, +mhd. <i>gutinne</i>, <i>gotinne</i>, <i>götinne</i>), im Nordischen +<i>gyđja</i>, womit sowol die Priesterin wie die Göttin bezeichnet wird.</p> + +<p>Durch alle germanischen Sprachen geht ein zweites Wort, dessen vollen +Gehalt die nordische Mythologie erschliesst. Nach Jordanes Kap. 13 +führten die Goten ihren Adel, durch dessen Glück sie siegten (<i>quorum +quasi fortuna vincebant</i>) auf Halbgötter (<i>semideos id est +ansis</i>) zurück. Die gotische Form im Nom. pl. wäre <i>ansîȥ</i>, der +Sing. müsste <i>ans</i> lauten. Diese <i>ansîȥ</i> waren siegspendende +Götter. Die hochdeutschen Stämme haben das Wort in Eigennamen wie +<i>Anso</i>, <i>Anshelm</i>, <i>Anshilt</i> und ähnlichen bewahrt, +die Sachsen und Angelsachsen in <i>Oswald</i>, <i>Oslaf</i>, +<i>Osdäg</i> u. s. w. Im Ahd. lautet also das Wort <i>ans</i>, im +As. Ags. <i>ôs</i>, wozu der bewahrte ags. Plural <i>êse</i> (im +Fries. <i>ees</i>) stimmt. Auch im Deutschen deklinierte das Wort in +der Mehrzahl nach den i-Stämmen. Im Altnordischen ist <i>áss</i> aus +älterem <i>ǫ́ss</i>, <i>*ǫ́sur</i>, <i>*ansuȥ</i> hervorgegangen, +<span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>der Sing, stand zu den u-Stämmen⁠<a id="FNanchor_148_148" href="#Footnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a>, im Plur. tritt aber auch hier +der i-Stamm zu Tage, <i>æsir</i> aus <i>*ansîȥ</i>. Die ursprüngliche +Bedeutung ist nicht zu erschliessen, weil das Wort mit Sicherheit +nicht ins Indogermanische zurückgeführt werden kann. Zur männlichen +Form bildete die nordische Sprache die weibliche <i>ásynja</i>. Durch +besondere Verhältnisse gewann der Begriff der Ansen im nordischen +Götterglauben nachmals beschränkte Bedeutung, insofern eine besondere +Götterschaar als <i>æsir</i> einer andern (den <i>vanir</i>) gegenüber +stand.</p> + +<p>Aus indogermanischer Wurzel stammt die an. Bezeichnung +<i>tívar</i>⁠<a id="FNanchor_149_149" href="#Footnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a>, die Lichten, von der jedoch sonst keine Spur +vorhanden ist. Aus derselben Wurzel scheint aber der Göttername +<i>Tiuȥ</i>; (an. <i>Týr</i>, ahd. <i>Zio</i>) geleitet zu sein.</p> + +<p>Als eine ratende und richtende Versammlung heissen die Götter +<i>regin</i> und <i>metod</i>. <i>Regin</i> ist im Nordischen und +Sächsischen bezeugt. Das Wort ist aber gemeingermanisch, <i>ragin</i> +im Gotischen bedeutet Rat. Die nordische und wol auch die sächsische +Sprache verwenden <i>regin</i> im Sinne der ratenden Götter nur im +Plural. In den Hǫ́konarmǫ́l 18 wird der Ausdruck noch verdeutlicht: +<i>rǫ́þ ǫll ok regen</i>, alle ratenden Mächte. In der Vǫlospǫ́ 6, 9, +23 gehen alle <i>regin</i>, die hochheiligen Götter zu den Ratstühlen +(<i>rökstólar</i>, <i>dómstólar</i>) und holten Rat. Wir sehen die +<i>regin</i> in ihrer Eigenschaft als Ratsversammlung niedersitzen. Der +Begriff wird noch gesteigert als <i>ginnregin</i> die grossen Götter, +und <i>uppregin</i>, die oberen, himmlischen Götter. Im Götterrat +wird das Schicksal bestimmt, welches noch im Heliand 2593 und 3348 +<i>regano giskapu</i>, der Ratenden Schöpfung ist. Im Altsächsischen +und Angelsächsischen wird für Schicksal auch <i>metodo giskapu</i> +(Hel. 2190, 4827) und <i>meotodsceaft</i>, <i>metodsceaft</i> (Beow. +1077, 1180, 2815) gesagt.⁠<a id="FNanchor_150_150" href="#Footnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a> <i>Metod</i> wird <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>ags. und as. +auch vom Christengott, ursprünglich wol von der Gottheit überhaupt +gebraucht. Dasselbe Wort, aber in verschiedener Bedeutung begegnet auch +im Nordischen (<i>mjǫtudr</i> stm. Verhängniss, Tod) und Gotischen +(<i>mitaþs</i> stf. Maass). <i>Metod</i> ist der „Messer“, der einem +etwas zumisst, der Richter. Auf denselben Gedankenkreis leiten +<i>regin</i> und <i>metod</i>, die Götter sind Rater und Richter, das +Schicksal ist das von ihnen gefundene und gefällte, festgesetzte und +vollzogene Urteil.</p> + +<p>Über die <i>vanir</i>, die Glänzenden oder die Seegötter, wie in der +nordischen Mythologie eine besondere Götterschaar heisst, wird im +Abschnitt Freys berichtet. Merkwürdig ist die in nordischen Quellen +übliche Bezeichnung <i>hǫpt ok bǫnd</i>, Hafte und Bande, für die +Götter. Mit Haften und Banden (ahd. <i>haptbandun</i>) können nur +Fesseln gemeint sein. Warum aber sind die Götter Fesseln? Vielleicht +weil sie allen Übermut, der die sittliche und natürliche Weltordnung +bedroht, sei es von Seiten der Menschen oder Riesen, in Fesseln +schlagen und niederhalten. Aus Ehrfurcht vor dem Allwalter betraten +die Semnonen den heiligen Hain nur gefesselt (<i>vinculo ligati</i>). +Derselbe Gedanke mag den Namen der „fesselnden“ Götter hervorgerufen +haben, der die Semnonen zur freiwilligen Fesselung vor dem Gotte +veranlasste. Würde die Fessel, die dem Übermut von höheren Mächten +angelegt ist, gesprengt, so müssten alle Bande sich lösen, die Welt +geht aus den Fugen. Der Teufel ist gefesselt, kommt er los, so geht +die Welt unter. So sind die zwingenden, hemmenden Fesseln zugleich die +haltenden Bande und Hafte der bestehenden Weltordnung, das Gesetz, das +sie erhält. Neben dem Neutrum <i>vé</i>, Heiligtum, steht im Nordischen +das schwache Adj. <i>vé</i>, gen. <i>véa</i>, der Heilige, wie etwa +ahd. der <i>wîho</i>, sanctus, neben <i>wîh</i>, templum. Im Singular +begegnet <i>vé</i> nur als Eigenname, Odins Bruder heisst der Heilige +(Lokas. 26), im Hymirlied 40 steht aber der Plural <i>véar</i>, die +heiligen Götter. Diese Bezeichnung ist schwerlich altheidnisch.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An Gestalt und Aussehen gleichen die Götter den Menschen. Eine ideale +Menschengestalt schwebt dem Gottesbegriffe vor. Daher mag es vorkommen, +dass wol gestalte und reich gekleidete <span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>Männer vom erstaunten Volk +geradezu für Asen angesehen werden. So heisst es in der Landnáma 3 Kap. +10 von den Söhnen des Hjalti: wie sie zum Ding kamen, waren sie so wol +angethan, dass die Leute meinten, die Asen seien gekommen; und in der +Vǫlsungasaga Kap. 26 meint einer von den Leuten des Gjuki, da er den +Sigurd anreiten sieht, einer der Götter fahre daher. Die schöne lichte +Farbe wird bei Heimdall, Baldr und bei der Idun, der weissarmigen +(Lokasenna 17) hervorgehoben, Sif Thors Frau trägt herrliches Goldhaar, +im Übrigen aber erhalten wir keine besondern Einzelschilderungen. Unter +den Göttern sind ältere und jüngere gedacht. Odin ist ein älterer, +bärtiger Mann, doch keineswegs gebrechlich, greisenhaft, vielmehr +stattlich und ehrfurchtgebietend im Waffenschmuck, wie ein bejahrter, +vielerfahrener, aber noch rüstiger und waffenfähiger Volkskönig, Thor +ist eine blühende Mannesgestalt mit rotem Bart, Baldr ein strahlender, +jugendschöner Held. Nach der Geburt wachsen die Göttersöhne oft +wunderschnell zu grosser Kraft hervor, eine Nacht alt macht sich +Wali Odins Sohn zur Rache Baldrs auf, drei Nächte alt befreit Magni +Thors Sohn den Vater von der ungeheuren Last des über ihn gestürzten +Hrungnir. Es finden sich Spuren, dass die Götter besondere Nahrung +genossen. Zwar halten sie Biergelage und Thor isst gierig Lachse +und Ochsenbraten, die wandernden Asen sieden Ochsenfleisch. Aber +andererseits bedarf Odin keiner Kost, mit seinem Teil von Eberfleisch, +das den Einherjern in Walhall vorgesetzt wird, füttert er seine Wölfe, +er selber lebt allein von Wein. Idun verwahrt Äpfel, durch deren +Genuss die alternden Götter sich verjüngen. Odrerir, der begeisternde +Dichtertrank, ist vielleicht ursprünglich ein Verjüngungstrank, der das +Altern verhindert.⁠<a id="FNanchor_151_151" href="#Footnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a></p> + +<p>Es liegt im lebenskräftigen Götterglauben begründet, dass der Gott +ein höheres, längeres Leben führt als der Mensch. Unsterblichkeit +und Ewigkeit im Vergleich zum kurzlebigen Menschen gebührt dem Gott. +Tiefere Denker mögen allmälig auch das Göttliche als endlich erkennen. +So sind die griechischen Götter ewig, aber neben dieser vorherrschenden +Betrachtung taucht auch der Gedanke an ihren Untergang auf. Über die +Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der germanischen Götter wissen wir +nichts; <span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>denn die nordischen Verhältnisse dürfen nicht verallgemeinert +werden. In der nordischen Göttersage freilich sind fast alle Götter dem +Waltode geweiht, zuerst wird Baldr getötet, am Weltende aber erwartet +die Walhallgötter der Schlachttod. Da der Untergang der nordischen +Götter mit dem Weltuntergang zusammenhängt, letzterer aber ungermanisch +ist, dürfen wol auch die germanischen Götter wie die griechischen und +indogermanischen ewig gedacht werden.</p> + +<p>Die germanischen Götter erscheinen reitend oder gehend, nur Thor +fährt auf seinem mit zwei Böcken bespannten Wagen. Darum werden +Namen verschiedener Götterpferde aufgezählt. Selbst göttliche Frauen +bedienen sich, den Walküren gleich, der Rosse. Bei den Menschen aber +werden Gottheiten feierlich im Wagen umhergeführt, wie die Nerthus +und Freyr in Schweden. Altertümlicher ist gewiss das Wagengespann; +die berittenen Götter entstammen wiederum deutlich der germanischen +Heldenzeit, die Kämpfe werden zu Fuss oder zu Ross, nur äusserst +selten und schwerlich auf echt heimischer Sage begründet zu Wagen wie +z. B. in der Brawallaschlacht ausgefochten. Wenn die Götter ausreiten +oder ausfahren, so erbebt die Erde. Aus den Mähnen und vom Gebiss der +Götterrosse träufelt befruchtender Thau aufs Gefilde herab. Die Götter +reiten und fahren durch die Lüfte und auf dem Wasser, wie auf dem +Lande. Wenn sich die Götter, meist in unscheinbarer Gestalt, unter die +Menschen mischten, so erschienen und verschwanden sie plötzlich. Fürs +Verschwinden gebraucht die nordische Sprache das Wort <i>hverfan</i>, +<i>Óþinn hvarf þá</i>, Odin verschwand da, heisst es am Schlusse +des Grimnirliedes. Vermutlich galt überhaupt das gemeingermanische +Zeitwort <i>hweru̯an</i> hiefür. Die Verwandlungsfähigkeit haben die +Götter mit allen überirdischen Wesen gemeinsam, jedoch machen sie +verhältnissmässig selten und dann mehr in zauberischer Weise davon +Gebrauch. Die Götter werden im allgemeinen als heiter, wolgemut +(<i>teitr</i>, <i>glađr</i>) und mild (<i>blíđr</i>, <i>sváss</i>, +<i>hollr</i>) geschildert. Sie sind dem Menschen gnädig gesinnt. +Dem Thor lacht vor Freude das Herz in der Brust (<i>hló hugr í +brjósti</i>), aber sein Zorn bricht oft auch furchtbar hervor. Wenn +er unwillig zürnt, lässt er die Brauen über die Augen sinken, macht +finstere Brauen und schüttelt den Bart. Für Odin ist neben aller +Heldenschaft doch auch Tücke und Hinterlist Freund und Feind gegenüber +bezeichnend. Das Leben der Götter verläuft wie das der Menschen. Sie +befragen <span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span>das Loos, führen Kriege, halten festliche Gelage, üben +sich in den Waffen, halten Gericht, ergötzen sich am Brettspiel +und lassen sich in Liebeshändel ein. Verzehrende Sehnsucht erfasst +Freys Gemüt; Odin ist in allen Liebesränken wol erfahren. Die Götter +haben auch Gefolgsleute und Diener. Skirnir ist Freys Schuhknecht, +Fulla der Frigg Kammermagd. Über die Macht der Götter treffen wir +abweichende Anschauungen. Sie sind die Lenker des Schicksals, das ja +<i>metodo</i> und <i>regano giskapu</i> ist, andererseits ist aber auch +das Schicksal unabhängig und selbständig gedacht (<i>wurdgiskapu</i>). +In der nordischen Sage sind die Götter dem Verhängniss unterworfen. +Die germanischen Götter und Wurd verhalten sich wol ähnlich zu +einander wie die griechischen und die Moira. Das Schicksal gilt bald +als Willensäusserung der Götter, bald steht es selbständig neben, +ja über den Göttern. <i>Regnator omnium</i>, Allwalter, war der +Semnonengott, die Bezeichnung lässt unumschränkte Allmacht vermuten. +Die den Göttern zugemessene Macht sehen wir so geteilt, dass einer an +der Spitze der übrigen steht, denen besondere Ämter und Verrichtungen +zugewiesen sind. Die Rangverhältnisse der Götter waren aber keineswegs +gleichmässig geordnet, gerade hier treten bedeutende Unterschiede im +Laufe der Jahrhunderte und bei den einzelnen Völkerschaften hervor, +indem der Vorrang unter den Göttern wechselte, bald bei Tiuȥ, bald +bei Wodan, bald bei Freyr, bald bei Thor stand. Mithin ist auch die +Anzahl der germanischen Götter keine fest bestimmte, sondern eine ewig +wechselvolle. Für die älteste Zeit erkennen wir drei Hauptgötter, deren +Verehrung bei den meisten Stämmen sehr wahrscheinlich ist. Wieviele +Götter aber die einzelnen Stämme daneben verehrten, lässt sich nicht +feststellen. Die Zwölfzahl der Götter spielt weder im deutschen, noch +im nordischen Glauben eine Rolle. Zuerst gedenkt ihrer das Hyndlalied +30:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Elf noch lebten  vom Asenstamme,</div> + <div class="verse indent0">Als Baldrs Leiche  auf den Brandstoss sank.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Stelle steht in dem Abschnitt, der als kurze Woluspa (Vǫlospǫ́ +en skamma) bezeichnet wird und wol erst der zweiten Hälfte des +12. Jahrhunderts zugehört.⁠<a id="FNanchor_152_152" href="#Footnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a> Die Zwölfzahl entstammt gelehrter +Nachahmung des antiken Götterkreises. Sie wird von <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>Snorri Sturluson +in der Ynglingasaga Kap. 2 u. 7 und in der Gylfaginning Kap. 20 (SE. +1, 82) wiederholt, ist aber so wenig begründet, dass die Anzahl der +wirklich bezeugten Asen damit gar nicht übereinstimmt. Wir haben es +sicher mit einem späten gelehrten Versuche des 12./13. Jahrhunderts zu +thun, der keine weitere Beachtung verdient.</p> + +<p>Die Wohnstätte der Götter ist im lichten Himmel oder auf hohen +Bergen gedacht, die in den Himmel hinein ragen und weite Überschau +gewähren. <i>Ásgarđr</i>, <i>gođheimr</i> (Götterheim), <i>heilakt +land</i> (heiliges Land), <i>ragna sjǫt</i> (Göttersitz), <i>hodd +gođa</i> (Götterbezirk) lauten die Bezeichnungen bei den nordischen +Dichtern. Auf den Himmel weisen unmittelbar die Namen <i>uppheimr</i>, +<i>upplǫnd</i>, wie in mhd. Gedichten der Himmel <i>oberland</i> +heisst, wo die <i>uppregin</i> hausen. <i>Tiuȥ</i> und die <i>tívar</i> +gehören schon des Namens halber in den Himmel. Wodan, Odin und Freyr +schauen vom himmlischen Hochsitz aus auf die Welt herab. Von den Namen +der Götterwohnungen, welche das Grimnirlied aufzählt, bezeichnen einige +den weiten glänzenden Himmel (<i>Breidablik</i>, <i>Glitnir</i>, +<i>Bilskirnir</i>). Auf himmelhoch ragendes Gebirg deutet Heimdalls +Wohnsitz <i>Himinbjorg</i>. Die Götterberge brauchen nicht immer als +Kultstätten, sie können auch als Wohnsitz gedacht sein. Nach der SE. +liegt Asgard inmitten der Erde, wol als hochragender Götterberg, dessen +Gipfel durch die Wolkendecke in ewig heitere Klarheit ragt. Auch der +Göttersitz Olymp ist Berg und Himmelsraum zugleich.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Die_einzelnen_Goetter">Die einzelnen Götter.</h3> + +</div> + +<h4 id="I_Tiuz"><b>I. Tiuȥ.</b></h4> + +<h5 class="s4a" id="Des_Gottes_Art_und_sein_Kult"><b>1. Des Gottes Art und sein +Kult.</b></h5> + +<p>Der idg. <i>Diēus</i>, der Gott des strahlenden Himmels und Tages, +wurde auch bei den Germanen verehrt. In den ältesten Zeiten, von denen +die Geschichtsquellen spärliche Kunde gewähren, war <em class="gesperrt">Tiuȥ</em> noch +Erster der Götter.⁠<a id="FNanchor_153_153" href="#Footnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a> Die Mythen vom indogermanischen <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>Himmelsgotte +lassen noch deutlich die Naturerscheinung als Hintergrund der +Sagenbildung erkennen. Mit Friede und Fruchtbarkeit segnet der +Himmel die Erde. Einige Sagen und der Kult, den die Schweden noch +lange Zeit dem Gotte widmeten, zeigen auch den germanischen Gott +in seiner natürlichen Wirksamkeit. Sofern er nicht davon losgelöst +wurde, darf sein Wesen auch aus der zu Grunde liegenden Vorstellung +gedeutet werden. Daneben entwickelte sich aber eine völlig neue +Seite seiner Thätigkeit, welche bei den meisten Stämmen fast einzig +überwog. Nachdem Kampf und Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten +Lebensaufgabe der Germanen geworden war, wandelte sich die leuchtende, +in erhabener Ruhe über den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende +Gestalt des idg. Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Denn sein +eigen Ebenbild in höchster Vollkommenheit malt sich ein Volk in seinem +Gotte aus. Der Gott steht in Beziehung zur Hauptbeschäftigung seines +Volkes, er lenkt das Schicksal, das Los der Schlachten. Tiuȥ, wurde +zum Kriegsgott. In dieser Eigenschaft lernten ihn die Römer kennen, +welche ihn als <i>Mars</i> umschrieben. Bei den Tencterern⁠<a id="FNanchor_154_154" href="#Footnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a> ist +er der vornehmste der Götter. Auch die Rheinländer, die im ersten +Jahrhundert n. Chr. bereits dem Wodan sich zuwandten, brachten doch +auch dem Tiuȥ besondere Tiere, <span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>wahrscheinlich Pferde zum Opfer.⁠<a id="FNanchor_155_155" href="#Footnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a> +Am feierlichsten wurde dem allwaltenden herrschenden Gott, dem alles +gehorcht, bei den Semnonen⁠<a id="FNanchor_156_156" href="#Footnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a>, dem ältesten und edelsten Stamme des +Suebenvolkes gedient. Ein Hain von uralten heiligen Schauern durchweht +war ihm geweiht. Nur mit Fesseln durfte man den Wald betreten, wer +fiel, durfte nicht aufstehen, sondern musste sich hinauswälzen. Der +schrecklichen, strafenden und rächenden Gewalt des Gottes, der Herr +über Leib und Leben ist, dessen heilige Rechte niemand verletzen +darf, geschieht mit diesem Brauch, durch welchen jeder wie ein Opfer +hilflos in des Gottes Hand sich stellt, volle Genugthuung. Es ist ein +Bundesheiligtum, das zu bestimmter Zeit von den einzelnen verbündeten +Stämmen beschickt wird, um dem Gotte ein feierliches Menschenopfer +darzubringen. Der Glaube verlegt den Ursprung des Volkes dorthin. Die +Semnonen und durch sie auch ihre Stammverwandten betrachteten sich +demnach offenbar als Abkömmlinge des Allwaltenden. Im Kriege, den +Hermunduren und Chatten⁠<a id="FNanchor_157_157" href="#Footnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a> um den Besitz der heiligen Salzquellen +führten, opferten die Sieger dem Tiuȥ und Wodan alle Männer und Pferde +des feindlichen Heeres. Bei den Norwegern galt im 6. Jahrhundert das +Menschenopfer als Höchstes; den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem +Tiuȥ, den sie damals noch für den vornehmsten der Götter hielten⁠<a id="FNanchor_158_158" href="#Footnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a>. +Auch die Goten weihten dem Tiuȥ, dem Lenker der Schlachten, der +blutige Opfer forderte, das Leben der Gefangenen, dem Gotte gehörten +die ersten <span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span>Beutestücke, an den Baumstämmen seines Haines wurden die +eroberten Waffen aufgehängt.⁠<a id="FNanchor_159_159" href="#Footnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a> Abzeichen des Kriegsgottes war das +Schwert, bei dem die Quaden wie beim Gotte selber Eide schwuren.⁠<a id="FNanchor_160_160" href="#Footnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a> +Vielleicht ist die Sage vom Marsschwert, worin Attila das Zeichen der +Weltherrschaft sah, gotischen Ursprungs.⁠<a id="FNanchor_161_161" href="#Footnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> Denn gotische Lieder +erzählten von Attila, als wäre er ein germanischer Heerkönig gewesen. +Man würde begreifen, dass des Tiuȥ Schwert dem Menschen, der es als +des Gottes erkorener Liebling führte, steten Sieg und gewaltige Macht +verlieh. Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern +und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der +Schwerttanz bis ins späte Mittelalter herab erhalten. Die Tänzer +führten kunstreiche Fechterschläge aus, ahmten den Schwertkampf nach +und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfache Figuren. +Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit.⁠<a id="FNanchor_162_162" href="#Footnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> Die Beziehung des Tiuȥ +zum Schwert lässt vermuten, dass dieses Heldenspiel ihm zu Ehren +geschah. Die weissen Rosse, die auf Staatskosten in Hainen gehegt, nur +zum Dienste der Gottheit, nie zu dem der Menschen gebraucht werden, +aus deren Wiehern Priester und König oder Fürst weissagen, waren wol +Eigentum des Himmelsgottes.⁠<a id="FNanchor_163_163" href="#Footnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a> Wenigstens haben die im Norden aus +Tiuȥ abgezweigten <span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span>Götter Freyr, Baldr, Heimdall besondere Rosse. +Wahrscheinlich gehörten schon dem Tiuȥ Schwert, Goldhelm und Ross, er +war gerüstet wie ein Königsheld. Dem Hufe des göttlichen Rosses war +vielleicht einst die Wunderkraft zu eigen, Quellen zu öffnen, ein Zug, +der in vielen späteren Sagen und Legenden vorkommt.⁠<a id="FNanchor_164_164" href="#Footnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a></p> + +<p>Dass die Friesen dem Tiuȥ dienten, wird durch einen inschriftlichen +Fund, aus dem man aber nicht zu viel herauslesen darf, bestätigt.⁠<a id="FNanchor_165_165" href="#Footnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a> +Der unter Severus Alexander am Hadrianswall in Britannien stehende +friesische Keil (<i>cuneus Frisiorum</i>) war aus germanischen Söldnern +gebildet, die vorwiegend aus den friesischen Ländern stammten. Leute +aus Twenthe setzten dem <i>Mars Thingsus</i> einen Weihstein. Die +germanische Form des Beiwortes ist etwa <i>þingsaȥ</i> und stellt sich +natürlich als Ableitung zu <i>þing</i>. Die Grundbedeutung des Wortes +ist Versammlung, besonders Gerichtsversammlung, ferner Ort und Zeit +derselben. Unter Thingleuten sind <span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>aber auch die Angehörigen eines +Verbandes verstanden; <i>þingmanna liđ</i>, der Thingleute Schar, +heissen die von den anglischen und dänischen Königen in England im 11. +Jahrhundert zur Landesverteidigung gehaltenen Mietstruppen. Soll mit +dem Beiwort Tiuȥ in seiner Eigenschaft als Gott der Gerichtsversammlung +bezeichnet werden, „als Befehlshaber und Praesident des in Heer +und Thing versammelten Volkes“ (Scherer)? Römische Truppenteile +weihten ihren Schutzgöttern Inschriften, den <i>genii legionis</i>, +<i>cohortis</i>, <i>alae</i>, <i>vexillariorum</i>. Diesen Brauch +ahmten die Tuihanten offenbar nach und setzten dem Mars ihrer Truppe +einen Stein. Der Mars ihres Verbandes war aber nicht der römische +Gott, sondern der ihres Volkes. Den heimischen Glauben behielten die +Germanen in römischen Diensten bei. Der Mars, <i>der die friesische +Truppe beschützt</i>, — nichts anderes will das Beiwort besagen — +ist damit deutlich vom römischen unterschieden und nach der üblichen +interpretatio romana wol als der germanische Tiuȥ zu betrachten. In +der Heimat und in der Fremde, an der Dingstätte und im Lager wurde der +waltende Tiuȥ von den Friesen angerufen.</p> + +<p>Am Ende des 8. Jahrhunderts taucht die Benennung <i>Cyuuari-Suâpa</i> +auf.⁠<a id="FNanchor_166_166" href="#Footnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> Als <i>Ziuleute</i> sollen sich die Schwaben, die Abkömmlinge +der Semnonen, bezeichnet haben. Ihr Hauptsitz Augsburg hiess auch +<i>Ciesburc</i>, Burg des Ziu. Die Möglichkeit ist nicht abzuleugnen, +dass dasjenige Volk, dem einst das erminonische Heiligtum gehörte, +das vor den übrigen dem Himmelsgott als dem Vater des Stammes +zunächst stand, am längsten seinem Dienste treu blieb und in der +neuen Heimat einen Ziutempel unterhielt. Neuerdings wird aber die +Echtheit der Nachricht angefochten. Im karolingischen Zeitalter +entstand eine fabelhafte Chronik von Augsburg. Die Stadt ist eine +Gründung der Schwaben, die lang vor den Römern da gesessen haben +sollen. Das Römerheer, die <i>legio Martia</i>, erlitt eine schwere +Niederlage bei Augsburg. Ziesburg <span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span>scheint in Anlehnung an Eresburg +ersonnen: während Karl die Eresburg bezwang, brach sich die römische +Macht an der Ziesburg. Dem Augsburger war für <i>dies Martis</i> der +schwäbische Ziestag und der bairische Ertag geläufig, so mochte er +sich das Verhältniss <i>Ertag</i>, <i>Eresburg</i>: <i>Ziestag</i>, +<i>Ziesburg</i> ausdenken. Als Bewohner der von der legio Martis +belagerten Stadt ergaben sich dem gelehrten Chronisten <i>Marticolae +Ziuuari</i>. Vielleicht ist dieser Ausdruck jedoch überhaupt gar nicht +über die Wessobrunner Handschrift hinausgelangt, wo er aus „Recyuuari“ +Riesser, Bewohner des Riess, verschrieben zu sein scheint. Mindestens +ist der „hieratische“ Namen der Schwaben und der ihrer „Ziuburg“ mit +Vorsicht aufzunehmen, weil er vielleicht nur durch Schreiberirrtum und +gelehrte Fabelei im Ausgang des 8. Jahrhunderts zu Stande kam und mit +der Heidenzeit und dem echten Götterglauben der einst dem Tiuȥkult +zugethanen Semnonen-Sueben nichts mehr zu schaffen hat.</p> + +<p>Tacitus erzählt von der göttlichen Abstammung der drei Hauptstämme +der Germanen⁠<a id="FNanchor_167_167" href="#Footnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a>. <i>Tuisto</i>, der Sohn der Erde hat wol den +Himmel zum Vater. Da Himmel und Erde an ihm Teil haben, da er ihr +beider Wesen in sich vereint, heisst er der Doppelte, Zwiefältige, +vielleicht aber auch Zwitter⁠<a id="FNanchor_168_168" href="#Footnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a>, wenn etwa Mannus von ihm allein +entsprang. <i>Mannus</i> ist der Urmensch, Erzeuger der Menschheit. +In dieser Genealogie bezeichnet aber Mannus den Gott als Menschen. +Der Grundgedanke scheint zu sein, ein Gott in Menschengestalt zeugte +die Stammväter, nach deren Namen <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>die Völker heissen. Wie erklären +sich die Namen dieser drei Stammeshelden <i>Ingvio</i>, <i>Istvio</i>, +<i>Irmino</i>⁠<a id="FNanchor_169_169" href="#Footnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a>? Wenn Völker oder Geschlechter nach einem ihrer +berühmten Ahnen den Namen empfangen, dann ist dieser Ahne ein +vergötterter Mensch, ein Halbgott, niemals ein rein göttliches Wesen. +Steht auch einer der hohen himmlischen Götter, etwa Tiuȥ, Donar oder +Wodan, an der Spitze, so knüpft doch die Benennung nicht an den Gott +selber an, vielmehr an einen Nachkommen. Ein Halbgott, ein Heros +vermittelt zwischen dem Gott und den Sterblichen. Müllenhoff meint +(Schmidts Zeitschrift 8, 222), „entweder ward dem Gott eigens ein Name +beigelegt, der nur ein nahes Verhältniss zu dem Volke oder Geschlecht +ausdrückt, oder das Volk oder Geschlecht bezog auf sich einen schon +vorhandenen, im Wesen des Gottes begründeten Beinamen“. Andächtige +Stimmung, religiöser Brauch soll die meisten der altgermanischen +Völkernamen geschaffen haben. Geistvoll weiss Müllenhoff diese +„hieratischen Kultnamen“ auszulegen. Doch unumstösslich feste Beweise +sind nicht erbracht. Laistner schlug einen andern Weg zur germanischen +Namendeutung ein und gelangte zu einer bestimmten, aus treffender +Beobachtung geschöpften Gesamtansicht über ihren Ursprung. Das Volk +in Verband und Versammlung, in Sippeverhältniss und Heerordnung, nach +Seelenzahl und Ausbreitung, also einfache natürliche Zustände sind +Quellen der Namen. Ohne jede Herleitung im einzelnen zu billigen, +möchte ich Laistners Erklärungsweise der gezwungenen Müllenhoffs +vorziehen. An sprachlicher Begründung steht sie hinter letzterer nicht +zurück, aber sie ist insofern ungefährlicher, als sie nicht gleich auf +unsichere Voraussetzung hin die germanische Mythologie mit allerlei +weit- und tiefgreifenden Vermutungen bereichert. Im gegebenen Fall +fragt es sich also, nannten sich diese drei Hauptvölker nach den +Beinamen eines Gottes, und so erklärt Müllenhoff, oder haben sie aus +ihren eigenen <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>Benennungen drei Helden gemacht, und diese als des +Gottes Söhne, vielleicht auch manchmal als des Gottes Beinamen (z. B. +<i>Saxnôt</i> als Sachsengott) ausgegeben, heisst das Volk nach dem +Gott oder der Gott nach dem Volk? Mit Laistner und andern entscheiden +wir uns für letztere Ansicht, welche auch der J. Grimms wieder näher +kommt. Müllenhoff glaubte die zu Grunde liegenden Namen des Gottes als +<i>ingvaȥ</i> der Ankömmling, <i>ermnaȥ</i> der Erhabene, <i>istvaȥ</i> +der Verehrungswürdige (nach Scherer der Gott des Herdfeuers, nach +Hoffory der Flammende) erklären zu dürfen. Die Ingvaeonen, Erminonen, +Istvaeonen seien Kultgenossenschaften, Völker, die gemeinschaftlich +einen Gott unter diesen Namen anbeteten und sich gemeinsamer Abkunft +von ihm rühmten. In Ingvaȥ und Ermnaȥ erkannte er den Tiuȥ, in Istvaȥ +den Wodan, während Hoffory auch diesen auf Tiuȥ bezog. Nach Laistner +sind die Ingvaeonen die Einheimischen, die Erminonen das Grossvolk, +die Istvaeonen die Echten, Vollbürtigen. Welcher Deutung man auch +beipflichte, die Hauptfrage bleibt sich gleich, was für Götter sind +mit den Stammvätern gemeint. Leicht ist die Entscheidung für die +erstgenannten. Die Ingvaeonen wohnten auf der deutschen Halbinsel +zwischen Ost- und Nordsee, ihr gemeinsamer Kult galt der Nerthus, +deren Heiligtum auf einer Insel der Nordsee sich erhob. Die Angeln und +Sachsen gehören zu den Ingvaeonen. „Ing war zuerst bei den Ostdänen den +Menschen erschienen; später zog er ostwärts über die Wogen; sein Wagen +rollte ihm nach.“⁠<a id="FNanchor_170_170" href="#Footnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a> Mit Ing, dem Begründer ihres Volkes, fuhren +die Angeln aus ihrer alten schleswigschen Urheimat nach Britannien. +Ingwine, Freunde des Ing heissen die Ostdänen (Béowulf 1045, 1320). Ing +war ihr erster König, an ihn knüpften die Genealogien ihrer Herrscher +an. Bei den norwegischen Skalden heissen die Könige der Schweden +<i>Ynglingar</i>, Nachkommen des Yngvi; der Gott Freyr wird auch Yngvi +oder Yngvifreyr genannt. Freyr ist aber sicher der Himmelsgott Tiuȥ. +Freyr und Nerthus gehören zusammen als die Hauptgötter <span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>der Ingvaeonen. +Sollte auch die nordische Zusammenstellung von Yngvi und Freyr erst +später erfolgt sein, so dachten doch jedenfalls die Ingvaeonen ihren +Ingvo oder Ingvio als Sohn des herrschenden höchsten Gottes, und der +kann zur Entstehungszeit der Sage nur Tiuȥ gewesen sein, noch nicht +Wodan. Man erkennt mit Hilfe dieser Zeugnisse den eigentlichen Sinn +der Genealogie des Tacitus. In Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen +gepriesen, die Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen +Ursprungs. Tiuȥ in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio war sein +Sohn und erster König, das Königtum ist vom höchsten Gotte eingesetzt. +Auf denselben Mythus geht die schöne später ausgebildete anglische Sage +von Skéaf⁠<a id="FNanchor_171_171" href="#Footnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> zurück, nur ist sie auf den Stamm der Angeln beschränkt, +wie ja auch die Ostdänen den Ing für sich allein in Anspruch +nehmen. Den Anfang des Königtums und der Kultur knüpften sie an die +wundersame Ankunft eines geheimnissvollen Fremdlings. In steuerlosem +Schiff, auf einer Garbe schlafend, kam ein hilfloses Kind ans Land +geschwommen. Von den Bewohnern wurde es wie ein Wunder aufgenommen +und sorgfältig erzogen. Sie legten ihm den Namen <i>Skéaf</i> bei, +nach dem Getreidebündel (angl. <i>skéaf</i>, nds. <i>skôf</i>, ahd. +<i>scoup</i>, mhd. <i>schoup</i>), auf dem er geschlafen hatte. Skéaf +wurde zum König der Angeln erwählt und wuchs an Macht und Ehren. Als +er aber aus dem Leben schied, da trugen die Männer ihn wieder zum +brandenden Ufer, wie er gebeten. Dort lag sein Schiff zur Ausfahrt +bereit, und wieder trieb der tote Held hinaus auf die Wogen. Niemand +weiss, woher er kam, wohin er entschwand. Aber eine edle Königssippe +stammte von ihm ab. Es war der Himmelsherrscher selber gewesen, der +in Menschengestalt zu seinem Volke herabstieg und ihm die Segnungen +gesicherten Ansiedelns und Wohnens, den Ackerbau und das Leben und +Besitz schirmende Königtum verlieh. Der Himmelsgott an der Spitze von +Stammtafeln, als Begründer menschlicher Einrichtungen wird uns auch +sonst begegnen, im nordischen Freyr und Heimdall.</p> + +<p>Mit Irmino ist ebenfalls Tiuȥ gemeint. Denn für diese Völker ist in +ältester Zeit der Himmelsgott der Höchste, so im uralten <span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>Semnonenwald, +so bei den nach dem Süden gewanderten Stämmen der Schwaben, Marcomannen +und Quaden. Bei den Hermunduren steht allerdings bereits Wodan neben +Tiuȥ. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der +Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der <i>irminsûl</i>. +<i>Hirmen ... Mars dicitur</i>, <i>Irmino ist Tiu</i>, sagt +Widukind.⁠<a id="FNanchor_172_172" href="#Footnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a> In Westfalen auf dem <i>Eresberg</i> war ein Heiligtum, +ein Hain und ebenfalls eine solche Irmensûl, welche Karl der Grosse 772 +zerstörte. <i>Er</i> ist Tiu unter anderem Namen und die Irmensûl muss +also auf den Himmelsgott bezogen werden. Irmineswagen heisst freilich +nach später Überlieferung (Leibnitz ser. 1, 9) das Sternbild.</p> + +<p>Schwieriger ist es, über den Stammvater der Istvaeonen ins Reine zu +kommen. Während Ingvaeonen und Erminonen sicher auf Tiuȥ ihr Geschlecht +zurückführen, während Namen mit Ingvio und Irmino zusammengesetzt noch +lange fortleben, ist Istvio verschollen. Unter den Istvaeonen sind +die Bewohner der Rheinlande gemeint. Da bei ihnen Wodan aufkam, liegt +es nahe, Abstammung von Wodan ihnen zuzuschreiben. Aber die Erwägung +hält kaum Stand. Die Lieder, in welchen die Völker gemeinsamer Abkunft +sich rühmen, reichen in graues Altertum. Die gemeinschaftlichen +Namen scheinen in der Römerzeit bereits in Auflösung begriffen, neue +Bundesgenossenschaften erstehen. Der Wodandienst, dem freilich in der +Römerzeit die Istvaeonen anhängen, ist für die den Liedern zu Grunde +liegenden Verhältnisse nicht notwendig vorauszusetzen, damals war er +vielleicht noch gar nicht vorhanden. Die drei Stammväter als Brüder +gedacht ordnen sich einer Einheit unter, die Westgermanen, obwol unter +sich in verschiedene Gruppen eingeteilt, fühlten wol dereinst ihre +Zusammengehörigkeit, wenigstens geht ein solcher Gedanke durch das +Gedicht, dem jene Sage entstammt, hindurch. Wenn zwei der einander +gleichgestellten Brüder auf den Himmelsgott weisen, wird auch der +Dritte <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>keinem andern zuzuteilen sein. Tiuȥ, aus dem Himmel unter die +Menschen herabsteigend, ward der Vater der westgermanischen Hauptvölker.</p> + +<p>„Die einzelnen Völkerschaften eines Stammes, wie eine grosse Familie +und Blutsverwandtschaft sich betrachtend, vereinigten sich jährlich +zu einer gemeinsamen Feier und erneuerten ihre Gemeinschaft bei einem +blutigen Opfer; den Gott sahen sie für ihren Vater und den Gründer +ihres Geschlechtes an, die Göttin für ihre Mutter, beide, da jener des +Himmels waltete, diese die Erde segnete, für ihre Ernährer, Herrscher +und Beschützer.“⁠<a id="FNanchor_173_173" href="#Footnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a> Das Bundesheiligtum der Ingvaeonen war die +Nerthusinsel, das der Erminonen der Semnonenwald. Bei den Istvaeonen +waren vermutlich die Marser Pfleger des Heiligtums der Göttin Tanfana, +das Germanicus 14 n. Chr. zerstörte, wodurch auch Volk und Name der +Marser vernichtet wurden.</p> + +<p>Der nordische Tyr⁠<a id="FNanchor_174_174" href="#Footnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> nennt sich den Sohn des Hymir, der ostwärts +über den stürmischen Wogen am Himmelsrande wohnt. Der Tag steigt im +Osten aus den Gewässern hervor. Loki rühmt sich, mit Tyrs Weib gebuhlt +zu haben; sonst wird nirgends mehr seine Gattin genannt. Die jüngere +Auffassung ordnet ihn als Sohn dem Odin unter. Snorre berichtet: „Tyr +ist überaus kühn und mutig, und hat die Hauptentscheidung über den +Sieg in den Schlachten. Daher ist es gut, wenn tapfere Männer ihn +anrufen. Eine gebräuchliche Redensart ist es, von jemand, der andere +an Mut übertrifft, zu sagen, er sei kühn wie Tyr. Damals hat er einen +Beweis seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit gegeben, als die Asen +den Fenriswolf dazu bringen wollten, sich die Fessel Gleipnir anlegen +zu lassen. Der Wolf wollte ihnen nicht glauben, dass sie ihn wieder +lösen würden, und so mussten sie ihm als Pfand die Hand Tyrs in den +Rachen legen. Als nun die Asen ihn wirklich nicht befreien wollten, +biss er ihm die Hand ab an jener Stelle, die seitdem Wolfsglied (das +Handgelenk) heisst, und der Gott besitzt nun nur eine Hand. Er ist +auch so weise, dass man von <span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>einem besonders klugen Manne zu sagen +pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten, +dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu +stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander +gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert +ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird +durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab.</p> + +<p>Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch +deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuȥ zu Tage, im 6. Jahrh. +galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern, +damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt. +Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden +wurde er Freyr genannt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9. +Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten +und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle, +aber kühne Vermutung Zimmers⁠<a id="FNanchor_175_175" href="#Footnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> schliessen. Die irische Sprache +bezeichnet das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem +Worte <i>dîberc</i> (gespr. <i>dîwerc</i>). Aus dem irischen Wortschatz +ist <i>dîberc</i> nicht zu erklären. Da viele nordische Wörter zur +Zeit der Heerfahrten ins Irische übergingen, kann auch <i>dîberc</i> +aus dem Nordischen entlehnt sein. <i>Týverk</i>, Werke des Tyr, Werke +des Kriegsgottes, nannten die heidnischen Wikinger ihre Thaten, und +die Iren machten daraus <i>dîberc</i>, deren Wirkung sie ja genugsam +verspürten und fürchteten. Bei den Norwegern, die im 9. Jahrh. in +Irland heerten, herrschte somit noch Tyrsdienst vor, der später vor +Thors und Freys Dienste zurücktrat.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513 +die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in +Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim +eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen +Worte „<i>Teer yebus, ye Teer ye Odin</i>.“ Sie sind zu deuten „<i>Týr +hæb us, ye Týr ye Odin</i>!“ Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin +einen alten northumbrisehen <span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Kampfruf vermuten, welcher in der späteren +Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in +englischer Namensform angerufen.⁠<a id="FNanchor_176_176" href="#Footnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Alle Germanen haben den <i>dies Martis</i> nach Tiuȥ benannt, nur +die Baiern haben eine andere Bezeichnung: <i>Ertag</i>, woran noch +die heutige Mundart festhält.⁠<a id="FNanchor_177_177" href="#Footnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> Spätere Formen sind <i>Eri-</i>, +<i>Erch</i>-, <i>Erichtag</i>. J. Grimm vermutet, dass in diesem +Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes verborgen sei. Bedenklich +ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie Wodans-Donars-Ziestag +steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg herangezogen werden. +Merkwürdig sind einige Runennamen, ᛏ ist im Ags. <i>tír</i> Ruhm (ahd. +<i>zêri</i>, <i>ziere</i>), im Nordischen aber Týr nach dem Gotte +benannt. Die Rune ᛠ mit dem Lautwert ea heisst im Ags. <i>ear</i> +und <i>tir</i>, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend +<i>aer</i> und <i>ziu</i> für die Rune. Darf man daran die etwas kühne +Vermutung knüpfen, die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen +des Himmelsgottes Er und Ziu durch das ags. <i>ear</i> und <i>tír</i>, +nord. <i>Týr</i> erinnert? Mogk schliesst, <i>Er</i>, <i>Ear</i> war +ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen und Baiern, Ertag ist gleich +Ziestag. Das Wort soll dem indischen <i>arya</i> verwandt sein, das im +Sinne von freundlich im Rigveda den Göttern beigelegt wird.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die +Götternamen „<i>Thuner ende Wôden ende Saxnôte</i>“, denen der Täufling +entsagen soll. <i>Saxnôt</i>⁠<a id="FNanchor_178_178" href="#Footnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> ist jedenfalls einer der drei +germanischen <span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span>Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich +gestellt wird. In der ostsächsischen Stammtafel begegnet <i>Saxnéat</i> +als Wodens Sohn. Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des +Festlands und in Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter, +wie auch im Norden Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu +unter den Sachsen. Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist +das Kurzschwert, das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem +schwertfrohen Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname <i>Saxon</i> +erscheint wie eine Kurzform zum vollen <i>Saxnôtas</i>. Schwertgenossen +wie die ags. <i>Sweordweras</i> nannten sich die Stammesangehörigen, +und den Tiu stellten sie an die Spitze ihres Bundes, indem sie den +Schwertgott auch als ihren Schwertgenoss bezeichneten.⁠<a id="FNanchor_179_179" href="#Footnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a> Der Gott +nahm auch hier den Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu +ursprünglich Saxnôt hiess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in +Waffen so sich nannte, versteht man leicht.</p> + +<h5 class="s4a" id="Spuren_von_Mythen_2"><b>2. Spuren von Mythen.</b></h5> + +<p>Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die <i>Dioskuren</i>, die +ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig +reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und +griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali +weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit +einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst einer +Gottheit geweiht, deren Namen <i>Alkîȥ</i> lautet, deren Wesen den +Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in +der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.⁠<a id="FNanchor_180_180" href="#Footnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span></p> + +<p>Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuȥsagen +erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuȥ bereits +stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene +Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich +und Weib, die Frija besitzt Wodan-Odin. Nur mit oft gewagten und +unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung +von den altgermanischen Tiuȥmythen, welche mit den indogermanischen +vermutlich auf gleicher Stufe standen.</p> + +<p>Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen +ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott. +Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl +beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der +Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches +Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen +werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und +poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken +wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen +auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die +<i>Açvins</i> (d. h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die +<i>Ushas</i> (Ἠώς), die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte, +<i>Sûryâ</i>, die Sonnengöttin, mit der Morgenröte auch öfters eins +gedacht; nach Zwielicht und aufleuchtender Röte tritt der volle +strahlende Tag, der hehre <i>Dyâus</i> selber hervor, dem alle +untergeordnet sind. Die Erscheinungen beim anbrechenden Tage setzt die +Einbildungskraft des Dichters in mehrfache Beziehungen zu einander. +Alle möglichen Sagen können daraus entspringen. Am Abend wiederholt +sich das Ereigniss. Da schwinden die holden, freundlichen Lichtgötter +dahin vor den unholden, feindseligen und verhassten Mächten der +Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn wir sie wieder ihrem ersten +und echten Gemahl, dem Tiuȥ zurückgeben, gründen sich offenbar auf +den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuȥ, und den Alkîȥ hiebei eine +thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier Erwähnung finden. +Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um die Gestalt +des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum rechten +Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem sie +Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später.</p> + +<p>Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija <span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span>geht zurück +auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ. +Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den +reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des +Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die +Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûryâ (Helios) +oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier +oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem +Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber +ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sûryâ angenommen: +des Sonnengottes holde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit +auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen +Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei +Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen +zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus +entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung +bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen +zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber +auch der Tag- und Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte +gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein +und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine +volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen +Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer +dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen, +entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen +sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der +Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe. +Auf der schmuckfrohen Himmels- und Sonnengöttin, im Norden Frigg und +Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich +der Vorwurf der Buhlerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu +gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die +unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem +Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher +Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig +Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem „<i>Irmintiu</i>“ +gehört haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild +und ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico +und Frîdila, in denen die <span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span>Zeussöhne, die Dioskuren stecken sollen, +wird den Mythus ergeben: Die schatzreichen <em class="gesperrt">Harlunge</em> führen die +Sonnenjungfrau ihrem Vater „Irmintiu“ zu. Sie werden beschuldigt, +selber nach der Braut getrachtet zu haben. Darum lässt der Himmelsgott +sie ergreifen und aufhängen. Ihren Reichtum, das Harlungengold, +nimmt er an sich. Dieser von Müllenhoff und Roediger geistvoll aus +der Heldensage erschlossene Göttermythus entbehrt völliger und +überzeugender Begründung, ebenso die weiteren daran geknüpften +Folgerungen, auf deren Vorführung wir verzichten.</p> + +<p>Ein anderer von Müllenhoff auf ähnliche kühne Weise aufgebauter Mythus +zeigt die Dioskuren als ein Brüderpaar, die <em class="gesperrt">Hartunge</em>; Hartnît, +der ältere erstreitet gegen ein riesisches, winterliches Geschlecht, +die Isunge, ein schönes göttliches Weib. In seiner goldglänzenden +Rüstung verfällt er später einem Drachen, der ihn verschlingt. Der +jüngere Hartung, Harthere erschlägt dann den Drachen, legt die Rüstung +und Waffen Hartnîts an, bändigt und besteigt sein Ross, und wird +darauf von der trauernden Wittwe an des Bruders Statt als Gemahl +angenommen. Auch sonst noch sollen die lichtspendenden, streitbaren, +rossebändigenden Jünglinge in Brüderparen der Heldensage wiederkehren.</p> + +<p>Wenn der nordische Tyr es mit dem Wolfe zu thun hat und am Ende der +Tage mit dem Höllenhunde kämpft, mag vielleicht eine alte mythische +Vorstellung hierin nachklingen. Mit einem Wolf, dem Ungeheuer der +Finsterniss, kämpfen die Açvins und der griechische Sonnengott Apollo, +der ja sogar den Beinamen Wolfstöter (λυκοκτόνος) führt.</p> + +<p>Über Vermutungen gelangt der Versuch, germanische Tiuzsagen wieder +herzustellen, nicht hinaus. Sehr gewagt scheint es, Sagenzüge, die +längst alle Beziehung und allen Zusammenhang verloren, wieder an den +Himmelsgott anzuknüpfen. Denn keine Gewähr ist vorhanden, dass diese +Stoffe einst wirklich, nicht nur in unserer Einbildung, zu Tiuz und den +Alkîȥ gehört haben. Nur eine einzige Sage, wie der Himmelsgott sein +Weib errang, hat sich in lebendiger Darstellung erhalten, doch auch in +bestimmter Beziehung zum schwedischen Freyr. Unter seinem Namen soll +sie mitgeteilt werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span></p> + +<h4 id="II_Freyr"><b>II. Freyr.</b></h4> + +<h5 class="s4a" id="Des_Gottes_Art_und_sein_Kult_1a"><b>1. Des Gottes Art und +sein Kult.</b></h5> + +<p>Auf einer Insel der Nordsee, in heiligem Hain erhub sich das +Stammesheiligtum der Ingvaeonen. Dort befand sich ein mit Teppichen +verhängter Wagen, dem nur der Priester nahen durfte. Zu gewisser +Zeit wurde die Gottheit <i>Nerþus</i> auf einem mit Kühen bespannten +Wagen unter dem Geleit des Priesters umhergeführt. Wohin der Umzug +kam, überall herrschte Friede und Festesfreude. Bei der Rückkehr ins +Heiligtum wurde die Gottheit im See gebadet; die dienenden Knechte +wurden ertränkt, damit kein frevles Auge das Geheimniss erschaue.⁠<a id="FNanchor_181_181" href="#Footnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> +Was hier von einer Göttin <i>Nerþus</i> erzählt wird, stimmt auffallend +zu dem, was nordische Quellen von Njord und seinem Sohn Freyr⁠<a id="FNanchor_182_182" href="#Footnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a>, +die in Schweden verehrt <span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>wurden, berichten. An ihren Namen knüpft die +goldene Friedenszeit, das glückliche Zeitalter des Nordens, hier wie +dort wird die Friede spendende Gottheit auf einem Wagen unter dem +Volk umhergeführt. <i>Njǫrþr</i>, aus *<i>nerþuȥ</i> entstanden, ist +lautlich gleich <i>Nerthus</i>, wie die besten Tacitushandschriften +bieten. Nur ist im Norden ein Gott, bei Tacitus eine Göttin mit dem +Namen belegt. Die urgermanischen u-Stämme lauten im Fem. und Masc. +gleich, also ist jede der beiden Verwendungen sprachlich möglich. +Das gemeingermanische Wort <i>nertu</i>, ‚guter Wille‘, wurde als +Eigenschaftsbenennung auf Personen übertragen, <i>nerþuȥ</i> meint die +wolthätige, holde Gottheit und kann ebenso einem Gott wie einer Göttin +zuerteilt werden.⁠<a id="FNanchor_183_183" href="#Footnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a> Bei Tacitus ist wol von der vielnamigen und +vielgestaltigen Hauptgöttin der Germanen, von der mütterlichen Erde die +Rede, die dem Himmelsgott als Gattin und Schwester gesellt war. Zieht +die holde Göttin durch die Fluren, so geleitet sie als Vertreter des +Gottes der Priester; wenn der Gott umfährt, steht ihm die Priesterin +zur Seite, wie bei Freyr in Schweden. Beiwörter der Gottheit wandelten +sich im Norden zu Eigennamen. Njord und Freyr, einst der holde +(<i>nerþuȥ</i>) und der herrschende oder der frohe (<i>fraujaȥ</i>) +Himmelsgott, sind als Vater und Sohn gedacht, aber im Grunde ihres +Wesens einander völlig gleich. Mit seiner Schwester erzeugt Njord den +Freyr.</p> + +<p>Mit Freyr und Njord⁠<a id="FNanchor_184_184" href="#Footnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> hat es im nordischen Götterkreis besondere +Bewandtniss. Einstimmig nennen alle Zeugnisse Schweden als die Heimat +des Freysdienstes. Von dort wurde er frühzeitig nach Norwegen, nach +Drontheim verpflanzt, jedenfalls vor dem 9. Jahrhundert, denn die +Norweger fahren von 876 ab unter Thors und Freys Schutz nach Island.</p> + +<p>In den Liedern und in Snorris Edda heissen Njord, Freyr <span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>und Freyja +Wanen, <i>vanir</i>⁠<a id="FNanchor_185_185" href="#Footnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a> im Gegensatz zu den Asen. Die Wanen sind ein +glänzendes, lichtes Geschlecht⁠<a id="FNanchor_186_186" href="#Footnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a>, die mit Jahressegen, Frieden +und Reichtum zu schaffen haben, in Wesen und Benennung von den +kriegerischen Asen unterschieden. Auch Herkunft und Heimat trennt Wanen +und Asen, obwol sie sich später in der Vorstellung nordischer Dichtung +vereinigten. In die Urzeit verlegt die Sage einen Krieg zwischen Asen +und Wanen.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 21. Ich weiss als ersten   der Weltenkriege,</div> + <div class="verse indent7">als Gullweig sie      mit Geeren stiessen</div> + <div class="verse indent7">und sie in Hawis     Halle verbrannten,</div> + <div class="verse indent7">dreimal verbrannten   die dreimal geborne,</div> + <div class="verse indent7">oft und häufig,    doch immer noch lebt sie.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 22. Heid hiess man sie,   wo ins Haus sie kam,</div> + <div class="verse indent7">die sinnvolle Zaub’rin  mit dem Sehergeist;</div> + <div class="verse indent7">hirnverrückende      Hexenkunst trieb sie,</div> + <div class="verse indent7">leidiger Weiber    Lust war sie stets.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 23. Da gingen zu Sitze     die Götter alle,</div> + <div class="verse indent7">die heiligen Herrscher, und hielten Rat:</div> + <div class="verse indent7">ob Zins die Asen    zahlen sollten</div> + <div class="verse indent7">oder alle Götter      die Opfer geniessen.</div> +<span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span> </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 24. Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer</div> + <div class="verse indent7">— das auch geschah  im ersten Weltkrieg —</div> + <div class="verse indent7">da brach der Wall     in der Burg der Asen,</div> + <div class="verse indent7">die streitbaren Wanen zerstampften das Feld.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>In Gullweig, der Goldigen, darf man vielleicht eine Wanin, die Freyja +vermuten. Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den +Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, der +Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte +des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als +Raubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den die milden Götter der +Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und +Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges, Krieger, Bauer und +Kaufmann, Asen und Wanen geraten an einander. Siegreich behaupteten +die Wanen das Feld. Nun berieten die Asen über den Frieden, ob sie den +von den Wanen geforderten Zins erlegen oder ob sie ihnen ihr zweites +Verlangen zugestehen sollten, gleichberechtigt mit den Asen Opfer zu +empfangen. Und so wurde beschlossen. Denn wirklich erscheinen die Wanen +im Kreise der Asen und stehen ihnen an Ehren nicht nach. Ergänzend +berichtet die Ynglingasaga Kap 4: Odin fuhr mit einem Heer gegen die +Wanen, die aber verteidigten ihr Land und waren mehrmals siegreich. +Nachdem beide Teile in längerem Kriege einander Schaden angethan +hatten, kam es zur Versöhnung, Friede wurde geschlossen, Geiseln wurden +gestellt. Die Wanen gaben ihre besten Leute, den reichen Njord und +seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen den Hoenir, einen stattlichen und +schönen Mann, doch beschränkten Sinnes, weshalb ihn der weise Mimir als +Beirat begleitete. Den Njord und Freyr setzte Odin zu Opferpriestern +ein. Freyja Njords Tochter war Priesterin, sie übte zuerst unter den +Asen Zauberei (<i>seiđ</i>), wie sie bei den Wanen üblich war. Nach +Wanenbrauch, der bei den Asen verboten war, hatte Njord seine Schwester +zur Frau. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den kriegerischen, +geistesmächtigen Asen, die im Besitz höherer sittlicher Anschauung sich +befinden, und den vielfach noch im Naturzustand verharrenden Wanen +tritt auch hier zu Tage. Freyja als Zaubrerin fällt offenbar mit der +zauberkundigen Hexe Gullweig zusammen. Den Asen ist ihr Wesen neu und +fremdartig. Nur weiss Snorri nichts von vorhergehender Gewaltthat in +Odins Halle, welche nach der Vǫlospǫ́ den Krieg verursacht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span></p> + +<p>Yngl. Kap. 5 erzählt, Odin zog von Saxland nordwärts zur See und nimmt +sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland (<i>Odinsvé</i>, +<i>Odense</i> in Fünen). In Schweden herrscht König Gylfi. Odin sandte +Gefjon zu ihm, um Ackerland zu fordern. Sie pflügt ein Stück Land +heraus und zieht es ins Meer. Es ist die Insel Selund; in Schweden +bildete sich an Stelle des Landstückes der Mälarsee, dessen Buchten +gerade so liegen als die Landzungen auf Selund. Odin aber, von der +Trefflichkeit des schwedischen Ackerlandes unterrichtet, fährt selbst +nach Schweden. Da Gylfi keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen sich +zutraut, verträgt er sich mit ihnen. Odin und die Seinigen messen sich +mit Gylfi in mancherlei List und Blendwerk⁠<a id="FNanchor_187_187" href="#Footnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a>, die Asen sind aber +stets die Mächtigern. Am See im alten Sigtún lässt sich Odin nieder, +richtet daselbst eine grosse Opferstätte nach Gewohnheit der Asen ein +und weist auch seinen Genossen Wohnsitze an. Freyr herrscht in Uppsala.</p> + +<p>Die Sagen vom Wanenkrieg und von der Einwanderung der Asen +nach Schweden haben unter sich Ähnlichkeit; trotz mancherlei +unverständlichen Einzelheiten, trotz der jungen Fassung der +Ynglingasaga darf ein gemeinsamer alter Kern erschlossen werden. Beide +Berichte sind den Asen feindlich und erkennen nur widerstrebend ihre +Macht an. Hier kämpfen die Schwedengötter, Freyr und Njord, die Wanen +gegen die Asen, dort der Schwedenkönig. Es kommt zum Vergleich, wonach +die angefahrenen Asen im Lande Opferstätten erhalten, aber sie müssen +dagegen zur Anerkennung der Landesgötter sich bequemen. Asen und Wanen, +Odin und Freyr herrschen zusammen. Ein geschichtlicher Vorgang scheint +zu Grunde zu liegen, ein uralter Kultkrieg zwischen den Anhängern +eines festgewurzelten altheiligen Glaubens und den Vertretern einer +neuen aus der Fremde stammenden Religion. Der Gegensatz zwischen +Freyr und Odin, dem Himmelsherrn und dem Sturmgott, jener gewaltige +Umschwung, dem der germanische Götterglaube in den ersten Jahrhunderten +unterworfen ist, kommt auch <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>hier freilich unter wesentlich anderen +Umständen zum Ausdruck. Der norwegische Volksgott ist der Himmelsgott +in seiner Eigenschaft als Donnerer, Thor; in Schweden muss frühzeitig +der ingvaeische Freyr, der Begründer und Stifter des Königtums festen +Fuss gefasst haben, wahrscheinlich durch die Handelsbeziehungen der +Schweden zu den ingvaeonischen Völkerschaften. Von Schweden griff er +nach Norwegen hinüber. Das Zusammentreffen des Gottesdienstes der +Schweden und Norweger rief keine Fehde hervor. Wenigstens sind keine +Spuren gewaltsamer Ausbreitung des Freysdienstes vorhanden. Als aber +der deutsche Wodansglaube über Dänemark nach Skandinavien vordrang, +was jedenfalls vor 800 geschah, da traf er in Schweden eine starke +nationale Gegenströmung. Die schwedischen Könige, die Söhne Freys, +wollten anfangs nichts von Odin wissen. Es mag bis zu Kämpfen zwischen +den Anhängern des Alten und des Neuen gekommen sein, woraus die Sage +einen Krieg zwischen Asen und Wanen machte. Ein Ausgleich gewährte den +Asen im Schwedenland Opfer und Tempel, aber Freyr verschwand nicht vor +Odin, er trat ihm gleichberechtigt zur Seite.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die nordischen Denkmäler, sowol die Edda und ihr Liederkreis als auch +die Geschichtsquellen geben ein lebendiges und anschauliches Bild von +Njord und Freyr, den die jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 173 als +<i>blótguđ Svía</i>, Opfergott der Schweden bezeichnet, von dem viele +Sagen in Umlauf wären. Man muss nur die euhemeristische Auffassung +Snorris und Saxos, denen die Götter zauberkundige Könige sind, oder die +christliche Färbung einzelner Darstellungen in Abzug bringen.</p> + +<p>Dass Freyr der herrschende Himmelsgott ist, zeigt noch seine Benennung +Götterfürst, <i>folkvalde goþa</i> (Skirn. 3) an.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Freyr⁠<a id="FNanchor_188_188" href="#Footnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a> ist der erste von allen Helden,</div> + <div class="verse indent4">Die die Burg der Asen birgt;</div> + <div class="verse indent0">Keines Mannes Frau und kein Mädchen kränkt er,</div> + <div class="verse indent4">Und macht die Gefesselten frei.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Freyr ist der trefflichste unter den Göttern. Er waltet über Regen und +Sonnenschein und über den Pflanzenwuchs der Erde. <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>Gut ist es, ihn +um Fruchtbarkeit und Frieden anzuflehen, denn er vermag den Menschen +Frieden und Wolstand zu gewähren. Alfheim, Elbenheim ist sein Wohnsitz. +Denn auch die Elbe wirken in den Naturkräften, die das Wachstum +befördern. Neben der mild-friedlichen Thätigkeit des Himmelsgottes, +die seinem uranfänglichen Wesen entspricht, steht aber auch die +kriegerische. Freyr besitzt ein Schwert, das in des Furchtlosen Hand +von selber in Schwung gerät, und ein Ross, das mutig die wabernde +Lohe durcheilt. Er ist der beste aller kühnen Reiter (<i>baztr allra +baldriþa</i>). Bei der Werbung um Gerd gibt er Ross und Schwert +hin, darum steht er seiner guten Waffe beraubt im letzten Kampf und +erliegt vor dem Feuerriesen Surt. Zu Baldrs Leichenbrand fährt er auf +einem Wagen, den der goldborstige Eber zieht. Der Wagen gebührt dem +Himmelsgott von Alters her, doch ein goldborstiger Eber wurde ihm +erst später durch ein Missverständniss beigelegt. Der Zwerg Sindri +schmiedete die besten Kleinode, Odins Speer, Thors Hammer, das Schiff +Skidbladnir, den Ring Draupnir, Sifs Goldhaar, endlich Freys Eber, von +dem er sagte, dass er bei Tag und bei Nacht schneller als ein Pferd +durch Luft und Wasser zu laufen vermöge, und niemals werde die Nacht +so finster sein, dass nicht dort, wo der Eber sich befinde, genügende +Helle sich verbreite — so leuchte es von seinen Borsten. Schon im +10. Jahrh. berichtet das Skaldengedicht Húsdrápa, dass Freyr auf +goldborstigem Eber ritt. Aber wie kommen Zwerge dazu, neben Waffen und +Schmucksachen ein lebendiges Geschöpf zu schmieden? Unter den beliebten +Tierbildern auf Helmen stehen Adler und Eber obenan. Die Angelsachsen +trugen goldene Eberhelme. Im Norden begegnen <i>Hildisvín</i> und +<i>Hildigǫtr</i>, Kriegseber, als Helmnamen. Zweifellos gebührte dem +Himmelsgott ein goldener Eberhelm und der war ein Zwergengeschmeide. +Später wurde der allgoldene <i>Hildigǫltr</i> wörtlich genommen, und so +bildete sich die Sage vom Eber⁠<a id="FNanchor_189_189" href="#Footnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a>. Unter goldenem Eberhelm, mit dem +Wunderschwert bewehrt reitet Freyr sein mutiges Ross, und so dachten +sich wol einst alle Germanen den Himmelsgott.</p> + +<p>Skidbladnir (mit hölzernen Rudern?) ist der Schiffe bestes. Stets hat +es günstigen Fahrwind nach der Richtung, in der man reisen will, sobald +das Segel aufgehisst wird. Alle Götter finden <span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>darin Platz, aber man +kann es auch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Die Wanen, +insbesondere Njord haben auch mit der Schifffahrt zu thun; darum ist +dem Gott ein Wunderschiff, das in seinen Eigenschaften an Märchendinge +erinnert, beigelegt. Die mythische Deutung will darin die Seglerin der +Lüfte, die Wolke sehen, die in nichts zusammenschwinden kann.</p> + +<p>Njords⁠<a id="FNanchor_190_190" href="#Footnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> Wesen deckt sich mit Freyr. Er wohnt zu Noatun +(Schiffsstätte, Hafen) und lenkt dort des Windes Lauf und beruhigt +Meer, Sturm und Feuer. Ihn soll man bei Seefahrt und Jagd anrufen. So +reich und begütert ist er, dass er jedem Land und fahrende Habe geben +kann, wenn er will, und darum soll man ihn deswegen anrufen. Mit seiner +Schwester zeugte er Freyr und Freyja. Ein isländisches Sprichwort war: +reich wie Njord.⁠<a id="FNanchor_191_191" href="#Footnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a></p> + +<p>Was die Geschichtsquellen über Njord und Freyr berichten, deckt sich +vollkommen mit den Angaben der Edda. Die Ynglingasaga Kap. 11 sagt +von Njord, zu seinen Zeiten sei so guter Friede und fruchtbares Jahr +gewesen, dass die Schweden meinten, Njord gebiete über Fruchtbarkeit +und Reichtum der Menschen.</p> + +<p>Der Ynglingasaga (Kap. 12) ist Freyr ein milder, reicher Herrscher, +unter dem Friede und Fruchtbarkeit blühen. Zu Uppsala⁠<a id="FNanchor_192_192" href="#Footnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> war sein +Hauptsitz. Zu seinen Zeiten war Frodis Friede, und gutes Jahr in allen +Landen: die Schweden schrieben es dem Freyr zu. Freyr hiess mit anderem +Namen Yngvi; Yngvi blieb lange ein Ehrenname in seinem Geschlecht, +seine Nachkommen hiessen Ynglinger. Als Freyr erkrankte, da liess man +nur wenige Leute zu ihm. Ein grosser Hügel mit einer Thüre und drei +Fenstern wurde erbaut. Dort hinein schafften sie den toten Freyr und +sagten den Schweden, er sei noch am Leben. So gings drei Jahre. Reiche +Schätze wurden geopfert, Friede und Fruchtbarkeit dauerte fort. Als +das Volk seinen Tod endlich erfuhr, wollten sie seinen Leichnam nicht +verbrennen; sie glaubten, die gute <span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span>Zeit werde anhalten, so lange Freyr +in Schweden wäre. Da nannten sie Freyr den Gott der Welt und opferten +ihm alle Zeit um Frieden und Fruchtbarkeit.</p> + +<p>Tapfere Fürsten heissen Sprösslinge Freys, wie sie auch Tyrs Nachkommen +genannt werden.⁠<a id="FNanchor_193_193" href="#Footnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a></p> + +<p>In den Tagen Haralds Harfagri kam Hrafnkell nach Island.⁠<a id="FNanchor_194_194" href="#Footnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a> Er nahm +Land in Besitz, opferte und errichtete einen Tempel. Hrafnkell verehrte +keinen Gott mehr als Freyr, und weihte ihm die Hälfte seiner besten +Habe zu eigen. Darum erhielt er auch den Beinamen <i>Freysgodi</i>, +Priester des Freyr. Unter seinen Besitztümern erschien ihm ein grauer +Hengst mit schwarzen Streifen am Rücken am meisten wert. Er nannte +ihn <i>Freyfaxi</i>, und schenkte auch ihn zur Hälfte seinem Freunde +Freyr. Diesen Hengst liebte er sehr und gelobte, den zu töten, der +gegen seinen Willen ihn reite. Einar Thorbjorns Sohn, der als Hirte bei +Hrafnkell sich verdingt, erhält die strenge Weisung, das Verbot nicht +zu brechen. Wie er trotzdem einmal, um verlaufene Schafe zu suchen, den +Hengst besteigt, läuft dieser zu Hrafnkell und zeigt ihm das Geschehene +mit lautem Wiehern an. Am andern Tag reitet Hrafnkell zu Einar hinaus, +stellt ihn zu Rede und schlägt ihn seinem Gelübde gemäss zu tod. Daraus +entstand eine grosse Fehde zwischen Hrafnkell und den Verwandten +Einars, die mit Hrafnkells Vertreibung von Haus und Hof endigt. Seine +Feinde liessen den Hengst und die andern Rosse vorführen. Sie schienen +ihnen tüchtig und gut zur Arbeit, am besten aber Freyfaxi, der so +viel Unheil verursacht hatte. Damit er aber nicht noch mehr Todschlag +verschulde, soll ihn der, dem er gehört (Freyr), zu sich nehmen. Sie +führten ihn daher auf eine steile Klippe, verhüllten seinen Kopf, +banden einen schweren Stein um seinen Hals und stürzten ihn in den +unten vorbeifliessenden Strom. Zur Erinnerung wurde der Ort Klippe des +Freyfaxi genannt. Drüber erhob sich der von Hrafnkell erbaute Tempel. +Nachdem sie die Götterbilder ihres Schmuckes beraubt hatten, legten sie +Feuer ans Heiligtum und verbrannten alles zusammen. Wie Hrafnkell dies +erfuhr, entsagte er allem Opfer und Götterglauben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span></p> + +<p>Freyfaxi scheint selber dämonischer Art, wie er auch seinen Reiter +bei Hrafnkell anzeigt. Auch sonst kommen Pferde mit Namen Faxi vor, +die abergläubische Verehrung genossen. Man wird an Tacitus Kap. 10 +erinnert, die heiligen Rosse seien Mitwisser der Gottheit.</p> + +<p>Zu Freyr stehen auch noch andere in besonders naher Freundschaft.⁠<a id="FNanchor_195_195" href="#Footnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a> +Es wird ein Thorðr Freysgodi erwähnt; ein ganzes Geschlecht trägt +den Namen <i>Freysgyđlingar</i>. Der Isländer Thorgrim Freysgodi +pflegte im Herbst dem Freyr Opfer und Gasterei zu halten. Als er +meuchlerisch ermordet wurde, geschah es, dass ausserhalb und südwärts +am Grabhügel Thorgrims nie Schnee haftete und er nie gefror; die +Leute meinten, er sei dem Freyr um der Opfer willen so lieb gewesen, +dass der Gott es zwischen beiden nie zufrieren lassen wollte. Auch +hier äussert sich der milde Himmelsgott deutlich seinem Wesen nach in +Sonnenkraft und Thauluft. In diesem Sinn heissen irdische Helden Freys +Freund, <i>Freys vinr</i>, worauf auch der ags. Name <i>Fréawine</i>, +vielleicht der ahd. <i>Frôwin</i>⁠<a id="FNanchor_196_196" href="#Footnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> zielen. Aus letzteren ist der +Schluss gerechtfertigt, dass auch ausserhalb der nordischen Länder +mit der Bezeichnung „Herr“, gleichwie Gott später in christlicher +Zeit, schlechthin Tiuȥ gemeint war, nur dass dort das Beiwort nicht +vollständig in den Rang eines Eigennamens trat.</p> + +<p>Thorkell Hafi⁠<a id="FNanchor_197_197" href="#Footnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a>, von Vigaglumr um sein Gut zu Thverá gebracht, sucht +bei seinem Freund Freyr Hilfe. Und ehe Thorkell von Thverá wegzog, ging +er zum Tempel Freys und führte einen alten Ochsen dahin und sprach: +Freyr, der du lange mein treuer Freund gewesen bist, viele Gaben von +mir empfangen und sie wol vergütet hast, dir schenke ich nun diesen +Ochsen darum, dass Glum einst nicht minder wider seinen Willen von +Thverá wegziehen möge, als ich jetzt ziehe; lass mich ein Zeichen +sehen, <span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>ob du annimmst oder nicht. Da brüllte der Ochse und fiel tot +nieder. Thorkell glaubte, Freyr habe damit das Gelübde angenommen. Der +Gott erfüllt seine Zusage. Gegen Glum wird am Allding eine Blutklage +anhängig gemacht. Ehe er von daheim wegreitet, sieht er im Traum viele +Leute nach Thverá kommen, den Freyr aufzusuchen, der auf einem Stuhle +sass. Glum fragt die Leute, wer sie seien und erhält zur Antwort: seine +verstorbenen Anverwandten. Sie bitten Freyr, Glum möge aus Thverá nicht +vertrieben werden. Doch umsonst; Freyr antwortet kurz und zornig und +gedenkt des von Thorkell geopferten Ochsen.</p> + +<p>Oddr Sindri⁠<a id="FNanchor_198_198" href="#Footnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> muss sein Gut an Helgi Asbjarnarson abtreten. Als +sich Oddr zum Wegziehen anschickte, liess er einen Stier schlachten. +Am ersten Zugtag wurden Tische längs der Sitze aufgestellt und das +gekochte Stierfleisch vorgesetzt. Da trat Oddr hinzu und sagte: Hier +ist der Tisch zugerichtet, wie für meine teuersten Freunde; dieses +Gastmahl gebe ich ganz dem Freyr, damit er den, der an meine Stelle +kommt, mit nicht geringerem Kummer von Oddsstadir wegziehen lässt, als +ich jetzt ziehe. Hierauf zog Oddr mit allen den Seinigen ab.</p> + +<p>Wie einem vertrauten Freunde wird dem Gott Herzenskummer und Sorge +ausgesprochen. Kann er nicht helfen und Unheil abwehren, so soll er +doch Rache und Vergeltung üben.</p> + +<p>Pferd und Ochse fielen dem Freyr als Opfer. Aber auch der „Heerdeneber“ +<i>sonargǫltr</i> (Sievers, Beiträge 16, 540 ff.), der stattlichste +und stärkste Eber, umsomehr als wegen des missverstandenen Eberhelms +Freyr selber einen Eber besass. Mit Beziehung hierauf sagt die +Hervararsaga⁠<a id="FNanchor_199_199" href="#Footnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a> vom König Heidrek, er habe den grössten Eber Freyr +geopfert. Am Julfest wurden mit Handauflegen auf die Borsten dieses +heiligen, zum Opfer bestimmten Ebers Gelübde beschworen. Zwölf +Urteilsprecher hatte Heidrek zu seinem goldfarbigen heiligen Eber +bestellt, auf dessen Borsten in allen wichtigen Rechtssachen geschworen +werden sollte. Das Eberopfer gehörte wol nicht von Anfang an dem +Himmelsgott, das vornehmere Rossopfer hat darauf mehr Anspruch, sondern +gewann erst später auf Freyr Bezug.</p> + +<p>In der Geschichte König Olafs Tryggvason⁠<a id="FNanchor_200_200" href="#Footnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a> + wird ein Heiligtum <span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span>des +Freyr zu Drontheim erwähnt. Im Umkreis wurden dem Gott heilige Pferde +unterhalten. Das Volk rief ihn um Frieden und Fruchtbarkeit an und +liess sich die Zukunft von ihm offenbaren. Der junge und entstellte +Bericht, wie Olaf die Drontheimer bekehrte, enthält doch einen wahren +Gedanken, es wird auf die völlige Gleichheit des drontheimischen Kultes +mit dem schwedischen hingewiesen und die Herkunft des Freysdienstes +aus Schweden behauptet. Nachdem der König im wesentlichen die +euhemeristische Erzählung der Ynglingasaga vortrug, fährt er fort, dem +Freyr seien zur Unterhaltung zwei Holzfiguren in den Grabhügel gegeben +worden. Später drangen einmal Räuber hinein, um die geopferten Schätze +zu stehlen. Von plötzlicher Furcht ergriffen wagten sie nichts ausser +den zwei hölzernen Götzen mitzunehmen. Diesen opferten nunmehr die +Schweden an Freys Stelle. Der eine Götze aber wurde nach Drontheim +gesandt, wo ihm der gleiche Dienst gewidmet wurde.</p> + +<p>Gunnar Helmingr⁠<a id="FNanchor_201_201" href="#Footnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a>, ein des Todschlags beschuldigter Mann, flüchtete +aus Norwegen nach Schweden. Damals wurde noch den Göttern geopfert, vor +allen dem Freyr. Das Götzenbild des Freyr redete mit den Leuten, auf +Eingebung des bösen Feindes berichtet der Sagaschreiber, und hatte ein +junges Weib zu seinem Dienst. Sie galt als des Gottes Frau und war über +Freys Heiligtum gesetzt. Gunnar flehte sie um Schutz an. Obwol der Gott +dem Fremdling nicht günstig schien, behielt ihn die Priesterin doch bei +sich. Die Zeit kam heran, da die Frau das Götzenbild auf einem Wagen +im Lande herumführen sollte, damit Freyr den Leuten fruchtbares Jahr +bringe. Die Priesterin sass beim Gott auf dem Wagen, die Dienstleute, +unter ihnen Gunnar, gingen zu Fuss voraus. Als sie einmal übers Gebirge +fuhren, erhob sich ein grosses Unwetter. Nach und nach liessen alle +bis auf Gunnar den Wagen im Stich. Gunnar führte die Zugtiere, als er +aber müde wurde, setzte er sich auf den Wagen. Die Frau sagte: Sieh +zu, sonst erhebt sich Freyr gegen dich! Gunnar versuchte noch einige +Zeit zu gehen, als er aber wieder müde ward, sprach er: So will ichs +versuchen, Freyr zu widerstehen, wenn er mich angreift. Er ringt mit +Freyr und ist nahe daran, zu unterliegen. Da gelobt er nach Norwegen +zurückzukehren, mit König Olaf sich zu versöhnen und den wahren Glauben +anzunehmen, und es glückt <span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span>ihm, Freyr zu fällen. Der böse Geist lief +aus dem Götzenbild, das Gunnar in Stücke schlug. Dann ging er zum Wagen +und befahl der Frau, sie solle ihn für den Gott ausgeben, wozu sie +gern bereit war. So fuhr Gunnar als Freyr zu den Leuten. Das Wetter +hellte sich auf und sie kamen zu dem Gastgebot, das ihnen angerichtet +war. Dort waren viele von den Leuten, die zuvor dem Wagen nachgelaufen +waren. Dem Volke dünkte es viel wert, wie Freyr seine Macht zeige, dass +er in solchem Unwetter, da alle ihn verliessen, doch mit seiner Frau +zu den Höfen käme, und dass er nun unter den Leuten wandle und wie +andre Menschen trinke. So besuchten sie den Winter über die Gastereien. +Freyr redete fast allein mit seinem Weib, nur wenig mit anderen, er +wollte kein blutiges Opfer annehmen, sondern nur Gold und Silber, +schöne Gewänder und andre Kostbarkeiten. Mit der Zeit wurde Freys Weib +schwanger. Das galt für ein gutes Zeichen. Die Witterung war gut und +alles deutete auf ein fruchtbares Jahr. Weithin verbreitete sich die +Kunde, wie mächtig der Schwedengott sich zeige. Auch König Olaf vernahm +davon, ihm ahnte die Wahrheit. Er schickte Gunnars Bruder Sigurd nach +Schweden, und der erkannte alsbald, wer Freyr war. Bei Nacht und Nebel +entwich Gunnar mit seinem Weib und allen Kleinodien nach Norwegen und +liess sich dort taufen.</p> + +<p>Diese Erzählung ist vom christlichen Standpunkt gehässig gefärbt, sie +will den Trug des Heidentums, bei dem der Teufel die Hand im Spiel +hat, in grelles Licht setzen. Doch diese Zuthaten fallen leicht ab. +Bezeugt wird ein schwedischer Brauch: Freyr, von einer Priesterin +begleitet, wird zur Winterszeit auf einem Wagen im Lande umhergeführt. +Wohin er kommt, wird er mit festlichem Gelage aufgenommen, Opfer werden +ihm geschlachtet. Der Umzug segnet die Gaue zu Fruchtbarkeit. Ein +vollkommenes Seitenstück zu dem, was Tacitus von der ingvaeonischen +Nerþus erzählt, liegt hier vor.</p> + +<p>Stefnir, der für die Einführung des Christentums auf Island wirkte, +hatte sein Schiff bei Gufaros angelegt. Im Winter wurde es durch +Hochwasser beschädigt. Da lief eine Weise um, des Inhalts, dass die +Macht der Landesgötter es also gefügt. Eine zweite Wendung misst dem +herrschenden Freyr die That bei.⁠<a id="FNanchor_202_202" href="#Footnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a> Die Landesgötter, <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>Freyr an der +Spitze, wehren dem neuen Glauben den Zugang zu Island.</p> + +<p>Dem Wesen des Gottes entsprechend ist das dichterische Bild <i>Freys +leikr</i>⁠<a id="FNanchor_203_203" href="#Footnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a>, Spiel des Freyr, wol als Festesfreude, Trinkgelage und +Unterhaltung mit Frauen aufzufassen. Beim Opfer wurde Freys und Njords +Becher⁠<a id="FNanchor_204_204" href="#Footnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a> um Fried und Fruchtbarkeit getrunken, nachdem zuerst Odins +Becher um des Königs Sieg und Macht geleert worden war. Im ältesten +isländischen Landrecht von 927 wurde der Wortlaut des feierlichen Eides +also festgesetzt: Ich schwöre einen Gesetzeseid, so wahr mir Freyr und +Njord und der allmächtige Gott (Thor) helfe!⁠<a id="FNanchor_205_205" href="#Footnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a> Unter Freys und Thors +Schutz fuhren die Norweger im Ausgang des 9. Jahrhunderts nach Island, +wo sie eine neue Heimat sich begründeten. Ingimund, ein norwegischer +Wiking, erhielt von König Harald ein kleines silbernes Bild des Freyr +zum Geschenk. Eine Volva weissagt Ingimund, er werde nach Island +ausfahren und sich dort niederlassen, wo er das wunderbarer Weise aus +seinem Beutel verschwundene Freysbild wieder finde. Im Vatnsdal auf +Island lag das Bild im Boden an der Stelle, wo die Hauptpfeiler des +Tempels eingegraben wurden.⁠<a id="FNanchor_206_206" href="#Footnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> So weist Freyr wie sonst Thor dem +Ansiedler seine Stätte, die alten Götter walten auch über der neuen +Heimat. Freyr hat wie sein Vater Njord auch mit der Schifffahrt zu +thun. <span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>Der Skald Hallfred gelobte dem Freyr eine Gabe, falls er Seewind +nach Schweden bekäme, dem Thor oder Odin, falls nach Island heim.⁠<a id="FNanchor_207_207" href="#Footnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a> +Gegen den norwegischen König Eirik Blutaxt schleudert der isländische +Skald Egill den Fluch: Mögen die Götter ihm den Raub meiner Güter +vergelten! Die waltenden Mächte und Odin sollen den König vertreiben! +Freyr und Njord mögen den Volksbedrücker elend machen! Der Landesgott +(Thor) thue ihm, der heilige Rechte brach, leides!⁠<a id="FNanchor_208_208" href="#Footnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> Wie in der +Eidformel stehen Freyr, Njord und der Landase bei einander. Alles das +lehrt, dass die Verehrung Freys und Njords tief im Volksleben wurzelte. +In den nordischen Ländern erhoben sich daher auch viele Freystempel, +viele Örtlichkeiten wurden nach dem Gotte benannt und so seinem Schutze +anempfohlen.⁠<a id="FNanchor_209_209" href="#Footnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a></p> + +<p>Im Eyjafjord auf Island war eine Örtlichkeit in Erinnerung an Schweden +Uppsalir genannt. Dort stand ein Tempel des Freyr, der so heilig +gehalten wurde, dass kein zur Verbannung oder Acht Verurteilter +daselbst weilen durfte.⁠<a id="FNanchor_210_210" href="#Footnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a></p> + +<p>Was Adam von Bremen und Saxo berichten, stimmt völlig zu den nordischen +Quellen. Frö ist Gott der Schweden, sein Hauptsitz ist Uppsala, wo +ihm Menschen und Tiere zum Opfer geschlachtet werden. Beim grossen +Jahresopfer findet Tanz und Spiel statt, überhaupt war der Freysdienst +in mancher Augen weichlich. Um Frieden und Glück wird Freyr angerufen, +auch bei Hochzeiten wurden ihm Opfer gebracht. Die schwedischen Helden +hiessen Frös Freunde und Verwandte.⁠<a id="FNanchor_211_211" href="#Footnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Der Begründer des Ynglingerstammes heisst <i>Yngvefreyr</i>, +<i>Ingefreyr</i>, <i>Ingunarfreyr</i>⁠<a id="FNanchor_212_212" href="#Footnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> schon in älteren Gedichten, +in der Haustlong 10, Haleygiatal 13, Lokas. 43. Dass der Stammvater aus +dem Namen des Geschlechtes erwuchs, wie Scyld, Skjoldr an der Spitze +der dänischen Scyldingas, Skjoldungar, ist klar. Ob er Beziehungen +zum Ingvo als Stammvater der Ingvaeonen hat, kann nicht mit voller +Bestimmtheit behauptet werden, doch ist die Wahrscheinlichkeit +gross. Ingwine heissen in ags. Dichtung die Ostdänen, die in +Südschweden ansässig waren. Ihr Stammheld ist Ing genannt, ihr König +<i>Fréa Ingwina</i>. Norwegische Verfasser leiten nun allerdings +die Ynglinger von den schwedischen Königen zu Uppsala ab. Die aber +hiessen Scylfingas, Skilfingar, Stuhlkönige (ags. <i>scylf</i>, an. +<i>skjǫlf</i>, Bank, Hochsitz). Der norwegische Königsstamm, der mit +Harald Harfagri zur Einherrschaft kam, zählte sich zu den Ynglingern; +die Sage berichtet den allmäligen Zug des Geschlechtes von Uppsala +bis Skiringssal im norwegischen Vestfold. In Wirklichkeit waren +die Ynglinger Ostdänen, Ingwine. Ingunarfreyr scheint aus älterem +*Ingunafreyr verderbt. <i>Ingunafreyr</i> entspricht genau dem +<i>Fréa Ingwina</i>, Yngve, Inge dem ags. <span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span>Ing. Der Herr der Ingwine, +der Ostdänen, hiess Yngwe. Inglinger sind Ingwes Söhne. Wie die +Ingvaeonen in Ingwo den Begründer ihres Volkes ehrten, so die daraus +hervorgegangenen Ingwine den Ingwe als Stammvater ihrer Könige.⁠<a id="FNanchor_213_213" href="#Footnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> +Dass Ingwo-Ingwe für des höchsten Himmelsgottes Sohn galt, ist sehr +wahrscheinlich. Aber erst durch Missverständniss warf der Skald +Thiodolf im Ausgang des 9. Jahrhunderts den <i>Ingunafreyr</i>, Ingwe +den Stifter der Ynglingar, mit dem Schwedengott <i>Freyr</i> zu Uppsala +zusammen, und verlegte dadurch den Ursprung der Ynglinger nach Uppsala. +Daher erscheint Yngve als Beiname Freys bei Snorri, Yngve als Njords +Vater bei Ari, dem ersten um 1130 schreibenden isländischen Historiker. +Dass übrigens schon im <i>Fréa Ingwine</i> der ingwaeonische +Himmelsherr anklang, ist durch diese Erklärung nicht ausgeschlossen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie Thor auf seinen Fahrten oft von einem dienenden Paar Thjalfi und +Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute <i>Byggwir</i> +(Nebenform <i>Beyggwir</i>) und sein Weib <i>Beyla</i>.⁠<a id="FNanchor_214_214" href="#Footnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> Beide +erscheinen nur in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter +auch beschuldigt. Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig +genannt zu werden. Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit) +schwatze er. Er habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht; +als die Männer sich schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden +können. Beyla sei mit Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese +mistbesudelte Magd sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die +Dienstleute Freys wie die Thors die friedliche Bauerschaft, die von +Krieger <span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span>und Edeling wie Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im +Gefolge des Gottes des Ackerbaues würden sie recht wol passen.</p> + +<h5 class="s4a" id="Sagen_2"><b>2. Sagen.</b></h5> + +<p>Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem +norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors +dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die <i>Rigsþula</i>, welche +bei Heimdall zu erwähnen ist, und die <i>Skírnismǫ́l</i>.⁠<a id="FNanchor_215_215" href="#Footnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> Ihre +Grundlage, die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere +Zeit oder auf eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder +vorauszusetzen ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten +Mythen zu, nicht auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt.</p> + +<p>Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er +im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete +Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords +Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach +dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd +ergriffen wurde.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Inniger hat niemals     seit der Urzeit Tagen</div> + <div class="verse indent7">Ein Mann ein Mädchen geliebt,</div> + <div class="verse indent0">Doch von Asen und Elben kein einziger will es,</div> + <div class="verse indent7">Dass wir beide zusammen sind.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die +Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der +Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs +Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass +ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache +mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern. +Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg +vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und +bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon +wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun +übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die +greulichsten Riesen, ans Ende der <span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span>Welt, zur Hölle, an die Seite eines +unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt +Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den +gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine +Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit +Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter +Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss +gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden +Freyr heim.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Lang ist eine Nacht,   lang sind zweie,</div> + <div class="verse indent6">Wie geduld ich mich drei?</div> + <div class="verse indent0">Ein Monat oft   schien mir minder lang</div> + <div class="verse indent6">Als des Harrens halbe Nacht.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den +Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des +Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist +alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied +an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol +vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach +Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage +gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende +ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm +verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber +<i>enn skíre</i>, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas. +42 wird auch noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt +ausgeführt hätte:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter</div> + <div class="verse indent0">Und gabst dein Schwert dahin.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt +Freyr den Mörder ihres Bruders (<i>bróþorbane</i>). In den nordischen +Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli +Mörder (<i>Belja bane</i>). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That, +allerdings schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes +Schwert bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli +waffenlos gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem +Hirschgeweih getötet.⁠<a id="FNanchor_216_216" href="#Footnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> Der Wächter im <span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span>Riesenheim, der Skirnir +aufzuhalten sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den +ursprünglichen Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen, +dass er erst nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die +Braut gewann. Dabei ging das Schwert verloren.</p> + +<p>Auf denselben Mythus geht das Lied von <i>Swipdag</i>⁠<a id="FNanchor_217_217" href="#Footnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a> zurück. Der +junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel +seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die +Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren +Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross +und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt +zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von +lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg, +Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald, +Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des +Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll +gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde +umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte +sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen +öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum +Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln +ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu +melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Swipdag heiss ich,   Solbjart hiess mein Vater,</div> + <div class="verse indent4">Dorther ging ich auf windigem Weg.“</div> + <div class="verse indent0">„Heil dir, Wandrer!    Mein Wunsch ist erfüllt;</div> + <div class="verse indent4">Komm und empfange den Kuss!</div> + <div class="verse indent0">Ersehnter Anblick   beseligt jeden,</div> + <div class="verse indent4">Der heisse Liebe hegt.</div> + <div class="verse indent0">Lange sass ich      auf Lyfjaberg,</div> + <div class="verse indent4">Deiner harrend von Tag zu Tag;</div> +<span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span> + <div class="verse indent0">Nun ward Gewährung  dem Wunsch endlich,</div> + <div class="verse indent4">Da du, Held, dich der Halle genaht.</div> + <div class="verse indent0">Lang hab ich Sehnsucht nach dem Liebsten erduldet,</div> + <div class="verse indent4">Wie nach meiner Minne du;</div> + <div class="verse indent0">Wahr jetzt wird es,   dass wonnige Tage</div> + <div class="verse indent4">Uns beiden für immer blühn.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden +Personen deutlich zum Ausdruck. <i>Swipdagr</i> ist der rasche Tag, +Menglod die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg, +ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die +Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres +scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau +Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben +und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind +als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen, +als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr, +Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit +allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert +trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.⁠<a id="FNanchor_218_218" href="#Footnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a></p> + +<p>Auch von Njord geht eine Sage.⁠<a id="FNanchor_219_219" href="#Footnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a> Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi +Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine +Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen +boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst +wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen. +Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in +der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte +<span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem +Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der +Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass +sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu +Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er +also:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nicht lieb ich die Berge,  nicht lange dort weilt ich,</div> + <div class="verse indent12">Neun Nächte nur;</div> + <div class="verse indent0">Süsser schien mir    der Sang des Schwans</div> + <div class="verse indent12">Als der wilden Wölfe Geheul.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Skadi aber erwiderte:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mir stört den Schlaf   am Strande des Meeres</div> + <div class="verse indent12">Der krächzenden Vögel Gekreisch;</div> + <div class="verse indent0">Am Morgen weckt mich  die Möve täglich,</div> + <div class="verse indent12">Die wiederkehrt vom Wald.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie +läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher +heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs.</p> + +<p>Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der +das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des +Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die +lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.⁠<a id="FNanchor_220_220" href="#Footnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a> +Ob der Mythus auf Njord als den <span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span>Gott der Schifffahrt, aufs offene +Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen +neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland +heimischen Stürme gehalten wird?</p> + +<p>Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schweige du, Njord,     dich schickte man ostwärts</div> + <div class="verse indent11">Zu den Göttern als Geisel fort,</div> + <div class="verse indent0">Als Harntopf brauchten dich  Hymirs Töchter</div> + <div class="verse indent11">Und machten dir in den Mund.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der +Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein, +wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden +Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer +bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen, +kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt +auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die +vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau +kennen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>König <i>Frodi</i>⁠<a id="FNanchor_221_221" href="#Footnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a>, Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten +Stamm der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen <span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span>Tagen +begann der Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens. +Kein Mann that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht, +ein Goldring lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit +war das Land gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den +Riesinnen Fenja und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und +ruhelos Gold, Glück und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden, +ein Seekönig brach mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis +Frieden. In düstrem, ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den +nahen Umschwung des zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus +dem Gold geht das Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und +Freyr zusammen; er fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als +menschliche Könige auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand +beglückt, schenkt Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo +erzählt von sechs Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere +Gestalten, was die Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch +die nordischen Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei +Friedensfürsten des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi +dem Friedsamen. Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an +Njords Ehe mit Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet +Saxo, er habe einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen. +Dadurch wurde er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu +bestreuen. Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner +Zeit brauchte niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel +zu verwahren. Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der +dreissig Jahre lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der +König aufhängen liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war +erlaubt, überall das zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen +Nötige zu nehmen. Als Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen +war, verheimlichte das Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr, +seinen Tod und führte die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande +umher (Freys Umfahrt!). Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland +begraben. Man erkennt im dänischen Frodi, welcher im <i>milden +Fruote</i> mhd. Gedichte wiederkehrt, deutlich dieselbe Gottheit +wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott Saxos Auffassung gemäss +als irdischer König gedacht. Frodi ist die schwache Form des Adj. +<i>fróþr</i>, weise. Die Wanen heissen aber weise (Vafþr. 39, Skírn. +17, 18) und <span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span>Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr wird <i>enn fróþe +afe</i>, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo von Fridlev, +Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha, Amunds von +Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys Werbung +um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus der +dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt, +merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken. +Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und +dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu +sein.</p> + +<p>In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den +germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen +Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend +Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten +Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira +begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in +Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf, +Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält +man dazu Frôwin, Freysvinr⁠<a id="FNanchor_222_222" href="#Footnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a> und was von Nerþus erzählt wird, so ist +der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn +und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf +den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch +durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem +Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe +Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden +aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel +Wolstand und Glück.</p> + +<h4 id="III_Der_Himmelsgott_als_Donnerer"><b>III. Der Himmelsgott als +Donnerer.</b></h4> + +<h5 class="s4a" id="Donar_bei_den_Deutschen_1"><b>1. Donar bei den +Deutschen</b></h5> + +<p>Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, <i>Juppiter +tonans</i>, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe, +die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>Steine fahren +nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner +gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius +δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch +heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die +Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst.</p> + +<p><em class="gesperrt">Donar</em>⁠<a id="FNanchor_223_223" href="#Footnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a>, der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit, +welche alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der +<i>dies Jovis</i>⁠<a id="FNanchor_224_224" href="#Footnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a> zugeteilt worden. Die ältere interpretatio +romana gibt ihn mit <i>Hercules</i>⁠<a id="FNanchor_225_225" href="#Footnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a>, die spätere mit +<i>Juppiter</i>⁠<a id="FNanchor_226_226" href="#Footnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a> wieder. Obwol <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>allen Germanen gemeinsam, ist +Donar doch nicht überall zu gleicher Bedeutung gelangt. Zu schönster +und reichster Entwicklung gedieh der Donarkult bei den Norwegern, +bei den Deutschen scheint Donar zuerst hinter Tiuȥ, später hinter +Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen Donar erhalten wir nur +eine dürftige, unvollkommene Vorstellung. Donar ist der stärkste und +tapferste der Götter. Ihn besangen die in die Schlacht ziehenden +Kämpfer.⁠<a id="FNanchor_227_227" href="#Footnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> In heiligen Wäldern war sein Weihtum. Mächtige, uralte +Eichen, wie die bei Geismar⁠<a id="FNanchor_228_228" href="#Footnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> in Hessen, die Winfrid <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>fällte, +waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die Stämme vor wichtigen +Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische Seite wird bei +Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke Gott namentlich +über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht und Frieden. Mit dem +Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche verknüpft und schon in +alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein dem Donar gehöriger +Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen beschriebenen +Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden wurde, begegnet +Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht der Ehe wird +er angerufen.⁠<a id="FNanchor_229_229" href="#Footnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a> Der Donnerkeil erscheint als eine geschleuderte +Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag gehören zu den +beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist der Vergleich, +dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer führt, und so +erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass der deutsche +Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist vielleicht beim +ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.⁠<a id="FNanchor_230_230" href="#Footnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a> Die Vorstellung, +dass bei starkem <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Gewitter der Donnergott, mit der Axt bewehrt, auf +einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen⁠<a id="FNanchor_231_231" href="#Footnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a> + und Ditmarschen⁠<a id="FNanchor_232_232" href="#Footnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a> +vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb möglich, weil Thor im +schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise fortlebt.</p> + +<p>In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12. +Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider +unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?) +Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und +schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche +Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht +darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der +Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber +der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in +Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.⁠<a id="FNanchor_233_233" href="#Footnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span></p> + +<h5 class="s4a" id="Thor_als_Hauptgott_des_norwegischen_Volkes_2"><b>2. Thor als +Hauptgott des norwegischen Volkes.</b></h5> + +<p>Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung +genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor⁠<a id="FNanchor_234_234" href="#Footnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a>, besonders +Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden +und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben +einander vorkommen, in den Bildern⁠<a id="FNanchor_235_235" href="#Footnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a> der Tempel, in der feierlichen +Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich +ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit +Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf +Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder: +Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden +Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte +er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste +inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie +Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein +berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der +Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen⁠<a id="FNanchor_236_236" href="#Footnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a> zu bilden. Die +Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter +anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>zu den +einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd +und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind, +so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter +Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt, +Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin +gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend +kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den +Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei +der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten. +Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der +Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener +Freyr, niemals Odin.</p> + +<p>Als König Harald in Norwegen die Alleinherrschaft aufrichtete, wurden +dadurch viele mächtige Männer zur Auswanderung bewogen. Hrolf war ein +grosser Häuptling. Er waltete auf der Insel Mostr bei Südhördaland +eines Tempels des Thor und war ein grosser Freund des Gottes. Er war +gross und stark, schön von Aussehen und hatte einen grossen Bart; darum +hiess er Mostrarskegg (Mostrbart). Er war der vornehmste Mann auf der +Insel. Im Frühjahr verschaffte Hrolf dem Björn Ketilsson, der von König +Harald geächtet war, ein gutes Langschiff mit tüchtiger Bemannung und +gab ihm seinen eigenen Sohn Hallstein zur Begleitung mit. Als König +Harald hörte, dass Hrolf Björn den Ächter unterstützte, schickte er +Boten zu ihm und liess ihm sagen, er solle aus dem Lande weichen wie +Björn oder zum König kommen und alles seiner Gewalt unterwerfen. Das +war 10 Jahre, nachdem Ingolf Arnarson nach Island gefahren war (um +874); die Leute, die von Island kamen, lobten die Beschaffenheit des +Landes. Thorolf Mostrarskegg stellte ein grosses Opfer an und befragte +Thor, seinen vertrauten Freund, ob er sich mit dem König versöhnen +solle oder ausser Lands fahren und anderes Schicksal suchen. Das +Ergebniss der Befragung wies den Thorolf nach Island. Darauf nahm er +ein grosses Seeschiff und rüstete sich zur Islandsfahrt; alle seine +Hausleute und die ganze Wirtschaft führte er mit sich. Er brach den +Tempel ab und nahm fast alles dazu verwendete Bauholz mit, auch die +Erde unter dem Altar, worauf Thor gestanden war. So segelte Thorolf +in See mit günstigem Wind, er fand das Land und schiffte der Südseite +entlang und dann westlich um Reykjanes herum. Da liess der Wind nach +<span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>und sie sahen, dass grosse Buchten landeinwärts sich aufthaten. +Thorolf warf die Hochsitzpfeiler, die im Tempel gestanden, über Bord; +auf einem derselben war Thors Bild eingeschnitzt. Er sagte, er wolle +sich auf Island an der Stelle ansiedeln, wo Thor ihn ans Land kommen +lasse. Die Pfeiler trieben rasch in die westliche Bucht. Es erhub sich +eine Brise und sie fuhren westlich um Snjofellsnes in die Bucht. Sie +sahen, dass die Bucht lang und breit war und von grossen Gebirgszügen +auf beiden Seiten umgeben. Thorolf gab der Bucht einen Namen und nannte +sie Breidifjord. Er nahm Land ungefähr inmitten der Südseite der +Bucht und legte sein Schiff in die kleine Bucht, die später Hofsvag +(Tempelbucht) genannt wurde. Sie untersuchten das Land und fanden an +der Spitze eines Vorgebirges im Norden der Bucht, dass Thor mit den +Säulen ans Land gekommen war. Das wurde seitdem Thorsnes genannt. +Darauf fuhr Thorolf mit Feuer über sein Land, auswärts von der Stafa +an bis hinein zu dem Fluss, den er Thorsa nannte, und siedelte da +seine Schiffsleute an. Er erbaute ein grosses Gehöft bei Hofsvag und +nannte es Hofstadt. Da liess er einen grossen Tempel Thor zu Ehren +errichten. Thorolf nannte das Land zwischen dem Vigrafjord und Hofsvag +Thorsnes. Auf dem Vorgebirge steht ein Berg; dem wandte Thorolf so +grosse Verehrung zu, dass niemand ihn ungewaschen ansehen durfte, und +weder Tiere noch Menschen sollten auf dem Berge getötet werden, es gehe +denn von selber zu Grunde. Den Berg nannte er Helgafell und glaubte, +er werde dort hineinfahren, wenn er sterbe, seine Verwandten aber ins +Vorgebirge. Auf der äussersten Spitze des Vorgebirges, wo Thor ans +Land gekommen war, liess er alle Gerichte halten und setzte dort ein +Heradsding (Gauversamlung) ein. Da war eine so heilige Stätte, dass +er auf keine Weise das Feld verunreinigen lassen wollte, weder mit +Feindesblut, noch auch dadurch, dass jemand seine Notdurft verrichte. +Dazu war eine Klippe bestimmt. Einen Sohn Steinn weiht Thorolf seinem +Freund Thor als Hofgoden, nemlich zum Tempelamt, und nannte ihn +Thorstein. Zwischen Thorstein und seinen Nachbarn entsteht Streit um +das von Thorolf eingesetzte Gericht. Es kommt zum Blutvergiessen auf +der Dingstätte, welche dadurch entweiht wird. Thord entschied den +Streit der Parteien dahin, sie sollten sich aussöhnen und in Zukunft +Tempel und Gericht zusammen halten. Die entheiligte Dingstätte wurde +aber weiter landeinwärts verlegt, worüber der Sagaschreiber berichtet: +Man <span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span>sieht noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfertod +verurteilt wurden. Im Ring steht noch der Thorsstein, an dem die +Leute gebrochen wurden, die zum Opfer bestimmt waren, noch sieht man +Blutspuren am Stein.⁠<a id="FNanchor_237_237" href="#Footnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a></p> + +<p>Von anderen Ansiedlern gehen ähnliche Berichte. Als Helgi der +Magere Land erblickte, fragte er den Thor, wo er Land nehmen solle. +Der Ausspruch wies ihn nach dem Eyjafjord, und erlaubte ihm weder +ostwärts noch westwärts abzulenken. Da fragte ihn sein Sohn Hrolf, +ehe der Fjord sich aufthat, ob denn, falls Thor ihn ins Eismeer zum +Überwintern wiese, er sich auch daran halten würde. Denn den Schiffern +schien es Zeit, aus der See zu kommen, da der Sommer schon sehr zu +Ende ging.⁠<a id="FNanchor_238_238" href="#Footnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> Dieser Helgi zeigt eigentümliche Glaubensmischung. +Er war ein Christ und nannte, obschon Thor ihm das Land gewiesen, +seine Wohnstätte doch Kristnes. Bei Seefahrt und in allen schweren +Gefahren rief er aber stets zu Thor. Hreidar gab so viel auf des Gottes +Ausspruch, dass er das von diesem ihm gewiesene Land sogar durch Kampf +zu erlangen trachtete, nachdem es schon besetzt war. Nur mit Mühe +bringt ihn Eirik davon ab.⁠<a id="FNanchor_239_239" href="#Footnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a></p> + +<p>Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem Thor und +nannte es Thorsmark.⁠<a id="FNanchor_240_240" href="#Footnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> Dass die norwegischen Ansiedler ihre +Thors- und Freystempel auch auf Island errichteten, geht ausser den +bestimmten Zeugnissen aus den zahlreichen mit „Hof“ (d. i. Tempel) +zusammengesetzten Ortsnamen hervor; Hof allein kommt oft auf Island +vor, dann Hofgardar, Hofsfell, Hofstadir, Hofsteigr, Hofsvágr.</p> + +<p>Nicht nur auf den Hochsitzpfeilern war Thors Bild eingeschnitzt. Grima +des Gamli Weib hatte einen grossen Stuhl, auf der Rücklehne war Thors +Bildniss mit seinem Hammer eingeschnitzt.⁠<a id="FNanchor_241_241" href="#Footnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> Der Jarl Eirik führte +Thors Bild am Vordersteven seines Schiffes. Vergeblich suchte er König +Olafs Schiff zu entern. Als er jedoch das Thorsbild wegwarf und durch +ein Kreuz ersetzte, gewann er sofort den Sieg.⁠<a id="FNanchor_242_242" href="#Footnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a> Aufs Getäfel des +Hauses und <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>auf Schilde wurden Götter- und Heldensagen abgebildet, +in der älteren Zeit haben die Thorssagen entschiedenes Übergewicht. +Die Skalden machten auf solche Darstellungen mit Vorliebe ihre +Gedichte.⁠<a id="FNanchor_243_243" href="#Footnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a></p> + +<p>Das ausserordentliche Übergewicht der Eigennamen mit Thor — unter den +Besiedlern Islands begegnen 51 Thorsnamen gegenüber 3 Freysnamen; Odin +fehlt gänzlich — deutet darauf hin, dass Thor wenigstens in Norwegen +und im 9./10. Jahrhundert auch in Schweden der im Volke am meisten +geehrte war. Der Thorsdienst greift auch tief ins Leben ein, während +der Odinsdienst vorwiegend in der Skaldendichtung am Königshof zu Hause +ist. Mehr als in Norwegen und auf Island tritt allerdings Odinsglaube +in Dänemark und Schweden neben Thor auf.</p> + +<p>Weiher der bewohnten Erde, der die Welt heiligt und weiht, Freund +der Menschen ist Thor. Auf einem jütischen und einem fühn’schen +Runenstein wird Thor angerufen, das Denkmal, die Runen zu weihen. Auf +anderen dänischen und schwedischen Steinen ist den Runen das deutliche +Abbild eines Hammers beigegeben, das wahrscheinlich symbolisch +denselben Wunsch darstellt, Thor möge das Erinnerungsmal weihen und +beschützen.⁠<a id="FNanchor_244_244" href="#Footnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> Dass der Hammer auch sonst in Gebräuchen eine Rolle +spielt, stützt diese Anschauung.</p> + +<p>Thrym, der Thursenbeherrscher gebietet, als er die vermeintliche Freyja +sich vermählen will:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bringt nun den Hammer,  die Braut zu weihen,</div> + <div class="verse indent0">den Mjolnir legt      in des Mädchens Schooss,</div> + <div class="verse indent0">in Wars Namen     weiht unsern Bund.⁠<a id="FNanchor_245_245" href="#Footnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span></p> + +<p>Bei der Hochzeit wurde Thors Gedächtniss vor den andern Göttern +getrunken, was auf seine Beziehung zur Ehe hinweist.⁠<a id="FNanchor_246_246" href="#Footnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> Spätere +norwegische Volkssage knüpft Thors Wanderungen auf Erden an Hochzeiten +an.⁠<a id="FNanchor_247_247" href="#Footnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> Als König Hakon gezwungen wird, am Opfer zu Hladir +teilzunehmen, machte er das Zeichen des Kreuzes über das ihm gereichte +Trinkhorn, was die Verwunderung der heidnischen Bauern erregte. Da +sagte der Jarl Sigurd: Der König thut so wie alle, die auf ihre eigene +Kraft und Stärke vertrauen und ihren Becher dem Thor weihen; er machte +das Hammerzeichen darüber, ehe er trank.⁠<a id="FNanchor_248_248" href="#Footnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a> Man trug kleine Hämmer +als Amulet und Schmuck. Vermutlich hatten die Thorsbilder Hämmer in +der Hand, mit denen der Hofgode feierliche Weihen vollzog. Unter den +Siegeszeichen, welche der Dänenprinz Magnus Nielson († 1134) von +seinem schwedischen Feldzug heim brachte, befanden sich Metallhämmer +von schwerem Gewicht, die man Thorshämmer nannte.⁠<a id="FNanchor_249_249" href="#Footnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> Seit alter +Zeit waren diese bei den Bewohnern einer Insel (Gutland) Gegenstand +besonderer Verehrung gewesen. Das Bild des heiligen Olaf, auf welchen +die norwegische Volkssage manche Züge Thors übertrug, hatte eine Axt +in der Hand, mit welcher die Wallfahrer sich zu bestreichen pflegten. +Bei Baldrs Tod wird berichtet, Thor weihte den Scheiterhaufen mit dem +Hammer Mjolnir. Hammerwurf heiligt nach altdeutschem Recht den Erwerb, +vielleicht mit Beziehung auf Donar.⁠<a id="FNanchor_250_250" href="#Footnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a> Sein Verhältniss zum Recht +im Norden kommt darin zum Ausdruck, dass der Thorsdag⁠<a id="FNanchor_251_251" href="#Footnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a> das Ding +eröffnet und dass im feierlichen Eid der allmächtige Ase Thor angerufen +wird. Mit Ase schlechthin war überhaupt Thor gemeint, als der höchste +und mächtigste der Asen.⁠<a id="FNanchor_252_252" href="#Footnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span></p> + +<p>So beschützt Thor als der liebe Freund das Leben des Menschen von dem +Augenblick, wo der Knabe mit Wasser begossen den Namen nach dem Gotte +beigelegt erhielt, bis die Flamme über dem Toten zusammenschlug oder +der Hügel ihn überwölbte. Ja noch das Denkmal wurde in seinen Schutz +gestellt.</p> + +<p>Die Normannen⁠<a id="FNanchor_253_253" href="#Footnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a> hielten am Thorsdienst fest. Vor der Heerfahrt +wurden dem Thor Menschenopfer gebracht. Mit einer Axt wurde dem +Opfer der Schädel zerschmettert und das Gehirn bloss gelegt. Aus dem +zuckenden Herzen wurde der Ausgang des Unternehmens erforscht. Dann +bemalten sich die Opfergenossen mit dem Blut ihr Gesicht und liessen +die Schiffe auslaufen. Weitere Zeugnisse bieten die bereits erwähnten +Ortsnamen <i>Turville</i>. Maugier, Richards II. Sohn auf der Insel +Jersey, hat mit dem Götzen <i>„Turet“</i> einen Bund.⁠<a id="FNanchor_254_254" href="#Footnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a> Thor genoss +demnach unter den Normannen die <span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span>grösste und häufigste Verehrung, sonst +wäre nicht die Erinnerung an ihn allein noch bis in die französische +Zeit gut erhalten geblieben.</p> + +<p>Dass Thor um Sieg angerufen wird, weiss auch eine nordische Quelle. +Styrbjorn erhob gegen König Eirik Ansprüche auf den schwedischen +Thron. In der entscheidenden Schlacht bei Fyrisvellir unterlag er nach +verzweifeltem Kampf und fiel mit den meisten seiner Leute. Vor der +Schlacht hatte Styrbjorn den Thor um Sieg angerufen, Eirik aber dem +Odin sich verlobt, nach zehn Jahren als Opfer zu sterben. Odins Hilfe +war mächtiger als die Thors.⁠<a id="FNanchor_255_255" href="#Footnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a></p> + +<p>Als König Olaf auf der norwegischen Insel Mostr weilt, erscheint ihm +der heilige Martinus im Traum und sagt: Das war hier zu Land wie +anderwärts Sitte, dass bei Gelagen und Gilden Thor und Odin und den +Asen Bier gespendet und der Becher geweiht wurde. Von nun an soll es +zu Gottes und der Heiligen Ehren geschehen.⁠<a id="FNanchor_256_256" href="#Footnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> Zu Olafs des Heiligen +Zeiten tranken die Leute im innern Drontheim nach altem Brauch Thors +und der Asen Minne. Rinder und Rosse wurden geschlachtet und die +Tempelsäulen mit dem Blute gerötet. Das Opfer wurde um fruchtbares Jahr +angestellt.⁠<a id="FNanchor_257_257" href="#Footnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a></p> + +<p>Im norwegischen Gudbrandsdal lebte ein mächtiger und angesehener +Häuptling namens Gudbrand. Der unterhielt einen Tempel des Thor, +welcher den Thalleuten in allen Nöten gar wol half. Im Tempel stand +ein Thorsbild mit dem Hammer in der Hand, gross und innen hohl. Gold +und Silber dient dem Götzen zum Schmuck. Täglich werden ihm vier +Brote und Fleisch gebracht und davon lässt er nichts übrig. Olaf der +Heilige gedachte die Bewohner von Gudbrandsdal zu bekehren. Zu einer +Dingversammlung, <span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span>in der Olaf mit den Bauern unterhandeln wollte, wurde +das von Gold glänzende Bild herausgeschleppt. Alle neigten sich davor. +Höhnisch forderte Gudbrand den König auf, seinen Gott herbeizurufen. +Olaf rief: Schaut nach Osten, da fährt unser Gott mit gewaltigem +Lichte! Eben ging die Sonne auf und alle schauten dorthin. Da schlug +des Königs Begleiter mit einer Keule auf den Götzen, dass er in Stücke +brach. Mäuse, Nattern und Würmer liefen heraus. So bekehrte Olaf die +Thalleute und ihren Häuptling.⁠<a id="FNanchor_258_258" href="#Footnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a></p> + +<p>Was Adam von Bremen⁠<a id="FNanchor_259_259" href="#Footnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a> über den Thorsdienst in Schweden berichtet, +stimmt völlig zu den nordischen Quellen. Thor ist der Mächtigste, Odin +und Freyr stehen hinter ihm zurück. Blitz und Donner, Regen, Wind und +klares Wetter sind ihm unterthan und darum auch die Fruchtbarkeit. Thor +donnert, um die Erde zu segnen, nicht um zu vernichten. Er ist Herr des +wolthätigen und befruchtenden Gewitters. Deswegen berührt er sich mit +Freyr, der sein schwedisches Ackerland mit Sonnenschein segnet. Bei +drohender Krankheit und Hungersnot wird dem Thor geopfert. Auch hiefür +bietet sich ein isländisches Zeugniss.⁠<a id="FNanchor_260_260" href="#Footnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a> Die Winlandsfahrer litten +einmal Hungersnot und baten vergeblich den Christengott um Hilfe. +Thorhall aber rief seinen vertrauten Freund Thor, den Rotbärtigen +an. Der sandte auch einen Walfisch an den Strand. Der dem Heidentum +feindselige Sagaschreiber fügt freilich bei, sie seien vom Genuss des +Fleisches alle krank geworden. Aber Thorhall sagt mit gerechtem Stolz, +sein treuer Freund Thor habe ihm selten Hilfe verweigert.</p> + +<p>Nach den geschichtlichen Zeugnissen ist offenbar Thor der eigentliche +Hauptgott des Nordens, jedenfalls des norwegischen <span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span>Stammes, dem +gegenüber Odin sehr zurücktritt. Der echte und wahre Volksglauben +kennt nur Thor und neben ihm Freyr, der vermutlich in Urzeiten bei den +Schweden ebenso verehrt wurde wie in der geschichtlichen Zeit Thor +bei den Norwegern. Beide sind im Grunde eins, der Himmelsgott nur +nach Stammesart und Landesbeschaffenheit verschieden. „Während der +alte Landas des gebirgigen Norwegens mit dem Donnerkeile Steinriesen +zermalmt, segnet der milde Freyr sein schwedisches Ackerland mit Regen +und Sonnenschein“ (Uhland 6, 424). Anders freilich ist das Bild, das +die Skaldenkunst gewährt. Da ist Odin der Hauptgott. Aber dieser +Odinsglaube gehört den Höfen und Edelingen. Die Betrachtung Odins wird +lehren, dass er erst spät im Norden einwanderte. Seine Herrschaft blieb +im wesentlichen auf die Kunstdichtung und deren Pfleger beschränkt. Das +Volk und alle, die vom Königshofe unabhängig waren, hielten an Thor und +Freyr fest. In Sage und Dichtung jener Zeit kommt diese Verschiedenheit +auch zum Bewusstsein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Den Gegensatz zwischen Thor, dem Beschützer und Förderer des +friedliebenden Bauernstandes und Odin, dem Vertreter des kriegliebenden +und abenteuerlustigen Adels bringt das Harbardslied⁠<a id="FNanchor_261_261" href="#Footnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a> in +trefflicher Weise zur Darstellung. Aus dem Ostland kommt Thor zu +einem Sund; auf der andern Seite erblickt er einen Fährmann, den er +um Überfahrt anruft. Es ist Odin, der sich unter dem Namen Harbard +versteckt; er behandelt den Ankömmling geringschätzig als Bauern und +Landstreicher. Nach mancherlei beleidigenden Scheltreden halten sie +ihre Thaten einander gegenüber. Während Harbard-Odin in Kriegs- und +Liebesabenteuern sich tummelte, was er mit geistiger Überlegenheit +hervorhebt, vollführte der ehrliche Thor nützliche Thaten. +Thursenweiber schlug er im Osten tot, damit das Riesengeschlecht nicht +überhand nehme. Einen Fluss, der die Menschenwelt vom Riesenland +trennt, verteidigte er gegen den Angriff der Söhne Swarangs, die +Felsblöcke schleuderten. Thor zwang sie zum Frieden. Auf Hlesey +erwürgte er Berserkerweiber, die argen Frevel verübt. <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>Wölfinnen waren +sie mehr als Weiber, Thors Schiff stürzten sie um, schwangen ihre +Eisenkeulen und verscheuchten den Thjalfi. Endlich fertigt Harbard den +Harrenden mit spöttischen Reden ab und heisst ihn zu Fuss den Weg um +den Sund suchen. Der norwegische Verfasser des ziemlich alten Liedes +hat seinen Stoff sehr gut behandelt, Bauer und Edeling, Thor und Odin +vorzüglich charakterisiert. Mit voller Freiheit und Selbständigkeit +sprang er mit der Überlieferung um und gewährt doch ein lebenswahres +Bild. Odin nimmt die Jarle, die auf der Walstatt fallen, aber Thor der +Knechte Tross. Damit stellt der Dichter dem glänzenden Walhall der +Krieger eine freundliche Heimstätte der in redlicher ruhmloser Arbeit +sich abmühenden Bauern bei ihrem Schirmer Thor gegenüber.</p> + +<p>Wie hier zu Fuss mit dem Korb auf dem Rücken, so erscheint auch sonst +Thor, wenn er nicht auf dem Wagen fährt. Nie besteigt er ein Ross. +Während die andern Götter zum Gericht unter der Weltesche reiten, +durchwatet Thor täglich zwei Flüsse und wandert einen weiten Weg.⁠<a id="FNanchor_262_262" href="#Footnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a></p> + +<p>Der Gegensatz zwischen Odin und Thor kommt auch in der Sage von +Starkad⁠<a id="FNanchor_263_263" href="#Footnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a> zum Ausdruck. Odin hatte unter dem Namen Hrossharsgrani +den Starkad erzogen. Einst träumte diesem, dass sein Pflegevater ihn +an eine abgelegene Stelle im Walde führte, wo elf Asen sassen, die +Hrossharsgrani als Odin grüssten. Sie sollten Starkads Schicksal +bestimmen. Thor, der ihm als einem Riesensohn ungünstig war, +verweigerte ihm Nachkommenschaft. Odin gab ihm drei Menschenalter, Thor +sagte, er solle in jedem ein Nidingswerk vollführen; Odin bestimmte +ihm die besten Waffen, Thor versagte ihm Landbesitz; Odin schenkte ihm +fahrend Gut im Überfluss, Thor legte hinzu, dass er niemals genug haben +solle. Odin gab ihm Sieg in jedem Streit, Thor fügte bei, dass er aus +jedem eine tiefe Wunde davontragen solle; Odin gab ihm Skaldenkunst, +Thor liess ihn seine Lieder vergessen; Odin machte ihn beliebt bei +den Mächtigen, Thor verhasst beim Volk. Das wilde Reckentum, das +schon Tacitus (Germ. 31) an den chattischen <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Kriegern hervorhebt, +den Helden und Dichter, der auf alles andre verzichtet, lässt die +nordische Sage von Odin, dem Heldenvater geweckt werden, während Thor, +dem Kriegsfahrt, um ihrer selbst willen gethan, verhasst ist, den +Berufskämpen mit Fluch belegt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Aus der Zeit des Glaubenswechsels wird berichtet⁠<a id="FNanchor_264_264" href="#Footnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a>: Nun kam das +Christentum nach Island und Thorgils nahm den Glauben unter den ersten +an. Er träumte eines Nachts, dass Thor zu ihm komme mit böser Miene und +sagte, er habe ihn betrogen. Du hast dich übel betragen wider mich, du +hast mir das Schlechteste ausgewählt und das Silber, das ich besass, +in einen Sumpf geworfen. Thorgils sprach: Gott wird mir helfen und ich +bin froh, dass unsere Gemeinschaft zerriss. Als Thorgils erwachte, war +sein Mastschwein tot. Er liess es begraben und niemand etwas davon +essen. Thor erschien dem Thorgils abermals im Traume und sagte, er +werde ihn ebenso leicht an der Nase kriegen wie sein Schwein. Thorgils +antwortete, Gott werde das bestimmen. Thor drohte ihm Viehschaden +anzuthun. In der nächsten Nacht fiel auch ein alter Ochse. Da sass +Thorgils in der darauffolgenden Nacht selber bei seinem Vieh. Am Morgen +als er heim kam, war er weit herum ganz schwarz geworden. Die Leute +hielten es für sicher, dass er mit Thor zusammengetroffen sei. Das +Viehsterben liess nach. Thorgils fuhr später nach Grönland und hatte +dabei neue Anfechtungen auszustehen. Thorgils wartete auf guten Wind +und träumte, ein grosser rotbärtiger Mann komme zu ihm und spräche: +Die Fahrt, die du vor hast, wird beschwerlich werden. Übel wird es +dir gehen, wenn du nicht wieder zu meinem Glauben zurückkehrst. Dann +aber will ich wieder für dich sorgen. Thorgils sagte, er wolle seine +Fürsorge nimmer haben und hiess ihn entweichen. Meine Fahrt geht, +wie der allmächtige Gott will. Da schien ihm, als führe ihn Thor auf +Klippen, an denen die Brandung sich brach. In solchen Wogen sollst du +sein und nimmer herauskommen, du kehrest denn zu mir zurück. Nein, +sagte Thorgils, hebe dich fort, du leidiger Feind. Der wird mir helfen, +der uns alle mit seinem Blute erlöste. Da erwachte er und erzählte den +Traum seiner Frau. Die sagte, ich würde daheim bleiben, wenn ich so +geträumt hätte, und die andern Leute sollen <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>nichts davon erfahren. +Nun erhob sich Fahrwind und sie segelten ab. Als sie ausser Sicht des +Landes waren, legte sich der Wind und sie trieben so lange umher, bis +Mangel an Trank und Speise eintrat. Thorgils träumte vom selben Mann: +ging es nicht, wie ich sagte? Lange redete Thor mit Thorgils, der +aber jagte ihn mit harten Worten von sich. Es begann zu herbsten und +einige Leute meinten, man solle Thor anrufen. Thorgils verbot es. In +der Nacht erschien Thor und sprach: Da zeigte es sich, wie treu du mir +warst, als die Männer mich anrufen wollten. Aber ich habe nun deinen +Leuten geholfen; ihr seid alle in äusserster Bedrängniss, wenn ich +nicht helfe. In sieben Nächten sollst du einen Hafen erreichen, wenn +du ernstlich zu mir zurückkehrst. Thorgils sprach: Wenn ich auch nie +einen Hafen erreiche, ich will dir nichts Gutes thun. Thor antwortete: +Willst du mir nichts Gutes thun, dann gib mir wenigstens meinen Besitz. +Thorgils dachte darüber nach und fand, dass Thor damit einen Ochsen +meine, den er ihm geschenkt hatte, solang er noch ein Kalb gewesen +war. Thorgils befahl den Ochsen über Bord zu werfen. Denn es sei kein +Wunder, wenn es schlimm gehe, solange Thors Gut an Bord sei. Der +glaubenseifrige Mann wird auch schliesslich gerettet. Die Geschichte +lässt deutlich durchschimmern, dass der Abfall von den alten Göttern +und namentlich von Thor als schwerer Treubruch empfunden wurde. Wie +Thor sonst als Beschützer und Mehrer des Eigentums galt, so rächt er +sich an den Ungetreuen durch Beschädigung und Schmälerung. Wie er sonst +günstigen Wind sendet, so schickt er seinen Feinden Gegenwind oder +hemmt ihre Fahrt durch Windstille. Raud auf Raudsey, einer Insel vor +der norwegischen Landschaft Halogaland, war ein grosser Opferer. Durch +vieles Opfern hatte er ein Bildniss Thors im Tempel so bezaubert, dass +der böse Feind aus dem Götzen mit ihm redete und diesen so bewegte, +dass er am Tage mit ihm herumgehend sich zeigte, und Raud führte +ihn oft mit sich auf der Insel herum. Als Olaf Tryggvason der Insel +naht, verkündigt Thor seinem Freunde des Königs Ankunft. Thor erhebt +die Bartstimme und bläst in den Bart, infolge dessen der König durch +heftiges Gegenwetter mehrmals abgetrieben wird. Dem Bekehrungsversuche +Olafs hält Raud entgegen: Du setzest deine Rede überzeugend, König; +indessen habe ich wenig Lust, den Glauben zu verlassen, den ich gehabt +habe und den mich mein Pflegevater gelehrt hat; und man kann nicht +sagen, dass unser Gott Thor, der hier im <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>Tempel wohnt, wenig vermöge, +denn er verkündigt noch ungeschehene Dinge und ist mir in aller Not +von erprobter Verlässigkeit, und darum mag ich unsere Freundschaft +nicht brechen, solange er mir die Treue hält. Wie der König droht, +meint Raud, das schlage bei ihm nicht an, fordert aber denselben auf, +seine Kraft in einem Kampfe mit Thor zu erproben. Hierauf lässt sich +Olaf ein und besiegt den Götzen.⁠<a id="FNanchor_265_265" href="#Footnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a> Auch auf Island trat Thor selber +den christlichen Bekehrern entgegen. Dankbrands des Priesters Schiff +war zerbrochen. Steinvor, welche ihrerseits den Priester zum Heidentum +bekehren wollte, sagte zu ihm: Hast du gehört, dass Thor Christus zum +Zweikampf forderte, aber Christus wollte sich mit Thor nicht schlagen. +Weisst du, wer dein Schiff zerschlug? Thor, der die Kinder der Riesin +fällt, zerbrach das Schiff. Er sandte Sturm, der es in Späne schlug. +Christus vermochte nicht zu helfen.⁠<a id="FNanchor_266_266" href="#Footnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a></p> + +<p>Derselbe Gedanke, dass Thor persönlich den neuen Gott und seine +Vertreter bekämpft, kommt ziemlich übereinstimmend in diesen beiden +Erzählungen zum Ausdruck.</p> + +<p>Als Svein, der einen prächtigen Thorstempel besass, auf König Olafs +Tryggvason Betreiben vom Heidentum liess, geriet der Tempel samt +den Götzenbildern in Verfall. Von Sveins Söhnen Svein und Finn ist +letzterer eifriger Christ und naht, um das Thorsbild zu zerschlagen +und zu verbrennen. In der Nacht zuvor erschien Thor zornig und traurig +dem jüngeren Svein und sprach: Nun ist es dahin mit uns gekommen, +dass mit dem Zusammenleben auch die Freundschaft sich verliert. Trage +mich aus dem Tempel in den Wald, damit dein Bruder Finn mich nicht +beschädigt. Als Svein sich weigert, verschwand Thor trauervoll und voll +Schmerz.⁠<a id="FNanchor_267_267" href="#Footnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a></p> + +<p>Besonders schön ist aber die Geschichte von der Begegnung Thors mit +Olaf Tryggvason, weil da noch einmal der Treubund zwischen dem Gott +und seinem Volk so recht klar und schlicht hervortritt. Wie verhaltene +Sehnsucht nach einer schönen, entschwundenen Vergangenheit mutet +der Bericht an. Thor ist dem Norweger ins Herz gewachsen und nur +schwer und ungern lässt er von ihm, ebenso trauert aber der Gott über +die schmerzliche Trennung von seinen Getreuen. Zugleich leitet die +Erzählung <span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span>hinüber zu den Thorssagen, deren Hauptinhalt Bezwingung der +Riesen und Trolle ist. Wäre nicht Thor, so vernichteten Trolle die +Welt, sagt ein norwegisches Sprichwort.⁠<a id="FNanchor_268_268" href="#Footnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a></p> + +<p>Als einmal König Olaf mit guter Brise südwärts der Küste entlang +segelte, stand ein Mann auf einem Felsenvorsprung und rief um Aufnahme +ins Schiff. Olaf steuerte den Orm, das treffliche Drachenschiff, das +er dem zauberkundigen Raud abgenommen hatte, ans Land und der Mann +stieg an Bord. Er war von stattlichem Wuchs, jugendlich, schön von +Aussehen und rotbärtig. Mit dem Gefolge des Königs begann er allerlei +Kurzweil und scherzhaftes Wettspiel, wobei die andern schlecht gegen +ihn bestanden. Er meinte, sie seien unwert, einem so berühmten König zu +folgen und auf einem so schönen Schiffe zu fahren, wie der Drache war, +den der starke Raud besessen hatte. Die Leute fragten ihn, ob er alte +Mären wisse, und als er bejahte, führten sie ihn zum König. Der hiess +ihn eine alte Geschichte zu erzählen. Der Mann antwortete: Damit heb +ich an, o Herr, dass dieses Land, vor dem wir segeln, in alten Zeiten +von Riesen bewohnt war. Aber die Riesen kamen einmal raschen Todes +um, dass sie alle zusammen starben, nur zwei Weiber blieben übrig. +Hernach siedelten sich Leute aus östlichen Landen hier an; aber jene +grossen Weiber thaten ihnen allerlei Schaden und Bedrängniss, bis die +Landsbewohner sich entschlossen, diesen roten Bart um Hilfe anzurufen. +Alsbald ergriff ich meinen Hammer und schlug die beiden Riesinnen zu +Tode. Das Volk dieses Landes blieb dabei, mich um Hilfe anzurufen, wenn +es Not that, bis du, o König, alle meine Freunde vernichtet hast, was +wol der Rache wert wäre. Hiebei blickte er bitter lächelnd nach dem +König zurück, indem er sich so schnell über Bord warf, als ob ein Pfeil +ins Meer schösse, und niemals sahen sie ihn wieder.⁠<a id="FNanchor_269_269" href="#Footnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Thor_in_der_Skaldendichtung_3"><b>3. Thor in der +Skaldendichtung.</b></h5> + +<p>Snorri entwirft auf Grund der Skaldengedichte folgendes Gesamtbild von +Thor (Gylfag. Kap. 21): Thor steht unter allen Asen <span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span>obenan; er heisst +auch Asathor oder Wagenthor, weil er auf einem Wagen zu fahren pflegt. +Er ist der stärkste der Asen, stärker als alle Götter und Menschen. +Er herrscht in Thrudwang (Feld der Stärke) oder Thrudheim (Welt der +Stärke). Seine Halle hat den Namen Bilskirnir.⁠<a id="FNanchor_270_270" href="#Footnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> In diesem Gebäude +sind 540 Gemächer, es ist das grösste Haus, von dem Menschen wissen. +Thor hat auch zwei Böcke und einen Wagen. Die Böcke heissen Tanngniost +(Zahnknisterer) und Tanngrisnir (Zahnknirscher). Thor benutzt diesen +Wagen, wenn er nach Jotunheim fährt, und die Böcke ziehen den Wagen. +Er besitzt ferner drei Kleinode: das eine ist der Hammer Mjolnir +(Zermalmer), den Reifriesen und Bergriesen kennen, sobald er in die +Luft sich erhebt; und das ist nicht zu verwundern, denn Thor hat mit +dieser Waffe schon manchen Schädel ihrer Vorfahren und Verwandten +zerschmettert. Das zweite Kleinod ist der Kraftgürtel: wenn er diesen +anlegt, wächst ihm die Asenkraft ums doppelte. Das dritte Kleinod, das +überaus wertvoll ist, sind die eisernen Handschuhe; diese kann er nicht +entbehren, wenn er den Schaft des Hammers fasst. Niemand ist jedoch so +weise, dass er alle seine grossen Thaten aufführen könnte, wenn ich +auch soviel davon zu berichten weiss, dass der Abend hereinbrechen +würde, ehe ich alles, wovon ich Kunde besitze, zu Ende erzählt habe.</p> + +<p>Von Mjolnir berichten Skáldsk. K. 3, dass der Zwerg Brokk ihn +geschmiedet. Man könne damit werfen, soweit man wolle, ohne je das Ziel +zu verfehlen. Der Hammer kehrt von selbst in die Hand des Werfenden +zurück und kann so klein gemacht werden, dass man ihn unter dem Rock +zu tragen vermag. Nur der Handgriff ist etwas zu kurz ausgefallen. +Die Asen erklären den Hammer für das beste der von Brokk verfertigten +Kleinode, er sei der wirksamste Schutz gegen die Riesen.</p> + +<p>In der nordischen Dichtung erscheint Thor als Sohn Odins; er musste +sich diesem unterordnen, sobald er zum ersten der Götter geworden war. +Thors Frau heisst <em class="gesperrt">Sif</em>.⁠<a id="FNanchor_271_271" href="#Footnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a> Sie reicht beim <span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span>Gelage +der Götter dem Loki den Becher voll Metes, der aber rühmt sich, selbst mit ihr, +der Strengen und Keuschen, Buhlschaft getrieben zu haben. Der Riese +Hrungnir will sie mit Freyja entführen. Sifs prächtiges Haar hatte +Loki aus Bosheit abgeschnitten. Thor fasste den Loki und wollte ihm +alle Knochen zerschlagen. Da schwur er den Eid, er wolle der Sif von +den Zwergen aus Gold neues Haar anfertigen lassen, das wachsen sollte, +wie natürliches Haar und so geschah es, dass Sif goldenes Haar trägt. +Von Sif hat Thor die Tochter Thrud, die Hrungnir zu entführen suchte. +Sif ist Sippe, nach nordischem Sprachgebrauch Blutsverwandtschaft und +Verschwägerung. Als Schirmer dieser Bande erscheint Thor, weiht er doch +die Ehe mit dem Hammer ein. Die persönlich gedachte Sippe wurde ihm +daher zur Frau gegeben.</p> + +<p>In Thors Söhnen <em class="gesperrt">Modi</em>⁠<a id="FNanchor_272_272" href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a> (Zorn) und <em class="gesperrt">Magni</em>⁠<a id="FNanchor_272_272a" href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a> (Kraft) +werden wie in der Tochter <em class="gesperrt">Thrud</em> des Vaters Eigenschaften +persönlich. Vater Magnis heisst Thor vielleicht ursprünglich auch nur +bildlich als der Ursprung der Kraft, als der kräftigste der Asen. Von +Magni wird erzählt, dass ihn Thor mit Jarnsaxa (der mit dem eisernen +Schwerte) erzeugte. Drei Nächte alt war er doch schon so stark, dass +er allein den auf Thors Halse lastenden Fuss Hrungnirs herunterwerfen +konnte. In der neuen Welt werden Modi und Magni den Hammer Mjolnir an +des Vaters Stelle führen. Von Modi ist gar nichts weiter bekannt. Über +Thrud berichtet das Lied vom Zwerg Alwis. Thor wird zweimal Meilis +Bruder genannt. Von diesem Meili, dessen Vater Odin ist, meldet keine +<span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span>Sage. Die Mutter Thors ist die Erdgöttin, Jord oder Fjorgyn⁠<a id="FNanchor_273_273" href="#Footnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a>, die +im Eichwald Verehrte.</p> + +<p>Thors Beruf, die bewohnte Erde und das Reich der Götter durch +Bekämpfung der Riesen zu schirmen, ist in bestimmten Ausdrücken⁠<a id="FNanchor_274_274" href="#Footnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a> +der Gedichte angezeigt. Im Hymirlied heisst er Freund der Menschen, +Zerschmettrer der Felsbewohner, der der Thursen Tod berät, der Riesin +Betrüber, des Wurmes Alleintöter. Ähnliche Benennungen legen ihm die +Skalden bei, Freund der Götter ist er bei Ulf Uggason, Landesgott bei +Egill. Im Harbardslied 23 sagt Thor: Thursenweiber schlug ich tot im +Osten, die böswillig auf die Berge stiegen. Gross wäre die Anzahl der +Riesen, wenn alle lebten, nicht Menschen gäb es in Midgard mehr. Im +Lied von Thrym 17: bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du +dir nicht deinen Hammer zurück. In solcher Thätigkeit tritt uns Thor +in den meisten der folgenden Sagen entgegen; stets bereit, feindliche +Riesenmächte mit Donner und Blitz zu zerschmettern, fährt er auf seinem +Bocksgespann krachend in die Bergwildniss. Wenn es um die Felsen blitzt +und donnert, stürmt und hagelt, dann ist Thor an der Arbeit und schlägt +die Unholde.</p> + +<p>Bei Saxo⁠<a id="FNanchor_275_275" href="#Footnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a> ist Thor wie bei den Skalden geschildert. Er führt eine +grosse Keule, gegen die nichts Stand hält. Er bekämpft <span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span>und bändigt +Riesenungeheuer. Wenn man ihn um Hilfe anruft, ist er sogleich zur +Stelle, wie die Asen nur Thors Namen aussprechen dürfen, um ihn +bei sich zu haben. Als Urheber der Bergstürze wälzt er Felsblöcke +zermalmend aufs Heer der Feinde. Seine Freunde gelten als seine Söhne. +Saxo gewährt auch einen Zug, den wir sonst vermissen. Halfdan ist ein +Thorsheld, ein Sohn Thors. Während sonst nur Freyr, Tyr und Odin an +der Spitze der Heldengeschlechter stehen, während sonst allein Odin in +menschlicher Gestalt zu seinen erkorenen Lieblingen herabsteigt, thut +es hier auch einmal Thor.</p> + +<h5 class="s4" id="Sagen_von_Thor_4"><b>4. Sagen von Thor.</b></h5> + +<p>Das Gesamtbild des Gottes tritt aus den Skaldengedichten uns entgegen, +welche die Thätigkeit Thors im Kreise der Asen zeigen. Wenn auch manche +Züge von den Skalden neu hinzugebracht wurden, im Grunde herrscht doch +dieselbe Auffassung Thors, wie im Volksglauben. Nur ist Thor weniger +als der Schützer der Sterblichen, vielmehr als der Schirmer der Götter +<span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span>und der von ihnen geordneten Welt gezeichnet. Immer erneuern die +Riesen ihre Angriffe auf die Welt, unablässig hat Thor zu thun, um sie +niederzuhalten.</p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_Thrym"><em class="gesperrt">Thor und Thrym</em>.</h6> + +<p>Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde in Norwegen das beste aller +Eddalieder, das <em class="gesperrt">Lied von Thrym</em>⁠<a id="FNanchor_276_276" href="#Footnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> gedichtet. Wild war Thor, +als er erwachte und Mjolnir vermisste. Er klagt dem listigen Loki seine +Not: noch ahnt es keiner auf Erden noch im Himmel — der Ase ist seines +Hammers beraubt! Sie gingen zu Freyja, um ihr Fluggewand zu borgen. +Damit flog Loki nach Riesenheim. Auf dem Hügel sass Thrym und fragte +Loki nach Zeitung von Asen und Elben. Auf Lokis Frage nach dem Hammer +erwiderte Thrym, er sei acht Meilen tief in der Erde geborgen; nicht +gebe er ihn heraus, es sei denn, das Freyja zur Frau ihm gebracht +werde. Mit diesem Bescheid kam Loki zurück. Sie stellten an Freyja +das Ansinnen, mit dem Brautschleier zur Reise nach Riesenheim sich zu +schmücken. Aber zornig wies sie es ab. Alle Götter und Göttinnen gingen +zu Rat, Heimdall sprach: Schmücken wir Thor mit dem Brautschleier +und mit Freyjas Halsband; lasst Weibergewänder ihm ums Knie wallen, +Schlüssel am Gürtel klirren, die Brust ziert ihm mit bunten Steinen. +Thor zögerte, weibisch würden ihn dann die Asen heissen. Da sagte Loki: +Bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du dir nicht deinen +Hammer wieder. Da liess sich Thor verkleiden. Als Magd begleitete ihn +Loki. Sie bestiegen das Bocksgespann, die Berge barsten, es brannte +die Erde, als Thor ins Thursenland fuhr. Thrym liess alles festlich +zum Empfang zurichten; denn er ist reich. Am Abend beim Mahle ass Thor +einen Ochsen und acht Lachse, alles Würzwerk und trank drei Tonnen +Metes. Thrym verwunderte sich ob solcher Gefrässigkeit. Doch Loki, die +findige Magd sagte, acht Nächte hindurch habe Freyja aus Sehnsucht +<span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span>gar nichts mehr gegessen. Der Riese wollte die Braut küssen, entsetzt +vor den funkelnden Augen sprang er in den Sal zurück. Loki wusste +wieder Auskunft, aus lauter Sehnsucht habe Freyja acht Nächte nimmer +geschlafen, darum glühe ihr Auge. Herein trat des Thursen Schwester, +die Braut um ein Geschenk zu bitten. Thrym befahl Mjolnir zu holen, +die Braut zu weihen legte er ihn in des Mädchens Schoos. Da lachte dem +Thor das Herz in der Brust, als er seinen Hammer erblickte. Den Thrym +erschlug er zuerst, darauf das ganze Geschlecht der Riesen. Des Thursen +Schwester bekam Schläge anstatt des Geschenkes, Hammerhiebe statt der +Ringe. So holte sich Odins Sohn seinen Hammer zurück.</p> + +<p>Dem Lied ist trefflicher Aufbau und gute Zeichnung der einzelnen +Gestalten nachzurühmen. Die Handlung entwickelt sich rasch, die Sprache +ist einfach und kraftvoll. Thor erscheint hilflos und ungeschickt, +sobald es nicht aufs Zuschlagen ankommt. Da muss der listenreiche +Loki aushelfen. Der gewaltige Recke in Weiberkleidern musste überaus +komisch wirken; seine Rolle als Braut spielt er ungeschickt genug. +Ihm, dem ehrlichen, offnen Helden widerstrebt List und Trug. Aber +als seine Faust den Hammer umspannt, da tritt er wieder in seiner +vollen Furchtbarkeit hervor. Der Sage eine natursymbolische Auslegung +zu geben, etwa Thrym als Winterriesen zu fassen, der dem Donnerer +den Blitzhammer entwendet, ist nicht begründet. Das altnordische +Kunstgedicht wurde volkstümlich. In der Weise von „<i>Tord von +Havsyard</i>“, die in norwegischer und dänischer Fassung überliefert +ist, lebte es im Mittelalter unter dem Volke fort.</p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_Hrungnir"><em class="gesperrt">Thor und +Hrungnir</em>.</h6> + +<p>Thor der Schrecken der Riesen fuhr von Flammen umringt ins Steingebirg +zum Höhlenbewohner. Jords Sohn fuhr zum Kampf, unter ihm erdröhnte des +Mondes Pfad, der Himmel. Die Luft war von Feuer erfüllt, Hagel ging zu +Grunde, die Erde zerbarst, als die Böcke den Gott des Wagens zum Streit +mit Hrungnir zogen. Nicht scheute Thor den bergbewohnenden Riesen. Die +Berge erbebten und stürzten, das Meer flammte auf. Der Riese verzagte, +als er den kampfkühnen Gott erblickte, den gelben Schild warf er unter +seine Fusssohlen, so wollte es das Schicksal; nicht lange brauchte +der Felsenmensch auf den Wurf des Hammers zu warten. Der Riesentöter +brachte den Unhold über seinem Schild zu Fall, dass er vor dem scharfen +Hammer sich neigte. Doch ein harter <span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span>Splitter der Steinwaffe des +Riesen fuhr in den Schädel Thors, da steckte der blutige Stein, bis +die Wundenheilerin mit Zauber ihn löste. Dem Skaldenlied Thjodolfs (um +855–930) tritt Snorris Bericht ergänzend zur Seite.⁠<a id="FNanchor_277_277" href="#Footnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a> Thor war gen +Osten gezogen, Unholde zu schlagen, Odin aber ritt nach Jotunheim. Er +kam zu einem Riesen, der Hrungnir hiess. Der fragte, was das für ein +Mann sei, der mit goldenem Helm durch Luft und Meer reite, und meinte, +dass er ein gutes Ross habe. Odin erwiderte, in Riesenheim sei kein +gleich gutes. Hrungnir sagte, sein Hengst Gullfaxi sei noch stärker. +Zornig sprang er aufs Pferd und gedachte Odin zu fangen. Doch Odin +entkam, der Riese verfolgte ihn bis nach Asgard. Als er zur Hallenthür +trat, luden ihn die Asen zum Trinkgelage ein. Er ging in den Sal und +erhielt die Schalen, aus denen Thor seinen Durst zu stillen pflegte. +Hrungnir schlürfte, bis er trunken ward, und prahlte, er wolle Walhall +nach Jotunheim schaffen, Asgard versenken und alle Götter töten, Freyja +und Sif ausgenommen; die gedenke er mit sich fortzuführen. Freyja +allein wagte es, ihm einzuschenken; er aber sagte, dass er alles Bier +der Asen austrinken werde. Als nun den Asen seine Prahlerei lästig +ward, da nannten sie den Namen Thors, und alsbald trat auch Thor in +die Halle und schwang den Hammer in der Luft. Er war sehr zornig über +Hrungnirs Besuch. Der behauptete, Odin habe ihn eingeladen und er +stehe in seinem Schutze. Thor sprach, für diese Einladung solle er +büssen, ehe er hinauskomme. Hrungnir antwortete, das sei für Asathor +ein geringer Ruhm, wenn er ihn, den Waffenlosen, töte; „grösser ist +das Wagestück, wenn er den Mut hat, mit mir auf der Länderscheide bei +Grjotunagard (Bezirk der Steingehege) sich zu schlagen; auch war es +eine grosse Thorheit, dass ich meinen Schild und meine Steinkeule zu +Hause liess, denn hätte ich sie bei mir, so könnte man jetzt gleich +den Holmgang versuchen — so aber müsste ich dich für einen Schurken +erklären, wenn du mich, den Wehrlosen, töten wolltest.“ So wurde +der Zweikampf anberaumt. Neu bei Snorri ist, dass Thor von Thjalfi +begleitet wird und dem Hrungnir ein Lehmriese Mokkurkalfi zur Seite +steht. Den machten die Riesen auf Grjotunagard, neun Meilen hoch, +unter den Armen drei Meilen breit; sie <span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span>legten das Herz einer Stute, +das sich aber wenig standhaft erwies, in den Riesenleib. Hrungnir aber +trug ein Herz aus hartem Stein. Als Waffe schwang er einen Wetzstein. +So harrten sie Thors. Thjalfi ruft Hrungnir zu, Thor werde in die Erde +fahren und ihn von unten her angreifen, und darum schiebt Hrungnir den +Schild unter die Füsse und stellt sich darauf. Hammer und Wetzstein +treffen sich im Flug, der Stein bricht entzwei; die eine Hälfte fällt +zu Boden, daher stammen alle Wetzsteinfelsen, die andere fliegt Thor +in die Stirne, dass er zusammenbrach. Thjalfi hatte inzwischen den +feigen Mokkurkalfi zu Fall gebracht. Hrungnir war vornüber gestürzt, +sein einer Fuss lag auf Thors Halse. Weder Thjalfi noch die anderen +Asen vermochten ihn wegzuheben. Da trat Magni, der Sohn Thors und der +Jarnsaxa, der damals erst drei Nächte alt war, hinzu. Der warf den Fuss +Hrungnirs von Thors Halse herunter und sprach: Jammerschade ist es, +dass ich so spät herzukam; ich meine, dass ich diesen Riesen mit der +Faust würde erschlagen haben, wenn ich ihn vorher getroffen hätte. Da +stand Thor auf und begrüsste seinen Sohn mit grosser Freude und sagte, +dass er einst ein tüchtiger Mann werden würde. Thor ging heim nach +Thrudwang; das abgebrochene Stück des Wetzsteines steckte noch immer +in seinem Kopfe. Da kam die Seherin Groa herbei, die Frau Aurwandils +des Unverzagten. Sie sang ihre Zauberlieder über ihm, bis der Wetzstein +lose wurde. Da wollte Thor sie mit guter Kunde erfreuen und erzählte +ihr, er sei von Norden über die stürmischen Wogen gewatet und habe den +Aurwandil in einem Korbe auf dem Rücken aus Jotunheim vom hohen Norden +herübergetragen. Eine Zehe Aurwandils, die aus dem Korbe herauslugte, +erfror; die habe er abgebrochen und an den Himmel geworfen und das +Sternbild „Aurwandils Zehe“ daraus geschaffen. Thor fügte hinzu, es +werde nicht lang mehr dauern, bis Aurwandil aus dem Norden heimkomme. +Groa ward hierüber so erfreut, dass sie ihre Zauberlieder vergass, und +so ward der Wetzstein nicht völlig los, er steckt noch immer in Thors +Haupt.</p> + +<p>Klar ist der Grundgedanke dieser Thorssage besonders im Skaldenlied, +ein Gewitter, das krachend ins Felsgebirg fährt. Schwieriger sind +die andern Einzelheiten auszulegen. Hrungnir heisst der Lärmer +(<i>rungla</i>, lärmen), Mokkurkalfi die Nebelwade (<i>mokkr</i>, +Nebel, <i>kalfi</i>, Wade), ein Bild der Nebelwolke. Der Riese +ist aus Lehm gefertigt, während Hrungnir im Felsgestein herrscht. +Vielleicht ist damit der zähe, wässrige Lehmboden am dunstigen <span class="pagenum" id="Page_270">[S. 270]</span>Fusse +des Felsgebirges gemeint. Lehm und Gestein widerstreben dem Anbau +und werden mit Gewalt bezwungen. Bergsturz, Erdrutsch, Wasser und +Nebel, alle Erscheinungen eines im Gebirge wütenden Gewitters mögen +zusammengewirkt haben bei der Vorstellung, dass währenddem Thor +den Riesen schlug. Schön erklärt Uhland: „Den Lehmhügel hinan, am +Abhang des Gebirgs, regt sich der mühsame Anbau, oben herein ragt das +ungeheure Felshorn, an dem eine Gewitterwolke blitzt und donnert, dass +plötzlich der ganze Gebirgsstock erbebt. Die Feldarbeiter blicken +empor und siehe! der Fels wird zum Steinriesen, in der Wolke steht +der feurige Wagenlenker Thor, den malmenden Hammer schleudernd. Da +fühlt Thjalfi, dass er nicht allein arbeite, ein gewaltiger Gott ist +hilfreich mit ihm, und während er das Geringe schafft, vollbringt +jener das Grosse und hat das Schwerste schon vorgearbeitet.“ Weniger +ungezwungen fügt sich das übrige der Naturdeutung. Groa (zu <i>gróa</i> +wachsen und grünen, zuwachsen und heilen) soll das wachsende Saatengrün +vorstellen, das vergeblich bemüht ist, die Steine des Feldes zu +bedecken, Thors Wunde zu heilen. <i>Aurwandil</i> ist gleich Saxos +jugendlichem Helden Horwendil. Im Ags. ist <i>éarendel</i> ein Name +des Morgensternes, im Ahd. begegnet der Name <i>Orentil</i>, mhd. +<i>Orendel</i>, der Held der gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfassten +Spielmannsdichtung. Ob man alle diese Einzelheiten als Trümmer eines +altgermanischen Mythus betrachten darf, ist sehr fraglich. Aurwandil +in der nordischen Sage ist ein Licht- oder Frühlingswesen, das der +Donnerer aus der Macht winterlicher Eisriesen zu seiner harrenden +Gattin zurückführt. Der Zusammenhang der verschiedenen Mythen wie in +Snorris Erzählung fehlt bei Thjodolf und ist auch schwerlich alt.</p> + +<p>Thors Kampf mit Hrungnir war berühmt, öfters wird in den Eddaliedern +und bei den Skalden darauf angespielt. Schon bei Bragi heisst Thor +Hrungnirs Schädelzerschmetterer.⁠<a id="FNanchor_278_278" href="#Footnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_Hymir"><em class="gesperrt">Thor und +Hymir</em>.</h6> + +<p>Einst kam Thor zu einem Riesen mit Namen Hymir. Dieser fuhr morgens +zum Fischfang. Thor verlangte, ihn zu begleiten; der Riese meinte, +von einem so kleinen Burschen wenig Vorteil zu haben. Thor aber wurde +zornig und wollte doch mit. Er fragte, was sie als Köder mitnehmen +sollten. Hymir sagte, er <span class="pagenum" id="Page_271">[S. 271]</span>solle sich selbst einen verschaffen. Da +packte Thor einen Stier Hymirs und riss ihm den Kopf ab. Dann setzte +er sich im Boden des Fahrzeugs nieder und Hymir merkte, dass er +gewaltig zu rudern verstand. Bald sagte der Riese, dass sie zu den +Fischplätzen gekommen seien, wo er zu angeln gewohnt sei, und hiess ihn +mit Rudern aufhören. Thor aber sprach, dass er viel weiter hinaus zu +rudern gedenke, worauf Hymir erwiderte, dies sei gefährlich wegen der +Midgardschlange. Thor ruderte also weiter zu Hymirs Missvergnügen. Thor +machte die Angelschnur zurecht und steckte den Stierkopf an den Haken, +der sofort zu Grunde sank. Die Schlange schnappte nach der Angel und +der Haken blieb ihr im Gaumen stecken. Da zerrte sie so mächtig an der +Leine, dass Thors beide Fäuste auf den Bord des Bootes aufschlugen. +Thor rüstete sich mit seiner ganzen Asenstärke. So gewaltig stemmte +er sich entgegen, dass er mit beiden Füssen den Boden des Fahrzeugs +durchbrach und auf den Meergrund zu stehen kam. Nun zog er die Schlange +zu sich herauf an den Bord des Schiffes. Thor richtete seine blitzenden +Augen auf das Ungetüm, das ihn anstarrte und Gift schnaubte. Der +Riese erschrak, als er die Schlange erblickte und die See ins Schiff +stürzte. Als Thor nach dem Hammer griff, schnitt der Riese am Bord +die Angelschnur entzwei, dass die Schlange ins Meer zurücksank. Thor +warf mit dem Hammer und schlug ihr Haupt ab. Den Riesen aber traf er +dermaassen ans Ohr, dass er kopfüber ins Meer stürzte. Thor watete zum +Lande zurück.⁠<a id="FNanchor_279_279" href="#Footnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a></p> + +<p>Thors Kampf mit der grossen Seeschlange ist öfters von den Skalden +besungen worden, im 10. Jahrh. von Ulf Uggason (um 984) und Eystein +Valdason. Der Vernichter der Trolle wurde dem Ungeheuer des Meeres +gegenübergestellt. Übrigens beruht der abenteuerliche Fang des Wurmes +mit Angel und Köder auf christlicher Vorstellung, wie Gottvater oder +Christus den erdumgürtenden Leviathan mit der Angel fangen.</p> + +<p>Ein norwegischer Skald dichtete am Ende des 10. Jahrhunderts <span class="pagenum" id="Page_272">[S. 272]</span>das +Hymirlied⁠<a id="FNanchor_280_280" href="#Footnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a>, wo ebenfalls der Fang des Wurmes geschildert wird +(Str. 17–25), nur dass hier der seltsame Fisch „wieder lebendig ins +Meer zurücksinkt“. Denn am Ende der Tage erst soll er von Thor getötet +werden. Ausserdem hat der Verfasser des Hymirliedes noch eine Anzahl +weiterer Sagen herangezogen, ohne jedoch eine innere Verbindung +zwischen ihnen herstellen zu können. Die wichtigste, am meisten +ausgeführte, ist die Einholung von Hymirs Kessel. Die Asen wollen +bei Aegir dem Meerriesen Gelage halten. Aber ihm fehlt ein Kessel, +der gross genug ist, das nötige Bier zu brauen. Die Asen sollen ihn +liefern, Thor soll ihn besorgen. Dazu weiss Tyr Rat. Sein Stiefvater +Hymir, der am äussersten Himmelsrande wohnt, hat einen meilentiefen +Kessel. Von Asgard aus fahren sie einen vollen Tag, bis zu Egill, dem +Vater des Thjalfi und der Roskwa, wo sie die Böcke einstellen. Dann +schreiten sie zu Hymirs Halle. Dort fand Tyr die verhasste Ahne mit +900 Häuptern. Aber die lichte Frau, Tyrs Mutter brachte den Gästen +Bier. Spät kam der Riese vom Waidwerk heim; Eiszapfen klirrten, wie +er in den Sal trat, sein Bart war gefroren. Die schöne Frau sucht +ihn freundlich zu stimmen für die Gäste, die ängstlich hinter einer +Säule sich verstecken. Vor dem Blicke Hymirs birst der Balken und vom +Brett herab kollern Kessel. Hervor treten die Gäste, ungern sieht +Hymir den Thor, ihm ahnt Schlimmes. Beim Nachtmahl isst Thor allein +zwei Ochsen. Am andern Tag fahren Thor und Hymir zum Fischen. Bei der +Heimkehr hebt Thor das ganze Boot samt Inhalt auf und trägt es zum +Gehöft. Der Riese versucht Thors Stärke und gibt ihm einen Kelch, +den soll er zerschmettern. Steinerne Pfeiler zerbrechen, der Becher +bleibt ganz, bis auf der jungen Frau Rat Thor ihn am harten Schädel +Hymirs zerschellt. Jetzt darf er den Kessel mitnehmen. Umsonst setzt +Tyr zweimal an ihn zu heben, Thor aber schwingt ihn aufs Haupt. Thor +und Tyr fahren heimwärts. Da folgt ihnen vielköpfiges Volk, aus den +Berghöhlen hervorbrechend. Alle erschlägt Thor mit dem Hammer. Einer +der Böcke hinkt, wofür Thor Egils Kinder zur Busse empfängt. So +brachten sie den gewaltigen Kessel zu den <span class="pagenum" id="Page_273">[S. 273]</span>Asen, die nun in Aegirs +Halle zechen. Scheidet man diese letzte Sage vom hinkenden Bock aus, +so bleibt als Grundlage dieser Geschichte ein Märchen übrig, das an +Thors Namen geknüpft wurde. Zwei Brüder kommen zur Behausung eines +menschenfressenden Riesen in Abwesenheit des Hausherrn und werden +dort von einer mitleidigen Frau verborgen. Der Riese kehrt später +heim und riecht die Fremden. Aber die barmherzige Frau weiss ihn +mit schmeichelnden Worten zu besänftigen. Die Brüder kommen aus dem +Versteck und erhalten Erlaubniss auf des Riesen Hof zu bleiben. Der +kleine schwache Mensch betrügt oder besiegt zuletzt den gewaltigen +Riesen. Wie Aegir das offene Meer beherrscht, so Hymir das Eismeer. +Schwerlich ist aber Uhlands Deutung begründet, der Braukessel sei das +offene Meer, das im Winter, wenn Buchten und Sunde zugefroren oder mit +Treibeis bedeckt sind, in Hymirs Verschluss gehalten werde und von den +Göttern des Lichtes und des Gewitters befreit werden müsse. Lust am +Fabulieren, nicht sinnbildliche Naturanschauung schuf die Geschichten, +die Thor und Hymir in Beziehung zu einander zeigen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Märchen und Volkssage</em>, nicht <em class="gesperrt">Naturmythus</em> bildet die +Grundlage der meisten von den Skalden behandelten Thorsgeschichten, die +uns nur zum kleinsten Teil in Gestalt der ursprünglichen Dichtungen, +meistens nur in Snorris Nacherzählung erhalten sind.</p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_der_Riesenbaumeister"><em class="gesperrt">Thor und +der Riesenbaumeister</em>.</h6> + +<p>Um die im Wanenkrieg zerstörte Burg wieder aufzubauen, dangen die Asen +einen Baumeister aus Riesenheim. Der versprach, das Werk im Verlauf +eines Winters auszuführen, wenn man ihm Freyja zum Weib gebe und +Sonne und Mond abtrete. Auf Lokis Vorschlag wurde es bewilligt. Vor +zahlreichen Zeugen war der Vertrag abgeschlossen worden. Thor aber war +abwesend fern im Osten, um Unholde zu erschlagen. Mit dem einzigen +Beistand seines Rosses Swadilfari führte der Riese den Bau rasch aus, +nur noch drei Tage fehlten zum Ziel. Da gerieten die Asen in Angst +und zwangen Loki, der zum Vertrag geraten hatte, Hilfe zu schaffen. +In Stutengestalt lief er dem Hengste des Riesen entgegen. Swadilfari +rannte alsbald der Stute nach und die Nacht über ruhte die Arbeit. Als +der Werkmeister sah, dass er nicht mehr fertig werde, geriet er in +Riesenzorn. Die Asen achteten nimmer der Eide und Verträge, sondern +riefen nach Thor. Alsbald <span class="pagenum" id="Page_274">[S. 274]</span>erschien er, schwang den Hammer und zahlte +so den Lohn für die Arbeit, dass er den Riesen totschlug. Loki als +Stute warf bald darauf ein graues Fohlen mit acht Füssen, Sleipnir, +Odins Ross.⁠<a id="FNanchor_281_281" href="#Footnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a></p> + +<p>Eine oft bezeugte Volkssage von einem Riesen oder Unhold als Baumeister +bildet die Grundlage für diese Erzählung. Die meisten Züge kehren +in den Volkssagen wieder. Ein Bau soll aufgeführt werden, dessen +Herstellung das Maass gewöhnlicher Menschenkraft übersteigt. Ein +Vertrag mit dem Dämon wird abgeschlossen, er verlangt als Lohn Sonne +und Mond, ein Mädchen. Ein Pferd hilft ihm bei der Arbeit. Der Bau +geht geschwind vorwärts, dem Auftraggeber wird seiner Zusagen halber +immer bänger zu Mut. Endlich hilft er sich mit List und betrügt +den Unhold um seinen Lohn. Neu in der Edda ist Lokis Rolle, der +seinem Wesen nach auch hier zwischen den Göttern und ihren Feinden +vermittelt, aber beide betrügt. Aber auch Thor als der Helfer in der +Not ist neu und eigenartig verwertet. Auch er handelt seinem Wesen +entsprechend und schlägt freudig zu, sobald es geht. Wie bei Hrungnirs +Erscheinen in Walhall ist auch hier Thor sofort zur Stelle, wenn die +Asen ihn brauchen. Ähnlich in der Lokasenna 55 ff. Er ist ihr starker +Beschützer, in der Stunde der Gefahr taugt Heldenkraft doch mehr als +Geist und Witz.</p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_der_Geirroed"><em class="gesperrt">Thor und +Geirröd</em>.</h6> + +<p>Der Isländer Eilif Gudrunarson verfasste nach 976 ein Lobgedicht auf +Thor, wie er zu Geirröd fuhr. Snorri gibt eine kurzgefasste Sage, worin +zwei Strophen einfacherer Art vorkommen, die auf ein zweites Gedicht +neben der schwülstigen Drapa hinweisen.⁠<a id="FNanchor_282_282" href="#Footnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> Loki war einst in Freyjas +Falkengewand ausgeflogen und zu Geirröds Gehöft gekommen. Er sah dort +eine grosse Halle, setzte sich aufs Dach und blickte zum Rauchloch +hinein. Geirröd befahl den Vogel zu fangen. Ein Mann stieg hinauf und +fing den mit Zauberei festgeklebten Vogel. Geirröd verschloss ihn in +eine Kiste und liess ihn drei Monate lang hungern. Dann nahm er ihn +heraus und jetzt gab sich Loki zu erkennen. Um sein Leben zu lösen, +musste er Geirröd schwören, Thor ohne seinen Hammer, <span class="pagenum" id="Page_275">[S. 275]</span>seine eisernen +Handschuhe und seinen Kraftgürtel in seine Gewalt zu bringen. Thor +liess sich auch wirklich bereden. Unterwegs kehrte er bei der Riesin +Grid, der Mutter Widars des Schweigsamen ein, und sie gab ihm darüber +Bescheid, welch schlimmer Unhold Geirröd sei. Mit ihrem eigenen Gürtel +und Stab und mit ihren Eisenhandschuhen versah sie Thor. Der gelangte +zum mächtigen Flusse Wimur, er umgürtete sich mit dem Kraftgürtel und +stützte sich auf Grids Stab, Loki hielt sich an seinem Gürtel fest. +Wie er in die Mitte des Stromes gekommen war, wuchs das Wasser bis +zu seinen Schultern. Da sah Thor, wie Gjalp, Geirröds Tochter, oben +in den Bergklippen mit gespreizten Beinen über dem Flusse stand und +sein Anschwellen verursachte. Thor warf mit einem grossen Stein nach +ihr und traf sie. Glücklich erreichte er das Ufer und bekam einen +Vogelbeerstrauch zu fassen, an dem er sich herauszog. Daher stammt +das Sprichwort: Der Vogelbeerbaum ist Thors Rettung. In Geirröds +Gasthaus wurde ihm ein Stuhl angewiesen. Da wurde er gewahr, dass er +sich plötzlich unter ihm zum Dach emporhob. Thor stemmte den Stab +gegen das Dach und drückte den Stuhl nieder. Da entstand ein heftiges +Geschrei und darauf hörte man ein Knacken. Geirröds Töchter Gjalp und +Greip hatten unter dem Stuhle gesessen; Thor hatte beiden das Rückgrat +zerbrochen. Darauf liess Geirröd Thor in die Halle rufen, um sich +mit ihm im Kampfspiel zu messen. In der Halle brannten grosse Feuer. +Geirröd fasste ein glühendes Eisenstück mit der Zange und warf es auf +Thor. Der aber fing es mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in +die Luft. Geirröd sprang hinter eine Säule, sich zu schützen. Thor aber +schmetterte das Eisen durch die Säule, dass es den Geirröd und die +Hallenwand durchschlug und draussen noch tief in die Erde fuhr.</p> + +<p>Uhlands Auslegung, Geirröd sei ein Glutriese, das verderbliche +schädigende Gewitter, das sich bei brennender Sommerhitze mit +Wolkenbruch und Überschwellen der Bergströme, die den Anbau zu +verschlingen drohen, entlade, genügt nicht zur Erklärung der +Einzelheiten, die sich nur äusserst gezwungen fügen. Man muss die +Fahrt zu Geirröd mit der Geschichte von der Fahrt nach Utgard zusammen +nehmen, um einen richtigen Standpunkt für die Erklärung zu gewinnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_276">[S. 276]</span></p> + +<h6 class="s5" id="Thor_belebt_die_Boecke"><em class="gesperrt">Thor belebt +die Böcke</em>.</h6> + +<p>Thor fährt mit dem Bocksgespann aus, mit ihm Loki. Bei einem Bauern +Egill kehren sie ein. Thor schlachtet die Böcke, die abgezogen und im +Kessel gesotten werden. Er ladet den Bauern mit Weib und Kindern zum +Essen ein und heisst sie die Knochen aufs Bocksfell werfen. Thjalfi +des Bauern Sohn spaltete mit seinem Messer das Schenkelbein des einen +Bockes, um das Mark zu erlangen. Am andern Morgen schwang Thor den +Hammer über die Felle, da standen die Böcke lebendig wieder auf, doch +einer lahmte am Hinterfuss. Thor merkte das und sagte, der Bauer oder +seine Angehörigen müssten nicht vorsichtig mit dem Knochen umgegangen +sein. Zornig fasste er den Hammer; der Bauer flehte um Gnade und gab +zur Busse seine Kinder Thjalfi und Roskwa, die Thor fortan treulich +dienten. Derartige Wiederbelebungen kennen Märchen, Sagen und Legenden +sehr häufig, aus der Volkssage schöpfte auch hier die norwegische +Göttersage.⁠<a id="FNanchor_283_283" href="#Footnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Thor_in_Utgard"><em class="gesperrt">Thor in Utgard</em>.</h6> + +<p>Thor mit Thjalfi, Roskwa und Loki begab sich nach Zurücklassung der +Böcke weiter gen Riesenheim. Sie kamen zum Meer und schwammen hinüber. +Als sie am jenseitigen Ufer eine Weile gegangen waren, gelangten +sie in einen grossen Wald, in dem sie bis zum Abend fortwanderten. +Thjalfi trug die Vorratstasche. Ihr Nachtlager nahmen sie in einem +grossen Haus, dessen Thür weit offen stand. Um Mitternacht entstand +ein grosses Erdbeben. Sie flüchteten in einen Anbau, den sie rechts im +Hause fanden. Thor hielt mit dem Hammer in der Hand am Eingang Wache. +Sie hörten grosses Brausen und Rauschen. Morgens ging Thor hinaus und +sah im Wald einen Riesen, der gewaltig schnarchte. Er gürtete sich mit +Stärke, da erwachte der Mann, Thor verzagte und <span class="pagenum" id="Page_277">[S. 277]</span>schlug nicht zu. Jener +nannte sich Skrymir (Grosssprecher). „Dich brauch ich nicht um den +Namen zu fragen; ich weiss, dass du Asathor bist. Aber wohin hast du +meinen Handschuh geschleppt?“ Da merkte Thor, dass sie darin genächtigt +hatten. Das Nebenhaus war der Däumling. Skrymir wanderte mit den +Gesellen und schnürte ihre Vorratssäcke alle in ein Bündel zusammen, +dass er auf den Rücken warf. Abends legte er sich unter eine Eiche und +schlief alsbald ein. Thor wollte mit seinen Genossen zu Nacht essen, +aber vergebens versuchte er die Riemen des Bündels aufzuknoten. Zornig +fasste er seinen Hammer und schlug Skrymir aufs Haupt. Der erwachte +und fragte, ob ein Blatt ihm aufs Haupt gefallen sei. Um Mitternacht +wiederholte Thor den Schlag auf den Wirbel, dass das Hammerende tief +eindrang. Erwacht fragte Skrymir: Fiel mir eine Eichel auf den Kopf? +Zum dritten Mal, kurz vor Tag, schwang Thor den Hammer auf Skrymirs +Schläfe, dass er bis zum Schafte eindrang. Skrymir stand auf und rieb +seine Wange: Es müssen Vögel auf dem Baum sitzen, eine Feder fiel +mir auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es ist Zeit aufzustehen. Ihr habt +nimmer weit bis nach Utgard. Dort werdet ihr noch grössere Leute sehen. +Überhebt euch nicht zu sehr. Damit warf er seinen Bündel auf den Rücken +und ging in den Wald hinein. Die Asen wünschten ihm keine gute Reise.</p> + +<p>Thor wanderte mit seinen Gefährten weiter, bis sie zu einer hohen +Burg gelangten. Der Eingang war mit einer Gitterthüre verschlossen. +Da sie diese nicht aufmachen konnten, schlüpften sie zwischen den +Stäben hindurch. In der Halle fanden sie viele grosse Männer. Der +König Utgardaloki nahm ihren Gruss säumig auf und wunderte sich über +Thors Kleinheit. Er schlug den Gästen vor, sich mit seinen Leuten im +Wettspiel zu messen. Loki versuchte sich gegen Logi im Essen; Loki ass +alles Fleisch von den Knochen, Logi aber verzehrte das Fleisch mitsamt +den Knochen und dem Trog dazu. Thjalfi ward von Hugi im Wettlauf +besiegt. Thor sollte ein Horn auf einen Zug ausleeren. Dreimal setzte +er gewaltig an, aber kaum war ein Abgang im Horn bemerkbar. Dann sollte +er Utgardlokis Katze vom Boden aufheben; so gewaltig Thor sich stemmte, +nur einen Fuss der Katze brachte er vom Boden. Endlich sollte er mit +Elli, Utgardlokis Amme ringen. Das alte Weib stand fest, Thor sank +ins Knie. Am andern Morgen brachen die Asen auf, Utgardloki gab ihnen +das Geleite und gestand Thor, er habe Tags zuvor allerlei Blendwerk +<span class="pagenum" id="Page_278">[S. 278]</span>vorgemacht. Zuerst als Skrymir habe er das Bündel mit Eisenbändern +verschnürt; darauf vor Thors Hammerhiebe Felsen gehalten, worein grosse +Vertiefungen geschlagen wurden. So war es auch bei den Spielen. Logi +war das fressende Wildfeuer, Hugi, der mit Thjalfi um die Wette lief, +der windschnelle Gedanke. Das Horn konnte Thor nicht leeren, weil sein +eines Ende im Meer lag, die Katze war die grosse Weltschlange, die +Amme Elli das Alter, das noch niemand zu beugen vermochte. Da hob Thor +den Hammer, aber Utgardloki war verschwunden und auch von der Burg war +nichts mehr zu sehen.⁠<a id="FNanchor_284_284" href="#Footnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a></p> + +<p>Skrymir und Utgardloki sind also mit einander eins, die Sage läuft auf +Trug und Blendwerk hinaus, wogegen Thor machtlos ist. Zur Erläuterung +dient Saxos Bericht, bei welchem <i>Thorkillus</i> den Thor vertritt, +aber im Grunde doch völlig mit ihm zusammenfällt.</p> + +<p>König Gorm wollte <i>Geruths</i> Land besuchen, von dessen +Beschaffenheit er durch Isländer gehört hatte. Unglaubliches wurde +von den Schätzen berichtet; gefährlich war die Seefahrt dorthin, man +musste weit ins Meer hinaus segeln, bis Sonne und Sterne ihren Schein +verlören und Finsterniss herrsche. 300 tapfere Jünglinge unter Führung +Thorkils, der schon einmal dort gewesen war und den Weg wusste, +begleiteten Gorm auf 3 Schiffen, die auf Thorkils Rat besonders erbaut +und ausgestattet waren. Über Halogaland hinaus gelangten sie in die +weite See und legten an einer von Trollen bewohnten Insel an, wo sie +3 Leute einbüssten. Dann gings weiter nach Bjarmeland, das mit Eis +und Schnee Sommer und Winter bedeckt ist und kein Getreide trägt. +Schäumende Flüsse eilen durchs Land, das mit finsteren von wilden +Tieren erfüllten Wäldern bestanden ist. Sie landeten und Thorkil +befahl seinen Genossen mit keinem der Landsbewohner zu reden. Früh +am Morgen kam der Riese Guthmund und lud sie zu sich ein. Der suchte +die Dänen durch Zauberspeisen und schöne Weiber in seine Gewalt zu +bringen, aber Thorkil warnte seine Leute, nur vier wurden verführt. +Dann setzte Guthmund die Dänen über den Strom, der von einer goldenen +Brücke überspannt die Welt der Menschen und Geister trennte. Sie +betraten Geruths Land. In dunkelm Nebel lag eine grauenvolle Stadt, +von <span class="pagenum" id="Page_279">[S. 279]</span>Gespenstern bewohnt, von wilden Hunden bewacht. In der Stadt +herrschte greulicher Gestank. Sie gelangten zu einer Felsenhöhle, die +sie nur zögernd auf Thorkils Anweisung, nichts anzurühren, betraten. +Die Höhle sah grässlich und abscheulich aus, Thüren und Wände waren +rauchgeschwärzt, das Dach war mit Pfeilen gedeckt, am Boden krochen +Nattern. Auf eisernen Stühlen sassen Gespenster. Auf einem Hochsitz +sass ein alter Mann, sein Leib war durchbohrt und an den Felsen +befestigt. Bei ihm sassen drei Weiber mit zerbrochenem Rücken. Thorkil +erzählte, der starke Gott Thor sei durch Geruths Hochmut erzürnt worden +und hätte ihn mit einem glühenden Eisenkeil an den Fels gefestigt; +zugleich traf Thor mit dem Blitz die drei Weiber.⁠<a id="FNanchor_285_285" href="#Footnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a> Nachdem die +Dänen noch einen Kampf mit den Gespenstern bestanden, worin die meisten +umkamen, rettete sich der Rest zu Guthmund und von dort nach Dänemark.</p> + +<p>Gorm will wissen, welchen Aufenthalt und Lohn die Seele nach dem Tode +habe. Um das zu erkunden, wird Thorkil zu <i>Ugarthilocus</i> entsandt. +Sie segeln wieder ins Land der ewigen Finsterniss. Von zwei Trollen, +die in einer Höhle am Feuer sitzen, wird Thorkil der Weg gewiesen. +In einer Höhle liegt Ugarthilocus an Händen und Füssen mit eisernen +Ketten gefesselt. Sein Haar war wie spitziges Horn oder Schwerter und +verbreitete entsetzlichen Geruch.⁠<a id="FNanchor_286_286" href="#Footnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a> Als sie eines auszogen, werden +sie von giftigen Nattern und Trollen angegriffen und verfolgt. Thorkil +allein bleibt am Leben und rettet sich, indem er zum Christengott ruft.</p> + +<p>Bei Saxo erscheint Thors Fahrt zu Geirröd und zu Utgardaloki +<span class="pagenum" id="Page_280">[S. 280]</span>deutlich als Besuch in der Unterwelt und ist mit allen Schrecken +der Hölle ausgemalt. Mag auch einiges von Saxo aufgetragen sein, in +der Hauptsache ist er doch von der Darstellung seiner isländischen +Quellen geleitet, welche mehr als die uns bekannte Überlieferung +das Schauerliche hervorkehrten. Damit wird der Weg zum Verständniss +gewiesen; nicht von irgend welchen Naturvorgängen hat die Erklärung +auszugehen, vielmehr von der im klassischen Altertum und im +christlichen Mittelalter gleich beliebten Höllenfahrt, die dem Thor, +wie dem Hercules und Märchenhelden gerne zugeschrieben wird.</p> + +<p><i>Útgarþr</i> ist die Aussenwelt, die Wildniss, wo keine Menschen +wohnen, wo alles wüst und öde ist. Ins unbewohnte Land verweist der +Volksglauben gern die Unholde. Im Norden und Osten, im Eismeer und +in der Bergwildniss hausten nach norwegischem Glauben die Trolle und +Riesen, bei den wilden, als Zaubrer verschrieenen Lappen und Finnen. +Trollabotnar d. i. Trollengründe heisst die schaurige Einöde des +Polarmeeres.⁠<a id="FNanchor_287_287" href="#Footnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a> Die Fahrt ins Trollenreich ist auf Thor übertragen. +Aber zugleich auch der Besuch in der Unterwelt, die durch tiefe Wasser +und dunkle Wälder von der Oberwelt getrennt ist. Nach der Ansicht des +Mittelalters liegt der Teufel in Banden bis zum Anbruch des jüngsten +Tages. Der gefesselte Loki ist eine deutliche Nachahmung dieser +Vorstellung.⁠<a id="FNanchor_288_288" href="#Footnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a> Der Sage ist Thor Beschirmer der Welt, Midgards, den +Einbruch der Riesen und Trolle schlägt er siegreich zurück. Aber sobald +er das Heim der Trolle und das Reich der Hölle betritt, wird seine +Macht vor dem trügenden Blendwerk der bösen Feinde zu Schanden.</p> + +<p>Mit Thors Fahrten bringt Saxo den Besuch bei Gudmund⁠<a id="FNanchor_289_289" href="#Footnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a> in +Verbindung. Von König Gudmund auf Glaesisvellir, dem Gefilde +<span class="pagenum" id="Page_281">[S. 281]</span>des Glanzes, erzählen erst spätere isländische Quellen des 14. +Jahrhunderts, die zum Teil von Saxo unabhängig sind. Gudmund, dessen +Reich bei Bjarmeland gedacht wird, ist offenbar in der Volkssage ein +Elbenkönig. Unsterblichkeit, Wonne und Reichtum herrscht dort, seine +Tochter Ingeborg entzückt Helgi Thorirs Sohn zu sich. Aber der Elben +Rache bringt dem Menschen, der wieder zur Erde zurückkehrt, Tod und +Verderben. Dem König Olaf Tryggvason reicht Helgi ein Geschenk der +tückischen Elben, ein goldenes Horn, das beim Kreuzeszeichen mit Getöse +zerspringt. Helgi selber ist geblendet. Wir haben somit eine alte +Elbensage, schon zu Saxos Zeit an einen König Gudmund geknüpft. Thor +hat schwerlich damit zu schaffen gehabt.</p> + +<p>Unverkennbar geht die Entwicklung Thors in diesen Geschichten immer +mehr abwärts. Das ist nicht die Auffassung, die ein gläubiges Volk +dem gefürchteten, gewaltigen Gott entgegenbringt. Erst in den Zeiten, +da der Heidenglaube wankte, konnten solche Erzählungen entstehen, wo +der Gott gleich wie jeder andre starke Mann im Märchen zum blossen +Zeitvertreib, zur Unterhaltung geschildert wurde.</p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_die_Riesinnen"><em class="gesperrt">Thor und die +Riesinnen</em>.</h6> + +<p>Auf einige Mythen sind nur Anspielungen bekannt. Thor rühmt sich, den +Thjazi, den trotzigen Riesen erschlagen und seine Augen zum Himmel +hinaufgeworfen zu haben.⁠<a id="FNanchor_290_290" href="#Footnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> Bragi rühmt Thor als den Zerschmettrer +der neun Häupter des Thrivaldi. Nach dem Skald Vetrlidi zerbrach Thor +die Beine der Riesin Leikn. Thorbjorn Disarskald nennt in einer Strophe +mehrere Kämpfe mit den Thursenweibern Keila, Kjallandi, Búseyra, +Svívor, Hengjan-Kjapta und Lut.</p> + +<p>Thor hat in der nordischen Skaldendichtung eine Menge Beinamen, welche +nur zum Teil verständlich sind, seiner Thätigkeit <span class="pagenum" id="Page_282">[S. 282]</span>und den von ihm +umlaufenden Sagen entstammen. Weshalb er Bjorn heisst, ist nicht +bekannt. Seine Namen Hlorridi und Vingnir werden aus der Blitzflamme +und dem Schwingen des Hammers gedeutet. Thor wird Pflegesohn +oder Pflegevater des Vingnir und der Hlora genannt, natürlich im +Zusammenhang mit den erwähnten Beinamen.⁠<a id="FNanchor_291_291" href="#Footnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Thor_und_Alwis"><em class="gesperrt">Thor und Alwis</em>.</h6> + +<p>Wie Thor die Riesen mit Gewalt meistert, so bezwingt er den Zwerg +Alwis⁠<a id="FNanchor_292_292" href="#Footnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a> mit List und geistiger Ueberlegenheit. Der Zwerg Alwis kommt +zur Nachtzeit auf die Erde, um die ihm verlobte Maid abzuholen. Da +tritt ihm Thor entgegen und fragt nach seinem Begehren. Alwis will zu +Wingthor, um von ihm die Tochter zu empfangen. Thor war nicht daheim, +als andere seine Tochter versprachen; er erkennt das Verlöbniss nicht +an. Dem scheltenden Zwerg gibt Thor sich zu erkennen, worauf jener +demütig seine Werbung wiederholt. Thor will die Tochter vergeben, wenn +Alwis ihm Auskunft aus allen Welten erteile. Nun wird das Lied, wie +sonst noch manche Eddagedichte lehrhaft, indem Alwis Bescheid gibt, wie +Erde, Himmel und Gestirne, Wolken, Wind und Windstille, Meer, Feuer, +Baum, Nacht, Saat und Bier bei Menschen, Asen, Wanen, Jotunen, Alfen +und Zwergen benannt seien. Am Schluss gesteht Thor, er habe niemals +mehr Weisheit in einer Brust gefunden. Doch überlistet ist der Zwerg, +da er oberhalb der Erde von Tag und Sonnenschein überfallen wurde. +Denn dadurch erstarrt er zu totem Gestein. Die Tochter Thors, welche +im Gedicht nicht vorkommt, wird die in der Snorra Edda genannte Thrud +sein. Wie in den Söhnen Modi und Magni Eigenschaften des Vaters, Macht +und Mut persönlich werden, so auch in der Tochter Thrud seine Stärke. +Im Skaldenlied Bragis findet sich eine Anspielung auf eine verlorene +Sage, wonach aber Hrungnir der Riese die Thrud geraubt hätte. Ob +die Zwerggeschichte <span class="pagenum" id="Page_283">[S. 283]</span>nur ein späterer Ableger der alten Riesensage +ist, steht dahin. Dem Kraftwesen Thors entspricht der Kampf gegen +räuberische Riesen jedenfalls besser, als die Überlistung von Zwergen. +Aber wenn einmal Thor die Trolle und Riesen schlägt, kommt die Sage +auch leicht dahin, lichtscheue bleiche Erdzwerge ihm gegenüber zu +stellen. Uhland deutet sinnig Thors Tochter als das Saatkorn, das den +Unterirdischen überantwortet wird, beim fruchtbaren Gewitterregen +aufkeimt und dadurch zum Lichte zurückkehrt. Aber in solchen +Sinnbildern ist der Ursprung dieser späten zu Thors Art wenig passenden +Geschichte nicht zu suchen.</p> + +<h5 class="s4" id="Thor_im_neueren_Volksglauben_5"><b>5. Thor im neueren +Volksglauben.</b></h5> + +<p>Thors Andenken blieb im nordischen Volke bis auf die Gegenwart +erhalten, in der Volksweise von Tord af Havsgard, welche norwegisch, +schwedisch und dänisch vorliegt, in der telemarkischen Sage von Urebö, +worin eine Felswüste auf Thors Hammerschlag zurückgeführt wird. Am +meisten Erinnerungen scheint Schweden zu bieten.⁠<a id="FNanchor_293_293" href="#Footnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a> Vor allem aber +hält die Bezeichnung des Donners im Ostnordischen die Erinnerung an +Thor fest. Während im An. der Donner mit <i>þruma</i> bezeichnet wird +und das gemeingermanische Wort nur im Namen des Gottes weiterlebt, +weist dän. <i>torden</i> schwed. <i>tordön</i> auf <i>þorduna</i> +d. i. Thors Getöse zurück. Im Schwed. ist ein zweites Wort für Donner +<i>åska</i> aus <i>åsaka</i>, neben welchem die Mundart <i>toraka</i> +bietet, <i>åka</i> bedeutet Fahren. Der Donner ist also Thors oder des +Asen Fahrt. Noch jetzt also erkennt die Sprache Asathor an, der in den +Wolken dahinfährt.</p> + +<h4 id="IV_Wodan-Odin"><b>IV. Wodan-Odin.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Wode_und_das_wuetende_Heer_1"><b>1. Wode und das wütende +Heer.</b></h5> + +<p>Über das ganze germanische Gebiet geht die Sage von einem +gespenstischen Heere, das in stürmischen Nächten durch die Lüfte +<span class="pagenum" id="Page_284">[S. 284]</span>braust. Die Erscheinung wird teils als Heerzug, teils als Jagdtross +gedacht. Der einsame Wanderer scheut seine Begegnung, denn oft +wird er auf Nimmerwiedersehen in die wilde Schaar entrückt. Dem +Umzug wird manchmal besondere Bedeutung beigemessen, wie allen +Geistererscheinungen. Krieg und sonstige schwere Ereignisse werden +dadurch angezeigt, aber man schliesst auch auf fruchtbare Jahreszeit. +Im Geisterheere ziehen die Seelen derer, die gewaltsamen Todes +verstarben oder auf denen Fluch und heidnisches Wesen lastet, also +gefallene Krieger, Gerichtete, Ungetaufte u. dgl. In höchstes Altertum +reicht diese Vorstellung hinauf und bis auf die Gegenwart hat sie +sich erhalten. Gern setzt die Sage der Schaar einen besonderen +Führer, der zuweilen dann auch allein umreitet, etwa als wilder +Jäger, der der Windsbraut, einem Weibe oder einem gespenstischen Eber +nachjagt. Der allgemeine Aberglauben vom Seelenheere kann zu zahllosen +besondern Sagen ausgebildet werden, die nach Ort und Zeit sehr +verschieden sich gestalten müssen. Aber die Grundlage bleibt gleich +und unverändert, Seelen, die mit oder ohne Anführer im Sturme dahin +brausen oder auch im ruhigen Windzug wie Nebelstreifen mit wunderbarer +Musik vorübergleiten. Mit Göttern und Helden aller Zeiten ist die +Geisterschaar verwebt. Hier kommen nur die Sagen in Betracht, in denen +von einem <i>wütenden</i> Heere die Rede ist oder von <i>Wodes</i> +und Hackelbernds Umzug, wo also Wodan auf irgend eine Art mit der +Erscheinung verknüpft ist. Auch diese besondere Sagenform ist allen +Germanen bekannt. Schon im Mittelalter ist in Deutschland die Benennung +„<i>wütiges</i>“, „<i>wütendes Heer</i>“ nachweisbar und sie hat sich +bis in die Gegenwart erhalten.⁠<a id="FNanchor_294_294" href="#Footnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> Daneben aber ist aus derselben +Grundanschauung <span class="pagenum" id="Page_285">[S. 285]</span>auch der Name des Führers gebildet. Dem oberdeutschen +<i>Wuotes heer</i>, mitteldeutschen <i>Wudes heer</i> entspricht auf +niederdeutschem Gebiet <i>Wode</i>, im Norden <i>Oden</i>.⁠<a id="FNanchor_295_295" href="#Footnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a> Man +muss demnach auf einen Sturmgeist <i>Wode</i> schliessen, dessen Name +zu <i>Wodan</i> ebenso sich verhält wie im Norden <i>Od</i>, der +Gemahl der Freyja, zu <i>Odin</i>. Zu Grund liegt das germanische +Beiwort <i>wôđaz</i>⁠<a id="FNanchor_296_296" href="#Footnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a>, wütig, rasend. Als der Wütige, als Wode +wurde offenbar schon in Urzeiten der Sturmwind persönlich gedacht. +Mit besonderen Eigenschaften ausgestattet haftet diese Gestalt fest +im Volksglauben. In Westfalen jagt Hakelberg oder Hakelbernd, der +Mantelträger.⁠<a id="FNanchor_297_297" href="#Footnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> Die verstreuten Züge der einzelnen Sagen vereinigen +sich zum Bilde eines Reiters, der auf schwarzem oder weissem Rosse, +mit breitem <span class="pagenum" id="Page_286">[S. 286]</span>Schlapphut bedeckt⁠<a id="FNanchor_298_298" href="#Footnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a> und in einen Mantel gehüllt, zur +Nachtzeit durch die Lüfte fährt.</p> + +<p>Was in deutscher Überlieferung mehrfach vom wilden Jäger in irgend +welcher Gestalt berichtet wird, ist im Norden an Odins Namen geknüpft, +weshalb zu vermuten, dass es einst von Wode galt. Der gespenstische +Reiter spricht zuweilen bei einem Schmiede vor, um sein Ross beschlagen +zu lassen. In Winter 1208 wohnte ein Schmied zu Nesjar. Es geschah +eines Abends, dass ein Mann geritten kam, ihn um Herberge bat und sein +Pferd beschlagen liess. Der Hauswirt war bereit. Sie standen lange vor +Tag auf und begannen zu schmieden. Der Hauswirt fragte: Wo warst du +vorige Nacht? Der Gast antwortete: In Medaldal, nördlich in Thelemark. +Der Schmied wollte das nicht glauben, weil es unmöglich sei. Er begann +nun zu schmieden, doch es ging nicht vorwärts, wie er wollte. Da sagte +der Gast: Schmiede du so, wie es von selber werden will. Da wurden +grössere Hufeisen daraus, als der Schmied je zuvor gesehen hatte. +Sie passten aber genau dem Pferde und er beschlug es. Da sprach der +Gast: Du bist ein unverständiger und unweiser Mann. Warum fragst du +nichts? Der Schmied sprach: Was für ein Mann bist du oder woher bist du +gekommen oder wohin willst du gehen? Er antwortete: Von Norden bin ich +aus dem Lande her gekommen und hier habe ich nun mich lange in Norwegen +aufgehalten, und ich habe jetzt vor, südwärts ins Schwedenreich zu +fahren, und lange bin ich jetzt auf Schiffen gewesen, aber nun muss +ich mich auf einige Zeit ans Pferd gewöhnen. Der Schmied sprach: Wohin +gedenkst du heut Abend? Südwärts nach Sparmork, sagte er. Das kann +nicht wahr sein, sagte der Hauswirt, denn das kann man kaum in sieben +Tagen reiten. Der Gast bestieg das Pferd. Der Hauswirt sprach: Wer +bist du? Er antwortete: Hast du den Odin nennen hören? Hier kannst du +ihn jetzt sehen, und wenn du dem nicht glaubst, was ich gesagt habe, +so sieh nun, wie ich mit meinem Pferde über den Zaun setze. Das Pferd +hufte da; er gab ihm die Sporen und setzte über den Zaun, ohne ihn +zu berühren. Sieben Ellen hoch war der Zaun. Darauf sah der <span class="pagenum" id="Page_287">[S. 287]</span>Schmied +seinen Gast nicht mehr. Vier Nächte darauf wurde eine grosse Schlacht +geschlagen.⁠<a id="FNanchor_299_299" href="#Footnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> Unter den deutschen Seitenstücken ist die Sage vom +Rodensteiner hervorzuheben, der, wenn ein Krieg bevorsteht, bei +grauender Nacht in die Burg Schnellert zieht. Ein Zeuge im Jahre 1758 +sagte aus: Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Grumbach (eine +Stunde von Schnellert) vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmied +gewohnt, gemeldet haben und gemeiniglich allda die Pferde beschlagen +lassen.</p> + +<p>Von einem Teufelsgespenst werden in Sagen des Mittelalters häufig +Helden mittelst eines wunderbaren Rosses oder Mantels weithin durch +die Lüfte getragen. Vermutlich nahm sie Wode auf sein Ross und hüllte +sie in seinen Mantel. So ist es in einer nordischen Odinssage der +Fall. Des Jünglings Hadding, der verlassen umher irrte, auf Rache für +seinen erschlagenen Vater sinnend, nahm sich ein alter, einäugiger Mann +an. Als einmal Hadding fliehen musste, brachte ihn derselbe Greis auf +seinem Rosse nach seiner Wohnung, erquickte ihn durch ein köstliches +Getränk und verhiess ihm davon einen Zuwachs seiner Körperkraft. +Zugleich verkündigte er ihm die Zukunft und gab ihm an, wie er sich +verhalten solle. Darauf brachte der Alte den Jüngling auf dem Pferde +zur vorigen Stelle zurück. Hadding, der durch die Öffnung des Gewandes, +mit dem er bedeckt war, schüchtern hinaus blickte, sah, wie das Ross +über dem Meer hineilte. Auf des Alten Warnung aber wandte er die +erstaunten Augen von dem schauderhaften Wege. Hier also zeigt sich der +gespenstische Schimmelreiter dem Menschen gnädig und hilfreich.⁠<a id="FNanchor_300_300" href="#Footnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a></p> + +<p>Die Sage lässt den gespenstischen Reiter im Windsgebraus einem Weibe +nachjagen.⁠<a id="FNanchor_301_301" href="#Footnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a> Besonders den Waldfrauen stellt der wilde Jäger nach. +Als stürmische Werbung oder als Verfolgung <span class="pagenum" id="Page_288">[S. 288]</span>kann dieser Aberglaube +ausgelegt werden. Auf hohem weissem Rosse, von Hunden begleitet, +zieht der Wode durchs Land, um die Unterirdischen zu erjagen. Einmal +vermochte er lange nichts zu fangen, bis ihm ein Bauer riet, sich zu +waschen und das Pferd stallen zu lassen. Der Wode that es. Bald kam er +wieder zurück und hatte mehrere Unterirdische gefangen, die mit ihren +langen blonden Haaren zusammengebunden von seinem Pferde herabhingen. +Nach schwedischem Glauben jagt Oden die Waldfrau, die mit flatterndem +Haare vor ihm flieht. Einmal sah man ihn von seiner nächtlichen Fahrt +zurückkommen. Das getötete Weib hatte er über dem Sattel hängen.</p> + +<p>In Zusammenhang mit diesen Sagen steht wol die Geschichte von +<i>Odr</i>.⁠<a id="FNanchor_302_302" href="#Footnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> Freyja vermählte sich dem Manne, der Odr hiess. Odr +aber zog fort in ferne Lande; Freyja blieb weinend zurück und ihre +Thränen sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass +sie sich selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, +um den Odr zu suchen. Das Verhältniss ist freilich umgekehrt, indem +das Weib den Mann zu erjagen sucht. Ausserdem ist alles Wilde und +Stürmische aus der Sage gewichen, die im Lichte einer milden und neuen +Dichtung erglänzt.⁠<a id="FNanchor_303_303" href="#Footnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a> Trotzdem darf daraus vielleicht ein mittelbares +Zeugniss für das frühe Vorkommen dieser Sagenform auch im Norden +entnommen werden.</p> + +<p>Die Seelen gehen in den Wind und ziehen im Winde um. Aber sie fahren +auch in Berge ein. Solcher Totenberge ist die Volkssage voll und sie +bringt den Umzug des Seelenheeres oft damit in Verbindung, indem es +aus Bergen hervorgeht und hernach wieder in Bergen verschwindet. +Allbekannt sind die bergentrückten, schlafenden Könige und Helden, +eine oft wiederholte <span class="pagenum" id="Page_289">[S. 289]</span>Neubildung des allgemeinen Aberglaubens. Im Jahr +1117 wurde Graf Emicho getötet. Er ging wie alle eines gewaltsamen +Todes Verstorbenen ins wütende Heer ein. Bei Worms zeigte es sich +1123. Mehrere Tage lang kamen Schaaren bewaffneter Reiter aus einem +Berge hervor und kehrten dahin wieder zurück. Einer aus der Schaar +wird beschworen und gibt Auskunft: sie seien die Geister gefallener +Krieger.⁠<a id="FNanchor_304_304" href="#Footnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> Man glaubt auch vom Wind, er ruhe in Bergen und breche +dann zu Zeiten daraus hervor. Dass Wode das Totenreich im Schooss der +Berge beherrschte, nachdem er die Toten in sein Heer versammelte, darf +als sehr wahrscheinlich gelten, obschon trotz den vielen Sagen von +bergversunkenen Helden und Heerscharen kein bestimmtes Zeugniss von +Wode im Berge spricht. Aber man darf einerseits auf die zahlreichen +Wodansberge in Niederdeutschland und Mitteldeutschland hinweisen, die +nicht bloss als Kultstätten Wodans, sondern auch als Aufenthalt Wodans +gedacht werden können, andererseits auf die nordische Sage, wo Odin +sich den Alten vom Berge, Bergesgott⁠<a id="FNanchor_305_305" href="#Footnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a> nennt. König Sveigdir fuhr +aus, Odin und das Heim der Götter zu suchen. Im östlichen Schweden +heisst ein Gehöft zum Steine (<i>at Steini</i>), der Stein ist so +gross wie ein ansehnliches Haus. Abends nach Sonnenuntergang, als +Sveigdir vom Trunk zum Schlafhaus ging, erblickte er einen Zwerg +unter dem Steine sitzen. Sveigdir und seine Leute waren angetrunken +und liefen zum Steine. Der Zwerg stand am Eingang, rief Sveigdir an, +hereinzukommen, wenn er Odin besuchen wolle. Sveigdir lief in den +Stein, der sich alsbald hinter ihm zuthat. Niemals kehrte Sveigdir +zurück.⁠<a id="FNanchor_306_306" href="#Footnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a> Merkwürdig ist auch die Benennung <i>Walhall</i> für +einige schwedische Berge.⁠<a id="FNanchor_307_307" href="#Footnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a> Schwerlich sind sie nach der himmlischen +<span class="pagenum" id="Page_290">[S. 290]</span>Halle genannt. Vergeblich sucht man nach einem Grund solcher +Übertragung. Man begreift, dass geräumige irdische Säle und Hallen, um +ihre besondere Pracht anzudeuten, auf Island und in Grönland Walhall +heissen. Aber warum ein Berg? Vielmehr dürfte gerade am Bergnamen das +Ursprüngliche haften. Walhall ist die Halle der Kampftoten. Die Seelen +der Erschlagenen hausen aber im Berge und ziehen im wütenden Heer. +Die Schilderung von Odins himmlischer Halle, die von einem Gitter mit +wunderbarer Pforte umschlossen, von einem reissenden Fluss umströmt +ist, lässt noch deutlich erkennen, dass darunter die Hölle, das +unterirdische Totenland gemeint ist, das erst später in himmlisches +Licht erhoben wurde, ohne darin seine düstere Herkunft verleugnen zu +können.⁠<a id="FNanchor_308_308" href="#Footnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> Odin in Walhall stand wol ursprünglich dem Wode, der mit +dem Totenheer im Berge sitzt, gleich. Auch hierin waltet die Nachtseite +in Odins Art vor, der als Odr gleich Wode aus dem finstern Sturm- und +Seelengott hervorging. Ebenso zeigt sich dieser Zug in der nordischen +Benennung Odins als des Herren der Gespenster und Gehängten.⁠<a id="FNanchor_309_309" href="#Footnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a> Die +eines <i>gewaltsamen Todes</i> starben, kommen ins wilde Heer, nach +Walhall in den Berg. Vergeistigt und vertieft erscheint der Gedanke im +Walhall nordischer Skalden: die den <i>Heldentod</i> starben, gehen +nach Walhall zu Odin.</p> + +<p>Der Wode hat Einfluss auf Ackerbau und Gedeihen der Frucht. +In Mecklenburg liess man einige Ähren stehen, die zur Garbe +zusammengebunden wurden. Die Schnitter traten im Kreis darum und +riefen: <i>Wode, Wode, hole dinem rosse nu voder!</i> Sie opferten +also dem Beherrscher des Windes.⁠<a id="FNanchor_310_310" href="#Footnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> Denn vom Winde hängt die <span class="pagenum" id="Page_291">[S. 291]</span>Saat +vielfach ab und es ist gut, ihn günstig zu stimmen. Auf adligen Höfen +wurde, wenn der Roggen ab war, den Schnittern Wodelbier gereicht. +Auf Wodenstag soll man keinen Lein jäten, damit Wodens Pferd den +Samen nicht zertrete. Im Schaumburgischen schlägt man beim Erntebier +mit den Sensen zusammen und ruft dabei: <i>Wold, Wold, Wold!</i> +Unterbleibt die Feierlichkeit, so ist das nächste Jahr Misswachs an +Heu und Getreide. Am Steinhuder See entzünden die Burschen nach der +Ernte ein Feuer und rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: +<i>Wauden, Wauden!</i> In <i>Wold</i> und <i>Wauden</i> soll nur der +Göttername verderbt sein. In Baiern⁠<a id="FNanchor_311_311" href="#Footnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> gehört der Ährenbüschel für +den <i>Waudlgaul</i>, Bier, Milch und Brot, das man dabei stehen lässt, +für die <i>Waudlhunde</i>, die in der dritten Nacht kommen und fressen. +Wer nichts stehn lässt, über dessen Felder geht ein gespenstischer +Kornverderber. Im vorigen Jahrhundert galt noch ein Erntefest, die +<i>Waudlsmähe</i> genannt, wo man den schwarzen Rossen des Waude Futter +aussetzte. Waude ist wol als <i>Woude</i> = <i>Wuote</i> zu verstehen. +Entsprechend wird von Passau bis Pressburg das <i>Wudfutter</i> +ausgesetzt. Das Volk im Aargau freut sich, wenn das <i>Guetisheer</i> +schön singt, denn dann gibts ein fruchtbares Jahr. In Schonen und +Blekingen blieb es lang Sitte, dass die Ernter auf dem Acker eine Gabe +für Odens Pferde zurück liessen; ebenso in Småland. Der Wode auf seinem +Rosse dahin reitend, von seinen Hunden begleitet, brachte also nach +dem Volksglauben den Äckern Fruchtbarkeit und wurde darum mit Opfer +verehrt. Da der Brauch gleichmässig übers ganze germanische Gebiet sich +erstreckt, reicht <span class="pagenum" id="Page_292">[S. 292]</span>er sicherlich in hohes Altertum zurück. Dazu stimmt, +dass Odin nach dem Zeugniss der Ynglingasaga in Schweden schon zur Zeit +des Heidentums beim Winteropfer um Jahressegen und Wachstum angerufen +wurde. Im færöischen Liede vermag Odin in einer Nacht ein Getreidefeld +aufwachsen zu lassen.⁠<a id="FNanchor_312_312" href="#Footnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Wode_und_Wodan_2"><b>2. Wode und Wodan.</b></h5> + +<p>Wie hängen nun <i>Wode</i> und <i>Wodan</i> zusammen? Beide Namen +gehören zusammen, beide Gestalten sind im Norden nimmer auseinander +gehalten. Nur in einer Sage, die allerdings schon alt ist, begegnete +<i>Odr</i>, sonst konnten wir den deutschen Sagen von Wode im Norden +immer nur solche von Odin gegenüber halten. Die Vorstellungen, welche +mit Wode verknüpft sind, wurzeln durchweg im uralten Volksaberglauben. +Wode und sein wütendes Heer erscheinen nur als eine offenbar uralte +und allen Germanen vom Süden bis zum Norden bekannte besondere Form +der unter einem Führer umziehenden Geisterschar, die dem Seelenglauben +aller Völker zugehört. Hat die Schar einen Führer, so ist dieser +entweder durch den Hang zu fassbaren Einzelgestalten, wie er in der +Volkssage waltet, als besonderer Vertreter der Gesamtheit entstanden +oder in Anlehnung an bestimmte örtliche und geschichtliche Vorkommnisse +neu hinzugetreten, so wenn Könige, Helden, Feldherrn, Burgherrn aller +Zeiten einander nach von der Volkssage mit der Führerschaft des +Totenheeres betraut werden. Der letztere Fall kann bei Wode kaum in +Frage kommen, dass etwa ein germanischer Gott zum Heerführer wurde +und nach ihm die Schaar den Namen trug. Andererseits gehören Wode +und das wütende Heer unlöslich zusammen. Die Sprache lehrt, dass +<i>*wôdaȥ</i> wütig und <i>*wôdjan</i> wüten denselben Begriff als +Eigenschaftswort und Zeitwort enthalten. Die Erklärung liegt nahe, +dass die Germanen das Heer der Seelen als das wütende benannten, wie +es auch das wilde heisst, womit auch sein Erscheinen in der Wut des +Sturmes angezeigt ist. Aus dem gleichen Begriff, welcher den Namen der +Geisterschaar schuf, leitete sich die Bezeichnung des Führers ab. Das +Eigenschaftswort erhielt nach und nach den Rang eines Eigennamens. Wode +ist als das wütende Heer in einer bestimmten <span class="pagenum" id="Page_293">[S. 293]</span>Person verkörpert zu +deuten, wie ja der Sturm auch als Riese persönlich wird, und diese auf +dem allgemeinen, daneben in zahllosen Sonderbildungen fortwuchernden +Aberglauben begründete Volkssage dürfte schon in der germanischen +Urzeit entstanden sein.</p> + +<p>Wie eine längere Form neben der verkürzten steht <i>Wodan</i>⁠<a id="FNanchor_313_313" href="#Footnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a> +neben <i>Wode</i>. Man möchte zunächst geneigt sein, Wode als jüngere +Verkürzung aus Woden, Wodan wie schwedisch Ode aus Oden, Odin zu +nehmen, besonders da Wode nur aus späterer Überlieferung vorliegt. +Und dann wäre auch der Schluss erlaubt, Wodan lebe in Wode noch +fort. Nachdem aber gerade die alte nordische Überlieferung zwischen +<i>Odr</i> und <i>Odin</i> unterscheidet, müssen <i>Wode</i> und +<i>Wodan</i> entsprechend auseinander gehalten werden. Überblickt man +die gesamten Nachrichten von Wodan-Odin, so ergibt sich, dass Wode +allerdings in Wodan aufging, aber daneben zeigt Wodan ganz andere Züge, +welche wir an Wode vermissen. <span class="pagenum" id="Page_294">[S. 294]</span>Wode ist ein Gespenst, Wodan ein Gott, +in Wode ist nur die dunkle, nächtige Seite hervorgekehrt, bei Wodan +die helle, lichte. Dem Wode wird kein andrer Dienst gespendet als den +übrigen Seelengeistern, Wodan wird um Sieg und Heldentum angerufen +und lenkt vom hohen Himmel die Geschicke der Völker. Aber in Wodan +fehlt trotzdem nicht der dunkle Untergrund. Der Schluss liegt nahe: +<em class="gesperrt">Wodan ist der vergöttlichte Wode.</em> Helles Himmelslicht fiel auf +den Sturmgeist, der als Gott in den Himmelssaal aufstieg und über die +älteren Götter den Sieg davon trug. Wenn Wode gemeingermanisch ist, +Wodan aber nur einzelnen Stämmen gehört, so darf das nicht etwa so +ausgelegt werden, als wären in der christlichen Zeit die hellen und +freundlichen Züge des Gottes verblasst, und nur die finstern übrig +geblieben, ja vielleicht noch feindselig gesteigert und vermehrt +worden. Die dunkle Seite in Wodans Wesen ist schon im Heidentum +entwickelt und muss als die ursprünglichste gelten. Wode aber ist, wie +besonders die reiche nordische Überlieferung vermuten lässt, teils in +Wodan aufgegangen, teils lebte er in der alten Weise neben ihm fort +und hat ihn so auch um Jahrhunderte überdauert. Somit muss an der +Trennung zwischen Wode und Wodan festgehalten werden. Die Namen gehören +freilich zusammen: Wodan ist nichts als eine durch Ableitungssilbe +weitergebildete Form von Wode. Der Anlass hiezu entzieht sich unserem +Ermessen, auch ob irgend ein anderer Sinn mit dem Namen Wodan sich +etwa verband. Vielleicht soll damit nur eine Verschiedenheit des +Gottes von dem im Volksbewusstsein fest wurzelnden Sturmgeist erzielt +werden. Wodans Göttlichkeit, im Vergleich zu Wode dem Seelenführer, +liegt namentlich in <em class="gesperrt">zwei</em> Merkmalen: Wodan ist <em class="gesperrt">Herr des +Sieges</em> und damit des Völkergeschickes und <em class="gesperrt">des Geistes</em>; +die letztere Seite ist namentlich im Norden hoch entwickelt, darf +aber wol auch für Deutschland vorausgesetzt werden. Kein Gott bei +den verwandten Indogermanen gleicht Wodan mehr als Hermes-Merkur, +der auf ähnliche Art wie Wodan aus einem Windgott zu einem Gott +des Geistes sich entwickelte. Da Wode in die germanische Urzeit +zurückreicht, nicht aber Wodan, der vielmehr erst in den Jahrhunderten +nach Chr. auf Kosten älterer Götter zu Macht und Ansehen gelangte, +da Wodans Kult von niederdeutschem Gebiet, aus den Völkern, die zur +fränkischen und sächsischen Gruppe gehören, sich verbreitete, und in +ihm offenbar eine neue Zeit höherer Kultur sich verkörpert, darf wol +die Frage <span class="pagenum" id="Page_295">[S. 295]</span>aufgeworfen werden, ob nicht Wodan etwa am Unterrhein, +wo römische Kultur auf die germanischen Stämme herüberströmte, aus +Merkur hervorging. Nicht eine Nachahmung römischen Vorbildes soll +damit behauptet, nur die Vermutung, es könnte ein Anstoss zu Wodan +durch die Bekanntschaft mit Merkur gegeben worden sein, ausgesprochen +werden. Der Verkehr zwischen Germanen und Römern in den Rheinlanden +brachte gegenseitige Mitteilungen mit sich. Die deutschen Götternamen +wurden übersetzt und in der interpretatio romana von den Germanen +gutgeheissen.⁠<a id="FNanchor_314_314" href="#Footnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> Merkur als Seelenführer, als stürmischer Liebhaber +der Nymphen, als Beförderer der Fruchtbarkeit, gleicht dem Wode; +nimmt man Merkur als Gott des Geistes hinzu, so entsteht Wodan. Die +zweite Seite seiner göttlichen Thätigkeit kann Wodan nicht von Merkur +bekommen haben. Der Hauptgott der Germanen, Tiuȥ, ist Kriegsgott. +Diese Eigenschaft behielt er, auch als Wodan Heervater und Siegvater +geworden war. Vielleicht darf demnach behauptet werden, aus Wode +entwickelte sich am untern Rhein, als Germanen und Römer dort in +ständigen feindlichen oder freundlichen Verkehr traten, als aus diesen +Einwirkungen eine neue und höhere germanische Kultur sich erhub, der +göttliche Wodan, welcher die geistige Thätigkeit von Merkur, die +kriegerische Thätigkeit und seine Stellung als Himmelsgott von Tiuȥ, +den er allmälig abzulösen bestimmt war, entnommen hat.</p> + +<h5 class="s4" id="Wodan_bei_den_Deutschen_3"><b>3. Wodan bei den +Deutschen.</b></h5> + +<p>Tacitus berichtet von den Germanen, sie verehrten am meisten den +Wodan.⁠<a id="FNanchor_315_315" href="#Footnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a> Das trifft nicht auf alle Germanen zu, an <span class="pagenum" id="Page_296">[S. 296]</span>andern Stellen +zeigt Tacitus selbst ganz andre Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes. +Vermutlich sind die Germanen am Unterrhein gemeint, von denen die Römer +am meisten wussten, so dass Wodan nur bei ihnen, bei den rheinischen +oder istvaeischen, nicht auch bei den ingvaeischen und suebischen +Stämmen als höchster Gott für die damalige Zeit angesetzt werden darf. +Noch später sieht man Wodans Macht im Wachstum begriffen, aus dem +Sturm- und Totengott wird der Himmelsherr, der Gott des Krieges und +der geistigen Kultur, der die andern uralten und einfacheren Gestalten +des germanischen Götterhimmels in Schatten stellt. Am untern Rhein und +von da landeinwärts, wo eine Menge römischer Kultur auf die Germanen +überging, kam Wodan auf und hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits +den Sieg errungen.⁠<a id="FNanchor_316_316" href="#Footnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> Um eine Vorstellung vom Wesen dieses Gottes zu +gewinnen, müssen sorgfältig alle die Züge gesammelt werden, welche auf +einen eigentlichen, dem <em class="gesperrt">Gott Wodan</em> geweihten Dienst hinweisen, +nicht bloss mit dem Aberglauben an den stürmenden Wode zusammenhängen. +Die lichte, geistige Seite muss vor der finstern, nächtigen +vorherrschen, wo der göttliche Wodan waltet, wenn auch der dunkle +Hintergrund, auf dem er sich abhebt, nie ganz verschwinden kann.⁠<a id="FNanchor_317_317" href="#Footnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_297">[S. 297]</span></p> + +<p>Unter den deutschen Stämmen im Norden Deutschlands muss Wodan +bereits im 3. und 4. Jahrhundert eine hohe Machtstellung besessen +haben. Auf nds. Gebiet wurde der <i>dies Mercurii</i> dem Wodan +gegeben, bei Sachsen, Friesen, Niederfranken, woran noch heute der +Sprachgebrauch festhält.⁠<a id="FNanchor_318_318" href="#Footnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a> Auf hochdeutschem Gebiet steht seit +Alters dafür der Name Mittwoch fest, schwerlich weil dadurch ein +älterer Wotanstag verdrängt wurde. Haften doch die andern Götternamen +auch in den hds. Mundarten. Und warum sollte gerade nur hier die +Feindseligkeit der Geistlichen Wodan verdrängt haben, während er +sonst ungekränkt blieb? Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, +dass die später hochdeutschen Stämme, die Südgermanen, zur Zeit der +Einführung der römischen Wochentage einen Gott Wodan, welcher dem +Merkur entsprach, nicht gekannt haben. Die Heimat des Wodansdienstes +ist Norddeutschland, nur in Ausläufern erstreckte er sich nach dem +Süden. Ortsnamen wie <i>Wodensweg</i>, <i>Wodensfeld</i>, namentlich +aber <i>Wodensberge</i> sind besonders in Niederdeutschland und +in England üblich, <i>Wodensberge</i> kommen jedoch auch auf mds. +Gebiete, wol unter fränkischem oder sächsischem Einfluss vor, ein +<i>Wodensberg</i> bei Bonn und in Hessen. Unter den Bergen sind alte +Kultstätten zu verstehen. Für altsächsischen Wodansdienst zeugt die +Abschwörungsformel⁠<a id="FNanchor_319_319" href="#Footnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a>, in welcher die drei germanischen Hauptgötter, +Wodan in der Mitte, vorkommen, sowie das <span class="pagenum" id="Page_298">[S. 298]</span>Verbot der Wodansopfer. Auf +alemannisches Gebiet greift der Wodankult ebenfalls hinüber; allerdings +begegnen Zeugnisse erst im 7. Jahrhundert. Die Schwaben sassen um +eine gewaltige Bierkufe und hielten Opfer und Gelage dem Wodan zu +Ehren.⁠<a id="FNanchor_320_320" href="#Footnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a> Auf der im Abschnitt über Donar besprochenen Runenspange +wird Wodan neben Donar angerufen. Durch fränkischen Einfluss kann +Wodan in den letzten Zeiten des Heidentums auch zu den Alemannen +gelangt sein. Als die römischen Wochentage ins Deutsche umgesetzt +wurden, war er jedenfalls noch nicht bei ihnen. Sonst müsste irgendwo +ein oberdeutscher <i>Wuotanes tac</i> der Mittawecha oder Mittwocha +zur Seite stehen. Im zweiten Merseburger Segensspruch, der wol aus +thüringischem Gebiete stammt, tritt wenigstens Wodans Thätigkeit +deutlich hervor. Einem Götterpferd ist auf der Fahrt ein Unfall +zugestossen. Mehrere Göttinnen, denen, gleich allen Frauen, Heilkunde +eignet, versuchen umsonst den ausgerenkten Fuss durch Besprechen +einzurichten. Da besprach ihn zuletzt Wodan, wie er es wol konnte. +Wodan ist also der grösste Zauberer und Wunderer, er ist stärkeren +Heilzaubers mächtig als die übrigen Götter. So geringfügig die Stelle +auch scheint, sie eröffnet doch einen weiten Ausblick, sie zeigt den +deutschen Wodan im Besitz der gleichen Kräfte, um deren willen der +nordische Odin gerühmt wird.</p> + +<p>Unter den Angelsachsen war Woden der oberste der Götter.⁠<a id="FNanchor_321_321" href="#Footnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a> Die Sage +wusste, dass die Stämme einst unter seiner Führung <span class="pagenum" id="Page_299">[S. 299]</span>vom Festland nach +Britannien fuhren. Woden ist der Stammvater aller angelsächsischen +Könige. Die Stammtafeln treffen alle in ihm zusammen und spalten sich +erst in seinen Söhnen. Zwar gehen die Ahnenreihen noch weiter als +Woden hinauf, unter seinen Vor- und Nachfahren begegnen Namen, die +teils Wodens Beinamen waren, teils andere Götter, namentlich Tiuȥ und +Fréa bezeichneten. Aber gerade hieraus ist zu lernen, dass ältere +Stammreihen zwar vorhanden waren, jedoch dem Wodensdienst untergeordnet +wurden. Man sieht, wie Woden nach und nach die erste Stelle errang. +Hengist und Horsa selber waren Wodens Söhne. Dem Woden wurde um Sieg +und Heldentum geopfert.⁠<a id="FNanchor_322_322" href="#Footnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a> Frija war sein Weib.</p> + +<p>Als Siegvater, der im Himmel thront, erscheint Wodan auch in der +langobardischen Stammsage.⁠<a id="FNanchor_323_323" href="#Footnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a> Es gibt eine Insel, die Scadanau +heisst, im Norden; da wohnten viele Völker. Unter diesen war ein +kleines Volk, das man Winniler nannte; und bei ihnen war ein Weib mit +Namen Gambara, die hatte zwei Söhne: der eine hiess Ybor, der andre +Agyo. Die führten mit ihrer Mutter <span class="pagenum" id="Page_300">[S. 300]</span>Gambara die Herrschaft über die +Winniler. Es erhoben sich nun gegen sie die Herzoge der Wandalen Ambri +und Assi mit ihrem Volk und sprachen zu den Winnilern: Entweder zahlet +uns Zins oder rüstet euch zum Streit und streitet mit uns. Darauf +antworteten Ybor und Agyo mit ihrer Mutter Gambara und sprachen: Es +ist besser für uns, zum Streit uns zu rüsten, als den Wandalen Zins +zu zahlen. Da baten Ambri und Assi, die Herzoge der Wandalen, Wodan, +dass er ihnen Sieg verleihe über die Winniler. Wodan antwortete und +sprach: Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde, denen will ich +Sieg geben. Zu derselben Zeit gingen auch Gambara und ihre Söhne Ybor +und Agyo, die Fürsten der Winniler waren, hin und baten Frea, Wodans +Frau, dass sie den Winnilern helfe. Da gab Frea den Rat, wenn die Sonne +aufgehe, sollten die Winniler kommen, und die Weiber sollten ihr Haar +wie einen Bart ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen. +Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte, Frea +die Frau Wodans um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete sein Antlitz +gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, so erblickte er die +Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das Haar um das Gesicht hing. Und +er sprach: Wer sind diese Langbärte? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du +hast ihnen den Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er +gab ihnen den Sieg, so dass sie nach seinem Ratschluss sich wehrten +und den Sieg erlangten. Seit der Zeit sind die Winniler Langobarden +geworden.</p> + +<p>Die Auslegung des Namens als Langbärte (longibarbi) ist natürlich nur +volksetymologisch. Aber die Sage zeigt, dass Wodan der siegspendende +Gott bei den Langobarden war, dass er um Sieg angerufen wurde. Der +Namensfestigung folgte nach altgermanischem Brauch ein Geschenk. Wie +Odin und Frigg, so walten hier Wodan und Frea mit einander, aber ihre +Gesinnung ist oft entgegengesetzt.</p> + +<p>Die langobardische Sage reicht ihrem Ursprung nach jedenfalls noch in +hohes Altertum hinauf, sie entstand, solange die Langobarden noch an +der untern Elbe den Sachsen benachbart sassen, vor ihrem Zug nach dem +Süden, also jedenfalls noch im 4. Jahrhundert. Vermutlich nahmen die +Langobarden den Wodansdienst von den Sachsen an und zählen demnach für +die damalige Zeit zur norddeutschen Völkergruppe, welche Wodan als +höchsten Gott verehrte. Auf Grund der Sage ist auch Wodansdienst der +<span class="pagenum" id="Page_301">[S. 301]</span>Wandalen anzunehmen. Dass die Ostgermanen überhaupt noch in ihrer +alten Heimat, also im 2. Jahrhundert von ihren norddeutschen Nachbarn +Wodan übernahmen, ist sehr wol möglich.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ob sonstige Wodanssagen nachweisbar sind, ist zweifelhaft. In +nordischer Dichtung ist <i>Gaut</i> ein Beiname Odins, in den +angelsächsischen Stammtafeln begegnet <i>Géat</i> unter den Ahnen +Wodens.⁠<a id="FNanchor_324_324" href="#Footnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> <i>Gauts</i> (hs. <i>Gapt</i>) ist der Ahnherr der +Amaler. Der Name kann unmöglich mit P. A. Munch und J. Grimm als +<i>„Giesser“</i> Schöpfer gedeutet werden, er besagt vielmehr wie +<i>Gautatyr</i> Volksgott der Gauten.⁠<a id="FNanchor_325_325" href="#Footnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a> Diese Gauten, die heutigen +Göten in Schweden haben ihren Hauptgott nach sich selber benannt, +wie solches bei Saxnot, bei Irmino, Ingwio u. ä. schon zu beobachten +war. Die Frage ist nur, wer war ursprünglich der gautische Gott, der +Himmelsgott oder Wodan? Wenn später Odin Gaut heisst, ist damit nicht +erwiesen, dass von Anfang an ihm dieser Name zukam. Von Géat wird +einmal ein Liebesabenteuer erwähnt. Von Odin weiss die nordische Sage +viele Liebesgeschichten. Ist Gaut schon im 4. Jahrhundert, vor der +Besiedelung Britanniens, Wodan, ist überhaupt von Anfang an Wodan damit +gemeint als Hauptgott der Gauten und Goten, die wie Sachsen, Angeln und +Jüten frühzeitig an der Verbreitung Wodans im Norden teilgenommen haben +können, dann gehört schon der Hang zu Liebschaften dem deutschen Wodan +<span class="pagenum" id="Page_302">[S. 302]</span>zu. Dem Wesen des Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug +vollkommen, ja fast notwendig entsprechen.</p> + +<p>Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung +vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und +Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend. +Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott +entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem +Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen +Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden +verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen +Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch +die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.⁠<a id="FNanchor_326_326" href="#Footnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a> Nach dieser +Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt +wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen +Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann.</p> + +<p>Odin ist nicht allein Herr des Zaubers, sondern auch des Geistes, der +Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist +sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden +erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden +sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an. +Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr +mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift, +welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan +als Erfinder der Schrift⁠<a id="FNanchor_327_327" href="#Footnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a>, als Träger der geistigen Kultur, als +Erwecker des Helden- und Dichtergeistes? Unmittelbar beweisen lässt +sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen +Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_303">[S. 303]</span></p> + +<p>Das Bild des <em class="gesperrt">deutschen Wodan</em> stellt sich demnach etwa so dar: +Wodan, der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter. +Könige und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet +über Sieg und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch +Walvater, die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben +dem Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz +heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge, +aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem +Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein +Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit. +Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern +auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriegerischen +Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den +friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme +Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders +den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und +trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer +makelloser Held voranleuchtete.⁠<a id="FNanchor_328_328" href="#Footnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Odin_im_Norden_4"><b>4. Odin im Norden.</b></h5> + +<p>Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen +zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen. +Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger +und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen, +norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische +Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen +deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in +Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe +und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen +ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein +Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was +unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen +werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf +den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte +<span class="pagenum" id="Page_304">[S. 304]</span>nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist, +gleichviel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dahin gehört +ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung +deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins +Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein +Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen +der deutschen Überlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig. +Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste +Voraussetzung.</p> + +<h6 class="s5" id="Odins_Wanderungen_und_Kaempfe_mit_Nebenbuhlern"> +<em class="gesperrt">Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern</em>.</h6> + +<p>Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen +Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei +den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber +der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet +selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von +der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden⁠<a id="FNanchor_329_329" href="#Footnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a>, während Thor seit +Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz +der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt +sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die +nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen, +bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an +Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen. +Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte +auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort +entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen. Diese +pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer hinaus, +Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden vernahm, +fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der sich <span class="pagenum" id="Page_305">[S. 305]</span>keine +Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im alten Sigtun +liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse Opferstätte +nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern (d. h. den +andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in Noatun, Freyr +in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang, Baldr in +Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin und Freyr +Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten bezeichnet. +Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin Sachsengott, Freyr +Schwedengott genannt.⁠<a id="FNanchor_330_330" href="#Footnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a> Im Bericht scheint Verwirrung eingerissen. +Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in der asiatischen Urheimat +statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen als Leute vom Tanakvisl +oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer mündend Asien und +Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen zugleich und im +Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die schwedischen +Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus Dänemark +herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.⁠<a id="FNanchor_331_331" href="#Footnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a> Handelnd +ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich gelangte +der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen, Seeland, +dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er Wurzeln. +Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg traten +neue, ausschliesslich Odin geweihte zur Seite, <i>Odinsvé</i>, jetzt +<i>Odense</i> in Fünen und <i>Onsved</i> in Seeland.⁠<a id="FNanchor_332_332" href="#Footnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a> Der dänische +Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der +Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen +aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden +sind viele Örter nach Odin benannt: <i>Odenswi</i>, <i>Odensö</i>, +<i>Odensnäs</i>, <i>Odensjö</i>, <i>Odensberg, <span class="pagenum" id="Page_306">[S. 306]</span>Odensala</i> u. ä. +Weniger volkstümlich wurde Odin in Norwegen, weshalb verhältnissmässig +nur wenige Ortsnamen dort für ihn zeugen. Umso sieghafter erhub er sich +im Skaldenlied. Die Zeit der Einwanderung des deutschen Wodanglaubens +in Dänemark und Skandinavien, welche in den erwähnten halbgelehrten +Berichten noch nachklingt, lässt sich nicht bestimmen. Nur im +allgemeinen darf behauptet werden, dass Odin schon längere Zeit vor den +ältesten Skalden, also etwa um 800 bereits in Norwegen bekannt gewesen +sein muss. Das Heldenzeitalter des norwegischen Stammes stellte Odin, +den Gott des Krieges und des Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung.</p> + +<p>Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich +verbannt war, während ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden +die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen +sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein +Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in +Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine hiess We, der andre Wili. Diese +Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin +so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben. +Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie +gemeinsam.⁠<a id="FNanchor_333_333" href="#Footnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a> Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib +wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung, +wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft +an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.⁠<a id="FNanchor_334_334" href="#Footnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> Nach +Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rossthjof geweissagt, er werde +mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom +Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut +macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in <span class="pagenum" id="Page_307">[S. 307]</span>Dienst. +Er wird Heerführer, schlägt die Feinde in die Flucht und wirbt beim +König, der es wol aufnimmt. Aber die Königstochter ist spröde, statt +des Kusses gibt sie ihm eine Ohrfeige. Im nächsten Jahr kehrt er als +Goldschmied unter dem Namen Rosterus wieder. Er fertigt prächtiges +Geschmeide; wie er aber nochmals einen Kuss verlangt, erhält er die +zweite Maulschelle. Zum dritten Mal kommt er als kriegsgeübter Kämpe. +Nachdem er sich als ausgezeichneter Reiter bewährt, naht er wieder der +Jungfrau. Er wird aber so heftig zurückgestossen, dass sein Kinn den +Erdboden berührt. Jetzt greift er zu Zauberlist. Er ritzt Runen auf +Baumrinde, berührt Rinda damit und macht sie dadurch wahnsinnig. In +Mädchentracht stellt der unermüdliche Wanderer sich hierauf am Hofe +ein. Er nennt sich Wecha und gibt sich für heilkundig aus. Wecha wird +unter die Dienerinnen der Rinda aufgenommen. Der Erkrankten erbietet +er sich zu helfen, doch sei die Arznei so bitter, dass man sie binden +müsse. Als das geschieht, vollbringt Odin seinen Willen und zeugt den +Bous, der einst Baldr rächt. Die Götter aber, die nach Saxo in Byzanz +wohnen, finden diese Handlung des Gottes unwürdig und verstossen ihn +aus ihrer Mitte. Den Ollerus (Ullr) bekleiden sie mit seiner Macht +und seinem Namen. Odin versteht es, unter den Göttern von neuem sich +Anhänger zu verschaffen und es endlich nach zehn Jahren zu bewirken, +dass Ollerus aus Byzanz flüchten muss; in Schweden, wo dieser seine +Herrschaft aufs neue zu begründen sucht, wird er von Dänen erschlagen. +Man muss hier von dem Zusammenhang der Sage absehen und nur das +festhalten, dass Ullr einmal an Odins Stelle und mit seinem Namen +herrschte.</p> + +<p>Frigg hatte sich einem Diener hingegeben, damit er eine goldene +Bildsäule Odins zerstöre, deren Gold sie zu ihrem Schmuck verwandte. +Darüber grämte sich Odin so sehr, dass er das Land verliess und +freiwillig in die Verbannung ging. An seiner Stelle herrschte +<i>Mitodin</i>, ein berühmter Zauberer, der das Opfer neu ordnete, +indem er befahl, jedem Gotte einzeln, nicht mehr allen gemeinschaftlich +zu opfern. Als Odin zurückkehrte, musste Mitodin nach Fünen (Pheonia) +fliehen, wo ihn das Volk erschlug. Er rächte sich noch nach seinem +Tode, indem aus seinem Grabe die Pest hervorging, bis man die Leiche +ausgrub, den Kopf lostrennte und einen spitzen Pfahl durch den Leib +trieb. Frigg starb, Odin setzte alle falschen Götter ab, die unter +Mitodin aufgekommen waren, und vernichtete ihre Priester, die Magier, +mit einem einzigen <span class="pagenum" id="Page_308">[S. 308]</span>Blick wie Schatten.⁠<a id="FNanchor_335_335" href="#Footnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a> +Die Geschichte von Mitodin ist ein deutliches Seitenstück zu der von Ollerus. Beide werden als +zauberkundig bezeichnet, von beiden heisst es, sie hätten nicht bloss +Odins Weib und Macht, sondern sogar seinen Namen besessen, beide +entfliehen vor dem heimkehrenden Odin nach Dänemark oder Schweden, +also nach Saxos Meinung aus Byzanz in den Norden und werden dort +erschlagen. Besondere Beachtung verdient auch der Umstand, dass +beide neue Opferbräuche einführen wollen, Ollerus allerdings erst in +Schweden, wo er gleich wie in einer neuen Welt den Glauben an sich +einzusetzen versuchte. Wir haben es mit zwei Fassungen einer und +derselben Erzählung zu thun, deren Grundzüge auf zwei sich bekämpfende +Kulte, den Odinkult und den eines anderen Gottes hinweisen. Durch +Saxos Verlegung der Asenherrschaft nach Byzanz ist es schwer zu +entscheiden, was vor allem zu wissen Not thäte, in welchen Ländern +des Nordens sich in der Ursage die Kultkämpfe abspielten. Ullr (got. +<i>wulþus</i>), der Herrliche, scheint einmal der Name einer hohen +Gottheit gewesen zu sein. Mitothin darf kaum als Mit-Odin, Mithelfer, +Mitregent ausgelegt werden. Saxo verstand ein Wort „<i>mituth-inn</i>“ +d. i. *<i>mituth</i>, *<i>mitoth</i> mit angehängtem Artikel als +Namen. Mitoth bedeutet die richtende und das Schicksal bestimmende +Gottheit. Somit ist die Sage dahin auszulegen, dass der Odinglaube +zeitweilig von einem andern Kult verdrängt wurde, aber hernach wieder +zu Ehren kam. Dabei lässt sich eine zwiefache Erklärung finden. Im +Norden ist der Odinkult ursprünglich fremd, aus Deutschland eingeführt. +<i>Ullr mitoth-inn</i> könnte eine nordische Gottheit sein, die vor +dem eindringenden Odinglauben zurückwich. Andererseits ist schon der +deutsche Wodan ein Gewaltherr, der den alten Himmels- oder Hauptgott +der Germanen, Tiuȥ, seiner Macht und seiner Frau beraubte. Also der +deutsche Wodan und der nordische Odin, beide sind Eindringlinge in +Besitz und Recht anderer, älterer Götter. Eine Erinnerung daran lebt +in der nordischen Sage fort. Dass die Sache so dargestellt wird, dass +Odin der im Recht Gekränkte, später aber aufs neue Eingesetzte ist, +beweist, dass der Bericht unter Anhängern Odins entstand. Für Eroberung +und <span class="pagenum" id="Page_309">[S. 309]</span>Gewaltthat stellt sich immer ein beschönigender Rechtsgrund ein. +So lässt z. B. auch die gotische Heldensage Dietrich von Bern nur sein +Vatererbe, aus dem er vertrieben worden war, zurückgewinnen, nicht der +Wahrheit gemäss Italien erobern. So behauptet die Göttersage, Odin ist +der Oberste und Höchste; wenn ein Andrer vor ihm herrschte, kann das +nur durch List und Unrecht geschehen sein. So erschliesst sich der +Mythus von Odins Verbannung und Vertretung auf dieselbe Weise, wie der +vom Wanenkrieg als ein Kampf zwischen altem und neuem Glauben, aus +dem letzterer siegreich hervorgeht. Dieser Kern ist nicht berührt, so +verschieden die Ausbildung im einzelnen und die Anknüpfung an andere +Sagen sich vollzog. Odin im Streite mit Nebenbuhlern kann auch auf +den Gegensatz zwischen dem nordisch-germanischen Kulte und einem +älteren, vor der germanischen Bevölkerung im Norden heimischen Glauben, +etwa dem der Finnen und Lappen zurückgehen, wie im Abschnitt über +Ullr ausgeführt werden soll. Jedenfalls liegen Glaubenskämpfe hinter +diesen Sagen, alter und neuer Glaube desselben Volkes oder die Kulte +verschiedener Völker.</p> + +<h6 class="s5" id="Odin_in_nordischer_Sage"><em class="gesperrt">Odin in +nordischer Sage</em>.</h6> + +<p>In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit +folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm +die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und +lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war +der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er +zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er +so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und +vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das +Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen +Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und +Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war +die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es +hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt +das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen +Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging. +Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub +und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten +einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend +wie <span class="pagenum" id="Page_310">[S. 310]</span>Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie +Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen +hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die +Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel +oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in +seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit +blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind +zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir +hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch +zusammenfalten.⁠<a id="FNanchor_336_336" href="#Footnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das +sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte +er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum +wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte +zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den +Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er +sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche +Zauber (<i>galdrar</i>) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede +(<i>galdrarsmidir</i>) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten +Kraft hat, und übte sie selbst, welche <i>seiđr</i> (Zauberei) heisst. +Und darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge +zu wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch +den Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber +dieser Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an, +dass es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den +Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze, +wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich +die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band +mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein +und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt; +seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten +auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen +Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei. +Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei +weit und erhielt sich lange.</p> + +<p>Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor <span class="pagenum" id="Page_311">[S. 311]</span>unter den +Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer +verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er +sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er +auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in +die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen +oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen +Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man +Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange.</p> + +<p>Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich +mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute +zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde +begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen +sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und +Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor +bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den +andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach +seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet. +Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto +geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher, +je mehr Gut mit ihm verbrenne.</p> + +<p>Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug, +so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern +uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu +Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung +sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen +reichliche Belege.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in +glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er +als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.⁠<a id="FNanchor_337_337" href="#Footnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a> <span class="pagenum" id="Page_312">[S. 312]</span>Unter +dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der +Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den +Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals +im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes +und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und +rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll +wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es +von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge +stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen +Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum +mehrt.⁠<a id="FNanchor_338_338" href="#Footnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a> Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet +ihn der Gerd:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">21 So geb ich den Ring dir,  gerötet vom Feuer,</div> + <div class="verse indent8"> In dem Odins Sohn zu Asche ward;</div> + <div class="verse indent3">   Von ihm tropfen acht  ebenso schwere</div> + <div class="verse indent8"> Jede neunte Nacht.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich +mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das +Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer +des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen +Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die +wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus +der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will, +als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst +von rechtswegen Freyr oder Baldr, d. h. dem alten Himmelsgott, und ging +erst von ihm auf Odin über.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des +Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang <span class="pagenum" id="Page_313">[S. 313]</span>des Sommers um Sieg. +An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer +an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder +zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein +grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da +meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass +nun passende Zeit zum Schlagen sei.⁠<a id="FNanchor_339_339" href="#Footnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a> Angang eines schwarzen Raben +gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil +Odin ihn sandte.⁠<a id="FNanchor_340_340" href="#Footnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird +zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach +Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.⁠<a id="FNanchor_341_341" href="#Footnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> Also wie die +Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im +Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige +in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach +heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem +Odin und der Freyja und allen Asen.⁠<a id="FNanchor_342_342" href="#Footnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a> In der jungen Bósasaga K. 12 +wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der +Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.⁠<a id="FNanchor_343_343" href="#Footnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a> +Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint +überhaupt uralt zu sein.</p> + +<h6 class="s5" id="Walhall_und_die_Walkueren"><em class="gesperrt">Walhall und +die Walküren</em>.</h6> + +<p>In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die +goldglänzende, weite Halle, Walhall.⁠<a id="FNanchor_344_344" href="#Footnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> Dorthin wählt der Gott +täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der +Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die +an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere <span class="pagenum" id="Page_314">[S. 314]</span>das Sparrengerüst, +Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen +gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein +Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen +zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am +Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir, +dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in +Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes +Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen, +wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich +wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.⁠<a id="FNanchor_345_345" href="#Footnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a> +In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber +nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf +seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die +sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.⁠<a id="FNanchor_346_346" href="#Footnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a> Sie heissen Hugin und +Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten +zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer +aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir +im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends +ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen +zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls +Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus +deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer +versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen +Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme +stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen, +sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.⁠<a id="FNanchor_347_347" href="#Footnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a> +Das Gefilde von Walhall, das <span class="pagenum" id="Page_315">[S. 315]</span>Reich des Todes, betritt man durch die +heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen +Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der +Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist +also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der +Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle, +die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er +auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt +Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere +Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der +Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen +dargestellt.⁠<a id="FNanchor_348_348" href="#Footnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung +Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den +Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich +Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden. +Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch +zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich +aufthut.⁠<a id="FNanchor_349_349" href="#Footnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Die_Walkueren"><em class="gesperrt">Die Walküren</em>.</h6> + +<p>In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum, +bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und <span class="pagenum" id="Page_316">[S. 316]</span>die Bierkrüge +in ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, +dort wählen sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und +verleihen den Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu +entscheiden. Die Walküren oder Walmädahin⁠<a id="FNanchor_350_350" href="#Footnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a>, die Wählerinnen der +kampftoten Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers +Meer. Meist erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit +Helm und Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von +leuchtenden Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin +durch die Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen +fruchtbarer Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren +sind von leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi⁠<a id="FNanchor_351_351" href="#Footnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a>, welcher +ein Lied dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über +des Königs Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende +lichthaarige Maid (<i>mey hvíta haddbjarta</i>). Wenn Odin nicht selber +an den Kämpfen teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine +Stellvertreterinnen. In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben +gewöhnlichen kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, +Thrud stehen besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die +Hochragende, Goll die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die +Stossende, Skeggold Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel +(der lähmende Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im +Nebel Hausende u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich +den Walküren ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist +Odin von seinen Raben und von den Walküren begleitet.⁠<a id="FNanchor_352_352" href="#Footnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> In Odins +Mädchen vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst +vorkommen: die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes +Geschick, die Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung +der Gemahlin Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische +Geister, Fylgjen, die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische +Weiber, welche beim prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank +herumreichen, Frauen, die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich +die Waffen der Männer anlegten und von deren <span class="pagenum" id="Page_317">[S. 317]</span>Thaten das nordische +Heldenlied erfüllt ist. Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt +der nordischen Sage und leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, +nimmt an deren göttlicher Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und +auf der Walstatt als Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen +Dichtung, während die verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr +zusammenflossen, nicht bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.</p> + +<p>Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held +und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus +lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus +Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er +fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940–6) in blutiger +Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes. +Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied +dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung +spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte, +vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten. +Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit +Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess +ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin +ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte: +Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine +gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte +in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du +manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt. +Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen. +Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher. +Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den +Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das +Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte: +Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn +däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum +Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund +sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die <span class="pagenum" id="Page_318">[S. 318]</span>Halle, du +Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem +Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name. +Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970 +vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet. +Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine +Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte +willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt +wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis +zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König +genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die +Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen +wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen, +that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu +den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig +heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen +Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die +erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten. +Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon +zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen +die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet. +Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso +guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten +seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie +einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in +seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über +seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und +wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall +des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor, +die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom +Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren, +entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm +nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den +König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter +Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden +Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen +Schilden und <span class="pagenum" id="Page_319">[S. 319]</span>zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da +sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück, +weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten. +Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses +Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten +sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht? +wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten, +dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir +zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt, +ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht +entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein +Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit +Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen +seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier +bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier +drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten, +sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit +zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont +hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen. +Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich +erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt +wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich +guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde +sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern, +geknechtet wird dies Volk.</p> + +<p>Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht +wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als +Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu +Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem +Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie +der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach +Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die +Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach +Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist +nirgends angedeutet.</p> + +<p>Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in <span class="pagenum" id="Page_320">[S. 320]</span>Walhall +höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi +berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel +aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm +über alles zu walten.⁠<a id="FNanchor_353_353" href="#Footnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a></p> + +<p>Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die +Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13. +Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir +aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem +Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will +ich sterben.⁠<a id="FNanchor_354_354" href="#Footnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a> Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich +des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach +Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.⁠<a id="FNanchor_355_355" href="#Footnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen, +indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift +die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens +folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur +ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des +Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften +miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger +Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg +versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand +schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber +Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte, +dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern sich +vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne, der sich +fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der Walküre das +Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst lehrreich. +Sie wird einmal <i>óskmær</i>⁠<a id="FNanchor_356_356" href="#Footnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a>, Wunschmaid genannt. Sie ist eine +Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach, +obwol sie <span class="pagenum" id="Page_321">[S. 321]</span>sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die +Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch +Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte. +Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten, +wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle +auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das +wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung, +womit ihr Heldentum zu Ende geht.</p> + +<p>In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche +Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und +aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer +Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen +ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter +Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine +Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des +Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen, +indem sie die Schwanhemden (<i>álptarhamir</i>) der Mädchen raubten, +tritt die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls +ohne Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen +sind, zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht +Schwestern sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an +sich nahm (Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine +Wunschtöchter mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und +Federgewand begabte, dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes +walteten. Dem Helgi Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos +verbrachte, erschien Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht +andern Walküren. Sie gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein +tüchtiges Schwert. Die Walküre erweckte also den jungen Mann erst +zum Bewusstsein seiner Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in +Schlachten. Wie einst eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun +wollte, wehrten es die Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi +und Swawa. Dass Swawa nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner +des Helgiliedes sagt, ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst +irdische Königsfrauen, in der Not zum Schutze des Geliebten wieder +zu den Waffen griff, wäre wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi +Hundingsbani erscheint Sigrun mit den behelmten Mädchen dem Helden +auf <span class="pagenum" id="Page_322">[S. 322]</span>einer Seefahrt. Sie ruft seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will +sie dem Hodbrodd vermählen. Helgi erkämpft sich selber die Braut. +Wie er mit einer gewaltigen Flotte übers Meer segelte, überfiel sie +ein gefährliches Unwetter. Es leuchtete in den Wolken und Blitze +fuhren in die Schiffe, da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten +und erkannten Sigrun. Der Sturm legte sich alsbald. Wie der Streit +entbrannte, kamen vom Himmel behelmte Jungfrauen und schirmten Helgi. +Also überall wacht die Walküre über dem Geliebten und entscheidet über +den Ausgang des Kampfes. Das verlorene Lied von Helgi dem Haddingenheld +erzählte von der Walküre Kara, die im Kampf als Schwan über ihm +schwebte. In der Schlacht wider Hromund schwang Helgi das Schwert zu +hoch und verwundete die Geliebte auf den Tod. Da war das Glück von ihm +genommen und er erlag dem Feind.</p> + +<p>Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen +genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs +Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte +sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren +zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit +ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden +auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand +die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von +mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau +und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit +aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir +der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von +diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen +Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische +Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen. +Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem +von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer +Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk +ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen +könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle. +Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen +die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine +Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als +der Feind die <span class="pagenum" id="Page_323">[S. 323]</span>schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner +stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.</p> + +<p>Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher +Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling +auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr +in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend +erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen, +die ihren Günstlingen zu schaden drohen.⁠<a id="FNanchor_357_357" href="#Footnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39 +schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe +gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar +ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Eine Walküre warst du,  widriges Scheusal,</div> + <div class="verse indent0">Ekel und boshaft,  in Allvaters Hause;</div> + <div class="verse indent0">Die Einherjer mussten  alle sich schlagen,</div> + <div class="verse indent0">Verderbliches Weib,  um deinetwillen.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die +Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten. +Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa +nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere +Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu +entscheiden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche +gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.⁠<a id="FNanchor_358_358" href="#Footnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> Die nordischen +Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen +Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie +Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh. +nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die +nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten +ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der +<span class="pagenum" id="Page_324">[S. 324]</span>Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird +anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur +Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen, +dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem +wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre +genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die +Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt +ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den +erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden +liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte +zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die +ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus +letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die +tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne +werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner +göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt +und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische +König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern +nur zu Kriegsdienst verpflichtet.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel +gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern +Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus +er die ganze Welt übersehen kann.⁠<a id="FNanchor_359_359" href="#Footnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> Diesen Hochsitz, Hlidskjalf, +nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein +nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf, +worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen +ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die +nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich +angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt +im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische +Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle +nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf +Island.⁠<a id="FNanchor_360_360" href="#Footnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_325">[S. 325]</span></p> + +<h6 class="s5" id="Odin_fordert_Opfer"><em class="gesperrt">Odin fordert +Opfer</em>.</h6> + +<p>Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde +das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen +Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer +schleuderte.⁠<a id="FNanchor_361_361" href="#Footnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der +Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (<i>til heilla +sér</i>).⁠<a id="FNanchor_362_362" href="#Footnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem +Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich +Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren +ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem +Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche +Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe +kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug +sie.⁠<a id="FNanchor_363_363" href="#Footnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a></p> + +<p>Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den +Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog, +hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein +Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.⁠<a id="FNanchor_364_364" href="#Footnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a></p> + +<p>Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im +Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins +Sälen auf.⁠<a id="FNanchor_365_365" href="#Footnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a></p> + +<p>In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung +mit dem Speer am deutlichsten.⁠<a id="FNanchor_366_366" href="#Footnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> Wikar und seine Schiffsgefährten +müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie +das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar +verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle +bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu +vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt +einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun +ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich +bedünken wird.“ Wikar <span class="pagenum" id="Page_326">[S. 326]</span>steigt auf den Block und legt sich die Schlinge +um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater +Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit +nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird +der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter +seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast +schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.</p> + +<p>Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war +dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in +Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu +Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe +haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte, +die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie +wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab +seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen +Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier +bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek +sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh +ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.⁠<a id="FNanchor_367_367" href="#Footnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a></p> + +<p>Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst +vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf +der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte +Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck. +Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib +setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch, +sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung +erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene. +So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht +worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den +Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb +er treu seinem Gelübde.⁠<a id="FNanchor_368_368" href="#Footnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a></p> + +<p>Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer +Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um +dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, <span class="pagenum" id="Page_327">[S. 327]</span>die Ärzte gaben ihn +auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und +versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser +ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle. +Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu +erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand +der Brand daraus und sie vernarbte.⁠<a id="FNanchor_369_369" href="#Footnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a></p> + +<p>Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie +folgende Sagen beweisen.</p> + +<p>König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm +je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne, +jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben +und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett +liegen musste und aus dem Horne trank.⁠<a id="FNanchor_370_370" href="#Footnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a> Das Volk opfert sogar +seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen. +Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im +zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi +selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.⁠<a id="FNanchor_371_371" href="#Footnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a> +Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil +der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und +verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.⁠<a id="FNanchor_372_372" href="#Footnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a></p> + +<p>Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin +Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So +sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei +Odin Gast sein.⁠<a id="FNanchor_373_373" href="#Footnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a> Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu +Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben. +Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide +leben.⁠<a id="FNanchor_374_374" href="#Footnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a> Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel, +sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut. +Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.⁠<a id="FNanchor_375_375" href="#Footnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_328">[S. 328]</span></p> + +<p>Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet. +Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.⁠<a id="FNanchor_376_376" href="#Footnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a> Obwol +Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch +Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in +der Halfssage⁠<a id="FNanchor_377_377" href="#Footnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a> heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den +Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du +auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser +ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor +seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des +Siegs beraubte.</p> + +<p>Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten +Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche +Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen +(<i>wal</i> = <i>strages</i>, Haufe Erschlagener) entsprechen. +Trotzdem weilen in Walhall Helden, die nicht den Schlachtentod starben, +Sinfjotli, der an Gift zu Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode +trat, fuhr zu Odin⁠<a id="FNanchor_378_378" href="#Footnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a>, Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin +entboten⁠<a id="FNanchor_379_379" href="#Footnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a>, Ragnar, der in der Schlangengrube sein Ende findet, +hofft auf Walhall.⁠<a id="FNanchor_380_380" href="#Footnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen +Seelenheim und von besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der +gefallenen Krieger, laufen gleichzeitig neben einander her.⁠<a id="FNanchor_381_381" href="#Footnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Odin_als_Heldenvater"><em class="gesperrt">Odin als +Heldenvater</em>.</h6> + +<p>Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den +Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der +Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als +Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was +er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht <span class="pagenum" id="Page_329">[S. 329]</span>beständig, +am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen +Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen +sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse +Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin +gibt Loki den bösen Vorwurf ein:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schweige du, Odin,  ungerecht teilst du</div> + <div class="verse indent8">Unter Kriegern des Kampfes Glück;</div> + <div class="verse indent0">Du gabest oft,    dem du geben nicht solltest,</div> + <div class="verse indent8">Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.⁠<a id="FNanchor_382_382" href="#Footnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als +Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor +verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren +und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte +Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der +abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.⁠<a id="FNanchor_383_383" href="#Footnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a> Der achtjährige +Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten +in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite +Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das +Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die +Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte +ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich +auf solche Weise Pfleglinge erkoren.⁠<a id="FNanchor_384_384" href="#Footnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a></p> + +<p>Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward +gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos +wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm +Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein +Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der +sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel, +nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger +wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen +Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und +Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes +<span class="pagenum" id="Page_330">[S. 330]</span>stetiger + Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.⁠<a id="FNanchor_385_385" href="#Footnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a></p> + +<p>König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends, +als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen +Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann +war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut, +er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war +barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft +in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen +vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer +versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn, +zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen +Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht, +da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm +entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang +in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.⁠<a id="FNanchor_386_386" href="#Footnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> Als +Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen, +da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert +schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm +gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert +geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will +nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen +erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber +das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des +Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo +seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.⁠<a id="FNanchor_387_387" href="#Footnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a></p> + +<p>Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein +Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm +Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden +erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der +nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte +ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines +Seetreffens. Mittelst <span class="pagenum" id="Page_331">[S. 331]</span>dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon. +Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds +Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen +hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom +verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch +trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft +zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg +an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem +Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf +einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren +anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform +geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige +Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen +die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der +Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring +sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe +in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von +wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der +Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald +selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni +hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm +einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu +entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen, +dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal +den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen +dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf +plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem +Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess +Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine +königliche Leichenfeier.⁠<a id="FNanchor_388_388" href="#Footnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_332">[S. 332]</span></p> + +<p>In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben +und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer +zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst +gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.</p> + +<p>Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht, +befindet sich <i>Uggerus</i> (an. <i>Yggr</i>) <i>vates vir aetatis et +supra humanum terminum prolixus</i>, also deutlich der verkappte Odin. +Als das Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und +geht zu Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs +verrät. Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, +indem er seinen Günstling plötzlich aufgibt.⁠<a id="FNanchor_389_389" href="#Footnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a></p> + +<p>Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings +zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger +Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge +stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten +ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der +Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den +Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen, +von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen +versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und +ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.⁠<a id="FNanchor_390_390" href="#Footnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a> Die +keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge. +Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen. +Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein +Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim +Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen +sollte.⁠<a id="FNanchor_391_391" href="#Footnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a></p> + +<p>Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer +Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner +Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig +mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste <span class="pagenum" id="Page_333">[S. 333]</span>anfahren sollte. Hadding +nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich +damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu +einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der +Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken +hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter +ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit +kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten. +Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei, +aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte +und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den +ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch +Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.</p> + +<p>Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte +und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da +wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden +Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen +Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit +Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder +Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne. +Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er +von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die +angegebene Weise.⁠<a id="FNanchor_392_392" href="#Footnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a> Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit +Fafnir.⁠<a id="FNanchor_393_393" href="#Footnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a></p> + +<p>Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So +erzählt Saxo⁠<a id="FNanchor_394_394" href="#Footnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a> von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod +ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin +Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen +gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen. +Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab +den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er +durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage⁠<a id="FNanchor_395_395" href="#Footnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a> erzählt: Auf Hamdir und +Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, <span class="pagenum" id="Page_334">[S. 334]</span>einäugiger +Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin +seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche +Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten +schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.</p> + +<p>Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt +nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens +Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie +alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer +hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die +Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem +König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass +schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet. +Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet +dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will +nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise, +wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter, +obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt +Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt +mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den +Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann +mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren +um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der +kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf +sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der +letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt, +dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber +Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier +unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht +ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die +Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.⁠<a id="FNanchor_396_396" href="#Footnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_335">[S. 335]</span></p> + +<p>Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit +verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf +Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist +kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf +von Odins Unbeständigkeit wieder.⁠<a id="FNanchor_397_397" href="#Footnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a></p> + +<p>Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze +zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf +einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein +Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn +und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir +geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch +nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie +versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten +Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab +ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es +auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die +Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.⁠<a id="FNanchor_398_398" href="#Footnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a></p> + +<p>Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken +gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und +kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines +Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den +Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen +hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge +zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem +Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den +Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt +fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf <span class="pagenum" id="Page_336">[S. 336]</span>einem Schiffe +den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja +auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den +Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.⁠<a id="FNanchor_399_399" href="#Footnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a></p> + +<h6 class="s5" id="Odin_gewaehrt_Fahrwind_und_Reichtuemer"> +<em class="gesperrt">Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer</em>.</h6> + +<p>Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um +gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin +und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.⁠<a id="FNanchor_400_400" href="#Footnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a> +Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den +Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einen neunten [Zauber] kenn ich,  wenn Not mir dräut,</div> + <div class="verse indent10">Im Meere zu schirmen mein Schiff:</div> + <div class="verse indent0">Den Wind beschwör ich     auf wogender Flut</div> + <div class="verse indent10">Und singe in Schlummer die See.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter. +Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht +weiter hervor.</p> + +<p>Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die +Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze +gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer +Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem +Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf +dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm. +Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen +gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür +Geld zurück.⁠<a id="FNanchor_401_401" href="#Footnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin +als den Spender von Reichtümern zeigen.</p> + +<h6 class="s5" id="Odins_Liebesabenteuer"> +<em class="gesperrt">Odins Liebesabenteuer</em>.</h6> + +<p>Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte +von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er <span class="pagenum" id="Page_337">[S. 337]</span>auf allgrüner +Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust +gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen +verführte.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ich war ferne im Osten,        mit einem Fräulein schwatzt ich,</div> + <div class="verse indent0">Spielte mit der Linnenweissen,      verlockte sie zu heimlichem Umgang;</div> + <div class="verse indent0">Froh machte ich die Goldgeschmückte,  und sie gönnte mir Liebesgenuss.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar. +Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als +Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l⁠<a id="FNanchor_402_402" href="#Footnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> weiss Odin von seinen Liebschaften +zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward +ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin +und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?), +aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie +bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder +voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln +verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine +Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Manch prächtige Maid,  prüfst du sie näher,</div> + <div class="verse indent6">Zeigt den Werbenden Wankelmut;</div> + <div class="verse indent0">Erfahren hab ich’s,   als verführen ich wollte</div> + <div class="verse indent6">Die listige Jungfrau zur Lust;</div> + <div class="verse indent0">Kränkenden Lohn     that die Kluge mir an,</div> + <div class="verse indent6">Und nichts genoss ich von ihr.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Macht kluger und weiser Rede zeigt Odin an der Gunnlodgeschichte, +wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen +Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch +wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen +Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber +üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des +Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der +Riesen Pfade (d. h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das +durchbohrt <span class="pagenum" id="Page_338">[S. 338]</span>war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf +aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen +Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den +Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda +weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs +Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk +Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein, +drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke +vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel +Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde. +Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls +als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass +er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt, +wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil. +Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten +können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib, +während Billings Maid ihn gefoppt hatte.</p> + +<p>In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist +nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern +Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt, +sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf +Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr +zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja +Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an +Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage +erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung.</p> + +<h6 class="s5" id="Odin_der_Gott_der_Weisheit"><em class="gesperrt">Odin, der +Gott der Weisheit</em>.</h6> + +<p>Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums. +In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er +immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein +umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.⁠<a id="FNanchor_403_403" href="#Footnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a> +Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank +eröffnet er den reichen <span class="pagenum" id="Page_339">[S. 339]</span>Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen +über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens; +im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch +falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er, +wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes +gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im +fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im +sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt, +genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die +Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin +also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit +wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung, +Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der +Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter +Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga +überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte +Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und +darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen. +Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen +Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer +erscheint.</p> + +<p>Odin ist Vater des Zaubers.⁠<a id="FNanchor_404_404" href="#Footnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> Seinen Beschwörungen und Liedern wird +umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt, +mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen +vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen +stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, +dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass +unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem +Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht +zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen +Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin, +um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.⁠<a id="FNanchor_405_405" href="#Footnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a> Im Lied von Baldrs +Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme <span class="pagenum" id="Page_340">[S. 340]</span>Träume plagten Baldr. Da ritt +Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er +einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass +sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen, +vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer, +nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs +Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin +erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr +besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende +Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor +drohendem Untergang hineinverwoben.</p> + +<p>Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann +Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben. +Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache +mit Rune gemeint, d. h. die bildliche Umschreibung, welche einfache +Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um +solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer +und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (<i>hugrúnar</i>) +hat Odin selber erdacht⁠<a id="FNanchor_406_406" href="#Footnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a>, wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm +ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber +auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des +Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne, +worüber mancherlei Sagen umliefen.</p> + +<p>Im Grimnirliede⁠<a id="FNanchor_407_407" href="#Footnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter +dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu +versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere +Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn +zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn +sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem +Trinkhorn zu <span class="pagenum" id="Page_341">[S. 341]</span>Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe +gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir +an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle +Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt +spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling, +Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom +Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang +Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus +der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode.</p> + +<p>Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn +auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen +sei.⁠<a id="FNanchor_408_408" href="#Footnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a> Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer, +der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte, +lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und +das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu +fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und +die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise +Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten +Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte +Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde +sprach.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Mit Odin wagt ichs,  mich an Einsicht zu messen;</div> + <div class="verse indent8">Das weiseste Wesen bleibst du.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin +darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen +Gunsten ausgehen muss.</p> + +<p>Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem +Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden +Sagenhort offenbart.⁠<a id="FNanchor_409_409" href="#Footnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> König Heidrek hatte <span class="pagenum" id="Page_342">[S. 342]</span>gelobt, alle, die sich +wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen +könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde, +ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er +ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest +dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests +Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die +Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte, +ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager +und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke +davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen +Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch +sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst +zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin +eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser +Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen +des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den +Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im +Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und +alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch +erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte, +verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den +Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten. +Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde +kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs +gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl +in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen +Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen +bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war +blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling, +wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit +ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was +er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen +der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von +den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser +zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten +noch <span class="pagenum" id="Page_343">[S. 343]</span>Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens +am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein +wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte, +dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der +ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte +und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse +Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit +nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich +zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und +der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des +schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte, +die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen +Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der +bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki, +Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm +an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein +Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der +ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er +erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die +Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d. h. mit +dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen, +um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand. +Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von +Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein +grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest. +Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst. +Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht +getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen +zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage +von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt +er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine +Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück +voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass +er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet +ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests +Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt <span class="pagenum" id="Page_344">[S. 344]</span>von Olaf Taufe +und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages +zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze +niedergebrannt ist.</p> + +<p>Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in +denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt +und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick +ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn +er als Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir(19) redet ihn als Gast +(<i>gestr</i>) an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin +besondere Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes. +Sehr schön ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich +von der Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen +können. Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die +plötzliche, meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit +der Olaf der Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen +dafür. Weniger glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in +Taufkleidern sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser +aus, wenn er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch +einmal die berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen +Kämpen, Half und seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im +Zauberspiegel vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber; +noch einmal hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer +neuen Zeit gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein +unheimlicher Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn. +Denn dort wurde er im Heidentum am meisten geehrt.</p> + +<p>Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit +Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.⁠<a id="FNanchor_410_410" href="#Footnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a> Diese wandernde Götterdreiheit +unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern +Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist +ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche +Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind, +Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere +Rolle, sondern Loki ist der Handelnde.</p> + +<p>Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden +Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die <span class="pagenum" id="Page_345">[S. 345]</span>geistige Begabung. Nach +dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand, +den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die +Dichtkunst⁠<a id="FNanchor_411_411" href="#Footnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a>; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald. +Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit +günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist +die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.⁠<a id="FNanchor_412_412" href="#Footnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a> +Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also +einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt.</p> + +<h6 class="s5" id="Wie_Odin_sein_Wissen_gewann"><em class="gesperrt">Wie Odin +sein Wissen gewann</em>.</h6> + +<p>Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben. +Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen +Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt +der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin +verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen; +wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar +macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe +auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die +weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet, +erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das +in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und +unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der +Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere +mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des +Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die +hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut.</p> + +<p>Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen +drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen +Geschirren.⁠<a id="FNanchor_413_413" href="#Footnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a> Snorri zählt Saga als die zweite <span class="pagenum" id="Page_346">[S. 346]</span>der Asinnen auf, +die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die +geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe +hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die +Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der +Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen +Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und +Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten +sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer. +Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate +zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie +scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus +Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft +auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins +Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe +zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um +der Liebe zu pflegen, besucht.</p> + +<p>Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so +spricht die Sage von <i>Mimir</i>⁠<a id="FNanchor_414_414" href="#Footnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> umso deutlicher, dass Odin nach +seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge +im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir +aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus +Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass +der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen +war. Odin <span class="pagenum" id="Page_347">[S. 347]</span>verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als +bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg +nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit +Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene +Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen +tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den +weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt +ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein, +dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass +das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird +von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht, +geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der +aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst. +Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher +(d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der +auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge +stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das +erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des +Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige +ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In +Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar, +von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist +mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst, +gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den +Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi, +dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie +Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal) +u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist +heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *<i>Mimiaz</i>) oder +Mimi (urgerm. *<i>Mimiō</i>), der Denkende, war ein allen Germanen +bekannter Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine +Söhne heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter +heiligen Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches +Wissen. Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit +Odin und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf +die Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine +bessere Erklärung gefunden. <span class="pagenum" id="Page_348">[S. 348]</span>Dichterische Bildersprache mag die Sonne +als das Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des +Zeus ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der +Gott, um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. +In ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser, +das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss +zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der +Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im +Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren +Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom +aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir +ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst +schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „<i>Mimirs Haupt</i>“, +Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag +auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt +worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus +dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der +Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf +Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt +vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche +hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin +und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in +geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in +eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.</p> + +<p>Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">138   Ich weiss, dass ich hing   am windbewegten Baum</div> + <div class="verse indent17">Neun Nächte hindurch,</div> + <div class="verse indent5">Verwundet vom Speer,   geweiht dem Odin,</div> + <div class="verse indent17">Ich selber mir selbst,</div> + <div class="verse indent5">An dem mächtigen Baum,  von dem Menschen nicht wissen,</div> + <div class="verse indent17">Aus welchen Wurzeln er wuchs.</div> + <div class="verse indent0">139   Man bot mir kein Horn   noch Brot zur Labung,</div> + <div class="verse indent17">Nach unten spähte mein Auge,</div> + <div class="verse indent5">Ächzend hob ich,        hob aufwärts die Runen,</div> + <div class="verse indent17">Zu Boden fiel ich alsbald.</div> + <div class="verse indent0">140   Bestlas Bruder,         des Bolthorn Sohn,</div> + <div class="verse indent17">Lehrte mich wirksamer Weisen neun,</div> +<span class="pagenum" id="Page_349">[S. 349]</span> + <div class="verse indent5">Und den Trank erlangt ich   des trefflichen Metes,</div> + <div class="verse indent17">Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.</div> + <div class="verse indent0">141   Zu gedeihn begann ich    und bedacht zu werden,</div> + <div class="verse indent17">Ich wuchs und fühlte mich wol;</div> + <div class="verse indent5">Ein Wort fand mir     das andere Wort,</div> + <div class="verse indent17">Ein Werk das andere Werk.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man +erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge +ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen +sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der +darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen +unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen, +über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen +Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der +seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann +etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am +windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht +in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er +herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt +ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt +offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort +fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns, +des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim +mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher +Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus +einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet, +wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei +Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz +Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140 +muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von +dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche +erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann +bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume ohne +Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst zum Opfer +hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm Wachstum +und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross des Yggr. +<i>Yggr</i> ist ein vielgebrauchter Name Odins, <i>drasil</i> <span class="pagenum" id="Page_350">[S. 350]</span>eine +Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf +dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach <i>Odins Galgen</i>. Die +Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing, +und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge +hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein +Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen +Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner +Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln +zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die +Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die +das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die +aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung +finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an +dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa +Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er +sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König +gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt, +ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet +wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen, +welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im +Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als +Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus +Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird, +ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.⁠<a id="FNanchor_415_415" href="#Footnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a> +Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann +Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.</p> + +<h6 class="s5" id="Odrerir"><em class="gesperrt">Odrerir</em>.</h6> + +<p>Der Wundertrank <i>Odrerir</i> ist mit der schönen Riesin Gunnlod, +Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin +<span class="pagenum" id="Page_351">[S. 351]</span>gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter +Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im +Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir. +An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden +und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag +einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm +Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch +hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem +Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche +Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von +Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den +Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank +Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als der +Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht ist es +ursprünglich ein Trank der Verjüngung, <i>ú-hrerir</i>, der nicht +verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als +der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten +können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn +Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde, +finden sich bei den Skalden.⁠<a id="FNanchor_416_416" href="#Footnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> Dem Odrerir ist noch eine wunderliche +und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem +Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam. +Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes +Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege +ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.</p> + +<p>Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits +an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen +die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf +alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu +zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und +liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel +heisst Odrerir⁠<a id="FNanchor_417_417" href="#Footnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a>, die <span class="pagenum" id="Page_352">[S. 352]</span>beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut +mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon +trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir +sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling +und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff +die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe +aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren +Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins +Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin +kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu +schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die +Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen +die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder, +und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um +alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener +neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von +Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht +verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch +wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen +könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in +Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.⁠<a id="FNanchor_418_418" href="#Footnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_353">[S. 353]</span></p> + +<p>Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt +vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich +merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen⁠<a id="FNanchor_419_419" href="#Footnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a>, zumal wenn man +den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht +zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma +und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar +aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten +Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, <i>ú-hrerir</i>, verwandelten +die Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen +Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier: +die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen +erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des +geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den +der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt. +Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei +Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen +Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen +Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder +zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten +es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.⁠<a id="FNanchor_420_420" href="#Footnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> Besteht +ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter +Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich +begegnet <span class="pagenum" id="Page_354">[S. 354]</span>noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums +Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der +Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu +wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den +zwei Riesen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing +Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings +Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">159 Kraft sang er den Asen,      den Elben Tüchtigkeit,</div> + <div class="verse indent12">Hohe Weisheit dem Hroptatyr.⁠<a id="FNanchor_421_421" href="#Footnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent25">Thor:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent1">43  Woher nur holst du       diese höhnischen Worte,</div> + <div class="verse indent10">Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent24">Harbard:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent1">44  Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten,</div> + <div class="verse indent10">Die in den Hügeln der Heimat wohnen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent25">Thor:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent1">45  Da gibst du den Gräbern      einen guten Namen,</div> + <div class="verse indent10">Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.⁠<a id="FNanchor_422_422" href="#Footnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol +seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass +Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.</p> + +<h6 class="s5" id="Odins_Verwandtschaft_und_Odins_Namen"> + <em class="gesperrt">Odins Verwandtschaft und Odins Namen.</em> +</h6> + +<p>Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er +waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die <span class="pagenum" id="Page_355">[S. 355]</span>andern Götter sind, +so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem +Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der +Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes +des Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „<i>Sohn</i>“, haben also +ursprünglich gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla +(Bastbinderin?) des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.⁠<a id="FNanchor_423_423" href="#Footnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> Odins Brüder +heissen Wili und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne +hatten. Odins Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen +Tochter zeugt Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid +oder Hlodyn, Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge +Erfindung. In Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. +Sie entspringen der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille +(<i>voluntas dei</i>) heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen +Geist. Odins Namen Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der +Dritte weisen auf denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der +Sohn ist mhd. <i>ebenhêr</i>, der heilige Geist wird oft kurzweg die +dritte Person, der Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter +Leblosigkeit, nur Odin handelt.</p> + +<p>Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei, +in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, +die uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, +zum Ausdruck gelangt.⁠<a id="FNanchor_424_424" href="#Footnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> Als Allvater, Vater der Menschen +(<i>aldafađir</i>, <i>aldagautr</i>), Allwaltender, Allmächtiger +ist er nicht ganz ohne christlichen Einfluss seiner Machtstellung +nach gekennzeichnet. Ebenso sind seine Namen <i>Hávi</i>⁠<a id="FNanchor_425_425" href="#Footnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a>, der +hohe, <span class="pagenum" id="Page_356">[S. 356]</span><i>Jafnhár</i>, der gleich hohe, <i>Tveggi</i>, der zweite, +<i>þrídi</i>, der dritte (aus der Dreieinigkeit), <i>Haptaguđ</i>, +Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu Heerfahrt, Kampf +und Walfall enthalten die Namen <i>Heervater</i>, <i>Herteitr</i>, +der Heerfrohe, <i>Hertýr</i>, Heeresgott, <i>Herjan</i>, Heerführer, +<i>Herblindi</i>, Heerverblender, <i>Hjálmberi</i>, Helmträger, +<i>Siegvater</i>, <i>Sigtýr</i>, <i>Sigmundr</i>, <i>Sigtryggr</i>, +siegestreu, <i>Siggautr</i>, <i>Walvater</i>, <i>Valgautr</i>, +<i>Atríđr</i>, <i>Fastríđr</i>, der gewaltige Anreitende, <i>Viđurr</i> +(Odin sagt selber, <i>hétomk Viþorr at vígom</i>, Grimn. 49). Als +Rabengott, <i>hrafnaguđ</i>, <i>hrafnfreistađr</i> erscheint er +seiner Raben wegen, als <i>drauga dróttinn</i>, Beherrscher der +Gespenster, <i>hangaguđ</i>, <i>heimþinguđr hanga</i>, <i>hangi</i>, +Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt. <i>Farmaguđ</i>, +<i>farmatýr</i>, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer des +Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. <i>Viđrir</i>, +der Wetterer, <i>Váfuđr</i>, der Schwebende, <i>Svipall</i>, der +Bewegliche, <i>Þundr</i>, der Schwellende, <i>Ómi</i>, Rufer, Lärmer, +können auf den Sturmgott zielen. <i>Geiguđr</i>, der Schreckliche, +ist ein Name Odins und eine Benennung des Sturmwindes. Häufig +begegnet <i>Yggr</i> (<i>Uggerus</i> bei Saxo), der Schreckliche. +Den Wanderer zeigen die Namen <i>Gangráđr</i>, <i>Gangleri</i>, +<i>Vegtamr</i>, weggewohnt, <i>Víđforull</i>, Weitfahrer, sein +Aussehen <i>Langbarđr</i>, Langbart, <i>Hárbarđr</i>, Graubart, +<i>Síđskeggr</i>, Langbart, <i>Siđgrani</i>, Langbart, <i>Síđhottr</i>, +mit herabhängendem Hut, <i>Blindr</i>, der Blinde, <i>Heklumađr</i> +(vgl. hakulberand), Mantelträger, <i>Grímr</i>, <i>Grímnir</i>, +der Verlarvte, <i>Bileygr</i>, der Mildäugige, <i>Báleygr</i>, +der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug birgt, deuten +<i>Fjǫlsviđr</i>, vielwissend, <i>Glapsviđr</i>, trugwissend, +<i>Skollvaldr</i>, Trugwalter, <i>Hvatráđr</i>, scharfsinnig, +<i>Sađr</i>, wahr, <i>Sanngetall</i>, wahres ahnend, <i>Gǫndlir</i>, +Träger des Zauberstabes (?), <i>Oski</i>, Wunsch, Erwünschtes +verleihend. <i>Ari</i>, Adler, <i>Arnhǫfđi</i>, adlerhäuptig, spielen +wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach SE. als Adler dem Suttung +entflieht; da <i>Ofnir</i> und <i>Sváfnir</i> auch Schlangennamen sind +(Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint sein. <i>Vakr</i>, +der Wachsame, <i>Þekkr</i>, der Willkommene, <i>Þrjótr</i>, der +Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. <i>Njótr</i>, der +Geniesser, bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie +<i>Hroptr</i>, <i>Hvedrungr</i>, <i>Hnikar</i>, <i>Hnikuđr</i>, +<i>Jalkr</i>, <i>Jólnir</i> u. a. entziehen sich der Deutung. Dieselben +Namen gehören zuweilen auch andern Wesen und es ist schwer auszumachen, +wohin der Name von Rechts wegen zuerst gehört. Viele Namen haften an +besonderen Sagen und sind wol mit diesen entstanden. So berichtet Odin +selber im Grimnirlied 49:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_357">[S. 357]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Grimnir hiess ich in Geirröds Halle</div> + <div class="verse indent5">Und bei Asmund Jalk,</div> + <div class="verse indent0">Kjalar damals, als ich die Kufen zog,</div> + <div class="verse indent5">Bei den Thingversammlungen Thror,</div> + <div class="verse indent5">Widur im Wirbel des Streits.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als +Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur +Sage wie hier.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Odins Art schildern trefflich die Verse:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lasst uns Heervater bitten,  seine Huld zu gewähren,</div> + <div class="verse indent0">Der gern dem Gefolge      sein Gold spendet;</div> + <div class="verse indent0">Dem Hermod gab er      Helm und Panzer,</div> + <div class="verse indent0">Ein schneidiges Schwert    schenkt er dem Sigmund.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dem einen gibt Sieg er,    dem andern Schätze,</div> + <div class="verse indent0">Weisheit vielen       und gewandte Rede;</div> + <div class="verse indent0">Dem Seemann Fahrwind,     dem Sänger Dichtkunst,</div> + <div class="verse indent0">Männliche Thatkraft      manchem Helden.⁠<a id="FNanchor_426_426" href="#Footnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu +erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins +geben, des Gottes der Helden und Sänger.</p> + +<p>Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und +von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und +allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom +Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere +Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art, +dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer +leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel +gehüllt, tritt er <span class="pagenum" id="Page_358">[S. 358]</span>unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder +steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt +vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden. +Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem +göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen +Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er +als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen +geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der +unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines +bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni, +des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den +König Hrolf Kraki.</p> + +<p>So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als +den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden, +so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei +Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König +Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen +Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der +in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst +ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere +reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel +mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung, +als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer +Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und +auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche, +aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses, +teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen, +berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding +auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt +ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen +Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die +Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und +Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz +in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen +verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache +und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald +hilfreich, <span class="pagenum" id="Page_359">[S. 359]</span>bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er +dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald +mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet, +wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung +die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt +von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren +zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft +die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe +Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar +begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust +am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu +jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern +selbst Untergang droht.</p> + +<p>So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10. +Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und +Menschen.</p> + +<h4 id="V_Heimdall"><b>V. Heimdall.</b></h4> + +<p>Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist, +klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch +nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher +die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten +über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren +sind nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält +schon schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit +annähernder Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf +ihren Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall +war ein Gedicht vorhanden, der <i>Heimdallargaldr</i>, auf welches +Snorri zweimal (SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason +erwähnt Heimdall in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem +begegnet Heimdall in den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im +9. und 10. Jahrhundert jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der +norwegisch-isländischen Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend +sonst ist eine Spur von ihm nachweisbar.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_360">[S. 360]</span></p> + +<p>Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“⁠<a id="FNanchor_427_427" href="#Footnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a> oder „der +Hellglänzende“⁠<a id="FNanchor_428_428" href="#Footnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst +auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall +die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6, +14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt +herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht +bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und +zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll +eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des +Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil +der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit +dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge +in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten +Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter +dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in +den Himmelsbergen, den Wolken wohne.⁠<a id="FNanchor_429_429" href="#Footnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a></p> + +<p>Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen +Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit +goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.⁠<a id="FNanchor_430_430" href="#Footnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a> <span class="pagenum" id="Page_361">[S. 361]</span>Snorri +entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm:</p> + +<p>Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross +und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern +waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne +sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke +Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der +Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen +die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und +sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann +auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen +wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt +das Horn, welches <i>Gjallarhorn</i> heisst, und seinen Ton kann man in +allen Welten hören.⁠<a id="FNanchor_431_431" href="#Footnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a></p> + +<p>Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird +Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem +Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri +(Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels +am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“, +den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel +hineinragen.⁠<a id="FNanchor_432_432" href="#Footnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen +und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift +man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter +eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die +Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden +ist, mit Horneston zum Kampfe ruft.</p> + +<p>Über sein Wächteramt, das ihn zum ständigen Ausharren in allen Unbilden +des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos +auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen +als Wächter der Götter.⁠<a id="FNanchor_433_433" href="#Footnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein +Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. <span class="pagenum" id="Page_362">[S. 362]</span>Der gellende Ton des Gjallarhornes +verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche +erzittert und der alte Baum rauscht.⁠<a id="FNanchor_434_434" href="#Footnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a></p> + +<p>Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt, +worin der Gott sagt:.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mädchen neun waren Mütter mir,</div> + <div class="verse indent0">Ich lag neun Schwestern im Schooss.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit:</p> + + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">36   Einer wurde       in der Urzeit geboren,</div> + <div class="verse indent7">Strotzend von Kraft    aus dem Stamm der Götter;</div> + <div class="verse indent7">Es gebaren den Sprossen, den speerberühmten⁠<a id="FNanchor_435_435" href="#Footnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a></div> + <div class="verse indent7">Neun Riesentöchter    am Rand der Erde.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">38   Gjalp gebar ihn,       Greip gebar ihn,</div> + <div class="verse indent7">Es gebar ihn Eistla     und Eyrgjafa,</div> + <div class="verse indent7">Es gebar ihn Ulfrun       und Angeyja,</div> + <div class="verse indent7">Imd und Atla      und Jarnsaxa.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">[39 ⁠<a id="FNanchor_436_436" href="#Footnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a>  Die Erdkraft wars,     die den Edlen ernährte,</div> + <div class="verse indent7">Eiskaltes Meer      und des Ebers Blut.]</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">[40 ⁠<a id="FNanchor_437_437" href="#Footnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a>  Es ward einer geboren,  besser als alle,</div> + <div class="verse indent7">Die Erdkraft wars,      die den Edlen ernährte;</div> + <div class="verse indent7">Als Herrscher, sagt man, sei der hehrste er,</div> + <div class="verse indent7">Der allen Geschlechtern  vereint durch Verwandtschaft.]</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften +der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip +die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die +Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die +Dunstige, Atla die Furchtbare, <span class="pagenum" id="Page_363">[S. 363]</span>Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte +(die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun +Töchter zugeschrieben.⁠<a id="FNanchor_438_438" href="#Footnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a> Die Neunzahl bezieht sich auf den +Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener +Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun +Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der +Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten +als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen +entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied +eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die +mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen +am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer +Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus +den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen +Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am +Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren.</p> + +<p>Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (<i>heimskastr ása</i>) +genannt.⁠<a id="FNanchor_439_439" href="#Footnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a> Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet +war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis +etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit +seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst +bei den Skalden Feind des Loki (<i>Lokadólg</i>), Sucher des Halsbandes +der Freyja (<i>mensœkir Freyju</i>), Besucher der Wogenklippe und des +Singasteines (<i>tilsœkir Vágaskers ok Signasteins</i>). Dort nämlich +kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei +waren beide in Robbengestalt.⁠<a id="FNanchor_440_440" href="#Footnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> Der Skald Ulf Uggason behandelte +diese Sage in einem längeren <span class="pagenum" id="Page_364">[S. 364]</span>Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten +sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am +Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige +Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder +Perlen bestehende Geschmeide) gewann.⁠<a id="FNanchor_441_441" href="#Footnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a> Die zu Grunde liegende Sage +erschliesst Müllenhoff⁠<a id="FNanchor_442_442" href="#Footnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a> also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh. +durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl +Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe +fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss, +aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des +Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und +brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten +Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt +die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen +erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt +es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der +zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum +Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist +eine wunderliche Schwertsage verflochten.</p> + +<p>Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „<i>hǫfud</i>“, Haupt genannt. +Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen +Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer +Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig +gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls +Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte +durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird +‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes +Tod.“⁠<a id="FNanchor_443_443" href="#Footnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie +setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch +entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu +<span class="pagenum" id="Page_365">[S. 365]</span>sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall +wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem +Begriff „<i>Haupt</i>“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen +Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich +werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild: +ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.⁠<a id="FNanchor_444_444" href="#Footnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a> Wird nach dem verlorenen +Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein: +er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der +alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. +Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf +irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft +nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die +der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall +so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu +lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber +vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage, +aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“ +geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene, +vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es +in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen +fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert +durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt +worden sein.</p> + +<p>Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert +sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten +Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die +Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes +sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie +Heimdall unter dem Namen <i>Rig</i> die Welt durchwanderte, bei drei +Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern, +Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte. +Aus dem Adel erhebt <span class="pagenum" id="Page_366">[S. 366]</span>sich der König, in welchem die menschliche +Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds +des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher +ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im +10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und +in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz +zurückgeführt.⁠<a id="FNanchor_445_445" href="#Footnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a></p> + +<p>Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich +wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der +Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem +Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich +dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall +bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten +Gericht.⁠<a id="FNanchor_446_446" href="#Footnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für +sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am +Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische +Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist +sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der +nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt +deutlicher vor uns treten.</p> + +<h4 id="VI_Balder"><b>VI. Balder.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Seine_Art_und_Erscheinung_1"><b>1. Seine Art und Erscheinung.</b></h5> + +<p>Baldr, der Leuchtende⁠<a id="FNanchor_447_447" href="#Footnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> weist schon in seinem Namen auf seinen +Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er <span class="pagenum" id="Page_367">[S. 367]</span>ist ein +kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage +stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo +erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen +eröffnet.⁠<a id="FNanchor_448_448" href="#Footnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr +besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede. +Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der +Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod +werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod +Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs +betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht.</p> + +<p>In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem +Lande herrschen die wenigsten Frevel.⁠<a id="FNanchor_449_449" href="#Footnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> Von dem Beherrscher des +strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute +und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und +alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass +ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die +weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag +man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen +sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und +übt am <span class="pagenum" id="Page_368">[S. 368]</span>liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass +keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der +Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf +nichts Unreines sich finden.⁠<a id="FNanchor_450_450" href="#Footnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Die_norwegisch-islandische_Baldrsage_2"><b>2. Die +norwegisch-isländische Baldrsage.</b></h5> + +<p>Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das +Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne +schlanke Mistel (<i>mistel-teinn</i>). Aus diesem Stamme, der dünn +aussah, ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss. +Bald aber wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins +Sohn. Er wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er +Baldrs Feind auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh +in Fensalir (Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer +Herrlichkeit Kunde gibt, da sagt sie:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vol. 62.  Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen,</div> + <div class="verse indent6">  Alles Böse schwindet, denn Baldr erscheint.</div> + <div class="verse indent6">  Hropts Siegesburg   beziehen Hod und Baldr.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen +versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den +wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch, +dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht +aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s +verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28). +Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das +aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt⁠<a id="FNanchor_451_451" href="#Footnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a>, erzählt von +schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und +weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr +steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke +mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller +Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem +Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht <span class="pagenum" id="Page_369">[S. 369]</span>alt Hod zum Holzstoss bringen +und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung.</p> + +<p>In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald +Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen +Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von +Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff, +auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier +(den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle +Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese +Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und +beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht +zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest. +Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni +Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über +den toten Baldr weinten.⁠<a id="FNanchor_452_452" href="#Footnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> In der Wissenswette, welche Odin mit +Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Was sagte Odin ins Ohr dem Sohne,</div> + <div class="verse indent5">Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?⁠<a id="FNanchor_453_453" href="#Footnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der +Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30 +taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss +sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr +und erschlug seines Bruders Mörder.</p> + +<p>In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende +Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso +wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche +Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender +Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lokas. 27 Hätt ich innen    <span class="mleft3">in Ägirs Halle</span></div> + <div class="verse indent16">Einen Sohn von Baldrs Sinn,</div> + <div class="verse indent9">Den Ausgang nicht fandst du von der Asen Kindern,</div> + <div class="verse indent13">Eh du zornig den Zweikampf erprobt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_370">[S. 370]</span></p> + +<p>Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr +verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn +galt.⁠<a id="FNanchor_454_454" href="#Footnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a></p> + +<p>Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den +Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten, +Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und +Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen +die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz +und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm +schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem +that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm +die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und +fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen. +Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht +verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod +bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da +fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da +antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall, +der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu +nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den +Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand +ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki +zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte: +Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki +sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich +werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod +nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr +fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen. +Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer +schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das +veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache +üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin; +gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich +kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch <span class="pagenum" id="Page_371">[S. 371]</span>ihre Huld erwerben +wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld +zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf +Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur +See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes. +Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu +schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim +die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen +dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das +Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es +nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff +beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle +Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die +Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben, +und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid +das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den +Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor +ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam +vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben, +Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni, +Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen. +Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring +Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass +jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit +allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun +Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam, +über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie +sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke; +nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann +ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und +gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen +anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder +auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte +Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte, +wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen, +ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und +tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern <span class="pagenum" id="Page_372">[S. 372]</span>zurückkehren, wenn +aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da +erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken, +Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da +ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die +Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und +alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und +alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle +weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer +Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten +die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mit trocknen Thränen    wird Thokk beweinen,</div> + <div class="verse indent10">Dass Baldr den Brandstoss bestieg;</div> + <div class="verse indent0">Im Leben nicht bracht er  noch als Leiche mir Nutzen:</div> + <div class="verse indent10">Behalte Hel, was sie hat.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte.</p> + +<p>Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet, +wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der +Prosa beweisen.⁠<a id="FNanchor_455_455" href="#Footnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a> Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den +heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit. +Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen +Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit +zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die +Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte, +der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch +Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50) +an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki +beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum +Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist, +hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki +eingreift, verlangt die <span class="pagenum" id="Page_373">[S. 373]</span>Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt +entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar +nichts Bemerkenswertes mehr wissen.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Baldersage_bei_Saxo_3"><b>3. Die Baldersage bei +Saxo.</b></h5> + +<p>Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die +Baldrsage folgendermaassen berichtet:</p> + +<p>Hotherus, ein schwedischer Königssohn, der nach Hiartvarus König von +Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch +Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel +aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke +und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen +Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner +Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim +Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von +unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus, +von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert +umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss +aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf +der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (<i>virgines +silvestres</i>) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie +antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien +sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden +mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem +Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für +Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er sei +ein Halbgott (<i>semideus</i>). Im selben Augenblick verschwand das +Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich +und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr +erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus +erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn +durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben +habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (<i>sacram +corporis firmitatem</i>) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von +einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus +getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (<i>hunc +a Mimingo sylvarum <span class="pagenum" id="Page_374">[S. 374]</span>satyro possideri</i>). Diesem sei auch ein Armring +(<i>armilla</i>) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum +des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den +Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche +stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen +Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt, +solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings +Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom +Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne +werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag +und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings +Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder +und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert. +Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus +mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig +Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den +erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um +Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit +Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies +den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden +Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten +nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen, +die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen +Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite +kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit +einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten +Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (<i>clava</i>), der nichts +widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht +Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar +gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter. +Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen +erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht +gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss +gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt. +Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres +Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag +erfahren, indem er von <span class="pagenum" id="Page_375">[S. 375]</span>Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh. +Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den +Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die +Erinnerung an diese Quelle im Namen <i>Baldersbrönd</i> (Baldersbrunn +bei Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im +Schlafe, wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen +konnte, sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach +dem Tode des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch +seines Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen, +war er nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach +Seeland und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus +Schweden kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste. +Er gelangte nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen +Namen. Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein +nach Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte, +er sei des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt +habe, von Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab +sich auf unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte +Hotherus vom Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie +jetzt kamen, klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit +des sich verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald +durchschweifte, kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen +wohnten, welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf +ihre Frage, warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück +im Kriege. Er verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über +sein Unglück; ihm sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen. +Aber die Nymphen erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch +dem Feind dieselben Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der +Sieg zufallen, wenn er zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft +vermehre, geniesse. Da fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus +fortzusetzen. Balderus sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde +beiderseits gestritten, bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus, +der aus Erregung nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache +heimlich auf Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er +drei Jungfrauen (<i>nymphas</i>) mit der geheimnissvollen Speise +Balders herauskommen. Er folgte im Thau ihren Spuren und erreichte +ihr Haus. Auf ihre Fragen gab er <span class="pagenum" id="Page_376">[S. 376]</span>sich für einen Harfenspieler aus +und spielte ihnen eine liebliche Melodie vor. Die Jungfrauen hatten +drei Schlangen, aus deren Gift sie die stärkende Speise zu bereiten +pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte Gift in die Speise. Zwei von den +Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit von der Speise gegeben, wenn +nicht die älteste eingewendet hätte, es sei Verrat an Balderus, seines +Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete, Hotherus zu sein, und sagte, er +sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei Mädchen schenkten ihm nun einen +glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als Hotherus auf demselben Pfade +zurückkehrte, begegnete er dem Balderus, dessen Seite er durchbohrte, +so dass er halbtot zur Erde fiel. Als die That bekannt wurde, erscholl +lauter Jubel im Lager des Hotherus, während die Dänen Balders Geschick +betrauerten. Da er seinen Tod herannahen fühlte, erneuerte er am andern +Tage die Schlacht und liess sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht +im Zelte eines unrühmlichen Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus +die Hel (<i>eidem Proserpina, per quietem astare aspecta</i>), die ihm +verkündigte, er werde am folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum +ging in Erfüllung, nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er +wurde in einem Hügel beigesetzt.</p> + +<p>Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den +Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous, +den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem +hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher +Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges +nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der +Schlacht getragen wurde und tags darauf starb.</p> + +<p>Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen +werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte +Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo +feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs +hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein, +ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen. +Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei +ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein +Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte +ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese +wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche <span class="pagenum" id="Page_377">[S. 377]</span>Nebenbuhler, +beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna +begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen, +gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der +Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen +geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem +Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich +nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff +gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen). +In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter +die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung +der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z. B. der +Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und +seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft +Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u. dgl.</p> + +<p>In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik⁠<a id="FNanchor_456_456" href="#Footnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a> +den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine +Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen +Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die +dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig +Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über +die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die +norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt, +welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die +Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der +Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen +mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der +Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet. +Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen +wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein +Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für +Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_378">[S. 378]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Vergleichung_der_beiden_Baldrsagen_4"><b>4. Vergleichung der +beiden Baldrsagen.</b></h5> + +<p>Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen +Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung +Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische +Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder +kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne⁠<a id="FNanchor_457_457" href="#Footnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a> +ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern +Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und +wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz neu +ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern, daher +musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem späten +nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild hat, ist sehr +wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen Sage Züge von +Christus annahm.⁠<a id="FNanchor_458_458" href="#Footnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a> Die Verschmelzung des lichten weissen Baldr mit +dem weissen Christus (an. <i>hvíta-kristr</i>) wurde bewirkt infolge +von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom „<i>bealdor</i>“, +wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn vernahmen. Damit +ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki und Baldr, Lucifer +und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich im eigentlichen Sinn +als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt genommen, wurde nun +bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum Gott der Reinheit +und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum thatenlosen, +sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die kräftigen +Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug Lokis, wie +Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er Christi Seite +durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie Lucifer in der +Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder loskommt. Mit +Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm merklich an +Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere Bewandtniss +hat es aber <span class="pagenum" id="Page_379">[S. 379]</span>mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht vereidigt +hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit Ausnahme +eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch gehenkt +wurde. <i>Mistelteinn</i> begegnet in nordischer Sage mehrfach als +Schwertname.⁠<a id="FNanchor_459_459" href="#Footnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes +Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die +ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name +des Schwertes <i>Mistelteinn</i>? In diesem Falle würde sich manches +Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn, +buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen +Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm +zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des +weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen +Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische +Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als +umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage +ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da +letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos +Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet +keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen +noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr +ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo +dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen, +ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus +andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau +nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung +mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde +des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite +steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch +annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem +Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet, +absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen, +dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand, +dass <span class="pagenum" id="Page_380">[S. 380]</span>sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug +auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib +und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann +hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus +gegeben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter +Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter⁠<a id="FNanchor_460_460" href="#Footnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a> +eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich +ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d. h. der Wane), +zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit +gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen +Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli +in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der +Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die +Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht +weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus.</p> + +<h5 class="s4" id="Ursprung_der_Baldrsage_5"><b>5. Ursprung der +Baldrsage.</b></h5> + +<p>Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die +beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu +Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich +neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott +von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist +ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind +verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung; +Bugge⁠<a id="FNanchor_461_461" href="#Footnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der +mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und +Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen, +jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen +Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen +nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein +Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken +als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. <span class="pagenum" id="Page_381">[S. 381]</span>Kauffmann⁠<a id="FNanchor_462_462" href="#Footnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a> hält +eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch +seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter, +sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet +ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod, +Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die +Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags. +oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen +altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das +Hauptwort <i>balder</i>, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben +wurde. Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des +9. und 10. Jahrhunderts zuzuweisen.</p> + +<h5 class="s4" id="Baldrdienst_6"><b>6. Baldrdienst.</b></h5> + +<p>Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den +alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig +zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14. +Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft +Sogn, der „im Baldrshag“ (<i>i Baldrshagi</i>) hiess. Dort war +ein befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung +ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am +meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden +anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei +Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und +mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden +und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.⁠<a id="FNanchor_463_463" href="#Footnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> In allen nordischen +Ländern ist Baldrs Braue (<i>brá</i>) als Blumenname gebräuchlich für +Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon +Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich +licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte. +Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war, +so konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm +genannt werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her <i>Baldrs +bål</i>, Baldrs Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs +Scheiterhaufen etwas <span class="pagenum" id="Page_382">[S. 382]</span>zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf +dem 13. Gesang von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht +aus alter Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung⁠<a id="FNanchor_464_464" href="#Footnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a>, am 2. Mai, am +„Pfultage“ seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat +keine feste Gewähr.</p> + +<h5 class="s4" id="Baldr_ausserhalb_des_Nordens_7"><b>7. Baldr ausserhalb des +Nordens.</b></h5> + +<p>Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens +bekannt war. Im Ags. kommt <i>bealdor</i> nicht als Eigenname, nur +als Hauptwort vor. Wenn aber <i>Bældæg</i>, Wodans Sohn, welchen +die Stammtafeln von Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr +gleichzustellen ist, wie schon Snorri⁠<a id="FNanchor_465_465" href="#Footnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a> vermutete, dann dürfte +allerdings der Lichtgott auch den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei +den Hochdeutschen ist der Personenname <i>Paltar</i>⁠<a id="FNanchor_466_466" href="#Footnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a> gebräuchlich, +der allerdings ebenso aus dem Appellativum wie aus dem Götternamen +geflossen sein kann; denn auch Wotan kommt als Mannsname vor. Wie +das Wort im Merseburger Zauberspruch aufzufassen sei, darüber gehen +die Anschauungen weit auseinander, wie überhaupt über die Anzahl und +Bedeutung der im Segen genannten Gottheiten keinerlei Gewissheit +herrscht. Das Lied erzählt: Phol und Wodan ritten zu Walde, da wurde +dem Fohlen Balders (<i>demo balderes volon</i>) der Fuss ausgerenkt. +Sogleich erwiesen die Himmlischen die grösste Sorgfalt, ihn wieder +einzurichten. Doch weder Sinthgund noch Sunna, Frija noch Fulla +vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige selbst konnte den Fuss +beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich darauf hin, Wodans +Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich gegenüber seinem +Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms <span class="pagenum" id="Page_383">[S. 383]</span>Annahme stellt Phol und +Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit zwei verschiedenen +Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem Gange aufgehaltene +Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn sich als Lichtgott +oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und Zurückbleiben grosses +Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die oben vorgetragene +Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an die Stelle des Tiuȥ +aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott abgezweigte Gestalt +angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter anderm Namen ist, +dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung. Eine Sage mag vielleicht +einst von Balders Ritt auf dem strahlenden Sonnenrosse erzählt haben, +wie es strauchelte und lahmte, aber vom Gott geheilt wurde. Dass der +Tag heranreitet, spricht der Volksglaube aus (Myth. 699), dass dem +lichten Reiter von den Mächten der Finsterniss nachgestellt wird, +dass ihm Unfall und Untergang droht, ist begreiflich. Doch erhebt +er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden Ritter gesellt sich +Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen. Um Wodans Macht zu +zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben. Dadurch erscheint +er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über den älteren Gott +ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen Nachklang vom Gott +Balder, den der thüringische Merseburger Segen schildert, anerkennen +will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und Baldr behaupten, +dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war, dass Balder +als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische Baldrsage +wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen. Ist aber +„<i>balder</i>“ nur Hauptwort, so bedeutet „<i>demo balderes volon</i>“ +dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss. +Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder +wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt +werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.⁠<a id="FNanchor_467_467" href="#Footnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_384">[S. 384]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Phol_8"><b>8. Phol.</b></h5> + +<p>Wer aber ist <em class="gesperrt">Phol</em>?⁠<a id="FNanchor_468_468" href="#Footnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a> J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst +zu begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau +bei Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der +Altmühl in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen, +eingehegte Feldstücke (<i>piunt</i>), Brunnen (vgl. das dänische +Baldersbrönd bei Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol +aber sei nur ein anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen +hauptsächlich in Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen +Kultur am nächsten lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen +hinein, während sie in Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient +aber der ags. „<i>Polesléah</i>“, Hain des Pol, da er dem Sinne und +der Bildungsweise nach genau übereinstimmt mit „<i>Balderes lêg</i>“, +Hain des Balder. In England gab es also heilige Haine, die dem +Balder-Pol geweiht waren.⁠<a id="FNanchor_469_469" href="#Footnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> Sollte Phol, Pol eine Verderbniss aus +Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie <i>Mercur-Wodan</i>, +<i>Hercules-Donar</i>, <i>Hercules-Magusanus</i>, <i>Mars-Thingsus</i> +eine römisch-deutsche Formel <i>Apollo-Balder</i> und wurde das +Fremdwort im Volksmunde zu Pol, <span class="pagenum" id="Page_385">[S. 385]</span>nach der hds. Verschiebung zu +Phol. Allerdings sind Apollo und Balder wesensgleich und können +daher einander gegenüber gestellt worden sein. Aber diese Deutung +unterliegt auch mehrfachen Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch +andere Erklärungen zu, man kann an den Pfahl- oder Pohlgraben, die +Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet sich dar, besonders wenn man +die Formen <i>Pfoalsowa</i> und <i>Phůlsouua</i> in Betracht zieht. +Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den Ortsnamen ist nicht +sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen, was der Stab <i>Vol: +vuoren</i> nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man kann einen +Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. <i>Volla</i> an. <i>Fulla</i>, +griech. <i>Plutos</i>) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende +und sichere Lösung ist noch nicht geglückt.</p> + +<h5 class="s4" id="Angebliche_Baldrsagen_9"><b>9. Angebliche Baldrsagen.</b></h5> + +<p>Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen +Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche +Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren. +Besonders eine Schweizersage⁠<a id="FNanchor_470_470" href="#Footnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a> wird angezogen, deren wesentlicher +Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen +zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und +verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang +den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den +noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um +bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei +Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen. +Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so +grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung +Abstand nehmen wird.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vom hl. Gangolf wird erzählt, wie er eine Quelle versetzt oder neu aus +dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib +buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker +wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu +ermorden. Er trifft ihn in die <span class="pagenum" id="Page_386">[S. 386]</span>Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen +Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal +ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen. +Damit vergleicht Laistner⁠<a id="FNanchor_471_471" href="#Footnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a> die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs +Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner +wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden +von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn +in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht +zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit +zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und +durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche +einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die +Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und +Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer +Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder +gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König +Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in +Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die +von ihm herrührten.</p> + +<h4 id="VII_Forseti"><b>VII. Forseti.</b></h4> + +<p>Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der +Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der +Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen, +gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter +und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf +goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti +die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die +richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf +er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine +Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine +Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet <span class="pagenum" id="Page_387">[S. 387]</span>nichts +auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen +Namen.⁠<a id="FNanchor_472_472" href="#Footnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Helgoland hiess in der Heidenzeit <i>Fositesland</i>. Die Insel war +einem Gott, dessen Name verschieden als <i>Fosite</i>, <i>Fosete</i>, +<i>Foseti</i>⁠<a id="FNanchor_473_473" href="#Footnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a> überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich, +und solche Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden, +die dort weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute. +Aus einer dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft +werden. Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen, +glaubte das Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes +sterben. Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter, +ob sie den Tod der Christen verlangten oder nicht.⁠<a id="FNanchor_474_474" href="#Footnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a> Es handelt sich +also um ein grosses <span class="pagenum" id="Page_388">[S. 388]</span>Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist +das Land. Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden +Herden. Wir erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des +Gottesdienstes auf heiliger Aue.</p> + +<p>Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem +nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann +fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf +man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig +bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im +Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu. +Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste +Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit, +etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes, +unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die +nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig +Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch +entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und +Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann. +Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art +veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil +seines Wesens. Auch Baldr fällt <span class="pagenum" id="Page_389">[S. 389]</span>Urteilsprüche und versteht schön zu +reden, worin er sich mit Forseti berührt.</p> + +<p>Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet +werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen +Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn +zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine +erwiesene Thatsache.</p> + +<p>Nach der Sage werden die 12 <i>Asegen</i> (Gesetzsprecher) als +„<i>Foerspreken</i>“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7 +friesischen Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht +sei. Sie erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können. +Zwei Tage lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären +sie es ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht +verkündeten, was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod +verwirkt. Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie +eigene, unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff +ohne Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das +letzte und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie +einer von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott +um Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen +Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen +einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie +zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte, +ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse +(oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die +Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle +Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande +nahm, nannte man <i>Eeswey</i>, die Stätte, wo sie sich niederliessen, +<i>Axenthove</i>. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens +sei, und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor +König Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl +bestätigte, was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische +Recht.⁠<a id="FNanchor_475_475" href="#Footnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a> Dass mit diesem dreizehnten Asegen der <i>és</i>, <span class="pagenum" id="Page_390">[S. 390]</span>der +Hauptgott der Friesen gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit +Fosete eins sein. Aber sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt +darunter verstanden werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber +unklar bliebe, wie der ês mit einer Streitaxt steuern konnte.</p> + +<h4 id="VIII_Ullr"><b>VIII. Ullr.</b></h4> + +<p>Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den +ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der +Majestätische⁠<a id="FNanchor_476_476" href="#Footnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten +erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in +den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu +Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint +ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche +erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder +wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen +Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_391">[S. 391]</span></p> + +<p>Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen +und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm +wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge +eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen +anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die +hohe Halle erbaut.⁠<a id="FNanchor_477_477" href="#Footnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a> Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt, +weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den +trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise, +als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und +Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die +Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen +Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den +winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen +und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher, +kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott, +Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung. +Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben +wird⁠<a id="FNanchor_478_478" href="#Footnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a>, so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein, +wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos +Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers +Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge +zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d. h. auf Schlittschuhen, +die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee +läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers +Wasser setzt.</p> + +<p>Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres +bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest +wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden. +Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin +dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller +Götter. Darin ist jedenfalls ein <span class="pagenum" id="Page_392">[S. 392]</span>feierlicher Heilswunsch enthalten. +Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche +Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem +sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft, +Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden +mit Ulls Namen gebildet⁠<a id="FNanchor_479_479" href="#Footnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a>, woraus ein umfangreicher und häufiger +Dienst des Gottes erschlossen werden darf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die +Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur +zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur +aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch +mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes, +sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit +gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um +dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen. +Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter +gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden +Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein +niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon +die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt. +Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige +Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und +durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe. +Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene +Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer +grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus +Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben, +im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen, +von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in +Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit +kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe +über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die +Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner +Würde, <span class="pagenum" id="Page_393">[S. 393]</span>gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker +ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort +des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht +gehorchte.⁠<a id="FNanchor_480_480" href="#Footnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a></p> + +<p>Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und +We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es +wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung +daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in +solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin +hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr, +der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht, +im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe +Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird. +Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so +verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird, +er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten +befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der +Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein +erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den +höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen +als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber +je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch +die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und +ausschliesslich nordisch.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft +zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als +Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen +erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer +Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die +Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes +durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und +Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des +finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche +Grundlage <span class="pagenum" id="Page_394">[S. 394]</span>kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die +alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich +machen, beruhen.⁠<a id="FNanchor_481_481" href="#Footnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a></p> + +<h4 id="IX_Widar"><b>IX. Widar.</b></h4> + +<p>Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh +und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter +grosses Vertrauen auf ihn.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Unterholz   <span class="mleft5">und üppiges Gras</span></div> + <div class="verse indent10">Füllt Widi, Widars Land;</div> + <div class="verse indent0">Dort springt der Recke  vom Rücken des Rosses.</div> + <div class="verse indent10">Den Vater zu rächen bereit.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Widar kommt dann,       Walvaters Sohn,</div> + <div class="verse indent0">Der gewaltige Held,       mit dem Wolf zu kämpfen:</div> + <div class="verse indent0">Die Klinge stösst er       dem Kinde des Riesen</div> + <div class="verse indent0">Durch den Rachen ins Herz  und rächt den Vater.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des +Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse +dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem +das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken, +welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen +schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe +zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun +Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und +dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes +erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs, +im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner +Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen +Stärkegürtel und mit ihren <span class="pagenum" id="Page_395">[S. 395]</span>Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter +Widars des Schweigsamen.⁠<a id="FNanchor_482_482" href="#Footnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a> Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins +Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden +wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.⁠<a id="FNanchor_483_483" href="#Footnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a></p> + +<p>Widar ist der Krieger aus dem Waldland⁠<a id="FNanchor_484_484" href="#Footnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a>, aus der mit Buschwerk und +hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat, +von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an +ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird +verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der +einen dicken oder eisernen, d. h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich +in Schweigen hüllt“ (Roediger).</p> + +<h4 id="X_Wali"><b>X. Wali.</b></h4> + +<p>Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in +Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der +allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum +heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen +bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in +den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe +er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll +die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern +zuerst erfüllt <span class="pagenum" id="Page_396">[S. 396]</span>werden muss, als die höchste und unaufschiebbare +Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden, +die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und +gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet +die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht +zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt. +Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide +denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste +und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand +in den Sälen der Götter.⁠<a id="FNanchor_485_485" href="#Footnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die +Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr +von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen, +steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit +wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können. +Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter +sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann +auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt, +verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar +und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der +Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt +führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi +und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und +Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter +aufkamen, ist <span class="pagenum" id="Page_397">[S. 397]</span>wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile, +Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen, +gewann kein sicheres Ergebniss.</p> + +<h4 id="XI_Hoenir"><b>XI. Hönir.</b></h4> + +<p>Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung +der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil +auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er +erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende +im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person, +welche andern das Handeln überlässt.⁠<a id="FNanchor_486_486" href="#Footnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> Hönir gehört zur wandernden +Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen dem +ersten Menschenpaar Hauch (<i>ǫnd</i>), Seele (<i>óþ</i>), Gebärde, +Wärme, blühende Farbe (<i>la̍</i>, <i>læte</i>, <i>lito góþa</i>). +Hönir verleiht die Seele, den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist +Hönir auf der Fahrt, wie sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun +zusammentreffen und wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen +ottergestaltigen Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht +auf eine ältere verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum +Odin, Hönir und Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen +Sohn an einen Riesen und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem +vielkundigen Unhold zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin, +Hönir, Loki nach einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen +Acker heranwachsen und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker +eine Ähre, mitten in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese, +das schneidende Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da +schlüpft ihm das Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den +Bauersleuten den Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne +über den Sund fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken +des einen eine Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und +ihm den Hals abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte +Helfer verwandelt den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders; +<span class="pagenum" id="Page_398">[S. 398]</span>denselben Fisch erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im +Rogen. Das rechte entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos +über den Sand hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in +einen zu diesem Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn +tot. So ist der Bauernsohn gerettet.⁠<a id="FNanchor_487_487" href="#Footnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a> Will man einen tieferen +Sinn aus dem Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er +in dem dreifach verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten +schöpferischen Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter +beschirmen. Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern, +Ackerbau, Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern +unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche +Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt. +Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft +gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des +färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus +dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen +schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines +einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen.</p> + +<p>Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte, +erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss +zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und +Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling. +Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen +den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die +Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich +zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei +Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war, +und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer +auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie +beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir, +enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So +berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön +<span class="pagenum" id="Page_399">[S. 399]</span>und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er +braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen.</p> + +<p>Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf +seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf +in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“, +„Lehmkönig“ (<i>aurkonungr</i>, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in +der Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind +für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen, +vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder. +Er wird „den Looszweig kiesen“⁠<a id="FNanchor_488_488" href="#Footnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a>, d. h. ihm wird wieder sein altes +Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch +damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs +Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet.</p> + +<p>Viele Erklärungsversuche sind umsonst an dem rätselhaften Gott gemacht +worden.⁠<a id="FNanchor_489_489" href="#Footnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes +der Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den +Namen auf ein verlorenes Zeitwort *<i>hanan</i> *<i>hôn</i> (mit +<i>canere</i> verwandt) zurückführen. Der Name bedeute einen Schall +und das hänge mit seiner Gabe an die ersten Menschen, <i>óþr</i>, +Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf Uhlands Etymologie greifen auch +Detter und Heinzel⁠<a id="FNanchor_490_490" href="#Footnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a> wieder zurück, Hönir wird zu einem Zeitwort +<i>hæna</i>, canere, gestellt. Hönir bedeutet Sänger, es ist ein +ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi gleichen sich in manchen +Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen Wassergott. Dazu könnte +auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch in anderem Sinne dienen: +Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat. <i>canorus</i> gebraucht +wird. <span class="pagenum" id="Page_400">[S. 400]</span>Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem *<i>hohnijaȥ</i> ab; +<i>Tiuȥ hohnijaȥ</i> sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der schwangleiche +Himmelsgott. Kauffmann denkt an <i>hóđ</i> (ahd. <i>huota</i>) und +findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott +der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen. +Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu +kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte +des Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne +im blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein +Hohlkopf. Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben, +den Regen. Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den +wechselnden Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied +gibt Gott dem Menschen „<i>von den wolchen daȥ muot</i>“, wie Hönir +den Menschen beseelt. So lässt sich immerhin manches für Hönir als +Wolkenwesen sagen, mehr als für die übrigen Erklärungsversuche. Der +Name soll aus *<i>hauhnijaȥ</i> (zu *<i>hauhni</i>, dän. <i>höine</i> +die Höhe) stammen und bedeuten: der in der Höhe lebt. Etymologische +Namenerklärungen, welche zum Verständniss des mit dem Namen behafteten +Wesens dienen sollen, haben immer besondere Schwierigkeiten, zumal wenn +die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel Erklärer soviel Erklärungen! +Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach wie vor. Da er bei der +Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen Welt wiederkehrt, liegt +offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d. h. Hönir ist wol aus der +Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch einmal auf diese Art +befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H. Meyers Versuch, Hönir +aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss.</p> + +<h4 id="XII_Bragi_der_Dichtergott" title="XII. Bragi der Dichtergott"><b>XII. Bragi der +Dichtergott.</b>⁠<a id="FNanchor_491_491" href="#Footnote_491_491" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[491]</span></a></h4> + +<p>Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen. +Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit +und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst +erfahren und daher wird auch diese nach ihm <i>bragr</i> genannt, +wie auch Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische +Begabung hervorthun, den Namen <span class="pagenum" id="Page_401">[S. 401]</span><i>bragarmenn</i> führen. Die Gemahlin +Bragis heisst Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266 +an: Gemahl der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase, +Odins Sohn. Als der Langbärtige (<i>síđskeggja</i>) erinnert Bragi +an den Gott der Dichter, an Odin, der ebenso <i>Síđskeggr</i> und +<i>Langbarđr</i>, Tief- und Langbart heisst.</p> + +<p>Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser +der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im +Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über +die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als +kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli +zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod +und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm +feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du +haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier +innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda +eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage +und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir +zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz +neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen. +Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern +zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage +dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso +ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der +Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden +bester⁠<a id="FNanchor_492_492" href="#Footnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a>, +Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.⁠<a id="FNanchor_493_493" href="#Footnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a></p> + +<p>Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme +heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in +Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte +beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl +verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und +bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem +Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern +und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert +und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den +Asen Missgunst <span class="pagenum" id="Page_402">[S. 402]</span>(wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber +Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch +bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim +Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn ich draussen wär’  und drinnen nicht</div> + <div class="verse indent9">Bei Ägir sässe im Saal,</div> + <div class="verse indent0">Dein Haupt trüg ich     in der Hand gar bald:</div> + <div class="verse indent9">Das wär für die Lüge der Lohn.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Loki erwidert:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im Sessel bist kühn du,  doch säumig zur That,</div> + <div class="verse indent8">Bragi, du Zierde der Bank!</div> + <div class="verse indent0">Zum Zweikampf geh’,   wenn zornig du bist,</div> + <div class="verse indent8">Der Dreiste bedenkt sich nicht lang.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst +wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in +Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor, +dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi +Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch +eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte, +und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks. +Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und +verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten +sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem +Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und +Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder +und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die +Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge +dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht +die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.⁠<a id="FNanchor_494_494" href="#Footnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a></p> + +<p>Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er +sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen +verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass +die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher +und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der +Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie +<span class="pagenum" id="Page_403">[S. 403]</span>Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und +3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte, +die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.⁠<a id="FNanchor_495_495" href="#Footnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> Soll damit die Geburt +Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche +den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met +hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den +köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt. +Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus, +weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt.</p> + +<p>Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der, +obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt +um und nach 800 zu betrachten ist.⁠<a id="FNanchor_496_496" href="#Footnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> Bragi Boddason, geschichtlich +beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an +der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden. +Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte +seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und +im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei +Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur +Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei +Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine +als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer +noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in +später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den <span class="pagenum" id="Page_404">[S. 404]</span>Skalden aufkam, wird +ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund +der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche +Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung. +Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste. +Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in +der Mehrzahl <i>bragnar</i>, die Fürsten, Helden und in der starken +Form <i>bragr</i>.⁠<a id="FNanchor_497_497" href="#Footnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern +wie unter Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist <i>ásabragr</i>) +heissen. In der altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der +Dichterfürst. Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete +Bezeichnung des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst +werden. Mogk glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und +nach und nach als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus +Tiuȥ, sich entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem +Namen, der Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit +angehörig gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht, +dass Bragi bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard +erhobene Bragi der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für +sich. Bragi erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod. +Sind nun diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem +Erdenlauf zu Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf +seine Weise, ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die +Einherjer, der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch +den Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält. +Was überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich +als diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung +auch in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden +den ersten <span class="pagenum" id="Page_405">[S. 405]</span>und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist +wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel +vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter +Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber +unvermählt.</p> + +<h4 id="XIII_Requalivahanus"><b>XIII. Requalivahanus.</b></h4> + +<p class="center mbot1"><i>Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro +se et suis v. s. l. m.</i></p> + +<p>Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883 +in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.⁠<a id="FNanchor_498_498" href="#Footnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a> Der Name +des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung +und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu +erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und +geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit, +aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen +irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der +germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos +germ. <i>*rekwaȥ</i> (got. <i>riqis</i>; an. <i>røkkr</i>) Finsterniss, +Dunkelheit. Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen +nachzuweisen: <i>Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida, +Riccila</i> u. ä. (vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der +zweite Stamm festzustellen. Die Erklärer gehen schon darin auseinander, +dass sie das Suffix <i>-hanus</i> teils mit der Latinisierung des +germanischen Wortes in Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen +Wortbildung zuweisen, d. h. dass sie entweder auf einen germanischen +Stamm <i>livan-</i> oder <i>livahan-</i> schliessen. Die Wurzel stellen +Holthausen und Kauffmann zu an. <i>lifa</i>, Leben und ähnlichen +Bildungen, und nehmen <i>liƀa</i> „lebend“ wie in den Eigennamen +<i>Heriliva</i>, <i>Gundiliva</i>, die im Heere, im Kriege Lebende, +oder <i>liƀahs</i> „lebensvoll“, „lebendig“ an. <i>Requalivahanus</i> +ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt. +Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort <i>ubarlibo</i> +„überlebend“. Später dachte Holthausen an <i>*liwa</i> im Sinne von +<span class="pagenum" id="Page_406">[S. 406]</span>Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort <i>lîhwan</i>, leihen, übrig +lassen. Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der +die Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss +als Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort +<i>lîwaȥ</i>, <i>lîwahaȥ</i>, farbig, nach irischem <i>lî</i> +die Farbe, gall. <i>Lîvius</i>, <i>Lîvo</i>, lat. <i>livor</i>, +<i>liveo</i>, <i>lividus</i>. Requalivahanus bedeutet wie mhd. +<i>vinstervar</i> den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den +Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das +latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva. In +<i>liwa</i> sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so +ist Requaliva wie <i>Schwarzleo</i> einfach Schwarzbach, Schwarzwasser, +Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder +ein Gewässer im finstern, schattigen Walde.</p> + +<p>Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht +hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist +es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt. +Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die +nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus +und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das +Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott, +so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich +versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto, +der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am +wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus +den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der +Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin, +Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist +für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech. +σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen +Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen, +ist nicht festzustellen.</p> + +<h4 id="XIV_Loki"><b>XIV. Loki.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Lokis_Wesen_und_Namen_1"><b>1. Lokis Wesen und Namen.</b></h5> + +<p>Loki ist der Beschliesser, der Endiger.⁠<a id="FNanchor_499_499" href="#Footnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a> In seinem Namen +offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er +<span class="pagenum" id="Page_407">[S. 407]</span>wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt +endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf +die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt +geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom +Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische +und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum +kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in +der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss +die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang +bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält +insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich +darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen +häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum +musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt +nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus, +sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der +Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der +nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden +im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende +Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so +erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten +Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter +hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung +und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie +<span class="pagenum" id="Page_408">[S. 408]</span>und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden. +Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen +eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der +Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher +einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen +als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin +das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem +Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des +tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie +ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig +jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man +bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt +dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie +ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen +ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt +fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht +verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls +mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die +sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der +Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt, +wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung +fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch +zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki +zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch +wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine +Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel, +zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker +hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige +Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch +das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen +von mancherlei Verschiebungen, z. B. dass schon der göttliche Loki +riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er +ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst.</p> + +<p>Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein +<em class="gesperrt">Dämon des Feuers</em>, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die +persönlich gewordene Lohe⁠<a id="FNanchor_500_500" href="#Footnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> vorkommt, scheint vielleicht <span class="pagenum" id="Page_409">[S. 409]</span>wegen +des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt +(<i>logi-loki</i>: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein, +teilweise auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze +<i>Lóđurr</i> (aind. <i>Vṛtra</i>, der im Verein mit anderen Dämonen +das befruchtende Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre +verursacht). Die Namen von Lokis Eltern, <i>Fárbauti</i>, der +gefährlich Schlagende, d. i. der Sturmwind und <i>Nál</i>, Nadel +am Nadelbaum oder <i>Laufey</i>, Laubinsel machen seine Feuernatur +deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende Lohe aus dem Gehölz, +besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in dichterischem Bild.⁠<a id="FNanchor_501_501" href="#Footnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a></p> + +<p>Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker, +wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen +die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des +Hundssterns (Sirius). <i>Loka daun</i>, Lokis Geruch ist Schwefeldampf, +was aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in +Dänemark von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer +ein dem Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät. +Knistert das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben +Dünste in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen +aus. Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die +einen Zahn verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten: +Loki, gib mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis +Abenteuer hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen +im Volke noch fortlebenden Vorstellungen⁠<a id="FNanchor_502_502" href="#Footnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> erscheint Loki als +Feuer, Hitze und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel +und sind also jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht +umgekehrt.</p> + +<p>Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden <span class="pagenum" id="Page_410">[S. 410]</span>unter anderen +Namen vor. Er heisst <i>Loptr</i>, der Luftige.⁠<a id="FNanchor_503_503" href="#Footnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> Was der Name +besagt, ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des +Luftreiches gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben +der Lohe verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis +angespielt wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber +der Dämonen aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der +durch die Luft Fliegende denken.</p> + +<p>„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra, +dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst +und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in +Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem +Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig +feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird, +dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“ +So sagt Noreen⁠<a id="FNanchor_504_504" href="#Footnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu +stützen, <i>Lóđurr</i> aus älterem <i>Vlóđurr</i> sei mit <i>Vṛtra</i> +gleich. Ganz anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den +Namen Lodur (bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. <i>lóđ</i>, +Ertrag des Bodens und erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit, +einen Beinamen des Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die +vereinigten Asen und Wanen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in +Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder +<i>Býleistr</i> oder <i>Býleiftr</i> und <i>Helblindi</i>. Der letztere +<span class="pagenum" id="Page_411">[S. 411]</span>Name, nur der Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels +nach, der manchmal als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen +und Deutschen sehr viele Benennungen aufweist, welche mit <i>helle</i> +begannen. Býleistr, Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus +Beelzebub entstanden. Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen +die Brüder Lokis nicht.⁠<a id="FNanchor_505_505" href="#Footnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Die_Sagen_von_Loki_2"><b>2. Die Sagen von Loki.</b></h5> + +<p>Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche +den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande +aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist +der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal, +seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von +Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er +brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch +seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und +beider Sohn ist Nari oder Narfi.⁠<a id="FNanchor_506_506" href="#Footnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a></p> + +<p>Loki ist Gott und Teufel in einer Person. In den Urtagen in die +Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön +und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor. +Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher +und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und +Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und +besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen. +In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte +Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst. +Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen +und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber +an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange +er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis +Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum +lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie +auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass +Loki in der Hauptsache <span class="pagenum" id="Page_412">[S. 412]</span>nichts anderes ist, als der in die nordische +Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern +zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin, +Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.⁠<a id="FNanchor_507_507" href="#Footnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> Statt der +Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We +ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns +Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt +er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur +Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht. +In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen +Blutbrüderbund:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gedenkst du, Odin, dass in der Urzeit</div> + <div class="verse indent7">Wir beide das Blut gemischt?</div> + <div class="verse indent0">Nimmer des Biers   zu geniessen schwurst du,</div> + <div class="verse indent7">Man böte denn beiden es dar.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin +verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.⁠<a id="FNanchor_508_508" href="#Footnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a> Aber bald +wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen +den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur +gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger +Falschheit abzuwenden.</p> + +<p>Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem +Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und +fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der +verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der +Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an +sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im +Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest +an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen +gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er +sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren +Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der <span class="pagenum" id="Page_413">[S. 413]</span>That Idun aus +Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare +Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam +der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber +wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in +Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie +auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die +Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler +verbrannte.⁠<a id="FNanchor_509_509" href="#Footnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a></p> + +<p>Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen +ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">25 Da gingen zu Sitze      die Götter alle,</div> + <div class="verse indent2"> Die heiligen Herrscher,   und hielten Rat:</div> + <div class="verse indent2"> Wer die ganze Luft    mit Gift erfüllte</div> + <div class="verse indent2"> Und der Brut der Riesen die Braut des Od gab.</div> + <div class="verse indent0">26 Nur Thor schlug zu,      voll trotzigen Mutes</div> + <div class="verse indent2"> — Selten sitzt er,       wenn er solches vernimmt —</div> + <div class="verse indent2"> Da wankten die Eide,   die Worte und Schwüre,</div> + <div class="verse indent2"> Die festen Verträge,      die man vordem schloss.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus +dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im +Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe +und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur +den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden +diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte, +bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten +Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in +Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die +Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde. +Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn +geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari +ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_414">[S. 414]</span></p> + +<p>Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken +den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand +der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme +dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem +er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu +Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und +Freyja.</p> + +<p>Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den +gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht. +Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl; +auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet +Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im +Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde, +zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel +und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich +auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum +Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8), +wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte, +weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten +hatte, um zum Mark zu kommen.⁠<a id="FNanchor_510_510" href="#Footnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a> Die Sage hat wol tieferen Sinn, +wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig +gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise +schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur +Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden +Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden +Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der +Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos +hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als +seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter +durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten +Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon +gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle +verstossen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_415">[S. 415]</span></p> + +<p>Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des +Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine +ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete +Sage⁠<a id="FNanchor_511_511" href="#Footnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki +alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er +alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin +wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre +Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl +ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass +das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher +wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend +fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu +Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es +war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog +um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch. +Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein +Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles +schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil +sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und +stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig +weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach +von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und +das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den +Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin +aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte, +sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder +zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen, +aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen +der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer +bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf +erhielt sie ihr Halsband zurück.</p> + +<p>Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage +ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der <span class="pagenum" id="Page_416">[S. 416]</span>älteren +Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt +wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband +stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des +Brisinghalsbandes.⁠<a id="FNanchor_512_512" href="#Footnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle +Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage +angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende +Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist, +so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger +das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang +angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins +geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen +Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen, +auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb. +Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art +des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht, +in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.⁠<a id="FNanchor_513_513" href="#Footnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki +einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie +sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn +und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit +Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte +das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den +Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle +auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing, +sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem, +der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft +bewährt.⁠<a id="FNanchor_514_514" href="#Footnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a> In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem +Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu +fördern.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde +gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische <span class="pagenum" id="Page_417">[S. 417]</span>Ase (<i>ǫ́ss +ragr</i>), der Kinder gebar.⁠<a id="FNanchor_515_515" href="#Footnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> Als Riesin Thokk, welche durch +Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki +wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das +Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute +warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa +mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird, +ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind, +Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers +an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer +gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe, +die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme, +die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter +die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki +gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter +durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer +emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller +Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste, +keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein +und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.⁠<a id="FNanchor_516_516" href="#Footnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a> +Sie soll wol nur Lokis Argheit im <span class="pagenum" id="Page_418">[S. 418]</span>schlimmsten Sinne zeigen. Ist er +doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die +Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich +vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird +auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich +erklären.⁠<a id="FNanchor_517_517" href="#Footnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei +Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an +die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen +einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber +zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“, +beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von +Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf +ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte, +zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst +Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges +anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif +werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki +selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und +drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu +Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen +Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem +Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle +über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der +Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen +und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft <span class="pagenum" id="Page_419">[S. 419]</span>er +voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei +dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche +Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der +einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem +Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund +legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in +den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in +dieser merkwürdigen Dichtung vor.⁠<a id="FNanchor_518_518" href="#Footnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar +abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen +und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den +Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle, +der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie +natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis +Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff +Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete +Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder +Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten +an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die +Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir, +Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer +sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen. +So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf +wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki; +aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte +nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg +Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der +Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht +auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer +und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst +Löcher <span class="pagenum" id="Page_420">[S. 420]</span>in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der +Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde, +und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der +Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen, +Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem +Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál +Kap. 3.</p> + +<p>Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt, +ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki +darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied +48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris +immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki +als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die +Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der +Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch +in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen +begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie +überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf +Loki eingewirkt haben.⁠<a id="FNanchor_519_519" href="#Footnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> Die Wette, auf die Loki sich einlässt, +mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein, +wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und +auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt.</p> + +<h5 class="s4" id="Loki_als_Verderber_Baldrs_3"><b>3. Loki als Verderber +Baldrs.</b></h5> + +<p>Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem +Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den +behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold +zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute +Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng. +Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider +Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder +zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er +sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte +<span class="pagenum" id="Page_421">[S. 421]</span>sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im +Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen +seines Sohnes Narfi⁠<a id="FNanchor_520_520" href="#Footnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a> gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf +verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis +Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass +daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale +voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf +Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird +jetzt als Erdbeben bezeichnet.</p> + +<p>Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede +behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug +dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt +wurde⁠<a id="FNanchor_521_521" href="#Footnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a>, so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner +Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während +dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger +Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat +der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis +Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen. +Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie +Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der +Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die +Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna +losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis +Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur +Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind.</p> + +<p>Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr +getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der +Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich +auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er +nach allen Himmelsgegenden <span class="pagenum" id="Page_422">[S. 422]</span>ausschauen könne. Am Tage aber hielt er +sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn, +dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn +und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die +Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki +warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug +war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte, +zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu +der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall, +Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern. +Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn +weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz +so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz +her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine +und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin +er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete +mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass +es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er +abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er +hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum +ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine +Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei +grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis +Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen +zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und +banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest. +Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der +dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen. +Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt +eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn +aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen +Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde +erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht.</p> + +<p>Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35) +Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald⁠<a id="FNanchor_522_522" href="#Footnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a> die +<span class="pagenum" id="Page_423">[S. 423]</span>Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn, +nicht freudig gesinnt.</p> + +<p>Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók +erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande +winden, sehr fest waren die Fesseln.</p> + +<p>Endlich erzählt Saxo⁠<a id="FNanchor_523_523" href="#Footnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a>, wie Thorkillus den furchtbaren in +entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht. +Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit +Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett +ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten +sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres, +scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und +Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an +Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem +Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu +können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist. +Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche +Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine +Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs +Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in +finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt.</p> + +<p>Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung. +Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging, +veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um +eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die +Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́ +geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna +vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt, +verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki +den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der +zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die +<span class="pagenum" id="Page_424">[S. 424]</span>Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.⁠<a id="FNanchor_524_524" href="#Footnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> Loki erschlug +den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu +den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu +vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki +entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen +zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der +Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich +eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch +Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene +Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle +Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage +überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse +ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr +wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so +liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige +Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der +bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste +Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben, +er wurde „<i>Warg</i>“ d. h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen +Waldgänger und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere +Zeit die oft bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern +wörtlich nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er +selbst, wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die +Fesselung dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten +Wolfes Loki wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.⁠<a id="FNanchor_525_525" href="#Footnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a> +Andererseits erinnert der gefesselte Loki⁠<a id="FNanchor_526_526" href="#Footnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a>, dessen Zuckungen +die Erde erbeben machen, <span class="pagenum" id="Page_425">[S. 425]</span>besonders nach Saxos Schilderungen an den +Teufel. Loki wird zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und +gebunden, um erst am Ende dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki +von seinen Banden loskommt, ist mit dem Untergang der Götter und der +Welt gleichbedeutend. So wird der Teufel von Christus in der Hölle +gebunden und liegt in Fesseln. Im Mittelalter war es eine allgemein +angenommene Vorstellung, die oft in Bildern sich aussprach, dass +der Teufel gebunden liegt; erst am jüngsten Tag soll er los kommen. +Daher rührt auch die Redensart: Der Teufel ist los! Die Zeit, da er +loskommt, wird dabei zugleich als diejenige Zeit bezeichnet, in der +alles in Verwirrung ist und die Welt vor dem Untergange steht. Ebenso +gilt das Loskommen des Fenriswolfes für ein Zeichen des bevorstehenden +Weltendes. Zweifellos sind die Teufelssagen die Quelle der Vorstellung +vom gefesselten Loki und Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die +treue Sigyn, welche über Loki die Schale hält, bleibt unerklärt.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Teufelsbrut_4"><b>4. Die Teufelsbrut.</b></h5> + +<p>Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki +abstammen.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Den Wolf zeugte Loki   mit der wilden Angrboda</div> + <div class="verse indent0">Und den Sleipnir gebar er   dem Swadilfari;</div> + <div class="verse indent0">Ein Scheusal schien      das schlimmste von allen,</div> + <div class="verse indent0">Das von Byleipts       Bruder stammte.</div> + <div class="verse indent0">Es frass Loki   <span class="mleft5">ein Frauenherz,</span></div> + <div class="verse indent0">Er fands halbverkohlt    in der heissen Asche,</div> + <div class="verse indent0">Durch das leidige Weib    ward Loptr schwanger:</div> + <div class="verse indent0">Dort stammen alle      die Unholde her.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch +alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist +Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine +Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So +sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim, +mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das +zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte +Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter +erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses <span class="pagenum" id="Page_426">[S. 426]</span>Unheil +bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen +Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten +hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie +sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange +in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange +so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten +im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte +er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie +denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf +zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm +seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich +wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil +bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu +verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und +eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim +beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie +war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte +des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem +Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt +und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See +Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir. +Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und +Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen. +Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und +zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und +legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen +Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten +ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande +nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen +Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm +ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze +fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich, +Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst. +Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter.</p> + +<p>Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins +Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich <span class="pagenum" id="Page_427">[S. 427]</span>alt⁠<a id="FNanchor_527_527" href="#Footnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a>, aber +schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass +die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so +natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange +ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die +Erde legt.⁠<a id="FNanchor_528_528" href="#Footnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a> Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube +mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf +Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben +Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden, +hervorgegangen⁠<a id="FNanchor_529_529" href="#Footnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a>, andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist +der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der +Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt +unter.</p> + +<h5 class="s4" id="Loki_beim_Weltende_5"><b>5. Loki beim Weltende.</b></h5> + +<p>Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung +heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was +er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es segelt von Norden  über die See ein Schiff</div> + <div class="verse indent0">Mit den Leuten der Hel, und Loki steuert;</div> + <div class="verse indent0">Dem Wolfe folgen    die wilden Gesellen,</div> + <div class="verse indent0">Mit ihnen ist Byleipts  Bruder im Zuge.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag +kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich <span class="pagenum" id="Page_428">[S. 428]</span>gegenseitig. Zu +den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die +Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum +Kampfe sich erheben.⁠<a id="FNanchor_530_530" href="#Footnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a></p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Die_Goettinnen">Die Göttinnen.</h3> + +</div> + +<p>Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar, +Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden. +In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die +Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die +Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt; +ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein +Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen +der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste +Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in +deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in +blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben +und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser +einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die +Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich +die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher, +über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche +Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in +höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige +Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen +erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die +Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen +zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem +es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt. +Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft +mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der +Göttinnen uns möglich sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_429">[S. 429]</span></p> + +<h4 id="I_Frija_und_ihr_Kreis"><b>I. Frija und ihr Kreis.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Frija_1"><b>1. Frija.</b></h5> + +<p>Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen, +vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort: +<em class="gesperrt">Frija</em>, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch +des Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.⁠<a id="FNanchor_531_531" href="#Footnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a> Dass Frija <span class="pagenum" id="Page_430">[S. 430]</span>allen +Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen +Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;, +bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag, +<i>dies Veneris</i>, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie +got. <i>frijôn</i>, an. <i>frjá</i> lieben, das altdeutsche Urwort +für mhd. <i>vrîen</i>, nhd. <i>freien</i> erhielten dem Sprachgefühl +den in Frija ruhenden Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus +die interpretatio romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des +Nordens lassen sich jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für +sie aufbringen. Nach der langobardischen Sage weilt <i>Fría</i> +(überliefert ist die Form <i>Frea</i>) mit Wodan als seine Gattin +im Himmel und mischt sich in Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von +Monmouth (Buch 6) berichtet Hengist von den obersten sächsischen +Gottheiten, von Woden und von der mächtigsten Göttin, welcher der +<i>Friday</i> geweiht sei, also von <i>Fríg</i>. Im Merseburger +Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem Gebiet erscheint +<i>Frîja</i> zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter den Göttinnen, +die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des Fohlens wieder +einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die Nachrichten über +Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als Wodans Gemahlin +gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen Quellen, aus denen +mehr zu erfahren ist.</p> + +<h5 class="s4" id="Frigg_2"><b>2. Frigg.</b></h5> + +<p>Frigg⁠<a id="FNanchor_532_532" href="#Footnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst +weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie <span class="pagenum" id="Page_431">[S. 431]</span>keine +Weissagungen ausspricht. Fensalir⁠<a id="FNanchor_533_533" href="#Footnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a>, Meersäle heisst ihr stattlicher +Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich +abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans +Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg +andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum +Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg +sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach: +Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe +Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in +seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er +seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen +seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer +Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und +liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines +Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte +sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch +sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König +Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess +er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu +behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso +mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in +Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst +Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir +einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem +eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt, +dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der +göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von +Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen +ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will +Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, <span class="pagenum" id="Page_432">[S. 432]</span>weil der Riese besondere +Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn +Frigg mit dem Reisesegen:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Reise gesund,       gesund komm wieder!</div> + <div class="verse indent4">Gesund wandre den Weg!</div> + <div class="verse indent0">Nicht fehle dir Weisheit,  Vater der Menschen,</div> + <div class="verse indent4">Wenn mit dem Riesen du reden musst.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater +und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande +zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und +seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig +und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu +gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet +also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt, +rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und +Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht +festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin +wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt +ebenfalls unerklärlich.</p> + +<p class="mtop1">Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.⁠<a id="FNanchor_534_534" href="#Footnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a> Zum Zeichen ihrer Verehrung für +Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen +Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen +geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede +das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken. +Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch +Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen +besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres +<span class="pagenum" id="Page_433">[S. 433]</span>Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch +dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen +Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande +weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung +trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schweige, du Frigg,  Fjorgyns Weib!</div> + <div class="verse indent4">Du, Metze, warst immer männertoll:</div> + <div class="verse indent0">Dem Wili und We   hat Widrirs Gattin</div> + <div class="verse indent4">Ihre Gunst beiden gegönnt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich +zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins +Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter +Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf +von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche +Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte +und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu +einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus +erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige +Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist +und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte +von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes +Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja +verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg +und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte +verschmolz, bleibt eine offene Frage.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben⁠<a id="FNanchor_535_535" href="#Footnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> sich erhalten haben. +Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für +den Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart +„<i>helga Toregud och Frigge</i>“, den Gott Thor und Frigge heilig +halten. Denn merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft +Thors, nicht Odins. Frigg wird zum Spinnen und <span class="pagenum" id="Page_434">[S. 434]</span>zur Frauenarbeit in +Beziehung gebracht. Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel +und kein Spinnrocken berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne +Frigge selber. Am Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein +altes Weib am Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und +Frigge, welche spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden +<i>Friggetenen</i> und <i>Friggerocken</i>, Spindel und Rocken der +Frigge. In einem Segen gegen Pferdekrankheit wird Frygge genannt. +Inwieweit echte und glaubhafte Sage hier vorliegt, lässt sich nicht +entscheiden. <i>Friggjargras</i> heisst im Isländischen eine Pflanze +(gymnadenia odoratissima), welche, unters Kissen gelegt, Liebeslust +erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch Mariengras, Frauenhaar und +fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_aus_Frigg_abgezweigten_Goettinnen_3"><b>3. Die aus Frigg +abgezweigten Göttinnen.</b></h5> + +<p>Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte +Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein, +zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens +begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.⁠<a id="FNanchor_536_536" href="#Footnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a> Sie dürfen +gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen +demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die +einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen, +nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre. +Gleich <span class="pagenum" id="Page_435">[S. 435]</span>hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er <i>Sága</i> auf, +die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich +trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der +Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen +der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in +den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb +vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in +Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen.</p> + +<p><i>Fulla</i> ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und +hat ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt +ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht. +Als Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem +König Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines +Zauberers überbringt. Im Merseburger Spruch ist <i>Volla</i> Frîjas +Schwester. Wenn auch Fulla nur als <i>eskimær</i>, Kammermädchen der +Frigg bezeichnet wird, so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg +fast gleiche Bedeutung daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und +Fulla mit Geschenken, mit einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring +beehrt. Der Name bedeutet Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche +<i>Copia</i>, <i>Abundantia</i> der Römer aufzufassen. In Fulla wird +die Göttin Frija nach ihrer Reichtum und Segen spendenden Thätigkeit +persönlich.</p> + +<p>Zu Liebe und Ehe gehören <i>Sjofn</i> und <i>Lofn</i>. Sjofn ist +eifrig bemüht, die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie +Frauen, daher wird nach ihrem Namen die Liebe <i>sjofni</i> genannt. +Lofn erhört gern die Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und +Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu +bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen +heisst die Erlaubniss <i>lof</i>. Bei den älteren Dichtern finden +sich diese allegorischen Gestalten nicht. Dagegen nennt schon Kormak +die <i>Eir</i>, die Ärztin unter den Asen. Es ist die verkörperte +Pflege, von an. <i>eira</i>, pflegen, schonen. Auch im Liede von +Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen, schützenden, +hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge der Heilmittel +(<i>Lyfjaberg</i>) gedacht ist.</p> + +<p><i>War</i> hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen, +der Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen +<i>várar</i> (Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, <span class="pagenum" id="Page_436">[S. 436]</span>so dass +ihr nichts verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bringt nun den Hammer,  die Braut zu weihen,</div> + <div class="verse indent0">Den Mjolnir legt      in des Mädchens Schooss,</div> + <div class="verse indent0">In Wars Namen        weiht unsern Bund!</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin +der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in +Zusammenhang.</p> + +<p><i>Hlin</i> ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor +irgend einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass +derjenige sich anlehnt (<i>hleinir</i>), der sich in Acht nimmt. In der +Vǫlospǫ́ steht Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein +als hilfreiche Schützerin so zubenannt ist.</p> + +<p><i>Syn</i> hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen, +die nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen +in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu +leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn +jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom +Zeitwort <i>synja</i>, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim +Skald Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson.</p> + +<p><i>Snotra</i> ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen +werden kluge Männer oder Frauen <i>snotr</i> genannt. Wie man sieht, +sucht Snorri die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen +herzuleiten, während natürlich das Umgekehrte der Fall ist.</p> + +<p><i>Gna</i> wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen +Orten entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten +vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein +Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer fliegt dort,   <span class="mleft5">wer fährt dort,</span></div> + <div class="verse indent9">Wer läuft durch die Luft?</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Sie antwortete:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nicht flieg ich,   <span class="mleft5">doch fahr ich,</span></div> + <div class="verse indent10">Durchlaufe die Luft</div> + <div class="verse indent0">Auf dem Rücken Hofwarpnirs, den die rasche Gardrofa</div> + <div class="verse indent10">Vom Hengste Hamskerpir empfing.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_437">[S. 437]</span></p> + +<p>Endlich werden <i>Sol</i> (die Sonne) und <i>Bil</i> (Mondabnahme) +zu den Asinnen gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen +vielleicht <i>Sunna</i>, die Sonne, und <i>Sinthgunt</i>, die den Weg +Erkämpfende. Siegreich über die Finsterniss beschreitet die Sonne ihre +Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin ist, kann der Name auf sie zielen.</p> + +<h5 class="s4" id="Freyja_4"><b>4. Freyja.</b></h5> + +<p><i>Freyja</i>⁠<a id="FNanchor_537_537" href="#Footnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a> ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen, +Sie ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz +im Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, +so empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So +steht im Grimnirliede 14</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Folkwang nenn ich,   Freyja entscheidet,</div> + <div class="verse indent8">Wer die Sitze dort fülle im Saal;</div> + <div class="verse indent0">Von den toten Helden  wählt sie täglich die Hälfte,</div> + <div class="verse indent8">Die andre fällt Odin zu.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle +Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen +will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist +gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns +Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch +über Oddrun:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So mögen dir helfen   die holden Wesen,</div> + <div class="verse indent0">Freyja und Frigg      und noch viele Götter,</div> + <div class="verse indent0">Wie du mich befreitest  aus Fährde und Not.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt +das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das +Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki +mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja +berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst +gebräuchlichen Zauber (<i>seiđr</i>) geübt.</p> + +<p>Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur. +Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen +und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am +meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, <span class="pagenum" id="Page_438">[S. 438]</span>wie sie auch in der +spätisländischen Dichtung, den <i>Skíđarímur</i>, Odins Frau genannt +wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie <i>gyđja</i> zu +<i>gođ</i>, <i>Finna</i> zu <i>Finnr</i>.⁠<a id="FNanchor_538_538" href="#Footnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a> Ihre Art stimmt zu +ihrem späten Ursprung, indem sie als Nachahmung bereits vorhandener +Vorbilder sich erweist. Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie +natürlich auch den Wanen zugehörig, <i>vanabrúđr</i>, <i>vanadís</i>, +<i>vanagođ</i> d. h. Wanengöttin. Im Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie +auf dem goldborstigen Eber Hildiswini, welchen die Zwerge Dain und +Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys Eigentum ausgestattet. +Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg, indem dieselben oder +doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet werden. Dabei lässt +sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein an Frigg haften +und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese übertragen +wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische Spaltung +einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten, vielmehr +um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg. Deshalb +geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen dienen +mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen auch +fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen, +die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die +verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild +vereinigt.</p> + +<p>Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie +in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige +Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den +Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches +Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall, +wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz +hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer +steht, so wird <span class="pagenum" id="Page_439">[S. 439]</span>Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das +Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins +in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir +gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den +Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal +das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der +Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte +Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin +der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die +Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch +vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten +kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier +tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen. +Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am +Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum +aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits +Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch +in einem Schmähvers⁠<a id="FNanchor_539_539" href="#Footnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a> auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will +nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls +ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen +dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti +die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das +Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen, +Freyja steht für Frigg.</p> + +<p>In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu +Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde +alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen. +Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga +vor: dem Odin, Thor und <span class="pagenum" id="Page_440">[S. 440]</span>Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von +Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.⁠<a id="FNanchor_540_540" href="#Footnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist, +spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen +Verhältniss zu Odin.</p> + +<p>König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer +Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige +behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der +Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an +und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute). +Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds +Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar, +für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.⁠<a id="FNanchor_541_541" href="#Footnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> Die Wette, welche +zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter +abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und +Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt +aber vollständig Frigg.</p> + +<p>Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug +des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen, +keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter +Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir +genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen +Vater nicht überleben.⁠<a id="FNanchor_542_542" href="#Footnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin +Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in +Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende +Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich +versammle. Allerdings wird Walfreyja <span class="pagenum" id="Page_441">[S. 441]</span>damit kaum zu vereinigen sein, +beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum +Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.</p> + +<h5 class="s4" id="Freyja_und_Brisingamen_5"><b>5. Freyja und +Brisingamen.</b></h5> + +<p>Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier +Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als +Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes +Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot +sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene +erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das +Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr +beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam +jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen, +den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins +Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von +Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen, +zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen +einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island +niedergeschriebene Sörla Þättr.⁠<a id="FNanchor_543_543" href="#Footnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a> Die Sage ist als Einleitung der +Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung +ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die +Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus +älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14, +18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes <i>Brísingamen</i>⁠<a id="FNanchor_544_544" href="#Footnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a>, Ulfr +Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann. +<i>Brísingar</i> ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen +Eigentümer und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge +<span class="pagenum" id="Page_442">[S. 442]</span>sind oder vertreten die <i>Brísingar</i>. Da nun Freyja ebenfalls von +Anfang an mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr +wol die Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „<i>Brísinga men</i>“ +kam, als einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, +sie habe sich „<i>uni familiarium</i>“ um goldenen Schmuck ergeben, +so wird die nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen +Freyja und Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge +schlafende Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der +Held Swipdag sich gewinnt, den Namen <i>Menglod</i>, die Halsbandfrohe +führt, so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des +Tiuȥ einst geltenden Mythus.</p> + +<p>Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen +Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel +heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen, +trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das +<i>Brísinga men</i>, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin +für ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre +Treue zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des +Schmuckes, der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod +heissen. Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so +häufig, auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt +also zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung +weit auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings +denselben Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus +entstand, so lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als +Wodan-Odin ihn verdrängte.</p> + +<h5 class="s4" id="Freyja_und_die_Riesen_6"><b>5. Freyja und die Riesen.</b></h5> + +<p>Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem +Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten +bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der +Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen +hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur +Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich +fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag +in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und <span class="pagenum" id="Page_443">[S. 443]</span>Wärme der Sonne, die +Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.⁠<a id="FNanchor_545_545" href="#Footnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> Darum stellen +ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen +Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem +Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen +haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer +Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten +Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten +Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.</p> + +<h5 class="s4" id="Freyja_als_Venus_vulgivaga_7"><b>7. Freyja als Venus +vulgivaga.</b></h5> + +<p>Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie +das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim +zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das +Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Die Männertollste  müsste ich heissen,</div> + <div class="verse indent0">Reiste ich mit dir  ins Riesenland.“</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern +Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein +sehr schlimmes Licht auf die Göttin:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">30. Schweige du, Freyja,     dich kenne ich völlig,</div> + <div class="verse indent10">Du bist nicht von Fehlern frei:</div> + <div class="verse indent3">Von den Asen und Elben,  die hier innen sind,</div> + <div class="verse indent10">Hast du jeden gern beglückt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen +Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine +entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich +in nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da +heisst es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem +jeden buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.⁠<a id="FNanchor_546_546" href="#Footnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> Eine Übertragung +von Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus <i>dies +Veneris</i> bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_444">[S. 444]</span></p> + +<p>Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga +boten allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit +den Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, +sinkt Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des +Gottes, zu seiner <i>friđla</i>, herab. Weil Thor die Freyja vor den +begehrlichen Riesen schirmt, heisst er <i>langvinr þrungvar</i>⁠<a id="FNanchor_547_547" href="#Footnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a>, +alter Freund der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als +Freyja von Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde +und, um die ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, +die Hilfe der Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese +ihr Schmähungen nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre +schlüpften dir unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie +Heidrun die Ziege unter den Böcken.“⁠<a id="FNanchor_548_548" href="#Footnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Freyja_und_Odr_8"><b>8. Freyja und Odr.</b></h5> + +<p>Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der +beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen +kostbare Gegenstände <i>hnossir</i> genannt werden. Odr zog fort +in ferne Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen +sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie +sich selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um +den Odr zu suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als <i>Óþs +mær</i>, Ods Braut kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon +im Abschnitt über Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen +vom Wode, der einer Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. +Wer in der Zaubrerin <i>Gullweig</i>, der Goldigen, welche in Odins +Halle verbrannt den Anlass zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der +Ynglingasaga gleichfalls zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt +annehmen will, kann auch hierin eine Spur jener Volkssage finden. +Die Sage von Freyja und Odr kehrt das Verhältniss der vom Wode und +von der Elbin um; die Gestalt der die Lande durchschweifenden, +goldene <span class="pagenum" id="Page_445">[S. 445]</span>Thränen weinenden Göttin sieht nicht germanisch aus. Die +wunderlichen Namen wie <i>Mardoll</i>⁠<a id="FNanchor_549_549" href="#Footnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> (aus dem Meer aufleuchtend +oder hell glänzend), <i>Syr</i> (<i>dea Syria?</i>), <i>Hǫrn</i> oder +<i>Horn</i> (<i>cornuta</i>, Mondessichel) kommen gerade hier vor +und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen +heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der +Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden +den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und +Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht +aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja +unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert +an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung +der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur +soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem +Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen +deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind +gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu +erklären.⁠<a id="FNanchor_550_550" href="#Footnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Freyjakult_9"><b>9. Freyjakult.</b></h5> + +<p>Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher, +welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht +wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer +nachrühmt:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_446">[S. 446]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er türmte aus Steinen   den Altar mir auf —</div> + <div class="verse indent0">Der Gneis ist nun   zu Glas zerschmolzen⁠<a id="FNanchor_551_551" href="#Footnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> —</div> + <div class="verse indent0">Gefärbt ward er      mit frischem Stierblut —</div> + <div class="verse indent0">Ottar glaubte       an die Asinnen stets.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine +Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares +angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war. +Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist +möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.</p> + +<h5 class="s4" id="Gefjon_10"><b>10. Gefjon.</b></h5> + +<p>In Gefjon⁠<a id="FNanchor_552_552" href="#Footnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a> verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens +wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu +<i>Gefn</i>⁠<a id="FNanchor_553_553" href="#Footnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a>, wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname +lautet. Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So +hofft auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der +Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Loki:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schweige du, Gefjon,  nimmer vergess ichs,</div> + <div class="verse indent2">Wer zur Lust dich verlockt;</div> + <div class="verse indent0">Der blonde Bursche  bot dir den Schmuck,</div> + <div class="verse indent2">Da schlangst du die Schenkel um ihn.</div> +<span class="pagenum" id="Page_447">[S. 447]</span> </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Odin:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Toll bist du       und thöricht, Loki,</div> + <div class="verse indent4">Wenn du Gefjons Grimm erregst,</div> + <div class="verse indent0">Denn sie weiss    die Weltgeschicke</div> + <div class="verse indent4">Alle ebenso gut wie ich.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen +Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach +kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt +sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche +Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten, +doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen +Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und +den andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende +Gottheiten angerufen. Der Skald Thjodolf⁠<a id="FNanchor_554_554" href="#Footnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a> braucht für den Begriff +Frau die Umschreibung <i>ǫl-Gefn</i> und <i>ǫl-Gefjon</i>, Kormak +<i>men-Gefn</i>. In der älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name +der Freyja gewesen sein. Der Verfasser der Lokasenna aber verstand +eine besondere Göttin darunter, denn er lässt Gefjon neben Frigg und +Freyja auftreten, obschon er nichts Besonderes und Eigentümliches von +ihr weiss. Auch Snorre, welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt +Gefjon gesondert auf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.⁠<a id="FNanchor_555_555" href="#Footnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> König Gylfi herrschte +über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass +er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch +ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier +Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber +war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen, +ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen +geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf +und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen +Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem <span class="pagenum" id="Page_448">[S. 448]</span>Sunde stehen blieben. Hier +festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort +aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in +Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten +im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der +Alte.</p> + +<p>Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der +Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in +Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land +zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf +fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche +sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das +schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und +es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn, +der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie, +und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss +der Erzählung angeführt.</p> + +<p>Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der +göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering +in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon +und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung +beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier +durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der +Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als +ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel +ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen +Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen +von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum +aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt +rätselhaft.</p> + +<h5 class="s4" id="Idun_11"><b>11. Idun.</b></h5> + +<p>Idun⁠<a id="FNanchor_556_556" href="#Footnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a> heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die +Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie <span class="pagenum" id="Page_449">[S. 449]</span>anfangen zu +altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum +Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt +Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen. +Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm +schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen, +wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und +führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem +Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar +erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit +sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam +der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den +Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell +alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun. +Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da +wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod +bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim +suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog +er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi, +als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die +Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als +Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und +flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen +sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte +seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer, +und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.</p> + +<p>Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schweige du, Idun,    die von allen Weibern</div> + <div class="verse indent4">Am meisten nach Männern jagt!</div> + <div class="verse indent0">Um ihn wandst du     die weissen Arme,</div> + <div class="verse indent4">Der die Brust deines Bruders durchstiess!</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_450">[S. 450]</span></p> + +<p>In der Sage von Idun, der Hüterin der Äpfel, verschmolzen mehrere +Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt wird, +erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der Riesen +gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck, dass mit +Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern entzogen +werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn Idun in die +Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den Vorwurf der +Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische Skalden +selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland auch bei +Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist das frische +Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns Raub durch den +Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume und Entfärbung +der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und Winterwinde dar. Im +Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün zurück. Diese Deutung +ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung gelten zu können. Iduns +Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki dabei spielt, ist der +Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt, auf Lokis Rat sie +zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch wieder verliert, +in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende Merkmal der Idunsage +bilden aber <em class="gesperrt">Iduns Äpfel</em>, deren Herkunft aus christlicher und +antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen Aufstellungen kann +ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der Äpfel willen, +die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum anders als +mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die Frucht +früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen also +jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen +scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über +einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges +Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher +Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage, +wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie +werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen, +verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in +jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen. +Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den +Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie +einst den Wikingern auf Irland <span class="pagenum" id="Page_451">[S. 451]</span>bekannt geworden sein. Von den Äpfeln +und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute +und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der +Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage +selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden +sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes +Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich +in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss +zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während +die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken +Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss +verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube +der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel +auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim. +Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die +alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend +eine List aus der Gewalt des Riesen löst.</p> + +<p>Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein +schönes dichterisches Bild.</p> + +<h5 class="s4" id="Menglod_12"><b>12. Menglod.</b></h5> + +<p>Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet +werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich +auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage, +erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint +die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft, +umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne, +Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten +oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und +segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern +Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten +Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald, +Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er +sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen) +Sohn nennt und sich in seiner wahren <span class="pagenum" id="Page_452">[S. 452]</span>Gestalt zeigt. Selten ist ein +Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie +hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den +Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt +mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib +gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die +Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin, +Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe +der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.⁠<a id="FNanchor_557_557" href="#Footnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Schlussbemerkungen_13"><b>13. Schlussbemerkungen.</b></h5> + +<p>In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte +Müllenhoff⁠<a id="FNanchor_558_558" href="#Footnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a> zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über +Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u. A. ergänzt hatte, dass +die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre, +dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes +wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin +bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan +überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die +ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und +dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem +Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten, +durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder +wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten +Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken +nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten, +vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der +Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel +schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“</p> + +<p>J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage +von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische +Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος +(Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς +ποικίλος, den sie am Busen trägt, <span class="pagenum" id="Page_453">[S. 453]</span>dessen Zauber alle Götter und +Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht +sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem +uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214–218) erzählt. Wie den ἱμάς +Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel +das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold +der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine +andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes +und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand +ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch +eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es +nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165–168 von Heres θάλαμος,</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6">τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν</div> + <div class="verse indent0">Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε</div> + <div class="verse indent0">κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal +des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das +kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja +das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here +und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist +Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs +Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre; +weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt +die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer +germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil +ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist +endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in +einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen +genannt, mit denen sie im Wagen fährt.⁠<a id="FNanchor_559_559" href="#Footnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a> Das Tiger- und Löwengespann +orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16. +Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_454">[S. 454]</span></p> + +<h4 id="II_Die_Erdgottin"><b>II. Die Erdgöttin.</b></h4> + +<p>Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen +nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar +aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende, +befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende. +Im Norden heisst sie mit einfach schönem Namen <i>Jord</i>, +Erde. Ihr Gemahl ist Odin, ihr Sohn Thor.⁠<a id="FNanchor_560_560" href="#Footnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> Aber dieses +Verwandtschaftsverhältniss ist nicht ursprünglich. Einst war der +Himmelsgott der Gemahl der Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus +der Gewalt finstrer Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd. +Das alte Verhältniss tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage. +Thors Mutter heisst auch <i>Fjǫrgyn</i>. Jord und Fjorgyn sind eins. +Neben der Fjorgyn steht ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin +einmal Frigg bezeichnet wird.⁠<a id="FNanchor_561_561" href="#Footnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a> Da derselbe Name von Gott und Göttin +gebraucht wird, muss ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen +sein. Wirklich lässt sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes +nachweisen. Zu Grunde liegt der urgermanische Wortstamm <i>fergu</i> +(<i>quercus</i>). Im Litauischen heisst der Donnergott ebenfalls +<i>Perkunas</i>, so dass das Beiwort also bereits vorgermanisch sein +muss. Der Sinn des Namens ist <i>zur Eiche gehörig</i>, <i>auf Eichen +bezüglich</i>, <i>eichen</i> (<i>querceus</i>). Der litauische Donnerer +führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter und dem Donar +war die Eiche geheiligt. Somit war *<i>fergunjaȥ</i> eine Benennung +des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein Beiname +Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *<i>fergunjô</i> +wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen <span class="pagenum" id="Page_455">[S. 455]</span>haben, jedenfalls +empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und +einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten +einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin +von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb +er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des +Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber, +kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt +sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst.</p> + +<p>Ein angelsächsischer Flursegen⁠<a id="FNanchor_562_562" href="#Footnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a>, der freilich erst aus christlicher +Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt, +zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria +und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen, Erde +und Himmel (<i>eorđe and upheofen</i>) um Fruchtbarkeit angefleht. +Merkwürdig klingt folgende Anrufung: <i>Erce, Erce, Erce, eorþan +módor!</i> Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die +Äcker wachsen und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne +des Kornes Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller +Erde Wachstum. Das Wort <i>Erce</i> scheint Erde zu bedeuten, und +die Erde selber wurde sicherlich einst allein angerufen. Warum aber +<i>Erce</i> Mutter der Erde genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht +ist irgend eine Verderbniss der Überlieferung anzunehmen. Besonders +schön und anschaulich ist das Gebet, unter welchem man den Pflug in +Bewegung setzt und die erste Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der +Menschen, sei du wachsend in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum +Nutzen der Menschen!“ Der angelsächsischen Anrufung „<i>hál wes þu, +folde, fira móder</i>“ entspricht genau Brynhilds Gruss beim Erwachen +aus dem Zauberschlafe: Heil euch, Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil +dir, fruchtbare Erde (<i>heil siá en fjǫlnýta fold</i>)! Beidemal wird +die Erde „<i>fold</i>“ genannt. Offenbar wirkt im ags. Segen und im +nordischen Tagesgrusse eine altgermanische Formel <span class="pagenum" id="Page_456">[S. 456]</span>nach, ein Gebet +an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen, Urquell alles Lebens ist. +Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit dem Himmelsgotte erwähnt. Aus +solchen feierlichen Opfergebeten mögen Lieder und Mythen entspringen, +wie das Lied von Freyr und Gerd. Im englisch-nordischen Gebet an +<i>Fold</i>, die in des Gottes Umarmung fruchtbar wird, liegt gleichsam +der Keim der schönen mythischen Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l +hervorleuchtet.</p> + +<p>Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde <i>Rind</i> +gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali, +Baldrs Rächer zu erzeugen.⁠<a id="FNanchor_563_563" href="#Footnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a> Rind ist die unbebaute, harte und +unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit +(Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber +geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi +ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der +keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch +aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag +immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde +harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen.</p> + +<h5 class="s4" id="Nerthus"><b>Nerthus.</b></h5> + +<p>Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die <i>Nerthus</i>. +Auf einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche +bedeckt, ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser +erkennt, wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn +sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit +umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe +Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem +Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit +selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich +ertränkt.⁠<a id="FNanchor_564_564" href="#Footnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a> Tacitus <span class="pagenum" id="Page_457">[S. 457]</span>deutet Nerthus als <i>terra mater</i>, weil +die Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen +Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt +dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch +erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt +des von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord +(<i>Nerþuȥ</i>), wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos +entspringt die Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und +in der Neuzeit in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen +nachwirkt. Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der +im Lenze neu erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als +Maigraf, Maigräfin, Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister +bewillkommnet. Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt. +Zu Ostern und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme +des gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten +sie mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten +sie zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung +von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde +Ehren.⁠<a id="FNanchor_565_565" href="#Footnote_565_565" class="fnanchor">[565]</a> Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen. +Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen +worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah +der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die +Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit +segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen, +beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die +ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme +der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und +Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt. +Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor +durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der +Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug +und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter +des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr +eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für +ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare +die Zeugungskraft <span class="pagenum" id="Page_458">[S. 458]</span>des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin +der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter +den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst. +Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und +Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und +Reigen ihr Einzug gefeiert.</p> + +<h4 id="III_Germanische_Gottinnen_auf_romischen_Inschriften_und_bei_antiken"> +<b>III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken +Autoren.</b></h4> + +<p>Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche +inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten +steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst +dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht +viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und +selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da +die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z. B. +allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht +aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts +über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle +Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher.</p> + +<h5 class="s4" id="Tanfana_1"><b>1. Tanfana.</b></h5> + +<p>Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen +feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie +die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren +Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie +geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam. Er +verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die Runde +liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung, Mann +und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana — +<i>celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant</i> — +dem Erdboden gleichmachen.⁠<a id="FNanchor_566_566" href="#Footnote_566_566" class="fnanchor">[566]</a> Die Zeit dieses Überfalles war <span class="pagenum" id="Page_459">[S. 459]</span>das +Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern +zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der +Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte +Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim +altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer +Göttin, Tanfana.⁠<a id="FNanchor_567_567" href="#Footnote_567_567" class="fnanchor">[567]</a> Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde, +und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht. +Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff +vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie <i>Juppiter dapalis</i>, zu +dem der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl, +die <i>daps</i>, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin +erkläre sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei +die Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende, +Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch +dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers.</p> + +<h5 class="s4" id="Baduhenna_2"><b>2. Baduhenna.</b></h5> + +<p>Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im +Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.⁠<a id="FNanchor_568_568" href="#Footnote_568_568" class="fnanchor">[568]</a> Aus der <span class="pagenum" id="Page_460">[S. 460]</span>flüchtigen +Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob +der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme +mit Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten +Falle konnte die friesische Form etwa <i>Baduwini</i> lauten. +<i>Baduwini</i>, die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen +<i>Siguwini</i>, die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung <i>badu-wenna</i> +(got. <i>winno</i>, Leidenschaft, ahd. <i>winna</i>, Streit) kann der +Name auch „kampfwütig“ bedeuten.⁠<a id="FNanchor_569_569" href="#Footnote_569_569" class="fnanchor">[569]</a> Jedenfalls steckt <i>badu</i>-, +„Kampf“, im Namen, und daher scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht +oder Walfeld zuzukommen.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Alaisiagae_3"><b>3. Die Alaisiagae.</b></h5> + +<p>Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch +<i>duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene</i>. Darunter sind wol Göttinnen +zu verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben +müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind +es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen +nicht gelingen will.⁠<a id="FNanchor_570_570" href="#Footnote_570_570" class="fnanchor">[570]</a> Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott, +als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst. +Da wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen +Friesland genannten <i>bodthing</i> und <i>fimelthing</i> hin. In der +Benennung dieser Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie +in den Namen der Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding +des Volkes gesetzt, so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge +seien unter den Schutz der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch +die nordische Syn bei den Dingversammlungen in solchen Streitsachen +zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold +vermutete noch Schreibfehler für *<i>alaisagiis</i> (<i>êsago</i>); es +seien die Gesetzessprecherinnen. Somit schien das Denkmal irgend einem +Rechtsfalle zu entstammen. Aber <i>bodthing</i> und <i>fimelthing</i> +sind späte Einrichtungen <span class="pagenum" id="Page_461">[S. 461]</span>der Friesen, der etymologische Zusammenhang +mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft, Mars Thingsus ist nicht +der übers Ding waltende Tiuȥ.</p> + +<p>Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes +Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort +<i>al-aisiag-</i> an, das zu ahd. <i>êrên</i>, an. <i>eira</i>, +„schonen“, gehöre. Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist +Dativ zu friesisch *<i>Bêd</i>. Der Name steht im Ablaut mit as. +<i>gibada</i>, „Trost“, mhd. <i>bate</i>, „Nutzen“, „Hilfe“; er +besagt etwa helfende Trösterin. Zu Fimmilene wird im Nominativ eine +germanische <i>Fimilô</i> angenommen (zu an. <i>fimr</i>, „hurtig“, +„behend“). Es sind demnach göttliche Hilfespenderinnen, die Trost und +rasche Abwehr drohender Gefahr gewähren.</p> + +<p>Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. <i>eisa</i>, +„eilen“, „stürmen“, aus, das urgermanisch *<i>aisjan</i> lauten +müsste. Alaisiagen wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird +mit as. <i>undar-badôn</i>, „erschrecken“, in Verbindung gebracht. +<i>Bêdô</i> sei die Schreckerin, die Bedrängerin, die Verkörperung +des Wirbelwindes. <i>Fimilô</i> heisst Bewegung, Wehen des Windes; +im Nds. bedeutet <i>fimmeln</i> „flattern“, „hin und her fahren“; +<i>Svipul</i>, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der Denkstein +gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig +einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden <i>Bêd</i> und der +stürmenden <i>Fimila</i>.</p> + +<p>Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele +Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten, +wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten +Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der +Göttinnen uns vollkommen dunkel.</p> + +<h5 class="s4" id="Hlodyn_und_Hludana_4" title="Hlodyn und Hludana"><b>4. Hlodyn +und Hludana.</b>⁠<a id="FNanchor_571_571" href="#Footnote_571_571" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[571]</span></a></h5> + +<p>Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige, +Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda +fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise +wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen, +wonach die Steine als Hlodyns <span class="pagenum" id="Page_462">[S. 462]</span>Knochen bezeichnet werden.⁠<a id="FNanchor_572_572" href="#Footnote_572_572" class="fnanchor">[572]</a> Die +Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls +mit Jord gleichbedeutend erscheinen.</p> + +<p>In Niederdeutschland, am Rhein, in Geldern und Friesland sind Steine +einer <i>dea Hludana</i> gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der +Fischerei (<i>conductores piscatus</i>) der Hludana das Denkzeichen. +Obschon die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau +zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für +gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und +nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst +werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten. +Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet +eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr +bietet. <i>Hlóđyn</i> wird gewöhnlich zu <i>hlađa</i>, <i>hlađan</i>, +aufrichten, aufladen, gestellt. An. bedeutet <i>hlađ</i>, Haufen, +<i>hlóđ</i> Herd. Daraus wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen. +Indess scheint für <i>hlóđ</i> Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung +angenommen werden zu müssen. Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann +nimmt <i>hlôþa</i> für die Hochstufe zu <i>holþa</i>, hold. <i>Hludana +Hlođyn</i> ist die holde, gütige Freundin der Menschen, ein Beiwort, +das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die Verschiedenheit des +Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz hätte germ. <i>ô</i> +mit <i>u</i> gegeben, meinte also eigentlich <i>Hlôdana</i>. Müllenhoff +leitete Hludana aus <i>hluda</i>-κλυτός, dem bekannten Stamm unsrer +Eigennamen Hludwig, Hludhari u. a.; es sei die „berühmte“ Göttin. Aber +dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht. So bleibt +vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die Gleichheit der +Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale <span class="pagenum" id="Page_463">[S. 463]</span>keinen Anstoss +nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit Kauffmann aus der Kurz- +und Vollform eines Namens erklären: <i>Hlôþô</i> zu <i>Hlôþawini</i> +(<i>Hlóđyn</i>) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u. a.</p> + +<h5 class="s4" id="Isis-Nehalennia_5"><b>5. Isis-Nehalennia.</b></h5> + +<p>Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des +Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer +darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche +Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten +die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine +germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten. +Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein +römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen, +welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein +Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf +dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein, +oder trat der germanische erläuternd hinzu (<i>Marti Thingso</i>, +<i>Mercurio Channini</i>, <i>Herculi Magusano</i> u. ä.); endlich +konnte auch nur der Name der fremden Gottheit allein in latinisierter +Form eingesetzt werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen +auf den Altären angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher +das Wesen der Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also +hauptsächlich von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal +diese oder jene Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen +vermeint, so wurde sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht +etwa in dem Bestreben, im Bilde die hervorragenden Eigenschaften +der fremden Gottheit festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze +bildliche Darstellung solcher Steine ohne weiteres ins Germanische +umsetzen, wie es Hoffory bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.) +bei der Nehalennia thut. Gibt sich doch im Altarbild meistens nur +dieselbe allgemeine, mitunter höchst oberflächliche Ansicht des +römischen Beobachters kund, welche auch in der interpretatio zum +Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan, Frija, Donar mit Mars, Merkur, +Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist damit nur erwiesen, dass den +Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen, aber nicht dass alle Züge der +römischen auf die germanischen Gottheiten passen. <span class="pagenum" id="Page_464">[S. 464]</span>Gelangt also nur +einseitige Mitteilung römischerseits über eine germanische Göttin auf +uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich. Oft ist nicht mehr als der +blosse germanische Göttername zu lernen, dessen Erklärung die grössten +Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass einige in die Augen fallende Züge +der interpretatio und der bildlichen Darstellung der verglichenen +Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht zu bezweifeln. Aber schwer, +wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen, welche Eigenschaften der +interpretierten Gottheit überwiesen werden dürfen, welche nur im Banne +der einmal feststehenden römischen Anschauung hinzutraten. Hatte ein +römischer Handelsmann z. B. an fremder Küste die Isis gefunden, so +stellte er sich zuerst seine Isis vor und übersah die wesentlichen, +bedeutenden Unterschiede zwischen ihr und der nichtrömischen Göttin. +Verbanden sich im Banne der einmal festgestellten Auslegung allerlei +ungehörige Vorstellungen mit der fremden Göttergestalt, so blieben auch +wieder deren wichtigste und nötigste Eigenschaften völlig verborgen. +Hätten wir von Wodan und Frija nur die Namen und die römische +Auslegung Merkur und Venus überkommen, so wären unsere Begriffe +gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser Lage befinden wir uns +aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus römischer Umgebung +oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften und römische +Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und Berichtigung +germanischer Denkmäler, bekannt sind.</p> + +<p>Nach der Meldung des Tacitus⁠<a id="FNanchor_573_573" href="#Footnote_573_573" class="fnanchor">[573]</a> brachte ein Teil des grossen, +zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar. +Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der +Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten +Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an +der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben. +Diese Isissteine <span class="pagenum" id="Page_465">[S. 465]</span>waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben, +aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die +Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen +Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine +Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie, +wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und +Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März +ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (<i>navigium Isidis</i>) +dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer, +die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so +alljährlich festlich begangen.</p> + +<p>Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am +Rhein und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung +vorgelagerten Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen +Kaufleuten wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin +<i>Nehalennia</i> geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden +sich 1647 und 1870 im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene +Denksteine dieser Göttin.⁠<a id="FNanchor_574_574" href="#Footnote_574_574" class="fnanchor">[574]</a> Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes, +vermutlich ein römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der +Steine zeigen einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer; +sie hat den linken Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und +stützt sich auf ein Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass +die Nehalenniabilder Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind, +dass die Nehalennia demnach den Kaufleuten als die Isis erschien. +Offenbar ist es dieselbe Göttin, von den Römern als Isis aufgefasst, +der sie an der suebischen und batavischen Küste und am Rheine Altäre +aufstellten. Durch Tacitus hören wir, dass das Schiff ihr Abzeichen +war, auf den Altären steht ihr deutscher Name, Nehalennia. Was auch +sonst noch von dieser germanischen Göttin <span class="pagenum" id="Page_466">[S. 466]</span>erzählt worden sein mag, +ihre Beziehung zur Seefahrt ist sicher. Darum begrüssten sie die +Römer an den Ufern der Ost- und Nordsee als Isis und empfahlen ihre +Schiffe und ihre Ladung dem Schutze der Nehalennia. Damit endet aber +auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser Göttin. Nicht einmal soviel ist +klar, ob sie auch bei den Sueven Nehalennia hiess, oder ob dieser Name +nur am Rhein und bei den Batavern ihr beigelegt war. Die Erklärung +des Namens macht Schwierigkeit. Kauffmann denkt an ein germanisches +Beiwort *<i>nêwolos</i>, *<i>nêalas</i>, zu urgerm. *<i>nêwô</i> mhd. +<i>nâwe</i>, wie <i>navalis</i> aus <i>navis</i> entwickelt ist. Daraus +wäre eine Weiterbildung *<i>nêalenî</i>, gen. <i>nêalenniôs</i>. +Im Namen <i>Nehalennia</i>, „<i>navalis</i>“, „<i>zu den Schiffen +gehörig</i>“, läge eine Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die +Schiffsgöttin. Njords Heimat ist <i>nóatún</i>, die Schiffsstätte, und +an die Wanen erinnert Nehalennia insofern, als beide die Schifferei +beschirmen. Die germanische Ablautsform <i>nêu</i>-: <i>nôu</i>- +erscheint in <i>Nêalenî</i> und <i>nóatún</i>, mhd. <i>nâwe</i> und an. +<i>nór</i>. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name, vielmehr +ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat. Freilich +hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos sicher +überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden muss. +Das <i>h</i> sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch +sonst vorkomme, z. B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u. drgl. +Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *<i>neqos</i> +(νέκυς) aus, dem urgerm. *<i>nehuaz</i>, westgerm. *<i>nehaz</i> +entspräche, wie got. <i>saíƕan</i> und <i>aƕa</i> gegen ahd. +<i>sehan</i> und <i>aha</i>. Daraus ergibt sich im Namen der Göttin ein +Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem Wesen zu rechtfertigen +ist, bleibt dunkel.</p> + +<p>Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise +Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum. +Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester +mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann⁠<a id="FNanchor_575_575" href="#Footnote_575_575" class="fnanchor">[575]</a> vermutet, +dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die +heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu +Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und +als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben, +die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche +Eifer <span class="pagenum" id="Page_467">[S. 467]</span>schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17. +Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme +deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein +Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht +den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche +Bräuche⁠<a id="FNanchor_576_576" href="#Footnote_576_576" class="fnanchor">[576]</a> in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein +Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das +auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst +nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach +Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall +unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war +Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener +Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht. +Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore +öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen, +dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder +erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte +heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff +ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer +Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne +ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen; +man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche +Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von +den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu +gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich, +es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das +Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that +der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier +des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber +die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest +eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. <span class="pagenum" id="Page_468">[S. 468]</span>Auf schwäbischem Boden, +also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein +Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen, +den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des +Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu +erhalten, ist weit verbreitet.⁠<a id="FNanchor_577_577" href="#Footnote_577_577" class="fnanchor">[577]</a> Es geschah um Neujahr oder zur +Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit +dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung, +dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen +erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar +ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig +auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen +in Verbindung mit Dionysus vor⁠<a id="FNanchor_578_578" href="#Footnote_578_578" class="fnanchor">[578]</a> und muss also von Alters her mit +den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und +an Carnevalsbräuche erinnert werden.⁠<a id="FNanchor_579_579" href="#Footnote_579_579" class="fnanchor">[579]</a> Nur unter Vorbehalt seien +hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit +Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung +gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln.</p> + +<p>Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein +bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt +beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am +Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr +Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die +Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung +ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Muetter_6"><b>6. Die Mütter.</b></h5> + +<p>In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien, +namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400 +Weihsteine, welche den „Müttern“ (<i>matrones</i>, <i>matres</i>, +<i>matrae<span class="pagenum" id="Page_469">[S. 469]</span></i>) meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.⁠<a id="FNanchor_580_580" href="#Footnote_580_580" class="fnanchor">[580]</a> Diese +Mütter, mitunter in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige +Beinamen, darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht +anzuzweifeln ist (z. B. <i>Aufaniabus</i>, <i>Gavadiabus</i>, +<i>Vatviabus</i> oder <i>Vatvims</i>, <i>Saitchamims</i> oder +<i>Saithamiabus</i>, <i>Aflims</i> oder <i>Afliabus</i>). Die Dative +auf <i>-ims</i> sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie +der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte. +Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen +germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich +zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten +sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im +römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern +Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch +schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt +werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich den +<i>genii loci</i>. Als solche sind sie allgemein und überall möglich +und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie +die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und +segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das +Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer +Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus +omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch +den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa +verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie +beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen +handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen +Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein +Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die +dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter +sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die +suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und +dalmatischen gleichzuachten, <span class="pagenum" id="Page_470">[S. 470]</span>sie bestehen allein in der Vorstellung +des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf +wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat +in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun +germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische +Ortsnamen zurückzuführen. Die <i>Matres Gavadiae</i> hängen mit dem +Zeitwort <i>wadan</i>, <i>waten</i> zusammen und entstammen wol einem +Ortsnamen im Sinne von <i>Furt</i>. An der Diemel ist später ein +<i>Wetiun</i> bezeugt, das aus demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ +<i>Vatvims</i> gehört zu einem german. <i>watwî</i>, Wasserland, und +stellt sich zu den vielen mit „Aue“ zusammengesetzten Ortsnamen. Solche +Mütter mit germanischen Beinamen sind demnach befriedigend zu erklären: +sie sind die Schutzgeister germanischer Örter. Deutsche im römischen +Heeresdienste nahmen den Matronenkult an und stellten damit die ferne +Heimat unter göttlichen, mütterlichen Schutz.</p> + +<h5 class="s4" id="Dea_Sandraudiga_und_dea_Vercana_7"><b>7. Dea Sandraudiga und +dea Vercana.</b></h5> + +<p>Mit der <i>dea Sandraudiga</i>⁠<a id="FNanchor_581_581" href="#Footnote_581_581" class="fnanchor">[581]</a> eines nordbrabantischen Steines, +den die <i>„cultores templi“</i> gestiftet, ist nichts anzufangen. Der +Name zerfällt in germanische Bestandteile, got. <i>audags</i>, an. +<i>auđigr</i>, reich, glücklich, und <i>sandr-</i>, wahr, wahrhaft, +wie in Eigennamen, z. B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin +ist, etwa eine spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die <i>dea +Vercana</i>⁠<a id="FNanchor_582_582" href="#Footnote_582_582" class="fnanchor">[582]</a> auf dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein +aus dem Nemetergau (Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich +mit Athenes Beinamen Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens. +Ob die <i>dea Vagdavercustis</i>⁠<a id="FNanchor_583_583" href="#Footnote_583_583" class="fnanchor">[583]</a>, welcher der Decurio Simplicius +Super in Geldern einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana +gehört, bleibt unentschieden. Der Stamm <i>„werk“</i> begegnet in +beiden Namen, und zwar auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im +übrigen ist alles dunkel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_471">[S. 471]</span></p> + +<h4 id="IV_Totengottinnen"><b>IV. Totengöttinnen.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Die_Hel_1"><b>1. Die Hel.</b></h5> + +<p>Got. <i>halja</i>, an. <i>hel</i>, ags. <i>hell</i>, as. ahd. +<i>hella</i> geben den räumlichen Begriff „Untererde“, <i>infernus</i> +und dienen zur Übertragung von ᾅδης, <i>gehenna</i>, <i>infernus</i>. +Gemeint ist der Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen, die +Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte sich die Bedeutung +„Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der christlichen Hölle +verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort einen entsprechenden +Zusatz, besonders <i>wîti</i>, „Strafe“ (an. <i>helvíti</i>, ags. +<i>hellewíte</i>, ahd. <i>hellawîȥȥi</i>). Obwol der Begriff Hölle bei +Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht +daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung +entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine +derartige Annahme. <i>Halja</i> darf als ein gemeingermanischer uralter +Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter +verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische +Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort +fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da +diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind, +darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort +<i>halja</i> auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist, +eine Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom +Leibe gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben +<i>räumlichen</i> Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern. +<i>Hel</i> heisst das Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle +gehen, fahren, schlagen, wird für sterben, totschlagen gesagt; in +der Hölle, aus der Hölle bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod +und Leben schweben heisst bildlich zwischen Welt und Hölle liegen +(<i>at liggja á milli heims ok heljar</i>). Noch bewahrt der dänische +und schwedische Ausdruck <i>ihjel</i>, <i>ihäl</i>, eigentlich in +die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen u. s. w. deutlich +die ursprüngliche Vorstellung. <i>Helgrind</i>, das Höllenthor, +verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten wiedergehenden +oder beschworenen Geistern auf. <i>Helvegr</i> ist der Weg zur +Unterwelt, dem der westfälische <i>Hellweg</i>, Totenweg entspricht. +<i>Helskór</i> ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung +mitgegeben wird. <i>Helreiđ</i> ist die Höllenfahrt, <span class="pagenum" id="Page_472">[S. 472]</span>die Brynhild auf +einem Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes, +wofür die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in +Hülle und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel +aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast +jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war +kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten. +Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen +die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze +grosse Wal zu bergen vermöchte.⁠<a id="FNanchor_584_584" href="#Footnote_584_584" class="fnanchor">[584]</a> Die Gefallenen waren doch sicher +nicht lauter verdammte Bösewichter.</p> + +<p>Im Norden steht aber neben <i>hel</i> <em class="gesperrt">die Hel</em>, <i>die persönlich +gedachte Beherrscherin der Toten</i>. J. Grimm und nach ihm viele +vermeinten, in diesem <i>persönlichen</i> Begriff das Ursprüngliche +zu finden, der sich erst in den <i>örtlichen</i>, von Goten und +Westgermanen allein bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von +der Besitzerin den Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht +leicht der Glaube an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen +sich decken. In unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so +stark hervor, dass nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss +umkehren wird. Eine germanische <i>halja</i> ist unbedenklich, eine +<i>Halja</i> aber unerweislich. Hört man auf die Zeugnisse, so wird +man auch nicht ohne zwingende Gründe darüber hinaus trachten. Da nun +<i>halja</i> allen Germanen bekannt war, <i>Hel</i> aber nur im Norden +vorkommt und auch hier eigentlich nur in der Skaldendichtung, so liegt +der Schluss nahe, <em class="gesperrt">im Norden entwickelte sich aus der örtlichen hel +die persönliche Hel</em>. Einer persönlichen Halja hätte schwerlich +der Zugang in die biblischen Schriften offen gestanden, eine örtliche +halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien ungefährlich. Bei der +nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere Entwicklungsstufen +unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen Toten offen stand, +nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die andern in die +Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu Elben +und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der +christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre +Zuweisung an die Hel bestimmt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_473">[S. 473]</span></p> + +<p>Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur <i>hel</i>.⁠<a id="FNanchor_585_585" href="#Footnote_585_585" class="fnanchor">[585]</a> Zu Fuss, +zu Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden. +Der Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt, +eine goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber. +Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht, +wo der Hund <i>Garmr</i> (Kerberos)⁠<a id="FNanchor_586_586" href="#Footnote_586_586" class="fnanchor">[586]</a> lauert. Hier dringt bereits +ein fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung +vom Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer +Pforte die Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine +von finsterem Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als <i>niflhel</i> +oder <i>niflheim</i>.⁠<a id="FNanchor_587_587" href="#Footnote_587_587" class="fnanchor">[587]</a> Auch über der christlichen Hölle lagert, +trotzdem sie von Feuer erfüllt ist, stellenweise Nebel und Finsterniss. +Drinnen erhebt sich der Hel Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr +ist zunächst nicht viel anders gedacht, als das irdische. Vornehmen +Ankömmlingen wird ein würdiger Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind +die Bänke mit Ringen besät, die schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met +ist für ihn gebraut, der klare Trank steht da, vom Schilde bedeckt. +Baldr nimmt in Hels Halle den Hochsitz ein.⁠<a id="FNanchor_588_588" href="#Footnote_588_588" class="fnanchor">[588]</a> Was Hel besitzt, +hält sie fest. Nur ausnahmsweise wird Baldr auf der Asen Ansuchen +Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen, lebende und tote, um ihn Thränen +vergiessen. Die Hel tritt in keiner Sage eigentlich handelnd hervor. +Sie bleibt immer nur begrifflich, wie überhaupt oft schwer zu sagen +ist, ob in einer Redensart die örtliche oder persönliche Hel gemeint +ist. So begegnet im Norden das Bild schwarz wie die Hölle, woraus +der Beiname <i>heljarskinn</i>, Höllenhaut für einen Menschen mit +hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im Gegensatz zur +leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel und Hölle als +schwarz. Der <i>hellemôr</i> ist bei mittelhochdeutschen Dichtern der +Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln Totenreich, +von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber entartende +Phantasie <span class="pagenum" id="Page_474">[S. 474]</span>hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe. Aus den +angeführten Redensarten <i>blár sem hel</i>, <i>heljarskinn</i> +braucht man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute +die Hel in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann +ebenso sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert +von Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist +fürs Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden +mit drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der +christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich +oft wunderlich vermischt.</p> + +<p>Dass sich in der Hölle Straförter befanden, nahmen die Skaldengedichte +des 10. Jahrhunderts an. Die Vǫlospǫ́ 38 sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einen Saal seh ich stehen   der Sonne fern,</div> + <div class="verse indent0">Auf Nastrand, die Thüren   nach Norden gerichtet;</div> + <div class="verse indent0">Durchs Rauchloch strömte  ein Regen von Gift,</div> + <div class="verse indent0">Denn die Wände des Saales  sind umwunden von Schlangen.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><i>Nástrǫnd</i> bedeutet Totenstrand, und dieser Ortsname weist aufs +Totenreich. Der Verfasser der Vǫlospǫ́ hatte demnach zweifellos +die Vorstellung, dass es in der Hölle Qualörter gäbe, und er +malte sich den höllischen Saal furchtbar genug aus. Dass er aber +damit echt germanische, heidnische Anschauungen wiederholt, ist +sehr unwahrscheinlich. Derlei düstre Schreckbilder entstammen der +christlichen Mythologie, aus der einmal doch der wesentliche Inhalt +der Vǫlospǫ́ geschöpft ist.⁠<a id="FNanchor_589_589" href="#Footnote_589_589" class="fnanchor">[589]</a> Die 39. Strophe des Gedichtes im +Verein mit Reginsmǫ́l 4 ergibt die Vorstellung eines wilden, eisigen +Höllenstromes, der spitze Waffen in seinen Wogen führt. Meineidige, +Mörder, Ehebrecher müssen zur Strafe drin waten. Auch hier dürfte +der höllische Strafort nicht aus dem Bestande der germanischen halja +geholt, sondern durch christliche Einflüsse entstanden sein. Doch +können volkstümliche Elemente mit verwertet sein. Alt und allgemein +scheint der Glaube, dass der Verstorbene, dem zu diesem Behufe der +Schuh in den Sarg gelegt wurde, eine lange gefahrvolle Wanderung über +Gestein und durch Dornicht zurücklegen, endlich auch durch den Fluss, +der <span class="pagenum" id="Page_475">[S. 475]</span>die Welt der Toten und Lebenden trennt, waten müsse.⁠<a id="FNanchor_590_590" href="#Footnote_590_590" class="fnanchor">[590]</a> Leicht +entsteht daraus die Vorstellung einer Strafe, indem der eine länger, +der andere kürzer, je nach seiner Art zu wandern hat, insbesondere wenn +die Einbildungskraft mit Höllenstrafen erfüllt ist.</p> + +<p>Wenn Snorri in Gylfag. Kap. 3 behauptet, die Seelen der Rechtschaffenen +werden bei Allvater in Gimle weilen, die bösen dagegen kommen zur Hel +und von dort nach Niflheim, so denkt er hier vollkommen christlich +und verweist die Guten in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Ganz +anders unterscheidet er Gylfag. Kap. 20 und 24, wonach die im Kampfe +Gefallenen zu Odin und Freyja eingehen, während nach Gylfag. 43 zur +Hel diejenigen gelangen, die an Krankheiten oder Altersschwäche +starben. Also nicht die Lebensweise, sondern die Todesart entscheidet, +und das ist heidnische Anschauung. Man erwartet nun, diese in den +alten Gedichten durchweg bestätigt zu finden, wenigstens dort, wo +ausgesprochener Odinsglaube herrscht. Aber dem ist nicht so. Wie +einerseits Walhall seine Thore auch denen öffnet, die nicht an Wunden +starben, so nimmt die Hel Waffentote zu sich. In Wirklichkeit sind +eben Hel und Walhall eins, das grosse, allumfassende Seelenreich, +Walhall ist nur ein Versuch, für Bevorzugte ein eigenes Heim zu +schaffen, aber immer bricht der alte Glaube von der Hel durch. So +steigt der schwertdurchbohrte Baldr zur Hel hinab. In den Atlamǫ́l +herrscht durchgehends die Annahme, dass die Gefallenen zur Hel fahren. +Besonders fällt auf, dass Brynhild den Hjalmgunnar zur Hel schickt +(Helreiþ 8). Man sollte meinen, die Walküre müsse den Mann, dessen Tod +im Kampfe sie veranlasst, nach Walhall kiesen. In der Fóstbrœðrasaga +Kap. 4 träumt ein Mann von einem andern, die Hel werde als Hausfrau ihn +umarmen. Bald darauf wurde jener auch erschlagen. Angantyr mit seinen +Brüdern war im Kampfe gefallen; der Hügel wurde über ihm gewölbt. Als +aber seine Tochter Herwor mit Zauber ihn aufweckt, um das treffliche +Tyrfingschwert vom toten Vater zu erhalten, heisst es: Auf that sich +die Höllenpforte (<i>helgrind</i>). Der Skald Egil erschlug drei +Männer, welche König Eirik zu seiner Verfolgung ausgesandt hatte. Da +sang er: Allzu lang zögern sie mit der Rückkehr zum König, da sie zu +dem hohen Saal der Hölle gefahren.⁠<a id="FNanchor_591_591" href="#Footnote_591_591" class="fnanchor">[591]</a> Im Lied von Gudruns Aufreizung +<span class="pagenum" id="Page_476">[S. 476]</span>19/20 wird Sigurd von Gudrun ermahnt an sein Versprechen, aus der Hel +(<i>or heljo</i>) heimzukehren.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aufs schwarze Streitross  schwinge dich, Sigurd,</div> + <div class="verse indent0">Hierher lenke    <span class="mleft3">den hurtigen Renner.</span></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Mithin ist Sigurd in der Hölle gedacht, während Sigmund und Sinfjotli +dem Eirikslied zufolge in Walhall weilen.</p> + +<p>Was bei Snorri⁠<a id="FNanchor_592_592" href="#Footnote_592_592" class="fnanchor">[592]</a> und sonst noch von Hel erzählt wird, entstammt +später Erfindung und zeigt auch fremdartige Bestandteile. Hel ist Lokis +Tochter, weil Hölle und Lucifer unzertrennlich sind. Mit dem Fenrir +und der Weltschlange, ihren Geschwistern, wurde Hel in Riesenheim +aufgezogen. Allvater Odin schleuderte die Hel nach Niflheim und gab ihr +Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren +Aufenthaltsort anweise. Sie hat dort eine grosse Wohnstätte und die +Wälle sind überaus hoch und die Thore weit. Eljudnir (Plagebereiter) +heisst ihr Saal, Hungr ihre Schüssel und Sult (Hunger) ihr Messer, +ihr Knecht Ganglati (zum Gehen träge), ihre Magd Ganglot, fallendes +Unheil das Thor, die Schwelle, die hineinführt, Geduldermüder, Kor +(Krankenbett) ihr Lager, bleiches Unglück das Betttuch oder der +Vorhang. Sie ist zur Hälfte schwarz und zur Hälfte fleischfarben, so +dass sie leicht zu erkennen ist, und sieht mit ihrem herabhängenden +Kopfe recht grimmig aus. Solche Vorstellungen gefallen sich in der +Ausmalung eines trostlosen Schreckensortes und entspringen zweifellos +der christlichen Hölle. Auf diesen Gedankenkreis weist schon Loki hin. +Noch im Heidentum erscheint Hel als Lokis Tochter und Schwester der +Ungetüme, und so mag schon frühzeitig die Hölle als Ort des Schreckens +gedacht worden sein, obwol die ältere Vorstellung vom blossen +Totenreich daneben noch fortdauert. Das Gleiche ist auch in Deutschland +zu beobachten, wo nach J. Grimm, Myth. 761, erst im 13. Jahrh. Hölle +im Sinne von Aufenthalt der Verdammten sich festsetzte, während zuvor +meistens der alte Sinn des Wortes noch vorherrscht.</p> + +<p>Wenn Loki zum Weltbrand mit den höllischen Heerscharen heranfährt, +gemahnt auch dieser Zug an christliche Vorstellungen vom Weltende.⁠<a id="FNanchor_593_593" href="#Footnote_593_593" class="fnanchor">[593]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_477">[S. 477]</span></p> + +<p>Wer von Hels Äpfeln genoss, muss bei ihr bleiben. So wenigstens lässt +sich eine Stelle der jungen Saga af Viga-Styr ok Heiðarvigum, Kap. 26 +auslegen.⁠<a id="FNanchor_594_594" href="#Footnote_594_594" class="fnanchor">[594]</a> So wird Proserpina durch den Genuss des Granatapfels +gezwungen, in der Unterwelt zu verweilen; auch deutsche Sagen bieten +Beispiele, dass lebende Menschen durch den Genuss von Speisen im +Seelenreiche den Toten anheimfallen.</p> + +<p>In dem vollständig christlichen Sólarljóð, das vermutlich erst dem +17. Jahrh. angehört, sagt der Geist des toten Vaters zum Sohne: Hels +Bande umstrickten mich. Ich wollte sie zerreissen; aber sie waren +stark. Überall bedrückte mich Angst. Jeden Abend entboten Hels Mädchen +mir heim zu sich. Die Sonne, das Tagesgestirn, sah ich versinken; die +Pforte der Hel hörte ich dumpf ertönen.</p> + +<p>Aus biblischen Stellen fliesst die Unersättlichkeit der Hölle, +das Öffnen ihres Mundes und dadurch der Versuch, sie persönlich +darzustellen, wie J. Grimm in älteren und jüngeren deutschen Schriften +beobachtet. In mhd. Gedichten spricht die Hölle mit dem Teufel. J. +Grimm sieht darin eine Nachwirkung der persönlichen germanischen +Halja. Aber dem steht entgegen, dass der örtliche Begriff der älteste +und ursprünglichste, der persönliche der abgeleitete ist. Da Hel +von Anfang an als Lokis Tochter erscheint, also in Verbindung mit +dem Teufel, ist die Möglichkeit vorhanden, dass eine persönliche +Hel im Norden überhaupt erst unter christlicher Einwirkung aufkam. +Ihre Persönlichkeit ist ebenso wenig weiter ausgeführt, als es bei +der christlichen Hölle der Fall ist; sie verharrt in ihrer farblosen +Allgemeinheit. Eine echt nordische ursprüngliche Hel wäre wol kräftiger +und lebendiger gestaltet worden. Die persönliche nordische Hel +unterscheidet sich durch nichts von den entsprechenden Ansätzen zur +Persönlichkeit der christlichen Hölle und ist daher letzterer gleich zu +achten, ja sogar daraus zu erklären.⁠<a id="FNanchor_595_595" href="#Footnote_595_595" class="fnanchor">[595]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_478">[S. 478]</span></p> + +<h5 class="s4" id="2_Die_Ran"><b>2. Die Ran.</b></h5> + +<p>Ran, die Räuberin⁠<a id="FNanchor_596_596" href="#Footnote_596_596" class="fnanchor">[596]</a>, welche einmal unter die Asinnen gerechnet +wird, ist Ägirs des Meergottes Weib. Sie haben neun Töchter mitsammen, +die persönlich gewordenen Wellen. Als die Götter in der von Golde +erleuchteten Halle des Ägir beim Gelage sich versammelten, gewahrten +sie, dass Ran ein Netz besass, das sie nach allen Menschen, die auf +die See gingen, ausstellte. Als Loki den Zwerg Andwari fangen wollte, +ging er zu Ran und borgte sich ihr Netz. In den Gedichten wird häufig +beschrieben, wie Ran ihre Beute erjagt, aber dabei verlautet nichts +mehr vom Netze. Von einer Riesin, die Helgis des Hjorwardsohnes +Schiffe zum Scheitern zu bringen suchte, wird gesagt, sie wollte +sie der Ran geben. Von Helgis des Hundingtöters Schiff, das der +Sturmgefahr entronnen, heisst es: Kräftig riss sich aus Rans Krallen +das Gischtross Helgis. Also herrscht die Vorstellung, Ran greife mit +den Händen nach dem in Seegefahr befindlichen Schiffe. Kurz zuvor ist +von den unholden Wogentöchtern Ägirs die Rede, welche die Schiffe +umzustürzen trachteten. In Seesturm und Wogenprall schien den Skalden +die Ran selber thätig zu sein. Im 11. Jahrh. sagt der Skald Ref: das +Wogenpferd (d. i. Schiff) reisst die rot bemalte Brust aus dem Rachen +der Ran (<i>or munni Ránar</i>). Den Tod seines ertrunkenen Sohnes +betrauernd sang Egill: Ran hat mich sehr niedergeschlagen. Ein anderes +Bild braucht die Fóstbrœðrasaga: <span class="pagenum" id="Page_479">[S. 479]</span>Die Töchter der Ran versuchten die +Bursche und trugen ihnen ihre Umarmung an. Die junge, dem 14. Jahrh. +angehörige Fridthjofssaga gefällt sich besonders in der Schilderung +der Ran. Bei einem gefährlichen Sturme sagt Fridthjof: Jetzt muss ich +wahrlich der Ran Bett besteigen, ein andrer wird das der Ingibjörg +einnehmen. Weiterhin wird berichtet: Es steht zu erwarten, sprach +Fridthjof, dass einige von unsern Leuten zur Ran fahren werden. Wir +werden nicht viel gleich sehen, wenn wir dahin kommen, wenn wir uns +nicht prächtig schmücken. Es scheint mir rätlich, dass jedermann +einiges Gold bei sich trage; da hieb er den Ring entzwei, das Geschenk +der Ingibjörg, und teilte ihn unter seine Leute aus und sprach die +Weise: Diesen roten Ring, den Halfdan besass, muss man entzwei hauen, +ehe uns Ägir verdirbt. Gold soll man sehen an den Gästen, ehe wir der +Gastung bedürfen. Das taugt vornehmen Recken mitten in Rans Sälen. +Fridthjof schilt die Ran ein grausames, fühlloses Weib (<i>siđlaus +kona</i>). Obwol die Beutegier der grausamen Meeresgöttin auf diese +Art anschaulich geschildert wird, ist doch der Aufenthalt in den Sälen +der Ran keineswegs mit düstern Farben ausgemalt. Wer im Kampf mit den +Gewalten des Meeres erliegt, wird dadurch zu den Sälen der Seegötter +geladen und dort ebenso ehrenvoll aufgenommen und gehalten, als +derjenige, den eine andre Todesart in die Gemeinschaft anderer Götter +und Geister ruft. Aus der Zeit kurz nach Annahme des Christentums auf +Island wird berichtet: Da hielt man es für gewiss, dass die Leute +bei Ran wol aufgenommen worden seien, wenn zur See umgekommene Leute +ihr Erbmahl besuchten; denn da war noch der alte Aberglaube wenig +geschwächt, obwol die Leute getauft waren und Christen genannt werden +mochten. Um die Mitte des 11. Jahrh. singt der Isländer Sneglu-Halli, +wenn er den Untergang seines Schiffes voraussagen will: Deutlich +sehe ich, wie ich bei Ran sitze; einige sind beim Schmaus mit den +Hummern; klar ist’s, dass man beim Dorsche gaste. Das Verhältniss der +Ertrinkenden zur Ran ist dasselbe wie das Verhältniss der durch Waffen +Gefallenen zu Odin. Nur ist weder hier noch dort der Glaube allgemein +und ausnahmslos. Wie auch waffentote Männer zur Hölle fahren, so +kommen auch Ertrunkene mitunter anderswohin als zur Behausung der Ran. +Thorstein und seine Genossen waren ertrunken. Man erwartet, dass sie +zur Ran kämen. Aber ein Hirte sieht, wie die Seelen der Verstorbenen in +den Berg Helgafell eingehen und <span class="pagenum" id="Page_480">[S. 480]</span>von den Geistern mit grossem Schalle +und Hörnerklang begrüsst werden.⁠<a id="FNanchor_597_597" href="#Footnote_597_597" class="fnanchor">[597]</a></p> + +<p>Ran, als Meergöttin und Gemahlin Ägirs, darf als eine Schöpfung der +Skalden betrachtet werden. Doch erhebt sie sich aus den Gebilden der +allgemeinen Volkssage, aus den Wassergeistern, die im räuberischen +Wesen ihr vollkommen gleichen, die ebenso wie sie freundliche und +feindliche Seiten aufweisen.</p> + +<h4 id="V_Nordisch-finnische_Gottinnen"><b>V. Nordisch-finnische +Göttinnen.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Skadi_1"><b>1. Skadi.</b></h5> + +<p>Über Skadi, des Riesen Thjazi Tochter, die im Riesenland haust, auf +Schneeschuhen läuft und Wild mit dem Bogen schiesst, die durch die +Vermählung mit Njord in den Kreis der Asinnen eintritt, deren Gunst +genossen zu haben, Loki sich rühmt, wurde schon berichtet.⁠<a id="FNanchor_598_598" href="#Footnote_598_598" class="fnanchor">[598]</a> Hier +ist noch der Sage zu gedenken (Ynglingasaga Kap. 9), wonach sie die +Gemeinschaft mit Njord aufgab und dem Odin sich vermählte. Sie hatten +manche Söhne mit einander, einer hiess Säming. Davon dichtete Eywind +im Haleygjatal: Ihn erzeugte der Asen Urheber mit der Riesin, als der +Freund der Helden und Skadi in der Menschenwelt hausten und manche +Söhne die Schlittschuhgöttin von Odin empfing. Auf Säming leitete Jarl +Hakon der Reiche (970–995) seine Ahnen zurück. Die Volsungasaga scheint +Sigi als den Sprössling Odins und der Skadi betrachtet zu haben. +Der mächtige Mann Skadi, dessen Knecht Bredi, der geschickteste und +glücklichste Jäger, von Sigi, dem hochfertigen Sohne Odins, weil er es +ihm auf der Jagd zuvorthut, erschlagen wird, gleicht der riesischen +Göttin Skadi, die als Jägerin auf Schneeschuhen im norwegischen Gebirge +umherstreift. Vermutlich wurde einst Sigi wie Säming für einen Sohn +Odins und der Skadi ausgegeben, der erst wegen seines frevelhaften +Eingriffs in den Betrieb der Mutter deren Land räumen musste. Der Name +der Göttin, Skadi, der Form nach männlich, gab zu dem Missverständnisse +<span class="pagenum" id="Page_481">[S. 481]</span>des Verfassers der Vǫlsungasaga Anlass, welcher die Skadi zu einem +mächtigen Manne machte.⁠<a id="FNanchor_599_599" href="#Footnote_599_599" class="fnanchor">[599]</a></p> + +<p>Für Skadis Wesen zeugt am deutlichsten ihr Sohn Säming, der ein +Vertreter der skandinavischen Urbevölkerung, der Finnen und Lappen, +zu sein scheint. Müllenhoff in der Altertumskunde 2, 55 f. erklärt +Skadi auf diese Weise.⁠<a id="FNanchor_600_600" href="#Footnote_600_600" class="fnanchor">[600]</a> Gleichwie andere Gestalten der nordischen +Mythologie, z. B. Ullr, Thorgerd Hölgabrud und Irpa finnische Art +an sich haben, so auch Skadi. „Der norwegische Mythus lässt die +als Mannweib gedachte und daher masculinisch, wol im Sinne wie as. +<i>scatho</i>, ags. <i>sceađa</i>, <i>latro</i>, <i>hostis</i>, +benannte Göttin Skadi im alten Reiche ihres Vaters, des Riesen Thjazi, +auf dem Gebirge ganz nach Finnenart als Jägerin auf Schneeschuhen +hausen, auch nachdem sie zur Sühne für den Tod des von den Asen +erschlagenen Vaters mit dem reichen Wanen, dem als Handels- und +Schifffahrtsgotte am Seestrand wohnenden Njord vermählt ist. — Als +Vertreterin des Finnentums wird sie angesehen, wenn sie mit Odin ausser +andren Ahnen edler Geschlechter vor allen den Säming, den Ahnen der +Herrscher von Halogaland, also derjenigen Landschaft, wo Lappen und +Germanen zusammen lebten wie nirgendwo sonst, erzeugt haben soll. +Denn altn. Sámr, das wie Finnr als Name, als Adjectiv in dem Sinne +‚schwärzlich von Aussehen‘ gebraucht wird, scheint durchaus dasselbe +mit lapp. <i>Sabme</i>, plur. <i>Samek</i>, wie die Lappen sich selbst +und ihr Land <i>Same-ædnam</i> benennen, so dass das davon gebildete +Patronymicum Sæmingr nur den aus der Ehe eines Germanen mit einer +Lappin Entsprossenen anzeigt. In diesen Mythen tritt unverkennbar die +Ansicht entgegen, dass Lappen und Finnen die älteste Bevölkerung des +Landes waren, die durch die im Dienste der Asen und Wanen stehende der +Nordmannen zurückgedrängt wurde.„ Der Name Skadi hängt wol mit dem +ältesten Landesnamen <i>Skadinavia</i> (nicht Skandinavia) zusammen. +Diese Landesbenennung entlehnten aber die im Norden eindringenden +Germanen von den Lappen. Dass Skadi eine Riesentochter ist, besagt +ebenso, dass ihre Heimat in den unwirtlichen nordischen Gegenden +Skandinaviens, <span class="pagenum" id="Page_482">[S. 482]</span>wo neben Lappen und Finnen auch die Trolle hausen, zu +suchen ist.</p> + +<h5 class="s4" id="Thorgerd_Hoelgabrud_2"><b>2. Thorgerd Hölgabrud.</b></h5> + +<p>Wenn man auf ihren Ursprung achtet, steht Thorgerd der Skadi am +nächsten. In Halogaland, wo Germanen und Finnen zusammen hausten, +kam die Verehrung der Thorgerd Hölgabrud oder Hölgatroll auf. Skadi +begegnet nur in der Göttersage, aber keine tiefer eingreifende +Thätigkeit ist ihr verliehen; dagegen erfahren wir von eifrigem, der +Thorgerd geweihtem Dienste.⁠<a id="FNanchor_601_601" href="#Footnote_601_601" class="fnanchor">[601]</a> Snorri berichtet (SE. 1, 400): So +wird erzählt, dass König Hölgi, nach dem Halogaland genannt ist, der +Vater der Thorgerd Hölgabrud war. Beide wurden durch Opfer verehrt. +Saxo (B. III S. 116) weiss von Helgo, dem König von Halogaland, dass +er um Thora, die Tochter des Guso, des Königs der Finnen und Bjarmier, +warb. Aus beiden Berichten ergibt sich eine Sage, wonach Hölgi (d. i. +<i>Hálogi</i>, <i>Háleygr</i>), der mythische Ahnherr des Geschlechtes +der Haleygjerjarle, mit der Finnin Thorgerd, die eben daher den +Beinamen <i>Hölgabrud</i>, <i>Braut des Hölgi</i>, führt, vermählt +war. Thorgerd und ihre Schwester Irpa wurden die Schutzgöttinnen der +haleygischen Jarle. Jarl Hakon, der berühmteste dieses Stammes, der +970–995 Norwegen beherrschte und das Heidentum wieder aufrichtete, war +ihrem Dienste ergeben. Über Irpa ist aus den Quellen nichts Näheres +zu erfahren. Detter meint, der Thorgerdmythus stehe in Zusammenhang +mit der Sage von Helgi, Thora und Yrsa. Helgi zeugt mit Thora auf +der Insel Thorö bei Dänemark eine Tochter namens Yrsa. Als diese +herangewachsen war, kam Helgi nochmals auf die Insel und machte die +Yrsa, die er nicht als seine Tochter erkannte, zu seinem Weibe. Als er +die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus Reue den Tod. Irpa, die Braune, +das Bastardkind, soll mit Yrsa gleich sein. Daher erklärt sich, dass +bei Snorri Hölgabrud als Hölgis Tochter erscheint. Ursprünglich waren +Thorgerd und Irpa beide Hölgis Bräute. Wie diese berühmte nordische +Sage mit dem haleygischen Jarlsgeschlecht verwoben wurde, bleibt +dunkel. So viel ist gewiss, frühzeitig wurde der Mythus an Halogaland +geknüpft und nahm Züge finnisch-lappischen <span class="pagenum" id="Page_483">[S. 483]</span>Aberglaubens an. Hölgis +Grabhügel bestand nach Snorri SE. 1, 400 aus einer Schicht Gold und +Silber und einer zweiten Schicht Erde und Stein; darnach nannten die +Skalden das Gold die Grabhügeldecke Hölgis. Dem finnischen Gotte +Jumali war nach der Heimskringla S. 382 ff. ein ähnlicher Opferhügel +geweiht. Der Hügel war aus Gold, Silber und Erde errichtet. Thorgerd +und Irpa erzeigen ihre Hilfe durch Wettermachen, Pfeilschiessen aus +allen Fingern, Zauberei, also durch die Künste, um deren willen gerade +die Finnen berühmt waren.⁠<a id="FNanchor_602_602" href="#Footnote_602_602" class="fnanchor">[602]</a> Die Verehrung der Thorgerd und Irpa +wurde ausschliesslich vom Jarl Hakon im südlichen Norwegen ausgeübt und +scheint nur durch ihn aus dem hohen Norden, wo Nordleute und Finnen mit +einander vermischt waren, herunter verpflanzt worden zu sein.</p> + +<p>Die Njálssaga Kap. 88 weiss von einem Tempel im Gudbrandsdal, der +dem Jarl Hakon und Gudbrand gehörte. Drin sass Thorgerd Hölgabrud in +Lebensgrösse, einen Goldring an der Hand und ein Tuch um den Kopf. +Vigahrappr beraubte sie des Kopftuches und des Ringes. Hierauf nahm er +den Ring Thors an sich, der auf seinem Wagen stand. Endlich zog er auch +der Irpa ihren Goldring ab. Hierauf steckte er den Tempel in Brand. +Man hat sich dieser Beschreibung nach im Tempel drei Götterbilder zu +denken, Thor auf seinem Wagen in der Mitte, zu seinen Seiten Thorgerd +und Irpa. Alle drei waren wol gekleidet und mit goldenen Ringen +geschmückt. In der Færeyingasaga Kap. 23 wird von einem andern Tempel +des Jarls im Drontheimischen erzählt. Hakon und Sigmund Brestisson +gingen mit einander in den Wald. Sie kamen zu einem freien Platz, +worauf ein Haus stand. Eine Einfassung von Pfählen war umher. Das +Haus war sehr schön und das Schnitzwerk war mit Gold und Silber +verziert. Hakon und Sigmund gingen in das Haus hinein. Da waren viele +Götzenbilder, viele Glasfenster waren an dem Hause, dass es überall +frei von Schatten war. Eine Frau war in dem Hause quer vor dem Eingang, +und sie war prächtig geschmückt. Der Jarl warf sich ihr zu Füssen und +lag lange. Darauf erhob er sich und sagte zu Sigmund, sie wollten ihr +ein Opfer geben und auf den Stuhl vor ihr Silber legen. Das aber, sagte +Hakon, werden wir zum Zeichen haben ob sie meine Bitten erhören will, +wenn sie den Ring loslässt, den sie an ihrer Hand hat, und der Ring, +Sigmund, wird dir Glück <span class="pagenum" id="Page_484">[S. 484]</span>bringen. Nun zog der Jarl an dem Ringe und es +däuchte Sigmund, als ob sie die Hand zusammen drücke und dem Jarl den +Ring verweigere. Der Jarl warf sich zum zweiten Male vor ihr nieder +und Sigmund bemerkte, dass er weinte. Als er aufstand und wieder an +dem Ringe zog, ging er auch wirklich los. Der Jarl reichte Sigmund +den Ring und sagte, er solle ihn niemals weggeben. In der späten Saga +von Thorleif Jarlaskald (Flateyjarbók 1, 213) ist vom selben Tempel +der Schwestern Thorgerd Hörgabrud und Irpa die Rede, und von einem +Speer, den Hakon aus dem Tempel entnahm und welcher früher dem Hörgi +(d. i. Hölgi) gehört hatte. Vielleicht war ursprünglich Hölgi, nicht +Thor, zwischen den Schwestern aufgestellt gewesen. Die Beschreibung +des Tempels mit Glasfenstern erinnert an eine Kirche, wie sie im alten +Norwegen, das die eigenartigen Holzkirchen erbaute, nicht vorkam; des +Jarls Gebet ist auch nicht echte Heidenart. Endlich ist das Bild, +das den Ring nicht hergeben will, der Venus mittelalterlicher Sagen +ähnlich. Wir haben es mit lauter romantischen, jungen Zusätzen zu +thun, denen keine Gewähr für die wahre heidnische Sitte zukommt. Der +Bericht der Harðarsaga Kap. 19 (Islendinga sögur 2, 59) ist vollends +unbrauchbar. Da ist Thorgerd Schwester des gespenstischen Wikingers +Soti. Auf Island erhebt sich ihr ein Tempel. Grimkell ging dorthin, +um mit Thorgerd Rates zu pflegen. Da sah er, wie sich die Götter +geschäftig zur Ausfahrt rüsteten. Thorgerd wollte Grimkell verlassen +und zu seiner Tochter übergehen. Im Zorne darüber legte Grimkell Feuer +an den Tempel. Noch am selben Tage starb er plötzlich.</p> + +<p>Echter scheint der Beistand zu sein, welchen Thorgerd dem Jarl Hakon im +Kampfe leistet. Schon Bischof Bjarni (um 1200) in der <i>Jómsvíkinga +drápa</i> 32 weiss, dass die Hölgabrud ein Hagelwetter über Hakons +Feinde schickt. Genaueres erzählt die Saga.⁠<a id="FNanchor_603_603" href="#Footnote_603_603" class="fnanchor">[603]</a> In der Schlacht gegen +die Jomswikinger im Jahre 987 oder 988 wandte sich Jarl Hakon, als +seine Sache schlimm stand, an Thorgerd. Mit wenig Leuten fuhr er auf +eine bewaldete Insel. In einer Waldlichtung warf er sich gen Norden +auf die Knie nieder und bat Thorgerd um Beistand. Aber sie blieb taub. +Da glaubte der Jarl, sie sei ihm zornig und bot ihr verschiedene +Opfer an. Aber sie wollte nichts annehmen, und seine Sache dünkte ihm +hoffnungslos. Da verhiess er ihr schliesslich Menschenopfer. Doch +<span class="pagenum" id="Page_485">[S. 485]</span>sie wollte das von ihm versprochene Menschenopfer nicht annehmen. +Da erhöhte er sein Angebot und verhiess ihr alle Leute, nur nicht +sich selber und seine Söhne Eirik und Svein. Der Jarl hatte einen +vielversprechenden 7 Winter alten Sohn mit Namen Erling. Diesen wählte +sich Thorgerd als Opfer. Als sein Gebet und Opfer erhört war, schien +es dem Jarl wieder besser zu werden. Er überantwortete sein Kind dem +Skopti, seinem Knechte, welcher es nach Opferbrauch tötete. Darauf +kehrte der Jarl mit neuer Zuversicht zu seinen Schiffen zurück. Er +sagte: Ich weiss, wir werden die Jomswikinger besiegen; denn ich habe +den Schwestern Thorgerd und Irpa um Sieg geopfert und sie werden +mich so wenig trügen wie früher. Der Kampf, welcher während Hakons +Abwesenheit geruht hatte, entbrannte von neuem. Der Jarl fuhr dem +Führer der Wikinger, Sigwaldi, entgegen im Vertrauen auf Hölgabrud +und Irpa. Da zog im Norden mit grosser Schnelligkeit ein drohendes, +finsteres Wetter auf. Gegen Nachmittag stieg plötzlich das Gewölk empor +und Hagel brach los mit Blitz und Donner, so dass alle Jomswikinger +dagegen zu kämpfen hatten. So stark war das Hagelwetter, dass die +Leute nicht dagegen Stand halten konnten. Sie hatten zuvor wegen +der Hitze die Kleider abgelegt; obwol sie nun von Frost geschüttelt +wurden, gingen sie doch mannhaft ins Gefecht. Da erblickte zuerst +Haward die Hölgabrud im Gefolge Hakons, bald aber sahen sie auch andere +geistersichtige Leute. Ihnen dünkte, als der Hagel etwas nachliess, +dass von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog, und jedesmal wurde +ein Mann dadurch getötet. Sie sagten es Sigwaldi, der erwiderte: Mir +scheint, wir haben hier nicht gegen Menschen zu kämpfen, vielmehr +gegen die schlimmsten Trolle. Als das Unwetter etwas abnahm, rief der +Jarl Hakon nochmals eindringlich zu Thorgerd und ihrer Schwester Irpa, +und mahnte sie, wieviel er ihnen gab, indem er seinen Sohn um Sieg +opferte. Da begann der Hagelsturm von neuem, und Haward erblickte zwei +gleich gestaltete Weiber auf Hakons Schiff, genau so wie er zuvor eine +gesehen hatte. Da gebot Sigwaldi zu fliehen, weil er es nicht mit zwei +Unholdinnen aufnehmen wollte. So gewann Hakon mit Thorgerds Hilfe den +Sieg.</p> + +<p>Um sich am Skald Thorleif zu rächen, rief Jarl Hakon zu Thorgerd +Hörgabrud und ihrer Schwester Irpa, damit sie einen Zauber nach +Island schickten, der den Thorleif zu Schaden brächte. Aus einem +Holzklotz wurde eine Menschenfigur angefertigt und <span class="pagenum" id="Page_486">[S. 486]</span>vermittelst der +Zauberkünste des Jarls und der Schwestern das Herz eines getöteten +Mannes hineingelegt. Der Holzmann wurde auf die Füsse gestellt, +Thorgard genannt und durch teuflischen Zauber dahin gebracht, dass er +gehen und reden konnte. Dann wurde der Spuk nach Island geschickt und +durchbohrte den Thorleif mit dem Speer, den Hakon ihm aus dem Tempel +der Schwestern gegeben und den einst Hörgi besessen hatte.⁠<a id="FNanchor_604_604" href="#Footnote_604_604" class="fnanchor">[604]</a> Wie ein +Troll äussert sich also Thorgerd, weshalb sie auch Hölgatroll heisst. +Überhaupt stellt die jüngere Überlieferung sie auf eine Stufe mit den +Unholdinnen. Es ist schwer, über die ursprüngliche Art der Thorgerd ins +Reine zu kommen. Soviel ist sicher, Hakon verehrte sie als Schutzgöttin +seines Stammes und errichtete ihr Tempel. Im Kampfe half sie ihm mit +Wetterzauber. Dass Hakon Trolle anbetete, ist wenig wahrscheinlich. Der +Jarl erweist sich sonst als eifriger Opferer und ehrt Thor und Odin. +Trotz ihrer unholden, fremdartigen Weise hat er aber doch zu seinen +Stammesgöttern am meisten Vertrauen. Schwerlich hat allein spätere, +christliche Anschauung die Thorgerd so düster dargestellt; denn ebenso +hätte sie mit Thor und Odin verfahren müssen. Schon von Anfang an +musste der Thorgerd etwas Dämonisches anhaften. Auch hier bietet das +Heimatland ihres Kultes Aufschluss: nordgermanische und finnische +Glaubensvorstellungen sind mit einander verschmolzen. Darum mangelt der +Thorgerd der Adel echt nordischer Göttinnen, und steht sie den Trollen +näher.</p> + +<h4 id="VI_Die_Sonnengoettin"><b>VI. Die Sonnengöttin.</b></h4> + +<p>Ein eigentlicher, mythologisch ausgebildeter Sonnendienst begegnet +bei den Germanen nicht. Zwar Caesar⁠<a id="FNanchor_605_605" href="#Footnote_605_605" class="fnanchor">[605]</a> spricht von der germanischen +Religion, als wäre sie ein blosser Glaube an Elementargewalten, an +Sonne, Mond und Feuer. Dem gegenüber enthüllt sich uns schon aus +des Tacitus Bericht ein reicher Götterglaube, der in hohes Altertum +zurückreicht. Caesar hat nur lückenhafte Kenntniss und meint, die +Gesamtheit zu überblicken. Beim Halsband der Frija spielen nach +Müllenhoff Sonnenmythen herein. <span class="pagenum" id="Page_487">[S. 487]</span>Wenn nun die Sonne zwar zu keiner +vergeistigten, persönlich wirkenden und handelnden Göttin Anlass gab, +so eignet doch dem Volksglauben die Neigung, von Frau Sonne und Herrn +Mond zu reden.⁠<a id="FNanchor_606_606" href="#Footnote_606_606" class="fnanchor">[606]</a> Damit ist der erste Ansatz zur Mythologie einer +Sonnengöttin gegeben, aber eine Weiterbildung scheint nie erfolgt zu +sein. Im 7. Jahrhundert predigt der heilige Eligius unter den Franken +<i>nullus dominos solem aut lunam vocet neque per eos juret</i>. Im +Merseburger Zauberspruch tritt <i>Sunna</i> neben <i>Sinthgunt</i> +auf. Am weitesten gedieh die Vorstellung von der Sonnengöttin im +Norden, wahrscheinlich unter dem Einfluss antiker Gelehrsamkeit. +<i>Mundilföri</i> hatte zwei Kinder: <i>Mani</i> hiess der Sohn und +<i>Sol</i>⁠<a id="FNanchor_607_607" href="#Footnote_607_607" class="fnanchor">[607]</a> die Tochter. Diese wurde mit <i>Glen</i> vermählt, +Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass sie solche Namen führten, +und setzten sie an den Himmel. Sol liessen sie die Pferde lenken, +die den Wagen der Sonne zogen, welchen die Götter aus einem Funken +geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog. Die Pferde heissen Arwakr +(Frühwach) und Alswid (Allklug). Unter dem Bug der Pferde befestigten +die Götter zwei Blasebälge, um sie abzukühlen. Diese werden in einigen +Liedern Isarnkol (Eisenkühle) genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes +und waltet über Neumond und Vollmond. Die Sonne fährt schnell, +denn nahe sind ihre Verfolger, die Wölfe Skoll und Hati. Nach dem +Wafthrudnirliede 47 gebiert die Sonne, welche Alfrodul, Elbenstrahl, +genannt wird, eine Tochter. Wenn Fenrir die Sol verschlang, wenn die +Götter vergingen, dann wird die Maid auf den Wegen der Mutter fahren.</p> + +<p>In diesen Berichten lagern mehrere Schichten ganz verschiedener +Vorstellungen übereinander. Aus dem Volksglauben stammen die +persönlich gedachte Sol und der Wolf, der das Tagesgestirn verfolgt. +Dem Lichtgotte war ein Ross zu eigen. Daran mag die Vorstellung von +Sonnenpferden anknüpfen. Alswid, der Alleswissende, kann sogar seinen +Namen vom Rosse des Tiuȥ haben. Die gehegten heiligen Rosse hielten die +Germanen für Mitwisser der Gottheit. Aber alles andre ist fremdartig. +Schon die Genealogie der Sol gemahnt an antike Muster. Die Mythographen +gefielen sich besonders in derlei Stammbäumen von Tag, Nacht, Äther +u. dgl. Der von zwei Rossen gezogene Sonnenwagen ist <span class="pagenum" id="Page_488">[S. 488]</span>dem der antiken +Sage nachgebildet. Nirgends sonst zeigt sich auf germanischem Gebiete +eine Spur davon. Im Namen des <i>Arwakr</i> klingt <i>Eous</i>, das +eine der Sonnenrosse, an. Für die kühlenden Blasebälge lässt sich die +unmittelbare Quelle nicht feststellen. So liegt auch hier im Mythus +von Sol, wie so häufig im Norden, eine aus heimischen und fremden +Bestandteilen zusammengesetzte Sage vor.</p> + +<h4 id="VII_Angebliche_Goettinnen"><b>VII. Angebliche Göttinnen.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Eostre_und_Hrede_1"><b>1. Eostre und Hrede.</b></h5> + +<p>Die germanische Sprache besitzt einen Wortstamm <i>austra-</i> im +Sinne von östlich, morgenlich.⁠<a id="FNanchor_608_608" href="#Footnote_608_608" class="fnanchor">[608]</a> Wie Mittag, Mitternacht, Abend, +so wurde der Begriff „Morgen“, „Morgenröte“ zur Bezeichnung der +Himmelsgegend verwandt. Bei Aufnahme der Jahresteilung nach 12 Monaten +wurde der April bei den Deutschen und Angelsachsen Ostermond genannt, +wahrscheinlich als der Monat des wieder aufgehenden und wachsenden +Morgenlichtes. Dass die Germanen eine *<i>Austrô</i>, eine Göttin +der Morgenröte wie die Inder eine <i>Ušas</i>, die Griechen eine +<i>Eos</i>, die Römer eine <i>Aurora</i> verehrten, ist möglich, aber +durch kein Zeugniss aus dem Heidentum erwiesen. Die Osterbräuche +erklären sich aus dem Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen +Völkern eigen war, aber auf keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist. +Dass der April als der Monat des Morgenlichtes benannt wurde, ist +begreiflich. Dass eine Göttin des Morgenlichtes, <i>Eostre</i> die +Göttin des Frühlings, in jenen Zeiten ein Fest hatte und dem Monat, +in welchem nach der neuen römischen Jahresteilung ihre Feier fiel, +den Namen verlieh, ist eine Meinung Bädas⁠<a id="FNanchor_609_609" href="#Footnote_609_609" class="fnanchor">[609]</a>, die keinerlei Gewähr +hat. Die zahlreichen Monatsnamen <span class="pagenum" id="Page_489">[S. 489]</span>unter den Germanen stammen aus allen +möglichen, insbesondere landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber +sind sie von Götternamen hergenommen. Wol aber wird umgekehrt der Monat +oft persönlich gedacht, selbst unter den römischen Namen. Darum ist +Bädas Meinung, es habe unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre +und Hreda gegeben, wenig glaubhaft.</p> + +<p>Die von J. Grimm in der Mythologie 266 ff. aufgestellten altdeutschen +Göttinnen <i>Hruoda</i>, <i>Ostara</i>, <i>Ricen</i>⁠<a id="FNanchor_610_610" href="#Footnote_610_610" class="fnanchor">[610]</a>, +<i>Zisa</i>⁠<a id="FNanchor_611_611" href="#Footnote_611_611" class="fnanchor">[611]</a> sind aus den Glaubensvorstellungen der alten Deutschen +zu streichen.</p> + +<h5 class="s4" id="Frau_Holle_Berchte_und_andre_weise_Frauen_2"><b>2. Frau +Holle, Berchte und andre weise Frauen.</b></h5> + +<p>Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln, +erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten, +nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen +der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an +dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat +lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und +neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren +vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise +sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich +gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und +ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen +lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren +Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht. +Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau, +obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda +und Berchta, womit <i>Bjort</i>, Menglods Jungfrau, sich <span class="pagenum" id="Page_490">[S. 490]</span>verglich, +galten als alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen +Zeiten unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart +herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht +hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen, +that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der +göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich +ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter +der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen +Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in +den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum +nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den +uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar +ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in +den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu +verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig +Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen +Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und +ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die +Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken⁠<a id="FNanchor_612_612" href="#Footnote_612_612" class="fnanchor">[612]</a>, +so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest +bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und +doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche +keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt +bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen +werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht +in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen +und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber +weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt, +die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch +und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei +Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie +hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen +Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen +<span class="pagenum" id="Page_491">[S. 491]</span>keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei +Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so +gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht +gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten, +eher verbieten.</p> + +<p>Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen +zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und +umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften +darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel +mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn +ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft +greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur +Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den +bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf +Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt +wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder +gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung +deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst +dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der +Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den +einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an +den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit +Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes +und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise +an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst +den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens +einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot +sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des +Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher +der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen +stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter +sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen +Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland +ist <i>Frau Holle</i> oder <i>Hulda</i> bekannt. Das Gebiet der +Volkssagen, welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten +bis in die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins +Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht <span class="pagenum" id="Page_492">[S. 492]</span>Frau Holle auch nach +Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau +Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „<i>Fraw Hulde mit +der Potznasen</i>“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten +vorkommt, fehlen.⁠<a id="FNanchor_613_613" href="#Footnote_613_613" class="fnanchor">[613]</a> Frau Holle gehört zu den <i>Hollen</i>. Die +Hollen in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd. +begegnet <i>holdo</i> für Genius, mhd. <i>holde</i>, der Geist, +<i>waȥȥerholde</i>, der Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-, +Wichtel-, Weixelzopf, der von tückischen Elben verursachten Verwirrung +der Haare. Einkehrende „Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte +geweiht sind. Aus dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der +Unholdin, eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus +der naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den +Hollen, denen es ja auch von Rechts wegen zugehört.</p> + +<p>In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen +wir die <i>Berchta</i> oder <i>Perchta</i>⁠<a id="FNanchor_614_614" href="#Footnote_614_614" class="fnanchor">[614]</a>, bei welcher die +<span class="pagenum" id="Page_493">[S. 493]</span>grauenhafte Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von +der auch einige mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig +Kinderscheuche, wie solches überhaupt den umziehenden Geistern +nachgesagt wird. Im Gebirge um Traunstein sagt man den Kindern am +Vorabend des Erscheinungsfestes, wenn sie böse seien, werde die +<i>Berchte</i> kommen und ihnen den Bauch aufschneiden. Isst man fette +Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon Hans Vintler nennt <i>Frau +Precht mit der langen nas</i>. Ein mhd. Gedicht (von der Hagen, +Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>daȥ iuch Berhte niht trete.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in +den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J. +Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest +in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig +gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin +aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung <i>giperahta +naht</i>, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen +Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden +des Mittelalters datieren mit der Dativform: <i>perhtentag</i>, +<i>perhtennaht</i>. Daraus entwickelte sich die im Sinne einer +Kalenderheiligen persönlich gedachte <i>Perhtennaht</i> d. h. +<i>Nacht der Perhte</i>, wie entsprechend bei den Italienern aus +<i>Epiphania</i> (<i>befania</i>) die Kinderscheuche <i>Befana</i> +ward, wie in Baiern die <i>Luz</i>, die <i>Pfinz</i> aus +<i>Lucientag</i> und <i>Pfingsten</i>, Frau <i>Fasten</i>⁠<a id="FNanchor_615_615" href="#Footnote_615_615" class="fnanchor">[615]</a> aus +der <i>Fastenzeit</i> sich entfalteten. Überall herrscht dieselbe +Vorstellung von der umziehenden Frau, die aber diesmal nach dem +Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14. Jahrh. ist Berchta nicht +nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an Ausbreitung. Dass eine +Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren Benennung im Kalender +wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen zugesellt werden darf, +leuchtet ohne Weiteres ein.</p> + +<p>„<i>Daȥ mære von der Stempen</i>“ zeigt diese in den Ostalpen heimische +Gestalt der Berchte gleich geartet.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>daȥ iuch diu Stempe niht entrete“.</i></div> +<span class="pagenum" id="Page_494">[S. 494]</span> + <div class="verse indent0"><i>daȥ kintlîn dô von forhten aȥ,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>daȥ du die Stempen nennest?</i></div> + <div class="verse indent0"><i>sag mir, ob dus erkennest“.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>der vater sprach: „daȥ sag ich dir,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>du solt eȥ wol gelouben mir,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>eȥ ist so griuwelich getân,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>daȥ ich dirȥ niht gesagen kan:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>wan swer des vergiȥȥet,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>daȥ er niht fast iȥȥet,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>ûf den kumt eȥ und trit in“.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Wie eine Mare kommt hier <i>Stempe</i> (die Stampferin, Treterin, +Drückerin) über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich +nimmt, und von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die +fränkische <i>Trempe</i> (die Trampel)⁠<a id="FNanchor_616_616" href="#Footnote_616_616" class="fnanchor">[616]</a> den Namen erhalten.</p> + +<p>Im 18. Jahrhundert wurde <i>Fru Freke</i>⁠<a id="FNanchor_617_617" href="#Footnote_617_617" class="fnanchor">[617]</a> in Niedersachsen ebenso +geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch +sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich +gar nichts mit einander gemein haben.</p> + +<p><i>De olle Haksche</i>, die Hexe, versieht das Geschäft der +Rockenbesudelung bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau +Harke⁠<a id="FNanchor_618_618" href="#Footnote_618_618" class="fnanchor">[618]</a> damit betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin +Harke vom Harkenberg bei Camern in der Mark mit unterlaufen. <i>Frau +Gode</i>⁠<a id="FNanchor_619_619" href="#Footnote_619_619" class="fnanchor">[619]</a>, die namentlich mit der wilden Jagd verwebt ist und +darum in den Zwölften umzieht, verunreinigt in Mecklenburg und in +der Prignitz den Rocken derer, die nicht abgesponnen <span class="pagenum" id="Page_495">[S. 495]</span>haben. Im +Voigtlande besorgt es die <i>Werre</i>⁠<a id="FNanchor_620_620" href="#Footnote_620_620" class="fnanchor">[620]</a>, die Verwirrerin, wol da +sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt. Sie besichtigt, ob alle +Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall ist, verunreinigt sie +den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer Brei aus Mehl und +Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem reisst sie den Leib auf. +Schon um 1640 ist die fürchterliche <i>Werra</i> bekannt. Am Zürchersee +heisst die Garnverwirrerin <i>de Chlungere</i>⁠<a id="FNanchor_621_621" href="#Footnote_621_621" class="fnanchor">[621]</a>, weil sie faulen +Mägden <i>Chlungel</i>, Kneuel in das unabgesponnene Garn bringt. +Was von den <i>Fronfastenweibern</i>, Frau Fasten in Schwaben und in +der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem +Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der +Schwarmzeit.</p> + +<p>Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten +Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung +der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste +Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer +altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im +späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den +verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die +allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben +waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der +Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber +gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch +ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg +die Spinnstube besuchen.⁠<a id="FNanchor_622_622" href="#Footnote_622_622" class="fnanchor">[622]</a> Hier liegen, falls die Sage Glauben +verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die +alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte +Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation +der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs +ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die +Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht +ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung +rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der +Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte <span class="pagenum" id="Page_496">[S. 496]</span>neben +dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst +gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache +des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene +Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dasselbe Weib, das als Frau Gode oder Wode, Berchte, Holle, Fuik die +Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit +andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche +allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten +zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine +Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an +heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung +gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige, +weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen +Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich +vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in +den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse +bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen +Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem +Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen +Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes +Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die +wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von +Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias +in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische +Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher +Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften +wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man +erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten +eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen. +Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden +Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher +Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch +im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies +zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm⁠<a id="FNanchor_623_623" href="#Footnote_623_623" class="fnanchor">[623]</a> meint freilich, Herodias +und Diana <span class="pagenum" id="Page_497">[S. 497]</span>seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch +wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias und +Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem ist ihr +hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich vermutlich +schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle, Berchte +u. s. w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich die Sache +umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren Gestalten +der Diana und Herodias. Die „<i>turba daemonum in similitudinem +mulierum transformata</i>“, die Schar der Unholdinnen⁠<a id="FNanchor_624_624" href="#Footnote_624_624" class="fnanchor">[624]</a> zog +besonders in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib +in den Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde +Heer. Dass die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen +an Stelle der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist +wol zu verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung, +stark in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf +einzelnen Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich +ohnehin leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur +eine Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem +Wagen erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender +Mann wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie +weiter fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen +Spähne, die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in +ihrer Beziehung zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln +umherziehende aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und +anderer Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias +ihr Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische +Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der +Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann +wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des +lichten Tiuȥ Weib gewesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_498">[S. 498]</span></p> + +<p>Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss +Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der +Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung +Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich. +Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden +ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht +man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht +den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere +Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde, +gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum +begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und +Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies +unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins +deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz +dasselbe erzählt.⁠<a id="FNanchor_625_625" href="#Footnote_625_625" class="fnanchor">[625]</a> In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der +St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum, +welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im +Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria +mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und +spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet +werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.⁠<a id="FNanchor_626_626" href="#Footnote_626_626" class="fnanchor">[626]</a> Durch Brunnen und Seen +steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen +Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden. +Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über +deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen +nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher +die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild. +Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt +zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen +entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die +Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob +blosse Nachahmungen der Mariensagen <span class="pagenum" id="Page_499">[S. 499]</span>vorliegen. Letzteres, dünkt noch +eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle +und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass +zu ihrer Verschmelzung mit Maria.</p> + +<p>Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher +die Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus, +deren Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre +himmlische Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige +Kind mit Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft +Holdas darf, wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen +der Maria verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das +Fest der <i>Maria ad nives, notre dame aux neiges</i>. Aus dem 16. +Jahrhundert, aus der sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen +die Brüder Grimm in den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige +Erzählung. Kaiser Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt, +sein Marienbild auf einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen +wollte, vermochte er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine +Stimme vom Himmel: So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross +und weit sollst du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub +es an vom Himmel zu schneien auf die Stätte.⁠<a id="FNanchor_627_627" href="#Footnote_627_627" class="fnanchor">[627]</a> Die Schnee-Maria +ist somit eine legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte +Gestalt. Allein schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei +eine Eigenschaft Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist +umgekehrt, Frau Holle ist der Maria nachgeahmt.⁠<a id="FNanchor_628_628" href="#Footnote_628_628" class="fnanchor">[628]</a></p> + +<p>Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue +Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf +der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt +sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.⁠<a id="FNanchor_629_629" href="#Footnote_629_629" class="fnanchor">[629]</a></p> + +<p>Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung <span class="pagenum" id="Page_500">[S. 500]</span>den +Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen +Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall +germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich +ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau +wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau +Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und +den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen +die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt +heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen +(Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es +den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka +als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im +wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und +erniedrigte Göttinnen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_501">[S. 501]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="DRITTES_HAUPTSTUCK"> + DRITTES HAUPTSTÜCK. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Von_der_Weltschoepfung_und_vom_Weltende"><b>Von der Weltschöpfung und +vom Weltende.</b></h3> + +<p>Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine +ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in +Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier +liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an +kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden +zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen +fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange +nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende +von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen +Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach, +wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den +Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich +unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur +christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge +erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig, +im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur +Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung +den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden. +Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung +der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die +Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates, +nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das +Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das +Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die +Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre +fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss +hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und +<span class="pagenum" id="Page_502">[S. 502]</span>vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und +von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische +oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese +mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war, +nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder +gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom +reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten +oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder +von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die +zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung +zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele +Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen +und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort, +das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden +gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben +Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber +wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen +und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn +Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang +entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung +nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die +allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen. +Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre. +Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen +Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch +oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden +aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike +oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die +Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den +deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen.</p> + +<h4 id="I_Deutsche_Sagen_uber_den_Ursprung_der_Goetter_und_Menschen"> +<b>I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen.</b></h4> + +<p>Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung +der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2 +bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den <span class="pagenum" id="Page_503">[S. 503]</span>erdgeborenen Gott Tuisto +und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem +Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen, +Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung +der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme +im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor, +Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus⁠<a id="FNanchor_630_630" href="#Footnote_630_630" class="fnanchor">[630]</a>, d. i. den Urmenschen; also +nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt +ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind +Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen, +Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten +sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach +scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich +selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst +worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den +Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen, +wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus +berichtete Reihenfolge.⁠<a id="FNanchor_631_631" href="#Footnote_631_631" class="fnanchor">[631]</a> Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr +Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien — <i>pluris deo +ortos plurisque gentis appellationes</i>. Für die germanische Theogonie +lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich +nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob +der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde +auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen.</p> + +<p>Kauffmann⁠<a id="FNanchor_632_632" href="#Footnote_632_632" class="fnanchor">[632]</a> hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos +<span class="pagenum" id="Page_504">[S. 504]</span>überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725 +hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius +Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle. +Kultgebräuche und Göttersagen (<i>ritus et fabulae</i>) dürfen nicht +schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren +Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit +dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen +und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel +schreibt das Verfahren genau vor <span class="pagenum" id="Page_505">[S. 505]</span>und geht darum auf die heidnischen +Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie +diese beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (<i>deorum +genealogia</i>) zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und +Geburt der einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen +über die andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass +Wesen, welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als +Götter seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie +sich jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl +der Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher +der Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn +diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt +allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen +nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich +und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die +Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem +Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren +entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt: +ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines +Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte +Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten +— <i>quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque +stude</i>. Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den +geborenen Göttern? wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich +unterwerfen? von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder +erzeugt? Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer +den einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige +und allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber +dadurch eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen +Stämme“, wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das +Fehlen ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage +den Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff +ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste +Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte. +Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt +bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte +der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er +seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine <span class="pagenum" id="Page_506">[S. 506]</span>dem nordischen +Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann +aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die +Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche +menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch +sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist +ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen.</p> + +<p>Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser +der Bericht Gregors von Tours 2, 29–31 heranziehen, wie dies auch +von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle +Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen +Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an +Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die +antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde +liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die +Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles, +was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr +der König entgegen: <i>deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac +prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis +est, nec de deorum genere esse probatur</i>. Chlodowech will sagen, +in unsrer Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den +Christengott. Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische +Lieder mögen demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa +im Sinne der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos +gehoben und wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie +wird ebenfalls vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem +Stammbaum von einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie +weit das von Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen +Phrasen beruht. Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich +entstanden sein. Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht +so wörtlich und wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer +Trumpf auf den Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J. +Grimm betont, verdient der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder +theogonischen Inhaltes bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen +sich allerdings leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung +der Welt. Odins Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen +zu erklären, ist vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“, +d. h. Schöpfer, also die Vorstellung <span class="pagenum" id="Page_507">[S. 507]</span>eines den Germanen bekannten +schöpferischen Gottes zu sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan +gezeigt wurde.</p> + +<p>Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., <i>das +sog. Wessobrunner Gebet</i>⁠<a id="FNanchor_633_633" href="#Footnote_633_633" class="fnanchor">[633]</a>, muss häufig dafür herhalten, ein +heidnisches niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu +erweisen, weil ein paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung +schildern, an die Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann +auf Zufall beruhen, da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke +in der gleichen Weise Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand +wird durch die Verneinung dessen, was die sichtbare Welt vor Augen +stellt, beschrieben. Besteht aber ein Zusammenhang, dann bedarf es +keines gemeinsamen heidnischen Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den +gemeinschaftlichen Hintergrund. Alle Begriffe, die im Wessobrunner +Gebet vorkommen, lassen sich aus der Bibel, aus der Genesis Kap. 1 +und aus Psalm 89, 2, belegen. Die Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen +christlichen Einflüssen nicht freigesprochen werden.</p> + +<p>Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., <i>das sog. Muspilli</i> +wurde auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel +im Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen +Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten +Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch +ist in dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als +<i>mûspilli</i>.“ Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und +deutlichste Beweis für die christliche Herkunft des Gedankens vom +Weltbrand, wie unten im Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt +werden soll.</p> + +<p>Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und +des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen +Schlacht.⁠<a id="FNanchor_634_634" href="#Footnote_634_634" class="fnanchor">[634]</a> Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder <span class="pagenum" id="Page_508">[S. 508]</span>an den +Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in +deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide +anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu +Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden +werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet +ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet +sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der +nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere +Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange +J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang +der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu +betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und +rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser +Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine +Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren +Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und +entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen +Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat. +Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche +Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer +byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen +Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort +seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald +frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung +gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende +folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin +zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden. +Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig +die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu +verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen +Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar +erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter +Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer +Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren +Volksglaubens, die für die Geschichte <span class="pagenum" id="Page_509">[S. 509]</span>des deutschen Heidenglaubens +beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer, +vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig +zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt +werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Damit sind die Quellenzeugnisse ausserhalb des Nordens erschöpft. Eine +germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den +verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein +mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders +mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird, +brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die +andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht +auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste +gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In +den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren, +sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein +zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist +nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der +deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen +abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden +Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren +Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine +Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter +vermutlich ferne.</p> + +<h4 id="II_Die_nordische_Schoepfungslehre"> +<b>II. Die nordische Schöpfungslehre.</b></h4> + +<p>Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus, +in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des +9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den +vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf +kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte +Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen +in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama +erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich +auf, eine wundervolle, <span class="pagenum" id="Page_510">[S. 510]</span>tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk +sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche +Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der +germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen. +Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter +Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen +scheint.</p> + +<p>Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter, +die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele +und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren +sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer +entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen +oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den +Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber +mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge +gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von +diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson +thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste +ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus +schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine +Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der +Heidengötter.⁠<a id="FNanchor_635_635" href="#Footnote_635_635" class="fnanchor">[635]</a></p> + +<p>Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist +trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre +als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen. +In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die +heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in +eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir +bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin. +Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde +geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss +gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des +Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung +den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst +vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des +von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich <span class="pagenum" id="Page_511">[S. 511]</span>zuwandten.⁠<a id="FNanchor_636_636" href="#Footnote_636_636" class="fnanchor">[636]</a> +Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich +in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl +sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte +Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war +ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die +Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten +werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal +spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne +geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und +andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie +mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen. +Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen, +dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten +Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger +Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die +Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische +Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube, +mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte.</p> + +<h5 class="s4" id="Das_Chaos_der_Urzustand_und_die_Urwesen_1"> +<b>1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen.</b></h5> + +<p>Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der +Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand, +noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur +gähnende Kluft (<i>ginnunga gap</i>)⁠<a id="FNanchor_637_637" href="#Footnote_637_637" class="fnanchor">[637]</a>, doch nirgends <span class="pagenum" id="Page_512">[S. 512]</span>Gras. Es +wird ein <i>Chaos</i> oder besser <i>Chasma</i>, <i>Hiatus</i>, +gähnender Schlund gesetzt. Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt +in <i>gap</i>, der des Weiten, Gähnenden im dazu gestellten Genitiv +<i>ginnunga</i>. Mit <i>ginnunga gap</i> ist der leere Raum gemeint. +Der leere Raum entstand aber, wie die Gylfaginning ergänzend hinzufügt, +dadurch, dass der wesenlose Urstoff im Norden und Süden zu finsterm +Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer sich verdichtete. „Viele Jahre +vor der Erschaffung der Erde war Niflheim (die Welt des Nebels, des +Dunkels) entstanden; mitten drin liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der +in kesselförmiger Vertiefung rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich +viele Flüsse. Zuerst bestand jedoch die Gegend, welche Muspellsheim +heisst; diese ist hell und heiss, und sie kann von niemand, der dort +nicht zu Hause ist, betreten werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens +Muspell wird weiter unten gehandelt. In der Schöpfungssage tritt +damit nur die Feuerwelt der Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die +Anschauung von Feuer und Wasser als den Urelementen, andererseits wol +auch die christliche Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt. +In Niflheim und Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet: +der Nebel, d. h. die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf +Flüssen, die kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt +das Wasser dem Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der +Übergang des Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die +Elemente als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den +Grenzen des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus +ihrer Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers, +erstehen die ersten organischen Gebilde.</p> + +<p>Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die +Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass +die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut) +erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches +stehen blieb und nicht mehr vorrückte; <span class="pagenum" id="Page_513">[S. 513]</span>da legte sich Reif darauf und +auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine +Reifschicht über die andere nach <i>ginnunga gap</i> hinein. Der +nördliche Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren +Eis- und Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der +südliche Teil wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim +hereinflogen. Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in +der Nähe von Muspellsheim heiss und hell. <i>Ginnunga gap</i> ward so +lau wie windstille Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so +dass er zu schmelzen und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie +ein Mensch gestaltet. Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir +(den gewaltig Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres +Geschlechts.“ So sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):</p> + + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus den Eliwagar   troff ätzendes Gift,</div> + <div class="verse indent2">Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward;</div> + <div class="verse indent0">Das ist der Ursprung  unsres Geschlechtes,</div> + <div class="verse indent2">Drum ist rauh der Riesen Sinn.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu +einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die +unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste +Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und +ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres, +welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis +erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere +Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort +spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von +neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten +auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos +und Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, +als titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt +später auch für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen +Schöpfungslehre als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und +dargestellt. Nach der Vǫlospǫ́ sind <i>Ymir</i> und <i>ginnunga gap</i> +gleichzeitig und mit Recht: sie verhalten sich wie <i>Chaos</i> und +<i>chaos</i>, <i>Abyssus</i> und <i>abyssus</i>. Auf der einen Seite +steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige Vorstellung, auf +der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift. Die Gylfaginning +<span class="pagenum" id="Page_514">[S. 514]</span>philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften Urleib werden konnte, +wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur wirken.</p> + +<p><i>Ymir</i> (zu <i>ymja</i>, rauschen) besagt dasselbe wie +<i>Örgelmir</i>, den rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer +des Meeres, zum riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein +menschenähnliches Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch +die weitere Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im +ersten Leibe beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die +germanische Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht +der Zwitter, ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in +Schweiss, da wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein +eigner Fuss zeugte mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm +Nachkommen. Denn von Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. +34). Ymirs-Örgelmirs Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, +von letzterem stammt das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das +ältere in der grossen Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des +gleichen Stammes in den Namen <i>Hwergelmir</i>, <i>Örgelmir</i>, +<i>Thrudgelmir</i>, <i>Bergelmir</i>. Hwergelmir, der Urquell aller +Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus dem sich auch die +Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre vom Okeanos als dem +Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso das flüssige Element +selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und persönlich gedacht. +So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene Anschauungen neben +einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den Elementen, dem +Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven dichterischen +Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser und der Riese +des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese des Chaos, +so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu erklären, +jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss nicht +selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.⁠<a id="FNanchor_638_638" href="#Footnote_638_638" class="fnanchor">[638]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_515">[S. 515]</span></p> + +<p>Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier +Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die +Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte, +welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines +Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten +der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher +Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte +drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche +und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt +ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches +nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende +treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein +andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung +beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit +spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der +indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu +sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur. +Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen +und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie +Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die +Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten +Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen +der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät +erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf. +Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb +mit den Riesen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten +Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor +Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint +eine edle, gelungene zweite Hervorbringung <span class="pagenum" id="Page_516">[S. 516]</span>gegenüber der ersten +halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen +Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem +Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete +sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529). +Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze +Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen +die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche +Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer +Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt +doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die +Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern +taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen +Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab. +Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft +drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der +nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.</p> + +<p>Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel +Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. +Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen +Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich +darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.</p> + +<p>Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):</p> + + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ungezählte Winter    vor der Erde Schöpfung</div> + <div class="verse indent9">Geschah Bergelmirs Geburt;</div> + <div class="verse indent0">Als Frühstes weiss ich,  dass der erfahrene Riese</div> + <div class="verse indent9">Im Boote geborgen ward.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig +überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot⁠<a id="FNanchor_639_639" href="#Footnote_639_639" class="fnanchor">[639]</a>, dort +wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht die +Bezeichnung <i>„enn fróþe jǫtonn“</i>, der erfahrene Riese, dagegen +spricht. Die nordische Sinflut⁠<a id="FNanchor_640_640" href="#Footnote_640_640" class="fnanchor">[640]</a> fällt noch in die chaotische, +<span class="pagenum" id="Page_517">[S. 517]</span>urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur +Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag +und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut +wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass +die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der +Genesis 7, 11 <i>rupti omnes fontes abyssi</i>, wodurch die biblische +Flut herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern +Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Schoepfung_der_Erde_und_des_Himmels_2"> +<b>2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.</b></h5> + +<p>Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard, +und zwar aus dem Riesenleibe.⁠<a id="FNanchor_641_641" href="#Footnote_641_641" class="fnanchor">[641]</a></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus Ymirs Fleisch       ward die Erde geschaffen,</div> + <div class="verse indent5">Aus dem Blute das brausende Meer,</div> + <div class="verse indent0">Die Berge aus dem Gebein,  die Bäume aus den Haaren,</div> + <div class="verse indent5">Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach.</div> + <div class="verse indent0">Doch aus seinen Wimpern  schufen weise Götter</div> + <div class="verse indent5">Midgard dem Menschengeschlecht;</div> + <div class="verse indent0">Aus dem Hirne endlich    sind all die hartgesinnten</div> + <div class="verse indent5">Wetterwolken gemacht.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen +Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem +Leibe die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und +setzten ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter +jede Stütze setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und +Sudri. Um die Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde +sind also zum Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung +wird dem gewölbten Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das +Himmelsgewölbe erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. +<span class="pagenum" id="Page_518">[S. 518]</span>Der Riesenleib ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt +eine Zusammenstellung von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und +Pflanzen ergibt. Dass Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet +auf eine schützende Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der +Erdscheibe herumlaufenden Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen +Wall (<i>borg</i>), den die Götter wegen der feindlichen Gesinnung +der an den Meeresküsten angesiedelten Riesen rund um die Erde +errichtet hätten. Auch in andern Mythologien finden sich Ansätze oder +ähnlich durchgeführte Gleichungen zwischen Himmel und Erde und einem +Riesenleib. In mittelalterlichen Schriften begegnen Spekulationen +über das Verhältniss des <i>Makrokosmos</i> und <i>Mikrokosmos</i>. +Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter die Gleichungen +Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut, Pflanzen und Haar, +Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied zwischen der +heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass dort die ganze +Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der Mensch aus +natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher geneigt, +die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so dringt +neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage von der +Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit beiderseitiger +selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht abzuweisen, nachdem +ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern und zu verschiedenen +Zeiten auftauchen.</p> + +<p>Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann +ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge +von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die +Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.</p> + +<p>Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim. +Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von +dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf, +der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner +Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende), +Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über +Midgard liegend gedacht ist.⁠<a id="FNanchor_642_642" href="#Footnote_642_642" class="fnanchor">[642]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_519">[S. 519]</span></p> + +<p>Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim⁠<a id="FNanchor_643_643" href="#Footnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a>, der Riesenwelt, +Alfheim⁠<a id="FNanchor_643a_643" href="#Footnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a>, der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein +der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte +Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält +es sich mit Muspellsheim und Niflheim⁠<a id="FNanchor_644_644" href="#Footnote_644_644" class="fnanchor">[644]</a>, die ja schon in Snorris +Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt +als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige +Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten +Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag +altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe +geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.</p> + +<p>Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, +<i>nio heimar</i>. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra +Edda beiläufig von neun Welten die Rede.⁠<a id="FNanchor_645_645" href="#Footnote_645_645" class="fnanchor">[645]</a> Aber nirgends werden +sie aufgezählt, vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So +einfach und klar das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten +Erde (Midgard) sich darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von +neun Welten, will man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen +unterbringen. In den Liedern erscheint <span class="pagenum" id="Page_520">[S. 520]</span>die Neunzahl beidemal im selben +Zusammenhang und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss +alles. Die neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.⁠<a id="FNanchor_646_646" href="#Footnote_646_646" class="fnanchor">[646]</a> Die +Vǫlva und Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen +und in aller Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles +Weltwissen besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu +Grunde. Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe +in den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie +Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen, +Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein +vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten +aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren +Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „<i>heimr</i>“ bezeichnet werden. +Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des +Vorhandenen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom +Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über +welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde und +Meer, schwebt im leeren Raum (<i>ginnunga gap</i>). Dort war ja Ymir +zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer +hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft +Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist <i>ginnunga +gap</i> im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer +Begriff, die Grenze des Weltmeers im hohen Norden.⁠<a id="FNanchor_647_647" href="#Footnote_647_647" class="fnanchor">[647]</a> Midgard ist +die wirkliche Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische +Götterwelt, Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. +Ausser Asgard, Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur +Utgard. Darunter sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und +wilde Landstrecken gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. +Bei der Fahrt Thors nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des +Meeres gedacht. Nach ihrer Landung haben die Gesellen noch einen +breiten und weiten Wald zu durchwandern. <span class="pagenum" id="Page_521">[S. 521]</span>Nach der Gylfaginning werden +die Riesen längs der Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über +die Lage von Utgard schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, +dass die Riesen streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem +Schutzwall Midgards, hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. +Denn jenseits des Meeres ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert +erweiterten sich die geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich +infolge der Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um +874 Island entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge +davon scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. +Handelt es sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr +um wüste Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und +Asgard im chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so +fällt Utgard mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.</p> + +<p>Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich +einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die +Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich. +Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. <i>midjungards</i>, +ahd. <i>mittil-mittingart</i>, as. <i>middilgard</i>, ags. +<i>middangeard</i>) geht überall durch. Midgard ist der mittlere, +eingefriedigte Raum, das mittlere Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von +der natürlichen Anschauung aus, wonach die Erde im Mittelpunkt der +Welt steht. Möglicherweise ist auch wie im griechischen μεσόγαια das +Binnenland gemeint im Hinblick auf das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis +und Himmelskugel stellt sich die Welt dem Auge dar. Dass die Götter im +Himmel hausen, ist von selbst verständlich und wird im langobardischen +Wodansliede bezeugt. Auch die Hölle ist allen Germanen bekannt. Die +Namen Asgard, Utgard u. a. sind aber auf den Norden beschränkt. +Die Grundzüge des Weltbildes scheinen somit gemeingermanisch, +die Einzelheiten und die Sagen von ihrem Ursprung müssen wir +als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange anderweitige +unzweifelhafte Überlieferung versagt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen, +stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man +merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung +liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter +Erscheinungen und Vorgänge des <span class="pagenum" id="Page_522">[S. 522]</span>Naturlebens. Auch fremde Vorbilder +mögen teilweise eingewirkt haben.</p> + +<p>Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen +zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht +fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der +Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.⁠<a id="FNanchor_648_648" href="#Footnote_648_648" class="fnanchor">[648]</a> +Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages, +der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag, +war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf +erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des +Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die +Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht +gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in +früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein. +Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen +Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen +stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der +Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen, +von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen +zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und +Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der +Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger, +unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und +Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi⁠<a id="FNanchor_649_649" href="#Footnote_649_649" class="fnanchor">[649]</a> in +Jotunheim <span class="pagenum" id="Page_523">[S. 523]</span>ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt, +dann mit Onar, endlich mit Delling.⁠<a id="FNanchor_650_650" href="#Footnote_650_650" class="fnanchor">[650]</a> Der ersten Ehe entsprosst +Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen +titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen +Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos +erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor) +erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den +mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter +den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil +Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus, +Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische +Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros +vertreten.</p> + +<p>Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Arwakr und Alswid     ziehn aufwärts die Sonne,</div> + <div class="verse indent7">Ziehn matt sich und müde daran,</div> + <div class="verse indent0">Doch inmitten der Buge  brachten milde Asen</div> + <div class="verse indent7">Klüglich kühlende Eisen an.</div> + <div class="verse indent0">Swalin heisst er,     der Sonnenschild,</div> + <div class="verse indent7">Der vor der glänzenden Göttin steht,</div> + <div class="verse indent0">Felsen und Fluten,     weiss ich, wird Feuer verzehren,</div> + <div class="verse indent7">Fällt er einstmals ab.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden +eigen sind die Blasebälge — denn nach Gylfaginning sind unter den +„kühlenden Eisen“ solche zu verstehen —, welche die in der Sonnenglut +ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich +ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor +dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier +Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“⁠<a id="FNanchor_651_651" href="#Footnote_651_651" class="fnanchor">[651]</a> +genannt. Sonnenwagen <span class="pagenum" id="Page_524">[S. 524]</span>und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft +klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei +Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit +Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass +sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen +sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter +aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.⁠<a id="FNanchor_652_652" href="#Footnote_652_652" class="fnanchor">[652]</a> +Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der +Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht +als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu +bringen. Die Mondflecken⁠<a id="FNanchor_653_653" href="#Footnote_653_653" class="fnanchor">[653]</a> gaben zu allerlei Erzählungen unter den +verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer, +die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über +Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und +Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst; +ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den +Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die +den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also +zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern +trugen, sah man in den Mondflecken.</p> + +<p>Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen +Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen, +zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne +Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.⁠<a id="FNanchor_654_654" href="#Footnote_654_654" class="fnanchor">[654]</a> Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir +selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle +der Götter die Pfade der Mutter fahren <span class="pagenum" id="Page_525">[S. 525]</span>wird. Bei ganzer Verfinsterung +nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch +eine Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der +<i>mánagarmr</i>, der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein +Riesenweib ostwärts von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) +hat die Teufelsbrut geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, +vom Verfolger errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter +über die Welt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den +bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder <i>ásbrú</i>, Asenbrücke, +den Regenbogen.⁠<a id="FNanchor_655_655" href="#Footnote_655_655" class="fnanchor">[655]</a> Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich +fest und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie +doch zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre +Pferde müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den +Ritt. Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte, +wenn die Söhne Muspells verheerend hereinbrechen.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Schoepfung_der_Zwerge_und_der_Menschen_3"> +<b>3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen.</b></h5> + +<p>Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war, +gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen +und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge +Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es +entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere, +welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten. +Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die +Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch +wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung +verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter +der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als +Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie +aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben +sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim +der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die +Lebensform <span class="pagenum" id="Page_526">[S. 526]</span>ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die +Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe.</p> + +<p>Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen +verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen +oder riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen +waren Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von +den Göttern, von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls +Kinder. Aber die Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft +entsprungen, aus Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten +im heiligen Hain den Ursprung ihres Volkes (<i>initia gentis</i>). +Das Handwerksburschenlied weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen +auf den Bäumen wachsen. Im Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen +Sachsen aus den Harzfelsen gewachsen. Entsprechende Züge bietet die +griechische Sage dar. Endlich sind die Menschen von andern höheren +Wesen geformt, gestaltet und beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern +Menschenbilder schufen, erfahren wir nicht. Aber wir hören, wie die +Götter am Ursprung der Menschheit gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt: +Drei Asen, mächtig und hold, fanden im Lande kraftlos Ask und Embla, +unsichern Looses. Hauch und Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch +Wärme noch blühende Farben. Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur +die Wärme und leuchtende Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den +Hergang so: Als Burs Söhne am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei +Hölzer und schufen aus ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele, +der zweite das Leben, der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der +Mann Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht. +Die beiden Berichte stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die +bestimmte Angabe, in welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden +wurden. Auch die Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet +Schwierigkeiten. <i>Fundu tré tvau</i> bedeutet wörtlich: zwei Hölzer; +<i>tré</i> kann ebenso Baumstamm, Baum bedeuten, als <i>trémann</i>, +d. i. Menschenbild, aus Holz gefertigt. Da an beiden Stellen nur von +einer Beseelung und Belebung, nicht aber von einer Gestaltung die Rede +ist, möchte man glauben, dass die Götter hölzerne Menschenbilder, +vielleicht von den Zwergen geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die +Schöpfung der Menschen wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern +vollbracht worden. <span class="pagenum" id="Page_527">[S. 527]</span>Der Name des Stammvaters der Menschen, Askr, +Esche, weist auf seinen Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet, +das eherne Geschlecht sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen +worden. Ob auch in Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft. +Jedenfalls steht im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die +ersten Menschen aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt +ist, dass dieses Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern +durch die Beteiligung göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz +gestaltet, dann belebt. Und in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen +unverkennbar. Vorbild ist die biblische Schöpfungssage mit der +üblichen mittelalterlichen Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten +zeigt sich dieser Einfluss. Die Beseelung geht von der Götterdreiheit +aus. Im Mittelalter galt allgemein die Anschauung, gestützt auf die +Pluralwendung der Vulgata: <i>faciamus hominem</i>, dass bei der +Menschenschöpfung die Dreieinigkeit thätig gewesen sei. Ferner beruht +der gleiche Stabreim <i>Askr und Embla</i> mit <i>Adam und Eva</i> kaum +auf Zufall. Wir haben in der nordischen Menschenschöpfung⁠<a id="FNanchor_656_656" href="#Footnote_656_656" class="fnanchor">[656]</a> ein +lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische und fremde Vorstellungen sich +mit einander vermischten.</p> + +<h5 class="s4" id="Der_Weltbaum_4" title="Der Weltbaum"> +<b>4. Der Weltbaum.</b>⁠<a id="FNanchor_657_657" href="#Footnote_657_657" class="fnanchor"><span class="s5 vam">[657]</span></a> +</h5> + +<p>Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar, +welcher unter mehreren Namen als <i>Yggdrasil</i>, <i>Mimameid</i>, +<i>Lärad</i> vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im +Grimnirlied und in den Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning +nach. Die Seherin kannte den Baum schon in Urzeiten, als er ein +Schössling war, der noch nicht über den Erdboden heraufgetrieben hatte +(Vǫl. 2).</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 19  Eine Esche kenn ich,       Yggdrasil heisst sie,</div> + <div class="verse indent6">  Den gewaltigen Baum      netzt weisses Nass;</div> + <div class="verse indent6">  Von dort kommt der  Tau,   der die Thäler befeuchtet;</div> + <div class="verse indent6">  Immergrün steht er        an der Urd Quelle.</div> +<span class="pagenum" id="Page_528">[S. 528]</span> </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet        nach drei Seiten</div> + <div class="verse indent17">Yggdrasils Esche aus:</div> + <div class="verse indent10">Unter der einen wohnt Hel,  unter der andern die Riesen,</div> + <div class="verse indent17">Die dritte das Menschenvolk deckt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent24">Swipdag.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Ich frage, Fjolswid,     und fordre Antwort,</div> + <div class="verse indent18">Künde mir, was ich wissen will:</div> + <div class="verse indent10">Wie heisst der Baum,  der mit breiten Ästen</div> + <div class="verse indent18">Die weite Welt überwölbt?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent24">Fjolswid.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Mimameid heisst er,    kein Mensch weiss es,</div> + <div class="verse indent18">Aus welchen Wurzeln er wuchs.</div> + <div class="verse indent10">Niemand ahnt’s,     was ihn niederstreckt,</div> + <div class="verse indent18">Feuer nicht fällt ihn noch Stahl.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil +nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht, +der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt +als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18. +Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht +bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche +Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet +täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den +Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist; +zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein +Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und +ab und trägt dem Nidhogg (d. i. schadengierig hauend), dem Wurme an der +Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über +einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in +den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind +unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4).</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Grímn. 35 Yggdrasils Esche     muss Ungemach leiden</div> + <div class="verse indent16">Mehr als ein Menschenkind ahnt:</div> + <div class="verse indent9"> Oben frisst der Hirsch,  es fault die eine Seite,</div> + <div class="verse indent16">Während Nidhogg die Wurzeln benagt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache +der Halle stehen die Ziege Heidrun und der <span class="pagenum" id="Page_529">[S. 529]</span>Hirsch Eikthyrnir und +verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen. +Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst +<i>mjǫtviđr</i>, Baum mit dem rechten Maasse, d. h. der das Maass +gibt, das Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte +Baum. Aber er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das +Menschenpaar, von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in +Hoddmimirs Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit +Hilfe der Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes +Bild vom Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume. +Ihre Zweige erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel +empor. Drei Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt +sinnlos: zu den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den +Riesen, zur Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir +und Nidhogg benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den +Reifriesen sich verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel +befindet sich der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen +hervorbrechen, sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim, +also an den Grenzen von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der +Stamm erhebt sich aus der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone +überwölben die Erde und erfüllen den Himmel.</p> + +<p>Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile +in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht +gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von +weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen Glauben. +Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit ist weder +Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt. Yggdrasil ist +zusammengesetzt aus <i>Yggr</i> „der Fürchterliche“, einer Bezeichnung +Odins, und <i>drasill</i>, einer in der Skaldensprache üblichen +Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im +Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete +Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein +Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins +Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen +war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft +als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass +er Odins Galgen war. <span class="pagenum" id="Page_530">[S. 530]</span>Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen +Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf, +sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, <i>Christi Pferd</i>. Damit +ist der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist +Bugge die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil +und den im Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen. +Das Verhältniss kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter +der Einwirkung der Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in +letzteren heidnische Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen +vom Kreuze haften bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo +eine germanische Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus +unmöglich ist. Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen +als ein Baum besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner +Wurzel sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd. +Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem +Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel +reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes, +seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in +voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die +Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt +über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die +Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir +in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer +Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und +dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht +er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und +mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische +Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden +Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die +Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte +Hölle, den „Wurmsaal“ (<i>wyrmsele</i>), wie in ags. Gedichten die +Hölle benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen +Baumes wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt +unter Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung +veranlasst sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich +bedürfen die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland +befinden sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren +Schmalseiten mit Rankenwerk <span class="pagenum" id="Page_531">[S. 531]</span>bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen +Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube +fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf +ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum +mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen +Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn. +Sowol <i>rati</i>, Ratte, als auch <i>toskr</i> (ags. <i>tusc</i>) sind +englische Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein +Verhältniss gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der +englischen Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie +der Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel. +Im Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine +Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen +Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den +Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte +vom einen zum andern trug.</p> + +<p><em class="gesperrt">Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum +Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft +zum heiligen Symbole der Welt erhoben wird</em>, streitet bestimmt +gegen die Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, +wie wir sie bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle +Ungereimtheit schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist +eine Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen +Völker des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus +entstanden sein.</p> + +<h4 id="III_Weltuntergang"><b>III. Weltuntergang.</b></h4> + +<p>Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom +Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich +aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes +und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51–53 beruht auf +denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und +hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung +der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer, +der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um +935 und <span class="pagenum" id="Page_532">[S. 532]</span>Arnor jarlaskald um 1065.⁠<a id="FNanchor_658_658" href="#Footnote_658_658" class="fnanchor">[658]</a> Die Preislieder auf die Könige +Eirik und Hakon, zwischen 940–950 und 961–970 verfasst, gedenken +der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den +Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben +die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.⁠<a id="FNanchor_659_659" href="#Footnote_659_659" class="fnanchor">[659]</a></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen    die Asen zusammen,</div> + <div class="verse indent6">Altäre zu schaffen     und Tempel zu bauen;</div> + <div class="verse indent6">Sie gründeten Essen,   das Gold zu schmieden,</div> + <div class="verse indent6">Hämmerten Zangen   und Handwerkszeug.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 8. Im Hofe übten sie     heiter das Brettspiel —</div> + <div class="verse indent6">An blitzendem Golde  gebrach’s ihnen nicht —</div> + <div class="verse indent6">Bis die mächtigen drei  Mädchen kamen,</div> + <div class="verse indent6">Die Töchter der Riesen aus Thursenheim.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu +dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist. +Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert +die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag +der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und +Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der +Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja, +Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 26. Da wankten die Eide,  die Worte und Schwüre,</div> + <div class="verse indent9">Die festen Verträge,  die man vordem schloss.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die +bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der +Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle +Handlungen der Götter eine tiefere <span class="pagenum" id="Page_533">[S. 533]</span>und weitere Bedeutung. Namentlich +Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken. +An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte +Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben +die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht +Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren, +aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft +reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum +verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs +Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit. +Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten +die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der +Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre +Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht +ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln +geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes +Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige +Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener +und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein +verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem +das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt +ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu +sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter, +dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber +aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme, +und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter +einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre +Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem +Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte +des Hyndlaliedes 44:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es steigt das Meer      im Sturme zum Himmel,</div> + <div class="verse indent0">Die Länder verschlingt es,  die Luft wird eisig;</div> + <div class="verse indent0">Schneemassen bringt     der schneidende Wind,</div> + <div class="verse indent0">Doch den Regen hemmt   der Rat des Schicksals.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der +überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_534">[S. 534]</span></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder    und fällen einander,</div> + <div class="verse indent9">Die Banden des Bluts    brechen Schwestersöhne,</div> + <div class="verse indent9">Arg ist’s in der Welt,      viel Unzucht gibt es —</div> + <div class="verse indent9">Beilzeit, Schwertzeit,     es bersten die Schilde,</div> + <div class="verse indent9">Windzeit, Wolfzeit,     ehe die Welt versinkt —</div> + <div class="verse indent9">Nicht einer der Menschen wird den andern schonen.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der +schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im +Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht +Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters +Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn. +So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen +Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall +versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute +der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in +unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls +gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte +Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle +erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den +Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt +sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den +steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den +schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung.</p> + +<p>Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt +wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt +Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange +durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar⁠<a id="FNanchor_660_660" href="#Footnote_660_660" class="fnanchor">[660]</a>, +das Schiff, in dem die Riesen <span class="pagenum" id="Page_535">[S. 535]</span>heranfahren, wird flott. Von Norden her +segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem +Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und +Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren +zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und +Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten +her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer +steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die +Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die +Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde +der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am +jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden +Schlag zu führen.</p> + +<p>Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im +Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen. +Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes +vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800 +Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu +kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes +feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den +Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem +Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen +und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr +kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt. +Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht +er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die +Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich +gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki +streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm, +Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung +der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem +Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu +Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal +beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren +zum Kampfe ausziehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_536">[S. 536]</span></p> + +<p>Die Götter sind gefallen, da erhebt sich <i>Muspell</i>, Surt +schleudert Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne +wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen +Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel.</p> + +<p>Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere. +Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach +Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen +über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im +Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten +die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse +wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle, +das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht +durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der +Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe +verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors +Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr, +Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht +löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen +Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar +und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet; +ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter, +welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein +neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und +Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom +Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten +Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige, +hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum +jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt +der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der +Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.⁠<a id="FNanchor_661_661" href="#Footnote_661_661" class="fnanchor">[661]</a> Überm +Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun +muss er versinken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_537">[S. 537]</span></p> + +<p>So verlaufen <i>ragna rök</i>⁠<a id="FNanchor_662_662" href="#Footnote_662_662" class="fnanchor">[662]</a>, die Schicksale der Götter in +deutlich gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes +äussern sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen +Ordnung unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall +der Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht +wieder in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte +Gott zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit +den Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung +mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten +Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne +weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein +und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist +ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar, +sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein, +als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und +Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen +Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10. +Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter +den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf +keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie +gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen, +besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist +ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu +betonen.</p> + +<p>Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als +eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei +der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere +Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das +baierische Gedicht Muspilli und <span class="pagenum" id="Page_538">[S. 538]</span>anderweitige Überlieferung⁠<a id="FNanchor_663_663" href="#Footnote_663_663" class="fnanchor">[663]</a> +beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen +Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum +Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe. +Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte +Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden +geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren +teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da +ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht. +Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der +Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens +wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die +Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu +tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der +Weltbrand.⁠<a id="FNanchor_664_664" href="#Footnote_664_664" class="fnanchor">[664]</a> Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die +doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen. +Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber +sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der +Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im +gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten +wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der +höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die +nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter +hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen +Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich +erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische +Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das +Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt +wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die +Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor +allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht +mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren +Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen +der christlichen <span class="pagenum" id="Page_539">[S. 539]</span>Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten +und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche +Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um +allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die +Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste +Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben +angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich +einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele +streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde +gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her +hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche +Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden +müssen, an <i>múspell</i> und an dem <i>starken Herrscher von +oben</i>. Múspell legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in +Niederdeutschland christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen +namentlich die Angelsachsen manches vermittelt haben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Wort <i>mûspilli</i>⁠<a id="FNanchor_665_665" href="#Footnote_665_665" class="fnanchor">[665]</a> begegnet im Altsächsischen und +Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische +<span class="pagenum" id="Page_540">[S. 540]</span>Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der +Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag +kein Verwandter dem andern vor dem <i>mûspille</i> zu helfen.“ Die +Begriffe <i>stûatago</i>, Sühnetag und <i>mûspilli</i> decken sich. +Im Heliand 2591 wird die Wendung gebraucht: „<i>mûdspelles</i> Macht +fährt über die Menschen, das Ende dieser Welt“; 4358 „<i>mûtspelli</i> +kommt in düstrer Nacht wie ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe +sind <i>duomes dag</i>, Gerichtstag, und <i>the lazto dag theses +liohtes</i>, der jüngste Tag dieser Welt. Die Grundform des Wortes +scheint <i>mûdspelli</i>, <i>mûdspilli</i> zu sein, im Ahd. mit Ausfall +des dentalen Lautes <i>mûspilli</i>, der Sinn Weltende durch Feuer, +Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42 bringen den +Ausdruck <i>múspelz syner</i>, Múspells Söhne. Darunter sind die +Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über die +Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit <i>múspell</i> +nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt +die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden +die Feuerwelt <i>Muspellsheim</i> gedacht, über welche Surtr⁠<a id="FNanchor_666_666" href="#Footnote_666_666" class="fnanchor">[666]</a> +die Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und +am Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die +Welt mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines +Erachtens ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im +Ags. der Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (<i>se +bláca</i>, <i>se bláca gæst</i>, <i>se swearta féond</i>) und noch +im Mhd. der <i>hellemôr</i> genannt wird. In der mittelalterlichen +Vorstellung ist die Hölle ebenso ein eisiger, nebliger, dunkler, wie +ein feuriger, flammenerfüllter Ort. Daraus sonderten sich im Norden +zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki und die Feuerhölle mit Surt. Am +jüngsten Tage aber kommen die Teufel los, die bisher zurückgehalten +worden waren. Die nordische Anwendung des Begriffes <i>múspell</i> +ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint, <i>múspells</i> Söhne +sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand veranlassen, die +Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild <span class="pagenum" id="Page_541">[S. 541]</span>wörtlich und gelangt so +zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen bis zu ihrem Hervorbrechen +am jüngsten Tage weilen. Dass <i>Muspellsheim</i> und <i>Niflheim</i> +an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt sich aus der Lehre +von den Elementen, welche der Verfasser dieses Abschnittes mit den +älteren Sagen verknüpft. Den Namen <i>mûdspelli</i> finden wir also in +Deutschland nur als Glied einer christlichen Vorstellungsreihe, während +er zugleich auch der nordischen Mythologie angehört. Daraus wurde +vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind urgermanisch, heidnisch +und vom Christentum angenommen. <i>Mûdspelli</i> ist zusammengesetzt +aus <i>mûd</i> und <i>spelli</i>. <i>Spelli</i>, <i>spilli</i> ist +abgeleitet von as. ags. ahd. <i>spell</i>, got. <i>spill</i>, Rede, +Verkündigung, Weissagung. <i>Mûd</i> aber scheint ein Lehnwort, das +lateinische <i>mundus</i>. Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen +oder Friesen wurde <i>mundus</i> zu <i>mûd</i> entstellt in Anlehnung +an Wörter wie <i>mûd</i>, <i>kûd</i>, <i>gûđ</i>, für hochdeutsch +<i>mund</i>, <i>kund</i>, <i>gund</i>, aus <i>*mundspelli</i> bildete +sich <i>mûdspelli</i>. Aus Niederdeutschland gelangte der in der +frühesten Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. +Jahrh. geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. +<i>Mûdspelli</i> bedeutet, was vom <i>mundus</i> verkündigt, geweissagt +ist, Prophezeihung von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von +der Welt verkündigt wird, ist aber das Weltende. Die christlichen +Sendboten werden diese Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. +Das Furchtbare ergreift die Phantasie am mächtigsten, das Weltende +und seine Vorzeichen beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist +der Menschen. Dass aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen +verbunden wurde, hat nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der +Bekehrung besass die deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden +Begriff <i>„Welt“</i>, d. h. Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn +das altdeutsche <i>weralt</i> heisst Menschheit und nahm erst allmälig +in der christlichen Zeit die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab +es wol Wörter, aber die genügten nicht, um die Vorstellung, welche das +lateinische <i>mundus</i> längst besass, zu erwecken. So mussten die +Missionäre zunächst wol oder übel beim lateinischen Ausdruck beharren. +Der neue Begriff wurde den Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes +beigebracht, bis die Sprache nach und nach aus eignem Wortschatz +den Gedanken auszudrücken lernte. So scheint also die Wortbildung +<i>mûdspelli</i> gar nicht unmöglich und unglaubhaft. Das rechte +Verständniss für die Zusammensetzung erlosch wol binnen kurzem, aber +das Wort haftete im <span class="pagenum" id="Page_542">[S. 542]</span>Sinne von Weltuntergang im Feuer, Weltbrand. So +gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von oben kommt  der allgewalt’ge</div> + <div class="verse indent0">Hehre Herrscher  zum höchsten Gericht</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede +45:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch ein Gott wird kommen,  noch grösser an Macht,</div> + <div class="verse indent0">Nimmer wag ich’s,        seinen Namen zu melden:</div> + <div class="verse indent0">Nur wenige können     noch weiter sehen,</div> + <div class="verse indent0">Als Walvaters Kampf     mit dem Wolf beginnt.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der +Vǫl.:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einen Saal seh ich stehen —  die Sonn’ überstrahlt er —</div> + <div class="verse indent0">Mit Gold gedeckt        auf Gimles Höhen:</div> + <div class="verse indent0">Dort werden wohnen     wackere Scharen</div> + <div class="verse indent0">Und ein Glück geniessen,    das nimmer vergeht.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich der +Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen werden. +Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt auch besser +zur Bedeutung des Wortes.⁠<a id="FNanchor_667_667" href="#Footnote_667_667" class="fnanchor">[667]</a> Gimle besteht aus an. <i>gimr</i>, +einem Lehnwort, wie ags. <i>gim</i> aus lat. <i>gemma</i> entnommen, +und aus <i>hlé</i>, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal +mit goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel +3, wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater +erzählt, berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, +ist das, dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der +Leib zwar verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei +ihm weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur +Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin +bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des +Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender +als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, <span class="pagenum" id="Page_543">[S. 543]</span>wenn auch Himmel +und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in +Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts +Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im +Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der +weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der +Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem +meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige +Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte +heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des +Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens, +wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit +der Himmel⁠<a id="FNanchor_668_668" href="#Footnote_668_668" class="fnanchor">[668]</a> zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen +Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt. +In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen +erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte, +welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen, +folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und +über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel, +Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe +belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen +umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten +die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor. +Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und +Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich +missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen. +Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf +den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die +Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_544">[S. 544]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="VIERTES_HAUPTSTUCK"> + VIERTES HAUPTSTÜCK. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Die_gottesdienstlichen_Formen"><b>Die gottesdienstlichen +Formen.</b></h3> + +<h4 id="I_Der_Goetterdienst_im_allgemeinen_und_das_Opferwesen"><b>I. Der +Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen.</b></h4> + +<p>Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus, +der die Angelsachsen bekehren sollte.⁠<a id="FNanchor_669_669" href="#Footnote_669_669" class="fnanchor">[669]</a> Darin hiess es: Erstens muss +man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man +mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre +und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut, +so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu +christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses +heidnische Volk <span class="pagenum" id="Page_545">[S. 545]</span>desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten +komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere +zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu +belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen. +Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der +heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus +Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus +Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so +diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen +Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung, +Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die +Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden +lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt +werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist, +diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb, +weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist, +dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht.</p> + +<p>Gregors Worte dürfen füglich unsern Betrachtungen über den +Gottesdienst der heidnischen Germanen voranstehen, weil dadurch +deutlich ausgesprochen ist, dass die heidnischen Kultusformen in der +christlichen Zeit vielfach weiter leben. Zwar befolgten die Bekehrer +nicht immer so milde Grundsätze, wie Gregor anempfiehlt. Mit Brand und +Bruch ward oft genug der Götterdienst der Heiden niedergelegt. Aber im +Grunde kam das gleiche Ergebniss heraus, hier eine freiwillige, dort +eine widerstrebende Bewahrung heidnischer Bräuche. Mithin darf auch +mancher spätere und nur in christlicher Fassung überlieferte Zug zur +Aufhellung ursprünglich heidnischer Zustände verwertet werden.</p> + +<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_in_der_Rechtsordnung_1"><b>1. Der +Götterdienst in der Rechtsordnung.</b></h5> + +<p>Der Götterglaube durchdringt das gesamte Leben des germanischen +Volkes. Rechtswesen und Kriegswesen, Ding und Heerfahrt sind ebenso +religiös geweiht, wie alle wichtigeren Ereignisse des Einzellebens +von religiösen Handlungen begleitet sind. Die Nachrichten, die +natürlich wieder am reichlichsten aus nordischen Quellen zu erholen +sind, zeigen den Götterglauben mit vielen <span class="pagenum" id="Page_546">[S. 546]</span>Bräuchen, mit der gesamten +sittlichen Lebensauffassung aufs engste verknüpft. Die allgemeinen +religiösen Formen scheinen bei allen Stämmen ziemlich gleichartig +gewesen zu sein, die grossen Unterschiede, welche die Göttersagen, +d. h. die Gebilde einzelner Dichter, aufweisen, stossen uns hier +nicht so sehr auf. Freilich hören wir auch selten von Einzelheiten, +selbst der Name der angerufenen Gottheit bleibt meistens verschwiegen. +Aber der Gottesdienst wurzelt in uraltem Herkommen und wird von den +Veränderungen der Göttersage wenig berührt.</p> + +<p>An der Spitze der germanischen Volksstämme steht in den ältesten +Zeiten der Adel, eine kleine, stets sich vermindernde Schar edler +Geschlechter, aus denen die Könige gewählt wurden. Das Wesen des +Adels tritt in einer sagenumwobenen Ahnenreihe zu Tage, an deren +Ursprung Götter stehen. So sind die angelsächsischen Könige und +damit auch die sächsischen, jütischen, anglischen Wodans Söhne, +ebenso die fränkischen Walsungen. Der Ahnherr der Könige ist oft dem +Stammesheros, nach dem das Volk sich nennt, gleichgestellt und dabei +ein Göttersohn, so vermutlich Ingo, Irmino, Istvo als Söhne des Tiuȥ. +Die Amaler entstammen den <i>ansîȥ</i>, den Göttern. Nordische Könige +werden Freys oder Tys Gesippte genannt. Das Volk zeigt überall treue +Anhänglichkeit an seinen Adel, in welchem es den Göttern sich verwandt +fühlt. So ragt der Götterglaube in die Ständeordnung herein. Unter +sich selber stufen die Stämme eines Volkes wol nach den ältesten +und vornehmsten Adelsgeschlechtern sich ab, so die Semnonen mit dem +schaurig-heiligen Walde, wo Tiuȥ waltet, wohin die ersten Anfänge des +Volkes zurückdeuten, neben den übrigen Sueven. Wie spätere Sagenbildung +bis zu dem Gedanken, alle Menschen seien Gottes (Heimdalls) Kinder, +vorschreitet, ist beiläufig erwähnt worden. Für den Glauben der Urzeit, +als die Germanen ins Licht geschichtlicher Überlieferung eintreten, +haben wir mit der Thatsache zu rechnen, dass die Volksstämme in ihren +ältesten und vornehmsten Adligen, denen das Königtum anvertraut wurde, +Abkömmlinge der Volksgötter ehrten.</p> + +<p>Über die friesischen Götter sagt Richthofen⁠<a id="FNanchor_670_670" href="#Footnote_670_670" class="fnanchor">[670]</a> auf Grund der +Quellenzeugnisse: Die heidnischen Friesen verehren Götter und machen +sich Bilder von ihren Göttern. Ihnen sind Güter aller Art geweiht, +sie haben Tempel, Äcker, Wälder, Seen, Quellen, <span class="pagenum" id="Page_547">[S. 547]</span>weidende Tiere, +Schätze; ihnen wird geopfert, auch Menschenopfer fallen, vor allem von +solchen, die ihre Heiligtümer verletzten. Darum kam Willebrord mit +seinen Genossen fast ums Leben. Sie, die Unbesiegbaren, entscheiden +unmittelbar der Menschen Geschick, verkünden befragt durch das Loos +ihren Willen. Sie sind der Urquell allen Rechtes, es ist von ihnen +geschaffen, von dem geheimnissvollen Fremdling, der unter den zwölf +Asegen erschien und sie des Landrechts unterwies; sie verkünden es +durch ihre Priester, die Asegen, die Rechtsverkündiger, und bringen es +im Gottesurteil zur Geltung.</p> + +<p>Ding und Dingstätte sind dem Schutze der Götter geweiht.⁠<a id="FNanchor_671_671" href="#Footnote_671_671" class="fnanchor">[671]</a> Den +eigentlichen Verhandlungen voran gehen sakrale Bräuche, deren Zweck +eben darin beruht, den Beistand der Götter zum Gerichte anzurufen. Als +Gerichtstage galten noch in christlicher Zeit besonders Dienstag und +Donnerstag, woraus zu vermuten ist, dass Donar und Tiuȥ des Gerichtes +walteten. In uralter Zeit fanden Menschenopfer zur Heiligung der +Dingstätte statt, ein Brauch, den die spätere mildere Zeit in Norwegen +zur Freigebung eines Unfreien verwandelte. Mit dem Opfer waren die +üblichen Trünke verbunden, was ebenfalls noch aus späteren Bestimmungen +der christlichen nordischen Rechte hervorgeht. Mit feierlichem Opfer an +die Gottheit werden die Gau- und Volksgerichte angehoben haben. Dieses +Opfer mag in den allgemeinen üblichen Formen verlaufen sein. Dann +folgte die Heiligung, die Hegung des Dinges, welche der Priester oder +der leitende Fürst oder König besorgte. Diese besteht in feierlichen +Erklärungen, die in der Verkündigung des Dingfriedens gipfeln, und ist +mit einer räumlichen Einfriedigung, Hegung des Verhandlungsplatzes etwa +mittels Pflock und Seil verbunden. Innerhalb der Dingstätte herrscht +ein heiliger Frieden, dessen Grenzen durch die Hegung abgemarkt +werden. Auf Island bezeichnet <i>Þinghelgi</i>, Dingheiligung den +Dingfrieden, die Dinghegung und Dingstätte, <i>vébǫnd</i>, Weihbande, +heilige Bänder, heissen die um die Dingstätte gezogenen Schnüre. +Der Priester sprach das feierliche Gebot des Stillschweigens aus. +Zur Eröffnung des Gerichtes leiten die Hegungsfragen, die an die +Gerichtsgemeinde oder an ein einzelnes Mitglied gestellten Fragen +des Richters, ob es Dinges Zeit und Ort sei, ob das Gericht gehörig +<span class="pagenum" id="Page_548">[S. 548]</span>gehegt, gespannt oder besetzt sei, ob er den Gerichtsfrieden +gebieten solle. Vielleicht wurden diese altertümlichen Hegungsfragen +in der Urzeit vom Vorsitzenden Richter an die Priester gestellt, +welche darüber die Loose zu befragen und den Willen der Götter zu +erkunden hatten. Diese bestätigten hierauf die gehörige Erfüllung der +Einhegungsförmlichkeiten. Dann wurde Stille geboten und der heilige +Dingfriede gesetzt. Die Mitwirkung der Götter äussert sich wiederum +beim Eide. Der Schwörende musste einen Gegenstand berühren, der sich +auf die als Zeugen des Eides und Rächer des Meineides angerufenen +Götter bezog. Uralt ist der germanische Waffeneid, meist aufs +Schwert, das nach Ammianus bei den Quaden göttliche Verehrung genoss, +abgelegt. Zeuge mag der „<i>Schwertgott</i>“, Saxnôt, Tiuȥ gewesen +sein. Goten und Nordgermanen schwuren auf Ringe, die zuvor in das Blut +des Opfertieres getaucht worden waren. Eine nordische Eidformel ist +überliefert: Ich schwöre auf den Ring einen gesetzlichen Eid, so wahr +mir Freyr, Njord und der allmächtige Ase (Thor) helfe, zu klagen, zu +verteidigen, zu zeugen, Wahrspruch oder Urteil zu fällen nach bestem +Wissen und Gewissen und nach Rechtsbrauch. Das Gottesurteil, das +Ordal dient nach altem Rechtsbrauch als Beweismittel. Die Elemente, +Feuer und Wasser, die Loose werden befragt. Die Götter offenbaren ihr +Wissen um die Vergangenheit bei gewissen Handlungen. Das Ordal dient +übrigens im ältesten Rechte nicht bloss als Beweismittel, sondern es +wird auch angewendet, um den Willen der Götter zu erkunden, ob ihnen +der bereits überführte Verbrecher oder der gefangene Feind als Opfer +genehm sei. Das germanische Recht bestraft schwere Verbrechen auf +zweifache Art. Der Missethäter wird aus dem Frieden gethan und in Wald +und Wildniss gewiesen. Dort schweift er wie ein Wolf umher, sein Leben +ist verwirkt, er kann von jedermann getötet werden. Das Recht entzieht +dem, der es gebrochen, seinen Schutz, besonders den Frieden. Ob er +zu Grunde geht, bleibt aber dem Schicksal, der waltenden Gottheit, +überlassen. Es gibt aber Verbrechen, Neidingswerke, die nicht allein +Menschensatzungen zerreissen, die auch den Zorn der Götter hervorrufen. +Auf solchen Verbrechen steht Todesstrafe.⁠<a id="FNanchor_672_672" href="#Footnote_672_672" class="fnanchor">[672]</a> Der Missethäter wird +der Gottheit als Opfer gegeben, auf dass die Rache der Götter, welche +durch die Unthat gereizt wurde, von der Rechtsgenossenschaft abgewandt +werde. <span class="pagenum" id="Page_549">[S. 549]</span>Demnach ist die heidnische Todesstrafe ein Kultakt, ein Opfer. +Daher rührt noch das umständliche Ritual, das den Todesstrafen des +Mittelalters anhaftet. Ganz bestimmt wird das Hängen, das Ertränken, +das Rückenbrechen als Opferhandlung bezeugt. Die Kriegsgefangenen +wurden aufgehängt, dem Tiuȥ und Wodan geweiht, aber ebenso auch +Verräter und Heerflüchtige zur Sühne ihrer Schandthat. Neben den +Tempeln befanden sich Teiche, in denen die Opfer ertränkt wurden; die +Sklaven der Nerthus versinken im heiligen See; in gleicher Weise werden +nach Tacitus Feiglinge, Schwächlinge und Unzüchtige in Sümpfen versenkt +und mit Dornen bedeckt. Kriegsgefangene aus der Schlacht im Teutoburger +Wald wurden lebendig begraben. Auch diese Opferhandlung begegnet als +besondere Todesstrafe. Wo die Westisländer sich zum Ding versammelten, +an der Dingstätte, in der Nähe des Tempels sah man in den Tagen Aris +noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfer verurteilt wurden; in +dem Ringe stand der Thorsstein, an welchem die Leute gebrochen wurden, +die man zum Opfer gebrauchte, und man sah noch die Blutfarbe an dem +Stein. Beim Allding des Jahres 1000 werfen die christlichen Isländer +den heidnischen vor, sie wählten die schlechtesten Leute, um sie ihren +Göttern zu geben, und opfern sie mit einem abscheulichen Tode und einem +ihrer Missethaten wegen ihrer würdigen, sie stürzen sie von Bergen +herab oder in Felsschluchten. Mit der Auffassung der Todesstrafe als +eines Sühneopfers hängen die umständlichen Formen zusammen. Beim Hängen +dient der Weidenstrang anstatt des Strickes, der dürre laublose Baum +anstatt des Galgens; Hunde werden mitgehängt u. dgl. Kauffmann⁠<a id="FNanchor_673_673" href="#Footnote_673_673" class="fnanchor">[673]</a> +betrachtet auch die Ächtung als eine Kulthandlung. Der Verfehmte, der +wie ein Tier wehrlos und selbst gefesselt in den Wald gejagt und dem +Tod preisgegeben wurde, sei es, dass er verhungert und verschmachtet +oder von Tieren zerrissen wird, sei ein unmittelbares Opfer an die +Gottheit; nur dass die Gottheit im schauerlichen unheimlichen Bannwalde +selber das Urteil vollstreckt und an sich nimmt, während sonst der +Mensch das Blut des Opfers vergiesst. Das germanische Strafrecht beruht +auf dem Grundgedanken der Sühnung. Wo durch Missethat der Zorn der +Götter gereizt ist, tritt „öffentliche“ Strafe ein, die einzig mögliche +Sühne, der Opfertod.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_550">[S. 550]</span></p> + +<p>Wie die Götter das Recht einsetzten und seiner Handhabung walteten, +so nahm das Recht auch wiederum darauf Bedacht, dass der Dienst der +Götter gehörige Pflege fand. Im Norden gab es gesetzliche Bestimmungen, +die von vornherein ausschliesslich auf den Schutz der Religion und +des Kultes gerichtet waren. So heisst es vom ältesten isländischen +Landrecht von 930: „Das war der Anfang der heidnischen Gesetze, dass +man keine Schiffe mit Köpfen in der See haben sollte, oder wenn +man solche hätte, da sollte man den Kopf abnehmen, ehe das Land in +Sicht käme, und nicht zum Lande segeln mit aufgesperrten Köpfen +oder gähnenden Rachen, so dass die Landgeister darüber erschräken.“ +Die Vorschrift nimmt also Bedacht, dass die Landgeister durch die +heranfahrenden Drachenschiffe mit ihren schrecklichen Bildnissen nicht +beunruhigt werden sollten. Es scheint überhaupt, dass bereits in der +heidnischen Zeit religiöse Gebote ganz in derselben Weise an die Spitze +der Gesetze gestellt wurden, wie später das Christenrecht deren ersten +Abschnitt zu bilden pflegte.⁠<a id="FNanchor_674_674" href="#Footnote_674_674" class="fnanchor">[674]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_im_Kriege_2"><b>2. Der Götterdienst im +Kriege.</b></h5> + +<p>Der Gottesdienst durchdrang weihend die germanischen Kriege, die +nach alter Volkssitte eingeleitet, geführt und beendigt wurden.⁠<a id="FNanchor_675_675" href="#Footnote_675_675" class="fnanchor">[675]</a> +Der Brauch der Germanen, Ort und Zeit des Kampfes dem Gegner vorher +zu bestimmen, lebt in nordischer Göttersage insofern nach, als +Wigrid, das weite Walfeld, wo die guten Götter und Surtr im Kampfe +zusammenstossen, im voraus bekannt ist. Mit Haselstäben wurde Dingplatz +und Schlachtfeld abgegrenzt, gehegt und dadurch wahrscheinlich dem +Schutze der Gottheit unterstellt. Der Kriegsgott zog mit den deutschen +Völkern in die Schlacht und war in ihrem Lager. Zum sichtbaren Zeichen +seiner Gegenwart standen die Bilder und Symbole, welche im Frieden +an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten +der Gau- und Volksgemeinden schwebten, bei den Abteilungen des +Heeres. Es war das Amt des Priesters, jene Bilder und Zeichen von +den Bäumen herabzunehmen und während des Zuges <span class="pagenum" id="Page_551">[S. 551]</span>zu hüten. Ehe ein +Krieg unternommen oder eine Schlacht begonnen ward, forschten die +Deutschen nach dem Willen des Gottes. Er wurde befragt, ob er dem +Kampfe günstig sei. Ungünstige Zeichen bei den Opfern wurden sorgsam +beachtet; man zog dann Friedensverhandlungen dem Kampfe vor. Wie einmal +die Alemannen unter Leuthari in Campanien wider den Rat ihrer Seher +sich mit Narses schlugen, wurden sie besiegt. Mittel der Erforschung +war Looswurf, den im Kriegsfalle, wie auch sonst in öffentlichen +Dingen der Priester vollzog. Aus den Eingeweiden und dem rinnenden +Blute der Opfertiere wurde geweissagt. Man horchte auf die Stimmen, +das schwellende Schlachtgeschrei (<i>barditus</i>), das Wiehern der +Tempelrosse. Der Zweikampf diente als Erforschungsmittel. Einen +Gefangenen aus dem feindlichen Volke stellten die Deutschen einem +auserlesenen Manne vom eigenen Stamme, jeden mit seinen volkstümlichen +Waffen, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder des andern als +Vorbedeutung des bevorstehenden Krieges. Weissagende Frauen, wie Weleda +bei den Bructerern, hatten grossen Einfluss auf die kriegerischen +Unternehmungen des Volkes. Blutiges Menschenopfer musste den Grimm +der Götter besänftigen und sühnen. Denn der Götter Zorn, Odins Grimm, +ist die vernichtende Niederlage. Darum wurde das Feindesheer zur +Feindschaft des Gottes verflucht: Zornig ist euch Odin! Schwankte der +Sieg während des Kampfes, so wurden neue Opfer gebracht, um den noch +immer zürnenden Gott günstig zu stimmen. Die Kampftoten, die Wal, waren +zugleich ein Dankopfer an den Gott. So ehrten die Goten den Tiuȥ als +den Herrn des Krieges mit Menschenopfern; daher weihten sie ihm die +Erstlinge der Kriegsbeute und alle Gefangenen. Die nordischen Völker +des 5. Jahrhunderts brachten dem Tiuȥ als vornehmstes Opfer den ersten +Kriegsgefangenen, indem sie ihn hängten oder ins Dorngebüsch warfen +oder sonst jämmerlich töteten. Der Frankenkönig Theudebert opferte +an der Pobrücke die gotischen Frauen und Kinder und warf ihre Leiber +in den Fluss als Erstlingsopfer des Krieges. Das Blut aller Christen +gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zug +nach Italien (405), wenn sie ihm den Sieg gäben. So wurde es auch im +Norden gehalten, wo das dritte grosse Opferfest zu Sommers Anfang, wenn +die Jahreszeit für Heerfahrten und Seezüge anbrach, gehalten wurde, +das <i>sigrblót</i>. Harald Hilditonn, König von Dänemark, betet in +der Brawallaschlacht zu Odin und gelobt ihm für den <span class="pagenum" id="Page_552">[S. 552]</span>Sieg alle Toten +des Walfeldes. Während einer Seeschlacht, die Jarl Hakon in Norwegen +um 989 gegen eingefallene Wikinger schlägt, wendet sich sein Glück. +Da fährt er ans Land und opfert seinen eigenen siebenjährigen Sohn +um Sieg. Eirik von Schweden ergab sich selber vor der Schlacht gegen +Styrbjorn dem Odin für den Sieg: er gelobte, nach zehn Jahren sterben +zu wollen. Die früheren Opfer, die er dem Gotte gebracht, hatten diesen +nicht freundlich gestimmt. Da trat ein grosser Mann mit breitem Hut zu +ihm; der reichte ihm einen Rohrstengel und hiess ihn denselben über +die Schaar Styrbjorns mit den Worten schiessen: Odin hat euch alle! +Eirik that also, und als er geworfen, zeigte sich ihm ein Speer in der +Luft, der flog über das Volk Styrbjorns und blendete dieses und den +Styrbjorn selbst. So gewann Eirik den Sieg mit Odins Hilfe, Björn aber +und viele der Seinen fielen in der Schlacht. Bei einem feindlichen +Zusammentreffen zwischen dem Goden Snorri und Steinthor warf letzterer +nach alter Sitte sich zum guten Zeichen einen Speer über die Gegner +und verwundete dabei einen Verwandten des Snorri. Gizur, Heidreks +Pflegesohn, ritt den einbrechenden Landesfeinden entgegen, um ihnen den +Schlachtplatz anzusagen. Er reitet so nahe heran, dass die Feinde ihn +hören können, und ruft dann laut:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Erschreckt ist euer Volk, dem Tod verfallen euer Führer.</div> + <div class="verse indent0">Die Kriegsfahne ist über euch erhoben, feind ist euch Odin.</div> + <div class="verse indent0">Ich lade euch nach Dylgja und auf die Dunheide</div> + <div class="verse indent0">Zur Schlacht zwischen den Jǫsurbergen.</div> + <div class="verse indent0">Und so lasse Odin den Speer fliegen,</div> + <div class="verse indent0">Wie ich voraus verkünde.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Der Speerwurf erscheint hier als Zeichen der Kriegsankündigung, und +zugleich zur guten Vorbedeutung. Aus dem Fluge des Speeres ergab +sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes, da der Flug unter +Anrufung Odins geschah. In der Sage von Eirik leiht der Gott die eigene +Waffe seinem Schützling, wie er in anderem Falle dem Dag seinen Speer +gab, damit er den erschlagenen Vater an Helgi räche. Wie diejenigen, +welche sich Odin weihten, mit dem Ger sich verwundeten und ihr Blut dem +Gotte opferten, so ist die nach dem Feind geworfene Waffe das Zeichen +für das grosse Blutopfer, das in dem Tod aller Feinde dem grimmen +Todes- und Kriegsgotte gelobt wird. Mit Speerschuss eröffnete Odin den +ersten Weltkrieg, den der Götter <span class="pagenum" id="Page_553">[S. 553]</span>und Wanen. Speerwurf als Kampfansage +ist eine uralte religiöse Handlung, ebenso von Persern, Griechen und +Römern als von den Germanen geübt. Der germanische Gerwurf geschah als +Opferhandlung für den Walgott, einst für Tiuȥ, dann für Odin.</p> + +<p>Der Gottesdienst, welcher das kriegerische Leben der Germanen +durchdrang, brach auch in den Liedern hervor, mit denen sie ins Gefecht +vorrückten. Mit Anrufung des Donar (Hercules) traten nach Tacitus die +Deutschen in die Schlacht. Rauher, wilder Gesang der Goten, Preis der +Götter und Helden, gellte den Römern in den Ohren. Die Götter und die +Helden schwebten geistig über den Häuptern der todbereiten Männer und +weihten ihre Waffen.</p> + +<p>Bei der Anrufung der Götter vor dem Kriege um den Sieg war gelobt +worden, die Feinde ihnen dafür zu opfern. Dem Gelübde folgte die +Erfüllung. Nach dem grossen Siege von Arausio (im Jahre 105) vollzogen +die Kimbern die furchtbare Vernichtung aller Lebenden und Toten. Das +erbeutete Gold und Silber ward ins Wasser geworfen, die Gewänder +wurden zerrissen, die Rüstungen zerhauen, die Reitzeuge zerstört, +die Rosse im Flusse ertränkt, die lebenden Gefangenen an die Bäume +gehenkt. Die ganze ungeheure Beute, die sie in den beiden römischen +Lagern gemacht, vernichteten die Deutschen nach alter Kriegssitte. +Ein andres Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es +Germanicus im sechsten Jahre nach der Schlacht (15 n. Chr.) fand. So +wie die Römer gefallen waren, lagen ihre Gebeine unbestattet, samt den +Waffenresten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Schädel +genagelt; in den nahen Wäldern standen die Opfersteine, an denen die +Tribunen und Centurionen der ersten Züge geopfert worden waren. Die +andern Gefangenen hingen an den Galgen oder waren in Gruben lebendig +begraben worden, wie die Soldaten, die durch Flucht davon gekommen, +dem Germanicus erzählten. Nicht mutwillige oder wütende Grausamkeit +hatte diese schauervolle That bewirkt, sondern die Pflicht gegen den +Kriegsgott, welcher das Opfer verlangte, nachdem er die Bitte und das +Gelöbniss erhört und den Sieg gegeben hatte. In gleicher Weise haben +die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles, +was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war, dem +Tiuȥ und Wodan geopfert. Und ebenso wird von den Goten berichtet, +dass sie alle Gefangenen dem Tiuȥ zu opfern pflegten. Die Sachsen +bestimmten <span class="pagenum" id="Page_554">[S. 554]</span>aus den Kriegsgefangenen durchs Loos den zehnten Mann und +opferten diese Ausgeloosten mit gleicher qualvoller Art den Göttern. +Im besonderen war es das Blut der Menschen und Tiere, welches der +Gott empfing. Die Götter dürsten nach Blut und darum heisst bei den +Skalden das Blut <i>Gauts tafn</i>, Odins Opfer. Mit dem Blut aus +selbst gestochener Wunde erkauften die Nordgermanen die Hilfe Odins +und Aufnahme in sein Gefolge. Mit der Speerwunde gaben sie sich dem +Gotte zu Eigen und zeichneten sich mit seiner Marke als ihm gehörig. So +wird Wikar von Starkad aufgeknüpft, durchbohrt und dem Odin geweiht. +Blut- und Hangopfer, die der düstre Gott fordert, sind hier vereint. +Die Leiber der Gefallenen gehören den Tieren des Todesgottes, den +Raben und Wölfen. Unsre alte Poesie klingt noch davon wieder, wie die +dunklen Raben, die Adler und die Habichte schreien, und die wilden +grauen Wölfe, des Wettergottes Hunde, am Abend vor der Schlacht ihr +Lied anstimmen, in der Hoffnung auf Atzung; wie die Heervögel, die +schlachthungrigen, vom Blut benetzten, auf den Spuren der Kämpfer +fliegen und das Schlachtlied singen mitten unter den Speeren. „Der hat +oft die Are gesättigt“, war ein Lob für tapfre Männer. „Deinen Leib +will ich den Vögeln hinlegen und dein Haupt von hinnen führen“, ruft +der Held dem Feinde zu.</p> + +<p>Ein Dankopfer für den Sieg war, den isländischen Quellen zufolge, +auch bei Zweikämpfen fromme Sitte. Egill und Atli hatten sich zum +Holmgang gefordert. Als Opfertier war ein grosser alter Stier zur +Stelle gebracht, den sollte der Sieger schlagen. Atli fiel. Da lief +Egill rasch zu dem Tier, griff mit der einen Hand in sein Maul, mit +der andern in die Hörner und schleuderte es herum, dass es das Genick +brach. Kormak hatte den Thorward im Zweikampfe verwundet; er hieb das +Rind als Siegopfer sofort nieder, mit dem Blute bestrich er eine nahe +Elbenhöhle und bereitete aus dem Fleische den Elben ein Mahl, weil +elbische Einflüsse über dem Kampfe gewesen waren.</p> + +<p>Vom Beschluss zum Kriege bis zum blutigen Siege durchdringt das +religiöse Element die germanischen Heere und treibt auch den einzelnen +Mann. Der Krieg war ein furchtbarer Opferdienst.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_555">[S. 555]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_im_alltaeglichen_Leben_3"><b>3. Der +Götterdienst im alltäglichen Leben.</b></h5> + +<p>Wie das öffentliche Leben des ganzen Volkes, so stand auch das des +Einzelnen in engster Verbindung mit dem Götterglauben.⁠<a id="FNanchor_676_676" href="#Footnote_676_676" class="fnanchor">[676]</a> Deutlich +tritt bereits bei der Namengebung religiöser Brauch hervor. Wenn dem +Kinde ein mit einem Götternamen gebildeter Eigenname beigelegt wurde, +so soll es damit in des Gottes Schutz gestellt werden. Am meisten +ist die Benennung nach Göttern im heidnischen Norden üblich, jedoch +zeigen deutliche Spuren, dass es in Deutschland ebenso gehalten +wurde. Mit As und Regin, im Niederdeutschen Os, im Hochdeutschen Ans +zusammengesetzte Namen, die grossenteils noch heute üblich sind, wie +die ähnlicher Vorstellung entsprungenen christlichen Namen Gotthold, +Gottlieb, Gottfried u. dgl., drücken die allgemeine Unterordnung +unter die Gottheit aus, wohin auch Helgi und Helga (russisch Olga), +der und die Geheiligte, und die mit <i>vé</i>, d. h. Heiligtum, +Weihtum, verbundenen gehören. Foerstemanns altdeutsches Namenbuch +und jedes beliebige nordische Namenverzeichniss bieten unter den +Schlagwörtern Beispiele in Hülle und Fülle. Alfr, Freyr, Gautr, sowie +die im Norden ungemein beliebten Zusammensetzungen mit Thor, Freyr, +Ing, Alf sind hierfür Zeugen. Asen und Alfen nehmen die Menschen in +Schutz. Ob die dem nordischen Gautr und Freyr entsprechenden deutschen +Gôȥ und Frô auf Götternamen weisen, ob nicht vielmehr die zu Grunde +liegenden Appellativa nur im Norden zum Range eines Götternamens sich +erhoben, ist zweifelhaft. In Deutschland werden Wodan und Balder +als Namen geführt, im Norden auch Idun. Wenn auch der grösste Teil +der überlieferten Namen erst der späteren Zeit angehört und, wie es +so häufig auch noch heute geschieht, nur gewohnheitsmässig, ohne +Verständniss des eigentlichen Sinnes, angewandt wurde, so liegt doch +zweifellos ursprünglich bewusster Brauch zu Grunde, ein im Namen +angedeutetes Schutzverhältniss zum Gotte.</p> + +<p>Im Norden war es Sitte, das Kind mit Wasser zu begiessen. Dieser Brauch +ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.⁠<a id="FNanchor_677_677" href="#Footnote_677_677" class="fnanchor">[677]</a> +Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen <span class="pagenum" id="Page_556">[S. 556]</span>verknüpft. Adam +von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde, +das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu +mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl +und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten, +schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan +und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur +das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach +isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der +Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die +Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen. +Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen +der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der +Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor +rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung +versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten +einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür +sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch +höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er +sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der +Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu +opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an +einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um +Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender +Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter +schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach +Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die +Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses +geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und +Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein +Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in +der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische +Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den +Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter, +denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen- +und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde <span class="pagenum" id="Page_557">[S. 557]</span>ein. Mithin ist das +Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem +Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der +Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige +Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen +schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer +Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu +Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm +hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem +bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen +ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor +und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht +seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer +Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten +Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte die +Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde und +so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert sich +bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern wie +die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist <i>Freys vinr</i>, +Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den +jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch +persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns +vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden, +wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt +der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte +Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell, +einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod; +aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und +brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf +sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner +Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim +Geisterglauben geschildert.</p> + +<p>Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen +und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss +mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem +Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man +wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube, +dass <span class="pagenum" id="Page_558">[S. 558]</span>der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe, +veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch +wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde, +Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm +Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken +durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige +Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal +nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr +verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den +mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen +Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten +aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin +ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch +fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und +mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein. +Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber +andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu +Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber +auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich +ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose +Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett +dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die +nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden. +Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen +des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt +mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser +gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches +Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim +Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst +das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen.</p> + +<p>Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen +beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises +die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete +seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen +Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_559">[S. 559]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Gebet_und_Opfer_4"><b>4. Gebet und Opfer.</b></h5> + +<p>Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne +das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung +des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll +verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das +Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens +Gelübde einer solchen gethan.</p> + +<p>Beim heidnischen Gebet⁠<a id="FNanchor_678_678" href="#Footnote_678_678" class="fnanchor">[678]</a> pflegte man im allgemeinen ähnlicher +Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich +wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den +Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als +wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte +der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet +und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester +ausdrücklich <i>pileati</i>, mit Hüten versehen, da sie bedeckten +Hauptes opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz +zu den Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln +waren wol vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum <i>duga</i>, taugen, +für gnädig sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den +Worten: „Ich bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht +worden zu sein.</p> + +<p>Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem +offerre entlehnt ist, lautet <i>blôtan</i>. Das Wort ist gotisch, +angelsächsisch, altnordisch (<i>blóta</i>) und althochdeutsch +(<i>pluoȥan</i>) bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion +ist aus dem Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer +ehren. So heisst im Gotischen <i>blôtan fraujan</i>, den Herrn mit +Opfer ehren, entsprechend im Nordischen <i>blóta þór</i>. Das Opfer +ist got. <i>blôstr</i>, ahd. <i>pluostar</i>, oder an. <i>blót</i>, +ahd. <i>ploaȥ</i>, also lauter durchgehende gemeingermanische Wörter. +Der heidnische Begriff verschwindet frühzeitig im Deutschen, wol damit +die daran geknüpften heidnischen Erinnerungen vergessen werden, um +dem Lehnwort, das die Kirchensprache einführte, Platz zu machen. Im +Nordischen begegnen neben <i>blót</i>, <i>blóta</i> auch die Wörter +<i>fórn</i> stf., <i>fórna</i>.</p> + +<p>Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. <i>hunsl</i>, ags. +<i>húsel</i>, an. <i>húsl</i>; wie die urverwandten Wörter lehren, +liegt darin der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige +Handlung <span class="pagenum" id="Page_560">[S. 560]</span>darin angezeigt.⁠<a id="FNanchor_679_679" href="#Footnote_679_679" class="fnanchor">[679]</a> Ahd. <i>kelt</i>, as. <i>geld</i>, + ags. +<i>gield</i> meint die Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern +entrichtet. Lehrreich ist das angelsächsische Wort <i>lác</i> für +Opfer. Der germanische Ausdruck <i>laikaȥ</i>, Leich, steht für das aus +der Vereinigung von Tanz und Lied hervorgegangene Kunsterzeugniss.⁠<a id="FNanchor_680_680" href="#Footnote_680_680" class="fnanchor">[680]</a> +Dass im Angelsächsischen die Bedeutung „Gabe“ überwog und <i>lác</i> +geradewegs Opfer ist, erklärt sich nur aus der uralten festen +Zugehörigkeit des <i>laikaȥ</i> zur Opferhandlung, die von Spiel und +Tanz und Lied begleitet war. Das gotische <i>sauþs</i> im Sinne von +Opfer bedeutet Sud, das Gesottene, und zielt auf das gesottene Fleisch +des geschlachteten Opfertieres. Altnordisch <i>sauđr</i>, Widder, meint +wol eigentlich nur das zum Sud auserlesene Opfertier.</p> + +<p>Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein <em class="gesperrt">privates</em> und +ein <em class="gesperrt">öffentliches</em>. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in +Haus und Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser, +Licht und Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister +hausen, wird geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die +Spenden sind einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte. +Geopfert wird um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum, +zur Abwehr von Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche +Opfer sind einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum, +weil sie alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung +oder gar eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger +haften sie in der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der +Götterglauben für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde +schon gesagt. Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln, +in denen die Kulthandlungen verlaufen.</p> + +<p>Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die +Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester +darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und +Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja +das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel +sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel +richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die +Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch <span class="pagenum" id="Page_561">[S. 561]</span>Geister das Staatsopfer +entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2, +25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen +gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die +Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht +einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und +Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die +Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren +überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten +oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder +wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und +sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling +vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden +Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen +sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach, +säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche +Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem +gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste +übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines +Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht +wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer +thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten, +z. B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen, +die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“</p> + +<p><em class="gesperrt">Menschenopfer</em>⁠<a id="FNanchor_681_681" href="#Footnote_681_681" class="fnanchor">[681]</a> sind also die wichtigsten und höchsten; für +Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud +sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei +angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern +Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart +das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter +ein Opfer forderten oder nicht.⁠<a id="FNanchor_682_682" href="#Footnote_682_682" class="fnanchor">[682]</a> Nach Sidonius Apollinaris opferten +die Sachsen, ehe sie <span class="pagenum" id="Page_562">[S. 562]</span>die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten +Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden +ausgeloost: <i>super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem +sortis aequitate dispergere</i>. Mit langen grausamen Qualen wurde das +Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern, +dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer +schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll +töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an +einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf +Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen. +Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die +Leute versenkt wurden. Bei den Friesen⁠<a id="FNanchor_683_683" href="#Footnote_683_683" class="fnanchor">[683]</a> wurden an den Festen der +Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt +oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten +ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde +nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren +aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde +den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen +wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten +die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame +nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem +Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte +und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine +Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus +ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo +(vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert, +Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die +Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des <i>hlunnrođ</i>, der +Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über +Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel +rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu +feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin +sein Drachenschiff <span class="pagenum" id="Page_563">[S. 563]</span>über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in +See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen +Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet +ebenso auf altes Sühnopfer zurück.⁠<a id="FNanchor_684_684" href="#Footnote_684_684" class="fnanchor">[684]</a> Waren Altäre oder Opfersteine +beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute +bestrichen.</p> + +<p>In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven⁠<a id="FNanchor_685_685" href="#Footnote_685_685" class="fnanchor">[685]</a> und +Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am +Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen +aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen, +ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu +weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die +schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie +mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber +es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich +zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge +und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen +lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend +zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass +er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur +Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein +grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht, +wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge +des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien +sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem +christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge +ziehen die Bekehrung vor.⁠<a id="FNanchor_686_686" href="#Footnote_686_686" class="fnanchor">[686]</a></p> + +<p>In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot +und Elend. Da hielten die Schweden Opfer <span class="pagenum" id="Page_564">[S. 564]</span>zu Uppsala; den ersten Herbst +opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und +den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang +war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die +Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte; +da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass +das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich +darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn +angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen, +und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich +derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das +gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem +Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war +ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten, +daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen, +machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und +verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um +ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten +Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den +sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter +in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den +gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als +Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen +wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch +abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder +bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen, +sein Amt niederzulegen.⁠<a id="FNanchor_687_687" href="#Footnote_687_687" class="fnanchor">[687]</a> Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar. +König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln; +da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen +kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter, +was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war, +dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos +auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar +selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich +zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig <span class="pagenum" id="Page_565">[S. 565]</span>aufhängt und mit dem Speer +durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also +wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar.</p> + +<p>An zweiter Stelle stehen <em class="gesperrt">Tieropfer</em>⁠<a id="FNanchor_688_688" href="#Footnote_688_688" class="fnanchor">[688]</a>, welche an den +gewöhnlichen Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind +weit unschuldiger als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon +Tacitus weiss, dass Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern — +<i>concessis animalibus</i> — verehrt wurden. Essbare Tiere wurden +zum Opfer gewählt; sie gelten als Speise, welche dem Gotte geboten +wird, und wurden beim Opferschmaus auch unter den Teilnehmern am +Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte sich unter dem Vorsitze der +Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und trat dadurch in Gemeinschaft +mit dem heiligen Opfer. In den ältesten Zeiten wurden vornehmlich +Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den Germanen mit Vorliebe +genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil er eben namentlich +mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in der christlichen +Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt. Pferdefleisch soll +König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn zur Teilnahme +am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des Heiligen +wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten sich das +Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich vor. Die +heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason verächtlich +als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu Hleidra +wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias den +Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss des +Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen, +das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen +des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für +Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die +Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer +Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier. +Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers +goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem +Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht +auch Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja +erhalten Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes +<span class="pagenum" id="Page_566">[S. 566]</span>Opfertier gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. <i>friscing</i> +(Frischling) zur Übersetzung von lat. <i>hostia</i>, <i>victima</i>, +<i>holocaustum</i>. Auch Widder und Böcke stehen unter den Opfertieren. +Von einem Ziegenopfer der Langobarden spricht Gregor der Grosse in den +Dialogen 3, 28; die Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer +Götter ein Ziegenhaupt dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen +aufführen und Lieder absingen — <i>caput caprae, hoc ei per circuitum +currentes carmine nefando dedicantes</i>. Für „Opfertier“ besass die +altdeutsche Sprache ein besonderes Wort: ahd. <i>zebar</i>, ags. +<i>tifer</i>, im Altfranzösischen und Portugiesischen als germanisches +Lehnwort <i>toivre</i> Vieh, <i>zebro</i>, <i>zebra</i> Ochse, Kuh. +Damit scheint im wesentlichen das opferbare, essbare Vieh gemeint +zu sein, während mhd. <i>unzifer</i>, nhd. <i>Ungeziefer</i> die +Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere begreift. +Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort <i>tafn</i>, urverwandt +mit lat. <i>dapes</i>, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben Menschen +an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht zum +„<i>zebar</i>“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich +und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum +Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der +Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das +Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte, +doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und +Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer, +wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen +Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung +zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von +gebackenen Tierfiguren. Schon der <i>indiculus superstitionum</i> 26 +aus dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, <i>simulacra de +consparsa farina</i>. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind +jedem gegenwärtig.</p> + +<p>Vom eigentlichen <em class="gesperrt">Hergang beim Opfer</em>⁠<a id="FNanchor_689_689" href="#Footnote_689_689" class="fnanchor">[689]</a> enthalten nordische +Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige +verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum +Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss +— <i>presbyter Jovi mactans et immolatitias <span class="pagenum" id="Page_567">[S. 567]</span>carnes vescens</i>. +Nach den Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene +Christen von den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also +schlachteten die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am +Schmause teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2 +befanden sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit +ehernem Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten +die gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer +Leiter hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers +über dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann. +Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den +Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im +Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe +herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden +tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter +erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste⁠<a id="FNanchor_690_690" href="#Footnote_690_690" class="fnanchor">[690]</a>, +das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war, +hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus +im Jahre 14 nach Christus.⁠<a id="FNanchor_691_691" href="#Footnote_691_691" class="fnanchor">[691]</a> Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist +ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches +Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte. +Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche +Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz, +Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein +weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen +in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers.</p> + +<p>Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden +im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte man +in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, <span class="pagenum" id="Page_568">[S. 568]</span>man sprengte es sodann +mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich damit die +Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des Tempels. +Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an den Bäumen +aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere aber dienten zum +Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter ebenfalls den Göttern +aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch in Kesseln gekocht, +gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten; von diesem Sieden +heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer <i>sudnautar</i>, +Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische Eigennamen +wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill, Asketill, +Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich Bolli +hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle des +Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden +brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die +Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über +die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm, +lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die +feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken⁠<a id="FNanchor_692_692" href="#Footnote_692_692" class="fnanchor">[692]</a> +an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher +um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage +über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von +Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt +wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens +abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die +Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine +beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern, +welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg. +Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich +auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer, +wobei das Tier auf dem <span class="pagenum" id="Page_569">[S. 569]</span>Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint +nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein. +Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen, +am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei +weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts +weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas +derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich +nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in +Uppsala ärgerte.⁠<a id="FNanchor_693_693" href="#Footnote_693_693" class="fnanchor">[693]</a> Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich +nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter +und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so +namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im +Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen.</p> + +<h5 class="s4" id="Opfer_bei_Ackerbau_und_Viehzucht_5" +title="Opfer bei Ackerbau und Viehzucht."><b>5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.</b>⁠<a id="FNanchor_694_694" href="#Footnote_694_694" class="fnanchor"><span class="s5 vam">[694]</span></a></h5> + +<p>Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit +allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu +Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen +Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den +von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam +zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer +Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und +nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen +Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der +Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man +in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder +herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, <span class="pagenum" id="Page_570">[S. 570]</span>welche von Hirten +und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und +Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der +Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen. +Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau +und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer +Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die +Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des +Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche +einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die +Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss +oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden, +im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit +des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche +Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten +zunächst ein <em class="gesperrt">Hirten-</em>, dann ein <em class="gesperrt">Bauernopfer</em>.</p> + +<p>Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde +schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht. Das +stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der Krankheit +zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem Zuge zu +einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer geschah +entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die Tierhäupter +wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und dienten zur +Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch mehrere Stücke der +Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen. Mit dem Tieropfer +scheinen ursprünglich die <i>Notfeuer</i>⁠<a id="FNanchor_695_695" href="#Footnote_695_695" class="fnanchor">[695]</a> verbunden gewesen zu +sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht wurden. Alles +Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor Sonnenaufgang +oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde <span class="pagenum" id="Page_571">[S. 571]</span>auf den für +die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem Schweigen +wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in Brand +gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann ein +Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben +musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst +Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen +hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den +heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit +brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas +Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das +erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte, +in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige +Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die +Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben. +Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber +auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze +die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer +ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche +ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen +fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren +ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem +Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und +Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer +und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische +Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur +Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt, +den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem +umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende +Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente +zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss. +Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die +sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen. +Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie +entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde +älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch +länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum +aber vollzog sich <span class="pagenum" id="Page_572">[S. 572]</span>das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen +und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme, +also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein +Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender +Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen +dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes +sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes.</p> + +<p>Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu +weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man +wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt +Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde +und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen, +durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse, +Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum +Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei. +Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit +Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in +der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den, +hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt +ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer +ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend +mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf +den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus +den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn +aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über +die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete +Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das +Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der +reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben, +Scheibenschlagen⁠<a id="FNanchor_696_696" href="#Footnote_696_696" class="fnanchor">[696]</a> verbreiten das heilige Opferfeuer über das +Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische +Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an. +Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von +den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der +Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs <span class="pagenum" id="Page_573">[S. 573]</span>niedergebrannte Feuer sprangen +die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane +heim genommen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern, +noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt +die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht. +Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit +auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier, +deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich +dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die, +wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der +Wirklichkeit entsprechen wird.</p> + +<p>Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren, +Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne +auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht +auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in +grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der +giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum +feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche +Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter +oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon +reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen +Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein +grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels, +der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar, +gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen.</p> + +<p>Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere +auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch +Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem +Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man +lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der +Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh, +welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des +Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und +dadurch zum Opfer bestimmt.</p> + +<p>Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines <span class="pagenum" id="Page_574">[S. 574]</span>Opfer, an +dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege +zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder +Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit +Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen +Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von +keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden, +damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den +Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere +Zauberkraft erhalten.</p> + +<p>Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die +Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes +Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen +und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere +vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und +aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen +hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen +daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem +Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch +das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch +befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der +Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser +die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von +schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als +schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem +Hofthore befestigt.</p> + +<p>Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer +erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die +am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt +sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt +die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die +Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem +Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft, +dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier +Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von +Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer +erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem +festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin <span class="pagenum" id="Page_575">[S. 575]</span>die Göttin, welche der Erde +Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder +von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln +an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als +Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk. +Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder +unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er +schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes +Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen +der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten, +gegen Hexen und böse Geister gebraucht.</p> + +<p>Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen +Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt +haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und +haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen +Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles +Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen +Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder +eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen +Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen +sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte +Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel) +darstellen soll.</p> + +<p>Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Bauern sind mit dem Bittgang +und der Quellenverehrung fertig, und die ganze Gemeinde versammelt +sich nun mit den Opfertieren bei dem Scheiterhaufen. Es beginnt nun +der wichtigste Teil des ganzen Festes. Ein Paar keuscher Jünglinge ist +bemüht, in der uralten Weise durch Aneinanderreihen zweier trockener +Hölzer die heilige Opferflamme zu gewinnen. Andere beschäftigen sich +damit, dem altherkömmlichen Brauche gemäss, die Opfertiere durch +Hauptabschneiden zu töten. Die abgeschnittenen Köpfe werden sodann +nebst den Rümpfen der lediglich zum Sühnopfer bestimmten Hunde und +Katzen, sowie der Haut, dem Knochengerüst, den Eingeweiden und +Genitalien der Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner auf +den Holzstoss gelegt, jedoch nicht eher, als bis sich jeder von den +Teilnehmern am Opfer etwas davon angeeignet hat, sei es nun ein Knochen +oder ein Stückchen Haut oder ein wenig geronnenes Blut. Solchen +Opferresten wohnen <span class="pagenum" id="Page_576">[S. 576]</span>nämlich grosse Zauberkräfte inne. Gibt man z. B. +von dem Opferblut einem Kranken ein, so weicht sofort die Sucht von +ihm; gräbt man einen Opferknochen in das Saatfeld, so bleiben Unwetter +und Hagelschauer der Frucht fern u. s. w.</p> + +<p>Nachdem die Tiere geschlachtet sind, ist endlich auch die mühselige +Arbeit des Feuergewinns mit Erfolg gekrönt worden. Die durch die +Reibung erhitzten Hölzer haben Feuer gefangen. Schnell wird dasselbe +angefacht und dann damit der Scheiterhaufen angesteckt, welcher, kaum +entzündet, auch schon nur eine einzige grosse Flamme bildet. Alles +jauchzt und jubelt und tanzt unter dem Singen alter, feierlicher Weisen +um den brennenden Holzstoss herum. Aufmerksam blickt auch ein jeder +nach der Farbe und dem Zug des Rauches und dem Aussehen des gestirnten +Himmels; denn daraus lässt sich gar manches weissagen über die +Aussichten bei der nächsten Ernte, über die kommende Witterung, über +die Gegend, wo man im nächsten Jahre am besten aussäen kann, ja selbst +über Liebe, Ehe und Tod.</p> + +<p>Die jungen Burschen reissen darauf aus dem Scheiterhaufen brennende +Scheite heraus, zünden an seiner Glut Reiserwellen, lange Kienfackeln +und mit Stroh umflochtene Räder an und laufen dann damit, schreiend +und lärmend, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, über die +Felder hin, um dadurch die dem Wachstum feindlichen Dämonen aus den +Saaten zu vertreiben. Die älteren Leute und die Frauen dagegen sieden +in den herbeigebrachten Opferkesseln das Opferfleisch, bereiten die +Opferkuchen und die anderen Opferspeisen zu und brauen Bier und Met +für den heiligen Minnetrank. Aber ehe es zum fröhlichen Opferschmaus +geht, muss noch eine wichtige Handlung vorgenommen werden: das Springen +der Menschen durch das Opferfeuer und das Treiben der Herden über die +dampfenden und im Erlöschen begriffenen Kohlen. Denn der Rauch des +Opferfeuers übt nicht allein auf den Acker dämonenvertreibende Macht +aus, sondern er befreit auch den menschlichen und tierischen Körper von +den ihm innewohnenden elbischen Geistern und bewahrt ihn dadurch vor +tötlichen Krankheiten und Seuchen.</p> + +<p>Ist auch dieser letzte grosse Läuterungs- und Reinigungsakt glücklich +vorüber, so beginnt der Opferschmaus, bei dem es sehr heiter und +fröhlich zugeht. Niemand darf sich davon ausschliessen, selbst der +zufällig vorüberwandernde Fremdling muss an dem Mahle teilnehmen. +Welches Gemeindeglied hätte sich aber auch <span class="pagenum" id="Page_577">[S. 577]</span>einem solchen Feste +entzogen, bei welchem sogar der übermässigste Genuss von Speise und +Trank nicht allein keine nachteiligen Folgen nach sich ziehen konnte, +sondern im Gegenteil dem Geniessenden die grössten Vorteile brachte. +Denn je mehr Minne jemand trinkt, um so stärker und schöner wird er, +und je mehr er isst, um so sicherer kann er sein, dass er das ganze +Jahr hindurch von Krankheiten verschont bleibt. Zum Schlusse — es +mag wol oft der helle Morgen gekommen sein, ehe ein solches deutsches +Opferfest beendet war — nimmt ein jeder etwas von den Kohlen und der +Asche des Feuers und den übrig gebliebenen Resten des Opferschmauses +mit sich nach Hause, um die Dinge dort in allerhand Nöten als kräftige +Heilmittel zu gebrauchen. Ausserdem erhält noch jede Familie ein +brennendes Scheit von dem Opferfeuer, mit welchem sodann auf dem Hofe +das vorher sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder neu entzündet wird, +damit auf diese Weise auch das Haus der Segnungen des Opfers teilhaftig +werde.</p> + +<p>So ging es bei dem Mittsommeropfer her und ganz ähnlich verliefen auch +die andern Jahresopfer unserer heidnischen Vorfahren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von Opfern, welche der einzelne Hausstand brachte, seien nur die +bei der Aussaat und nach der Ernte erwähnt. Der Hausvater und sein +Ingesinde brachten ein Brotopfer, mit Trankopfer verbunden, bei dem +Treiben des ersten Pfluges in den Acker für die mütterliche Göttin +Erde, damit sie aus ihrem Schoosse heraus dem Lande die erforderliche +Feuchtigkeit und dadurch der Saat Gedeihen gebe; ein Körneropfer +beim Ausstreuen der ersten Handvoll Saatkorn für den Windgott, dass +er die Frucht vor Vogel-, Wild-, Mäuse- und Würmerfrass bewahre; +nach vollendeter Bestellung des Saatfeldes ein Eier- oder Hahnopfer +für den Wettergott, um von ihm gnädigen Schutz vor Hagelschauer +und Wetterschlag zu erbitten. Dabei wurden zauberkräftige Gebete +gesprochen, etwa wie die angelsächsische Flurbesegnung mit dem +feierlichen Anruf: Heil dir Erde, wachse in des Gottes Umarmung, +erfülle dich mit Frucht den Menschen zu Nutze.⁠<a id="FNanchor_697_697" href="#Footnote_697_697" class="fnanchor">[697]</a> Kleinere Opferfeuer +mögen auch dabei entzündet worden sein. Das letzte Ährenbüschel <span class="pagenum" id="Page_578">[S. 578]</span>aber +gehörte dem Wode und seinem Pferde als Dankopfer. Auch hier fehlten +die Weihsprüche nicht. Daneben begegnen Hahn- und Bocksopfer als +Erntebrauch, wol mit Beziehung auf Donar. Hirtenopfer werden in Milch, +Butter und Käse bestanden haben; dazu gehören die Viehbesegnungen, die +allerdings nur in christlicher Fassung uns überkommen sind.</p> + +<p>So greift der Opferdienst in die ganze Acker- und Viehwirtschaft des +Einzelnen wie der Gesamtheit fortwährend ein. Wenn diese Opferbräuche +auch in der christlichen Zeit nicht versäumt wurden, darf füglich +angenommen werden, dass das Heidentum nicht weniger eifrig dem +Opferdienst oblag.</p> + +<h5 class="s4" id="Festliche_Umzuege_6"><b>6. Festliche Umzüge.</b></h5> + +<p>Noch heute ist „begehen“ die gewöhnliche Bezeichnung für die Feier +eines Festes. Das Wort besagt aber eigentlich „einen feierlichen Umzug +halten“. Ein Aufzug⁠<a id="FNanchor_698_698" href="#Footnote_698_698" class="fnanchor">[698]</a> gehörte zum Opfer und Gottesdienst. Unter +verschiedenen Formen und mit verschiedener Bedeutung treffen wir +solche Festzüge im germanischen Heidentum. Am klarsten und genauesten +kennen wir den Zug bei der Nerthusfeier und bei der schwedischen +Freysfeier. Den Wagen der Nerthus schirrte der Priester und begleitete +seine Umfahrt durch die Gaue der verbündeten Völkerschaften. Wohin der +Wagen kam, wurde Fest und Frieden gehalten. Vermutlich zog das Volk, +wie später beim Sommerempfang, dem Wagen der Göttin entgegen, um sie +feierlich einzuholen. Das Volk nahm den heiligen Wagen in geordnetem +Zuge in die Mitte und führte ihn zu sich heim; der weiter fahrenden +Göttin wurde dann später Geleit gegeben. Spiel und Tanz fehlten dem +Aufzug so wenig wie den Frühlingsfesten. Freyr besuchte, auf dem +Wagen fahrend und von einer Priesterin geleitet, zur Winterszeit die +schwedischen Gaue. Der Gott wurde festlich eingeholt und gefeiert. Sein +Umzug segnete das Land zur Fruchtbarkeit. Der Gotenkönig Athanarich +befahl, das Bild eines gotischen Gottes auf einem Wagen vor den +Wohnungen aller des Christentums Verdächtigen herumzuführen. Weigerten +sie sich, niederzufallen und zu opfern, so sollte ihnen das <span class="pagenum" id="Page_579">[S. 579]</span>Haus über +dem Kopfe angezündet werden.⁠<a id="FNanchor_699_699" href="#Footnote_699_699" class="fnanchor">[699]</a> Also auch derselbe Brauch eines +umfahrenden Wagens. Der Schiffszug in den Niederlanden hing vielleicht +einstens mit dem Isis-Nehalenniadienste zusammen. Der Grundgedanke +dieser Feier scheint der Einzug der Gottheit ins Land zu sein. Aufzüge +scheinen überhaupt jedem Opfer eigentümlich zu sein. Flurgänge, um +Ackerland fruchtbar zu machen, wobei Götterbilder herumgeführt wurden, +bezeichnet der <i>indiculus superstitionum</i> als heidnische Sitte: +<i>de simulacro quod per campos portant</i>. Die Kirche hat sich des +Brauches bemächtigt, der in den Flurgängen der Gemeinde mit Priester +und Heiltum statt des alten Götterbildes fortlebt. Romanischer Glaube +mag übrigens in deutschen Festzügen mehrfach nachwirken.</p> + +<p>Der feierlichste Aufzug war der zur Schlacht. Die Götter schritten, +ihre Anwesenheit durch die heiligen Feldzeichen bekundend, den +Heerscharen voran, aus deren Mitte feierlicher Gesang, besonders zu +Ehren Donars, erscholl. Es mag ein kurzes Lied mythischen Inhaltes +gewesen sein, das, eine Ruhmthat des Gottes ins Gedächtniss rufend, +diese als Beispiel göttlichen Heldentums hinstellte. Darauf ertönte +der Kriegsruf, der unter den vor den Mund gehaltenen Schilden tosend +anschwellende <i>barditus</i>.⁠<a id="FNanchor_700_700" href="#Footnote_700_700" class="fnanchor">[700]</a> Wie die kurze vorgeschickte +Göttersage zum Zaubersegen, etwa in den Merseburger Sprüchen, so +mag sich das Donarlied zum <i>barditus</i> verhalten haben, einem +brausenden, dem Feinde fürchterlichen Hurra, unter dem die Germanen +nach Beendigung des Schlachtliedes den Sturmlauf begannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_580">[S. 580]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Staendige_Jahresfeste_7"><b>7. Ständige Jahresfeste.</b></h5> + +<p>Gab es bei den Germanen eigentliche Festzeiten, die sich jährlich +an bestimmten Tagen wiederholten? Die Frage ist darum schwer zu +beantworten, weil die ursprüngliche Jahresteilung der Germanen nur +mangelhaft bekannt ist. Das Jahr zerlegten die Germanen in zwei +Hälften, Winter und Sommer, denn diese Wörter gehen durch alle +Sprachen gleichmässig hindurch. Ob die andern Jahreszeiten, Lenz und +Herbst schon der Urzeit angehören, ist zweifelhaft. Das Jahr hub mit +dem Winter, im Oktober vielleicht in der Tag- und Nachtgleiche oder +im November, an. In der altdeutschen Sprache hat das Wort Winter +geradewegs auch die Bedeutung Jahr. Zu Winters Anfang und zu Sommers +Anfang waren grössere Opferfeste üblich, die nicht bloss in der +Gemeinde, sondern in der Völkerschaft, im ganzen Lande gefeiert wurden. +Da kamen die Volksgenossen zum Herbstding und Frühlingsding aus Nah +und Fern zusammen, da wurden Opfer und Gottesdienst gefeiert, Gericht +gehalten, Volksfeste begangen u. dgl. mehr. Ein festes Datum für die +Zusammenkünfte lässt sich nicht behaupten. Es war wol auch nach Klima +und Landesbeschaffenheit verschieden und wurde eben allgemein auf den +ersten Winter- oder Sommermond verlegt. Ostern, die Märzfelder der +Merowinger, die Maifelder der Karolinger, die zahllosen Frühlingsfeste, +die im Volksbrauche auch unter dem Christentum fortlebten, die uralten +Volksspiele vom Einholen des Sommers, vom Streit zwischen Sommer und +Winter, Feste, die sich im allgemeinen zwischen Fasten und Pfingsten +abspielen, andererseits die herbstlichen Kirchweih- und Schlachtfeste +dürften einzelne Züge aus den altgermanischen Winter- und Sommeropfern +bewahren. Aber ein Gesamtbild lässt sich nimmer gewinnen. Denn das alte +grosse Volksfest ist mit Gemeindefesten der Bauern und Hirten vermischt +und auf verschiedene Tage des römisch-christlichen Kalenders verstreut. +Ausserdem sind viele fremdartige und junge Bräuche eingedrungen. +Es versteht sich wol von selbst, dass eine Vereinigung des ganzen +Volkes nicht allzu oft stattfinden konnte. Denn die Reise zum Ding +war zeitraubend. Andererseits forderten aber die Angelegenheiten des +Volkes solche Versammlungen, die aber keineswegs bloss dem Opferfeste, +vielmehr ebenso dem Gerichte und der Beratung, die im Heidentum +vom Gottesdienste gar nicht zu trennen sind, gewidmet waren. Darum +betont J. Grimm in den Rechtsaltertümern <span class="pagenum" id="Page_581">[S. 581]</span>S. 245, 821 ff. mit Fug die +ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Volksding und Volksopfer. Je +nach Umständen wird bald die eine, bald die andere Bedeutung stärker +hervorgetreten sein. Im Christentum fiel das Opfer weg, aber Volksding +und Volksfest hafteten. Die Frühlingsfeste, welche in Verbindung +mit Waffenübungen und Schützenfesten stehen, weisen zurück auf eine +Zeit, wo die Ankunft des Frühlings nicht nur mit einem Danke an die +Götter für das, was die Natur gab, sondern mit einer Zusammenkunft +der gesamten waffenfähigen Mannschaft begrüsst wurde, wo die während +des Winters nicht geübten Fertigkeiten bei Kampfspielen erneuert und +die Kriegszüge des Sommers beschlossen wurden. Sie erinnern an die +fränkischen März- und Maifelder, wo die Musterung im Vordergrund +steht. Die wesentlichen Merkmale jener Versammlung im Herbst und +Frühling waren etwa diese: Gebet und Opfer um gutes Jahr und glückliche +Unternehmungen, Beratungen über Angelegenheiten des Volkes, zu +Sommersanfang besonders über bevorstehende Feldzüge, Waffenmusterung, +Gerichte, Umzüge und Volksspiele, Opferschmaus und Gelage. Besonders +im Norden finden wir den alten Brauch der Volksdinge am besten auch +unter der christlichen Religion bewahrt. Die Norweger hatten neben dem +<i>Heradsding</i>, dem Ding der Hundertschaft, <i>Volklandsdinge</i>. +In vier grossen Verbänden traten die Norweger zusammen. Die Isländer +vereinigten sich im Herbst und Frühling in kleineren Verbänden, im Juni +zum <i>Allding</i>. Zugleich hören wir im Norden von besonders grossen +Opferfesten der Dänen und Schweden. Die Zeiten der nordischen Dinge +sind allerdings teilweise eigenartig und ohne Zusammenhang mit den +altgermanischen ungebotenen Dingen, namentlich auf Island allein durch +die Landesbeschaffenheit bestimmt.</p> + +<p>Weil die ungebotenen Dinge der Germanen vielfach zu Winters und Sommers +Anfang stattfanden, weil zur selben Zeit der Volksbrauch noch allerlei +Spiele und Feste kennt, weil die Germanen das Jahr in Winter und +Sommer einteilten, wird man nicht fehlgehen, wenn man dahin ständige +Festzeiten der heidnischen Germanen verlegt, die im grösseren Verband, +unter Teilnahme des ganzen Volkes, als Volksfeste gefeiert wurden.</p> + +<p>Noch weitere Volksfeste scheinen vorhanden gewesen zu sein. Zu +Mittwinter wurde <i>jul</i> gefeiert. Das nordische <i>jól</i>, +<i>júl</i> begegnet auch im englischen <i>yule</i>; in Pommern ist Jul +eine Bezeichnung für <span class="pagenum" id="Page_582">[S. 582]</span>die Weihnachtszeit, scheint aber aus Schweden +oder Dänemark eingeführt zu sein. Im Gotischen und Angelsächsischen +kommt dasselbe Wort als Monatsname vor: ags. <i>æra geola</i>, +<i>æftera geola</i>⁠<a id="FNanchor_701_701" href="#Footnote_701_701" class="fnanchor">[701]</a>, +erster und zweiter Julmonat, zur Bezeichnung des Januar und Februar, +got. <i>fruma jiuleis</i>, erster Julmonat zur Bezeichnung des +November. Ist der Monat nach dem Feste oder das Fest nach dem Monat +benannt? Der Ursprung des Wortes liegt im Dunkel. Weinhold dachte +an Entlehnung aus lateinischem <i>julius</i>, die Mittwintermonate +(December, Januar) hätten die Germanen bei Annahme des römischen +Kalenders mit dem Namen des Mittsommermonats belegt. Andere Erklärungen +suchen Urverwandtschaft mit lateinischem <i>joculus</i>; Jul sei die +heitere Festzeit.⁠<a id="FNanchor_702_702" href="#Footnote_702_702" class="fnanchor">[702]</a> Das heidnische Julfest der Nordleute fand im +Januar nach Dreikönig statt und währte drei Tage. Die Zeit gibt für +Dänemark Thietmar von Merseburg an, für Norwegen die Bezeichnung +<i>Þorrablót</i>, das Þorriopfer. Þorri ist ein Monatsname, dem Januar +entsprechend. Þorri hub zwischen dem 9. und 16. Januar an. König Hakon +verfügte, dass man das Julfest in Norwegen um dieselbe Zeit feiern +sollte, wie die Christen Weihnachten.</p> + +<p>In Deutschland ist kein sicheres Zeugniss des heidnischen +Mittwinterfestes vorhanden. Wol spielen die Zwölften, die Zwölfnächte +zwischen Weihnacht und Dreikönig im Volksaberglauben eine grosse +Rolle.⁠<a id="FNanchor_703_703" href="#Footnote_703_703" class="fnanchor">[703]</a> Da sind alle Geister los und suchen die Menschen heim. +Der Wode, Frau Holle, die Percht, das wütende Heer ziehen um und +werden mit Opfer geehrt. Alle Arbeit ruht, besonderes Backwerk wird +zubereitet, festlicher Schmaus gehalten. Das sind die Loosnächte, in +denen die Zukunft erforscht werden kann, welche die Witterung und damit +die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres anzeigen. Da ereignen sich +allerlei wundersame <span class="pagenum" id="Page_583">[S. 583]</span>Dinge. Erwägt man, dass das nordische Julfest +auf die christliche Weihnachtszeit verlegt wurde, so kann man auch +für Deutschland solches annehmen und den Weihnachtsaberglauben vom +alten Mittwinteropfer ableiten. Aber er kann ebensowol vom heidnischen +Jahresanfang, vom Winterbeginn oder Herbstopfer auf Weihnachten und +Neujahr verlegt worden sein.</p> + +<p>Nordische Berichte reden von drei grossen Jahresopfern, die +im allgemeinen wol auch mit den germanischen Jahresopfern +übereinstimmen.⁠<a id="FNanchor_704_704" href="#Footnote_704_704" class="fnanchor">[704]</a> Die Ynglingasaga (Kap. 8) sagt: „Da sollte +man opfern gegen den Winter zu für gutes Jahr (<i>í móti vetrs til +árs</i>), mitten im Winter sollte man opfern für Wachstum (<i>at +miđjum vetri til gróđrar</i>), das dritte Mal gegen Sommer (<i>at +sumri</i>); das war das Siegesopfer.“ Die jüngere Olafssaga Helga Kap. +104 berichtet: „Das ist ihre Sitte, ein Opfer zu haben im Herbste +und da den Winter zu begrüssen; ein andres Opfer haben sie mitten im +Winter, das dritte gegen Sommer, da begrüssen sie den Sommer.“ Von dem +Halogaländer Sigurd Thorisson berichtet dieselbe Saga im Kap. 112: +„Er war so gewohnt, so lange das Heidentum währte, drei Opfer jeden +Winter zu haben, eines bei Winters Anfang, das zweite um Mittwinter, +das dritte gegen Sommer; nachdem aber das Christentum allgemein üblich +geworden war, behielt er die alte Gewohnheit wegen der Gastmähler. Da +hatte er im Herbst ein Freundesmahl, im Winter ein Julgelage, wozu er +wieder zahlreiche Leute zu sich einlud; ein drittes Mahl hielt er auf +Ostern, und da hatte er wieder viele Leute. So hielt er es fort, so +lange er lebte.“ Vom südnorwegischen Bauern Harekr wird erzählt: „Drei +Hauptmahle hielt er in jedem Jahre, eine Julgasterei und Mittwinters +und zu Ostern.“ In der Gislasaga Surssonar I, 27 heisst es vom Isländer +Thorgrim: „Er gedachte zu Winters Anfang ein Herbstgelage zu haben, den +Winter zu begrüssen und dem Freyr zu opfern.“ Die Opferzeiten berühren +ebenso den Einzelnen wie die Allgemeinheit. War die Dingzeit einmal +anders gelegt, so wurde natürlich das Jahresopfer, sofern die alte +Festzeit bestehen blieb, auch von einzelnen Leuten gefeiert. Mit dem +Opfer verbanden sich Spiele, wo mehr Leute zusammenkamen. So erzählt +die Eyrbyggjasaga Kap. 43: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im +Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Beginn des Winters unter +Oexl südlich von Knorr; da heisst es seitdem <i>leikskála vellir</i> +<span class="pagenum" id="Page_584">[S. 584]</span>(Ebene der Spielhütten), und die Leute kamen dahin aus der ganzen +Umgegend; da waren grosse Spielhütten errichtet; die Leute wohnten da +und sassen da einen halben Monat oder länger.“ Neben dem Julgelage +werden auch Julgeschenke (in der Egilssaga Kap. 70) und Spiele +(Holmverjasaga Kap. 22) erwähnt. Beim Sommeropfer zu Uppsala nennt die +Olafssaga Helga Kap. 75 einen Jahrmarkt. Das sommerliche Volksopfer +in Norwegen bezeugt die Egilssaga Kap. 49: „Das war im Frühjahr, dass +zu Gaular ein grosses Opfer sein sollte gegen Sommer. Dort war der +ansehnlichste Haupttempel; dahin kam eine gewaltige Menge aus Firdir +und aus Fjalir und aus Sogn und nahezu alle angesehenen Leute.“ +So lange die ständigen, ungebotenen Volksdinge und die Volksopfer +zusammenfielen, war der Besuch des grossen Jahresopfers für die +Volksgenossen Pflicht, von der man sich nur gegen Entrichtung einer +Steuer loskaufen konnte. Denn so wird es beim Ding auch später immer +gehalten.</p> + +<p>Nur eine einzige Quelle, die keinen Glauben verdient, die Hervararsaga +(Kap. 12), verlegt das Julfest in den Februar.⁠<a id="FNanchor_705_705" href="#Footnote_705_705" class="fnanchor">[705]</a> Dem Þorriopfer +begegnet ein Goiopfer. Goi entspricht dem Februar und fängt zwischen +dem 9./16. Februar unsres Kalenders an. Nun ist mit dem Goiopfer +offenbar das schwedische Hauptopfer zu Uppsala gemeint, das aber +deutlich als Sommeropfer sich ausweist und nach dem Scholiasten Adams +von Bremen erst später um die Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche +gefeiert wurde. Diese Zeitbestimmung ist die ursprüngliche und +richtige. Es <span class="pagenum" id="Page_585">[S. 585]</span>handelt sich um das germanische Opfer zu Sommers +Anfang. Dasselbe scheint nachmals weiter zurück verlegt worden zu +sein, von März oder April in den Februar. Über das Opfer berichtet +die Olafssaga helga Kap. 75: „In Schweden war das alte Landessitte, +so lange das Heidentum währte, dass ein Hauptopfer zu Uppsalir sein +sollte im Goi des Winters; da sollte man opfern um Jahr und Frieden +und um Sieg für seinen König, und dahin sollten die Leute kommen aus +dem ganzen Schwedenreiche, da sollte ein Ding aller Schweden sein; da +war auch Markt und eine Kaufversammlung, und der Markt währte eine +Woche; nun aber seit das Christentum allgemein angenommen war und +die Könige nicht mehr in Uppsalir sitzen mochten, da war der Markt +verlegt und auf Lichtmess gehalten worden und dabei ist es seitdem +geblieben; er währt nun nicht länger als drei Tage und da ist nun das +Ding der Schweden und dahin kommen sie aus dem ganzen Lande.“ Ein dem +Mittwinter entsprechendes Mittsommerfest gab es nicht. Nur irrtümlich +spricht die Olafssaga Tryggvasonar in der Heimskringla Kap. 72 von +einem <i>miđsumarsblót</i> anstatt des <i>miđsvetrarblót</i>.⁠<a id="FNanchor_706_706" href="#Footnote_706_706" class="fnanchor">[706]</a> Die +Johannistrünke dürfen auch nicht hergezogen werden, noch weniger das +sommerliche, im Juni abgehaltene Allding der Isländer, das allein in +der isländischen Landesbeschaffenheit begründet ist. Die Gemeinde hatte +wol Ursache, zu Mittsommer zu opfern, aber das Volk trat schwerlich im +Sommer zu grossen ungebotenen Versammlungen zusammen. Somit bleiben nur +die Opferfeste zu Winters und Sommers Anfang, ferner das Julfest, drei +ständige germanische Opferzeiten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ständige grosse, das ganze Volk umfassende Opferfeste sind schon +frühzeitig bezeugt.⁠<a id="FNanchor_707_707" href="#Footnote_707_707" class="fnanchor">[707]</a> Im uralten Semnonenhain versammelten sich zu +bestimmter Frist Abordnungen aller suebischen Völkerschaften, um den +allwaltenden Tiuȥ mit Menschenopfern zu ehren. Die Jahreszeit dieses +Opferfestes ist nicht angegeben, auch nicht, ob es sich jährlich oder +erst nach einer Anzahl von Jahren wiederholte. Aber andere Zeugnisse +lassen deutlich die Hauptopferzeiten erkennen.</p> + +<p>Germanicus benutzte zweimal die Zeiten germanischen Festesfriedens, +um unvermutet über die sorglosen Festgenossen herzufallen.⁠<a id="FNanchor_708_708" href="#Footnote_708_708" class="fnanchor">[708]</a> <span class="pagenum" id="Page_586">[S. 586]</span>Es +waren wol ständige Feste, von denen die Römer Kunde hatten. Im Jahre +14 kam er über die Marsen, welche der Tanfana opferten. Es war im +Spätherbst nach der Ernte und gegen Winters Anfang, also das Fest +des neu anbrechenden Jahres. Im folgenden Jahre, gleich im Anfang +des Frühlings, als grade eine ungewöhnliche Dürre herrschte, machte +Germanicus einen ähnlichen Einfall ins Land der Chatten und zog auf +den Hauptort Mattium, das er verbrannte. Vermutlich wurde dort das +Frühlingsfest, das Sommeropfer begangen.</p> + +<p>Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage +lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt.⁠<a id="FNanchor_709_709" href="#Footnote_709_709" class="fnanchor">[709]</a> +Widukind sucht allerdings in dieser bei Scheidungen an der Unstrut +abgehaltenen Feier ein Siegesfest der Sachsen über die Thüringer. Aber +man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form +fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen +Ereigniss hervorging. Erwägt man die Zeit, so ist auf das germanische +Opfer zu Winters Anfang, zum heidnischen Neujahr zu schliessen. Dass +die Toten dabei bedacht wurden, ist auch sonst bei den germanischen +Opfern nachzuweisen. Sie galten nicht nur den Göttern, sondern +ebenso sehr den Seelen. Namentlich Winters-, d. h. Jahresanfang, im +christlichen Kalender Allerseelen und Neujahr, die Zwölften, kehren den +Seelenkult stark hervor. Dasselbe Fest wurde, von dem Berichterstatter +ähnlich missdeutet, am 28. September zu Augsburg gefeiert.⁠<a id="FNanchor_710_710" href="#Footnote_710_710" class="fnanchor">[710]</a> Die +Überlieferung nennt einen <i>dies deae Cisae</i>, worin Laistner einen +missverstandenen „<i>Cisatag</i>“, „<i>Sisatag</i>“ sieht. Neben +ahd. <i>sisesang</i>, Totenlied, <i>nenia</i>, wäre <i>*sisetag</i> +eigentlich ein <i>Kartag</i>, ein Tag der <span class="pagenum" id="Page_587">[S. 587]</span>Klagelieder. Das Fest zu +Winters Anfang, zu Michaeli, war zugleich eine allgemeine Totenfeier +und trug davon sogar einen besondern Namen. Die germanische Jahreswende +scheint nicht bloss eine Zeit der Lustbarkeit, sondern auch der Klage +um die Verstorbenen gewesen zu sein.</p> + +<p>Auch im Norden ging die Verehrung von Disen und Alfen neben der +Verehrung der Götter an den hohen Jahresfesten her. <i>Alfablót</i>, +Alfenopfer, fällt mit Jul zusammen; denn nach der grossen Olafssaga +helga Kap. 80 kam der Skald Sighvat spät im Winter zu einem Gehöft, +wo das <i>alfablót</i> gefeiert wurde. In der Vigaglúmssaga Kap. 6 +heisst es: „Da war zu Winters Anfang ein Gastmahl bereitet und ein +<i>dísablót</i> gehalten und alle sollten diese Erinnerung feiern.“ Das +schwedische Opferfest führte den Namen <i>dísaþing</i>. Mithin gelten +nach nordischem und deutschem Brauch die grossen ständigen Jahresopfer +den Göttern und Geistern. Letzteren wurde wol besonders Winters Anfang +und Mittwinter geweiht, da der Aberglaube mit Vorliebe jene Zeiten den +schwärmenden Geisterscharen zuweist.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von besonderer Art sind die Feste, welche nur selten, nach Ablauf +mehrerer Jahre und dann mit grosser Feierlichkeit vom ganzen Lande +begangen werden.</p> + +<p>Thietmar von Merseburg⁠<a id="FNanchor_711_711" href="#Footnote_711_711" class="fnanchor">[711]</a> erzählt von den Dänen: „Es ist ein Ort in +jenen Gegenden, namens Lederun (Leire, Hleidra), die Hauptstadt jenes +Reiches im Gau Selon (Seeland), wo immer nach Verlauf von neun Jahren +im Monat Januar um die Zeit, wo wir die Erscheinung Christi feiern, +alle zusammen kamen und ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele +Pferde nebst Hunden und Hähnen, die man in Ermangelung der Habichte +darbrachte, opferten, indem sie für gewiss glaubten, dass diese ihnen +bei den Göttern der Unterwelt Dienste leisten und dieselben wegen ihrer +begangenen Missethaten mit ihnen aussöhnen würden.“</p> + +<p>Adam von Bremen⁠<a id="FNanchor_712_712" href="#Footnote_712_712" class="fnanchor">[712]</a> + schildert ein ähnliches schwedisches <span class="pagenum" id="Page_588">[S. 588]</span>Landesopfer: +„Alle neun Jahre wird zu Uppsala ein allen Schweden gemeinsames +Opfer gefeiert. In Bezug auf dieses Fest findet keine Befreiung von +Leistungen statt. Die Könige und das Volk, alle schicken ihre Gaben +nach Uppsala, und diejenigen, die bereits das Christentum angenommen +haben, kaufen sich von jenen Ceremonien los. Das Opfer ist folgender +Art. Von jeder Gattung männlicher Geschöpfe werden neun dargebracht, +mit deren Blut es Brauch ist, die Götter zu sühnen. Die Körper aber +werden in dem Haine aufgehängt, der zunächst am Tempel liegt. Dieser +Hain ist nämlich den Heiden so heilig, dass jeder Baum durch den Tod +oder die Verwesung der Geopferten geheiligt erachtet wird. Dort hängen +auch Hunde und Rosse neben den Menschen und von solchen vermischt +durch einander hängenden Körpern habe er, erzählte mir ein Christ, +72 gesehen. Die Lieder, die bei der Vollziehung eines solchen Opfers +gesungen werden, sind vielerlei und unehrbar. Neun Tage werden Schmäuse +und dergleichen Opfer gefeiert. An jedem Tage opfern sie einen Menschen +nebst anderen Geschöpfen, so dass es in neun Tagen 72 Geschöpfe werden, +die man opfert. Dies Opfer findet statt um die Frühlings Tag- und +Nachtgleiche.“ Zum Beweise, wie streng die Nichtachtung des Opfers +geahndet wurde, erzählt das Scholion 136, wie der christliche König +Anunder deshalb aus seinem Reiche vertrieben wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_589">[S. 589]</span></p> + +<p>Zum richtigen Verständniss der beiden grossen nordischen Opfer muss +zunächst ein Irrtum Thietmars berichtigt werden. Er vermischt Opfer- +und Bestattungsbräuche. Die Tiere wurden nicht darum geschlachtet, +dass die zum Opfer getöteten Menschen in der Unterwelt davon Gebrauch +machten; solches war nur der Leichenfeier eigen. Beim Opfer fielen +Menschen und Tiere den Göttern zu. In der Hauptsache verlaufen das +dänische und schwedische Landesopfer gleich. Beide fanden nur alle neun +Jahre statt, die Neunzahl spielt beiderseits bei den Opfern eine Rolle. +Vielleicht sind die 99 Menschen in Dänemark neben den 9 in Schweden +doch zu hoch gegriffen. Neun Tage dauert das schwedische Fest. Das +dänische Opfer fiel mit dem Julfest zusammen, das schwedische mit dem +Sommeropfer.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Man muss dem Umstand Rechnung tragen, dass wir die ursprünglichen +germanischen Jahresfeste nur unsicher aus der überlieferten +Zeitrechnung, aus dem römischen Kalender und der christlichen Festfolge +zu erschliessen vermögen. Zweifellos hingen die einstigen Hauptfeste +mit der Jahresteilung zusammen. Als aber, noch im Heidentum, der +römische Kalender eindrang, fanden Verschiebungen aller Art statt, die +christliche Festfolge vermehrte noch die Verwirrung. So wurden die +Jahresfeste verlegt und auf verschiedene Tage verteilt. Man gelangt +nur zum allgemeinen Satze, dass für die Volksopfer die Jahresteilung, +für Gemeindeopfer Ackerbau und Viehzucht maassgebend gewesen zu sein +scheinen.</p> + +<p>Die siebentägige Woche und die Einteilung des Jahres in zwölf +Monate⁠<a id="FNanchor_713_713" href="#Footnote_713_713" class="fnanchor">[713]</a> kam den Germanen aus der Fremde, durch die Römer zu und +zwar noch vor der Bekehrung, sonst wären die heidnischen Götternamen +nicht für die Wochentage gewählt worden. Damals muss die interpretatio +romana schon sehr fest eingebürgert gewesen sein, denn allgemein und +ohne Schwanken werden die dies Martis, Mercurii, Jovis, Veneris dem +Tiu, Wodan, Donar und der Frija zugeteilt. Die Monate, sofern sie +germanisch bezeichnet wurden, heissen nach Zeit und Wetter, Pflanzen +und Tieren, Geschäften in Haus und Feld, nicht nach religiösen +Vorstellungen. <span class="pagenum" id="Page_590">[S. 590]</span>Erst später wurden gleich einigen Kalendertagen +auch Monatsnamen persönlich gedacht und spielen deshalb im jüngeren +Volksglauben eine Rolle.</p> + +<h4 id="II_Das_Tempelwesen"><b>II. Das Tempelwesen.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Heilige_Haine_1"><b>1. Heilige Haine.</b></h5> + +<p>Das Waldleben hatte von jeher tiefen Einfluss auf alle Verhältnisse +des germanischen Volkes, so auch auf Glauben und Gottesdienst. „In +dem Wehen, unter dem Schatten uralter Wälder fühlte sich die Seele +des Menschen von der Nähe waltender Gottheiten erfüllt.“⁠<a id="FNanchor_714_714" href="#Footnote_714_714" class="fnanchor">[714]</a> Die +ältesten Zeugnisse heben den Waldkultus hervor, der Wald war die +Behausung der Götter. Heilige Haine vertreten geradezu eigentliche +erbaute Tempel. Bei echt germanischen Tempeln fehlt auch nicht der +Wald, es sei denn, die Natur versage ihn wie auf Island. Die ältesten +germanischen Bezeichnungen lehren: Tempel ist zugleich Wald. „Was +wir uns als gebautes, gemauertes Haus denken, löst sich auf, je +früher zurückgegangen wird, in den Begriff einer von Menschenhänden +unberührten, durch selbstgewachsene Bäume gehegten und eingefriedigten +heiligen Stätte. Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in +rauschenden Blättern der Zweige.“⁠<a id="FNanchor_715_715" href="#Footnote_715_715" class="fnanchor">[715]</a> „Die Götter, im Wald und auf +der Berghöhe gegenwärtig, bedurften keiner gebauten Wohnung, keines +sie darstellenden Bildes. Am deutlichsten hat das Tacitus von den +Germanen ausgesprochen: <i>ceterum nec cohibere parietibus deos, neque +in ullam humani oris speciem assimilare ex magnitudine coelestium +arbitrantur: lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant +secretum illud, quod sola reverentia vident</i>. Nur Bäume hegten den +Gott und über Bäumen stand der Himmel offen. Als aber allmälig feste +Niederlassungen erfolgten und als der friedliche Ackerbauer selbst ein +Haus bezogen hatte, lag der Gedanke nah, auch für die Götter bleibende +Wohnstätten zu errichten, und aus feierlichen Steinkreisen auf dem +Waldgebirg gingen Höfe oder Tempel hervor. Die ältesten Ausdrücke +unsrer wie der griechischen Sprache können sich von dem Begriff des +heiligen Haines noch nicht losreissen, sondern gehen von diesem aus und +erst unmerklich in die Vorstellung einer erbauten Stätte über.“⁠<a id="FNanchor_715a_715" href="#Footnote_715_715" class="fnanchor">[715]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_591">[S. 591]</span></p> + +<p>Die altgermanischen Wörter für Heiligtum, Opferstätte schwanken in +ihrer Bedeutung zwischen Hain und Tempel, weil eben zum Gottesdienste +einerseits heilige gehegte Wälder, andrerseits aufgerichtete Gebäude +dienten. Das ahd. <i>haruc</i>⁠<a id="FNanchor_716_716" href="#Footnote_716_716" class="fnanchor">[716]</a> geben die Glossen mit <i>lucus</i>, +<i>nemus</i>, <i>fanum</i>, <i>ara</i> wieder, ags. <i>hearh</i>⁠<a id="FNanchor_717_717" href="#Footnote_717_717" class="fnanchor">[717]</a> +wird entsprechend als <i>lucus</i>, <i>sacellus</i>, <i>fanum</i> +ausgelegt. Im Nordischen bedeutet <i>hǫrgr</i>⁠<a id="FNanchor_718_718" href="#Footnote_718_718" class="fnanchor">[718]</a> ursprünglich +Steinhaufen, vielleicht geschichteter Steinaltar oder Steinkreis als +Hag um den Opferplatz, wie solche noch in England und Skandinavien zu +sehen sind. Zugleich aber nimmt <i>hǫrg</i> die allgemeine Bedeutung +„Heiligtum“, die besondere „kleiner Tempel“ an.⁠<a id="FNanchor_719_719" href="#Footnote_719_719" class="fnanchor">[719]</a> Ahd. <i>paro</i> +(gen. <i>parawes</i>)⁠<a id="FNanchor_720_720" href="#Footnote_720_720" class="fnanchor">[720]</a>, ags. <i>bearo</i> (gen. <i>bearwes</i>), +welche <i>lucus</i> und <i>arbor</i> ausdrücken, deuten auf den +heiligen Hain oder Baum.</p> + +<p>In den germanischen Sprachen begegnet unter verschiedenen Formen +ein Wort für sich allein und in Zusammensetzungen; es lautet +<i>weh</i>, <i>weg</i> (an. <i>vé</i>, ags. <i>weoh</i>, <i>weg</i>, +as. <i>weg</i>) <i>wih</i>, <i>wig</i> (gotländisch, dän., schwed. +<i>vî</i>, ags. <i>wih</i>, <i>wig</i>, as. ahd. <i>wih</i>). Die +Grundbedeutung ist Kultstätte (as. <i>friduwih</i>, befriedete +Kultstätte) und demnach, wie die ahd. Glosse „<i>forst edo haruc +edo uuih</i>“ lehrt, auch heiliger Hain, ferner Kultgegenstand +(<i>idolum</i>, <i>ara</i>, <i>vexillum</i>).⁠<a id="FNanchor_721_721" href="#Footnote_721_721" class="fnanchor">[721]</a></p> + +<p>Ahd. <i>lôh</i> (<i>lucus</i>), das wie nord. <i>lundr</i> in +vielen deutschen Ortsnamen erscheint⁠<a id="FNanchor_722_722" href="#Footnote_722_722" class="fnanchor">[722]</a>, weist wol manchmal auf +ursprünglichen Opferhain. Am besten unterrichtet Tacitus an vielen +Stellen über den Waldkult der Germanen.⁠<a id="FNanchor_723_723" href="#Footnote_723_723" class="fnanchor">[723]</a> Bei den Nahanarvalen ist +ein altehrwürdiger Hain (<i>lucus antiquae religionis</i>), wo den +Alcis gedient wird. Bei <span class="pagenum" id="Page_592">[S. 592]</span>den Semnonen steht der uralte schauerliche +Opferwald, den man nur gefesselt betreten darf (<i>silva auguriis +patrum et prisca formidine sacra</i>); dort versammeln sich Abgesandte +aller Suevenstämme. Der Nerthus ist ein unberührter Hain (<i>castum +nemus</i>) geweiht, worin allerdings auch ein templum sich erhebt. Die +Feldzeichen der Stämme, Tierbilder und Abzeichen der Götter, die dem +Heere voran in die Schlacht getragen wurden, befanden sich gewöhnlich +im geweihten Walde. Im Donarswald (<i>in silvam Herculi sacram</i>) +versammeln sich die Völker zur Schlacht. In den heiligen Hain +(<i>sacrum in nemus</i>) ruft Civilis den Adel zusammen. Opfersteine, +bei denen die gefangenen Feinde geschlachtet wurden, traf man in +den Wäldern (<i>lucis propinquis barbarae arae apud quas tribunos +mactaverant</i>). Die Häupter getöteter Opfertiere bleichten an den +Baumstämmen.</p> + +<p>Im tiefsten, dunkelsten Urwald, wo kein Holz geschlagen werden darf, +ist das Heiligtum der Götter, da stehen die Opfersteine, da werden +Menschen und Tiere geschlachtet oder aufgehängt, da werden die heiligen +Feldzeichen der Völker aufbewahrt. Dort ist aber auch Volksversammlung +und Gericht. Vermutlich war ein besonderer Teil des Urwaldes zum +eigentlichen Gottesdienst abgegrenzt, während fürs Ding gelichtete, +wenigstens von Buschwerk und Unterholz gerodete Strecken erforderlich +scheinen. Der den Göttern geweihte uralte, wilde Bannwald rief einen +schauerlichen Eindruck hervor, ebenso aus ehrfürchtiger Scheu vor +der unmittelbaren Gegenwart der Götter wie wegen der blutigen Opfer, +wegen der verwesenden Leichen und bleichenden Gebeine. Nicht bloss den +Römern, auch den germanischen Volksgenossen selber war ein solcher +Urwald unheimlich. Die Schrecken der Vorzeit hafteten auch später +vornehmlich am Tempelhain, so an dem zu Uppsala, während die übrigen +Örtlichkeiten der frohen Feste halber wol einen freundlicheren Anblick +boten. Der eigentliche Opferplatz, wo die Gottheit die Opfer empfing, +war der furchtbare Mittelpunkt des Gottesdienstes.</p> + +<p>Die Bekehrer hatten oft mit heiligen Wäldern, insbesondere mit heiligen +Bäumen zu thun. Der Wald gilt ohnehin als Aufenthalt der Geister, der +Baum als beseelt; somit wird er leicht zur Behausung, zum Heiligtum +der Götter. Bonifacius fällte bei Geismar die Donarseiche und erbaute +aus ihrem Holz eine Peterskapelle. Unter Sachsen und Friesen⁠<a id="FNanchor_724_724" href="#Footnote_724_724" class="fnanchor">[724]</a> +dauerte die Verehrung der <span class="pagenum" id="Page_593">[S. 593]</span>Haine am längsten fort. Bischof Unwan von +Bremen liess im Anfang des 11. Jahrh. bei abgelegenen Bewohnern seines +Sprengels solche Wälder, in denen geopfert wurde, ausrotten. Nach einem +Treffen, das im Jahre 779 zwischen Franken und Sachsen geschah, liess +sich ein schwerwunder Sachse aus seiner Burg heimlich in einen dem +höchsten Gott geweihten Hain tragen. Schon in alten Urkunden ist von +<i>Heiligenforst</i> bei Strassburg, <i>Heiligenloh</i> im Hoyaschen, +<i>Heiligelo</i> bei Alkmaar in Holland, <i>Heiligenholtz</i> bei +Zwifalten, <i>Halahtre</i> in Westfalen die Rede.⁠<a id="FNanchor_725_725" href="#Footnote_725_725" class="fnanchor">[725]</a> Diese Namen +bewahren das Andenken heidnischer Götterwälder, die der Benutzung des +Volkes entzogen, dem Dienste der Götter geheiligt waren.</p> + +<h5 class="s4" id="Tempelbauten_2"><b>2. Tempelbauten.</b></h5> + +<p>Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel⁠<a id="FNanchor_726_726" href="#Footnote_726_726" class="fnanchor">[726]</a> hervor, +vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum, +der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen +aufgeführt wurde. Derlei mag der <i>indiculus superstitionum</i> IV +„<i>de casulis id est fanis</i>“, von kleinen Tempelchen, im Auge +haben. Man gedenkt der Halle König Vǫlsungs, die freilich weltlichen +Zwecken dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel +darstellt. „König Wolsung Hess eine herrliche Halle machen und zwar +auf die Art, dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige +des Baumes mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm +reichte in die Halle hinunter.“⁠<a id="FNanchor_727_727" href="#Footnote_727_727" class="fnanchor">[727]</a> Hernach stösst Odin das Schwert +für Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im +fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der +Gott seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt +dieser Sagenbildung vermuten? Die sächsische <i>Irminsûl</i> muss hier +erwogen werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen +als Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am +Hochsitz befindlichen sog. <i>ǫndvegissúlur</i>, an denen <span class="pagenum" id="Page_594">[S. 594]</span>Götterbilder +eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird. +Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und +stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im +Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen +wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des +sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete +<i>irminsûl</i>, die Hauptsäule.⁠<a id="FNanchor_728_728" href="#Footnote_728_728" class="fnanchor">[728]</a> Er verbrannte das sächsische +Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain, +ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet +wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf +von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsûl +als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm, +eine Hauptsäule.⁠<a id="FNanchor_729_729" href="#Footnote_729_729" class="fnanchor">[729]</a> Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen +Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung +wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag +vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie +stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete +Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel, +der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne +Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit, +dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur +das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten +Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste +bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete +hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie +der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint +er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu +haben. So wuchs, wol auch unter der <span class="pagenum" id="Page_595">[S. 595]</span>Anregung römischer Kultur, aus +dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung +der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als +<i>irminsûl</i> entfaltet beides.</p> + +<p>Zur Zeit des Tacitus ist die Kultstätte meistens der heilige Hain. +Aber an zwei Stellen ist zweifellos vom Tempel im Haine die Rede. +Nachdem der Priester die Nerthus an Festtagen umhergeführt hat, gibt er +sie ihrem Heiligtum zurück (<i>satiatam conversatione mortalium deam +templo reddit</i>). Im Jahre 14 machten die Legionen des Germanicus +den marsischen Tanfanatempel dem Erdboden gleich (<i>celeberrimum +illis gentibus templum, quod Tanfanae vocabant, solo aequatur</i>). +Die Bekehrer hatten nicht bloss Göttereichen zu fällen, sondern +auch Tempelbauten niederzulegen, zu verbrennen oder zum Dienste des +Christentums umzuweihen. Allmälig hatten sich die im Walde gebauten +Tempel vermehrt, mitunter wurden auch römische Bauten, gemauerte +steinerne Tempel dem germanischen Götterdienst nutzbar gemacht. Als +Radegund, die Gemahlin Chlotars, aus Thüringen nach Frankreich zog, +führte sie ihr Weg in der Nähe eines fränkischen Tempels vorüber. +Die glaubenseifrige Christin gebot ihren Leuten, den Heidentempel +anzuzünden. Die Franken wehrten sich, aber Radegund setzte ihren +Willen trotzdem durch. Das Heiligtum wurde verbrannt, hernach aber +Frieden gestiftet. So erzählt die vita sanctae Radegundis (<i>acta +Bened. sec.</i> 1 S. 327) aus dem 6. Jahrh. Gregor von Tours +(<i>vitae patr.</i> 6) weiss von einem mit Zieraten erfüllten Tempel +zu Köln (<i>fanum quoddam diversis ornamentis refertum</i>), worin +die Barbaren beim Opfer Schmaus und Gelage hielten. Dort standen +auch Götterbilder. Kranke Glieder wurden in hölzerner Nachbildung +aufgehängt. Bei den Angelsachsen gab es eingehegte Tempel (<i>fana +cum septis</i>), die ziemlich vollkommen gewesen sein müssen, sonst +hätte schwerlich Gregor dem Augustin anempfohlen, christliche Kirchen +daraus zu machen. Die ags. Sprache gewährt auch ein germanisches Wort +für den Begriff „Altar“. Im Walde genügte der Opferstein, im Tempel +erhub sich ein Altar, <i>wigbed</i> (aus älterem <i>wihbéod</i>), der +Tempeltisch.⁠<a id="FNanchor_730_730" href="#Footnote_730_730" class="fnanchor">[730]</a> Er diente wol wie der nordische <i>stallr</i> zur +Aufnahme heiliger Gerätschaften, des Eidringes, <span class="pagenum" id="Page_596">[S. 596]</span>der Opferblutschale +u. dergl.⁠<a id="FNanchor_731_731" href="#Footnote_731_731" class="fnanchor">[731]</a> Sächsische Tempel (fana) nennt das <i>capitulare de +partibus Saxoniae</i>. Den friesischen Göttern⁠<a id="FNanchor_732_732" href="#Footnote_732_732" class="fnanchor">[732]</a> waren in allen +Teilen des Landes Tempel errichtet. Darin lagerten oft Schätze. Genauer +beschrieben ist aber nur Fosites Heiligtum auf Helgoland.</p> + +<p>Der hl. Willebrord brach auf Walchern ein altehrwürdiges, von +einem tapferen Wächter behütetes Heiligtum.⁠<a id="FNanchor_733_733" href="#Footnote_733_733" class="fnanchor">[733]</a> Da im Dünensande +vor Walcheren Trümmer römischer Steinbauten und Nehalenniasteine +sich vorfanden, handelt es sich vermutlich um einen Tempel aus der +Römerzeit, den die Germanen nach Abzug der Römer zum Dienste ihrer +eigenen Götter benutzten. Überhaupt muss man mit der Möglichkeit +rechnen, dass die auf römisches Gebiet einrückenden Germanen, hier +und da ihre Opferstätten in verlassene römische Tempel verlegten. +Nahmen die germanischen Söldner doch auch ebenso willig den Brauch +bildergeschmückter Weihsteine von ihren römischen Kameraden an, nicht +bloss zum Kaiserkult und zum Dienst der römischen Truppengenien, +sondern <span class="pagenum" id="Page_597">[S. 597]</span>auch zu Ehren heimischer Volksgötter. Wo steinerne +Tempelbauten unter Germanen erwähnt werden, liegt dieser Verdacht sehr +nahe. In des Jonas von Bobbio <i>vita Columbani</i> Kap. 17 (J. Grimm, +Myth. 73) ist von römischen Thermen, mit Steinbildern geschmückt, +die Rede, denen die Burgunden bei Luxeuil in Franche comté Verehrung +erwiesen. Echt germanische Tempel waren aus Holz gefertigt, allenfalls +aus Rasenstücken und rohen Steinen kunstlos geschichtet, aber nicht aus +kunstvoll behauenen Steinen regelrecht gemauert.⁠<a id="FNanchor_734_734" href="#Footnote_734_734" class="fnanchor">[734]</a></p> + +<p>Am ausführlichsten ist das Heiligtum des Fosite auf Helgoland +geschildert, wohin Willebrord zwischen 690 und 714 verschlagen wurde. +Für die dem Gotte geheiligte Stätte hatten die Friesen die höchste +Verehrung. Alles, Tempel, Äcker, Wälder, Quellen, weidende Tiere, +Schätze gehörten dem Gotte. Keiner der Heiden des Landes wagte, +Tiere, die dort weideten, oder irgend welchen Gegenstand des Landes +zu berühren, nur schweigend schöpften sie das Wasser der Quelle, die +dort entsprang. Nach König Redbads Satzung galt es für ein des Todes +würdiges Verbrechen, als Willebrords Gefährten Tiere der Insel zu +ihrer Nahrung schlachteten, und Willebrord drei Leute in der heiligen +Quelle taufte. Drei Tage liess König Redbad das Loos ziehen; dadurch +entschieden die Götter bei einem der Gefährten Willebrords, dass er +getötet werden musste; er selbst und die andern durften die Insel +verlassen. Das Volk ums Jahr 700 glaubte, jeden, der das geweihte Land +nicht in tiefster Verehrung betrete, müsse die Strafe des Gottes, +Raserei oder sofortiger Tod treffen. Im 11. Jahrhundert, als bereits +das Christentum eingezogen war, herrschte noch der Glaube, dass jeder, +der auf der Insel das geringste raube, Schiffbruch oder schweren Tod +erleiden müsse, daher denn alle, von tiefer Furcht erfüllt, bereit +waren, von ihrem Seeraub den <span class="pagenum" id="Page_598">[S. 598]</span>zehnten Teil den Eremiten darzubringen, +die auf dem Lande angesiedelt waren.</p> + +<p>Hier finden wir alle wesentlichen Merkmale des germanischen Heiligtums, +Wald, Tempel, Opferquelle, Tempelgut an Hort und Herde, alles unter +besonderem unverletzlichem Frieden. Mit der Schilderung des friesischen +Heiligtums stimmt die des schwedischen Haupttempels überein, die wir +Adam von Bremen⁠<a id="FNanchor_735_735" href="#Footnote_735_735" class="fnanchor">[735]</a> verdanken.</p> + +<p>Das Schwedenvolk hat einen sehr berühmten Tempel, der Uppsala heisst +und nicht weit von der Stadt Sigtun liegt. In diesem Tempel, der ganz +von Gold gebaut ist, betet das Volk die Bildnisse dreier Götter an, +und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Saale +seinen Thron hat; rechts und links sitzen Wodan und Fricco. Nahe bei +diesem Tempel steht ein sehr grosser Baum, der seine Zweige weithin +ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art +derselbe ist, weiss niemand. Dort ist auch eine Quelle, wo die Heiden +Opfer anzustellen und einen Menschen lebendig zu versenken pflegen. +Wenn dieser nicht wiedergefunden wird, so ist der Wunsch des Volkes +bestätigt. Den Tempel umgibt eine goldene Kette, die am Giebel des +Gebäudes hängt und den Herankommenden entgegenblinkt. Das folgende +Kapitel 27 schildert auch noch den beim Tempel gelegenen Hain, dessen +Bäume durch die verwesenden Körper geopferter Menschen schaurig geweiht +waren. Der uralte schaurige Bannwald steht hier noch wie ein Denkmal +vergangener Zeiten neben dem freundlichen Bild des Tempels und des +über der Quelle rauschenden immergrünen Baumes. Beachtenswert ist die +goldene Kette, die den Tempel umgibt. Sie erinnert an die <i>vébǫnd</i> +des nordischen Rechtes, an die heiligen Schnüre, die, an Haselstangen +geknüpft, das Gericht abgrenzten.</p> + +<p>Genaues über Bau und Einrichtung des Tempels berichten <span class="pagenum" id="Page_599">[S. 599]</span>nur +norwegisch-isländische Quellen.⁠<a id="FNanchor_736_736" href="#Footnote_736_736" class="fnanchor">[736]</a> Der nordische Tempel, in Norwegen +aus Holz⁠<a id="FNanchor_737_737" href="#Footnote_737_737" class="fnanchor">[737]</a>, auf Island auch aus Torf, Steinen oder Lavablöcken +erbaut, entspricht aber schwerlich dem altgermanischen.</p> + +<p>Thorolf, der in Norwegen einen Tempel besessen hatte, brach ihn +ab, nahm die Erde, die unter dem Altar gewesen war, und das meiste +Holzwerk mit, liess in Island den Ort seiner Niederlassung durch seine +Hochsitzpfeiler, auf welchen Thor eingeschnitzt war, bestimmen und +schritt alsbald zum Wiederaufbau seines Gotteshauses. „Da liess er +den Tempel erbauen, und es war das ein grosses Haus; es waren Thüren +an den Seitenwänden und nahe an dem einen Ende; innerhalb standen da +die Hochsitzpfeiler und darin waren Nägel, die hiessen Götternägel +(<i>reginnaglar</i>). Im innern Teile des Hauses war ein Haus in der +Art, wie nun der Chor in den Kirchen ist, und es stand da eine Erhöhung +mitten auf dem Boden und ein Altar, und darauf lag ein Ring ohne Ende +von zwei (andere Lesarten: neun, zwanzig) Unzen Gewicht, und auf den +sollte man alle Eide schwören; den Ring sollte der Häuptling an der +Hand tragen bei allen Volksversammlungen. Auf der Erhöhung sollte +auch der Blutkessel stehen und darin der Blutzweig, als wäre es ein +Sprengwedel, und damit sollte man aus dem Kessel das Blut spritzen, +welches <i>hlaut</i> genannt wurde; das war solches Blut, wenn Tiere +geschlachtet wurden, die man den Göttern opferte. Um die Erhöhung +herum waren in dem Nebenhause den Göttern ihre Plätze angewiesen.“ +In der Kjalnesingasaga wird vom Goden Thorgrim erzählt: „Er war ein +eifriger Opferer; er liess einen grossen Tempel errichten auf seinem +Hofe, der war 120 Fuss lang und 60 Fuss breit; Thor <span class="pagenum" id="Page_600">[S. 600]</span>wurde da zumeist +verehrt; da war es innen rund gemacht wie eine Haube (d. h. gewölbt); +das war alles mit Tapeten behängt und mit Fenstern versehen; da stand +Thor in der Mitte und beider Hand andere Götter. Vorn davor stand +eine Erhöhung, mit grosser Kunstfertigkeit gemacht und oben mit Eisen +getäfelt; darauf sollte ein Feuer sein, das nie erlöschen sollte; das +nannten sie das geweihte Feuer. Auf dieser Erhöhung sollte ein grosser +Ring liegen, aus Silber (andere Lesart: aus Gold) gemacht; den sollte +der Tempelgode an der Hand tragen bei allen Volksversammlungen; auf den +sollte man alle Eide schwören wegen Klagsachen. Auf der Erhöhung sollte +auch ein grosser Kessel stehen von Kupfer; darein sollte man all das +Blut lassen, das von dem Vieh käme, das dem Thor geschenkt würde, oder +von den Menschen; das nannten sie <i>hlaut</i> und <i>hlautbolli</i>. +Mit dem Blute sollte man die Menschen bespritzen und das Gut.“ Wie +die Tempel zu den Opferfesten benützt wurden, lernen wir aus der +Hákonarsaga góða: „Das war alte Sitte, wenn ein Opfer sein sollte, dass +alle Bauern dahin kommen sollten, wo der Tempel war, und dahin ihre +Sachen bringen, deren sie bedurften, solange das Opfermahl währte. Bei +diesem Mahle sollten alle Leute Bier haben; da wurde auch allerhand +Vieh geschlachtet, und ebenso Pferde, all das Blut aber, das daher kam, +das nannte man <i>hlaut</i>, aber <i>hlautbollar</i> (Blutkessel) das, +worin das Blut enthalten war; und <i>hlautteinar</i> (Blutzweige), +die waren gemacht wie die Sprengwedel; damit sollte man die Altäre +völlig bespritzen, und ebenso die Wände des Tempels von aussen und von +innen, und so auch das Blut über die Leute sprengen; das Fleisch aber +sollte man zur Bewirtung der Leute brauchen. Feuer sollte mitten auf +dem Boden im Tempel sein, und darüber die Kessel, und die Vollbecher +sollte man über das Feuer bringen; der aber, der das Mahl hielt und der +Häuptling war, sollte den Vollbecher weihen und alle Opferspeise. Da +trank man Odins, Njords, Freys Becher und das Gedächtniss angesehener +Blutsfreunde. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein +Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opfermahl zu Hladir +hielt und alle Kosten allein trug.“</p> + +<p>Die grossen Tempel waren prächtig ausgeschmückt; an der Tempelthüre +zu Hladir und auch anderwärts war ein goldener Thürring angebracht. +Bei den skandinavischen Tempeln darf man an reiches Holzschnitzwerk +denken. Im Innern hingen bei Festen Teppiche. Auch Goldverzierungen +an Säulen und Wänden, an <span class="pagenum" id="Page_601">[S. 601]</span>Gerätschaften und Götterbildern scheinen +üblich gewesen zu sein. Vom schwedischen Tempel zu Uppsala sagt Adam, +allerdings übertreibend, er sei ganz aus Gold gewesen. In Wirklichkeit +handelte es sich wol nur um reiche goldene Zierat. Die freilich wenig +glaubhafte längere Saga von den Droplaugssöhnen⁠<a id="FNanchor_738_738" href="#Footnote_738_738" class="fnanchor">[738]</a> erwähnt eines +von einem Gehege umschlossenen isländischen Tempels, der von Gold und +Silber erglänzte. Darin waren Bilder Thors und Freys, der Frigg und der +Freyja, angethan mit prächtigen Gewändern.</p> + +<p>Den Angaben der alten Quellen begegnen die Überreste isländischer +Tempel, die Sigurður Vigfússon untersuchte. Vom nordischen Tempel +gewinnen wir etwa folgendes Bild:</p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="langhaus"> + <img class="w100" src="images/langhaus.jpg" alt="Skizze eines zweiteiligen nordischen Tempels"> +</figure> + +<p>Der Hof bestand aus zwei Gebäuden, aus einem Langhause und aus +einem kleineren halbrunden Anbau. Das Langhaus war ganz wie die +gewöhnlichen Hallen eingerichtet, hatte seine Bänke längs den Wänden +und den zwischen den Hauptsäulen befindlichen Hochsitz. Es diente +zur Abhaltung der Opferschmäuse, wobei Feuer auf dem Boden zwischen +den Sitzreihen angezündet waren. Über den Feuern hingen die Kessel +zum Sieden des Opferfleisches. Das eigentliche Heiligtum bildete der +Anbau, das <i>afhús</i>, das einen eigenen Eingang hatte und mit der +Halle durch keine Thüröffnung verbunden war. Das <i>afhús</i> war ein +überwölbter Halbrundbau, angelehnt an die schmale Giebelseite des +Langhauses. In der Mitte des Halbkreises war der mit Eisen gedeckte +Altar (<i>stallr</i>, <i>stalli</i>), auf dem geweihtes Feuer brannte +und heilige Geräte, Ring, Blutkessel, Sprengwedel standen. In den +alten Opfersteinen hatte eine runde Vertiefung das Blut aufgefangen, +beim kunstvolleren Altar diente eine besondere Schale, ein kleiner +Kessel (<i>hlautbolli</i>) <span class="pagenum" id="Page_602">[S. 602]</span>dazu. Hinter dem Altare an der Rückwand des +Halbrundes standen die Götterbilder auf einer bankartigen Erhöhung. +Das <i>afhús</i> durften wol nur wenige Auserlesene, vor allen der +Gode zum Vollzug der Opferhandlung betreten, das Langhaus nahm die +„Sudgenossen“, die Opferteilnehmer auf.</p> + +<p>Um den Tempel ging ein mannshoher Zaun mit verschliessbaren Thüren, der +<i>skíđgarđr</i>, <i>stafgarđr</i>.⁠<a id="FNanchor_739_739" href="#Footnote_739_739" class="fnanchor">[739]</a></p> + +<p>Die Anlage des nordischen Tempels erinnert stark an die Kirche mit +Langschiff, Chor und Apsis, nur dass zwischen Chor und Langschiff keine +Verbindung besteht. Diese Übereinstimmung ist schwerlich zufällig. +Wir kennen nordische Tempel erst aus einer Zeit, da die Nordleute +längst mit christlichen Kulturvölkern im Verkehre waren. Da konnte der +Kirchenbau leicht auf den Tempelbau übertragen werden. Jedenfalls ist +schon wegen des Verdachtes nachgeahmter Formen nicht die geringste +Gewähr dafür, den verhältnissmässig so späten nordischen Tempel für ein +Abbild des altgermanischen zu nehmen.</p> + +<h5 class="s4" id="Goetterbilder_3"><b>3. Götterbilder.</b></h5> + +<p>Tacitus berichtet Ann. 2, 45, dass die Germanen zur Zeit Armins durch +die langen Kämpfe mit den Römern sich gewöhnt hätten, Feldzeichen +zu folgen. In der Germania Kap. 7 erzählt er, dass die Feldzeichen +bestanden aus <i>effigies</i> und <i>signa</i> ⁠<a id="FNanchor_740_740" href="#Footnote_740_740" class="fnanchor">[740]</a>, dass sie von +Priestern in heiligen Hainen aufbewahrt und gleichsam als Vertreter +der Götter von dort in den Kampf getragen wurden.⁠<a id="FNanchor_741_741" href="#Footnote_741_741" class="fnanchor">[741]</a> Unter +<i>signa</i> sind Attribute und Waffen der Götter, also etwa Wodans +Speer, Donars Hammer, Tiuȥ Schwert zu verstehen, unter <i>effigies</i> +Tierbilder, plastische, auf Tragstangen befestigte Bilder verschiedener +symbolischer, den einzelnen Stammgöttern geheiligter Tiere, <i>ferarum +imagines</i>, wie sie Tacitus Hist. 4, 22 nennt, wie wir sie auch sonst +und durch Abbildungen auf der <span class="pagenum" id="Page_603">[S. 603]</span>antoninischen Säule bezeugt finden. Es +waren Bilder von Drachen, Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern und Raben.</p> + +<p>Gab es neben diesen symbolischen Feldzeichen, die zur Zeit Armins +erst aufkamen, auch wirkliche Götterbilder? Germania Kap. 9 „<i>neque +in ullam humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium +arbitrantur</i>“ ist rhetorische Phrase, aber bei den Alcis (Germania +Kap. 43) behauptet Tacitus bestimmt, es seien keine Bilder vorhanden +gewesen (<i>nulla simulacra</i>). Bei der Nerthusumfahrt könnte man +allerdings an ein Bild denken. Aber es kann auch hier beim Symbol +geblieben sein, ein Wagen, ein Schiff fuhr um, unsichtbar dachte man +darin Nerthus oder Nehalennia zugegen. Späterer Brauch, wo wirkliche +Bilder umher geführt wurden, ist für die Urzeit nicht maassgebend. +Freilich wenn mit Wagen und Decke, <i>si credere velis, numen +ipsum</i>, die Göttin selbst im heiligen See gebadet wurde, muss +ein Bild da gewesen sein. Es dürfte sich wol wie mit dem Tempelbau +verhalten. Ursprünglich genügte der Wald als Opferstätte, die Götter +waren unsichtbar zugegen, hernach aber wurde ein Haus gezimmert und +ein Bild darin aufgestellt. Zur Zeit des Tacitus löste die neue Sitte +eben den älteren tempel- und bilderlosen Kult ab, wobei das Vorbild +der Römer maassgebend war. Zur Zeit der Bekehrung herrschten in allen +germanischen Ländern Tempel und Götterbilder vor.⁠<a id="FNanchor_742_742" href="#Footnote_742_742" class="fnanchor">[742]</a></p> + +<p>Deutsche Söldner im römischen Heerdienst lernten von ihren Kameraden +den Brauch, bildergeschmückte Weihsteine aufzustellen. So erhuben sich +Altäre dem Herkules-Donar, Mars-Thingsus-Tiuȥ, der Isis-Nehalennia. +Aber diese Weihsteine, welche die Inschriften tragen, die Bildwerke, +die den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstrich +römisch, sie entstammen römischem <span class="pagenum" id="Page_604">[S. 604]</span>Kulte und sind von römischen +Steinmetzen hergestellt.⁠<a id="FNanchor_743_743" href="#Footnote_743_743" class="fnanchor">[743]</a> Die Germanen haben sie nur veranlasst, +bezahlt, allenfalls dem römischen Götternamen ein latinisiertes +germanisches Beiwort beigefügt.</p> + +<p>Aus rohen Steinen, Steinpfeilern und Holzpfählen, die man aufrichtete, +mag allmälig das symbolartige Götterbild entstanden sein. Erwägt +man die <i>irminsûl</i> der Sachsen und die norwegisch-isländische +Hauptsäule mit ihrem abergläubischen Kulte und mit den daran +eingeschnitzten Götterbildern, so möchte man in solchen roh geformten, +vielleicht zunächst nur mit Köpfen versehenen Holzpfählen die Anfänge +germanischer Götzenbilder vermuten.⁠<a id="FNanchor_744_744" href="#Footnote_744_744" class="fnanchor">[744]</a></p> + +<p>Das älteste Zeugniss eines holzgeschnitzten Götterbildes führt in die +zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den Goten. Athanarich liess eine +Bildsäule auf einem Wagen (ξόανον ἐφ’ ἀρμάξης ἑστώς) herumführen mit +dem Befehl, die Leute sollten davor niederfallen und opfern (Sozomenus, +hist. eccl. 6,37). Die Nachrichten aus der Bekehrungszeit lauten sehr +allgemein und geben keinen genauen Begriff von den Götzen, welche die +Glaubensboten vorfanden. Auch muss man in Betracht ziehen, dass mit +den Götterbildern, namentlich denen aus Stein oder Metall, schwerlich +ursprünglich germanische gemeint sein werden, denn diese waren aus Holz +gemacht, vielmehr Überreste aus der Römerzeit, die aber in den Dienst +des germanischen Glaubens übernommen worden waren. Nach Gregor von +Tours 2, 29–31 spricht Chrothild zu Chlodowech, den sie bekehren will: +Eure Götter sind aus Stein, Holz oder Metall gemacht. Columban und der +hl. Gallus trafen im Jahre 612 bei Bregenz am Bodensee einen Sitz der +Abgötterei, drei vergoldete Erzbilder, die das Volk anbetete.⁠<a id="FNanchor_745_745" href="#Footnote_745_745" class="fnanchor">[745]</a> Sie +waren in der Wand einer Aureliakapelle angebracht. Das Volk hatte sich +vom Christenglauben wieder ihnen als den alten und echten Schutzgöttern +des Landes zugewandt. Der Heilige zerschlug sie und warf sie in den +See und brachte das Christentum wieder zu Ehren. Wahrscheinlich hatten +die Alamannen, als sie in die althelvetische Gegend vorrückten, diese +Bilder römischer Schutzgenien, <i>tutores hujus loci</i>, vorgefunden +und ihnen Verehrung erwiesen. Mussten sie doch die Bilder der auch +ihnen vertrauten Landgeister darin <span class="pagenum" id="Page_605">[S. 605]</span>erkennen; und auf neu gewonnenem +Boden galt es, diese für sich günstig zu stimmen. Die Friesen beteten +nach der vita Willehadi (MG. 2, 380) Steine und stumme, taube Bilder +an (<i>lapides, simulacra muta et surda</i>).⁠<a id="FNanchor_746_746" href="#Footnote_746_746" class="fnanchor">[746]</a> Am lebhaftesten hat +sich der Bilderdienst bei den Nordleuten entwickelt, schon darum, weil +bei ihnen das Heidentum länger währte.⁠<a id="FNanchor_747_747" href="#Footnote_747_747" class="fnanchor">[747]</a> Meistens standen mehrere +Bilder, nach ihrem Range geordnet, in einem Tempel, der demnach nicht +einem einzigen, sondern einer Mehrheit von Göttern geweiht war. In +Uppsala nennt Adam von Bremen drei Bildsäulen, Thor in der Mitte, links +und rechts von ihm Odin und Freyr. Nach der Eyrbyggjasaga Kap. 4 und +Kjalnesingasaga Kap. 2 wurden in den isländischen Tempeln zu Hof und +Hofstadir neben Thor auch andre Götter aufgestellt, wahrscheinlich +Freyr, Njord und Odin. In einem Tempel, den Hakon Jarl und Gudbrand +gemeinsam besassen, stand Thor auf seinem Wagen neben Thorgerd und +Irpa (Njála Kap. 89). In Hrafnkels Tempel (Hrafnkelssaga S. 23) +standen neben Freyr mehrere andere Götter. Die späte Friðthjofssaga +nennt Baldr neben anderen Götzen. Die Nachricht der Jómsvíkingasaga +Kap. 12 von einem gotländischen Tempel mit hundert Götterbildern +ist natürlich stark übertrieben. Die Götterbilder waren zumeist aus +Holz geschnitzt, bekleidet und mit Gold und Silber geschmückt. Ihr +Vorkommen ist keineswegs bloss auf die Tempel beschränkt. Thors Bild +ist auf den Hauptsäulen des Hauses eingeschnitzt, auf der Rücklehne +eines Stuhles, auf dem Vordersteven eines Heerschiffes. Man trug +allenfalls ein aus Zahn geschnitztes Bildniss Thors, ein aus Silber +geschmiedetes Bildniss Freys in der Tasche, um es jeden Augenblick +anbeten zu können. Götterbilder aus Teig oder Thon, wahrscheinlich zum +Hausgebrauch bestimmt, erwähnt ein norwegisches Rechtsbuch (Eidsifja +Þings lǫg 1,24). Wenn der Isländer Olafr pá aufs Getäfel seines +Wohnhauses zu Hjarðarholt Darstellungen aus der Götter- und Heldensage +einschnitzen lässt, worauf Ulf Uggason der Skald in der zweiten Hälfte +des zehnten Jahrhunderts seine berühmte Húsdrápa dichtete, so gehört +eine <span class="pagenum" id="Page_606">[S. 606]</span>derartige Verwendung der Mythen kaum mehr zum eigentlichen Kult; +sie mag nur beiläufig erwähnt sein.</p> + +<p>Die hölzernen Götterbilder müssen zuweilen lebensgross und kostbar +gekleidet gewesen sein. Gunnar Helming brachte den Freysgötzen zu Fall +und that seine Gewänder um. Er vertrat bei der Priesterin und dem Volke +gegenüber völlig die Rolle des Gottes. Das gold- und silbergeschmückte, +hammerbewehrte Thorsbild im Gudbrandsdal, das Olaf der Heilige +zerschlägt, war ebenfalls sehr gross. Die wolgekleidete Thorgerd +Hölgabrud war lebensgross, ihren goldenen Fingerring steckt Sigmund +Brestisson an seinen Finger.</p> + +<p>Der Bilderdienst scheint im Norden gegen das Ende des Heidentums so +sehr entartet zu sein, dass man schliesslich zwischen Göttern und +Götterbildern keinen Unterschied mehr machte. So nur ist der Betrug +möglich, den sich Gunnar mit dem Freysbilde erlaubt. Dem Thorsbilde zu +Hunthorp in Norwegen setzte man Speise vor und meinte, dass es diese +verzehre. Vom Thorsbilde zu Raudsey meinte man, es gehe spazieren und +lasse sich auf einen Kampf mit dem christlichen Könige ein. Grimkels +Göttin Thorgerd zieht mit den andern Götzen aus ihrem Tempel und redet +mit ihrem Verehrer; Thorgerds Bild bewegt den Arm und vermag einen +Ring zu geben oder vorzuenthalten. Man traut den Götzen auch zu, dass +sie sich selbst aus ihrem brennenden Tempel zu retten im Stande seien. +Aber alle diese Nachrichten betreffen die späteste Zeit des Heidentums +und sind in ziemlich späten Quellen überliefert. Wir erkennen nicht +sicher, ob der nordische Bilderdienst wirklich so tief entartete, oder +ob nur spätere christliche Übertreibung diesen bedenklichen Verfall +dem ausgehenden Heidentum einschwärzte. Es ist ein arger Abstand, aber +auch ein grosser Zeitunterschied zwischen dem urdeutschen Gottesdienst, +wo der ehrwürdige heilige Hain zum Tempel der Gottheit diente, deren +Gegenwart im Rauschen der Baumwipfel nur geahnt wurde, und dem +spätnordischen Götzendienst.</p> + +<p>Die altgermanischen Götterbilder waren aus Holz geschnitzt, Darauf +weist die Bezeichnung des gotischen Bildes mit ξόανον, Schnitzbild; im +Norden heissen die Bilder Holzgötter (<i>trégođ</i>) oder geschnitzte +Götter (<i>skurđgođ</i>).</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_607">[S. 607]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Tempelfrieden_4"><b>4. Tempelfrieden.</b></h5> + +<p>Ein besonderer Gottesfrieden ward im Heidentum den geweihten Stätten +und Festzeiten beigelegt. Wer ihn brach, that ein Neidingswerk und +verfiel dem Zorne der Götter, dem Opfertode. Des Festesfriedens bei +der Nerthusumfahrt gedenkt Tacitus, im Leben des Willebrord vernehmen +wir vom helgoländer Gottesfrieden. Im Norden ist der Tempel ein +<i>griđastađr</i>, eine Stätte besonderen Friedens. <i>Hofshelgi</i>, +Tempelheiligkeit heisst der Tempelfrieden. Es war nicht erlaubt, +mit Waffen in der Hand den Tempel zu betreten. Das besagt die +Egilssaga Kap. 49: „Die Leute da innen waren alle waffenlos, denn +da war Tempelheiligkeit.“ In der Vatnsdælasaga Kap. 17 wendet sich +Ingimund zu Rafn mit den Worten: „Es ist nicht Sitte, Waffen in den +Tempel mitzunehmen, und du wirst den Zorn der Götter erfahren, wenn +nicht Bussen erlegt werden.“ Wer den Gottesfrieden durch Gewaltthat +verletzte, ward Wolf im Heiligtum, <i>vargr í véum</i>, geächtet, +friedlos. Schuldbeladene Leute durften im Tempel nicht verweilen. Das +friesische Recht setzt Opfertod auf die Verletzung der Tempel (<i>lex +Frisionum addit. sap. tit.</i> 12). Ebenso erblickt das nordische +Recht darin unsühnbaren Frevel. Nach der Njála Kap. 89 hatte Hrappr +den dem Gudbrand und Hakon Jarl gemeinsamen Tempel verbrannt. Der Jarl +lässt eifrige Verfolgung des Missethäters eintreten und sagt: „Der +Mann, der das gethan hat, wird weggejagt werden aus Walhall und nie +dahin kommen.“ Nach der Kjalnesingasaga Kap. 5, 11, 12 hatte Bui auf +Island einen Tempel angezündet. Der Gode Thorgrim nennt die That ein +beispielloses Verbrechen, andere schelten sie ein Neidingswerk, ein +todeswürdiges Verbrechen. <i>Hofshelgi</i> mochte auch auf weiteren +Umkreis über die eingehegte Opferstätte hinaus ausgedehnt werden. So +ist ganz Helgoland befriedet. Der Isländer Thorolf richtete auf der +Spitze des Vorgebirges Thorsnes eine grosse Friedensstätte ein. Da +durfte der Boden weder durch vergossenes Blut noch mit menschlicher +Notdurft verunreinigt werden. Nachmals entsteht unter den Dingleuten +Kampf, die Stätte wird mit Blut befleckt. Da gilt der Platz als durch +das vergossene Blut entweiht, das Ding und die zweifellos damit +verbundene Opferstätte werden verlegt.⁠<a id="FNanchor_748_748" href="#Footnote_748_748" class="fnanchor">[748]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_608">[S. 608]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Tempelgut_5"><b>5. Tempelgut.</b></h5> + +<p>Zum germanischen Tempel gehörte Besitztum an liegenden und lebenden +Gütern, aber auch an Schätzen. Ganz Helgoland war dem Fosite eigen. Wie +auf Helgoland Fosites Herden weideten, so wurden beim Freystempel zu +Drontheim heilige Pferde des Gottes unterhalten (Flateyjarbók 1, 337) +und bei den alten Deutschen nach Tacitus Germ. 10 in heiligen Hainen +werkheilige weisse Rosse, aus deren Wiehern die Zukunft vorausgesagt +ward. Über gotisches Tempelgut belehrt ein Fundstück. Die Runenschrift +auf dem zu Pietroassa in Rumänien gefundenen goldenen Armring wird</p> + +<p class="center">GUTANIO WI HAILAG</p> + +<p class="p0">gelesen und gedeutet: das gotische heilige Göttereigen +(Tempelgut).⁠<a id="FNanchor_749_749" href="#Footnote_749_749" class="fnanchor">[749]</a> Der westgotische Goldhort, von dem einige Stücke +sich erhielten, war vermutlich der heilige unter dem Schutze der +Götter stehende und diesen zugehörige Kult- und Stammesbesitz, dessen +Verwaltung und Aufbewahrung den Königen und Priestern zukam.</p> + +<p>Dass die altfriesischen Götter neben Gütern aller Art auch Schätze +an Gold und Silber⁠<a id="FNanchor_750_750" href="#Footnote_750_750" class="fnanchor">[750]</a> besassen, beweist die Lebensbeschreibung des +Liudger Kap. 14 und 15. Bischof Alberich entsandte den Liudger um 776 +aus Utrecht in die östlich der Laubach gelegenen friesischen Gaue, um +die dortigen Heidentempel zu zerstören. Er nahm aus ihnen die Schätze, +von denen zwei Drittel der König Karl, ein Drittel Utrecht erhielt. +Es war ein grosser Tempelschatz erbeutet worden (<i>attulerunt magnum +thesaurum, quem in delubris invenerant</i>). Als König Karl 772 +die sächsische Irminsul und ihren Tempel drei Tage lang zerstörte, +erbeutete er dabei Gold und Silber (<i>aurum vel argentum, quod ibi +repperit, abstulit</i>).</p> + +<p>Beim isländischen Tempel hören wir näheres darüber.⁠<a id="FNanchor_751_751" href="#Footnote_751_751" class="fnanchor">[751]</a> Zuweilen +werden Tempel ein für allemal mit liegendem Gute seitens des Erbauers +oder auch späterer Schenker ausgestattet. So berichtet die Landnáma +4 Kap. 2: „Eine Bergwiese lag noch <span class="pagenum" id="Page_609">[S. 609]</span>zwischen dem Lande des Thorstein +torfi und des Hakon, ohne von jemandem in Besitz genommen zu sein; +die legten sie zum Tempel, und sie heisst fortan <i>Hofsteigr</i> +(Tempelwiese).“ Ebenda 5 Kap. 3 heisst es vom Goden Jǫrundr zu +Svertingsstaðir: „Er errichtete da einen grossen Tempel; ein Landstück +lag noch ungenommen östlich des Fljot, zwischen Krossa und Joldusteinn; +das Land umfuhr Jǫrundr mit Feuer und legte es zum Tempel.“ Ebenda 5 +Kap. 2: „Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem +Thor und nannte es Thorsmork.“ Von einzelnen Personen und ganzen +Gemeinden wurden Weihgeschenke an die Tempel gemacht. Bei einer +schweren Hungersnot wurde auf Island, der Vigaskútusaga Kap. 7 zufolge, +in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Vorschlag gemacht, +die Kinder auszusetzen und die alten Leute zu töten, zugleich durch +das Geloben von Weihegeschenken an die Tempel den Zorn der Götter zu +besänftigen. Die Islendingabók Kap. 2 erzählt von einer Schenkung, +die Grímr geitskór, Ulfljots Pflegebruder, an die isländischen Tempel +machte. Grimr hatte das Land bereist, um eine passende Stätte für das +allsommerlich abzuhaltende Allding ausfindig zu machen; dafür hatte er +von jedem Isländer einen Pfennig empfangen. Er aber gab dann dieses Gut +zu den Tempeln. Die Haupttempel des Landes wurden durch eine besondere +Steuer, den Tempelzoll (<i>hoftollr</i>) unterhalten. Der Gode erhob +von seinen Dingleuten diese Abgabe zur Unterhaltung des Tempels und +zur Bestreitung der Opferkosten, wozu er ausserdem aus eigenen Mitteln +beisteuerte. So sagt die Eyrbyggjasaga Kap. 4: „Zum Tempel sollten alle +Leute Zoll geben; aber der Gode sollte den Tempel aus eigenen Mitteln +erhalten, so dass er nicht zerfiel, und die Opferfeste darin abhalten.“ +In der Egilssaga Kap. 87 wird berichtet: „Oddr war da Häuptling im +Borgarfjord südlich der Hvita; er war Hofsgode und hatte einen Tempel, +zu dem alle Leute südlich der Skardsheide Tempelzoll bezahlten.“ In +der Kjalnesingasaga Kap. 2 heisst es vom Tempel des Goden Thorgrim: +„Da sollten alle Leute Tempelzoll dazu bezahlen. Das Vieh, welches zum +Opfer gegeben wurde, sollte man zur Gastung der Leute anwenden, wenn +Opferfeste gehalten wurden.“ Demnach war das Vermögen des heidnischen +Tempels ganz ähnlich wie das Kirchengut der christlichen Zeit und +bestand ebenso wie dieses aus gesetzlichen Abgaben und frommen +Schenkungen. Der Þorsteins þáttr uxafóts Kap. 1 bemerkt auch richtig: +„Jedermann sollte zum Tempel geben, wie nun zur Kirche Zehnt.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_610">[S. 610]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Staats_und_Privattempel_6"><b>6. Staats- und +Privattempel.</b></h5> + +<p>Die gemeinsamen Opfer einer grösseren Anzahl von Volksgenossen oder +gar des Gesamtvolkes erforderten entsprechende Opferstätten. Es gab +Haupttempel, Heiligtümer, an denen die Gau- oder Landesbewohner +Anteil hatten, neben zahlreichen kleineren Tempeln, die von der +Gemeinde oder von einzelnen vermöglichen Leuten errichtet worden +waren. Hauptopferstätte fürs Volk der Sueven, vielleicht überhaupt +der Erminonen, ist der Semnonenhain, ein Haupttempel der ingwaeischen +Nordseestämme stand auf der Nerthusinsel, für die Marsen, vielleicht +für alle Istwaeonen war es das Tanfanaheiligtum. Bei den Friesen +war Helgoland das Volksheiligtum, auch nach der Insel Walchern +strömten die Leute von weither zusammen, bei den Sachsen scheint +der <i>Irminsûl</i> diese Bedeutung zugekommen zu sein. Genaueren +Einblick ins Tempelwesen gewähren die nordischen Länder. In Dänemark +gab es vier Hauptopferstätten⁠<a id="FNanchor_752_752" href="#Footnote_752_752" class="fnanchor">[752]</a>, Viborg (<i>Vébjorg</i>) in +Jütland, Odense (<i>Ođins vé</i>) in Fünen, Ringsted-Hleidra, das +Thietmar von Merseburg beschreibt, in Seeland, Lund (an. <i>lundr</i>, +der Opferhain) in Schonen. Ziemlich im Mittelpunkt der einzelnen +Landesteile lagen die Haupttempel, wo die Landesbewohner zu den +ständigen Opferfesten sich versammelten. Der Haupttempel auf Seeland +scheint zugleich das dänische Volksheiligtum gewesen zu sein, wo alle +neun Jahre das grosse dänische Volksopfer gefeiert wurde. Meistens, +doch nicht regelmässig, waren die Haupttempel bei den Dingstätten +errichtet, weil Recht und Religion mit einander unzertrennlich +verknüpft waren, und weil der Bequemlichkeit halber wol meistens +Ding- und Opferzeiten zusammenfielen. In Schweden war zu Uppsala der +Reichstempel, auch hier mit dem grossen, alle neun Jahre stattfindenden +Landesopfer. Eine Gliederung in verschiedene Opfer und demnach wol auch +in mehrere Tempel zeigt sich auch auf Gotland, worüber die Gutasaga +Kap. 1 angibt: „Das gesamte Land hatte für sich ein höchstes Opfer mit +Leuten. Ausserdem hielt jedes Drittel ein Opfer für sich; die kleineren +Dinge hatten geringere Opfer mit Vieh, Speise und Trank.“ Norwegen +zerfiel in Volklande (<i>fylki</i>) und Hundertschaften (<i>herǫđ</i>). +Das Fylki hatte mehrere kleinere Tempel, welche dem Bedürfniss <span class="pagenum" id="Page_611">[S. 611]</span>der +<i>herǫđ</i> dienten, aber daneben einen Haupttempel (<i>hofuđhof</i>) +zum Gottesdienst des ganzen Volklandes. Ja selbst mehrere Volklande +mochten zu einem gemeinsamen Dingverbande mit einem Haupttempel sich +zusammenthun. Die Egilssaga Kap. 49 gedenkt eines Haupttempels in der +Landschaft Gaular, bei welchem die Leute aus Firdir, Fjalir und Sogn +zusammenzukommen pflegten. Der Tempel zu Hladir war Fylkishof für +das Strindafylki und Haupttempel für die ganze Landschaft Drontheim, +der zu Skiringssal Haupttempel für die Landschaft Vikin (Sǫgubrot af +fornkonungum Kap. 10). Ausser den grossen Tempeln gab es in Norwegen +zahlreiche kleinere öffentliche und private, deren Andenken viele +Ortsnamen festhalten.⁠<a id="FNanchor_753_753" href="#Footnote_753_753" class="fnanchor">[753]</a></p> + +<p>Endlich ist die Entstehung des isländischen Freistaates zur Kenntniss +des Hofwesens von Belang.⁠<a id="FNanchor_754_754" href="#Footnote_754_754" class="fnanchor">[754]</a> Begüterte Norweger, die im Stammlande +einen eigenen Tempel besessen hatten, nahmen dessen Grundpfeiler und +anderes Holzwerk mit nach Island hinüber, um sofort in der neuen Heimat +den Tempel wieder aufzurichten. An solche Tempelbesitzer (Goden) und +ihr Herrschaftsgebiet (Godord) knüpft die Entstehung der isländischen +Staatsverfassung an, indem die Regierung in ihre Gewalt gegeben wurde. +Die Bezirksverfassung vom Jahre 965 regelte die Anzahl der Godord. Man +teilte die Insel in vier Viertel, deren jedes drei, das Nordviertel +aber vier Dingverbände in sich schliessen sollte. Jeder Dingverband +bestand aus drei Godorden mit je einem Haupttempel (<i>hofuđhof</i>). +Somit gab es auf Island 39 Goden, die Besitzer und Vorsteher von +39 Haupttempeln. Sicherlich mochte nach wie vor jeder nach freiem +Belieben und Vermögen sich Tempel erbauen, aber denen kam nicht die +Bedeutung des Haupttempels zu, vielmehr nur untergeordnete private +Stellung. Man sieht aber auch aus dieser isländischen Verfassung +deutlich die wol gemeingermanische Unterscheidung zwischen staatlichem, +öffentlichem und privatem Tempel, welche der des Staatsopfers und +des Einzelopfers entspricht. Die heidnische Tempelverfassung wirkt +vielleicht auch noch in der norwegischen Kirchenordnung nach, +welche <i>fylkiskirkjur</i> oder <i>hǫfuđkirkjur</i>, die den +heidnischen <i>hǫfuđhof</i>, den <span class="pagenum" id="Page_612">[S. 612]</span>Staatstempeln, den Volksheiligtümern +entsprachen, neben den kleineren, privater Pflege überlassenen +<i>herađskirkjur</i> (Hundertschaftskirchen) und <i>hœgindiskirkjur</i> +(Bequemlichkeitskirchen, Privatkapellen) unterschied.</p> + +<h4 id="III_Das_Priesterwesen"><b>III. Das Priesterwesen.</b></h4> + +<h5 class="s4" id="Die_aeltesten_Nachrichten_von_germanischen_Priestern_1"> +<b>1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern.</b></h5> + +<p>Einen Priesterstand, der den Gottesdienst für sich allein und +ausschliesslich gepachtet und höheres Wissen geistlicher Geheimlehren +für sich in Anspruch genommen hätte, kannten die Germanen nicht. So +sagt Caesar (bell. gall. 6, 21) von den Germanen im Vergleich zu +den Galliern: <i>neque druides habent, qui rebus divinis praesint, +neque sacrifciis student</i>. Gleich hell und durchsichtig, ohne +mystisches Halbdunkel, standen die Götter vor dem geistigen Auge +aller Volksgenossen wie vor den wenigen, die sich besonders dem +Dienste der Himmlischen geweiht hatten. Und dieser Dienst konnte von +jedem versehen werden, wo es Not that, es war kein Geheimdienst. +Ob Caesar den Germanen nur Priester vom Schlage der gallischen +Druiden oder Priester überhaupt absprechen will, ist nicht sicher zu +entscheiden. Vielleicht verrichteten bei den Stämmen, mit denen er +zu thun hatte, Könige und Häuptlinge das Priesteramt. Wer z. B. das +norwegische Opfer im 9. und 10. Jahrh. beobachtete, musste ebenso +die Überzeugung gewinnen, Könige und Jarle, also weltliche Fürsten, +keine Priester leiten den Gottesdienst. Bei Tacitus aber finden +wir ausdrücklich Priester erwähnt, und ihr Amt ziemlich ebenso wie +auch sonst in den germanischen Quellen selber geschildert. Es gab +Staatspriester (<i>sacerdos civitatis</i>), die den Gottesdienst in +den öffentlichen Angelegenheiten versahen, wo grössere Feierlichkeit +und gründlicheres Wissen erfordert wurde, während in Privatsachen +der Hausvater des Amtes waltete, kein Priester verlangt wurde. Aber +die Staatspriester waren nur religiöse Hilfsbeamte der herrschenden +und leitenden Könige und Fürsten, wenn sie mit dem Volke tagten, die +Priester waren dafür Bürgen, dass die göttliche Satzung nicht verletzt +wurde, dass der unheilvolle Grimm der Götter vom Volke abgewandt, dass +ihre Gunst ihm erhalten blieb. Sie verkörperten gleichsam das Rechts- +und Religionsbewusstsein. <span class="pagenum" id="Page_613">[S. 613]</span>Die Versammlung des Volkes im Ding- und +Heerverband ist unzertrennlich vom Gottesdienste, beim Volksopferfest +ist der Gottesdienst überhaupt der eigentliche Zweck. Da traten nun +die Priester in Thätigkeit, wovon Tacitus folgende Einzelheiten +erzählt. Die Priester verkündeten den Anfang der Verhandlung und +den Dingfrieden, dessen Bruch sie im Namen der Götter zu strafen +hatten (<i>silentium per sacerdotes, quibus tum et coercendi jus est, +imperatur.</i> Germ. 11). Alle Strafgewalt an Leib und Leben stand +allein den Priestern zu auf Grund der Anschauung, dass Neidingswerke, +schwere Verbrechen, den Zorn der Götter erweckten, welche zur Sühne den +Opfertod des Verbrechers heischten. Zum Vollzug des blutigen Opfers +waren aber zunächst diejenigen berufen, die im unmittelbaren Dienste +der Götter stehend diese vertraten (<i>ceterum neque animadvertere +neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, +non quasi in poenam nec ducis jussu, sed velut deo imperante, quem +adesse bellantibus credunt.</i> Germ. 7). Die heiligen Feldzeichen +holen gleichfalls die Priester aus den Hainen und tragen sie zur +Schlacht (<i>effigiesque et signa quaedam detracta lucis in proelium +ferunt.</i> Germ. 7). In allen öffentlichen Angelegenheiten befragt der +Staatspriester das Loos. Im Verein mit dem König oder Herzog geleitet +er den heiligen Wagen, den die weissen gottgeweihten Rosse ziehen, +und achtet auf das Schnauben und Wiehern der Schimmel (Germ. 10). Im +eigentlichen Gottesdienst sehen wir den Priester der Nerthus (Germ. +40), welcher die nahende Gegenwart der Göttin erkennt, ehrfurchtsvoll +ihre Umfahrt begleitet und sie zuletzt in ihr Heiligtum zurückführt. +Bei den Nahanarvalen wird der Priester als Pfleger des heiligen Haines +der Alcis erwähnt (Germ. 43). Diese gelegentlichen Anspielungen lassen +das Amt der Priester lange nicht überschauen, aber doch in seiner +vollen Ausdehnung ahnen. Ursprünglich scheint ein besonderer Priester +nur für den öffentlichen Gottesdienst nötig gewesen zu sein. Ihm lag +die Pflege der gemeinsamen Volksheiligtümer und Opferstätten, der +Wälder und Tempel ob. Dort versah er auch den Opferdienst. Da der +Gottesdienst der heidnischen Germanen, wie oben gezeigt wurde, das +gesamte Staatsleben, Rechts- und Kriegswesen weihend und strafend +durchzieht, war der Staatspriester auch dazu verpflichtet, wo im +öffentlichen Leben des Gesamtvolkes der Gottesdienst zur Äusserung +gelangte, für den richtigen Vollzug Sorge zu tragen. So wurde er zum +obersten Opferer und Rechtweiser im Volke, zum berufensten <span class="pagenum" id="Page_614">[S. 614]</span>Erforscher +und Verkündiger des Willens der Götter. Seines Rates bedurften König +und Volk, wenn schwere Schicksalsentscheidung bevorstand.</p> + +<h5 class="s4" id="Germanische_Benennungen_des_Priesters_2"> +<b>2. Germanische Benennungen des Priesters.</b></h5> + +<p>Die germanischen Sprachen bewahren einige Bezeichnungen des Priesters, +die sich auf die wichtigsten in seine Hand gelegten Ämter beziehen. +Der burgundische Oberpriester wird als <i>sinisto</i>, als der +älteste und vornehmste⁠<a id="FNanchor_755_755" href="#Footnote_755_755" class="fnanchor">[755]</a>, d. h. als altadliger Herr angeführt. Auf +Gottesdienst, Opfer und Tempelpflege weisen die Ausdrücke <i>gudja</i>, +<i>gođi</i>, <i>cotinc</i>; <i>blôstreis</i> und <i>pluostrari</i> +hiess der Priester bei Goten und Hochdeutschen, sofern er opferte, +<i>harugari</i> und <i>parawari</i> als Hüter des heiligen Waldes oder +Tempels. Als <i>êwart</i> und <i>êsago</i> ist er Hüter und Verkündiger +des geltenden Rechtes, das als göttliche Einrichtung betrachtet und +daher priesterlicher Hut unterstellt ward. Die gebräuchlichsten und +lehrreichsten Benennungen sind folgende.</p> + +<p>Wulfila Überträgt ἱερεύς durch <i>gudja</i>. Dasselbe Wort kehrt auch +bei andern Germanen wieder. Eine ahd. Glosse (Graff, <i>Diutiska</i> 1, +187) gewährt <i>cotinc tribunus</i>. <i>cotinc</i>, d. i. <i>goding</i> +ist eine deutliche Ableitung zu einem ähnlichen Wort wie got. +<i>gudja</i>, an. <i>gođi</i>, <i>guđi</i>.⁠<a id="FNanchor_756_756" href="#Footnote_756_756" class="fnanchor">[756]</a> In dieser Benennung +des Priesters, die von seiner Stellung zu den Göttern (<i>guđ</i>) +hergenommen ist, tritt auch sein Rechtsamt (<i>cotinc tribunus</i>) +hervor. Am besten sind wir vom nordischen Goden unterrichtet.⁠<a id="FNanchor_757_757" href="#Footnote_757_757" class="fnanchor">[757]</a> +Dabei muss aber scharf unterschieden werden zwischen den dänischen und +norwegischen Goden einerseits, und den isländischen andererseits, da +auf Island das Godenamt zu völlig neuer und eigenartiger Entwickelung +gelangte. Thorolf pflegte auf der Insel Mostr in Norwegen eines +Thorstempels, <span class="pagenum" id="Page_615">[S. 615]</span>war also Gode des Thor. Wie er nach Island fuhr, nahm +er seinen Tempel mit hinüber und baute ihn daselbst von neuem auf +(Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4). Thorhadd der Alte war Hofgode zu Märi +im Drontheimischen. Er begehrte nach Island, brach seinen Tempel ab +und nahm die Tempelerde und die Hauptsäulen mit sich; er kam nach +dem Stodwarfjord und legte dem ganzen Meerbusen die Heiligkeit des +märischen Landes bei (Landnáma 4 Kap. 6). Diese norwegischen Goden sind +Vorsteher und Besitzer von Tempeln, die ihnen eigentümlich gehörten. +Öffentliche Staats- oder Landestempel hätten sie nicht so ohne weiteres +abbrechen und überführen können. Reiche, angesehene Leute konnten sich +einen eignen Tempel halten, dem sie als Goden vorstanden. Sie scheinen +dabei ein gewisses Hoheitsrecht über die Leute ausgeübt zu haben, +welchen sie aus freier gegenseitiger Übereinkunft Beteiligung an Tempel +und Opfer verstatteten. Aber das Verhältniss war in Norwegen privater +Art und auf gottesdienstliche Verrichtungen beschränkt. Für Dänemark +bezeugt Saxo (Buch 8 S. 381) einen <i>Lyuthguthi</i>, das Sögubrot af +Fornkonungum einen <i>Gautr guđi</i>. Endlich begegnen auf Runensteinen +ein <i>Ruulfr Nuraguþi</i> und ein <i>Ali Sauluaguþi</i>⁠<a id="FNanchor_758_758" href="#Footnote_758_758" class="fnanchor">[758]</a>, d. h. +<i>Hrólfr Nóragođi</i>, Hrolf des Nori Gode, <i>Ali Sǫlvagođi</i>, Ali +des Solvi Gode. Darnach scheint der Gode ein Beamter im Dienste eines +andern gewesen zu sein, ein priesterlicher Gehilfe des weltlichen +Häuptlings, wie der <i>sacerdos</i> neben den <i>reges</i> und +<i>principes</i>. Der norwegische Gode ist mithin Besitzer eines +Tempels, worin er den Gottesdienst verrichtet, der dänische Gode +ist der priesterliche Hilfsbeamte des Häuptlings. Im einen Fall war +sein Amt wol ausschliesslich auf den Gottesdienst beschränkt, im +andern lag ihm auch die Rechtspflege beim Dinge ob, eben das Amt +des Staatspriesters. Dass die Bezeichnung Gode ausschliesslich aufs +priesterliche Amt, auf Tempelpflege und Opferdienst sich beschränken +konnte, beweist die Femininbildung <i>gyđja</i>⁠<a id="FNanchor_759_759" href="#Footnote_759_759" class="fnanchor">[759]</a> zu <i>guđi</i>. +Nicht nur in erdichteten Sagen oder mythischen Überlieferungen, sondern +auch in völlig zuverlässigen, isländischen Geschichtsquellen wird von +<i>gyđjur</i> gesprochen, also von Frauen, die den Godentitel und +<span class="pagenum" id="Page_616">[S. 616]</span>das Godenamt führten. Weltliche Herrscherrechte waren den Frauen +natürlich versagt, priesterliche Handlungen aber erlaubt. Somit ist +der Gode zunächst Priester, Opferer und nur nebenbei als solcher Hüter +des göttlichen und weltlichen Rechtes. Auf Island freilich kam die +ganze Staatsgewalt in die Hände der Goden, welche die regierenden +Herrn wurden. Aber die isländische Godenwürde gedieh zu völlig +eigenartiger Entfaltung.⁠<a id="FNanchor_760_760" href="#Footnote_760_760" class="fnanchor">[760]</a> In der ersten Zeit der Besiedelung, +von 874 ab herrschte auf Island gar keine staatliche Ordnung. Denn +die Ansiedler waren unabhängig von einander angefahren und hatten, +wo es ihnen gefiel, Land in Besitz genommen. An die Tempelbesitzer, +die Goden, d. h. an solche, die auch auf Island Tempel zu errichten +im stande gewesen waren, schlossen sich die Umwohner zur Ausübung +des Gottesdienstes an. Der Gode ward Vorsteher einer Tempelgemeinde, +in welcher er auch die notwendigen weltlichen Hoheitsrechte allmälig +ausüben musste, Leitung der Dingversammlung und der Gerichte. Die +Tempelgemeinden waren die von selbst erwachsenen Verbände, an welche +die von den Verhältnissen erforderte Staatsordnung anknüpfte. So +erweiterte sich die ursprünglich alleinige Tempelvorsteherschaft zur +allseitigen Herrschergewalt, welcher die norwegische Häuptlingschaft +zum Vorbild diente. Im Jahr 965 wurde die Zahl der staatlich +anerkannten Goden und ihrer Tempel, der Hǫfuðhof auf 39 festgesetzt. +Der isländische Gode ist allerdings vorwiegend ein weltlicher +Herrscher, ursprünglich aber war er nur Priester, Besitzer eines +Tempels und Vorsteher der Gemeinde.</p> + +<p>Die altdeutsche Sprache bewahrt zwei Wörter, die über das +altgermanische Priesteramt willkommenen Aufschluss geben. Ahd. +<i>êwart</i> und <i>êwarto</i>, mhd. <i>êwart</i> und <i>êwarte</i>, +as. <i>êward</i> wird vom christlichen Priester gebraucht, obschon +das Wort einst auf den heidnischen geprägt ist; es bedeutet „der +des Gesetzes (<i>êwa</i>) wartet“. Hüter und Wahrer des von den +Göttern gesetzten Rechtes war aber der Priester. Dass der Ausdruck +ins Christentum überging, versteht sich daraus, dass mit <i>êwa</i> +auch das alte und neue Testament bezeichnet wurde. In diesem Sinne +war der <i>êwart</i> auch im Christentum Wahrer der <i>êwa</i>. Dass +<i>êwart</i> aber einstens den heidnischen Priester meinte, lehrt das +andere Wort as. <i>êosago</i>, ahd. <i>êsago êasagâri</i>, fries. +<i>âsega</i> d. h. Gesetz- oder Rechtsverkünder. Im Heliand <span class="pagenum" id="Page_617">[S. 617]</span>wird +<i>êosago</i> auf die Schriftgelehrten angewandt. Die Bezeichnungen +<i>êwart</i> und <i>êsago</i> lehren, der germanische Priester ist der +Wächter und Verkündiger des Gesetzes, er hat das geltende Recht dem +Volke vorzutragen, das Recht zu weisen und den Rechtsbruch zu ahnden.</p> + +<p>Der friesische <i>âsega</i>⁠<a id="FNanchor_761_761" href="#Footnote_761_761" class="fnanchor">[761]</a> steht neben dem Vorsitzenden des +Dinges und neben den Urteilern, dem Volke. Sein Amt ist weder zu +richten noch zu urteilen, vielmehr das Recht zu wissen, die geltenden +Satzungen vollauf inne zu haben und jederzeit über das geltende Recht +zu belehren. Da gewinnt die Sage von den zwölf Asegen, die von einem +Gotte des Rechtes unterwiesen wurden, damit sie es in den friesischen +Gauen einführten, tiefen, uralten Sinn. Die Rechtweiser sind vom Gotte +selber mit ihrem Amte betraut, sie sprechen im Namen des Gottes das +von ihm gelehrte Recht. Noch im 12./13. Jahrh. meint aber Asega im +Friesischen nicht allein den Rechtweiser, sondern auch den Priester, +wie im Deutschen Ewart. Der Schluss liegt nahe: in ältester Zeit war +eben der Priester und der Rechtweiser eine und dieselbe Person. Beim +Ding vollzog der Priester Opfer und Recht, er besorgte den Dienst der +Götter und vermittelte dem Volke ihren Willen, der auch im Rechte +kundbar ward.</p> + +<h5 class="s4" id="Adelige_Herkunft_und_Tracht_3"> +<b>3. Adelige Herkunft und Tracht.</b></h5> + +<p>Der Staatspriester wurde wie der König aus den ersten +Adelsgeschlechtern und zwar auf Lebensdauer gewählt.⁠<a id="FNanchor_762_762" href="#Footnote_762_762" class="fnanchor">[762]</a> Keine +Krisis erschütterte seine Stellung. Er ist, wie Ammianus 28,5 sagt, +<i>perpetuus, obnoxius discriminibus nullis ut reges</i>. Der +burgundische Name „<i>sinistus</i>“ scheint anzuzeigen, dass der +Priester als der <span class="pagenum" id="Page_618">[S. 618]</span>Älteste, d. h. als der Vornehmste und Adligste im +Volke galt, dass er den <i>seniores</i>, den <i>seigneurs</i>, den +adligen Herrn angehörte. Jordanes Kap. 5 erklärt ausdrücklich, Könige +und Priester der Goten seien dem Adel entnommen (<i>pileatos, qui +inter eos generosi extabant, ex quibus eis et reges et sacerdotes +ordinabantur</i>). Nach einer andern Stelle, im Kap. 11, werden die +Edelsten und Weisesten zu Priestern gemacht (<i>elegit nobilissimos +prudentioresque viros ... fecitque sacerdotes</i>). Der Zusammenhang +zwischen der hohen Geistlichkeit und den hohen Adelsfamilien im +Mittelalter setzt vielleicht die alte Gewohnheit, dass die Priester +adlig sein müssen, fort. Der Alcispriester war vermutlich ein Mitglied +des wandalischen Königsgeschlechtes der Hasdinge.</p> + +<p>Über Tracht und Aufzug der germanischen Priester verlautet nur +weniges und ungenügendes. Tacitus (Germ. 43) gedenkt eines sacerdos +<i>muliebri ornatu</i> bei den Nahanarvalen, was Müllenhoff (ZfdA. +12, 346) auf den Haarschmuck bezieht. Es waren Priester mit weichem, +langwallendem Haare, <i>haȥdingôs</i>, an. <i>haddingjar</i>, d. h. +Männer im Frauenhaar (an. <i>haddr</i>). Im Gegensatz hierzu hiessen +die gotischen Priester <i>pileati</i>, mit Hüten versehen, weil sie +bedeckten Hauptes die Opferhandlung vollzogen, während das übrige Volk +im freien Haarschmuck (<i>capillati</i>) verharrte (Jordanes Kap. +5 und 11). An Hut und Haar scheinen demnach die Priester besondere +Auszeichnungen geführt zu haben. Im weissen Gewande schritten die +gotischen Priester (<i>cum vestibus candidis</i>, Jord. Kap. 10). +Dem angelsächsischen Priester war es verboten, Waffen zu tragen und +anders als auf einer Stute zu reiten (<i>non enim licuerat, pontificem +sacrorum vel arma ferre vel praeterquam in equa equitare</i>, Bäda +hist. eccl. 2, 13). Zur Ausrüstung des Priesters gehörte wol auch ein +Eidring⁠<a id="FNanchor_763_763" href="#Footnote_763_763" class="fnanchor">[763]</a>, den er bei allen öffentlichen Handlungen am Arme trug. Er +diente zur feierlichen Eidesabnahme, die demnach dem Priester oblag, +besonders zum Gerichtseid. Der Ring wurde beim Opfer mit Blut gerötet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_619">[S. 619]</span></p> + +<h5 class="s4" id="Im_Norden_leiten_die_weltlichen_Herrscher_das_Opfer_4"> +<b>4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer.</b></h5> + +<p>In Norwegen gab es wol Hofgoden, Besitzer von Tempeln, die sie +mit nach Island nahmen, jedoch tritt nirgends bei Schilderung der +grossen Volklands- oder Hundertschaftsopfer ein Gode hervor; der +weltliche Herrscher, der König, Jarl oder Herse erscheint als +der alleinige Vorsitzende und Leiter des Opfers.⁠<a id="FNanchor_764_764" href="#Footnote_764_764" class="fnanchor">[764]</a> Dass es in +Norwegen niemals Staatspriester gab, darf daraus nicht geschlossen +werden. Das Vorhandensein von Goden und Lǫgmenn weist deutlich auf +den altgermanischen Priester und auf seine Ämter im Gottesdienst +und Volksding hin. Jedoch scheint er in den letzten Zeiten des +Heidentums vor dem weltlichen Herrscher völlig zurückgetreten zu sein, +vermutlich infolge der Sonderentwicklung des Gesetzsprecheramts, das +aber den eigentlich religiösen Charakter verlor. Beim Ding wirkte +der ursprüngliche Priester nur als <i>lǫgmann</i>, die Opferhandlung +vollzog der König oder Jarl. Untergeordnete priesterliche Gehilfen, +Tempel- und Opferdiener, wird es wol immer gegeben haben, aber +staatsrechtlich treten diese natürlich nirgends hervor. Zum Beweise, +dass die weltlichen Herren Opferleiter sind, dient der Bericht der +Hákonarsaga góða Kap. 16.⁠<a id="FNanchor_765_765" href="#Footnote_765_765" class="fnanchor">[765]</a> Sigurd, der Jarl zu Hladir, war der +eifrigste Opferer und so war auch sein Vater Hakon; der Jarl Sigurd +hielt alle Opfermahle da im Dingverband von Drontheim ab im Namen +des Königs. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein +Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opferfest zu Hladir +hielt und allein alle Kosten trug. Der christliche König Hakon wird +von den heidnischen Bauern in Drontheim genötigt, altem Brauch gemäss +beim grossen Opferfest zu Winters Anfang den Vorsitz zu führen. +Im folgenden Jahre muss er das Julfest feiern. Dabei ist von acht +namentlich angeführten Volklandshäuptlingen die Rede, die in der ganzen +Landschaft Drontheim, d. h. in den zum Dingverband vereinigten acht +Volklanden dem Opferdienst vorstanden. Dem König und den Jarlen obliegt +der Opferdienst, kein Gode wird erwähnt. Zu Hunthorp im Gudbrandsdal +in Norwegen lebte ein Mann namens Dala Gudbrand, <span class="pagenum" id="Page_620">[S. 620]</span>dessen Herrschaft +in den Thälern der eines Königs vergleichbar war, obwol er nur ein +Hersir (Vorsteher eines Herads, einer Hundertschaft) hiess. Der berief +alle Leute aus der Umgegend zum Thorstempel nach Hunthorp. Olaf der +Heilige liess das Thorsbild zerschlagen und zwang die Leute zum +Christentum.⁠<a id="FNanchor_766_766" href="#Footnote_766_766" class="fnanchor">[766]</a> Hier also ist der Hersir Eigentümer des Heradstempels +und Vorsteher des Gottesdienstes im Gau. Im Drontheimischen wird auch +einmal ein gewöhnlicher, aber angesehener Bauer, Ölver von Eggja, mit +zwölf anderen Männern als Vorsteher der Opfermahlzeiten zu Winters +Anfang, Mittwinter und Sommers Anfang bezeichnet.⁠<a id="FNanchor_767_767" href="#Footnote_767_767" class="fnanchor">[767]</a></p> + +<h5 class="s4" id="Priesterinnen_5"> +<b>5. Priesterinnen.</b></h5> + +<p>Da der Priester ursprünglich Gottesdienst und Rechtspflege vereinigte, +ist ohne weiteres klar, dass das Priesteramt, sofern es von Frauen +besorgt wurde, gewöhnlich nur einen Teil davon, Opferdienst und +Tempelpflege umfassen konnte. Priesterliche Frauen und Jungfrauen +sind aber altbezeugt, doch mehr Wahrsagerinnen als eigentliche +Priesterinnen.⁠<a id="FNanchor_768_768" href="#Footnote_768_768" class="fnanchor">[768]</a> Dem ganzen weiblichen Geschlechte wohnte nach +dem Glauben der Deutschen prophetische Gabe bei (Tac. Germ. 8). +Caesar (bell. gall. 1, 50) erzählt, dass die deutschen Hausmütter +durch Loosung und Wahrsagekunst (<i>sortibus et vaticinationibus</i>) +erforschen mussten, ob eine Schlacht zu liefern sei oder nicht. Man +hörte auch in Sachen, die das Volk angingen, auf den Rat und Ausspruch +weiser Frauen. Zu Loos und Zukunftsdeuterei gehört aber auch Opfer +und Beschwörung, Zauberei, und so vollziehen Frauen zuweilen bei +wichtigen öffentlichen Angelegenheiten das Opfer. Nach Strabo 7, 2 +befanden sich kimbrische Wahrsagerinnen unter den Frauen, die das Heer +geleiteten. Es sind grauhaarige, barfüssige Weiber in weissem Gewand, +das ein eherner Gürtel umschliesst, mit linnenen Mänteln angethan. +Sie führen die Kriegsgefangenen zu einem grossen ehernen Kessel und +durchschneiden ihnen darüber die Kehle. Aus dem hervorströmenden +<span class="pagenum" id="Page_621">[S. 621]</span>Blute weissagen sie. Andere prophezeiten aus den Eingeweiden den +Ihren den Sieg. Während der Schlacht schlugen sie auf die abgenommenen +Deckfelle der grossen Wanderwagen und machten damit gewaltigen Lärm, +der gewiss Zauberwirkung haben sollte. Ein paar Jahrhunderte später +erzählt Eunapius (excerpt. ed. Bonn. 82) von den Westgoten, die in das +römische Reich einbrachen, wie jeder Stamm (φυλή) die Heiligtümer der +Heimat mit sich führte, samt Priestern und Priesterinnen. Weinhold +meint: Diese gotischen Priesterinnen (ἱέρειαι) werden wir aus den +kimbrischen Seherinnen (προμάντεις) erklären dürfen. Es sind die +Wahrsagerinnen, die über Wagen und Gewinnen im Kriege entscheidende +Stimme hatten, während den Priestern altem Brauche gemäss (Tacitus, +Germ. 7) die Götterbilder und die heiligen Zeichen während des +Feldzuges anvertraut wurden. Unter Kaiser Vespasian war den Römern die +Brukterin Weleda⁠<a id="FNanchor_769_769" href="#Footnote_769_769" class="fnanchor">[769]</a> bekannt geworden, die weithin hochgeehrt ward, +nachdem sie die Vernichtung der römischen Legionen durch die Bataver +vorausgesagt hatte. Sie wohnte in einem Turme und zeigte sich den +Abgesandten der umwohnenden Stämme nicht selbst; einer ihrer Verwandten +vermittelte Frage und Antwort. Man ehrte sie durch allerlei Geschenke. +Vornehme Gefangene, besondere Triumphstücke der Beute sandte man ihr +zu. Die Römer selbst verschmähten nicht, sich an sie zu wenden und +sie aufzufordern, ihren Einfluss auf die Deutschen zur Beilegung des +Krieges zu verwenden. Sie soll schliesslieh von den Römern gefangen +worden sein. Als eine ältere, berühmte Seherin nennt Tacitus in der +Germ. 8 die Albrûna (handschriftlich Auriniam, von Wackernagel als +Albrûna gedeutet), die wahrscheinlich in den Feldzügen unter Drusus +und Tiberius ihr Ansehen erwarb.⁠<a id="FNanchor_770_770" href="#Footnote_770_770" class="fnanchor">[770]</a> Unter Domitian stand Ganna bei +den Semnonen in hohen Ehren (Dio Cass. 67, 5). Dem Drusus, als er die +Weser überschritten hatte und sich der Elbe näherte, trat im Lande der +Cherusker eine übermenschliche Frau (γυνή τις μείζων ἢ κατὰ ἀνθρώπου +<span class="pagenum" id="Page_622">[S. 622]</span>φύσιν) entgegen, wehrte ihm weiter vorzudringen und weissagte sein +nahes Ende (Dio Cass. 55, 1). Später übte nach der Sage vom Ursprung +der Langobarden bei diesem Volk Gambara durch Weisheit und Voraussicht +grossen Einfluss. Im Jahr 577 zog König Gunthram eine Frau „<i>habentem +spiritum phitonis, ut ei quae erant eventura narraret</i>“ zu Rat +(Greg. Tur. 5, 14); einer noch weit jüngeren Thiota, die aus Alamannien +nach Mainz gekommen war, gedenken fuldische Annalen im Jahr 847 (MG. 1, +365).</p> + +<p>Im Norden treffen wir Tempelpflegerinnen, Tempelbesitzerinnen unter der +Bezeichnung <i>gyđjur</i>; das weibliche Seitenstück zum <i>gođi</i> +oder <i>guđi</i>. Tempeldienst, Opfer und Weissagung wird ihr Amt +gewesen sein. Dem Nerthuspriester steht die schwedische Freyspriesterin +(Fornmanna sögur 2, 73 ff.) gegenüber. Sie wird als Freys Frau (<i>kona +Freys</i>) bezeichnet; zum Dienste Freys ward ein junges, schönes Weib +(<i>kona ung ok friđ</i>) genommen. Dass eine Frau am Landestempel zu +Uppsala allein Dienst that, ist höchst unwahrscheinlich. Auch gedenkt +Adam von Bremen 4, 27 der Staatspriester (<i>sacerdotes, qui sacrificia +populi offerant</i>). Immerhin aber bleibt im Hinblick auf die gyðjur +in Norwegen und Island die Thatsache bestehen, dass Frauen im Norden +zum Tempeldienst zugelassen wurden. Die 60 Priesterinnen im grossen +Tempel in Biarmland (Fornaldarsögur 3, 627) sind natürlich fabelhaft. +Die weissagenden Frauen (<i>spákonur</i>, <i>vǫlvur</i>) greifen in den +privaten, nicht in den öffentlichen Kult ein.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Wissenschaft_der_Priester_6"> +<b>6. Die Wissenschaft der Priester.</b></h5> + +<p>Gebundene, kunstvoll gefügte Rede stand in Urzeiten vorwiegend im +Dienste der Religion. Im Liede wurden bei Opfer und Festen die Götter +gepriesen. Heilige Hymnen bilden daher den ältesten Bestand der +Dichtkunst, und so eröffnen auch die altgermanischen <i>Leiche</i>⁠<a id="FNanchor_771_771" href="#Footnote_771_771" class="fnanchor">[771]</a> +die Geschichte germanischer Poesie. Wo aber ein priesterlicher Leiter +oder Vorsteher des Gottesdienstes vorhanden ist, ruht auch die mit dem +Gottesdienst verknüpfte Dichtkunst in seiner Hand. Erst später löst +der weltliche Sänger den geistlichen ab. Der germanische Priester war +einmal auch <span class="pagenum" id="Page_623">[S. 623]</span>der germanische Sänger. Neben genauer Kenntniss des +Opferwesens musste der Staatspriester erschöpfende Wissenschaft aller +göttlichen Dinge besitzen, Göttersage, Rechtskunde, deren Vortrag +im Zusammenhang und lehrhafte Anwendung im einzelnen, z. B. beim +Heilzauber, bei Verträgen und Dingformeln fiel ihm zu. Alles das musste +aber in feierlich gestabter Rede, in dichterischer Form, gesagt und +gesungen werden.</p> + +<p>In merkwürdig übereinstimmender Form hat sich das episch-mythische +Lied bei den vedischen Indern und bei den Germanen entwickelt. Die +mythische Erzählung ist aus Prosa und strophisch angeordneten Versen +gemischt. In poetische Form werden nur die Reden und die wichtigsten +Stellen der Handlung gekleidet, das übrige ergänzt der vortragende +Priester nach Gutdünken durch erzählende Prosa. Diese gemischte +Form wies Oldenberg⁠<a id="FNanchor_772_772" href="#Footnote_772_772" class="fnanchor">[772]</a> in der ältesten indischen Litteratur nach. +Einzelne Hymnen des Rigveda sind scheinbar Bruchstücke; sie waren eben +dazu bestimmt, durch Prosaerzählung ergänzt zu werden, und solche +prosaische Zwischensätze begegnen auch wirklich in der Überlieferung. +Nach ihrem Muster ergänzt bieten die Hymnen, von denen eben nur die +metrisch verfassten Stücke zur Aufzeichnung gelangten, etwas Ganzes, +Abgeschlossenes, eine aus gebundener und ungebundener Rede gemischte +Erzählung. Hierzu stimmen nun mehrere der ältesten Eddalieder, in +denen ebenso die gemischte Form die herrschende ist. Müllenhoff (ZfdA. +23, 151 ff.) sagt darüber: „Zwei Formen der epischen Überlieferung, +prosaische Erzählung mit bedeutsamen Reden — Wechsel- oder Einzelreden +— der handelnden Personen in poetischer Fassung und erzählende epische +Lieder in vollständig durchgeführter strophischer Form finden wir +im Norden neben einander in Gebrauch und keineswegs ist die Prosa +der gemischten Form nur eine Auflösung oder ein späterer Ersatz der +gebundenen Rede.“ Innerhalb der Edda und auch in der Saxo vorliegenden +Überlieferung waren viele Götter- und Heldenlieder als Wechsel- +oder Einzelrede, dramatisch bewegt, in einen freien prosaischen +Rahmen eingestellt. Am schönsten ist die Wechselrede im Skirnirliede +durchgeführt, wie Skirnir für Freyr um die schöne Gerd wirbt, oder +im Grimnirlied, wie Odin dem Agnar die <span class="pagenum" id="Page_624">[S. 624]</span>Herrlichkeit von Walhall +verkündigt. Die Gedichte sind freilich so spät, dass sie nur als +Ausläufer und Nachklänge einer uralten, vielleicht gemeingermanischen +Gattung gelten können. Merkwürdig aber berührt die Einstimmung mehrerer +mit dem Gottesdienst aufs engste verbundenen Dichtformen der Inder +und Germanen, die vielleicht auf gemeinsamen Ursprung hinweisen. Da +hier wie dort gerade die Göttersage, und wol in Nachahmung derselben +auch die Heldensage, so behandelt wurde, liegt der Schluss nahe, dass +dereinst die Priester an hohen Festen einzelne Mythen, die mit der +Kulthandlung in Zusammenhang standen, also z. B. beim Tiuȥfeste des +Gottes Brautwerbung, die Erweckung der bräutlichen Erdgöttin, ihre +Befreiung aus den Banden des winterlichen Todesschlafes, in dieser aus +gebundener und ungebundener Rede gemischten Kunstform zum Vortrag zu +bringen pflegten, dass überhaupt die Mythendichtung, die Erzählung von +den Thaten der Götter, das Preislied und feierliche Gebet ursprünglich +allein von den priesterlichen Sängern ausging.</p> + +<p>Erscheint uns hier der Priester als Dichter und Sänger von +wechselreichen, kunstvoll gestabten Götterliedern, der dem Volksglauben +die Weihe poetischer Gestaltung verlieh, so war er nicht weniger +Verkündiger des Rechts, <i>êsago</i>. Das germanische Recht wendet sich +nicht bloss an den nüchternen Verstand, sondern auch ans Gemüt.⁠<a id="FNanchor_773_773" href="#Footnote_773_773" class="fnanchor">[773]</a> +Die alten Volksrechte bedienen sich häufig poetischer Ausdrucksmittel. +Sie gebrauchen ähnliche bildliche Wendungen wie die epischen Gedichte, +sie reden vom helllichten Tage und von leuchtender Sonne, von der +nebeldüstern Nacht, vom glänzenden Gold und vom weissen Silber, vom +grünen Rasen, vom hohen Helm und roten Schild, vom wilden Meer und vom +salzigen See, vom heissen Hunger, von glühender Glut. Der Deich heisst +ein goldener Reif, der um ganz Friesland liegt. Die Unendlichkeit von +Zeit und Raum spricht sich in den Wendungen aus: so weit als der Wind +von den Wolken weht und die Welt steht, so weit als Wind weht und Kind +schreit, Gras grünt und Blume blüht. Hochpoetisch ist die ergreifende +Schilderung der drei Nöte im friesischen Recht. „Das ist die erste Not: +wo immer ein Kind gefangen und gefesselt wird nördlich über das Meer +<span class="pagenum" id="Page_625">[S. 625]</span>oder südlich in das Gebirge, so muss die Mutter ihres Kindes Besitz +verpfänden und veräussern, und ihr Kind lösen und sein Leben retten. +Die zweite Not ist diese: wenn da schlimme Jahre kommen und der heisse +Hunger über das Land fährt, und das Kind Hungers sterben würde, so muss +die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und veräussern und ihm damit +kaufen Kuh und Korn, und solche Dinge, womit sie ihm das Leben retten +kann. Die dritte Not ist diese: wo immer das Kind ist stocknackt oder +hauslos, und dann die nebeldüstre Nacht und der bitterkalte Winter über +die Umfriedungen sich herabsenkt, so fährt da jeglicher Mann in seinen +Hof und in sein Haus, und das wilde Tier sucht den hohlen Baum und der +Berge Schlüfte, um sein Leben zu erhalten; dann weint das unmündige +Kind und jammert über seine nackten Glieder und seine Hauslosigkeit, +und betrauert seinen Vater, der ihm helfen sollte wider den kalten +Winter und wider den heissen Hunger, dass er so tief und so dunkel +unter Eichenbrettern und Erde eingeschlossen und festgehalten und +bedeckt ist. Deshalb muss die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und +veräussern, weil sie die Verantwortung und Fürsorge dafür hat, so lange +es noch nicht volljährig ist.“ Anstatt einfach zu bestimmen, wenn das +Waisenkind durch Brand oder Raub ins Elend gerät, darf die Mutter die +ihr anvertrauten Mündelgelder angreifen, wird mit so eindringlicher +Kraft dem empfindenden Gemüt die Not vorgeführt, dass das Urteil nicht +anders fallen kann, als es muss so geschehen. Der Rechtweiser wird zum +Dichter, der das Herz des Hörers tief bewegt. Gewaltig sind auch die +Flüche, welche das ganze Unheil des Verfehmten, seine Rechtlosigkeit, +wo immer er auch hinkehre, lebendig schildern. Wer beschworenen Frieden +(<i>trygđamál</i>, <i>gridamál</i>) bricht, soll geächtet sein, so weit +Menschen landflüchtig sein können, soweit Christenleute in die Kirche +gehen und Heidenleute in ihren Tempeln opfern, soweit Feuer brennt +und Erde grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, +Holz Feuer nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee +schmelzt, Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht fliegt den sommerlangen +Tag und der Wind steht unter seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt +gebaut ist, Winde brausen, Wasser zur See strömt und Männer Korn +säen. Ihm sollen versagt sein Kirchen und Gotteshäuser, guter Leute +Gemeinschaft und jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen.⁠<a id="FNanchor_774_774" href="#Footnote_774_774" class="fnanchor">[774]</a> Die +Verfehmung geschieht <span class="pagenum" id="Page_626">[S. 626]</span>durch das sinnliche Ausmalen alles dessen, was +dem Missethäter entzogen wird.</p> + +<p>An vielen Stellen der altgermanischen Gesetze bricht deren einstige +teilweise dichterische Gestalt deutlich durch. Längst sind die +zahlreichen stabreimenden Formeln hervorgehoben, die ebenso wie die +epischen Formeln dem erzählenden Gedichte den Rechtssatzungen ein +eigenartiges Gepräge verleihen und mit bewusster poetischer Absicht +geschaffen und wirkungsvoll angewandt sind. Aber auch regelrechte +Stabreimverse begegnen in den nordischen, englischen und friesischen +Rechten. Zumal die letzteren zeigen viele rhythmische Gesätze. Daraus +ist zu schliessen, dass dereinst der Rechtsvortrag, wenigstens +teilweise, in feierlich gehobener, formelhaft gestabter Rede geschah. +Zu den Spuren, die auf einstige poetische Form, auf Stabreimverse, +hinweisen, stehen ebensoviele Nachklänge schwungvoller, bilderreicher +und doch schlichter Dichtersprache. Der Priester-Sänger verkündigte +auch das Recht wie die Göttersagen in kunstreich gefügten Stabreimen.</p> + +<p>Im Veda begegnet eine Sammlung von Rätselfragen und Rätselsprüchen, +deren Entstehung in priesterlichen Kreisen zu suchen ist.⁠<a id="FNanchor_775_775" href="#Footnote_775_775" class="fnanchor">[775]</a> Es +war Sitte, dass der leitende Priester beim Opfer den, der dasselbe +darbrachte, mit ritualen und mythologischen Fragen ausforschte. So +wird beim Pferdeopfer der das Opfer spendende König gefragt nach dem +äussersten Ende der Erde, nach dem Nabel der Welt, nach dem Samen des +Hengstes, nach dem höchsten Himmel des Wortes, worauf der Opferer +antwortet, dass der Opferaltar das äusserste Ende der Erde, das +Opfer der Nabel der Welt, der Somasaft der Same des Hengstes, der +Brahmapriester des Wortes höchster Himmel sei. Solche Fragen kamen +gegen den Schluss grosser Opfer häufig vor. Nicht bloss dem Opferer +wurden von einem der Priester Rätsel zur Lösung vorgelegt, sondern auch +die Priester mussten einander Rätsel aufgeben und der Gefragte hatte +sie auf die vorgeschriebene Weise zu beantworten. So fragt ein Priester +den anderen: Wer wandelt <span class="pagenum" id="Page_627">[S. 627]</span>wol allein? Wer wol wird wieder geboren? Was +wol ist das Mittel gegen den Schnee? Was wol die grosse Hinstreuung? +Darauf antwortet der Gefragte: Die Sonne wandelt allein, der Mond wird +wieder geboren, das Feuer ist das Mittel gegen Schnee, die Erde die +grosse Hinstreuung. Nun wird wieder gefragt: Welches Licht ist wol der +Sonne gleich? Welcher Strom ist wol dem Meere gleich? Wer begiesst die +Erde am meisten? Von wessen Mutter wird man nicht gekannt? Die Antwort +lautet: Das Wahre ist das der Sonne gleiche Licht, der Himmel der dem +Meere gleiche Strom, Indra begiesst die Erde am meisten, von der Mutter +der Kuh wird man nicht gekannt. Die Dinge, um welche die Rätsel fragen, +sind bald der Natur, bald dem Geistesleben entnommen. Himmel und Erde, +Sonne und Mond, das Luftreich, der Regen und seine Entstehung, der +Sonnenlauf, das Jahr, die Jahreszeiten, Monate, Tage und Nächte sind +beliebte Gegenstände bildlicher Einkleidung, ihre Enträtselung und +die Form, in der das geschah, galten als die höchste Weisheit. Die +Rätsellieder sind nun bei den Germanen sehr reich entfaltet und weisen +in Einzelheiten wie im Zusammenhang auf hohes Alter. Namentlich die +altnordische Dichtung enthält auffallend viele Rätsellieder, bei denen +zweierlei zu beachten ist, dass Odin die Rätselfragen stellt, also +auch hierin unerreichter Meister aller Weisheit ist, dass die Rätsel +sich mit Vorliebe auf mythologische Dinge beziehen. Im Wafthrudnirlied +legt Odin dem weisen Riesen alle möglichen Fragen vor, deren +Beantwortung genaue Kenntniss der nordischen Mythologie bis in alle +Einzelheiten voraussetzt. Als Gest zeigt er sich dem König Heidrek in +der Rätselkunde überlegen, auch hier aber treten Rätsel mythologischen +Inhaltes zwischen den allgemeinen mehrmals hervor; die letzte Frage +lautet wie im Wafthrudnirliede: Was raunte Odin dem toten Baldr ins +Ohr? Im Alwisliede erfragt Thor vom Zwerg die Sprache der verschiedenen +Welten. Bekannt ist die Eigenart der nordischen Skaldenkunst, die in +ihren vielverschlungenen, der Göttersage entnommenen Umschreibungen +und Bildern eigentlich fortwährend mythologische Rätsel aufgibt. +Den Anstoss hierzu erhielt sie wol kaum aus sich selber, eher aus +der mythologischen, ursprünglich priesterlichen Rätseldichtung. Der +Grundgedanke, dem letztere entspringt, ist bei den Skalden nur auf +die Spitze getrieben. Man darf nun freilich nicht schliessen, dass +diese Lieder, so wie wir sie kennen, bei Opfern gebraucht worden +wären, sondern nur, dass diese <span class="pagenum" id="Page_628">[S. 628]</span>eigentümliche Kunstgattung des +mythologischen Rätselliedes möglicher Weise aus dem Gottesdienst +entsprungen sein kann. Da mag das Rätsellied einmal wie bei den +Indern dazu gedient haben, unter Opferleitern und Opfergenossen die +Kenntnis der vorzunehmenden Handlung, der damit verknüpften Bräuche und +Mythen, festzustellen. Der fragende Gott ist als Vorbild des fragenden +Priesters gedacht.</p> + +<p>War der Priester beim Vortrag der Mythen und Rechtssatzungen +mehr Epiker, so bethätigt er sich anderwärts mehr lyrisch, als +<em class="gesperrt">Spruchdichter</em>. In höchstes Altertum reichen die meistens +zu Heilzwecken geübten Besegnungen, die Zaubersprüche zurück. Sie +ruhen auf allgemein menschlicher Grundlage, nehmen jedoch bestimmte +zeitliche und örtliche Färbung an. Erwachsen auf dem Boden der niederen +Mythologie, suchen sie stets gerne Anschluss an die herrschende +höhere Mythologie, an den Götterglauben. Priester und Zauberer waren +die ursprünglichen Schöpfer, Kenner und Wahrer solcher kräftiger +Heilsprüche, deren allgemeine Auffassung etwa dahin geht: Siechtum ist +durch Unholde verursacht. Heilung wird erreicht durch Vertreibung der +Unholde mit Hilfe guter Geister und Götter. Den ererbten Formelschatz +haben die germanischen Priester gestabt und an den Götterglauben +angeschlossen.</p> + +<p>Zaubersprüche gehören bei den Indogermanen zu den ältesten Spuren +dichterischer Bethätigung.⁠<a id="FNanchor_776_776" href="#Footnote_776_776" class="fnanchor">[776]</a> Für den Vortrag war Gesang mit +gedämpfter, murmelnder Stimme vorgeschrieben. Daher das griechische +ἐπᾴδειν, lat. <i>carmen</i>, frz. <i>charme</i>, lat. <i>magicum +susurramen</i>, Zaubergemurmel. Die germanischen Sprachen kennen +mehrere Bezeichnungen, welche auf den Vortrag solcher Poesien +schliessen lassen.⁠<a id="FNanchor_777_777" href="#Footnote_777_777" class="fnanchor">[777]</a> Zu <i>bigalan</i>, besingen, ἐπᾴδειν gehört +<i>galdra-</i> (an. <i>galdr</i>, ags. <i>gealdor</i>, ahd. as. +<i>galdar</i>) oder <i>galstra-</i> (ahd. <i>galstar</i>). Neben +dem alten starken Verbum bigalan steht das schwache <i>begalôn +incantare</i> (<i>enchanter</i>). Der Sinn von <i>galdra-</i> ist +Zaubersang. <span class="pagenum" id="Page_629">[S. 629]</span>Im Nordischen begegnet auch <i>ljóđ</i>, Lied, im engeren +Sinne von Zauberlied. Die Formel, die den Zauber wirken sollte, wurde +demnach gesungen. Neben <i>galdra-</i> und teilweise damit begrifflich +zusammenfallend trifft man <i>rûnô</i>. Das Wort „Rune“, das durch alle +germanischen Sprachen hindurch geht, ist mit griech. ἐρέϝω, ἐρευνάω +verwandt. Aus derselben Wurzel, nur mit anderem Ablaut, stammt an. +<i>reyna</i>, prüfen, erforschen, <i>raun</i>, Versuch. Vielleicht +bedeutete <i>rûnô</i> ursprünglich Befragung, bald aber verstand +man unter Runen die heimlichen Mittel, durch welche gefragt wurde. +Sehr früh ist <i>rûnô</i> Zauberlied. In dieser Bedeutung entlehnten +die Finnen zu Anfang unserer Zeitrechnung das Wort. Die Rune wurde +<i>geraunt</i>, leise geflüstert. <i>Galdra-</i> ist Zaubersang, +<i>rûnô</i> Zaubergemurmel. Vielleicht waren beide Arten des Vortrags +vereinigt in dem mit gedämpfter Stimme gesungenen, gemurmelten Liede. +Rune ist ausserdem das Zauberzeichen, das im Verein mit dem Sange den +Zauber erst wirksam machte. Endlich wird mit Rune auch der Buchstabe, +das Schriftzeichen benannt, nachdem die Germanen die römischen +Buchstaben sehr frühzeitig zu einer eigenartigen Schriftgattung +umgebildet hatten. Der allgemeine Begriff „Geheimniss“ ist wol aus +<i>raunen</i>, heimlich flüstern, und dem Zauberwesen, das an den +Runen haftete, geleitet. Beschwören (ahd. <i>biswerian</i>) weist +auf denselben Gedankenkreis. Es steht zu Surren, Schwirren, Schwarm +(slav. <i>svirja</i>, flüstre) und besagt also auch das Summen der +Zauberformel, die wir als gesummtes Lied oder geraunten Spruch zu +denken haben.</p> + +<p>Aus der ahd. Zeit sind zwei Zaubersegen, die sog. Merseburger Sprüche, +erhalten, deren Aufbau von grösster Wichtigkeit ist. Dem eigentlichen +Spruche voran geht eine kleine Erzählung, welche zeigen soll, wann der +Spruch erfolgreiche Anwendung fand. So lautet der zweite Spruch:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Phol und Wuodan       <span class="mleft3">fuhren zu Holz,</span></div> + <div class="verse indent0">Da ward Balders Fohlen    <span class="mleft3">sein Fuss verrenkt.</span></div> + <div class="verse indent0">Da besang (<i>biguol</i>) es Sinhtgunt,  Sunna ihre Schwester,</div> + <div class="verse indent0">Da besang es Friia,      <span class="mleft3">Volla ihre Schwester,</span></div> + <div class="verse indent0">Da besang es Wuodan,   <span class="mleft3">wie er wol konnte:</span></div> + <div class="verse indent12">Sei es Beinverrenkung,</div> + <div class="verse indent12">Sei es Blutverrenkung,</div> + <div class="verse indent12">Sei es Gliederverrenkung.</div> + <div class="verse indent6">Bein zu Bein,   Blut zu Blut,</div> + <div class="verse indent6">Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien!</div> + </div> + </div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_630">[S. 630]</span></p> + +<p>Es wird also eine Sage aus der Götterwelt erzählt. Auf einer Jagdfabrt +nahm Balders Ross Schaden. Niemand konnte es heilen, nur Wodan mit +Hilfe des Segens. Diese Erzählung ist als Beispiel vorangestellt, wie +damals soll der Segen auch jetzt und immerdar helfen. Auf diese Art +wurden öfters Sprüche mit epischen Eingängen versehen; so nimmt der +erste Merseburger Spruch und ein ags. Segen gegen Hexenstich Bezug +auf das Walten der Kampfgöttinnen. Von wem solche epische Eingänge +verfasst sind, ist unschwer einzusehen. Den Priestern kommt die Wahrung +kräftiger Zauberlieder zu; durch epische Einleitungen aber stellten sie +einen tieferen, innerlichen Zusammenhang mit dem Götterglauben her. +Diese Gattung des epischen Zauberspruches, wo nicht bloss die Formel +geraunt, sondern eine kleine Geschichte zuvor feierlich erzählt wurde, +hiess bei den Germanen <i>spell</i>.⁠<a id="FNanchor_778_778" href="#Footnote_778_778" class="fnanchor">[778]</a></p> + +<p>Odin ist Meister aller Runenweisheit und Galdr, Gott der Skalden, sein +Geist durchweht und belebt die Dichtung; Fosite ist Rechtweiser. Damit +ist die Kunst gebundener Rede und feierlichen Vortrages jeden Inhalts, +die Kunst des Zauberliedes von den Göttern eingesetzt. Zunächst +an göttliche Weisheit aber reicht der Priester. Die Stellung des +altgermanischen Priesters darf nicht gering angeschlagen werden. Alle +Bedingungen zur erhabenen Ausnahmestellung des vertrauten Mitwissers +der Götter waren vorhanden und hätten ebenso entfaltet werden können, +wie wir es beim indischen Priestertum der Brahmanen, beim keltischen +der Druiden erfüllt sehen. Eine germanische Priesterherrschaft aber +gedieh trotzdem nicht, weil der gesunde, kräftige Volksgeist dagegen +war. Die Könige und Herzöge, die weltlichen Leiter der Volksgeschicke, +wachten darüber, dass der Priester niemals die Schranken seines +Amtes überschritt. Der Priester vertrat wol die Gottheit beim Ding +und sorgte, dass ihr Dienst richtig vollzogen, dass jeder Frevel +gesühnt wurde. Er verkörperte aber nur das religiöse und rechtliche +Bewusstsein, konnte mahnend dem Bruche göttlicher Satzung entgegen +treten, aber nur als Berater, nicht als Lenker und Richter. Die +Führerschaft stand ihm nicht zu. Der weltliche Sänger und später +der weltliche Gesetzsprecher teilten sich gar bald in die einst dem +Priester allein gehörigen Ämter. Der Hausvater aber bedurfte des +Priesters nicht, er mochte höchstens seinen Rat angehen. Brahmanen +und Druiden brachten es <span class="pagenum" id="Page_631">[S. 631]</span>fertig, dass nichts ohne geistliche +Mitwirkung geschah. Die Germanen beschränkten den Priester auf die +gottesdienstlichen öffentlichen Verrichtungen und nahmen, wo es ihnen +gut dünkte, seinen weisen Rat in Anspruch.</p> + +<h5 class="s4" id="Die_Priester_als_Erforscher_der_Zukunft_7"> +<b>7. Die Priester als Erforscher der Zukunft.</b></h5> + +<p>Tacitus schildert in einer vielbesprochenen Stelle das Loosen⁠<a id="FNanchor_779_779" href="#Footnote_779_779" class="fnanchor">[779]</a>, +dessen Verfahren er einfach nennt. Der Zweig eines fruchttragenden +Baumes wird in Stäbchen zerlegt, die Stäbchen werden mit gewissen +Zeichen versehen und blindlings und zufällig über ein weisses Tuch hin +verstreut. Alsdann hebt bei öffentlicher Beratung der Staatspriester, +bei Privatangelegenheiten der Hausvater, nachdem er zuvor die Götter +angerufen hat, gen Himmel schauend dreimal je ein Stäbchen auf und +deutet die zuvor auf die Stäbchen eingeschnittenen Zeichen. Lauten sie +verneinend, so unterlässt man für diesen Tag eine weitere Befragung; +stimmen sie zu, so wird noch weiterhin die Beglaubigung durch +Vorzeichen in Anspruch genommen.</p> + +<p>Man darf jedenfalls dem Berichte des Tacitus auch ein Opfer <span class="pagenum" id="Page_632">[S. 632]</span>beifügen, +ohne welches im Heidentum feierliches Gebet kaum möglich scheint. +Somit ergeben sich folgende Hauptpunkte des Verfahrens: Zurichtung der +Loose, bestehend in Holzstäbchen mit eingeritzten Zeichen, Opfer und +Gebet an die Götter, deren Willen erkundet werden soll, Looswurf und +Aufnahme dreier Loose, Auslegung der aufgehobenen Loose nach den darin +eingeritzten Zeichen, daraufhin Beschluss, ob die Befragung fortgesetzt +oder aufgegeben werden soll. Schwer ist über zwei Dinge Klarheit zu +gewinnen, ob die Befragung der Loose auf ein blosses <i>ja</i> oder +<i>nein</i> oder auf einen förmlichen Orakelspruch ausgeht; ferner +welcher Art die eingeritzten Zeichen waren. Aus dem ganzen Zusammenhang +möchte eher auf einfache Befragung um ja oder nein geschlossen +werden, zumal da überdies noch Vorzeichen in Betracht kommen. Aber +die eingeritzten Zeichen, von deren Auslegung die Rede ist, weisen +wieder eher auf einen förmlichen Orakelspruch, den der Priester wol in +feierlichem Stabreim verkündigte. Welcher Art die Zeichen waren, ist +auch nicht zu sagen. Man denkt an die Runen, worunter aber mystische, +magische Zeichen, nicht die späteren Schriftrunen verstanden werden +müssen. Wol kommen diese im Norden auch zu zauberhaftem Gebrauche vor. +Man raunte eine Zauberformel und ritzte die Anfangsrune des wichtigsten +Begriffes. So schneidet Skirnir (Skirn. 37) der Gerd einen <i>Thurs</i> +(die Rune ᚦ) und drei andere Runen, die den Zauber ungestillter +Liebessehnsucht bewirken. Um Sieg zu gewinnen, wurde die Rune Tyrs +ᛏ aufs Schwert geritzt, um gegen Frauentrug sich zu feien, die Rune +<i>Nauþ</i> ᚾ aufs Horn, den Rücken der Hand und den Fingernagel gemalt +(Sigrdr. 6/7). Die Verwendung der Schreiberunen zu Zauberzwecken in der +Art, dass die Rune den Hauptbegriff der Zauberformel festbannte, steht +also ausser Frage. Umgekehrt mochte auch eine Weissagung aus zufällig +aufgelesenen Runen entnommen werden, sofern eine bestimmte Beziehung +zwischen einer Anzahl von Formeln und Zeichen bestand. Wenn z. B. Tyr +oder Nauþ; (d. h. Not) herauskam, wurde Sieg oder Not geweissagt. Aber +zur Zeit des Tacitus und Caesar waren die in den ersten Jahrhunderten +unserer Zeitrechnung von den Römern entlehnten germanischen +Schreiberunen wol noch gar nicht vorhanden. Doch das Wort Rune ist +freilich älter als seine Anwendung auf die Schrift, und so mögen schon +die Zeichen auf den Holzstäbchen Runen gewesen sein. Ihre Form und ihr +Gehalt bleibt uns rätselhaft, aber grosse Wahrscheinlichkeit besteht, +dass es ähnlich zuging <span class="pagenum" id="Page_633">[S. 633]</span>wie bei den späteren Schreiberunen, wenn sie, +vielleicht eben an Stelle älterer magischer Runen, zum Zauber benützt +werden. Man muss eine bestimmte Anzahl von Zeichen denken, die dem +Loosenden ihrer Bedeutung nach völlig vertraut waren. Die aufgelesenen +Zeichen liessen sich zu einer Weissagung vereinigen. Wenn das Gebet in +feierlichen Stäben und Formeln ging, so war auch der Weissagespruch aus +altehrwürdigen Formeln gereimt, welche eben durch die Loose gesucht +wurden. Wenn nicht Tacitus verschiedene Dinge zusammenwarf, so waren +diese Zeichen nicht geheim, denn jeder Familienvater mochte für seinen +Hausstand das Loos werfen. Man sollte allerdings eher meinen, dass das +Verfahren mit den Looszeichen, die einen Spruch ergaben, schwieriger +und nur wenigen im Volke, vor allen den Priestern vertraut war; denn es +ist nicht einfach, sondern setzt tieferes Wissen voraus, Kenntniss der +Zeichen und ihrer Bedeutung und Fähigkeit, daraus einen gestabten oder +doch formelhaften Spruch zu finden. Die gewöhnliche Loosung auf ja oder +nein aber ist höchst einfach, sie bedarf nur eines oder zweier Zeichen +und kann jeder Zeit und von jedem ohne besondere Weisheit geübt werden. +Im gegebenen Falle hätte etwa ein dreimaliges <i>ja</i> Ausführung des +Vorhabens veranlasst, ein dreimaliges <i>nein</i> oder unentschiedene +Auskunft dagegen Einstellung.</p> + +<p>Dass aber unter Priestern und weissagenden Frauen schon früh die +divinatorische Loosung, das Fragen nach förmlichem Spruche, vorkam, +lehrt Caesar, bell. gall. I Kap. 50. Bei den Germanen herrschte die +Sitte, dass die Frauen durch Looswurf und Orakelspruch (<i>sortibus +et vaticinationibus</i>) entschieden, ob ein Treffen zu liefern sei +oder nicht. Der aus den Loosen gewonnene Spruch lautete dahin, dass +die Germanen Unsieg hätten, wenn sie vor Neumond kämpften (<i>non esse +fas Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent</i>). +Dieser Spruch kann nicht aus blossem ja oder nein abgeleitet sein.</p> + +<p>Aus nordischer Überlieferung ergeben sich mehrere Beispiele +divinatorischer Loosung, leider ohne genauere Beschreibung des +Verfahrens, das meistens als allgemein bekannt, keineswegs als +Geheimkunst vorausgesetzt zu sein scheint. Das Hymirlied hebt damit +an, dass die Götter, die ein Gelage zurüsten wollten, die Zweige +schüttelten und das Opferblut beschauten (<i>hristo teina ok á hlaut +sǫo</i>), da fanden sie, bei Ägir sei Überfluss. Bei ihm wird denn +auch schliesslich nach Einholung des Kessels Hymirs das <span class="pagenum" id="Page_634">[S. 634]</span>Festgelage +abgehalten. Für Kultgebräuche erfahren wir aus der Stelle, dass, um +einen Orakelspruch zu erhalten, ein Opfer angerichtet wurde. Die +Weissagung oder die Antwort der angerufenen Gottheit erfolgte aus +dem Blute des geschlachteten Tieres und aus den (mit eingeritzten +Zeichen versehenen) durch einander geschüttelten Looszweigen. Nach +der Gautrekssaga Kap. 7 segelte König Wikar nordwärts von Agdir nach +Hordaland in Norwegen und bekam heftigen Gegenwind. Da fällten sie +den Span um günstigen Wind, und es fiel so, dass Odin einen Mann +verlangte, der ihm zum Opfer aus der Mannschaft durch das Loos bestimmt +und gehängt werden sollte (<i>þeir feldu spán til byrjar ok fell svá +at Óðinn vildi þiggja man at hlutfalli at hanga or herinum</i>). +Darauf wurde die Ausloosung vorgenommen, und es kam König Wikars Loos +heraus (<i>ok kom upp hlutr Víkars konungs</i>). Gewöhnlich heisst +es: <i>fella blótspán</i>, den Opferspan fällen.⁠<a id="FNanchor_780_780" href="#Footnote_780_780" class="fnanchor">[780]</a> Gemeint ist wol +dasselbe wie mit den Zweigen, nämlich bezeichnete Holzstückchen. Mit +dem Looswurf war Opfer verbunden, daher der Name <i>blótspánn</i>. Man +opferte, warf die Loose, las den Spruch daraus und that darnach. In der +Gautrekssaga schliesst sich einfache Ausloosung der divinatorischen +Befragung unmittelbar an. Diese hatte den allgemeinen Bescheid +erbracht, Odin verlange ein Menschenopfer, jene wählte das Opfer aus +der Schar der Genossen aus. Die Mitwirkung eines Priesters ist weder +hier noch dort erwähnt. In der Hervararsaga Kap. 11 (Fornaldar sögur 1, +451) wird erzählt: Zu der Zeit war in Reidgotaland grosser Misswachs, +so dass es zur Verödung des Landes zu kommen schien; da wurden Loose +von weisen Männern gemacht und der Opferspan dabei gefällt (<i>váru +þá gǫrđir hlutir af vísendamǫnnum ok feldr blótspánn til</i>) und so +erging das Orakel (<i>en svá gekk fréttin</i>), dass nicht eher wieder +ein gutes Jahr kommen würde, als bis der vornehmste Knabe im Lande +geopfert werde. Hier ist beachtenswert, dass weise Männer die Loose +herstellen; also wird zur divinatorischen Loosung doch ein höheres +Wissen vorausgesetzt. Die Vita Anskarii <span class="pagenum" id="Page_635">[S. 635]</span>Kap. 18 berichtet von einem +Schweden, der an der Vertreibung des Bekehrers Gauzbert teilgenommen +hatte, dass er hinterher den Zorn der Götter zu fürchten angefangen +habe. Da suchte er einen Weissager auf (<i>qua de re, sicut moris est +ibi, quendam adivit divinum</i>), damit dieser durchs Loos erkunde, +welchen Gott er beleidigt habe und wie er ihn versöhnen könne. Jener +verrichtete die üblichen Gebräuche (<i>quae circa cultum hujusmodi +observare solebat</i>) und erklärte, keiner der Heidengötter, wol +aber der Christengott zürne ihm. Im Kap. 19 erfragen die Dänen durch +Loosung, wohin sie sich wenden sollten, um Beute zu machen. Da fiel +das Loos auf eine entfernte Stadt im Lande der Slaven. Beispiele für +einfache Frage um ja oder nein bietet die Vita im Kap. 19, 27, 30. +Aus Layamons Brut zieht Müllenhoff, zur Runenlehre S. 40 f. noch eine +Stelle an, wo der Herzog Ascanius nach denen, die des teuflischen +Sanges mächtig sind, über Land sendet, um zu erfahren, was sein Weib +im Schooss trüge. Da warfen sie die Loose und fanden an der Kraft des +unheilvollen Liedes, dass die Frau mit einem Sohne ginge. Hier wird der +Beschwörungslieder gedacht, die zur Weissagung nötig waren. Denn das +höhere Wesen, das um die Zukunft befragt wurde, musste mit Gebet oder +Beschwörung dazu gebracht werden, das Gewünschte zu offenbaren.</p> + +<p>Es war Sitte, die Götter mit Loosung zu befragen, ob ihnen ein Opfer +genehm sei oder nicht. Bestand von vornherein die Absicht, ein Opfer +darzubringen, so genügte die einfache Frage auf ja oder nein. Manchmal +aber, wie in der Sage von Wikar und vielleicht auch, als die Schweden +ihre Könige Domaldi und Olaf opferten, wurde in schweren Zeiten das +Loos auf allgemeine Befragung des göttlichen Willens geworfen. Erst +der Ausspruch zeigte, dass die Götter ein blutiges Menschenopfer +heischten. War keine bestimmte Persönlichkeit genannt, so mochte +gewöhnliches Ausloosen einen oder mehrere aus einer grösseren Menge +ausscheiden. Auch ins Strafrecht reicht die Sitte der Loosung herein +und erhielt sich unter den Friesen⁠<a id="FNanchor_781_781" href="#Footnote_781_781" class="fnanchor">[781]</a> bis ins Christentum. Der +Grund ist leicht zu erkennen. Hatte ein Neidingswerk den Grimm der +Götter erregt, und war der Missethäter unbekannt, so boten sich die +Volksgenossen zum Loose, zum Gottesurteil, damit <span class="pagenum" id="Page_636">[S. 636]</span>die Gottheit selber +zur Sühne den Schuldigen herausgreife. Nach Caesar bell. gall. 1, +53 erzählt der aus der Gefangenschaft der Sueven gerettete Valerius +Procillus, es sei dreimal über ihn das Loos geworfen worden, ob er +alsbald verbrannt oder auf später aufbewahrt werden solle; das Loos +fiel für ihn günstig (<i>se praesente, de se ter sortibus consultum, +utrum igni statim necaretur an in aliud tempus reservaretur. sortium +beneficio se esse incolumem</i>). In Alchuines Vita des hl. Willibrord +Kap. 10 wird vom König Redbad berichtet, er habe über den gefangenen +Willibrord und seine Genossen je dreimal an drei Tagen hinter einander +das Loos geworfen (<i>per tres dies semper tribus vicibus sortes suo +more mittebat</i>); mit Gottes Hilfe fielen die Loose den Gefangenen +günstig, nur einen einzigen traf das Todesloos (<i>damnatorum +sors</i>), der das Martyrium erleiden musste.</p> + +<p>Die Vita Willehadi Kap. 3 berichtet, dass Willehad ums Jahr 778 östlich +der Laubach durch Ermahnungen an die Landesbewohner, den Aberglauben +aufzugeben, ihren Zorn erregte. Wegen seiner Lästerungen gegen die +Götter hätten sie ihn für des Todes würdig erklärt. Einige aber hätten +dazu geraten, ihn nicht ohne weiteres zu töten, sondern erst das Loos +zu befragen, damit die Götter zeigten, ob er den Tod verdient habe, +sonst ihn freizulassen, worauf denn nach der Sitte der Heiden das Loos +geworfen worden sei, ob er leben oder sterben solle (<i>secundum morem +gentilium missa est sors super eo, vivere an mori debuisset</i>). +Nach Gottes Fügung habe über Willehad das Loos des Todes (<i>sors +mortis</i>) nicht fallen können. Der hl. Wulfram rettete zweimal +friesische Knaben vom Opfertod, zu dem sie durchs Loos bestimmt waren +(Vita Wulframmi Kap. 6 und 8, ASS. 3, 1, 359 und 361).</p> + +<p>Das friesische Recht bestimmt: Wird bei einem Auflauf einer getötet, +so können in Ermanglung anderer Beweismittel gegen den Schuldigen bis +zu sieben durch den Kläger wegen der Tötung angeklagt werden, und +jeder von den sieben kann sich mit zwölf Eideshelfern frei schwören. +Ist das geschehen, so werden die sieben zur Kirche geführt und Loose +am Altar über sie geworfen. Zwei Stäbchen werden geschnitten, das eine +mit einem Kreuze bezeichnet, das andere bleibt unbezeichnet; beide +werden mit reiner Wolle umhüllt auf den Altar gelegt. Darauf ergreift +ein Priester, wenn er da ist, sonst ein unschuldiger Knabe eins von den +Loosen; ist es das mit dem Kreuze bezeichnete, so gelten die sieben, +für welche die Eide geschworen sind, für unschuldig; wo <span class="pagenum" id="Page_637">[S. 637]</span>nicht, so +folgt ein weiteres Verfahren: jeder von den sieben hat sein eigenes +Stäbchen mit seiner Marke zu zeichnen, so dass er und die andern +erkennen können, dass es das seinige ist.⁠<a id="FNanchor_782_782" href="#Footnote_782_782" class="fnanchor">[782]</a> Die sieben Stäbchen +werden wieder mit reiner Wolle umhüllt, wieder auf den Altar oder auf +die Reliquien gelegt, und es nimmt der Priester oder Knabe vom Altar +hinter einander die einzelnen Stäbchen und fragt, wem das Stäbchen +gehöre. Wer als letzter sein Stäbchen erhält, gilt für den Schuldigen, +die andern sechs als unschuldig. Das Verfahren ist durchaus heidnisch, +die Anpassung an christliche Verhältnisse rein äusserlich, sie +beschränkt sich darauf, christliche Heiltümer an Stelle der heidnischen +zu setzen.</p> + +<p>Mit den angeführten Stellen ist die Sitte, durch Looswurf die Gottheit +um Auskunft anzurufen, hinreichend bezeugt. Es wurde eine Frage +vorgelegt, die Antwort ergab sich aus der Art der Fragestellung +als einfaches ja oder nein, aber auch als förmlicher Spruch. Die +Befragung geschah mit Loosen, mit Holzstäbchen, die mit auszulegenden +Zeichen, im Norden auch mit den gewöhnlichen Schreiberunen versehen +waren. Opfer leitete die Handlung ein, unter Absingen von Gebeten +oder Beschwörungen wurden die vermutlich auch schon unter besondern +Förmlichkeiten zugerichteten Loose ausgeworfen und aufgelesen, hierauf +je nach der Frage mit kürzerem oder längerem Spruche gedeutet. +Möglicherweise stammt die dreifache Bezeichnung des Begriffes „lesen“ +in den germanischen Sprachen — ahd. as. afries. <i>lesan</i>, an. +<i>lesa</i>; ags. <i>rǽdan</i>, engl. <i>read</i>, eigentlich „raten“; +got. <i>siggwan</i> — aus der alten Gewohnheit des divinatorischen +Loosens.⁠<a id="FNanchor_783_783" href="#Footnote_783_783" class="fnanchor">[783]</a> Die deutsch-nordische Bezeichnung hält sich ans Auslesen +und Aufnehmen der beritzten Stäbchen, die englische ans Raten und +Deuten, die gotische endlich an den feierlichen Vortrag des Spruches, +der in Liedesweise gesungen ward. In wichtigen Angelegenheiten oblag +dem Priester diese Loosung, welche Vertrautheit mit der Dichtung +verlangt. Es war Kenntniss der Lieder vonnöten, wodurch Götter und +Geister zur Offenbarung ihres Willens oder zukünftiger Ereignisse +herangezwungen wurden, ferner unter Umständen auch die Fähigkeit, <span class="pagenum" id="Page_638">[S. 638]</span>aus +den eingeritzten Zeichen der Stäbchen die darin angedeuteten Formeln +abzulesen und zu Verkündigungen zusammenzusetzen. Looswurf, mit Opfer, +Zauberlied und Zeichendeuterei verknüpft, entstammt dem Heidentum +und war priesterliches Amt. Darum ist solches Loosen auch späterhin +als heidnischer Greuel verfehmt und verachtet. Das unschuldige Loos, +das nur zur Ausscheidung eines einzelnen oder mehrerer aus einer +Menge diente, konnte ruhig weiter bestehen und fand auch bis auf die +Gegenwart bei Aufteilung von Gemeindeland und ähnlichen Dingen immer +Verwendung.</p> + +<p>Eine seltsame Loosung begegnet in der Jómsvíkingasaga Kap. 42.⁠<a id="FNanchor_784_784" href="#Footnote_784_784" class="fnanchor">[784]</a> +Der Jarl Hakon besass eine Wage mit zwei silbernen, ganz vergoldeten +Schalen, dazu zwei Loose, ein silbernes und ein goldenes, beide mit +Götterbildern versehen. Darin lag eine wundersame Kraft, weshalb der +Jarl in allen wichtigen Angelegenheiten sich dieser Loose bediente. +Er legte sie in die Wagschalen und bestimmte, was jedes von ihnen für +ihn bedeuten sollte. Wenn die Loosung gut ausfiel und das, was er sich +wünschte, herauskam, da wurde das Loos, das seinen Willen bedeutete, +unruhig in der Schale und gab einen Klang von sich. Die Sache ist wol +so zu denken, dass die gleich schweren Loose, deren eines, was man +wünschte, das andere, was man nicht wünschte, bezeichnete, in die +Schalen gelegt wurden. Dasjenige Loos, das zuerst in Bewegung kam und +stieg, dachte man, werde in Erfüllung gehen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um die Zukunft zu erforschen, wurde auch eifrig auf Vorzeichen +geachtet und zwar nicht bloss auf solche, die sich zufällig von selber +einstellten, sondern namentlich auf solche, die mit Opfer und Gebet +oder Beschwörung von den Göttern oder Geistern verlangt worden waren. +Auf Vorzeichen, die einem zufällig begegnen, achtet ja noch der heutige +Aberglaube. Ein schönes Beispiel fürs Heidentum gewährt das Reginslied +20 ff., wo Odin die dem Helden günstigen Zeichen aufzählt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">20. Viele Vorzeichen sind,   wenn das Volk sie wüsste,</div> + <div class="verse indent7">Günstig beim Schwingen des Schwerts!</div> + <div class="verse indent3">Heilbringender Angang  für Helden ist es,</div> + <div class="verse indent7">Wenn ein schwarzer Rab’ sie umschwebt.</div> +<span class="pagenum" id="Page_639">[S. 639]</span> </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">21. Ein andrer ist’s,   <span class="mleft3">wenn zum Ausgang fertig</span></div> + <div class="verse indent7">Zur Thüre hinaus du trittst</div> + <div class="verse indent3">Und auf der Strasse <span class="mleft3">stehend findest</span></div> + <div class="verse indent7">Ruhmgieriger Recken zwei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">22. Günstig auch ist’s,  <span class="mleft3">wenn den grauen Wolf</span></div> + <div class="verse indent7">Unter Eschen du heulen hörst,</div> + <div class="verse indent3">Und Glück verspricht’s,   erspähst du den Gegner</div> + <div class="verse indent7">Eher als er dich sieht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">24. Fürchte Gefahr,    <span class="mleft3">wenn dein Fuss gestrauchelt</span></div> + <div class="verse indent7">Auf dem Weg, den du wanderst zum Streit;</div> + <div class="verse indent3">Böse Disen stehn dir      zu beiden Seiten</div> + <div class="verse indent7">Und wünschen dir Wunden an.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Keine Art von Aberglauben hat durchs ganze Mittelalter tiefere Wurzel +geschlagen als die Vorbedeutungen, die man unter den Benennungen +<i>aneganc, widerganc, widerlouf</i> verstand.⁠<a id="FNanchor_785_785" href="#Footnote_785_785" class="fnanchor">[785]</a> Tier, Mensch, +Sache, auf die man frühmorgens, wenn der Tag noch frisch ist, beim +ersten Ausgang oder Unternehmen einer Reise unerwartet stiess, +bezeichneten Heil oder Unheil und mahnten, das Begonnene fortzusetzen +oder wieder aufzugeben. Aber hier ist nicht der zufälligen Vorzeichen +zu gedenken, sondern derer, die mit Kultbräuchen unter Einwirkung von +Priestern und Weissagern von den höheren Mächten erbeten wurden.</p> + +<p>Tacitus spricht im Kap. 10 auch von den Vorzeichen und nennt allgemein +Befragung der Vogelstimmen⁠<a id="FNanchor_786_786" href="#Footnote_786_786" class="fnanchor">[786]</a> und des Vogelfluges. Leute, die der +Vogelsprache kundig sind, erfahren die Zukunft. Das Zeichen, das die +Vögel mit Flug und Stimme geben, gilt allen Völkern und so auch den +Germanen für gut oder böse, verheisst Glück und Unglück, ermuntert +und warnt bei allem Vorhaben. Wie befiederte Worte rauschen sie durch +die Luft, der Kundige versteht es, sie zu deuten. Wohin und woher sie +fliegen, legt er ebenso als Zeichen aus wie ihre Gestalt und Stimme. +Prokop bell. got. 4, 20 erzählt, wie Hermigisel, König der Warner, +<span class="pagenum" id="Page_640">[S. 640]</span>über Feld reitend, auf einem Baum einen Vogel erblickte und krähen +hörte. Auf Vogelgesang sich verstehend, sagte der König seinem Gefolge, +es werde ihm sein Tod nach vierzig Tagen geweissagt. In der Rigsþula +45 wird von Konr dem Jungen, dem Sohne des Jarl gerühmt, er verstand +die Stimmen der Vögel zu deuten. Im Lied von Helgi dem Hjorwardssohne +1–4 spricht Atli mit einem weisen Vogel, der im Haine Glasir haust. Dem +Sigmund und der Borghild verheisst ein Rabe die künftige Heldengrösse +ihres Sohnes Helgi (Helgakv. Hund. 1, 5/6). Sigurd, dem der Genuss +von Fafnirs Herz dazu verhalf, hörte in den Reden der Spechtmeisen +(<i>igđur</i>) sein künftiges Schicksal (Reginsm. 32 ff.). Nach Sigurds +Ermordung ruft ein Rabe zum Adler im Baumesgipfel, dass Atli es rächen +werde. Gunnar versteht das Gerede der Vögel (Brot af Sigurþarkviþu +5 u. 13). Also namentlich Königen und Edelingen eignet die Gabe, +Vogelstimmen auszulegen. Sicherlich verstanden sich ebenso die +opfernden Priester darauf. Jarl Hakon opferte vor einem Kriegszug dem +Odin. Als zwei laut krächzende Raben während des Opfers geflogen kamen, +sah er darin ein gutes, glückverheissendes Zeichen (Heimskringla, +Olafssaga Tryggvasonar Kap. 28).</p> + +<p>Tacitus⁠<a id="FNanchor_787_787" href="#Footnote_787_787" class="fnanchor">[787]</a> berichtet ferner von weissen, zu keinem Menschendienste +benützten Rossen, die in Hainen und Wäldern auf öffentliche Kosten +gehegt wurden. Diese werden an den heiligen Wagen gespannt, worauf +der Priester und König oder Fürst des Staates sie begleitet und auf +ihr Schnauben und Wiehern achtet. Kein Vorzeichen geniesst grössere +Glaubwürdigkeit nicht allein beim Volk, sondern auch bei den Edelingen, +bei den Priestern. Sich selber halten sie für die Diener, jene Rosse +aber für die vertrauten Mitwisser der Götter. In Norwegen bei Drontheim +weideten Freys Rosse im Umkreis seines Tempels, vermutlich zum selben +Zweck. Der <i>indiculus superstitionum</i> XIII handelte <i>de auguriis +vel avium vel equorum</i> und auch der heutige Aberglaube (J. Grimm, +Nr. 239) hält Pferdegewieher für ein Glückszeichen.</p> + +<p>Opferschau vollzieht der weissagende Priester (<i>sacerdos +sortilegus</i>) <span class="pagenum" id="Page_641">[S. 641]</span>bei den Menschenopfern, welche die Normannen nach +Dudos Erzählung vor der Ausfahrt zu vollbringen pflegten. Dem Opfer +wurde der Schädel zerschmettert und das Gehirn blossgelegt; dann +wurde aus den Herzfasern des zu Boden Gestreckten geweissagt. Die +Wahrsagerinnen der Kimbern fällen ihren Spruch aus dem Blute, das aus +der durchschnittenen Kehle des Opfers in den Kessel strömte (Strabo +7, 2). Die nordische Sprache gebraucht das Wort „<i>hlaut</i>“ für +Opferblut. Im Hymirlied 1 gewinnen die Götter eine Weissagung, indem +sie Looszweige warfen und das Blut beschauten (<i>hristo teina ok á +hlaut sǫo</i>). <i>Hlautbolli</i> ist die Schale, die das Blut der +geopferten Tiere aufnimmt, <i>hlautteinn</i> oder <i>hlautviđr</i> der +ins Blut getauchte Zweig. Die Etymologie von <i>hlaut</i> (zu got. +<i>hlauts</i>, d. h. Loosen und Wahrsagen)⁠<a id="FNanchor_788_788" href="#Footnote_788_788" class="fnanchor">[788]</a> lehrt die Thatsache der +Opferschau, der Weissagung aus dem Opferblut. Denn das Opferblut heisst +ja sicher nur darum „Loosung“, weil es zur Loosung diente.</p> + +<h5 class="s4" id="Zauberlieder_8"><b>8. Zauberlieder.</b></h5> + +<p>Der Zauber, der in Lied (<i>galdr</i>, <i>rúnar</i>) und Zeichen +(<i>rúnar</i>) beschlossen liegt, galt im Norden für eine höchst +wertvolle, nicht im geringsten unehrliche Kunst, und so hielten +es, wie die mit <i>rûna</i> gebildeten zahlreichen Frauennamen +lehren, auch die übrigen Germanen. Ist doch Odin selber Urheber und +Erfinder des Runenzaubers (<i>galdrs fadir</i>) und weiss die aus +dem Schlummer erweckte Brynhild dem Sigurd nicht besser zu lohnen +als mit Unterweisung in der Runenkunde. Bei der Anwendung von Runen +war Lied und Zeichen vereinigt, beim Galdr wird meistens allein das +Lied erwähnt. Beim nordischen Runenzauber wird das Lied gesungen, +und darauf werden die entsprechenden Zeichen, meist die Anlaute der +Hauptbegriffe, eingeritzt. Denn im Norden trat ja die Schreiberune an +Stelle der alten bei Tacitus vorkommenden magischen Zeichen. Brynhild +gedenkt der Siegrunen, die unter Anrufung Tyrs aufs Schwert zu ritzen +sind, der Bierrunen, welche gegen Zaubertränke unter Segenssprüchen +aufs Trinkhorn, auf den Rücken der Hand, auf den Fingernagel zu +ritzen, der Bergerunen, die auf die innere Handfläche geritzt, bei +Absingen von Liedern (Oddrúnargrátr <span class="pagenum" id="Page_642">[S. 642]</span>6) aus Kindesnöten lösten, der +Brandungsrunen, die auf Schiffsteven, Steuer und Ruder eingebrannt +gegen Seesturm nützten, der Zweigrunen, die auf Rinde und Holz +eines gen Osten die Äste ausbreitenden Baumes eingeschnitten zum +Arzte machten, der Gerichtsrunen (<i>málrúnar</i>), beim Dinge zu +gebrauchen, der Geistesrunen (<i>hugrúnar</i>), um feinen Verstand +zu gewinnen. Im Skirnirlied 32–36 spricht Skirnir einen Fluch und +ritzt zugleich die Runen auf den Zweig (<i>gambanteinn</i>); um ihn +wieder aufzuheben, schabt er die eingeschnittenen Zeichen ab (<i>svá +ek þat af ríst, sem ek þat á reist</i>). Nach der Egilssaga Kap. 60 +errichtet der vom König Eirik schwer gekränkte Skald Egil diesem eine +Schimpfstange (<i>níđstǫng</i>), indem er eine Haselstange auf einem +Felsen dem Lande zu aufpflanzt, mit einem darauf gesetzten dem Lande +zugewendeten Pferdskopfe. Dazu spricht er die Worte: Hier setze ich +eine Schimpfstange und richte diesen Schimpf gegen den König Eirik und +die Königin Gunnhild; ich richte diesen Schimpf gegen die Landwichte, +welche dieses Land bewohnen, so dass sie alle auf verirrten Wegen gehen +mögen und keiner seine Heimat finde oder erreiche, ehe sie den König +Eirik und die Königin Gunnhild aus dem Lande getrieben haben. Dieselben +Worte schnitt er mit Runen auf die Stange ein. Das Einritzen der Formel +scheint hier wie in andern ähnlichen Fällen, die Maurer, Bekehrung +2, S. 65, Anm. 66, zusammenstellt, allerdings mehr in der Absicht zu +geschehen, den Schimpf zur allgemeinen Kenntniss zu bringen. Doch steht +wol immer noch im letzten Hintergrund dieses Brauches die Anschauung, +dass Runenzauber nur durch Lied und Zeichen zugleich wirksam werde. +Der Skald Egil macht auch sonst von seiner Runenkunde Gebrauch. Wie +ihn einmal (Kap. 44) die zauberkundige Königin Gunnhild mit einem +Trinkhorn vergiften will, ritzt er Runen in das Horn, schneidet sich +in die hohle Hand und rötet die Runen mit dem Blute: da zerspringt das +Horn und der Trank läuft zur Erde. Der Bericht der Saga darf wol noch +dahin ergänzt werden, dass Egil zum Runenritzen die gehörige Formel +raunte. Der Unkundige konnte aber auch mit verkehrten oder verstellten +Zeichen Unheil anrichten. Egil kommt (Kap. 75) zu einer norwegischen +Bauerntochter, die heftig erkrankt ist. Ein Bauernsohn aus der +Nachbarschaft hatte ihr vergebens mit Runen zu helfen versucht, es war +darauf hin nur schlimmer geworden. Egil untersuchte ihr Bett und fand +unter dem Kopfkissen einen Walfischknochen mit eingeschnitzten Runen, +die aber falsch waren. <span class="pagenum" id="Page_643">[S. 643]</span>Er schabte sie ab, verbrannte das Abgeschabte +im Feuer und ritzte neue Runen, die er unters Kissen der Kranken legte. +Alsbald erwachte das Mädchen aus ihrer Betäubung und wurde gesund.</p> + +<p>Odin rühmt sich in den Hǫ́vamǫ́l 139/40, 146/163 der Runen und Lieder, +die er weiss und deren Wirkungskreis er aufzählt. Dabei scheinen +<i>rúnar</i> und <i>ljóþ</i> im Sinne von Zauberliedern gleichbedeutend +zu sein, wenn schon in Strophe 142/4 wieder die rúnar als Zeichen +gemeint sind. So denkt sich Snorri (Ynglingasaga Kap. 7) in dem Satze +„<i>međ rúnum ok ljóđum þeim er galdrar heita</i>“ die Runen als +Zeichen neben den Liedern. Beim Galdr ist seltener von Zeichen die +Rede, gewöhnlich nur vom Zaubersang. Doch scheint auch hier Zeichen +oder Gebärde nötig gewesen zu sein.</p> + +<p>Frauennamen auf <i>rûn</i>⁠<a id="FNanchor_789_789" href="#Footnote_789_789" class="fnanchor">[789]</a>, die allen germanischen Stämmen +gemeinsam sind, erweisen das Vorhandensein des Runenzaubers. Häufig +trifft man dieselben Appellativa als Namen, und damit ist der Ursprung +solcher Namen angezeigt. <i>Haljarûna</i> ist Höllenzauber, aber auch +die dieses Zaubers kundige und mächtige Frau; der Begriff gewinnt +persönliche Bedeutung und wird so zum Namen. Siegrunen zu ritzen und +zu singen muss der verstehen, der Sieg erringen will; Sigrûn, Hildrûn, +Rûnhild, Guntrûn, Badurûn, Ortrûn sind Frauen, die Sieg-, Kampf-, +Schwertrunen wissen. Fridurûn bringt Friede. Alarûn (Aleraune) ist +aller Runen mächtig. <i>Ǫlrúnar</i> beschützen vor Zaubertrank, Ǫlrún +begegnet zugleich als Name. <i>Málrúnar</i> bedarf man beim Ding, +der Name Dômarûna gehört wol zu <i>dôm</i>, Gericht. Albrûn kennt +Elbenzauber. Wolfrûn gehört vielleicht zum Heere, dessen Spuren der +leichengierige Wolf und Rabe folgt. Weniger deutlich sind Namen wie +Heidrún (fränk. Chaiderûna), Goldrûn, Adalrûn, Wolarûn, Baldrûn, +Berhtrûn. Weisheit und Vorsicht überhaupt legen den Frauen die Namen +auf <i>leis</i>, <i>rût</i>, <i>snot</i>, <i>wîs</i> und <i>war</i> +bei; aber die übermenschlichen Eigenschaften der Voraussicht in die +Zukunft und der zauberischen Einwirkung auf dieselbe werden den +Trägerinnen der Namen in <i>rûn</i> zugeteilt. Da der Zusammenhang des +Runenzaubers und der Frauennamen im Norden völlig klar am Tage liegt, +da die andern <span class="pagenum" id="Page_644">[S. 644]</span>Germanen dieselben Namen besitzen, darf auch ihnen +unbedingt der Runenzauber zugewiesen werden.</p> + +<p>Die 18 Lieder Odins vermögen allgemein in allen Anliegen, Kümmernissen +und Schmerzen zu helfen, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu +machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, schädlichen +Zauber auf den, der ihn entsendet, zurückzulenken, Flamme zu löschen, +Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, +nachtfahrende Hexen zu verwirren, Krieger heil aus der Schlacht zu +führen, Tote aufzuwecken, bei der Taufe ein Kind gegen Waffen zu feien, +Frauenneigung zu gewinnen, Berge und Hügel aufzuschliessen und Schätze +zu heben und noch andere heimliche Dinge mehr. Gróa singt ihrem Sohne +allerlei Galdr, von der Schulter zu schieben, was schlimm ihm dünkt, +in Urds Schutze zu wandern, anschwellende Ströme zu mindern, Feindes +Herz zur Versöhnung zu gewinnen, Fesseln zu sprengen, Meer und Wind zu +gebieten, gegen schneidende Kälte sich zu schützen, vor gespenstischer +Weiber Trug sich zu retten, im Wortstreit weise zu sein. Wie genau +Lieder (<i>ljóþ</i>, <i>galdr</i>) und Runen zusammengreifen, ergeben +die Stellen in der Rigsþula 44/6 und in den Sigrdrifumál, welche der +Runenkunde (d. h. dem Zeichen und Spruch) dieselben Zauberkräfte +zuteilen, welche in den Hǫ́vamǫ́l und im Groogaldr den Liedern und +Galdrar beigemessen sind. Konr der Junge war kundig der Runen, der +lange wirkenden Lebensrunen; er wusste Krieger zu schützen, Schwerter +stumpf zu machen, Meer zu beschwichtigen. Mit dem Jarl Rig stritt er +in der Runenkunde, er war listig und wusste es besser. Da erwarb er +sich das Recht, Rig zu heissen und Runen zu wissen. Solche Zauberlieder +(<i>rúnar</i>, <i>ljóp</i>, <i>galdrar</i>, ursprünglich wol +<i>spell</i> genannt) umgeben also den Menschen in allen Lebenslagen +mit mächtigstem Schutze. Sie wirken dem, der sie kennt, und denen er +wol will, Heil, sie geben ihm Macht, die Zukunft zu erforschen.</p> + +<p>Eine besondere Art von Zauberei heisst <i>útiseta</i>, +Draussensitzen.⁠<a id="FNanchor_790_790" href="#Footnote_790_790" class="fnanchor">[790]</a> Sie bestand darin, dass der Kundige die Nacht über +unter freiem Himmel draussen sass und mit unbekannten Zauberhandlungen, +am meisten wol durch Beschwörung Geister und Tote <span class="pagenum" id="Page_645">[S. 645]</span>aufweckte (<i>vekja +upp trǫll</i>), um von ihnen die Zukunft zu erfahren oder überhaupt +von verborgenen Dingen Wissenschaft zu erhalten. Damit ist der +<i>valgaldr</i>, das Totenlied, verwandt. Ein altgermanischer Ausdruck +dafür scheint got. <i>haljarûna</i>⁠<a id="FNanchor_791_791" href="#Footnote_791_791" class="fnanchor">[791]</a>, ahd. <i>hellirûna</i>, +ags. <i>helrûna</i> gewesen zu sein. Er bedeutet Höllenzauber, wie +später die stärkste und unwiderstehlichste Beschwörung Höllenzwang +genannt wird, weiterhin die des Höllenzaubers mächtige Frau. Gemeint +ist das Zauberlied, das die Höllengeister aufruft. Saxo erzählt eine +Totenbeschwörung, bei welcher eine auf Holz geritzte Zauberformel, +also eine Rune, den Toten zum Reden zwang.⁠<a id="FNanchor_792_792" href="#Footnote_792_792" class="fnanchor">[792]</a> Valgaldr und Haljarûna +erweisen wiederum die Gleichheit von Galdr und Rune. Den Geisterbann +wie alles Orakelwesen verdammte das Christentum als sündhaft, aber +dem Heidentum war er keineswegs ehrenrührig, vielmehr ein erlaubtes +Mittel, sich in den Besitz übernatürlicher Kenntnisse zu setzen. Übt +ihn doch Odin selber. Er ritt hinunter zur Hölle, wo er das Grab der +Vǫlva wusste; er sang ihr den starken Totenzauber, bis sie genötigt aus +dem Todesschlafe sich erhub und ihm Rede stand über Baldrs Schicksal +(Baldrs Draumar 4). In den Hǫ́vamǫ́l 157 weiss Odin, wie er den +Gehängten vom Galgen herab zur Zwiesprache zwingt mit geritzten und +gefärbten Runen. Es ist also ein Valgaldr, bei dem Zauberzeichen zur +Anwendung kommen, aber zugleich ein Lied; wird es doch als zwölftes +der Hauptlieder des zaubermächtigen Gottes aufgezählt. Der junge Held +Swipdag weckt vor seiner gefährlichen Werbefahrt die tote Mutter aus +dem Grabe, um von ihr heilsame Zauberlieder zu empfangen.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Erwache, Groa!  Erwache, du Gute,</div> + <div class="verse indent0">Ich rufe dir durch des Todes Thor!</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Herwor tritt zum feuerumwaberten Grabhügel, in dem ihr Vater Angantyr +und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. <span class="pagenum" id="Page_646">[S. 646]</span>„Erwache, Angantyr, dich +weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe +Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne +alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und +scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es +euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert, +gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein +Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem +Grabe herauf.</p> + +<p>Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die +Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch +im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund +Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt +durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte +und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der +des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck +zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden +einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen +Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn +anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister +der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der +Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich +Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet +sei.</p> + +<h5 class="s4" id="Wahrsager_und_Zauberer_9"><b>9. Wahrsager und +Zauberer.</b></h5> + +<p>Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei +und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter +sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas +Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss +des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern +als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu +bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als +eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge +Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer +und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer +grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses <span class="pagenum" id="Page_647">[S. 647]</span>niedere +Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang. +Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter.</p> + +<p>Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind, +Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte. +Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern +Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit +und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte +Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie +erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und +darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von +solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager +dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer, +Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst +in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den +heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden +Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller +Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über +in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute +der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager +und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern +gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und +wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen, +die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen. +Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der +niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde +gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester +zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht +gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen +Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem +sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug, +Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze +Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte. +Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch +schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche +Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei, +eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager, +sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt <span class="pagenum" id="Page_648">[S. 648]</span>gewissermaassen den +Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des +Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu +bannen und Segen zu erwirken.</p> + +<p>Ahd. <i>zoubar</i> wird mit <i>incantatio</i>, <i>divinatio</i>, also +mit Beschwörung und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch +Amulet, ags. <i>téafor</i> Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe, +womit die magischen Zeichen, die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der +Zauber treibt, ist ein weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie +ja die heutige Sprache darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen +die Zauberei besteht, einrechnet. Der nds. Ausdruck <i>wicken</i>, +weissagen, zaubern, wozu ags. <i>wicce</i>, engl. <i>witch</i> +gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags. <i>wítega</i>, ahd. +<i>wîȥago</i>, an. <i>vitki</i> meint den Weissager. An. <i>spámađr</i> +und <i>spákona</i> bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, <i>forspár</i> +heisst der Zukunft kundig, <i>fjǫlkunnigr</i> im allgemeinen +vielkundiger Zauberer. Mit <i>spákona</i> gleichbedeutend, wenn auch +etymologisch weit abstehend, wird <i>vǫlva</i> als Bezeichnung weiser +Frauen gebraucht. Ahd. <i>kalstarari</i> steht zu <i>kalstar</i>, +<i>galstar</i> und meint den der Zauberlieder Kundigen. Im Nordischen +wird <i>trollskapr</i>, <i>trolldom</i> auch von Zauberei gesagt, +natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der +Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im +Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische <i>böten</i> in Bezug +auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst +an. Ahd. <i>hlioȥari</i>, mhd. <i>lieȥære</i> gehört zu <i>hlioȥan</i>, +<i>lieȥen</i>, Loose werfen, und steht dem lat. <i>sortilegus</i>, +<i>sortiarius</i> (frz. <i>sorcier</i>) gleich. Der Zauberer ist +also, wie der Priester, ein Looser, der aus den Loosen die Zukunft +liest. Im Ags. bedeutet <i>hléođor</i> Orakel, <i>hléođorstede</i> +Orakelplatz, <i>hléodorcwide</i> Orakelspruch. Im Ahd. begegnet +<i>hleotharâȥȥo</i> oder <i>hleodarsiȥȥeo</i> als negromanticus, +hariolus glossiert. <i>Wîȥagun</i> und <i>leodarseȥȥun</i> werden +gleichbedeutend gebraucht. Dazu steht das Femininum <i>hleodarsâȥa</i> +vaticinium: gemeint ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken⁠<a id="FNanchor_793_793" href="#Footnote_793_793" class="fnanchor">[793]</a>, das im +11. Jahrhundert Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht +setzte man sich schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen, +was das Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an +einem Kreuzwege auf eine <span class="pagenum" id="Page_649">[S. 649]</span>Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte +des Draussensitzens (<i>útiseta</i>, <i>sitja úti</i>), um Geister +zu bannen. Es gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen +niedersassen und Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu +erlangen. Der ahd. Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“ +auf diese Art die Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus +den Benennungen die wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau +übereinstimmend mit denen des Priesters, als Opfern, Beschwören, +Runenmalen, Loosewerfen, Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne +aber Verwirren und Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen +Verrichtungen bereits den öffentlichen Priestern hochberühmte weise +Frauen zur Seite getreten, so geschieht dies noch weit mehr im +Zauberwesen, dessen sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker +Hervorkehrung der schlimmen Seite bemächtigen.</p> + +<p>Die Saga von Eirik dem Roten⁠<a id="FNanchor_794_794" href="#Footnote_794_794" class="fnanchor">[794]</a> beschreibt das Verfahren einer +solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland +grosser Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters +waren Jagd und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise +Frau (<i>spákona</i>) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt. +Von neun Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg +pflegte im Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche +Unterweisung über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr +wünschten, entboten sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer +der grönländischen Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende +Missjahr zu Ende gehen werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein +und rüstete ihr guten Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen +üblich war. Ein Kissen mit Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz +gelegt, als sie abends mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf. +Sie war also gekleidet: sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am +Rand von oben bis unten mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte +sie Glasperlen. Auf dem Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem +Lammsfell, mit weissem Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie +einen Stab mit einem messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie +hatte einen Gürtel um, an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige +Zauberzeug (<i>taufr</i>) enthielt. <span class="pagenum" id="Page_650">[S. 650]</span>An den Füssen hatte sie Schuhe +aus rauhem Kalbsfell mit langen und starken Riemen, an deren Enden +grosse Messingknöpfe sassen. An den Händen hatte sie Handschuhe aus +Katzenpelz, innen weiss und zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und +von Thorkel zum Hochsitz geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in +Augenschein zu nehmen. Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden +Tische aufgetragen. Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre +Speise war aus den Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab, +zubereitet. Sie gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes +Messer mit einem Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als +die Tische abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus +und den Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das, +worüber er sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie +erwiderte, sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen, +nachdem sie die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend +ward alles in Stand gesetzt, dass sie Zauber (<i>seiđ</i>) üben +könnte. Sie verlangte, man solle ihr Frauen, die sich auf die zum +Seid nötigen Lieder (<i>frœđi</i>), die sog. <i>varđlokkur</i> (d. i. +Geisterlockungen?) verstünden, herbeischaffen; da fand sich niemand, +der sie wusste, obschon in den nächstliegenden Höfen nachgefragt ward. +Da sagte Gudrid: Zwar bin ich weder zauberkundig noch eine weise +Frau; aber meine Pflegmutter auf Island lehrte mich Lieder, die sie +<i>varđlokkur</i> nannte. Die Lieder und was dazu gehört, sind aber +derart, dass ich sie als Christin nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so +lange und inständig, bis sie endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte +sich auf den Zaubersessel (<i>seidhjallr</i>) und die Frauen bildeten +ein Kreis darum, Gudrid sang das Lied so schön und gut, dass niemand +von den Anwesenden jemals einen schöneren Gesang gehört zu haben +glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte, der Sang sei schön anzuhören, und +dankte ihr, als sie zu Ende war; sie sagte, nun seien viele Geister +(<i>natúrur</i>) erschienen, denen das Lied wolgefiel und die zuvor +keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten wollen. Nun sind mir auch +viele Dinge ersichtlich, die mir und andern zuvor verborgen waren. +Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr nur noch den Winter +über dauern und im Frühling Besserung eintreten wird. Auch die Seuche, +die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten schnell bessern. Der +Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat. Dann gingen die Leute +zu der Weissagerin <span class="pagenum" id="Page_651">[S. 651]</span>und jeder fragte das, was er am meisten zu wissen +verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen und es schlug wenig fehl, +was sie sagte. Hierauf begab sie sich wieder auf einen andern Hof, wo +man ihrer Dienste bedurfte. Nach der Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die +Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete ihre Weissagungen günstiger +oder ungünstiger ein, je nachdem man sie besser oder schlechter +bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt einer Volva und Seidkona +namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft ungeschehene Dinge voraus +wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den Leuten den Gang der +Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit fünfzehn Knaben und +fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer Zauberkunst zieht sie +herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was sie zu wissen begehrt, +und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid auf allerlei Fragen. +Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er ihr wie einem hohen +Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie förmlich ein, sein +Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer, Oddr, sie beleidigt, +packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter, obwol Ingjald mit +reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der Vatnsdœlasaga Kap. +10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber auch Vǫlva +genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers Ingjald +nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie (<i>gengu +til frétta</i>) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden, dem +Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt sie +ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass +Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst +auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden +werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap. +44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei +schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht +war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass +die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte, +das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem +Stabe an die rechte Wange schlug.</p> + +<p>Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande, +das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie +treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister +herangezwungen werden, durch welche ihnen <span class="pagenum" id="Page_652">[S. 652]</span>ihre Wissenschaft von der +Zukunft vermittelt wird.⁠<a id="FNanchor_795_795" href="#Footnote_795_795" class="fnanchor">[795]</a> Sie haben besondere Tracht und führen +einen Stab (<i>valr</i>), nach welchem sie auch <i>vǫlor</i>, d. h. +Stabträgerinnen⁠<a id="FNanchor_796_796" href="#Footnote_796_796" class="fnanchor">[796]</a> genannt werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_653">[S. 653]</span></p> + +<p>Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter +und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den +Mund gelegt und heisst daher <i>vǫlospǫ́</i>, Weissagung der Vǫlva. +Die Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur +mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung, +allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des +Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste +der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft +der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist, +so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll +nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle +abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes +Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht +denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.⁠<a id="FNanchor_797_797" href="#Footnote_797_797" class="fnanchor">[797]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14. +Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5. +Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die +galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben. +Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte +an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde. +Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde +haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man +sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am +schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre +gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter +tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz +sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus +dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt +das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche, +dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege +in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem +Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so <span class="pagenum" id="Page_654">[S. 654]</span>soll er +sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt; +seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres +Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (<i>töfrnornir</i>), Bergriesen +sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste +dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden, +thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die +Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (<i>mestr galdr</i>) +ruht. Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so +heisst es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen, +alle ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig, +so sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken:</p> + +<p class="center">ᚱ. ᚨ. ᚦ. Υ. ᛉ. ᚢ.</p> + +<p class="p0">Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich +dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine +Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer +stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr, +der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in +der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal +auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden <i>seidr</i>, das +Ausüben derselben <i>síđa</i>, <i>efla seiđ</i>, <i>fremja seiđ</i>, +<i>setja seiđ</i>.⁠<a id="FNanchor_798_798" href="#Footnote_798_798" class="fnanchor">[798]</a> Seid wird von Männern (<i>seiđmađr</i>, +<i>seiđberandi</i>) und besonders auch von Frauen (<i>seiđkona</i>) +getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als ein absonderliches +geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer Heimlichkeiten fehlen. +Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei Nacht geschah, dass +der Zauberer auf einem Stuhle sass (<i>seiđhjallr</i>), dass es auch +dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente sich des +Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (<i>gjǫrningaveđr</i>) und +zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem +Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend, +erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde +zu töten, <span class="pagenum" id="Page_655">[S. 655]</span>um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest +zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (<i>frœđi</i>, +<i>galdr</i>, <i>varđlokkur</i>), welche beim Seid gesungen wurden, +wohnte ganz besondere bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap. +37 ist davon die Rede. Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in +Fehde. Thorleikr nahm die Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner +Frau Grima in Anspruch, um Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre +Söhne fuhren bei Nacht zum Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen +Seid an. Als der Seidgesang anhub, wussten die, welche im Hause +weilten, nicht recht, was es bedeuten sollte; aber der Sang war sehr +schön anzuhören. Hrutr allein kannte das Lied und verbot jedem, in +dieser Nacht aus dem Hause zu schauen, und befahl allen, sich womöglich +wach zu halten, dann werde nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen +alle in Schlaf; Hrutr blieb am längsten wach, zuletzt entschlief auch +er. Kari hiess ein Sohn Hruts, der war damals 12 Winter alt und der +hoffnungsvollste von den Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn +war der Zauber gerichtet, daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde +immer unruhiger. Endlich sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich +dem Seid und fiel tot nieder.</p> + +<p>Vergleicht man den Seid mit den übrigen Zauberbräuchen, so herrscht +inhaltlich kein durchgreifender Unterschied, indem alle grossenteils +zum selben Zwecke dienen. Die Wahrsagerinnen (vǫlur) um Rat anzugehen, +galt im Heidentum nicht für schimpflich; aber die Vǫlva Thorbjorg übt +auch Seid, um die Zukunft zu erfahren. Die Ynglingasaga Kap. 16 erzählt +von der Finnin Huldr, die als Volva und Seidkona bezeichnet wird. Mit +ihrer Zauberkunst soll sie im Auftrag der Finnenkönigin Drifa den +Wanlandi aus Uppsala nach Finnland zurückzaubern oder töten. Sie kam +als Mare über den Schlafenden und drückte ihn zu Tode. Eine Reihe von +Stellen lehrt unzweideutig, dass der Seid bereits im Heidentum für +ehrenrührig und verwerflich galt. Harald harfagri liess seinen eignen +Sohn Rognwald, weil er ein Seidmann geworden war, mit achtzig solcher +Zauberer durch dessen Bruder Eirik in den Flammen umkommen (Fornmanna +sögur 1, 10 ff.). In geringschätziger Weise gedenkt die Vǫlospǫ́ 22 +der Gullweig, die als wahrsagende Vǫlva von Haus zu Haus zog und +hirnverrückenden Seid trieb; auf ihrem Gewerbe stand Todesstrafe, denn +Gullweig wird mit Geeren durchbohrt und verbrannt, als sie <span class="pagenum" id="Page_656">[S. 656]</span>unter den +Asen erscheint. Darauf hin nennt Snorri in der Ynglingasaga Kap. 4 +die Freyja als die Erfinderin des zuvor den Asen unbekannten Seids. +In derselben Saga Kap. 7 wird der Seid als die schlimmste Art des +Zaubers bezeichnet, welche zu lernen Männer ebendarum sich geschämt +hätten. In der Lokasenna 24 entgegnet Loki der argen Schelte, er +sei ein Weib gewesen und habe geboren, mit dem ebenso schmählichen +Vorwurf, Odin habe als Vǫlva auf Samsey Seid verübt und sei als Hexe +über Land gefahren.⁠<a id="FNanchor_799_799" href="#Footnote_799_799" class="fnanchor">[799]</a> Worin liegt nun der eigentliche Gegensatz +zwischen den übrigen erlaubten Zauberkünsten und dem Seid? Zweifellos +unterschied bereits das germanische Heidentum zwischen anständigem, +vom Gottesdienst geweihtem Zauber und sträflichem, verabscheutem +Missbrauch. Das Ehrenrührige scheint in der ausgesprochenen Absicht, +Schaden anzustiften, belegen zu sein. Erlaubter Zauber schützte und +übte allenfalls Notwehr, böser Zauber trachtete mit feiger Heimlichkeit +nach Schaden. Es ist doch ein anderes, sich einem Feinde gegenüber +möglichst viel Vorteile zu verschaffen, als ihn aus der Ferne zu +vernichten. Der Runenzauber betont, Wind und Woge zu beschwichtigen, +der Seiðr sucht ein Zauberwetter zu erregen. Hier ist auf Schutz, dort +auf Schaden Bedacht genommen. In den Runen und Galdrn mögen mehr die +Volksgötter, im Seid die Gespenster hervorgetreten sein. Im Valgaldr +ist freilich kein Unterschied, ob Odin oder ein Seidmann ihn übt. +Abgesehen von den moralischen Bedenken, die am heimlichen schädlichen +Zauber an und für sich haften, geht auf die Leute, die ihn ausüben, +viel vom Wesen der Geister, mit denen sie ständigen Verkehr pflegen, +über. Daher übler Zauber Trolldom und Trollskap, Trollentum und +Trollenschaft heisst und die Benennungen Seiðkonur und Trǫllkonur mit +einander abwechseln. Schon im Heidentum standen bei den Westgermanen +die Hexen, die schädlichen Zauberinnen, in tiefer Verachtung. Die +Hexe ist auf den Schaden anderer mit Saatverderben, Hagelmachen, +Milchverhexen aus. Sie fährt bei Nacht aus, sie verwandelt sich in +Tiergestalt und tritt als Märe auf. Ist die jüngste <span class="pagenum" id="Page_657">[S. 657]</span>von Noreen⁠<a id="FNanchor_800_800" href="#Footnote_800_800" class="fnanchor">[800]</a> +vorgeschlagene Deutung des Wortes berechtigt, so gehört die Hexe zu +den feindlichen, hassenden, unholden Waldgeistern. Das Zauberweib, +das nur Schlimmes thut und die Dienste unholder Geister in Anspruch +nimmt, wird selber unhold. Die christliche Zeit verfolgte die Hexen +seit dem 14. Jahrh., nachdem Ketzerei und Teufelsbuhlschaft als neue +Vorwürfe hinzugekommen waren. Bringt man diese deutlich erkennbaren +fremden Bestandteile in Abzug, so bleibt die Hexe in der Gestalt übrig, +in der schon die Heiden sie ebenso tief verachteten und mitunter +strafrechtlich verfolgten wie die Seiðkona. Gotischer Hexen thut +Jordanes Kap. 24 Erwähnung. König Filimer vertrieb die verdächtigen, +unheimlichen Zauberweiber, die Haljarunen, die Höllenzauberinnen, +aus der Gemeinschaft des Volkes in die Wüste, wo unreine Geister +(<i>spiritus immundi per eremum vagantes</i>) sich ihrer bemächtigten +und die Hunnen mit ihnen erzeugten. Die Hexen werden somit in die +Gemeinschaft der Unholde gewiesen, denen sie ihres Zaubergewerbes +halber am nächsten stehen und die in der wüsten, unbebauten Wildniss +daheim sind.</p> + +<p>Mithin schliessen wir, Seiðr ist Hexerei; beide scheiden sich vom +erlaubten Zauber dadurch, dass sie vorwiegend auf den Schaden +anderer gerichtet sind und mit Hilfe feindseliger, unholder Geister +wirksam werden. Beim nordischen Seid ist aber noch ein weiterer +Umstand zu erwägen, der sein fremdartiges Wesen erklären könnte, +der wahrscheinliche Zusammenhang mit <em class="gesperrt">finnischer</em> Zauberei. +Die norwegische Landschaft Halogaland grenzt an Finnmark, den Herd +alles Zauberwesens, wohin man von Norwegen herüberkam, um sich +Rat zu erfragen oder in geheime Kunst einweihen zu lassen, wo die +Eindringenden von mannigfachem Blendwerk beirrt und befallen wurden +und von wo die kundigsten Zauberleute mit ihren Fertigkeiten in andre, +vornehmlich die nächstgelegenen Länder ausgingen. Als die Bekehrung +vom Süden Norwegens zum Norden aufstieg, begegnete sie gerade dort +hartnäckigem Widerstande eifriger Opferer und Zauberer (<i>blótmenn</i> +und <i>seiđmenn</i>). Beziehungen zwischen norwegischen Opferern und +finnischen Zauberern sind mehrfach zu belegen. Harald harfagri war mit +Snäfrid, des Finnenkönigs Svasi <span class="pagenum" id="Page_658">[S. 658]</span>Tochter vermählt; beider Sohn ist +Rognwald, der Seidmann, der seiner Mutter nach geartet war; von ihm +stammte der zauberkundige Eywind Kelda, der mit einem grossen Geleite +von Seidmenn und Zauberleuten dem König Olaf Tryggvason entgegen trat. +Eywind Kinnrifas Geburt hing mit der Befragung zauberkundiger Finnen +zusammen. König Olaf selber, obwol Christ, holte einmal bei einem +weisen Finnen Rat und Voraussage ein. Thorir Hund verschaffte sich +von den Finnen ein Zaubergewand aus Renntierfellen, das allen Waffen +widerstand, und mit welchem angethan er in der Schlacht bei Stiklastad +an der Spitze der Haleygjer dem König Olaf entgegentrat und, vor dessen +Schwertschlag durch diesen Finnenzauber geborgen, ihn mit dem Speere +durchstach. Noch die norwegischen Christenrechte strafen das Fahren +zu den Finnen und den Glauben an ihre Wahrsagerei.⁠<a id="FNanchor_801_801" href="#Footnote_801_801" class="fnanchor">[801]</a> Die Vǫlva +Heidr, die nach der Landnáma dem Ingimund die Fahrt und Ansiedlung in +Island vorhersagt, heisst in der Vatnsdœlasaga Kap. 10 eine Finnin. +Mit Hilfe von drei Finnen erprobt Ingimund nach Kap. 12 die Wahrheit +ihrer Aussage. Die Finnenkünste bestehen also in Wettermachen und +Zaubernebel, Pfeilschiessen und hiebfestem Fellgewand, Hellseherei, +Wissen von verborgenen und künftigen Dingen. War doch schon bei Skadi +und Thorgerd Hölgabrud Einwirkung finnischen Glaubens zu erkennen, +so dass es nicht wunder nehmen kann, wenn auch die Zauberkünste im +nördlichen Norwegen durch Aufnahme finnischer Bestandteile vermehrt +wurden. Zwar ein tieferer Einfluss des Finnentums, wodurch die +innere Selbständigkeit skandinavischen Götterdienstes gefährdet +worden wäre, liegt nicht vor. Die Zaubersegen, gute wie böse, +nützliche wie schädliche, waren den übrigen Germanenstämmen mit den +nordischen gemein, diese suchten nur ihren angestammten Besitz aus dem +gleichartigen Schatze der nachbarlichen Finnen zu erweitern, von denen +das Zauberwesen mit besondrer Vorliebe und Kennerschaft gepflegt wurde.</p> + +<p>Besteht die Vermutung finnischer Einflüsse beim nordischen Seid zu +recht; so wäre damit sein Ursprung auf den nördlichen an Finnland +grenzenden Teil Norwegens zurückzuführen, wo die <span class="pagenum" id="Page_659">[S. 659]</span>gemeingermanische +Vorstellung schädlicher Hexerei, mit finnischem Zauber vermischt, diese +eigenartige Form annahm.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Traumdeuterei spielt im Volksglauben eine grosse Rolle. Ist doch der +Traum von den Draugen, den Gespenstern verursacht. Im Traum verkehrt +die Seele des Schlafenden mit den Gespenstern, diesen aber ist die +Gabe der Weissagung eigen. Der Traum zeigt entweder die Zukunft +genau wie das zweite Gesicht an, oder er gewährt nur Vorzeichen, +die ausgelegt werden müssen. Da tritt die Traumdeuterei ein, die +meist mit Hilfe allgemein bekannter abergläubischer Auslegung von +jedem Träumenden selber geübt wird, aber in schwierigen Fällen die +Befragung von besonders erfahrenen Leuten erfordert. Die Wahrsager +und Wahrsagerinnen werden sich gewiss auch mit Auslegung von Träumen +befasst haben, obwol kein Fall ausdrücklich erwähnt wird. Den Typus +gewerbsmässiger Traumdeuter bildete namentlich die mittelalterliche +romantische Litteratur aus, welcher Gestalten wie Drauma-Jón, Jon der +Traumdeuter⁠<a id="FNanchor_802_802" href="#Footnote_802_802" class="fnanchor">[802]</a> entstammen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zur Ausübung der Zauberei werden häufig bestimmte örtliche und +zeitliche Umstände gefordert. Da die Zauberei von der Geisterwelt +abhängig ist, so kommen vorwiegend die Schwarmzeiten der Geister in +Betracht, also die grossen, besonders die winterlichen Jahresfeste, +im christlichen Kalender Neujahr und die Zwölften, Allerseelen und +noch viele andere bestimmte Tage, die zur Loosung günstig sind. Die +Beschwörung gelingt besser bei Nacht als bei Tag, darum liebt der +Zauber das Dunkel und scheut das Licht. Die Geister gehen gern an +gewissen Orten, wie auf Gräbern und Kirchhöfen, auf Richtplätzen, an +Kreuzwegen, um und sind natürlich auch dort am besten zu treffen und +um Hilfe anzurufen. Doch lassen sich überall giltige Regeln nicht +aufstellen, indem aussergewöhnliche Vorfälle auch ausserordentliche +Zauberhandlungen mit sich brachten.</p> + +<p class="mbot2">Nicht nur in zahlreichen mündlich fortgepflanzten Besprechungen und +im Brauche festgehaltenen Handlungen, deren Sinn aber fast immer +völlig entstellt und unverständlich geworden ist, sondern auch in viel +gebrauchten schriftlichen Anweisungen, die <span class="pagenum" id="Page_660">[S. 660]</span>im Druck verbreitet sind, +lebt das Zauberwesen mit Opfer, Beschwörung und Spruch noch heute +fort.⁠<a id="FNanchor_803_803" href="#Footnote_803_803" class="fnanchor">[803]</a></p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s3" id="Nachtraege">Nachträge.</h2> + +</div> + +<div class="s5"> + +<p id="Nachtrag_Welderich"><a href="#Waldriesen">S. 188</a>. Welderich, urspr. Waltrich, in umgekehrter Folge Richwalt, +hat mit Wald, silva, nichts zu schaffen, dürfte aber in den späteren +Gedichten als Wälderherr verstanden worden sein.</p> + +<p><a href="#Footnote_153_153">S. 201 Anm. 1</a>. Die Glosse <i>turpines zui</i> (Steinmeyer-Sievers, Ahd. +Glossen 3,4) hat mit Ziu nichts zu schaffen. Henning, Über die St. +Gallischen Sprachdenkmäler S. 18 und Anm. zur Glosse sucht jedenfalls +andere als mythologische Anknüpfung.</p> + +<p id="Nachtrag_Garmangabis"><a href="#Footnote_583_583">S. 470 Anm. 3</a>. Zur <i>dea Garmangabis</i>, der „aus der immer bereiten +Fülle des Reichtums Spendenden“ vgl. Kauffmann, Beiträge 20, 526 ff.; +sie soll der Nerthus gleich sein.</p> + +<p id="Nachtrag_Muspilli"><a href="#Footnote_665_665">S. 539 Anm. 1</a>. Neue Belege zum germanischen Wort <i>mott</i> +(Deutsches Wörterbuch 6, 2600 f.), <i>motta</i>, <i>mota</i> im Sinne +von schwarze Erde, Wasen (vgl. Muspilli 58 <i>daȥ preila uuasal +allaȥ uarprinnit</i>) bei Bruckner, Die Sprache der Langobarden S. +6 f. Dürften wir die germanischen Wörter <i>mû</i> und <i>mut</i>, +<i>mot</i> doch in erweiterter Bedeutung annehmen, so könnte auf lat. +<i>mundus</i> verzichtet werden. Sachlich wird nichts geändert, ob +der erste Teil der Zusammensetzung <i>mud-spilli</i> lateinisch oder +deutsch ist. Wie die Vǫlo-spǫ́ den Weltbrand <em class="gesperrt">verkündigt</em>, so +mud-<i>spilli</i>, die <em class="gesperrt">Weissagung</em> von der Welt. Es möchte der +Ausdruck auch unter Einfluss des lateinischen und deutschen Wortes +zugleich mit volksetymologischer Umbildung entstanden sein.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_661">[S. 661]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Namenverzeichniss"> + Namenverzeichniss. + </h2> + +</div> + +<ul class="index"> + <li class="ifrst">A.</li> + + <li class="indx">Adelung, F. <a href="#Page_8">8</a>.</li> + + <li class="indx">Ägir <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_169">169</a>. <a href="#Page_174">174 f.</a></li> + + <li class="indx">Ägirs Töchter <a href="#Page_177">177</a>.</li> + + <li class="indx">Alf <a href="#Page_124">124</a>.</li> + + <li class="indx">Afhus <a href="#Page_601">601</a>.</li> + + <li class="indx">Agathias <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Ahnendienst <a href="#Page_92">92 ff.</a></li> + + <li class="indx">Alaisiagae <a href="#Page_460">460 f.</a></li> + + <li class="indx">Alb <a href="#Page_124">124</a>.</li> + + <li class="indx">Alberich <a href="#Page_126">126 ff.</a> <a href="#Page_129">129</a>. <a href="#Page_133">133</a>.</li> + + <li class="indx">Albleich <a href="#Page_128">128</a>.</li> + + <li class="indx">Alfar <a href="#Page_123">123 f.</a> <a href="#Page_133">133 ff.</a></li> + + <li class="indx">Alh <a href="#Footnote_726_726">593 Anm. 2</a>.</li> + + <li class="indx">Ali <a href="#Page_395">395</a>. <a href="#Footnote_485_485">396 Anm.</a></li> + + <li class="indx">Alkîȥ <a href="#Page_214">214</a>.</li> + + <li class="indx">Alp <a href="#Page_124">124</a>.</li> + + <li class="indx">Alptraum <a href="#Page_74">74 ff.</a></li> + + <li class="indx">Alswid <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Altar <a href="#Page_595">595 f.</a> <a href="#Page_601">601</a>.</li> + + <li class="indx">Alwis <a href="#Page_282">282 f.</a></li> + + <li class="indx">Ammianus Marcellinus <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Angang <a href="#Page_639">639</a>.</li> + + <li class="indx">Angrboda <a href="#Page_425">425</a>.</li> + + <li class="indx">Ans <a href="#Page_194">194</a>.</li> + + <li class="indx">Ansîȥ <a href="#Page_93">93</a>. <a href="#Page_194">194</a>.</li> + + <li class="indx">Appian <a href="#Page_61">61</a>.</li> + + <li class="indx">Aptrganga <a href="#Page_85">85</a>.</li> + + <li class="indx">Arngrímr Jónsson <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Arnkiel, Trogillus <a href="#Page_4">4</a>.</li> + + <li class="indx">Arnold, Chr. <a href="#Page_5">5</a>.</li> + + <li class="indx">Arwakr <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_488">488</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Asega <a href="#Page_617">617</a>.</li> + + <li class="indx">Asgard <a href="#Page_200">200</a>. <a href="#Page_518">518</a>.</li> + + <li class="indx">Ask <a href="#Page_526">526 f.</a></li> + + <li class="indx">Askafroa <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Áss <a href="#Page_194">194 f.</a></li> + + <li class="indx">Aud <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Audumla <a href="#Page_515">515</a>.</li> + + <li class="indx">Aurwandil <a href="#Page_269">269 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">B.</li> + + <li class="indx">Baduhenna <a href="#Page_459">459 f.</a></li> + + <li class="indx">Bäda <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Bäldäg <a href="#Footnote_447_447">366 Anm. 3</a>. <a href="#Page_382">382</a>. <a href="#Page_522">522</a>.</li> + + <li class="indx">Baldr <a href="#Page_366">366 ff.</a> <a href="#Page_420">420 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Barditus <a href="#Page_579">579</a>.</li> + + <li class="indx">Bastian <a href="#Page_26">26</a>.</li> + + <li class="indx">Baugi <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li> + + <li class="indx">Bede <a href="#Page_460">460 f.</a></li> + + <li class="indx">Beli <a href="#Page_236">236</a>.</li> + + <li class="indx">Berchta <a href="#Page_492">492 ff.</a></li> + + <li class="indx">Berge als Aufenthalt der Seelen <a href="#Page_88">88 ff.</a></li> + + <li class="indx">Bergelmir <a href="#Page_514">514</a>. <a href="#Page_516">516</a>.</li> + + <li class="indx">Bergriesen <a href="#Page_185">185 ff.</a></li> + + <li class="indx">Berserker <a href="#Page_102">102 f.</a></li> + + <li class="indx">Bestla <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li> + + <li class="indx">Beyla <a href="#Page_234">234 f.</a></li> + + <li class="indx">Bifrost <a href="#Page_525">525</a>.</li> + + <li class="indx">Bil <a href="#Page_437">437</a>.</li> + + <li class="indx">Billings Maid <a href="#Page_337">337</a>.</li> + + <li class="indx">Bilskirnir <a href="#Page_262">262</a>.</li> + + <li class="indx">Bilwis <a href="#Page_157">157 ff.</a></li> + + <li class="indx">Björn Jónsson <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Bjorn <a href="#Page_335">335</a>.</li> + + <li class="indx">Blain <a href="#Page_525">525</a>.</li> + + <li class="indx">Blôstreis <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Blót <a href="#Page_559">559</a>.</li> + + <li class="indx">Blótspánn <a href="#Page_634">634</a>.</li> + + <li class="indx">Bodn <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li> + + <li class="indx">Bolthorn <a href="#Page_349">349</a>.</li> + + <li class="indx">Bǫlverk <a href="#Page_337">337 f.</a></li> + + <li class="indx">Bǫnd <a href="#Page_196">196</a>.</li> + + <li class="indx">Bous <a href="#Page_307">307</a>. <a href="#Page_367">367</a>. <a href="#Page_376">376 f.</a></li> + + <li class="indx">Bragi <a href="#Page_400">400 ff.</a></li> + + <li class="indx">Bragi, Skald <a href="#Page_45">45 f.</a> <a href="#Page_403">403 f.</a></li> + + <li class="indx">Breidablik <a href="#Page_367">367</a>.</li> + + <li class="indx">Brimir <a href="#Page_525">525</a>.</li> + + <li class="indx">Brísingamen <a href="#Page_363">363</a>. <a href="#Page_441">441 f.</a> <a href="#Page_452">452 f.</a></li> + + <li class="indx">Brokk <a href="#Page_419">419 f.</a></li> + + <li class="indx">Bruni <a href="#Page_331">331</a>.</li> + + <li class="indx">Brynhild <a href="#Page_320">320 f.</a></li> + + <li class="indx">Brynjulfr Sveinsson <a href="#Page_3">3</a>. <a href="#Page_67">67 f.</a></li> + + <li class="indx">Bugge, Sophus <a href="#Page_44">44 ff.</a></li> + + <li class="indx">Bur <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li> + + <li class="indx">Buri <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li> + + <li class="indx">Buslubæen <a href="#Page_653">653</a>.</li> + + <li class="indx">Byggwir <a href="#Page_234">234 f.</a></li> + + <li class="indx">Byleiftr <a href="#Page_410">410 f.</a></li> + + <li class="indx">Byleistr <a href="#Page_410">410 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">C.</li> + + <li class="indx">Caesar <a href="#Page_61">61</a>.</li> + + <li class="indx">Caesarius v. Heisterbach <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Chlungere <a href="#Page_495">495</a>.</li> + + <li class="indx">Ciesburg <a href="#Page_205">205</a>.</li> + + <li class="indx">Cisatag <a href="#Page_586">586</a>.</li> + + <li class="indx">Claudianus <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Clüver, Philip <a href="#Page_1">1</a>.</li> + + <li class="indx">Cofgodas <a href="#Page_141">141</a>.</li> + + <li class="indx">Cotinc <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Crantz, A. <a href="#Page_5">5</a>.</li> + + <li class="indx">Creutzer <a href="#Page_11">11</a>.</li> + + <li class="indx">Cyuuari <a href="#Page_205">205 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">D.</li> + + <li class="indx">Dagr <a href="#Page_190">190</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Delling <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Diana <a href="#Page_496">496</a>.</li> + + <li class="indx">Diar <a href="#Footnote_149_149">195 Anm. 2</a>. <a href="#Page_309">309</a>.</li> + + <li class="indx">Dietmar v. Merseburg <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Dioskuren <a href="#Page_215">215 ff.</a></li> + + <li class="indx">Disen <a href="#Page_100">100</a>. <a href="#Page_104">104 ff.</a></li> + + <li class="indx">Dökkalfar <a href="#Page_126">126</a>.</li> + + <li class="indx">Dofri <a href="#Page_185">185</a>.</li> + + <li class="indx">Doggele <a href="#Page_76">76</a>.</li> + + <li class="indx">Donar <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_243">243 ff.</a></li> + + <li class="indx">Drachen <a href="#Page_178">178 f.</a></li> + + <li class="indx">Draugen <a href="#Page_85">85 ff.</a> <a href="#Page_149">149</a>.</li> + + <li class="indx">Draupnir <a href="#Page_312">312</a>. <a href="#Page_371">371</a>. <a href="#Page_419">419</a>.</li> + + <li class="indx">Druckerle <a href="#Page_76">76</a>.</li> + + <li class="indx">Dürs <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Dürstengejeg <a href="#Page_181">181</a>.</li> + + <li class="indx">Dult <a href="#Page_567">567</a>.</li> + + <li class="indx">Dumbr <a href="#Page_191">191</a>.</li> + + <li class="indx">Durin <a href="#Page_525">525</a>.</li> + + <li class="indx">Duris <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Dvergmál <a href="#Page_135">135</a>.</li> + + <li class="indx">Dvergr <a href="#Page_134">134</a>.</li> + + + <li class="ifrst">E.</li> + + <li class="indx">Eccard, J. G. <a href="#Page_4">4</a>.</li> + + <li class="indx">Edda des Snorri <a href="#Page_69">69</a>.</li> + + <li class="indx">Eddalieder <a href="#Page_66">66 ff.</a></li> + + <li class="indx">Eggther <a href="#Page_534">534</a>.</li> + + <li class="indx">Eidesleistung <a href="#Page_548">548</a>.</li> + + <li class="indx">Eidring <a href="#Page_599">599 f.</a> <a href="#Page_618">618</a>.</li> + + <li class="indx">Eikthyrnir <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_529">529</a>.</li> + + <li class="indx">Einherjar <a href="#Page_313">313 ff.</a></li> + + <li class="indx">Eir <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Eiriksmǫ́l <a href="#Page_317">317</a>.</li> + + <li class="indx">Elbe <a href="#Page_122">122 ff.</a></li> + + <li class="indx">Elbenschuss <a href="#Page_132">132</a>.</li> + + <li class="indx">Eldr <a href="#Page_189">189</a>.</li> + + <li class="indx">Elf <a href="#Page_124">124</a>.</li> + + <li class="indx">Eliwagar <a href="#Page_513">513</a>.</li> + + <li class="indx">Embla <a href="#Page_526">526 f.</a></li> + + <li class="indx">Ent <a href="#Page_162">162</a>.</li> + + <li class="indx">Enz <a href="#Page_162">162</a>.</li> + + <li class="indx">Eostre <a href="#Page_488">488 f.</a></li> + + <li class="indx">Eoten <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Er <a href="#Page_210">210</a>. <a href="#Page_213">213</a>.</li> + + <li class="indx">Erfiǫl <a href="#Page_92">92</a>.</li> + + <li class="indx">Erminonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li> + + <li class="indx">Esago <a href="#Page_614">614</a>. <a href="#Page_616">616 f.</a></li> + + <li class="indx">Etan <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Ewart <a href="#Page_614">614</a>. <a href="#Page_616">616 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">F.</li> + + <li class="indx">Fárbauti <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li> + + <li class="indx">Fasolt <a href="#Page_181">181</a>.</li> + + <li class="indx">Feldelbe <a href="#Page_156">156 ff.</a></li> + + <li class="indx">Feldzeichen <a href="#Page_602">602 f.</a></li> + + <li class="indx">Fenja <a href="#Page_187">187</a>. <a href="#Page_241">241</a>.</li> + + <li class="indx">Fenrir <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_424">424 ff.</a> <a href="#Page_524">524</a>. <a href="#Page_534">534</a>.</li> + + <li class="indx">Festzeiten <a href="#Page_580">580 ff.</a></li> + + <li class="indx">Festzüge <a href="#Page_578">578 f.</a></li> + + <li class="indx">Feuerriesen <a href="#Page_189">189 f.</a></li> + + <li class="indx">Fimafeng <a href="#Page_420">420 f.</a> <a href="#Page_423">423</a>.</li> + + <li class="indx">Fimmilene <a href="#Page_460">460 f.</a></li> + + <li class="indx">Finnur Jónsson <a href="#Page_41">41 f.</a> <a href="#Page_44">44 f.</a></li> + + <li class="indx">Finn Magnusen <a href="#Page_12">12</a>.</li> + + <li class="indx">Fjalar <a href="#Page_351">351</a>. <a href="#Page_534">534</a>.</li> + + <li class="indx">Fjorgyn <a href="#Page_264">264</a>. <a href="#Page_454">454</a>.</li> + + <li class="indx">Fold <a href="#Page_455">455 f.</a></li> + + <li class="indx">Folkwang <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_437">437</a>.</li> + + <li class="indx">Forniot <a href="#Page_169">169</a>.</li> + + <li class="indx">Forseti <a href="#Page_386">386 ff.</a></li> + + <li class="indx">Fosite <a href="#Page_387">387 ff.</a></li> + + <li class="indx">Fossegrim <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Frau Gode <a href="#Page_494">494</a>.</li> + + <li class="indx">Frau Holle <a href="#Page_491">491 f.</a> <a href="#Page_498">498</a>.</li> + + <li class="indx">Frau Hütt <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Fréa Ingwina <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Fréawine <a href="#Page_242">242</a>.</li> + + <li class="indx">Freyfaxi <a href="#Page_226">226</a>.</li> + + <li class="indx">Freyja <a href="#Page_221">221</a>. <a href="#Page_288">288</a>. <a href="#Page_414">414 ff.</a> <a href="#Page_437">437 ff.</a> <a href="#Page_453">453</a>.</li> + + <li class="indx">Freyr <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Freys Eber <a href="#Page_224">224</a>.</li> + + <li class="indx">Freysgoden <a href="#Page_226">226 f.</a></li> + + <li class="indx">Freys leikr <a href="#Page_231">231</a>.</li> + + <li class="indx">Freys vinr <a href="#Page_227">227</a>. <a href="#Page_242">242</a>.</li> + + <li class="indx">Frigg <a href="#Page_306">306 ff.</a> <a href="#Page_430">430 ff.</a></li> + + <li class="indx">Frijô <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_215">215 ff.</a> <a href="#Page_299">299 f.</a> <a href="#Page_429">429 ff.</a> <a href="#Page_452">452 f.</a></li> + + <li class="indx">Frodi <a href="#Page_240">240 ff.</a></li> + + <li class="indx">Fronfastenweib <a href="#Page_495">495</a>.</li> + + <li class="indx">Frôwin <a href="#Page_242">242</a>.</li> + + <li class="indx">Fru Freke <a href="#Page_494">494</a>.</li> + + <li class="indx">Fulla <a href="#Page_431">431</a>. <a href="#Page_432">432</a>. <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Fylgja <a href="#Page_98">98 ff.</a></li> + + + <li class="ifrst">G.</li> + + <li class="indx">Gâchschepfen <a href="#Page_104">104</a>.</li> + + <li class="indx">Galar <a href="#Page_351">351</a>.</li> + + <li class="indx">Galdr <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_641">641</a>.</li> + + <li class="indx">Galstr <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Gandr <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Gandreið <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Gangrad <a href="#Page_341">341</a>.</li> + + <li class="indx">Garmangabis <a href="#Footnote_583_583">470 Anm. 3</a>. <a href="#Nachtrag_Garmangabis">Nachträge</a>.</li> + + <li class="indx">Garmr <a href="#Page_473">473</a>. <a href="#Page_534">534</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Gaut <a href="#Page_301">301</a>.</li> + + <li class="indx">Géat <a href="#Page_301">301</a>.</li> + + <li class="indx">Gebet <a href="#Page_559">559 f.</a></li> + + <li class="indx">Gefn <a href="#Page_446">446 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gefjon <a href="#Page_446">446 ff.</a></li> + + <li class="indx">Geirröd <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_274">274 ff.</a></li> + + <li class="indx">Geirvíf <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Geld <a href="#Page_560">560</a>.</li> + + <li class="indx">Gemeindeopfer <a href="#Page_573">573 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gerd <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_235">235 f.</a></li> + + <li class="indx">Gerstenberg <a href="#Page_6">6</a>.</li> + + <li class="indx">Geruthus <a href="#Page_278">278 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gervasius von Tilbury <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Gespenster <a href="#Page_85">85 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gest <a href="#Page_341">341 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gimle <a href="#Page_536">536</a>. <a href="#Page_542">542 f.</a></li> + + <li class="indx">Ginnunga gap <a href="#Page_511">511 f.</a></li> + + <li class="indx">Gjallarhorn <a href="#Page_361">361</a>.</li> + + <li class="indx">Gjalp <a href="#Page_275">275</a>.</li> + + <li class="indx">Gladsheim <a href="#Page_313">313</a>.</li> + + <li class="indx">Glasir <a href="#Page_314">314</a>.</li> + + <li class="indx">Gna <a href="#Page_436">436</a>.</li> + + <li class="indx">Gnípa <a href="#Page_185">185</a>.</li> + + <li class="indx">Gode <a href="#Page_611">611</a>. <a href="#Page_614">614 ff.</a></li> + + <li class="indx">Godord <a href="#Page_611">611</a>.</li> + + <li class="indx">Göranson, J. <a href="#Page_8">8</a>.</li> + + <li class="indx">Görres <a href="#Page_11">11</a>.</li> + + <li class="indx">Götterbilder <a href="#Page_602">602 ff.</a></li> + + <li class="indx">Götterdämmerung <a href="#Footnote_662_662">537 Anm.</a></li> + + <li class="indx">Golther, W. <a href="#Page_49">49</a>.</li> + + <li class="indx">Gott <a href="#Page_194">194</a>.</li> + + <li class="indx">Gräter, D. <a href="#Page_7">7</a>.</li> + + <li class="indx">Gregor v. Tours <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Greip <a href="#Page_275">275</a>.</li> + + <li class="indx">Grendel <a href="#Page_173">173</a>.</li> + + <li class="indx">Grid <a href="#Page_275">275</a>.</li> + + <li class="indx">Grim <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Grimm, Brüder <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Grimm, Jacob <a href="#Page_16">16 ff.</a> <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Grimnir <a href="#Page_340">340</a>. <a href="#Page_357">357</a>.</li> + + <li class="indx">Grönjette <a href="#Page_181">181</a>.</li> + + <li class="indx">Grundtvig, N. F. S. <a href="#Page_7">7</a>.</li> + + <li class="indx">Groa <a href="#Page_269">269 f.</a></li> + + <li class="indx">Gruppe, Otto <a href="#Page_35">35 f.</a></li> + + <li class="indx">Gudja <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Gudmund <a href="#Page_278">278</a>. <a href="#Page_280">280 f.</a></li> + + <li class="indx">Gullinkambi <a href="#Page_534">534</a>.</li> + + <li class="indx">Gullweig <a href="#Page_221">221</a>. <a href="#Page_444">444</a>.</li> + + <li class="indx">Gungnir <a href="#Page_311">311 f.</a> <a href="#Page_419">419</a>.</li> + + <li class="indx">Gunnlod <a href="#Page_185">185</a>. <a href="#Page_337">337 ff.</a></li> + + <li class="indx">Gyðja <a href="#Page_615">615</a>. <a href="#Page_622">622</a>.</li> + + <li class="indx">Gylfi <a href="#Page_222">222</a>.</li> + + <li class="indx">Gymir <a href="#Page_175">175</a>.</li> + + + <li class="ifrst">H.</li> + + <li class="indx">Haffrú <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Hagazusa <a href="#Page_116">116</a>. <a href="#Footnote_800_800">657 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Hakelberg <a href="#Page_285">285</a>.</li> + + <li class="indx">Haksche <a href="#Page_494">494</a>.</li> + + <li class="indx">Haljarûna <a href="#Page_643">643</a>. <a href="#Page_645">645</a>. <a href="#Page_657">657</a>.</li> + + <li class="indx">Hamingja <a href="#Page_100">100 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hammer Thors <a href="#Page_245">245</a>. <a href="#Page_251">251 f.</a> <a href="#Page_419">419</a>.</li> + + <li class="indx">Hammerich, Martin <a href="#Page_40">40</a>.</li> + + <li class="indx">Hamr <a href="#Page_100">100 ff.</a></li> + + <li class="indx">Har <a href="#Page_338">338 f.</a> <a href="#Page_355">355</a>.</li> + + <li class="indx">Harbard <a href="#Page_256">256 f.</a></li> + + <li class="indx">Harbardslied <a href="#Page_256">256 f.</a></li> + + <li class="indx">Harlunge <a href="#Page_217">217</a>.</li> + + <li class="indx">Hartunge <a href="#Page_217">217</a>.</li> + + <li class="indx">Haruc <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Harugari <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Hati <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li> + + <li class="indx">Hauch <a href="#Page_7">7</a>.</li> + + <li class="indx">Haȥusa <a href="#Page_116">116</a>. 657 <a href="#Footnote_800_800">Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Heiddraupnir <a href="#Page_347">347</a>.</li> + + <li class="indx">Heidrun <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_528">528</a>.</li> + + <li class="indx">Heimdall <a href="#Page_359">359 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>.</li> + + <li class="indx">Hel <a href="#Page_425">425 f.</a> <a href="#Page_471">471 ff.</a></li> + + <li class="indx">Helblindi <a href="#Page_410">410 f.</a></li> + + <li class="indx">Helskor <a href="#Page_92">92</a>. <a href="#Page_471">471</a>.</li> + + <li class="indx">Henneberg <a href="#Page_14">14</a>.</li> + + <li class="indx">Hercules magusanus <a href="#Footnote_225_225">243 Anm. 3</a>.</li> + + <li class="indx">Herfjotr <a href="#Page_112">112</a>. <a href="#Page_113">113 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hermod <a href="#Page_357">357</a>. <a href="#Page_371">371 f.</a></li> + + <li class="indx">Herodias <a href="#Page_496">496 f.</a></li> + + <li class="indx">Hexen <a href="#Page_116">116 ff.</a> <a href="#Page_656">656 f.</a></li> + + <li class="indx">Himinbjorg <a href="#Page_361">361</a>.</li> + + <li class="indx">Hiune <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Hjálmvítr <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Hlaut <a href="#Page_600">600</a>. <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>. <a href="#Page_641">641</a>.</li> + + <li class="indx">Hleodarsâȥȥo <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Hléoðor <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Hler <a href="#Page_169">169</a>. <a href="#Page_175">175</a>.</li> + + <li class="indx">Hlidskjalf <a href="#Page_324">324</a>. <a href="#Page_518">518</a>.</li> + + <li class="indx">Hlin <a href="#Page_436">436</a>.</li> + + <li class="indx">Hlioȥari <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Hlodyn <a href="#Page_461">461 f.</a></li> + + <li class="indx">Hlorridi <a href="#Page_282">282</a>.</li> + + <li class="indx">Hludana <a href="#Page_461">461 f.</a></li> + + <li class="indx">Hnikar <a href="#Page_332">332</a>.</li> + + <li class="indx">Hnoss <a href="#Page_444">444</a>.</li> + + <li class="indx">Hod <a href="#Page_368">368 ff.</a> <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Hoddrofnir <a href="#Page_347">347</a>.</li> + + <li class="indx">Hölle <a href="#Page_471">471 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hönir <a href="#Page_397">397 ff.</a> <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Hof <a href="#Page_599">599 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hofshelgi <a href="#Page_607">607</a>.</li> + + <li class="indx">Hoftollr <a href="#Page_609">609</a>.</li> + + <li class="indx">Hǫfuðhof <a href="#Page_611">611</a>.</li> + + <li class="indx">Hǫ́konarmǫ́l <a href="#Page_318">318 f.</a></li> + + <li class="indx">Hollunderfrau <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Holzleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hǫpt <a href="#Page_196">196</a>.</li> + + <li class="indx">Hǫrgr <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Horn <a href="#Page_445">445</a>.</li> + + <li class="indx">Hotherus <a href="#Page_373">373 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hrani <a href="#Page_334">334</a>.</li> + + <li class="indx">Hrede <a href="#Page_489">489</a>.</li> + + <li class="indx">Hrimfaxi <a href="#Page_522">522</a>.</li> + + <li class="indx">Hrimgerd <a href="#Page_177">177</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Hrímþursar <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Hrungnir <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_267">267 ff.</a> <a href="#Page_282">282</a>.</li> + + <li class="indx">Hugi <a href="#Page_277">277 f.</a></li> + + <li class="indx">Hugr <a href="#Page_84">84 f.</a> <a href="#Page_101">101</a>. <a href="#Page_102">102</a>.</li> + + <li class="indx">Huldufolk <a href="#Page_133">133</a>.</li> + + <li class="indx">Hüne <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Hûn <a href="#Page_162">162</a>.</li> + + <li class="indx">Húsl <a href="#Page_559">559 f.</a></li> + + <li class="indx">Hwergelmir <a href="#Page_512">512</a>.</li> + + <li class="indx">Hymir <a href="#Page_175">175 f.</a> <a href="#Page_240">240</a>. <a href="#Page_270">270 ff.</a></li> + + <li class="indx">Hyrrokin <a href="#Page_189">189</a>.</li> + + + <li class="ifrst">I.</li> + + <li class="indx">Idafeld <a href="#Page_532">532</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Idisi <a href="#Page_104">104 ff.</a></li> + + <li class="indx">Idisiaviso <a href="#Page_111">111</a>.</li> + + <li class="indx">Idun <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_414">414</a>. <a href="#Page_448">448 ff.</a></li> + + <li class="indx">Ing <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Ingunarfreyr <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Ingvæonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_233">233 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li> + + <li class="indx">Ingwine <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Ingwo <a href="#Page_209">209</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Irmino <a href="#Page_209">209 f.</a></li> + + <li class="indx">Irminsul <a href="#Page_210">210</a>. <a href="#Page_593">593 ff.</a></li> + + <li class="indx">Istvaeonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li> + + <li class="indx">Íviþja <a href="#Page_185">185</a>. <a href="#Page_188">188</a>.</li> + + <li class="indx">Iwaldi <a href="#Page_419">419</a>. <a href="#Page_420">420</a>.</li> + + + <li class="ifrst">J.</li> + + <li class="indx">Jafnhar <a href="#Page_355">355</a>.</li> + + <li class="indx">Jahn, Ulrich <a href="#Page_39">39</a>.</li> + + <li class="indx">Jahresopfer <a href="#Page_580">580 ff.</a></li> + + <li class="indx">Járnviþja <a href="#Page_188">188</a>.</li> + + <li class="indx">Jessen, E. <a href="#Page_41">41</a>.</li> + + <li class="indx">Jord <a href="#Page_264">264</a>. <a href="#Page_454">454 ff.</a> <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Jordanes <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Jǫrmungandr <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_425">425 f.</a> <a href="#Page_534">534 f.</a></li> + + <li class="indx">Jǫtonmóþr <a href="#Page_163">163</a>.</li> + + <li class="indx">Jǫtonn <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Jul <a href="#Page_581">581 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">K.</li> + + <li class="indx">Kanne <a href="#Page_11">11</a>.</li> + + <li class="indx">Kari <a href="#Page_169">169 f.</a> <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Kauffmann, F. <a href="#Page_49">49</a>.</li> + + <li class="indx">Keyser, R. <a href="#Page_40">40</a>.</li> + + <li class="indx">Keysler, J. G. <a href="#Page_5">5</a>.</li> + + <li class="indx">Kirchmaier, Seb. <a href="#Page_2">2</a>.</li> + + <li class="indx">Klabautermann <a href="#Page_123">123</a>. <a href="#Page_144">144 f.</a></li> + + <li class="indx">Klemm, G. <a href="#Page_13">13</a>. <a href="#Page_14">14</a>.</li> + + <li class="indx">Kobold <a href="#Page_123">123</a>. <a href="#Page_141">141 ff.</a></li> + + <li class="indx">Korngeister <a href="#Page_156">156 ff.</a></li> + + <li class="indx">Kuhn, Adalbert <a href="#Page_26">26 ff.</a></li> + + <li class="indx">Kveldriða <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Kwasir <a href="#Page_351">351 f.</a> <a href="#Page_422">422</a>.</li> + + + <li class="ifrst">L.</li> + + <li class="indx">Lachmann <a href="#Page_25">25</a>.</li> + + <li class="indx">Lärad <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_528">528 f.</a></li> + + <li class="indx">Laikaȥ <a href="#Page_560">560</a>.</li> + + <li class="indx">Laistner, Ludwig <a href="#Page_34">34</a>.</li> + + <li class="indx">Landvættir <a href="#Page_125">125</a>.</li> + + <li class="indx">Laufey <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li> + + <li class="indx">Leirwor <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Lif <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Lifthrasir 536,</li> + + <li class="indx">Lippert, Julius <a href="#Page_33">33</a>.</li> + + <li class="indx">Ljósalfar <a href="#Page_126">126</a>.</li> + + <li class="indx">Ljúflingar <a href="#Page_133">133</a>.</li> + + <li class="indx">Lodur <a href="#Page_409">409</a>. <a href="#Page_410">410</a>.</li> + + <li class="indx">Löfviska <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Lofn <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Logi <a href="#Page_169">169 f.</a> <a href="#Page_189">189</a>. <a href="#Page_277">277 f.</a> <a href="#Page_408">408</a>.</li> + + <li class="indx">Logmann <a href="#Footnote_761_761">617 Amn. 1</a>. <a href="#Page_619">619</a>.</li> + + <li class="indx">Lǫgsǫgumann <a href="#Footnote_761_761">617 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Lôh <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Loki <a href="#Page_363">363 f.</a> <a href="#Page_370">370</a>. <a href="#Page_378">378</a>. <a href="#Page_406">406 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Loosen <a href="#Page_631">631 ff.</a></li> + + <li class="indx">Loptr <a href="#Page_410">410</a>.</li> + + <li class="indx">Lundr <a href="#Page_591">591</a>. <a href="#Page_611">611</a>.</li> + + + <li class="ifrst">M.</li> + + <li class="indx">Magni <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_269">269</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Magnus Olafsson <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Mallet <a href="#Page_6">6</a>.</li> + + <li class="indx">Mani <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li> + + <li class="indx">Mannhardt, Wilhelm <a href="#Page_29">29 ff.</a></li> + + <li class="indx">Mannus <a href="#Page_206">206</a>. <a href="#Page_503">503</a>. <a href="#Page_526">526</a>.</li> + + <li class="indx">Mardoll <a href="#Page_445">445</a>.</li> + + <li class="indx">Maren <a href="#Page_75">75 ff.</a></li> + + <li class="indx">Margýgr <a href="#Page_177">177</a>.</li> + + <li class="indx">Marmenill <a href="#Page_150">150 ff.</a></li> + + <li class="indx">Mars Thingsus <a href="#Page_204">204 f.</a></li> + + <li class="indx">Matronen <a href="#Page_468">468 f.</a></li> + + <li class="indx">Maurer, Konrad <a href="#Page_40">40</a>.</li> + + <li class="indx">Meili <a href="#Page_263">263</a>.</li> + + <li class="indx">Menglod <a href="#Page_237">237 f.</a> <a href="#Footnote_536_536">434 Anm.</a> <a href="#Page_442">442</a>. <a href="#Page_451">451 ff.</a></li> + + <li class="indx">Menja <a href="#Page_187">187</a>. <a href="#Page_241">241</a>.</li> + + <li class="indx">Menschenopfer <a href="#Page_561">561 ff.</a></li> + + <li class="indx">Menschenschöpfung <a href="#Page_526">526 f.</a></li> + + <li class="indx">Mermeit <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Mermeut <a href="#Page_181">181</a>.</li> + + <li class="indx">Merminne <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Merwîp <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Merwunder <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Metod <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li> + + <li class="indx">Meyer, Elard Hugo <a href="#Page_31">31 ff.</a> <a href="#Page_47">47 ff.</a></li> + + <li class="indx">Meyer, Siebrand <a href="#Page_5">5</a>.</li> + + <li class="indx">Meyfiskur <a href="#Page_147">147</a>.</li> + + <li class="indx">Midgard <a href="#Page_517">517 ff.</a></li> + + <li class="indx">Miðgarðsormr <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_271">271 f.</a> <a href="#Page_534">534 f.</a></li> + + <li class="indx">Mimameid <a href="#Page_528">528</a>.</li> + + <li class="indx">Mime <a href="#Page_180">180</a>.</li> + + <li class="indx">Miming <a href="#Page_180">180</a>. <a href="#Page_373">373</a>.</li> + + <li class="indx">Mimir <a href="#Page_179">179 f.</a> <a href="#Page_310">310</a>. <a href="#Page_346">346 ff.</a> <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_530">530</a>.</li> + + <li class="indx">Minnetrinken <a href="#Page_568">568</a>.</li> + + <li class="indx">Mistelteinn <a href="#Page_370">370</a>. <a href="#Page_379">379</a>.</li> + + <li class="indx">Mitodin <a href="#Page_307">307 ff.</a></li> + + <li class="indx">Mjolnir <a href="#Page_262">262</a>. <a href="#Page_266">266 f.</a> <a href="#Page_436">436</a>.</li> + + <li class="indx">Mjǫtviðr <a href="#Page_529">529</a>.</li> + + <li class="indx">Modi <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Mogk, E. <a href="#Page_48">48</a>.</li> + + <li class="indx">Mokkurkalfi <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_268">268 f.</a></li> + + <li class="indx">Moosleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li> + + <li class="indx">Motsognir <a href="#Page_525">525</a>.</li> + + <li class="indx">Müllenhoff <a href="#Page_25">25</a>. <a href="#Page_39">39</a>. <a href="#Page_44">44</a>. <a href="#Page_50">50</a>. <a href="#Page_53">53</a>.</li> + + <li class="indx">Müller, Max <a href="#Page_27">27 f.</a></li> + + <li class="indx">Müller, P. E. <a href="#Page_9">9</a>.</li> + + <li class="indx">Müller, Wilhelm <a href="#Page_22">22</a>.</li> + + <li class="indx">Mone <a href="#Page_11">11</a>.</li> + + <li class="indx">Mütterkult <a href="#Page_468">468 f.</a></li> + + <li class="indx">Munch, P. A. <a href="#Page_40">40</a>.</li> + + <li class="indx">Mundilföri <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li> + + <li class="indx">Muspell <a href="#Page_536">536</a>. <a href="#Page_539">539 ff.</a></li> + + <li class="indx">Muspellsheim <a href="#Page_513">513</a>. <a href="#Page_519">519</a>. <a href="#Page_540">540</a>.</li> + + <li class="indx">Muspilli <a href="#Page_507">507</a>. <a href="#Page_539">539 ff.</a> <a href="#Nachtrag_Muspilli">Nachträge</a>.</li> + + <li class="indx">Myrkriða <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + + <li class="ifrst">N.</li> + + <li class="indx">Naglfar <a href="#Page_534">534</a>.</li> + + <li class="indx">Naglfari <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Nahtvarn <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Nahtvrouwe <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Nál <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li> + + <li class="indx">Namengebung <a href="#Page_247">247 f.</a>; <a href="#Page_555">555</a>.</li> + + <li class="indx">Nanna <a href="#Page_371">371 ff.</a> <a href="#Page_378">378</a>.</li> + + <li class="indx">Narfi <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422</a>.</li> + + <li class="indx">Nástrand <a href="#Page_474">474</a>.</li> + + <li class="indx">Nehalennia <a href="#Page_463">463 ff.</a> <a href="#Page_596">596</a>.</li> + + <li class="indx">Nerthus <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_230">230</a>. <a href="#Page_456">456 ff.</a></li> + + <li class="indx">Neun Welten <a href="#Page_519">519</a>.</li> + + <li class="indx">Nidhogg <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Niflheim <a href="#Page_519">519</a>.</li> + + <li class="indx">Nihhus <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Nixe <a href="#Page_145">145 ff.</a></li> + + <li class="indx">Njord <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_225">225</a>. <a href="#Page_238">238 ff.</a></li> + + <li class="indx">Nök <a href="#Page_147">147</a>.</li> + + <li class="indx">Nor <a href="#Page_522">522 f.</a></li> + + <li class="indx">Nornagest <a href="#Page_106">106</a>. <a href="#Page_343">343</a>.</li> + + <li class="indx">Nornen <a href="#Page_104">104 ff.</a></li> + + <li class="indx">Norwi <a href="#Page_522">522 f.</a></li> + + <li class="indx">Notfeuer <a href="#Page_570">570 ff.</a></li> + + <li class="indx">Nótt <a href="#Page_190">190</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Nyerup <a href="#Page_12">12</a>.</li> + + <li class="indx">Nykur <a href="#Page_177">177</a>.</li> + + + <li class="ifrst">O.</li> + + <li class="indx">Odin <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_221">221 ff.</a> <a href="#Page_256">256 f.</a> <a href="#Page_303">303 ff.</a> <a href="#Page_392">392</a>. <a href="#Page_514">514</a>. <a href="#Page_517">517</a>. <a href="#Page_526">526</a>. <a href="#Page_529">529</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Odins Namen <a href="#Page_355">355 f.</a></li> + + <li class="indx">Odr <a href="#Page_285">285</a>. <a href="#Page_288">288</a>. <a href="#Page_444">444 f.</a></li> + + <li class="indx">Odrerir <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_350">350 ff.</a></li> + + <li class="indx">Oehlenschläger <a href="#Page_7">7</a>.</li> + + <li class="indx">Örgelmir <a href="#Page_513">513 f.</a></li> + + <li class="indx">Olaus Magnus <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Ollerus <a href="#Page_307">307 ff.</a> <a href="#Page_391">391 ff.</a></li> + + <li class="indx">Omeis, M. D. <a href="#Page_2">2</a>.</li> + + <li class="indx">Onar <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Opfer <a href="#Page_559">559 f.</a></li> + + <li class="indx">Orosius <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Os <a href="#Page_194">194</a>.</li> + + <li class="indx">Oskopnir <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + + <li class="ifrst">P.</li> + + <li class="indx">Parawari <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Paro <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Paulus Diaconus <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Petersen, Henry <a href="#Page_42">42</a>.</li> + + <li class="indx">Petersen, N. M. <a href="#Page_40">40</a>.</li> + + <li class="indx">Pfannenschmid, H. <a href="#Page_39">39</a>.</li> + + <li class="indx">Phol <a href="#Page_383">383 ff.</a></li> + + <li class="indx">Plinius <a href="#Page_61">61</a>.</li> + + <li class="indx">Plutarch <a href="#Page_61">61</a>.</li> + + <li class="indx">Priester <a href="#Page_612">612 ff.</a></li> + + <li class="indx">Priesterinnen <a href="#Page_620">620 ff.</a></li> + + <li class="indx">Procop <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + + <li class="ifrst">R.</li> + + <li class="indx">Ragna rök <a href="#Page_537">537</a>.</li> + + <li class="indx">Ran <a href="#Page_177">177</a>. <a href="#Page_478">478 ff.</a></li> + + <li class="indx">Ratatosk <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_531">531</a>.</li> + + <li class="indx">Regan <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li> + + <li class="indx">Regin <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li> + + <li class="indx">Requalivahanus <a href="#Page_405">405 f.</a></li> + + <li class="indx">Resenius, P. <a href="#Page_4">4</a>.</li> + + <li class="indx">Riesen <a href="#Page_159">159 ff.</a></li> + + <li class="indx">Riesenbauten <a href="#Page_165">165 f.</a> <a href="#Page_273">273 f.</a> <a href="#Page_413">413</a>.</li> + + <li class="indx">Riesenheim <a href="#Page_164">164</a>.</li> + + <li class="indx">Rig <a href="#Page_365">365</a>.</li> + + <li class="indx">Rindr <a href="#Page_306">306 f.</a> <a href="#Page_339">339</a>. <a href="#Page_456">456</a>.</li> + + <li class="indx">Risi <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Rockenphilosophie <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Rohde, Erwin <a href="#Page_34">34</a>.</li> + + <li class="indx">Roskwa <a href="#Page_276">276</a>.</li> + + <li class="indx">Rudbeck, O. <a href="#Page_8">8</a>.</li> + + <li class="indx">Rühs, Fr. <a href="#Page_8">8</a>.</li> + + <li class="indx">Runen <a href="#Page_340">340</a>. <a href="#Page_629">629</a>. <a href="#Page_641">641 ff.</a></li> + + <li class="indx">Runse <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Rydberg, V. <a href="#Page_48">48</a>.</li> + + + <li class="ifrst">S.</li> + + <li class="indx">Sækona <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Säming <a href="#Page_481">481</a>.</li> + + <li class="indx">Sæmund <a href="#Page_4">4</a>. <a href="#Page_68">68</a>.</li> + + <li class="indx">Saga <a href="#Page_345">345 f.</a> <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Salige Fräulein <a href="#Page_153">153 f.</a></li> + + <li class="indx">Sandraudiga <a href="#Page_470">470</a>.</li> + + <li class="indx">Sauþs <a href="#Page_560">560</a>.</li> + + <li class="indx">Saxnot <a href="#Page_213">213 f.</a></li> + + <li class="indx">Saxo <a href="#Page_70">70 f.</a></li> + + <li class="indx">Schede, Elias <a href="#Page_2">2</a>.</li> + + <li class="indx">Schefferus, J. <a href="#Page_4">4</a>.</li> + + <li class="indx">Schicksal <a href="#Page_105">105</a>.</li> + + <li class="indx">Schicksalsfrauen <a href="#Page_105">105 ff.</a></li> + + <li class="indx">Schildmädchen <a href="#Page_323">323 ff.</a></li> + + <li class="indx">Schimmelmann, J. <a href="#Page_8">8</a>.</li> + + <li class="indx">Schrat <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li> + + <li class="indx">Schrettele <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li> + + <li class="indx">Schrezlein <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li> + + <li class="indx">Schütze, M. G. <a href="#Page_5">5</a>.</li> + + <li class="indx">Schwanmädchen <a href="#Page_114">114 ff.</a> <a href="#Page_321">321</a>.</li> + + <li class="indx">Schwartz, Wilhelm <a href="#Page_26">26 ff.</a></li> + + <li class="indx">Seelen <a href="#Page_80">80 ff.</a></li> + + <li class="indx">Seelenheim <a href="#Page_87">87 ff.</a></li> + + <li class="indx">Seelenkult <a href="#Page_90">90 ff.</a></li> + + <li class="indx">Segen <a href="#Page_64">64</a>. <a href="#Page_110">110</a>. <a href="#Page_628">628 ff.</a></li> + + <li class="indx">Seiðr <a href="#Page_650">650</a>. <a href="#Page_654">654 ff.</a></li> + + <li class="indx">Sendíngar <a href="#Page_85">85</a>.</li> + + <li class="indx">Serles <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Sessrymnir <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_439">439</a>.</li> + + <li class="indx">Sif <a href="#Page_262">262 f.</a> <a href="#Page_419">419 f.</a></li> + + <li class="indx">Sigewíf <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Sigmund <a href="#Page_329">329 f.</a></li> + + <li class="indx">Sigrfljóð <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Sigrmeyjar <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Sigyn <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422 f.</a> <a href="#Page_424">424</a>. <a href="#Page_425">425</a>.</li> + + <li class="indx">Simrock <a href="#Page_24">24</a>.</li> + + <li class="indx">Sindri <a href="#Page_419">419 f.</a></li> + + <li class="indx">Sinisto <a href="#Page_614">614</a>.</li> + + <li class="indx">Sinthgunt <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>.</li> + + <li class="indx">Sjofn <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Skadi <a href="#Page_238">238 ff.</a> <a href="#Page_480">480 ff.</a></li> + + <li class="indx">Skaldengedichte <a href="#Page_67">67</a>.</li> + + <li class="indx">Skéaf <a href="#Page_209">209</a>.</li> + + <li class="indx">Skidbladnir <a href="#Page_224">224 f.</a> <a href="#Page_310">310</a>. <a href="#Page_419">419</a>.</li> + + <li class="indx">Skinfaxi <a href="#Page_522">522</a>.</li> + + <li class="indx">Skirnir <a href="#Page_235">235 f.</a> <a href="#Page_426">426</a>.</li> + + <li class="indx">Skogsfrú <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Skogssnufa <a href="#Page_153">153</a>. <a href="#Page_154">154</a>.</li> + + <li class="indx">Skoll <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li> + + <li class="indx">Skougmann <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Skrato <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li> + + <li class="indx">Skrímsl <a href="#Page_177">177</a>.</li> + + <li class="indx">Skrymir <a href="#Page_167">167</a>. <a href="#Page_277">277</a>.</li> + + <li class="indx">Skuld <a href="#Page_108">108</a>. <a href="#Page_316">316</a>.</li> + + <li class="indx">Skurðgoð <a href="#Page_606">606</a>.</li> + + <li class="indx">Sleipnir <a href="#Page_274">274</a>. <a href="#Page_311">311 f.</a> <a href="#Page_417">417</a>.</li> + + <li class="indx">Snorri Sturluson <a href="#Page_52">52</a>. <a href="#Page_69">69</a>.</li> + + <li class="indx">Snotra <a href="#Page_436">436</a>.</li> + + <li class="indx">Sögur <a href="#Page_69">69 ff.</a></li> + + <li class="indx">Sol <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li> + + <li class="indx">Son <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li> + + <li class="indx">Sozomenus <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Spákona <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Spámaðr <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Speerwurf <a href="#Page_552">552 f.</a></li> + + <li class="indx">Spell <a href="#Page_630">630</a>.</li> + + <li class="indx">Spurcalien <a href="#Footnote_705_705">584 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Stallr <a href="#Page_595">595</a>. <a href="#Page_601">601</a>.</li> + + <li class="indx">Starkad <a href="#Page_176">176</a>. <a href="#Page_257">257 f.</a> <a href="#Page_329">329</a>.</li> + + <li class="indx">Stempe <a href="#Page_493">493 f.</a></li> + + <li class="indx">Stephanius <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Strabo <a href="#Page_61">61</a>.</li> + + <li class="indx">Strömkarl <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Sueton <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Suhm <a href="#Page_10">10</a>.</li> + + <li class="indx">Sumar <a href="#Page_190">190</a>.</li> + + <li class="indx">Sunna <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>.</li> + + <li class="indx">Surtr <a href="#Page_189">189 f.</a> <a href="#Page_535">535</a>. <a href="#Page_540">540</a>.</li> + + <li class="indx">Suttung <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_337">337 f.</a> <a href="#Page_352">352</a>.</li> + + <li class="indx">Swadilfari <a href="#Page_273">273 f.</a></li> + + <li class="indx">Swalin <a href="#Page_523">523</a>.</li> + + <li class="indx">Swasud <a href="#Page_190">190</a>.</li> + + <li class="indx">Swipdag <a href="#Page_237">237 f.</a> <a href="#Page_451">451</a>.</li> + + <li class="indx">Syn <a href="#Page_436">436</a>.</li> + + <li class="indx">Syr <a href="#Page_445">445</a>.</li> + + + <li class="ifrst">T.</li> + + <li class="indx">Tacitus <a href="#Page_62">62</a>.</li> + + <li class="indx">Tafn <a href="#Page_566">566</a>.</li> + + <li class="indx">Tains <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Tálardísir <a href="#Page_105">105</a>.</li> + + <li class="indx">Tanfana <a href="#Page_458">458 f.</a> <a href="#Page_586">586</a>.</li> + + <li class="indx">Tanngniost <a href="#Page_262">262</a>.</li> + + <li class="indx">Tanngrisnir <a href="#Page_262">262</a>.</li> + + <li class="indx">Taufr <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Téafor <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Teinn <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Tempel <a href="#Page_593">593 ff.</a></li> + + <li class="indx">Tempelgut <a href="#Page_608">608 f.</a></li> + + <li class="indx">Thjalfi <a href="#Page_269">269</a>. <a href="#Page_276">276 ff.</a></li> + + <li class="indx">Thjazi <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_238">238</a>. <a href="#Page_281">281</a>. <a href="#Page_449">449</a>.</li> + + <li class="indx">Thjodreyrir <a href="#Page_354">354</a>.</li> + + <li class="indx">Thokk <a href="#Page_372">372</a>. <a href="#Page_417">417</a>.</li> + + <li class="indx">Thor <a href="#Footnote_223_223">243 Anm. 1</a>. <a href="#Page_247">247 ff.</a> <a href="#Page_414">414</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Thorgerd Hölgabrud <a href="#Page_482">482 ff.</a></li> + + <li class="indx">Thorkillus <a href="#Page_278">278 ff.</a> <a href="#Page_423">423</a>.</li> + + <li class="indx">Thors Böcke <a href="#Page_276">276</a>.</li> + + <li class="indx">Thridi <a href="#Page_355">355</a>.</li> + + <li class="indx">Thrud <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_282">282</a>.</li> + + <li class="indx">Thrudgelmir <a href="#Page_514">514</a>.</li> + + <li class="indx">Thrudheim <a href="#Page_262">262</a>.</li> + + <li class="indx">Thrudwang <a href="#Page_262">262</a>.</li> + + <li class="indx">Thrym <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_266">266 f.</a></li> + + <li class="indx">Thrymheim <a href="#Page_182">182</a>.</li> + + <li class="indx">Thund <a href="#Page_315">315</a>.</li> + + <li class="indx">Thuris <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Tiergestalt der Seelen <a href="#Page_81">81 f.</a></li> + + <li class="indx">Tieropfer <a href="#Page_565">565 ff.</a></li> + + <li class="indx">Tifer <a href="#Page_566">566</a>.</li> + + <li class="indx">Tiuȥ <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_195">195</a>. <a href="#Page_200">200 ff.</a></li> + + <li class="indx">Tívar <a href="#Page_52">52</a>. <a href="#Page_195">195</a>.</li> + + <li class="indx">Todesstrafe <a href="#Page_548">548 f.</a></li> + + <li class="indx">Toki <a href="#Page_343">343</a>.</li> + + <li class="indx">Toraka <a href="#Page_283">283</a>.</li> + + <li class="indx">Totenpflege <a href="#Page_91">91</a>.</li> + + <li class="indx">Traum als Draugenerscheinung <a href="#Page_85">85</a>.</li> + + <li class="indx">Trautvetter <a href="#Page_14">14</a>.</li> + + <li class="indx">Trégoð <a href="#Page_606">606</a>.</li> + + <li class="indx">Trempe <a href="#Page_494">494</a>.</li> + + <li class="indx">Troll <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Trollabotnar <a href="#Page_280">280</a>.</li> + + <li class="indx">Trollskapr <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Trude <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Türs <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Tuisto <a href="#Page_206">206</a>. <a href="#Page_503">503</a>. <a href="#Page_514">514</a>.</li> + + <li class="indx">Tumbo <a href="#Page_191">191</a>.</li> + + <li class="indx">Túnriða <a href="#Page_117">117</a>.</li> + + <li class="indx">Turet <a href="#Page_253">253</a>.</li> + + <li class="indx">Turville <a href="#Page_253">253</a>.</li> + + <li class="indx">Twerg <a href="#Page_134">134</a>.</li> + + <li class="indx">Tylor <a href="#Page_26">26</a>.</li> + + <li class="indx">Tyr <a href="#Page_211">211 ff.</a> <a href="#Page_426">426</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Týverk <a href="#Page_212">212</a>.</li> + + + <li class="ifrst">U.</li> + + <li class="indx">Ugarthilocus <a href="#Page_279">279</a>. <a href="#Page_423">423</a>.</li> + + <li class="indx">Uggerus <a href="#Page_332">332</a>.</li> + + <li class="indx">Uhland <a href="#Page_15">15 f.</a> <a href="#Page_39">39</a>.</li> + + <li class="indx">Ulfahamir <a href="#Page_102">102 f.</a></li> + + <li class="indx">Ullr <a href="#Page_307">307 ff.</a> <a href="#Page_390">390 ff.</a></li> + + <li class="indx">Ungeziefer <a href="#Page_566">566</a>.</li> + + <li class="indx">Unhulda <a href="#Page_116">116</a>.</li> + + <li class="indx">Unhulþo <a href="#Page_116">116</a>.</li> + + <li class="indx">Uppregin <a href="#Page_200">200</a>.</li> + + <li class="indx">Uppsalir <a href="#Page_225">225</a>.</li> + + <li class="indx">Uppvakníngar <a href="#Page_85">85</a>.</li> + + <li class="indx">Urðr <a href="#Page_104">104 ff.</a> <a href="#Page_529">529</a>.</li> + + <li class="indx">Utgard <a href="#Page_280">280</a>. <a href="#Page_520">520 f.</a></li> + + <li class="indx">Utgardloki <a href="#Page_277">277 ff.</a></li> + + <li class="indx">Utiseta <a href="#Page_644">644 f.</a> <a href="#Page_648">648 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">V.</li> + + <li class="indx">Vættr <a href="#Page_125">125</a>.</li> + + <li class="indx">Vagdavercustis <a href="#Page_470">470</a>.</li> + + <li class="indx">Valgaldr <a href="#Page_645">645</a>.</li> + + <li class="indx">Valkyrja <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Vanir <a href="#Page_196">196</a>. <a href="#Page_220">220 ff.</a></li> + + <li class="indx">Varðlokkur <a href="#Page_650">650</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Vårdträdt <a href="#Page_156">156</a>.</li> + + <li class="indx">Vargr <a href="#Page_102">102 f.</a></li> + + <li class="indx">Vé <a href="#Page_196">196</a>. <a href="#Page_306">306</a>. <a href="#Page_355">355</a>.</li> + + <li class="indx">Véar <a href="#Page_196">196</a>.</li> + + <li class="indx">Vébǫnd <a href="#Page_547">547</a>. <a href="#Page_598">598</a>.</li> + + <li class="indx">Veder <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Veorr <a href="#Footnote_227_227">244 Anm. 1</a>. <a href="#Footnote_247_247">252 Anm. 2</a>.</li> + + <li class="indx">Verðandi <a href="#Page_108">108</a>.</li> + + <li class="indx">Vercana <a href="#Page_470">470</a>.</li> + + <li class="indx">Vetr <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_190">190</a>.</li> + + <li class="indx">Vindljóni <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Vindsvalr <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Vindr <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Vingnir <a href="#Page_282">282</a>.</li> + + <li class="indx">Vintler, Hans <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Vodskov, H. S. <a href="#Page_37">37</a>.</li> + + <li class="indx">Vogelstimme <a href="#Page_639">639 f.</a></li> + + <li class="indx">Volla <a href="#Page_430">430</a>. <a href="#Page_435">435</a>.</li> + + <li class="indx">Vǫlva <a href="#Page_648">648 ff.</a></li> + + <li class="indx">Vorzeichen <a href="#Page_638">638 ff.</a></li> + + + <li class="ifrst">W.</li> + + <li class="indx">Wado <a href="#Page_176">176</a>.</li> + + <li class="indx">Wælcyrje <a href="#Page_109">109</a>.</li> + + <li class="indx">Wälder, heilige <a href="#Page_591">591 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wafthrudnir <a href="#Page_163">163</a>. <a href="#Page_341">341</a>.</li> + + <li class="indx">Wahrsager <a href="#Page_646">646 ff.</a></li> + + <li class="indx">Waihts <a href="#Page_125">125</a>.</li> + + <li class="indx">Waitz, Theodor <a href="#Page_26">26</a>.</li> + + <li class="indx">Walaskjalf <a href="#Page_324">324</a>.</li> + + <li class="indx">Waldelbe <a href="#Page_153">153 ff.</a></li> + + <li class="indx">Waldfänken <a href="#Page_153">153</a>.</li> + + <li class="indx">Waldfrauen <a href="#Page_117">117</a>. <a href="#Page_153">153 ff.</a></li> + + <li class="indx">Waldriesen <a href="#Page_188">188 f.</a></li> + + <li class="indx">Walgrind <a href="#Page_315">315</a>.</li> + + <li class="indx">Walhall <a href="#Page_289">289 f.</a> <a href="#Page_313">313 ff.</a> <a href="#Page_324">324</a>.</li> + + <li class="indx">Wali <a href="#Page_367">367</a>. <a href="#Page_368">368</a>. <a href="#Page_395">395 ff.</a> <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Walküren <a href="#Page_109">109 ff.</a> <a href="#Page_315">315 ff.</a></li> + + <li class="indx">Walriderske <a href="#Page_77">77</a>.</li> + + <li class="indx">Wanenkrieg <a href="#Page_220">220 ff.</a> <a href="#Page_305">305 ff.</a></li> + + <li class="indx">War <a href="#Page_435">435 f.</a></li> + + <li class="indx">Wasad <a href="#Page_190">190</a>.</li> + + <li class="indx">Wasserelbe <a href="#Page_145">145 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wasserlisse <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">Wassermann <a href="#Page_146">146 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wasserriesen <a href="#Page_172">172 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wate <a href="#Page_176">176</a>.</li> + + <li class="indx">Watzmann <a href="#Page_186">186</a>.</li> + + <li class="indx">Waȥȥerholde <a href="#Page_146">146</a>.</li> + + <li class="indx">We siehe Vé.</li> + + <li class="indx">Wechselbalg <a href="#Page_139">139</a>.</li> + + <li class="indx">Wegtam <a href="#Page_340">340</a>.</li> + + <li class="indx">Weh <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Weinhold, Karl <a href="#Page_39">39</a>.</li> + + <li class="indx">Weirdsisters <a href="#Page_105">105</a>.</li> + + <li class="indx">Welderich <a href="#Page_188">188</a>. <a href="#Nachtrag_Welderich">Nachträge</a>.</li> + + <li class="indx">Weltbaum <a href="#Page_527">527 ff.</a></li> + + <li class="indx">Weltende <a href="#Page_531">531 ff.</a></li> + + <li class="indx">Weltlehre <a href="#Page_501">501 ff.</a></li> + + <li class="indx">Weltschöpfung <a href="#Page_509">509 ff.</a></li> + + <li class="indx">Werre <a href="#Page_495">495</a>.</li> + + <li class="indx">Werwölfe <a href="#Page_101">101 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wettermachen <a href="#Page_120">120</a>.</li> + + <li class="indx">Wicce <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Wichte <a href="#Page_125">125 ff.</a></li> + + <li class="indx">Widar <a href="#Page_394">394 f.</a> <a href="#Page_535">535</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li> + + <li class="indx">Widolf <a href="#Page_188">188</a>.</li> + + <li class="indx">Widolt <a href="#Page_188">188</a>.</li> + + <li class="indx">Widukind <a href="#Page_63">63</a>.</li> + + <li class="indx">Wiedergänger <a href="#Page_85">85</a>.</li> + + <li class="indx">Wiedergeburt <a href="#Page_96">96 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wigbed <a href="#Page_595">595</a>.</li> + + <li class="indx">Wigrid <a href="#Page_535">535</a>.</li> + + <li class="indx">Wih <a href="#Page_591">591</a>.</li> + + <li class="indx">Wikingerzeit <a href="#Page_43">43</a>.</li> + + <li class="indx">Wildleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wili <a href="#Page_355">355</a>.</li> + + <li class="indx">Windin <a href="#Page_184">184</a>.</li> + + <li class="indx">Wingolf <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_439">439</a>.</li> + + <li class="indx">Wítega <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Wîȥago <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Wodan <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_242">242</a>. <a href="#Footnote_229_229">245 Anm. 1</a>. <a href="#Page_293">293 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wode <a href="#Page_284">284 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wolf, J. W. <a href="#Page_24">24</a>.</li> + + <li class="indx">Worm, Ole <a href="#Page_3">3</a>.</li> + + <li class="indx">Wrisi <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Wütendes Heer <a href="#Page_284">284 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wurd <a href="#Page_104">104 ff.</a></li> + + <li class="indx">Wyrd <a href="#Page_105">105</a>.</li> + + + <li class="ifrst">Y.</li> + + <li class="indx">Yggdrasil <a href="#Page_349">349 f.</a> <a href="#Page_527">527 ff.</a></li> + + <li class="indx">Yggr <a href="#Page_349">349 f.</a> <a href="#Page_529">529</a>.</li> + + <li class="indx">Ylf <a href="#Page_124">124</a>.</li> + + <li class="indx">Ymir <a href="#Page_170">170</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_513">513 ff.</a></li> + + <li class="indx">Ynglingar <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Yngvefreyr <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + <li class="indx">Yngvi <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">Z.</li> + + <li class="indx">Zauberer <a href="#Page_646">646 ff.</a></li> + + <li class="indx">Zauberformeln <a href="#Page_64">64</a>. <a href="#Page_110">110</a>. <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_641">641 ff.</a></li> + + <li class="indx">Zebar <a href="#Page_566">566</a>.</li> + + <li class="indx">Zimmersche Chronik <a href="#Page_65">65</a>.</li> + + <li class="indx">Zio <a href="#Page_200">200 ff.</a></li> + + <li class="indx">Zisa <a href="#Page_489">489</a>. <a href="#Page_586">586</a>.</li> + + <li class="indx">Ziuwari <a href="#Page_205">205</a>.</li> + + <li class="indx">Zoubar <a href="#Page_648">648</a>.</li> + + <li class="indx">Zwerge <a href="#Page_128">128</a>. <a href="#Page_134">134 ff.</a> <a href="#Page_525">525 f.</a></li> + + + <li class="ifrst">Þ.</li> + + <li class="indx">Þinghelgi <a href="#Page_547">547</a>.</li> + + <li class="indx">Þunorrád <a href="#Footnote_231_231">246 Amn. 1</a>.</li> + + <li class="indx">Þurs <a href="#Page_161">161</a>.</li> + + <li class="indx">Þyrs <a href="#Page_161">161</a>.</li> +</ul> + +<hr class="tb"> + +<p class="s5 center padtop5">Druck von J. B. +<em class="gesperrt">Hirschfeld</em> in Leipzig.</p> + + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Über das Leben Schedes (geb. 1615 zu Kadau in Mähren, +gest. 1641 zu Warschau) vgl. Bolte, allgem. deutsche Biographie 30, 662 +f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Über das mythologische Studium im 16., 17. u. 18. Jh., +sowie über die aus der Mythologie geschöpften nordischen Dichtungen am +Ausgang des 18. u. Anfang des 19. Jhs. handelt ausführlich E. Nyerup, +Wörterbuch der skandinavischen Mythologie, Kopenhagen 1816 S. 1–60; +Köppen, literarische Einleitung in die nordische Mythologie, Berlin +1837.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Über die Wiederaufnahme der isländischen +Altertumsforschung vgl. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale 1, +XX ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Vgl. Golther, die Edda in deutscher Nachbildung in der Zs. +f. vergleichende Literaturgeschichte, N. F. 6, 275 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Bereits im MA. wurden solche Sammlungen veranstaltet, +jedoch im grossen Stil und im Hinblick auf mythologische und +religionsgeschichtliche Verwertung erst im 19. Jahrhundert. Eine +erschöpfende Bibliographie könnte Bogen füllen. Ich begnüge mich +mit einem Hinweis auf bibliographische Zusammenstellungen in E. H. +Meyers Mythologie S. 28 ff., 56; in Pauls Grundriss der germanischen +Philologie II, 1, 738 ff. (nordische Sagen von Lundell), ebd. 777 ff. +(deutsche Sagen von John Meier), ebd. 856 ff. (englische Sagen von +A. Brandl); II, 2, 273 ff. gibt Mogk einen Gesamtüberblick über die +bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet, wo jetzt auch Zeitschriften +und Vereine eine rege Thätigkeit entfalten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Eine sehr ausführliche Übersicht über die wichtigsten +Versuche, die Entstehung des Kultus und des Mythos zu erklären, gibt O. +Gruppe, die griechischen Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den +orientalischen Religionen, Bd. I Leipzig 1887 S. 1–278.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Anthropologie der Naturvölker, 6 Bände, 1859–65.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Der Mensch in der Geschichte, 3 Bde, Leipzig 1860.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Urgeschichte der Menschheit, Lpz. 1867; Anfänge der +Kultur, Lpz. 1873.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Vgl. Hillebrand, Vedische Mythologie I, Breslau 1891; +Oldenberg, Die Religion des Veda, Berlin 1894.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Eine Würdigung Mannhardts gibt E. H. Meyer, AnzfdA. 11, +141 ff. Der Entwicklungsgang des immer mit sich selbst ringenden, +stetig vorwärts strebenden Forschers wird trefflich geschildert. In der +Einleitung in die antiken Wald- und Feldkulte kennzeichnet Mannhardt +selber seine Stellung zu den Hauptströmungen der mythologischen +Forschung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Vgl. die Besprechung Kaufmanns im AnzfdA. 18, 21 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Vgl. Oldenberg, Religion des Veda S. 34 ff. über die +indogermanische Götterwelt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Vgl. Sars, udsigt over den norske historie, I deel, +Kristiania 1877; Steenstrup, Normannerne, 4 Bände, Kopenhagen +1876–82.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 157.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> Vgl. Noreen, fornnordisk religion, mytologi och teologi. +Ein Vortrag gehalten zu Upsala 9. März 1892.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Zur Bekehrungsgeschichte vgl. Rettberg, Kirchengeschichte +Deutschlands, 2 Bde, Göttingen 1846/8; Friedrich, Kirchengeschichte +Deutschlands, 2 Bde 1867/9; Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, +2 Bde. Leipzig 1887 und 1890; die Bekehrung der Friesen schildert +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 348 ff.; +über die Bekehrung des Nordens vgl. Maurer, die Bekehrung des norweg. +Stammes zum Christentum, 2 Bde, München 1855/6; Bd. 1 § 3, 10, 21, 35 +behandelt auch die Christianisierung Dänemarks und Schwedens; vgl. +ferner Bang, Udsigt over den norske kirkes historie, Kristiania 1884; +A. D. Jörgensen, Den nordiske kirkes grundlæggelse, Köbenhavn 1874/8; +A. Taranger, Den angelsaksiske kirkes inflydelse paa den norske, +Kristiania 1890/91.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Über die Quellen der germanischen Mythologie vgl. die +ausführliche Zusammenstellung bei E. H. Meyer, Germanische Mythologie +S. 15–60.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Das Wessobrunner Gebet (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup> +Nr. I) und das Muspilli (ebenda Nr. III) wurden lange als mythologische +Denkmäler verwendet, ohne die geringste Berechtigung. Ihr Inhalt +ist durchaus christlich. Fürs Muspilli wiesen Zarncke, Berichte der +sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1866 S. 191 ff. u. F. +Vetter, Zum Muspilli, Wien 1872 S. 106 ff., Heinzel, Zeitschrift f. d. +österreichischen Gymnasien 43, 1892, S. 748 christlichen Gedankeninhalt +nach. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 317 ff. vermutet +wiederum heidnische Spuren darin, während die meisten Forscher das +Heidentum allmälig ganz auf den Ausdruck Muspilli eingeschränkt haben. +Bei Besprechung des Begriffes Muspilli, Muspell wird diese Frage +erörtert werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Vgl. Ältere tirolische Dichter hrsg. von Zingerle, Bd. +1, 1874 die pluemen der tugent des Hans Vintler 7693–7995; 8197–8244; +die Anmerkungen des Herausgebers weisen u. a. auf ähnliche Stellen +mittelalterlicher Verfasser z. B. auf Berthold von Regensburg und +Geiler von Kaisersberg in der Emeis (A. Stöber, Zur Geschichte des +Volksaberglaubens im Anfang des 16. Jahrhunderts, Basel 1855).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Vgl. E. H. Meyer, Mythologie S. 28 ff.; John Meier, +Grundriss der germanischen Philologie II, 1, 776 ff.; Brandl, ebenda +837 ff., Mogk, ebenda II, 2, 265 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Die Quellen der nordischen Mythologie dürfen nur im +engsten Zusammenhang mit Kultur- und Litteraturgeschichte benutzt +werden. Für die nordische Literatturgeschichte verweise ich auf die +Darstellung Mogks im Grundriss der germ. Philologie II, 1, 71 ff. und +auf Finnur Jónssons oldnorske og oldislandske litteraturs historie Bd. +1 Kopenhagen 1895.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> Die beste Ausgabe der Liedersammlung verdanken wir Sofus +Bugge 1867. Eine grosse Ausgabe mit Kommentar und Wörterbuch bereitet +Sijmons vor, wovon der erste Halbband, die Götterlieder enthaltend, +1888 erschien. Der Codex erschien 1891 in vorzüglicher fototypischer +Nachbildung, besorgt von Wimmer und Finnur Jónsson. Die brauchbarste +Verdeutschung, nach welcher in diesem Handbuch citiert wird, lieferte +H. Gering, Leipzig 1892.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Vgl. Axel Olrik, kilderne til Sakses oldhistorie I u. II +Kopenhagen 1892 u. 94.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> Vgl. Lundell, Skandinavische Volkspoesie im Grundriss der +germanischen Philologie II, 1, 719–749.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Die Bedeutung, die dem Alptraum bei der Mythenbildung +zukommt, hebt Laistner, Rätsel der Sphinx, Berlin 1889, hervor. Höchst +geistvoll ist die Entwicklung der Sage, der Mythologie auf der stetigen +Grundlage des Alptraumes nachgewiesen. Jedoch mit seinen Namendeutungen +geht Laistner entschieden zu weit. Die Namen müssten in Urzeiten mit +durchsichtiger, auf den Alptraum unmittelbar bezüglicher Bedeutung +entstanden und fest gehalten sein. Die Einkleidung, in welcher die +heutige Volkssage sich darbietet, ist aber meistens sehr jung und +ohne unmittelbaren, bewussten Zusammenhang mit dem ursprünglichen +abergläubischen Kerne. Statt auf diesen abergläubischen Kern sich zu +beschränken, legt Laistner ohne Bedenken die ganze darum gewachsene +Sagendichtung aus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_27_27" href="#FNanchor_27_27" class="label">[27]</a> Die wichtigsten Züge des Alpglaubens verzeichnet Wuttke, +Der deutsche Volksaberglaube § 402 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_28_28" href="#FNanchor_28_28" class="label">[28]</a> Über Seelen als Lufthauch Mannhardt, Germanische Mythen, +Berlin 1858, S. 269 f.; 300 ff.; 404 f.; 709.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_29_29" href="#FNanchor_29_29" class="label">[29]</a> Ein altes Zeugniss vom Zusammenhang des Maren- und +Gespensterglaubens bietet Gervasius von Tilbury Kap. 86 <i>ut autem +moribus et auribus hominum satisfaciamus, constituamus, hoc esse +foeminarum ac virorum quorundam infortunia, quod de nocte celerrimo +volatu regiones transcurrunt, domus intrant, dormientes opprimunt, +ingerunt somnia gravia, quibus planctus excitant</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_30_30" href="#FNanchor_30_30" class="label">[30]</a> Einen ähnlichen Typus gewährt Birlinger, Volkstümliches +aus Schwaben 1, 103: die Seele kriecht als weisse Maus aus dem Munde +einer Magd und wird ein <i>„schrättele“</i> d. h. ein Alp, der Baum und +Ross bedrückt und plagt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_31_31" href="#FNanchor_31_31" class="label">[31]</a> Vielleicht gehört auch die Geschichte vom Rattenfänger +zu Hameln (Grimm, Deutsche Sagen 1 Nr. 245) hierher, nur muss +Verwirrung eingerissen sein. Die Ratten waren ursprünglich selber die +Kinderseelen, die der Spielmann in den Berg lockte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_32_32" href="#FNanchor_32_32" class="label">[32]</a> Vgl. Grimm, Deutsche Sagen 2, Nr. 433; dieselbe +Geschichte, nur dass die Seele als Rauchwölkchen (<i>bláleitr +gufuhnođrinn</i>) erscheint, findet sich auf Island; vgl. Maurer, +isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 81 ff. Jón Árnason, <i>íslenzkar +þjóđsögur</i> 1, 356 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_33_33" href="#FNanchor_33_33" class="label">[33]</a> Die zahlreichen nordischen Träume, worin die Seelen in +Tiergestalt erscheinen, verzeichnet W. Henzen, Über die Träume in der +altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 34 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_34_34" href="#FNanchor_34_34" class="label">[34]</a> Über die Etymologie des Wortes „Traum“ vgl. W. Henzen, +Über die Träume in der altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. +1 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_35_35" href="#FNanchor_35_35" class="label">[35]</a> Vgl. Wackernagel, Kleinere Schriften 2, 399 ff.; E. Kuhn, +in Jahns Volkssagen aus Pommern S. VIII.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_36_36" href="#FNanchor_36_36" class="label">[36]</a> Über das wilde Heer Uhland, Schriften 7, 605 ff.; eine +Zusammenstellung der verschiedenen Sagenformen bei E.H. Meyer, German. +Mythologie, S. 236 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_37_37" href="#FNanchor_37_37" class="label">[37]</a> Reiche Litteratur verzeichnet Koberstein, Weimarer +Jahrbücher 1, 73 ff; Golther, Die Sage von Tristan u. Isolde, München +1887, S. 27 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_38_38" href="#FNanchor_38_38" class="label">[38]</a> Bräuche bei Tod und Begräbniss s. bei Wuttke, +Volksaberglaube § 721 ff.; fürs Nordische Weinhold, Altnordisches Leben +S. 474 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_39_39" href="#FNanchor_39_39" class="label">[39]</a> Zum Totenschuh J. Grimm, Myth. 795; 3, 249; Müllenhoff, +Altertumskunde 5, 114.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_40_40" href="#FNanchor_40_40" class="label">[40]</a> Über den Ahnenkult vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus +poeticum boreale 1, 413 ff. Gudbrand dehnt aber den Ahnenkult viel zu +weit aus, indem er den gesamten Seelen-und Elbenkult begreift.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_41_41" href="#FNanchor_41_41" class="label">[41]</a> Jordanes, Kap. 13 <i>iam proceres suos, quorum quasi +fortuna vincebant, non puros homines, sed semideos, id est ansis, +vocaverunt.</i> Zum Beispiel zählt er den sagen- und liederumwobenen +Stammbaum der Amaler auf.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_42_42" href="#FNanchor_42_42" class="label">[42]</a> Adam 4, 26 <i>colunt et deos ex hominibus factos, quos +pro ingentibus factis immortalitate donant, sicut in vita sancti +Anscarii leguntur Hericum regem fecisse.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_43_43" href="#FNanchor_43_43" class="label">[43]</a> <i>Vita Anskarii</i> Kap. 26 MG. 2, 711 <i>Contigit +eo ipso tempore, ut quidam illo (ad Byrca) adveniens diceret, se in +conventu deorum, qui ipsam terram possidere credebantur, affuisse, et +ab eis missum, ut haec regi et populis nunciaret: „Vos, inquam, nos +vobis propitios diu habuistis, et terram incolatus vestri cum multa +abundantia nostro adiutorio in pace et prosperitate longo tempore +tenuistis; vos quoque nobis sacrificia et vota debita persolvistis, +grataque nobis vestra fuerunt obsequia. at nunc et sacrificia solita +sub-trahitis, et vota spontanea segnius offertis, et, quod magis nobis +displicet, alienum deum super nos introducitis. si itaque nos vobis +propitios habere vultis, sacrificia omissa augete, et vota maiora +persolvite; alterius quoque dei culturam, qui contraria nobis docet, +ne apud vos recipiatis, et eius servicio ne intendatis. porro si etiam +plures deos habere desideratis, et nos vobis non sufficimus, Ericum +quondam regem vestrum nos unanimes in collegium nostrum asciscimus, +ut sit unus de numero deorum.“ — — — templum in honore supradicti +regis dudum defuncti statuerunt, et ipsi tanquam deo vota et sacrificia +offerre coeperunt.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_44_44" href="#FNanchor_44_44" class="label">[44]</a> Müllenhoff, Altertumskunde 5, 69.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_45_45" href="#FNanchor_45_45" class="label">[45]</a> Über den Wiedergeburtsglauben der Germanen und die darauf +beruhenden Taufbräuche vgl. Jiriczek, Mitteilungen der schlesischen +Gesellschaft für Volkskunde 1894/5, S. 34 f.; Maurer, Zeitschrift des +Vereins für Volkskunde 1895, S. 99.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_46_46" href="#FNanchor_46_46" class="label">[46]</a> Über diesen Glauben vgl. W. Hertz, Der Werwolf, Beitrag +zur Sagengeschichte. Stuttgart 1862.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_47_47" href="#FNanchor_47_47" class="label">[47]</a> Fylgjur als Wölfe im Traum erscheinend in der Njálssaga +123; Fornaldar sögur 2, 413; 3, 77, 213, 560; Droplaugar sona saga 22; +þorðar saga hreðu 38; Gíslasaga Súrssonar 24.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_48_48" href="#FNanchor_48_48" class="label">[48]</a> Fälle davon bei Hertz, Werwolf S. 54 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_49_49" href="#FNanchor_49_49" class="label">[49]</a> Kögel, Pauls Grundriss I, S. 1017 Anm. erklärt ahd. +<i>ƕeriƕolf</i> aus *<i>ƕariƕulf</i>, *<i>ƕaȥiƕulf</i> (zu got. +<i>ƕasjan</i> as. <i>ƕerian</i> kleiden). Werwolf ist also eigentlich +Wolfsgewand, úlfshamr; ähnlich bedeutet vielleicht berserkr +Bärengewand.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_50_50" href="#FNanchor_50_50" class="label">[50]</a> Vgl. Mackel, Die german. Elemente in der französ. und +provenzal. Sprache. Heilbronn 1887, S. 14.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_51_51" href="#FNanchor_51_51" class="label">[51]</a> Über Berserker als Werwölfe Maurer, Bekehrung 2, 108 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_52_52" href="#FNanchor_52_52" class="label">[52]</a> Glücks- und Schicksalsgeister in ihrer Marenabkunft +erweist Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 342 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_53_53" href="#FNanchor_53_53" class="label">[53]</a> Kögel, Beiträge 16, 502 ff. nimmt eine urgermanische +Zusammensetzung <i>ĭ̄ƕ</i> + <i>dîs</i> an, wodurch die nord. Wörter +<i>jódis</i> und <i>dís</i> und die westgerm. <i>ĭ̄dĭ̄s</i> als +zusammengehörig erwiesen werden. <i>ĭ̄ƕ</i> ist etymologisch unklar, zu +nord. <i>dís</i> steht got. <i>filu-deisei</i>, Klugheit. <i>idisi</i> +und <i>dísir</i> sind demnach kluge, weise Frauen. Frühzeitig wurden +auch die Kampfjungfrauen so bezeichnet. Zur Etymologie vgl. noch v. +Grienberger, ZfdPh. 27, 441.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_54_54" href="#FNanchor_54_54" class="label">[54]</a> Schade, Altdeutsches Wörterbuch<sup>2</sup> 1, 657 deutet +<i>norni</i> aus *<i>norhni</i>, Verschlingung, Verknüpfung, als nornen +agentis Verschlingerin, Verknüpferin der Schicksalsfäden, zum verb. +ahd. <i>snerhan</i> mhd. <i>snerhen</i>, verflechten, verknüpfen; vgl. +Graff, Ahd. Sprachschatz 6, 850; über den Wechsel von anlautendem sn: n +vgl. Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre, S. 208; die Erklärung +ist aber sehr unsicher. Die Ableitung der deutschen „Nonnen“ (Panzer, +Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 163, 184; Mannhardt, Germ. Mythen +532 u. 705; Simrock Myth. 351) aus „Nornen“ ist sehr fragwürdig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_55_55" href="#FNanchor_55_55" class="label">[55]</a> Über den Fatalismus der Nordleute und seine Wirkung auf +das Verhalten der Menschen vgl. Maurer, Bekehrung 2, 162 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_56_56" href="#FNanchor_56_56" class="label">[56]</a> Über Schicksalsfrauen im deutschen Volksglauben +Mannhardt, German. Mythen, Berlin 1858, S. 541 ff.; Fr. Panzer, Beitrag +zur deutschen Mythologie I, 1848, S. 1 ff., II 1855, S. 119 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_57_57" href="#FNanchor_57_57" class="label">[57]</a> Nornagreytur in der antiquarisk tidskrift 1849, S. 308; +färösk anthologi ved Hammershaimb og Jakob Jakobsen Bd. 2, 1891, S. +225.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_58_58" href="#FNanchor_58_58" class="label">[58]</a> Vgl. z. B. Isidors etym. 8, 11, 92 <i>tria fata finguntur +propter trina tempora: praeteritum ... praesens ... futurum ... quas +parcas tres esse voluerunt, unam quae vitam hominis ordiatur, alteram +quae contexat, tertiam quae rumpat</i>. Die Stelle war im Mittelalter +hinlänglich verbreitet, mit Unrecht leugnet J. Grimm, Myth. 377 Anm. +ihre Beziehungen zur isländischen Nornendreizahl; muss er doch selbst +S. 378 zugestehen, dass nur Wurd ausserhalb des Nordens vorkommt, von +den zwei andern aber nicht eine Spur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_59_59" href="#FNanchor_59_59" class="label">[59]</a> Vgl. Golther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der +Münchener Akademie der Wissenschaften, 1. Klasse, 18. Band, 2. Abth. S. +401 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_60_60" href="#FNanchor_60_60" class="label">[60]</a> Merkwürdig ist die Stelle bei Burchard von Worms (J. +Grimm, Myth. 3, 409), welche Hexen als kämpfende Weiber zeigt: +<i>credidisti quod quaedam mulieres credere solent, ut tu cum aliis +diaboli membris in quietae noctis silentio clausis januis in aerem +usque ad nubes subleveris, et ibi cum aliis pugnes, et ut vulneres +alias, et tu vulnera ab eis accipias</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_61_61" href="#FNanchor_61_61" class="label">[61]</a> Vgl. Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie I, 317; +Wülcker, Kleinere ags. Dichtungen. Halle 1882, S. 33; zur Erklärung +Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 93 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_62_62" href="#FNanchor_62_62" class="label">[62]</a> Zur Erklärung des Spruches vgl. Müllenhoff und Scherer, +Denkmäler 2<sup>3</sup>, S. 43 ff.; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 89 f.; v. +Grienberger, ZfdPh. 27, 433 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_63_63" href="#FNanchor_63_63" class="label">[63]</a> Bei Saxo Buch III, S. 112 wird von Hotherus erzählt: +<i>inter venandum errore nebulae perductum incidisse in quoddam +sylvestrium virginun conclave, a quibus proprio nomine salutatus, +quaenam essent, perquirit. illae suis ductibus auspiciisque maxime +bellorum fortunam gubernari testantur; saepe enim se nemini conspicuas +procliis interesse, clandestinisque subsidiis optatos amicis praebere +successus ... quippe conciliare prospera, adversa infligere posse pro +libito memorabant.</i> — Die Mädchen gewähren dem Hother eine hieb- +und stossfeste Brünne und raten ihm listig, wie er den Sieg erlangen +könne. Man kann zweifeln, ob hier in Saxos Quelle von Kampfgöttinnen +oder Odins Walküren die Rede war. Im letzteren Fall hätte Saxo die +Beziehung zu Odin getilgt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_64_64" href="#FNanchor_64_64" class="label">[64]</a> Asmundarsaga in den Fornaldar sögur 2, 483.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_65_65" href="#FNanchor_65_65" class="label">[65]</a> Haraldssaga hardráða, Fornmanna sögur 6, 402.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_66_66" href="#FNanchor_66_66" class="label">[66]</a> Über herfjǫtur vgl. Maurer in Wolfs Zeitschrift für +deutsche Mythologie und Sittenkunde Bd. 2, 341 ff.; Bekehrung 2, 401 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_67_67" href="#FNanchor_67_67" class="label">[67]</a> Die Hds. liest <i>alvitr</i>; Sven Grundtvig, Saemundar +Edda 2. Aufl. Kopenhagen 1874, S. 215 ff. bessert <i>álmvítr</i>, wie +<i>hjálmvítr</i>, und erklärt: bogenführender Wicht, Bogenjungfrau. +Die Walküren wären somit mit Helm (<i>hjálmvítr</i>), Brünne +(<i>Brynhildr</i>), Schild (<i>skjaldmey</i>, Schildmagd), Speer und +vielleicht auch Bogen (<i>álmvítr</i>) bewehrt gewesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_68_68" href="#FNanchor_68_68" class="label">[68]</a> Saxo, Buch 6, S. 266 <i>ubi Fridlevus noctu speculandi +gratia cum inusitatum quendam icti aeris sonum cominus percepisset, +fixo gradu suspiciens trium olorum superne clangentium hoc aure carmen +excepit .... denique post ipsas alitum voces lapsum ab alto cingulum +literas carminis interpretes praeferebat.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_69_69" href="#FNanchor_69_69" class="label">[69]</a> Über <i>unhulþô</i>, <i>unholda</i> vgl. Kauffmann, +Beiträge 18, 151 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_70_70" href="#FNanchor_70_70" class="label">[70]</a> Zur Erklärung des Wortes Hexe vgl. Weigandt, Deutsches +Wörterbuch 1, 804; ältere Erklärung bei Schade, Altdeutsches Wb. 1, +363; die Trennung der ahd. Wörter im Gegensatz zur früheren Auffassung, +wonach <i>haȥusa</i> aus <i>hagaȥusa</i> verkürzt sein sollte, +vertreten Kauffmann, Beiträge 18,155 Anm. 1 und Noreen, Indogerman. +Forschungen 4, 326.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_71_71" href="#FNanchor_71_71" class="label">[71]</a> Über <i>trute</i>, welche noch heute die bayerische +Mundart kennt, vgl. Grimm, Wörterb. 2, 1453 f.; Schmeller, Bayr. Wb. I<sup>2</sup>, +648 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_72_72" href="#FNanchor_72_72" class="label">[72]</a> Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 339: Bei <i>troll</i> +möchte man an Zusammenhang mit got. <i>trudan</i>, an. <i>trođa</i>, +ahd. <i>tretan</i> denken, an. <i>troll</i> aus <i>trođla</i>, +<i>trolla</i> das Treten, Alpdrücken, Alp.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_73_73" href="#FNanchor_73_73" class="label">[73]</a> Vgl. Soldans Geschichte der Hexenprocesse, neu bearbeitet +von H. Heppe, 2 Bde, Stuttgart 1880.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_74_74" href="#FNanchor_74_74" class="label">[74]</a> Vgl. den ags. Segen gegen <i>hægtessan gescot</i>, +<i>hægtessan geweorc</i> bei Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. +Poesie 1, 317. Neben <i>hægtessan gescot</i> steht <i>ylfagescot</i>, +Elbenschuss.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_75_75" href="#FNanchor_75_75" class="label">[75]</a> Vgl. Thorsteins saga bœrjarmagns in den Fornmanna sögur +3, 175 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_76_76" href="#FNanchor_76_76" class="label">[76]</a> Ketils saga hængs in. den Fornaldar sögur 2, 131.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_77_77" href="#FNanchor_77_77" class="label">[77]</a> Über die Wichte und Elbe und ihre Sagen bieten die +verschiedenen Sagensammlungen der Neuzeit reiches Material. Schon +die deutschen Sagen der Brüder Grimm enthalten fast alle Haupttypen. +Über die Elfen handeln die Brüder ausführlich in der Einleitung der +irischen Elfenmärchen, Leipzig 1826; jetzt auch abgedruckt in W. Grimms +kleineren Schriften I, 438 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_78_78" href="#FNanchor_78_78" class="label">[78]</a> Die Alfar als Seelen erklärt Fritzner, Ordbog 1<sup>2</sup>, 187.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_79_79" href="#FNanchor_79_79" class="label">[79]</a> Vgl. Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_80_80" href="#FNanchor_80_80" class="label">[80]</a> Altdeutsche Namen mit Alb- zusammengesetzt verzeichnet +Foerstemann, Namenbuch 1, 54 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_81_81" href="#FNanchor_81_81" class="label">[81]</a> Über den Namen Albi vgl. Wrede, Sprache der Ostgoten, +Strassburg 1891, S. 103.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_82_82" href="#FNanchor_82_82" class="label">[82]</a> Über die Etymologie des Wortes, das mit aind. <i>ṛbhu</i> +verwandt scheint und auf eine idg. Wurzel <i>elbh olbh</i> zurückweist, +vgl. Kuhn in der Zs. f. vergl. Sprachforschung 4, 109; Curtius, +Griech. Etym.<sup>4</sup> 293; Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 452 ff. Das idg. +Wort bedeutet betrügen, listig, geschickt sein. Den Elben eignet wie +den ṛbhus Kunstfertigkeit, sie sind dem Menschen hilfreich, aber auch +trügerisch und tückisch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_83_83" href="#FNanchor_83_83" class="label">[83]</a> Vgl. J.Grimm, Myth. 447 ff.; 3, 138; Schmeller, Bayer. +Wörterbuch 2, 610 ff.; 614 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_84_84" href="#FNanchor_84_84" class="label">[84]</a> Über die Zwergensage im Ortnit vgl. Seemüller, ZfdA. 26, +201 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_85_85" href="#FNanchor_85_85" class="label">[85]</a> J. Grimm, Myth. 2, 1109; Haupt, ZfdA. 4, 389; Kuhn, +Westfäl. Sagen 2, 19.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_86_86" href="#FNanchor_86_86" class="label">[86]</a> Über die <i>álfar</i> vgl. Maurer, Isländische Volkssagen +der Gegenwart S. 2 ff.; Jón Árnason, þjóðsögur 1, 1 ff.; Lehmann-Filhés, +Isländische Volkssagen 1, 3 ff.; Hammershaimb, færösk anthologi 1, 327.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_87_87" href="#FNanchor_87_87" class="label">[87]</a> Vgl. Maerlant, Spiegel historial 1, 6 von den Alven; Jón +Árnason, <i>þjóđsögur íslenzkar</i> 1, 5; ebenda wird das huldufolk in +Holz und Haide, Hügeln und Gestein aus dem Schwank von Evas ungleichen +Kindern abgeleitet; ein Elbe als ein mit Lucifer gefallener Engel schon +bei Caesarius von Heisterbach 5, 36.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_88_88" href="#FNanchor_88_88" class="label">[88]</a> Die wichtigsten Typen der Koboldssagen, von denen jede +Sagensammlung zahlreiche Beispiele darbietet, enthalten die Deutschen +Sagen Nr. 72/8; vgl. namentlich die trefflichen Erzählungen von Hütchen +und Hinzelmann. Ein altes Zeugniss vom Hausgeist steht bei Gervasius +von Tilbury <i>otia imperialia</i> p. 180. <i>in Anglia daemones +quosdam habent ... istis insitum est quod simplicitatem fortunatorum +colonorum amplectuntur, et cum nocturnas propter domesticas operas +agunt vigilias, subito clausis januis ad ignem calefiunt et ranunculas +ex sinu projectas prunis impositas comedunt, senili vultu, facie +corrugata, statura pusilli, dimidium pollicis non habentes. panniculis +consertis induuntur et si quid gestandum in domo fuerit aut onerosi +operis agendum, ad operandum se jungunt, citius humana facilitate +expediunt.</i> Sie führen den einsamen Reiter zur Nacht gern irre und +erheben ein Gelächter, wenn er, von ihnen getäuscht, in den Morast +gerät.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_89_89" href="#FNanchor_89_89" class="label">[89]</a> Die Erklärung des Wortes Kobold nach dem Deutschen +Wörterbuch 5, 1548 ff., vgl. auch Kluge, Etym. Wb. unter Kobold. Dem +Wortsinne nach ist schwed. <i>tomtekarl</i>, <i>tomtegubbe</i> d. h. +Hausmann, Hausgreis, norweg. <i>tomtevätte</i> Hauswicht, unsrem Kobold +gleichbedeutend.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_90_90" href="#FNanchor_90_90" class="label">[90]</a> Über den Butzenmann und andere Koboldsnamen handelt +ausführlich, ein geistvoller Aufsatz Laistners, ZfdA. 32, 145 ff. Die +Grundbedeutung der Koboldsnamen geht fast immer auf poltern, schrecken, +Mummerei.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_91_91" href="#FNanchor_91_91" class="label">[91]</a> Überhaupt nähern sich die vielfach gehegten Hausschlangen +und Hausunken dem Begriffe guter hilfreicher Hausgeister. Sie werden +täglich mit Milch gefüttert. Sie spielen mit dem Kinde und bringen ihm +Gedeihen. Sie leben ungestört in Hof und Stall. Werden sie verletzt +oder getötet, weichen sie vom Haus, so geht das Glück mit ihnen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_92_92" href="#FNanchor_92_92" class="label">[92]</a> Während der Kobold einerseits streng auf das gebührende +Speiseopfer hält, zeigt er sich wiederum durch anderweitige Gaben eher +gekränkt. Werden den hilfreichen Elben Kleider angefertigt und zurecht +gelegt, so fliehen sie mit dem klagenden Rufe „ausgelohnt, ausgelohnt“ +davon und kehren nimmer wieder.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_93_93" href="#FNanchor_93_93" class="label">[93]</a> Sagen vom Klabautermann bei Temme, Volkssagen aus Pommern +S. 302; Wolfs Zs. f. Mythologie 2, 141 ff.; Müllenhoff, Sagen aus +Schleswig, Holstein und Lauenburg 318 ff.; zur Etymologie Deutsches +Wörterbuch 5, 888; Laistner, Nebelsagen S. 334.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_94_94" href="#FNanchor_94_94" class="label">[94]</a> Ebenso J. Köhler, Volksbrauch, Aberglauben und Sagen im +Voigtlande, Leipzig 1867, S. 476.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_95_95" href="#FNanchor_95_95" class="label">[95]</a> Baier in Wolfs Zs. f. Myth. 2, 141; Temme, Volkssagen aus +Pommern und Rügen, Berlin 1840, S. 302.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_96_96" href="#FNanchor_96_96" class="label">[96]</a> Die ahd. Form lautet <i>nihhus</i>, crocodilus, die ags. +<i>nicor</i>, Wassergeist, Wasserungetüm, an. <i>nykr-vatnahestur</i>, +Flusspferd, dän. <i>nökk</i>, schwed. <i>nekk</i>. Aus der ahd. +Form entwickelt sich mhd. <i>niches</i>, <i>nickes</i>, woraus nhd. +<i>nix</i> entsteht; im Nds. begegnet wie im Ags. das r-Suffix, +<i>nicker</i>. Das Fem. ist ahd. <i>nihhussa</i>, <i>nihhessa</i>, +lympha, woraus mhd. <i>nickese</i>, nhd. <i>nixe</i>. Zu Grunde liegt +vermutlich eine germ. Wurzel <i>niq</i> aus vorgerm. <i>nig</i> +(sanskrit <i>nij</i>, griech. νίπτω, sich waschen, baden), so dass Nix +eigentlich der Badende, der Taucher wäre. Vgl. Kluge, Etym. Wörterbuch +unter Nix; über die Verschiedenheit der Ableitungssilben Noreen, Abriss +der urgerm. Lautlehre S. 65 und 136. An. <i>nykr</i> ist aus älterem +<i>nikwir</i> zu erklären (Noreen, An. Grammatik<sup>2</sup> § 72, 5), aus der an. +Form entstehen regelrecht die neunordischen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_97_97" href="#FNanchor_97_97" class="label">[97]</a> Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 124 hält den +schlesischen Namen der Wasserjungfer Wasserlisse, Lisse für eine +Verderbniss aus Wassernixe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_98_98" href="#FNanchor_98_98" class="label">[98]</a> Witzschel, Sagen aus Thüringen 1, 236, 279, 285.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_99_99" href="#FNanchor_99_99" class="label">[99]</a> Auch Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 112 denkt +bei den fischschwänzigen Nixen an die Meerweiber des ausgehenden +Altertums, die dem deutschen Volke namentlich aus dem romanischen und +gotischen Baustil seit dem 10. Jh. vor Augen kamen. Freilich meint er +auch selbständige Bildung annehmen zu dürfen, aber mit Unrecht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_100_100" href="#FNanchor_100_100" class="label">[100]</a> Nixensagen in den Deutschen Sagen Nr. 49–69; 83; +305–308.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_101_101" href="#FNanchor_101_101" class="label">[101]</a> Vgl. Maurer, Isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 172 f.; +Jón Árnason, Þjóðsögur 1, 633; Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 2, 16 +f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_102_102" href="#FNanchor_102_102" class="label">[102]</a> Nach Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 1, 65 f.; +weiteres bei Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart S. 31 f.; Jón +Árnason, Þjóđsögur 1, 132 ff.; vgl. auch Hammershaimb, Färösk anthologi +1, 335.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_103_103" href="#FNanchor_103_103" class="label">[103]</a> Vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte. I. Der Baumkultus +der Germanen, II. Antike Wald- und Feldkulte, Berlin 1875 u. 1877; +Mythologische Forschungen, Strassburg 1884.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_104_104" href="#FNanchor_104_104" class="label">[104]</a> Vgl. Mannhardt, Roggenwolf und Roggenhund, Danzig 1865, +2. Aufl. 1866; Die Korndämonen, Berlin 1867.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_105_105" href="#FNanchor_105_105" class="label">[105]</a> Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 31, 52; 2, 71.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_106_106" href="#FNanchor_106_106" class="label">[106]</a> Über den <i>Bilwis</i> vgl. J. Grimm, Myth. 441 ff.; +Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1, 230; 2, 1037 ff.; Mannhardt, Antike +Wald- und Feldkulte 175 f.; Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 262, 266, +286; Nebelsagen 315 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_107_107" href="#FNanchor_107_107" class="label">[107]</a> Vgl. Weinhold, Die Riesen des germanischen Mythus, in +den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften Band 26, +1858, S. 225–306.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_108_108" href="#FNanchor_108_108" class="label">[108]</a> Vgl. die Deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 45; +Weiteres bei Laistner, Nebelsagen S. 256.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_109_109" href="#FNanchor_109_109" class="label">[109]</a> Ob die von Tacitus Germ. 46 erwähnten <i>Etionas als +itjans</i>, gefrässige Riesen gedeutet werden können (Müllenhoff, +Altertumskunde 2, 354), bleibe dahingestellt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_110_110" href="#FNanchor_110_110" class="label">[110]</a> Vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 49; aus derselben Wurzel ist der +Volksname <i>ermun-duri</i> und <i>thuringi</i> gebildet, und das nord. +Zeitwort <i>þora</i>, wagen. Die frühere Erklärung z. B. noch Mogk im +Grundriss 1, 1041 zieht skrt. <i>tṛš</i> lechzen, gierig sein, heran, +indem das s in <i>þurs</i> als wurzelhaft betrachtet wird, was es aber +schwerlich ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_111_111" href="#FNanchor_111_111" class="label">[111]</a> Zur Etymologie von Hüne vgl. J. Grimm, Myth. 491; +Deutsche Grammatik 2, 462; Müllenhoff, ZfdA. 13, 576; Kögel, AnzfdA. +18, 50; anders Kluge im Etym. Wb. unter Hüne.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_112_112" href="#FNanchor_112_112" class="label">[112]</a> Teufelssagen, die aus alten Riesensagen stammen, +verzeichnet J. Grimm, Myth. 972 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_113_113" href="#FNanchor_113_113" class="label">[113]</a> Zur Stelle vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand +S. 10; die ags. Stellen, welche <i>enta geƕeorc</i> nennen, bei Grein, +Ags. Sprachschatz 1, 228.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_114_114" href="#FNanchor_114_114" class="label">[114]</a> Zur Sage vom Riesenbaumeister J. Grimm, Myth. 514 ff.; +3, 158; Menzel, Odin 19 ff.; Scheibles Kloster 9, 7 ff.; Kuhn, Westfäl. +Sagen 1, 29; 248 ff.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 55 ff.; Henne am Rhyn, Die +deutsche Volkssage 242 ff.; Faye, Norske folkesagn 14 ff.; E. H. Meyer, +Myth. 153.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_115_115" href="#FNanchor_115_115" class="label">[115]</a> Die Erklärung des Namens, der im Ags. als <i>Forneot</i> +wiederkehrt, ist <i>Forn-jótr</i>, alter Riese, Urriese, oder +<i>For-njótr</i>, Vorbesitzer des Landes, Oberherr (Uhland, Schriften +6, 22; Falk, Beiträge 14, 9); Noreen, fornnordisk religion S. 2 schlägt +<i>fórn-njótr</i>, Opfergeniesser, vor.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_116_116" href="#FNanchor_116_116" class="label">[116]</a> Von Forniots Geschlecht berichten die Fornaldar sögur 2, +3 ff.; von Halogi ebenda 2, 383 ff.; zur Sage vgl. Uhland, Schriften 6, +20 ff.; Mogk, Grundriss 1, 1040.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_117_117" href="#FNanchor_117_117" class="label">[117]</a> Vita St. Galli MG. II. 7 <i>volvente deinceps cursu +temporis electus dei Gallus retia lymphae laxabat in silentio noctis, +sed inter ea audivit demonem de culmine montis pari suo clamantem, +qui erat in abditis maris. Quo respondente, „adsum“ montanus e +contra: „surge“ inquit „in adjutorium mihi; ecce peregrini venerunt, +qui me de templo ejecerunt;“ nam deos conterebant, quo incolae isti +colebant; insuper et eos ad se convertebant; „veni, veni, adjuva nos +expellere eos de terris!“ Marinus demon respondit: „en unus illorum +est in pelago, cui nunquam nocere potero. Volui enim retia sua ledere, +sed me victum proba lugere. Signo orationis est semper clausus, nec +umquam somno oppressus.“ Electus vero Gallus haec audiens munivit se +undique signaculo crucis dixitque ad cos: „in nomine Jesu Christi +praecipio vobis, ut de locis istis recedatis, nec aliquem hic ledere +praesumatis!“</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_118_118" href="#FNanchor_118_118" class="label">[118]</a> Vgl. die Armanns Saga; Maurer, Bekehrung 1, 234 Anm. 13.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_119_119" href="#FNanchor_119_119" class="label">[119]</a> Über Beowulf vgl. Müllenhoff, ZfdA. 7, 419 ff.; Beowulf, +Untersuchungen über das Epos, Berlin 1889; Sarrazin, Beowulf-Studien, +Berlin 1888; ten Brink, Beowulf, Untersuchungen, Strassburg 1888; +Uhland, Schriften 8, 479 ff.; Laistner, Nebelsagen S. 88 ff.; 264 ff.; +Kögel, ZfdA. 37, 268 ff.; Literaturgeschichte I, 1, 109 ff. Dass ein +Unhold, und zwar häufig ein Wassergeist, eine menschliche Behausung +unbrauchbar macht, bis ein beherzter Mann ihn daraus vertreibt, ist +ein beliebter Märchenzug; vgl. Simrock, Beowulf 177 ff.; Laistner, +Rätsel der Sphinx 2, 15 ff. Der Name Grendel macht Schwierigkeit. +Den deutschen Sprachen ist das Wort <i>grendel</i>, <i>grindel</i> = +Riegel, ganz geläufig. Der Teufel heisst Höllriegel. Sollte Grendels +Name und seine Mutter aus christlichen Volksvorstellungen vom Teufel +stammen? Das Beowulf-Gedicht ist mit Teufelsaberglauben ja vertraut und +verweist den Wasserriesen ausdrücklich zu den Teufeln. Unter Beziehung +aufs mndl. Wörterbuch 2, 2129 erklärt Kögel ZfdA. 37, 275 Grendel +als Schlange, und leitet den Namen aus dem Zeitwort <i>grinden</i>, +knirschen, zischen, brausen. Grendel ist die brausende Wasserschlange, +die hereintosende Sturmflut. Da in der SE. 2, 480 <i>grindilt</i> +eine Bezeichnung des Sturmes ist, und das Wort möglicherweise zu +<i>grenja</i>, heulen, tosen (vom Sturm und Wasser gebraucht) steht, +wurde auch diese Etymologie vorgeschlagen; vgl. Mogk, Grundriss 1, +1043.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_120_120" href="#FNanchor_120_120" class="label">[120]</a> <i>ægir</i> ist aus <i>âgu̯iaz</i> entfaltet und +steht zu got. <i>ahua</i>, lat. <i>aqua</i>; völlig verschieden ist +<i>œgir</i>, der Schrecker, zum ablautenden Zeitwort <i>agan</i>, +<i>ôg</i> fürchten, an. <i>œgiask</i> sich fürchten; vgl. K. Gislason, +aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1876, S. 313 ff.; Noreen, +Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 59; von Ägir erzählen Hym., +Lokas., Bragar; über seine Deutung vgl. Uhland, Schriften 6, 92 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_121_121" href="#FNanchor_121_121" class="label">[121]</a> Vgl. Weinhold, Riesen S. 235 f.; zu <i>hlé</i>, Obdach, +gestellt ist Hlér der Deckende, Schützende.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_122_122" href="#FNanchor_122_122" class="label">[122]</a> Die Stellen, welche Gymir nennen, sammelt Sveinbjörn +Egilsson, Lexicon 282; Gymir fällt im Wortsinn mit Hlér zusammen, es +bedeutet Schützer, zum Verbum <i>geyma</i>, bewahren, beschützen; +Kaufmann, Beiträge 18, 175.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_123_123" href="#FNanchor_123_123" class="label">[123]</a> Von Hymir erzählt die Hymeskviþa u. Gylfag. Kap. 48, +wo der Name Ymir und Eymir verschrieben ist; vgl. K. Gislason in +Danske vidensk. selsk. skr. 5, 4 (1874), S. 435 ff. Hymir steht wol zu +<i>humr</i> m., <i>hum</i> n., Dämmerung, Dunkelheit, graue Meerflut. +Hymirs Wesen erklärt Uhland, Schriften 6, 91 f.; in den Beiträgen +18, 170 ff. deutet Kauffmann Hymir als den Dümmling, den Blöden, zu +<i>hýma</i>, dösig sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_124_124" href="#FNanchor_124_124" class="label">[124]</a> Über Wado vgl. Müllenhoff, ZfdA. 6, 62 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_125_125" href="#FNanchor_125_125" class="label">[125]</a> Über Starkad Aludreng, d. h. Spross des Ala vgl. der +Hervararsaga Kap. 1 und die Gautrekssaga Kap. 3; dazu Uhland, Schriften +6, 101 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_126_126" href="#FNanchor_126_126" class="label">[126]</a> Über Meerungeheuer vgl. Maurer, Isländische Volkssagen +30 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_127_127" href="#FNanchor_127_127" class="label">[127]</a> Über die Weltschlange Vǫl. 50; Hym. 22/4; Gylfag. Kap. +34, 47, 48, 51; vgl. ferner unten im Abschnitt über Thor.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_128_128" href="#FNanchor_128_128" class="label">[128]</a> Über Fenrir Vǫl. 40, 53, 54; Vafþ. 46/7; Hyndl. 40; +Gylfag. Kap. 34 u. 51; dazu die Abschnitte über Tyr und Odin.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_129_129" href="#FNanchor_129_129" class="label">[129]</a> Gr. δράκων, lat. <i>draco</i>, ags. <i>draca</i>, an. +<i>dreki</i>, ahd. <i>traccho</i>. Litteratur über den Drachen als +Giessbach bei Laistner, Nebelsagen 256 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_130_130" href="#FNanchor_130_130" class="label">[130]</a> Über Mimir vgl. Uhland, Schriften 6, 197 ff.; Weinhold, +Riesen 243 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 101 ff., und unten +im Abschnitt über Odin. Namen, die mit Mimir zusammengesetzt sind, +verzeichnet Fürstemann, Namenbuch 1, 931 ff. (Mimo, Mimilo, Mimolt, +Mimidrud, Mimihilt, Mimigard) u. 2<sup>2</sup> (Ortsnamen) S. 1099 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_131_131" href="#FNanchor_131_131" class="label">[131]</a> Litteratur zum wilden Jäger bei E. H. Meyer, Mythologie +236 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_132_132" href="#FNanchor_132_132" class="label">[132]</a> Abgedruckt nach einer Münchener Handschrift von +J. Grimm, Myth. 3, 493 f.; ebenda 494 der deutsche Segen. Nach +Wackernagel, ZfdA. 6, 290 f. steht der im Ahd. belegte Name +<i>Scrâƕunc</i>, zu mhd. <i>schrâ</i>, Hagel, Reif, Schnee, als Wetter- +und Hagelmacher neben Fasolt und Mermeut, den Wind- und Wetterriesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_133_133" href="#FNanchor_133_133" class="label">[133]</a> Hrungnir wird von Weinhold, Riesen 272 Anm. aus +an. <i>hrang</i>, Schall, Getöse, und <i>hringja</i>, läuten, +<i>hringla</i>, klingeln als der Schallende, Rauschende erklärt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_134_134" href="#FNanchor_134_134" class="label">[134]</a> Vgl. J. Aasen, norsk ordbog 348; J.E. Rietz, ordbok +öfver svenska allmogespråket 379.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_135_135" href="#FNanchor_135_135" class="label">[135]</a> Hrímþursar in Vafþr. 33; Skírn. 35; Grímn. 31; Hǫ́v. 108 +und an mehreren Stellen der SE.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_136_136" href="#FNanchor_136_136" class="label">[136]</a> Vgl. <i>bergrisar</i>, <i>bergbúar</i>, +<i>bergjarlar</i>, <i>bergdanir</i>, <i>bergmærir</i>, +<i>bergstjórar</i> (Bergbeherrscher), <i>bergýrar</i> (Bergauerstiere), +<i>bjarga gætir</i> (montium custos), <i>hraundrengr</i> (Gesteins- +oder Lavaleute), <i>hraunbúar</i> (Lavabauern), <i>hraunhvalr</i> +(Lavaseehund), <i>gljúfrskeljungr</i> (Klippenseehund), +<i>fjallagyldir</i> (Bergwolf), <i>gitja grundar gramr</i> (Beherrscher +des Klüftelandes), <i>hellis burr</i> (Höhlensohn), <i>fjǫro þjóđ</i> +(Strandvolk) u. s. w.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_137_137" href="#FNanchor_137_137" class="label">[137]</a> Vgl. J. Grimm, Myth. 518; 3, 158; ZfdA. 4, 503 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_138_138" href="#FNanchor_138_138" class="label">[138]</a> Die Watzmannssagen bei Vernaleken, Alpensagen 101; +Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 245 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_139_139" href="#FNanchor_139_139" class="label">[139]</a> Vgl. Weinhold, Riesen 268.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_140_140" href="#FNanchor_140_140" class="label">[140]</a> Zum Mühlenlied Finnur Jónsson, den oldnorske og +oldislandske litteraturs historie 1, 214 ff.; ein Mühlenmärchen, dessen +Verhältniss zum Grottasǫngr aufzuklären ist, bietet Jón Árnason, +íslenzkar þjóðsögur 2, 9 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen +2, 45 ff.; Uhlands Deutung, Schriften 7, 106 ff.; über Wunschmühlen +Laistner, Nebelsagen 324 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_141_141" href="#FNanchor_141_141" class="label">[141]</a> In der Vǫlsungasaga Kap. 1 erscheint übrigens ebenso +die Tochter des Riesen Hrimnir namens Hljod als Wunschmaid Odins, eine +Riesin als Walküre.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_142_142" href="#FNanchor_142_142" class="label">[142]</a> Über den wilden Mann vgl. Mannhardt, Der Baumkultus der +Germanen S. 105 und öfters; über Waldriesinnen ebenda S. 88 ff.; über +die rauhe Else S. 108 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_143_143" href="#FNanchor_143_143" class="label">[143]</a> Zu <i>hyrr</i>, Feuer und <i>rok</i>, Wirbel; so +Weinhold, Riesen S. 278; Bugge, Studien S. 230, Anm. 4 schlägt +die Lesart Hyrrokkin vor und erklärt <i>hyr-hrokkin</i>, die +Feuergekräuselte; bei der Lesart Hyrrokin stellt er <i>rokin</i> zu +<i>rjúka</i>, rauchen, dampfen, also die feurig Rauchende.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_144_144" href="#FNanchor_144_144" class="label">[144]</a> Über Surt vgl. Vǫl. 52; Vafþr. 50/1; Gylfag. Kap. 4, +5, 13, 51 sowie unten im Abschnitt über den Weltbrand. Eine grosse +Lavahöhle Islands ist nach Surt benannt, <i>Surtshellir</i>; nach der +Landnáma 3 Kap. 10 dichtete ein Isländer ein Lied zu Ehren des Riesen +in der Höhle. Die Pechkohle heisst auf Island <i>Surtar brandur</i>; +vgl. Jón Árnason, Þjóðsögur íslenzkar 1, 142; 657; 665.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_145_145" href="#FNanchor_145_145" class="label">[145]</a> Vgl. Uhlands Abhandlung über die deutschen Volkslieder, +Abschnitt I Sommer und Winter.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_146_146" href="#FNanchor_146_146" class="label">[146]</a> Der Segen bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup> IV, 6; dazu +die Anmerkungen im 2. Bande S. 53; vgl. J. Grimm, Kl. Schriften 2, 147; +Myth. 3, 153; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 265.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_147_147" href="#FNanchor_147_147" class="label">[147]</a> Zur Etymologie Kluge, Etym. Wb. unter Gott; Brugmann, +Grundriss 2, 212; Feist, Gotische Etymologie, Strassburg 1888 S. 46; +im Altind. lautet die Participialform <i>hutá</i>, <i>hûtá</i>, im +Avest. <i>zûta</i>; im Veda ist <i>puruhûta</i> ein stehendes Beiwort +des vielgerufenen Indra. Ältere Erklärungsversuche des Wortes Gott +verzeichnet Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1<sup>2</sup>, 342.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_148_148" href="#FNanchor_148_148" class="label">[148]</a> Die Runeninschrift von Kragehul (Dänemark) zeigt den +Namen <i>asugisalas</i> für <i>ansugisalas</i> (an. <i>Ásgísl</i>); +vgl. Noreen An. Gr.<sup>2</sup> S. 260; in der Þrymskviþa 16 ist vielleicht +<i>ǫ́sur</i> für <i>ǫ́ss</i> zu lesen, vgl. Symons, Die Lieder der Edda +I, 1 S. XV.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_149_149" href="#FNanchor_149_149" class="label">[149]</a> Urverwandt ist aind. <i>devas</i>, gr. δῖος, lat. +<i>divus</i>, air. <i>dia</i>. Die an. <i>díar</i>, welche beim +Skald Kormak und in der Ynglingasaga begegnen, sind der irischen +Sprache entlehnt, vgl. Bugge, Studien S. 30. Wie sich der Dativ +sing, <i>tívor</i> in Vǫl. 32 zu dem Plur. <i>tívar</i> und dem dazu +gehörigen Sing. <i>tír</i> (Noreen, An. Grammatik<sup>2</sup> § 72 Anm. 7) +verhält, ist rätselhaft. Es wird ein Nom. Sing. <i>tívurr</i>, Gott, +angesetzt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_150_150" href="#FNanchor_150_150" class="label">[150]</a> Die Stellen, wo ausserdem im Ags. <i>meotudsceaft</i> im +Sinne von Verhängniss, Tod, vorkommt (im Crist 888 bedeutet es jüngstes +Gericht), bei Grein, Ags. Sprachschatz 2, 240; über <i>regano</i> und +<i>metodogiscapu</i> vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, 2. +Ausg. Marburg 1862, S. 12 ff. u. 16; <i>metod</i> als Richter erklärt +Kauffmann, Beiträge 18, 180 mit Hinweis auf gr. μεδέων und irisch +<i>coimdiu</i> aus *<i>com-mediu</i> „Richter“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_151_151" href="#FNanchor_151_151" class="label">[151]</a> Diese Auslegung Odrerirs schlägt Bugge, Studien über die +Entstehung der nordischen Götter und Heldensagen S. 563 f. vor.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_152_152" href="#FNanchor_152_152" class="label">[152]</a> Zum Alter der Vǫlospǫ́ en skamma vgl. Finnur Jónsson, +Litteraturs historie 1, 204.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_153_153" href="#FNanchor_153_153" class="label">[153]</a> Über die Form des idg. <i>*di̯eu̯-</i> <i>*dii̯eu̯-</i> +(zur Wurzel <i>dĭ̄u̯</i>) Brugmann, Grundriss der vergl. Grammatik +d. idg. Spr. II S. 451; an. <i>Týr</i> < <i>Tieuȥ</i> Noreen An. +Gr.<sup>2</sup> § 68, 7; ags. <i>Tíƕ, Tíg</i> zu erschliessen aus überliefertem +<i>Tíƕes-Tigesdæg</i>, Sievers Ags. Gr.<sup>2</sup> § 250, 1 Anm. 2; das Fries. +gewährt <i>Tiesdi</i>, <i>Tisdei</i>, Richthofen, Afries. Wb. 1084; +ahd. <i>Zio</i>, <i>Ziu</i>, aus überliefertem <i>Ziestag</i>, Graff, +Ahd. Sprachschatz 5, 358, 361, mhd. <i>zîstag</i>, Lexer, Mhd. Wb. +III 1136, schwäb. <i>zisteg</i>, <i>zeisteg</i>, Schmeller, Bair. Wb. +II 1071. Zu den Verderbnissen in <i>zinstag</i>, <i>dingstag</i>, +<i>dienstag</i> Grimm, Deutsches Wb. II 1119, Andresen, ZfdA. 30, +415, Kluge, Etym. Wb. unter Dienstag. Ob die ahd. Glosse <i>ziu</i>, +turbines hergehört? J. Grimm, Myth. 184 erklärte „Wetter der Schlacht“ +„Mars trux oder saevus“. In Deutschland sind keine Orts- oder +Eigennamen mit Sicherheit auf Zio zurückzuführen. Ziolf Förstemann II, +1658 gehört nicht her. Über <i>Ciesburg Ciuuari</i> vgl. S. 205 Anm. +<i>Teƕesley</i> in England neben <i>Thursley</i> (<i>Thunresléah</i>) +und <i>Wanborough</i> (<i>Wódenesbeorh</i>) weist vielleicht auf ags. +<i>Tíƕesléah</i>; Kemble, the Saxons in England I, 351. Ganz anders +erklärt Bremer (Indogerm. Forschungen 3, 301 f.) den Namen. Auf +Grund von ags. <i>Tíƕ</i>, afries. <i>Tî</i> an. <i>tífar</i>, mhd. +<i>zîstac</i> setzt er urgerm. <i>Tîƕaȥ</i> = lat. <i>dívus</i>, aind. +<i>dēva</i>, air. <i>dia</i>, lit. <i>dë̃vas</i> in der Bedeutung +„Gott, göttlich“ an. Ahd. <i>Zîo</i> wurde zu <i>Zî</i> und <i>Zio</i> +(Braune Ahd. Gr. § 108 Anm. 2, § 43, Anm. 6). Ein Zusammenhang mit dem +griech. lat. aind. Himmelsgott sei ausgeschlossen; vgl. auch Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 14 Anm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_154_154" href="#FNanchor_154_154" class="label">[154]</a> Tac. Hist. IV 64 <i>igitur Tencteri, Rheno discreta +gens, missis legatis mandata apud concilium Agrippinensium edi iubent, +quae ferocissimus e legatis in hunc modum protulit: redisse vos in +corpus nomenque Germaniae communibus deis et praecipuo deorum Marti +grates agimus.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_155_155" href="#FNanchor_155_155" class="label">[155]</a> Tac. Germ 9 <i>Herculem ac Martem concessis animalibus +placant.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_156_156" href="#FNanchor_156_156" class="label">[156]</a> Tac. Germ. 39 <i>vetustissimos nobilissimosque Sueborum +Semnones memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore +in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem +sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant +barbari ritus horrenda primordia. est et alia luco reverentia: nemo +nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se +ferens. si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per +humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tanquam inde initia +gentis, ibi regnator omniun deus, cetera subiecta atque parentia.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_157_157" href="#FNanchor_157_157" class="label">[157]</a> Tac. An. XIII, 57 <i>sed bellum Hermunduris prosperum, +Chattis exitiosius fuit, quia victores diversam aciem Marti ac Mercurio +sacravere, quo voto equi viri, cuncta viva occidioni dantur. et minae +quidem hostiles in ipsos vertebant.</i> Zur Erklärung der Worte vgl. J. +Grimm, Myth. 999 Anm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_158_158" href="#FNanchor_158_158" class="label">[158]</a> Prokop, <i>bell. got. 2, 15</i> von den Thuliten d. h. +den Skandinaviern: θύουσι δὲ ἐνδελεχέστατα ἱερεῖα πάντα καὶ ἐναγίζουσι. +τῶν δὲ ἱερείων σφισὶ τὸ κάλλιστον ἀνθρωπός ἔστιν, ὅνπερ ἄν δοριάλωτον +ποιήσαιντο πρῶτον. τοῦτον γὰρ τῷ Ἄρει θύουσιν, ἐπεὶ θεὸν αὐτὸν +νομίζουσι μέγιστον εἶναι.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_159_159" href="#FNanchor_159_159" class="label">[159]</a> Jord. Get. 5 <i>quem Martem Gothi semper asperrima +placavere cultura. nam victimae eius mortes fuere captorum, opinantes +bellorum praesulem aptius humani sanguinis effusione placandum. huic +praedae primordia vovebantur, huic truncis suspendebantur exuviae.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_160_160" href="#FNanchor_160_160" class="label">[160]</a> Amm. Marc. XVII, 12 von den Quaden: <i>eductis +mucronibus, quos pro numinibus colunt, iuravere se permansuros in +fide.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_161_161" href="#FNanchor_161_161" class="label">[161]</a> Jord. Get. 35 <i>cum pastor quidam gregis unam buculam +conspiceret claudicantem, nec causam tanti vulneris inveniret, +sollicitus vestigia cruoris insequitur, tandemque venit ad gladium, +quem depascens herbas incauta calcaverat, effossumque protinus ad +Attilam defert. quo ille munere gratulatus, ut erat magnanimis, +arbitratur se mundi totius principem constitutum et per Martis gladium +potestatem sibi concessam esse bellorum.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_162_162" href="#FNanchor_162_162" class="label">[162]</a> Tac. Germ. 24 <i>genus spectaculorum unum atque in omni +coetu idem. nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se +atque infestas frameas saltu iaciunt. exercitatio artem paravit, ars +decorem, non in quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae +pretium est voluptas spectantium.</i> Vgl. Müllenhoff, Über den +Schwerttanz (in den Festgaben für Gustav Homeier) Berlin 1872; weitere +Litteratur gibt John Meier in Pauls Grundriss II 1, 835.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_163_163" href="#FNanchor_163_163" class="label">[163]</a> Tac. Germ. 10 <i>proprium gentis equorum quoque +praesagia ac monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac +lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro +curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque +ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior fides, non solum apud +plebem, sed apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, +illos conscios putant.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_164_164" href="#FNanchor_164_164" class="label">[164]</a> Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1, +291. Chr. Petersen, Hufeisen und Rosstrappen im Archiv der +schlesw.-holst.-lauenb. Gesellschaft für vaterländ. Geschichte Band 19, +194 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_165_165" href="#FNanchor_165_165" class="label">[165]</a> Im November 1883 wurden zu Housesteads am Hadrianswall +in England zwei Altäre und ein hoher giebelartiger Aufsatz gefunden mit +bildlichen Darstellungen und Inschriften versehen. Die Reliefbilder +sind durchaus römisch und so auszulegen. Eine mit Helm, Speer und +Schild bewaffnete Kriegergestalt, zu ihrer Rechten ein Vogel, steht +in der Mitte eines bogenförmigen Halbrunds. Auf beiden Seiten sind +nackte Figuren mit Kränzen und Stäben angebracht. Es ist Mars mit der +Gans und zwei Viktorien oder Eroten. Eine Beziehung auf germanische +Vorstellungen, wie Hoffory in dem Relief des Aufsatzes sie findet, +ist unstatthaft. Die Inschriften der Altäre lauten: <i>Deo Marti et +duabus Alaisiagis et numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti +cunei Frisiorum Ver. Ser. Alexandriani v[otum] s[olverunt] l[ibenter] +m[erito]. Deo Marti Thingso et duabus Alaesiagis Bede et Fimmilene et +numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti v. s. l. m.</i></p> + +<p>Hierzu vgl. die Abhandlungen von Hübner, Westdeutsche Zeitschrift +3, 120, 287; Mommsen, Hermes 19, 232; Scherer, Sitzungsberichte der +Berliner Akademie 1884, 571; Brunner, Zeitschrift der Savignystiftung +(1884) 5, 226; W. Pleyte, mededeelingen d. kon. akad. van wetenschappen +(afdeel. letterkunde) 3, 2, 110; F. Möller, Westd. Zeitschrift 5, 321; +M. Ihm, Bonner Jahrbücher 1883, 173 ff.; R. Schröder, Rechtsgeschichte +1, 17, 36; Hoffory, Gött. Nachrichten 1888, 426; Weinhold, ZfdPh. 21, +1; Jäckel ebenda 22, 257; Hübner, Römische Herrschaft in Westeuropa, +Berlin 1890, 57 ff.; Heinzel, Wiener Sitzungsberichte phil.-hist. +Klasse Bd. 119, 50 ff.; Kauffmann, Beiträge 16, 200; Siebs, ZfdPh. 24, +434 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_166_166" href="#FNanchor_166_166" class="label">[166]</a> Die Glosse <i>Cyuuari suapa</i> steht in der +Wessobrunner Handschrift (Müllenhoff-Scherer, Denkm. 3. Aufl. II 1 +f.) aus dem Ende des 8. Jahrh.; Laistner vermutet urspr.: <i>recia +suapolant reciuuari suapa. Civitas Augustensis id est Ciesburc</i>, +findet sich in einem alten Verzeichniss von Städtenamen der Germania +prima Bouquet, recueil des historiens des Gaules et de la France II, +10; Bachlechner, ZfdA. 8, 587; Chroniken deutscher Städte 4, 281 +Anm. 7. Verwertet wurden die Schwaben als Ziuleute von J. Grimm, +Myth. 180; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 247 und öfters. Zur +Frage sehr beachtenswert L. Laistner, Württb. Vierteljahrshefte für +Landesgeschichte N. F. 1892, 2 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_167_167" href="#FNanchor_167_167" class="label">[167]</a> Germania 2 <i>celebrant carminibus antiquis, quod +unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra +editum et filium Mannum originem gentis conditoresque. Manno tris +filios assignant, e quorum nominibus proximi oceano Ingaevones, medii +Herminones, ceteri Istaevones vocentur.</i> Bei Plinius hist. nat. 4. +99 <i>Germanorum genera quinque: Vandili, quorum pars Burgundiones, +Varinnae, Charini, Gutones; alterum genus Ingvaeones, quorum pars +Cimbri, Teutoni et Chaucorum gentes; proximi autem Rheno Istvaeones +quorum pars Cimbri (l. Sigambri?); mediterranei Hermiones, quorum +Suebi, Hermunduri, Chatti, Cherusci; quinta pars Peucini, Bastarnae +supra dictis contermini Dacis.</i> Plinius, an welchen Tacitus +wahrscheinlich sich anlehnt, weiss nichts von den Stammesheroen. In +der um 520 verfassten fränkischen Völkertafel erscheinen aber <i>tres +fratres, Erminus, Inguo el Istio</i>. Müllenhoff, Abhandlungen der +Berliner Akademie 1862, S. 532 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_168_168" href="#FNanchor_168_168" class="label">[168]</a> Zur Wortbildung von Tuisto oder Tuisco vgl. Brugmann, +Grdr. II 468 und 507; got. <i>tvis</i> auseinander; mhd. <i>zƕis</i>, +aisl. <i>tvisvar</i> 2mal; ahd. <i>zƕisk</i>, <i>zƕiski</i>, zweifach; +aisl. <i>tvistr</i>, zwiespältig; engl. <i>tƕist</i> zweifädiger +Strick; nhd. <i>zƕist</i>; gr. δίς, lat. <i>bis</i> < <i>duis</i>. Zur +Auslegung Wackernagel ZfdA. 6, 19; Müllenhoff, ebenda 9, 261. Schade, +Altdeutsches Wörterbuch 2. Aufl. S. 974 f. weist auf mundartliches nhd. +<i>tƕister</i>, „Zwitter“ hin.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_169_169" href="#FNanchor_169_169" class="label">[169]</a> Müllenhoff, über Tuisco und seine Nachkommen in der +allgemeinen Zeitschrift für Geschichte, hrsg. von A. Schmidt, Bd. 8, +209 ff.; Scherer, Sybels histor. Zeitschrift, N. F. 1, 160; Müllenhoff, +ZfdA. 10, 562; ebenda 23, 1 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 13 ff.; Hoffory, Gött. gelehrte Anzeigen vom 1. +März 1888 und Nachrichten der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften +zu Göttingen 1888, No. 15; vgl. auch Hoffory, Eddastudien I Berlin +1889, 101 ff., 153 ff.; Ludwig Laistner, Germanische Völkernamen, in +den württembergischen Vierteljahrsheften für Landesgeschichte, N. F. +1892, 1 ff Auch bei den meisten andern neueren Gelehrten tritt die +hieratische Auslegung der germ. Völkernamen merklich zurück.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_170_170" href="#FNanchor_170_170" class="label">[170]</a> Runenlied 68.</p> + + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Ing ƕæs ærest mid Eastdenum</i></div> + <div class="verse indent0"><i>geseƕen secgun, oþ he siđđan est</i></div> + <div class="verse indent0"><i>ofer ƕæg geƕat, ƕæn æfter ran:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>đus heardingas đone hæle nemdun.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Heardingas ist nicht als Eigenname, sondern appellativ im Sinn von +Helden, Männern zu fassen. J. Grimm, Myth. 316; Müllenhoff, ZfdA. 23, +11. Eigennamen mit Ingu- sammelt Müllenhoff, ZfdA. 9, 250.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_171_171" href="#FNanchor_171_171" class="label">[171]</a> Müllenhoff, ZfdA. 7, 410 ff.; Müllenhoff, Beovulf, +Untersuchungen über das ags. Epos und die älteste Geschichte der +germanischen Seevölker, Berlin 1889, S. 6 ff.; Binz, Beiträge 20, 147 +ff. Dass die Mythen von Skéaf auf Ingvo zurückgehen, führt Müllenhoff +a. a. O. 11 aus. Dem Göttermythus entstammt die spätere Sage vom +Schwanritter, die nach den Niederlanden verlegt wurde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_172_172" href="#FNanchor_172_172" class="label">[172]</a> Widukind 1, 12 nach dem Sieg der Sachsen über die +Thüringer bei Scheidungen: <i>Mane autem facto ad orientalem portam +ponunt aquilam, aramque victoriae construentes, secundum errorem +paternum, sacra sua propria veneratione venerati sunt, nomine Martem, +effigie columpnarum imitantes Herculem, loco Solem, quem Graeci +appellant Apollinem. ex hoc apparet aestimationem illorum utcumque +probabilem, qui Saxones originem duxisse putant de Graecis, quia +Hirmin, vel Hermis graece, Mars dicitur; quo vocabulo ad laudem vel ad +vituperationem usque hodie etiam ignorantes utimur.</i> Um die Stelle +richtig zu verstehen, muss man erst Widukinds gelehrte Weisheit von +Apollo, Hermis und Hercules absondern; hiezu Müllenhoff, Schmidts +Zeitschrift 8, 242 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_173_173" href="#FNanchor_173_173" class="label">[173]</a> Müllenhoff, Allgem. Zeitschrift f. Gesch. Hrsg. von +Adolf Schmidt, Band 8, 268.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_174_174" href="#FNanchor_174_174" class="label">[174]</a> Über Týr vgl. Gylfag. Kap. 25, 34, 51. Hym. 5, +Lokas. 38–40, Sigrdr. 6. <i>Týs áttungr</i> heissen die Könige +Egill Tunnadólgr und Sigurd jarl in der Ynglingasaga, Kap. 30 und +der Haraldssaga Gráfelds, Kap. 6. Für Eigennamen und sonstige +Zusammensetzungen, in denen Týr vorkommt, vgl. Sveinbjörn Egilsson, +Lexicon poeticum 828.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_175_175" href="#FNanchor_175_175" class="label">[175]</a> Göttingische gelehrte Anzeigen 1891, S. 193 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_176_176" href="#FNanchor_176_176" class="label">[176]</a> Stephens, aarböger for nordisk oldkyndighed og +historie 1875, S. 109 ff. Tyr auf Thor zu beziehen, wie H. Petersen, +gudedyrkelse S. 97 will, geht nicht an.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_177_177" href="#FNanchor_177_177" class="label">[177]</a> J. Grimm, Mythologie 182; Mogk, Pauls Grundriss I, +1055; Schmeller, Bayer. Wb. I, 127; im ags. Runenlied steht <i>tír</i> +und <i>ear</i> für das Zeichen ᛠ, W. Grimm, Über deutsche Runen, +Göttingen 1821, Tafel III; <i>ziu</i> im cod. Vind. 64, ebenda Tafel I, +<i>aer</i> im cod. Sang. 270, Tafel II.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_178_178" href="#FNanchor_178_178" class="label">[178]</a> In der Stammtafel der Ostsachsen begegnen die Namen +<i>Seaxnéat</i>(Mars), <i>Gesecg</i> und <i>Andsecg</i> (Symmachus +und Antimachus), <i>Sveppa</i> (einer, der Getümmel anrichtet), +<i>Sigefugel</i> (siegverkündendes Zeichen), <i>Heđca</i> und +<i>Bedeca</i> (viri caedis et stragis), alles Beiwörter eines und +desselben Wesens: die Momente der Schlacht sind als Söhne des +Kriegsgottes dargestellt. Müllenhoff, Schmidts Zs. f. Gesch. S, 249; +ZfdA. 11, 291. Die Stammtafeln übersichtlich bei Grimm, Myth. 3, 377 +ff.; O. Haack, Zeugnisse zur aengl. Heldensage, Kieler Dissert. 1893, +23 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_179_179" href="#FNanchor_179_179" class="label">[179]</a> Den Volksnamen als einen ‚hieratischen‘ leiten J. Grimm, +Myth. 185, Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 252, vom Gott ab; die +oben vorgetragene Ansicht vertritt Laistner, württb. Vierteljahrshefte +f. Landesgeschichte, N. F. 1892, S. 29.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_180_180" href="#FNanchor_180_180" class="label">[180]</a> Tac. Germ. 43 <i>apud Nahanarvalos antiquae religionis +lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos +interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini, +nomen Alcis, nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis +vestigium; ut fratres tamen, ut juvenes venerantur</i>. Vgl. +Myriantheus, Die Açvins oder arischen Dioskuren, München 1876. +Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff. 30, 217 ff. Roediger, Zeitschrift des +Vereins f. Volkskunde l, 241 ff. Wolfskehl, German. Werbungssagen, +Darmstadt 1893, S. 18 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_181_181" href="#FNanchor_181_181" class="label">[181]</a> Tas. Germ. 40, <i>Reudigni deinde et Aviones et Anglii +et Varini et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis +muniuntur. nec quisquam notabile in singulis, nisi quod in commune +Nerthum, id est terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum, +invehi populis arbitrantur. est in insula oceani castum nemus, +dicatumque in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti +concessum. is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis +multa cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa loca, +quaecumque adventu hospitioque dignatur. non bella ineunt, non arma +sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum +amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo +reddat. mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum +secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus haurit. +arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, quod tantum +perituri vident.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_182_182" href="#FNanchor_182_182" class="label">[182]</a> Die Bedeutung des Namens ergibt sich aus den andern +german. Sprachen. Freyr weist auf urgerm. <i>fraujaz</i>; neben der +starken Form, welche der Göttername bewahrt, steht sonst die schwache, +das Thema <i>fraujan</i>, im got. <i>frauja</i> as. <i>frôio</i> +ags. <i>frígea</i>, daneben Ableitungen ohne j (Kluge, Nominale +Stammbildungslehre der altgerm. Dialekte, Halle 1886, § 14) ags. +<i>fréa</i> as. <i>frô frao</i> ahd. <i>frô</i>. Das Wort wird dem +weltlichen Herrn, mit Vorliebe aber Gott beigelegt. Wulfila übersetzt +κύριος damit. Vgl. Kluge, Etymol. Wb. unter „frohn“. Eine neue +Deutung schlägt Kögel (ZfdA. 37, 272) vor. Der Göttername urgerm. +<i>*Fraƕias</i>, an. <i>Freyr</i> ist von dem adj. <i>fraƕa-</i> +froh, heiter, sanft abgeleitet, wie sanskrit Bhavya von Bhava. Nur +diese Ableitung wird dem Wesen des Gottes, in dem die milde, wärmende +Frühjahrssonne verkörpert ist, völlig gerecht. Dagegen ist got. +<i>frauja</i> Herr nebst dem entsprechenden Femin, ahd. <i>frouƕa</i> +(aus <i>frauƕjâ</i>) fern zu halten. <i>frauja</i> ist eine +Steigerungsform zu <i>*fraƕa</i>, ahd. as. <i>frô</i> ags. <i>fréa</i> +Herr; dieses adj. <i>*fraƕa</i> ist wurzelverwandt mit aind. +<i>pûrva</i> der vordere, got. <i>fruma</i> der erste. Der Gleichklang +von <i>fraƕa</i> froh und <i>fraƕa</i>-Herr beruht also auf Zufall.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_183_183" href="#FNanchor_183_183" class="label">[183]</a> Zu idg. <i>nertu-</i> Fick, Vergleichendes Wb. d. idg. +Sprachen I, 4. Aufl. 98, 503; Kauffmann, Beiträge 18, 145. Ältere +Erklärungsversuche stellt Schade. Altd. Wb. I, 645 zusammen. Kögel, +Gesch. d. deutschen Litt. I, 1, 22 und Noreen, Abriss der urgerm. +Lautlehre 209 vergleichen Nerthus mit νέρτεροι, „die Unterirdischen“, +νέρτατος u. Ä.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_184_184" href="#FNanchor_184_184" class="label">[184]</a> Über den Zusammenhang von Nerthus mit Njord-Freyr u. +über die Wanen Uhland, Schriften 6, 150 ff.; 7, 494 ff. Müllenhoff, +Schmidts Zeitschrift f. Gesch. 8, 227 ff.; Deutsche Alterthumskunde +5, 1, 39 ff., 95 ff.; Weinhold. Über den Mythus vom Wanenkrieg, +Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1890, S. 611 ff. Spuren vom +Wanenkrieg glauben Detter und Heinzel, Beiträge 18, 542 ff. in mehreren +Erzählungen Saxos nachweisen zu können. Ganz anders erklärt H. E. +Meyer, Völuspa. S. 93 ff. den Wanenkrieg aus christlichen Vorstellungen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_185_185" href="#FNanchor_185_185" class="label">[185]</a> Njord heisst <i>vananiđr</i>, <i>vanr</i> Skáldsk. Kap. +6; Vafþm. 39,</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In Wanaheim ward er   von weisen Mächten geschaffen,</div> + <div class="verse indent7">und als Geisel den Göttern gesandt;</div> + <div class="verse indent0">doch dereinst wird er kehren   am Ende der Welt</div> + <div class="verse indent7">zu den weisen Wanen zurück.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Freyr heisst <i>vaningi</i> Skírn. 38; <i>vanaguđ</i> Skáldsk. Kap. 7; +Freyja <i>vanadís</i> Gylfag. Kap. 35; Skáldsk. Kap. 20 <i>vanagođ</i>; +ebenda Kap. 37 <i>vanabrúđr</i>. Sonst steht der Ausdruck noch in der +Ynglingasaga.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_186_186" href="#FNanchor_186_186" class="label">[186]</a> Im Heliand begegnet ein Adj. <i>ƕanum</i>, hell, +glänzend, dazu Adv. <i>ƕanamo</i> und Subst. <i>ƕanamî</i>. Vielleicht +gehören dazu die ahd. Eigennamen <i>Wanine</i>, <i>Wanilo</i>, mit +Umlaut <i>Wenilo</i>, <i>Wenila</i>. Ob <i>ƕänum</i> oder <i>ƕânum</i> +anzusetzen ist, darüber gehen die Ansichten auseinander. Entweder +gehören die nord. <i>vanir</i> oder das an. <i>vænu</i>, schön dazu. +Zum Wort J. Grimm, Gött. gel. Anz. 1831 n. 8, S. 74; Geschichte der ds. +Spr. 653 f.; Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, Marburg 1845, 17 +ff.; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 240; Behaghel, Germania 21, 143; +Sievers, Heliand S. 505 zu 168 u. S. 539 zu 5766. Aus den verwandten +Sprachen bietet sich zum Vergleich <i>Venus</i>, <i>venustus</i>, +sanskrit <i>vanas</i>, Reiz, Wonne. Noreen, Abriss der urgerm. +Lautlehre, Strassburg 1894, S. 50 u. 53 zieht aind. <i>vanam</i>, +Wasser heran, ags. <i>ƕos</i> an. <i>vás</i> (aus <i>ƕans</i>) +Nässe und erklärt Vanir als Seegötter. Der altschwedische Seename +<i>Væ̂nir</i> stehe im Ablaut zu Vanir. Freyr und Njord als Seegötter +wären teilweise wol zu verstehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_187_187" href="#FNanchor_187_187" class="label">[187]</a> Als Gylfis Verblendung (Gylfaginning) erzählt Snorri +seine nordische Mythologie. König Gylfi wandert nach Asgard, um die +Macht der Asen zu erkunden. Diese, welche seine Ankunft voraus wussten, +machten ihm als Blendwerk eine hohe Halle vor. Von drei Männern auf +drei Hochsitzen erhält Gylfi Belehrung über die gesamte Göttersage. +Zum Schluss verschwand die Halle mit starkem Getöse und Gylfi sah sich +plötzlich allein auf freiem Feld.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_188_188" href="#FNanchor_188_188" class="label">[188]</a> Über Freyr ausser den Skírnismǫ́l Lokas. 35–37; 42–44; +Grímn. 5, 43; Hyndl. 31; Sigurþarkv. skamma 24; Gylfag. Kap. 24, 34, +37, 43, 49, 51; Skáldsk. Kap. 3.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_189_189" href="#FNanchor_189_189" class="label">[189]</a> Freys Goldhelm bei Munch, norr. gudesagn S. 11; Noreen, +Uppsalastudier 207; Uhland, Schriften 6, 159 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_190_190" href="#FNanchor_190_190" class="label">[190]</a> Über Njord Lokas. 34–36; Vafþr. 38, 39; Grímn. 16; +Gylfag. Kap. 23, 24; Bragar. Kap. 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_191_191" href="#FNanchor_191_191" class="label">[191]</a> Vatnsdœlasaga S. 80.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_192_192" href="#FNanchor_192_192" class="label">[192]</a> <i>Uppsalir</i> sind die hohen, hochliegenden Säle, wie +<i>Uppland</i> die Hochlande. Dass damit eigentlich die Himmelssäle +(vgl. <i>upphiminn</i>) gemeint seien, behauptet Noreen, fornnordisk +religion, mythologi och teologi (Vortrag vom 9. März 1892) S. 8. +<i>Freyr í Uppsǫlom</i> sei eigentlich der Herr im Himmel und diese +Bezeichnung verursachte die feste Anknüpfung des Freysdienstes an +Uppsala in Schweden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_193_193" href="#FNanchor_193_193" class="label">[193]</a> <i>Freys áttungr</i> Ynglingasaga Kap. 33; Haralds saga +hárfagra Kap. 13; <i>Freys afspringr</i> Ynglingasaga Kap. 23.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_194_194" href="#FNanchor_194_194" class="label">[194]</a> Vgl. die Hrafnkelssaga Freysgoða. Über das Ross Faxi +Vatnsdœlasaga Kap. 34; über Eiðfaxi Landnáma III Kap. 8.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_195_195" href="#FNanchor_195_195" class="label">[195]</a> Þorðr Freysgoði Landnáma IV Kap. 10; die Freysgyðlingar +ebenda IV Kap. 13 und V Kap. 15; zu Þorgrim Gisla saga Súrssonar hrsg. +von K. Gislason S. 32 und 116. <i>Freys vinr</i> heisst Sigurd in +der Sigurþarkv. skamma 24; <i>Fréaƕine</i> in den ags. Stammtafeln, +<i>Froƕinus</i> bei Saxo Gramm. und in ahd. Urkunden; vgl. J. Grimm, +Myth. 192.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_196_196" href="#FNanchor_196_196" class="label">[196]</a> Aus dem Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, +Denkmäler IV, 6), wo die Namen <i>Vro unde Lazakere</i> in einer sonst +verderbten Überlieferung vorkommen, entnimmt J. Grimm, Kl. Schriften 2, +48 eine Bestätigung des Frokultes; vgl. dazu MSD. II<sup>3</sup> 52; Kögel, Gesch. +d. deutschen Litt I, 1, 263 f., wo auch weitere unsichere Vermutungen +über den Mythengehalt des Segens.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_197_197" href="#FNanchor_197_197" class="label">[197]</a> Vigaglúmssaga Kap. 9 u. 26.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_198_198" href="#FNanchor_198_198" class="label">[198]</a> Brandkrossa þáttr hrsg. von G. Þorðarson S. 59.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_199_199" href="#FNanchor_199_199" class="label">[199]</a> Hervararsaga, hrsg. von Bugge, S. 233 u. 332.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_200_200" href="#FNanchor_200_200" class="label">[200]</a> In der um 1330 auf Island verfassten ausführlicheren +Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók I. 337 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_201_201" href="#FNanchor_201_201" class="label">[201]</a> In der ausführlichen Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók +I, 400 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_202_202" href="#FNanchor_202_202" class="label">[202]</a> Kristnisaga K. 6; Gudbrand Vigfússon, <i>biskupa +sögur</i> I 10.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><i>heldr getu vér at valdi,</i></div> + <div class="verse indent4"><i>vera munu bǫnd í londum,</i></div> + <div class="verse indent4"><i>geisar á međ ísi,</i></div> + <div class="verse indent4"><i>ásríki gný slíkum.</i></div> + <div class="verse indent0">Var. (<i>allríkr Freyr [gný] slíkum.</i>)</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Götter sind im Lande, der Fluss geht mit Eis; wir glauben, solchen +Tosens walte der Asen Macht (Var. der allherrschende Freyr).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_203_203" href="#FNanchor_203_203" class="label">[203]</a> Haralds saga Hárfagra Kap. 16.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>úti vill jól drekka, ef skul einn ráđa,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>fylkir framlyndi, ok Freys leik heyja.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Der tapfere Fürst will draussen (auf Heerfahrt) das Julgelage und die +Festzeit feiern. Man darf nicht übersetzen: Kampf erheben, <i>Freys +leik</i> = <i>Hildar leik</i>, der Ausdruck steht parallel zu <i>jól +drekka</i>. Vgl. Simrock, Myth. 5, 324; H. Petersen, om nordboernes +gudedyrkelse og gudetro S. 88.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_204_204" href="#FNanchor_204_204" class="label">[204]</a> Hákonar saga góða Kap. 16; nach der späten isl. Bósasaga +Kap. 12 wird Freyjas Minne neben der Thors und Odins getrunken; +natürlich liegt hier Verwechslung vor, eine Formel, die ursprünglich +Thor, Odin und Freyr nannte, schwebt dem Verfasser vor.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_205_205" href="#FNanchor_205_205" class="label">[205]</a> Die Eidformel der Ulfljótslǫg nach Hauksbók und Melabók, +Islendinga sögur I 258 u. 334; Ares Isländerbuch, hrsg. von W. Golther, +Halle 1892, S. 32.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_206_206" href="#FNanchor_206_206" class="label">[206]</a> Vatnsdæla Saga in den Fornsögur, hrsg. von Guðbrandr +Vigfüsson S. 19, 22, 186, 190.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_207_207" href="#FNanchor_207_207" class="label">[207]</a> Hallfredarsaga Kap. 5; grosse Olafssaga Tryggvasonar +Kap. 154.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_208_208" href="#FNanchor_208_208" class="label">[208]</a> Egils saga Skallagrimssonar Kap. 58.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_209_209" href="#FNanchor_209_209" class="label">[209]</a> Vafþr. 38 von Njord in einem allerdings vermutlich +eingeschobenen Vers: <i>hofum ok hǫrgom, hann rǽþr-hundmǫrgom</i>. +Ausser dem schwedischen und drontheimischen Haupttempel Freys sind auf +Island die Ingimunds im Vatnsdal und Hrafnkells bekannt. Ortsnamen mit +Frö und Njord in Schweden bei Lundgren, språkliga intyg om hednisk +gudatro i Sverige, Göteborg 1878, S. 66 u. 74; in Norwegen bei O. Rygh, +minder om guderne i norske stedsnavne im Anhang zur 2. Aufl. von Munch, +norröne gude- og heltesagn. <i>Freville</i>, das 2 mal neben 10 maligem +<i>Turville</i> in der Normandie begegnet, weist auf Frö zurück; +Petersen, nordboernes gudedyrkelse, S. 47.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_210_210" href="#FNanchor_210_210" class="label">[210]</a> Die Vígaglúms saga K. 19 berichtet von Vigfúss, der +wegen Todschlags des Landes verwiesen wird. Da er trotzdem in Uppsalir +bleibt, wird er zur vollen Acht verurteilt (<i>alsekr</i>). <i>en þvi +skyldu eigi sekir menn þar vera, at Freyr leyfđi eigi, er hof þat átti +er þar var.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_211_211" href="#FNanchor_211_211" class="label">[211]</a> Saxo I (Ausg. von P. E. Müller) S. 50 [Hadingus] +<i>propitiandorum numinum gratia Frö deo rem divinam furvis hostiis +fecit. quem litationis morem annuo feriarum circuitu repetitum posteris +imitandum reliquit. Fröblod Sveones vocant.</i> Saxo <span class="antiqua">VIII</span> S. +383 <i>Sveonum fortissimi hi fuere: Ar, Backi, Keclu, Karll, Croc +agrestis, Guthfast, Gummi e Gyslamarchia. qui quidem Frö dei necessarii +erant et fidissimi numinum arbitri. Ingi quoque et Oly, Alver, Folki, +patre Elrico nati, Ringonis militiam amplectuntur .... iidem quoque ad +Frö deum generis sui principium referebant.</i> Saxo <span class="antiqua">XI</span> S. 278 +<i>Starcatherus Sveonum fines ingreditur. ubi cum filiis Frö septennio +feriatus, ab his tandem ad Haconem Daniae tyrannum se contulit, quod +apud Upsalam sacrificiorum tempore constitutus effoeminatus corporum +motus scenicosque mimorum plausus ac mollia nolarum crepitacula +fastidiret.</i> Saxo <span class="antiqua">III</span> S. 120 <i>Frö quoque deorum satrapa +sedem haud procul Upsala cepit, ubi veterem litationis morem, tot +gentibus ac seculis usurpatum, tristi infandoque piaculo mutavit. +siquidem humani generis hostias mactare aggressus, foeda superis +libamenta persolvit.</i> Nach Adam von Bremen 4, 27 stehen im Tempel zu +Uppsala drei Götterbilder, Thor als der mächtigste in der Mitte, links +und rechts Wodan und Fricco. <i>tertius est Fricco, pacem voluptatemque +largiens mortalibus, cujus etiam simulacrum fingunt ingenti priapo; +si nuptiae celebrandae sunt, (sacrificia offerunt) Fricconi.</i> +Adams Fricco beruht auf einer Namensverwechslung mit Frigg. Saxo gibt +die ostnordische Form <i>Frö</i> für das westnord. <i>Freyr</i>, +<i>Fröyr</i>, vgl. wn. <i>dröyma</i>, <i>dreyma</i>, <i>öy</i>, +<i>ey</i> zu on. <i>dröma, ö</i>; Noreen, Gesch. d. nord. Sprachen § +143 (in Pauls Grundriss I, S. 479).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_212_212" href="#FNanchor_212_212" class="label">[212]</a> Zur Erklärung des Namens Yngvefreyr und Ingunarfreyr +Noreen, Uppsalastudier 223.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_213_213" href="#FNanchor_213_213" class="label">[213]</a> Munch, Das heroische Zeitalter der nord. germ. +Völker, S. 20, Anm. 2. „Von dem Ing oder Ingwi haben vermutlich alle +ingwinsche oder gotische Fürstengeschlechter ursprünglich ihre Herkunft +abgeleitet, wie es auch nicht an Beispielen fehlt, dass der Name mehr +als einem Geschlecht beigelegt worden ist.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_214_214" href="#FNanchor_214_214" class="label">[214]</a> Lokas. 43–46; 56. <i>byggwir</i> bedeutet Anwohner; +Zusammensetzungen wie <i>hrein</i>-, <i>jarđbyggvir</i> u. a. +Sveinbjörn Egilsson, lex. poet. 89; <i>beyggvir</i> stellt man zu +<i>beygja</i>, biegen. Die natursymbolische Auslegung bei Uhland +Schriften 6, 96 (Bieger und Biegung sind Sommerlüfte, die nur leicht +und schmeichelnd Gezweig und Halme biegen) und Müllenhoff, ZfdA. 7, +420 (Bieger und Buckel, Windgottheiten, die gleichmässige Senkung und +Erhebung der Wellen andeutend) ist doch zu wenig begründet. Byggwir und +Beyla sind nach Sievers, Beiträge 18, 583 f. „Herr Gerstenkorn und Frau +Bohne“, eine passende Dienerschaft des Fruchtbarkeit spendenden Freyr.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_215_215" href="#FNanchor_215_215" class="label">[215]</a> Skírnesǫ́l; daraus Gylfag. Kap. 37. Vgl. Uhland, +Schriften 6, 417 ff.; Niedner, ZfdA. 30, 132 ff.; Finnur Jónsson, +Litteraturs historie I, 171 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_216_216" href="#FNanchor_216_216" class="label">[216]</a> Zu Freys Kampf mit Beli vgl. die Vermutungen Detters in +den Beiträgen 18, 89.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_217_217" href="#FNanchor_217_217" class="label">[217]</a> Die Svipdagsmǫ́l (Groogaldr und Fjǫlsvinsmǫ́l) nach +Sijmons, die Lieder der Edda I. 196 ff. Vgl. Bugge, Danmarks gaml. +folkeviser II, 667 ff.; Bugge, forbindelsen mellem Grógaldr og +Fjölsvinnsmál oplyst ved sammenligning med den dansk-svenske folkevise +om Sveidal (forhandl. i videnskabs-selsk. i Christiania 1860); Bugge, +norrœn fornkvæði, Christiania 1867, S. 352 ff.; 445ᵃ. Zur mythischen +Grundlage, Müllenhoff, ZfdA. 30, 219. Zum Liede Finnur Jónsson, +Litteraturs historie, I, 217 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_218_218" href="#FNanchor_218_218" class="label">[218]</a> Noreen, Uppsalastudier 208 ff. sucht in mythischen +Königssagen der Schweden einen Nachklang der von ihm anders ausgelegten +Göttersage: der Sonnengott (Freyr, Skirner, Suipdagr, Vanlandi, d. h. +der aus dem Vanenlande, Vísburr) besiegt einen winterlichen Riesen +(Frosti, den Frost, oder den Nordsturm Þiazi, Beli), aber nimmt ein +Weib aus ihrem Geschlecht, das Nordlicht (Gerðr, Menglǫð, Skiǫlf) oder +die glänzende Schneetrift (Drífa) oder den Nordwind (Skaði), doch +nur indem er seine eigenen Gaben, den Sonnenstrahl (das Schwert oder +das Halsband) dafür fahren lässt. Dadurch verfällt er dem Tod. Die +geistvollen Deutungen Noreens haben fast durchweg den Fehler, dass sie +allzu einseitig auf Etymologie begründet sind und daher keine sichere +Gewähr besitzen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_219_219" href="#FNanchor_219_219" class="label">[219]</a> Über Njord und Skadi Bragar. Kap. 2; Gylfag. Kap. 23.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_220_220" href="#FNanchor_220_220" class="label">[220]</a> Über Hading und Regnild Saxo I S. 50 ff. Das Gedicht +lautet:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Hadingus:</i> <i>Quid moror in latebris opacis,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>collibus implicitus scruposis,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>nec mare more sequor priori?</i></div> + <div class="verse indent9"><i>eripit ex oculis quietem</i></div> + <div class="verse indent9"><i>agminis increvitans lupini</i></div> + <div class="verse indent9"><i>stridor et usque polum levatus</i></div> + <div class="verse indent9"><i>questus inutilium ferarum</i></div> + <div class="verse indent9"><i>impatiensque rigor leonum.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>tristia sunt iuga vastitasque</i></div> + <div class="verse indent9"><i>pectoribus truciora fisis.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>officiunt scopuli rigentes</i></div> + <div class="verse indent9"><i>difficilisque situs locorum</i></div> + <div class="verse indent9"><i>mentibus aequor amare svetis.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>nam freta remigiis probare,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>officii potioris esset,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>mercibus ac spoliis ovare,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>aera aliena sequi locello,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>aequoreis inhiare lucris,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>quam salebras nemorumque flexus</i></div> + <div class="verse indent9"><i>et steriles habitare saltus.</i></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Regnild:</i> <i>me canorus angit ales immorantem littori</i></div> + <div class="verse indent9"><i>et soporis indigentem garriendo concilat.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>hinc sonorus aestuosae motionis impetus</i></div> + <div class="verse indent9"><i>ex ocello dormientis mite demit otium,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>nec sinit pausare noctu mergus alte garrulus,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>auribus fastidiosa delicatis inserens,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>nec volentem decubare recreari sustinet,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>tristiore flexione dirae vocis obstrepens.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>tutius sylvis fruendum dulciusque censeo.</i></div> + <div class="verse indent9"><i>quis minor quietis usus luce, nocte carpitur,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>quam marinis immorari fluctuando motibus.</i></div> + </div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_221_221" href="#FNanchor_221_221" class="label">[221]</a> Die Sage von Frodi Skáldsk. Kap. 8; Frotho bei Saxo +Buch II, Frotho III Buch V, Fridlev Buch VI; über Fruote M. Haupt, +Vorrede zum Engelhart S. XI f. Vgl. W. Müller, ZfdA. 3, 43; Munch, das +heroische Zeitalter der nordgerman. Völker, Lübeck 1854, S. 33 ff.; +Uhland, Schriften I, 99 ff.; 495 ff. Die Namen in den ags. Stammtafeln +J. Grimm, Myth. 3, 386 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_222_222" href="#FNanchor_222_222" class="label">[222]</a> Wenn, wie Kögel ZfdA. 37, 272 behauptet, der Gottname +Frawias vom Appellativum got. <i>frauja</i>, ahd. as. <i>frô</i>, ags. +<i>fréa</i> zu trennen ist, dann machen allerdings die mit Frôi-, +Frewi- zusammengesetzten deutschen Eigennamen den Kult des Frawias +wahrscheinlich. Der an. Freygerð begegnet die deutsche Frewigarda. Die +Eigennamen (Förstemann, Namenbuch 1, 414 ff.) weisen auf die Sitte, +nach dem Gotte Kinder zu benennen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_223_223" href="#FNanchor_223_223" class="label">[223]</a> Der Name lautet ahd. <i>Donar</i>, as. <i>Thunaer</i>(im +sächs. Taufgelöbniss MSD. Nr. LI, Braune ahd. Lesebuch Nr. XXXXV), ags. +<i>þunor</i>. An. ist <i>þórr</i> überliefert; das Metrum verlangt für +die älteren Lieder die unverkürzte Form <i>þonarr</i>, Sijmons, Edda I, +XXIV; der Dativ <i>þonre</i> wurde zu <i>þóre</i>, durch Formausgleich +drang die einsilbige Form auch in die andern Kasus; Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § +239, 3; 294, 2. Der german. Grundform <i>þunaraȥ</i> entspricht genau +der keltische <i>Tanaros</i> (aus der Weihinschrift <i>Jovi Tanaro</i> +zu erschliessen). Bei Kelten und Germanen scheint gleichmässig die +Vorstellung eines besonderen Donnergottes entstanden zu sein, während +der alte Himmelsgott, von den Römern durch Mars wiedergegeben, +wesentlich die kriegerische Thätigkeit ausübte; vgl. Much, ZfdA. 35, +372 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_224_224" href="#FNanchor_224_224" class="label">[224]</a> Ahd. <i>donarestag</i>, bei Notker <i>toniristag</i>; +ags. <i>þunres dæg</i>, aengl. <i>þunres dai</i>, zu <i>þors- þurs- +Thursday</i> weiter entwickelt; an. <i>þorsdagr</i>. Belege zu den +Formen der einzelnen german. Sprachen und Mundarten gibt Grimm, +Myth. 112 ff. DWB. 2, 1252. So zahlreich die nord. Eigennamen auf +<i>þórr</i> sich darbieten, aus Deutschland sind nur <i>Donarpreht</i>, +<i>Donarad</i>, <i>Albthonar</i> (Förstemann, Altdeutsches Namenbuch +1199) nachweisbar. In wie weit die Ortsnamen <i>Donarsberg</i> in +der Rheinpfalz und in Hessen, <i>Donarsfeld</i>, <i>Donarsreut</i> +(Förstemann, Altd. Namenbuch II<sup>2</sup> Ortsnamen S. 1456) mit dem Gott +zusammenhängen, ist zweifelhaft. In England weist Kemble, the Saxons +I 347 in Surrey <i>þunresfeld</i>, in Essex <i>þunresléah</i> nach. +Über einen alten <i>Donarsberg</i> in Schwaben bei Nordendorf, +dem vielleicht Kultbedeutung eignete, vgl. Henning, Die deutschen +Runendenkmäler S. 93.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_225_225" href="#FNanchor_225_225" class="label">[225]</a> Auf Inschriften, welche von Batavern herrühren, begegnet +zum Namen Hercules ein germanisches Beiwort: <i>Herculi magusano</i>(3 +mal) <i>macusano</i>(2 mal) <i>magusan</i> (2 mal). Es scheint eine +aus einem german. Dativ <i>magusani</i> latinisierte Form. Ein german. +Verbaladjectiv zu <i>magan</i>, vermögen, kräftig sein, liegt zu +Grunde: <i>magusô magusê</i>, Dat. <i>magusani</i>. Der „starke“ +Hercules ist Donar, im Nord, als <i>þrúþugr áss</i> starker Gott, und +Vater des <i>Magni</i> (der Kraft) bezeichnet. Vgl. Kauffmann, Beiträge +14, 554 ff. v. Grienberger, Beiträge 19, 527 stellt <i>magusanus</i> zu +kelt. <i>magos</i> Feld und leugnet Beziehung zu Magni und überhaupt +zum deutschen Donar. Dass <i>Hercules saxanus</i>, den man oft als +germanische Gottheit auffasste, römisch war, erweist E. H. Meyer, +Beiträge 18, 106 ff.; das latein. Beiwort begegnet auch bei der <i>bona +dea subsaxana</i> am Aventin.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_226_226" href="#FNanchor_226_226" class="label">[226]</a> Ausser dem <i>dies Jovis</i> wird Juppiter zur +Übersetzung von Donar verwendet in der Vita Bonifacii (MG. 2, 343). +<i>quorum consultu alque consilio arborem quandam mirae magnitudinis, +quae prisco paganorum vocabulo appellabatur robur Jovis, in loco, qui +dicitur Gaesmere, servis dei secum astantibus, succidere tentavit. +cumque mentis constantia confortatus arborem succidisset, magna +quippe aderat copia paganorum, qui et inimicum deorum suorum intra +se diligentissime devotabant, sed ad modicum quidem arbore praecisa +confestim immensa roboris moles, divino desuper flatu exagitata, +palmitum confracto culmine, corruit, et quasi superni nutus +solatio in quatuor etiam partes disrupta est, et quatuor ingentis +magnitudinis aequali longitudine trunci, absque fratrum labore +astantium, apparuerunt. quo viso prius devotantes pagani etiam versa +vice benedictionem domino pristina abjecta maledictione credentes +reddiderunt. tunc autem summae sanctitatis antistes consilio inito +cum fratribus ex supradictae arboris materia oratorium construxit, +illudque in honore S. Petri apostoli dedicavit.</i> In den Briefen des +Bonifacius (Nr. 25 vom Jahr 723) wird ein <i>presbyter Jovi mactans</i> +erwähnt. In Radperts Lobgesang auf den heiligen Gallus wenden die +Bekehrer die Bewohner von Tuggen am Züricher See vom Donarsdienste ab: +(MSD. XII, 3)</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Castro de Turegum   adnauigant Tucconium.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>docent fidem gentem:   Jouem linquunt ardentem.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im <i>indiculus superstitionum et paganiarum</i> (Heyne, Ands. +Denkm. Nr. IX) ist die Rede von Wodans- und Donarsopfern: <i>de +sacris Mercurii vel Jovis</i>; <i>de feriis quae faciunt Jovi vel +Mercurio</i>. Für die Franken ist der <i>sermo s. Eligii</i> († 659) +wichtig: <i>nullus diem Jovis absque festivitatibus sanctis nec in majo +nec ullo tempore in otio observet</i>. Grimm, Myth. 3, 402. Über neuen +Donnerstags-Aberglauben Wuttke, Aberglaube § 70.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_227_227" href="#FNanchor_227_227" class="label">[227]</a> Tac. Germ. 3 <i>fuisse apud eos et Herculem memorant, +primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt</i>. — Germ. +9 <i>Martem et Herculem concessis animalibus placant.</i> — Ann. 2, 12 +<i>Caesar transgressus Visurgim indicio perfugae cognoscit delectum ab +Arminio locum pugnae; convenisse et alias nationes in silvam Herculi +sacram.</i> Nach Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 17 +heisst Donar wegen seiner Beziehung zur Schlacht, als <i>primus fortium +virorum, * Wihuȥ</i> (ahd. <i>Wigur</i>, an. <i>Véorr</i>) der Kämpfer. +Anders erklärt Noreen, Arkiv for nord. filologi 6, 306 den Namen, s. +unten S. 251 Anm. 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_228_228" href="#FNanchor_228_228" class="label">[228]</a> Gaismar könnte „Sprudelquell“ (zu <i>*gîsan</i>, +<i>gais</i> und <i>mari</i>), den hl. See, Opferquell oder Opfersumpf +bei der Göttereiche bedeuten; vgl. J. Grimm. Geschichte der deutschen +Sprache 578; Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, +Marburg 1877, S. 114 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_229_229" href="#FNanchor_229_229" class="label">[229]</a> Auf der Nordendorfer Spange, etwa aus dem 7. Jh. +stammend, stehen die Runen</p> + +<div class="csstab"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">LOGAÞORE</div> + <div class="csscell padleft2">ᛚᛟᚷᚧᛟᚱᛖ</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">WODAN</div> + <div class="csscell padleft2">ᚹᛟᛞᚨᚿ</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell"><span class="mleft3">L</span></div> + <div class="csscell padleft2"><span class="mleft2">ᛚ</span></div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">WIGIÞONAR</div> + <div class="csscell padleft2">ᚹᛁᚷᛁᚧᛟᚾᚨᚱ</div> + </div> +</div> + +<p>Die Götternamen Wodan und Þonar, bei welch letzterem nur das +übergeschriebene L Bedenken erregt, dürfen der Gewandspange des +alemannischen Gräberfeldes wol bestimmt zugewiesen werden. Offenbar +wird ihre Hilfe zu irgend einer feierlichen Handlung erfleht. +<i>ƕîgi</i> ist Imperativ zu *<i>ƕîgian</i>, weihen, also Þonar, +weihe, heilige! *<i>lôga</i> stf. meint Einsetzung, Verheiratung; +afries. <i>logia</i> verheiraten, *<i>þoren</i> (an. <i>þora</i>) +bedeutet ereilen, ersiegen. Man denke an den Brauch der Raubehe, die +dem kriegerischen Wodan unterstellt gewesen sein mag, an den Wettlauf +um die Braut u. dergl. „Die Heirat ersiege, Wodan, weihe, Donar!“ Ein +alter feierlicher Hochzeitswunsch würde auf einer Gewandspange, einem +passenden Hochzeitsgeschenk sich sehr wol ausnehmen. Darum verdient +Hennings Erklärung immerhin den Vorzug, wenn gleich ein sicheres und +unzweifelhaftes Ergebniss damit nicht erreicht ist. Zur Nordendorfer +Spange Dietrich, ZfdA. 14, 75 f.; C. Hofmann, Sitzungsberichte der +Münchener Akademie 1866 Band 2, 138 ff., 207 f. Stephens, runic monuments +I, 574 ff.; III, 157; Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg +1889, S. 87 ff. Über die gefälschte Runenschrift WODANAHAILAG auf der +Spange von Kehrlich bei Andernach Henning, a. a. O. 156.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_230_230" href="#FNanchor_230_230" class="label">[230]</a> Kemble, Salomon and Saturnus, London 1848, S. 177 sieht +mythologischen Nachklang im Kampf der Gottheit mit dem Teufel, „<i>se +đunor hit đrysceđ mid đære fýrenan æcxe</i>“ der Donner zerschmettert +ihn mit feuriger Axt. Wol liegt ein anschauliches Bild diesen Worten zu +Grunde, der Donner wirft ein Geschoss nieder. Aber es ist fraglich, ob +wir es mit einer poetischen Vorstellung, oder mit einer Erinnerung an +den Hammer werfenden Gott zu thun haben. Im Sinne Kembles entscheidet +auch Stephens, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1883, S. 348 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_231_231" href="#FNanchor_231_231" class="label">[231]</a> <i>đunurrád</i>, Donnerfahrt (ags. <i>râd</i>, an. +<i>reiđ</i>, ahd. <i>reita</i>, Wagen, Fahrt, Ritt) wird Psalm 103, +7 <i>tonitruum (a voce tonitrui tui, from stefne đunurrâde)</i> +übersetzt; Stevenson in publications of the Sursee society 1844, II, +14. Dem ags. <i>Thunorrád</i> vergleicht sich norweg. <i>Thorsreia</i> +J. Grimm, Myth. 3, 62. <i>Thunorrád</i> stellt J. Grimm, Grammatik +3, 353 zu schwed. <i>åska</i> = <i>ås-aka</i>, Asenfahrt. Wenn im +Exeterbuch der Blitz „<i>rynegiestes wæpn</i>“ heisst, so darf das +nicht als Waffen des Wagongottes (Kemble, the Saxons in England 1, +347) ausgelegt werden. Die Stelle bezeugt nur, dass der Blitz als +die Waffe eines persönlich gedachten Gewitterherrn gedacht wurde. Zu +<i>rynegäst</i> Grein, Glossar 2, 386, der an profluvii hospes, Herr +des Gewitterregens denkt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_232_232" href="#FNanchor_232_232" class="label">[232]</a> Bei den Ditmarschen sagt man: <i>nu faert de Olde all +wedder da baƕen unn haut mit syn Ex anne Räd</i>; Müllenhoff, Sagen, +Märchen und Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg Nr. 480. Ebenda +S. 447 ein Riese mit einem von Böcken gezogenen Wagen. Was aus späterem +Brauch und Glauben hergehört, verzeichnet E. H. Meyer, Myth. S. 205.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_233_233" href="#FNanchor_233_233" class="label">[233]</a> Vgl. Scherer, Sitzungsberichte der Berliner Akademie +1885, 577 ff. Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., bes. von +Steinmeyer II 300 f. Da weder Text noch Auslegung und Beziehung auf die +Mythologie sicher sind, verzichte ich auf die Anführung und verweise +hiefür auf die Denkmäler und auf Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 266.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_234_234" href="#FNanchor_234_234" class="label">[234]</a> Vgl. besonders Henry Petersen, om Nordboernes +gudedyrkelse og gudetro i hedenold. Kjöbenhavn 1876.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_235_235" href="#FNanchor_235_235" class="label">[235]</a> Thorsbilder in der Olafssaga Tryggvasonar (der +Heimskringla) Kap. 76; Njálssaga Kap. 89; Olafssaga Tryggvasonar +(Fornmanna sögur) Kap. 203; Adam von Bremen 4, 26; Hallfreðarsaga Kap. +6. Flateyjarbók 1, 320 beschreibt das Thorsbild im drontheimischen +Haupttempel also: Thor sass in der Mitte als der meist geehrte. Er war +gross und ganz mit Gold und Silber geschmückt. Thor sass im Wagen, +der war sehr prächtig. Zwei wol gebildete Böcke aus Holz waren davor +gespannt. Wagen und Böcke gingen auf Rädern. Die Hörner der Böcke +waren mit Silber überzogen. Alles war mit wunderbarer Geschicklichkeit +gemacht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_236_236" href="#FNanchor_236_236" class="label">[236]</a> Über die Personen- und Ortsnamen, die aus Götternamen +gebildet wurden, Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro +S. 38 ff.; für Schweden Lundgren, språklig intyg om hednisk gudatro i +Sverige, Göteborg 1878; für Norwegen O. Rygh in Munchs norröne gude-ok +heltesagn, ny udgave Christiania 1880. Selbst in der Normandie sind +noch heute 10 <i>Turville</i> und 2 <i>Freville</i> d. h. Thorstad und +Freystad nachzuweisen, Petersen a. a. O. 47 nach dem itinéraire de la +Normandie, Caen 1828. Die Häufigkeit der Anwendung von Thor und Freyr +steht da etwa im selben Verhältniss wie auf Island.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_237_237" href="#FNanchor_237_237" class="label">[237]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4, 7 und 10; Landnáma II Kap. +12. Vgl. Maurer, die Entstehung des isl. Staates S. 211 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_238_238" href="#FNanchor_238_238" class="label">[238]</a> Landnáma III K. 12.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_239_239" href="#FNanchor_239_239" class="label">[239]</a> Landnáma III K. 7.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_240_240" href="#FNanchor_240_240" class="label">[240]</a> Landnáma V K. 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_241_241" href="#FNanchor_241_241" class="label">[241]</a> Vígaglúmssaga K. 9.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_242_242" href="#FNanchor_242_242" class="label">[242]</a> Olafssaga Tryggvasonar des Oddr K. 69; jüngere Saga K. +252, 253, 255.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_243_243" href="#FNanchor_243_243" class="label">[243]</a> Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II, 2 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_244_244" href="#FNanchor_244_244" class="label">[244]</a> Hym. 11 <i>vinr verliþa</i>, <i>Veorr heiter sá. +véorr</i> erklärt Noreen, Arkiv f. nordisk filologi 6, 306 ff., an. +Grammatik<sup>2</sup> §127 aus *<i>vé-vǫrđr</i> Wächter des Heiligtums. Nach +Kögel, Gesch. d. deutschen Litteratur I, 1, 17 stammt <i>Véorr</i> +aus urgerm. <i>Wihuȥ</i> der Kämpfer. Donar ist der erste Held +(<i>Hercules primus fortium virorum</i>); vgl. S. 244 Anm. 1. Die +folgende Darstellung hauptsächlich nach Petersen a. a. O. 50 ff. Auf +dem Virringstein in Jütland stehen die Worte ÞUR UIKI ÞISI KUML, auf +dem Glavendrupstein in Fühnen ÞUR UIKI ÞASI RUNAR. Abbildungen der +Hämmer Petersen 52, 53, 54; vgl. auch 75, 76, 78 kleine Hämmer als +Schmuckgegenstände.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_245_245" href="#FNanchor_245_245" class="label">[245]</a> Þrymsk. 30; dem Gebrauch des Hammers zur Brautweihe +kommt nach E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 212/3 nicht rechtliche, vielmehr +phallische Bedeutung zu.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_246_246" href="#FNanchor_246_246" class="label">[246]</a> Bósa Kap. 12.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_247_247" href="#FNanchor_247_247" class="label">[247]</a> Faye, norske folkesagn, Christiania 1844, S. 3.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_248_248" href="#FNanchor_248_248" class="label">[248]</a> Hákonarsaga góða K. 18.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_249_249" href="#FNanchor_249_249" class="label">[249]</a> Saxo XIII S. 236 <i>inusitati ponderis malleos, quos +ioviales vocabant ... prisca virorum religione cultos ... cupiens +enim antiquitas tonitruorum causas usitata, rerum similitudine +comprehendere, malleos, quibus coeli fragores cieri credebat, ingenti +aere complexa fuerat.</i> Weihe des Holzstosses Gylfag. K. 49.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_250_250" href="#FNanchor_250_250" class="label">[250]</a> Hammerwurf im deutschen Recht J. Grimm, Rechtsaltertümer +S. 64.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_251_251" href="#FNanchor_251_251" class="label">[251]</a> Über den Thorsdag als Gerichtstag Petersen, Gudedyrkelse +67 ff.; auch in Deutschland haften heilige Bräuche am Donnerstag, +Grimm, Deutsches Wörterb. 2, 1252; H. E. Meyer, Myth. § 291. In der +Vígaglúmssaga Kap. 25 legt Glúmr einen feierlichen Reinigungseid ab: +<i>vinn ek hofseiđ; at baugi ok segi ek þat æsi.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_252_252" href="#FNanchor_252_252" class="label">[252]</a> Der Name Þormóðr wird Asmóðr gleich gesetzt Landináma 5, +10 S. 307.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_253_253" href="#FNanchor_253_253" class="label">[253]</a> Dudo, <i>de moribus et actis Normannorum</i> I, 1 (in +den mémoires de la société des antiquaires de Normandie Band 23, +1858, S. 129 f.) <i>in expletione suarum expulsionum atque exituum +sacrificabant olim venerantes Thur, deum suum. cui non aliquod +pecudum neque pecorum, nec Liberi patris nec Cereris litantes donum, +sed sanguinem mactabant humanam, holocaustorum omnium putantes +pretiosissimum; eo quod, sacerdote sortilego praedestinante, iugo boum +una vice diriter icebantur in capite; collisoque unicuique singulari +ictu sorte electo cerebro, sternebatur in tellure, perquirebaturque +levorsum fibra cordis, scilicet vena. cuius exhausto sanguine ex more +suo sua suorumque capita linientes, librabant celeriter navium carbasa +ventis, illosque tali negotio putantes placare, velociter navium +insurgebant remis</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_254_254" href="#FNanchor_254_254" class="label">[254]</a> Roman de Rou hrsg. von Andresen Bd. II 3915</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>De sa gent ou il ert enmie,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>poinst le cheual, criant „Toirie“</i>.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Ob man, wie es früher geschah, in dem hs. <i>Cuire Tuirie</i> eine +Verderbniss des Schlachtrufes <i>„Tur aie“</i> annehmen darf, ist +zweifelhaft. Andresen versteht darunter einen Ortsnamen Thury.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Un deu soleient aurer</i>, Bd. I 192</div> + <div class="verse indent0"><i>qu’il soleient Tur(c) apeler;</i></div> + <div class="verse indent0"><i>mult l’amoent, mult s’i fioent,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>humes uis li sacrefioent,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>del sanc de l’ume s’arosoent.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Stelle ist aus Dudo entnommen.</p> + +<p>Über den bösen Geist <i>Toret</i> Bd. II 4591 ff.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Plusors distrent por uerite,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>que un diable aueit priue,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>ne sai s’esteit luitun ou non,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>ne quel iert ne de quel façon.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>Toret se faiseit apeler</i></div> + <div class="verse indent0"><i>e Toret se faiseit nomer.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>quant Maugier parler i uoleit,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>Toret apelout si ueneit;</i></div> + <div class="verse indent0"><i>plusors le poeient oir,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>mais nul d’els nel poeit choisir.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Maugier kommt durch Ertrinken ums Leben. Seinen Tod weiss er voraus. +Offenbar liegt eine alte Sage zu Grund, die von einem Verkehr zwischen +Thor und einem seiner Freunde erzählte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_255_255" href="#FNanchor_255_255" class="label">[255]</a> Jüngere Olafssaga helga K. 72.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_256_256" href="#FNanchor_256_256" class="label">[256]</a> Olafssaga Tryggvasonar, Flateyjarbók 1, 283.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_257_257" href="#FNanchor_257_257" class="label">[257]</a> Olafssaga helga, Flateyjarbók 2, 184.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_258_258" href="#FNanchor_258_258" class="label">[258]</a> Ältere Olafssaga helga K. 33–8; jüngere Olafssaga K. +107–8.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_259_259" href="#FNanchor_259_259" class="label">[259]</a> Adam von Bremen 4, 26 sagt vom Uppsalatempel: <i>in +hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum +veneratur populus, ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium +habeat triclinio, hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. quorum +significationes eiusmodi sunt: Thor, inquiunt, praesidet in aere, qui +tonitrus et fulmina, ventos imbresque, serena et fruges gubernat. alter +Wodan, id est furor, bella gerit, hominique ministrat virtutem contra +inimicos. tertius est Fricco, pacem voluptatemque largiens mortalibus. +cuius etiam simulacrum fingunt ingenti priapo. Wodanem vero sculpunt +armatum, sicut nostri Martem sculpere solent. Thor autem cum sceptro +Iovem simulare videtur. 4, 27 si pestis et famis imminet, Thor ydolo +lybatur, si bellum Wodani, si nuptiae celebrandae sunt, Fricconi.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_260_260" href="#FNanchor_260_260" class="label">[260]</a> Eiríks saga rauđa K. 13; Þorfinns saga Karlsefnis K. 14.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_261_261" href="#FNanchor_261_261" class="label">[261]</a> Hárbarþsljóþ; die mythologische Erklärung Uhlands +(Schriften 6, 52 ff.) ist bei diesem Lied ganz verfehlt. Es hebt sich +auf sozialem Hintergrund ab, vgl. Liliencron, ZfdA. 10, 180 ff.; +Niedner, ZfdA. 31, 217 ff. Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 148 +ff.; aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1888, 139 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_262_262" href="#FNanchor_262_262" class="label">[262]</a> Grímn. 29.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_263_263" href="#FNanchor_263_263" class="label">[263]</a> Gautrekssaga in den Fornaldur sögur III 32 ff.; die Sage +in ihrer überlieferten Fassung ist jung und gehört wol ins 14. Jahrh., +aber Starkads Geschichte ist alt und vermutlich auch der Zug, dass er +in Odins Gunst, in Thors Abgunst stand. Über Starkads Reckentum Uhland, +Schriften 6, 101 ff.; 7, 242 ff. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, +301 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_264_264" href="#FNanchor_264_264" class="label">[264]</a> Flóamannasaga Kap. 20 u. 21.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_265_265" href="#FNanchor_265_265" class="label">[265]</a> Jüngere Olafssaga Tryggvasonar K. 145–146; K. 148.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_266_266" href="#FNanchor_266_266" class="label">[266]</a> Njálssaga K. 102.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_267_267" href="#FNanchor_267_267" class="label">[267]</a> Jüngere Olafssaga K. 203.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_268_268" href="#FNanchor_268_268" class="label">[268]</a> Finn Magnusen, Lexicon myth. S. 651 Anm. <i>Var ikke +Torden, lagde Trolde verden öde</i>.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Var ei Torden og haarde stöd</i></div> + <div class="verse indent0"><i>da lagde Trolde verden öd.</i></div> + </div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_269_269" href="#FNanchor_269_269" class="label">[269]</a> Ausführliche Olafssaga Tryggvasonar K. 213 +(Fornmannasögur 2, 182).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_270_270" href="#FNanchor_270_270" class="label">[270]</a> <i>Bilskirnir</i>, der einen Augenblick (<i>bil</i>) +leuchtende (<i>skirnir</i>), der Blitz. Thor hiess als Gewittergott +Herr des Blitzes, <i>gramr</i>, <i>stýrandi bilskirnis</i> vgl. SE. +I 252, 256; <i>bilskirnir</i> später als Eigenname gefasst ergab aus +der erwähnten Verwendung „Bilskirnirs Beherrscher“ leicht örtlichen +Begriff; vgl. Noreen, fornnordisk religion S. 6.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_271_271" href="#FNanchor_271_271" class="label">[271]</a> Über Sif Hárb. 48; Lokas. 53, 54; Skáldsk. Kap. 3. +Uhlands Auslegung (Schriften 6, 45): „Sif die schönhaarige Göttin ist +das Getreidefeld, dessen goldener Schmuck im Spätsommer abgeschnitten, +dann aber von unsichtbar wirkenden Erdgeistern wieder neu gewoben +wird“ — ist nicht begründet. Zu Sifs Haar vgl. den Pflanzennamen +(adiantum) <i>capillus Veneris</i>, Frauenhaar, Marienhaar bei J. +Grimm, Myth. 280; Blaas, Germania 23, 155 ff. Zur oben vorgetragenen +Ansicht E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 204; Noreen, fornnordisk religion +S. 6. Dass Sif Snorra Edda I 585 unter den Namen der Jord steht, darf +nicht zu so weitgehenden mythologischen Deutungen missbraucht werden. +Einmal Fagrskinna 65, 1 heisst eine Riesin Sif. In der neuisländischen +Volkssage (Jón Árnason, Þjoðsögur íslenzkar I 216) ist Sifa ein +Trollenweib. Schwerlich gehört die Riesin irgendwie zu Thors Frau. +Dass Sif in die Zeit der späteren, allegorischen Namengebung falle und +keine Verehrung beim norwegischen Volke genoss, sagt auch Mogk, Das +angebliche Sifbild im Tempel zu Gudbrandsdalir, Beiträge 14, 90 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_272_272" href="#FNanchor_272_272" class="label">[272]</a> <i>Magna faþer</i> Hárb. 9, 53; vgl. Skáldsk. Kap. 1; +Vafþr. 51; Hym. 35 <i>faþer Móþa. Meili</i> Hárb. 9 und beim Skald +Thjodolf in der Haustlong (SE. I 278).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_273_273" href="#FNanchor_273_273" class="label">[273]</a> Jǫrþ Gylfag. Kap. 9 und 36; Fjǫrgyn Vǫl. 56; Hárb. 56; +Fjǫrgynn als Beiname Odins Lokas. 26; Gylfag. Kap. 9. Zu Grunde liegt +ein german. Adj. <i>*ferguniaȥ</i>, <i>*ferguniô</i> zu <i>*fergu-</i>, +idg. <i>perqunios</i> zu <i>perqu-</i>, lat. <i>quercus</i>. Vgl. aind. +<i>Parjanya</i>; kelt. erkunia, griech. ἑρκύνιος δρυμός der Eichwald. +Gemeint ist die Gottheit, die im Eichwald haust, im Eichwald verehrt +wird. Man denke an die Donarseichen und an Ζεὺς φηγοναῖος. Himmel und +Erde, das uralte Götterpaar, bei den Germanen im Eichwald verehrt, ist +mit den im Nordischen erhaltenen Beinamen gemeint. Thor als Sohn der +Erde dürfte jüngeren Ursprungs sein und ist erst nach der Lostrennung +von Tiuȥ möglich. Vgl. H. Hirt, Indogerm. Forschungen I 479 ff. Dass +Hlóþyn Vǫl. 55 nicht Thors, sondern Widars Mutter ist, behauptet +Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_274_274" href="#FNanchor_274_274" class="label">[274]</a> Hym. 11 <i>vinr verliþa</i>; 18 <i>brjótr +bergdana</i>; 19 <i>þurs ràþbane</i>; 14 <i>gýgjar grøtir</i>; 23 +<i>orms einbane</i>; in der <i>Húsdrápa banda vinr</i>, bei Egill +<i>landáss</i>; weiteres sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus II 464.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_275_275" href="#FNanchor_275_275" class="label">[275]</a> Saxo II S. 71 Regnerus sagt: <i>se, Thor deo excepto, +nullam monstrigenae virtutis potentiam expavere, cujus virium +magnitudini nihil humanarum divinarumque rerum digna possit aequalitate +conferri</i>. Der Sinn ist: Regner sei ebenso unerschrocken gegen +alle dämonischen Wesen wie der unvergleichliche Thor. Saxo III S. 118 +Othinus und Thoro helfen dem Balderus im Kampf gegen Hötherus. <i>Thoro +inusitato clavae libratu cuncta clypeorum obstacula lacerabat</i>. +Nichts konnte ihm widerstehen: <i>ni Hötherus, inclinata suorum acie +celerius advolans, clavam praeciso manubrio inutilem reddidisset. quo +telo defecti divi subitam dedere fugam</i>. Saxo VI S. 274 <i>tradunt +enim quidam, quod a gigantibus editus [Starcatherus] monstruosi +generis habitum inusitata manuum numerositate prodiderit, asseruntque, +Thor deum quatuor ex his, affluentis naturae vitio procreatas, +elisis nervorum compagibus avulsisse, atque ab integritate corporis +prodigiales digitorum eruisse complexus, ita ut, duabus tantum +relictis, corpus, quod ante in giganteae granditatis statum effluxerat +ejusque formam informi membrorum multitudine repraesentabat, postmodum +meliore castigatum simulacro brevitatis humanae modulo caperetur</i>. +Hieran schliesst Saxo eine Auseinandersetzung des Inhalts, die Götter +seien Menschen mit Zauberkunst begabt gewesen. Zur interpretatio +romana: <i>ea enim, quae apud nostros Thor vel Othini dies dicitur, +apud illos Jovis vel Mercurii feria nuncupatur</i>. Saxo VII S. 324 +dem Haldanus hilft im Kampf gegen die Schweden ein mächtiger Kämpe, +dessen Hilfe Haldanus anrief: <i>accito Thorone</i>, etwa im Nordischen +<i>hann hét á þór</i>. Der wälzt einen zermalmenden Felsblock auf +die Schweden. Ursprünglich war natürlich vom Gott die Rede, der als +Urheber der Bergstürze gilt; vgl. Uhland, Schriften 6, 114. <i>ob cujus +facti virtutem [Haldanus] Bierggrami cognomen accepit, quod vocabulum +ex montium et feritatis nuncupatione compactum videtur. igitur apud +Sveones tantus haberi coepit, ut magni Thor filius existimatus, divinis +a populo honoribus donaretur ac publico dignus libamine censeretur</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_276_276" href="#FNanchor_276_276" class="label">[276]</a> Þrymskvilþa; die daraus hervorgegangene Volksdichtung +<i>Tord af Havsgard</i> in Sv. Grundtvigs Danmarks gamle folkeviser +Bd. I Nr. 1; dazu Bd. IV, 580 ff.; vgl. Uhland, Schriften 6, 57 ff. +Versuch einer Auslegung; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, +159 ff. Der Name des Riesen ist vom Hauptwort <i>þrymr</i>, Getöse +genommen. Ausserhalb des Liedes begegnet der Riese Þrymr nur in den +Verzeichnissen von Jotunnamen SE. I 549; II 470, 553, 615. Auch in +norwegischer Volkssage findet sich eine Erinnerung an den Raub des +Hammers, Faye, norske folkesagn S. 3 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_277_277" href="#FNanchor_277_277" class="label">[277]</a> Haustlǫng des Skald Thjodolf; Skáldsk. Kap. 1. Zur +Auslegung Uhland, Schriften 6, 27 ff.; H. E. Meyer, Myth. 148; +Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde I<sup>2</sup> 32 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_278_278" href="#FNanchor_278_278" class="label">[278]</a> Hym. 16; Hárb. 14, 15; Lokas. 61; Grottasǫngr 9; bei +Bragi SE. I 256.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_279_279" href="#FNanchor_279_279" class="label">[279]</a> Gylfaginning Kap. 48; Ulf Uggason und Eystein Valdason +im corpus II 24 und 26. Weitere Skaldenstellen sammelt Finn Magnusen im +Lex. myth. 187 f.; 208. Das Angeln des Wurms beziehen Bugge, Studien +S. 11 und E. H. Meyer, Myth. 145, ferner Bröndsted in der norsk +historisk tidskrift II 3, 1882 S. 21 ff. und Bang ebenda S. 222 ff. auf +den Leviathan. Über den Fang des Leviathan vgl. Diemer, Beiträge zur +älteren deutschen Sprache und Litteratur, 4. Teil, Wien 1867 S. 45 ff.; +R. Köhler, Germania 13, 158 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_280_280" href="#FNanchor_280_280" class="label">[280]</a> Hymiskviþa; über ihre Entstehung aus willkürlicher +Verknüpfung verschiedenartiger Sagen Finnur Jónsson, litteraturs +historie 1, 153 ff. Uhlands Auslegung (Schriften 6, 90 ff.) scheitert +schon daran, dass die Verbindung der Mythen für alt und ursprünglich +erachtet wird. Zur Erklärung aus dem Märchen Bugge, Studien 26.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_281_281" href="#FNanchor_281_281" class="label">[281]</a> Gylfag. Kap. 42; Vol. 25 und 26. Zur Volkssage Grimm, +Myth. 514 ff.; 3, 158; Simrock, Myth. 55 ff.; Bugge, Studien 269 ff. +Vgl. oben S. 166 Anm. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_282_282" href="#FNanchor_282_282" class="label">[282]</a> Eilifs þorsdrápa; Skáldsk. Kap. 2; Uhland, Schriften 6, +77 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_283_283" href="#FNanchor_283_283" class="label">[283]</a> Hym. 37, 38; Gylfag. Kap. 44; zur Wiederbelebung +Wolf, Beiträge z. deutschen Myth. I 88 ff. <i>post coenam sanctus +Germanus omnia ossa vituli super pellem vituli componi fecit et ad +ejus orationem vitulus sine mora surrexit.</i> Bei einem Hexenmahl zu +Ferrara wird ein Ochse verzehrt. Dann befiehlt die domina: <i>congeri +jubet ossa omnia mortui bovis super corium ejus extensum ipsumque per +quatuor partes super ossa revolvens virgaque percutiens, vivum bovem +reddit.</i> Weiteres bei Zingerle, Tiroler Sagen Nr. 14, 15, 586, 587, +725; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 240; Mannhardt, Baumkultus der Germanen S. 116. +Thjalfi ist wahrscheinlich mit Thielvar, dem Entdecker und Besiedler +Gutlands eins; Uhland, Schriften 6, 35 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_284_284" href="#FNanchor_284_284" class="label">[284]</a> Gylfaginning Kap. 45–47; auf das Abenteuer mit Skrymir +spielen Hárb. 26, Lokas. 60 und 62 an. Im übrigen wird nichts davon +erwähnt. Skrymir steht nur noch unter den Riesennamen der Snorra Edda.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_285_285" href="#FNanchor_285_285" class="label">[285]</a> Saxo VIII S. 426 <i>procedentes perfractam scopuli +partem nec procul in editiore quodam suggestu senem pertuso corpore +discissae rupis plagae adversum residere conspiciunt. praeterea +foeminas tres corporeis oneratas strumis ac veluti dorsi firmitate +defectas junctos occupasse discubitus. cupientes cognoscere socios +Thorkillus, qui probe rerum causas noverat, docet, Thor divum gigantea +quondam insolentia lacessitum per obluctantis Geruthi praecordia +torridam egisse chalybem, eademque ulterius lapsa, convulsi montis +latera pertudisse; foeminas vero vi fulminum tactas infracti corporis +damno ejusdem numinis attentati poenas pependisse firmabat</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_286_286" href="#FNanchor_286_286" class="label">[286]</a> Saxo VIII S. 431 <i>qua [aqua] transita paulo +devexiorem situ speluncam aggreditur. ex qua item atrum obscoenumque +conclave visentibus aperitur. intra quod Ugarthilocus manus pedesque +immensis catenarum molibus oneratus aspicitur; cujus olentes pili tam +magnitudine quam rigore corneas aequaverant hastas</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_287_287" href="#FNanchor_287_287" class="label">[287]</a> Über Trollebotn, das von Unholden erfüllte Nordmeer +zwischen Bjarmland und Grönland vgl. Grönlands historiske mindesmaerker +3, 212; monumenta hist. norv. 76; Storm, arkiv f. nordisk filologi 7, +345. Den Typus der spätern Sage von der Fahrt in die Trollengründe +zeigt am besten die norwegische Ballade bei Landstad, norske folkeviser +Nr. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_288_288" href="#FNanchor_288_288" class="label">[288]</a> Über das Aussehen des Trollenheims und der Hölle E. H. +Meyer, German. Myth. § 205, 210, 234. Über den gefesselten Teufel, +Grimm, Myth. 963; 3, 297. Loki ist Lucifer in schmucker Gestalt, +Utgardloki der hässliche Teufel, Bugge, Studien 79.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_289_289" href="#FNanchor_289_289" class="label">[289]</a> Die Gudmundsage in der Saga von Thorstein boejarmagn +(Fornmannasögur III 174 ff.) und im Þáttr von Helgi Thorrisson (Fms. +III 135); vgl. noch Hervararsaga Kap. 1. Die Thorsteinssaga, die +auch vom Besuch bei Geirröd weiss, ist überhaupt ein märchenhafter +Ausläufer der Thorsmythen, ähnlich wie Saxos Thorkilgeschichte. Zur +Sage vgl. P. E. Müller, <i>notae uberiores</i> zu Saxo I 245 ff.; +Maurer, Bekehrung 1, 330; Uhland, Schriften 3, 38 ff.; 8, 110; Simrock, +Myth.<sup>5</sup> 259; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 116 und 118; Heinzel, Wiener +Sitzungsberichte 1885, Band 109, S. 697 ff.; Bugge, Arkiv f. nordisk +filologi 5, 26.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_290_290" href="#FNanchor_290_290" class="label">[290]</a> So Hárb. 19 und Bragi SE. 1, 318, 2 gegen Bragar. 2. +Thrivaldi SE. 1, 256; Leikn SE. 1, 259. Thorbjorn Dísarskald SE. 1, +260. Auf ähnliche Kämpfe mit Riesen und Riesinnen spielen die Hárb. 20, +29, 37, 39 an.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_291_291" href="#FNanchor_291_291" class="label">[291]</a> Die Namen mit Erklärungsversuchen bei Finn Magnusen, +Lex. myth. 636 f. Vgl. SE. 1, 252 ff.; 553; 555. SE. 1, 252 <i>fóstri +Víngnis ok Hlóru</i>. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II +464 stellt skaldische Umschreibungen Thors zusammen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_292_292" href="#FNanchor_292_292" class="label">[292]</a> Alvismál; Uhland, Schriften 6, 46 ff.; Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1,165 ff. In Bragis Ragnars drápa heisst der Schild +„<i>ilja blaþ þjófs þrúþar</i>“ Fuss-Sohlenblatt des Diebs der Thrud, +weil Hrungnir den Schild unter die Füsse wirft; vgl. Gering, kvæþabrot +Braga ens gamla, Halle 1886, S. 15.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_293_293" href="#FNanchor_293_293" class="label">[293]</a> Tord af Havsgard, Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser +I 1 ff. Die Sage von Urebö bei Faye, norske sagn 3 ff. Schwedische +Thorssagen in ziemlicher Anzahl führt Lundgren, språkliga intyg om +hednisk gudatro i Sverige S. 41 ff. an. Das meiste findet sich bei +Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne, Stockholm 1864.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_294_294" href="#FNanchor_294_294" class="label">[294]</a> Der Ausdruck ist zuerst aus dem 12. Jahrh. zu belegen, +in des Pfaffen Konrad Rolandslied S. 204, 16 heisst Pharaos vom Meer +verschlungenes Heer <i>sîn ƕôtigeȥ her</i>; in Konrads von Heimesfurt +„<i>Urstende</i>“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. werden die +Juden, welche den Heiland überfallen, <i>daȥ ƕuetunde her</i> genannt. +Im Moritz von Craon 1563 und in Strickers Karl 6810 steht <i>daȥ +ƕüetende her</i>. Michel Behaim im Gedicht von den Wienern 176, 5 +redet von „<i>schreien und ƕufen als ob es ƕer das ƕutend her</i>“. +Zingerle, Findlinge 2, 128 „<i>des tûvels ƕûtendeȥ her</i>“. Im Gedicht +von Heinrich dem Löwen nach der Handschrift von 1474 (Massmann, Denkm. +deutscher Spr. u. Litt. S. 132) heisst es: „<i>da qƕam er under das +ƕoden her, da die bösen geiste ir ƕonung han</i>.“ Bei Geiler von +Kaisersberg wird das <i>ƕütede</i> oder <i>ƕütische</i> heer (Omeiss 36 +ff.), bei Hans Sachs I, III, 696 <i>das ƕüetend her</i> erwähnt. Bei v. +d. Hagen Gesamtabenteuer Nr. 55, 1290 begegnet die Beschwörung:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>bî deus salter ich dich sƕer</i></div> + <div class="verse indent0"><i>und bî ƕutungis her.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Also darf die Bezeichnung wütiges, wütisches oder wütendes Heer als +ziemlich alt erachtet werden. <i>ƕoden her</i>, <i>ƕutungis her</i> +sind nur abgeschliffene participia praesentis vgl. Weinhold, Mhd. +Grammatik § 219 und 401 und dürfen nicht persönlich im Sinne von +Eigennamen ausgelegt werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_295_295" href="#FNanchor_295_295" class="label">[295]</a> Auf schwäbisch-alemannischem Gebiet begegnet das +<i>Wuetes</i> oder <i>Muotesheer</i>, auch schlechthin <i>’s Wuetes</i> +genannt; vgl. E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 103 ff.; Birlinger, +Volkstümliches aus Schwaben 1, 89 ff.; <i>Wuetes heer</i> auch in +Bayern, Panzer, Bayer. Sagen 2, 67; Schmeller, Wb. 2, 1056; <i>Wotn</i> +mit Frau Holke in Östreich, Vernaleken, Mythen und Bräuche in Östreich +23 ff. <i>Wudesheer</i> in der Eifel, Wolfs Zeitschrift f. Myth. +1, 316. Die nds. Sagen vom <i>Wode</i> bei Müllenhoff, Sagen der +Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg 372 ff.; Bartsch, Sagen +aus Mecklenburg 1, 3 ff. Alle norddeutschen Sagen zusammenfassend +bespricht W. Schwartz, Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum, +2. Aufl. Berlin 1862. In Schweden heisst es beim Sturm: <i>det är Odens +jagt</i>, <i>Oden far förbi</i>, <i>Oden jagar</i>. Der Volksglaube +kennt auch <i>Odens</i> Pferd und Hunde; vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend +och Wirdarne S. 214 ff.; Lundgren, språkliga intyg om gudatro i Sverige +S. 29 ff. Das älteste Zeugniss steht im Reinfried von Braunschweig um +1300 (Bartsch’s Ausgabe 479), wo es von einer Ritterschaar heisst, +sie fuhr <i>„rûschent sam daz Wuotes her“</i>. Aus dem Anfang des +16. Jahrh. bietet die Zimmersche Chronik (Baracks Ausgabe 4, 787ᵃ) +<i>„Wuotes her“</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_296_296" href="#FNanchor_296_296" class="label">[296]</a> Got. <i>ƕôds</i>, wütend, besessen; an. <i>óđr</i> +wütend; ags. <i>ƕôd</i>, toll, wütend; ahd. <i>ƕuot</i> (Otfrid I +19, 18 <i>gote-ƕuoto</i>, der Wüterich, von Herodes). <i>Wôd</i> als +Eigenname des Thüringerkönigs steht im ags. Gedicht Wîdsîð 30.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_297_297" href="#FNanchor_297_297" class="label">[297]</a> Die Sagen von Hakelberg oder Hakelbernd bei Kuhn und +Schwartz, Norddeutsche Sagen Nr. 203, 265, 281. Kuhn, Märkische Sagen +S. 23. P. Zimmermann, Die Sage von Hackelberg, dem wilden Jäger, in +der Zeitschrift des Harzvereins 12, 1879, 1 ff. <i>halcolberand</i>, +Mantelträger als altsächsischen Beinamen des Wode erklärt J. Grimm, +Myth. 875.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_298_298" href="#FNanchor_298_298" class="label">[298]</a> Die schwäbische Sage kennt das Gespenst als +Schimmelreiter, Breit-, Lang-, Schlapphut, E. Meier, Sagen aus Schwaben +1, 93, 99.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_299_299" href="#FNanchor_299_299" class="label">[299]</a> Hákonarsaga Sverrissonar Kap. 20 (Fornmanna sögur 9, +55); zum Rodensteiner, Uhland, Schriften 7, 609. Vgl. auch Zingerle, +Tiroler Sagen Nr. 5.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_300_300" href="#FNanchor_300_300" class="label">[300]</a> Von deutschen Sagen gehören hierher die Geschichten +von Heinrich dem Löwen, Reinfried von Braunschweig, vom Möringer, von +Thedel von Walmoden u. dgl. Simrock, Myth.<sup>5</sup> 179 ff. Die Haddingsage bei +Saxo 1, 12 ff. Der Anruf, der im Lübecker Schwerttanzspiel noch im 16. +Jahrh. begegnet: <i>hellige Wode, nû lên mi dîn pêrd!</i> weist auf den +Glauben, dass der Wode seine Günstlinge aufs Pferd nimmt. Müllenhoff, +ZfdA. 20, 13.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_301_301" href="#FNanchor_301_301" class="label">[301]</a> Die wilde Jagd auf ein Weib E. H. Meyer S. 247. Der Wode +als Verfolger der Frauen bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein +und Lauenburg Nr. 500; Bartsch, Sagen aus Meklenburg 1, S. 7/8, 11/12; +Oden bei Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 215.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_302_302" href="#FNanchor_302_302" class="label">[302]</a> <i>Oþs mey</i> heisst Freyja in Vol. 25; auf das +Liebesverhältniss geht Hyndl. 48 „dem Od liefst du immer sehnsüchtig +nach“. Einar Skulason (SE. I 424) in der ersten Hälfte des 12. Jhs. +nennt Freyja <i>Oþs beþvina</i>, Ods Bettgenossin, die dem Geliebten +nachweint. Sonst ist Od nicht nachzuweisen. Die Sage erwähnt kurz +Gylfaginning Kap. 35.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_303_303" href="#FNanchor_303_303" class="label">[303]</a> Dass die Sage stark umgebildet wurde, vielleicht unter +dem Einfluss der antiken Erzählung von Venus und Adonis (Bugge, +Christiania Morgenbladet vom 16. Aug. 1881), unterliegt kaum einem +Zweifel; vgl. auch H. Falk. aarböger for nordisk oldkyndighed og +historie 1891 S. 275; Weinhold im Mythus vom Wanenkrieg (Berliner +Sitzungsberichte 1890 S. 611 ff.) meint, Odin als wilder Jäger verfolge +die Gullweig-Freyja, die Sonnenfrau. Also auch da wäre mittelbar die +Jagd auf die Frau nachweisbar.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_304_304" href="#FNanchor_304_304" class="label">[304]</a> Chron. Urspergense ad ann. 1123.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_305_305" href="#FNanchor_305_305" class="label">[305]</a> Reginsmǫ́l 18 <i>karl af bjargi</i>; <i>Fjallgautr</i> +SE. 1, 258; <i>Fjallgeiguđr</i> SE. 2, 555.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_306_306" href="#FNanchor_306_306" class="label">[306]</a> Ynglingasaga Kap. 15. Die Strophe des Ynglingatals, +die von Sveigdir erzählt, scheint allerdings eine ganz andere Sage +vorauszusetzen: den Mythus von der hinter dem Berg hinabsinkenden +Sonne, Odins Besuch bei Gunnlod im Berge; vgl. Noreen, Uppsalastudier +200 ff. Aber Snorri geht offenbar von der Vorstellung aus, man komme zu +Odin durch Eintritt in den Schooss der Berge.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_307_307" href="#FNanchor_307_307" class="label">[307]</a> Rietz, svenskt dialekt-lexicon S. 789 <i>Valhall</i>, +Namen einiger Berge, auf denen vorzeiten Felsen zum Herabstürzen +(<i>ättestupor</i>) waren. Ein solcher findet sich in Blekingen +(Hellaryds sokn) nahe der Kirche und nach alter Sage stürzten sich die +Leute in den unterhalb des Berges belegenen <i>Valsee</i> (Totensee), +der jetzt fast ganz vertrocknet ist. Ein solcher Felsen kommt auch +beim Berg Valhall in Vestergötland (Kylingareds sokn) vor; ebenso auf +dem Berg Valhall in Gemshögs sokn. Auf dem Hålleberg in Vestergötland +heisst der Gipfel Valhall und die Sage erzählt, dass die, welche +sich herabstürzten, in einem jetzt überwachsenen Teich, der Odins +Quelle (<i>Ons-källa</i>) hiess, gewaschen wurden. — Die Felsen zum +Herabstürzen begegnen in der jungen Gautrekssaga K. 1 u. 2, wo die +alten Leute sich herunter stürzen, um zu Odin nach Walhall zu fahren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_308_308" href="#FNanchor_308_308" class="label">[308]</a> Walhall als unterirdisches Totenreich fasst Schullerus, +Beiträge 12, 227 u. 258 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_309_309" href="#FNanchor_309_309" class="label">[309]</a> <i>drauga dróttinn</i>, <i>hanga dróttinn</i> Yngl. Kap. +7; bei den Skalden <i>hangatýr</i>, <i>hangaguđ</i>, SE. 1, 84, 230, +232 u. ö. <i>galga valdr</i>, Islendinga sögur 1, 307.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_310_310" href="#FNanchor_310_310" class="label">[310]</a> J. Grimm, Myth. 1, 141 nach Gryse’s 1593 erschienenem +Spegel des antichristischen pawestdoms. <i>„daher denn ok noch +an dissen orden dar heiden gewanet, bi etliken ackerlüden solker +avergelövischer gebruk in anropinge des Woden tor tid der arne gespöret +ƕerd, und ok oft desülve helsche jeger, sonderliken im winter des +nachtes up dem velde, mit sinen jagethunden sik hören let.“</i> Vgl. +auch Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 2, 307. Die weiteren nds. Bräuche +bei Grimm a. a. O. Von diesen Wodeopfern handelt ausführlich aber +unkritisch U. Jahn, Die deutschen Opferbräuche S. 163 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_311_311" href="#FNanchor_311_311" class="label">[311]</a> Den bayer. Brauch des <i>Waude-Opfers</i> verzeichnet +Panzer, Beitrag zur deutschen Myth. 2, 216; J. Grimm, Myth. 3, 59; +<i>Woude</i> für <i>Wuode</i>, ou = uo Weinhold, Bayr. Gr. § 103. +Das <i>Wudfutter</i> U. Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884 S. +165; übers <i>Guetisheer</i> Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau +1, 91. Über das schwed. <i>Odinsopfer</i> J. Grimm, Myth. 1, 140; +Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 212. Was mit Wodan und seinen +Beziehungen zum Ackerbau zusammenhängt, sammelt U. Jahn a. a. O. +besonders S. 163 ff.; nur zieht er allzuviel Unbrauchbares heran z. B. +den <i>„Vergodendeel“</i>, dessen wahre Bedeutung Knoop, Zeijtschr. f. +Volkskunde 3, 41 ff. erkannte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_312_312" href="#FNanchor_312_312" class="label">[312]</a> Ynglingasaga Kap. 8; Lokka táttur 10 bei Hammershaimb, +færöiske kvæder 1, 140.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_313_313" href="#FNanchor_313_313" class="label">[313]</a> Die urgermanische Form des Namens war <i>ƕôdanaȥ</i>, +as. <i>Wôdan</i>, ags. <i>Wóden</i>, anorw. aisl. <i>Oþenn Ođinn</i>, +aschw. <i>Oþan</i>; zu den nordischen Formen Noreen, An. Gr. 1. +Aufl. § 167, 3b; ebenda 2. Aufl. § 228, 1. Über Suffix -<i>ana</i> +Kluge, Nominale Stammbildungslehre § 20, Brugmann, Grundriss 2 § 67, +S. 144. Im Althochdeutschen kommt zwar der Gott selber nicht vor, +aber der Name teils als Appellativum <i>ƕuotan</i>, <i>tyrannus</i>, +<i>herus malus</i> in Glossen, teils als Mannsname <i>Wuotan</i> +in Urkunden; Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 120; 3, 48 ff. Der ahd. +Name ist natürlich vom Gott abgeleitet und zeigt, dass Wodan in der +späteren Zeit des Heidentums auch im Süden nicht unbekannt war. Die +Erklärung des Namens hat vom Begriff „<i>Wut</i>“ auszugehen. J. +Grimm, Myth. 1, 121 schlug vor das Verb. <i>ƕadan ƕôd</i>, an. <i>vađa +óđ</i>, waten, durchdringen. Wôdan sei demnach das allmächtige, +alldurchdringende Wesen, <i>qui omnia permeat</i>. Die Ableitung ist +viel zu geistig. Zimmer, ZfdA. 19, 172, 179 f., Mannhardt, ebenda 22, +4 stellen den indischen Windgott <i>Vâta</i> als Urbild des german. +Wodan auf. Ihnen folgen Mogk und E. H. Meyer. Doch <i>vâta</i> ist +idg. <i>u̯éto</i>, gr. ἀϝήτες Brugmann, Grundriss 2 § 79, S. 210, +eine Nebenform zu <i>u̯ento</i>, Wind, und entspricht lautlich +keineswegs Wodan. Im Anschluss an Zimmers Behauptung zeigt V. Rydberg, +undersökningar i germanisk mythologi 2, 29 ff. das glänzende Bild +des <i>Vàta-Vâyu</i> als Sturm- und Kriegsgott, natürlich um Wodans +Gestalt als indogermanisch zu retten. Man lernt nur, wie sich eine +solche Göttergestalt aus der Naturbeseelung, aus dem persönlich +gedachten Sturm auch anderswo entwickeln kann. Kluge (bei Bradke, +Dyâus Asura, Halle 1885, S. X Anm.) vermutet idg. <i>u̯âtenós</i> +(lat. <i>vates</i>, air. <i>fáith</i>), germ. <i>ƕôdanaȥ</i>, Herr des +Gesanges. Gleich der Deutung J. Grimms nimmt auch die Kluges Wodan in +seiner höchsten und letzten Entwicklung zum Ausgangspunkt, verzichtet +auf die nächstliegende natürliche Anknüpfung und sucht eine künstliche +auf. Das Rechte sah schon Adam von Bremen, wenn er sagt: <i>Wodan id +est furor</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_314_314" href="#FNanchor_314_314" class="label">[314]</a> Die Übersetzung Wodans mit Merkur ist sehr treffend, +da beide Götter einander wesensgleich sind. Merkur ist Windgott und +stürmischer Liebhaber, Seelenführer, Förderer der Fruchtbarkeit, +Gott der Erfindung und Listen u. s. f. Er trägt Hut und Stab, die +Wünschelrute. Vgl. Roscher, Hermes als Windgott, Leipzig 1878, S. 104 +ff. Nur die kriegerische Seite, das Heldentum, gehört Wodan allein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_315_315" href="#FNanchor_315_315" class="label">[315]</a> Tac. Germ. 9 <i>deorum maxime Mercurium colunt, cui +certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent.</i> Ann. 13, +57 im Krieg zwischen Hermunduren und Chatten wird das feindliche +Heer dem Tiuȥ und Wodan zum Opfer geweiht. Im Gespräch zwischen +Chrothild und Chlodowech, wo die heidnischen Götter dem Christengott +gegenübergestellt werden (Gregor Tur. hist. Franc. 2, 29), finden sich +zwar offenbar gelehrte Bezüge auf klassische Mythen; mit Mars und +Merkur können aber auch Tiu und Wodan gemeint sein. Dass Mercurius +die interpretatio romana für Wodan ist, bezeugt ausser <i>dies +Mercurii</i> = <i>Wodans dag</i> Paulus Diaconus I, 9 <i>Wodan sane, +quem adiecta litera Gƕodan dixerunt, ipse est, qui apud Romanos +Mercurius dicitur.</i> Jonas von Bobbio, vita Columbani <i>illi aiunt, +deo suo Wodano, quem Mercurium vocant alii, se velle litare</i>. +In einem alten aus dem 10. Jahrh. stammenden Bücherverzeichniss +von Werlamacester (J. Grimm, Myth. 1, 110) heisst es: <i>coluerunt +Mercurium, Woden anglice appellatum</i>. Bei Galfred von Monmouth lib. +6 sagt Hengist zu Vortigern: <i>ingressi sumus maria, regnum tuum duce +Mercurio petivimus. colimus maxime Mercurium, quem Woden lingua nostra +appellamus. huic veteres nostri dicaverunt quartam septimanae feriam, +quae usque in hodiernum diem nomen Wodenesdai de nomine ipsius sortita +est. post illum colimus deam inter ceteras potentissimam, cui et +dicaverunt sextam feriam, quam de nomine eius Fredai vocamus</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_316_316" href="#FNanchor_316_316" class="label">[316]</a> Über Wodans allmäliges Aufkommen vgl. Müllenhoff, ZfdA. +18, 251; 23, 8; 30, 219.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_317_317" href="#FNanchor_317_317" class="label">[317]</a> Auf einem Weihstein im obern Ahrthal bei Blankenheim +steht</p> + +<p class="center">MERCVRI<br> + CHANNINI</p> + +<p>was Siebs ZfdPh. 24, 1 ff. als <i>Mercurio Channini</i> liest und aus +germanischer Sprache zu deuten sucht. <i>Channini</i> soll Dativ eines +wg. Nom. Sing, <i>χanniê</i> sein, dessen Form ahd. as. <i>*henno</i>, +afries. ags. <i>*henna</i> wäre. Dazu stellt sich der unerklärte mhd. +Ausruf <i>iâ henne</i>! Henne der Teufel bei Agricola; sächs. fries. +<i>henneklêd</i>, Totenkleid. Ob Freund Hein, der Tod, daraus etwa +verderbt ist? χ<i>anni̯ê</i> wäre als Töter zu deuten, der Stein +ist Wodan dem Totengott, dem Seelenführer geweiht. Wodan-Mercurius +zur Zeit des Tacitus war also nach Siebs Totengott. Much, ZfdA. 35, +207 u. Anzeiger 17, 184 stellt <i>hanno</i> zu an. <i>hannarr</i> +geschickt, kunstfertig, griech. κοννεῖν, kennen. Es sei Wodan, der +listenreiche Gott gemeint. Aber der nord. Zwergname <i>Hannarr</i> +ist sehr bedenklich für diese Etymologie. Scherer, Berliner +Sitzungsberichte 1884, 1, 577 dachte an eine Verkürzung: <i>Mercurio +Channini[fatium]</i>, an Wodan der Canninefaten. Alle Deutungen sind +ganz unsicher.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_318_318" href="#FNanchor_318_318" class="label">[318]</a> Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 114 f.; 3, 47. Frühzeitig +bietet sich ags. <i>Wódnes dag</i>; mfries. aus dem 14. Jahrh. zu +belegen, Richthofen, Fries. Wb. 1142, <i>Wonsdeg</i>; die mndl. +Form lautet schon im 13. Jahrh. <i>Woensdach</i>; fürs Niederrhein. +bieten Urkunden des 14/15. Jahrh. <i>Gudestag</i>, <i>Gudenstag</i>. +Ortsnamen mit Wodan bei Grimm, Myth. 1, 138 ff., 3, 58 f.; W. Arnold, +Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 335; +die engl. Namen bei Kemble, the Saxons 1, 343.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_319_319" href="#FNanchor_319_319" class="label">[319]</a> Die um 772 verfasste Taufformel bei Müllenhoff-Scherer, +Denkmäler LI <i>ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum Thunaer +ende Uuôden ende Saxnôte ende allum thêm unholdum thè hira genôtas +sint</i>. Im <i>indiculus superstitionum</i> ist <i>de sacris Mercurii +vel Iovis</i> und <i>de feriis quae faciunt Iovi vel Mercurio</i> die +Rede.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_320_320" href="#FNanchor_320_320" class="label">[320]</a> Jonas von Bobbio, <i>vita Columbani</i>, kurz nach +620 (Mabillon, ann. Bened. 2, 26) <i>sunt etenim inibi vicinae +nationes Suevorum; quo cum moraretur et inter habitatores illius loci +progrederetur, reperit eos sacrificium profanum litare velle, vasque +magnum, quod vulgo cupam vocant, quod viginti et sex modios amplius +minusve capiebat, cerevisia plenum in medio habebant positum. ad quod +vir dei accessit et sciscitatur, quid de illo fieri vellent? illi +aiunt: deo suo Wodano, quem Mercurium vocant alii, se velle litare.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_321_321" href="#FNanchor_321_321" class="label">[321]</a> Alles auf Woden bezügliche stellte Kemble, The Saxons +in England 1,335–46 zusammen. Die ags. Genealogien bei J. Grimm, Myth. +3, 377 ff.; die um 600 geschriebene <i>vita Kentigerni</i> (<i>Acta +sanctorum</i> 1, 820) nennt <i>Woden principalem deum Anglorum</i>. +In den Denksprüchen des Exeterbuchs 133 bei Wülcker. Kleinere ags. +Dichtungen, Halle 1882, S. 48</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Wóden ƕorhte ƕeos, ƕuldor alƕalda</i></div> + <div class="verse indent0"><i>rúme roderas: þæt is ríce god</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>wird Wodan als der, welcher Teuflisches wirkte, dem wahren allwaltenden +Gott, dem Schöpfer der Himmel gegenübergestellt. In <i>ƕeos</i> steckt +jedenfalls <i>ƕóh ƕó</i> (as. <i>ƕáh</i>, got. <i>ƕâhs</i>), Böses. +Übles, denn der ags. Spruch gibt die Psalterstelle <i>omnes dii gentium +daemonia, dominus autem coelos fecit</i>, wieder; Vgl. Strobl, ZfdA. +31, 59; an <i>ƕeo</i> = <i>ƕih</i>, Tempel, Heiligtum, ist nicht zu +denken. Im Neunkräutersegen (Wülcker, a. a. O. 35) werden neun Kräuter +aufgezählt, die gegen Gift wirksam sind. Ein Wurm naht und will sie +zerreissen. Da nahm Woden neun herrliche Zweige und schlug die Natter, +dass sie in acht (Stücke auseinander fiel und) entfloh.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">32 <i>đá genam Wóden VIIII ƕuldortánas</i></div> + <div class="verse indent3"><i>slóh đá đá næddran, đæt heo on VIII tofléah.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Woden ist also auch hier ähnlich wie im Merseburger Zaubersegen im +Besitz kräftigen Zaubers, mit dem er das Böse bannt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_322_322" href="#FNanchor_322_322" class="label">[322]</a> Aethelweard im 10. Jahrh. Chron. lib. II Kap. 2 sagt +von Hengist und Horsa: <i>hi nepotes fuere Uuoddan regis barbarorum, +quem post, infanda dignitate, ut deum honorantes, sacrificium obt +ulerunt pagani, victoriae causa sive virtutis. — — Wothen, qui et rex +multarum gentium, quem pagani nunc ut deum colunt aliqui.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_323_323" href="#FNanchor_323_323" class="label">[323]</a> Die Sage steht in der um 670 entstandenen <i>origo +gentis Langobardorum</i> in <i>MG. leges</i> 4, 641; ausführlicher +erzählt Paulus Diaconus <i>de gestis Langobardorum</i> 1, 7 u. 8; die +Texte auch bei Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der Langobarden, +Paderborn 1877, S. 108 u 118. Die Sage gebe ich nach der Übersetzung +von O. Abel, Paulus Diaconus und die übrigen Geschichtschreiber der +Langobarden, Berlin 1849 S. 1 ff. Vgl. auch Bethmann, Archiv 10, 351 +ff. Die Brüder Grimm gaben die Erzählung in den Deutschen Sagen, Bd. +2, Nr. 390. Dass dem Berichte der lateinischen Quellen unmittelbar ein +stabreimendes langobardisches Lied zu Grunde liegt, erweisen Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 107 ff.; Bruckner, Die +Sprache der Langobarden, Strassburg 1895, S. 19 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_324_324" href="#FNanchor_324_324" class="label">[324]</a> Im Codex Exoniensis wird auf ein Liebesabenteuer +<i>Géats</i> angespielt.</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>We đæt Mæđhilde   monge gefrunon</i></div> + <div class="verse indent0"><i>wurdon grundléase  Géates frige</i></div> + <div class="verse indent0"><i>đæt him séo sorglufu slǽp ealle binom.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Wir vernahmen, dass Géats Liebe zu Mæðhild so bodenlos war, dass ihm +Liebessorge den Schlaf raubte. Wenn Géat, Gautr Beinamen Wodans sind, +dann mag auch diese Sage zu Odins Liebesgeschichten zu zählen sein. +Kemble, The Saxons 1, 370.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_325_325" href="#FNanchor_325_325" class="label">[325]</a> Eine Erklärung der vom Verbum <i>geotan gaut gutum +gotans</i> gebildeten Volksnamen (<i>Gautôs</i> und <i>Gutans +Gotans</i>), in denen der Begriff überströmender Menge (ags. <i>mid +géotendan here</i>) liegt, gab Laistner, Württb. Vierteljahrshefte f. +Landesgesch. N. F. 1892, S. 9/10. Damit verbietet sich die Meinung von +selbst, das Volk sei nach dem Gott benannt; vgl. E. H. Meyer, Myth. +S. 234. Für uralten Zusammenhang der Namen Wodan und Gaut können die +ags. Namen <i>Sigegéat</i> und <i>Wódelgéat</i>, ahd. <i>Wuotilgôȥ</i> +angeführt werden, d. h. Gaut als der sieghafte Wodan. Zur Etymologie +des Volksnamens vgl. noch Axel Erdmann, om folknamen Göter och Goter in +der antiquarisk tidskrift för Sverige 1891, del 11, nr. 4.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_326_326" href="#FNanchor_326_326" class="label">[326]</a> Genaueres über die Walsungensage und Wodans Eingreifen +wird unten bei Behandlung der nordischen Berichte mitgeteilt. Dass +schon Wodan, nicht erst Odin die Geschicke der Helden lenkte, erwies +Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_327_327" href="#FNanchor_327_327" class="label">[327]</a> Im ags. Gespräch zwischen Salomo und Saturn heisst es: +Sag mir, wer zuerst Buchstaben setzte? Ich sage dir, Mercurius der +Riese (<i>se gygand</i>). Ob mit Kemble, The Saxons in England 1, 339 +unter Merkur Wodan zu nehmen ist, ob vom deutschen oder römischen Gott +und seinen Fähigkeiten geredet wird, lässt sich nicht entscheiden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_328_328" href="#FNanchor_328_328" class="label">[328]</a> Vgl. Dahn, Bausteine 1, 1879 Wodan und Donar als +Ausdruck des deutschen Volksgeistes.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_329_329" href="#FNanchor_329_329" class="label">[329]</a> Saxo III S. 129 <i>dii, quibus praecipue apud Byzantium +sedes habebatur, Othinum .... collegio suo submovendum duxerunt</i>. +Saxo I S. 42 <i>ea tempestate cum Othinus quidam Europa tota falso +divinitatis titulo censeretur, apud Upsalam tamen crebriorem diversandi +usum habebat</i>. Die nordischen Könige schicken seine goldene +Bildsäule nach Byzanz. Also schon Saxo weiss von einer Abstammung +des schwedischen Odinkultes aus dem Osten. Snorri erzählt das +Hierhergehörige im Formáli der Edda Kap. 8–11, und in der Ynglingasaga +Kap. 1–5.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_330_330" href="#FNanchor_330_330" class="label">[330]</a> In der ausführlichen Olafssaga helga, Fornmanna sögur +5, 239 <i>Ólafr konungr kristnađi þetta ríki allt: ǫll blót braut hann +niđr ok ǫll gođ, sem pór Engilsmannagođ ok Ođin Saxagođ ok Skjǫld +Skánungagođ ok Frey Sviagođ ok Gođorm Danagođ</i>. In Schonen und +Dänemark werden Könige als Götter aufgeführt. Thor als englischer Gott +ist ein Missverständniss. Vielleicht soll damit der Hauptgott der in +England ansässigen Nordleute gekennzeichnet werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_331_331" href="#FNanchor_331_331" class="label">[331]</a> Vgl. oben im Kapitel über Freyr S. 220 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_332_332" href="#FNanchor_332_332" class="label">[332]</a> <i>Odins vi</i> bei H. Petersen, gudedyrkelse og gudetro +S. 104 ff. Schwedische Odinsplätze verzeichnet Lundgren, språkliga +intyg om hednisk gudatro i Sverige S. 34 ff., norwegische sammelt O. +Rygh in der Neuausgabe von Munch’s norr. gude- og heltesagn, vgl. den +Index.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_333_333" href="#FNanchor_333_333" class="label">[333]</a> Ynglingasaga Kap. 3; darauf bezieht sich auch Lokas. 26, +wenn Loki Frigg vorhält, sie habe als Odins Weib doch Wili und We Gunst +gegönnt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_334_334" href="#FNanchor_334_334" class="label">[334]</a> Saxo III S. 126 ff. Rindr als Mutter Walis wird im Liede +Baldrs draumar 11 erwähnt. Der Skald Kormak (937–976) singt (SE. I, +236) <i>seiþ Yggr til Rindar</i>: Odin bezauberte Rindr, womit offenbar +auf dieselbe Sage, die Saxo kennt, angespielt ist. Ob Hǫ́v. 95–101 mit +Billings Maid, die den liebeverlangenden Gott foppt, Rindr gemeint ist, +lässt sich nicht mit Gewissheit behaupten. Doch ist es wol möglich. +Vgl. Finnur Jónsson, litteraturs historie I, 234. Weitere Vermutung +über das Verhältniss Odins zu Ollerus vgl. im Abschnitt über Ullr.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_335_335" href="#FNanchor_335_335" class="label">[335]</a> Die Sage von Mitothin Saxo I S. 42 ff. Zur Erklärung +von <i>mitoth-inn</i>, aisl. <i>mjǫtuđr-inn</i>, ags. <i>meotod</i>, +and. <i>metod</i> vgl. Munch, det norske folks historie 1, 217; Das +heroische Zeitalter der nord. germ. Völker 30 Anm. 2; unabhängig kam +neuerdings Kauffmann, Beiträge 18, 188 zur selben Erklärung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_336_336" href="#FNanchor_336_336" class="label">[336]</a> Das Schiff Skidbladnir wird sonst allein dem Freyr +zugeschrieben.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_337_337" href="#FNanchor_337_337" class="label">[337]</a> Odins kriegerisches Aussehen nach Gylfag. Kap. 51 +(SE. 1, 190); Gylfag. Kap. 49 (SE. 1, 176); Saxo II S. 106 <i>Othin +armipotens, uno contentus ocello, albo clypeo tectus, flectit equum, +horrendus Friggae maritus</i> vgl. Yggr, der Schreckliche. Adam von +Bremen 4, 26 <i>Wodanem sculpunt armatum sicut nostri Martem sculpere +solent</i>. Odin mit Helm und Schwert Sigrdr. 14; über Gungnir Skáldsk. +Kap. 3; die Sagen über Gungnir stellt A. Raszmann, in Ersch-Grubers +Encyklopädie I. Section, Bd. 97 (1878), S. 281 ff. zusammen. Über +Sleipnir Gylfag. Kap. 42; zur Erklärung des Namens als Läufer, Springer +(*<i>sklæipnir: hlaupa</i>) Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 149, 1; § 256. Odin als +Wanderer wird in den folgenden Sagen, welche sein Eingreifen in die +Geschicke der Menschen zeigen, geschildert. Mantel, Hut, Ross gehören +schon dem deutschen Wodan, wahrscheinlich auch Speer und Helm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_338_338" href="#FNanchor_338_338" class="label">[338]</a> Draupnir findet sich schon bei Kormak, corpus poet. 2, +66. In den Eddaliedern kommt zwar der Name nicht vor, aber Skírn. 21 +bezieht sich deutlich darauf. Über Draupnir Skáldsk. Kap. 3 und Gylfag. +Kap. 49 (nach dem Text des Codex Wormianus und Regius). SE. 1, 260 +heisst Baldr „<i>Draupnis eigandi</i>“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_339_339" href="#FNanchor_339_339" class="label">[339]</a> Ólafssaga Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 28.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_340_340" href="#FNanchor_340_340" class="label">[340]</a> Reginsmǫ́l 20.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_341_341" href="#FNanchor_341_341" class="label">[341]</a> Hákonar saga góða (Heimskringla) Kap. 16 u. 18.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_342_342" href="#FNanchor_342_342" class="label">[342]</a> Die jüngere Olafssaga helga Kap. 101 (Fornmanna sögur 5, +233).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_343_343" href="#FNanchor_343_343" class="label">[343]</a> Skirnesmǫ́l 33</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>reiþr’s þér Óþenn,   reiþr’s þér ása bragr,</i></div> + <div class="verse indent9"><i>þik skal Freyr fiask.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Beim Fluch auf Eirik ruft der Skald Egil Freyr, Njord und den Landas +(Thor) an. Aber auch Odin und alle andern Götter: <i>reiþr sé rǫgn ok +Oþenn</i>. Gudbrand Vigfusson, corpus poet. 2, 72.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_344_344" href="#FNanchor_344_344" class="label">[344]</a> Walhall ist geschildert in den Grimnesmǫ́l; vgl. auch +Vafþrúþnesmǫ́l 41; Gylfag. Kap. 14, 20, 24, 30–41. Bragar. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_345_345" href="#FNanchor_345_345" class="label">[345]</a> Vingolf begegnet nur SE. I 38, 62, 84. Eine Strophe, +wo der sterbende Hadding singt: „Sehen kann ich Fjolnirs Mädchen (die +Walküren), euch hat Odin mir gesandt; gern wollte ich nach Vingolf +folgen und mit den Einherjern Bier trinken“ bei Finn Magnusen, Lex. +Myth. 557. Zur Deutung des Namens „Halle der Liebenden?“ Braune, +Beiträge 14, 369; Finnur Jónsson, arkiv f. nord. filologi 7, 280; +Kaufmann, ZfdA. 36, 32.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_346_346" href="#FNanchor_346_346" class="label">[346]</a> J. Grimm, Myth. 135 Anm. macht auf eine merkwürdige +Ähnlichkeit aufmerksam. Basil und Gregor dem Grossen gab eine weisse +Taube, die auf der Schulter oder auf dem Haupte sass, Worte der +Weisheit ein. Nach einem Kindermärchen (Nr. 33) setzen sich zwei +Tauben auf des Pabstes Schulter und sagen ihm alles ins Ohr, was er +vorzunehmen hat.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_347_347" href="#FNanchor_347_347" class="label">[347]</a> Über Heidrun und Eikthyrnir Bugge, Studien S. 506 ff.; H. +Falk, aarböger for nordisk oldkyndighed og historie, 2. Reihe, 6. Band, +1891, S. 280.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_348_348" href="#FNanchor_348_348" class="label">[348]</a> Nur SE. I 84 Gylfag. Kap. 20 heissen die Einherjer +<i>óskasynir</i>. Lokas. 16 <i>óskmegir</i> geht nicht auf sie; zu der +dunkeln Strophe Bugge, Beiträge 13, 188 ff. Übrigens müsste der Ausdruck +gleich verstanden werden als <i>filius adoptivus</i>, was durch +<i>óskmǫgr</i>, <i>óskasonr</i> übersetzt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_349_349" href="#FNanchor_349_349" class="label">[349]</a> Die Stelle in den Bjarkamǫ́l (Saxo II S. 81)</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent20"><i>en, maxime Rolvo,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>magnates cecidere tui, pia stemmata cessant.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>non humile obscurumque genus, non funera plebis</i></div> + <div class="verse indent0"><i>Pluto rapit vilesque animas, sed fata potentum</i></div> + <div class="verse indent0"><i>implicat et claris complet Phlegethonta figuris —</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>muss wol so in die nordische Mythensprache aus den antiken +Verzierungen umgesetzt werden: O grosser Hrolf, deine Edelinge fielen, +dahingestreckt liegen die treuen Geschlechter. Nicht niederes Volk von +dunkler Herkunft, nicht Leichen des Pöbels und wertlose Seelen rafft +Walvater dahin, der Mächtigen Schicksal verflicht er in der Schlacht, +mit ruhmvollen Helden erfüllt er Walhall. Also tapfere, edelgeborene +Helden versammelt Odin in seinen Saal. Dazu Hárb. 24</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zu Odin kommen die Edlen,   die das Eisen wegrafft,</div> + <div class="verse indent2">Und der Tross der Knechte zu Thor.</div> + </div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_350_350" href="#FNanchor_350_350" class="label">[350]</a> <i>Valmeyjar</i> begegnet nur SE. I, 420. Zur +Schilderung ihrer Erscheinung Vǫl. 31; Helg. Hjǫrv. 28; Helg. Hund. +II 15, 6; ihre Namen Vǫl. 31; Grimn. 36; SE. I 557 wo sie <i>Ođins +meyjar</i> heissen; Njálssaga Kap. 157.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_351_351" href="#FNanchor_351_351" class="label">[351]</a> Gudbrand Vigfusson, corpus poeticum boreale I, 255 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_352_352" href="#FNanchor_352_352" class="label">[352]</a> So Ulf Uggason in der Húsdrápa.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_353_353" href="#FNanchor_353_353" class="label">[353]</a> Prosa nach Helg. Hund. II 37.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_354_354" href="#FNanchor_354_354" class="label">[354]</a> Krákumál 29 corpus poet. II 345.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_355_355" href="#FNanchor_355_355" class="label">[355]</a> Finn Magnusen, Lex. Myth. 557. Auch diese Strophe ist +nicht alt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_356_356" href="#FNanchor_356_356" class="label">[356]</a> Wie Walvater und die <i>óskmegir</i> auf einander +zielen, so auch <i>óskmeyjar</i> und <i>Ođins meyjar</i>, <i>Herjans +nǫnnor</i>. In der Volsungasaga Kap. 1 schickt Odin <i>óskmey sína</i>, +<i>dóttur Hrímnis jǫtuns</i>, seine Adoptivtochter, die leibliche +Tochter Hrímnirs aus. Brynhild, nach nord. Sage Budlis leibliche +Tochter wird <i>óskmær</i>, Oddrúnargrátr 15; auch hier ist zu denken +Wunschtochter Odins.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_357_357" href="#FNanchor_357_357" class="label">[357]</a> Saxo II nach Uhland 7, 202 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_358_358" href="#FNanchor_358_358" class="label">[358]</a> Zeugnisse für die hier erwähnten bewaffneten +Germanenfrauen und für die nordischen Schildjungfrauen sind gesammelt +bei Grolther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der Münchener +Akademie I. Kl. 18. Band, 2. Abth. S. 406 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_359_359" href="#FNanchor_359_359" class="label">[359]</a> <i>Hliđskjalf</i> Thürbank von <i>hliđ</i>, Thüre, Thor +und <i>skjalf</i>, ags. <i>scylfe</i>, mnds. <i>schelf</i>, engl. +<i>shelf</i>. Über Hlidskjalf die Prosaeinleitung zum Grimnirlied, +Gylfag. Kap. 9 und 17.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_360_360" href="#FNanchor_360_360" class="label">[360]</a> Die Halle <i>valhǫll</i> in der Atlakviþa 2 und 15, die +Dingbude Sturlunga IV Kap. 48; V K. 12 und 30.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_361_361" href="#FNanchor_361_361" class="label">[361]</a> Vol. 24.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_362_362" href="#FNanchor_362_362" class="label">[362]</a> Eyrbyggja Kap. 44.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_363_363" href="#FNanchor_363_363" class="label">[363]</a> Styrbjarnar þáttr Kap. 2; Fms. 5, 250.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_364_364" href="#FNanchor_364_364" class="label">[364]</a> Hervararsaga Kap. 28 (Fornaldar sögur 1, 105).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_365_365" href="#FNanchor_365_365" class="label">[365]</a> In der Helgakviþa Hund. II.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_366_366" href="#FNanchor_366_366" class="label">[366]</a> Gautrekssaga Kap. 7 (Fornaldar sögur 3, 31 ff.); nach +Uhland, Schriften 6, 359.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_367_367" href="#FNanchor_367_367" class="label">[367]</a> Hálfssaga Kap. I, Fornaldar sögur 2, 25 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_368_368" href="#FNanchor_368_368" class="label">[368]</a> Jüngere Olafssaga helga Kap. 204.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_369_369" href="#FNanchor_369_369" class="label">[369]</a> Saxo IX S. 446.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_370_370" href="#FNanchor_370_370" class="label">[370]</a> Ynglingasaga Kap. 29.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_371_371" href="#FNanchor_371_371" class="label">[371]</a> Ynglingasaga Kap. 18.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_372_372" href="#FNanchor_372_372" class="label">[372]</a> Ynglingasaga Kap. 47.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_373_373" href="#FNanchor_373_373" class="label">[373]</a> Hromundarsaga Greipssonar Kap. 2; Fornald. s. 2, 366.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_374_374" href="#FNanchor_374_374" class="label">[374]</a> Hervararsaga Kap. 5; Fornald. s. 1, 423.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_375_375" href="#FNanchor_375_375" class="label">[375]</a> Ragnarssaga Kap. 9; Fornald. s. 265.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_376_376" href="#FNanchor_376_376" class="label">[376]</a> Landnáma 5 Kap. 10; Islendinga sögur 1, 307.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_377_377" href="#FNanchor_377_377" class="label">[377]</a> Hálfssaga Kap. 11 u. 13; Fornaldar sögur 2, 39 u. 45.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_378_378" href="#FNanchor_378_378" class="label">[378]</a> Ynglingasaga Kap. 16.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_379_379" href="#FNanchor_379_379" class="label">[379]</a> Ynglingasaga Kap. 52.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_380_380" href="#FNanchor_380_380" class="label">[380]</a> Krákumál 29.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_381_381" href="#FNanchor_381_381" class="label">[381]</a> Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891, +II S. 566 erklärt den Unterschied so: „Was in den dänisch-norwegischen +Vorstellungen von Odins Walhalla ausgesponnen ist, von der vornehmen +Gesellschaft, in welche schöne Schild- und Helmmädchen einführen, ist +jüngeres Erzeugniss der Wikingerzeit. Die Bekenner anderer Kulte als +des Odinkults waren ausgeschlossen; sie wurden der Wanin Freyja oder +dem Bauerngotte Thor überlassen.“ Man muss noch die Hel, Ran, die +Trolle und Elben hinzusetzen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_382_382" href="#FNanchor_382_382" class="label">[382]</a> Lokasenna 22; ähnlich Hárb. 25; der Skald Egill tadelt +im Sonartorrek Odins Willkür und Gewaltherrschaft.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_383_383" href="#FNanchor_383_383" class="label">[383]</a> Gautrekssaga, Fornaldar sögur 3, 17 ff, 32 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_384_384" href="#FNanchor_384_384" class="label">[384]</a> Eingang zum Grimnirliede.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_385_385" href="#FNanchor_385_385" class="label">[385]</a> Vǫlsungasaga Kap. 1 u. 2; über Odins Eingreifen und +dessen Bedeutung Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_386_386" href="#FNanchor_386_386" class="label">[386]</a> Vǫlsungasaga Kap. 3 u. 11.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_387_387" href="#FNanchor_387_387" class="label">[387]</a> Vǫlsungasaga Kap. 12.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_388_388" href="#FNanchor_388_388" class="label">[388]</a> Die Sage von Harald bei Saxo VII u. VIII, S. 361 ff.; +der isländische Bericht im <i>Sögubrot af nokkrum fornkonungum í Dana +ok Svía veldi</i> (Fornaldar sögur 1, 361 ff.). Vgl. Uhland, Schriften +7, 234 ff. Dass Odin Könige und Freunde gegen einander verhetzt, wird +auch Hárb. 24 u. Helg. Hund. II, 33 gesagt. In der späten Erzählung +Sǫrlaþáttr (Fornaldar sögur I S. 391 ff. Flateyjarbók I 275 ff.) +veranlasst Freyja auf Odins Geheiss den Kampf zweier mächtiger Könige, +der in alle Ewigkeit währen soll. Es ist der Hedeninge sagenberühmte +Geisterschlacht. Odins und Freyjas Einmischung scheint aber junge +Erfindung in Nachahmung antiker Sagen. Bugge, Studien 99 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_389_389" href="#FNanchor_389_389" class="label">[389]</a> Saxo V S. 238.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_390_390" href="#FNanchor_390_390" class="label">[390]</a> Reginsmǫ́l.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_391_391" href="#FNanchor_391_391" class="label">[391]</a> Vǫlsungasaga Kap. 13 u. 18.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_392_392" href="#FNanchor_392_392" class="label">[392]</a> Saxo II S. 61.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_393_393" href="#FNanchor_393_393" class="label">[393]</a> Vǫlsungasaga Kap. 18.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_394_394" href="#FNanchor_394_394" class="label">[394]</a> Saxo VIII S. 415.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_395_395" href="#FNanchor_395_395" class="label">[395]</a> Vǫlsungasaga Kap. 42.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_396_396" href="#FNanchor_396_396" class="label">[396]</a> Hrolfssaga Kraka (Fornaldar sögur I) Kap. 38 ff. 47 ff. +Saxo II S. 106. Bjarco fragt Ruta:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Et nunc ille ubi sit, qui vulgo dicitur Othin,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>armipotens, uno semper contentus ocello?</i></div> + <div class="verse indent0"><i>dic mihi, Ruta, precor, usquam si conspicis illum?</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Hierauf lässt ihn Ruta durch den eingestemmten Arm spähen. Bjarco sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Si potero horrendum Friggae spectare maritum,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>quantumcunque albo clypeo sit tectus et altum</i></div> + <div class="verse indent0"><i>flectat equum, Lethra nequaquam sospes abibit:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>fas est belligerum bello prosternere divum.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Vgl. Uhland Schriften 7, 144, 151, 154, 160. Ob im Namen Hrani +<i>rani</i>, Schweinsschnauze, <i>svinfylking</i>, <i>caput +porcinum</i> d. h. keilförmige Schlachtordnung, als deren Erfinder Odin +gilt, anklingt, steht dahin; vgl. Bugge, norrön fornkvædi S. 339.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_397_397" href="#FNanchor_397_397" class="label">[397]</a> Ketilssaga Hængs Kap. 5; Fornaldar sögur 2, 132, 135, +139.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_398_398" href="#FNanchor_398_398" class="label">[398]</a> Harðarsaga Grimkelssonar Kap. 15.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_399_399" href="#FNanchor_399_399" class="label">[399]</a> <i>Frá dauđa Sinfjǫtla</i>; Vǫlsungasaga Kap. 10, J. +Grimm, Myth. 790 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_400_400" href="#FNanchor_400_400" class="label">[400]</a> Hallfreðarsaga Kap. 5 (Fornsögur hrsg. von Gudbrand +Vigfusson und Th. Möbius S. 91). Ein Beiname Odins ist <i>farmaguđ</i> +Gylf. Kap. 20, <i>farmatýr</i> Grimn. 48, Eyvind SE. II 160, d. h. +Gott der Frachten, Schiffslasten. Vielleicht ist auch hier Odin als +Beschützer der Schifffahrt und des Handels gleich Merkur bezeichnet; W. +Müller, System der altds. Religion 187; J. Grimm, Myth. 3, 55; Simrock, +Myth.<sup>5</sup> 169; E. H. Meyer, Myth. 233.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_401_401" href="#FNanchor_401_401" class="label">[401]</a> Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 218 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_402_402" href="#FNanchor_402_402" class="label">[402]</a> Hǫ́vomǫ́l 95–101; 102–109; Bragar. Kap. 4. Vgl. Finnur +Jónsson, Litteraturshistorie 1, 233 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_403_403" href="#FNanchor_403_403" class="label">[403]</a> Über die verschiedenen Teile der Hǫ́vamǫ́l vgl. +Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 250 ff. Dass überall in allen +Stücken Odin der Sprecher ist, weist gegen Müllenhoff Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 224 ff. nach.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_404_404" href="#FNanchor_404_404" class="label">[404]</a> <i>Galdrs faþer</i> heisst Odin Baldrs Dr. 3; Aufzählung +der Zauberlieder Hǫ́vamǫ́l 146 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_405_405" href="#FNanchor_405_405" class="label">[405]</a> Der Skald Kormak sagt: <i>seiþ Yggr til Rindar</i> SE. +1, 236; Saxo III 128 <i>quam [Rindam] protinus cortice carminibus +adnotato contingens lymphanti similem reddidit.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_406_406" href="#FNanchor_406_406" class="label">[406]</a> Sigrdr. 13; Odins Runenkunde behandelt in unnachahmlich +schöner Weise Uhland, Schriften 6, 225 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_407_407" href="#FNanchor_407_407" class="label">[407]</a> Die Grimnesmǫ́l sind durch zahlreiche Einschaltungen +verderbt. Unter den Versuchen, den alten und echten Kern, „eine +Offenbarung Odins in seiner ganzen Herrlichkeit und Furchtbarkeit“, +herauszulösen, sind die wichtigsten Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde +5, 159 ff. und Finnur Jónsson, Litteraturs historie 1, 141 ff. Die +Einkleidung des Liedes hält Bugge, Studien 456 für eine Nachahmung der +Vindicta Salvatoris.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_408_408" href="#FNanchor_408_408" class="label">[408]</a> Über die Vafþrúþmesmǫ́l Müllenhoff, Altertumskunde +5, 237 ff; Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 137 ff. Der Name +<i>Vafþrúþner</i>, der sonst nirgends vorkommt, heisst nach Gudbrand +Vigfusson dictionary 673ᵇ u. 747ᵃ „der im Verwickeln, in Rätseln +Starke“ und wäre also für den Inhalt des Gedichtes, das Wettgespräch +erfunden; so auch Müllenhoff a. a. O. 237/8.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_409_409" href="#FNanchor_409_409" class="label">[409]</a> Über die Gestsagen vgl. Uhland, Schriften 6, 305 +ff.; 7, 321 ff. Die Quellen sind die Hervararsaga Kap. 12; Olafssaga +Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 71; jüngere Olafssaga Tryggvasonar +Kap. 197/8 (Fornmanna sögur 2, 138); Olafssaga helga, Anhang in den +Fornmanna sögur 5, 171 ff. Þáttr Tóka Tókasonar (Fornm. sögur 5, 299) +und Nornagests þáttr.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_410_410" href="#FNanchor_410_410" class="label">[410]</a> Vǫl. 17/8; Bragar. Kap. 2; Skáldsk. Kap. 5. Vgl. Bugge, +Studien S. 16.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_411_411" href="#FNanchor_411_411" class="label">[411]</a> Ulf Uggason nennt die Dichtkunst <i>Grímnis gjǫf</i>, +SE. 1, 250; den Dichter <i>Yggs ǫl-beri</i> SE. 1, 466.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_412_412" href="#FNanchor_412_412" class="label">[412]</a> Gautrekssaga Kap. 7 <i>Odinn mælti: ek gef honum +skáldskap, at hann skal eigi seinna yrkja enn mæla</i>. Entsprechend +bei Saxo VI 278 <i>Othinus Starcatherum non solum animi fortitudine, +seil etiam condendorum carminum peritia illustravit.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_413_413" href="#FNanchor_413_413" class="label">[413]</a> Grimnesmǫ́l 7; Gylfag. Kap. 35; der Name kommt häufig +bei den Skalden vor, bei Kormak corpus poet. 2, 334 und öfters; vgl. +Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 678. Der Name hat langes <i>á</i>, +<i>Sága</i>, wie der Genitiv <i>Ságu</i> z. B. in <i>Ságunes</i> Helg. +Hund. I, 40 lehrt. Damit ist jeder Zusammenhang mit <i>saga</i>, +Gen. <i>sǫgu</i>, den J. Grimm, Myth. 863 und Mogk, Pauls Grdr. 1, +1079 behaupten, ausgeschlossen. Sága ist unerklärlich und mit dem +Namen bleibt uns auch ihr eigentliches Wesen, warum Odin zu ihr +geht, verborgen. Wer Saga für richtig hält, denkt daran, dass Odin +geschichtliche Weisheit bei ihr schöpft, dass er Weisheit trinkt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_414_414" href="#FNanchor_414_414" class="label">[414]</a> Über Mimir Vǫl. 27–29; 46; Sigrdr. 13, 14; Vafþr. +45; Fjǫlsv. 14; Gylfag. Kap. 12; Ynglingasaga Kap. 4; Mimirs Freund +heisst Odin schon bei den Skalden des 10. Jahrhunderts SE. 1, 233 +Anm. 19, 238, 240. Über Mimir handelt vortrefflich Uhland, Schriften +6, 197 ff.; vgl. auch Weinhold, Die Riesen des germ. Mythus (Wiener +Sitzungsberichte 26, 1858) S. 243 ff. u. Müllenhoff, Deutsche +Altertumskunde 5, 101 ff. Über den Namen, dem kurzes <i>ĭ</i> zukommt +und der mit Μέμνων, <i>memor</i> urverwandt ist (ags. <i>mimor</i>, +<i>mimerian</i>) Sievers, Beiträge 6, 286, 314, 354 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_415_415" href="#FNanchor_415_415" class="label">[415]</a> Odin am Galgen Bugge, Studien 317 ff. Vgl. schon Munch, +Das heroische Zeitalter der nord. germ. Völker S. 22 Anm. 2. Kauffmann, +Beiträge 15, 195 ff. wendet sich gegen die Ableitung aus christl. +Vorstellungen. Seine Ausführungen sind auf ziemlich willkürlich +zurecht gemachter Überlieferung aufgebaut, 140 wird als ursprünglich +angesehen (gegen Müllenhoff, Altertumskunde 5, 270) und dann mit +„<i>prolepsis</i>“ in den Zusammenhang gezwungen. Die Hauptsache, dass +Odin sich selber opfert und dass der Baum darum Weltbaum ist, findet +gar keine Berücksichtigung. Christlichen Ursprung nimmt auch E. H. +Meyer, Völuspa 23 ff. an.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_416_416" href="#FNanchor_416_416" class="label">[416]</a> Anspielungen auf den Dichtermet bei den Skalden sammelt +Gudbrand Vigfusson, Corpus poeticum II, 462 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_417_417" href="#FNanchor_417_417" class="label">[417]</a> Nach dieser Stelle, nach Hǫ́v. 140, ist Odrerir Name +des Kessels, der den Trank aufbewahrt, nach Hǫ́v. 106 ist der Met +selber damit gemeint. Der Name haftet am Kessel auch beim Skald Einar +skálaglamm, wenn er die Dichtkunst als „die Woge Odrerirs“ bezeichnet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_418_418" href="#FNanchor_418_418" class="label">[418]</a> Bragar. 3 u. 4; daher gehören auch Hǫ́v, 13/4:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Über Gastungen schwebt der Vergessenheit Reiher,</div> + <div class="verse indent8">Der den Verstand uns stiehlt;</div> + <div class="verse indent0">Dieses Vogels Gefieder  umfächelte mich,</div> + <div class="verse indent8">Als in Gunnlods Grotte ich sass.</div> + <div class="verse indent0">Trunken ward ich,    ward todtrunken</div> + <div class="verse indent8">In des sinnreichen Fjalar Saal;</div> + <div class="verse indent0">Am besten ist’s,     bringt man vom Trunke</div> + <div class="verse indent8">Einen klaren Kopf nach Haus.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Da wird also dem Trank berauschende Wirkung zugeschrieben, worauf der +Name Suttung aus <i>suþ-þungr</i>, vom Sud beschwert, betrunken, auch +hinweist. Für Suttung steht hier Fjalar, der [Met]berger, Metbewahrer +(zu <i>fela</i>, bergen). Im Grimnirlied 50 hat Odin den Raub des +Odrerir im Auge:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Swidur und Swidrir hiess ich bei Sokmimir</div> + <div class="verse indent5">Und täuschte den Thursengreis;</div> + <div class="verse indent0">Midwidnirs Sohne  zum Mörder ward ich,</div> + <div class="verse indent5">Dem Trefflichen, ich allein.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Swidrir und Swidur, der Brennende, heisst Odin als Sonnengott. Bei +Sonnenuntergang kehrt er im Berge ein. Sokmimir, Streiterreger, +ist Suttung, der Berauschte, da im Rausche leicht Streit auskommt. +Midvidnir ist der mit Met Fesselnde. Alle Namen des Riesen, der Odrerir +inne hat, entstammen demselben Gedanken: der Berauschende. Über weitere +mit dem Met zusammenhängende Züge vgl. Noreen, Uppsalastudier 198 u. +205 ff. Kwasir kommt nur Gylfag. Kap. 50 noch einmal vor: er erkannte +als der weiseste der Asen das Netz, das Loki ins Feuer geworfen hatte, +noch in der Asche als Vorrichtung zum Fischfang. Yngl. Kap. 4 erzählt +von der Edda abweichend, die Wanen hätten ihn als den Klügsten in ihrer +Schar den Asen vergeiselt. In Gedichten findet er sich nur bei Einar +skálaglamm aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, der die Dichtung „Kvásis +dreyra“, Blut des Kwasir nennt SE. 1, 244.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_419_419" href="#FNanchor_419_419" class="label">[419]</a> A. Kuhn, die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks. +Berlin 1859, S. 138 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_420_420" href="#FNanchor_420_420" class="label">[420]</a> Orions Erzeugung Ovid. fast. 5, 495–535; Hygin, fab. +195. Die Übereinstimmung merkt J. Grimm, Myth. Vorrede XXXIV an. Wenn +Simrock, Myth.<sup>5</sup> 224 die Übereinstimmung soweit gehen lässt, dass Orion +aus dem Speichel der Götter entsteht, so ist das eigene Erfindung. Die +hässliche Geschichte entstand durch volksetymologische Vergleichung des +Namens Orion, Urion mit Urin.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_421_421" href="#FNanchor_421_421" class="label">[421]</a></p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>afl gól hann ǫ́som, en ǫlfom frama,</i></div> + <div class="verse indent8"><i>hyggjo Hroptatý.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Zu Thiodreyrir Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 273 ff., der aber +keine befriedigende Erklärung weiss.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_422_422" href="#FNanchor_422_422" class="label">[422]</a> Hǫ́v. 44</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>nam ek at mǫnnom þeim enom aldrǿnom,</i></div> + <div class="verse indent7"><i>es búa í heimes haugom.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Gering, Edda S. 49 Anm. 6 versteht Tote darunter, was namentlich wegen +Str. 45 angezeigt ist; Mogk, Grundriss 1, 1078 schliesst auf einen Alb, +ein bejahrtes Männlein im Hügel der Erde, einen alten vielkundigen +Zwerg, etwa wie Thjodreyrir.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_423_423" href="#FNanchor_423_423" class="label">[423]</a> Bur als Vater Odins, Wilis und Wes begegnet ausser +Gylfag. Kap. 6 nur Vǫl. 4 und Hyndl. 31; Buri nur beim Skald Thorwald +Blendaskald um 1120 (Corpus poet. 2, 250); Bestla und Bolthorn Hǫ́v. +140. Über die Herkunft der Namen Buri, Bur und Vili, Vé (<i>vé</i>, +Gen. <i>véa</i>, Pl. <i>véar</i> ist das schwache Adj. wie etwa ahd. +<i>ƕîho</i>, sanctus) aus der Dreieinigkeit vgl. E. H. Meyer, Völuspa +S. 66 u. 81 f.; die eddische Kosmogonie S. 67 f.; Mythologie 265 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_424_424" href="#FNanchor_424_424" class="label">[424]</a> Hauptquelle der Odinsnamen sind die Grimnesmǫl 46 ff.; +weiteres bieten die Skaldengedichte und die SE. Versuche, die Namen +zu sammeln und auszulegen bei Finn Magnusen, Lex. myth. 365 ff.; +Snorra Edda Bd. 4, 821 f.; viel Gutes bietet Sveinbjörn Egilsson, Lex. +poet, unter den einzelnen Namen. Aus Skaldengedichten stellt Gudbrand +Vigfusson, Corpus poet. 2, 461 f. einiges zusammen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_425_425" href="#FNanchor_425_425" class="label">[425]</a> Detter, Beiträge 18, 202 f. stellt Odins Name <i>hár</i> +zu got. <i>haihs</i>, einäugig (vgl. got. <i>faihs</i>, ahd. <i>fè</i>, +an. <i>fár</i>). Hár ist also der einäugige Gott. Die spätere Zeit +missverstand <i>hár</i> (got. <i>hauhs</i>) und deutete <i>hávi</i>, +der Hohe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_426_426" href="#FNanchor_426_426" class="label">[426]</a> Hyndl. 2 u. 3. Die Sage von Hermod ist nicht +überliefert. Wahrscheinlich kommt ihr hohes Alter zu. In den +Hǫ́konarmǫ́l ist Hermod in Walhall und begrüsst mit Bragi den König. +Bei Baldrs Tod wird Hermod, der ein Sohn Odins heisst, zur Hel +entsandt, Baldr loszubitten; Gylfag. Kap. 49. In den ags. Stammtafeln +steht Heremod unter Wodans Ahnen. Im Béow. 902 ff. u. 1710 ist Heremod +ein dänischer König, in der Jugend durch Gottes Gunst über alle Helden +erhoben, im Alter aber so unmild und blutgierig, dass ihn die eignen +Leute verliessen. Die Sage wurde also bereits von Angeln oder Jüten +nach Britannien geführt. Wie den Sigmund betrachtete die Sage auch +Hermod als Abkömmling Odins. Der Gott begabte ihn und nahm ihn am Ende +seiner Laufbahn nach Walhall.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_427_427" href="#FNanchor_427_427" class="label">[427]</a> Heimdallr, die schwache Form Heimdali in der Vísa +der Grettissaga (Islendinga sögur 1, 231). Der Name zerlegt sich +in <i>heimr</i>, Welt und *<i>dallr</i>, ein verlorenes an. +Eigenschaftswort, das im Ags. <i>dealt</i>, stolz, berühmt erhalten +ist; so Bugge, norrœn fornkvæði S. 68; J. Grimm, Myth. 3, 81. Als +lichtester der Götter wird Heimdall in der Þrymsk. 14 bezeichnet:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Þá kvaþ þat Heimdallr, hvítastr ása,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>visse vel fram      sem vaner aþrer.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Man darf nicht übersetzen: „Er wusste wol die Zukunft wie andre +Wanen“ und schliessen: also war Heimdall eigentlich ein Wane (Mogk, +Grdr. 1, 1057), sondern „wie sonst die Wanen“, eine Konstruktion, die +bekanntlich im Griech. ganz gewöhnlich ist; vgl. Gering, Glossar S. 8 +s. v. <i>annarr</i>. Heimdall heisst auch <i>Vindhler</i> SE. 1, 266 u. +500, d. h. der den Wind stillt. Unklar ist sein Name <i>Hallinskíđi</i> +SE. 1, 100. Seltsamer Weise stehen die Namen <i>Heimdali</i> und +<i>Hallinskíđi</i> auch unter den Bezeichnungen des Widders (SE. 1, +589 u. 588), ohne dass ein Grund dafür ersichtlich ist. Über Heimdall +Uhland, Schriften 6, 14; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. f. Geschichte +8, 250 ff.; ZfdA. 30, 245 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_428_428" href="#FNanchor_428_428" class="label">[428]</a> Kögel, Indogerman. Forschungen 4, 313 erklärt +<i>hai-mo</i> als <i>m</i>-Ableitung neben <i>hai-do</i>, Glanz, +<i>hai-dro</i>, glänzend, heiter. Vgl. fries. <i>hêmliacht</i>, +Hell-Licht; somit ist Heimdallr der Hellstrahlende, nicht der über die +Welt Strahlende.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_429_429" href="#FNanchor_429_429" class="label">[429]</a> So erklären E. H. Meyer, Myth. 228 und Noreen, +fornnordisk religion, mytologi och teologi S. 7 den Gott.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_430_430" href="#FNanchor_430_430" class="label">[430]</a> Nach Ulf Uggason, Húsdrápa und Gylfag. Kap. 49.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_431_431" href="#FNanchor_431_431" class="label">[431]</a> Gylfag. Kap. 27.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_432_432" href="#FNanchor_432_432" class="label">[432]</a> Himmelberge sind hohe, in die Wolken reichende +Berge, oft als Eigennamen wie an. <i>himinfjǫll</i>, altdeutsch +<i>himilinberg</i>, Himmelsberg u. a. Vgl. J. Grimm, Myth. 2, 662 Anm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_433_433" href="#FNanchor_433_433" class="label">[433]</a> Lokas. 48.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_434_434" href="#FNanchor_434_434" class="label">[434]</a> Vǫl. 27, wozu Bugge, Studien 579 und Vǫl. 46.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_435_435" href="#FNanchor_435_435" class="label">[435]</a> Über die Bedeutung des Wortes <i>nadd-gǫfugr</i>, +eigentlich berühmt durch Spitze (<i>naddr</i> bedeutet eine kleine +Spitze oder einen spitzen Keil, dann Nagel, Geschoss u. s. w.) +Roediger, ZfdPh. 27, 8 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_436_436" href="#FNanchor_436_436" class="label">[436]</a> Str. 39 ist ins Hyndlalied eingeschaltet aus dem +zweiten Gudrunlied 22. Dort passen die Verse allein, da darin von den +Bestandteilen eines Zaubertrankes die Rede ist. Damit fallen alle +mythologischen Deutungen von selbst.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_437_437" href="#FNanchor_437_437" class="label">[437]</a> Str. 40 ist stark verderbt. Sie kann auch auf Thor +gehen, als Sohn der Jǫrð (<i>sá vas aukenn jarþar megne</i>) und Gemahl +der Sif (<i>sif sifjaþan sjǫtom gǫrvǫllom</i>).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_438_438" href="#FNanchor_438_438" class="label">[438]</a> Die Töchter der Ran SE. 1, 500; ihre Namen sind +freilich von denen der Heimdallsmütter durchaus verschieden. Über den +Seemannsglauben der heutigen Isländer Jón Árnason, þjóðsögur 1, 660; +deutsch bei Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen, Neue Folge, Berlin +1891, S. 35. W. Müller, Geschichte und System der altdsch. Rel. S. 229 +deutete zuerst die Heimdallsmütter als Töchter der Ran, was Müllenhoff, +Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 251 billigte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_439_439" href="#FNanchor_439_439" class="label">[439]</a> Im sögubrot af nokkrum fornkonungum Kap. 3 (Fornaldar +sögur 1, 373); auch im Corpus poeticum boreale 1, 125. Kauffmann, +Beiträge 18, 173 knüpft weitgehende Folgerungen daran. Nach Bugge, +Studien 37 Anm. 1 muss statt „<i>heimdallr</i>“ „<i>havđr</i>“ gelesen +werden; Hod, Baldrs Bruder sei gemeint.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_440_440" href="#FNanchor_440_440" class="label">[440]</a> Skáldsk. Kap. 8 SE. 1, 264.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_441_441" href="#FNanchor_441_441" class="label">[441]</a> SE. 1, 268.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_442_442" href="#FNanchor_442_442" class="label">[442]</a> ZfdA. 30, 228.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_443_443" href="#FNanchor_443_443" class="label">[443]</a> Über Heimdalls Schwert SE. 1, 100; 264; 538; zur Deutung +Müllenhoff, ZfdA. 30, 252 ff., wo folgender Wortlaut als ursprünglich +angesetzt wird: [<i>Heimdallar sverđ hǫfuđ heitir, svá er sagt, at hann +var lostinn manns hǫfđi igǫgnum.</i>] <i>um þat er kveđit í Heimdallar +galdri, ok er siđan kallat hǫfuđ miǫtuđr Heimdallar: sverđit heitir +manns miǫtuđr.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_444_444" href="#FNanchor_444_444" class="label">[444]</a> In der erst um 1300 niedergeschriebenen, mit +romantischen und fabelhaften Bestandteilen versetzten Grettissaga, +in welcher auch die vísur meist jung sind, heisst es: <i>verđ ek +Heimdala at hirđa hjǫr; bjǫgom svá fjǫrvi</i>. Die fragliche Strophe, +da sie auch in der Landnáma (Islendinga sögur 1, 231) steht, ist aber +vermutlich eine der wenigen älteren. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus +poet. bor. 2, 114.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_445_445" href="#FNanchor_445_445" class="label">[445]</a> Vǫl. 1 bittet die Wolwa um Gehör <i>allar helgar kinder +meire ok minne mǫgo Heimdallar</i>. Über die Rigsþula Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 186 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_446_446" href="#FNanchor_446_446" class="label">[446]</a> So J. Grimm, Myth. 3, 81; Bugge, Studien 17 behauptet: +St. Michael wird zu Heimdall umgewandelt, ohne den Gedanken weiter +auszuführen. Die Deutungen E. H. Meyers, Völuspa 17, 21, 26 treffen +schwerlich das Richtige; doch verdient die Vergleichung der Geburt +Heimdalls mit der Christi Beachtung. H. Falk, aarböger f. nord. +oldkyndighed 2, 6 (1891), S. 270 Anm. glaubt, man habe Heimdall +mit einem Widderkopf sich vorgestellt. Deshalb heisse der Widder +auch <i>heimdalli</i> und andererseits der Gott nach dem Widder +<i>hallinskiđi</i>. Des Widders Haupt ist seine Waffe, sein Schwert, +daher ist „<i>hǫfuđ Heimdallar sverđ</i>“. Der widderköpfige Heimdall +ist dem <i>corniger Ammon</i>, dem gehörnten Juppiter, nachgeahmt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_447_447" href="#FNanchor_447_447" class="label">[447]</a> Eine idg. Wurzel „<i>bhal</i>“ liegt im griech. φαλός +und φάλιος, weiss, glänzend, vor und bildete wol auch ein germanisches +Adjektiv *<i>balaȥ</i>, got. *<i>bals</i>, in der schwachen Form +<i>bala</i> als Rossname wie griech. φάλιος gebräuchlich. Vgl. den +Rossnamen „<i>belche</i>“=<i>bläss.</i> Im Ags. begegnet <i>Bældæg</i>, +heller Tag. Ein idg. <i>bhaltos</i> 1) hell, schimmernd, glänzend; +2) schnell, kühn, zeigt sich in lit. <i>baltas</i>, weiss, germ. +<i>balþaz</i>, kühn. Aus <i>bhal-tṛ́</i> wird germ. <i>balđr</i>, +der Leuchtende, Licht verbreitende. Ob in dem German. <i>balđr</i> +die beiden Bedeutungen „hell“ und „schnell“ vorlagen, woraus der +kühne Lichtgott und der Fürst (an. <i>baldr</i>, ags. <i>bealdor</i>) +unabhängig erwuchsen, ob der Göttername in der ags. und an. Dichtung +zum Hauptwort für König, Fürst herabsank, lässt sich nicht sagen. Vgl. +E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. Die Wurzel zeigt sich germ. in mehreren +Ableitungen: 1) <i>bhal-os</i>, φαλός, <i>balaȥ</i>, got. <i>bala</i>, +ags. <i>bæl</i>, ahd. <i>bal</i>, <i>pal</i> in Eigennamen; 2) +<i>bhal-nós</i> in Eigennamen wie <i>Ballo</i>, <i>Ballomer</i>; +3) <i>bhal-tos</i>, lit. <i>baltas</i>, germ. <i>balþaȥ</i>, got. +<i>balþs</i>, an. <i>baltr</i>, ahd. <i>bald</i>; 4) <i>bhal-tṛ́</i>, +germ. <i>balđr</i>, an. <i>baldr</i>, ags. <i>bealdor</i>, ahd. +<i>balder</i>. Zur Baldrsage kommt vor allem die Schrift von Bugge, +Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen, +München 1889, S. 34/313, auch wenn man ihren Ergebnissen nicht +beipflichtet, als die wichtigste und wertvollste sagengeschichtliche +Arbeit in Betracht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_448_448" href="#FNanchor_448_448" class="label">[448]</a> P. E. Müller in der Ausgabe des Saxo S. 120 führt +an, die dänische Volkssage dieses Jahrh. lasse den Quell dadurch +entspringen, dass Balders Pferd mit seinem Hufe scharrte. Vgl. Thiele, +danske folkesagn 2, 341.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_449_449" href="#FNanchor_449_449" class="label">[449]</a> Grímn. 12.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_450_450" href="#FNanchor_450_450" class="label">[450]</a> Gylfag. Kap. 22; nach Bragar. Kap. 2 darf Skadi einen +der Götter zum Manne wählen, aber nur die Füsse sehen. Sie nimmt den +mit den schönsten Füssen, in der Hoffnung, es sei Baldr. Es ist aber +Njord.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_451_451" href="#FNanchor_451_451" class="label">[451]</a> Über das Alter von Baldrs Draumar vgl. Finnur Jónsson, +Litteraturshistorie 1, 148.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_452_452" href="#FNanchor_452_452" class="label">[452]</a> <i>Hotvetna grét—býsn þótti þat—Baldr ór helju</i>, +Hrafns saga biskups in biskupa sögur 1, 648; <i>grátaguđ</i>, „den +beweinten Gott“, nannten die Skalden Baldr nach SE. 1, 260; im Lied auf +Ivar Viðfaðmi (Fornaldar sögur 1, 373) ist Baldr der, den alle Götter +beweinten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_453_453" href="#FNanchor_453_453" class="label">[453]</a> Vafþr. 54; ebenso fragt Odin-Gest König Heidrek in der +Hervararsaga (Bugges Ausgabe S. 263).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_454_454" href="#FNanchor_454_454" class="label">[454]</a> <i>Hverr es Halfdán Snjalli međ ásom? hann vas Baldr međ +ásom es ǫll regin gréto</i>; Fornaldar sögur 1, 373; Corpus poetieum 1, +124.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_455_455" href="#FNanchor_455_455" class="label">[455]</a> Gylfag. Kap. 49; Bugge, Studien S. 51 Anm. stellt aus +Friggs Worten zwei Halbstrophen her:</p> + +<div class="csstab"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell br"><i>Munat vǫ́pn Baldri</i> </div> + <div class="csscell"> <i>vex viđar teinungr</i></div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell br"><i>né viđir granda,</i> </div> + <div class="csscell"> <i>fyr vestan hǫll,</i></div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell br"><i>hefk af ǫllum</i> </div> + <div class="csscell"> <i>ungr sá þottumk</i></div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell br"><i>eiđa þegua.</i> </div> + <div class="csscell"> <i>eiđs at krefja.</i></div> + </div> +</div> + +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_456_456" href="#FNanchor_456_456" class="label">[456]</a> Sakses oldhistorie, norröne sagaer og danske sagn, +Köbenhavn 1894, S. 13 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_457_457" href="#FNanchor_457_457" class="label">[457]</a> Nanna zu an. <i>nenna</i>, got. <i>nanþjan</i>, ahd. +<i>ginenden</i>, wagen; so erklärt J. Grimm, Myth. 202. Vgl. Bugge, +Studien 178. Vom selben Stamm sind die deutschen Namen <i>Nando</i>, +<i>Nandger</i>, <i>Nandƕin</i>, <i>Nandung</i>, <i>Ferdi-nand</i> +gebildet. Nanna erwähnt der Skald Kormak, Corpus poet. 2, S. 64. 25 u. +66, 75. Vǫl. 31 heissen die Walküren <i>Herjans nǫnnor</i>, wodurch +ebenfalls der Name Nanna vorausgesetzt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_458_458" href="#FNanchor_458_458" class="label">[458]</a> Christliche Einflüsse im isländischen Baldrmythus +erweisen Bugge, Studien S. 34 ff.; E. H. Meyer. Völuspa S. 137 ff.; 157 +ff.; 198; 220.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_459_459" href="#FNanchor_459_459" class="label">[459]</a> <i>Mistelteinn</i> als Schwertname in SE. 1. 564; +Hervararsaga, Bugges Ausgabe S. 206; Hromundarsaga (Fornaldar sögur 2, +371); in Zusammensetzungen bedeutet „<i>tein</i>“ häufig Schwert, wie +<i>benteinn</i>, <i>bifteinn</i>, <i>eggteinn</i>, <i>hjǫrteinn</i>, +<i>hræteinn</i>, <i>sárteinn</i>, <i>valteinn</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_460_460" href="#FNanchor_460_460" class="label">[460]</a> Beiträge 18, 82 ff.; 19, 495 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_461_461" href="#FNanchor_461_461" class="label">[461]</a> Studien 83 ff. Vgl. namentlich S. 153 die +Zusammenstellung der beiderseits entsprechenden Züge.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_462_462" href="#FNanchor_462_462" class="label">[462]</a> Mythologie 82 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_463_463" href="#FNanchor_463_463" class="label">[463]</a> Ortsnamen in den nordischen Ländern und sonstige Spuren, +die auf Bekanntschaft mit der Baldrsage hinweisen, verzeichnet Bugge, +Studien 287 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_464_464" href="#FNanchor_464_464" class="label">[464]</a> Mythologie 581.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_465_465" href="#FNanchor_465_465" class="label">[465]</a> Im Formáli Kap. 10SE. 1, 26 <i>annar son Óđins hét +Beldeg, er vér kǫllum Baldr</i>. Im Kap. 9 wird auch richtig Oðin mit +Woden zusammengestellt. Während fast alle Forscher Baldr und Bældæg als +gleich betrachten, was namentlich E. Schröders Erklärung ZfdA. 35, 237 +ff. erhärtet, leugnet Bugge, Studien 312/3 jeden Zusammenhang.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_466_466" href="#FNanchor_466_466" class="label">[466]</a> <i>Paltar</i> belegt J. Grimm, Myth. 201 aus +Meichelbeck, Historia Frisingensis I, 2 Nr. 450, 460, 611 und Myth. 3, +78 aus Monumenta boica 9, 23 und 837; <i>Baldor</i> servus Polypt. de +S. Remig. 55ᵃ. Der Ortsname Baldebrunno (Myth. 207) gehört nur, wenn +man „bessert“ in Baldersbrunno, zum Gott. Jüngere Namen mit Balder +können aus älterem Baldheri stammen, Myth. 201 Anm.; 1210.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_467_467" href="#FNanchor_467_467" class="label">[467]</a> Die Göttlichkeit Balders vertritt J. Grimm, Myth. 201 +ff. und nach seinem Vorgang nahm man allgemein Balder in diesem Sinn. +Dagegen erklärte Bugge, Studien 303 ff. „<i>demo balderes volon</i>“, +dem Fohlen des Herrn mit Zustimmung Kauffmanns, Beiträge 15, 207 und +Steinmeyers, Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., 2. Band S. 47. +Die Auffassung Grimms brachten E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. und +Gering, ZfdPh. 20, 145 ff. wieder zu Ehren. Vgl. auch F. Losch, Balder +und der weisse Hirsch, Stuttgart 1892; hierzu R. M. Meyer, AnzfdA. 19, +209 ff. Den Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler Nr. +IV, 6 mit den Anm. in Band II S. 52 ff.) stellt Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 262 ff. so her:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>Genzan unde Jordan  giengen sament scôzzôn,</i></div> + <div class="verse indent0"><i>thô verscôz Genzan   Jordane the sîtun.</i></div> + <div class="verse indent0"><i>Vrô unde Lâzakêre    giengen fold petrettôn:</i></div> + <div class="verse indent0"><i>verstände thiz pluot   stant pluot fasto.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Eine Parallelfassung des Spruches setzt Christ und Judas für Genzan und +Jordan. In der Heidenzeit sollen Balder und Hadu dafür gestanden sein. +Damit werde die Baldersage für Deutschland bezeugt. Balder ward in der +Seite verwundet. Vrô und Lâzakêre wurden entsandt, um Erde zu betreten. +Das Rasenstück, auf die Wunde gelegt, stillte das Blut. Das ist +natürlich alles sehr ungewiss und darf zu keinen bindenden Schlüssen +über deutschen Götterglauben verführen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_468_468" href="#FNanchor_468_468" class="label">[468]</a> Ortsnamen mit Phol J. Grimm, ZfdA. 2, 252 ff.; Myth. +206 ff.; 3, 79; dass die Ortsnamen mit Pfahl (oder auch Pfuhl) +zusammenhängen, ist sehr wol möglich; vgl. W. Arnold, Ansiedlungen +und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 22. Apollo-Balder +erklärt Gering, ZfdPh. 26, 146. Hierzu noch Kauffmann ebd. 26, 456 ff. +und Gerings Erwiderung S. 462 ff. In Phôl, Pôl, erkennt Bugge, Studien +301, den Apostel Paulus. An Vol denkt Scherer bei Mannhardt, Myth. +Forschungen (in Quellen und Forschungen 51, XXVII); als Nom. Sing. zum +Gen. Volla nimmt Kauffmann, Beiträge 15, 208 ff. das Wort. Aber die +Göttin könnte kaum vor Wodan genannt sein, ebensowenig die Vol als +Frija (Bugge, Studien 305). Zu Phol. vgl. noch von Grienberger, ZfdPh. +27, 453 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_469_469" href="#FNanchor_469_469" class="label">[469]</a> Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur 91 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_470_470" href="#FNanchor_470_470" class="label">[470]</a> Die Sage von Baltram und Sintram bei den Brüdern +Grimm, Deutsche Sagen Nr. 220; Wackernagel, ZfdA. 6, 158; vgl. dazu +Müllenhoff, ZfdA. 12, 329 und 353; Bugge, Studien 310 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_471_471" href="#FNanchor_471_471" class="label">[471]</a> Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879, S. 196 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_472_472" href="#FNanchor_472_472" class="label">[472]</a> Forseti ist nur Grímn. 15 und Gylfag. Kap. 32 mit den +oben angeführten Worten erwähnt, sonst völlig unbekannt. Bugge, Studien +290 Anm. 2: „Der Hofname <i>Forsetelund</i> in Onsö, Smaalenene (Matr. +119), <i>í Fosætte lundi</i> Röde Bog S. 515, deutet auf Verehrung des +Forseti hin. Er kann von den Norwegern gekannt und verehrt worden sein, +ehe er zu Baldrs Sohn gemacht wurde.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_473_473" href="#FNanchor_473_473" class="label">[473]</a> Der Gott hiess nach Alchuine <i>Fosite</i>, die Insel +<i>Fositesland</i>. Altfried hat <i>Fosetesland</i>, Adam von Bremen +<i>Fosetisland</i>. Da beide aus Alchuine schöpfen, ist unsicher, wie +der Name eigentlich lautete, <i>Fosite, Fosete, Foseti</i>. Will man +mit J. Grimm den Namen zum nordischen Forseti halten, so kann nur alter +Schreibfehler angenommen werden. Denn Forsete konnte sich lautlich +nicht zu Fosete entwickeln. Richthofen, Untersuchungen über friesische +Rechtsgeschichte, 2. Teil, Berlin 1882, S. 434 f. Die Ansicht Grimms +von der Zusammengehörigkeit des Forseti und Fosete wird allgemein +geteilt, besonders von Müllenhoff, Altertumskunde 5, 39 und Mogk, +Pauls Grundriss 1, 1066. Kauffmann, Beitr. 18, 181 äussert Bedenken. +Zu Forseti: Fosete vgl. das norwegische <i>í Fosætte lundi</i> bei +Bugge, Studien 290 Anm. 2. F. Buitenrust Hettema, in tijdschr. v. ned. +taal- en letterkunde 1893, S. 281–288, führt den Fosete, Fosite, Foste +(letztere Form entnommen aus den „<i>delubra Jovis et Foste</i>“ in +der um 1400 gefälschten <i>vita Suiberti</i>) auf <i>Donar fôsite</i>, +Donar, den Furchtbaren, zurück. <i>Fôsite</i> sei zu schwed. +<i>fasa</i>, ags. <i>fésian</i>, „schaudern“ und zu dem Namen der +<i>Fosi</i> (Tac.) an der Elbe zu stellen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_474_474" href="#FNanchor_474_474" class="label">[474]</a> Der heilige Willebrord wurde einmal zwischen 690 +und 714 nach Helgoland verschlagen. <i>Alchuine</i> in der <i>vita +Willebrordi</i> Kap. 10, Jaffé, <i>Bibliotheca rerum germanicarum</i> +VI, 1873, S. 47 erzählt: <i>et dum pius verbi Dei praedicator +iter agebat, pervenit in confinio Fresonum et Danorum ad quandam +insulam, quae a quodam deo suo Fosite ab accolis terrae Fositesland +appellabatur, quia in ea eiusdem dei fana fuere constructa. qui locus +a paganis in tanta veneratione habebatur, ut nihil in ea vel animalium +ibi pascentium vel aliarum quarumlibet rerum auisquam gentilium tangere +audebat, nec etiam a fonte qui ibi ebulliebat aquam haurire nisi tacens +praesumebat. quo cum vir Dei tempestate iactatus est, mansit ibidem +aliquot dies, quousque sepositis tempestatibus opportunum navigandi +tempus adveniret. Sed parvipendens stultam loci illius religionem vel +ferocissimum regis animum, qui violatores sacrorum illius atrocissima +morte damnare solebat, igitur tres homines in eo fonte cum invocatione +sanctae trinitatis baptizavit; sed et animalia in ea terra pascentia in +cibaria suis mactare praecepit. quod pagani intuentes arbitrabantur, +eos vel in furorem verti vel etiam veloci morte perire; quos cum +nihil mali cernebant pati, stupore perterriti regi tamen Rabbodo quod +videbant, factum retulerunt. qui nimio furore succensus in sacerdotem +Dei vivi suorum iniurias deorum ulcisci cogitabat, et per tres dies +semper tribus vicibus sortes suo more mittebat, et numquam damnatorum +sors, deo vero defendente suos, super servum Dei aut aliquem ex suis +cadere potuit; nisi unus tantum ex sociis sorte monstratus et martyrio +coronatus est.</i> Danach Altfried in der <i>Vita Liudgeri</i> I Kap. +19. Liudger zerstörte die dem Fosete erbauten Tempel und errichtete +statt ihrer Kirchen; aus der heiligen Quelle taufte er die Bewohner +der Insel. Das geschah nach 785. Die Kirchen hatten keinen Bestand. +Nach Adam von Bremen 4. Kap. 3 ist Fosetisland Helgoland (Heiligland). +Erst in den Tagen Adalberts von Bremen (1072) sei es entdeckt und durch +Erbauung eines Klosters zum Wohnsitz für Einsiedler gemacht worden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_475_475" href="#FNanchor_475_475" class="label">[475]</a> Richthofen, Fries. Rechtsquellen 439 ff.; Untersuchungen +über fries. Rechtsgeschichte 2, 459 ff. Die Aufzeichnung entstammt erst +dem 14. Jahrh. und wurde im 16. Jahrh. gedruckt. Die wichtigsten Worte +lauten im Original: <i>Da sagen se een tretteensta oen der stioerne +sitten, ende een axa op synre aexla</i> (Var. <i>ene gildene axe ƕt +siner axla</i>), <i>deer hy mey toe lande stioerde toienst straem ende +ƕynd. Da se toe lande coemen, da ƕorp hy mitter axa op dat land, ende +ƕorp een tura op</i> (Var. <i>ene turƕe op</i>); <i>da ontsprongh deer +een burna, al daerom haet dat to Axenthove. Ende to Eeswey comen se to +land ende seten om dae burna ..... al deerom schillet aldeer in da land +ƕessa trettien aesgen, ende hyara domen schillet hya dela to Axenthove +ende to Eeswey</i>. Die niederdeutsche Fassung der Sage lässt den +Dreizehnten ein Krummholz in der Hand führen, J. Douwama im <i>boeck +der partijen</i>, um 1526 verfasst, eine Axt, ein Beil. Die Quelle +nennt er <i>Axsborn</i>. Sollte der hammerbewehrte Donar gemeint sein? +So erklärt E. H. Meyer, German. Myth. § 251, S. 188. Eine Verwechslung +zwischen Axe und Ax (Axt) ist ja begreiflich. Beziehung auf Wodan, +Richthofen, Untersuchungen 2, 463 ist nicht gerechtfertigt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_476_476" href="#FNanchor_476_476" class="label">[476]</a> Mit Ullr ist got. <i>ƕulþus</i>, Herrlichkeit, +verwandt, vgl. Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> §215; <i>ƕulþus</i> erscheint in +ostgotischen Eigennamen, vgl. Wrede, Über die Sprache der Ostgoten +in Italien (Quellen und Forschungen 68), Strassburg 1891, S. 85 u. +147, z. B. Sigiswuldus; altdeutsche Namen in Förstemanns Namenbuch +1, 1338 Wuldebert, Wuldulf. Zu Ullr vgl. Simrock, Myth.<sup>5</sup> 290; +Kauffmann, Beiträge 18, 188; Rödiger, ZfdPh. 27, 11 ff. Munch, Die +nord. german. Völker S. 223 „ein solcher Name scheint demnach eher ein +Beiname des höchsten Gottes sein zu müssen, als irgend eine besondere +Persönlichkeit bezeichnen zu können.“ Ullr und <i>ƕulþus</i> stellte +zuerst Bachlechner, ZfdA. 8, 201 ff. zusammen; dazu Weinhold, Riesen, +Wiener Sitzungsberichte 26, 1858, S. 264 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_477_477" href="#FNanchor_477_477" class="label">[477]</a> Von Ullr berichtet Gylfag. Kap. 31; Grímn. 5; seine +Namen SE. 1, 266.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_478_478" href="#FNanchor_478_478" class="label">[478]</a> Die Skaldenstellen, welche den Schild das Schiff +Ulls nennen, stehen SE. 1, 246, 346, 414, 420; vgl. auch Sveinbjörn +Egilsson, Lex. poet. 831. Much, Beiträge 20, 35 f. meint, der +Schneeschuh (<i>skíđ</i>) Ulls sei als sein Schiff und Fahrzeug +bildlich bezeichnet worden. <i>skíđ</i>, „Schneeschuh“ sei irrtümlich +als <i>skíđ</i>, „Schild“ (vgl. kelt. <i>skēto</i>, Schild) gefasst +und durch das gangbare skjǫldr ersetzt worden. Die Kenning <i>skjaldar +áss</i> sei eigentlich <i>*skiđs áss</i> und gleichbedeutend mit +<i>ǫndráss</i>, Schlittschuhgott.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_479_479" href="#FNanchor_479_479" class="label">[479]</a> Ortsnamen mit Ullr aus Norwegen sammelt O. Rygh in P. A. +Munchs norröne gudesagn 2. udg. Christiania 1880; vgl. das Register; +aus Schweden Lundgren, språkliga intyg, Göteborg 1878, S. 71 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_480_480" href="#FNanchor_480_480" class="label">[480]</a> Die Sage von Ollerus bei Saxo III S. 130 f., die andern +Berichte wurden bereits im Abschnitt über Odin (vgl. oben S. 306 ff.), +soweit sie hergehören, mitgeteilt. Zu Ollerus P. E. Müller, Notae +uberiores 122 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_481_481" href="#FNanchor_481_481" class="label">[481]</a> Vgl. W. Müller, Zur Mythologie der griechischen und +deutschen Heldensage, Heilbronn 1889, S. 101 u. 159, der hier mit Recht +den „historischen“ Mythus der natursymbolischen Deutung vorzieht. +Dass Odin unter dem Namen Brúni dem Finnenkönig Gusi im Streit um die +Herrschaft gegenüber tritt, dass hier dieselbe Sage wie die von Odin +und Ullr vorliege, dass also die geschichtliche Thatsache des Sieges +der Nordgermanen über die Finnen im mythischen Gewande behandelt werde, +sucht Detter, ZfdA. 32, 449 ff. zu erweisen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_482_482" href="#FNanchor_482_482" class="label">[482]</a> Dass Widar nach Vǫl. 53 R der Sohn Odins und der Hlodyn +genannt wird, dass demnach Hlodyn und Grid gleich und wol nur aus der +Erdgöttin abgezweigt sind, erweist Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_483_483" href="#FNanchor_483_483" class="label">[483]</a> Von Widar weiss nur die Liedersammlung und die Snorra +Edda. Die Stellen, die in Betracht kommen, sind Vǫl. 54, Grimn. 17, +Vafþr. 51, Lokas. 10, Gylfag. Kap. 29, 33, 43, 51, Bragar. Kap. 1, +Skáldsk. Kap. 2. Vgl. ausserdem die Benennungen Widars als Eigner des +Eisenschuhes, Feind und Töter des Fenriswolfes, Rächer der Götter, +Bewohner der Vatershalle, Sohn Odins und Bruder der Götter SE. 1, +266. Ortsnamen mit Widar sammelt Kauffmann, Beiträge 18, 157 Anm. +<i>Viþarshof</i>, <i>Viþarsgarþr</i> nach M. Arnesen, minder om hedensk +gudsdyrkelse S. 62; <i>Widarsleff</i>, Lundgren språkliga íntyg S. 78; +<i>Viđarhellisgjógv</i> bei Hammershaimb, færösk antologi 350, 3.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_484_484" href="#FNanchor_484_484" class="label">[484]</a> <i>Viđarr</i> als <i>viđ-hari</i> zu <i>viđr</i>, Wald, +stellt Rödiger, ZfdPh. 27, 5; Grimm, Myth. 3, 245 <i>Viđarr</i>, ahd. +<i>Witheri</i>; Kauffmann, Beiträge 18, 168 Anm., der überhaupt in +Widar den Hauptgott der Germanen, den grossen Waldesgott erblickt, +erklärt Widar als „Gott, der einen Stab, ein Reis vom Weidenholz +führt.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_485_485" href="#FNanchor_485_485" class="label">[485]</a> Von Váli berichten Vǫl. 33, Baldrs Dr. 11, Vafþr. 51, +Hyndl. 30, Gylfag. Kap. 30, 36, 53; seine Namen SE. 1, 266. Unklar +bleibt sein Verhältniss zu Váli, dem Sohne Lokis, der Vǫl. H. 35 +und Gylfag. Kap. 50 erscheint; Kauffmann, Beiträge 18, 168 glaubt +nachweisen zu können, dass nur Váli als Sohn Odins bezeugt und aus +Missverständniss zu Lokis Sohn geworden sei. Viðarr und Váli seien +thatsächlich nur Namen einer und derselben Gottheit, die, wo die +Weltordnung bedroht ist, sie mit sicherer Kraft in den Fugen hält. Auf +Váli geht wol auch Grógaldr 6, wo Gróa den Zauber singt, den einst Rind +dem Ran (Wali?) gesungen; vgl. Sijmons zur Stelle. Zur Sage Bugge, +Studien 215 ff.; Sievers, Beiträge 18, 582 f. erklärt Váli aus Vǫnli, +Vǫli, d. i. Wanula, Wanila und ebenso Ali aus Anula, Anila. Váli, +Vǫnli knüpft somit an die <i>vanir</i> an. Einer Deutung enthält sich +Sievers, sie wird von Detter, Beiträge 19, 509 versucht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_486_486" href="#FNanchor_486_486" class="label">[486]</a> Über Hönir Vol. 18 u. 63; seine Namen SE. 1, 266 f. +Die Stellen der Haustlǫng, die sein Verhältniss zu Odin und Loki +voraussetzen, SE. 1, 308, 310, 314; Hönirs Vergeiselung an die Wanen +Ynglingasaga Kap. 4.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_487_487" href="#FNanchor_487_487" class="label">[487]</a> Das färöische Lied „<i>Lokka táttur</i>“ bei V. U. +Hammershaimb, färöiske kväder, Kopenhagen 1851, Bd. 1, 140 ff. Zur +Erklärung des Liedes Uhland, Schriften 6, 193 ff.; 7, 367 ff. Eine +deutsche Übersetzung gibt auch Simrock, Mythologie<sup>5</sup> 106 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_488_488" href="#FNanchor_488_488" class="label">[488]</a> Vǫl. 63</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>þá kná Hœ́ner</i>  <i>hlautviþ kjósa</i>;</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>zur Auslegung der Stelle Müllenhoff, Altertumskunde 5, 100 f.; Gering, +Edda S. 15, Anm. 1; Kauffmann, Beiträge 18, 189 erklärt, dass Hönir in +der zukünftigen Welt jedem Einzelnen sein Loos zuteilt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_489_489" href="#FNanchor_489_489" class="label">[489]</a> Über Hönir vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 24 f.f, wozu Mogk, +Grundriss 1, 1086, der an den slavischen Hennil, Hainal, den Gott +der Morgenröte, denkt; Uhland, Schriften 6, 188 ff.; Müllenhoff, +Altertumskunde 1, 34; Hoffory, Gött. gel. Anz. 1888, S. 161; +Nachrichten d. Gött. Gesellschaft, Dec. 1888; Eddastudien 108 ff.; +Kauffmann, Beiträge 18, 175 u. 189; Rödiger, ZfdPh. 27, 9 f.; Detter u. +Heinzel. Beiträge 18, 542 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_490_490" href="#FNanchor_490_490" class="label">[490]</a> Beiträge 18, 547 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_491_491" href="#FNanchor_491_491" class="label">[491]</a> Über Bragi vgl. Uhland, Schriften 6, 277 ff.; Mogk, +Beiträge 12, 383 ff.; Bugge, Beiträge 13, 187 ff.; Mogk, Beiträge 14, +81 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_492_492" href="#FNanchor_492_492" class="label">[492]</a> Grímn. 44.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_493_493" href="#FNanchor_493_493" class="label">[493]</a> Sigrdr. 16.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_494_494" href="#FNanchor_494_494" class="label">[494]</a> Zur Erklärung von Lokas. 16 Bugge, Beiträge 13, 188 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_495_495" href="#FNanchor_495_495" class="label">[495]</a> Die Stelle der Hǫfuðlausn lautet nach Finnur Jónssons +Ausgabe</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>njóte bauga   sem Brage auga!</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Im Sonatorrek 3 heisst es, nachdem von der Entführung des Trankes die +Rede war:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>lastalauss    es lifnaþe</i></div> + <div class="verse indent0"><i>á „nockvers“ nǫkkva Brage.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>In „<i>nockvers</i>“ vermutet Bugge Verderbniss für „<i>nǫ́ttvers</i>“, +Nachtaufenthalt, „<i>á nǫttvers nǫkkva</i>“ umschreibt im Bett. Die +älteren Deutungen bei Sveinbjörn Egilsson Lex. poet. 604 f. Bragis +Erzeugung durch Odin und Gunnlod lesen aus den Worten heraus Gisli +Brynjúlfsson, antiquarisk tidsskrift 1855/7, S. 148 ff. und Bugge, +Beiträge 13, 195 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_496_496" href="#FNanchor_496_496" class="label">[496]</a> Über Bragi Boddason Uhland, Schriften 6, 281 ff.; SE. 3, +307 ff. Gering, <i>kvæþa brot Braga ens gamla</i>, Halle 1886; Bugge, +<i>bidrag til den ældste skaldedigtnings historie</i>, Christiania +1894, wo die Echtheit der dem Bragi zugeschriebenen Gedichte mit +starken Gründen angefochten wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_497_497" href="#FNanchor_497_497" class="label">[497]</a> Bragi als Heldenname Helgakv. Hund. 2, 18; SE. 1, +522; im Ortsnamen Bragalund Helgakv. Hund. 2, 8; <i>bragnar</i> +steht für *<i>bragar</i>, dem alten regelrechten Plural zum Singular +<i>bragi</i>, Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> § 334, 4. <i>bragr</i> im Sinne +von <i>princeps</i> in <i>bragr ása, kvenna, karla</i> u. s. f. bei +Uhland, Schriften 6, 294; Mogk, Beiträge 14, 82 ff. Ags. <i>brego</i>, +der Herrscher, wird gleich angewandt, vgl. J. Grimm, Myth. 215; es +steht im Wurzelablaut zu an. <i>bragr</i>, Sievers, Beiträge 11, 355. +<i>bragafull</i>, Bragibecher, ist nur falsche Lesart minderwertiger +Handschriften statt <i>bragarfull</i>. Vgl. Gudbrand Vigfusson, +Dictionary S. 76; Mogk, Beiträge 14, 83; man darf nicht mit Uhland +a. a. O. 279 ff. dem feierlichen Odins, Freys, Njords Vollhorn einen +entsprechenden Bragibecher gegenüber stellen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_498_498" href="#FNanchor_498_498" class="label">[498]</a> Den Stein machte Zangemeister in den Bonner Jahrbüchern +des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 81, 78 ff. +bekannt; ebenda gibt Holthausen eine Deutung; vgl. ferner Holthausen, +Beiträge 16, 342 ff.; Much u. Schröder, ZfdA. 35, 375 ff.; Kauffmann, +Beiträge 18, 190 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 12 f.; v. Grienberger, +Beiträge 19, 528 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_499_499" href="#FNanchor_499_499" class="label">[499]</a> Loki verhält sich zu <i>lúka</i>, schliessen, wie +<i>broti</i> zu <i>brjóta</i>, <i>skoti</i> zu <i>skjóta</i>. Vgl. +<i>lok</i>, der Schluss, das Ende. So erklärte Uhland, Schriften 6, +14. Bugge, Studien 73 ff. glaubt, dass der Name Loki unter dem Einfluss +von Lucifer (gespr. Lukifer) entstand, als Abkürzung und nordische +Umbildung des fremden Namens aufgefasst werden müsse; vgl. noch +Bugge, bidrag til den ældste skaldedigtnings historie S. 122. Auch +J. Grimm, Myth. 3, 82, deutet Ähnliches an: „man könnte gar noch auf +eine Kürzung aus Lucifer fallen“. Als Beiname einer geschichtlichen +Persönlichkeit, des Thorbjorn Loki, steht der Name in der Landnáma 2. +Kap. 23 (Islendinga sögur 1, 132). Von besondern Arbeiten über Loki +vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 1 ff. Nach Weinhold ist Loki ursprünglich eine +gütige, mächtige Gottheit („der Hauptkern des Gottes ist und bleibt die +eine Seite des alten Himmelsgottes“, Mogk, Pauls Grundriss 1, 1088) und +erst später zu einem bösartigen Dämon herabgesunken. Lokis Abfall vom +Guten zum Bösen ist freilich zweifellos und wird auch von Wislicenus, +Loki, Zürich 1867 nach Gebühr hervorgehoben. Aber man darf darum nicht +gleich Loki mit einem der germanischen Hauptgötter zusammenwerfen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_500_500" href="#FNanchor_500_500" class="label">[500]</a> Logi als Bruder der Elemente Wasser (Hlér) und Luft +(Kári) und Sohn des Riesen Fornjótr erscheint im Fundinn Noregr +(Fornaldarsögur 2, 3 ff.); ausserdem Gylfag. Kap. 46, wo Loki in +schwankhafter Weise sich selber in doppelter Gestalt gegenüber +gestellt wird, dem Logi und dem Utgardaloki, dem Schadfeuer und dem +Höllenfürsten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_501_501" href="#FNanchor_501_501" class="label">[501]</a> Lokis Eltern erklärt Bugge, Studien 80.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_502_502" href="#FNanchor_502_502" class="label">[502]</a> Über Lokis Fortdauer in Redensarten des nordischen +Volkes vgl. Finn Magnusen, Lex. myth. 232; J. Grimm, Myth. 221 f.; +Bugge, a. a. O. 80 f. Vol. 25 Loki hatte die Luft vergiftet (<i>lævi +blandit</i>), meint wol die verderbliche Schwüle.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_503_503" href="#FNanchor_503_503" class="label">[503]</a> Loptr steht Lokas. 6; Hyndl. 43; Fjǫlsv. 26; Haustlǫng +31 (corpus 2, 15; SE. 1, 310) und Eilifs þorsdrápa SE. 1, 290. +Loptr ist übrigens ein gebräuchlicher nordischer Personenname, vgl. +Islendingasögur 1, 428 im Register und Loptr Pálsson SE. 3, 672, Loptr +Hálfdánson ebenda 751; im Frauennamen Lopthœna begegnet derselbe Stamm +wie in deutschen Namen mit Luft, z. B. Lufthildis. Bugge, Studien 81 +verweist auf die schon bei Tatian zum Ausdruck gelangte Auffassung, +dass die Leiber der Dämonen aus Feuer und Luft seien.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_504_504" href="#FNanchor_504_504" class="label">[504]</a> Nordisk tidskrift for filologi, ny række 4. Bd. S. 28 +ff. Die idg. Grundform des ind. <i>vṛtrá-s</i> wird als <i>vartrás +valtrás</i> angesetzt, woraus germ. <i>vlôđraz</i> abzuleiten ist. +<i>vṛtras</i> heisst der Deckende, Verhehlende, Hemmende, von der +Wurzel <i>var</i> bedecken, hehlen, abschliessen, abwehren gebildet. +Vgl. auch Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre 102. Der Name Loðurr +begegnet Vǫl. 18; Haleygja tal im Corpus poet. boreale 1, 253.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_505_505" href="#FNanchor_505_505" class="label">[505]</a> Über die Namen und ihre Erklärung vgl. Bugge, Studien 75 +f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_506_506" href="#FNanchor_506_506" class="label">[506]</a> Gylfag. Kap. 33; als Ase wird Loki SE. 1, 84, 142, 268, +556 bezeichnet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_507_507" href="#FNanchor_507_507" class="label">[507]</a> Die Menschenschöpfung Vol. 17/18; Gylfag. Kap. 9.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_508_508" href="#FNanchor_508_508" class="label">[508]</a> SE. 1, 268 heisst Loki <i>Ođins sinni ok sessi</i>, +Odins Fahrt- und Bankgenosse; Odin heisst <i>Lođurs vinr</i> in der +Haralds saga hárfagra Kap. 13; Islendingadrápa 1; weiteres bei Gudbrand +Vigfusson, corpus 2, 471.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_509_509" href="#FNanchor_509_509" class="label">[509]</a> So berichtet der Skald Thjodolf in der Haustlǫng und +danach Snorri in den Bragar. Kap. 3. Snorri fügt noch bei, wie Skadi, +des Riesen Tochter, zur Rache heranstürmt, aber versöhnt einen der +Asen, Njord, zum Mann nimmt. Loki muss sie zum Lachen bringen. Er +bindet eine Schnur an seine Scham und an den Bart einer Ziege. Beide +ziehen und schreien vor Schmerz. Dann fällt Loki in den Schooss der +Skadi, dass sie lachen muss.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_510_510" href="#FNanchor_510_510" class="label">[510]</a> Möglicher Weise zielt die Bezeichnung Lokis als +Bocksdieb, <i>þjófr jǫtna hafrs</i> SE. 1, 268 auf dieses Ereigniss. +Aber im „Bocke der Riesen“ kann auch eine andre Kenning stecken.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_511_511" href="#FNanchor_511_511" class="label">[511]</a> Sörlaþáttr der Olafssaga Tryggvasonar in den Fornaldar +sögur 1, 391 ff. und in der Flateyjarbók 1, 275 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_512_512" href="#FNanchor_512_512" class="label">[512]</a> SE. 1, 312 in der Haustlǫng heisst Loki <i>girþiþjófr +Brísings</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_513_513" href="#FNanchor_513_513" class="label">[513]</a> Die Fliegengestalt des Teufels bei Grimm, Myth. 950 f.; +3, 295; Bugge, Studien 76.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_514_514" href="#FNanchor_514_514" class="label">[514]</a> Reginsm. 1–12, Skaldsk. Kap. 4.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_515_515" href="#FNanchor_515_515" class="label">[515]</a> Lokas. 23 u. 33; vgl. Hirschfeld, Untersuchungen zur +Lokas. S. 37 f. u. 44, wo die Deutungen Weinholds, ZfdA. 7, 11 ff. +und Finn Magnusens, Edda 2, 211 mitgeteilt sind. Die natursymbolische +Auslegung vertritt auch Gering, Edda S. 34. Hyndl. 43 frisst Lopt +ein Frauenherz, das halbverkohlt in der Asche liegt, und wird davon +schwanger.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_516_516" href="#FNanchor_516_516" class="label">[516]</a> In der Helgakv. Hund, 1, 38/40 beschuldigt Sinfjotli den +Gudmund, eine Hexe gewesen zu sein und von ihm neun Wölfe empfangen +zu haben. Auf den deutschen Bischof Friedrich, der gegen Ende des 10. +Jahrh. auf Island das Christentum verkündigte, und seinen Beschützer +Thorwald Kodransson machte ein heidnischer Dichter den Spottvers:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es gebar neun Kinder  Bischof Friedrich,</div> + <div class="verse indent0">Sie alle zeugte    der eine Thorwald.</div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Vgl. Kristnisaga Kap. 4. Über seinen Feind Thorstein Hallsson liess +der Isländer Thorhadd das Gerücht aussprengen, dass er jede neunte +Nacht ein Weib werde und mit Männern Umgang pflege; Þorsteins +þáttr Siðuhallssonar Kap. 3. Auf diesem schmählichen Vorwurf stand +Friedlosigkeit; Vigsloði Kap. 105: „Dies sind die drei Worte, auf denen +sämtlich der Waldgang steht, wenn die Rede der Leute so sehr schlimm +wird; wenn einer den andern weibisch schimpft oder sagt, er habe sich +belegen oder beschlafen lassen, und man soll so klagen wie wegen andrer +Vollbussworte und man hat gegen diese drei Worte den Totschlag frei“. +Dass alte Sagen oder Kultgebräuche missverstanden oder böswillig +verdreht wurden, ist möglich; ein Kult wenigstens, derjenige der Alcis, +verlangte weibliche Haartracht des Priesters, vgl. Wolfskehl, German. +Werbungssagen S. 6 ff. Auf uralten Aberglauben an die Möglichkeit des +Geschlechtswechsels führt Weinhold, Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 5, +127 ff. die Sagen vom Kleidertausch zwischen Mann und Weib und von der +Weibischkeit der Männer zurück.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_517_517" href="#FNanchor_517_517" class="label">[517]</a> Man kann aber auch an antiken Ursprung denken. +Hermes-Merkur wurde später auch mit Hermaphroditus, dem Sohne des +Hermes und der Aphrodite verwechselt. So heisst es z. B. bei Albericus +<i>de deorum imaginibus libellus 6 de Mercurio: qui de viro in feminam +et de femina in masculum se mutabat, cum volebat: et ideo pingebatur +cum utroque sexu.</i> Loki hat aber sicher einige Züge, z. B. die +Flügelschuhe, von Merkur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_518_518" href="#FNanchor_518_518" class="label">[518]</a> M. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna (<i>acta +germanica</i> 1), Berlin 1889; Finnur Jónsson, litteraturs historie +1, 178 ff. Über glaubenslose Leute aus der Übergangszeit, denen der +Verfasser der Lokas. entweder selbst angehört oder die er wenigstens +dabei im Auge hat, vgl, Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes +I 158 Anm. 16; 160; 163; II 247 ff.; 316 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_519_519" href="#FNanchor_519_519" class="label">[519]</a> Verwandte Züge zwischen Merkur und Loki zählt J. G. +v. Hahn, Sagwissenschaftliche Studien, Jena 1876, S. 162 auf. Bugge, +Studien 267 ff. sucht Loki mit Apollo zu verknüpfen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_520_520" href="#FNanchor_520_520" class="label">[520]</a> Nach der Kenning der Vǫl. 35 „<i>ór Vala þǫrmom</i>“, +aus Walis Därmen seien die Fesseln gefertigt, muss hier wie auch +Gylfag. Kap. 50 geändert werden: mit den Därmen seines Sohnes Wali. +Vgl. Kaufmann, Beiträge 18, 165.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_521_521" href="#FNanchor_521_521" class="label">[521]</a> Dass die Eingangs- und Schlussprosa der Lokasenna +eine unabhängige Überlieferung enthalte, behaupten Jessen, ZfdPh. 3, +72, Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna, Berlin 1889 (<i>acta +germanica</i> 1), S. 11 u. 32; Kauffmann, Beiträge 18, 160.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_522_522" href="#FNanchor_522_522" class="label">[522]</a> <i>Hvera lundr</i>, Wald der Klüfte, deutet Kauffmann, +Beiträge 18, 165, indem er <i>hverr</i> = Gebirgskessel, Kluft, +wie Hym. 26 <i>hverr holtriđa</i>, Schlucht der Waldberge, nimmt. +Jessen, ZfdPh. 3, 37 u. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 9 verstanden +„<i>hverr</i>“ als Kessel heisser Quellen; es seien die heissen Quellen +Islands gemeint. Gegen diese Auffassung, welche „<i>lundr</i>“ Wald +unerklärt lässt, vgl. auch Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 132. +Er sieht im hveralund „en vild bjærgegn med mange huler“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_523_523" href="#FNanchor_523_523" class="label">[523]</a> Saxo Buch 8, S. 431 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_524_524" href="#FNanchor_524_524" class="label">[524]</a> Über die Rechtsaltertümer der Lokisage vgl. Kauffmann, +Beiträge 18, 159 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_525_525" href="#FNanchor_525_525" class="label">[525]</a> Kauffmann, Beiträge 18, 164 ff. vermutet Missverständniss +der alten Kenning, Lokis Bande seien aus „Walis Därmen“ gefertigt +worden. Walis Därme bedeute Zweige, indem Wali ein Waldgott sei. Die +Stricke waren aus Gezweig geflochten. Narfi, ein Riese, sei mit Loki +gleich, also auch ein „Wolf“. Narfi-Wolf wörtlich verstanden führte zur +Vorstellung, Narfi als Wolf habe Wali zerrissen und dann seien dessen +Därme als Fesseln gebraucht worden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_526_526" href="#FNanchor_526_526" class="label">[526]</a> Zum gefesselten Loki vgl. Bugge, Studien 56 f. Die +entsprechenden Teufelssagen bei Grimm. Myth. 962; Mannhardt, German. +Mythen S. 86 f.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 114 f. Über Sigyn gibt E. H. Meyer, +Völuspa 154 ff. Andeutungen, die er jedoch selbst nur als blosse +Vermutung hinstellt, die keineswegs befriedigen. Simrocks Vergleich +zwischen Sigyn und Wolframs Sigune a. a. O. ist belanglos.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_527_527" href="#FNanchor_527_527" class="label">[527]</a> Bugge, Studien 511 vergleicht die <i>duodecim caeli +signa</i>, wo Saturnus infolge einer Gefahr verheissenden Weissagung +den Neptun in die Tiefe des Meeres, den Pluto in die Unterwelt +versenkt. Lokas. 10 u. Haustlǫng heisst Loki Vater des Wolfes, in +Eilifs Þorsdrápa Vater der Schlange; im Ynglingatal ist Hel Lokis +Tochter. Die Skaldenstellen, welche diese Verwandtschaftsverhältnisse +voraussetzen, sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus 2,471.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_528_528" href="#FNanchor_528_528" class="label">[528]</a> Bäda <i>de ratione temporum: Leviathan animal terram, +complectitur tenetque caudam ore suo</i>; vgl. Finn Magnusen, Lex. +myth. 212; J. Grimm, Myth. 166 u. 950; Diemer, Beiträge zur älteren +deutschen Sprache u. Litteratur. 4. Teil. Wien 1867. S. 45; R. Köhler, +Germania 13, 158 ff.; Bugge, Studien 12.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_529_529" href="#FNanchor_529_529" class="label">[529]</a> Fenrir als Verfolger des Mondes (<i>álfrǫđult</i> +der Elbensonne) Vafþr. 46; dass Fenrir eine Wiedergeburt Lokis sei, +behauptet schon J. Grimm, Myth. 224; über seine Fesselung Kauffmann, +Beiträge 18, 161 ff. Bei Loki und Fenrir muss auch in Anschlag gebracht +werden, dass der Teufel bereits bei den Kirchenvätern und im ganzen +Mittelalter als Wolf bezeichnet wurde; vgl. J. Grimm, Myth. 948; 3, +294.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_530_530" href="#FNanchor_530_530" class="label">[530]</a> Vgl. E. H. Meyer, Völuspa 198 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_531_531" href="#FNanchor_531_531" class="label">[531]</a> Der Name der Göttin lautete urgerm. <i>Frijô</i> = idg. +<i>prijâ</i>, woraus westgerm. <i>Frîja</i> und nord. <i>Frigg</i> +lautlich sich entwickeln mussten; vgl. Kögel, Beiträge 9, 544, +Brugmann, Grundriss 1, 128, Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, +Strassburg 1894, S. 160 f. Ahd. begegnet <i>Frîja</i> im Merseburger +Zauberspruch; aus den Formen des Wochentagnamens ahd. <i>frîadag</i>, +<i>frîjetag</i>, <i>frîgetag</i>, <i>frîtach</i> ergeben sich +<i>Frîja</i> und <i>Frîa</i> neben einander, vgl. Braune, Ahd. Gramm. § +117 über den Ausfall von intervokalischem j. Langobardisch <i>Frea</i> +ist wol nur verschrieben für <i>Frîa</i>, wie <i>fulcfree</i> für +<i>fulcfrî</i>, vgl. Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der +Langobarden, Paderborn 1877, S. 263 u. 286; als lautliche Entwicklung +(<i>ija</i> > <i>ea</i>) fasst Bruckner, Sprache der Langobarden +S. 78 diese Erscheinung auf. Nach dem überlieferten Tagnamen +<i>Frígedæg</i> hiess die Göttin bei den Angelsachsen <i>Frig</i>. +Zum Namen vgl. Müllenhoff, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 46 f. u. ZfdA. 30, 217. +Afries. <i>frîgendei</i>, <i>frîendei</i>, mndl. <i>vrîdach</i> zeigt +Bekanntschaft der Göttin bei Friesen und Niederfranken. Mhd. heisst der +Tag <i>frîetac</i>, <i>frîtac</i>, woraus nhd. <i>Freitag</i>. Da der +Wochentag übers gesamte wg. Gebiet nach Frija benannt ist, muss die +Göttin auch bei allen Stämmen Verehrung genossen haben. Im Norden ist +Frigg genügend bezeugt, aber kein Friggjardagr; an. <i>frjádagr</i> +ist aus Deutschland entlehnt, Fritzner, Ordbog 1<sup>2</sup>, 486. Verdächtig +aber sind eine Anzahl von Zeugnissen, die man für das Fortleben des +Frijaglaubens im MA. und in der Neuzeit in Anspruch nahm, so die +<i>Frigaholda</i> einer Madrider Handschrift, die J. Grimm, Kleine +Schriften 5, 416 ff. mit der Göttin in Verbindung brachte, vgl. jetzt +dazu Kauffmann, Beiträge 18, 150 Anm., wonach <i>friga</i> vielleicht +Schreibfehler einer Glosse <i>striga</i>, und besonders die nach Kuhn +und Schwartz in norddeutschen Sagen noch vorhandenen Namen <i>frû +Frîen</i>, <i>Vrëen</i>, <i>Fricke</i>, <i>Frëke</i> u. s. w., wogegen +O. Knoop in Veckenstedts ZfVolkskunde 2, 449 ff. Verdächtig scheint +auch der nordenglische Tanz mit Anrufung „der vornehmsten Riesen“, +die sie Wodan und seine Frau Frigga nennen, was J. M. Kemble aus dem +Mund eines „old Yorkshireman“ gehört haben will; vgl. J. Grimm, Myth. +281. Altdeutsche Namen mit <i>frî</i>- (Förstemann, Namenbuch 2<sup>2</sup>, +582 f.) stehen zum Adj. und dürfen nicht von der Göttin abgeleitet +werden; der Name <i>Fricco</i> (Förstemann, Namenbuch 1, 419 f; 2<sup>2</sup>, +584 ff.) samt seinen Ableitungen gehört zum Adj. <i>frech</i> im alten +Sinne von kampfgierig, verwegen, kühn und hat mit der Göttin nichts +zu thun. Offenbar ist neben altgerm. <i>freka</i>- eine Ableitung +<i>frikkjan</i>- anzunehmen; vgl. afz. <i>frique</i>, neuprovenz. +<i>fricaud</i>, munter, lebhaft. Weil Adam von Bremen für den +nordischen Freyr den Namen <i>Fricco</i> gebraucht, haben J. Grimm, +Myth. 278 ff. und nach ihm andere eine deutsche <i>Fricca</i>, der an. +<i>Frigg</i>, bei Saxo latinisiert <i>Frigga</i>, gegenübergesetzt. Die +neuere Lautgeschichte erweist diese Annahme als irrig, <i>Frigg</i> +kann im Deutschen nur <i>Frîja</i>, <i>Frîa</i> heissen, unmöglich +<i>Fricca</i>. Bei Adam liegt ein Versehen vor. Er wusste von Freyr, +Freyja und Frigg, dazu war ihm der deutsche Name <i>Fricco</i> +geläufig. Daraus kombinierte er das Verhältniss <i>Freyja</i>: +<i>Freyr</i> = <i>Frigg</i>: <i>Fricco</i>. Fricco muss als eine +Erfindung Adams betrachtet werden und darf nun und nimmermehr zum +Ausgang sprachlicher und mythologischer Unmöglichkeiten dienen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_532_532" href="#FNanchor_532_532" class="label">[532]</a> Über Frigg vgl. Vǫl. 34; Lokas. 29; Gylfag. Kap. 9; 20; +35; Frigg in der Baldrsage Gylfag. Kap. 49. Friggs Beziehung zur Ehe +Gylfag. Kap. 35 (SE. 1, 116) und Vǫlsungasaga Kap. 1. Ihre Attribute, +Truhe und Schuhe, sind aus Gylfag. Kap. 35 zu entnehmen, wo es von +Fulla heisst: sie trägt Friggs Truhe und bewahrt ihr Schuhzeug. Im +Eingang zum Grimnirlied heisst Fulla <i>eski-mær</i>, d. h. Mädchen, +welches die Truhe (<i>eski</i>) einer vornehmen Herrin in Verwahrung +hat. Über die Bedeutung von Friggs Schuhen und Kästchen vgl. W. +Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 276 f. +Wenn der Frigg SE. 1, 284 u. 304 ein Falkenhemd zugeschrieben wird, +so liegt hier deutlich Verwechslung mit Freyja vor, nicht ältere +Sagenüberlieferung, wonach auch Frigg mit dem Fluggewand begabt gewesen +wäre; vgl. SE. 3, 2, 780 im Index.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_533_533" href="#FNanchor_533_533" class="label">[533]</a> Zur Erklärung des Namens Fensalir Bugge, Studien über +die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 214 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_534_534" href="#FNanchor_534_534" class="label">[534]</a> Saxo I S. 42 ff. <i>cujus conjunx Frigga, quo cultior +progredi posset, ascitis fabris aurum statuae detrahendum curavit. +quibus Othinus suspendio consumtis statuam in crepidine collacavit, +quam etiam mira artis industria ad humanos tactus vocalem reddidit. +at nihilominus Frigga, cultus sui nitorem divinis mariti honoribus +anteponens, uni familiarium se stupro subjecit; cujus ingenio +simulacrum demolita, aurum publicae superstitioni consecratum ad +privati luxus instrumentum convertit.</i> Der Vorwurf der Buhlerei +Friggs mit Vili und Vé begegnet in der Lokasenna 26 und in der +Ynglingasaga Kap. 3. Odin war lange Zeit abwesend, die Asen erwarteten +seine Rückkehr nicht mehr. Da teilten seine Brüder Vili und Vé sein +Erbe und nahmen sein Weib Frigg miteinander. Kurz darauf kam Odin +zurück und nahm sich wieder seine Frau. Zur Auslegung der Sage vgl. +Müllenhoff, ZfdA. 30, 220.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_535_535" href="#FNanchor_535_535" class="label">[535]</a> Über den schwedischen Volksglauben vgl. +Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 236 f.; Rietz, svensk +dialektlexicon 165; Friggjargras nach J. Grimm, Myth. 279, Jón +Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 646; nach Asbjörnsen, norske folke- og +huldreeventyr 1, 201 u. 206 geht <i>Stor Frigg</i> mit elbischem Vieh.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_536_536" href="#FNanchor_536_536" class="label">[536]</a> Über die Göttinnen vgl. Snorre in Gylfag. Kap. 35; +der Skald Kormak (937–967) nennt Sága, Hlín, Eir, Vár, Gná. Wie die +Göttinnen nur die eine Hauptgöttin Frigg vervielfältigen, so die in den +Fjǫlsvinnsmǫ́l 38 aufgezählten Jungfrauen ihre Herrin Menglod, in der +ebenfalls Frigg sich verbirgt. Die hilfreichen Mädchen heissen Hlif +(Beschützerin), Hlifthrasa (Schutz-?), Thiodwara (Volksbewahrerin), +Bjort (die Glänzende), Bleik (die Weisse), Blid (die Freundliche), +Frid (die Schöne), Aurboda (die Goldspenderin), Eir (die Pflegerin). +Zu den Göttinnen im allgemeinen Uhland, Schriften 6, 139 ff. Die +Handschriften der SE. 1, 116 u. 2, 274 unterscheiden zwischen Vár und +Vǫr. Vgl. darüber Müllenhoff, ZfdA. 16, 152; Mogk, Beitr. 6, 529 ff.; +Bugge, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1875, S. 216 f.; Sijmons, Edda +I, 1, 148 Anm. Sunna betrachtet Kauffmann, Beitr. 15, 209 als Gen. von +Sunn = an. Syn; Eir vergleicht er (Beitr. 16, 201 ff.) den Alaisiagen, +den Allhilfreichen; gegen Kauffmanns Gleichstellung von Sunna und Syn +Gering, ZfdPh. 26, 149. Über Sinhtgunt Müllenhoff, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 46; +Bugge, Studien 297 f., wo eine Mondgöttin behauptet wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_537_537" href="#FNanchor_537_537" class="label">[537]</a> Über Freyja Gylfag. Kap. 24 u. 35; Grímn. 14; +Ynglingasaga Kap. 4 u. 13. Freyjas Namen SE. 1, 304.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_538_538" href="#FNanchor_538_538" class="label">[538]</a> <i>Freyja</i> kennt die an. Sprache auch als +Appellativum, so in <i>húsfreyja</i>, wofür auch das vielleicht aus +dem Deutschen entlehnte <i>húsfrú</i> eintritt; für <i>frú</i> hat +die ältere Sprache <i>frauva</i>, <i>froua</i>, <i>frúva</i>, vgl. +Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 340,1. Snorre betont den Zusammenhang: <i>af hennar +nafni er þat tignarnafn, er ríkiskonur eru kallađar frúvor (frúr)</i>. +<i>snyrtifreyja</i>, <i>fægifreyja</i> sind schwerlich eigentliche +Wörter, vielmehr skaldische Umschreibungen für den Begriff Frau. Dem +nordischen <i>Freyr</i> (urgerm. <i>fraujaȥ</i>) steht möglicherweise +wegen der ags. und altdeutschen Namen <i>Fréaƕine</i>, <i>Frôƕin</i> +ein <i>Fréa</i>, <i>Frô</i> (urgerm. <i>fraƕô</i>) gegenüber. Aber von +einer deutschen <i>Frouƕa</i> ist keine Spur nachweisbar.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_539_539" href="#FNanchor_539_539" class="label">[539]</a> Der <i>kviđlingr</i> lautet in der ausführlichen +Olafssaga Tryggvasonar Kap. 217:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>vil ek eigi gođ geyja  grey þykki mér Freyja</i></div> + <div class="verse indent0"><i>æ mun annat tveggja Óđinn grey eđa Freyja.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Ähnlich lautet der Vers in der Njálssaga Kap. 102. Ari in der +Íslendingabók Kap. 7 und Kristnisaga Kap. 9 haben nur die erste +Hälfte der Strophe, die Schelte auf Freyja, ohne Odin zu nennen. +Zur Überlieferung Njála, Köbenhavn 1875–79, Bd. II, 504 ff.; Finnur +Jónsson, Íslendingabók, Kaupmannahöfn 1887, S. XXXV.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_540_540" href="#FNanchor_540_540" class="label">[540]</a> Jüngere Olafssaga helga Kap. 101 f (Flateyjarbók 1, +283); das gleiche Versehen in der Bósasaga Kap. 12, wo dem Thor, Odin +und der Freyja (statt dem Freyr) Minne getrunken wird; vgl. Petersen, +om nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 94. Man muss berücksichtigen, +dass die spätere Bearbeitung der Olafssaga und die Bósasaga +zeitlich mit den Skíðarímur (14. Jahrh.), wo Freyja Odins Weib ist, +zusammenfallen. Das Versehen ist kein äusserliches, vielmehr war den +Schreibern, welche Freyja statt Freyr den Hauptgöttern Thor und Odin +zur Seite stellten, Freyja die wichtigste und höchste Asin, und durfte +somit, wie früher ehestens Frigg, mit Odin zusammen genannt werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_541_541" href="#FNanchor_541_541" class="label">[541]</a> Hálfssaga Kap. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_542_542" href="#FNanchor_542_542" class="label">[542]</a> Egilssaga Kap. 81.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_543_543" href="#FNanchor_543_543" class="label">[543]</a> Der Sörlaþáttr in den Fornaldar sögur 1, 391 und in der +Flateyjarbók 1, 275. Über Brísingamen Müllenhoff, ZfdA. 12, 304; über +das Halsband in seiner Beziehung zu Freyja Müllenhoff, ZfdA. 30, 220 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_544_544" href="#FNanchor_544_544" class="label">[544]</a> <i>Brísinga men</i> gehört der altgerman. Sage +an, im Béowulf 1199 ist mit „<i>brosinga mene</i>“, das zu einem +reichen Hort gehört, offenbar dasselbe gemeint. An. <i>brísingar</i> +bedeutet die Zusammenflechter, die kunstreichen Verfertiger und würde +auf schmiedende Zwerge wol passen. Dass die Künstler nachmals zu +Zwergen wurden, versteht sich daraus, dass die Zwerge im Besitz der +Schmiedekunst sind. Dem Wortstamme verwandt ist mhd. <i>brîsen</i>, +einfassen, schnüren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_545_545" href="#FNanchor_545_545" class="label">[545]</a> Uhland, Schriften 6, 58; 154.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_546_546" href="#FNanchor_546_546" class="label">[546]</a> Bugge, Studien 11; in der im 6. Jahrh. verfassten +Abhandlung <i>de origine idolorum</i> sagt der Bischof Martinus von +Braga von der Venus: <i>etiam cum patre suo Jove et cum fratre suo +Marte meretricata est</i>; Mai class. auct. 3, 382.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_547_547" href="#FNanchor_547_547" class="label">[547]</a> So Eilif Guðrúnarson SE. 1, 300.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_548_548" href="#FNanchor_548_548" class="label">[548]</a> Auf Freyjas Buhlerei gehen die Anspielungen Hyndl. 47 u. +48. Über das Gedicht Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 195 ff. Die +Entstehungszeit bestimmt Finnur auf 950–975. Den Schutz, welchen Freyja +dem Ottar gewährt, betrachtet Hyndla als unerlaubtes Verhältniss.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_549_549" href="#FNanchor_549_549" class="label">[549]</a> Kögel, Indogerm. Forschungen 4, 313 erklärt +<i>mardǫll</i> als die Hellglänzende, <i>mar-</i>, <i>mari-</i> im +Sinne von glänzend (vgl. μαρμαίρω bei Fick, Vgl. Wörterbuch I<sup>4</sup> 515) +begegnet in deutschen Frauennamen <i>Meridrûd</i>, <i>Meripurc</i>, +<i>Merihilt</i>, <i>Merisƕind</i> u. ä. In einem isländischen Märchen, +das um 1700 aufgezeichnet wurde, heisst ein Mädchen <i>Mærþöll</i>; +wenn sie weint, verwandeln sich ihre Thränen in Gold; vgl. Jón +Árnason, Þjóðsögur og æfintýri íslenzkar 2, 424 f. Die goldene Thränen +weinende Mærþöll (Mardǫll-Freyja) ist hier gelehrten Ursprungs, nicht +nachwirkende echte Volkssage.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_550_550" href="#FNanchor_550_550" class="label">[550]</a> Zur Herkunft der fremden Züge in Freyjas Art Bugge, +Christiania Morgenbladet vom 16. Aug. 1881; gefälscht ist die +Geschichte von <i>Woud</i> und <i>Freid</i>, Schönwerth, Sagen u. +Sitten aus der Oberpfalz 2, 312 ff., obwol J. Grimm, Kleinere Schriften +5, 427 f. und danach M. Hirschfeld, Lokasenna 28 ff. sie für echt +halten; weitere angebliche Freyjasagen s. bei Mannhardt, Germanische +Mythen, Berlin 1858, S. 288 Anm. 1 u. 295, Anm. 5.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_551_551" href="#FNanchor_551_551" class="label">[551]</a> D. h. das Gestein zerschmolz durch die Hitze zahlreicher +Opferfeuer zu Glas; Ottar ist ein eifriger Opferer.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_552_552" href="#FNanchor_552_552" class="label">[552]</a> Über Gefjon Gylfag. Kap. 35; Lokas. 20, 21; Volsa-Þáttr, +hrsg. von Guðbrandr Vigfússon in Nordiske oldskrifter 27, 133 ff. und +Corpus poeticum boreale 2, 381 f.; die Bauerntochter beteuert: <i>þess +sver ek viđ Gefjon ok viđ gođin önnor</i>. Über den Namen Gefjon +Bugge, Beiträge 12, 417; er vergleicht die inschriftlichen <i>Junones +Gabiae</i>, <i>matronis Gabiabus</i>, <i>Alagabiabus</i> (Kern, Revue +celtique 2, 156) und stellt dazu got. gabei, Reichtum. Urverwandt sei +<i>copia</i>. Gefjon wäre etwa einer <i>Copia</i> zur Seite zu setzen. +Vgl. noch Much, ZfdA. 35, 316 f.; dagegen Kauffmann, Zeitschr. d. +Vereins f. Volkskunde 1892, S. 42 Anm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_553_553" href="#FNanchor_553_553" class="label">[553]</a> Dass <i>Gefn</i> mit ags. <i>geofon</i>, as. +<i>geƀan</i>, „Meer“ zusammenhänge und auch Gefjon hierher gehöre +(J. Grimm, Myth. 219), also etwa eine Seegöttin, eine Wanin (Noreen, +Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg 1894, S. 50 u. 53, Vaner „die +Seegötter“) bedeute, behauptet auch Much, ZfdA. 35, 327. Die Beziehung +ist zu unsicher, würde aber zu Freyja als der Schwester des Freyr +passen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_554_554" href="#FNanchor_554_554" class="label">[554]</a> SE. 1, 312 u. 282; corpus 2, 15 u. 17; ebenda 67.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_555_555" href="#FNanchor_555_555" class="label">[555]</a> Gefjon als Pflügerin Gylfag. Kap. 1; Ynglingasaga Kap. +5. Auf Grimms Etymologie gestützt, erklärt Weinhold (Riesen des germ. +Mythus S. 241) die Gefjon als Meerriesin, die Mythe vom Landpflügen +als die Erinnerung an eine furchtbare Sturmflut, die vom Norden +hereinstürmend in unvordenklicher Zeit Seeland von der skandinavischen +Halbinsel losriss.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_556_556" href="#FNanchor_556_556" class="label">[556]</a> Über Idun Gylfag. Kap. 26; Bragar. 2; Lokasenna 17. Der +Skald Thjodolf in der Haustlǫng behandelt den Mythus vom Raube der +Idun, SE. 1, 306–314. Über Iduns Benennungen unter den Skalden SE. +1, 304. <i>Iđunn</i>, auch als Frauenname auf Island bezeugt (Arkiv +f. nordisk filologi 5, 24 Anm.), bedeutet Erneuung, Verjüngung; der +Name ist gebildet vom Präfix <i>iđ</i> iterum und vom in Frauennamen +häufigen Suffix <i>-unn</i>, vgl. Uhland, Schriften 6, 69, Bugge, +Arkiv 5, 24. Sie trägt ihn offenbar als Bewahrerin der Äpfel, die +„<i>ellilyf</i>“, Heilmittel gegen Alter heissen. Über die Idunsage und +ihre Deutung Uhland, Schriften 6, 69 ff. und Bugge, Arkiv för nordisk +filologi 5, 1 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_557_557" href="#FNanchor_557_557" class="label">[557]</a> Zur Deutung der Fjǫlsvinnsmǫ́l vgl. Müllenhoff, ZfdA. +30, 219.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_558_558" href="#FNanchor_558_558" class="label">[558]</a> ZfdA. 30, 217 ff. Die oben ausgehobenen Stellen ebenda +S. 243 u. 259.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_559_559" href="#FNanchor_559_559" class="label">[559]</a> SE. 1, 304 heisst Freyja <i>eigandi fressa</i>, Eignerin +der Katzen; SE. 1, 96 e<i>kr hón kǫttum tveim ok sitr í reiđ</i>; SE. +1, 176 <i>Freyja reiđ kǫttum sinum</i>. Snorri versteht also unter +„<i>fress</i>“ Kater, Katze, wie z. B. auch Grágás II 192 <i>kattbelgir +af gǫmlum fressum</i>. Unter den <i>heiti</i> für <i>bjǫrn</i>, Bär, +steht <i>fress</i> SE. 1, 478 u. bei Kormak. Vgl. Sveinbjörn Egilsson, +Lex. poet. 202.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_560_560" href="#FNanchor_560_560" class="label">[560]</a> Sohn der Jord heisst Thor Þrym. 1; Lokas. 58; beim Skald +Ǫlvir SE. 1, 254; in der Haustlǫng SE. 1, 278. Über Jord als Odins Weib +Gylfag. Kap. 9; nach Gylf. Kap. 10 und einer Strophe Hallfreds SE. 1, +320 u. 460 ist sie die Tochter des Riesen Onar und der Riesin Nótt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_561_561" href="#FNanchor_561_561" class="label">[561]</a> Frigg heisst Lokas. 26 <i>Fjǫrgyns mǽr</i>, d. h. +Fjorgyns Geliebte, wie Freyja <i>Oþs mǽr</i>, Ods Geliebte ist; SE. 1, +54 u. 304 ist der Ausdruck missverstanden, <i>mær</i> = <i>dóttir</i> +gefasst, also Fjǫrgyns Tochter. Fjǫrgyn als Thors Mutter Vol. 56; +Hárb. 56; SE. 1, 476; 585; Oddrúnargrátr 10 steht <i>á fjǫrgynju</i> += <i>á jǫrđu</i>. Zur Etymologie des Namens Hirt, Indogermanische +Forschungen 1, 479 ff.; Kauffmann, Beiträge 18, 140; Noreen, Abriss +der urgerm. Lautlehre S. 131. Von idg. <i>perqos</i> (<i>quercus</i>) +abgeleitet sind kelt. <i>erkunia</i>, ἑρκύνιος δρυμός (Eichwald), got. +<i>faírguni</i>, Berg, mhd. <i>Virgunnia</i> (Eichenwald, Name des +Böhmerwaldes und Erzgebirges).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_562_562" href="#FNanchor_562_562" class="label">[562]</a> Den ags. Segen bei Grein-Wülker, Bibliothek der +ags. Poesie, Bd. 1, 1883, S. 312 ff.; die Litteratur darüber bei +Wülker, Grundriss zur Geschichte der ags. Litteratur, Leipzig 1885, +S. 347 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 39 +ff.; <i>Erce</i> erklärt Kögel als eine Weiterbildung zum Grundwort +<i>ero</i>, „Erde“ (über <i>ero</i> Kögel, Pauls Grundriss 2, 1, 196 +und Müllenhoff-Scherer, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 3); es verhalte sich dazu wie +<i>scinca</i>, „Schinken“ zu <i>scina</i>, „Beinschiene“, <i>zinko</i>, +„Zacken“ zu <i>zinna</i>, <i>funcho</i>, „Funke“ zu got. <i>fôn</i>, +<i>funins</i>, „Feuer“. Brynhilds Tagesgruss in den Sigrdrífumál 4.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_563_563" href="#FNanchor_563_563" class="label">[563]</a> Lex. myth. 401; zur obigen Deutung Weinhold, Die Riesen +im germ. Mythus, Wien 1858, S. 60 ff. Kauffmann, Beiträge 18, 169 f. +führt Rindr auf Vrindr, „die Göttin mit dem Zauberstab“ zurück und +stellt sie der Hlodyn und Grid zur Seite; dagegen Rödiger, ZfdPh. 27, 6 +f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_564_564" href="#FNanchor_564_564" class="label">[564]</a> Über Nerthus wurde bereits unter Freyr (S. 219, Anm. +2) das Notwendige mitgeteilt. Für die Bedeutung des Nerthusfestes +vgl. Mannhardt, Wald- u. Feldkulte 1, 567 ff.; Kögel, Geschichte d. +deutschen Litteratur I, 1, 21 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_565_565" href="#FNanchor_565_565" class="label">[565]</a> J. Grimm, Myth. 748, Nachträge 1225.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_566_566" href="#FNanchor_566_566" class="label">[566]</a> Annalen 1, 51; zur Feststellung der Lesart des Namens +Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, 23.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_567_567" href="#FNanchor_567_567" class="label">[567]</a> Überliefert ist tāfanę, was in Tanfanae oder Tamfanae +aufzulösen ist. Den Nasal erachten J. Grimm und Müllenhoff als +infigiert, wie λαμβάνω zu λαβ-, τύμπανον zu τύπ-τω u. ä.; sie +deuten demnach, als ob <i>Taƀana</i> stünde. J. Grimm, Gesch. d. +deutschen Spr. 232, 622, 828; Kleinere Schriften 5, 418 ff. rät +auf eine germanische Göttin des Herdes und Feuers, Vesta, Ἑστία, +skythisch <i>Tabiti</i>; die idg. Wurzel läge in <i>tepere</i>, aind. +<i>tapas</i>, Hitze. Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, 23 ff. vergleicht +an. <i>tafn</i>, „Opfertier“ und die idg. Wurzel <i>dap</i>, welche im +lat. <i>daps</i>, <i>dapinare</i>, griech. δάπτω, δάπανος, δαψιλής, +δέπας erscheint. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 19 +Anm. erinnert an isl. <i>þamb</i>, Schwellung, Fülle, <i>þǫmb</i>, +Fülle, Gespanntheit; <i>þamba</i>, in vollen Zügen trinken; norweg. +<i>temba</i>, füllen, stopfen; <i>temba</i>, grosse Mahlzeit. Dann +meint des Tacitus Schreibung Tamfana eine germanische <i>Thamfana</i>, +<i>þamƀana</i>. Immerhin ist Kögels Versuch besser als die andern, +nachdem die Wurzel „<i>dap</i>“ sonst nirgends Nasalinfix aufweist. +Unmöglich ist die Erklärung Jaekels, ZfdPh. 24, 306 ff., wonach Tamfana +aus <i>Tamna</i>(zu Wurzel <i>dam</i>, δαμάω, <i>domare</i>) entstand +und die alles bezwingende Todesgöttin bedeutet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_568_568" href="#FNanchor_568_568" class="label">[568]</a> Tac. Ann. 4, 73 <i>apud lucum quem Baduhennae vocant</i>. +Nach Müllenhoff, Schmids Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 +und ZfdA. 9, 240 f. ist <i>h</i> Trennungszeichen und <i>Baduennae</i> +zu lesen. Man denkt beim Suffix an kelt. <i>Arduenna</i>, Zeuss Gramm. +celtica<sup>2</sup> 774. Siebs, ZfdPh. 24, 1 ff. erklärt <i>Baduhenna</i> als +Beiname Wodans, der im Kampfe tötende Walvater; das ist abgesehen von +anderm sprachlich unmöglich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_569_569" href="#FNanchor_569_569" class="label">[569]</a> Vgl. v. Grienberger, Beiträge 19, 531 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_570_570" href="#FNanchor_570_570" class="label">[570]</a> Die Litteratur über den Stein wurde bereits im Abschnitt +über Tiuȥ S. 204 Anm. 2 mitgeteilt. Zum oben Vorgetragenen Heinzel, +Westd. Ztschr. 3, 292; Weinhold, ZfdPh. 21, 1 ff.; Kaufmann, Beiträge +16, 201 ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 434 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_571_571" href="#FNanchor_571_571" class="label">[571]</a> <i>Hlóþyn</i> begegnet Vǫl. 55; dass sie Widars, nicht +Thors Mutter ist, zeigt Kauffmann, Beiträge 18, 136 ff.; <i>Hlóþyn</i> +gleich Jord SE. 1, 474; in der Olafssaga Tryggvasonar Fms. 1, 123 +<i>hlóþyn markar</i>, terra silvae; in der Hervararsaga Fas. 1, +469 <i>í hlóþynjar skaut</i>, in gremium terrae. Die wichtigsten +Inschriften der <i>dea Hludana</i> sind die rheinischen von Birten und +Iversheim (vgl. Brambach, Corpus inscriptionum rhenanarum 150; Bonner +Jahrbücher 50, 184) und die friesische (W. Pleyte, in den Verslagen der +kon. akad. letterkunde 3, 6, 58). Über die Göttin Sculo Thorlacius, +<i>de Hludana</i>, <i>Germanorum gentilium dea</i>, Havniae 1782; +Müllenhoff, Schmidts Ztschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 Anm.; +Jäkel, ZfdPh. 23, 129 ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 457 ff.; Kauffmann, Beiträge +18, 134 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 3. Gegen Mogk, Grundriss 1, 1094 +Kauffmann a. a. O. 142. Bugge, Studien 19 u. 575 trennt Hlóðyn, die er +aus Latona ableitet, von Hludana.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_572_572" href="#FNanchor_572_572" class="label">[572]</a> Wol nach Ovid, Metam. 1, 393: <i>magna parens terra est, +lapides in corpore terrae ossa reor dici.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_573_573" href="#FNanchor_573_573" class="label">[573]</a> Germania Kap. 9 <i>pars Sueborum et Isidi sacrificat: +unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum +ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem</i>. Zu +Isis M. Haupt, Moriz von Craun S. 4; Kauffmann, Beiträge 16, 217 ff. +Die von Aventinus (Chronik 1566 fol. 37) angedeutete, durch Simrock +Myth.<sup>5</sup> 372 ff. aufgenommene Ansicht, der Name der deutschen Göttin, +etwa <i>Îsa</i>, Avent. <i>fraƕ Eysen</i> (vgl. auch J. Grimm, Myth. +244) habe Isis bei Tacitus hervorgerufen als den nächstliegenden, +ähnlich klingenden Namen, bedarf keiner ernstlichen Widerlegung. Die +Litteratur über die suevische Isis verzeichnet Drexler in Roschers +Lexicon der griech. u. röm. Mythologie 2, 548 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_574_574" href="#FNanchor_574_574" class="label">[574]</a> Die Nehalenniadenkmäler mit Abbildungen bei L. J. F. +Janssen, de romeinsche beelden en gedenksteenen van Zeeland. Middelburg +1845; die rhein. Inschriften bei Brambach, Corpus inscriptionum +rhenanarum Nr. 441 u. 442. Das Material verwerten neuerdings die +Abhandlungen von Jäkel, ZfdPh. 24, 289 ff. und Kauffmann, Beiträge +16, 211 ff. Die letztgenannte treffliche Arbeit ist für die oben +vorgetragenen Ansichten maassgebend. Dem gegenüber hat Muchs +Aufsatz, ZfdA. 35, 324 ff. wenig Bedeutung. Detter, ZfdA. 31, 208 +stellt Nehalennia zu νέκυς; das Grundwort <i>nehal</i> kehre in an. +<i>njól</i>, die Nacht, wieder. Dagegen Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 106a u. +231; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 14 u. 113, wonach <i>niól</i> aus +<i>niƀol</i> abzuleiten ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_575_575" href="#FNanchor_575_575" class="label">[575]</a> A. a. O. 228 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_576_576" href="#FNanchor_576_576" class="label">[576]</a> Die Bräuche des Schiffsumzuges bei J. Grimm, Myth. 237 +ff.; 3, 86. Weiteres bei J. W. Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie +1, 1852, 149 ff. Die Hauptstelle für die niederländische Umfahrt in des +Abtes Rudolf († 1138) Klosterchronik von St. Trond, Buch 12, Kap. 11–14 +(MG Script. 10, S. 310 ff.).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_577_577" href="#FNanchor_577_577" class="label">[577]</a> Vgl. darüber Mannhardt, Wald- und Feldkulte 1, 553 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_578_578" href="#FNanchor_578_578" class="label">[578]</a> Dümmler, Rhein. Museum, N. F. 43, 355 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_579_579" href="#FNanchor_579_579" class="label">[579]</a> Das Schiff auf Rädern im Moriz von Craon gehört gewiss +zum Carneval und hat mit dem german. Heidentum nichts zu schaffen. Vgl. +E. Schröder, Zwei altdeutsche Rittermären, Berlin 1894, S. XXVIII; das +niederrheinische Schiff mag ebendaher stammen. Seine mythologische +Bedeutung wird mindestens sehr zweifelhaft.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_580_580" href="#FNanchor_580_580" class="label">[580]</a> Das gesamte Material bei Ihm, Der Mütter- und +Matronenkult und seine Denkmäler, Bonner Jahrbücher des Vereins von +Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 83, 1887, S. 1–200; Much, ZfdA. +31, 354 ff. u. 35, 315 ff. germanische Matronennamen; Muchs Deutungen +sind überaus unsicher, da sie nicht von den Ortsnamen ausgehen; +Kauffmann, Der Matronenkultus in Germanien. Ztschr. d. Vereins f. +Volkskunde, 1892, S. 24 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_581_581" href="#FNanchor_581_581" class="label">[581]</a> Zur <i>dea Sandraudiga</i> J. Grimm, Geschichte der +deutschen Sprache 588; Grienberger, ZfdA. 35, 390.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_582_582" href="#FNanchor_582_582" class="label">[582]</a> Zu <i>dea Vercana</i> Much, ZfdA. 31, 357 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_583_583" href="#FNanchor_583_583" class="label">[583]</a> Zu <i>dea Vagdavercustis</i> Grienberger, ZfdA. +35, 393 ff.; seine Erklärung, „die Lebenskraft wirkende“, die +spendende Erdgöttin, ist sehr unsicher, zumal <i>vagda</i> = ahd. +<i>kiuuegida</i>, „vegetamen“; man würde mindestens <i>*ƕagida</i> +erwarten; ebenso die Ableitung <i>vercustis</i>, der zulieb ein +unbelegtes <i>„ƕerkos“</i> behauptet wird. Von weiteren Göttinnen z. B. +<i>dea Garmangabis</i>, Grienberger, ZfdA. 38, 189 ff., wird hier +besser geschwiegen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_584_584" href="#FNanchor_584_584" class="label">[584]</a> Widukind, Res gestae Saxonicae I, 23 MG. Script. 3, 428 +<i>ut a mimis declamaretur, ubi tantus ille infernus esset, qui tantam +multitudinem caesorum capere posset</i>. Dass hinter <i>infernus</i> +as. <i>hella</i> steht, meint J. Grimm, Myth. 761.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_585_585" href="#FNanchor_585_585" class="label">[585]</a> Die Höllenfahrt beschreiben Baldrs Draumar 2 u. 3; +Gylfag. Kap. 49; Helreiþ Brynhildar.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_586_586" href="#FNanchor_586_586" class="label">[586]</a> Bugge, Studien 179 erklärt Garmr aus Kerberos verderbt. +Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> § 248 fasst Garmr als Metathesis zu Gramr, der +Grimmige.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_587_587" href="#FNanchor_587_587" class="label">[587]</a> Niflhel Baldrs. Dr. 2; Vafþr. 43; SE. 1, 136; Niflheim +SE. 1, 38; 40; 68; 106; 136.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_588_588" href="#FNanchor_588_588" class="label">[588]</a> Baldrs Draumar 6, 7; Gylfag. K. 49 SE. 1, 178.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_589_589" href="#FNanchor_589_589" class="label">[589]</a> Die mittelalterlichen Christen meinten, die Leiber der +Ungläubigen und Unbussfertigen müssten in der Hölle grausigem Gewürm +zur Nahrung dienen. Den Angelsachsen ist die Hölle ein Schlangensaal +(<i>ƕyrmsele</i>); vgl. Bugge, Studien über die Entstehung der +nordischen Götter- und Heldensagen S. 482 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_590_590" href="#FNanchor_590_590" class="label">[590]</a> Über die Wanderung nach dem Tode und den eisigen, +Schneiden mit sich führenden Höllenfluss vgl. Müllenhoff, Deutsche +Altertumskunde 5, 113 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_591_591" href="#FNanchor_591_591" class="label">[591]</a> Egilssaga Kap. 45 <i>til hásalar Heljar helgengnir</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_592_592" href="#FNanchor_592_592" class="label">[592]</a> Die Schilderung der Hel Gylfag. Kap. 34; über die Sage, +wie sie von Allvater hinunter nach Niflheim geschleudert wird, Bugge, +Studien 511.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_593_593" href="#FNanchor_593_593" class="label">[593]</a> Gylfag. Kap. 51 SE. 1, 190 <i>þar er ok þá Loki kominn +ok Hrymr, ok međ honum allir Hrímþursar, en Loka fylgja allir Heljar +sinnar</i>. Danach bessert Bugge Str. 51 der Vǫl., was Sijmons annimmt:</p> + +<div class="poetry-container"> + <div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><i>kjóll ferr norþan:  koma mono Heljar</i></div> + <div class="verse indent0"><i>of lǫg lýþer,     en Loke stýrer.</i></div> + </div> + </div> +</div> + +<p>Die Hss. haben <i>austan</i> statt <i>norþan</i>, <i>muspellz</i> statt +<i>heljar</i>; aber SE. setzt die Lesart Bugges voraus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_594_594" href="#FNanchor_594_594" class="label">[594]</a> Íslendinga sögur 2, 361 <i>an mér ǫlselja Heljar +eplis</i>, die Frau gönnt mir Hels Äpfel, d. h. will meinen Tod. Zur +Stelle Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 318. Deutsche Seitenstücke zur +griechischen Mythe bei W. Müller, Niedersächsische Sagen S. 372 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_595_595" href="#FNanchor_595_595" class="label">[595]</a> Myth. 291; 3, 94. Unter den vielen Sagen von +verwünschten Jungfrauen, die Panzer, Beitrag z. deutschen Myth. 1, +München 1848, behandelt, kommt auch einmal eine schwarz und weiss +gefärbte Jungfrau, vom Volk die <i>Held</i> genannt, vor; daraus eine +germanische Halja zu erschliessen, wie es seit Panzer beliebt, ist +nicht zu billigen. Die Sagen fallen ins Bereich des Gespensterglaubens, +in den die höllische Verdammniss oft hereinspielt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_596_596" href="#FNanchor_596_596" class="label">[596]</a> <i>Rán</i> bedeutet Raub. Über die Ran vgl. SE. 1, +338; Reginsmǫ́l Prosaeingang; Helgakv. Hj. 18; Helg. Hund. I, 31; +die Strophe des Ref, SE. 1, 326; Fóstbrœðrasaga älterer Text Kap. +4, jüngerer Text Kap. 6; Friðþjofssaga Kap. 6; Eyrbyggjasaga Kap. +54; Sneglu-Halla þáttr (Fornmannasögur 6, 376); Egill im Sonartorrek +7. Thjodolf in der Haustlǫng nennt Ran, indem er das Meer als +<i>Rán-himinn</i> bezeichnet. Das Netz der Ran führt Bugge, Studien +20 f. auf das Netz der Aranea zurück; <i>Aranea casses in alto +suspendit</i> sei missverstanden, <i>in alto</i> als in der Meerestiefe +gefasst worden. Übrigens hat nach Kuhns märk. Sagen, S. 374, der +Wassermann auch ein Netz, und der Vita Sulpicii († 614) zufolge wird in +einem Wasserstrudel von Geistern mit Stricken den Menschen nachgestellt +(<i>repente funibus daemoniacis circumplexus amittebat crudeliter +vitam</i>); vgl. W. Müller, System der altdeutschen Religion S. 375 +Anm. 4.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_597_597" href="#FNanchor_597_597" class="label">[597]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 11.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_598_598" href="#FNanchor_598_598" class="label">[598]</a> Vgl. oben S. 238 ff.; Detter, Beiträge 18, 76 ff. sucht +Spuren des Skaðimythus in andern Sagen nachzuweisen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_599_599" href="#FNanchor_599_599" class="label">[599]</a> So Müllenhoff, ZfdA. 23, 117.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_600_600" href="#FNanchor_600_600" class="label">[600]</a> Dass Skadi eine Vertreterin der Finnen und Lappen, der +vorgermanischen Bevölkerung des Nordens sei, behaupten W. Müller, +Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage S. 101 +und Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 55 ff.; über den Namen +Skandinavia Müllenhoff, a. a. O. 357 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_601_601" href="#FNanchor_601_601" class="label">[601]</a> Über Thorgerd Hölgabrúðr, die in späterer Verderbniss +auch als <i>Hörđabrúđr</i>, <i>höldabrúđr</i>, <i>hörgabrúđr</i> +erscheint, vgl. G. Storm, Arkiv for nordisk filologi 2, 124 ff.; +Detter, ZfdA. 32, 394 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_602_602" href="#FNanchor_602_602" class="label">[602]</a> Belege sammelt Uhland, Schriften 6, 403.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_603_603" href="#FNanchor_603_603" class="label">[603]</a> In der Jómsvíkinga saga Kap. 44 (Fornmannasögur 11, 134 +ff.).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_604_604" href="#FNanchor_604_604" class="label">[604]</a> Þáttr Þorleifs jarlaskálds, Flateyjarbók 1, 213.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_605_605" href="#FNanchor_605_605" class="label">[605]</a> B. G. 6, 21 <i>deorum numero eos solos ducunt, quos +cernunt et quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam, +reliquos ne fama quidem acceperunt</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_606_606" href="#FNanchor_606_606" class="label">[606]</a> J. Grimm, Myth. 666 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_607_607" href="#FNanchor_607_607" class="label">[607]</a> Über Sol und die Sonnenpferde Vafþr. 23, 47; Grimn. +37; Sigrdr. 15; Gylfag. Kap. 11 u. 12. Vgl, E. H. Meyer, Die eddische +Kosmogonie S. 105 f.; Mythologie 293 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_608_608" href="#FNanchor_608_608" class="label">[608]</a> Aind. <i>usrâ</i>, lit. <i>auszrà</i>, „Morgenröte“, +kehrt im german. Stamm <i>austra-</i>, „Osten“, wieder; vgl. +<i>Ôstrogotha</i>; <i>Austro-</i>, <i>Austar-</i> in Eigennamen; an. +<i>austr</i>, as. ahd. <i>ôstar</i>, „ostwärts“, dazu <i>ôstrun</i>, +ags. <i>éastro</i>, „Ostern“. Vgl. Brugmann, Grundriss 2, 185; Noreen, +Abriss der urgerm. Lautlehre 167; Kluge, Etym. Wb. unter Osten und +Ostern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_609_609" href="#FNanchor_609_609" class="label">[609]</a> Bäda <i>de tempor. rat.</i> cap. 13 <i>eosturmonath +qui nunc pascalis mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae +Eostre vocabatur et cui in illo festa celebrabant, a cuius nomine nunc +paschale tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo +gaudia novae solemnitatis vocantes.</i> — <i>Hredmônath</i> (März) +<i>a dea illorum Hreda cui in illo mense sacrificabant, nominatur</i>. +Diese angeblichen Göttinnen sind von Bäda erfunden und haben so +wenig Gewähr als die ndl. <i>Leva</i>, nach der <i>leumaent</i>, +<i>laumaent</i>, der Laubmond, heissen soll. Wir haben auch nicht +persönlich gewordene, vom Volk geglaubte Monate zu denken wie im isl. +<i>Þorri</i>, <i>Gói</i>, <i>Einmanuđr</i>, <i>Harpa</i>, in der +rheinfränkisch-märkischen <i>Sporkele</i>, <i>Spurkele</i> (Februar). +Vgl. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869 im alphabetischen +Verzeichniss der germanischen Namen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_610_610" href="#FNanchor_610_610" class="label">[610]</a> Ricen vermutet J. Grimm, Myth. 268 Anm. †; dagegen +Sievers, Beiträge 16, 366 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_611_611" href="#FNanchor_611_611" class="label">[611]</a> Zisa ist von den Gelehrten im Mittelalter aus dem +Namen Augsburgs Cisburg oder aus dem Cisatag (*<i>sisetag</i> = +<i>kartag</i>, Tag der Totenklage) gefolgert; vgl. Bachlechner, ZfdA. +8, 587 f.; Laistner, Würtemb. Vierteljahrshefte f. Landesgeschichte, +Neue Folge; 1892, S. 5. Vgl. oben S. 205.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_612_612" href="#FNanchor_612_612" class="label">[612]</a> So z. B. die Frie und Fricke, der „<i>vergodendel</i>“, +als Teil des <i>frô Wodan</i>, wogegen Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2, +449 ff. u. 3, 41 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_613_613" href="#FNanchor_613_613" class="label">[613]</a> Walahfrid Strabo in einem lat. Gedicht im 8. Jahrh. +erwähnt <i>Hulda</i>, weshalb J. Grimm, Myth. 3, 87 die Holda schon in +die ahd. Zeit verlegt. Aber es ist gar nicht die angebliche deutsche +Göttin gemeint, vielmehr die <i>biblische Wahrsagerin Hulda</i>, vgl. +Müllenhoff, ZfdA. 12, 404; Schmeller, B. W. 1<sup>2</sup>, 1084; E. H. Meyer, +Myth. 273; Kauffmann, Beiträge 18, 146. Ebensowenig hält die von J. +Grimm, Myth. 245 und ebenda 3, 407, Kl. Schriften 5, 416 ff. aus +Handschriften des Burchard von Worms († 1024) entnommene <i>Holda</i> +oder <i>Frigaholda</i> stand; vgl. Kauffmann, Beiträge 18, 145 ff. Die +Hauptquellen für die Holdasagen des 17. Jahrh. bilden die Schriften des +Prätorius, ausgeschöpft von den Brüdern Grimm in den Deutschen Sagen 1, +Nr. 4–8; weiteres Myth. 246 ff., 3, 87 f.; Mannhardt, German. Mythen +255 ff. Ortsnamen wie Frau Hollenteich, Frau Hollenberg u. dgl. stammen +ursprünglich wol von den „<i>hollen</i>“ und sind erst dort auf „Frau +Holle“ bezogen worden, wo diese umging. Das Hollenloch in Kuhns Sagen +aus Westfalen 1, 193 zeigt einen solchen Ortsnamen in ursprünglicher +Bedeutung; Hollenloch ist die Elben-, Zwergenhöhle. Die isländ. +Bezeichnung <i>huldufólk</i>, <i>huldumađur</i>, <i>huldukona</i>, die +norweg. <i>huldrefolk</i>, wozu die norweg. Waldfrau <i>Hulla</i>, +<i>Huldra</i>, <i>Huldre</i>, die isl. Hexe <i>Huld</i> gehören, darf +man nicht derart zu den deutschen Hollen und Frau Holle stellen, als +handelte es sich um eine gemeingerm. Anschauung. Ausgangspunkt für die +nordischen Elbennamen bildet an. <i>hulda</i> „Decke“, verwandt mit +ahd. <i>hulid</i>, ags. <i>hulu</i> „Hülle“ vgl. Noreen, Abriss der +urgerm. Lautlehre S. 171. Es sind die verhüllten d. h. mit Tarnkappen +unsichtbaren Elbe gemeint. Gleichwie Holle einzeln aus den Hollen ragt, +hebt sich dann allerdings auch im neunorweg. Volksglauben Huldra aus +den Huldren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_614_614" href="#FNanchor_614_614" class="label">[614]</a> Die Berchtasagen gibt Börner, Volkssagen aus dem +Orlagau, Altenburg 1838, S. 153 u. ö. Das Übrige bei Grimm, Myth. 250 +ff.; 3, 88 ff.; Schmeller, B. Wb. 1<sup>2</sup>, 269 ff.; Zingerle, ZfdM. 3, 203 +ff. Auch Müllenhoff, ZfdA. 30, 240 stellt die Gleichung <i>Berhta</i>: +<i>berhten naht</i> = <i>Befana</i>: <i>epiphania</i> auf.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_615_615" href="#FNanchor_615_615" class="label">[615]</a> Sagen vom Fronfastenweib Stöber in der Alsatia 1852, +145; 1856/7, 134. Über die Personifikation von Kalendertagen und Festen +überhaupt vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte 2, 184 Anm. 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_616_616" href="#FNanchor_616_616" class="label">[616]</a> Stempe und Trempe bei Grimm, Myth. 255 f.; 3, 90. <i>Daȥ +mære von der Stempen</i> oder <i>von Berchten mit der langen nas</i> in +Haupts Altdeutschen Blättern 1, 105 und v. d. Hagens Gesamtabenteuern +Nr. LIV.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_617_617" href="#FNanchor_617_617" class="label">[617]</a> Fru Freke nach Eccard de orig. Germanorum 1750, p. +398; J. Grimm, Myth. 281. Kuhn und Schwartz stellen de Fuik, Fui (den +Teufel) und erfundene Namen wie Frîe, Frê, Frick zu Freke, wogegen +Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2, 449 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_618_618" href="#FNanchor_618_618" class="label">[618]</a> Über Frau Harke Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 4, 81 ff. +Eine „Frau Hacke“, die etwa mit der Harke zusammenhängen könnte, aus +einem Liede Hartmanns von Aue schon fürs 13. Jahrh. zu entnehmen, wie +A. Höfer, Germania 15, 411 ff. versucht, bedarf keiner ernstlichen +Zurückweisung mehr.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_619_619" href="#FNanchor_619_619" class="label">[619]</a> Über Frau Gode nach dieser Seite Kuhn und Schwartz, +Norddeutsche Sagen S. 413; Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 23 f. Zum +Wesen der Frau vgl. Knoop, am Urquell 5, 9 ff; 45 ff.; 69 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_620_620" href="#FNanchor_620_620" class="label">[620]</a> J. Grimm, Myth. 251 Anm.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_621_621" href="#FNanchor_621_621" class="label">[621]</a> J. Grimm a. a. O.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_622_622" href="#FNanchor_622_622" class="label">[622]</a> Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 236 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_623_623" href="#FNanchor_623_623" class="label">[623]</a> Die Sagen von Herodias und Diana bei J. Grimm, Myth. +260 ff.; Schmeller, B. Wb. 1<sup>2</sup>, 270. Herodias soll nach dem in den +Niederlanden um 1100 verfassten Gedicht Reinardus späterhin Pharaildis +geheissen haben. Faro, Faramann, Faraburg sind german. Namen mit +demselben Stammwort, Pharaildis ist Farahild. Die mit Fara gebildeten +Namen zählt Henning, ZfdA. 36, 325 auf. Willkürlich deutet J. Grimm den +Namen zu mnl. Verelde = Frau Hilde, Holde um.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_624_624" href="#FNanchor_624_624" class="label">[624]</a> Kaufmann, Beiträge 18, 150.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_625_625" href="#FNanchor_625_625" class="label">[625]</a> Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, 163 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_626_626" href="#FNanchor_626_626" class="label">[626]</a> Mannhardt, German. Mythen 256. Panzer, Beitrag zur +deutschen Mythologie 2, 1855, 13 f. verzeichnet eine Mariensage, welche +an die bekannte Geschichte vom Thränenkrüglein (Börner, Sagen aus +dem Orlagau 142 f.) erinnert. Man darf Kindern, die zu Marias Schar +verstarben, nicht nachweinen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_627_627" href="#FNanchor_627_627" class="label">[627]</a> Von dem plötzlichen Schneefalle sagt Ludwig nach +Pomarius: <i>dit is tomalen hilde snee</i>. Der Verf. sucht ein +Wortspiel: Hildesheim sei nach Hildesnee (plötzlichem Schnee) genannt; +im Nds. bedeutet <i>hilde</i>, <i>hille</i> rasch, plötzlich. Es ist +überkühn, mit J. Grimm, Myth. 246, Simrock, Myth.<sup>5</sup> 368 an den Schnee +der Frau Hilde (Verelde, Pharaildis) und Frau Holda zu denken und +darauf hin die Schneesage der german. Göttin zu überweisen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_628_628" href="#FNanchor_628_628" class="label">[628]</a> Wie Grimm, Myth. 3, 87 f. nach Gegenbach anmerkt, heisst +es auch im Elsass beim Schneefall: <i>d’ engele hans bed gemacht, d’ +fedre fliege runder</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_629_629" href="#FNanchor_629_629" class="label">[629]</a> Knoop, Am Urquell 5, 9 ff.; 45 ff.; 69 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_630_630" href="#FNanchor_630_630" class="label">[630]</a> Mannus ist zum eranisch-indischen Manu zu stellen, über +welchen Spiegel, Die arische Periode und ihre Zustände, Leipzig 1887, +S. 271 ff. nachzulesen ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_631_631" href="#FNanchor_631_631" class="label">[631]</a> Über die Anthropogonie der Germanen vgl. Wackernagel, +ZfdA. 6, 15 ff.; Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift f. +Geschichtswissenschaft 8, 209 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 12 ff.; Kögels Zusammenstellung von Buri, Bur mit +Mannus a. a. O. 16 kann ich nicht billigen; die von ihm behauptete +Gleichheit der Genealogie des Tacitus und der nordischen Berichte +scheint mir gezwungen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_632_632" href="#FNanchor_632_632" class="label">[632]</a> ZfdPh. 25, 401 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 32 ff. Die wichtigsten Sätze aus Daniels Brief an +Bonifacius (Jaffé, <i>Monumenta Moguntina</i> 71 ff.) sind folgende: +<i>Neque enim contraria eis de ipsorum quamvis falsorum deorum +genealogia astruere debes .... secundum eorum opinionem. quoslibet ab +aliis generatos per conplexum mariti ac femine concede eos asserere; +ut saltim modo hominum natos deos ac deas homines potius, non deos +fuisse, et cepisse, qui ante non erant, probes. cum vero, initium +habere deos, utpote alios ab aliis generatos, coacti didicerint, +item interrogandi: utrum initium habere hunc mundum an sine initio +semper exstitisse arbitrentur. si initium habuit, quis hunc creavit? +cum procul dubio ante constitutionem saeculi nullatenus genitis diis +inveniunt subsistendi vel habitandi locum. mundum enim non hunc +visibilem tantum, caelum et terram, sed cuncta etiam extensa locorum +spatia — quae ipsi quoque pagani suis imaginare cogitationibus possunt +— dico. quodsi sine initio semper exstitisse mundum contenderint — +quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude — +tamen altercantes interroga: quis ante natos deos mundo imperaret? quis +regeret? quo modo autem suo subdere dominatui vel sui juris facere +mundum, ante se semper subsistentem, potuerunt? unde autem vel a quo +vel quando substitutus aut genitus primus deus vel dea fuerat? vel si +jam non generant, quando vel cur cessaverunt a concubitu et partu; +si autem adhuc generant, infinitus jam deorum effectus numerus est. +et quis tam inter tot tantosque potentior sit, incertum mortalibus +est; et valde cavendum, ne in potentiorem quis offendat. utrum +autem pro temporali ac praesenti, an potius pro aeterna et futura +beatudine colendi di sint, arbitrantur? si pro temporali, in quo jam +feliciores pagani christianis sunt, dicant. quid autem se suis conferre +sacrificiis lucri diis suspicantur pagani, cuncta sub potestate +habentibus? vel cur, in potestate sibi subjectorum fieri, permittunt +ipsi dii, quod ipsis tribuant? si talibus indigent, cur non ipsi +magis potiora elegerunt? si autem non indigent, superflue jam talibus +hostiarum conlationibus placare se passe deos pulant. haec et similia +multa alia, quae nunc enumerare longum est, non quasi insultando vel +inritando eos, sed placide ac magna obicere moderatione debes. et per +intervalla nostris, id est christianis, hujuscemodi conparandae sunt +dogmatibus superstitiones, et quasi e latere tangendae; quatenus magis +confuse quam exasperate pagani erubescant pro tam absurdis opinionibus +et ne, nos latere ipsorum ritus ac fabulas, estiment. hoc quoque +inferendum: si omnipotentes sunt dii et benefici et justi, non solum +suos remunerant cultores, verum etiam puniunt contemptores, et si haec +utraque temporaliter faciunt, cur ergo parcunt christianis, totum pene +orbem ab eorum cultura avertentibus idolaque evertentibus? et cum ipsi, +id est christiani, fertiles terras vinique et olei feraces ceterisque +opibus habundantes possident provincias, ipsis autem, id est paganis, +frigore semper rigentes terras cum eorum diis reliquerunt; in quibus, +jam tamen toto orbe pulsi, falso regnare putantur.</i> — — —</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_633_633" href="#FNanchor_633_633" class="label">[633]</a> Über das Wessobrunner Gebet vgl. Müllenhoff u. Scherer, +Denkmäler II, 1 ff., wo natürlich heidnische Herkunft behauptet +wird; ebenso Müllenhoff, Altertumskunde 5, 15 u. 68; auch Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 271 findet das Bild von der +Weltschöpfung „heidnisch untermalt“; dagegen vertritt Kelle, Geschichte +der deutschen Litteratur, Berlin 1892, S. 75 ff. die oben vorgetragene +Ansicht, dass nicht kosmogonische Vorstellungen des Heidentums, sondern +alttestamentliche Ideen den Inhalt des Gedichtes bilden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_634_634" href="#FNanchor_634_634" class="label">[634]</a> Die Sagen über die letzte Weltschlacht sammelt und +deutet zuerst J. Grimm, Myth. 908 ff.; dazu Müllenhoff, Sagen aus +Schleswig, Holstein und Lauenburg S. L u. 378 ff.; Kuhn und Schwartz, +Norddeutsche Sagen S. 495 ff.; Sagen aus Westfalen 1, 204 ff.; Simrock, +Mythologie S. 148 ff. und andere mehr. Über die Zubehör zur deutschen +Kaisersage vgl. G. Voigt, Sybels historische Zeitschrift 26, 131 ff.; +J. Häussner, Die deutsche Kaisersage, Bruchsal 1882; J. Häussner, +Unsere Kaisersage, Berlin 1884.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_635_635" href="#FNanchor_635_635" class="label">[635]</a> Jüngere Olafssaga Kap. 201 ff.; vgl. E. H. Meyer, +Kosmogonie 16 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_636_636" href="#FNanchor_636_636" class="label">[636]</a> Über solche ernste Heidengemüter vgl. Munch, det norske +folks historie I, 2, 272, 279; Maurer, Bekehrung 2, 253 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_637_637" href="#FNanchor_637_637" class="label">[637]</a> <i>ginnunga gap</i> erscheint gleichsam umgekehrt in +<i>gapanda gin</i>, gähnender Rachen in der Flateyjarbók 1, 530. +<i>gap</i> steht zu <i>gapa</i>, gaffen, gähnen. <i>ginnung</i> ist +abgeleitet vom Adj. <i>*ginnr</i> (ags. <i>ginn</i>, weit, geräumig; +vgl. auch das an. ags. mhd. Substantiv <i>gin</i>, der Rachen). Über +die weitere Geschichte dieses Wortstammes vgl. Mogk, Beiträge 8, +153 ff.; Mogks frühere Schlussfolgerung, <i>ginnunga</i> sei Gen. +sing, zu <i>Ginnungi</i>, dem persönlich gedachten Chaos, zu welcher +im Griechischen und Nordischen vorliegenden Vorstellung bereits +die Indogermanen sich bekannt hätten, ist hinfällig. Besteht ein +Zusammenhang zwischen dem persönlichen Chaos, dem Riesen Abyssus der +christlichen Mythologie, über welchen Meyer, Völuspa 57, Eddische +Kosmogonie 74 nachzulesen ist, und Ymir, so beruht er auf später +Entlehnung und Nachahmung, nicht auf Urverwandtschaft, <i>ginnunga +gap</i>, von Adam v. Bremen 4, Kap. 38 mit <i>immane abyssi +baratrum</i> wiedergegeben, erscheint auch in der Geographie der alten +Nordleute. Die Norweger versetzten es in den Norden, die Isländer in +die Gegend zwischen Winland und Grönland. Vgl. G. Storm, Arkiv f. nord. +filologi 6, 340 ff. Im Mhd. wird <i>ginunge</i> von der Hölle gesagt: +<i>diu helle heiȥit ouch barathrum daȥ kît sƕarziu ginunge ƕan sie +ginit biȥ an den jungisten tac</i> (Benecke-Müller, Mhd. Wb. 1, 527). +Dahin gehört wol auch nds. <i>ovelgünne</i>, ein Ausdruck für Hölle im +Sinne von Übelloch; vgl. J. Grimm. Myth. 953; Schiller-Lübben, Mnds. +Wb. 3, 248.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_638_638" href="#FNanchor_638_638" class="label">[638]</a> Man vgl. Stellen wie Servius zu Ecl. 6, 31 ff.: +<i>variae sunt philosophorum opiniones de rerum origine. nam alii +dicunt omnia ex igni procreari ut Anaxagoras. alii ex humore ut Thales +Milesius: unde est, Oceanumque patrem rerum. alii ex quattuor elementis +ut Empedocles, secundum quem ait Lucretius: ex imbri, terra, atque +anima nascuntur et igni. Epicurei vero nihil horum comprobant, sed +dicunt duo esse rerum principia, corpus et inane.... et corpus esse +volunt atomos ... inane vero dicunt spatium in quo sunt atomi. de his +itaque duobus principiis volunt ista quattuor procreari, ignem, aerem, +aquam, terram: ex his caetera....</i> Dass das Chaos als leerer Raum, +gähnender Schlund gefasst wird, mag im Bedeutungswandel des Wortes +liegen; im späteren Latein wird Chaos im Sinne von chasma, hiatus +gebraucht, Belege bei Forcellini, totius latinitatis lexicon Bd. 2; +Lucas 16, 26 überträgt die Vulgata χάσμα μέγα mit chaos magnum. Die +nordische Kosmogonie übersetzt solche naturphilosophische antike +Anschauungen auf die heimische Naturumgebung, vielleicht im Anschluss +an ältere Sagen, die wissenschaftlich gerechtfertigt werden sollen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_639_639" href="#FNanchor_639_639" class="label">[639]</a> Im nord. Texte steht <i>lùđr</i>, was nach Fritzner, +Ordbog II<sup>2</sup> 567 f. einen ausgehöhlten Baumstamm, einen Trog, der zur +Wiege wie zum Fahrzeug dienen konnte, bedeutet, wie lat. <i>alveus</i> +und <i>scapha</i>. Auch Deukalion und Pyrrha werden in keinem +gewöhnlichen Schiffe, sondern in einer <i>Lade</i> (λάρναξ) gerettet, +Noah in der <i>arca</i>. Die Übereinstimmung, dass auch in der +nordischen Sinflut kein gewöhnliches Schiff vorkommt, ist schwerlich +zufällig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_640_640" href="#FNanchor_640_640" class="label">[640]</a> Eine Übersicht der hierher gehörigen Sagen gewährt R. +Andree, Die Flutsagen, Braunschweig 1891; S. 44 werden berechtigte +Zweifel an der Ursprünglichkeit der Eddasage ausgesprochen, S. 140 +steht sie aber, allerdings mit einem Fragezeichen, unter den „echten“, +d. h. selbständig aufgekommenen Flutsagen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_641_641" href="#FNanchor_641_641" class="label">[641]</a> Grímn. 40, 41; Vafþr. 21; Gylfag. Kap. 7; zur +Erschaffung Adams aus acht Teilen J. Grimm, Myth. 531 ff.; +Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup> 2, 171; E. H. Meyer, Völuspa 36, 61; +Kosmogonie S. 77 ff.; Myth. 146; zur Frage überhaupt R. M. Meyer, ZfdA. +37, 1 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_642_642" href="#FNanchor_642_642" class="label">[642]</a> Nach Gylfaginning Kap. 9 befindet sich die Asenburg +in der Mitte der Welt, <i>í miđjum heimi</i>, und vom Hochsitz +Hlidskjalf aus übersieht man alle Welten. Somit herrscht allerdings die +Anschauung, die Weinhold, Altnordisches Leben S. 358 also bestimmt: +„Die Erde zerlegten die Nordländer in drei Teile: am Meeresstrande +waren Aussengart (<i>útigarđr</i>) oder die Riesenwelt; von ihm durch +eine Landwehr burgartig geschieden Mittelgart (<i>miđgarđr</i>) oder +das Land der Menschen, und als kleinster der drei concentrischen Ringe +Asgard, die Burg der Götter. Darüber ist das Himmelszelt an vier Enden +geknüpft.“ So mag sich das Weltbild in den Augen Snorris und aller +Euhemeristen ausnehmen, welche Asgard wol als hohen in den Himmel +ragenden Berg auf die Erde verlegen. Der alte Heidenglaube aber dachte +die Asen im Himmel wohnend und damit fallen die drei concentrischen +Kreise.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_643_643" href="#FNanchor_643_643" class="label">[643]</a> Jǫtonheimr Vǫl. 48; Jǫtonheimar in SE. 1, 30, 54, 62 +u. ö.; Alfheimr Grímn. 5, SE. I, 78; selten begegnen Vanaheimar S. I, +92 und Svartálfaheimr SE. I, 108, 352.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_644_644" href="#FNanchor_644_644" class="label">[644]</a> Über Niflheim vgl. den Abschnitt Hel. Niflhel steht +Baldrs Dr. 2, Vafþr. 43. Ebenda sagt der Riese: ich fuhr nieder nach +Niflhel, wohin die Leute aus der Hölle versterben; ähnlich Gylfag. Kap. +3 böse Menschen fahren zur Hel und von da nach Niflhel (Niflheim in der +Handschrift U).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_645_645" href="#FNanchor_645_645" class="label">[645]</a> Die neun Heime oder Himmel SE. I, 592, II, 485 sind +keiner Überlieferung gemäss, nur Skaldengelehrsamkeit des 12. Jahrh. +Die Versuche neuerer Mythologen, die neun Welten herzustellen, z. B. W. +Müllers, Altd. Religion S. 155 f.; Weinholds, Altnord. Leben S. 359; R. +Keysers, samlede afhandlinger 273; Simrocks, Myth. 43 f. werden ebenso +zu Schanden. Vgl. auch Gering, Edda S. 66 Anm. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_646_646" href="#FNanchor_646_646" class="label">[646]</a> Über typische Anwendung der Neunzahl vgl. J. Grimm, +Rechtsaltertümer 215 f. Die Möglichkeit, dass christliche Vorstellungen +von neun Himmeln und Höllen hereinspielen, vgl. E. H. Meyer, Völuspa +44 ff., Myth. 173 u. 191, will ich nicht in Abrede stellen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_647_647" href="#FNanchor_647_647" class="label">[647]</a> Storm, Arkiv f. nord. filologi 7, 342.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_648_648" href="#FNanchor_648_648" class="label">[648]</a> Vafþr. 12, 14, 25; Sgrdr. 3; Gylfag. Kap. 10. Den Aud +und Onar kennt der Skald Hallfred (geb. um 968) SE. I, 320 u. 322; über +Nacht und Tag vgl. das Kap. XXIII in J. Grimms Myth., wo reichliche +Belege für die in der gewöhnlichen und poetischen Sprache üblichen +Personifikationen verzeichnet sind. Den Zusammenhang mit Hesiod betont +W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 172 f., +jedoch ohne die oben vorgetragenen Schlüsse.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_649_649" href="#FNanchor_649_649" class="label">[649]</a> So liest Snorri; in Vafþr. 25 steht der Dativ +<i>Nǫrve</i>, ebenso Alvíssmǫl 29; daraus ist der Nom. <i>Nǫrr</i> +zu erschliessen, welchen man mit as. <i>naru</i>, ags. <i>nearu</i> +stf. die Enge, Klemme, Bedrängniss, und <i>nearu</i>, Adj. enge, +beklemmend, bedrängend vergleicht und als Bedränger erklärt. In den +neuaufgefundenen as. Genesisbruchstücken 286 steht <i>narouua naht</i>, +eine Formel, welche im Hinblick auf <i>Nótt</i> und <i>Nǫrr</i> volle +Beachtung verdient. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur, +Ergänzungsheft zu Band 1, S. 12 f. kommt in der Anmerkung zur Stelle +zum Schluss, dass ein Stamm <i>narƕa-</i>, dunkel, finster, von +dem bisher allein bekannten <i>narƕa-</i>, enge, zu trennen sei. +<i>Nǫrr</i> bedeutet mithin der Finstere, Dunkle, und übersetzt genau +Erebus wie Nótt die Nox.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_650_650" href="#FNanchor_650_650" class="label">[650]</a> Der Ausdruck „<i>fyr Dellings durom</i>“ vor Dellings +Thoren, der in den Hǫ́v. 160 und in den Rätseln der Hervararsaga +(Fornaldarsögur 1, 468 ff.) begegnet, bedeutet: am hellen lichten Tage, +wenn Delling, des Tages Vater sein Thor offen und seinen Sohn entsendet +hat. Vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 273 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_651_651" href="#FNanchor_651_651" class="label">[651]</a> <i>himintarga</i> bei Eilifr Guðrúnarson SE. 1, 292; +Ennius bei Varro 7, 73 nennt die Sonne <i>caeli clipeus</i>; J. Grimm, +Myth. 665; 3, 205. Falk, aarböger f. nordisk oldkyndighed og historie +1891, 2. Reihe Bd. 6, 273.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_652_652" href="#FNanchor_652_652" class="label">[652]</a> Die Geschichte war im 10. Jahrh. bereits bekannt. +Mundilföri als Vater der Sol und des Mani begegnet Vafþr. 23, Glen +beim Isländer Skuli Thorsteinsson (geb. um 980) SE. I, 330. Wird +Mundilföri richtig als „Achsenschwinger“, der den Drehstock treibt +(<i>mundil</i> zu <i>mǫndull</i>, Stock, mit dem der Mühlstein gedreht +wird), gedeutet, dann gibt der Name vermutlich den Begriff <i>Polus</i> +wieder, die Himmelsachse, um die Sonne und Mond und alle Gestirne +kreisen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_653_653" href="#FNanchor_653_653" class="label">[653]</a> Über Mondflecken J. Grimm, Myth. 679 ff.; 3, 209.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_654_654" href="#FNanchor_654_654" class="label">[654]</a> Grímn. 39; Vǫl. 40, 41; Gylfag. Kap. 12 u. 51; über +Finsternisse J. Grimm, Myth. 668 ff.; 3, 206. Der schwedische, +dänische, norwegische Volksglauben kennt noch jetzt den +Sonnenwolf (<i>solvarg</i>, <i>solulv</i>), den Isländern ist die +Sonnenfinsterniss „<i>úlfakreppa</i>“, Wolfsnot; vgl. Maurer, Island. +Volkssagen 185, Jón Árnason, þjóðsögur 1, 658 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_655_655" href="#FNanchor_655_655" class="label">[655]</a> Bifrǫst wird erwähnt Grímn. 44, Fafnismǫ́l 15; Gylfag. +Kap. 13.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_656_656" href="#FNanchor_656_656" class="label">[656]</a> Über die Menschenschöpfung vgl. E. H. Meyer, Völuspa 81 +ff., Kosmologie 110 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_657_657" href="#FNanchor_657_657" class="label">[657]</a> Über Yggdrasil vgl. die erschöpfende Untersuchung von +Bugge in den Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und +Heldensagen S. 421–560.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_658_658" href="#FNanchor_658_658" class="label">[658]</a> Die Stellen bei Gudbrand Vigfusson im Corpus 2, 65 u. +197; zur Strophe Kormaks Bugge, Studien 443; om versene i Kormaks saga +(aarböger f. nord. oldkyndighed 1889) S. 6 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_659_659" href="#FNanchor_659_659" class="label">[659]</a> <i>á Iđavelli</i>; in Anlehnung an ags. <i>ed-</i>, an. +<i>iđ-</i>, wieder, ist das Idafeld, auf dem sich die Götter auch in +der neuerstandenen Welt wieder versammeln, etwa aus einem in England +gehörten <i>*Edanƕong</i> entsprungen; vgl. Bugge, Studien 445 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_660_660" href="#FNanchor_660_660" class="label">[660]</a> <i>naglfar</i> ist eigentlich das Totenschiff, das +Gespensterschiff, indem <i>nagl</i> vermutlich zu νέκυς, νεκρός +gehört; vgl. Detter, ZfdA. 31, 208; Noreen, Altnord. Grammatik<sup>2</sup> § 251, +3; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 132 u. 178. Mit Riesen und Teufeln +rücken auch die Totengespenster gegen die Lichtgötter heran. Der Name +<i>Naglfar</i> wurde missverstanden, wie die Gylfag. Kap. 51 lehrt: +„Naglfar das Schiff kommt los, das aus den Nägeln verstorbener Menschen +gefertigt wurde. Und deshalb soll man niemand mit unbeschnittenen +Nägeln sterben lassen, denn jeder, der das thut, fördert dadurch sehr +die Vollendung des Schiffes Naglfar, von dem Götter und Menschen +wünschen, dass es spät fertig werde.“ An die falsche Etymologie und +an einen Brauch der Totenpflege knüpft sich demnach ein Aberglaube, +der, wie J. Grimm, Myth. 775 Anm. richtig bemerkt, die ungeheure Ferne +und das langsame Zustandekommen des Weltendes in der Art mancher +Märchenzüge ausdrücken soll; solche Anzeichen des Weltendes stellt auch +die Anm. zu Myth. 911 zusammen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_661_661" href="#FNanchor_661_661" class="label">[661]</a> Níþhǫggr, der schadengierig Hauende, wird Vǫl. 39, +66; Grímn. 32, 35; Gylfag. Kap. 15, 16, 52 erwähnt; vgl. dazu Bugge, +Studien über die Entstehung der nord. Götter- und Heldensagen S. 480 +ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_662_662" href="#FNanchor_662_662" class="label">[662]</a> <i>Ragna rök</i> steht Vǫl. 44, Baldrs Dr. 14, Atlamǫ́l. +21; Vafþr. 38 u. 55 stehen gleichbedeutend <i>tíva rök</i> und <i>ragna +rök</i>. Das Wort gehört zu <i>rekja</i>, aufwickeln und bedeutet +Entwickelung oder Verlauf einer Begebenheit von Anfang bis zu Ende, +Schicksal, dann im besonderen das letzte Schicksal, der Untergang. So +besagt also <i>ragna rök</i> Untergang der Götter, Weltende. Nur in +der Lokasenna 39 heisst es <i>ragna rökkr</i>, Finsterniss, Dunkel +der Götter, „<i>Götterdämmerung</i>“. Die Snorra Edda hat immer den +letzteren, offenbar auf einem Missverständniss beruhenden Ausdruck, dem +nicht die geringste sachliche Berechtigung zukommt. Vgl. Müllenhoff, +ZfdA. 16, 146 ff.; Gering, Glossar zu den Liedern der Edda, Paderborn +1887, S. 132.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_663_663" href="#FNanchor_663_663" class="label">[663]</a> Heinzel, Ztschr. f. österr. Gymn. 43 (1892) S. 748 weist +aus russischen Quellen ähnliche Schilderung des Zweikampfes zwischen +Elias und dem Antichrist nach, wie sie im Mûspilli begegnen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_664_664" href="#FNanchor_664_664" class="label">[664]</a> Vgl. Dahn, Das Tragische in der germanischen Mythologie, +Bausteine 1, 1879.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_665_665" href="#FNanchor_665_665" class="label">[665]</a> Zur Erklärung des Ausdrucks Bugge, Studien 447 ff.; +Kögel, Grundriss der german. Philologie 2, 1, 212 Anm. versucht eine +andere Deutung, die seltsamer Weise bei E. H. Meyer, Mogk, Steinmeyer +Denkmäler 2, 38 Aufnahme fand, obschon sie sprachlich und sachlich +unmöglich ist. <i>spelli</i> soll Vernichtung heissen wegen an. +<i>spell</i> Schaden, <i>spilla</i> schädigen. Im Westgermanischen +lautet das Verbum aber as. <i>spildian</i>, ags. <i>spildan</i> +(ags. <i>spillan</i> ist späteres Lehnwort aus dem Nordischen), ahd. +<i>spildan</i>. Wenn anders nicht Entlehnung aus dem Nordischen +behauptet werden soll, müsste das von Kögel angesetzte Wort +<i>speldi</i>, <i>spildi</i> lauten. Der erste Teil des Kompositums +soll in ahd. <i>mû-ƕerf</i>, Maulwurf wiederkehren, <i>mû</i> ist +synonym zu ahd. <i>molta</i>, got. <i>mulda</i>, Staub, Erde; +<i>mudspilli</i> entstand in Anlehnung an mhd. <i>mot</i>, schwarze +Torferde, Moor, Morast. Auch wenn man das sehr zweifelhafte Dasein +von <i>mû</i> = <i>molta</i> zugesteht, ist doch die Bedeutung von +<i>mûspilli</i>, Erdvernichtung, Weltende höchst fragwürdig. <i>mû</i> +würde wie <i>molta</i> nur Staub heissen; selten und erst spät +nimmt das Wort z. B. an. <i>mold</i>, die erweiterte Bedeutung von +<i>tellus</i> an. Wäre Weltbrand und Weltende eine gemeingermanische +Vorstellung, so müsste man entschieden ein anderes Wort erwarten; +denn <i>mûspeldi</i> könnte nichts andres heissen als Vernichtung +des Staubes. Neuerdings erklärt Kögel mit Hinweis auf Sievers, +Indogerm. Forschungen 4, 335 ff., wonach urgerm. <i>þl</i> : <i>đl</i> +> ahd. <i>dl</i> : <i>ll</i> (vgl. <i>stadel</i> und <i>stall</i>), +<i>spillî</i>, die Splitterung aus <i>spiđli</i> (urgerm. <i>þl</i> +bewahrt mhd. <i>spidel</i>, Splitter und as. <i>spildian</i> +aus urgerm. <i>spiþlian</i>, wie <i>nâlda</i> zu <i>nêþla</i>). +<i>Muspilli</i> ist die Weltzersplitterung. Aber von einem Zerschellen +des Erdballes kann wol die Neuzeit, schwerlich das german. Heidentum +fabeln.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_666_666" href="#FNanchor_666_666" class="label">[666]</a> Surtr, dessen Name auch in schwacher Form Surti +erscheint Vafþr. 50, begegnet noch im isländischen Surtarbrandr, +worunter eine harzige, verkohlte Erde verstanden wird. Surtshellir +heissen vulkanische Felsenhöhlen auf Island. Vgl. Finn Magnusen, +Myth. Lex. 457; Jón Árnason, Þjóðsögur 1, 665. Im Vorbeigehen sei die +wunderliche Annahme Finns a. a. O. erwähnt, der in Surt den höchsten +Lichtgott, den starken Herrscher von oben erblickte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_667_667" href="#FNanchor_667_667" class="label">[667]</a> Gimle kommt nur Vǫl. 64 vor; sonst Gylfag. Kap. 3, 17 u. +52. An letzterer Stelle ist die Lesart von U <i>á Gimlé meþ Surti</i> +gegen W <i>á Gimlé á himni</i> ein Fehler; Surtr hat mit Gimle nichts +zu thun. Zur Etymologie und Bedeutung vgl. Müllenhoff, Altertumskunde +5, 30 ff.; Schullerus, Beiträge 12, 270; Bugge, Studien 444 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_668_668" href="#FNanchor_668_668" class="label">[668]</a> H. E. Meyer, Völuspa 45.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_669_669" href="#FNanchor_669_669" class="label">[669]</a> Gregor schreibt an Mellitus: <i>cum ergo Deus omnipotens +vos ad reverentissimum virum fratrem nostrum Augustinum episcopum +perduxerit, dicite ei quid diu mecum de causa Anglorum cogitans +tractavi, videlicet, quia fana idolorum destrui in eadem gente +minime debeant; sed ipsa, quae in eis sunt, idola destruantur, aqua +benedicta fiat, in eisdem fanis aspergatur, altaria construantur, +reliquiae ponantur. quia, si fana eadem bene constructa sunt, necesse +est ut a cultu daemonum in obsequium veri Dei debeant commutari; ut +dum gens ipsa eadem fana sua non videt destrui, de corde errorem +deponat et Deum verum cognoscens ac adorans ad loca, quae consuevit, +familiarius concurrat. et quia boves solent in sacrificio daemonum +multos occidere, debet eis etiam hac de re aliqua solemnitas immutari; +ut die dedicationis, vel natalitii sanctorum martyrum, quorum illic +reliquiae ponuntur, tabernacula sibi circa easdem aecclesias, quae +ex fanis commutatae sunt, de ramis arborum faciant, et religiosis +conviviis solemnitatem celebrent, nec diabolo iam animalia immolent, +sed ad laudem Dei in esu suo animalia occidant, et donatori omnium +de salietate sua gratias referant; ut dum eis aliqua exterius gaudia +reservantur, ad interiora gaudia consentire facilius valeant.</i> Bäda, +<i>Hist. eccl.</i> I 30; weiteres auf Opfer und heidnische Bräuche +bezügliches Bäda II 5, 9, 13, 15; III 8, 30; IV 22, 27. Heidnische +Bräuche, die in Bussordnungen und Synodalbeschlüssen der Angelsachsen +erwähnt werden, sammelt Kemble, The Saxons in England, London 1849, Bd. +I, 523 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_670_670" href="#FNanchor_670_670" class="label">[670]</a> Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte Teil 2, +419 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_671_671" href="#FNanchor_671_671" class="label">[671]</a> Über die sakralen Eigenschaften des germanischen Rechtes +vgl. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte 1, 1887, S. 144 ff.; Amira, +Grundriss der germ. Philologie II, 2, 177, 185, 193.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_672_672" href="#FNanchor_672_672" class="label">[672]</a> Den sakralen Charakter der Todesstrafe erweist Amira, +Über Zweck und Mittel der germanischen Rechtsgeschichte, München 1876, +S. 58 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_673_673" href="#FNanchor_673_673" class="label">[673]</a> Beiträge 18, 177 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_674_674" href="#FNanchor_674_674" class="label">[674]</a> Vgl. Maurer, Die Eingangsformel der altnord. Rechts- und +Gesetzbücher in den Münchener Sitzungsberichten 1886, S. 317 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_675_675" href="#FNanchor_675_675" class="label">[675]</a> Das Folgende im Anschluss an Weinhold, Beiträge zu den +deutschen Kriegsaltertümern in den Sitzungsberichten der Berliner +Akademie d. Wiss. 1891, II, S. 543 ff., besonders S. 556–567.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_676_676" href="#FNanchor_676_676" class="label">[676]</a> Über den Einfluss der heidnischen Religion aufs +Privatleben vgl. besonders Maurer, Bekehrung 2, 226 ff.; 46 ff.; 72 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_677_677" href="#FNanchor_677_677" class="label">[677]</a> Vgl. Konrad Maurer, Über die Wasserweihe des +germanischen Heidentums, Münchener Akademieabhandlung 1880; Müllenhoffs +Entgegnung, AnzfdA. 7, 404 ff. bewegt sich in einem Tone, dass sie +bloss als Kuriosum angemerkt werden kann; zu ihrer sachlichen Bedeutung +vgl. Bugge, Studien 399 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_678_678" href="#FNanchor_678_678" class="label">[678]</a> Zum Gebet vgl. J. Grimm, Myth. 28 ff.; Maurer, Bekehrung +2, 203 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_679_679" href="#FNanchor_679_679" class="label">[679]</a> Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der +idg. Sprachen 1, 160, 305; die verwandten Wörter lit. <i>szƕentas</i>, +preuss. <i>sƕints</i>, kirchen-slav. <i>svętŭ</i> ok</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_680_680" href="#FNanchor_680_680" class="label">[680]</a> Über <i>laikaȥ</i> Kögel, Geschichte der deutschen +Litteratur I, 1, 8 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_681_681" href="#FNanchor_681_681" class="label">[681]</a> Menschenopfer verzeichnet schon P. G. Schütze, <i>De +cruentis Germanorum gentilium victimis humanis</i>, Leipzig 1743; vgl. +J. Grimm, Myth. 38 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 196 ff. Löhers Aufsatz +über angebliche Menschenopfer bei den Germanen, in den Münchener +Sitzungsberichten 1882, 373, wo Menschenopfer allen Zeugnissen zum +Trotz geleugnet werden, verdient keine ernstliche Zurückweisung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_682_682" href="#FNanchor_682_682" class="label">[682]</a> Über den Looswurf bei den Friesen, wodurch der Wille +der Götter erforscht wurde, ob und welches Opfer sie verlangten, vgl. +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_683_683" href="#FNanchor_683_683" class="label">[683]</a> Die Zeugnisse für die friesischen Opfer sammelt +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 454; +über Menschenopfer der Sachsen vgl. Richthofen, Zur lex Saxonum, Berlin +1868, S. 204 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_684_684" href="#FNanchor_684_684" class="label">[684]</a> Über Menschenopfer bei Landplagen, die aus späteren +Volkssagen noch ersichtlich sind, vgl. U. Jahn, Die deutschen +Opfergebräuche, Breslau 1884, S. 63 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_685_685" href="#FNanchor_685_685" class="label">[685]</a> Sieht sich doch im Jahr 732 Papst Gregor III. +veranlasst, an Bonifacius zu schreiben, er müsse die Christen in +Germanien schwer bestrafen, welche Sklaven zum Opfer an die Heiden +verkauften. <i>Et hoc inter alia discrimen agi in partibus illis +dixisti, quod quidam ex fidelibus ad immolandum paganis sua venumdent +mancipia. hoc ut magnopere corrigere debeas, frater, commendemus.</i> +Jaffé, Bibliotheca 3, 94.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_686_686" href="#FNanchor_686_686" class="label">[686]</a> Jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 165; Heimskringla +Kap. 74.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_687_687" href="#FNanchor_687_687" class="label">[687]</a> Ammianus Marcellinus XXVIII, 5, § 14.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_688_688" href="#FNanchor_688_688" class="label">[688]</a> Tieropfer bei J. Grimm, Myth. 40 ff.; Maurer, Bekehrung +2, 198 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_689_689" href="#FNanchor_689_689" class="label">[689]</a> Über den Hergang beim Opfer J. Grimm, Myth. 49 ff.; +über das nordische Opfer Maurer, Bekehrung 2, 199 ff.; H. Petersen, om +nordboernes gudedyrkelse og gudetro 25 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_690_690" href="#FNanchor_690_690" class="label">[690]</a> Die germanische Bezeichnung für „Fest“ lebt im +oberdeutschen „<i>dult</i>“, got. <i>dulþs</i>, ahd. <i>tuld</i>, mhd. +<i>dult</i> (vgl. Schmeller, Bayer. Wörterbuch I<sup>2</sup> 502 f.) noch weiter.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_691_691" href="#FNanchor_691_691" class="label">[691]</a> Tac. Ann. 1, 65 <i>nox per diversa inquies, cum barbari +festis epulis, laeto cantu aut truci sonore subiecta vallium ac +resultantis saltus complerent</i>. Über Opferleiche und Spiele vgl. +Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.; 19 ff.; 24 ff.; +über das gotische Spiel Conrad Müller, ZfdPh. 14, 442 ff.; Kögel a. a. +O. 34 ff.; dagegen C. Kraus, Beiträge 20, 224 ff., wo jede Beziehung +des got. Spieles zum german. Kult geleugnet wird. Über den Wettlauf im +deutschen Volksleben vgl. Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 3, 1 +ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_692_692" href="#FNanchor_692_692" class="label">[692]</a> Die heidnische Sitte des Minnetrinkens lebt in +der christlichen Gertrudenminne und Johannisminne fort; vgl. J. +Grimm, Myth. 53 ff.; Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne, +Sitzungsberichte der Wiener Akademie Bd. 40, 1862, 177 ff. Besonders +deutlich tritt die Ablösung des heidnischen Brauches durch den +christlichen im Norden hervor. Dem König Olaf Tryggvason erscheint +der heilige Bischof Martinus im Traume und sagt, es sei Landessitte +gewesen, Thors, Odins und andrer Asen Minne bei den Gastmählern zu +trinken, in Zukunft aber solle zu Ehren Gottes, seiner selbst und aller +Heiligen getrunken werden. Vgl. Maurer, Bekehrung 1, 285.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_693_693" href="#FNanchor_693_693" class="label">[693]</a> Saxo S. 278 <i>quod apud Upsalam sacrificiorum tempore +constitutus effoeminatos corporum motus scenicosque mimorum plausus ac +mollia nolarum crepitacula fastidiret</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_694_694" href="#FNanchor_694_694" class="label">[694]</a> Nach U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau +und Viehzucht. Breslau 1884; vgl. auch H. Pfannenschmid, German. +Erntefeste im heidnischen und christlichen Kultus, Hannover 1878; +Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berlin 1869, § 423 +ff. Ich wiederhole im Texte die Ergebnisse Jahns, aber mit Vorbehalt. +Jahns Methode, alle überlieferten Einzelheiten heutiger Volksbräuche in +einem grossen, heidnisch-germanischen Gesamtbild aufgehen zu lassen, +ist bedenklich. Der geschichtlichen Entwicklung, den vielen späteren +Neuerungen ist viel zu wenig Rechnung getragen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_695_695" href="#FNanchor_695_695" class="label">[695]</a> Über das Notfeuer J. Grimm, Myth. 570; Jahn, Die +deutschen Opferbräuche S. 26 ff., wo fast das gesamte überlieferte +Material ausgeschöpft ist. Schon im <i>indiculus superstitionum</i> +treffen wir das Feuer: <i>de igne fricato de ligno id est nodfyr</i>. +Das Wesentliche ist eben die Erzeugung des wilden Feuers, das +unmittelbar und neu hervorspringt, nicht schon im Dienste der +Menschen abgenutzt ward. Daher scheint auch der Name zu stammen, +der zum Zeitwort <i>niuƕan</i>, <i>nûan</i>, reiben, steht; vgl. O. +Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 659 u. 654; schwedisch heisst es +<i>vrideld</i>, <i>gnideld</i> zu <i>vrida</i>, drehen, <i>gnida</i>, +reiben, also ebenfalls geriebenes, durch Reibung oder Drehung +entfachtes Feuer.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_696_696" href="#FNanchor_696_696" class="label">[696]</a> Über Scheibentreiben vgl. Vogt in d. Zs. d. Vereins f. +Volkskunde 3, 350 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_697_697" href="#FNanchor_697_697" class="label">[697]</a> Die angelsächsische Flurbesegnung bei Grein-Wülker, +Bibliothek der ags. Poesie 1, 312 ff.; Wülker, Grundriss der ags. Litt. +347 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litt. I, 1, 40 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_698_698" href="#FNanchor_698_698" class="label">[698]</a> Über Aufzüge, mit Chorgesang verbunden vgl. J. Grimm, +Myth. 159, 560; W. Müller, Altdeutsche Religion 113 f.; Müllenhoff, +De antiquissima Germanorum poesi chorica S. 10 ff.; 21 ff.; Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 6, 30 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_699_699" href="#FNanchor_699_699" class="label">[699]</a> Sozomenus, Historia ecclesiastica 6, 37.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_700_700" href="#FNanchor_700_700" class="label">[700]</a> Über Schlachtgesang und Kriegsgeschrei vgl. Müllenhoff, +De antiquissima Germanorum poesi chorica S. 16 ff.; Kögel, Geschichte +der deutschen Litteratur I, 1, 17 ff. Tacitus Germ. 3 nennt allerdings +den Gesang der Lieder barditus (<i>carmina, quorum relatu, quem +barditum vocant, accendunt animos</i>). Über barditus vgl. Vegetius, De +re milit. 3, 18; Ammianus 31, 7, 11, wo der Kriegsruf gemeint ist und +barritus steht. Barditus gehört entweder zu an. <i>barđi</i>, Schild, +und bedeutet „Schildruf“, „Schildgeschrei“ oder zu <i>bard</i> (barba) +und bedeutet „Bartruf“. Von Thor heisst es, dass er zornig den Bart +schüttelte (Þrymskv. 1 <i>skegg nam at hrista</i>); zornig bläst er in +seinen roten Bart und erhebt den donnernden Bartruf (<i>skeggrǫdd</i>, +<i>skeggraust</i>) gegen seinen Feind (Fornmanna sögur 1, 303 Olafssaga +Tryggvasonar).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_701_701" href="#FNanchor_701_701" class="label">[701]</a> Bäda, <i>de temporum ratione</i> Kap. 13 gewährt die +Form <i>giuli</i>; <i>december giuli eodem quo ianuarius nomine +vocatur</i>. Spätere ags. Denkmäler ziehen die Form <i>geola</i> vor; +vgl. J. Grimm, Gesch. der ds. Spr. 79 ff.; Weinhold, Die deutschen +Monatsnamen, Halle 1869.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_702_702" href="#FNanchor_702_702" class="label">[702]</a> Jul aus urgerm. <i>*jehƕela</i>, ags. <i>gehhol</i>, +<i>geohhol</i> = <i>joculus</i> erklären Kluge, Englische Studien 9, +311 ff; Bugge, Arkiv f. nordisk filologi 4, 135. Diez, Etym. Wörterbuch +der roman. Sprachen, 5. Aufl. 1887, S. 166, Körting, Latein.-roman. +Wörterbuch 1891, S. 425, leiten frz. <i>joli</i>, it. <i>giulivo</i> +von altnord. <i>jól</i>, dem Freudenfeste, ab.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_703_703" href="#FNanchor_703_703" class="label">[703]</a> Den Weihnachtsaberglauben bezeugen reichlich alle +Sagensammlungen im Norden und Süden. Den besten Überblick gewährt A. +Tille, Deutsche Weihnachten, Leipzig 1893, 148 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_704_704" href="#FNanchor_704_704" class="label">[704]</a> Zeugnisse für die nordischen Jahresopfer sind gesammelt +bei Maurer, Bekehrung 2, 232 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_705_705" href="#FNanchor_705_705" class="label">[705]</a> Der Behauptung H. Petersens, Nordboernes gudedyrkelse +og gudetro S. 27, dass das heidnische Julfest auf Ende Januar oder +Anfang Februar fiel, kann ich nicht zustimmen. Sie hat nur in der +Hervararsaga schwache Gewähr, während andre Zeugnisse dagegen +sprechen. Die <i>Spurcalien</i> im Februar, deren Aldhelm († 709) +und der indiculus gedenken, welche die homimilia de sacrilegiis als +<i>dies spurcos</i> erwähnt, weisen allerdings auf ein den nds. +Stämmen gehöriges heidnisches Opferfest hin. Aber es ist schwerlich +ein grosses Volksopfer gemeint, vielmehr ein Gemeindeopfer. Der +Name ist keinesfalls germanischen Ursprungs, sondern von lat. +<i>spurcus</i>, <i>spurcitia</i> nach der Analogie von Vulcanalia, +Saturnalia, Neptunalia u. ä. gebildet und soll den Brauch der deutschen +Bauern verächtlich als etwas Wüstes, Schmutziges (vgl. <i>spurciliae +gentilitatis</i>) hinstellen; vgl. Caspari in der Ausgabe der +homilia de sacrilegiis S. 36 f. Ob der ndl.-nds. Name des Februar +<i>Sporkele</i>, <i>Spurkele</i>, der im Volksmunde wie auch andere +Tag- und Monatnamen personificiert wurde, von den <i>Spurcalien</i> zu +leiten oder anders zu erklären ist, lässt sich nicht bestimmen. Vgl. +Weinhold, Die deutschen Monatsnamen S. 56 f.; zum Namen Sporkel vgl. +noch Ehrismann, Beiträge 20, 64 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_706_706" href="#FNanchor_706_706" class="label">[706]</a> Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 237, Anm. 186.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_707_707" href="#FNanchor_707_707" class="label">[707]</a> Tacitus, Germ. Kap. 39.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_708_708" href="#FNanchor_708_708" class="label">[708]</a> Über die Zeiten vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine +Zeitschrift für Geschichte 8, 266 ff.; ZfdA. 23, 25.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_709_709" href="#FNanchor_709_709" class="label">[709]</a> Widukind 1, 12 <i>per triduum igitur dies victoriae +agentes et spolia hostium dividentes exequiasque caesorum celebrantes +laudibus ducem in coelum attollunt, divinum ei animum inesse +coelestemque virtutem acclamantes, qui sua constantia tantam eos egerit +perficere victoriam. acta sunt autem haec omnia, ut maiorum memoria +prodit, die Kal. Octobris, qui dies erroris religiosorum sanctione +virorum mutati sunt in ieiunia et orationes, oblationes quoque omnium +nos praecedentium christianorum</i>. Vgl. Müllenhoff, Schmidts +allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_710_710" href="#FNanchor_710_710" class="label">[710]</a> Vgl. J. Grimm, Mythologie S. 269 ff.; Müllenhoff, +Schmidts allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254; Laistner, +Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 1892, S. 5; +über Nachklänge solcher Jahreswendefeste H. Pfannenschmid, Germanische +Erntefeste 164 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_711_711" href="#FNanchor_711_711" class="label">[711]</a> Thietmar 1, 9; MG. 3, 739 <i>est unus in his +partibus</i> (sc. <i>Northmannorum et Danorum</i>) <i>locus, caput +istius regni, Lederun nomine, in pago, qui Selon dicitur, ubi post +9 annos mense januario, post hoc tempus quo nos theophaniam domini +celebramus, omnes convenerunt, et ibi diis suismet 99 homines et +totidem equos, cum canibus et gallis pro accipitribus oblatis, +immolant, pro certo, ut predixi, putantes, hos eisdem erga inferos +servituros et commissa crimina apud eosdem placaturos</i>. Zur Stelle +J. Grimm, Myth. S. 42 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_712_712" href="#FNanchor_712_712" class="label">[712]</a> Adam 4, 27 MG. 7, 380 <i>solet quoque post novem annos +communis omnium Sueoniae provintiarum sollempnitas in Ubsola celebrari. +ad quam videlicet sollempnitatem nulli praestatur immunitas. reges et +populi, omnes et singuli sua dona transmittunt ad Ubsolam, et quod +omni poena crudelius est, illi qui iam induerunt christianitatem, +ab illis se redimunt cerimoniis. sacrificium itaque tale est. ex +omni animante, quod masculinum est, novem capita offeruntur, quorum +sanguine deos placari mos est. corpora autem suspenduntur in lucum, +qui proximus est templo. is enim lucus tam sacer est gentilibus, ut +singulae arbores eius ex morte vel tabo immolatorum divinae credantur. +ibi etiam canes et equi pendent cum hominibus, quorum corpora mixtim +suspensa narravit mihi aliquis christianorum 72 vidisse. ceterum +neniae, quae in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices +et inhonestae, ideoque melius reticendae</i>. Im Kap. 28 wird ein +Priester, <i>qui ad Ubsolam demonibus astare solebat</i>, erwähnt. +Scholion 136 <i>nuper rex Sueonum christianissimus Anunder, cum +sacrificium gentis statutum nollet demonibus offerre, depulsus a regno, +dicitur a conspectu concilii gaudens abisse, quoniam dignus habebatur +pro nomine Jesu Christi contumeliam pati</i>. Scholion 137 <i>novem +diebus commessationes et eiusmodi sacrificia celebrantur: unaquaque die +offerunt hominem unum cum ceteris animalibus, ita ut per novem dies 72 +fiant animalia quae offeruntur. hoc sacrificium fit circa aequinoctium +vernale</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_713_713" href="#FNanchor_713_713" class="label">[713]</a> Weinhold, Über die deutsche Jahrteilung, Kiel 1862; +Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869; Kluge, Die deutschen +Namen der Wochentage, im wissenschaftlichen Beiheft Nr. 8 zur Ztschr. +des allgemeinen deutschen Sprachvereins 1895.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_714_714" href="#FNanchor_714_714" class="label">[714]</a> J. Grimm, Mythologie 59 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_715_715" href="#FNanchor_715_715" class="label">[715]</a> J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache 116.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_716_716" href="#FNanchor_716_716" class="label">[716]</a> Vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz 4, 1015.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_717_717" href="#FNanchor_717_717" class="label">[717]</a> Vgl. Wright-Wülcker, Anglo-saxon and old-english +glossaries 1, 433, 501, 503, 517, 519.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_718_718" href="#FNanchor_718_718" class="label">[718]</a> Sveinbjörn Egilsson, Lex. poeticum 380; Fritzner, Oldn. +ordbog 2<sup>2</sup>, 191; Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags +1880/1, S. 89 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_719_719" href="#FNanchor_719_719" class="label">[719]</a> Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 229 +vergleicht lat. carcer, Einfriedigung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_720_720" href="#FNanchor_720_720" class="label">[720]</a> Graff, Diutiska 1, 150 <i>qui ad aras sacrificat, de za +demo paraƕe ploaȥit</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_721_721" href="#FNanchor_721_721" class="label">[721]</a> Die Geschichte des Wortes mit Angabe aller Belege +behandelt R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. +23 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_722_722" href="#FNanchor_722_722" class="label">[722]</a> Vgl. <i>Heiligenloh</i>, J. Grimm, Myth. 65; Arnold, +Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 117.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_723_723" href="#FNanchor_723_723" class="label">[723]</a> Über heilige Wälder spricht Tacitus in der Germ. 7, 39, +40, 43; Ann. 1, 61; 2, 12; 4, 73; Hist. 4, 14; 4, 22. Germ. 9 „<i>lucos +ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud, +quod sola reverentia vident</i>“, ist rhetorische Phrase, wie der +Zusammenhang mit dial. de orat. 12 lehrt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_724_724" href="#FNanchor_724_724" class="label">[724]</a> Vgl. J. Grimm, Myth. 64, wo die vita Meinwerci Kap. 17, +MG. 11, 114 u. MG. 2, 377 Anm. k ausgehoben ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_725_725" href="#FNanchor_725_725" class="label">[725]</a> J. Grimm, Myth. 65; Förstemann, Ortsnamen<sup>2</sup> 700.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_726_726" href="#FNanchor_726_726" class="label">[726]</a> Das germanische Wort für den Tempel war got. <i>alhs</i> +(bei Wulfila für ναός u. ἱερόν gebraucht), as. ahd. <i>alah</i>, +ags. <i>ealh</i>. Damit sind zahlreiche Personen- und Ortsnamen +(Förstemann 2<sup>2</sup>, 40), welche auf altdeutsche Tempel schliessen +lassen, zusammengesetzt; vgl. <i>Alahstat</i>, <i>Alahdorf</i>, +<i>Alahesfeld</i>, <i>Alahesheim</i>, <i>Alahpah</i>, <i>Alacfurd</i>, +<i>Alacmar</i> u. ä.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_727_727" href="#FNanchor_727_727" class="label">[727]</a> Vǫlsungasaga Kap. 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_728_728" href="#FNanchor_728_728" class="label">[728]</a> Die hergehörigen Stellen aus MG. sammelt J. Grimm, +Myth. 104 ff.; W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71 bringt die +<i>irminsûl</i> mit den nordischen Hauspfeilern in Verbindung. +Mannhardt, Baumkult der Germanen S. 303 ff. erklärt die Irmensäule als +den Lebensbaum des Volkes, der neben dem Maibaum der Gemeinde und dem +Baum des Einzelhofes aus ähnlichen Grundvorstellungen entwickelt sei.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_729_729" href="#FNanchor_729_729" class="label">[729]</a> MG. 2, 676 <i>truncum quoque ligni non parvae +magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua +irminsul appellantes, quod latine dicitur universalis columna, quasi +sustinens omnia</i>. Damit scheint eine Deutung als Säule des Irmin-Tiu +ausgeschlossen, <i>irmin</i> hat den in Zusammensetzungen ganz +gewöhnlichen und geläufigen Sinn „gross, gewaltig“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_730_730" href="#FNanchor_730_730" class="label">[730]</a> Über die Formen und Etymologie des Wortes, +<i>ƕigbed</i>, <i>ƕeobed</i>, <i>ƕeofod</i> vgl. Kluge, Beiträge 8, +527; Sievers, Ags. Grammatik<sup>2</sup> § 43 Anm. 4; § 222 Anm. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_731_731" href="#FNanchor_731_731" class="label">[731]</a> „Man hat es zwar ohne weiteres angenommen, aber bisher +m. W. noch durch kein einziges Zeugniss belegt, dass die alten +Deutschen Altäre, wie die Griechen und Römer gehabt hätten; weil sie +ihre Opfer nicht verbrannten, überhaupt nach der ganzen Weise ihres +Kultus scheinen doch Altäre für sie sehr überflüssige Dinge gewesen zu +sein.“ Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 242.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_732_732" href="#FNanchor_732_732" class="label">[732]</a> Friesische Tempel erweisen die mit <i>fran</i> (ahd. +<i>vrônô</i>, <i>sanctus</i>) gebildeten Ortsnamen, wodurch heiliges, +göttergeweihtes Land angezeigt ist; aber auch von bestimmten Tempeln in +allen Gauen und von deren Brand und Bruch hören wir; vgl. Richthofen, +Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 439 ff.; die +altfriesische Bezeichnung für den Tempel war <i>alac</i>, a. a. O. 442 +f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_733_733" href="#FNanchor_733_733" class="label">[733]</a> Alchuine vita Willibrordi Kap. 14 [Willibrordus] +<i>pervenit ad quandam vittam Walichrum nomine in qua antiqui +erroris idolum remansit. guod cum vir dei zelo fervens confringeret +praesente eiusdem idoli custode, qui nimio furore succensus quasi dei +sui iniuriam vindicaret, in impetu animi insanientis gladio caput +sacerdotis Christi percussit. sed deo defendente servum suum, nullam +ex ictu ferientis laesuram sustinuit. socii vero illius hoc videntes +pessimam praesumptionem impii hominis morte vindicare concurrerunt. sed +a viro dei pio animo de manibus eorum liberatus est reus ac dimissus. +qui tamen eodem die daemoniaco spiritu arreptus est et die tertio +infeliciter miseram vitam finivit</i>. Nach Aufzeichnungen aus dem 13. +Jahrh. handelte es sich um ein dem Mercurius-Wodan geweihtes Idol; +Richthofen, Untersuchungen über fries. Rechtsgeschichte 2, 434. In +Wirklichkeit aber war das um 694 auf einer Missionsreise von Willibrord +zerstörte Heiligtum wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Römerzeit, +der Nehalennia-Isis-Tempel; vgl. Kaufmann, Beiträge 16, 229 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_734_734" href="#FNanchor_734_734" class="label">[734]</a> Man hat schon versucht (vgl. z. B. Much, Germanische +Grabmäler und Tempelbauten, in den Mitteilungen der anthropologischen +Gesellschaft in Wien, Bd. 5, 1875, S. 173 ff.), in Erdwerken, +Kingwällen und terassenförmig abgestuften Hügeln Spuren germanischer +Heiligtümer, die auf Anhöhen in Wald und Haide lagen, nachzuweisen. +Hag und Wall schlossen die Weihstätte, die nur der Priester betreten +durfte, vor unberufenen Besuchern ab. Jedoch fehlen sichere Nachweise +des germanischen Ursprungs und sakralen Zweckes solcher Bauten. Über +Rundwälle in Norddeutschland vgl. Behla, Baltische Studien 24, 251 ff., +290; weitere Litteratur bei E. H. Meyer, Myth. S. 56 f. § 86.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_735_735" href="#FNanchor_735_735" class="label">[735]</a> Adam 4, 26 MG. 7, 379 <i>nobilissimum illa gens templum +habet, quod Ubsola dicitur, non longe positum ab Sictona civitate. +in hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum +veneratur populus, ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium +habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco</i>. +Scholion 134 <i>prope illud templum est arbor maxima late ramos +extendens, semper viridis in hieme et aestate, cuius illa generis +sit, nemo scit, ibi etiam est fons, ubi sacrificia paganorum solent +exerceri et homo vivus immergi. qui dum non invenitur, ratum erit +votum populi</i>. Scholion 135 <i>catena aurea templum illud circumdat +pendens supra domus fastigia, lateque rutilans advenientibus, eo quod +ipsum delubrum in planitie situm montes in circuitu habeat ad instar +theatri</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_736_736" href="#FNanchor_736_736" class="label">[736]</a> Die Hauptstellen über isländischen und norwegischen +Tempelbau sind Eyrbyggja Kap. 4, Kjalnesingasaga Kap, 2, Hákonarsaga +góða Kap. 16. Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 190 ff.; H. Petersen, om +Nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 21 ff., 33 ff.; Gudbrand +Vigfusson, Corpus poeticum boreale 1, 403 ff.; Sigurður Vigfússon, um +hof og blótsiðu í fornöld, in der árbók hins íslenzka fornleifafélags +1880/1, S. 79 ff.; ebenda 1882, S. 3 ff. Die eigentliche Bezeichnung +des nordischen Tempels ist <i>hof</i>; <i>Freys-</i>, <i>Ođins-</i>, +<i>Þórshof</i> vgl. Fritzner, Ordbog 2<sup>2</sup>, 31; die häufige Formel <i>hof +og hǫrgr</i> meint Haupttempel und kleinen Tempel, oder Opferstätte, +Heiligtum. Allgemeine Ausdrücke sind <i>gođahús</i>, <i>blóthús</i>, +Opferhaus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_737_737" href="#FNanchor_737_737" class="label">[737]</a> Dass die eigentümlichen norwegischen Holzkirchen aus der +Nachahmung des Basilikastiles hervorgingen und somit keinesfalls mit +der Bauart der heidnischen Tempel zusammenhängen, ist von Dietrichson +und Munthe, Die Holzbaukunst Norwegens, Berlin 1893, eingehend +nachgewiesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_738_738" href="#FNanchor_738_738" class="label">[738]</a> Die Stelle der im 16. Jahrh. verfassten längeren +Droplaugarsonasaga gibt Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka +fornleifafélags 1882, S. 36 ff.; Kålund, Fljótsdœla hin meiri eller +den laengre Droplaugarsonasaga, Köbenhavn 1883, S. 108 ff.; über die +Entstehungszeit der Sage vgl. Kålunds Einleitung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_739_739" href="#FNanchor_739_739" class="label">[739]</a> Den Tempelhag erwähnen die Kjalnesingasaga Kap. 4, +Færeyingasaga Kap. 23 u. a.; Bäda, Hist. eccl. 2, 13 nennt <i>aras et +fana idolorum cum septis, quibus erant circumdata</i>, also ein Gehege +um die Opferstätten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_740_740" href="#FNanchor_740_740" class="label">[740]</a> Über <i>effigies</i> u. <i>signa</i> vgl. Müllenhoff, De +antiquissima Germanorum poesi chorica, Kiel 1847, S. 13. Lindenschmit, +Handbuch der deutschen Altertumskunde, I, Braunschweig 1880/9, S. 278 +ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_741_741" href="#FNanchor_741_741" class="label">[741]</a> Vgl. Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie +1891, 556.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_742_742" href="#FNanchor_742_742" class="label">[742]</a> Zeugnisse über germanische Götterbilder sammelt J. +Grimm, Myth. S. 94 ff.; früher glaubte man, deutsche Götterbilder zu +besitzen; eine Übersicht über diese fragwürdigen Götzen gibt G. Klemm, +Handbuch der germanischen Altertumskunde, Dresden 1836, S. 347 ff; +Tafel XIX–XXI sind die wunderlichen Gestalten abgebildet. Heutzutage +glaubt niemand mehr an deren Echtheit. Teils stammen diese Bilder gar +nicht von deutschen, sondern ausserdeutschen Völkern, teils gehören +sie dem späten Mittelalter an. Irgend welche Beziehung zum Kult, also +der Beweis, dass es Götzen sind, fehlt gänzlich. Als missglückt muss +auch der Versuch, in altchristlichen Bildwerken heidnische Anklänge +zu finden, bezeichnet werden, wie er u. a. von Panzer, Beitrag zur +deutschen Mythologie, 2. Bd. München 1855, S. 1 ff., 308 ff.; J. W. +Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie 1. Bd. Göttingen 1852, S. 106 +ff.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 518 f. gemacht wurde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_743_743" href="#FNanchor_743_743" class="label">[743]</a> Vgl. Siebourg, Westdeutsche Zeitschrift 7, 100.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_744_744" href="#FNanchor_744_744" class="label">[744]</a> Vgl. W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71; Grimm, Myth. +3, 42.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_745_745" href="#FNanchor_745_745" class="label">[745]</a> Vgl. Vita St. Galli in MG. 2, 7; ferner Walafrid Strabo +in seiner vita St. Galli, Acta Bened. sec. 2, p. 233.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_746_746" href="#FNanchor_746_746" class="label">[746]</a> Götterbilder der Friesen, auch solche aus Stein, die +aber wie Nehalennia auf Walcheren römischen Ursprungs gewesen sein +mögen, erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer mehrfach; +Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 421 f.; +sächsische Götterbilder a. a. O. 449.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_747_747" href="#FNanchor_747_747" class="label">[747]</a> Die nordischen Götterbilder verzeichnet Maurer, +Bekehrung 2, 192 ff.; über die Götter, denen Tempel mit Bildern +geweiht waren, vgl. auch Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka +fornleifafélags 1892, S. 17 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_748_748" href="#FNanchor_748_748" class="label">[748]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 4, 9, 10.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_749_749" href="#FNanchor_749_749" class="label">[749]</a> R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg +1889, S. 27 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_750_750" href="#FNanchor_750_750" class="label">[750]</a> Über Tempelschätze vgl. Richthofen, Untersuchungen über +friesische Rechtsgeschichte 2, 1, 431.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_751_751" href="#FNanchor_751_751" class="label">[751]</a> Über die Begabung der isländischen Tempel vgl. Maurer, +Bekehrung 2, 212 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_752_752" href="#FNanchor_752_752" class="label">[752]</a> Über die dänischen Haupttempel vgl. H. Petersen, om +Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i hedenold S. 7 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_753_753" href="#FNanchor_753_753" class="label">[753]</a> Ein Verzeichniss der in den Quellen genannten und aus +Ortsnamen zu erschliessenden Tempel Norwegens gibt Munch, Nordmændenes +ældste gudeog heltesagn, Christiania 1854, S. 164 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_754_754" href="#FNanchor_754_754" class="label">[754]</a> Über die isländischen Tempel und ihre Bedeutung vgl. +Maurer, Island S. 38 ff., S. 54 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_755_755" href="#FNanchor_755_755" class="label">[755]</a> Ammianus Marcellinus 28, 5 <i>nam sacerdos omnium +maximus apud Burgundios vocatur sinistus et est perpetuus, +obnoxius discriminibus nullis ut reges</i>. Got. burg. <i>sinista +sinisto</i> ist der Superlativ zu einem sonst verlorenen Positiv +<i>*sins</i> (aind. <i>sanas</i>, air. <i>sen</i>, lit. <i>sẽnas</i>, +lat. <i>senex</i>), wovon das got. <i>sineigs</i> (senex) und +<i>siniskalk</i> d. h. Altknecht, abgeleitet sind; vgl. Feist, +Grundriss der got. Etymologie, Strassburg 1888, S. 100; Brugmann, +Grundriss der vergleichenden Grammatik der idg. Sprachen, Band 2, S. +248 u. 407.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_756_756" href="#FNanchor_756_756" class="label">[756]</a> Über das lautliche Verhältniss zwischen got. +<i>gudja</i>, aisl. <i>guđe</i>, <i>gođe</i> vgl. Noreen, Abriss der +urgerman. Lautlehre S. 176.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_757_757" href="#FNanchor_757_757" class="label">[757]</a> Vgl. Maurer, Zur Urgeschichte der Godenwürde in ZfdPh. +4, 125 ff.; über <i>goding</i>, <i>cotinc</i> Weinhold, ZfdPh. 21, 11.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_758_758" href="#FNanchor_758_758" class="label">[758]</a> Bei Thorsen, De danske runemindesmærker 1, 334–338 Anm. +1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_759_759" href="#FNanchor_759_759" class="label">[759]</a> <i>Þuríđr hofgyđja</i>, Landnáma 4 Kap. 10; +<i>Þúríđr gyđja</i>, ebenda 3 Kap. 4; Vatnsdæla Kap. 27; <i>Þorlaug +gyđja</i>, Landnáma 1 Kap. 21; <i>Friđgerđr gyđja</i>, Kristnisaga +Kap. 2; Þorvalds þáttr víðfǫrla Kap. 4; <i>Steinvǫr hofgyđja</i>, +Vopnfirðingasaga S. 10.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_760_760" href="#FNanchor_760_760" class="label">[760]</a> Über die isländischen Goden vgl. Maurer, Die Entstehung +des isländ. Staats und seiner Verfassung, München 1852, S. 82 ff.; +Island von seiner ersten Entdeckung bis zum Untergange des Freistaates, +München 1874, S. 36 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_761_761" href="#FNanchor_761_761" class="label">[761]</a> Über den friesischen <i>âsega</i>, insbesondere auch +über seinen Zusammenhang mit dem nordischen <i>lǫgmann</i>, dem +isländischen <i>lǫgsǫgumann</i> vgl. Richthofen, Untersuchungen +über friesische Rechtsgeschichte 2, 455 ff., 487 ff. Über den +nordischen Gesetzsprecher, der sich aber allmälig als Sonderamt aus +dem ursprünglichen Priestertum losgelöst zu haben scheint, vgl. +Maurer, Das Alter des Gesetzsprecheramtes in Norwegen, München 1875; +Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1887, phil.-hist. Klasse II, +3, 363 ff. und die dort verzeichnete Litteratur; zur ganzen Frage vgl. +Richard Schröder, Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen in +der Zeitschrift für Rechtsgeschichte 1883, Germanistische Abteilung, 4. +Band, S. 215 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_762_762" href="#FNanchor_762_762" class="label">[762]</a> Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff.; über den +Zusammenhang zwischen Priestertum und Adel, J. Grimm, Rechtsaltertümer +267 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_763_763" href="#FNanchor_763_763" class="label">[763]</a> Dass der Eidring, der auf dem Altar des isländischen +Tempels lag, aber bei jeder Rechtshandlung vom Goden an der Hand +getragen wurde, auch in Deutschland und bei den Goten vorkam (vgl. den +Eigennamen <i>Eidring</i> in einer Lorscher Urkunde vom Jahre 834 und +die <i>brachiales</i> bei Mansi, Concil. 3, 617), schliesst Müllenhoff, +ZfdA. 17, 428 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_764_764" href="#FNanchor_764_764" class="label">[764]</a> Über die Vereinigung von weltlicher Oberhoheit, +insbesondere Königtum, und Opferleitung im Norden vgl. H. Petersen, om +nordboernes gudedyrkelse og gudetro i hedenold, Kjöbenhavn 1876, S. 1 +ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_765_765" href="#FNanchor_765_765" class="label">[765]</a> Die Berichte über Hakons Teilnahme am Opfer bei Maurer, +Bekehrung 1, 158 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_766_766" href="#FNanchor_766_766" class="label">[766]</a> Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 33/8; die jüngere +Kap. 107/8; Maurer, Bekehrung 1, 532 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_767_767" href="#FNanchor_767_767" class="label">[767]</a> Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 112/5; die jüngere +Kap. 101/4; Maurer, Bekehrung 1, 528 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_768_768" href="#FNanchor_768_768" class="label">[768]</a> Über germanische Priesterinnen und Weissagerinnen vgl. +J. Grimm, Myth. 84 ff.; 374 ff.; Weinhold, Die deutschen Frauen, 2. Aufl. +Wien 1882, Bd. 1, S. 62 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_769_769" href="#FNanchor_769_769" class="label">[769]</a> Über Weleda vgl. Tacitus Germ. 8; Hist. 4, 61, 65; 5, +22, 24; Statius, Silv. 1, 4, 90; Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 55; der +Name Weleda ist vielleicht nur eine Standesbezeichnung „weise Frau, +Seherin“, gleich urkelt. <i>velet</i>, Seher, Dichter; vgl. Windisch, +Philol. Wochenschrift, 1883, S. 930 und A. Fick, Vergleichendes +Wörterbuch der idg. Sprachen, 4. Aufl., Bd. 2, 1894, S. 277.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_770_770" href="#FNanchor_770_770" class="label">[770]</a> Über Albrûna, die mit elbischer Runenkraft Begabte, vgl. +Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 51, 53.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_771_771" href="#FNanchor_771_771" class="label">[771]</a> Über die germanischen Chorlieder, die als <i>laikaȥ</i>, +mhd. <i>leich</i> bezeichneten Hymnen, die aber natürlich vom Chore +nur gesungen, nicht auch gedichtet wurden, vgl. Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_772_772" href="#FNanchor_772_772" class="label">[772]</a> Ztschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft +37, 1883, S. 54 ff, 67 ff., u. ebenda Bd. 39, 1885, S. 52 ff.; die +Vergleichung der indischen Form mit der germanischen führt Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 98 durch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_773_773" href="#FNanchor_773_773" class="label">[773]</a> Die Poesie im germanischen Recht behandelt Kögel, +Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 97 u. 242 ff., wo der +Nachweis versucht wird, dass die friesische Rechtspoesie zum grossen +Teile stabreimend war; vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 31 ff. über +die Formeln.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_774_774" href="#FNanchor_774_774" class="label">[774]</a> Über solche Formeln vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer 39 +ff.; die ausführlichste nordische Formel bietet die Heiðarvígasaga in +den Ĭslendinga sögur 2, 379 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_775_775" href="#FNanchor_775_775" class="label">[775]</a> Vgl. Haug, Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1875, +2, S. 457 ff. Vedische Rätselfragen und Rätselsprüche; den Zusammenhang +mit dem mythologischen Rätselliede der Nordleute heben Wilmanns, ZfdA. +20, 252 ff., Müllenhoff, Altertumskunde 5, 238 u. Kögel, Geschichte der +deutschen Litteratur I, 1, 64 hervor.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_776_776" href="#FNanchor_776_776" class="label">[776]</a> Über die Gleichheit indischer und germanischer +Segenssprüche vgl. A. Kühn, Ztschr. f. vergl. Sprachforschung 13, 49 +ff.; 113 ff. Die indischen Sprüche enthält namentlich der Atharvaveda. +Die Atharvans und Angiras sind Priestergeschlechter, die demnach als +die besten Gewährsmänner auf dem Gebiete der Spruchdichtung betrachtet +wurden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_777_777" href="#FNanchor_777_777" class="label">[777]</a> Über die germanischen Wörter für Zauberlied und ihre +Bedeutung vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 79 ff.; +E. Schröder, ZfdA. 37, 259 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_778_778" href="#FNanchor_778_778" class="label">[778]</a> Vgl. E. Schröder, Über das Spell, ZfdA. 37, 241 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_779_779" href="#FNanchor_779_779" class="label">[779]</a> Germ. 10 <i>auspicia sortesque ut qui maxime observant: +sortium consueludo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in +surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam +vestem temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur, +sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos +caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam +ante notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem +diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur.</i> +Über die Sitte des Loosens vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre, Halle +1852, S. 33; Homeyer, Über das germanische Loosen, Monatsberichte der +Berliner Akademie, December 1853; R. Keyser, Samlede afhandlinger S. +372 ff.; Mogk in den „Kleineren Beiträgen zur Geschichte von Docenten +der Leipziger Hochschule“, Festschrift zum deutschen Historikertag in +Leipzig, 1894, S. 81 ff. Über Wahrsagerei im heutigen Brauche vgl. +Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 327 ff. Die +germanischen Wörter für dieses Verfahren lauten folgendermaassen: got. +<i>hlauts</i>, ags. <i>hlýt</i> oder <i>hlét</i>, as. <i>hlôt</i>, +ahd. <i>hlôȥ</i>, überall ursprünglich Masculinum, ist das Nomen +actionis des „<i>lieȥens</i>“, des Loosens und des Wahrsagens, dann +das, wodurch dies geschieht, κλῆρος, sors, das Looszeichen; das nord. +Femin. und Neutrum <i>hlaut</i> ist das, woraus oder mit dessen Hilfe +geweissagt wird, das Opferblut. An. <i>hlutr</i>, ags. <i>hlot</i>, +nds. <i>lott</i>, ahd. <i>hluȥ</i>, mhd. <i>luȥ</i> ist eigentlich +<i>portio</i>, das Erlooste. Vgl. Gudbrand Vigfusson, dictionary 269; +Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155. Das Stäbchen, worauf die Zeichen +standen, hiess got. <i>tains</i>, an. <i>teinn</i>, afries. <i>tên</i>, +ags. <i>tân</i>, ahd. mhd. <i>zein</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_780_780" href="#FNanchor_780_780" class="label">[780]</a> Die Hauptstellen, wo vom <i>fella blótspán</i> die Rede +ist, sammelt Fritzner, Ordbog I<sup>2</sup>, 160. In der Fagrskinna 40 heisst es: +er fällte den Opferspan, und es ward offenbar, dass er die passende +Tageszeit zum Schlagen haben sollte. Auch hier bestimmt der Ausspruch +der Loose die Schlacht. Vgl. noch Landnáma 3, 8. In der Livländ. +Reimchronik 2483 u. 7239 heisst es wie im Nordischen „der Span fällt“ +statt „das Loos fällt“; J. Grimm, Myth. 3, 321.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_781_781" href="#FNanchor_781_781" class="label">[781]</a> Zum friesischen Looswurf vgl. Richthofen, Untersuchungen +über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_782_782" href="#FNanchor_782_782" class="label">[782]</a> Lex Frisionum tit. 14 <i>tunc unusquisque illorum septem +faciat suam sorlem i. e. tenum de virga et signet signo suo, ut eam +tam ille quam caeteri qui circumstant cognoscere possint</i>. Es sind +vermutlich die Hausmarken der einzelnen Leute gemeint, die vielfache +Verwendung beim Loosen fanden, vgl. Homeyer, Die Haus- und Hofmarken, +Berlin 1870.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_783_783" href="#FNanchor_783_783" class="label">[783]</a> Vgl. E. Schröder, ZfdA. 37, 262.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_784_784" href="#FNanchor_784_784" class="label">[784]</a> Fornmannasögur 11, 128 ff.; Flateyjarbók 1, 188 ff.; zur +Stelle R. Keyser, Samlede afhandlinger S. 376.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_785_785" href="#FNanchor_785_785" class="label">[785]</a> Über Angang und andere von selber sich darbietende +Vorzeichen vgl. J. Grimm, Myth. 1072 ff.; Vorzeichen aus nordischen +Quellen bei Maurer, Bekehrung 2, 122 ff.; das meiste Material steht bei +A. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 2. Aufl. Berlin +1869, § 262 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_786_786" href="#FNanchor_786_786" class="label">[786]</a> Ahd. <i>fogalrarta</i> (<i>rarta</i> = got. +<i>razda</i>, Stimme), <i>fogilrartôd</i> wird mit <i>auspicium, +augurium</i> glossiert; ebenso ags. <i>fugelhƕâte</i>; vgl. J. Grimm, +Myth. 3, 324. Über Augurien und Auspicien vgl. W. Wackernagel, ἔπεα +πτερόεντα in den Kleineren Schriften 3, 196 ff., 205 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_787_787" href="#FNanchor_787_787" class="label">[787]</a> Germ. Kap. 10 <i>proprium gentis equorum quoque +praesagia ac monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac +lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro +curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque +ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior fides, non solum apud +plebem, sed apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, +illos conscios putant.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_788_788" href="#FNanchor_788_788" class="label">[788]</a> Zur Etymologie von <i>hlaut</i> vgl. Gudbrand Vigfusson, +Dictionary 269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155; vgl. auch oben S. +631 Anm. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_789_789" href="#FNanchor_789_789" class="label">[789]</a> Über Frauennamen auf <i>rûn</i> und ihre Bedeutung vgl. +Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit, <i>rûn</i> gebildete Namen +bei Förstemann, Namenbuch 1, 1062 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_790_790" href="#FNanchor_790_790" class="label">[790]</a> Über <i>spáfarar ok útiseta</i>, d. h. draussensitzen, +um die Zukunft mit Hilfe der Geister zu erforschen, was in Norges gamle +love 1, 19 verboten wird, vgl. S. 648 Anm.; für die spätere Zeit vgl. +Jón Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 436 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_791_791" href="#FNanchor_791_791" class="label">[791]</a> Über got. <i>haljarûna</i>, welche aus Jordanes 24 +<i>magas mulieres, quas patrio sermone haliurunnas cognominant</i>, +erschlossen wird, vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit ahd. +<i>hellirûna</i> gleichbedeutend begegnet <i>dohotrunu</i> d. i. +<i>dôtrûna</i>. Die sächsischen <i>dâdsisas super defunctos</i>, die +Totengesänge, betrachtet Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur +I, 1, 52 als das Gegenteil vom <i>valgaldr</i>, als einen Zauber, +der die Rückkehr des Verstorbenen auf die Erde, also das Wiedergehen +verhinderte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_792_792" href="#FNanchor_792_792" class="label">[792]</a> Den Valgaldr schildert Saxo I S. 12 mit den Worten: +<i>diris admodum carminibus ligno insculptis iisdemque linguae defuncti +per Hadingum suppositis hac voce cum horrendum auribus carmen edere +coegit.</i></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_793_793" href="#FNanchor_793_793" class="label">[793]</a> Über das Orakelsitzen vgl. J. Grimm, Myth. 3, 306; +Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 29 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_794_794" href="#FNanchor_794_794" class="label">[794]</a> Hrsg. von G. Storm, Kopenhagen 1893, S. 14 ff.; Reeves, +The finding of Wineland the good, London 1890, S. 108 ff., 126 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_795_795" href="#FNanchor_795_795" class="label">[795]</a> Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht, +spricht die Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: <i>qui diuinos +uel diuinas id est pitonissas, per quos demones responsa dant, +consulit</i> ... In der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende +Geister <i>natúrur</i>, Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie +beschworen werden, heissen nach der Hauksbók <i>varđlokkur</i>, nach +der Handschrift Am. 557 <i>vardlokr</i> (vgl. das Facsimile bei +Reeves, The finding of Wineland the good S. 109 u. 127). Wol dieselbe +Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint: <i>urþar lokur</i>. +<i>varđlokkur</i> begegnet im schott. <i>warlock</i>, böser Geist. +<i>Varđlokkur</i> sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn ist +dunkel. <i>Varđ-</i> ist deutsch <i>wart-</i>, an. <i>Varđrún</i> zu +<i>Wartrûn</i>; <i>warten</i> heisst bewahren, schützen. <i>Lokkur</i> +kann zu <i>lokka</i> gehören, etwa Lockung; <i>lokur</i> sind +Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht klarer. Schwerlich +liegt in <i>varđ-</i> der Begriff Geist, Gespenst, es müsste +denn zu <i>urđr</i> (<i>urđir</i>, Schicksalsgöttinnen) gehören, +oder wie norwegisch <i>vord</i>, schwed. <i>vård</i>, Wächter, +Schutzgeist, aus engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt +erweitert und verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an. +<i>gandar</i> genannt worden zu sein. <i>Gand</i> begegnet in deutschen +(<i>Ganthar</i>, <i>Gantfrid</i>, <i>Gantrih</i> bei Förstemann, +Namenbuch 1, 468) und nord. (<i>Gandalfr</i>, <i>Gandvik</i>) Namen. +Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein mag, die Bedeutung +Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst, scheint sicher; +vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner, Ordbog I<sup>2</sup>, 544; +Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die Gandar beschwor, +zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung draussen +(<i>ein sat úte</i>), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und Halsband +zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise Kunde und +Weissagung der Geister (<i>spǫ́ ganda</i>), welche die Volva zu diesem +Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die <i>gandar</i> auch bei +Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (<i>vitte ganda</i>). Die +Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts +im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man +sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres +Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint, +das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte, +holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel im +Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete: Weit +herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (<i>víđa hefi ek +gǫndum rennt i nótt</i>) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor +nicht wusste.“ <i>Gandreiđ</i>, Zauberritt, heisst in der Njálssaga +Kap. 126 die Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen +Ereignissen, vgl. Maurer, Bekehrung 2, 404.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_796_796" href="#FNanchor_796_796" class="label">[796]</a> Diese Auslegung gab Finn Magnusen, den äldre Edda, +Kopenhagen 1821, Bd. 1, 5; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, +42; Heinzel, AnzfdA. 12, 49 Anm. vermutet Zusammenhang mit slav. +<i>volchvŭ</i>?</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_797_797" href="#FNanchor_797_797" class="label">[797]</a> Vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 9 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_798_798" href="#FNanchor_798_798" class="label">[798]</a> Über <i>seiđr</i> vgl. Uhland, Schriften 6, 392 ff.; +Maurer, Bekehrung 2, 136 ff.; R. Keyser, Samlede afhandlinger 363 f. Für +den Zusammenhang zwischen Seid und Finnenzauber sind Uhlands treffliche +Bemerkungen maassgebend.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_799_799" href="#FNanchor_799_799" class="label">[799]</a> Lokas. 24 ist mit Bugge, Studien 138 <i>vitku líke</i> +für Hds. <i>vitka líke</i> zu lesen. Nie wird Odin <i>seiđlmađr</i> +benannt, seine Galdr und Runen bilden ja eben den Gegensatz zum +unehrlichen <i>Seiđr</i>. Yngl. Kap. 7 „Odin verstand sich auf die +Fähigkeit, die am mächtigsten wirkt, und übte sie, die Seid heisst“ +enthält einen offenkundigen Irrtum; Snorri sagt selber kurz vorher Kap. +4, Seid sei den Asen fremd gewesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_800_800" href="#FNanchor_800_800" class="label">[800]</a> Noreen, Indogerm. Forschungen 4, 326 nimmt zwei +Formen, ahd. <i>hazusa</i> und <i>hagazusa</i> aus <i>haga-hazusa</i> +an. <i>Hazusa</i> ist Participbildung zu got. <i>hatan</i>, +ahd. <i>hazzên</i>; <i>hazusa</i> ist die Feindliche, Unholde, +<i>hagazusa</i> die feindliche Waldfrau; vgl. auch Kaufmann, Beiträge +18, 155 Anm. 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_801_801" href="#FNanchor_801_801" class="label">[801]</a> Die Ausdrücke dafür sind <i>finnfǫr, trúa á Finna, +fara til Finna, gera finnfarar, fara til Finnmerkr at spyrja spá</i>. +Der Name Finnen umfasst in der alten Zeit auch die Lappen. Über die +Zauberkunst dieser Völker, die so häufig als Lehrmeister der Nordleute +erscheinen, vgl. Fritzner, Lappernes hedenskab og trolldomskunst in der +norsk historisk tidskrift 1, 4, 164 f.; 184 ff.; 208 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_802_802" href="#FNanchor_802_802" class="label">[802]</a> Drauma-Jónssaga hrsg. von H. Gering, Halle 1893.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_803_803" href="#FNanchor_803_803" class="label">[803]</a> Vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, +§ 220 ff. Zauberbücher sind Fausts dreifacher Höllenzwang, seit Ende des +16. Jhrh. oft gedruckt (vgl. Düntzer in Scheibles Kloster 5, 116), eine +Anleitung zum Geisterbann; das Romanusbüchlein, in diesem Jahrh. in +Süddeutschland verbreitet, eine Sammlung von Gebeten und Segensformeln, +des Albertus Magnus egyptische Geheimnisse, der wahrhaftige feurige +Drache oder Herrschaft über die himmlischen und höllischen Geister und +über die Mächte der Erde und der Luft, der wahre geistliche Schild, das +6. u. 7. Buch Mose u. dgl. mehr. In dem Wuste von Unsinn taucht auch +öfters manche Erinnerung an ältere sinnvollere Zauberbräuche auf.</p></div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77891-h/images/cover.jpg b/77891-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..50c18af --- /dev/null +++ b/77891-h/images/cover.jpg diff --git a/77891-h/images/langhaus.jpg b/77891-h/images/langhaus.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..367bda5 --- /dev/null +++ b/77891-h/images/langhaus.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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